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LITERATUR Nie wieder Pizza! Wer Tom Hillenbrands kulinarischen Krimi „Teufelsfrucht“ liest, bekommt zwar Lust, sich

LITERATUR

Nie wieder Pizza!

Wer Tom Hillenbrands kulinarischen Krimi „Teufelsfrucht“ liest, bekommt zwar Lust, sich in einem Restaurant im Grund verwöhnen zu lassen, aber mit Fertiggerichten ist endgültig Schluss.

54  Revue

Text: Gabrielle Seil gabrielle.seil@revue.lu

L ea Linster ist begeistert. „Dieser Krimi liest sich, wie man eine gute Bouneschlupp schlürft. Am liebsten gleich alles auf einmal“, lautet ihr Urteil

über „Teufelsfrucht“. Den Autor Tom Hillenbrand hat die Sterneköchin vor dem Treffen in ihrem Restaurant in Frisingen gar nicht gekannt, aber beide sind sich auf Anhieb sympathisch. Kein Wunder. Die Liebe für gutes Essen verbindet. Im kulinarischen Krimi, dessen Hand- lung im „Gronn“ spielt, zwingen die Haute Cuisine und ihre üblen Machenschaften einen Luxemburger Koch indes, eine Weile auf Messers Schneide zu agieren. Xavier Kieffer mag keinen Firlefanz. In seinem Restau- rant, ein beliebter Treffpunkt für EU-Beamte, werden re- gionale Spezialitäten wie Rieslingspastete, „Kniddelen“ oder „Huesenziwwi“ serviert. Dazu empfiehlt der lässige Cordhosen- und T-Shirtträger Weine von der Mosel. Dass er das Zeug dazu gehabt hätte, ein Sternekoch zu werden, ist kein Geheimnis, aber statt sich allabendlich mit einer Armada von Sous-chefs, Sauciers und anderen Postenkö- chen herumzuplagen und komplexe Menüs auf die Teller seiner Gäste zu zaubern, steht Xavier Kieffer lieber ohne Stern und Häubchen in seiner übersichtlichen Küche und kocht, wozu er gerade Lust hat. Mit der Ruhe ist es allerdings an dem Tag vorbei, an dem der Gastronomiekritiker des berühmtesten Gour- metführers der Welt ausgerechnet in seinem Lokal und noch vor dem Hauptgericht tot zusammenbricht. Weil die Polizei ihn verdächtigt, den Gast vergiftet zu haben, und mit weiteren Ermittlungen nicht wirklich vorankommt, schlüpft der Profikoch selbst in die Rolle des James Bond. Und begibt sich auf sehr gefährliches Terrain. Mit „Teu- felsfrucht“ ist dem freien Journalisten und ehemaligen Ressortleiter bei Spiegel Online ein zugleich spannender, lehrreicher und folkloristischer Roman über das Streben des Menschen nach Perfektion, nach Reichtum und Aner- kennung und nach einem glücklichen Leben ohne Stress gelungen. Da das eine mit dem anderen jedoch nicht zu vereinen ist, erzählt Tom Hillenbrands Debüt auch vom Scheitern eines Traums. Gott sei Dank, denn wäre der Lebensmittelskandal, dem Xavier Kieffer im Verlauf des Plots auf die Spur kommt, eine Realität, würde Essen keinen Spaß mehr machen. Wie schade. Dass sich der gebürtige Hamburger Luxemburg als „reizvolle“ Kulisse für seinen kulinarischen Krimi aus- gesucht hat, ist kein Zufall. Im Rahmen seines Studiums der Europapolitik absolviert Tom Hillenbrand 1997 ein Praktikum bei der EU, wohnt drei Monate in der Montée de Clausen und lernt Luxemburg und seine Unterstädte näher kennen. Seitdem trägt er die Geschichte bruch- stückhaft in seinem Kopf mit sich herum. Als er später

eine TV-Reportage über einen Food-Scout sieht, zeichnen

sich die Konturen immer deutlicher ab. Für den „Gronn“ als Tatort entscheidet sich der 38-Jährige schließlich, weil ihn dessen besondere geografische Lage schon im- mer beeindruckt hat. „Dieses Zusammenspiel von oben und unten ist für einen Nicht-Luxemburger schon sehr interessant.“ Außerdem schätzt er die Luxemburger Kü- che, bezeichnet sie als „ehrlich“ und bodenständig. „Und die Portionen sind ordentlich.“ Auch bei Lea Linster? Tom Hillenbrand lacht. Eigent- lich kennt er das Großherzogtum nicht allzu gut. „Die paar Brocken Luxemburgisch, die im Text verstreut sind, habe ich mir aus Wörterbüchern zusammengeklaubt, ich kenne weder den Norden noch den Süden des Lan- des und mit waschechten Luxemburgern habe ich als EU-Praktikant wenig zu tun gehabt“, gibt Tom Hillen- brand offen zu. Das alles soll sich ändern. Xavier Kieffer kommt nämlich zurück, es gibt eine Fortsetzung. Zuvor möchte der Autor sich allerdings genaueren Recherchen widmen. „Wir Deutsche wissen leider recht wenig über Luxemburg.“ Was die eigenen Kochkünste betrifft, zeigt sich Fein- schmecker Tom Hillenbrand etwas zurückhaltend. Wie fast jeder Mann steht er gern „hin und wieder“ am Herd, um mit ausgefallenen Zutaten komplizierte Gerichte der französischen Küche auszuprobieren. Da seine Frau Ve- getarier ist, gibt es oft Fisch oder Gemüse. Er selbst isst indes am liebsten Steak Rossini. Die Luxemburger Spezi- alitäten, von denen in „Teufelsfrucht“ die Rede ist, hätte er alle „getestet“. Sein persönlicher Liebling: Rieslings- pastete. Damit auch Kochbanausen ihren kulinarischen Horizont erweitern können, erklärt ein angefügtes Glos- sar, was u.a. eine Chiffonade und ein Quetscehflued sind. Schon läuft einem das Wasser im Munde zusammen. z

sind. Schon läuft einem das Wasser im Munde zusammen. z > Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht. Ein kulinarischer

> Tom Hillenbrand: Teufelsfrucht. Ein kulinarischer Krimi, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 8,95 Euro.