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DR. MED. ROBERT G.

JACKSON

NIE
MEHR
KRANK
SEIN
Das Geheimnis langen Lebens

Bearbeitet und herausgegeben


von Dr. Ralph Bircer, Züric

18. Auflage

ALBERT MÜLLER VERLAG – RÜSCHLIKON-ZÜRICH


STUTTGART – WIEN

1
Berectigte Übersetzung aus dem Engliscen,
besorgt von Barbara von Sprecher
Titel der in Kanada erscienenen Originalausgabe: „How to be always well“
Nacdru% verboten – Alle Recte vorbehalten
Albert Müller Verlag, AG, Rüsclikon-Züric, 1968

Aczehnte Auflage
123. bis 130. Tausend der deutscspracigen Gesamtausgabe

Printed in Swizerland

SCANNED BY HARDEN 2001

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Inhalt

Vorwort von Dr. Ralph Bircher 5

1. Vom Wesen der Krankheit und der Lebenskraft 7

2. Die Grundgesetze des Lebensprinzips 17

3. Natur und Unnatur 24

4. Unsere Nahrungsmittel 35

5. Falsche Ernährungsgewohnheiten 53

6. Die Haut und ihre vernachlässigten Funktionen 66

7. Unterentwickelte Muskeln 73

8. Dr. Jackson stellt sich um 83

9. Die richtige Ernährung 97

10. Gesunde Muskelentwicklung 112

11. Die Pflege der Haut 125

12. Geist, Gefühlsleben und Schlaf 134

13. Schlußbetrachtungen 146

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Vorwort des Herausgebers

Der Verfasser dieses Buches, einer der meistbekannten Ärzte Amerikas, hat eine
höchst bemerkenswerte Lebensgeschichte. Sie war in ihrem ersten Teil vor allem eine
Krankengeschichte. Geboren von einer schwer herzkranken Mutter als ein
schwächliches Zwillingskind, machte er in Kindheit und Jugend fast alle Krankheiten
durch, die ein heranwachsender Mensch bekommen kann, um dann aber, dank seiner
Begabung und guten Erziehung, die Sorgen seiner Eltern zu belohnen, indem er ein
Mediziner mit angesehener Praxis wurde. Seine Gesundheit hielt sich leidlich bis zum
32. Altersjahr, dann brach sie zusammen, als ob die geringe Lebenskraft, die ihm
zugeteilt war, sich erschöpft hätte. So wurde er in seinen besten Mannes – Jahren
immer mehr ein „wandelndes Siechenhaus“: der Magen war schwer entzündet, die
Zähne fielen aus ihrem Knochenbett heraus, der Dickdarm bildete Geschwüre und
Fisteln, entsetzliche Kopfschmerzen kamen immer wieder und immer häufiger,
Nervenentzündungen raubten den Schlaf, rheumatische Gelenkentzündungen
hinderten die Bewegungen, und ein gefährliches Herzleiden, mit steigendem
Blutdruck und nicht operierbarem Grünen .Star brachten ihn trotz allen Behandlungen
und Kuren so weit, daß ihm, nach dem Urteil der berühmtesten Ärzte seiner Zeit,
höchstens noch vier Monate Lebensmöglichkeit zuzubilligen waren.
So stand es mit Dr. Jackson, als er 49 Jahre alt war: er hatte den sicheren Tod vor
Augen. Da geschah in ihm eine Wandlung. Er wandte sich von den Auffassungen der
medizinischen Autoritäten ab und setzte sein ganzes Vertrauen in den in aller
lebendigen Natur wirkenden Schöpfer, beobachtete seine Wege, die ewigen
Ordnungen und Gesetze des Lebens, fügte sich diesen ein, vereinfachte und wandelte
seine Lebensgewohnheiten und . . . genas. So sehr erstarkte und gesundete er im Laufe
einiger Jahre, daß fortan keine Krankheit ihm mehr nahetrat, und daß er selbst noch als
Achtzigjähriger 12 bis 16 Stunden täglich als Arzt, Berater und Vortragender tätig sein
und die sportlichen Leistungen eines etwa dreißigjährigen Mannes vollbringen konnte.
Wie dies möglich war, welche Beobachtungen, Erkenntnisse, Vereinfachungen und
Gewohnheiten ihm, dem früheren Siechenhaus- und Todeskandidaten, diese herrliche
Lebensfrische verschafften, kann man in diesem Buche lesen, und zwar so, daß es im
einsichtigen Leser bei jedem Wort „ja“ sagt: „Ja, das will und kann ich auch!“ Kein
Wunder, daß dieses Buch in Amerika berühmt ist und eine gewaltige Verbreitung
gefunden hat.
Wir leben in einer Zeit erstaunlicher Neuerungen, vor allem auch auf dem Gebiet
der Krankheitsbekämpfung. Cibazol, Penicillin, Streptomycin sind einige Marksteine
auf dem Wege, der zu einem noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehaltenen
Aufstieg in der Bekämpfung infektiöser Erkrankungen führte. Begeisterung hat viele
ob dieser Großtaten ergriffen, und manche Menschen haben heute das Gefühl, man
dürfe jetzt eher eine Krankheit riskieren, weil das Heilen ja so leicht und bequem
gemacht ist. Man nimmt an, daß bald für jede Krankheit ein Wundermittel gefunden
sein wird. Bereits wird ein neuer Anstieg der Ansteckungen an
Geschlechtskrankheiten gemeldet, weil sich auch in dieser Hinsicht Sorglosigkeit
ausgebreitet hat.
Wenige sehen, daß alle diese Triumphe auf einem kleinen Nebenkriegsschauplatz
der Medizin, dem Kampf gegen die Erregerkrankheiten, erzielt worden sind, während
auf dem Hauptkriegsschauplatz, dem Kampf gegen die Zivilisations- oder

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Degenerations- und Alterskrankheiten, also gerade gegen jene Leiden, die Dr. Jackson
in seiner ersten Lebenshälfte bedrängten, keine ähnlichen Triumphe zu verzeichnen
sind. Hier gibt es nicht einmal einen Stillstand, sondern nur einen schweren Abwehr-
und Rückzugskampf, dessen Ausgang die Fachkundigen mit Sorgen betrachten.
Da sind zum Beispiel die Zuckerkranken, deren Sterblichkeit seit 1930 in der
Weltstadt New York um 65 % zugenommen hat, trotz modernsten
Bekämpfungsmethoden, trotz der so wertvollen Errungenschaft der
Insulinbehandlung! Die Diphtheriegefahr hat man beinahe überwunden, aber an der
Zuckerkrankheit sterben bei uns in der Schweiz 20mal mehr Menschen als an
Diphtherie. — Da ist sodann die gewaltige Gruppe der Herz- und Nierenleiden, die
gegenwärtig rund 500mal mehr Todesfälle verursacht als Scharlach oder Masern;
dabei ist die Zahl der Opfer beständig und anscheinend unaufhaltsam im Steigen
begriffen. Die Sterblichkeitskurve der Herz- und Nierenkranken biegt sich immer
rascher nach oben und wird, falls nicht eine Wendung kommt, in wenigen Jahren eine
Verdoppelung der Todesfälle gegenüber 1930 anzeigen. — Und was für eine
Erleichterung bringt uns der Rückzug der Tuberkulose, der übrigens bereits wieder
einem Vorstoß gewichen ist, wenn gleichzeitig die gewaltige Gruppe der
rheumatischen Krankheiten, die 36mal mehr Krankheitsfälle und 50mal mehr
Invalidität verursachen als die Tuberkulose, in einem noch bedrohlicheren Tempo
anschwillt. Denn nach den Erhebungen von Bruck hat sich beispielsweise beim
Personal der Schweizerischen Bundesbahnen die rheumabedingte Invalidität in den
zehn Jahren von 1926 bis 1935 verdreifacht! — Mit diesen Hinweisen haben wir aber
erst einen Teil der Zivilisationskrankheiten erwähnt und noch nichts von der Zunahme
der Magen- und Darmkrankheiten, der Nervenleiden, des Krebses gesagt. Von alledem
gibt sich die Öffentlichkeit nur wenig Rechenschaft; dazu steht sie viel zu sehr im
Banne der „Penicillin-Begeisterung“.
Für alle jene Menschen aber, welche diesen Tatsachen, die über kurz oder lang ja
doch zur Geltung kommen, ins Angesicht blicken, wird das Buch Dr. Jacksons, der in
sich die Summe der Zivilisationskrankheiten überwand, ein herrliches, ein erlösendes
Buch sein.
Die Lehren Dr. Jacksons decken sich in allen wesentlichen Punkten mit dem, was in
Europa u. a. Dr. Bircher-Benner seit fünfzig Jahren lehrte. Die beiden Pioniere lernten
sich erst kurz vor dem letzten Kriege kennen und in gegenseitiger Freundschaft und
Verehrung schätzen. Es war Dr. Jacksons ausdrücklicher Wunsch, daß kein anderer als
Dr. Bircher-Benner sein Buch in Europa herausgeben sollte, und als dieser nach
Erfüllung seines Lebenswerkes das Zeitliche segnete, schenkte der Verfasser dem
Unterzeichneten das Vertrauen, diese Aufgabe in sinngetreuer Anpassung des Werkes
an europäische Verhältnisse zu Ende zu führen. Daß die deutsche Ausgabe nun dank
der vorzüglichen Mitwirkung der Übersetzerin, Fräulein Barbara von Sprecher, und
des Albert Müller Verlags erscheinen kann, wird, wie wir wissen, für viele ein
freudiges Ereignis sein.

Erlenbach am Zürichsee
Dr. Ralph Bircher

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1. KAPITEL

Vom Wesen der Krankheit und der Lebenskraft

Unter allem, was die Schöpfung an Lieblichem und Wohlgefälligem


hervorgebracht bat, ist sicherlich nichts so schön und beglückend wie der Anblick
eines vollkommen gestalteten menschlichen Körpers. Nicht viele von uns wissen
jedoch um diese Schönheit; denn ein falsch gerichtetes und falsch angewandtes
religiöses Gefühl hat in uns eine kleinliche, unreine, unfromme Gesinnung erzeugt, die
den Körper, den geweihten Tempel unserer Seele, verachtet.
Diese Auffassung stammt aus der religiösen Einstellung längstvergangener Zeiten,
als noch Menschen von engem Horizont, Mönche und Frömmler, anstatt geistig
Erleuchteter die Weltanschauung bestimmten. Sie übersahen, daß ein unrein
gescholtener Körper von selbst unreine Gedanken erweckt. Wird der Körper durch die
Bekleidung unseren Blicken entzogen, so ist das eine Herausforderung an sämtliche
Kräfte unserer Phantasie, die alles, was wir angeblich nicht sehen dürfen, nach
Belieben vor unsere Augen zaubern und noch dazu in der unsauberen Form, die den
Dingen durch das Verbot anhaftet.
Betrachten wir unser wahres Selbst aber mit den Augen reifer Geistigkeit, so strahlt
es uns entgegen als Funken des endlosen göttlichen Glanzes, enthüllt sich uns als
Seele, die selber aus dem Staub der Erde den herrlichsten aller Tempel sich zu bauen
vermag; dann befinden wir uns auch in der richtigen geistigen Verfassung, um die
erstaunliche Schönheit des menschlichen Körpers zu erkennen.
Das will natürlich nicht heißen, daß jeder menschliche Körper tatsächlich über alle
Maßen schön zu nennen ist — obwohl es sicherlich im Rahmen des Möglichen liegt,
daß ein jeder es sein könnte; denn nur weil wir den Körper so sehr verachten und
mißhandeln, zeigt er — mit wenigen und darum auffallenden Ausnahmen — eine
unschöne, unterentwickelte Gestalt.
Die Zeit wird aber sicherlich einst kommen, da der biblische Ausdruck „zum Bilde
Gottes“ etwas Konkretes und Greifbares darstellen wird. Er bedeutet, daß wir
tatsächlich zu Gottes Ebenbild geschaffen sind, weil wir in unserer auf höhere
Entwicklung gerichteten Vernunft die schöpferischen Möglichkeiten mitbekommen
haben, uns innerhalb gewisser Grenzen der Naturgesetze zu unserem Frommen selber
zu bedienen. Dann werden wir einsehen, daß niemand den Körper verachten kann,
ohne gleichzeitig auch seinen Erbauer und Bewohner, den göttlichen Funken in uns, zu
beleidigen. Dann werden wir auch aufhören, den menschlichen Körper moralisch zu
werten; wir werden vielmehr in unseren Körpern Tempel erblicken, die unser innerstes
Selbst dem Lebensfunken zur Wohnung baut, und werden durch geduldige Arbeit dem
vor Zeiten durch die alten Griechen erreichten Ideal der Körperschönheit nahekommen
können, es vielleicht sogar zu übertreffen wissen.
Es wird behauptet, daß das alte Griechenland in intellektueller Beziehung den
fortgeschrittensten modernen Staaten weit überlegen gewesen sei; sein
Kulturdurchschnitt stand nach der Meinung mancher Sachverständiger so weit über
demjenigen heutiger Kulturländer, wie die heutigen Kulturnationen sich über primitive
Rassen erhaben dünken. Dieser hohen Kulturstufe entspricht es durchaus, daß die

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Griechen mit all ihrer Bildung und intellektuellen Fortgeschrittenheit die Schönheit als
oberstes Ideal verehrten; sie priesen sie und verherrlichten sie. Aber ihrer höchsten
Auffassung von Schönheit kam nichts so nahe wie der menschliche Körper. Sie
schufen in Marmor nach, was in Fleisch und Blut um sie herum lebte und ihre im
Geiste geschauten Idealbilder verkörperte.
Und weil sie den menschlichen Körper als vollkommene Erscheinung ansahen,
füllten sich ihre Gedanken mit Bildern der Vollkommenheit, und ihre Lebensweise,
die Nahrung, die körperliche Betätigung, alles richtete sich auf das mit Innigkeit
erstrebte Ziel der Vollkommenheit ein. So erreichten sie denn auch dieses Ziel, und
wir könnten dasselbe tun.
Die Griechen verachteten unschöne Formen, weil sie nach ihrer Auffassung der
Absicht der Natur widersprachen; der Besitzer eines unschönen Körpers stand deshalb
in geringem Ansehen, denn die Verantwortlichkeit für seine Gestalt wurde ihm
auferlegt. Und das Leben der Griechen wurde daher nicht von Schlemmerei und Gier
und nicht von niedriger Sinnlichkeit bestimmt wie unser modernes Dasein, sondern
von einer ganz großen Liebe zur Keuschheit und zu gesunder Schönheit.
Nie wäre es jenen “barbarischen“ Griechen in den Sinn gekommen, den
menschlichen Körper als etwas Unreines, Unmoralisches zu betrachten oder ihn den
menschlichen Blicken zu entziehen. Ihre Verehrung für das, was unsere prüde
Gesinnung durch schmutzige Vorstellungen entwürdigt und entheiligt hat, ließ sie zu
einer Größe der Auffassung, zu einer Reinheit ihrer Gedankenwelt gelangen, mit der
sich unsere heutige Einstellung nicht entfernt messen kann.
Unser Irrtum liegt darin, daß wir glauben, wir seien Körper, die eine Seele
beherbergen; das Umgekehrte ist der Fall: wir sind Seelen, welche die Macht haben,
sich eigene Wohnstätten zu erbauen.
Es gab eine Zeit, in der die Wissenschaftler die Nichtexistenz Gottes durch
verblüffende Ergebnisse chemischer Experimente beweisen wollten. Statt dessen
ergaben ihre Forschungen, daß sie ihr eigenes Dasein nicht erklären konnten, solange
sie nicht das Dasein Gottes in ihre Berechnungen mit einbezogen. Man stellte die
Elemente, aus denen sich die Körper zusammensetzten, ihre Zahl und ihre
gegenseitigen Verhältnisse fest. Solche Elemente wurden in genauen Proportionen und
unter den denkbar günstigsten Bedingungen für Lebensentfaltung wieder
zusammengefügt, aber die Masse blieb kalt, unbewegt und tot; es fehlte ihr etwas, das
keine Wissenschaft aus ihr herauszuholen, in sie hineinzulegen vermochte, etwas, das
jenseits jeder sinnlichen Erkenntnis lag, jenseits aller menschlichen Einfühlung in
Übernatürliches, jenseits jeder Ahnung, sogar jenseits jeden Phantasiebildes einer noch
so kühnen Einbildungskraft.
Darum verneint die Wissenschaft Gott jetzt nicht mehr. Sie steht heute in tiefster
Ehrfurcht vor jedem verschlossenen Tor, das ins Unbekannte führt. Das Wunder des
mit schöpferischer Intelligenz begabten Menschenkörpers, dieses heiligen Rätsels,
erfüllt sie mit Staunen, und sie erkennt, daß hier, in ihrem eigenen Tempel
eingeschlossen und behütet, die Seele des Menschen wohnt und wirkt, der Funke des
unendlichen Lichtes, der Geist aus Gott.
Vielleicht gebraucht die Wissenschaft das alte Wort „Gott“ nicht gerne und benützt
lieber Ausdrücke wie „Kraft“, „höchste Vernunft“ oder andere Schlagwörter modernen
Gepräges, um diese alles durchdringende, jedem Zugriff entweichende Macht
anzudeuten. Aber wozu um Namen streiten, die nichts an den Tatsachen ändern ?

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Die Schöpfungsgeschichte berichtet allerdings, daß Gott den Menschen aus einem
Erdenkloß formte und ihm seinen Odem in die Nase blies; so sei der Mensch eine
lebendige Seele geworden. Wie stimmt das, fragst du, mit der Wissenschaft überein?
Und darauf antworte ich: Überraschend genau sogar. Behauptet doch die
Wissenschaft, daß die ersten Lebensformen unserer Erdkugel auf den von Ebbe und
Flut überspülten Schlammufern der warmen Meere der Urzeiten erschienen. Diese
ersten Lebewesen bestanden aus denselben chemischen Stoffen wie der warme feuchte
Grund ihres morastigen Mutterstrandes.
Jene früheste Lebensform bestand aus einer einzigen mikroskopisch kleinen Zelle;
sie schloß einen Lebensfunken in sich ein, der sie von allen zwar aus demselben Stoffe
bereiteten, aber nicht lebendigen Dingen ihrer Umgebung unterschied. Sobald der
Lebensfunken den kleinen einzelligen Körper wieder verließ, fiel dieser in den
gleichen leblosen Zustand zurück wie die übrige Erdmaterie. Es ist daher einleuchtend,
daß der Körper eines solchen Lebewesens für sein Dasein auf etwas anderem beruhen
mußte als auf der Erdmaterie, aus der er sich gebildet hatte: auf der Lebensessenz, dem
Lebensgeist, der in ihm wohnte und ihn lebendig erhielt. Die Lebensessenz hat die
Fähigkeit, sich aus den Stoffen des Erdbodens einen Körper aufzubauen. Jedes
lebendige Wesen hat diese Fähigkeit. Die Lebensessenz in pflanzlichen Lebewesen hat
die Fähigkeit, diese Stoffe durch die Wurzeln unmittelbar aus dem Boden zu beziehen,
und sie baut sich zur Behausung einen Pflanzenkörper auf. Tierische Lebewesen
führen sich die Erd- oder Mineralstoffe durch Verzehren der Pflanzenkörper zu; sie
verzehren aber damit nur wieder Erdenstaub in organischer Form, was sich durch die
Tatsache beweisen läßt, daß sich tierische Körper rasch in Erdenstaub zersetzen,
sobald der Lebensfunke sie verlassen hat.
Was von der kleinen einzelligen Lebensform am flutgetränkten Meeresstrand vor
vielen Millionen von Jahren wahr gewesen, das gilt aber auch heute noch, und zwar
für jedes einzelne lebende Wesen, den Menschen inbegriffen.
Schon vom Augenblick der Befruchtung an ist die Allkraft — die wir benennen
können, wie wir wollen, ohne daß sich ihre Natur dadurch ändert — im Körper der
werdenden Mutter am Werke; sie vermehrt durch Teilung die Zellen des befruchteten
Eies und legt auf diese Weise den Grund zum körperlichen Wachstum. Nach einiger
Zeit beginnt dieselbe Kraft die sich vermehrenden Zellen zu verändern und ihnen
unterschiedliche Funktionen zuzuteilen; die einen sollen die Nieren bilden, die andern
die Leber, andere wieder das Gehirn, die Nerven, das Herz, die Lungen usw., bis der
ganze Körper geformt ist. Dieser Aufbau des kleinen Körpers durch Aufteilung und
Vermehrung seiner Zellen geschieht buchstäblich „aus dem Staub der Erde“; seine
Mutter führt durch ihr Blut dem wachsenden Gebilde Nahrung zu, die dem Erdboden
entstammt. Die Zellen nehmen, in ihrer Auswahl durch den ihnen innewohnenden
Aufbauwillen geleitet, alle notwendigen Bestandteile auf. So wird der menschliche
Körper aus dem Staub der Erde geschaffen. Es ist darum wahr, was die
Schöpfungsgeschichte berichtet: daß Gott den Menschen nach seinem eigenen Bilde
aus einem Erdenkloß formte, und er formt ihn immer noch weiter.
Aber bis zur Stunde der Geburt hat dieser Körper noch kein unabhängiges eigenes
Leben; erst nach Ablauf einer festgesetzten Zeit wird er aus dem mütterlichen Leib in
die Welt hinausgeboren. Soll er leben, so muß der große Lebensstoff, der Sauerstoff,
ihn wecken und durchdringen; daher regt sein Lebensfunke — Gott — das kleine
leblose Bündel von Organen zu einer Lebensäußerung an, die es in seinem ganzen

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bisherigen neunmonatigen Dasein der Zellenvermehrung noch nicht gekannt hat: es
atmet. Ein Hauch strömt durch die winzigen Nasenflügel ein, und unter unseren Augen
vollzieht sich das lieblichste Schöpfungswunder; so wird es buchstäblich zur
Wahrheit: „Gott blies dem Menschen seinen Odem in die Nase, und er wurde eine
lebendige Seele.“
Aber erst wenn wir die kosmische Bedeutung dieser Vorgänge mit der ungeheuren,
uns durch diesen Plan der Vorsehung auferlegten Verantwortung erfaßt haben, fangen
wir an, wirklich zu begreifen. Das Lebensprinzip, der Lebensfunke in uns, unser
wahres Selbst stammt aus der Unendlichkeit — aus Gott; und dieses wirkliche Selbst
ist der Baumeister, der unsere Körper aus Erde aufbaut; wir sind der ewigen Quelle —
Gott — verantwortlich für die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit des Baues.
Wir haben also dafür zu sorgen, daß der Bau in gutem Zustand erhalten bleibt und
gegen vorzeitigen Verfall geschützt wird.
Was das bedeutet, will wohl überlegt sein. Könnte uns die unendliche Weisheit
Gottes, die Quelle allen Lebens und der alleinige Ursprung aller Dinge, dort zur
Verantwortung ziehen, wo wir diese Verantwortung zu tragen nicht fähig wären, wo
uns die nötigen Voraussetzungen zur Erfüllung dieser Ansprüche fehlten? Unmöglich.
Wenn daher unser Körper zu einem schönen Tempel erbaut werden kann und soll, so
muß uns die Möglichkeit gegeben sein, einen entsprechenden Bauplan zu entwerfen
und die nötigen Baustoffe richtig zu wählen. Denn die Vorsehung stellt uns keine
Aufgabe, zu deren Erfüllung sie uns nicht auch befähigt hat.
Hier kommt uns nun die Gesundheitslehre zu Hilfe. Ihre Sache ist es, das
einwandfreie Material zum Aufbau unseres Körpers herauszufinden und es uns
anzuzeigen. Solange wir dieser Seite unseres Lebens keine Beachtung schenken,
behandeln wir unseren Körper nicht viel besser als einen lebendigen Abfalleimer; wir
mißachten ihn und denken an nichts andres als an die Befriedigung seiner Begierden;
wir behängen ihn mit Flitterwerk, putzen ihn auf, bemalen und verschönern ihn nach
Möglichkeit, um die Schäden zu verdecken, die unsere Nachlässigkeit und unsere
sinnliche Haltlosigkeit verursachen. Im Notfall lassen wir durch den Fachmann, den
Arzt, Ausbesserungen vornehmen; in den meisten Fällen wird er, anstatt das
Lottergebäude neu aufzurichten, mit Flickwerk arbeiten, hier eine Lücke zustopfen,
dort eine Schindel ersetzen, da ein gesprungenes Band zusammenlöten oder eine
ausgehängte Türe wieder in ihre Angeln heben. Wie anders die Griechen! Beständig
waren sie vom höchsten Lebensgefühl durchdrungen, wie es uns vielleicht
ausnahmsweise beim Anblick einer schönen Landschaft, eines gewaltigen Gebäudes,
eines erhebenden Schauspiels, eines ergreifenden Bildwerks oder beim Hören eines
tiefgefühlten Tonstücks auch durchflutet. In der Regel aber verbinden die meisten von
uns mit ihrem Körper nicht mehr Lebensgefühl, als eine Kartoffel oder ein Kohlkopf
es allem Anschein nach tut. An Stelle dieses Lebensgefühls empfinden wir die
Schmerzen, das Unbehagen selbstverschuldeter Übelstände, die eine unvermeidliche
Folge unserer sorglosen Inkonsequenz sind: Wahllos, oder vielmehr nur von den
Ansprüchen unserer materiellen Sinne geleitet, nehmen wir die Nahrung, den Baustoff
für den Tempel unserer Seele, in uns auf.
Leider spreche ich hier nicht nur von der Menge der Laien. Wer über das Thema
schon nachgedacht hat, besonders wenn er zu der Gedankenarbeit noch die
Beobachtung hinzufügte, kann sich nicht genug darüber wundern, daß die Ärzte mit
wenigen Ausnahmen die im menschlichen Körper ruhenden Möglichkeiten zu eigener

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gesunder Schönheitsentwicklung gar nicht in Betracht ziehen; sie ahnen nicht entfernt,
wie ungeheuer groß die Wirkung ausgleichender Nahrung und einer nach gewissen
Gesichtspunkten geordneten Lebensweise auf das Aufblühen körperlicher Schönheit
sein kann. Bis vor kurzer Zeit pflegten die meisten Mediziner, mit Ausnahme
sogenannter „0riginale“ oder gelegentlich eines ganz großen Erleuchteten, auf den
Arzt, der dieser Denkungsart zuneigte, als auf einen verschrobenen Kauz
herabzusehen. Aber diese Mediziner sind selbst nichts Besseres als Flickschuster,
Ausbesserer. Freilich sind es gerade diese unerfreulichen Zustände, die unserer
Ärztegilde ihr fortdauerndes Bestehen unter den bürgerlichen Einrichtungen
gewährleisten. Jedoch welch schöner Traum, sich auszudenken, wie es anders sein
könnte: die gesamte heutige Krankenfürsorge müßte dann weiseren Institutionen den
Platz räumen; wie einst Moses die Israeliten aus Ägypten, so müßte eine neue
Ärzteschaft die zivilisierte Menschheit in das gelobte Land der vollkommenen
Körperentwicklung führen, gemäß den wunderbaren Fortschritten unseres Zeitalters
auf dem Gebiet der Hygiene und der sanitären Einrichtungen.
Die alten Griechen, die wahrscheinlich nichts oder nur wenig von Hygiene und
Sanität wußten, haben es sogar an ihrem eigenen, zu so vollendeter Schönheit
entwickelten Körperbau bewiesen, daß es möglich ist, die Lebensgrundsätze
aufzufinden, welche die Entwicklung einer gesunden, vollkommen proportionierten,
vergeistigten und beseelten Rasse gewährleisten. Unter den heutigen Kulturvölkern
kennen wir keine solchen Rassen mehr. Aber primitive Rassen unserer Zeit beweisen
uns immer noch, daß es Lebensgrundsätze gibt, die den physischen Aufbau
begünstigen und in hohem Maße von Krankheiten freihalten. Sogar unter uns
Zivilisierten beginnt sich die Wahrheit bahnzubrechen; Tausende von Männern und
Frauen in allen zivilisierten Ländern haben nach nicht medizinischen Methoden ihren
Körper mit größerer Symmetrie, vollkommenerer Anmut und kräftigerer Gesundheit
ausgestattet, als ihre Mitmenschen es vermochten. Diese Männer und Frauen haben die
Lebensmethoden der alten Griechen zum mindesten teilweise wieder für sich entdeckt,
die uralten Methoden der Natur, die für jeden von uns ein offenes Buch sein sollten —
und es nicht sind. Denn um eigenes Forschen und eigenes Arbeiten geht es hier.
Mein Blick fällt auf einen Fetzen altersfleckigen Papiers, der neben meinem
Schreibblatt liegt. Darauf steht folgendes zu lesen:
„Sydenham, der große Arzt, sagte: Wenn ich meinen allgemeinen Erfolg auf ein
spezielles Rezept zurückführen sollte, so hieße dieses Rezept, daß ich stets meine
eigene Autorität geblieben bin. Nicht, daß ich immer meine wichtigeren Ideen selber
gefunden hätte. Oft siebte ich sie aus dem Gedankengut anderer heraus, häufig aus
ganz versteckten Quellen; aber da ich mich nicht der Autorität oder den Traditionen
der sogenannten Großen anschloß, blickte ich in das Inwendige der Dinge; ich las
alles; das gab mir die Möglichkeit und den Vorteil, ursprünglich zu sein, Tatsachen
aus unbekannten, unerwarteten Quellen zusammenzutragen und auf diese Weise
meiner Zeit einen Schritt voraus zu sein.“
Sydenham erlangte Größe, weil er in Dinge hineinblickte, an denen andere
Menschen achtlos vorübergehen.
Von einem andern Autor führe ich folgende Stelle an: „Sydenhams Platz in der
Geschichte der Medizin ist ihm schon angewiesen worden. Scheinbar war er in der
Wissenschaft hinter seiner Zeit zurück, aber tatsächlich war er ihr in der Praxis voraus.
In akuten Krankheiten erblickte er das Hervortreten jener Aktivität, durch welche die

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Natur sich selbst zum Recht zu verhelfen sucht — einer Aktivität, über der gewacht
und die so viel als irgend möglich unterstützt werden muß. Chronische Leiden
betrachtete er ebenfalls mit dem Auge des Hippokrates und beurteilte sie als Folgen
von Gewohnheiten oder Fehlern, für die wir in der Hauptsache selber verantwortlich
sind; er begegnete ihnen durch Vorschriften für angemessene Veränderung der Diät
und Lebensweise. Unter speziellen Beiträgen für die Nosologie diagnostizierte er als
erster das Scharlachfieber und klassifizierte den Veitstanz. Ein anderes Leiden, in
dessen Behandlung er besondere Erkenntnisse gewann, war die Gicht.“
Sydenham lebte im siebzehnten Jahrhundert. Unter allen seinen Zeitgenossen, deren
Namen uns überliefert worden sind, glänzt sein Ruhm weitaus am hellsten.
War dieser Stern unseres Berufsstandes ein Anhänger des Herkömmlichen? Nicht
im mindesten! Fürchtete er selbständiges Denken — oder übte er es furchtlos? Nein
auf die erste, und ein entschiedenes Ja auf die zweite Frage.
Um das, was die damaligen „Autoritäten“ verkündeten — ihre eigenartigen, fast
phantastischen Begriffe von Ursachenforschung und ihre Überschätzung menschlicher
Kunstgriffe in der Behandlung von Krankheiten —, kümmerte er sich nicht; er suchte
sich seinen eigenen Weg durch den Irrgarten verwirrender Ideen und Ansprüche seiner
Zeit und kam in bezug auf Krankheitsverursachung und Heilung zu dem
überraschenden Schluß, daß alle Krankheit selbstverschuldet ist und daß ihre Heilung
nur auf dem Wege des ungehinderten Spieles der wiederherstellenden Naturkräfte
erfolgen kann, die im Körper selber und in seiner natürlichen Umgebung vorhanden
sind.
Die moderne Medizin scheint übrigens auf der Schwelle zu den gleichen
Schlußfolgerungen zu stehen, besonders im Hinblick auf Krankheiten wie
Tuberkulose, Rachitis, Skorbut, Beriberi und Pellagra, obgleich sie es selber noch
nicht erkannt hat.
Für jemanden, der dazu neigt, mit der Ansicht, daß Mikroorganismen die Ursache
unserer Krankheiten sind, in Konflikt zu geraten, ist es ermutigend, daß er sich in so
guter Gesellschaft wie Hippokrates und Sydenham befindet, welche beide die
Krankheit als einen weitgehend von Gewohnheiten verursachten Zustand des Körpers
ansahen und nicht als ein unabhängiges Etwas, das von außen in den Körper eindringt.
Ich bin sicher, daß diese Anschauung der Krankheitsverursachung bald
Allgemeingut würde, könnten wir uns vom Einfluß des Herkömmlichen und
Überlieferten befreien.
Die durchschnittliche medizinische Auffassung ist nämlich die, daß Krankheit
etwas ist, das man „kriegt“. Und doch hat man nie richtig verstanden, was wir denn
eigentlich dabei „kriegen“ — das heißt, was bei einer Erkrankung im Grunde vor sich
geht. Seit den Tagen, da Kranksein gleichviel bedeutete, wie von einem Teufel
besessen sein, sind wir davon überzeugt, daß wir es kriegen oder daß es uns kriegt.
Und als Pasteur daherkam und die innere Verbindung der Bakterien mit dem
Krankheitsprozeß aufzeigte — wie natürlich schien es da, seine Behauptung zu
unterstützen, daß die Bakterien die Ursache unserer Erkrankungen seien. Wir
erwischen den Keim, und wir bekommen die Krankheit. Man sieht deutlich, wie leicht
dieser Gedanke in unser konventionelles Denken paßt und in den uralten Glauben, daß
Krankheiten durch äußere Ursachen veranlaßt werden.
Die meisten Mediziner sind eben leider ausgesprochene Autoritätsverehrer und
konventionelle Denker und können deshalb schwer einsehen, daß es noch irgendeinen

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Weg außer dem ausgetretenen Pfad konventioneller Überlieferungen geben könnte.
Aristoteles, der „Lehrer der Jahrhunderte“, sagt einmal, daß „der Mann, der für sich
selber beobachtet und denkt, weise ist; daß aber, wer außerdem noch die
Beobachtungen und Gedanken anderer erwägt und auch die Meinungen der
Unbedeutenden nicht verschmäht, ein Lehrer der Jahrhunderte ist“.
Die meisten Menschen, die in irgendeinem wesentlichen Maße der Welt ihren
Stempel aufgedrückt haben, besaßen eben diese Achtung vor der „Meinung
Unbedeutender“; sie hatten zu gleicher Zeit keine besondere Achtung vor den
Meinungen der Maßgebenden. Hätten sie Ansehen und Einfluß bewundert, so wären
sie notwendigerweise gedankengebunden gewesen, und niemals hätte die Welt von
ihnen vernommen.
Vor allem wir Ärzte dürfen uns deshalb nicht blenden lassen. Wir müssen die
Augen öffnen und beobachten, wir müssen auch hören und annehmen, was andere
Menschen, selbst einfache Leute und sogenannte Ungebildete, beobachtet und erfahren
haben. Nur auf diese Weise können wir dem gegen unseren Beruf gerichteten Spott
entgehen, daß wir uns selber nicht gesund zu erhalten wissen und ebenso hilflos
dahinsterben wie die Patienten, die um Rat und Hilfe zu uns kommen.
Ich leugne natürlich keineswegs, daß die Bakterien ihre Rolle im Ablauf der
Krankheit spielen; aber daß Bakterien die primäre Ursache einer Krankheit sind, kann
ich mich nicht zu glauben zwingen, ohne meinen Verstand zu vergewaltigen. Die
innere, selbstgeschaffene, gewohnheitsverursachte Verfassung muß vorher vorhanden
sein, denn ohne sie sind Bakterien machtlos, eine Krankheit hervorzurufen. Wäre es
anders, so müßten wir alle ununterbrochen erkranken, weil wir alle ununterbrochen
mit diesen „Krankheitserregern“ in Verbindung stehen.
Wenn wir aber beständig mit Bakterien in Berührung kommen und doch als
Einzelwesen verhältnismäßig selten erkranken — ist es dann nicht klar, daß hier noch
ein stärkerer Faktor als die Bakterien im Spiele sein muß, etwas, das die Bakterien
erfolgreich bekämpft und die Krankheit verhütet? Dieses Etwas muß ein körperlicher
Zustand, eine körperliche Beschaffenheit sein. Und es ist in der Tat ein körperlicher
Zustand. Sein Name lautet: lebendige Widerstandskraft.
Schon das Kind wird mit dieser Widerstandskraft ins Leben hineingeboren, sonst
würde es bei der Geburt nach der ersten Berührung mit den „Krankheit hervorrufenden
Kleinlebewesen“ fast augenblicklich sterben. Ein jeder Mensch steht in täglicher
Berührung mit diesen Mikroorganismen; wenn wir alle trotzdem tagaus tagein
weiterleben und uns im Durchschnitt eines guten Befindens erfreuen, so muß auch
jeder von uns eine solche lebendige Widerstandskraft besitzen, die den Kontakt mit
Krankheitskeimen zu einer harmlosen Begegnung macht. Man wird aber kaum mit der
Annahme fehlgehen, daß die wenigsten Menschen je daran denken, ihre
Widerstandskraft gegen Krankheiten zu festigen und zu stählen. Und unsere
allgemeinen Lebensgewohnheiten sind ohne Ausnahme dazu angetan, unsere Kräfte zu
schwächen. Trotzdem haben wir noch genug Vitalität, um dem Ansturm der
Krankheiten zu widerstehen; ihr heimtückisches Einnisten können wir freilich nicht
verhindern. Für diese Vitalität sorgt die Natur bei einem jeden einzelnen von uns, wie
sie es schon bei dem neugeborenen Säugling tut.
Das heimtückische Einnisten der Krankheit — ein Thema, das viele Gedanken
weckt. Wie entsteht Krankheit? Ein unheimlicher, anfangs kaum bemerkbarer Vorgang
beeinträchtigt allmählich die Lebenskraft, und eines Tages bricht plötzlich mit akuter

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Heftigkeit ein Leiden aus; wir stehen wie vom Blitze gerührt! Aber machen wir es uns
gleich klar: lange bevor die Explosion erfolgte, war die Mine gelegt. Durch irgendeine
schließliche Überbeanspruchung wurde die Zündung bewirkt. Es mag nichts weiter
gewesen sein als eine allzu üppige Mahlzeit oder eine übermäßige körperliche
Anstrengung oder eine heftige Gemütsbewegung. Ein voll lebenskräftiger Körper hätte
die Beanspruchung leicht und ohne Schaden ertragen.
Vermag aber lebendige Widerstandskraft bei einem gesunden Menschen den
Ausbruch einer Krankheit zu verhindern, so ist offenbar ihr Fehlen und nicht die
Wirkung der Bakterien die primäre Ursache der Krankheit; das heißt, erst wenn die
lebendige Widerstandskraft versagt, können die Bakterien den Ablauf der Krankheit
beeinflussen.
In welche Richtung verweist diese Erkenntnis den Arzt, wo sieht sie seine wahre
Aufgabe? Natürlich soll er die zerbrochene Puppe wieder flicken, den
Gesundheitsschaden wieder gutmachen; doch niemals kann das sein höchstes Ideal
sein. Das höchste Ideal, das wir anstreben müssen, ist die Erkenntnis, wie menschliche
Körper so lebenstüchtig gemacht werden können, daß sie dem Ansturm der Krankheit
immer erfolgreich widerstehen. Setzen wir diese Erkenntnis in die Tat um, so werden
wir damit unseren Mitmenschen beweisen, daß auch sie von Krankheit und
vorzeitigem Tode verschont bleiben können, sofern sie es nur wollen.
Nach allem, was bisher gesagt wurde, versteht es sich von selbst, daß diese
lebendige Widerstandskraft im Körper nicht durch medizinische Mittel oder
irgendwelche menschlichen Künste entwickelt werden kann. Aber woher soll man sie
dann nehmen, wenn man sie verloren hat?
Ich frage mich, ob je ein Arzt einen anderen Hort der Lebenskraft und
Widerstandsfähigkeit entdecken konnte als die aus unerschöpflichem Reichtum
spendende Natur; und dennoch, wie wenige Mediziner haben überhaupt nur erkannt,
welche Rolle diese lebendige Widerstandskraft in der Verhütung von Krankheiten
spielt! Deshalb suchen sie die Krankheit auf alle möglichen künstlichen Arten zu
bekämpfen. Haben sie wohl noch nie überlegt, woher es kommen mag, daß ein
ärztlicher Kunstgriff, eine Medizin beim einen Patienten hilft, beim andern nicht?
Entgeht es ihrer Beobachtung wirklich, daß der Widerstand, den der Lebenswille
einzelner Kranker ihren Übeln entgegensetzt, diese Kranken rettet, während er bei den
anderen zu gering ist, um die gleiche Bedrohung zu bannen? Was kann aber
menschliche Geschicklichkeit dort noch ausrichten, wo die Würfel schon gefallen
sind? Den lebendigen Widerstand, der allein unbezwinglich ist, kann sie jedenfalls
nicht ersetzen, und dieser Widerstand ist im kritischen Augenblick vorhanden oder
nicht vorhanden; dazwischen gibt es nichts.
Wie viele Fragen, die einem denkenden Menschen zu tun geben, erheben sich da.
Was kann die ärztliche Kunst in den beiden Fällen, dem guten und dem bösen,
ausrichten, wie weit reicht ihr Einfluß? Wie mögen sich die einzelnen Zellen in beiden
Fällen verhalten? Und so vieles mehr. Aber werden moderne Ärzte sich je auf eine
derartige Betrachtungsweise einlassen? Hand hoch! — alle, die sich schon die Mühe
genommen haben, über solche Dinge nachzudenken! — Hm — genau wie ich mir's
dachte.
Gerade jene Mediziner aber, die sich noch niemals gründlich mit derartigen
Problemen befaßt haben, sind unduldsam gegen die nicht herkömmliche Denkweise
und gegen das nicht konventionelle Verfahren. Sie gehören alle zu dem Typus, der auf

14
solche Fragen gleich antwortet: „Um Himmels willen, mein Lieber, lassen wir die
Gespräche über Gesundheit!“ Allerdings ist auch keiner von ihnen ein Sydenham, und
keiner von ihnen hat Aussicht, je ein Sydenham zu werden, noch ein Franklin, noch
ein Faraday, ein Napoleon oder Aristoteles, denen der Nichtfachmann, der einfache
Mann, der „gewöhnliche“ Mann neue Gedanken wie glitzernde Juwelen zutragen
durfte.
Nun — ich kann es nicht länger verheimlichen — ich besitze ein Rezept für die
Erlangung lebendiger Widerstandskraft, das die kritischste Untersuchung nicht zu
scheuen braucht. Ich kann es in drei Wörtern ausdrücken: „Folge der Natur!“ Besser
noch mit vier Wörtern: „Störe die Natur nicht!“
Es ist ein Rezept. „Störe den Gang der Natur nicht, vertritt ihr nicht den Weg.“
Gleichzeitig aber ist es auch ein Gedanke. Überlege, was er bedeutet. Bedenke, was er
alles in sich schließt. Außerhalb des geistigen Gebiets ist er das höchste dem
Menschen erreichbare Ideal.
Kein anderer Beruf als der des Gesundheitsforschers hängt so eng mit der Natur und
ihrem Wesen zusammen. Wir Ärzte geben denn wohl auch in gelegentlichen
Anwandlungen der Ehrlichkeit zu, daß die Natur kuriert hat, wo immer eine Kur
gelungen ist. Aber wie wenig erforschen wir in Wirklichkeit diese Natur und ihre
Wege! Wie sind wir stets geneigt, unsere Behandlungen mit künstlichen Mitteln zu
führen! Wie wenig Beachtung schenken wir den Naturgesetzen, deren Befolgung für
uns, für uns selber, eine vollkommene Befreiung von Erkrankung bedeuten würde.
Wie wenig beobachten wir den Willen der Natur in den Tieren! Diese Geschöpfe sind
denselben Gesetzen von Leben und Tod unterworfen wie wir Menschen. Sie können
erkranken, und sie erkranken, wenn ihre Lebensbedingungen ihnen von den Menschen
aufgezwungen werden. Ganz besonders gilt das für verwöhnte und zu sorgsam gehegte
Haustiere, die um so öfter erkranken, je mehr wir sie verhätscheln. Aber wenn sie
krank sind, dann richten sie sich darnach ein, verweigern zum Beispiel einfach alle
Nahrung — sofern sie sich selber überlassen werden —, verkriechen sich in die
Einsamkeit und verhalten sich vollständig passiv dem Einströmen der kosmischen
Kräfte gegenüber; ohne Einmischung von außen her werden sie auch fast ausnahmslos
wieder gesund, auf dem Wege der Natur.
Können wir in all dem nicht einen Fingerzeig für uns selber entdecken? Wenn wir
ernst machen mit dem Motto: „Störe die Natur nicht“, sicherlich. Denn die erste
Lektion, die es zu lernen gilt, ist die, daß es im Wesen der Natur liegt, nie zu
verweichlichen. Die Lebensbedingungen der Natur sind hart. Wir können zwar
wünschen, sie wären es nicht, aber sie sind Widerstandskraft der Körperzellen sowohl
einzeln als auch in ihrer Zugehörigkeit zu den Organen und ebenso des ganzen
Körpers entwickelt. Und das kann nur geschehen, wenn der Körper systematisch
Anstrengungen zu leisten hat, etwas überwinden, etwas aushalten lernt, Widerstand
leisten muß.
Da ich Diätetiker bin, werden manche meiner Leser der Ansicht sein, daß ich
eigentlich bloß über Ernährung schreiben dürfte. Aber ich gehöre zu einer anderen
Sorte von Diätetikern. Lange genug habe ich diese Dinge studiert, um zu wissen, daß
die beste Diät nur ein bescheidener Teil der gesamten Diätetik ist. Gerade weil die
Diätetik sich in den meisten Fällen auf das Studium der Nahrung beschränkt hat und
viel zu sehr auf die Bemühung, die Nahrungsmittel möglichst leicht verdaulich zu
machen, ist es ihr nicht gelungen, den Platz in unserem Beruf zu gewinnen, der ihr von

15
Rechts wegen gebührt. Unter den gegenwärtig herrschenden Verhältnissen sollte der
Diätetiker zum mindesten die ganze Lebensweise des Patienten leiten. Dann würde er
überraschende Erfolge erzielen. Aber weder der Diätetiker noch irgend jemand anders
wird solche Erfolge erleben, der nicht die Natur mit einem offenen und
unvoreingenommenen Verstand befragt. Selbst die beste Diätetik der Welt kann ohne
natürliche Stimulierung der Abwehrreflexe die Lebenskraft und die
Widerstandsfähigkeit niemals genügend erhöhen und stärken, um den Menschen vor
Erkrankungsgefahr zu schützen. Oder glaubt jemand ernstlich, daß das bloße Essen der
wissenschaftlich vollkommensten Nahrung echte körperliche Tüchtigkeit und gesunde
Widerstandskraft zu erzeugen vermag? Ich jedenfalls hätte allein infolge der
verbesserten Nahrung nicht gesunden können, obwohl ich im Folgenden nicht anstehe,
die Veränderung der Ernährungsweise als den ersten Schritt in der Umstellung auf
gesunde Lebensgewohnheiten zu bezeichnen.
Gehorcht der Mensch den Vorschriften der Natur auf ihren sämtlichen Gebieten,
dann kann er so frei von Krankheit werden und bleiben, wie es die primitiven Rassen
sind und wie es unsere Ureltern in der grauen Vorzeit waren. Und das kann mir
jedermann glauben: nichts gibt eine durchdringendere Befriedigung, ein stärkeres
Lustgefühl als das Bewußtsein vollkommener, unbezwingbarer Gesundheit.

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2. KAPITEL

Die Grundgesetze des Lebensprinzips

Merkwürdig, daß es primitiven Rassen — Menschen ohne die elementarsten


Schulkenntnisse, Menschen, welche bloß im Buch der Natur zu lesen verstehen, die
nichts wissen von Hygiene, Diätetik, Psychologie, Wirtschaftslehre oder Körperkultur
— gelingt, stark und kräftig heranzuwachsen, von Krankheiten und Leiden fast
gänzlich verschont zu bleiben und im allgemeinen erst hochbetagt, meist an
Altersschwäche, zu sterben, wenn nicht ein Unfall sie vor der Zeit hinwegrafft.
Ein Gefühl des Neides beschleicht den Kulturmenschen, denn ihn haben die
höheren Mächte nicht in demselben Maße geschützt und begünstigt. Und doch wäre es
zwecklos, die Vorsehung ungerechter Bevorzugung der wild lebenden Geschöpfe
anzuklagen. Ist es nicht vielmehr so, daß sie uns alle vor Krankheit und Leiden
behüten möchte? Sie will sicherlich eine gesunde Menschheit. Sie rüstet den einzelnen
ja auch mit den entsprechenden Kräftevorräten und Verteidigungsmitteln aus. Wenn es
trotzdem unter den Kulturvölkern eine so große Menge kranker Geschöpfe gibt, ist das
zweifellos irgendeinem verderblichen Einfluß zuzuschreiben, der sich den
wohlwollenden Absichten der Natur entgegenstellt. Diesen verderblichen Einfluß
müssen wir für alles Leiden, das Krebs, Tuberkulose, Grippe, Typhus und tausend
andere Übel über die so weise, kluge, tüchtige Kulturmenschheit bringen,
verantwortlich machen. Und dieselbe böse Macht hindert auch eine ganze Armee von
Ärzten, Apothekern, Krankenschwestern an produktiver Arbeit. Sie alle verbrauchen
ihre Zeit und ihre Kräfte zur Linderung von Leiden, die den Menschen gar nicht
befallen sollten.
Diesem Problem möchte ich hier auf den Grund gehen. Wie kommt es nur, daß
primitive, aller Kultur fern lebende wilde Rassen sich ihre Gesundheit ohne Mühe
erhalten können, während bei uns Spitäler und immer wieder Spitäler "gebaut und
beständig mehr Kräfte zur Pflege der Kranken und Leidenden benötigt werden? Wie
ist das zu erklären?
Die seltsame Frage drängt sich uns auf, ob Gott absichtlich die höchste Blüte seiner
Schöpfung, die Kulturmenschheit, mit so viel Unheil heimsuche.
Für mein Gefühl ist ein solcher Gedanke eine Gotteslästerung. Die meisten
Menschen glauben an einen Schöpfer und denken sich ihn vollkommen. Aus
Vollkommenheit kann aber nur Vollkommenes entstehen, und daher müssen alle
Dinge, die von dem vollkommenen Schöpfer ausgehen, vollkommen sein. Der
Gedanke an einen Schöpfer, der Unvollkommenes schafft oder sein Wohlgefallen an
Not und Elend hat, widerstrebt der Intelligenz jedes denkenden Menschen.

17
Dann muß aber auch die Menschheit, die Gott zu seinem Ebenbilde schuf, das
höchste Produkt seiner vollkommenen schöpferischen Kraft darstellen — und dann
muß auch wieder unser göttlich hoher Vorsatz zurück zum Bilde Gottes streben. Der
menschliche Körper als vollkommenster sichtbarer Ausdruck, als greifbare
Manifestation der Schöpferkraft, hat die Bestimmung, die Vollkommenheit des
Schöpfers widerzuspiegeln.
War es aber des Schöpfers Wille, in unserem Körper göttliche Vollkommenheit zur
Darstellung zu bringen, dann muß uns natürlich auch die Möglichkeit, solche
Vollkommenheit zu erlangen, mitgegeben worden sein. Und allen meinen Lesern
möchte ich es hier sagen: wir haben diese Möglichkeit.
Eine nähere Betrachtung des Problems lehrt uns nämlich, wie ich schon sagte, den
Grund der Bevorzugung primitiver Geschöpfe darin erkennen, daß solche
unverdorbenen Wesen nach den . göttlichen Gesetzen leben, nach den Vorschriften der
Natur. Wer sucht, der findet in der Natur auch tatsächlich die Lebensprinzipien,
welche den Weg zur vollständigen Gesundheit anzeigen. Diese Auffassung wird unter
anderem durch die Tatsache bewiesen, daß primitive Rassen sehr wohl mit der Kultur
in Verbindung treten und dennoch von Krankheiten verschont bleiben können, solange
sie die Lebens-, insbesondere die Ernährungsgewohnheiten der zivilisierten Menschen
nicht annehmen. Auch Tiere, die ihr Leben frei und im Einklang mit den Gesetzen
ihres Schöpfers führen, kennen verminderte Gesundheitszustände nicht. Und wenn wir
bei der zivilisierten Menschheit so viele Mängel entdecken, unter denen primitives
Leben nicht leidet, dann müssen wir die Schuld daran wohl ohne Frage unseren
Kultureinrichtungen, unseren Kulturgewohnheiten zur Last legen.
Nie dürfte daher ein Kranker oder Leidender die Worte über seine Lippen gehen
lassen: „Es ist Gottes Wille“, oder gar: „Sein Wille geschehe“; er sollte sich im
Gegenteil vorwerfen, Gottes Gesetzen bewußt oder unbewußt zum Trotz gelebt und
die unausbleiblichen Folgen auf sich gezogen zu haben, also mehr oder weniger selber
schuld an seinem Unglück zu sein.
Die einfachsten Überlegungen müssen uns zu diesen Schlußfolgerungen hinführen,
und die abstraktesten und tiefsten Spekulationen am Ende auch. Wir brauchen nur die
Lebensgewohnheiten der zivilisierten Welt uns vor Augen zu halten, um diese
Tatsache einzusehen.
Dieses Buch ist aus dem heißen Wunsche heraus entstanden, allen denen zu helfen, die
sich nach einem vollkommenen Körper sehnen. Jeder kann dieses große Ziel erreichen,
die ganze Menschheit hat ein Anrecht darauf. Unser Körper soll ja Palast des Geistes,
Tempel der Seele sein, eine Stätte, die der göttliche Lebensfunke, der schwache Strahl
und Abglanz des großen Lichtes, lange, lange, lange Zeit bewohnen möchte.
Man lese die folgenden Zeilen aufmerksam durch; man nehme die darin enthaltenen
Lehren in sich auf und befolge sie nach dem Buchstaben und nach dem Geiste. Die
Belohnung für verständige und konsequente Durchführung der darin entwickelten
Regeln wird ein junger, froher, kraftstrotzender Körper sein.
Der medizinisch gebildete Leser mag im Verlaufe dieses Buches öfters auf
Behauptungen stoßen, die mit den heutigen physiologischen Anschauungen nicht in
allem übereinstimmen. Er wird aber auch bemerken, daß meine Ausführungen bloß
von Auffassungen und niemals von anerkannten physiologischen Tatsachen
abweichen. Ich habe übrigens meine Einstellung erst unter dem Drucke zwingender
Erfahrungen gewonnen und mich bemüht, die in meinem eigenen Falle und in vielen

18
anderen Fällen erhaltenen Ergebnisse befriedigend zu erklären.
Das Buch ist aber auch und ebensosehr für Laien bestimmt. Es enthält daher weder
technische Spitzfindigkeiten noch literarische Schnörkel. Sein Zweck ist, aufzuklären
und zu erziehen, und in dem Sinne, daß Aufklärung in sich selbst der reizvollste aller
Reize ist, wird man ihm hoffentlich auch einen gewissen Reiz nicht absprechen
können.
Wo mir die medizinische Sprache über das allgemeine Verständnis hinauszugehen
schien, habe ich mich einer der Laieneinsicht angepaßten Ausdrucksweise beflissen.
Oberflächlich betrachtet, können solche Stellen freilich dazu führen, daß der
Brufsmediziner Ideen aus ihnen herausliest, die ich gar nicht vertrete. Ich wußte nicht,
wie ich das vermeiden sollte. Ernstlicher Schaden wird aber schwerlich daraus
entstehen, denn einen anderen Erfolg können solche Stellen unmöglich haben, als daß
die Menschen endlich beginnen, die große Bedeutung einer richtigen Lebensweise
einsehen zu lernen.

Die folgenden Ausführungen kann ein Leser, den zu viele prinzipielle


Betrachtungen langweilen, überspringen. Dann täte er freilich besser, gar nicht mehr
weiterzulesen.
Zum Glück gibt es jedoch auch solche Menschen, die sich für Erklärungen
interessieren und die ein Resultat erst dann annehmen, wenn sie die demselben
zugrundeliegenden Gesetze kennengelernt haben. Sie bilden die einzige Gattung Leser,
für die zu schreiben es sich wirklich lohnt. Diese grundsätzlichen Erörterungen —
überhaupt das ganze Buch — sind darum für sie und eigentlich nur für sie geschrieben.
Denn nur Schlußfolgerungen, die auf dauerhafte Prinzipien gegründet sind, werden
einleuchten. Wer meine Auseinandersetzungen heute als gegebene Tatsachen
hinnimmt, kann möglicherweise morgen entgegengesetzten Behauptungen ebenso
willig Gehör schenken. Die einen glauben, nachdem sie erst zweifelten, dann fragten,
dann einsahen und schließlich wußten; die andern haben kurzerhand angenommen; sie
können und werden aber niemals einsehen noch wissen.
Bevor wir daher an die Besprechung der Art und Weise gehen, in welcher ein
menschlicher Körper sich halten muß, um ständige Gesundheit zu erlangen und ein
hohes Alter zu erreichen — wie Blätter und Blumen erst sterben, wenn sie ihre volle
Lebensspanne ausgelebt haben, und dann sanft zur Mutter Erde zurückkehren, um zu
ruhen — möchte ich einige der allerwichtigsten Grundsätze hier anführen und
erläutern, nach welchen der menschliche Körper organisiert ist, damit der Leser den
Bau der Maschine, die er zu lenken und zu bedienen hat, verstehen lernt.
Der menschliche Körper ist das Ergebnis eines in der Materie und durch die Materie
sich offenbarenden Lebensprinzips. Er wird durch die Ansammlung einer ungeheuren
Menge von Einzelleben, Einzelkörpern, die wir „Zellen“ nennen, gebildet.
Diese unter der ordnenden Macht des Lebensprinzips stattfindende Zellenanhäufung
ist aus einer einzigen, ursprünglichen Zelle entstanden, und zwar durch Teilung. Die
ursprüngliche Einzelzelle hat sich in zwei Zellen geteilt; diese beiden teilten sich
wiederum und wurden zu vier, diese zu acht, und so ist es unter dem Einfluß des
Lebensprinzips immer weitergegangen.
Aber während die Zelle der Kontrolle des Lebensprinzips untersteht, geht die

19
Tätigkeit dieses Lebensprinzips selber auch wiederum nach gewissen vom Schöpfer
des Kosmos bestimmten Gesetzen vor sich. Und jede Abweichung von diesen
Gesetzen hat verheerende Folgen für den ganzen Körper.
Die wichtigsten Gesetze für die Auswirkung des Lebensprinzips sind die folgenden:
1. Das Lebensprinzip muß den Körper in Übereinstimmung mit einer schon vorher
festgesetzten äußeren und inneren Form aus dem Staub der Erde, das heißt, aus den der
Erde zugehörenden Stoffen aufbauen.
2. Das Lebensprinzip kann den menschlichen Körper nicht unmittelbar aus Erdstoff
aufbauen, sondern nur auf dem Wege über den vegetabilen Zustand der Erdmaterie. Es
muß sich dieser organischen, erdentnommenen pflanzlichen Stoffe bemächtigen, sie in
ihre ursprünglichen Formen zurückverwandeln und aus diesen dann die Erdelemente
in menschliche Körpersubstanz umbilden. (Die vegetabilen oder pflanzlichen
Lebensformen mußten allen animalischen oder tierischen Lebensformen in der
Schöpfungsordnung vorangehen, um diesen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Daher
waren die ersten tierischen Lebensformen ursprünglich dazu eingerichtet, sich von
Pflanzen zu ernähren. Der Ausgangspunkt für die ganze Tierwelt muß das
pflanzenfressende Tier gewesen sein. Alle tierischen Lebensformen müssen aus
unveränderten Pflanzenformen aufgebaut worden sein oder aus der unveränderten
Körpersubstanz anderer Tierformen, die ihrerseits aus unveränderten Pflanzenformen
gebildet wurden. Daraus folgt, daß alle Tiergattungen eingehen und aussterben
müßten, wenn keine Tiere mehr Pflanzen fräßen.)
3. Alle tierischen Lebensformen und damit auch der menschliche Körper erreichten
ihre anatomische und physiologische Vollkommenheit, unendlich lange bevor der
Mensch durch Kochen und Raffinieren seine Nahrung „verbessern“ lernte.
4. Jahrtausende alte rassische Gewohnheiten setzen sich fest und erhalten die Macht
von Naturgesetzen. Es ist für das Individuum wie für die Rasse gefährlich, sich ihnen
entgegenzustellen. Die Größe der Gefahr entspricht der Größe der unternommenen
Veränderung in den Rassengewohnheiten.
5. Die Fähigkeit eines Wesens, sich einen vollkommenen Körper aus völlig natürlicher
Nahrung aufzubauen — aus Nahrung, wie sie unmittelbar aus den Händen der Natur
kommt —, kann nichts anderes bedeuten, als daß vollkommene Tier- oder
Menschenformen nicht von veränderter oder unnatürlicher Nahrung leben können, und
nur bei durchaus natürlicher Kost — wie die Natur sie liefert — gedeihen. Die kleinste
Abweichung von diesem Gesetz bringt eine entsprechende Störung mit sich.
6. Kampf, Überwindung, Anstrengung, das ist das Gesetz allen Wachstums und aller
Entwicklung.
7. Das Arbeitsvermögen aller Körperzellen, Organe oder Körperteile wächst mit der
Ausübung einer bestimmten Funktion oder einer bestimmten Arbeit. Bis zu dem
Punkte, wo Erschöpfung eintritt, niemals aber darüber hinaus, dürfen und müssen die
Kräfte geübt werden.
8. Umgekehrt wird jede Zelle, jedes Organ, jeder Körperteil schwächer und
ungeeigneter zur Ausübung irgendeiner Funktion oder zur Bewältigung einer Arbeit,
je weniger seine volle Funktionskraft geübt wird.
9. Jede Ersatzhandlung, welche an Stelle einer organischen Funktion tritt — die also
einer Zelle, einem Organ oder einem Körperteil eine Arbeit abnimmt, welche diese
selber auszuführen hätten —, schwächt die Zelle, das Organ, den Körperteil und
verringert die ihnen innewohnende Kraft zur Ausübung ihrer Funktionen.

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10. Die Natur strebt danach, die nicht benützten, die nur schwach arbeitenden und die
gestörten und gehemmten Funktionen der Zellen, Organe und Körperteile zu zerstören.
11. Alles, was sich einer Funktionsbetätigung entgegensetzt oder eine
Funktionstätigkeit verzögert, trägt dazu bei, Funktions- oder Arbeitskraft zu zerstören.
12. Alles, was die Funktions- oder Arbeitskraft irgendeiner Körperzelle, eines Organs
oder eines Körperteils vermindert, verringert damit durch die zirkulatorischen (Blut
und Lymphe) und die nervlichen Beziehungen, welche zwischen allen Zellen, Organen
und Teilen des Körpers auf dem Wege über das sympathische Nervensystem bestehen,
von selbst auch die Funktionskraft jeder anderen Körperzelle, jedes anderen
Körperorgans oder Körperteils.
13. Alles, was die Funktionen oder die Arbeitskraft einer Zelle, eines Organs, eines
Körperteils vermindert, setzt die lebendige Widerstandskraft des Körpers gegen den
Angriff körperschädigender Prozesse (Krankheiten) herab.
14. Wenn alle wichtigen Zellen, Organe und Teile des Körpers einwandfrei
funktionieren, kann der Körper vollkommen genannt werden. Ein vollkommener
Körper ist immun gegen schädliche und zersetzende Einflüsse. Er kann nicht krank
sein und nicht krank werden.
15. Jede wesentliche Körperfunktion vollzieht sich unwillkürlich. Sie wird unabhängig
vom Willen durch den Körpermechanismus, welchen wir das Reflex- oder
sympathische Nervensystem nennen, ausgeführt. Dieser Mechanismus regiert alle
Körperzellen, Organe und Körperteile und verbindet sie untereinander. Solche
unwillkürliche Funktionen heißen „Reflexfunktionen“.
16. Reflexfunktionen entstehen immer als Antwort auf Reize, welche die
funktionierenden Zellen, Organe oder Körperteile von außen erreichen. Solche Reize
werden der Zelle, dem Organ, dem Körperteil auf dem Wege der Nervenfasern
zugeleitet.
17. Die Reflexe bilden die Basis aller Lebensäußerungen. Wird der
Reflexmechanismus des Körpers zerstört, so geht unweigerlich auch das Leben selber
zugrunde.
18. Alle willkürliche Funktion im Körper hängt ursprünglich auch von Reflextätigkeit
ab.
19. Je ungehinderter und ungestörter die Reflexfunktionen arbeiten können, desto
vollkommener sind sie, und desto vollkommener sind auch die funktionierenden
Zellen, Organe und Körperteile. Als äußeres Ergebnis werden auch die Tätigkeiten des
Körpers als Ganzes um so vollkommener ausgeübt; denn die Funktionskraft des
Körpers als Ganzes steigt in demselben Maße, wie die den Körper bildenden Zellen
und Organe und Teile gut arbeiten. Künstliche Eingriffe und Nachhilfen dort, wo die
Natur ihren Anreiz auf die funktionierenden Organe selber ausüben sollte, sind
schädlich. Die Entwicklung und das Wachstum fordern auch hier, gemäß dem schon
angeführten Gesetz, Anstrengung und Arbeit.
20. Die grundlegenden Reflexreize sind diejenigen, die aus der Berührung mit der
unmittelbaren Umgebung entstehen: Körperlicher Kontakt mit den Sonnenstrahlen,
mit Wind, mit Regen, Nebel, Hitze, Kälte, mit der Erde und mit den Gegenständen der
Außenwelt. Gott schuf den Menschen zu einem Leben im Freien. Sein nackter Körper
sollte beständig der Berührung mit seiner Umwelt ausgesetzt sein und die Einflüsse
seiner Umgebung direkt auf sich wirken lassen. Die Menschen sollten nicht in Häusern
wohnen. Sie sollten ihren Körper durch natürliche Ernährung aufbauen und

21
instandhalten; die unveränderten Nahrungsstoffe, die die Natur bietet, sollten selber
natürliche Berührung mit der Umwelt bilden, denn Nahrung und Getränke gehören zu
unserer Umwelt. In dieser Weise lebt die Menschheit wohl mindestens je tausend
Jahre für jedes einzelne Jahr, das sie in Häusern wohnt, den Körper mit Kleidern
zudeckt und die natürlichen Nahrungsstoffe im anmaßenden Glauben, die von Gott
bereitete Kost dadurch bedeutend zu verbessern, künstlich verändert.
21. Nur natürliche Reflexanreize rufen normale organische oder Zellenfunktionen
hervor, also jene Art der Funktionstätigkeit, die die organische Funktionskraft erhält
und steigert und gleichzeitig die lebendige Widerstandskraft erhöht. Mit anderen
Worten: nur natürlich angeregte Organe funktionieren normal.
22. Das Umgekehrte gilt ebenfalls: künstliche oder unnatürliche Reflexreize setzen die
organische Funktionsfähigkeit herab und vermindern den lebendigen Widerstand
gegen Krankheiten. Das bedeutet, daß unnatürlich angeregte Organe oder Körperzellen
nicht normal funktionieren und der Zerstörung anheimfallen.
23. Da die ganze Körpertätigkeit von natürlicher Reflextätigkeit abhängt, stört alles,
was diese stört, unfehlbar auch Funktionen.
24. Jede vollkommen funktionierende Zelle, jedes vollkommen funktionierende
Organ, jeder vollkommen funktionierende Körperteil gibt einen wohltätigen Einfluß
auf jede andere Zelle, jedes andere Organ, jeden anderen Körperteil aus. Und auch hier
trifft das Umgekehrte zu.
25. Jeder Körperteil und jedes Organ dient besonderen Zwecken. Damit sie alle sich
bei Gesundheit erhalten können und von Krankheiten und krankheitsähnlichen
Zuständen frei bleiben, müssen sie die ihnen zugedachte Funktion ausüben. Je näher
sie der vollen Ausübung ihrer Funktion und der Betätigung ihrer ganzen
Leistungskraft kommen, um so vollkommener, um so gesunder und
widerstandsfähiger gegen Krankheit sind sie. Denn jede Zelle, jedes Organ, jeder
Körperteil nimmt nur durch Leistung an Leistungsfähigkeit zu.
26. Nur natürliche Lebensgewohnheiten können natürliches, also normales tierisches
Wachstum hervorbringen. Nur natürliche Lebensgewohnheiten können daher einen
normalen, einen gesunden animalischen Körper aufbauen. Menschliche Körper sind ja
animalische Körper und denselben Gesetzen unterworfen, die alles animalische
Wachstum und alle animalische Gesundheit regieren.
27. Im animalischen Körper gibt es fünf Systeme oder Ketten von Reflextätigkeiten,
deren jede aus einer eigenen, von den anderen getrennten Quelle herrührt.
Kommt ein Kind zur Welt, so atmet es nicht sofort. Erst die Ansammlung von
gasförmiger Kohlensäure (CO²) im Blute und die Berührung der Haut mit der kühlen
Luft regen den Atmungsreflex an, und das Kind tut seinen ersten Atemzug. Die
eingeatmete Luft veranlaßt das Herz zu seinem ersten Schlage nach der Unterbrechung
der Verbindung zwischen dem kindlichen Blutkreislauf und jenem der Mutter, und das
Herz wiederum regt eine ganze Reihe anderer Funktionen zu ihrer ersten Tätigkeit an.
Jede neue Funktion wirkt auf irgendeine andere Funktion als Reflexreiz, bis der ganze
Kreis der Körperfunktionen erreicht und angeregt ist. Der kleine Körper verdankt seine
Belebung also jenem ersten ursprünglichen Reflexreiz der atmosphärischen Luft, die
seine Haut und damit die darin untergebrachten empfindlichen Enden des
Reflexnervensystems berührt.
Die zweite Betätigung des Neugeborenen ist Schreien und Strampeln; das ist seine
Art der Muskelbetätigung. Diese Muskelbetätigung löst wiederum eine andere Reihe

22
reflexbedingter Funktionen aus, ohne welche das Kind sich nicht normal entwickeln
könnte. So wirkt sie auf die Herz- und Lungenfunktionen, auf Verdauung und
Ausscheidung und viele andere lebenswichtige Körperfunktionen.
Die dritte Betätigung des gesunden, das heißt normalen neugeborenen Kindes ist
der Schlaf. Der Schlaf stellt die Antwort auf den Reiz angesammelter Müdigkeitsgifte
dar und dient in der Hauptsache dazu, diese Gifte in der Zeit, in welcher der Körper
passiv daliegt und sich keine neuen Ermüdungsgifte bilden können, abzusondern; er
löst aber auch eine Kette neuer Funktionen aus, ordnet und regiert sie.
Die vierte Reflexhandlung eines normalen neugeborenen Kindes ist die Aufnahme
von natürlicher Nahrung. Auch diese Tätigkeit löst eine neue Kette von
Reflexfunktionen aus, ohne welche das Kind nicht leben könnte.
Die fünfte Kette der Reflexfunktionen ist dem Geiste zugeteilt. Die vorher
besprochenen vier Reflexketten werden schon in den ersten Lebensstunden des
Säuglings zu ihrer Tätigkeit angeregt. Aber erst später entwickelt sich die fünfte, die
geistige Gefühlskette. Der Geist hat große Macht über eine ganze Kette von
körperlichen Funktionen; er löst sie aus, ordnet sie, regiert sie. Er ist ein bedeutendes
reflexerzeugendes Zentrum; in dieser Beziehung ähnelt er den andern vier Ketten,
jedoch unterscheidet er sich in ganz wichtigen Punkten von ihnen, besonders von den
Ketten der Haut-, der Muskel- und der Nahrungsreflexe. Diese Unterschiede sollen
später klargemacht werden.
Ich nenne daher die Haut, die Muskeln, den Schlaf, das Ernährungs- oder
Verdauungssystem und den Geist die fünf ursprünglichen reflexerzeugenden Zentren;
von einem jeden dieser Zentren gehen getrennte Ketten lebendiger, wesentlicher
Reflexe aus. Jede dieser Ketten wird durch natürliche Anreize in Tätigkeit gesetzt: die
Haut durch die Berührung mit ihrer körperlichen Umwelt, die Muskeln durch
Muskelzusammenziehungen, der Schlaf durch angehäufte Ermüdungsgifte, die
Verdauung durch das Einnehmen von natürlicher Nahrung, die geistige Reflexkette
durch schöpferische und zuversichtliche Gedanken.
Diese fünf Ketten bilden des Körpers Verteidigungsmechanismus. Wenn diese fünf
Reflexketten, die alle körperlichen Funktionen regieren, sich in vollkommenem
Zustande befinden, so sind die Funktionen, die sie zu ordnen und zu regieren haben,
auch vollkommen. Und alle fünf Ketten werden in tadelloser Ordnung funktionieren,
wenn ihnen der Kontakt mit ihren natürlichen Stimuli gestattet ist, wenn man sie so
sehr als möglich vor Berührung mit unnatürlichen Anregern behütet und sie nie über
den Punkt hinaus anstrengt, wo Erschöpfung einsetzt. Funktionieren sie einwandfrei,
dann ist der Körper vollkommen zu nennen. Ist aber der Körper wirklich vollkommen,
dann ist er vollständig immun gegen Krankheit, und das so lange Zeit, als er seine
Vollkommenheit nicht wiederum durch irgendeine gesundheitsuntergrabende
Gewohnheit, die den Gesetzen der Natur zuwiderläuft, einbüßt.
Diese Grundgesetze sollten verschiedene Male durchgelesen werden, ehe man zum
Kommenden übergeht. Der Leser wird Vorteil davon haben, wenn er überdies im
weiteren Verlauf des Buches von Zeit zu Zeit dazu zurückkehrt. Denn wenn die
Grundgesetze nicht gut verstanden und dem Gedächtnis nicht eingeprägt sind, so kann
die Gesundheitsphilosophie, die dieses Buch vertritt, nicht genügend eindrücklich
aufgefaßt werden, und das bloße Lesen wäre vergebliche Mühe.

23
3. KAPITEL

Natur und Unnatur

Vom Körper aus gesehen ist nach dem bisher Gesagten das recht, was natürlich ist;
infolgedessen kann, was unnatürlich ist, nicht recht sein — es muß falsch sein. In dem
Maße, in dem eine Lebensgewohnheit dem Natürlichen sich nähert, der Absicht,
welche die Natur oder Gott für uns hegt — in eben diesem Maße sind unsere
Lebensgewohnheiten richtig. In dem Maße aber, als sie unnatürlich sind, müssen sie
verkehrt sein, denn sie sind dann gegen den Willen der Natur, gegen den Willen
Gottes.
Kann irgendein Unterschied bestehen zwischen der Verkehrtheit einer bloß
körperlichen Gewohnheit und der Verkehrtheit einer unrichtigen seelischen oder
geistigen Haltung gegenüber dem ewigen Prinzip des Rechten? Nach meiner
Betrachtungsweise nicht. Eine Tat wird zum Unrecht, wenn sie dem entgegengesetzt
ist, was Gott unter den gegebenen Verhältnissen beabsichtigte. Wenn Gott uns
gebietet, unseren Mitmenschen zu lieben, so ist es eine Verkehrtheit, ein Unrecht, ihn
nicht zu lieben, und es ist unrecht, weil es Gottes Absichten, seinen Willen,
entgegengesetzt ist. Wenn Gott uns irgend etwas Körperliches gebietet, zum Beispiel
spazierenzugehen, und wir weigern uns — widersetzen wir uns da nicht Gottes Willen,
handeln wir da nicht entgegengesetzt seiner Absicht, ebenso entschieden, als wenn wir
unseren Mitmenschen zu lieben uns weigerten? Sicherlich. Und ebenso gewiß kann
Widersetzlichkeit gegen Gottes Willen sich nicht in verschiedenen Abstufungen
unterscheiden. Entweder tun wir, was Gott von uns getan haben möchte, und werden
gesegnet, oder wir weigern uns, Gottes Willen zu tun, und bleiben ohne Segen, werden
im Gegenteil unsere Weigerung entsprechend büßen müssen.
Schon seit annähernd zwei Generationen ist es sowohl der Wissenschaft wie auch
dem interessierten Tierzüchter bekannt, wie eng Qualität, Sorte und Quantität des
tierischen Futters mit der Qualität des Tieres selber zusammenhängen; in der Aufzucht
der Tiere wird berücksichtigt, daß ihre Qualität wie auch ihre Gesundheit neben den
Einflüssen der Vererbung fast gänzlich von der Art und Beschaffenheit ihres Futters
und von tierhygienischen Maßnahmen abhängen. Um bei der Zucht eines Tieres das
beste Ergebnis zu erzielen, muß es nach gewissen bekannten Regeln behandelt werden.
Werden diese Regeln streng eingehalten, so folgen darauf von selbst positive
Ergebnisse. Nicht von Menschen sind diese Regeln aufgestellt worden, sondern Gott

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hat sie uns gegeben. Wir nennen sie natürliche Regeln oder natürliche Gesetze. Aber
diese natürlichen Gesetze sind da, um befolgt zu werden. Der Tierzüchter findet seinen
Vorteil darin, ihnen zu gehorchen. Nichts erscheint uns selbstverständlicher, solange
Tiere in Frage kommen. Wie selten wenden wir jedoch diese natürlichen Gesetze auf
uns selber an, und wie wenige sind bis jetzt überhaupt auch nur bis zu einer Erkenntnis
des Tatbestandes durchgedrungen!
Denn nicht bloß die Geister der Unwissenden sind verschlossen. Auch viele
gebildete Leute, Hochschulprofessoren, Ärzte, Juristen, Geistliche, haben die neuen
Gedanken noch nicht aufgenommen. Sie glauben noch immer, daß die Gesetze der
Natur, was menschliche Lebensgewohnheiten betrifft, nach Belieben gehandhabt
werden könnten, ohne sich gegen ihren Übertreter zu kehren; sie ahnen nicht einmal,
daß die Tausende und aber Tausende von Jahren einfacher Lebensgewohnheiten
unserer Urvorfahren vor der Kulturepoche den Einfluß einer ewigen Bindung an
ähnliche Gewohnheiten hatten. Und doch müßten so gelehrte Köpfe wissen, daß lang
anerzogene Rassengewohnheiten, wie wir schon feststellten, zu Gesetzen werden und
alle Kraft echter Naturgesetze erhalten, und daß wir sie nicht außer acht lassen dürfen,
ohne Individuum und Rasse zu gefährden. Der Typus des menschlichen Körpers ist so
und nicht anders geworden, weil er sich der physischen Umgebung gemäß entwickelt
hat, in die er hineingestellt war. Das gilt ebensosehr für den gesamten Aufbau des
menschlichen Körpers als auch für seine Endbestimmung. Die Stoffe, aus denen er in
unausdenkbar langen Zeitstrecken aufgebaut worden ist, hat der Lebensgeist aus der
physischen Umgebung des Menschen gezogen. Der Lebensgeist, das Lebensprinzip,
ohne welches kein tierischer Körper lebendig wird noch lebendig bleibt, bestimmte
und formte diesen Körper so, daß er in seine physische Umgebung passen sollte, und
daß er sich auch weiterhin nicht anders als aus Stoffen, die dieser Umgebung
natürlicherweise entstammen, aufbauen kann.
Wenn wir uns also zum Beispiel von nicht natürlicher Kost nähren, liefern wir
unserm Körper Nahrung, die gegenüber dem Aufbaustoff, den unsere Ureltern
verwendeten. uni unsere Art zu entwickeln, teilweise verändert ist — und damit
brechen wir das Nahrungsgewohnheitsgesetz, das durch jahrtausendlange Anwendung
von unsern Ahnen festgelegt wurde.
Man beachte den Ausdruck „natürlich“. In ihm liegt das Geheimnis der
vollkommenen Gesundheit beschlossen. Natürlichkeit ist der einzige zuverlässige
Führer zum Rechten in unseren physischen Lebensgewohnheiten. Dennoch scheint es
fast, als ob wir zivilisierten Menschen uns nach Kräften anstrengten, um so unnatürlich
wie nur möglich zu leben.
In unseren Lebensgewohnheiten lassen wir uns ja bekannterweise viel lieber von
Wünschen und Begierden leiten anstatt von „Müssen“ und „Sollen“. Wunsch und
Begierde haben aber keine natürliche Verwandtschaft mit dem Rechten; dagegen sind
„Müssen“ und „Sollen“ vom Rechten, vom Richtigen, das geschehen muß, untrennbar,
sei es auf moralischem oder auf physischem Gebiet. Wer sich durch seinen Wunsch
oder seine Begierde regieren läßt, wird ziemlich sicher einen bitteren Tag der
Abrechnung erleben. Wer jedoch seine Lebensgewohnheiten nach dem „Sollen“ und
dem „Müssen“ einrichtet, darf einen täglichen und immer wachsenden Lohn ernten.
Wir pflegen den Körper als Hemmschuh für unsere Geistigkeit zu betrachten, wir
vernachlässigen, verachten und mißhandeln ihn. In Wahrheit ist bloß der
vernachlässigte Körper unserem Geist, seinem Streben und seiner Entwicklung ein

25
Hindernis. Die Seele kann sich nicht aufschwingen, der Geist sich nicht erheben und
sich nicht mit dem Allgeist verbinden, wenn er in einem siechen, giftverseuchten
Körper haust, den die Folgen des Ungehorsams gegen das göttliche Gebot entstellen.
Ein Körper, den Wünsche und Bedürfnisse leiten, wird, da ihn die Sinne regieren,
selber sinnlich sein. Der Geist, der in solch sinnengebundenem Körper wohnt, ist
erdverhaftet und unrein.
Kein Mechanismus kann ersonnen werden, der von zwei verschiedenen
Energiequellen in Betrieb gehalten wird. Energie kann zwar aus Holz, Kohle, Öl,
Wasser, Wind gezogen werden; aber der Mechanismus, durch den jede dieser
Energiequellen ihre potentielle Energie liefert, ist anders. Sogar verschiedenen Arten
von Kohle müssen die Heizkessel gut angepaßt werden, wann immer man Leistung
und Wirtschaftlichkeit in Betracht zieht. Und jeder lebendige Körper ist ein solcher
Mechanismus für Entwicklung, Aufspeicherung und Verwertung von Energien.
Hunderte von Modellen Energie entwickelnder Mechanismen gibt es. Für den
wirksamen Betrieb eines jeden Apparates ist es aber unerläßlich, daß er mit der Art
Brennstoff, mit der Art Futter versehen wird, für welche ihn der Lebensgeist, der ihm
seine Entwicklung schenkte, bestimmt hat. Ich wünschte, dieser Punkt setzte sich im
Geiste des Lesers so fest, daß er unter keinen Umständen mehr übersehen würde. Man
betrachte diese positive Tatsache nicht als rein abstraktes Prinzip, welches auf den
Einzelnen keine Anwendung findet. Sie bezieht sich auf jedes menschliche Wesen als
Individuum und kollektiv auch auf die Rasse als Ganzes; sie betrifft uns selber in
ungeheuer direkter Weise und muß uns interessieren, wie nichts anderes Materielles
uns interessieren und ergreifen kann.
Die Nahrung ist aber noch mehr als bloß Brennstoff des lebenden Körpers. Sie ist
auch das Konstruktionsmaterial für den Körper. Jedermann kennt die Grundsätze
architektonischer Bauten und weiß, daß ein Gebäude nicht vollkommener sein kann als
das Material, welches zu seinem Aufbau Verwendung findet. Die Schwäche des
ganzen Gebäudes liegt in der Schwäche einer einzigen, der schwächsten Stelle, und
diese schwächste Stelle entscheidet über die Dauerhaftigkeit und Tragkraft des Ganzen
— ebenso wie ein schwaches Glied in einer Kette das Maß für die Haltbarkeit der
Kette ist. Jedermann erkennt sofort die Richtigkeit dieses Prinzips, wenn es auf
bekannte bauliche Verhältnisse angewendet wird. Dasselbe Prinzip gilt aber natürlich
auch für lebendige Bauten, die unsere Körper ja sind.
Die meisten Ärzte wissen jedoch nur in sehr akademischer Weise, daß menschliche
Körper aufgebaut sind, ebenso entschieden aufgebaut wie Wolkenkratzer oder große
Kathedralen. Diese Tatsache sollten wir alle uns beständig vergegenwärtigen, und wir
sollten unseren Geist auf die Betrachtung dieses Aufbaus einstellen. Dann erst würden
wir verstehen, von welch wesentlicher Bedeutung die Kost ist, die wir essen, und wie
unsere Nahrung sehr weitgehend die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit, die
Widerstandskraft oder Widerstandslosigkeit unserer Körper bestimmt.
Will man sich aber in diese Frage. die wohl die wichtigste unseres irdischen Daseins
ist, vertiefen, so gilt es vor allem, sich darüber klar zu werden, was wir unter dem
Ausdruck „Nahrung“ denn eigentlich verstehen.
Als Nahrung bezeichnen wir jede Substanz, welche, nachdem der Körper sie
aufgenommen hat, seine Gewebe erbaut, seine abgenutzten Zellen ersetzt, ihn mit
Kräften und mit tierischer Wärme versieht und ihn belebt.
Dieser letzte Punkt ist der wahre Eckstein der Definition. Die meisten Definitionen

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von Nahrung lassen ihn allerdings aus, womit gerade das Wichtigste vergessen bleibt.
Denn wenn unsere Nahrung nicht Leben enthält und dieses auf uns zu übertragen
imstande ist, können wir nur so lange frisch und gesund sein, überhaupt existieren, als
unser ererbter Vorrat an Lebenskraft ausreicht.
Ein zweites Haupterfordernis gesunder Nahrung ist, daß sie nicht säure-, sondern
basenbildend sei. Warum diese Bedingung so unerläßlich ist, soll hier erläutert
werden. Es ist dabei notwendig, etwas ausführlicher zu werden, damit der Leser in die
wirklichen Zusammenhänge eingeführt wird.
Das gesunde menschliche Blut ist alkalisch, also das genaue Gegenteil von sauer.
Wird das Blut sauer, so liegt eine Erkrankung vor, welche die Ärzte als „Azidose“
bezeichnen. Damit ist freilich nicht gemeint, daß das Blut effektiv sauer wird; es
besteht in einem solchen Falle eine relative Azidose, was bedeutet, daß der Körper im
Verhältnis zu seinen alkalischen Bestandteilen mehr saure Bestandteile enthält als in
normalen Zeiten. Das Blut eines lebenden Geschöpfes kann nämlich gar nicht ganz
sauer werden, denn im gleichen Augenblick ginge der Körper an positiver Azidose
zugrunde, weil die Zellen in einem sauren Medium nicht leben können. Aber auch
relative Azidose ist an sich schon eine Krankheit, obwohl sie durch die Lehrbücher
und die Autoritäten noch nicht genügend als solche erkannt ist; und obendrein ist sie
auch noch die erste Ursache der meisten unserer unbedeutenderen oder gewöhnlichen
und vieler unserer schweren Krankheiten. Relative Azidose ist der Entkräfter, der
anderen anscheinend direkteren Ursachen erlaubt, ihre Wirkung zu entfalten, und ohne
den sie keine Wirksamkeit erlangen könnten.
Das normale Blut enthält mehr basische Elemente als saure; das ist notwendig, denn
die Basen neutralisieren die Säuren, indem sie sich in harmlose Salze verwandeln. Im
menschlichen Körper besteht ein gewisses normales Verhältnis zwischen basischen
und sauren Elementen, das die Gesundheit gewährleistet. Jede Zunahme der Säuren
über dieses normale Verhältnis hinaus wird dementsprechend die Gewebe reizen.
Nicht aus diesem Grunde allein wird zum Beispiel bei der Brightschen Krankheit der
Fleischgenuß untersagt, aber es ist ein Grund mehr für das Fleischverbot. Eine
Zunahme der Basen ist selten und reizt nicht, weil die normale Körperreaktion basisch
ist. Basen beruhigen im Gegenteil die Zellenstrukturen und die aus Zellen aufgebauten
Organe und Gewebe.
Woher stammen nun wohl die Säuren, die in unserem Körper entstehen?
Eine bedeutende Quelle für Körpersäuren ist die Zersetzung der Körpergewebe,
insbesondere der Arbeit leistenden Gewebe. Auch die Fettgewebe liefern durch ihre
Verbrennung und Abnützung Säuren ins Blut. Eine dritte Quelle für Säuren sind die
Speisen, die wir essen. Natürlich kann hier eingewendet werden, daß alle diese drei
Quellen im Grunde der Nahrung entstammen, und das ist richtig, da die Körpergewebe
ja nichts anderes als umgebildete Nährstoffe sind. Aber wir erhalten einen klareren
Überblick über die Ursachen der Azidose und ihre Beziehungen zur Gesundheit, wenn
wir die Unterscheidung zwischen den aus der Ernährung direkt und den aus dem
Körper fließenden Quellen machen. Denn die einen können nicht an ihrer Entstehung
verhindert oder in ihrer Zu- oder Abnahme kontrolliert werden, wohl aber die andern.
Säuren, die durch die Abnutzung des Körpers entstehen, können in ihrer Bildung nicht
beeinflußt werden, außer auf indirektem Wege, zum Beispiel durch tüchtige
Körperbewegung im Freien, bei welcher die vermehrte Sättigung des Blutes mit
Sauerstoff, die solchen Übungen folgt, in größerem Maße die Ausscheidung der

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Zellenabfallstoffe begünstigt. Aber unter bewußte Kontrolle dürfen die Säuren gar
nicht gestellt werden, selbst wenn es eine Möglichkeit dafür gäbe. Sie sind
physiologisch bedingt.
Mit Säurenahrung verhält es sich anders. Säure, die aus der Kost stammt, kann in
ihrer Entstehung sehr wohl kontrolliert werden. Azidose ist auch nie eine Folge der
Körperzellenabnützung. So oft Azidose auftritt, kann jedesmal konstatiert werden, daß
sie von eingenommenen Säuren herrührt und darum auf alle Fälle hätte vermieden
werden können. Da Azidose also ein Zustand ist, den das Individuum selber für sich
herbeiführt, sollte auch das Individuum selber die Verantwortung, das volle Lob oder
den vollen Tadel dafür erhalten und annehmen. Wäre Azidose ein wohltuender
Zustand, dann dürfte der Mensch, der sich in ihm befindet, frohlocken über diesen aus
eigener Kraft herbeigeführten Segen; ist der Zustand aber ein verderblicher, dann ist
für den, der Bescheid weiß, Anlaß zu zerknirschender Beschämung vorhanden; vor
allem ist dann die Verwunderung darüber, warum „Gott mich so heimsucht“, durchaus
unangebracht.
Die Nahrungsstoffe lassen sich in „säureüberschüssige“ und „basenüberschüssige“
einteilen. Die „säureüberschüssigen“ sind Nährsubstanzen, die nach Zersetzung durch
die Körpersäfte in ihre chemischen Elemente einen Überschuß an sauren Elementen
gegenüber den basischen im Blut und in den Geweben zurücklassen.
„Basenüberschüssige“ Nahrung ist solche, bei welcher nach Zersetzung im Körper ein
Überschuß von basenbildenden Elementen gegenüber den säurebildenden im Blut und
in den Geweben zurückbleibt.
Nach ihrer säure- oder basenbildenden Kraft kann man die beiden folgenden
Gruppen von Nahrungsmitteln unterscheiden:

Säurebildner

Alle Fleischnahrung (Wildbret, Fisch usw. inbegriffen)


Nüsse (außer Mandeln)
Erdnüsse
Böhnchen, Trockenerbsen, Linsen
Alle Körnerfrüchte, insbesondere weißes Mehl, verfeinerte Getreidespeisen und
polierter Reis
Zucker
Tee, Kaffee, Kakao
Alle Fette und Öle (Butter ist bloß, wenn im Übermaß genossen, säurebildend;
in mäßigen Mengen ist sie neutral)
Eiweiß
Käse

Basenbildner

Alle Früchte (süß oder sauer, frisch oder getrocknet)


Alle Gemüse (frisch oder gedörrt. Blattgemüse sind bessere Basenbildner als
Wurzelgemüse)

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Mandeln
Paranüsse
Milch (in allen Formen)

Die Nahrungsklassen, die relative Vermehrung der Säuren oder der sauren Salze im
Körper hervorrufen, sind den Diätforschern und den Biochemikern genügend bekannt,
ebenso diejenigen, welche eine Mehrung der alkalischen Salze in den Körpergeweben
verursachen. Aber für den Laien und oft auch für den Arzt, der sich in Diätfragen noch
nicht eingearbeitet hat, ist es oft nicht ganz leicht, sich eine richtige Vorstellung von
dem Unterschied zwischen Säure und säurebildend und zwischen Basen und
basenbildend zu machen. Wahrscheinlich wundert er sich darüber, daß Früchte wie die
Zitronen und die Tomaten, die für den Geschmack und bei der Lackmusprobe so
ausgesprochen sauer sind, trotzdem so starke Alkalibildner sein können. Da diese
Unterscheidung überaus wichtig ist, werde ich versuchen, sie klarzulegen.
Säure bezieht sich auf eine Substanz, welche im Kontakt mit einem chemischen
Reagens eine Säurereaktion zeigt. Zum Beispiel wird eine Säurelösung, gleichgültig
welcher Farbe sie sei, blaues Lackmuspapier rot färben, ein Beweis für ihre
Säurehaltigkeit. Säurebildend ist hingegen ein Nahrungsstoff, der unter dem Einflusse
der Verdauungssäfte im Magen Säuren bildet. Dasselbe, aber entgegengesetzt, gilt von
den Alkalien.
Betrachten wir beispielsweise die Zitrus – Früchte: Orangen- oder Zitronensaft
zeigen beide, wenn man sie mit einem chemischen Reagens in Verbindung bringt, eine
starke Säurereaktion, und dennoch zählen sie beide zu. unseren besten Alkalibildnern.
Die Erklärung liegt darin, daß der saure Bestandteil nicht mineralisch ist und der
alkalische oder basenbildende seiner Natur nach mineralisch. Die organische Säure
wird rasch oxydiert und verschwindet als Kohlensäure und Wasser, während das
basische Mineral als Natrium, Kalium usw. zurückbleibt, um sich mit anderen Stoffen
zu Salzen zu verbinden. Gewöhnlich bildet es mit Kohlenstoff Karbonate und
Bikarbonate von Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium, Lithium usw., die
Mineralsalze eben, welche den alkalischen Zustand des menschlichen Blutes
aufrechterhalten.
Die Säure, die sich in Zitrusfrüchten befindet, ist Zitronensäure; aber sie ist nicht
nur in freiem, sondern auch stets in gebundenem Zustande vorhanden und bildet in
Verbindung mit Basen eine andere, gänzlich verschiedene Substanz, ein lösbares Salz.
Die Stoffe, mit welchen die Zitronensäure sich verbunden hat, sind die alkalischen
Minerale: Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium usw. Wenn diese Salze in den
Verdauungsweg aufgenommen sind, werden sie wieder in ihre Bestandteile zersetzt —
freie Zitronensäure einerseits und freie Minerale, Kalzium, Natrium, Kalium usw.
andererseits. Das Säureelement, das frei geworden ist, vereinigt sich mit dem
Sauerstoff der anderen Nahrung oder des Wassers; es wird oxydiert und scheidet sich
im Schweiß, im Urin, im Atem aus, wie Wasser und Gas, und läßt die mineralischen
Alkalien zurück. Aber diese bleiben nicht frei. Fast unverzüglich bilden sie neue
Verbindungen, indem sie mit der Kohle aus der Stärke, aus dem Zucker oder aus fetten
Speisen sich zusammentun und wiederum lösliche Salze bilden: Natrium-, Kalium-,
Kalziumbikarbonate usw.; als solche werden sie ins Blut geführt, dessen normale, aus
stark sauren Früchten gebildete Basen sie sind. Diese Früchte werden also zwar als

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sauer empfunden und sauer genannt, sind aber basenbildend, das heißt, sie verwandeln
sich im Körper zu Basen, obwohl sie außerhalb des Körpers sauer sind. Der Arzt, der
selber kein Diätetiker ist, hat freilich die Gewohnheit, ihren Genuß für alle
Säureerkrankungen des Körpers zu untersagen; aber in Wirklichkeit gehören diese
Früchte zu den allerbesten Mitteln gegen Versäuerungszustände.
Manche Spezialisten setzen Pflaumen, Zwetschgen, Rhabarber und Preiselbeeren
auf die Liste der Säurebildner, weil sie kleine Mengen von Oxalsäure oder
Hippursäure enthalten, die nicht leicht oxydierbar sind und daher durch die Nieren als
Salze dieser Säuren ausgeschieden werden müssen; sie greifen deshalb die Nieren in
gewissem Maße an. Aber ich kann das Bedenken gegen diese Früchte dennoch nicht
teilen, es sei denn, daß es sich um einen Körper handelte, dessen Nieren ihre normale
Leistungsfähigkeit bereits eingebüßt haben. Normale Nieren werden alle solchen
Säurereste leicht ausscheiden (wie sie übrigens beständig aus anderen Quellen
herrührende Reste auszuscheiden haben) und keinerlei Anhäufungen im Körpersystem
zulassen, welche Ursache für Azidoseerkrankung werden könnten. Alle diese Früchte
enthalten außerdem noch andere Fruchtsäuren von großem körperaufbauendem und
belebendem Werte. Wollte man allerdings hauptsächlich von ihnen leben, so wäre die
Situation eine andere, weil es denkbar wäre, daß sich dann Ansammlungen bildeten.
Sie versäuern zwar den Urin, was gewöhnlich als Anzeichen dafür genommen wird,
daß sie dem Blute Säurereste zuführen; sie dürfen aber doch nicht als für das Blut
säurebildend angesehen werden, sondern sind das Gegenteil.
Wären Zwetschgen säurebildend, dann müßte ich schon längst unter Versäuerung
leiden, denn ich verzehre oft innert zwei oder drei Tagen an die zwei Pfund
gewöhnliche Zwetschgen. Ich esse sie allerdings eingeweicht und nie gekocht oder gar
mit Rohrzucker.
Die Bekömmlichkeit der säure- und basenbildenden Nahrungsmittel ist ein
vielumstrittenes Problem. So viel ist jedoch sicher: äße man reichlich und genügend
von Speisen, die von allen Forschern als einwandfrei basenbildend angesehen werden,
so bräuchte man sich nicht davor zu fürchten, auch von solchen Speisen in
vernünftigen Mengen zu essen, die von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet nicht
ganz einwandfrei sind*.
Nach der obigen Liste kann aus mindestens einem Dutzend Gemüsen und doppelt so
vielen Früchten samt einem Dutzend Beerenarten, die alle Basenbildner sind, gewählt
werden. Mit sechzig oder mehr köstlichen Frucht- und Gemüsesorten und obendrein
noch Milch in verschiedenartigster Beschaffenheit einerseits und mit der langen Liste
säurebildender Nahrungsmittel andererseits ist es jedem einzelnen anheimgestellt, sein
Blut nach Belieben normal alkalisch oder anomal azidotisch zu halten, indem er seine
Diät auf basen- oder säurebildende Kost einstellt.
Aber während dies theoretisch gesprochen leicht sein müßte, ist es praktisch nicht
ganz so einfach. Meine eigene Erfahrung lehrt mich, daß ein durchschnittliches
Verhältnis von etwa zwanzig Prozent Säurebildnern gegen achtzig Prozent
Basenbildner wenigstens annähernd eingehalten werden sollte, um das richtige
Gleichgewicht zwischen säurebildenden und basenbildenden Nahrungsstoffen und auf
diese Weise dem Blute einen nicht sauren, einen basischen Zustand zu sichern. Wenn
nicht achtzig Prozent unserer Nahrungsmenge basenbildend sind, das heißt im Blute
und in der Lymphe Basen bilden, dann stauen wir in unserem Blute und den
Zellenzwischenräumen Säurerückstände auf

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Diese Säurereste reizen die Zellen, stören früher oder später ihre Tätigkeit und
leiten Krankheiten in den aus Zellen bestehenden Organen ein.
Es ist nun aber eine feststehende Tatsache, daß wir an Hand der obigen
Nahrungsmittelliste selber nachprüfen können, daß wohl mindestens achtundneunzig
Prozent der Nahrung zivilisierter Menschen säurebildend sind, und daß sich im Blut, in
der

* Hier wendet eine gewisse Schule ein, die versäuernde oder alkalisierende Eigenschaft der
Nahrungszufuhr brauche nicht beachtet zu werden, denn der Organismus verfüge glücklicherweise über
eine Regulation, die das Blut immer in bestimmtem Grade leicht alkalisch halte. Es ist tatsächlich für den
zivilisierten Menschen ein großes Glück, daß diese Regulation unerhört leistungsfähig ist, denn wenn sie
aufhört, so hört bald auch das Leben selber auf, und bestünde sie nicht, so bestünde die seit einigen
Generationen übersäuerte zivilisierte Menschheit längst nicht mehr. Aber eben die ständige Belastung
und Überlastung dieser Regulation führt zu ungenügender Alkalireserve und schließlich zum
Zusammenbruch in Form einer Azidose und, durch Umschlagen ins Gegenteil, zur Alkalose.
Gesundheitsstörungen und mangelnde Widerstandskraft durch Übersäuerung zeigen sich aber, selbst
wenn das Saurebasengleichgewicht im Blut noch aufrechterhalten wird, schon lange vorher.
Anm. des Herausgebers.

Lymphe und in den festeren Geweben Säurereste aufspeichern.


Dieser Punkt darf nicht oberflächlich erledigt werden. Er ist nicht nur wichtig — er
ist wesentlich. Man versuche, sich ein Bild davon zu machen, was es heißt: zwanzig
Prozent der täglichen Nahrungsmenge gegen achtzig Prozent der täglichen
Nahrungsmenge. Wenn wir also unsere Kost für einen Tag in fünf Portionen von
gleicher Größe teilen, so dürfte eine dieser Portionen säurebildend und vier dieser
Portionen müßten alkalibildend sein. Ein Teil und vier Teile. Ein Fünftel gegen vier
Fünftel. Das bedeutet, daß nur ein Fünftel der Speisemenge, die man an einem Tage
verzehrt, aus Fleisch, Eiern, Fisch, Wildbret, Geflügel, tierischen Bestandteilen
überhaupt, Brot, Getreidespeisen und allem, was Mehl enthält, aus Fetten,
Zuckerwaren, Zucker, Konserven, Gelees, Tafelsirupen, Honig, Sodawasser,
Eiskremen, Tee, Kaffee, Kakao, Schokolade und alkoholischen Getränken bestehen
darf. Wenn weißes Brot, raffinierte Getreidespeisen wie Getreideflocken,
Weizenschleim, Stärkemehl, des Keimes entledigtes Kornmehl, ausgewalzter Hafer
und ähnliches mehr in der Speisenzusammenstellung stark vertreten sind, so sollte
noch weniger als ein Fünftel des Quantums aus saurer Kost bestehen, denn solche
Nährstoffe werden durch den Verfeinerungsprozeß in der Mühle noch künstlich
gesäuert. Vier Fünftel der täglichen Nahrungsmenge müssen aus der Liste der
Vegetabilien, der Früchte und der Milchprodukte, gewählt werden. Weitaus das beste
in dieser Auswahl sind die Zitrusfrüchte, die Blattgemüse (vorzugsweise roh zu essen)
und die Milch, welche man wenn möglich nicht sterilisiert und nicht pasteurisiert
trinken sollte.
Überwacht man in dieser Weise die Aufnahme der säure- und der basenbildenden
Speisen, so kann die relative Azidose leicht vermieden werden. Auf dieselbe Art kann
man auch jeglicher Überanstrengung der Organe und der Zellen und allem übrigen,
was den Körper befällt, wenn die Organe überreizt und überlastet sind, vorbeugen.
Wie verhält es sich nun mit der Diät der zivilisierten Menschheit? Sie besteht zu
einem großen Teil aus Fleisch, Eiern, Geflügel, Fetten, weißem Brot und unendlich
vielen Getreideprodukten, aus Klößen, Eierkuchen und Waffeln bis zu Mürbekuchen
und Pasteten; aus Getreideflocken, Getreideschleim und ähnlichen verfeinerten
Zerealien, aus geschälten Kartoffeln, poliertem Reis, Pfannkuchen, Backwerk,
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Konserven, Sirupen, großen Mengen raffinierten weißen Zuckers. Dazu kommen noch
Zuckerwaren. Eiscreme und so viele gefrorene Süßspeisen, süße Getränke,
Sodawassergebräue. Ungezählte Tausende sind Gewohnheitstrinker, was Tee, Kaffee
oder Kakao betrifft; unzählige sind Alkoholiker.
Wer eigentlich nimmt Früchte, Gemüse, Milch und Molkereiprodukte in den
täglichen Nahrungsbestand auf? Und doch sind sie unsere kräftigsten Alkalibildner.
Wer betrachtet sie in Wirklichkeit als Bestandteile seiner täglichen Nahrung, als die
eigentlichen aufbauenden Speisen? Die Antwort lautet leider: überaus wenige.
Millionen berühren kaum je ein einziges dieser Produkte. Millionen gegen jedes
Dutzend Leute, welche einer weiseren Einsicht folgen und sie Bestandteil ihrer
täglichen Mahlzeiten sein lassen!
Freilich, so wahr diese Behauptung auch leider im allgemeinen ist, so darf zum
Glück doch zugegeben werden, daß sie langsam weniger richtig zu werden beginnt.
Aber bis zum Ziele ist noch ein weiter Weg zu gehen.
0 ja, viele Kulturmenschen essen gewissermaßen Gemüse; aber sollen diese
Gemüse nicht dazu dienen, das Fleisch, den Fisch oder die Eier zu begleiten,
hervorzuheben, gewissermaßen einen Rahmen um sie zu bilden, vielleicht um alle drei
zusammen? Und zudem: werden nicht die Gemüse in der großen Mehrheit der Fälle
gesotten, ausgesotten . . . und wird nicht das Wasser, in dem sie gekocht worden sind,
den Schüttstein hinunterbefördert? Ja, auch das ist wahr. Und sind so widernatürlich
zubereitete Gemüse nicht tatsächlich für ihren Zweck, Basenbildner zu sein,
verdorben? Ach ja, ach ja!
Und werden die Früchte von den Leuten, die sie wirklich als Nahrung essen (es sind
ihrer wenige), nicht geschält und dann gekocht und dann mit mehr oder weniger,
gewöhnlich aber mit mehr, säurebildendem weißem Zucker bestreut? Und zerstört
nicht dieses Schälen, Kochen und Zuckern sämtliche basenbildenden Wirkungen
dieser Früchte? Gewiß! Was ist da zu sagen? Nichts — oder dann nur das eine, daß die
Ernährungsweise der Mehrzahl der modernen Menschen azidosebildend ist.
Hörst du das gerne? Nein? Ich auch nicht.
Aber noch immer hege ich den Verdacht, daß dieser oder jener meiner Leser mir
zurufen könnte: „Pah, die zivilisierte Menschheit lebt schon seit vielen Jahrhunderten
von dieser Kost und mit diesen Gewohnheiten! Was kann es schaden, wenn wir so
weitermachen?“ Ja, lieber Leser, wo hast du denn deine Augen? Oder wirkt der
Anblick des körperlichen Elends, das die zivilisierten Bewohner der fünf Kontinente
überflutet, beruhigend auf dein Gemüt? Vielleicht, Leser, bist du selbst ein Opfer der
Zivilisation; es dürfte sich dann lohnen, daß du Vorsicht übest. Wer Vorsicht übt,
braucht nicht unter allen Umständen ein Opfer zu bleiben.
Aber welche Kost ist denn nun eigentlich ideal? Welche Kost behütet vor Azidose?
In welcher Nahrung finden wir die notwendigen lebenspendenden Elemente, und
welche ist mineralreich und basenbildend, wie es der Körper benötigt?
Allein die natürliche! Natürliche Kost enthält unfehlbar die Eigenschaften, die wir zum
Aufbau unseres Körpers und zu seiner Erhaltung einzig benötigen; sie ist alkalibildend
und mineralreich; sie ist vor allem selbst lebendig und daher lebenspendend.
Ich möchte dem Leser noch einen Gedanken in bezug auf basische Mineralien und
hohen Blutdruck vermitteln. Unheilbarer hoher Blutdruck wird durch das Eindringen
von Kalk in die Arterienwände verursacht, wodurch die sogenannten
Pfeifenstielarterien entstehen, welche durch Druck von innen leicht zerrissen werden.

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Kalium ist ein Agens, das die festen Gewebe im Körper schmiegsam erhält und vor
Verhärtung und Versteifung bewahrt. Natrium hat in unserem Körper die Aufgabe,
Blut und Lymphe in einem Zustande größter Fliissigkeit zu erhalten und ihr Zäh- und
Dickwerden zu verhindern. Enthält aber unsere Nahrung wenig Kalium, dann wird
auch unser Körper arm an dieser Substanz sein, und die festen Gewebe, so auch die
Arterienwände, müssen an Elastizität dementsprechend einbüßen und sich verhärten.
Dann passen sie sich nicht mehr so willig dem einströmenden Blute an, so oft die
Herzkammern sich zusammenziehen und ihren Inhalt in die Arterien pumpen wollen.
Der niedrige Natriumgehalt des Blutes macht dieses dick und zäh, und das Herz muß
schwerer arbeiten, um es durch die steifen, nur teilweise mithelfenden Arterien zu
pressen. Solches Blut kann nicht so leicht in die Kapillaren dringen; es staut sich davor
und übt rückwärts in die Arterien einen Druck aus, der den Blutdruck in den
unelastischen Röhren erhöht. Je höher der Druck in den Arterien ist, desto mehr
verdicken sich die Arterienwände zum Schutze und Ausgleich; desto größer ist aber
auch die Anstrengung, welche vom Herzen verlangt wird. Und nun läuft das Unheil
ohne Unterbrechung im Kreis herum, wie es das 7. Kapitel („Unterentwickelte
Muskeln“) näher beschreibt. Überdies hat das Kalzium im Blute eine stärkere
Tendenz, sich wegen Mangels an Natrium in den Arterienwänden zu kristallisieren,
denn es ist eine der Aufgaben des Natriums, das Kalzium im Blute flüssig zu erhalten.
Verfeinerte Körnernahrung und gekochte, verwässerte Früchte- und Gemüsespeisen
entbehren dieser hauptsächlichsten Mineralien und ihrer belebenden Eigenschaften.
Rohe Früchte und Gemüse und Vollmehl- und Vollkornspeisen spenden Mineralien
und dementsprechend Energien aufs reichlichste*.
Man sollte versuchen, all diese Dinge nicht als akademische Tatsachen anzusehen,
sondern als Tatbestände, die unsere Lebensgewohnheiten betreffen und daher unser
Leben und uns selber in ganz direkter Weise interessieren müssen; in einer Weise, in
der uns nichts anderes Materielles interessieren und ergreifen kann.
Sowohl durch unsere Abhängigkeit vom Gesetz der Volksgewohnheiten als auch
durch die Entwicklung und Anpassung unserer Körpermechanik sind wir also zur
Kontrolle unserer täglichen Mahlzeiten gezwungen. Unsere tägliche Diät enthält aber
im allgemeinen anstatt der notwendigen achtzig Prozent nicht mehr als etwa
anderthalb bis zwei Prozent basenbildender, mineralreicher, lebendiger, natürlicher
Nahrungsstoffe. Eine solche Diät begünstigt die Aufspeicherung von Säureresten und
Abfallstoffen im Blut und in den Körpergeweben, die die Zelleneinheiten, aus welchen
unsere lebenswichtigen Organe sich zusammensetzen, reizen und überladen, die
Funktionen dieser Organe stören und sie letzten Endes vernichten.
Ist es da ein Wunder, daß Krankheit und frühzeitiges Sterben sich überall
einschleichen? Sollten wir uns nicht vielmehr darüber verwundern, daß der
menschliche Körper solchen Anstürmen jahrelang widerstehen kann?
Das alles muß anders werden. Und dazu ist vor allem nötig, daß wir lernen,
natürliche Kost von unnatürlicher zu unterscheiden.
Einen gewissen Verdacht gegen die Natürlichkeit unserer Kulturnahrungsmittel
mag der Leser nach allem Gesagten nun schon von selber hegen. Mit dieser
Einstellung wird er imstande sein, tiefer in die Frage der Natürlichkeit oder
Unnatürlichkeit zivilisierter Kost einzudringen.

* Näheren Einblick gewähren hier die Dr. Jackson anscheinend nicht bekannten Forschungen von

33
Eppinger und Kaunitz von der Wiener Medizinischen Klinik (1938). Der entscheidende Vorgang im
Verlauf der Ernährung spielt sich danach nicht im Darm, sondern beim Übergang der Nährflüssigkeit
von den äußersten Verästelungen des Blutadersystems, den Kapillaren, in die lebenden Zellen des
Organismus ab, ein Vorgang, der sich gleichzeitig im ganzen Körper millionenfach vollzieht. Die
Nährflüssigkeit muß dabei durch zwei feine Häutchen und einem Zwischenraum treten. Dasselbe gilt in
umgekehrter Richtung für die von den Zellen ans Blut abzugehenden Abfallstoffe. Dieses Hindurchtreten
geschieht nicht, wie man früher glaubte, nach dem bekannten Naturgesetz, wonach sich beidseitig ein
Ausgleich der Flüssigkeitszusammensetzung vollzieht, vielmehr wird gerade umgekehrt und im Gegensatz
zu diesem Naturgesetz eine möglichst große Gegensatzspannung der Flüssigkeitszusammensetzung
erstrebt. Das Blut soll z. B. Kochsalz enthalten, die Zelle aber nicht; die Zelle hingegen soll reich an
Kalium sein, das Blut aber nicht. In der lebendigen Zelle, so muß angenommen werden, sitzt eine
souveräne Instanz, die das Kalium heranziehen und das Natrium wegstoßen kann, und die in gleicher
Weise eine Auswahl (Selektion) unter den herangeführten Stoffen der Nährflüssigkeit vornimmt. Je
gesünder die Zelle, desto kräftiger kann sie diese Fähigkeit ausüben, je kränker, desto mehr vollzieht sich
ein Ausgleich; wenn die Zelle stirbt, erlischt alle Gegensatzspannung, und es tritt ein vollständiger
Ausgleich ein. Bei fast allen Wienern, welche von Eppinger und Kaunitz untersucht wurden, auch bei den
Nichtkranken, war diese vitale Spannung stark herabgemindert und zugleich die Widerstandsfähigkeit
gegenüber Krankheiten verringert. Versuche, die Selektionsfähigkeit der Zellen durch Zufuhr von
Mineralstoffgemischen und verschiedene Diätarten wiederherzustellen, ergaben, daß dieses Ziel einzig
und allein durch vegetabile Rohdiät (im Sinne Bircher-Benners) sicher und verhältnismäßig rasch
erreicht werden kann, und daß dadurch zugleich bei den Kranken eine intensive Heilungstendenz einsetzt.
Anm. des Herausgebers.
Aus der vorherrschenden Verwendung im täglichen Speisezettel ergibt sich folgende
Abstufung in bezug auf Häufigkeit des Gebrauchs: Getreidespeisen, Fleisch,
Kartoffeln, Milch, Eier, Zucker, Konserven, Gemüse und Früchte. Bei einem großen
Teil der Menschen jedoch, die für zivilisiert gelten wollen, nimmt Milch einen noch
niedrigeren Platz als den ihr hier zugeteilten ein.
Betrachten wir diese Liste, so sind wir merkwürdigerweise gezwungen zuzugeben,
daß jeder einzelne Posten ein natürliches Nahrungsmittel darstellt, in dem Sinne, daß
es kein künstlich zusammengestelltes Produkt ist. Wenn wir dabei stehenbleiben
würden, müßten wir den Schluß ziehen, daß die Nahrung der Kulturmenschen in
keinem wesentlichen Punkt für die überall herrschenden Krankheiten der Zivilisation
verantwortlich gemacht werden darf. Aber bevor wir überhaupt ein Urteil fällen,
wollen wir uns fragen, welches die Zubereitungsmethoden dieser Nahrungsmittel sind.
Greifen die Herstellungsverfahren in irgendeiner deutlichen Weise das Wesen der
einzelnen Nahrungsmittel an, verändern sie ihre Qualität? Mit dieser Frage wird das
Ernährungsproblem erst interessant, so interessant, daß wir diesen Punkt ausführlich
betrachten müssen.

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4. KAPITEL

Unsere Nahrungsmittel

Wenn wir die Qualität unserer Nahrungsmittel betrachten, so läßt sich folgende
Einteilung vornehmen:

Getreidenahrung Mehl und seine Produkte, Brot usw.


Kuchen, Backwerk, Pudding usw.
andere Getreidespeisen
Reis

Fleischnahrung Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Wildbret,


Geflügel, Fisch, Schalentiere usw.

Molkereiprodukte Milch, Rahm, Buttermilch, Butter, Käse, Quark usw.

Zucker Rohrzucker, Melasse, Zuckersirup, Kornsirup

Früchtekonserven in Zucker eingemachte Früchte


in Essig eingemachte Früchte
gedörrte Früchte

Gemüsekonserven durch Erhitzung konserviertes Büchsengemüse


in Essig konserviertes Gemüse
gedörrtes Gemüse
durch Kälte konserviertes Gemüse

Frisches Gemüse
Kartoffeln

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Honig
Süße Früchte
Frisches Obst
Nüsse, Mandeln usw.

In dieser Reihenfolge wollen wir die einzelnen Nahrungsmittel nunmehr betrachten.

Mehl. Wenn man die Getreidekörner durch Mahlen, Zerdrücken oder Zerstampfen
pulverisiert, bis sie zu dem feinen Staub zerrieben sind, den wir Mehl nennen,
verändern sich ihre Eigenschaften für Nahrungszwecke nicht wesentlich; sie bleiben
Energie erzeugendes Brennmaterial und Aufbaustoff für den Körper. Solche
Zerkleinerung tut mit den Körnern nur das, was in jedem Falle die Zähne besorgen
müssen, bevor die Speise geschluckt, verdaut und vom Körpermechanismus verwendet
werden kann. — Aber es gibt Mehl und Mehl; es gibt nämlich auch weißes,
gebeuteltes Mehl. Das ist Mehl, aus dem die Kleie, der fettige Keim und das braune
Mehl vermittelst Siebens durch Beutelseide entfernt worden sind. Die Beutelseide, ein
sehr feinmaschiges Gewebe, läßt wenig anderes zwischen den Maschen hindurch als
die Stärke und den Kleber (das Gluten) der Getreidekörner. Der Rückstand, der viele
der besten Salze, Fette, Zellstoffe und Vitamine dieser Körner enthält, wird als
Abfallprodukt und Viehfutter verkauft. Dieses bedeutet, daß das weiße Mehl keine
Wachstumsvitamine enthält. Auch Kalzium, Phosphor, Magnesium und Fluor, aus
denen sich die harte Substanz der Zähne und des sie bedeckenden Schmelzes bildet,
Kalzium und Phosphor, welche die Knochen aufbauen, Natrium und Kalium, Eisen,
Schwefel und alle anderen wichtigen mineralischen Stoffe sind großenteils aus dem
weißen Mehl entfernt worden, zu dem einzigen Zwecke, dasselbe weiß zu machen,
was die geschäftliche Rentabilität verbessern soll.
Durch diesen Raffinierungsprozeß entfernen die Müller so viele der wertvollsten
körperbelebenden und körperaufbauenden Elemente, die als Erwecker der Lebenskraft
und als Bildner des Körpers nötig sind.
Damit hat es jedoch nicht sein Bewenden, denn einige der auf diese Weise
entfernten Bestandteile braucht der Körper dringend zur richtigen Verwertung der
Stoffe, die nach der Verfeinerung noch im weißen Mehl zurückbleiben. Diese Stoffe
können deshalb vom Körper auch nicht verarbeitet werden.
Weißes Brot ist so naturwidrig, daß Tiere, die man ausschließlich damit füttert, an
mehrfacher Neuritis erkranken und bald eingehen, wenn diese einseitige Fütterung
beibehalten wird.
Fast ohne Ausnahme ist die "Weißbrotgewohnheit der zivilisierten Menschheit
zudem auch eine Frischbrotgewohnheit. Die meisten Menschen sind der Ansicht, daß
das Brot am besten schmecke, wenn es erst wenige Stunden alt sei oder gerade aus
dem Backofen komme; auf jeden Fall dürfe es nicht älter sein als vierundzwanzig
Stunden. Es ist aber eine altbekannte Tatsache, daß solches Brot unverdaulich und
daher als Nahrung unbrauchbar und ohne belebenden Einfluß ist. Es enthält nämlich
noch große Mengen von Hefegasen und kann sich in seinem teigigen Zustand
unmöglich mit dem Speichel vermischen, ohne den im Magen überhaupt nichts
verdaut wird. Jedermann weiß das, und dennoch ißt nahezu jedermann frisches Brot.
Frisches weißes Brot wird zum größten Teil durch Gärung in Produkte aufgelöst,
die den Körper vergiften, anstatt ihn zu ernähren, die seine Gewebe nicht aufbauen und

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seine Zellen nicht beleben, sondern sie im Gegenteil zerstören — es sei denn, die
Verdauung gehe in einem außerordentlich kräftig arbeitenden System derart
beschleunigt vor sich, daß nichts Nachteiliges sich ereignen kann. Aber nicht jeder, der
an Verdauungsstörungen leidet, hat das Glück, im Magen die entsprechenden
Belästigungen zu spüren. Nur Personen mit empfindlichem Magen merken die
Warnung. Und oft sind sie die Bevorzugten, denn ihre Leiden lehren sie, den Magen,
dieses feingebaute Organ, mit Rücksicht zu behandeln.
Zum Thema des weißen Brotes gehört auch noch die Feststellung, daß frisches Brot
keineswegs an Verdaulichkeit und gesundheitsförderndem Wert gewinnt, wenn man
Butter und Konfitüre in irgendeiner Form dick darauf streicht, um das Ganze mit
wenigen heißhungrigen Bissen im Munde zu einer teigigen Masse zu zerkauen und es
dann hinunterzuschlingen. Auch durch rasches Anrösten einer dünnen braunen
Schicht, die die zähe Teigmasse des Brotinnern bedeckt, wird frisches weißes Brot
nicht bekömmlicher, ebensowenig dadurch, daß die gerösteten Brotschnitten mit
Butter bestrichen werden, denn die schmelzende Butter durchdringt die
Stärkekörnchen so ausgiebig mit Fett, daß die Verdauungsenzyme diese Körnchen
unmöglich erreichen können.
Natürlich gilt alles Gesagte in demselben, ja noch in verstärktem Maße auch für
heiße Teebiskuits, Backwerk, üppige Puddinge, reiche oder einfache Kuchen, die man
aus weißem Mehl, Zucker, Eiern, Backpulver, mürbem Teig, Obstkonserven,
Fruchtgelee, frischem oder gedörrtem Obst, Gewürzen usw. bereitet. Alle diese
Speisen sind so weit von Nahrungsnatürlichkeit entfernt wie der Osten vom Westen.
Mag solches Essen auch scheinbar verdaut werden — es kann kein natürliches
menschliches Fleisch bilden noch den lebendigen Körper aufbauen, und was es nicht
kann, tut es auch nicht.

Getreidespeisen. Auch sie üben größte Belebungskraft aus, wenn sie nicht durch
künstliche Prozesse ihrer Qualität als natürliche Nahrungsmittel beraubt werden. Man
muß aber leider sagen, daß die modernen Getreidenahrungsmittel — von sehr wenigen
Ausnahmen abgesehen — keineswegs als natürliche Kost gelten dürfen. Der Hersteller
dieser Produkte weiß oft nicht, daß das allgemein übliche Entfernen des
Lebenskeimes, der Kleie und des braunen Mehls, auch die Pflanzenfette, die reichen
Mineralsalze, die Vitamine entfernt. Und in vielen Fällen würde die Erkenntnis dieser
Tatsache wenig ausrichten, weil sie mit der Rendite in Widerstreit gerät; Berufszweck
ist ja der Geschäftsgewinn.
Getreideprodukte, die noch Keimlinge und Kleie enthalten, verderben leichter. Sie
sind energiehaltiger, und die instinktiv handelnden Insekten wissen das; darum suchen
sie gerade solche Produkte auf, um ihre Eier darin abzulegen. Unbeirrbarer Instinkt
läßt sie das Richtige finden. Wie steht es dagegen mit dem Instinkt der
Menschenmütter, die ihre Kinder so reichlich mit Weißbrot nähren?
Es ist nachgewiesen worden, daß weiche, teigige Getreidenahrung die
Speichelabsonderung nicht anregt, und doch hängt die Verdauung der Körnerfrüchte
von der Speichelabsonderung ab, weil sie vorwiegend stärkehaltig sind. Die
Magensäfte können Stärke überhaupt nicht verdauen. Sobald die Magensäfte sich
durch die Magendrüsen in das Mageninnere ergießen, hört jede Stärkeverdauung, die
im Magen noch vor sich gehen könnte, nachdem die Speise beim Durchgang durch
den Mund mit Speichel vermischt worden ist, augenblicklich auf. Denn die Stärke

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kann im Magen durch den Speichel nur verdaut werden, solange er alkalisch bleibt,
und da die saure Magensekretion den alkalischen Speichel neutralisiert, muß die
Stärkeverarbeitung aufhören, sobald die Magensäfte dazutreten. Daher ist es sehr
wichtig, daß die stärkehaltigen Getreidespeisen gründlich mit Speichel vermengt
werden, bevor sie in den Magen hinunter gelangen. Und aus dem gleichen Grunde ist
es notwendig, Zerealien zu genießen, die die Speichelabsonderung anregen, weil es
schwierig ist, die teigigen, weichen Bissen so lange im Mund zu behalten, bis der
Speichel sie vollkommen durchdrungen hat.
Getreidenahrung, die das Ganze des Kornes enthält, kann nicht pappig und weich
werden; die kleiehaltige Zellulose und das braune Mehl verhindern das.
Die ausgewalzten, geflockten und zerstampften Zerealien werden leicht teigig,
dagegen die in den altmodischen Tuffstein- oder den modernen Stahlwalzenmühlen
gemahlenen nicht. Solche Körnerfrüchte können nicht teigig werden, nicht einmal,
wenn man sie stundenlang kocht. Ihr körniger Charakter regt von selbst den Fluß des
Speichels im Munde an, und dies wird unterstützt durch die mechanische Anregung
der kleiehaltigen Zellulose. Beide, die Zellulose und die Körner, erhöhen die Porosität
der Nahrungsmasse, so daß sie sich bequem mit dem Speichel, der ihre Stärke
verdauen soll, vermischen kann. Aus diesen Gründen sind die körnigen Zerealien allen
andern als Getreidenahrung vorzuziehen; sie sind die natürlichen Zerealien.
Es ist wichtig, die Getreidespeisen unmittelbar vor der Mahlzeit zu kochen; auch
sollten sie schnell gekocht werden. Das Kochen ist die einzige unnatürliche Prozedur
bei Vollkornnahrungsmitteln. Daher sind sie völlig natürlicher Kost um so näher, je
kürzere Zeit sie gekocht und je rascher sie gegessen werden, nachdem sie sich leicht
abgekühlt haben.
Dagegen gehören die ausgewalzten und zerstoßenen Getreidepräparate und die in
der Fabrik vorgekochten nicht zu den natürlichen Nahrungsmitteln, ebensowenig die
ganz gekochten, die geflockten und klein geschnittenen, die zum Essen fertig gerichtet
sind. Diese Art Nahrung kann die greifbare Substanz unseres Körpers wohl aufbauen
helfen, aber den Körper niemals mit genügend Kraft und Widerstandsfähigkeit
versehen.
Ganze Getreidekörner tragen, solange sie nicht gekocht worden sind, noch immer
das lebensweckende Prinzip in ihrem Keime; unter entsprechenden Verhältnissen
werden sie keimen, und aus ihnen wird sich eine neue Pflanze, ein neues Leben
entwickeln. Aber wenn ein Samenkorn einmal durchgekocht ist, so ist es leblos, und
kein neues Leben kann sich mehr daraus entfalten, gleichviel, ob es den Keim noch
besitzt oder nicht, denn der Keim selber ist nun tot.
Getreidekörner, die in der Fabrik gekocht wurden und hernach im Handel auf den
Verbrauch warten, kann man in bezug auf ihre belebenden Qualitäten in dieselbe
Klasse einreihen wie Fleischnahrung, die nicht unmittelbar nach dem Töten des Tieres
verzehrt wird. Beide haben durch die lange Trennung von ihrem kraftspendenden
Prinzip ihre anregende Lebenskraft verloren, und wer sich ausgiebig von ihnen
ernährt, darf nicht auf Zufuhr von Vitalität oder auf die Ausbildung einer großen
Widerstandsfähigkeit gegenüber den bedrohlichen Einflüssen des Lebens hoffen.
Früher oder später muß dieser zersetzende Prozeß zu körperlicher Krankheit führen.
Wenn die Getreidenahrung aber in richtiger Weise, nicht pappig und weich, aus
ganzen Körnern zubereitet wird, so daß die kleiehaltige Zellulose den fettigen,
mineralreichen Keim und das gut mineraldurchsetzte braune Mehl neben dem weißen

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aus dem Innern des Getreidekorns beibehält, darf man sie zu den natürlichsten aller
menschlichen Nahrungsmitteln rechnen.

Reis. Der Reis ist gleichfalls eine Körnerfrucht, die besonders in Asien weite
Verbreitung gefunden hat. Die zivilisierten Rassen „verfeinern“ den Reis im
allgemeinen auf ähnliche Weise wie die Getreidekörner. Die äußere Kleie- oder
Zellstoffhülle wird dabei entfernt, und mit ihr der fettige Lebenskeim sowie ein großer
Teil der mineralischen Salze und Vitamine. Nachdem ihm so sein Zellstoff, seine
Mineralsalze und seine Vitamine entzogen worden sind, wird der „polierte“ oder
„geschälte“ Reis befeuchtet und mit Talk, dem Stoff, der im Handel als Talgpulver
verkauft wird, überzogen, um die Körner noch weißer zu machen. Als natürliches
Nahrungsmittel im Sinne der vorangegangenen Ausführungen kann nur der
ungeschälte Reis betrachtet werden.

Fleischkost. Auch der Körper eines kurz zuvor getöteten Tieres, das sich im
Augenblick seiner Tötung in voller Gesundheit befand, kann einwandfreie
menschliche Nahrung liefern, denn solch ein tierischer Körper enthält jeden
aufbauenden Stoff in genau den Proportionen, die der menschliche Körper braucht (*1.
Ich spreche freilich vom tierischen Körper und nicht von seinen Muskeln oder seinem
Fett, den einzigen Teilen, die der zivilisierte Mensch gewöhnlich als Nahrung zu sich
nimmt.
Verteidiger der Fleischkost bringen immer wieder das Argument vor, daß
fleischessende Stämme wie die Eskimos bei fast ausschließlicher Fleischkost kräftig
und gesund sein können. Sie verschweigen aber, daß die Eskimos keineswegs nur
Muskelfleisch und Speck essen. Sie würden das auch nicht zu behaupten wagen, denn
es wäre gelogen. Eskimos und andere hauptsächlich Fleisch essende Stämme
verzehren die Leber, das Herz, das Bauchfell und andere Organe, das Fett und
manchmal auch die Muskeln; außerdem — und das ist die Hauptsache — trinken sie
große Mengen tierischen Blutes; sie essen ihre Tiernahrung frisch geschlachtet und zu
einem großen Teil roh. Wird das Fleisch so genossen, dann muß man es
selbstverständlich auch eine natürliche Nahrung nennen.
Es ist dann wie jede natürliche Nahrung reich an Energiespendern, Salzen,
Wachstums- und Ersatzvitaminen (*2.
Aber essen die zivilisierten Völker das Fleisch je auf diese Art? Nicht daß ich
wüßte! Bei ihnen muß es gut ausgeblutet und gewöhnlich auch gelagert sein, damit es
als genießbar gilt. Daß Knochen, Knorpel, Gehirn, innere Organe und vor allem Blut
in frischem Zustande menschliche Nahrung sein könnten, das kommt den meisten
Angehörigen zivilisierter Völker gar nicht in den Sinn.
Die Entziehung der lebendigen Kraft durch das Kochen des Fleisches läßt sich freilich
zur Not als bloß passives oder negatives Übel ansehen; weit gefährlicher und
gesundheitsschädigender ist das Lagern des Fleisches, wodurch es zart und weich
werden soll. In dem Augenblick, da das Leben aus dem Körper entweicht, beginnt die
Verwesung.

*1) Richtiger ist es, zu sagen: die der menschliche Körper für seinen Aufbau braucht. Da der
Aufbaubedarf des menschlichen Körpers beim Erwachsenen aber nur 1/20 bis 1/25 seines Betriebsbedarfs
ausmacht, entspricht solche Nahrung nicht dem Gesamtbedarf.

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Anm. des Herausgeben.

*2) Die Dr. Jackson wohl noch nicht bekannten, sehr genauen Ergebnisse der dänischen Höygaard-
Expedition., erzielt bei Untersuchungen an den Angmagsalik – Eskimos in Ostgrönland, bieten hier
wertvolle Ergänzung. Diese vom Welthandel abgeschlossenen Eskimos leben fast allein von dem, was sie
erlegen und sammeln können, ein sehr mühsames und dürftiges Leben am Rande menschlicher Existenz-
und Anpassungsmöglichkeit. Ihre Nahrung ist immerhin sehr naturnah und ihre Gesundheit, wenigstens
in jungen Jahren, besser als die der mit europäischen Lebensmitteln versorgten Westgrönländer. Die
Angmagsalik – Eskimos leben zu mehr als 9/10 von Fleisch und im übrigen von gesammelten Land- und
Meerpflanzen. Ihr täglicher Nährstoffverbrauch beträgt durchschnittlich: 299 g Eiweiß, 169 g Fett, 122 g
Kohlehydrate. Das Fleisch wird, trotz des kalten Klimas, zur Hauptsache unerhitzt und roh genossen, in
erster Linie Blut und Fett, dann innere Organe und nur, wenn der Hunger groß ist, auch noch
Muskelfleisch. Kochsalz wird verabscheut. Der Durst ist sehr groß. Bei solcher Nahrung, die zwar
naturnah, aber sehr einseitig ist, haben diese Eskimos als junge Leute eine recht gute Gesundheit; aber
schon mit 35 Jahren, also in der Mitte des Lebens, werden sie durch Arteriosklerose derart schwerfällig,
daß die Männer bei ihrer lebenswichtigen Verrichtung, der Jagd, bald umkommen und kaum je über 50
Jahre alt werden (mittlere Lebensdauer: 27 ½ Jahre!). Es gibt wohl nichts, was besser als dies die
Tatsache beleuchten würde, daß die Natur den Menschen nicht als Fleischesser geschaffen hat, es sei denn
der Umstand, daß jenes Volk, das fast ohne Fleisch, aber hauptsächlich von ungekochter oder wenig
erhitzter Nahrung, namentlich von Obst, Getreide und Grüngemüse, leben muß, nämlich das Volk von
Hunsa am Karakoram, nach den Untersuchungen von Sir Robert McCarrison nicht nur bemerkenswert
frei von Krankheiten ist, sondern überdies sehr alt wird und dabei jugendliches Aussehen und große
Beweglichkeit bewahrt (siehe Ralph Bircher, „Hunsa — das Volk, das keine Krankheit kennt“, Hans
Huber Verlag, Bern).
Anm. des Herausgebers.
Je mehr Zeit verstreicht, um so größer wird bei allen Nahrungsmitteln der Verlust
an energischen Eigenschaften, und, um so größer wird auch, besonders beim Fleisch,
die Gefahr der Verwesungsgifte. Ob gefroren oder nicht, das Fleisch wimmelt wenige
Stunden nach der Tötung des Tieres von Fäulnisbakterien. Diese Mikroorganismen
können sich unmöglich vermehren, ohne jene Gifte zu erzeugen, die ihrem
Lebensprozeß entstammen. Wenn man also Fleisch ißt, muß man auch die
Verwesungsprodukte mitessen.
So gleicht, das muß klargestellt werden, die Art des Fleischessens, wie sie in
zivilisierten Ländern geübt wird, dem Fleischgenuß bei den Eskimos in ähnlicher
Weise, wie etwa Nektar und Ambrosia einer angebrannten Mehlsuppe gleichen
mögen. Wir dürfen nicht vergessen, daß Fleisch schlecht wird, lange bevor unser
Geruchsinn es bemerkt, und wir dürfen auch nicht vergessen, daß es eben der Zerfall
ist, der das gelagerte Fleisch „zart“ macht. Die meisten zivilisierten Menschen wollen
ihre Fleischnahrung aber recht zart haben.
Eingemachtes Fleisch, Pökel- und Rauchfleisch, überhaupt alle Arten von
konserviertem Fleisch, haben als Nahrungsmittel den Nachteil, daß sie ihrer
Natürlichkeit gänzlich beraubt sind. Erstens werden sie erst lange nach der Tötung des
Tieres verzehrt; das lebendige Prinzip fehlt ihnen also schon seit langem. Zweitens
werden sie ausgiebig bei hohen Temperaturen gekocht; dadurch wird alles zerstört,
was noch an Vitamin A und C in ihnen enthalten sein könnte. Drittens sind sie oft mit
Salz oder anderen konservierenden Chemikalien durchsetzt, was wiederum die geringe
Menge von Mineralsalzen, die sie enthalten, vermindert oder zerstört.
Diese Behauptungen sind weder Theorie noch Phantastereien. Die Erfahrungen
vieler Polarforscher haben bewiesen, daß Büchsenfleisch sowie alle nicht frischen
Fleischarten auch in ungesalzenem Zustand nicht vor Skorbut schützen, während
frisch geschlachtetes ungesalzenes Fleisch den Skorbut an der Weiterentwicklung
hindert, ja, ihn noch in vorgeschrittenem Stadium heilen kann. Doch muß es frisch

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geschlachtetes, nicht ausgeblutetes, ganz (oder fast ganz) roh genossenes Fleisch sein,
und mit ihm zusammen muß möglichst viel von den inneren Organen wie Leber, Herz,
Milz, Gehirn usw. verzehrt werden. Auf diese Weise genossen, ist Fleisch natürliche,
energetische Nahrung; wie man es aber bei uns genießt, ist es eine denkbar
unnatürliche Speise.
Fleischbrühen, Fleischextrakte und Suppenwürfel, mögen sie im Handel noch so
hoch angepriesen werden, haben nicht den geringsten wahren Nährwert, und man kann
sie unter keinen Umständen mehr als Energiespender bezeichnen. Die Hitze löst das
tierische Eiweiß nicht auf, und alle Mineralsalze, die sich aus dem Fleisch in die Brühe
auflösen lassen, werden durch das lange Erhitzen, das bei der Zubereitung nötig ist,
zerstört. Ein berühmter englischer Arzt und Physiologe, Dr. Abernethy, antwortete auf
die Frage nach dem Nährwert guter Fleischbrühe, sie sei ungefähr auf dieselbe Stufe
zu setzen wie guter Urin. Das ist durchaus wahr. Eine Analyse der Fleischbrühe ergibt
einen ganz ähnlichen Befund wie eine Harnanalyse — und warum sollte es anders
sein? Urin ist eine wässerige Lösung der verbrauchten Mineralsalze und des
Körpereiweißes aus Endprodukten der Verdauung, vor allem von Fleisch und anderer
eiweißhaltiger Nahrung herrührend. Fleischbrühe ist die wässerige Lösung von
Extraktivstoffen, welche zum großen Teil aus den Abfallprodukten des
Eiweißstoffwechsels und verbrauchten Mineralsalzen bestehen, die das Tier vor seiner
Tötung noch nicht ausgeschieden hatte. Die „anregende“ Wirkung sagt nichts
zugunsten der Fleischbrühe aus. Viele Gifte wie Alkohol und Kokain regen anfänglich
auch an; nachher entkräften sie; die Entkräftung tritt aber erst in späteren Stadien oder
gar erst im Endstadium ein. Die Reaktion auf alle künstlichen Reizmittel ist
Depression. Meine feste Überzeugung ist, daß mancher Kranke, der durch Frucht- und
Gemüsesäfte hätte genesen können, durch den Genuß von Fleischbrühe und anderen
schädlichen Gaben sogenannter Krankendiät so schwer geschädigt worden ist, daß der
Fall hoffnungslos wurde.

Eier. Eier, die mit oder ohne Schale leicht gekocht oder weich gesotten werden,
sind natürliche Nahrungsmittel, denn durch sehr leichtes Kochen wird ihnen nichts
entzogen, es wird nichts hinzugefügt und auch nichts Wesentliches verändert. Aber
hartgesottene Eier sind durch das lange Kochen entkräftet, obwohl sie noch immer als
Körperbaustoff gelten können. Rühreier, Eieromeletten und Spiegeleier sind ihrer
Natürlichkeit beraubte Nahrungsmittel, genau so wie hartgesottene Eier, mit dem
einzigen Unterschied, daß die letztgenannten schwerer verdaulich sind. Alte oder
eingetrocknete Eier sind ungesund, aus dem gleichen Grunde wie altes gelagertes
Fleisch schlecht ist.

Milch. Vor allem muß gesagt werden, daß die Milch in den Städten nie ganz frisch
ist; sie ist sogar oft abgestanden, und diese abgestandene Milch lassen viele Leute
noch zu Hause herumstehen, manchmal gar bis zum nächsten Tag. Während dieser
Zeit schwinden und degenerieren die Gesundheit spendenden Eigenschaften der Milch
viel rascher als die körperaufbauenden. — Ferner wird die in den Städten verbrauchte
Milch vor dem Verkauf meistens noch pasteurisiert oder sterilisiert, was bekanntlich
die Vitamine vermindert oder zerstört. Wie wahr das ist, sieht man an der Tatsache,
daß die Ärzte Säuglingen, die bei pasteurisierter Milch erkranken, zur Heilung rohe
Milch verschreiben. — Man sucht die Pasteurisierung damit zu rechtfertigen, daß sie

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gewisse Krankheitskeime tötet. Da aber nicht alle schädlichen Keime getötet werden,
sondern gerade einige der bösartigsten lebendig bleiben, wird der Wert des Verfahrens
als Schutzmaßregel oft angezweifelt. Es muß auch zugegeben werden, daß rohe Milch
besser kräftigt und dem Körper größere Widerstandskraft verleiht. Rohe Milch ist
daher jeder präparierten weit vorzuziehen, wenn man sie in sauberem Zustand erhalten
kann.
Die Erzeugnisse der Natur sind eben, wie wir zwar wissen sollten, aber leider
immer noch nicht genügend wissen, in ihrer Art vollkommen, und wir dürfen uns
keine Eingriffe unter dem Vorwand der Verbesserung an ihnen erlauben. Gerade die
subtilen Energiestoffe des natürlichen Zustandes sind sehr leicht veränderlich und
zerstörbar.
Milch ist die vollkommene Nahrung für Kleinkinder. Für alle Stufen über dem
Säuglingsalter jedoch fehlen ihr Eisen, Kohlehydrate und Zellulose oder
Rohfaserstoffe. Wollte ein Erwachsener ausschließlich von Milch leben, was er wohl
tun könnte, so wäre er gezwungen, weit mehr zu sich zu nehmen, als für alle anderen
Bedürfnisse seines Körpers notwendig ist, nur damit ihm genügend Eisen,
Kohlehydrate und Ballaststoffe zugeführt werden. Das Übermaß an Eiweißstoffen und
Salzen jedoch, das dem Körper auf diese Weise zugeführt wird, kann mit weit weniger
Reizung und Anstrengung der Ausscheidungsorgane wieder weggeschafft werden als
eine gleiche Übermenge dieser Substanzen aus irgendeiner anderen Nahrungsquelle,
ganz besonders aus Fleischgerichten.
Selbstverständlich nimmt man bei dieser Feststellung an, daß die Milch natürlich,
rein und frisch sei. Wenn ihre Natur dagegen durch irgendeinen Eingriff verändert
wird, so ist die Behauptung, daß ein Erwachsener mit ihr ohne zusätzliche Nahrung
völlig gesund leben könne, falsch.
Unsere Milchversorgung ist aber oft schon von Anfang an unnatürlich, weil wir mit
falscher Fütterung des Viehes beginnen. Die Kühe bekommen besonders rationell
ausgedachtes Futter, das die Milchabsonderung mächtig fördert. Dieses Futter besteht
größtenteils aus Abfällen menschlicher Nahrungsmittel, die in Fabriken verarbeitet
werden. Es sind dies diejenigen Teile unserer Nahrungsmittel, welche die
„Sachverständigen“ um der Verfeinerung willen entfernen ließen. Einige dieser
Abfälle stammen aus Getreidemühlen, andere aus Branntweinbrennereien und
Brauereien, andere aus Rübenzuckerraffinerien und wieder andere, wie die Melassen,
aus Rohrzuckerraffinerien. Es sind selbstverständlich die billigsten Abfälle, mit Salzen
überladen. Sie stammen aus allen möglichen Quellen, aber alle sind so unnatürlich wie
unsere menschlichen Nahrungsmittel. Die Milch, die von so ernährten Kühen geliefert
wird, muß unnatürlich sein und ist es auch; das gefütterte Vieh ist ebenso ungesund
wie die Menschen, die es dazu zwingen, solches Futter zu fressen und daraus Milch zu
produzieren.
Alle Ärzte wissen heute, daß die Vitamine der Milch vermindert werden oder —
vor allem das Vitamin C — ganz verschwinden, wenn die Kühe Trockenfutter statt
Frischfutter bekommen; man kann sich daher leicht vorstellen, was für einen Einfluß
gar jenes entartete Futter, das unsere Milchkühe erhalten, auf die Marktmilch haben
muß.
Aber das ist noch nicht alles. Vielfach bleiben die Milchkühe Tag und Nacht
angebunden in ihren oft ganz ungelüfteten Ställen, und oft läßt man den Kot sich
anhäufen, bis der Gestank so arg wird, daß ein Mensch, der nicht daran gewöhnt ist,

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nicht mehr atmen zu können glaubt. Man bedenke doch: die Kühe sind von der Natur
dazu bestimmt, frei zu weiden, reine Luft einzuatmen und sich von Nahrungsstoffen,
wie sie Gott erschuf, zu ernähren. Nun werden sie an Ketten gelegt und zum Teil mit
Abfällen gefüttert... Würde unser eigener Organismus seiner natürlichen Bestimmung
gemäß arbeiten, wenn er so behandelt würde? Gewiß nicht; er täte es nicht, weil er es
nicht tun könnte.
Doch da ist mir unversehens ein Irrtum aus der Feder geflossen. Leben denn nicht
auch wir Menschen in Häuser eingesperrt, abgeschlossen von Gottes herrlicher freier
Luft? Ist nicht unsere Haut eingepackt in so und so viele unnatürliche Hüllen?
Ernähren wir uns nicht großenteils von widernatürlicher Kost? Ja, freilich, und deshalb
kann unser Organismus nicht funktionieren, wie Gott es haben möchte. Und der
Organismus einer Kuh kann unter solchen Umständen eben auch nicht funktionieren,
wie er sollte.
Aber das ist immer noch nicht alles. Wenn die Kühe gemolken werden, so geschieht
das meistens in dunstigen Ställen. Nach dem Melken scheidet man wohl auch die
Milch, um hernach den Rahm und die entrahmte Milch wiederum in gewissen
Proportionen von Milch und Butterfett zu hochwertiger Milch zu mischen, die eine
vorgeschriebene Menge von Rahm enthalten muß. Dann wird die Milch zwanzig oder
dreißig Minuten lang auf 65 bis 70° C erwärmt, darauf rasch abgekühlt und bis zur
Ablieferung an die Konsumenten kalt aufbewahrt.
All dieses wird einem der empfindlichst organisierten Nahrungsstoffe angetan. Daß
solche Manipulationen die lebenspendenden Eigentümlichkeiten dieses fein
reagierenden Nährstoffes nicht beeinträchtigen, kann im Ernst niemand glauben.
Riesige Mengen solcher Milch werden verdunstet, kondensiert, pulverisiert. Allein
die Vereinigten Staaten produzieren jährlich anderthalb bis zwei Millionen Pfund
konservierter Milch. Ich verurteile diese Milchkonservierungsverfahren nicht. Bei
unserer heutigen sozialen Organisation mögen sie Vorteile bieten, vielleicht sogar
notwendig sein. Aber wir sollen wissen, daß solche Nahrungsmittel entwertet sind, und
uns dadurch anspornen lassen, etwas in dieser Richtung zu tun.

Rahm. Ohne Zweifel leben diejenigen, die sich den Luxus von viel „gutem, dickem
Rahm“ gestatten, bei im übrigen gleichen Lebensbedingungen nicht so lange wie die,
welche gezwungen sind, Vollmilch zu nehmen. — Tiere und wildlebende Menschen
kennen keinen einzigen abgetrennten Teilnahrungsstoff, wie es unter anderem der
Rahm ist. Die Natur hat wohl den Rahm als einen Bestandteil der Milch selber
geschaffen; das ganze Gemisch gehört aber zusammen, und alle wildlebenden
Geschöpfe, die sich von Milch ernähren, konsumieren die ganze unveränderte Milch.
Nur der Kulturmensch in seinem unaufhörlichen Bestreben, Gott und die Natur zu
überbieten, ist auf den Gedanken gekommen, eine verfeinerte, konzentrierte Milch in
Form von Rahm zu gebrauchen. Das soll freilich den Rahm als Nahrung nicht
herabsetzen, wenn er durch genügend andere natürliche Kost ausgeglichen wird.
Streng zu rügen ist aber jedenfalls die Gewohnheit, Rahm zu genießen.

Buttermilch. In der Buttermilch fehlt ein sehr wichtiges Nahrungselement, das


Butterfett; der natürliche Ausgleich ihrer Bestandteile ist daher verlorengegangen.
Zwar hat die Milchsäure, welche die Buttermilch sauer werden läßt, einen hemmenden
Einfluß auf die Entwicklung der Fäulnisbakterien in den Eingeweiden und ihre

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Giftproduktion. Dieser Vorteil wird aber durch die oft große Zeitspanne, die vergeht,
bis die dem lebenden Tiere abgenommene und von seinem Lebenskreislauf getrennte
Milch zu Butter wird, zunichte gemacht. Wenn man jedoch genug frische, süße Milch
in ihrem natürlichen Zustand zu sich nimmt, ist es unwahrscheinlich, daß der Genuß
von Buttermilch in vernünftigen Mengen großen Schaden anrichten kann. Es kann
sogar sein, daß sie für gewisse Personen, nämlich für starke Konsumenten von „gut
gelagertem Muskelfleisch“, sehr bekömmlich ist. Der Dickdarm solcher Menschen ist
mit Fäulnisbakterien förmlich durchsetzt, und die Milchsäurebazillen, welche die
Buttermilch sauer machen, sind die natürlichen Feinde dieser Fäulniserreger. Bloß
dürfte Buttermilch nicht zu Fleischmahlzeiten genossen werden.
Noch von einem andern Gesichtspunkte aus ist Buttermilch entwertete Nahrung und
daher in gewissem Maße unbekömmlich, und zwar in bezug auf die Salzmenge, die sie
enthält. Da schon kleine Zugaben von Salz in der Buttermilch auf den menschlichen
Körper nachteilig wirken, um wie viel schlimmer sind dann die Fälle, in denen Leute,
wie ich selber gesehen habe, halbe Teelöffelvoll Salz in die ohnehin salzige
Buttermilch schütten — dies übrigens ein neuer Beweis dafür, daß Kulturmenschen
leben, wie sie wollen, nicht wie sie sollen.

Butter. Dieselben Bemerkungen, die ich bereits über den Rahm machte, gelten auch
für die Butter. Sie kann in gewissem Sinne als natürliches Produkt betrachtet werden;
dennoch ist sie eine sehr unnatürliche Nahrung. Natürlich ist sie in dem Sinne, daß sie
nicht auf künstlichem Wege hergestellt wird, aber unnatürlich insofern, als die Natur
sie nicht in der Form, in welcher wir sie genießen, liefert. — Kein wilddiebendes
Wesen nimmt irgendein ähnlich einseitiges Nahrungsmittel zu sich. Nur die
zivilisierten Menschen konnten auf den Gedanken der Lostrennung und selbständigen
Verwertung dieses Bestandteiles eines der wichtigsten Nahrungsmittel verfallen.

Käse. Dieselbe Unnatürlichkeit zeichnet auch Käse jeder Gattung aus. Käse ist
keine natürliche Kost, denn er ist von den anderen Bestandteilen der natürlichen
Vollmilch abgesondert worden. Es ist zwar nicht zu bestreiten, daß die
körperaufbauenden Eigenschaften des Käses gut sind, aber ich habe schon mehrmals
darauf hingewiesen, daß wir mehr als Körperaufbau brauchen; wir brauchen auch
Widerstandsfähigkeit und Lebenskraft, und beide finden sich in den natürlichen
Nahrungsstoffen nicht mehr. wenn unsere „Verbesserungskunst“ sich an ihnen
versucht hat.
Alle diese Milchprodukte, ich wiederhole es, lehne ich nicht ab; ich versuche nur
aufzuzeigen, daß sie ihre Natürlichkeit verloren haben. Diese teilweise Entwertung
sollte durch Konsumierung genügender Mengen von Nahrungsmitteln, welche die
Mängel ausgleichen, aufgehoben werden.

Zucker. Unter Zucker versteht man meistens das aus dein Saft des Zuckerrohrs oder
der Zuckerrübe zubereitete Produkt, wie es im Handel vertrieben wird. In seinem
braunen, unraffinierten, leicht feuchten Zustand ist dieser Zucker in gewissem Sinne
ein natürliches Nahrungsmittel, das — mit aromatischen Eigenschaften ausgestattet —
aus einem Saccharid- oder Süßstoff, Eiweißstoffen, gewissen Harzen, Gummi und
Mineralsalzen besteht. In Wirklichkeit ist unser Zucker aber doch kein Naturprodukt!
Natürlich ist nur der Saft, aus dem man ihn bereitet. doch wird dieser Saft bei der

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Zuckerfabrikation künstlich durch Hitze konzentriert, und dabei werden die
natürlichen Verhältnisse zwischen den einzelnen Bestandteilen, aus denen er
zusammengesetzt ist, zerstört. Ein ausgiebiger Gebrauch sogar des „natürlichen“
braunen Zuckers wird daher ohne Zweifel das Gleichgewicht jeder denkbaren Diät
beeinträchtigen.
Aber in seinem „natürlichen“ braunen Zustand wird der Zucker heutzutage selten
benützt. An seine Stelle ist fast überall der weiße, raffinierte Zucker getreten. In
solchem Zucker ist tatsächlich von seiner Natur nichts übrig geblieben als der
Süßstoff, das Saccharid. Nachdem der Zucker mittels Filterung durch gebrannten
Knochenstaub oder Mehl gebleicht worden ist, behandelt man ihn mit Waschblau, um
ein noch intensiveres Weiß zu erzielen, nicht unähnlich der Wäsche, die nach ihrer
Reinigung auch „gebläut“ wird. In welcher Menge auch immer man diesen weißen
Zucker verzehrt, und gleichgültig, welche Speisenauswahl dies betrifft, stets wirkt er
gleichgewichtsstörend in der allgemeinen Zusammensetzung der körperaufbauenden
Nährstoffe, denn weißer Zucker, das ist nicht schwer einzusehen, ist so weit entfernt
von Natürlichkeit wie die Hölle vom Himmel.
Rohrzucker, brauner oder weißer, ist chemisch betrachtet ein Polysaccharid. Dies
bedeutet unter anderem, daß er nicht direkt ins Blut aufgenommen werden kann. Bevor
er als Nahrung wirken kann, muß er durch die Säfte gewisser Zellen, die dem
Verdauungskanal entlang angeordnet sind, in ein Monosaccharid verwandelt werden,
eine einfachere Form von Zucker. Hierin liegt ein großer diätischer Nachteil. Wird
Rohrzucker allein gegessen, so geht diese Umwandlung ohne Schwierigkeit vor sich.
Aber ohne Zugabe verzehrter Rohrzucker hat die unangenehme Eigenschaft, die
Schleimhäute des Magens zu stark zu reizen. Außerdem kann weißer Zucker niemals
in irgendeinem Sinne auch nur als körperaufbauend angesehen werden, während
brauner, roher Rohrzucker wenigstens einige körperbildende Stoffe in Form von
mineralischen Salzen liefert; aber sogar brauner Zucker kann größtenteils nur
Körperwärme produzieren, und weißer Zucker überhaupt nichts anderes.
Trotz alledem stehen wir der rätselhaften Tatsache gegenüber, daß an recht heißen
Sommertagen die Leute gesüßte Getränke in großen Mengen hinunterstürzen und
süße, kalte Cremes und Gefrorenes verschlucken, in der Einbildung, sich abzukühlen,
obwohl es erwiesen ist, daß jeder Schluck dem Körper zusätzliche Warme zuführt.
Weißer Zucker versieht den Körper mit einer unglaublichen Menge von
Körperwärme. Erhält der Körper aber zuviel dieser Wärme, was sehr leicht
vorkommen kann, so werden zu große Anforderungen an den die Körperwärme
regelnden Mechanismus gestellt, denn der Körper ist weder anatomisch noch
physiologisch darauf eingerichtet, so konzentrierte Wärmezufuhr auszunützen. Es
leuchtet daher ohne weiteres ein, daß es für den menschlichen Organismus
physiologisch unmöglich ist, von solcher Nahrung ausgiebigen Gebrauch zu machen,
ohne die Organe zu überanstrengen. Anderseits wird der Zucker, in größeren Mengen
mit anderen Speisen zusammen genossen, nur langsam aufgenommen, und während
dieses Vorgangs kann, besonders in einem langsam arbeitenden Magen, eine Gärung
stattfinden, durch welche Kohlendioxyd (C02) und andere Säuren erzeugt werden,
unter Umständen auch etwas Alkohol.
In Anbetracht der Menge anderer Wärme zuführender Nahrungsmittel, der Fette
und der Stärken, die man zu gleicher Zeit zu sich nimmt, sollte selbstverständlich die
Zuckerration zuweilen noch doppelt vorsichtig bemessen werden.

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Eine Gefahr des Zuckers liegt auch in seiner unnatürlichen Konzentration. Die
Natur erzeugt den Zucker im Zuckerrohr und in der Zuckerrübe, die ihn in mehr oder
weniger starker Verdünnung enthalten. Tiere fressen diese Futtermittel in ihrem
ganzen, unbeeinträchtigten Zustande, und dies bekommt ihnen sehr gut dank der in
diesem Zuckergehalt vorhandenen Kohlehydrate und der damit verbundenen Harze,
Gummistoffe, Salze usw. Plantagenarbeiter sollen sehr zum Vorteil ihrer Gesundheit
das rohe Zuckerrohr kauen; Arbeitstiere fressen es und gewinnen daraus die genannten
Nahrungsqualitäten in den von der Natur gewählten Verhältnissen und in
vollkommener Zusammenstellung. Es ist ja auch nicht anders zu erwarten, als daß der
Genuß natürlicher Nahrungsmittel letzten Endes alle Bedürfnisse besser befriedigt als
der beste Ersatz. Man gebe der Natur die Möglichkeit freier Verfügung, und sie wird
stets (scheinbar) Wunder wirken. Das Unnatürliche dagegen verwüstet die
Einrichtungen des menschlichen Körpers; und der Teufel der Unnatürlichkeit ist von
der Zivilisation zum Götzen erhoben worden, der ihr Verderben bringt. Primitive
Menschen und wilde Tiere wissen nichts von Zuckerkrankheit; sie kennen allerdings
auch den raffinierten Zucker nicht.
David Livingstone, so wird berichtet, fristete sein Leben in Afrika lange Zeit
hindurch mit einer täglichen Ration von wenigen Stücken Zuckerrohr. Er erfreute sich
Jahr für Jahr bester Gesundheit, wohingegen keiner seiner weißen Begleiter das Klima
der äquatorischen Urwälder länger als ein Jahr aushalten konnte, weil sie mit der
komplizierten Kost, deren sie zu bedürfen glaubten, nicht zweckmäßig ernährt waren.
Weißer Zucker ist nun zwar der konzentrierteste Nahrungsstoff, den wir besitzen. In
Nordamerika aber verbraucht jeder Mann, jede Frau, jedes Kind durchschnittlich
hundert Pfund im Jahr, und das ist zuviel. Außerdem konsumieren die Amerikaner
noch riesige Mengen der nächstkonzentrierten Nährstoffe, des weißen Mehls und der
verfeinerten Getreidespeisen, die ebenfalls bedeutende Wärme erzeugende Wirkungen
ausüben. Dazu werden noch große Quantitäten entwerteter, geschälter und
entwässerter, gesalzener und zerstoßener oder zu Brei gerührter und gebackener
Kartoffeln gegessen, gleich große Mengen konzentrierter Tafelsirupe, verfeinerte
Erzeugnisse der Zuckerraffinerien geschluckt, Konfitüren, Marmeladen, Fruchtgelees,
alle mit weißem Zucker hergestellt, verzehrt. Deshalb ist Nordamerika mit seiner
Anzahl von Zuckerkranken führend in der Welt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Gebrauch von Zucker in seinem
raffinierten Zustande für uns überhaupt bloß möglich ist, weil die gute Natur ihre
Gaben uns Sterblichen freigebig austeilt und uns einen Überschuß an Lebenskraft über
unsere täglichen Bedürfnisse hinaus zugesprochen hat, der uns befähigt, eine Zeitlang
bedeutende Anstrengungen der Organe und der Zellen auszuhalten. Aber niemand
kann wissen, wie lange es dauert, bis dieser Überschuß beim einzelnen erschöpft ist.
Ahornzucker ist auch Rohrzucker und, solange er nicht raffiniert wird, ein
natürliches Produkt. Aber in unserer zivilisierten Welt findet er zu selten Verwendung,
um irgendeinen wirklichen Einfluß zu haben. Und in den jüngsten Jahren hat sich die
Verfeinerungsleidenschaft auch auf ihn ausgedehnt, obwohl bis jetzt noch nicht sein
ganzer Ahorncharakter aus ihm herausraffiniert werden konnte.

Zuckersirup (Melasse). Das ist die nicht kristallisierbare „Mutterflüssigkeit“, die aus
dem kristallisierten braunen Zucker während der Zuckerbereitung aus Zuckerrohr
abgezogen wird. In früheren Zeiten des Plantagenzuckers und sogar in den Anfängen

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des Raffinierens hatten die Melassen jede Eigenschaft des Rohrsaftes, weil bloß ein
Teil der Süßstoffe als Zucker aus ihnen entfernt worden war. Aber die Melassen aus
modernen Raffinerien sind etwas ganz anderes. Sozusagen alle Saccharose ist entfernt,
und eine sehr stark schmeckende Flüssigkeit bleibt zurück, die im allgemeinen als zu
reich an Salzen angesehen werden muß. Während weißer Zucker an Mineralsalzen arm
ist, ja nahezu keine enthält, entdecken wir bei den Melassen den entgegengesetzten
Fehler, weil die besonderen Salze, welche die Natur dem Zucker beigibt und die in
ihm verbleiben sollten, fast gänzlich in die Melasse übergehen. So sind die Melassen
ebensoweit von der natürlichen Beschaffenheit des Zuckers entfernt wie der Zucker
selber, nur in entgegengesetztem Sinne.

Kornsirup (Glukose). In der Theorie wird der Kornsirup für eine zuträgliche
Nahrung gehalten, und wenn er chemisch rein wäre, sollte er so leicht verdaulich sein
wie reiner Honig, denn auch Glukose ist ein Monosaccharid und kann direkt, das heißt,
ohne Umsetzung, verdaut werden. Überdies ist Glukose gerade die Form, auf welche
Zucker oder Kohlehydrate aller Gattungen durch die Zellentätigkeit des Körpers
zurückgeführt werden, bevor der Blutkreislauf sie aufnimmt. Reine Glukose würde
daher eine große Energieersparnis für den Körper bedeuten, weil kein Kraftaufwand
mehr benötigt wird, um sie für die Aufnahme und die endliche Oxydierung in den
Geweben zwecks Freimachung von Körperenergie und Wärme vorzubereiten.
Allerdings müßte die Glukose in kleinen Mengen gebraucht werden, damit Übermaß
vermieden wird.
In der Praxis läßt sich gegen Kornsirup einwenden, daß er ebenso konzentriert und
dadurch ebenso naturfremd ist wie weißer Zucker, ebenso arm an mineralischen
Salzen, Gummi, Harzen, aromatischen Eigenschaften, Zellulose und Vitaminen. Auch
ist er selten chemisch rein, denn durch die Chemikalien, die bei seiner Erzeugung
verwendet werden, wird er leicht verdorben, und der Konsument hat keine
Möglichkeit zu erkennen, ob die Ware rein ist oder nicht.
In der Wahl zwischen unverdorbenem Kornsirup und raffiniertem weißem Zucker
zu gleichen Teilen müßte der Vorzug jedoch immerhin dem Kornsirup gegeben
werden, da er die Gefahr der Gärung während des Verdauungsprozesses. nicht in sich
trägt. Er muß sich diesem Prozesse ja gar nicht unterziehen; wie er ist, kann er sofort
absorbiert werden. Glukose in reinem Zustand mag sogar von vielen als gutes
Nahrungsmittel angesehen werden; doch wer der Natur folgen will, wird sich seine
eigene Meinung darüber bilden, die mit derjenigen der Glukosefabrikanten nicht ganz
übereinstimmen kann.

Konservierte Früchte. Alle Arten süß eingemachter Früchte sind in weißem Zucker
konserviert. Sogar in natürlichem braunem Zucker eingemacht, wären sie weit entfernt
von einem natürlichen Nahrungsmittel; aber der unausgeglichene weiße Zucker
verdirbt sie vollständig.
In Rohrzucker eingemachte Früchte erzeugen fast immer Gärung, es sei denn, sie
werden nur in bescheidenen Mengen genossen. Für die meisten Leute sind sie schwer
verdaulich. In viel Zucker eingemachtes Obst ist immer schädlich.
In Essigsaucen eingemachte Früchte sind überhaupt keine Früchte mehr und
besitzen auch keinen der den Früchten eigenen Nährwert. Über ihre Unnatürlichkeit
kann daher kein Zweifel herrschen.

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Dagegen stehen Früchte, welche durch Dörren, das heißt Wasserentziehung,
konserviert wurden, frischen Früchten näher im Wert, wenn das Dörren in der
richtigen Art und Weise stattgefunden hat. In gedörrten Früchten ist nicht bloß eine
Überfülle an Mineralsalzen vorhanden, sondern auch ein großer Reichtum an Energie
in dem überaus reichhaltigen Fruchtzuckervorrat. Dieser Fruchtzucker ist ein
Monosaccharid und wird ohne Umsetzung durch die Säfte des Verdauungskanals
verarbeitet. Er wird unmittelbar absorbiert und dient daher dem Körper sofort als
Quelle von Lebensenergie, ohne die Körperkräfte zur Vorbereitung der Oxydation in
Anspruch zu nehmen, ein Vorgang, durch den in vielen Fällen potentielle Energie erst
in verfügbare verwandelt werden muß.
Früchte haben auch, ob in gedörrtem oder in frischem Zustand genossen,
darmregulierende Wirkung und verhindern auf diese Weise die Bildung von Fäulnis
und Verwesung im Verdauungskanal.
Getrocknete Früchte kommen gleich nach den rohen Früchten. Die besten
getrockneten Früchte sind die an der Sonne gedörrten, denn sie erhalten durch die
Aufnahme gewisser Energieschwingungen der Sonnenstrahlen den Impuls zur
Belebung. Jedoch auch die in Dörranlagen getrockneten Früchte haben
ausgesprochenen Nährwert; ihnen ist bloß das Wasser entzogen worden, und wenn
natürliches rohes Obst nicht zu haben ist, können sie ausgezeichnete Dienste leisten.
Werden aber die Früchte während der Trocknung geschwefelt oder mit andern
Chemikalien behandelt, was so oft geschieht, damit sie ihre Farbe beibehalten, so
verändern sie sich selbstverständlich zu ganz unnatürlicher Nahrung.
In Büchsen oder Flaschen mit wenig oder keinem Zucker eingemachtes Obst ist viel
wertvoller als solches, das zu Marmelade, Gelee, Fruchtsaft usw. in stark zuckerigen
Lösungen verarbeitet wurde. Derartiges Obst büßt zwar durch das Schälen und das
Erhitzen einen Teil seines Vollwertes ein, aber es wäre unwahr, zu behaupten, daß in
der richtigen Weise eingemachte Früchte in irgendeiner Beziehung schädlich seien.
Der Genuß wirkt weniger gesundheitsfördernd als der Genuß der natürlichen Früchte;
aber sie sind sehr viel wertvollere Kost als süß konserviertes Obst in allen Formen.
Vor allem haben sie nicht den Nachteil der Verbindung mit einer Menge Rohrzucker.
Wenn nun aber auch solche Früchte in Zeiten, wo natürliches Obst nicht zu haben
ist, an dessen Stelle treten können, darf man doch nie vergessen, daß sie in
Wirklichkeit kein vollwertiger Ersatz für natürliches Obst sind. Diese Feststellung gilt
für alle Nahrungsmittel, die in irgendeiner Weise behandelt werden.

Eingemachtes Gemüse. Beim Einmachen von Gemüsen wird meist die Einwirkung
von Hitze zu Hilfe genommen. Der größte Nachteil solcher Methoden ist, daß dabei
die Vitamine leicht zerstört werden. Freilich besteht noch ein anderer Nachteil. Je
rascher nämlich eine Speise verzehrt wird, nachdem sie gekocht worden ist, desto
gesünder ist ihre Wirkung; denn die Speisen verlieren nach dem Kochen ihre
Lebenskraft spendende Wirkung bald. Alle Nahrungsmittel, die lange aufbewahrt
werden, büßen, auch wenn sie nicht gekocht worden sind, an Kraftwirkung ein. Altes
Obst und Gemüse, altes Fleisch und alte Eier sind weniger wertvolle Nahrung als die
gleichen Lebensmittel im frischen Zustand. Ich will damit nicht sagen, daß sie die
Fähigkeit, Knochen und Gewebe aufzubauen, verlieren; aber sie haben keine Kraft
mehr, den Körper zu beleben, ihn mit Widerstandskraft auszustatten. Büchsengemüse
erscheinen zwar äußerlich noch als natürliche Nahrungsmittel, enthalten aber dennoch

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keine Naturkraft mehr. Die unnatürlichste Art der Gemüsekonservierung ist das
Einpökeln. Wie die Essigfrüchte keine Früchte mehr sind, so kann auch das
eingepökelte Gemüse nicht als wirkliches Gemüse angesehen werden, weil es im
Körper nicht mehr als Gemüse wirkt. Beim Einpökeln tritt ja noch ein anderer
Bestandteil zur Kochhitze hinzu: der Essig, durch den die Verdaulichkeit und der
Nährwert schwer beeinträchtigt werden.

Frisches Gemüse. Dies wäre ein lohnendes Thema für ein ganzes Buch. Viele
Kapitel könnte ich füllen mit der Beschreibung der Verfahren, durch welche die
zivilisierte Menschheit dieses wertvollste aller Nahrungsmittel verdirbt. Leider kann
ich nur allgemein auf diese Verkehrtheiten hinweisen. Ich hoffe jedoch, daß es mir
gelingt, den Leser davon zu überzeugen, wie außerordentlich wichtig es ist,
aufzuwachen und sich abzuwenden von den falschen Auffassungen und Methoden
einer unwissenden Vergangenheit.
Die Gemüse sind ganz bedeutende Energiespender, eine natürliche Quelle kräftiger
Belebung des menschlichen Körpers. Besonders vorteilhaft ist, daß sie auch beim
Lagern verhältnismäßig lange ihre lebenspendende Kraft beibehalten. Und doch
bezieht der Kulturmensch nur geringe Lebensimpulse aus dieser großen natürlichen
Quelle. Warum? Weil man die Gemüse bei der Zubereitung verdirbt.
Es ist eine Tatsache, daß die meisten in unseren Küchen zubereiteten Gemüse zu
stark gekocht — und gewöhnlich verkocht werden. „Gute Köche“ und „gute
Köchinnen“ sind meistens überzeugt, daß Gemüse gekocht werden müssen, bis sie
weich sind, und bei blättrigen Gemüsen bedeutet dies das Stadium, wo sie beinahe ihre
ganze ursprüngliche Farbe verloren haben. Kluge Leute würden diese Dummheit nicht
begehen, wenn sie wüßten, daß die Gemüse desto lebensärmer werden, je länger man
sie kocht. Auch würde sie niemand so weich gekocht verzehren, wenn es allgemeiner
bekannt wäre, wie wertvoll für die Verdauung und die Erhaltung der Zähne das Kauen
der weniger durchgekochten oder rohen Gemüse ist. Und davon abgesehen: wie sehr,
wie vollständig zerstört so langes Kochen den feinen Geschmack und das zarte, den
Gemüsen eigene Aroma! So entwertend und daher töricht das allgemein übliche lange
Kochen der Gemüse aber auch ist, es stellt doch erst die letzte der Maßnahmen zur
Nahrungsentwertung dar, deren sich „gute Köche“ schuldig machen.
„Gute Köche“ waschen zuerst das Gemüse sehr gründlich. Das geschieht auch ganz
zu Recht, vorausgesetzt, daß es bei einem bloßen Abwaschen bleibt. Aber oft läßt man
die Gemüse lange Zeit im Wasser liegen und wäscht sie dann noch gründlich durch.
Ich habe bereits erläutert, welchen Wert die mineralischen Salze für die Übertragung
der Lebenskraft auf den menschlichen Körper und daher für dessen Gesundheit haben.
Wenn man nun die Gemüse in der oben beschriebenen Art einweicht, so wird ein
beträchtlicher Teil der wertvollsten Mineralsalze herausgeschwemmt, und ebenso ein
Teil des zarten Aromas, das an diese Salze gebunden ist.
Der „gute Koch“ geht aber noch weiter. Er — oder sie — gießt das Wasser, in dem
das Gemüse gekocht worden ist, unfehlbar in den Schüttstein. Die „allerbesten Köche“
tun sogar noch mehr: Sie kochen die Gemüse zweimal in Wasser und gießen nach
jedem Kochen das Wasser sorgfältig ab. Und die „wirklich Sachverständigen“ fügen
dem Kochwasser stets ein wenig Salz und eine Messerspitze Soda bei.
Wie viele mineralische Salze, Vitamine und andere energiespendende Stoffe
enthalten die Gemüse nach all diesen Prozeduren der „Fachleute“ noch? Ich will es

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glatt heraussagen, für den Fall, daß jemand die Antwort nicht selber finden sollte:
keine. Der Leser könnte seine Familie ebensogut mit Sägemehl füttern.
Eine weitere schlechte Angewohnheit der „guten Köche“ besteht darin, fettes
Fleisch mit gewissen Gemüsen wie Kohl, Rosenkohl usw. zusammen zu kochen. Auch
den Brauch, die Wurzelgemüse wie Rüben, Karotten, Runkelrüben und andere dick zu
schälen, darf ich nicht verschweigen. Das ist zwar schlechte Praktik; sie kann aber
hingehen, wenn die Gemüse nicht allzu „gut“ durchgekocht werden; denn im
Gegensatz zu den Körnerfrüchten sind Salze und Zellulose in den Wurzelgemüsen in
der Regel gleichmäßig durch die ganze Substanz der Wurzel verteilt, abgesehen von
wenigen Ausnahmen, zu denen die Kartoffel gehört.
Wie sollen denn aber Gemüse gekocht werden? Ich antworte, daß die meisten aus
den schon angegebenen Gründen überhaupt nicht gekocht werden sollten. Das Kochen
zerstört ihre lebenspendenden Kräfte, wenn auch nicht immer die körperaufbauenden
Eigenschaften. Gekochte Gemüse sind tote Gemüse. Ungekochte Gemüse sind
Energieträger und Lebenspender, bis sie in Zersetzung übergehen. Diese
lebenspendende Beschaffenheit wird man begreifen können, wenn man bedenkt, wie
lange Zeit ungekochtes Gemüse sich „hält“, wie rasch dagegen gekochtes verdirbt. Die
Bakterien der Zersetzung können die lebende Gemüsepflanze nur schwer angreifen;
die gekochte jedoch, aus der das Leben mit seiner Kraft entflohen ist, bietet dem
Angriff der Gärungs- und Fäulnismikroben freies Feld. Bauen wir unseren Körper aus
diesen entwerteten, vitaminarmen und naturwidrigen Nahrungsmitteln auf, aus
gekochten Gemüsen, denen die Minerale, die Salze und die Lebenskräfte entzogen
wurden, die von Soda durchtränkt und von Hitze zerstört sind, so bedeutet das
geradezu eine Einladung an die Bakterien, uns zu überfallen.
Leider wird wohl ein Menschenalter vergehen, bevor diese Wahrheiten über
Lebenskraft spendende Nahrung in den Köpfen der Kulturmenschen Eingang zu
finden beginnen. Bis dahin werden die meisten von uns gekochtes, totes Gemüse
essen. Welch trostreiche und erfreuliche Aussicht!
Wenn das Gemüse aber schon gekocht sein muß, so sollte es wenigstens richtig
gekocht werden — sofern man überhaupt bei einer verkehrten Handlung von einer
richtigen Art der Ausführung sprechen kann. Es gibt freilich Gemüse, welche gekocht
werden müssen — aber auch sie dürfen niemals stark gekocht werden. Die richtige Art
des Kochens für alle Gemüse ist Backen oder Dünsten. Weder Butter noch Fett noch
Salz noch Würze dürfen während des Kochens hinzugefügt werden.

Kartoffeln. Der Kartoffel müssen wir als Hauptnährstoff nach den Körnerfrüchten
einen besonderen Abschnitt einräumen. Die Kartoffel besteht zum großen Teil aus
Stärke. Ihre durchschnittliche Zusammensetzung ist folgende: 2½ % Eiweißstoffe,
½ % Mineralstoffe, 20% Kohlehydrate (hauptsächlich Stärke) und 76 % Wasser. Aus
dieser ungefähren Analyse geht hervor, daß die Kartoffel eine ungewöhnlich große
Menge Mineralstoffe enthält. Das allein schon ist von außerordentlicher Bedeutung;
besonders wichtig ist jedoch, daß diese Mineralstoffe in der Hauptsache aus Natrium,
Kalium, Kalzium und Eisen bestehen, alles Alkalien oder Basen, und zwar —
abgesehen vom Kalzium — die für die Erhaltung unserer Gesundheit wichtigsten
Basen. Deshalb ist die Kartoffel das einzige stärkereiche, von den zivilisierten Völkern
benützte Nahrungsmittel, welches dem Blut und den Geweben einen Überschuß an
basischen Mineralstoffen gegenüber den Säuremineralien liefert. Sie hat für ein so

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stärkereiches Nahrungsmittel eine ungewöhnlich gute chemische Beziehung zum Blut
und ist eine erstklassige Energiequelle. Sie ist auch eine der verhältnismäßig seltenen
Quellen für das Vitamin C, jenen wichtigen Wirkstoff, der Skorbut verhütet.
Kartoffeln enthalten zum mindesten zwei Drittel mehr Eisen — Pfund gegen Pfund
gewogen — als die teuerste Sorte Rosinen, und Rosinen werden ja ihres Eisengehalts
wegen allgemein geschätzt. Stellt man auch noch die Preise einander gegenüber, so
müssen Kartoffeln als die weitaus billigste Quelle für das vom menschlichen Körper
benötigte Eisen gelten. Ihr Eiweißgehalt ist zwar relativ gering, jedoch von höchster
Qualität.
Alle diese wertvollen Eigenschaften können sich aber nur entfalten, wenn die
Kartoffel richtig zubereitet wird, das heißt, wenn man ihre natürlichen Säfte
zusammenhält, um sie mitverzehren zu können. Das ist bloß dann der Fall, wenn man
die Kartoffeln in ihrer Schale röstet, brät oder kocht. Niemals dürfen sie wiederholt
aufgewärmt werden. Außerdem geht aus allem, was schon bei den anderen
Nahrungsmitteln gesagt worden ist, klar hervor, daß die Kartoffel ihre belebende und
energiespendende Wirkung um so besser ausüben kann, je weniger sie über den
frühesten Zustand der Schmackhaftigkeit hinaus gekocht wird.
Was aber machen unsere Köche und Köchinnen aus diesem wertvollen Nährmittel?
Fast immer werden die Kartoffeln geschält, und dann läßt man sie meist längere Zeit,
manchmal einen halben Tag lang, in Wasser liegen, gießt es aber ab, bevor die
Kartoffeln aufs Feuer kommen. So gehen die wertvollen Mineralsalze verloren, denn
sie lösen sich im Wasser auf und werden mit ihm fortgegossen. Schließlich kocht man
die Kartoffeln in Salzwasser, bis sie „mehlig“ sind, und gießt dann auch das
Kochwasser ab. Was geht mit dem Wasser verloren? Nur Wasser? 0 nein: die
Gesundheit läuft sprudelnd und gurgelnd in Form von Vitamin C, Kalzium, Natrium,
Eisen, etwas Chlor, Phosphor, Magnesium, Schwefel und anderem mehr durchs
Schüttsteinloch hinunter.
Auf diese Weise gekochte Kartoffeln befinden sich schon in einem denkbar
unnatürlichen Zustand. Nun werden sie aber oft noch in heißem Fett gebraten und mit
Pfeffer und Salz schmackhaft gemacht, manchmal auch mit Butter vermischt und zu
Brei gestoßen. Häufig schneidet man sie auch in Scheiben und Stäbchen und bäckt sie
im kochenden Fett als pommes frites, Nie wird ein guter Koch auf die Idee kommen,
sie einfach in der Schale zu kochen oder zu backen, denn das wäre viel zu simpel. Was
ein Beweis mehr für meine Behauptung ist, daß die zivilisierte Welt den richtigen Weg
verlassen hat, um möglichst unnatürlich zu leben. Selbstverständlich wäre diese
Tatsache von geringer Bedeutung, wenn unnatürlich leben (das heißt den
Naturgesetzen zuwider leben) keine bösen Folgen hätte. Aber gibt es denn irgendeine
noch so kleine, gegen die Absichten der Natur ausgeführte Handlung, die ohne
schädliche Folgen bleibt? Wer kann auch nur ein einziges solches Beispiel nennen?
Die Frage beantwortet sich schon, indem man sie stellt, und kein vernünftiger Mensch
wird sie überhaupt ernstlich stellen.

Honig. Was braucht der Mensch künstlichen, raffinierten, konzentrierten Zucker,


um sein Bedürfnis nach Süßigkeit zu befriedigen, wo wir doch im Honig einen
durchaus natürlichen Süßstoff besitzen? Der Honig war seit den grauen Anfängen der
uns bekannten Menschheitsgeschichte und wahrscheinlich schon unendliche Zeiten
vorher der einzige Süßstoff; unsere Zuckergewohnheit ist erst 7 bis 12 Jahrzehnte alt.

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Seither genügt uns der Honig, dieser köstlichste aller Süßstoffe, dieses edle Erzeugnis
der Natur, nicht mehr; in lächerlicher Gier verlangen wir nach unnatürlichem Sirup,
nach naturwidrigen Zuckersäften und gezuckerten Speisen. Die Insekten sind klüger
als wir.
Honig ist reich an Zuckereigenschaften, sehr reich (ungefähr 25 %) an
Mineralsalzen, reich an Gummistoffen, Harzen und aromatischen Eigenschaften. Er ist
ein natürliches Monosaccharid. Kaum im Magen aufgenommen, ist er bereit,
augenblicklich ins Blut überzugehen, ohne daß die Verdauungssäfte dabei chemische
Umsetzungsarbeit zu leisten hätten. Er reizt die Schleimhäute eines normalen Magens
nicht. Er wirkt leicht abführend. Er neigt nicht zur Gärung und auch nicht dazu,
Gärung in anderen Nahrungsmitteln hervorzurufen, wie es der weiße Zucker tut.
Freilich ist der Honig so wohlschmeckend, daß man leicht in Versuchung gerät, zuviel
davon zu verzehren.

Süße Früchte. Eine weitere ausgiebige und köstliche Quelle von Süßstoffen zur
Befriedigung des Bedürfnisses nach Zuckernahrung (dessen allgemeines
Vorhandensein physiologisch begründet sein muß) bieten die von Natur süßen
Früchte, die Datteln, Feigen, Rosinen usw., die alle viel natürlichen Zucker enthalten,
ein Monosaccharid, das keiner Verdauung noch Umsetzung bedarf. Diese Früchte
nähren den Körper, wie sie ihn auch kräftigen, und ihr Genuß trägt dazu bei, der
Fäulnis anderer Speisen im Darme vorzubeugen; zu gleicher Zeit helfen sie den Darm
entleeren.

Frisches Obst. Frisches Obst ist von allen Nahrungsmitteln, die wir kennen, der
beste Basenbildner für Blut und Körperl-gewebe, gerade wie der raffinierte Zucker
unter allen menschlichen Nahrungsstoffen zu den größten Säurebildnern gehört.
Frische Früchte sind auch eine der besten Quellen des sehr unbeständigen Vitamins C,
das dem Skorbut und einer ganzen Reihe von ähnlichen, aber weniger leicht
erkennbaren Beschwerden — wahrscheinlich frühen und langsam fortschreitenden
Formen des Skorbuts — entgegenwirkt.
Wenn wir uns überessen oder zwischen den Mahlzeiten essen, wenn wir ausgiebig
Fleisch, Eier, Käse, Fisch und andere stark eiweißhaltige Kost zu uns nehmen,
vermehren sich die Fäulnisbakterien unter dem im Verdauungskanal enthaltenen
Nahrungsabfall außerordentlich rasch. Die von diesen Bakterien erzeugten
Zersetzungsprodukte werden vom Blute übernommen und bilden die wichtigste
Ursache für die Erscheinungen der Selbstvergiftung. Frische Früchte aber haben die
Kraft, die Fäulnisbakterien abzutöten und auf diese Weise die Selbstvergiftung zu
verhüten. Frische säuerliche Früchte besitzen diese Kraft in höherem Grade als süße
oder als getrocknete, die sie jedoch auch in einem gewissen Maße aufweisen. Jeder
Fleischesser sollte sich daher zum mindesten für einen Tag wöchentlich — besser
noch mehrere Tage hintereinander — auf reine Obstdiät setzen, um das Einnisten von
Krankheiten hinauszuschieben.
Aber welcher zivilisierte Mensch, außer etwa einem verschrobenen Sonderling,
wird Obst in einer anderen Gestalt als den säurebildenden Konserven zur
menschlichen Nahrung rechnen? Und doch muß ein Mensch, der lernen will, nie mehr
krank zu sein, gerade das Gegenteil einsehen. Früchte können zarte Gaumenfreuden
bereiten, aber das ist nicht ihre Bestimmung im Plane der Natur. Sie sollen nicht erst

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am Ende einer Mahlzeit genossen werden und den bereits überfüllten Magen noch
weiter füllen, und man soll sie eigentlich auch nicht zwischen den Mahlzeiten essen.
Die frischen Früchte gehören zu unseren wichtigsten und besten Nahrungsmitteln und
müssen als wesentlicher Teil mancher ganzen Mahlzeit verwendet werden, eigentlich
als ihr Hauptbestandteil. Wird aber je zwischen den Mahlzeiten gegessen, so sollen es
doch Früchte sein; nur sollte man sie nicht eine Stunde vor oder zwei Stunden nach
einem Mahl verzehren, besonders nicht, wenn die Mahlzeit stärkehaltig war.
Nüsse, Mandeln usw. Wer würde diese Früchte je als normalen Bestandteil einer
Mahlzeit ansehen? 0 ja, gelegentlich als Nachtisch, wenn der Magen schon bis zur
Sättigung gefüllt ist. Aber selbst dann werden sie nicht als Nährmittel angesehen; sie
gelten höchstens als netter kleiner Abschluß einer Mahlzeit. Und doch gehören sie zu
den vollkommensten Nahrungsstoffen der Natur. Warum verweigert der zivilisierte
Mensch ihnen dann den Platz, der ihnen unter den körperaufbauenden Stoffen
zukommt? Warum weist er ihnen eine körperzerstörende Rolle zu, indem er sie nach
allem übrigen Essen in den Magen stopft, wenn wenig Aussicht mehr besteht, daß sie
überhaupt noch verdaut werden können?

5. KAPITEL

Falsche Ernährungsgewohnheiten

Man könnte die Zivilisation freilich beglückwünschen, wenn die künstliche


Zubereitung der natürlichen Nahrungsmittel die einzige Übertretung der
Ernährungsgesetze bilden würde. Aber zu dieser Unnatürlichkeit gesellen sich
betrüblicherweise noch andere ungemein törichte Gewohnheiten, die an sich schon
genügen, den menschlichen Körper schwer zu schädigen. Es ist zwar unmöglich, alle
diese Unsitten im einzelnen zu betrachten; aber ich kann es mir nicht versagen,
wenigstens einige davon, die auffallendsten, kurz zu besprechen.
Da ist unter anderem das Würzen der Speisen! Sind Würzen zuträgliche
Nahrungsbestandteile? Sie haben mit Nahrung überhaupt nichts zu tun. Und ist es dem
Menschen natürlich, seine Speisen zu würzen? Gib einem kleinen Kind oder sogar
einem gesund entwickelten, größeren Kinde irgendeine Würze zu kosten und

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beobachte, wie es sich dann verhält. Mehr noch: gib einem einfach lebenden
Menschen, dessen Begriffe über die Ernährung nicht verfälscht worden sind von dem
Bedürfnis, die Geschenke der Natur fortwährend aus eigener Machtvollkommenheit zu
„verbessern“, irgendeine pikante Speisebeilage und beobachte sein Verhalten. Nach
einigen solchen Versuchen wird niemand mehr behaupten wollen, daß gewürzte
Speisen natürlich sind. Sie befriedigen kein natürliches physiologisches Bedürfnis.
Der Wunsch nach Würze in den Speisen liegt nicht in unserer Natur; die
Gewohnheit der gewürzten Speisen ist vielmehr eine erworbene Gewohnheit der
zivilisierten Menschheit. Als solche muß sie eine unnatürliche Gewohnheit sein. Das
wird durch die Tatsache bestätigt, daß kein Tier dazu gebracht werden kann, scharf
gewürztes Futter zu fressen.
Einige dieser Würzen regen die motorischen Funktionen des Magens an und
veranlassen ihn, sich rascher zu entleeren; aber sie verringern die Sekretionskraft der
Magendrüsen. Andere Würzen beeinträchtigen zu gleicher Zeit die Entleerungs- und
die Sekretionsfunktionen des Magens. Alle Würzen erzeugen durch ihre
Reizeigenschaften leicht Entzündungszustände der Magenschleimwände. Diesen
Nachteilen der Würzen steht kein einziger Vorteil zum Ausgleich gegenüber.
Fast alle Personen, die an Magengeschwüren und Magenkrebs leiden, sind
Liebhaber pikanter Speisen. Sie sollten allerdings diesen Ausgang voraussehen, denn
es ist bekannt, daß lokale und beständige Reizung eine der Grundursachen der
Entstehung von Krebsgeschwülsten ist.
Es gibt ein Gesetz, das uns befähigt, zu verstehen. warum letzten Endes alle Würzen
schädlich sein müssen, das Gesetz der primären und der sekundären Wirkungen der
Kräfte, der Wirkung und ihrer Gegenwirkung. Auf jede primäre Wirkung oder
Kraftentfaltung folgt die sekundäre, der Rückschlag, die Gegenwirkung, und die
Gegenwirkung ist länger ausgedehnt als die ursprüngliche Wirkung. Dieses Gesetz
kann jeder selbst auf folgende, sehr einfache, aber wirksame Weise überprüfen:
Nach einer endlos langen Wanderung erreicht man müde und jeder weiteren
Anstrengung abgeneigt den Fuß eines hohen, steilen Hügels, vor dessen Anblick in
diesem lahmen Zustande der Mut und die Kräfte versagen. Die natürliche Reaktion
würde darin bestehen, daß man sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung
anschickt, seine müden Glieder auszustrecken. In diesem Augenblick soll als Anreger
der ermatteten Nerven- und Muskelkräfte ein hilfreicher „Freund“ erscheinen, der uns
mit der Peitsche in einer Rekordzeit den ganzen Hügel hinauf bis zum Gipfel jagt.
Dann ist man freilich oben; aber der Zauber des Atemschöpfens, das einen unten am
Fuß des Hügels erfrischt und befähigt hätte, die Anhöhe ohne Überanstrengung zu
erreichen, stellt sich jetzt nicht ein. Im Gegenteil, tagelang wird man die Übermüdung
dieses erzwungenen, raschen Aufstieges noch spüren, was deutlich beweist, daß die
Gegenwirkung von länger anhaltender Dauer ist als die vorherige Wirkung.
Das gleiche gilt für alle künstlichen Reizmittel; ihre Endwirkung ist herabdrückend
und lähmend.
Auch die Umkehrung ist wahr. Künstliche Beruhigungsmittel wirken letzten Endes
unweigerlich aufreizend, wenn sie längere Zeit eingenommen werden. Ein lange mit
Beruhigungsmitteln behandelter Patient wird meistens hoffnungslos nervös. Wer das
in den „Grundgesetzen“ (s. S. 31 ff.) erwähnte. Gesetz begriffen hat, nach dem eine
gestörte Funktion allmählich ganz zerstört wird, kann nichts anderes erwarten.
Gastrische oder Magensekretion ist eine normale Funktion. Wenn sie allein durch

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natürliche Anregungen, die freilich nur von natürlicher Nahrung ausgehen, zur
Tätigkeit gereizt wird, dann wird diese Tätigkeit nie versagen. Das ist eine
unbestreitbare Tatsache.
Eine bekannte Autorität auf dem Gebiete der Ernährungskunde, Dr. Kellogg, sagt in
bezug auf die Würzen: „Der Mensch ist das einzige animalische Wesen, das überlegten
Selbstmord durch Selbstvergiftung verübt, indem er seine Nahrung verdirbt, bevor er
sie einnimmt. Der durchschnittliche Mensch leidet unter chronischer Vergiftung. Er
nimmt Gifte verschiedenster Herkunft zu sich, die in ihrer Anhäufung pro Kopf eine
Dosis von mehr als 3,25 Gramm alle vierundzwanzig Stunden für jeden Mann, jede
Frau und jedes Kind in den Vereinigten Staaten ergeben. Er beginnt den Tag mit einer
Dosis Gift in Form von Kaffee, um sich aufzuwecken. Nach dem Frühstück raucht er
eine Zigarre, um Magen und Nerven zu beruhigen. Vor dem Mittagsmahl stürzt er
einen Whisky oder einen Aperitif hinunter, um seinen Appetit anzuregen. Später findet
er eine Tasse Tee notwendig, die ihn aus der Benommenheit des frühen Nachmittags
wecken soll, und am Abend braucht er ein Betäubungsmittel, um einschlafen zu
können, am Morgen darauf wohl noch ein abführendes Getränk. Zu all diesen Giften
kommt noch die absichtliche Verfälschung seiner Kost durch Beimischung toxischer
Substanzen, Pflanzenabsonderungen, welche durch ihren scharfen, beißenden und
brennenden Geschmack allein schon von der Natur als Giftpflanzen gekennzeichnet
sind und dem Menschen nicht bekommen. Diese Produkte, die nur ihrer
geschmackverbessernden Eigenschaft wegen benützt werden, haben keinen Nährwert
und heißen Würzen.“

Noch viel schlimmer als die Würzen wirken aber die Getränke unseres modernen
Lebens. Finden wir — vom Menschen abgesehen — in der ganzen Schöpfung auch
nur ein einziges Wesen, das ein natürliches Produkt verändert, um daraus ein Getränk
zu bereiten? Die Frage ist bald beantwortet. Das natürliche Getränk des Tieres ist
Wasser. Milch könnte man vielleicht noch als natürliches Getränk ansehen, aber in
Wirklichkeit ist Milch eine Nahrung. Das gleiche kann vom Blute gesagt werden. Es
gibt gewisse fleischfressende Tiere, von denen man erzählt, daß sie ihr Opfer bloß
töten, um sein Blut zu trinken. Aber bei näherer Untersuchung finden wir heraus, daß
dieser Trunk für das Tier eine Mahlzeit war. Es bleibt also wahr, daß für alle Tiere
Wasser das einzige natürliche Getränk ist.
Und was trinkt der Mensch, der zivilisierte Mensch? Ich glaube fast, es wäre
leichter festzustellen, was wir nicht trinken. Die hauptsächlichsten Getränke lassen
sich jedoch immer hin aufzählen: Wasser, Tee, Kaffee, Kakao, Schokolade,
Limonaden, Sodawassermischungen, Bier, Wein, Schnaps und Liköre. Suchen wir aus
dieser Reihe die natürlichen Produkte heraus.
Da steht zuerst Wasser, — ohne Zweifel eine natürliche Flüssigkeit.
Damit ist's aber schon zu Ende — es folgt Tee. Tee ist ein Aufguß auf getrocknete
Blätter einer asiatischen Pflanze. Ist ein Aufguß ein Naturprodukt? Nein! Dann ist also
Tee auf keinen Fall ein natürliches Getränk. Menschliche Künstelei hat hier ein
natürliches Produkt in ein Genußmittel umgewandelt. Ein Aufguß zieht niemals alle
natürlichen Bestandteile und Säfte aus der Substanz; überdies können einige der
ausgezogenen Säfte schädlicher Natur sein. Beim Tee ist dies der Fall. Übergießt man

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Teeblätter mit kochendem Wasser, so wird ein giftiges Alkaloid, das Tein (identisch
mit Koffein) und eine zusammenziehende Substanz, das Tannin (Gerbsäure),
herausgezogen, und wer Tee genießt, trinkt damit 15 bis 23 Prozent einer Flüssigkeit,
die herb und zusammenziehend auf die Drüsen der Magensekretion wirkt. Auch durch
kurzes Ziehenlassen vermeidet man die Entstehung dieser schädlichen Extrakte nicht,
obwohl viele das glauben.
Und der Kaffee! Ist Kaffee ein natürliches Getränk? Geröstete und gemahlene
Kaffeebohnen werden beliebig lange Zeit mit Wasser gekocht; hernach wird die so
erhaltene Flüssigkeit gesiebt. Das Rösten und Kochen kann aber der Natürlichkeit
dieses Getränkes schwerlich dienen. Schon die rohen Bohnen enthalten Mengen
(durchschnittlich 1½ %) des Alkaloids Koffein, das der medizinischen Wissenschaft
als kräftig wirkendes Gift bekannt ist. Außerdem enthält die Rohbohne bis zu 6
Prozent Tannin (Gerbsäure), da sich durch das Rösten in die Gerbstoffe Katechu und
Pyrogallol verwandelt, die nach dem Ausspruch einer ärztlichen Autorität für „giftiger
als Karbolsäure“ gelten müssen. Als Folge des Röstens entstehen überdies noch
mehrere andere Giftstoffe, die sogenannten Produkte unvollkommener Verbrennung,
wie Kreosot, Pyridin usw. Aber das stärkste Gift im Kaffee ist das Koffein. Die
anderen Gifte lassen wir beiseite und sagen davon bloß so viel, daß sie, während eine
Tasse Kaffee niemanden töten kann, doch eine kumulative (anhäufende) Wirkung
haben, welche sich früher oder später unweigerlich bemerkbar macht. Das kann weder
geleugnet noch vermieden werden.
Das Koffein jedoch wartet nicht lange, um den Kaffeetrinker mit den Folgen seiner
Unzuträglichkeit zu beglücken. Der Kaffeetrinker fällt bald der Kaffeegewohnheit
anheim; er braucht den Kaffee. Er braucht eine Stärkung, und der Kaffee ist eine
solche. Er ist nervös, er kann sich nicht konzentrieren, bis er nicht seine Ankurbelung
in Form eines kräftigen Kaffeetrunkes erhalten hat.
Die Gewohnheit, sich durch Getränke künstlich anzuregen oder zu betäuben,
erschöpft die Nervengewebe rasch teilweise und schließlich ganz. Wir wissen aber,
daß nur natürlich angeregte Organe normal arbeiten können, während unnatürlich
angeregte Funktionen, Organe oder Teile des Körpers nach und nach ausgeschaltet und
zerstört werden. Welchen Unterschied macht es, ob man Koffein aus einem
chemischen Laboratorium oder aus der täglichen Kanne Kaffee bezieht und in sein
Blut aufnimmt? Es ist dasselbe Reizgift.
„Ja, aber ich merke doch, daß ich diese Anregung brauche; ich bin ein ganz anderer
Mensch, wenn ich eine Tasse Kaffee getrunken habe.“ Diese oft gehörte Äußerung
bildet den besten Beweis dafür, daß der Sprechende dem Kaffee verfallen ist. Wenn
man eine Pfeife Tabak oder eine Zigarette oder einen Schluck Schnaps oder eine
Morphiumspritze oder eine Tasse Tee oder Kaffee braucht, so ist man einem
Rauschgift verfallen. Und dieses „Bedürfnis“ ist ein klares Symptom dafür, daß das
Gift sein tödliches Werk begonnen hat. Wer solche Anregungen „braucht“, ist ein
anomaler Mensch, und je mehr solche Menschen ihre Nerven mit künstlichen
Reizmitteln weiterzwingen, desto anomaler werden sie.
Reizgetränke dienen zur Aufpeitschung. Aber im gleichen Verhältnis wie die
Nerven zu ihrer Betätigung durch ein künstliches Reizmittel (z. B. das alkaloidisch
stark anregend wirkende Koffein aus Tee und Kaffee) angetrieben werden, erschöpfen
sie sich, und dann können sie auf einen natürlichen Anreiz nicht mehr reagieren.
Diesen Erschöpfungszustand infolge künstlicher Anregung empfindet der Mensch als

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Unbehagen, Abneigung, Schwäche oder Unfähigkeit und Reizbarkeit, je nach dem
Grade der Nervenerschlaffung. Die Unfähigkeit und die Reizbarkeit verschwinden
auch nicht eher, als bis der Gewohnheitssünder einer neuen Aufmunterung in Form
von Koffein, Kokain oder Morphium teilhaftig geworden ist.
Es bedarf nicht vieler Worte, um nachzuweisen, daß diese unnatürlichen
Reizgetränke in keiner Weise dem Aufbau des natürlichen, normalen, gesunden
Menschenkörpers zuträglich sein können. Welches ist dann aber wohl ihr Einfluß auf
den sich entwickelnden Körper? Wer kann leugnen, daß diese starken Gifte, die die
modernen Menschen so allgemein und regelmäßig zu sich nehmen, ihre große Rolle
als Ursache der Krankheitszustände in der zivilisierten Welt spielen? Kakao ist mit
Tee und Kaffee verwandt; sein alkaloidisches Gift ist Theobromin, das in Goulds
medizinischem Wörterbuch als „ein dem Koffein und dem Xanthin nahe verwandtes
Alkaloid“ definiert wird.
Dr. Kellogg gibt den Koffeingehalt verschiedener gebräuchlicher Getränke in
folgenden Prozentsätzen an:

Kakao 1,00 %
Koka-Kola 1,00 bis 1,2 %
Kaffee (gerösteter) 0,75 bis 2,05 %
Kola 2,00 %
Maté 1,115 %
Schwarztee 1,35 bis 1,75%

Was ich über Tee und Kaffee gesagt habe, gilt auch für die übrigen oben aufgezählten
gifthaltigen Getränke. Es ließe sich noch so vieles gegen ihren häufigen Gebrauch
sagen, daß man aus reiner Bescheidenheit darauf verzichten muß, um den Leser nicht
zu langweilen.
Sind aber vielleicht Sodawassermischungen und Limonaden natürliche Getränke?
Leider ebensowenig. Wenn man bis zu einem gewissen Grade von Unterschieden in
der Unnatürlichkeit der unnatürlichen Dinge sprechen kann, dann sind
Sodawassermischungen in der Regel noch unnatürlicher als Tee oder Kaffee. Und
infolge ihrer allgemeinen Verbreitung und ihres Verbrauchs durch alt und jung greift
ihre zerstörende Wirkung noch weiter aus. Diese Behauptung klingt vielleicht
manchem merkwürdig; das kommt aber bloß von der allgemeinen Verständnislosigkeit
gegenüber dem Gedanken, daß nur natürliche Reizmittel dem Körper die Anregung zu
aufbauender Arbeit zu vermitteln vermögen. Dieser Ausgangspunkt allen Fortschritts
zum Verständnis des Problems, wie der menschliche Körper aufzubauen ist, um gegen
Krankheitseinflüsse durchaus geschützt zu sein, muß sich endlich einmal in den
Köpfen der Leute mit der Überzeugungskraft einer grundlegenden Wahrheit
festsetzen; dann wird die oben aufgestellte Behauptung von selber erkannt werden.
Die Limonaden und Sodawassermischungen sind zum Beispiel verantwortlich für
eine starke Zunahme der Verwendung raffinierten Zuckers, unter dessen unmäßigem
Verbrauch die zivilisierte Welt ohnehin schon leidet. Außerdem werden diese
Getränke fast immer eiskalt genossen, was nichts weniger als bekömmlich ist. Sie
enthalten Mischungen aller möglichen, sich nicht miteinander vertragenden und
dadurch unverdaulichen Substanzen. Sie werden zu allen Tages- und Nachtzeiten
konsumiert, meistens zwischendurch, wenn der Magen ruhen und neue Kräfte für die

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nächste Mahlzeit sammeln sollte. Sie verderben den Appetit für die natürlichen,
körperaufbauenden Speisen und beeinträchtigen die potentiellen
Verdauungsfunktionen so sehr, daß die nächste Mahlzeit, sogar wenn man sie richtig
und natürlich zusammenstellt, als körperaufbauende Kost nahezu entwertet ist und
dadurch mehr schadet als nützt.
Der schlimmste Schaden kommt dem Körper aber von dem hohen Prozentsatz an
Koffein, den der Mensch in den Sodawassergetränken oft ahnungslos zu sich nimmt,
weil viele davon heute Koffeinhaltige Reizmittel wie Kola und Koka-Kola enthalten,
die die Nerven noch schädlicher beeinflussen als Kaffee. Und diese Getränke werden
mit Vorliebe von Knaben und Mädchen in ihren Entwicklungsjahren getrunken. In
Amerika gibt es unendlich viele junge Männer und junge Frauen, die bekennen, daß
sie ohne die Anregung eines solchen koffeinhaltigen Reizmittels nicht auskommen
können. Und Europa ist auch in dieser Beziehung ein guter Schüler der Neuen Welt.
Aufmerksamkeit muß man dem Koffeingehalt auch beim Maté schenken. Das ist
ein Tee, der durch Aufguß von heißem Wasser auf die getrockneten Blätter
südamerikanischer Stechpalmenarten hergestellt wird. Obwohl der Koffeingehalt nach
der Tabelle auf S. 105 groß ist, wird der Maté von vielen Nahrungsreformgeschäften
als Koffeinfreies Getränk angepriesen und als Ersatz für Koffeinhaltigen Tee, Kaffee
oder Kakao empfohlen. Die Verkäufer sind dabei zweifellos guten Glaubens und von
dem, was ihnen die Maté – Lieferanten erzählt haben, überzeugt. In Wirklichkeit steht
der Maté, den man auch Yerba-Maté und Paraguaytee nennt, im Koffeingehalt den
anderen Reizgetränken der zivilisierten Menschheit nicht nach.
Koffein ist aber freilich nicht die einzige, den Lebensprozeß bedrohende und
zerstörende Substanz dieser Getränke. Sie enthalten alle noch verschiedene andere
schädliche Stoffe, von denen ich hier nur einen nennen will: die Harnsäure.
Tausenden ist heutzutage rotes Fleisch oder sogar Fleisch überhaupt vom Arzt
verboten, und Tausende essen aus eigener Einsicht keines, weil es Harnsäure (und die
ähnlich zusammengesetzten und wirkenden Purinstoffe) enthält. Diese Menschen
leiden vielleicht an Nervenentzündungen, Gelenkentzündungen oder anderen durch die
Harnsäure verursachten Krankheiten und beschränken sich deshalb sehr einsichtsvoll
im Genuß harnsäurehaltigen Fleisches oder verzichten gänzlich darauf.
Aber dieselben Leute fahren arglos fort, sich an Tee, Kaffee oder Kakao, oft sogar
recht unmäßig, gütlich zu tun. Die hier folgende Liste zeigt deutlich, wie wenig
konsequent ein solches Verhalten ist.

Harnsäure und Purinstoffe


Promille
Suppe (mit Knochen zubereitet) . . . . . . . . . 0,08
Suppe (mit Fleisch zubereitet) . . . . . . . . . 0,24
Kraftbrühe für Kranke (acht Stunden gekocht) . . . 1,21
Beefsteak . . . . . . . . . . . . . . . . . 0,22
Lamm (Schlegel vom Rost, kalt) . . . . . . . . 0,26
Kalb (Kotelette) . . . . . . . . . . . . . . 0,60
Schafsleber . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,12
Hering (frisch) . . . . . . . . . . . . . . . 0,03
Hering (geräuchert) . . . . . . . . . . . . . 1,11
Bückling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 0,38

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Fleischsaft . . . . . . . .. . . . . . . . . 8,62
Kakao . . . . . . . .. . . . . . . . . . . 10,24
Kaffee . . . . . . . .. . . . . . . . . . . 12,15
Tee . . . . . . . .. . . . . . . . . . . . 30,38

Welche Dummheit, die Fleischspeisen aus dem Speisezettel wegzulassen und dafür
Tee, Kaffee und Kakao weiterzutrinken, die ungefähr 20- bis 170mal soviel Harnsäure
und ähnlich zusammengesetzte und wirkende Purinstoffe enthalten.
Aber so machen wir es in der Zivilisation. Lange Jahre habe auch ich es so töricht
getrieben; deshalb darf ich andere nicht verurteilen, die es ähnlich machen. Ich mußte
aber natürlich, bevor ich mich befreien konnte, den Weg ins Freie erst sehen, — und
ich sah ihn damals noch nicht; ich versuchte nicht einmal, ihn zu sehen, bis meine
Hände so stark zitterten, daß ich die Tasse mit harnsäurereichem, koffeingesättigtem
Tee oder Kaffee kaum mehr zum Munde führen konnte und mein verkrüppeltes altes
Herz bei jedem Schlage auszusetzen drohte. Nein, ich habe kein Recht, auf irgend
jemanden Steine zu werfen!
Und nun zu einer weiteren Torheit des modernen Speisesystems. Wie sinnlos ist
doch die Zusammensetzung der einzelnen Mahlzeiten! Da kombiniert man zum
Beispiel die täglichen Speisezettel aus entwerteten, untereinander meist unvereinbaren
Nahrungsmitteln, die ihre völlige und normale Verdauung gegenseitig teils
erschweren, teils überhaupt verhindern. Unvereinbar heißt in diesem Zusammenhang,
daß solche Speisen entgegengesetzt gearteter Verdauungssäfte bedürfen, um
verarbeitet zu werden. Es ist erwiesen, daß eine Speise, die bloß in einem
Säuremedium verdaut werden kann, nicht zu gleicher Zeit mit einer anderen Speise,
welche nur basischer Beeinflussung zugänglich ist, vom Verdauungsapparat bewältigt
wird. Reagiert die eine Speise auf eine alkalische, die andere auf eine saure
Verdauungsflüssigkeit, so wird die eine, die sich mit der vorhandenen Flüssigkeit nicht
verträgt, sich zersetzen, ungesunde Reize ausüben und allgemein vergiftend wirken,
während die andere, durch die Anwesenheit der ersten gestört, auch nur
unvollkommen verdaut werden kann und daher in Gärung und Zerfall übergeht, außer
in einem besonders kräftigen Magen.
Eiweißstoffe werden, soweit der Magen in Betracht kommt, vom Pepsin und der
sauren Absonderung der Magendrüsen verdaut. Stärkestoffe können durch diese
sauren Magensäfte überhaupt nicht verdaut werden; sie müssen durch tüchtiges Kauen
mit dem alkalischen Speichel, der durch die Speicheldrüsen im Mund ausgeschieden
wird, gut vermengt werden; die Verdauung geschieht dann während des Kauens und
wird bei geeigneten Nahrungsverhältnissen unter dem Einfluß des Speichelenzyms
oder Ferments, Ptyalin genannt, mindestens zwei Stunden nach Ankunft im Magen
fortgesetzt. Der Ausdruck „geeignete Nahrungsverhältnisse“ bedeutet hier aber unter
anderem, daß Stärkenahrung nicht zu gleicher Zeit mit vorwiegend eiweißhaltigen
Speisen genossen werden soll.
Die Natur hat unsere Verdauungsorgane auf eine wunderbare Art diesem
Tatbestand angepaßt. Befindet sich nämlich nur stärkehaltige Nahrung im Magen, so
ist kein saurer Magensaft nötig, um sie zu verdauen, und unser Verdauungssystem ist
so eingerichtet, daß dann auch nur wenig Magensaft ausgeschieden wird. Der Speichel
soll die Stärke verdauen; aber in dem Augenblick, wo er mit der Säure des Magens in
Berührung kommt, wird er unfähig, diese Verdauungsarbeit zu leisten; darum hält die

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Natur so lange mit der Absonderung des Magensaftes zurück; sie geht darauf aus, die
stärkereiche Nahrung ganz verdauen zu lassen. Wenn nun aber eiweißreiche Kost wie
mageres Fleisch, Fisch, Wildbret, Käse oder Eier in den Magen gelangen, so ist zu
deren Verdauung Magensäure unbedingt nötig. In einem solche Falle ist es für die
Natur wichtiger, die eiweißreichen als die stärkereichen Nahrungsmittel zu verdauen,
denn wenn die eiweißreichen nicht verdaut werden, zersetzen sie sich rasch und
verwandeln sich in Gifte. Deshalb wird im Magen beim Eintreffen eiweißreicher
Nahrung sofort Magensäure abgesondert, um die Eiweißverdauung zu beschleunigen,
und die Stärkeverdauung, die von dem hineingekauten Speichel besorgt wird, muß
alsbald abgebrochen werden. In Gegenwart von Magensaft kann sie, wie gesagt,
unmöglich weitergehen.
Die zivilisierten Menschen essen nun aber beständig sozusagen reine Stärkenahrung
mit sozusagen reiner Eiweißnahrung während ein und derselben Mahlzeit, sogar in ein
und demselben Bissen. Die Fleischpasteten zum Beispiel sind eine solche
Zusammenstellung von fast reinem Eiweiß und reiner Stärke. Die Körnchen dieser
Stärke werden beim Kauen ganz in Fett eingehüllt; Eiweiß- und Stärkebestandteile
werden im Munde ununterscheidbar miteinander vermengt. Was geschieht dann wohl
damit? Werden beide Bestandteile vollkommen verdaut oder wenigstens einer davon?
Die Frage ist so naiv, daß man nur darüber lächeln kann.
Ja, ich weiß es nur zu gut, Tausende von Kulturmenschen leben in dieser Weise
jahraus, jahrein, Tag für Tag, Mahlzeit für Mahlzeit. Aber ich weiß auch, wie die
Meute der Krankheiten und Seuchen hinter ihnen herjagt, Krankheiten, die einfachere
oder wilde Völker nicht plagen, weil diese Völker sich anders ernähren. Und ich weiß
auch, daß alle diese Seuchen und Krankheiten nicht ohne Grund so blühen und
gedeihen.
Da gibt es zum Beispiel Sandwiches, belegt mit Schinken, Braten, Käse, Eiern; es
gibt weißes Brot und Fleisch oder Eier, Fisch oder Käse; all dies wird in hundert
Kombinationen bei jeder Mahlzeit verzehrt. In den gleichen Magen werden Kaffee,
Tee, Milch, Kakao, Essigfrüchte, pikante Saucen, Würzen, Bratensäfte, Liköre,
Kuchen, Puddinge, Pasteten, Nüsse, saure Früchte, eisgekühlte und mit Sodawasser
vermischte Getränke gestopft und geschüttet.
Man verstehe, daß ich nicht unbedingt alle diese Speisen verurteile. Ich betrachte
augenblicklich bloß die Unvereinbarkeit der meisten Speisefolgen, wie sie allgemein
Brauch sind. Gibt es einen Mann, der sämtliche Bestandteile einer sogenannten „guten,
reichlichen Mahlzeit“ miteinander mischt (genau so, wie sie in einem
durchschnittlichen Magen nach einer üppigen Mahlzeit sich vermengen), um dann
dieses unmögliche Durcheinander zu verzehren? Er müßte von Sinnen sein. Wenn aber
solch ein Gemengsel nicht gegessen werden kann und deshalb niemand daran denkt, es
außerhalb des Magens zu mischen und es uns als Speise vorzusetzen — was für
Überlegungen und Betrachtungen führen uns dann dazu, diese selbe Vermengung
innerhalb des Magens vorzunehmen?
In diese Rubrik gehört auch die Gewohnheit, ausgesprochen saure Speisen
zusammen mit Stärkenahrung zu verzehren. Wer eine „gute Verdauung“ hat, kann
diese Praktik zwar wohl eine Weile betreiben, ohne örtliche Beschwerden zu
verspüren, aber gerade die Leute mit der berühmten „guten Verdauung“ leiden oft in
späteren Jahren an schwer oder gar nicht zu kurierenden Magenerkrankungen. Noch
öfters leiden sie dann aber an ganz anderen Krankheiten, die oberflächlich betrachtet

60
mit dem Verdauungssystem oder mit der Ernährungsweise in gar keinem
Zusammenhang stehen, an chronischen Krankheiten, deren Ursachen in Geheimnis
gehüllt scheinen, und die daher als „von Gott gesandt“ getragen werden müssen.
Saure Grapefrüchte oder Orangen und stärkehaltige Getreidespeisen oder weißes
geröstetes Brot werden sehr oft zusammen gegessen. Nach allem, was oben über die
Stärkeverdauung durch den Speichel gesagt worden ist, kann man leicht verstehen, daß
stärkehaltige Speisen, die mit sauren Früchten zusammen genossen werden, weder im
Mund noch im Magen die notwendige sorgfältige Verdauung finden. Die Magensäfte
können Stärke eben nicht verarbeiten, und auch der Speichel kann es in Gegenwart
von Säuren nicht. Was wird auf diese Weise aus solcher unverdauten Stärke? Ich habe
es bereits erklärt und brauche es nicht zu wiederholen. Aber welche Sinnlosigkeit, mit
guten Nahrungsmitteln so zu verfahren! Denn Stärkenahrung ist gute Nahrung.
Unverdaute Stärkenahrung ist dagegen natürlich nicht gute Nahrung. Wenn sie lange
unassimiliert im Verdauungskanal bleibt, so wirkt sie wie Gift *.
Wird sie hinuntergeschluckt, ohne zuvor gründlich durchgekaut und mit Speichel
vermischt worden zu sein, wird sie zusammen mit stark eiweißhaltiger Kost genossen,
wird sie zu gleicher Zeit mit stark saurer Nahrung aufgenommen, so muß sie den
Magen fast gänzlich unverdaut passieren, Stärke, die mit anderer, ihre Verdauung
hindernder Nahrung in den Magen kommt, verläßt ihn aber erst, wenn die anderen
Nährstoffe durch die Magensäfte genügend aufgelöst sind, um aus dem Magen
auszutreten. Das dauert gewöhnlich vier bis sechs, manchmal sogar acht Stunden. In
solchen Fällen geht die Stärke leicht in Gärung über, und es bilden sich Kohlensäure,
Alkohol und organische Säuren.
Allerdings zerfallen nicht alle Stärkestoffe auf diese Weise, wenn der Magen kräftig
arbeitet und die Verdauung der andern Speisen, die durch seine Säfte verarbeitet
werden sollen, rasch vollendet. In solchen Fällen gehen die Nährstoffe mit dem
halbflüssigen Speisebrei weiter in den Darm und werden durch die Absonderungen der
Bauchspeicheldrüse und der in den Schleimhäuten liegenden Zellen verdaut.

* Die Erfahrung der Bircher-Benner-Schule lehrt, daß diese Unverträglichkeiten, wie jene von sauren
Früchten und Stärke, nur bei denaturierter Nahrung und übermäßiger Nahrungszufuhr eine Rolle
spielen, aber bei naturnaher, ökonomischer Kost ihre Bedeutung verlieren, insbesondere wenn richtig
gekaut wird.
Anm. des Herausgebers.
Aber in einem langsam verdauenden Magen — wie ihn die meisten Menschen heute
haben — wird unter solchen Umständen nur wenig nicht in Gärung übergegangene
Stärke mehr vorhanden sein.
Nicht minder unverständig und schädlich ist das gedankenlose, nervös gehetzte
Hinunterschlingen der Speisen. Die meisten Menschen verschlucken, was sie essen,
mit kaum größerer Aufmerksamkeit, als ein Hund auf einen Bissen Fleisch verwendet,
obwohl sie ihre Nahrung zum mindesten mit der gleichen Sorgfalt kauen sollten, die
ein Hund einem Knochen zuwendet. Rein aus Stärke bestehende oder auch nur
stärkereiche Nahrungsstoffe können, wie wir schon gesehen haben, durch die
Magensäfte nicht verdaut werden, sondern nur durch das Ptyalinferment, das mit dem
Speichel zusammen abgesondert wird; der Speichel aber kann sich mit der Stärke nur
vermischen, wenn er durch gründliches Kauen in die Speisen hineingedrückt wird.
Gerade die stärkehaltigen Speisen werden aber in den meisten Fällen verschlungen,

61
ohne daß sie mit dem Speichel überhaupt in Verbindung kommen, außer da und dort
beim raschen Durchgang der Speisemasse durch den Mund. Man versuche, sich diese
Stärkemengen vorzustellen, wie sie ohne Speichelzusatz in den Magen gelangen und
dort nicht verdaut werden können, worauf sie in der feuchten Wärme des von
Bakterien wimmelnden Magens vier bis sechs Stunden dem Einfluß des
Säuremediums ausgesetzt bleiben. Was wird aus ihnen? Können sie sich in
höchstgradige Körperenergie verwandeln? Unter keinen Umständen. Die Stärke hat in
solchen Fällen die Neigung, zu gären und sich in Alkohol, organische Säuren und
Kohlensäure zu zersetzen. Das sind nun aber just Stoffe, die in keiner Weise Nahrung
darstellen, die vielmehr alle die empfindlichen Schleimhäute des Magens reizen und
depressive Wirkungen ausüben. Dabei ist dieses hastige Hinunterwürgen die
Gewohnheit von vielleicht fünfundneunzig Prozent oder mehr der kultivierten
Menschheit, besonders der Amerikaner und Kanadier, die so ungestüm dahinleben,
daß sie den Genuß eines beschaulichen Mahles kaum kennen.

Zu allen diesen Verkehrtheiten kann sich dann noch die Gefahr der „Übermenge“
gesellen, der Schaden, der verursacht wird, wenn man mehr Speisen verzehrt, als der
Körper braucht. Mancher wird fragen, was es einem Körper schaden kann, wenn er
mehr Nahrung erhält, als er benötigt? Kann der Körper nicht verwenden, was er
braucht, und das übrige zurückweisen? Ja, das versucht er auch. Aber der Körper kann
nicht Nahrung zurückweisen und es dabei bewenden lassen. Jede Nahrung, die in den
Körper eingeht, muß entweder in ihm zum Aufbau verwendet werden, oder sie muß im
Körper verbrannt oder, wenn sie nicht benötigt wird, rasch ausgeschieden werden;
sonst schädigt sie den Körper. Der Körper will und kann nicht mehr Aufbaustoffe
gebrauchen, als zu seinem Wachstum und zur Instandhaltung seiner Gewebe
notwendig sind. Er kann nicht mehr Nahrungsstoffe oxydieren oder verbrennen, als er
zur Erhaltung seiner Wärme und Energie benötigt. Was über diese beiden Zwecke
hinausgeht, ist die „Übermenge“. Der Überschuß muß als Ballast in Form von Fett
aufgespeichert oder als Abfall zum Körper hinausgeworfen werden. Das erfordert aber
eine große Anstrengung von seiten der Organe und verbraucht daher eine Menge
Körperenergie, denn die Übermenge muß, obwohl sie auf keinen Fall dem Körper
zugute kommen und keinem nützlichen Zweck dienen kann, dennoch verdaut,
absorbiert, in den Kreislauf geleitet, durch die inneren Organe erlesen werden; ihre
Gifte müssen neutralisiert, ihre Kohlehydrate in Leberzucker verwandelt, all ihre
Bestandteile durch vielfältige Prozesse hindurchgeführt werden, bis sie in die
einfachen Elemente zerlegt sind, wie sie die Körperflüssigkeiten enthalten; hernach
muß der Körper sie nochmals aus diesen Flüssigkeiten herausziehen und durch die
Nieren, die Leber, die Haut, die Lungen und die in den Schleimhäuten des Darmes
enthaltenen Zellen endlich ausscheiden. Dies alles muß geschehen, um die Anhäufung
fremder Stoffe im Körper, die ihn schließlich töten würden, zu verhindern. Aber die
Anstrengungen, die der Körper und seine Organe machen müssen, um diese
Übermengen an Nahrung loszuwerden, nehmen dem Organismus oft mehr Kräfte fort,
als ihm durch die Speisen, die er verdauen und assimilieren konnte, zugeführt worden
sind.
Und das ist noch nicht alles. Die besondere und anhaltende Anstrengung, die auf

62
diese Weise den Organen des Körpers zugemutet wird, damit sie sich der
überschüssigen Nahrung erwehren, überanstrengt sie, reizt sie und erschöpft sie. Der
Leser möge selber urteilen, wohin solche Überanstrengungen, wenn lebenswichtige
Organe sie beständig leisten müssen, auf die Dauer führen werden. Insbesondere möge
der Leser versuchen zu entscheiden, welchen Einfluß diese zusätzliche Anstrengung
auf Organe haben muß, die nicht genügend ernährt sind, weil ihnen dauernd
naturwidrige Nahrung zugeführt wird.

Ungemein wichtig ist sodann die Frage der Verdauung. Die Gewohnheit träger
Verdauung hat man „die Mutter der meisten menschlichen Krankheiten“ genannt.
Träges Verdauen ist aber im Grunde genommen gar keine Gewohnheit, sondern in
Wirklichkeit eine Folge schlechter Gewohnheiten und daher ein Symptom.
Daß träge Verdauung eine unnatürliche Erscheinung ist, beweist der Umstand, daß
dieses Übel bei den primitiven Völkern durchaus unbekannt ist, ebenso bei den wilden,
vom Menschen in keiner Weise beeinflußten Tieren.
Wenn trotzdem Verdauungsbeschwerden bei den zivilisierten Menschen zur
Gewohnheit geworden sind, so müssen dafür die verschiedensten Ursachen wie
Unwissenheit, Nachlässigkeit, Herkommen und Sitte, Prüderie, der Glaube an
abführende Drogen und Medizinen und anderes mehr verantwortlich gemacht werden.
Unwissenheit besteht in sehr vielen Fällen schon in bezug auf die Tatsache, daß der
Darminhalt mindestens ebenso viele Male entleert werden muß, als Mahlzeiten
eingenommen werden; geschieht das nicht, so beginnen die im Darm enthaltenen
Abfälle sich zu zersetzen, und die Produkte dieser Zersetzung gehen als Gifte ins Blut
über.
Aus dieser Unwissenheit entsteht die zweite Ursache der Verdauungsbeschwerden:
Nachlässigkeit der Frage der Darmentleerung gegenüber.
Viele Leute stellen sich die unteren Darmabschnitte als eine Art Reservoir für die
nicht verdaubaren und nicht assimilierbaren Nahrungsreste vor, die hier gut
aufgehoben sind und ruhig warten können, bis es der Bequemlichkeit oder der Laune
des Besitzers paßt, sich dieser Ansammlungen zu entledigen. Auf diese Weise
vernachlässigt man die Forderungen des Körpers und überhört sie mit der Zeit ganz
und gar. In Wirklichkeit ist die Entleerung des Darmes eine sehr wichtige
Körperfunktion, so wichtig und „wesentlich“ wie die Nahrungsaufnahme selber. Wie
jede andere Körperfunktion verbessert sie sich in ihrer Leistungsfähigkeit durch
regelmäßige Ausübung. Wie jede andere Körperfunktion büßt sie an Präzision und
Zuverlässigkeit in dem Maße ein, in dem sie nicht ausgeübt wird; im Verhältnis der
Störungen ihres Ablaufs bereitet sich ihre eigene Zerstörung vor. Die Tatsache, daß
der Darm den Versuch, sich zu entleeren, bald aufgibt, wenn sein Anreiz überhört oder
ihm Widerstand geleistet wird, ist einer der alltäglichsten Beweise für ein solches
Naturgesetz. Träge Verdauung ist daher bloß ein Zeichen dafür, daß die verhinderte,
zurückgedrängte und nicht ausgeübte Funktion der Darmentleerung auf dem Wege ist,
zerstört zu werden und zu verschwinden.
Wenn die Nachlässigkeit, von der wir eben sprachen, die normale, spontane
Funktion der Darmentleerung gestört und teilweise zum Verschwinden gebracht hat,
nimmt der zivilisierte Mensch oft seine Zuflucht zu Abführmitteln und Medizinen. In
diesen Fällen bildet das Einnehmen von Mitteln eine mit der schon bestehenden
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Gewohnheit zusammenwirkende Ursache der Verdauungsbeschwerden; oft ist es aber
auch selber die Grundursache. Die Menschen der Zivilisation überessen sich leicht und
häufen dann, wie wir gesehen haben, zuviele Speisen und zu viele Arten von Speisen
in ihren Verdauungsorganen an. Sogar wenn sie dem Entleerungsdrange stets folgen,
verursacht dies Übermaß von Nahrung Kopfweh oder andere Symptome
unerfreulicher Art, und es ist eine allgemein verbreitete Unsitte, in solchen Fällen
zwecks Erleichterung zu Arzneimitteln zu greifen. Arzneimittel in der Gestalt von
abführenden oder reinigenden Drogen tun für den Darm, was er selber zu tun
ermächtigt, ja verpflichtet werden sollte. Aber nur natürliche Anreize können normale
Funktionen herbeiführen; unnatürlich angeregte Funktionen unterliegen einer
unabwendbaren Zerstörung. Daher folgt der Benutzung solcher abführenden Arzneien
wiederum Verdauungsträgheit, in manchen Fällen bald, in anderen erst später, aber in
allen Fällen letzten Endes.
Viele Leute glauben, es gebe eine für die Entleerung besonders geeignete Tageszeit,
sagen wir beispielsweise des Abends vor dem Schlafengehen oder im halben
Vormittag oder in der Mitte des Nachmittags, und ihrer Meinung nach schickt sich
kein anderer Augenblick des Tages dafür. Andere gibt es — prüde, anständige Leute
—, die von der Idee besessen zu sein scheinen, daß das Entleeren des Darminhaltes
eine Art entehrender Tätigkeit ist, die in größter Heimlichkeit vollbracht werden muß,
weil anständige Leute derartige Gewohnheiten eigentlich gar nicht haben dürfen.
Solche Menschen leiden lieber, als daß sie sich von der Gesellschaft anderer
zurückziehen, wenn dieser so wichtige Befehl der Natur an sie ergeht — besonders
wenn Personen des anderen Geschlechts anwesend sind.
Solche Einstellungen sind gefährlich, denn sie mißachten den Willen der Natur.
Allerdings gibt es einen Zeitpunkt für die Entleerung des Darmes, der
natürlicherweise der richtige ist; das ist der Augenblick, in welchem die Natur die
Entleerung verlangt. Diesen Ruf zu überhören und die Erwiderung darauf zu
verzögern, heißt, der Ausübung der notwendigen Funktion ein Hindernis, den Willen,
entgegensetzen. Eine Funktion zu erschweren oder ihr Widerstand zu leisten, bedeutet
jedoch, sie zerstören helfen.
Die Darmentleerung ist aber gewiß eine körperliche Funktion, und welch wichtige
noch dazu. Verdauungsbeschwerden sind sicher das Symptom einer Verminderung
oder Herabsetzung dieser Funktion. Deshalb müssen sie nach dem nicht zu
umgehenden und nicht einzuschränkenden Gesetz der Natur die Funktionsfähigkeit
und Arbeitskraft eines jeden anderen Organs unseres Körpers vermindern.
Neben diesem gewissermaßen passiven Aspekt der Verdauungsbeschwerden muß aber
auch ihre aktive Ursache untersucht werden, die auf gewisse, im Verdauungssystem
selber wirkende Einflüsse zurückzuführen ist. Diese Einflüsse werden fast immer und
fast ganz durch unrichtige, das heißt naturwidrige Nahrung ausgelöst.
Unsere Ureltern, deren anatomischer Aufbau — infolgedessen auch der Aufbau des
Verdauungsapparates — sozusagen vollkommen war, lebten von roher, unverfeinerter,
faseriger Pflanzennahrung. Zur Verarbeitung solcher Nahrung ist ein langer,
muskulöser Verdauungskanal erforderlich, denn die körperaufbauenden und
körperbelebenden Stoffe sollen langsam durch die aus den Zellen des
Verdauungskanals stammenden Enzyme verflüssigt, aus den faserigen Abfallstoffen
ausgesogen und in die verzweigten Blutgefäße der Darmwände aufgenommen werden.
Natürlich gleitet die Nahrung nicht ohne Antrieb durch das Verdauungssystem, die

64
Natur hat vielmehr für diesen Zweck einen erstaunlich kunstvollen Mechanismus
geschaffen, die Muskulatur der Darmwände, welche die Nahrung langsam
vorwärtsschiebt.
Die Bewegung beginnt am oberen Magenausgang, mit einer ringartigen
Zusammenziehung der kreisförmigen Muskelfasern, die den Darmkanal bilden. Diese
Zusammenziehung gleitet dann langsam den Kanal hinunter und wirkt dabei ähnlich
wie ein Ring, der von außen über einen gefüllten Schlauch gezogen und daran entlang
hinabgeschoben wird. Auf diesem Wege schiebt der „Ring“, wenn er enger ist als der
Schlauch, natürlich eine gewisse Menge des Schlauchinhalts vor sich her. Beim
Darmkanal wiederholt sich diese Bewegung innerhalb einer Minute mehrmals;
infolgedessen wird im Ablauf weniger Stunden eine ganz beträchtliche
Nahrungsmenge vorangeschoben und schließlich bis zum Ausgang des Kanals, der
etwa neun Meter vom Anfang entfernt liegt, gebracht. Diese ringförmige
Zusammenziehung und die dadurch hervorgerufene kreisförmig wellenartige
(peristaltische) Vorwärtsbewegung erfolgt auf der Länge des Verdauungskanals
ungezählte Male, und sie soll den Inhalt in ungefähr neun Stunden von einem bis zum
andern Ende befördern, wenn der Kanal in gesundem Zustand ist.
Die vorwärtstreibende Funktion des Darmkanals ist nicht im geringsten von
unserem Willen abhängig; es ist eine Reflexfunktion. Wie alle Reflexfunktionen muß
auch sie durch die Fühlungnahme natürlicher Anreize mit den empfindlichen
Ausläufern des Reflexnervensystems angeregt werden, bevor sie in Tätigkeit treten
kann. In den Darmwänden liegen Nervenenden. Der natürliche Kontaktreiz wird durch
die faserigen Abfallstoffe in der Nahrung gebildet. Der Verdauungsapparat unserer
Voreltern hat sich in Anpassung an die zähe, faserige Nahrung ihres Lebensbedarfes
entwickelt. Dieser Typus von Verdauungsapparat ist uns überliefert worden, was uns
ein für allemal an das zähe, faserige Nahrungsmaterial unserer Voreltern bindet.
Waren sie bei ihrer Ernährungsweise zur Entwicklung dieses Verdauungssystems
gezwungen, so sind andererseits wir gezwungen, dem von ihnen übernommenen
Verdauungssystem seine richtige Nahrung, dieselbe Art Ernährung, auf die hin es sich
entwickelt hat, zuzuführen. Die beiden gehören zusammen; sie verdanken sich
gegenseitig ihr Dasein.
Wie steht es nun aber mit unserer modernen Nahrung? Wir haben bereits gesehen,
daß unsere Zivilisation die menschliche Nahrung verfeinert, wo es irgend angeht, und
daß aus ihr entweder durch Mahlen und Sieben oder durch Schälen und auf alle
erdenklichen anderen Arten die Hauptmenge ihres faserigen Abfallmaterials entfernt
wird. Auf diese Weise bleibt natürlich eine zartere, feinere Kost zurück. Aber ist
zartere, feinere Kost ein Vorteil für die körperliche Gesundheit? Die Entfernung des
faserigen Abfallmaterials beraubt unsere Nahrung der natürlichen Anregung zur
Muskelbetätigung der Darmwände, durch welche die Speisemenge vom
Magenausgang zum Ausgang des Darmkanals geschoben wird. Auf diese Weise wird
die Darmtätigkeit verlangsamt, was zu einer Zersetzung der Eiweißstoffe und zu einer
überstarken Gärung der Kohlehydrate führt. Die Zersetzung begünstigt die Bildung
depressiver Gifte, die Gärung das Entstehen erregender Säuren, die Entzündungen der
Darmwand herbeiführen können. Solche Entzündungen der Wände des
Verdauungskanals verzögern aber die Fortbewegung der Speisemasse noch mehr und
stören auch auf andere Weise ihre Verdauung. Die Innenwand des Kanals bedeckt sich
dann nämlich mit Schleim, welcher die Absonderung der Verdauungssäfte nachteilig

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beeinflußt. Die Verdauung erleidet auf diese Weise eine Behinderung, was zu einer
weiteren übernormalen Gärung und Zersetzung der Eiweißstoffe führt. Schließlich
trocknet die Abfallmasse aus und kann nur mehr mit Schwierigkeit durch den Kanal
geschoben werden, so daß die Bewegung nochmals verlangsamt wird. Daraus folgt
noch mehr Zersetzung, noch mehr Gärung und noch mehr Flüssigkeitsentzug. Das ist
eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, ein Kreislauf ohne Ausgang, der zu
einer chronischen Körpervergiftung führt; denn nicht nur veranlaßt die Verlangsamung
Gärung und Zersetzung, sondern sie gibt auch länger ausgedehnte Gelegenheit für die
Überleitung der so erzeugten Giftstoffe in das Blut.
Und das ist immer noch nicht alles. Es ist unmöglich, aus unserer Nahrung die
faserigen Bestandteile zu entfernen, ohne ihr gleichzeitig gewisse physiologisch
wertvolle Salze zu entziehen. Diese Mineralstoffe sind nicht nur sehr wichtig für das
Wohlbefinden des ganzen Körpers, sie sind besonders wichtig für die lokale Struktur
des Darmes, für die ihn auskleidenden Drüsen, die Muskeln, die seine Wände bilden,
und die Nerven, die dieses Gefüge kontrollieren und regieren. Fehlen diese Salze, so
vermehren sich die Fäulnisbakterien in den viel zu langsam durch den Darmkanal
geschobenen Speiseresten mit unglaublicher Geschwindigkeit. Die Fäulnisbakterien
erzeugen aber nicht nur Gifte, die ins Blut übergehen und die Ausscheidungsorgane
belasten, sondern sie reizen auch örtlich und verursachen schließlich
Entzündungszustände der Darmwände, die sogenannte Kolitis. Der arme Patient ist
dann wirklich auf schlechtem -Wege. Denn wenn durch Verfeinerung der Kost die
natürliche Anregung des Darmsystems wegfällt, so erhalten die Muskeln nicht mehr
den normalen Anreiz, ziehen sich nicht mehr normal zusammen und arbeiten daher
nicht mehr normal. Als Endergebnis zieht die Nichtausübung der Darmfunktion den
Verlust der Funktionsfähigkeit nach sich; die Muskeln werden immer schwächer und
geben schließlich ihre Tätigkeit auf.
Das sollte eigentlich genügen, um dem Leser auch in diesem Zusammenhang
wieder deutlich zu machen, wie schwer die wichtige Funktion der Eingeweidemuskeln
durch die unnatürliche Verfeinerung unserer Kost behindert wird. Um diese Tatsache
kommt man nicht herum. Da die Kenntnis dieser Dinge von größter Wichtigkeit für
alle zivilisierten Menschen ist, sollten solche Warnungen durch die Radiosender
verkündet werden. Wer könnte dann noch weiterhin die übliche verfeinerte Kost als
Hauptnahrung beibehalten?

6. KAPITEL

Die Haut und ihre vernachlässigten Funktionen

Hätte uns die Natur für ein Leben in Kleidern und Häusern eingerichtet, so hätte sie
uns ohne Zweifel mit geeigneten Schutzvorrichtungen in die Welt gesetzt, wie sie auch
der Schnecke ihr Gehäuse mitgibt. Denn wir können mit Sicherheit annehmen, daß die

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Natur keine notwendige Vorsorge außer acht läßt und nichts den Launen des Zufalls
preisgibt.
Wenn die Natur uns nun einerseits nicht mit Häusern und Kleidern versehen hat und
daher wohl beabsichtigte, daß wir ohne diese Schutzvorrichtungen leben sollten, was
wir — die menschliche Familie — ja auch ungezählte Jahrtausende getan haben, so hat
sie uns andererseits doch auch nicht wehrlos dem wechselnden Schicksal überlassen,
das uns aus unserer Umgebung erwächst.
Wir sind gewohnt, die Haut als schützende Hülle für den Körper zu betrachten, die
gleichzeitig das Blut am Austritt aus dem Körper verhindern soll. Aber damit haben
wir nicht tief genug unter der Oberfläche geforscht.
Bei näherer Betrachtung der menschlichen Haut finden wir, daß sie ein äußerst
kompliziertes und wichtiges Organ ist. „0rgan“ — das hätte der Leser wohl nicht
vermutet. Und dennoch stimmt es! Die Haut ist unser Kleid und unser Haus — die
Schutzvorrichtung gegen die plötzlichen Veränderungen in unserer Umwelt. In ihr hat
unser Abwehrmechanismus seinen Sitz, und diese Vorrichtung ist unendlich viel
vollkommener als alles, was wir uns als Bekleidung und Behausung ausdenken
können.
Wie sieht dieser Abwehrmechanismus aus?
Vor allem ist die Haut eine isolierende Bedeckung. Unser Körper entwickelt seine
eigene innere Wärme. Die normale Haut hält diese Wärme bei kaltem Wetter
zusammen und stößt sie bei heißem Wetter aus. Die Haut verhütet auch, daß die
atmosphärische Kälte Zutritt zu den tiefer liegenden Teilen des Körpers erhält. Hätten
wir die Haut nicht, so würde der Körper im Winter erfrieren und in sommerlicher
Hitze verschmachten.
Die Haut atmet auch. Sie ist sozusagen eine zusätzliche Lunge, die belebenden
Sauerstoff aufnimmt und giftige Kohlensäure sowie andere gasförmige Gifte und im
Schweiße gelöste Giftstoffe ausstößt.
Die Haut enthält auch Talgdrüsen, deren Absonderung, eine ölige Substanz, sich
über ihre Oberfläche ausbreitet. um die Haut weich und geschmeidig zu erhalten und
ihr Rauhwerden und Springen zu verhindern.
Die bloße oberflächliche Schönheit des Körpers, seine äußere Erscheinung, wie sie
hauptsächlich im Antlitz zum Ausdruck kommt, ist zu einem großen Teil von dem
Zustand der Hautfunktion des ganzen Körpers abhängig.
Die Haut ist also eines der wichtigsten Organe unseres Körpers und hat eine
ungeheure Bedeutung. Sie ist für unser Leben so wichtig. daß der Mensch rasch
sterben müßte, wenn alle Hauttätigkeit ausgeschaltet würde.
Das ist keine Phantasie und auch keine bloße theoretische Behauptung. Anläßlich
einer Papstwahl in Rom wurde ein schönes, gesundes Kind mit Goldfarbe bestrichen,
um einen Engel darzustellen. In ganz kurzer Zeit starb das Kind, weil die Haut nicht
mehr arbeiten konnte, Dieses Beispiel ist bekannt, desgleichen die Tatsache, daß
Verbrennungen, die größere Teile der Haut zerstören, zur Selbstvergiftung und damit
zum Tode führen, selbst wenn gar keine anderen Organe verletzt sind.
Ist ein so wichtiges Organ nicht eingehender Betrachtung wert? Unbedingt.
Anatomisch gesehen, besteht die Haut aus einer großen Menge
übereinandergelagerter Zellen, die unregelmäßig auf verschiedene Schichten verteilt
sind. Die wenigen äußeren Zellenschichten bestehen aus einer hornigen Substanz und
enthalten keine Blutgefäße. Diese Schichten, die miteinander die Oberhaut oder

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Epidermis bilden, schützen die Oberfläche unseres Körpers vor leichten
Beschädigungen durch Reibung und verhindern das Austreten des Blutes. Die tieferen
Schichten wimmeln von kleinen, Kapillaren genannten Blutgefäßen, die eine sehr
wichtige Rolle beim Ausgleichen der Körpertemperatur spielen und sie unabhängig
von der Außentemperatur konstant auf 36 bis 37 ° C erhalten. Diese Blutgefäße stehen
in naher Verbindung mit dem sympathischen oder Reflexnervensystem und werden
ausschließlich von ihm kontrolliert.
Organe, die unter der Kontrolle des Reflexnervensystems stehen, können von
unserer Einsicht oder unserem Willen nicht beeinflußt werden; sie reagieren nur auf
Anreize, die sie durch irgendeine außerhalb ihrer selbst liegende Quelle erhalten, sei es
durch die Sekretion eines andern Organs oder einer Drüse des Körpers, sei es durch
einen physikalischen Einfluß, wie Einwirkung von Hitze oder Kälte. Und diese vom
Reflexnervensystem her kontrollierten Organe funktionieren nur dann normal, wenn
sie durch die Einwirkung ihrer natürlichen Reizquellen dazu angeregt werden.
Miteinander bilden die Blutgefäße, die so zahlreich in den tieferen Lagen der Haut
und in den unmittelbar unter der Haut liegenden Geweben verteilt sind, ein riesiges,
stark verzweigtes System winzig kleiner Röhren mit elastischen Wänden. Dieses
System wird von zum Reflexnervensystem gehörenden Nervenfasern, deren
hochempfindliche Enden als „Fühler“ in der Hautoberfläche eingebettet sind,
kontrolliert. Stellen wir uns diese kleinen Röhren vor, wie sie, um ihre
Leistungsfähigkeit zu vergrößern, ihre dehnbaren Wände auseinanderziehen, wenn die
empfindlichen Nervenenden der Hautoberfläche mit äußerer Hitze in Berührung
kommen, während sie sich bei äußerer Kälte zusammenziehen. Denken wir uns einen
heißen Tag. Die erhitzte Atmosphäre tritt mit den Nervenenden der Haut in Berührung,
was die Blutkapillaren veranlaßt, sich auf ihren doppelten Umfang auszudehnen.
Dabei füllen sich die Kapillaren mit warmem rotem Blut vom Innern des Körpers her,
und dessen Wärme wird nun in den Raum gestrahlt, so lange, als die äußere Hitze das
Blut zu den Hauptkapillaren zieht.
Es geht dabei aber noch mehr vor sich. Über die ganze Haut sind zwei Systeme
kleiner, senkrecht zur Hautoberfläche stehender Drüsengebilde verteilt, die Fettdrüsen
und die Schweißdrüsen, die innen in geschlossenen Säckchen enden. Ein Netz von
Blutkapillaren umgibt diese geschlossenen Säckchen, besonders die der
Schweißdrüsen. Wenn die äußere Temperatur so hoch steigt, daß sie die Körperwärme
über die normalen 37 ° C hinauftreibt, so dehnen sich diese Kapillaren aus und füllen
sich mit warmem Blut aus dem Körperinnern; die Ausscheidungszellen, die die
Innenwand der Schweißdrüsen bekleiden, ziehen dann große Mengen warmer
Flüssigkeit in Form von Schweiß aus dem Inhalt dieser ausgedehnten Blutgefäße.
Dieser warme Schweiß breitet sich in dünnem Überzug über die Oberfläche der Haut
aus, so daß die Wärme rasch in den Raum ausstrahlt. Je höher die äußere Hitze steigt,
desto energischer setzt diese Wärmestrahlung und Wärmeentziehung durch
Schweißabsonderung ein. Sowie aber die äußere Hitze sinkt, vermindert sich auch die
Schweißabsonderung in demselben Maße. Dieser Ausgleich der Körperwärme
geschieht ganz unabhängig vom bewußten Wollen oder von der Erkenntnis, einzig und
allein durch den Mechanismus der Reflexnerven und ihre empfindlichen, in der Haut
liegenden Endfühler.
Natürlich kann Schwitzen auch durch andere Mittel hervorgerufen werden als durch
die Einwirkung äußerer Wärme, zum Beispiel bei großen Muskelanstrengungen durch

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die innere Wärme des Körpers. Tatsache ist aber jedenfalls, daß 90 Prozent der
Wärmeausstrahlung des Körpers durch die Haut erfolgen.
Weiter enthält die Haut noch den pigmentbildenden Mechanismus, eine Vorkehrung
der Natur, durch die eine Schicht dunkler Farbstoffe (Pigmente) in den tieferen Lagen
der Haut gebildet wird, wenn der nackte Körper lange Zeit den Sonnenstrahlen
ausgesetzt ist. Der Zweck dieser Einrichtung besteht darin, gewisse erhitzende,
reizende und schädliche Bestandteile der Sonnenstrahlen vom Innern des Körpers
fernzuhalten.
Besonders wichtig ist die Art und Weise, wie die Haut die Körperwärme zurückhält
und sie verhindert, in den Raum zu entweichen, wenn die atmosphärische Kälte die
Körpertemperatur unter ihren normalen Stand herabzusetzen droht. Die ganze
Oberfläche unseres Körpers ist mit feinen Härchen bedeckt, die teils sichtbar, teils
unsichtbar sind. An den Wurzeln dieser Härchen (richtiger gesagt: am Grunde der
kleinen Haarwurzelknollen) befinden sich kleine Muskeln, die „Haaraufrichter“
(Arrectores pilorum) genannt werden. Das eine Ende dieser Muskeln ist an den
Haarwurzeln befestigt, das andere an der unteren Seite der Haut. Wenn starke Kälte
auf die Haut einwirkt und eine Herabsetzung der inneren Körperwärme droht, ziehen
sich diese kleinen Muskeln zusammen, und die feinen Härchen richten sich auf. Das
ist die Erscheinung der „Gänsehaut“. Aber der Zweck dieser Zusammenziehung ist
nicht, die Haare „zu Berge“ stehen zu lassen, vielmehr pressen sich dann die lose
zusammenhängenden Zellen, die unsere Außenhaut bilden, gegeneinander, so daß
sozusagen alle Zwischenräume geschlossen werden. Auf diese Weise wird der Körper
gegen das Einströmen der äußeren Kälte abgeriegelt; überdies wird dadurch die
Abstrahlung der Körperwärme nach außen verhindert. Zu gleicher Zeit werden die
Schweißdrüsen veranlaßt, ihre Öffnungen in der Hautoberfläche zusammenzuziehen,
und die Zellen, welche die Innenwände dieser Drüsen bekleiden, erhalten den Befehl,
die Schweißausscheidung zu unterbrechen. So wird die unmerkliche Ausdünstung, die
fast ununterbrochen über den ganzen Körper stattfindet, um die Körperwärme
auszustrahlen, abgeschnitten. Weiter werden die Blutgefäße in der Haut und
unmittelbar darunter angewiesen. sich zusammenzuziehen, wodurch das in ihnen
enthaltene Blut in das warme Innere des Körpers zurückgedrängt wird; daher wird die
Haut bei der ersten Fühlungnahme mit starker äußerer Kälte stets etwas blasser. Der
Kontakt der Kälte mit der Haut wirkt aber als starker Anreiz auf die Atmungsorgane,
und während die oben beschriebenen Vorgänge stattfinden, hat der Körper bereits
begonnen, tiefer zu atmen und mit jedem Atemzug große Mengen von Sauerstoff in
das Blut überzuführen. Dieser Sauerstoff wirkt als Reizmittel auf das Herz, das seine
Schläge beschleunigt und seine Tätigkeit steigert; dadurch wird das Blut, mit Wärme
geladen, zur Hautoberfläche zurückgetrieben. Inzwischen ist an die Kapillaren in der
Haut der Befehl ergangen, sich wieder auszudehnen, um diesen Rückstrom von
warmem Blut zu ermöglichen, und wiederum gehorchen sie unverzüglich, was man
selbst feststellen kann, weil die Haut im Kontakt mit der Kälte nach einer kurzen
Weile rot wird. Aber die Hautzellen sind jetzt zusammengepreßt, ihre Zwischenräume
sind geschlossen und die Drüsengänge desgleichen; daher kann das in die
Oberflächenkapillaren gedrängte warme Blut seine Wärme nicht nach außen abgeben;
sie strahlt vielmehr nach innen und verhindert so ebenfalls den Kältezutritt nach dem
Körperinnern. Nun kommt aber noch etwas dazu. Als der Kontakt der Haut mit der
Kälte den Körper veranlaßte, tiefer zu atmen und auf diese Weise mehr Sauerstoff

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aufzunehmen, machte sich dieser Sauerstoff unverzüglich daran, die noch nicht
verarbeiteten Kohlehydrate der letzten Mahlzeit zu verbrennen, um noch mehr
Körperwärme freizumachen. Sind keine solchen Kohlehydrate vorhanden, so
verbrennt der Sauerstoff das Körperfett. Außerdem bewirkt er die beschleunigte
Verbrennung der Zellenabfallstoffe im Körper und deren Ausscheidung als Gas oder
Flüssigkeit oder in anderer Form.
Dieser umfangreiche Verbrennungsprozeß entwickelt zusätzliche Körperwärme, die
durch die Zusammenpressung der äußeren Hautzellen und die Schließung der
Schweißdrüsen weitgehend im Körper zurückgehalten wird.
So dient derselbe Verteidigungsmechanismus einem doppelten Zweck: in der
Sommerhitze schützt er den Körper vor dem Verbrennen und im Winter vor dem
Erfrieren. Die Art seiner Tätigkeit hängt ganz von der Art der natürlichen Anreize ab,
die auf die empfindlichen Nervenenden in der Hautoberfläche wirken.
Die Berührung der Haut mit ihrer Umgebung hat aber noch andere Folgen. Wenn
das Blut durch tiefes Atmen, das dem Kontakt der Haut mit der äußeren Kälte folgt,
reicher mit Sauerstoff geladen wird, muß auch das Herz mit größerer Kraft und
Schnelligkeit arbeiten. Dadurch wird das sauerstoffreiche Blut in alle Organe gepumpt.
Da die Organe aus Stoffen aufgebaut sind, die ihnen durch das Blut zugeführt werden,
haben sie auf diese Weise die Möglichkeit, neue Aufbaustoffe aufzunehmen und dafür
die alten, verbrauchten wieder an das Blut zurückzugeben. Gewisse Organe, wie zum
Beispiel die Sekretionsdrüsen, haben dabei noch den Vorteil erhöhter Zufuhr von
Rohstoffen zur Bildung der Absonderungen, die sie dem Körper liefern, um ihm auf
diese Weise Wirkstoffe zuzuführen, ohne die bestimmte Organe oder Drüsen nicht
arbeiten können. Andere Drüsen haben die Aufgabe, dem kreisenden Blute Giftstoffe
zu entnehmen und sie so aus dem Körperhaushalt zu entfernen. Den ersten Vorgang
nennen wir Sekretion, den zweiten Exkretion.
Die gesteigerte Tätigkeit des Herzens, der Blutgefäße, der Lungen, der Drüsen im
ganzen Körper, der Haut selber, und die gesteigerten rhythmischen
Zusammenziehungen der Muskelfasern über den ganzen Körper erzeugen gleichfalls
zusätzliche Wärme, die in den Blutstrom übertritt und von ihm ununterbrochen der
Haut zugeführt wird; infolgedessen vermag die äußere Kälte, mit der der Körper in
Kontakt ist, nicht in ihn einzudringen.
Wir sehen aus diesen Darlegungen, daß in unserem Körper als Folge der
Kälteeinwirkung auf unsere Haut eine ganze Kette von Reflextätigkeiten stattfindet;
diese Kette nenne ich die „Hautreflexkette“. Ihre Funktionen können aber nur dann
kräftig angeregt werden, wenn die Haut dauernd ihre natürlichen Anreize aus ihrer
Umgebung erhält. Mit anderen Worten: die Haut soll immer fähig und bereit sein, den
Körper gegen die Angriffe, die ihm aus seiner Umwelt erwachsen, zu verteidigen; die
Kraft dazu erhält sie von selbst infolge der beständigen Anstrengung, die Umwelt zu
meistern.
Allerdings gilt das nur für die normale, gesunde menschliche Haut. Und hier stoßen
wir gleich auf eine Schwierigkeit. Wie viele Menschen unserer Zeit haben eine
normale, gesunde Haut? Leider nur wenige!
Pusteln, Ausschlag und alle Arten von ähnlichen Entstellungen sind freilich
Beweise nicht nur einer kranken Haut, sondern auch eines kranken Körpers. Die Haut
kann nicht mit Ausschlag versehen oder anderswie gereizt sein, wenn der Körper ganz
gesund ist. Diese Behauptung wird, das weiß ich, ungefähr neunundneunzig Prozent

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meiner Leser verblüffen; das kommt, ich wiederhole es, von der Gewohnheit, nicht
unter die Oberfläche der Dinge zu schauen.
Es ist in diesem Rahmen unmöglich, alle Funktionen der Haut eingehend zu
studieren. Wir wollen hier nur eine derselben, die Verteidigung gegen die Umwelt,
herausgreifen und näher betrachten; dasselbe Prinzip beherrscht auch ihre andern
Funktionen.
Betrachten wir einmal die Gewohnheit der zivilisierten Menschheit, den Körper in
mehrere Schichten sozusagen luftdicht abschließender Kleidungsstücke einzuwickeln.
Wie in aller Welt kann sein Abwehrmechanismus erstarken, wenn jedes erdenkliche
Hindernis zwischen ihn und seine natürlichen Anreizquellen gelegt wird, ohne deren
Einwirkung er gar nicht in normale Funktion treten kann?
Es versteht sich von selbst, daß ein von so schwächlicher Haut bedeckter Körper
keine Freude an der Berührung mit kaltem Wasser hat; er schreckt davor zurück. Er
schreckt vor Kälteberührungen jeder Art zurück, und nichts beweist deutlicher, daß
seiner Abwehrbedeckung die Lebenskraft entzogen ist, daß die Natur ein Sühnegeld
für das übertretene Gesetz einfordert und das zu wenig benützte, in seinen Funktionen
beständig gestörte Organ verkümmern läßt.
Aber nicht allein die Abwehrfunktion der Haut wird zerstört und muß verkümmern, in
jeder Zelle des Körpers wird eine ähnliche Abwehreinrichtung vernichtet, denn die mit
der Haut verbundenen Funktionen bilden ja, wie wir gesehen haben, eine ganze lange
Kette. Die Haut ist das reflexerzeugende Zentrum, und wenn der Reflex aus
mangelnder Anregung nicht mehr erzeugt wird, muß die ganze Kette der Funktionen
versagen. Kein Wunder, wenn Zugluft in den zarten und empfindlichen inneren
Organen Erkältungen und Krankheiten hervorruft, die unnatürliche und daher durchaus
unnötige Erscheinungen sind.
Und doch gibt es viele Menschen — darunter auch die nicht denkenden Ärzte —, die
viele und schwere Kleider als gesund betrachten, weil sie den Körper „vor der Wut der
Elemente zuverlässig beschützen“. Solche Leute, seien sie Laien oder medizinische
Fachleute, sind nie tiefer in diese Probleme eingedrungen, sondern stets an der
Oberfläche geblieben. Hätten sie tiefer geforscht, so hätten sie sich vielleicht doch
gefragt, wie es kommt, daß Hände und Gesicht in Berührung mit derselben Kälte, die
jeden anderen, gewöhnlich durch viele übereinanderliegende Kleidungsstücke
beschützten Körperteil aufs empfindlichste und heftigste reizen würde, nicht im
geringsten leiden. Und sie hätten sich wohl auch um eine Erklärung der allen Ärzten
mit ausgedehnter Vorstadtpraxis in großen Industriestädten bekannten Tatsache
bemüht, daß unter dem oft nur halbbekleideten, zerlumpten, ungewaschenen
Nachwuchs der untersten Bevölkerungsklassen Erkältungen, Bronchialerkrankungen,
Influenza, Lungenentzündung, usw. verhältnismäßig selten vorkommen. Ich habe eine
ziemliche Erfahrung auf diesem Gebiet und kann davon sprechen.
Ich behaupte keineswegs, daß solche Krankheiten in ärmlichen Verhältnissen nur
vereinzelt auftreten, dennoch kann man ihr Vorkommen selten nennen, verglichen mit
ihrem Wüten unter den wohlhabenden, gutgekleideten Bürgern derselben Städte, die
oft in solchem Ausmaße darunter leiden, daß der Beobachter längst aufgehört hat, sich
darüber zu verwundern, ja, daß sie als Beigabe zu den natürlichen Lebensbedingungen
angesehen werden, die jenseits menschlicher Verantwortung liegt. Diesen Zustand
finden wir aber nur in der Zivilisation und nirgends in den unzivilisierten Ländern,
nirgends bei natürlich lebenden Menschen, die weniger „gut gekleidet“, weniger „gut

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genährt“, weniger „gut untergebracht“ sind als wir. Das mahnt zum Aufsehen.
Wer da glaubt, es sei wichtig, sich „gut zu kleiden“, und dabei an dicke, schwere
Kleidung denkt, findet auch keine Erklärung für die merkwürdige Erscheinung jener
Indianer an der Küste des Stillen Ozeans, die ich manchmal barfuß in wässerigem,
schmutzigem Schnee umherwaten sah, nur mit baumwollenen Hemden und
zerschlissenen Hosen bekleidet oder auch bloß in einer Ärmelschürze als einziger
Körperbedeckung, die aber in keiner Weise unter der Kälte zu leiden, noch sie
überhaupt zu empfinden schienen. Die Indianer selbst aber hatten eine Erklärung.
Einen Alten fragte ich, wie er es mache, um die Kälte so gut auszuhalten und
anscheinend nicht einmal zu fühlen. Er antwortete: „Bei mir alles Gesicht.“ Das ist die
Erklärung dieses Phänomens in einer Nußschale. Wir lernen daraus nicht nur, daß die
wirklich normale Haut den Kontakt mit äußerer Kälte in jeder Form ertragen kann,
sondern auch, daß eine solche natürliche Anregung für sie ein Bedürfnis und ein
Genuß ist.
So läßt sich auch begreifen, wie eine kleine Musikantentruppe von den Philippinen,
die im Jahre 1904 eine Tournee in den Vereinigten Staaten machte, nachdem sie
vorher an der Weltausstellung in St. Louis tätig gewesen war, eines Tages lächelnd
durch die verschneiten Straßen von Philadelphia gewandert kam, ohne weitere
Bekleidung als ihre Hosen; der klatschnasse Schnee drückte sich glucksend zwischen
den Zehen hindurch, die Flocken lagen hell auf der nackten Haut und schmolzen dort;
die Männer schienen die Kälte gar nicht zu beachten. Ich sah dieselben Männer später
im Hörsaal, wo ich mithalf, am Beispiel ihrer Füße einer Gruppe von
Orthopädiestudenten den vollkommenen Fuß zu demonstrieren, und hatte Gelegenheit,
mit verschiedenen von ihnen zu sprechen. Sie erzählten mir, in ihrer Heimat hätten sie
nie Schnee gesehen; aber sie empfanden die Kälte nicht, und ich konnte ihnen dies
glauben, denn ihre Haut fühlte sich durchaus warm an. Ich ließ es mir angelegen sein,
nachträglich zu erfahren, ob sie sich auf diesem Marsch durch den Schnee erkältet
hätten; doch sie lachten über die Vermutung, daß sie sich hätten erkälten können.
Diese Beobachtungen führen alle zu derselben Feststellung: daß die zivilisierten
Menschen ihr normales Verhalten weitgehend verloren haben; es hat sich in ihnen die
Vorstellung herausgebildet, das Endziel des Lebens sei nicht körperliche Ertüchtigung,
sondern Bequemlichkeit und physisches Behagen. Man kann zwar nicht bestreiten, daß
dies der Endzweck der Kultur ist, aber das Endziel des Lebens ist es keineswegs.
Es gibt zwei Lebensauffassungen. Die eine zielt auf behagliches Wohlleben, die
andere auf körperliche und seelische Tüchtigkeit, Lebendigkeit, Männlichkeit. Die
Grundidee der ersten Auffassung läßt sich in dem Bild einer Schlange darstellen, die
soeben eine Beute verschlungen hat und sich nun an einem sonnigen Plätzchen
zusammenrollt, um ihr Verdauungsschläfchen zu halten. Die Grundidee der zweiten
Auffassung symbolisiert der Jagdhund, der an der Leine zerrt, das Rennpferd, das
ungeduldig wiehernd mit seinen Hufen scharrt. Der bequeme Mensch scheut sich
davor, sich körperlichen Beschwerden auszusetzen, und trachtet daher, jede
Anstrengung zu vermeiden und sein Dasein in einer weichen, trägen, schläfrigen
Weise zu genießen. Der gesunde, tatenfreudige Mensch dagegen sucht Anstrengungen
auf, setzt sich den Einwirkungen der Umwelt aus und trachtet so, die dem Körper
innewohnende Verteidigungskraft durch Übung zu stärken, wie man es mit seinen
Muskeln oder seinem Gedächtnis macht, wenn man sie zu entwickeln wünscht; das
Endziel ist körperliche Tüchtigkeit, welche Lebenskraft und Widerstandsfähigkeit

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erzeugt.
Die Anhänger dieser lebendigen Lebensauffassung wissen, daß der Körper nur
durch Überwinden von Schwierigkeiten lernen kann, Schwierigkeiten zu überwinden;
nur durch Widerstandsleistung wird er widerstandsfähig; nur durch Kraftentwicklung
bis zur Grenze der Erschöpfung kann er sich kräftigen. Und ob diese Leute nun von
physiologischen oder natürlichen Gesetzen schon etwas gehört haben oder nicht, sie
wissen jedenfalls, daß die Körperfunktionen nur durch immerwährendes, kräftiges
Funktionieren und durch beständige Erfüllung der ihnen zugedachten Aufgaben zur
vollen Ausübung ihrer Kräfte fähig werden können.
Jedermann, sogar der Anhänger des schlaffen und weichen Lebens, der Genüsse
und des üppigen Behagens, weiß, wie notwendig es ist, die willkürlichen Muskeln
regelmäßig und hart arbeiten zu lassen, um kräftige Beweglichkeit zu erreichen. Er
sieht aber in dieser Tatsache nicht das allgemeine Prinzip oder das natürliche Gesetz,
das auf alle Organe und Funktionen anzuwenden ist. Verehrer der weichen Lebensart
können dieses Prinzip auch gar nicht sehen, denn wir alle finden überall nur das,
wonach wir suchen. Und die schlaffen Menschen suchen bloß Ausreden für ihr
Verhalten und immer neue Gelegenheiten, sich zu pflegen und zu verwöhnen. Nur von
dem Menschen, der selber wünscht, körperlich tüchtig zu werden, also Tüchtigkeit
sucht, können wir erwarten, daß er die Naturgesetze erkennt, die darauf hinzielen,
solche körperliche Tüchtigkeit zu entwickeln.
In unserer Zivilisation gibt es allerdings noch sehr wenige Anhänger dieser
Körperbereitschaft. Die meisten Kulturmenschen sind Anhänger von Luxus und
Verweichlichung. Sie sind nach und nach zu dem Glauben gelangt, daß es vorteilhafter
sei, die natürlichen Abwehrkräfte des menschlichen Körpers durch stellvertretende
Einrichtungen menschlicher Erfindung zu ersetzen und durch sie den Körper
beschützen zu lassen, anstatt seine natürlichen Abwehrkräfte genügend zu verwerten,
und künstlichen Schutz nur im Notfall in Anspruch zu nehmen.

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7. KAPITEL

Unterentwickelte Muskeln

Der Kulturmensch kann sich an Torheiten und Unnatürlichkeiten nicht genug tun. Er
feiert auf allen Lebensgebieten wahre Orgien gedankenloser oder eigenwilliger
Übertretungen der Naturgesetze. Selbst wenn ich fünfzig Bücher über naturwidrige
Lebensgewohnheiten der Kulturmenschheit schreiben würde, käme ich damit immer
noch an kein Ende. Man kann ohne zu übertreiben behaupten, daß jede Gewohnheit,
die den zivilisierten Menschen vom Wilden unterscheidet, unnatürlich ist.
Diese Kritik rechtfertigt sich, wie auf allen andern, so auch auf dem Gebiete der
Muskeltätigkeit. Die Funktion der Muskeln besteht darin, zusammenzuziehen —
Stärke auszuüben. Und das heißt mehr, als bloß die Körperteile in Bewegung zu
setzen. In dieser Richtung liegt sogar ihre geringste Bedeutung, denn solche Aufgaben
können auch von stellvertretenden Kräften ausgeführt werden.
Die Muskelfunktion liegt bei schätzungsweise fünfundneunzig Prozent der
zivilisierten Menschheit brach; sie wird jedenfalls nur schlecht geübt. Die Folgen
bleiben denn auch nicht aus. Ist es wohl ein bloßer Zufall, daß unsere Muskeln so fest
und großer Kraftentwicklung fähig sind? Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, daß
ihre Beschaffenheit Teil eines Planes ist. Der Plan aber deutet auf einen Geist, der ihn
entworfen hat. Nehmen wir einen solchen Geist an, so schließen wir auf einen Zweck;
dieser Zweck bezieht sich auf eine Funktion, die Funktion auf ein Bedürfnis, das
Bedürfnis auf eine Notwendigkeit — und zwar die Notwendigkeit, das Organ so zu
gebrauchen, wie es seiner Beschaffenheit nach zum Gebrauch bestimmt ist. Damit sind
wir am Ende und zugleich wiederum am Ausgangspunkt des Kreises.
Das bloße Vorhandensein unserer Muskeln verlangt Benützung. Wenn das wahr ist,
so ist auch wieder wahr, daß ihre Dicke, ihre Stärke eine kräftige Benützung
verlangen. Die Natur macht keine Fehler. Sie versieht uns nicht mit Organen, die fähig
sind, eine große Funktionskraft auszuüben, ohne von uns auch diese Ausübung in
weitestgehendem Maße zu verlangen. Und dieses Verlangen können wir nicht
ungestraft überhören. Diese Wahrheit müssen wir uns sehr gut merken. Er ist der
Fluch der Zivilisation, daß wir solche Wahrheiten rein theoretisch erfassen. Wir
versuchen beständig, die Natur zu hintergehen und uns ihr zu entziehen.
Das Vorhandensein der kräftigen Muskeln deutet auf die Notwendigkeit einer
gewaltigen Verausgabung an Muskelkräften. Das ist nicht meine Folgerung, es ist die
der Natur. Und hinter den Folgerungen und Forderungen der Natur steht die ganze
Gewalt der Naturgesetze. Gehorche oder zahle, benütze oder verliere; das sind die
Argumente der Natur. Gehorchen heißt: einfach und natürlich leben. Natürlich leben
heißt: normal sein. Normal sein heißt: einen vollkommenen Körper besitzen. Einen
vollkommenen Körper besitzen heißt: frei von Krankheit und ihr nicht unterworfen
sein.
Gewisse Gesetze für natürliches Leben, für einfaches Leben, die jedermann bei
richtigem Willen gut verstehen und befolgen kann, sind als Richtschnur für unser
persönliches Leben aufgestellt, damit der Mensch in Übereinstimmung mit ihnen
seinen vollen Erdenzyklus vollbringen und sich eines langen, kraftdurchpulsten
Daseins erfreuen kann. Aber der einzelne nimmt sich nicht einmal die Mühe, zu

74
untersuchen, welche Art Leben die Natur von ihm fordert; er bemüht sich bloß zu
ergründen, wie er am liebsten lebt. Dieser Mangel an Achtung vor den natürlichen
oder göttlichen Gesetzen und die Einstellung auf das eigene Selbst werden zu ihrer
Zeit ihren Preis gebieterisch fordern. Krankheit und meistens ein früher Tod — immer
jedenfalls ein weit früherer Tod, als es in der Absicht der Natur lag, wie lange auch der
einzelne Lebensablauf dauern mag — werden der zu zahlende Tribut sein.
Es ist ja gar nicht zu vermeiden, daß die zivilisierten Lebenseinrichtungen
unnatürlich sind, solange die moderne Menschheit an der allgemein verbreiteten
Überzeugung festhält, daß Behaglichkeit, Muße, Fernhalten jeder körperlichen,
geistigen und moralischen Anstrengung, Übersättigung, leckere und verfeinerte
Speisen, kurz, üppige Verweichlichung die wahren Ziele des Lebens sind. Ich stelle
mir vor, daß solche und ähnliche Selbsttäuschungen auf folgende Art entstanden sein
mögen:
Ein Mensch in mittlerem Lebensalter hält sich schon seit Jahren von körperlicher
Betätigung zurück, weil er sich schonen zu müssen glaubt. Eines Tages verlangen
unerwartet eingetretene Umstände von ihm die Anstrengung seiner Kräfte bis an ihre
äußerste Grenze. Er bricht zusammen und stirbt wohl gar in der Folge. Logische
Schlußfolgerung: die Körperanstrengung hat ihn umgebracht. Aber dieser Schluß ist
verkehrt — ganz und gar verkehrt. Er hatte sich so lange geweigert, den Befehl der
Natur auszuführen und seine Muskeln in Übung zu erhalten, bis der Augenblick
gekommen war, in dem er dafür zahlen mußte — und er hat gezahlt.
Wir pflegen zu verallgemeinern, und als Basis für unsere Verallgemeinerungen
dienen uns die täglichen Beobachtungen; aber während wir beobachten, bleiben wir an
der Oberfläche der Dinge und untersuchen sie nicht genügend tief. Weil Menschen
manchmal nach geleisteten Anstrengungen zusammenbrechen, sagen wir, die
Anstrengung habe sie umgeworfen. Wir überlegen nicht, warum diese bestimmte
Anstrengung ihnen verhängnisvoll wurde. Müßten wir es oft erleben, daß
Anstrengungen einen Menschen töten, dann hätten wir einigen Grund zu solchen
Behauptungen. Aber wir wissen doch schließlich auch, daß es eine Ausnahme ist,
wenn Menschen nach einer Anstrengung zusammenbrechen oder gar sterben; daher
sollte unsere richtige Folgerung die sein, daß wir die Schuld an der Katastrophe in
Ereignissen oder Verhältnissen suchen, welche dieser Anstrengung vorausgingen.
Physiologisch lassen sich so drastische Fälle der Überanstrengung durch den
Vergleich mit Gartenschläuchen und Autoreifen verständlich machen.
Die Funktion eines Gartenschlauchs ist, Wasser zu fassen und weiterzuleiten,
während die eines Autoreifens darin besteht, gepreßte Luft zu umschließen und
Gewicht zu tragen. Beide Verwendungszwecke setzen Biegsamkeit und pralle
Elastizität voraus, besonders wenn die Beanspruchung längere Zeit dauert. Und jeder,
der sich in diesen Dingen auskennt, weiß, daß die beste Art — eigentlich die einzige
—, die Geschmeidigkeit des Schlauches und des Reifens zu erhalten, darin besteht,
beide möglichst oft zu benutzen. Je mehr man Wasserschläuche und Autoreifen
benützt, je größere Anforderungen man, ohne zu übertreiben, an sie stellt, desto länger
behalten sie ihre wesentlichen Eigenschaften, die sie befähigen, der Beanspruchung zu
genügen. Legt man sie zur Seite, ohne sie zu benützen, so sind sie nach wenigen
Monaten hart und unbrauchbar geworden.
Das alles gilt auch von unseren Blutgefäßen und dem Herzen. Die Blutgefäße sind
elastische Röhren, deren Wandung aus unwillkürlichen Muskelfasern und elastischen

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Geweben besteht und die vom Reflexnervensystem kontrolliert werden. Ihre Funktion
ist, den verschiedenen Teilen des Körpers das Blut zuzuführen. Die dazu erforderliche
Pumparbeit leistet das Herz, ein mit großen Kammern versehenes Muskelgebilde, das
sich beständig in raschem Wechsel zusammenzieht und wieder ausdehnt.
Beim Ausdehnen des Herzmuskels füllen die Herzkammern sich mit Blut; zieht der
Herzmuskel sich dann zusammen, so wird dieses Blut in bestimmte Blutgefäße — die
Arterien — gepreßt, Muskelschläuche, deren elastische Wände sich ausdehnen, um
das Einfließen zu erleichtern.
Gleich darauf läßt aber das Herz in seiner Spannung nach, weil es sich ausdehnen
muß, um seine Kammern neu zu füllen; infolgedessen schwindet der Druck, der das
Blut in die Arterien getrieben hat. Während die Herzkammern sich ausdehnen, um sich
wieder frisch zu füllen, schließt sich eine Klappe am Eingang der Arterien zum
Herzen. Aber der Kreislauf des Blutes darf keinen Augenblick innehalten, wenngleich
die Pumpkraft des Herzens während der Zeit seiner Wiederauffüllung von dem
Blutstrom in den Arterien abgeschlossen ist. Deshalb ziehen sich die elastischen
Wände der Arterien, die sich vorher ausgedehnt hatten, jetzt wieder zu ihrem
Normalzustand zusammen und pressen dadurch das Blut erst in die Kapillaren, von
dort in die Venen und dann zurück zu den Lungen und zum Herzen. Die Arterien
haben sich aber kaum auf ihren gewöhnlichen Umfang reduziert, so pumpt ihnen das
Herz eine neue Blutwelle zu, und sie müssen sich ungesäumt wieder ausdehnen, um
das Blut aufzunehmen.
Dieser Prozeß geht, solange der Körper lebt, sechzig- bis hundertmal in der Minute vor
sich. Er geht vor sich, ob die willkürlichen Muskeln genügend Arbeit haben oder
nicht; aber wenn die willkürlichen Muskeln nicht aktiv arbeiten, so ist die Stärke und
die Häufigkeit der Herzschläge und die Menge des durch die Arterien getriebenen
Blutes geringer als bei aktiver Muskelbetätigung. Machen die willkürlichen Muskeln
eine vom Willen diktierte aktive Anstrengung, so muß auch das Herz größere Arbeit
leisten, und dabei wird mehr Blut in die Arterien gepumpt, die dadurch zu noch
stärkerer Ausdehnung und häufigeren Zusammenziehungen gezwungen werden, weil
sie nur dann den verstärkten Blutkreislauf bewältigen können. Diese aktive
Arbeitserhöhung der Arterienwände bedeutet also entsprechende Übung.
Ruhen die Muskeln unseres Körpers, so befinden sie sich in latenter Spannung, jenem
gänzlich passiven Zustand, der einen nicht gelähmten, ruhenden von einem gelähmten
Muskel unterscheidet. Dauert dieser tatenlose Zustand an, so greift die Natur mit ihrem
Gesetz ein und zerstört die untätigen Muskeln nach und nach; sie werden schlaff,
schrumpfen zusammen und verlieren ihre Stärke, ein Zustand, der Atrophie genannt
wird, und der sich schon nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit der Ruhe und des
Müßigseins bemerkbar macht. Die Muskeln beginnen alsbald steif und unelastisch zu
werden. Gut durchgearbeitete Muskeln sind weich, nachgiebig und spannkräftig.
Steife, aber schlaffe Muskeln zeigen dagegen zu geringe physiologische Tätigkeit an.
Aber Muskel ist Muskel, und was hier von den willkürlichen Muskeln gesagt wurde,
gilt natürlich auch von den unwillkürlichen.
Bleiben die willkürlichen Muskeln untätig, so wird zum Beispiel auch vom Herzen
eine mehr oder weniger nur passive Anstrengung verlangt. Bei längerer Dauer der
Passivität ist das Herz überhaupt nur noch zu solch passiven Anstrengungen fähig; es
verfällt dann auch mit der Zeit der Atrophie infolge Nichtgebrauchs. Und weil
Muskeln, die einige Zeit nicht aktiv benützt worden sind, nicht nur schlaff und

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schwach, sondern auch starr und steif werden, so fangen die Wände der Blutgefäße an,
steif und unelastisch zu werden, wenn der Körper aufhört, sich aktiv anzustrengen.
Sind sie unelastisch, so dehnen sie sich nicht mehr normal aus, um das Blut, das aus
den Herzkammern ausgestoßen wird, aufzunehmen; das Blut muß aber doch durch sie
hindurchgehen. Es wird daher immer schwieriger für das sich zusammenziehende
Herz, das in seinen Kammern enthaltene Blut durch die Arterien zu treiben. Von Herz
und Blutgefäßen wird ein größerer Kraftaufwand als der normale verlangt, und
geringere Kraft als die normale steht zur Verfügung. Die Folge ist, daß das Herz eine
außergewöhnliche Anstrengung machen muß, um das Blut in die Arterien, die sich
nicht ausdehnen wollen, zu pressen. Dadurch erhöht sich der Druck des Blutes in den
Arterien, und wir erleben das Phänomen des gesteigerten Blutdrucks.
Die Natur tut zwar bekanntermaßen alles ihr Mögliche, um jeglichen organischen
Gewebezerfall aufzuhalten oder auszugleichen. Wenn die Herzklappen undicht sind
und einen Teil des Blutes bei der Zusammenziehung der Arterienwände zurückfließen
lassen, so werden die Wände nach und nach dicker und dadurch stärker, um so den
Verlust an Arbeitsleistung auszugleichen. Dasselbe macht die Natur im Falle von
Arterien, die durch Mangel an regelmäßiger physiologischer Übung unelastisch
geworden sind. Jede vergrößerte Anstrengung des Herzens, das Blut mit gesteigerter
Kraft in die Arterien zu pressen, bedeutet für die Arterienwände eine vergrößerte
Aufgabe. Die Natur kommt ihnen zu Hilfe und legt neue Gewebeschichten an die
Arterienwände, um sie zu verdicken. Aber dieses Gewebe ist nicht elastisch und hat
eher die Neigung, sich zusammenzuziehen, als sich zu strecken oder auszudehnen. Es
macht zwar die Arterienwände stärker, aber auch steifer und unelastischer, was
wiederum vom Herzmuskel größere Anstrengungen verlangt. Durch diese vermehrte
Anstrengung des Herzens steigt die Spannung in den Arterien. Zunehmende Spannung
birgt aber die Gefahr eines Gefäßbruches in sich; darum verdickt und verstärkt die
Natur die Wände der Arterien aufs neue. Auf diese Weise werden sie noch steifer, und
der dann nötige neue Kraftaufwand des Herzens macht sie nur noch spröder. Endlich
beschließt die Natur, energisch einzugreifen, und beginnt, zwecks neuerlicher
Verstärkung, in den Arterienwänden Kalk abzulagern. Das Ergebnis sind die
sogenannten „verkalkten“ Arterien, die spröde und brüchig wie Pfeifenstiele sind. Jetzt
aber hat die Natur alles getan, was in ihrer Macht liegt; sie hat ihren letzten Trumpf
ausgespielt. Ihre Maßnahmen haben das Leben um einige Jahre verlängert, aber nun
muß der Kampf zwischen Herz und Arterien zu einer Entscheidung kommen. Die
Arterien wollen sich einfach nicht mehr ausdehnen; das Herz besteht jedoch darauf.
daß sie es tun sollen, und so streiten sie miteinander, und jeder Teil beharrt auf seinem
Recht. Das Herz setzt seine ganze mächtige Kraft dafür ein, das Blut in die Gewebe zu
senden, die nach Blut und immer mehr Blut schreien. Die Arterien verweigern den
vollen Dienst: „Wir können nur noch so und so viel Blut übernehmen und weiterleiten,
aber nicht mehr, denn wir können uns nicht mehr wie früher ausdehnen und anpassen.“
Und sie versuchen, so viel Blut wie möglich wieder zurück in die Herzkammern zu
senden. Ist es so weit gekommen, dauert es nicht mehr lange, bis wir hören, daß Herr
X oder Frau Y einem Herzleiden erlegen ist, einer Angina pectoris, einem Schlaganfall
— das Herz oder die Blutgefäße geben eben schließlich den aussichtslosen Kampf auf.
Es kann aber auch ein anderes gefäßreiches Organ eines Tages plötzlich versagen. Wir
wollen uns unter diesem Gesichtspunkt die Nieren etwas näher ansehen.
Die meisten Organe des Körpers sind in eine Decke unelastischen Fasergewebes

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eingehüllt. Das ist auch bei den Nieren der Fall. Innerhalb dieser Hülle besteht die
Niere aus vielen Blutgefäßen und ausscheidenden Zellen, die in der Hülle
unausdenkbar eng zusammengedrängt sind. Wird durch das
Wiederherstellungsverfahren der Natur neues Gewebe zur Nachhilfe oder zum Ersatz
hinzugefügt, so entsteht innerhalb der Hülle ein der Menge der neu hinzugefügten
Zellen entsprechender erhöhter Druck. Durch diesen Prozeß erhöht sich aber auch der
Druck des in den Nierengefäßen zirkulierenden Blutes, und die Niere hat aus dieser
doppelten Quelle einen bedeutenden Druck zu ertragen. Die unendlich vielen
Blutgefäße, die die Sekretionszellen mit Blut versorgen müssen, damit sie ihre Arbeit
als Giftentferner ausführen können, lassen die Größe dieses Druckes vermuten.
Schließlich beginnt dieser vergrößerte Druck auf die Sekretionszellen die Funktionen
der Nieren zu stören; später erzeugt er Entzündungszustände, welche die Ärzte als
Nephritis, Brightsche Krankheit usw. diagnostizieren, Krankheiten, die den Körper
dadurch umbringen, daß sie sein giftausscheidendes Filter, die Nieren, zerstören.
In ähnlicher Weise kann auch das Gehirn oder die Leber unter zunehmendem Blut
und Gewebedruck den Zerfall des Körpers herbeiführen.
Schließlich darf nicht übersehen werden, daß das Herz, welches alle anderen
Organe mit Blut versorgt, damit sie sich mit den ihnen durch das Blut zugeführten
Stoffen immer wieder erholen und neu aufbauen können, auch sich selbst Blut
zuführen muß, um leistungsfähig zu bleiben. Das Herz hat deshalb seine eigenen
Blutgefäße, die sich leider nur allzu oft in der oben beschriebenen Weise verändern;
findet eine solche Degeneration bei einem Menschen statt, so kann er mit keinem
langen Leben mehr rechnen.
Welches Organ als erstes klein beigeben muß, hängt von verschiedenen Umständen
ab: von erblicher Belastung, von der vorgeburtlichen und nachgeburtlichen Pflege, von
der Berufs- oder Beschäftigungsart des Erwachsenen, von der Diät und andern
persönlichen Gewohnheiten sowie von Eigenschaften und Anlagen, unter denen die
Seelen- und Gefühlsstärke des Individuums nicht die geringste ist.
Der plötzliche Tod eines Freundes, des sportfeindlichen Lebemanns, den du durch die
Zeitung erfährst, beeindruckt dich tief. Seine Angehörigen verstehen diesen
Schicksalsschlag nicht, denn nie schien der Verstorbene gesünder zu sein als
unmittelbar vor der unbegreiflichen Katastrophe. Aber die Tragödie ist in Wirklichkeit
nicht im geringsten unverständlich, besonders nicht im Hinblick auf die
Lebensgewohnheiten des Verstorbenen. Würden sich seine Nächsten zu einer kleinen
Denkarbeit über die Naturgesetze und ihre Unverletzlichkeit entschließen, so würden
sie erkennen, daß der Gang der Dinge sich seit Jahren genau voraussehen ließ. Jeder
klarblickende Mensch hätte feststellen müssen, daß der tote Freund, der seine Muskeln
nie ausbilden wollte, dafür aber um so mehr die Verdauungsfunktionen in Tätigkeit
hielt, einst den Preis körperlicher Degeneration zu zahlen haben würde, die in einem
gewissen Stadium stets den Tod nach sich zieht. Wahrscheinlich war von den
atrophierten Muskeln eine ungewöhnliche und plötzliche Anstrengung gefordert
worden. Sie taten ihr Bestes; aber dabei erzeugten sie eine viel größere Menge von
Körpergiften, als es bei normaler Entwicklung der Fall gewesen wäre, denn sie hatten
außergewöhnlich viel zu leisten. Die Organe, deren Funktion die Ausscheidung dieser
Körpergifte ist, litten natürlich gleichfalls an Schwund infolge Nichtgebrauchs. Da sie
unter der Kontrolle des Reflexnervensystems stehen, konnten sie nicht vom Willen
aufgepeitscht werden, unverzüglich in Aktion zu treten, wie die willkürlichen

78
Muskeln. Infolgedessen häuften sich die nicht ausgeschiedenen Körpergifte im Blute
an. Dieses giftbeladene Blut sollte nun nicht bloß jede andere Zelle im Körper
ernähren und mit Energie versehen, sondern außerdem die atrophierten und schon
etwas steifen Blutgefäßwände und das auch schon mitgenommene Herz. Und das
geschwächte Herz und die unelastischen Blutgefäße sollten zur selben Zeit, da sie, statt
mit frischem, mit giftgetränktem Blut versehen wurden, wegen der vergrößerten
Anstrengung der willkürlichen Muskeln noch mehr Blut herbeischaffen und diesen
plötzlich aktiv arbeitenden Muskeln noch mehr Energie liefern, weil die der aktiven
Tätigkeit entwöhnten Muskeln auch wieder einer übernormalen Kraftzufuhr bedurften.
Das schon bis zu einem gewissen Grade unfähige Herz strengte sich an, der
Anforderung zu genügen; es arbeitete rasch und ungestüm. Aber die starren Arterien
verweigerten die Ausdehnung, die nötig war, um mehr Blut durchziehen zu lassen.
Dadurch wurden die Forderungen an das Herz ungeheuer vergrößert. Und die
arbeitenden Muskeln riefen dringend nach mehr und immer mehr Energienachschub,
während der Blutstrom durch die Produkte der Muskelanstrengung und das
gleichzeitige Versagen der Ausscheidungsorgane immer mehr Gift aufzunehmen
gezwungen war. Das Herz gab alles her, dessen es fähig war, bis — die Katastrophe
eintrat.
Vielleicht hatte dein Freund ein schwaches Herz, das sich von der zunehmenden
Unelastizität rascher überwältigen ließ; dann starb er an „Herzschwäche“. Vielleicht
waren seine Blutgefäße von ererbter schwächlicher Struktur; dann brauchte nur die
Wand eines kleinen Äderchens in der Gehirnsubstanz zu platzen, und er starb an einem
Bluterguß ins Hirn oder an einem Schlaganfall. Vielleicht brach irgendein anderes
lebenswichtiges Organ zuerst zusammen. Sicher ist auf alle Fälle, daß deines Freundes
Tod vom Mißbrauch seiner wesentlichen Organe herrührt und daß verweichlichende,
allzu nachsichtige Lebensmethoden sein Ende beschleunigt haben. In Wirklichkeit
starb er an den Irrtümern der Zivilisation — vor allem an den verhängnisvollen Folgen
des Glaubens, daß kultureller Fortschritt und körperliches Wohlbehagen dasselbe
seien, denn er wurde nicht durch die plötzlich notwendig gewordene körperliche
Anstrengung getötet, sondern vielmehr durch die so lange Zeit andauernde
Vermeidung jeder körperlichen Anstrengung, durch Bequemlichkeit, Verwöhntheit,
Luxus — ein Leben, das unseren Wünschen gemäß eingerichtet ist, anstatt nach den
unveränderlichen Grundsätzen der Natur —, ein solcher Anschauungsunfug zeitigt
bedenkliche Früchte!
Jedoch auch hier reicht der Segen richtigen Verhaltens weiter als bloß bis zu den
nächsten Resultaten. Gerade im Falle der Muskeln sind die von ihnen ausgehenden
Einflüsse auf die andern Körpergebiete interessant. Je strenger die Muskeln arbeiten,
desto mehr verbrauchte Zellen werden abgebaut und desto mehr wächst auch der
Bedarf an Sauerstoff. Je größer dieser Bedarf, desto tiefer geht der Atem, da die
Lungenatmung neben der Aufnahme durch die Haut der einzige Weg ist, auf welchem
Sauerstoff in den Körper gelangen kann. Je tiefer aber die Atmung, desto stärker
werden die Zwerchfell-, die Brust- und Bauchmuskeln beansprucht. Tiefe Atmung ist
überhaupt die einzige Möglichkeit, die Muskeln des Zwerchfells, der Brust und des
Unterleibs in Übung zu erhalten. Außerdem ist die größere Senkung und Hebung des
Zwerchfells während eines tiefen Atemzuges von vorteilhaftester Wirkung auf Leber,
Magen und Eingeweide.
Jedermann, der einigermaßen zu beobachten versteht, muß erkennen, wie die

79
Verdauungstätigkeit durch eine kräftige und systematische Übung der willkürlichen
Muskeln im Freien angeregt wird. Wenn aber die Verdauungsfähigkeit durch
Muskelarbeit vorteilhaft unterstützt wird, so trifft auch das Umgekehrte zu; daß die
Verdauungstätigkeit durch Mangel an Muskelübung degeneriert. Etwas anderes
können wir auch gar nicht erwarten, denn der nicht voll beanspruchte Körper braucht
natürlich nicht die volle Nahrungsmenge; daher besteht eine geringe
Verdauungsnotwendigkeit. Die Natur spart ihre Kräfte und pflegt nicht mehr Leistung
zu produzieren, als zur Verdauung der Nahrung, die sie braucht, um die körperlichen
Funktionen auszuführen, notwendig ist. So verringert sich die Verdauungsfähigkeit
durch verminderte Ausübung der Verdauungsarbeit.
Und keine einzige andere Funktion gibt es im menschlichen Körper, die nicht auf
ähnliche Weise gestört würde, wenn die willkürlichen Muskeln nicht voll, nicht
regelmäßig und nicht draußen im Freien arbeiten.
Leider ist es nur zu wahr, daß die Bewohner der zivilisierten Länder mehr und mehr
eine sitzende Lebensweise führen. Die allgemeine Verbreitung des Automobils, des
Personenaufzugs, der Autobusse, der Straßen- und der Eisenbahn wird über kurz oder
lang dahin führen, daß die Mehrzahl der modernen Menschen verlernt, die
Bewegungsmuskeln zu gebrauchen. Sogar die Landbevölkerung fährt heutzutage, wo
sie nur kann, anstatt wie früher zu Fuß zu gehen. Und in vielen Berufen, die
ursprünglich die Muskeln stark beanspruchten, übernehmen heute Maschinen einen
beständig wachsenden Teil der früher nötigen Muskelarbeit. So üben in vielen
Industriegebieten die in den Fabriken beschäftigten Menschen zur Hauptsache nur
noch die Aufsicht über mechanische Einrichtungen und Apparate aus, die ihrerseits die
wirkliche Arbeit verrichten. Das alles wird von den meisten Leuten mit Stolz als
„Fortschritt der Zivilisation“ gerühmt. Würden diese Erscheinungen in richtiger Weise
kontrolliert, so könnten sie auch tatsächlich Fortschritte für die Menschheit bedeuten.
Aber die eigenwillige Art des Kulturmenschen, alle Lebensgewohnheiten seiner Laune
und seinen stets wechselnden Wünschen und Begierden anzupassen, bildet eine
ständig wachsende Gefahr für sein wirkliches Glück und Wohlergehen.

Als Ergänzung zum Thema „Die Muskeln und ihre Arbeit“ müssen wir noch das
Problem der wahren und der falschen Muskelanstrengung und Muskelbeanspruchung
untersuchen.
Anspannung — Entspannung — Ruhe! das ist der Rhythmus sinnvoller
Lebensführung, in den unsere Zivilisation Störung und Unordnung bringt. Die
zivilisierten Menschen sind die einzigen Geschöpfe, deren Muskeln sich fast beständig
in Spannung befinden (bald mehr, bald weniger), während sie zu allen Zeiten
vollkommen entspannt sein sollten, außer in den Augenblicken, da sie im Begriffe
sind, eine ihnen aufgetragene Arbeit auszuführen; nur dann sollten die Muskeln oder
Muskelgruppen arbeiten — und zwar nur die an dieser Tätigkeit beteiligten; alle
anderen sollten ihren Ruhestand beibehalten. Wenn wir einmal zu dieser Einsicht
gelangt sind, müssen wir zugeben, daß fast die ganze moderne Menschheit ihre
Muskelkräfte in unnötigen Zusammenziehungen und Ausdehnungen, die durch keine
positive Aufgabe des täglichen Lebens verlangt werden, gedankenlos vergeudet. Was
bedeutet das? Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, daß keine einzige körperliche

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Tätigkeit ohne einen Anreiz aus dem Nervensystem ausgeführt werden kann.
Ununterbrochene Nervenanspannung aber heißt ununterbrochene Nervenverausgabung
(und unaufhörliche Muskelverausgabung desgleichen), für die dem Körper nichts
zurückerstattet wird; und solche Verschleuderung der Nervenkräfte führt unfehlbar am
Ende zu nervöser Erschöpfung.
Beobachte die Menschen, mit denen du zu tun hast, wie sie, anstatt Ruhe suchend auf
ihren Stuhl niedersinken und sich von ihm tragen zu lassen, ihn vielmehr in
unbewußter Verkrampfung nach unten drücken; ihre Hände, Arme und Beine sind
gestrafft, als sollten sie den Stuhl mühsam zusammenhalten. Oft sind außerdem die
Brustmuskeln so steif angespannt, daß tiefes Atmen praktisch unmöglich wird. Andere
Menschen — vielleicht du selbst — pressen die Zähne zusammen; ihre Kehle ist
verkrampft, die Nackenmuskeln sind steif. Und wie gespannt sind die Beinmuskeln
jenes Mannes; seine Füße schlagen einen wütenden Takt, oder seine Finger trommeln
zur Begleitung einer inneren Rastlosigkeit, die sich ein Auspuffventil sucht. Beobachte
die Leute in der Eisenbahn, im Auto oder im Straßenbahnwagen; wie steif sitzen sie
da, drücken sich an die Lehne oder halten sich unbequem auf dem vordersten Rand
ihres Sitzes in Schwebe; Arm-, Bein-, Nacken- und Brustmuskeln sind in härtester
Spannung; jeder Stoß, jede Erschütterung des Fahrzeugs schleudert sie mit
gewaltsamem Ruck in eine andere Richtung, anstatt daß sie sich mit gelockerten
Muskeln und losen Gelenken allen Schwankungen und Erschütterungen der Bewegung
überlassen. Andere spazieren mit krampfhaften Schritten und versteiften Armen, die
im Rhythmus ihrer harten Tritte eckig auf und ab schwingen, einher, und dabei
spannen sie die Muskeln des Nackens und der Hände derart an, daß oft die Nägel in
den Handflächen Eindrücke hinterlassen. Man gewöhnt sich an solche Spannungen so
sehr, daß man damit schlafen geht und wieder aufsteht, und löst sich inmitten des
Schlafes die Spannung von selber, so kann man sogar dadurch erwachen.
Da ruht eine Frau auf ihrem Liegestuhl. Ihr steifer Hals hält den Kopf in die Höhe
gereckt, anstatt daß er sich zu sanfter Ruhe in die Kissen schmiegt; oder sie drückt ihn
auf das Kopfkissen hinunter, als ob sie dieses mit Gewalt niederhalten müßte, anstatt
daß das Kissen den lose herabfallenden Kopf weich betten und stützen darf und jeder
Muskel nachläßt und sich entspannt, wie es Kinder, Katzen und Hunde tun, wenn sie
sich zum Schlaf legen. Will man den Arm jener Frau leicht in die Höhe heben, so ragt
die Hand daran wahrscheinlich steif in die Luft hinaus, anstatt weich und gelöst vom
Gelenk herabzuhängen. Entzieht man dann unbemerkt die Unterstützung und läßt den
Arm ohne Halt, so bleibt er (statt schlaff und wie leblos herabzufallen) steif
angespannt im Leeren ausgestreckt, weil seine Muskeln unbewußt angespannt worden
sind; das aber ist vollständig unnötig, denn die Muskeln brauchen den Arm ja nicht
hochzuhalten, solange eine andere Hand ihn unterstützt.
Dort packt ein Mann seine Feder hastig, um in nervösem Ruck seinen Namen zu
schreiben, anstatt diese Prozedur mit derselben bedächtigen Aufmerksamkeit zu
vollziehen, mit der ein Säugling seine kleine Faust ins Mündchen steckt. Auf dem
Bahnsteig steht ein Mann, der alle paar Minuten seine Uhr aus der Tasche zieht,
obwohl er genau weiß, daß der Zug erst in einer Stunde abfahren wird. Und da ist eine
Frau, die flach und kurz atmet und von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer ausstößt, den
ihr die Natur aufzwingt, um ihrem Körper den nötigen Sauerstoff zu verschaffen,
welchen ihr oberflächliches, nervöses Atmen ihr nicht zuführen kann. Und dort sitzen
Frauen eckig und verkrampft zuvorderst auf ihren Stühlen, gestikulieren heftig und

81
unruhig, halten sich straff aufrecht und schnattern mit schneidenden Stimmen
aufeinander ein; ihre Gesichtsmuskeln sind hart angezogen, und ich möchte wetten, sie
sehen in wenigen Jahren alt und verwittert aus. Hier noch ein Mann und eine Frau, die
Messer und Gabel und Löffel oder ein Stück Brot an sich reißen oder sich hastig von
einer Platte bedienen, als ob sie eine Partie Schnipp-Schnapp spielten, anstatt anmutig
ihre Hand nach dem Gewünschten auszustrecken, wie ein sehr kleines Kind es tun
würde; ihr Fehler ist nicht der Mangel an guten Manieren, der Fehler ist, daß ihre
Nerven und Muskeln sich nicht zu benehmen wissen.
Nur beständig und auch bewußt gelockerte Muskeln und Gelenke kann man in
anmutiger Gelassenheit zu den beabsichtigten Zwecken und mit der äußersten
Genauigkeit in Raum- und Zeiteinteilung bewegen.
Ein jeder beobachte sich nun selber einmal auf diese Dinge hin. Wahrscheinlich wird
man dann viele Anzeichen körperlicher Spannungszustände bei sich selbst entdecken!
Laß jemanden deinen Arm in die Höhe heben und gib acht, ob deine Hand lose vom
Gelenk herunterhängt oder steif in die Luft hinaussteht. Wenn die unterstützende Hand
sich unvermittelt zurückzieht — fällt dann dein Arm hernieder, als ob er lahm wäre?
Lege dich hin, laß jemanden deinen Kopf von einer Seite zur andern rollen und
plötzlich innehalten, und beobachte, ob dein Kopf augenblicklich aufhört, sich zu
bewegen, und in der genauen Lage bleibt, in der er sich befand, als die Hand, die ihn
bewegte, sich zurückzog, und ob diese Lage ungezwungen ist, oder ob der Kopf von
selbst in eine andere Lage zurückrollt (wodurch die Anstrengung automatisch gelöst
wird) und darin verharrt, wie der Kopf eines toten, schlaffen Körpers in der Lage
verharren würde, in der er seinem Gewichte nach am günstigsten liegt. Oder bewegt
sich dein Kopf in der Richtung, in welche die Hand ihn führte, weiter? In
neunhundertneunundneunzig von tausend Fällen wird er das tun. Bist du nicht zufällig
der tausendste Fall, so befindest du dich in einem Zustand chronischer Muskel- und
Nervenspannung, die deine lebendige Nervenkraft beständig abnutzt.
Beobachte dich, wenn du deine Hand nach irgendeinem Gegenstand ausstreckst, und
sieh, ob Hand und Arm, die du für diesen Zweck benützest, die einzigen Teile deines
Körpers sind, die den Impuls zur Bewegung erhalten; prüfe, ob ihre Bewegung
krampfhaft ist, ob die Hand sich heftig und unkontrolliert ausstreckt und zurückzieht
(Fall 1) oder überlegt und völlig sicher das gewünschte Ding aufhebt, ohne die
geringste Hast im Wesen, in den Nerven und in den Muskeln, im Gegenteil, mit einem
Gefühl vollständiger Gelassenheit (Fall 2). Im ersten Fall verschwendest du deine
Lebenskraft in Überanspruchung deiner Kräfte und untergräbst deine Gesundheit
zwecklos vorzeitig; im zweiten Fall bist du auserwählt, bei im übrigen gleichen
Bedingungen viele Jahre länger als nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu
leben. Beobachte dich, wenn du spazieren gehst, ob dein ganzer Körper unbiegsam
und starr im Takte deiner steifen, ruckweisen Schritte gestoßen wird. Dann erschöpfst
du rasch deinen Vorrat an Lebenskräften — an den Kräften, die die Natur dir zum
Schutze gegen Krankheiten mitgegeben hat. Oder schwingst du deine Beine in freien,
ausziehenden Schritten, folgt dein ganzer Körper rhythmisch ihren Bewegungen, und
schwingen deine Arme dazu mehr oder weniger wie Dreschflegel in harmonischem
Takt? Dann vermehrst du beständig deinen Vorrat an Lebenskraft, indem du jeweilen
nur die für die momentane Verrichtung notwendige Kraft ausgibst.
In dieser Weise solltest du jede einzelne bewußte Tätigkeit daraufhin untersuchen,
ob deine Bewegungen wohl erwogen und überlegt und frei erfolgen und ob du nicht

82
mehr Kräfte dafür ausgibst, als sie beanspruchen. Oder ob deine Bewegungen aufs
geratewohl und übermäßig heftig geschehen, wobei mehr oder weniger jeder andere
Muskel des Körpers auch ins Spiel gezogen wird. Nur wenn du mit einer bewußten
Anstrengung und unermüdlicher Selbstkontrolle die angeborenen schlechten
Gewohnheiten abzulegen trachtest, kannst du dich von ihrer Sklaverei befreien und
unnütze Kraftausgabe vermeiden.

Und nun möchte ich den Leser bitten, eine halbe Stunde lang alles, was wir bis jetzt
besprochen haben, in seinem Geiste zu erwägen, insbesondere die Tatsache, daß der
Mensch geschaffen worden ist, um im Freien, ohne Haus und Körperbedeckung zu
leben und sich von der unverfälschten Kost zu ernähren, die die Natur ihm bietet, wie
die Urväter der menschlichen Rasse es einst getan haben müssen, und wie die
Primitiven unserer Epoche es immer noch tun. Des weiteren soll der Leser bedenken,
daß „unheilbar kranke“ zivilisierte Menschen oft zu primitiven Lebensgewohnheiten
zurückkehren und dann vollkommene Gesundheit wiedererlangen, trotz der „Härte“
einer solchen Lebensweise oder wohl gerade ihretwegen.
Nachdem der Leser all dies reiflich erwogen hat, ist er sicherlich fähig, seine Lage
selber zu beurteilen. Das gilt vor allem für den kranken Leser, an den ich jetzt einige
Fragen richten möchte.
Kranker Leser, ist es immer noch deine aufrichtige Überzeugung, daß Gott in
seinem unerforschlichen Ratschluß es für gut hielt, dich mit deiner Krankheit zu
schlagen? Oder glaubst du jetzt, daß deine Kränklichkeit eine Beleidigung Gottes ist,
ein Zustand, den du selber mit deinem eigenen Ungehorsam und dem deiner Vorfahren
über dich gebracht hast; ein Zustand, den du damit verschuldet hast, daß du die
göttlichen, gesundheitschützenden Gesetze verachtest und tust, was du wünschest, und
nicht, was du sollst? Ist es dir jetzt möglich, zu erkennen, daß Gott ein guter Gott ist,
und daß seine Absicht war, du solltest immer gesund und glücklich sein wie die
meisten seiner ungezählten Geschöpfe? Daß er dich mit Abwehrkräften versehen hat,
deren Mechanismus, wenn ihm die Möglichkeit freien Funktionierens gegeben wird,
dich automatisch gegen Krankheiten unempfänglich macht, wenigstens im gleichen
Grade, wie die primitiven Rassen es sind; daß er aber, wenn er auf Widerstand stößt,
deinen Körper den unheimlichen, vernichtenden Gewalten ausliefert, die schließlich zu
Krankheit und zu vorzeitigem Tode führen?
Die Antwort auf diese Fragen ist wichtig.
Wenn du nach reiflicher Überlegung immer noch nicht glaubst, daß du durch deine
Lebensweise selber die Schuld an deinen Krankheiten trägst, dann lies nicht weiter,
denn du wirst dich in diesem Falle für die Schlüsse, die ich im folgenden aus den
früheren Betrachtungen ziehen will, ganz sicher nicht interessieren!
Wer mir aber sein Verständnis und seine Zustimmung bis hierher nicht versagt hat, der
möge mir auch noch weiter folgen und mit mir den modus operandi erforschen, durch
welchen eine verhältnismäßige Unverletzlichkeit gegenüber Krankheitseinflüssen
durch ausgleichende, natürliche Mittel erreicht werden kann. Ich stütze mich dabei auf
die Erkenntnis, daß der Mensch vom Schöpfer als vollkommenes Wesen erschaffen
worden ist — so vollkommen, daß er die Vollkommenheit seines Schöpfers
widerspiegeln und darstellen sollte. Und ich vertrete die Überzeugung, daß der

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menschliche Körper seiner Natur nach der Krankheit nicht unterworfen ist, weil Gott
den Menschen mit einem Mechanismus versehen hat, der ihm erlaubt, verderbliche
Einflüsse von sich fernzuhalten: mit lebendiger Widerstandskraft. Darf dieser
Mechanismus voll, kräftig und unbehindert funktionieren, so bleibt der Mensch stets
im Besitz seiner ungestörten Lebensvollkommenheit; er ist beständig widerstandsfähig
und — immer gesund.

8. KAPITEL

Dr. Jackson stellt sich um

In diesem Kapitel will ich nicht theoretisieren; ich will von eigenen Erfahrungen
erzählen.
Wie ist es mir gesundheitlich ergangen? Wußte ich von vornherein besser Bescheid
als meine Fachkollegen? Hatte ich tiefere Einsichten oder ein höheres Wissen um die
Wege zur Gesundheit als der einfachste meiner Nebenmenschen?
Anfänglich keineswegs! Was ich hier über mich in dieser Hinsicht zu sagen habe,
ist kein stolzer Bericht, sondern eine Beichte.
Auch ich war einst „kultiviert“ genug, um an den Wert eines „guten, nahrhaften
Frühstücks“ als nötige Unterlage für den arbeitsreichen Tag zu glauben. Viele Jahre
lang aß ich früh morgens meinen großen Teller voll Porridge, darauf eine
Schweinskotelette oder ein Beefsteak und Kartoffeln; oder Würste und Eierkuchen;
oder Schinken und Eier; oder gebratenen Speck und Eier. Auf diese nahrhaften
Speisen folgten Toast und Marmelade — natürlich dick mit Butter bestrichener Toast.
Dazu nahm ich eine Tasse guten Kaffee oder Tee, oft auch mehrere Tassen. Über
meinen Porridge schüttete ich stets reichlich Zucker und Rahm, um mich zu kräftigen.
Denn verwandelt sich Zucker nicht in Körperwärme und Energie, und wird nicht
Butter noch ein wenig rascher in dieselbe so wünschenswerte Körperwärme und -
energie umgesetzt? Und sind nicht Schweinskoteletten, Beefsteaks, Würste, Schinken,
Speck, Eier gewebebildende Nahrungsmittel, die die Muskeln, die Organe, die
Verbindungsgewebe des menschlichen Körpers aufbauen und erneuern helfen?
Selbstverständlich! Und braucht der Körper nicht Wärme und Energie, körperbildende
und erneuernde Stoffe, um Tag für Tag weiterleben zu können? Natürlich! Dann sind
also solche Mahlzeiten am Morgen vor Beginn der Arbeit das Beste, was man sich zur
Kräftigung und Stärkung für sein Tagewerk ausdenken kann.
So dachte ich einst wirklich selber auch. Und aus diesen und ähnlichen Überlegungen
heraus verzehrte ich zum Frühstück stets verschiedene so „nahrhafte“ Speisen.
Allerdings lernte ich dieses üppige Essen erst langsam und allmählich. Doch
unterstützte mich meine damalige Gesundheitsphilosophie darin aufs kräftigste. Als
Kind hatte man mich mit Porridge zum Frühstück aufgezogen. Als ich älter und
verständiger wurde, machte ich mir klar, daß Porridge allein für einen ausgewachsenen
Mann schwerlich genügen kann, besonders wenn dieser Mann beständig das Gefühl
von Leere im Magen hat und lange vor der Mittagsmahlzeit schon wieder ganz
schwach vor Hunger ist. Daher handelte ich nach meiner Logik und fügte meinem
gewohnten Morgenimbiß einige kräftigere Gänge hinzu. Ich begann damit, zu meinem
Teller Porridge noch ein Ei und etwas Toast zu essen. Bald wurden es zwei Eier; dann
kamen Schinken und Speck hinzu. So ging es weiter — bis ich schließlich bis zum

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Platzen gefüllt vom Frühstückstisch aufstand. Aber schon lange vor dem Mittagessen
hatte ich wieder das Gefühl eines leeren Magens. Darum mußte die Mittagsmahlzeit
gleichfalls reichlich sein. Ich nahm Kartoffelbrei und Koteletten oder Beefsteak, dazu
zartes, weißes Brot und Marmelade oder Pastete und Milch oder Kaffee. Abends kam
dann die Hauptmahlzeit, das eigentliche Essen: Suppe, Braten, Kartoffeln, Brot,
manchmal gekochtes Gemüse, dazu Pudding oder Pastete oder auch beides
miteinander; und wieder Milch oder Kaffee.
Ist es zu glauben? Trotz diesen „nahrhaften“ Mahlzeiten fühlte ich mich doch
allemal bald wieder schwach und leer, bis ich neuerdings etwas zu essen bekam. Und
je „nahrhafter“ die Mahlzeiten waren, desto stärker war dieses Hungergefühl.
Aber was sollte ich denn tun? Ich konnte bei den Mahlzeiten unmöglich mehr essen,
und es gab auch keine noch nahrhafteren Speisen. Nur häufiger essen konnte ich, so
oft dieses Hungergefühl sich meldete. Und das tat ich auch. Ich aß vier- und fünfmal
des Tags. Trotzdem spürte ich am frühen Morgen dieselbe innere Schwäche. Und
damit schien es immer schlimmer zu werden, je reichlicher ich aß. Oft war ich von
dieser Beobachtung völlig niedergedrückt, denn ich brachte diese Kraftlosigkeit immer
mit Mangel an Nahrung in Zusammenhang. Es war lächerlich.
Eine andere Erscheinung erstaunte mich außerordentlich: das allmähliche Auftreten
regelmäßiger Kopfschmerzen. Später, als in meinem Symptomkomplex auch
Verdauungsschwierigkeiten eine Rolle zu spielen begannen, hätte ich mir diese
Kopfschmerzen wohl erklären können. Aber in jenen Tagen, als ich die
Anfangsgründe der Theorie des „guten, nahrhaften“ Essens studierte, schien meine
Verdauung normal zu funktionieren — ich sage ausdrücklich: schien.
Nichtsdestoweniger mußte ich am Ende jeder Woche ein Abführmittel nehmen,
später zweimal die Woche, um die Kopfschmerzen zu beseitigen. Es gab Zeiten, wo
auch solche Mittel die Kopfschmerzen nicht zu unterdrücken vermochten. Dann nahm
ich meine Zuflucht zu Kohle-Teer-Derivaten, meistens Azetanilid. Aber da Azetanilid
das Herz angreift und mein Herz nicht stark war, fügte ich als Anregung für das Herz
Koffein hinzu.
Tatsache war und blieb, daß ich zwar beständig große Mengen guten, nahrhaften
Essens verzehrte, daß es aber offensichtlich mit mir abwärts ging. Meine
Verdauungsorgane wurden widerspenstig und wollten ihre Arbeit trotz der
kräftigenden Kost, die ich in sie hineinschüttete, nicht mehr verrichten. Indem ich dem
konventionellen Glauben an „gute, nahrhafte Kost“ huldigte, brachte ich mich an den
Rand des Grabes.
Ich hätte schon damals erkennen können, daß irgend etwas an meiner Auffassung
dieses Problems nicht stimmte, denn sicherlich hätte gute, reichliche Kost das
Schwächegefühl in mir besiegen müssen, wenn dessen Ursache mangelnde Ernährung
war. Die Mehrnahrung schien aber gerade die gegenteilige Wirkung hervorzurufen.
Statt auf Grund dieser Erfahrung die Stichhaltigkeit meiner Ernährungstheorien in
Zweifel zu ziehen und der Stimme des gesunden Menschenverstandes Gehör zu
schenken, beharrte ich, ohne mich um Näheres zu bekümmern, bei den
konventionellen Ernährungsansichten der Vergangenheit, genau wie die übrigen
neunundneunzig Prozent zivilisierter Nichtwisser, die nach dem Sprichwort „sich ihre
frühen Gräber selber mit den Zähnen schaufeln“. Zudem richtete ich meine übrigen
Lebensgewohnheiten in Übereinstimmung mit meinen verkehrten Ernährungsideen
ein.

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Weil „viel gute, nahrhafte Kost“ eine Notwendigkeit für mich war, beschloß ich,
meine körperliche Betätigung einzuschränken, damit die Energie meines Körpers sich
völlig der Aufnahme und Verarbeitung meiner Nahrung und damit dem Wiederaufbau
meiner Kräfte zuwenden könne. Ich ging nicht mehr spazieren — ich gab meine
Sportspiele auf —, ich verzichtete nahezu auf jede Bewegung und tat nichts mehr als
essen und schlafen.
Natürlich wußte ich, warum ich alle diese Leiden zu ertragen hatte, wie es meine
medizinischen Kollegen auch wußten. Ich war eben krank. Aber warum war ich denn
krank? So vorwitzig darf man nicht fragen; die Krankheit kommt über einen, ehe
man's gedacht, und niemand weiß den Grund dafür. Sie packt einen, nicht wahr? Wer
hätte das nicht schon selber erlebt!
Das war meine Philosophie, und es ist noch heute weitgehend die Philosophie
meiner Berufsgenossen. Ich war krank — niemand wußte, weshalb, und ich mußte
mich durch den Genuß guter, reichlicher Nahrung wieder erholen; dabei sollte meine
Natur durch eine Unmenge von Tränken und Mitteln, verdauungsfördernden,
blutreinigenden, anregenden, beruhigenden, abführenden, schmerzstillenden
Medizinen, „unterstützt“ werden. Mehr konnte man wahrhaftig nicht tun.
Aber mein kranker Körper wollte trotz alledem nicht gesund werden. Im Gegenteil, es
wurde nur immer schlimmer. Mein Blutdruck stieg auf 212; mein Herz schlug
chaotisch und wild, und der große Sir William Osler, den ich als ärztliche Autorität zu
Rate zog, hatte bereits sein vernichtendes Urteil über mich ausgesprochen. Jedem
Luftzug konnte ich zum Opfer fallen.
Kein Wunder übrigens, daß ich so krank war, bin ich doch einst — mehr als achtzig
Jahre sind es schon her — von einer herzkranken Mutter weit draußen am Rande der
Zivilisation als schwächliches Zwillingskind geboren worden. Man ernährte mich
mühsam, und ich gedieh unter den primitiven und unhygienischen Lebensverhältnissen
jener Grenzgegend nur kümmerlich. Ich blieb schwach, kränkelte meist und machte
ungefähr alle Kinderkrankheiten der Reihe nach durch. Zwar floß mein Leben bis zu
meinem zweiunddreißigsten Altersjahr noch einigermaßen leidlich dahin. Dann aber
kam es zu einem vollständigen Zusammenbruch. Ich lag gleichzeitig mit fast allen
Krankheiten der Verdauungsorgane außer dem Krebs darnieder, besaß keine Kontrolle
mehr über meine Muskeln und Nerven und hatte die verschiedenartigsten
Halluzinationen. Ich verlor acht Zähne durch hochgradige Paradentose, mußte wegen
einer Fistel operiert werden, und zwar ohne Anästhesie, weil ich dazu körperlich zu
geschwächt gewesen wäre. Ich verblutete beinahe an einem heftig entzündeten
Geschwür im Dickdarm. Furchtbare Kopfschmerzen warfen mich immer wieder für
zwei bis drei Tage hilflos ins Bett, und das ging jahrelang so weiter. Mit
vierundvierzig Jahren war mein Körper durch Neuritis und Arthritis verkrüppelt. Mit
fünfundvierzig Jahren geriet mein Herz in einen hoffnungslosen Zustand, der keine
Aussicht auf Heilung mehr zuließ. Und dennoch mußte ich weiterleben.
Mit neunundvierzig Jahren litt ich am Grünen Star, und man sagte mir voraus, ich
würde in längstens vier Jahren gänzlich erblinden. Mit dem linken Auge konnte ich
nicht mehr die Finger zählen. Ich verlor auch den Geruchsinn, den Geschmacksinn und
das Gehör im linken Ohr. Für den Grünen Star war eine Operation nach Ansicht eines
Spezialisten die einzig richtige Behandlung, aber meine Schwäche ließ keine
Operation zu.
Um diese Zeit war meine schwere Herzkrankheit so weit vorgeschritten, daß ich die

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drei Stufen zu meiner Erdgeschoßwohnung kaum mehr ersteigen konnte. Es schwamm
mir dabei vor den Augen, ich verlor den Atem, hatte Schwindelanfälle und mußte
mich am Türpfosten festhalten, bis ich wieder sah. Man hätte meine Herzschläge auf
vier Schritt Entfernung hören und sozusagen durch die Weste hindurch sehen können.
Düstere Aussichten — um so düsterer, als meine Ärzte zu ihrer trüben Prognose auf
Grund meiner Familiengeschichte vollkommen berechtigt zu sein schienen. Denn mein
Vater hatte elf Geschwister gehabt, die alle an Herzkrankheiten gestorben waren. Er
selbst starb mit dreiundvierzig Jahren, und das war das höchste Alter, das bis dahin in
seiner Familie erreicht worden war. Schon sein eigener Vater war an einer
Herzkrankheit gestorben. Dasselbe Schicksal hat später meinen Bruder und meine
Schwester ereilt. Auch meine Mutter war, wie schon berichtet, herzkrank und während
vierzehn Jahren fast ununterbrochen ans Bett gefesselt. Etwa in der Hälfte dieser
vierzehn Jahre brachte sie mich zur Welt. Ich frage: kann man sich eine belastendere
Familiengeschichte vorstellen? Nein, ich selbst mußte durchaus der Prognose
beistimmen. Ich war nach bestem ärztlichem Wissen und Ermessen verloren.

Aber ich sollte erfahren, daß es sogar für den hoffnungslos Abgelebten noch einen
Weg zu dem schönen Ziele der dauernden Gesundheit gibt, einen Weg, den die Kunst
der Mediziner bisher noch nicht genügend in Betracht gezogen hat. Das ist der Weg
der Natur!
Als ich allen Mut und jede Hoffnung aufgegeben hatte, da ereignete sich. das
Wunder, das mir Rettung bringen sollte. Es ereignete sich auf eine unscheinbare,
unauffällige Weise.
Eines Tages, kaum drei Wochen nach dem vernichtenden Spruch des großen Sir
William Osler, trat eine junge Mutter mir mit einer unerwarteten Frage in den Weg,
ahnungslos, welche Bedeutung diese Frage für mich gewinnen sollte; sie zwang mich
zum Nachdenken und in der Folge sogar dazu, meine ganzen Ansichten über
Gesundheit und Krankheit von Grund auf zu ändern. Und damit rettete sie mir das
Leben! Ich sah ein, daß der Grundfehler die Verblendung der Menschheit in der
Anlage ihrer Lebensgewohnheiten war. Daraufhin habe ich mich kompromißlos
umgestellt. Allerdings habe ich seither schwerlich noch ein Anrecht darauf, mich
zivilisiert zu nennen, denn ich gestehe gerne ein, daß meine Lebensgewohnheiten
seither nicht mehr die der zivilisierten Menschen sind.
Aber das ist es ja gerade: mein Lebensgefühl ist auch nicht mehr das der
zivilisierten Menschheit. Ich bin nicht mehr krank — ich scheine in der Tat gegen alle
Krankheitsübertragungen immun zu sein. Angst vor Ansteckungen und körperlichen
Leiden kenne ich nicht mehr; denn dieselben Krankheiten, von denen ich vor Jahren
heimgesucht wurde und die täglich Hunderte von Menschen dahinraffen, lassen mich
seit meiner Umstellung vollständig in Ruhe.
Doch mit diesen Feststellungen greife ich dem Gang der Dinge vor. Den Leser wird
zunächst die Frage interessieren, die mir das Leben gerettet hat. An meinem damaligen
Wohnort hatte ich mir einen gewissen Ruf als Kinderarzt erworben. Die oben
erwähnte junge Mutter, schön, munter und keck, erschien eines Tages in meiner
Sprechstunde, begleitet von einer Wärterin, die ein Kindchen trug, sicherlich das
ärmste, abgezehrteste Würmchen, das ich je gesehen hatte.

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Nach der Untersuchung sagte ich, im Bemühen, die junge Frau zu beruhigen, unter
anderem, sie brauche sich nicht zu sorgen; wenn sie die Nahrung des Kindes seiner
Verdauungs und Aufnahmefähigkeit anpasse, so daß auch die Ausscheidung der
Abfallstoffe regelmäßig vor sich gehen könne, und wenn dem Kinde die notwendige
hygienische Sorgfalt zuteil werde, dann werde es wie Unkraut aufwachsen und
gedeihen.
Daraufhin schaute die junge Frau mich belustigt an und fragte mit einem
spöttischen Blick auf meine armselige, zusammengefallene Gestalt: „Herr Doktor,
wann hört dieses Prinzip auf, im Leben eines Menschen wirksam zu sein?“
Selbstverständlich konnte ich ihr nicht antworten; ich wich daher mit ein paar
nichtssagenden Worten aus. Damit war die Angelegenheit, soweit sie meine Klientin
betraf, erledigt; sie hatte ihren kleinen Spaß auf Kosten meiner verfallenen, elenden
Körperlichkeit gehabt. Aber für mich war die Sache noch nicht abgetan. Der Mutter
gegenüber hatte ich eine Antwort umgangen; in meinem Innern konnte ich dem durch
ihre Frage aufgeworfenen Problem jedoch nicht aus dem Wege gehen. Ich wurde es
nicht los, so sehr ich mich auch bemühte, es mir aus dem Kopf zu schlagen. Den
ganzen Abend dachte ich an nichts anderes mehr. Wann, in der Tat, wann hörte dieses
Prinzip im Leben eines Menschen zu wirken auf? Eine eigentümliche Überlegung
wurde in mir wach. Konnte es möglich sein, daß das Prinzip, welches ich meiner
Klientin auseinandergesetzt hatte, auch für erwachsene Menschen galt — auch für
mich selbst? Und daß ich die vielen Jahre meines Leidens nur seiner Nichtanwendung
zu verdanken hatte? War es dankbar, daß ich die Wunderwirkungen der Natur noch
nicht genügend kannte? Lag es überhaupt in der Absicht der Natur, den Menschen mit
Leiden und Krankheit heimzusuchen? Wenn im zarten Säuglingsalter der menschliche
Körper durch bloße Anpassung der Nahrung an seine Aufnahme-, Verdauungs- und
Ausscheidungsfähigkeit sowie durch vernünftige Sorgfalt und Hygiene immer gesund
erhalten werden kann — wann begann dann der Lebensabschnitt, in dem diese Regel
versagte? Und warum versagte sie auf einmal? Sonderbar, daß die Frage sich mir nie
zuvor gestellt hatte. Jedenfalls mußte ich die Antwort darauf finden; sonst würde ich
nicht einschlafen können.
In der Hauptsache gingen meine Gedanken wie gewöhnlich im Kreis; aber von Zeit
zu Zeit wagten sie sich doch aus der konventionellen, ewig gleichen Linie in eine neue
Richtung und spähten irgendeinen unbekannten Weg entlang, der bisher — da ich als
Arzt gewohnt war, die Pfade der Autoritäten zu wandeln und nicht nach rechts noch
nach links zu blicken — von mir gar nicht beachtet worden war. Genau so ergeht es
den meisten meiner Berufskollegen noch heute; neue Gedanken bleiben ihnen
verschlossen bis irgendeine Autorität sie anerkannt und bestätigt hat.
Während jener Nacht überlegte ich hin und her. Stets kehrten dabei die Worte
wieder, die ich der jungen Frau zum Troste gesagt hatte: „Sorgen Sie dafür, daß die
Nahrung Ihres Kindes seiner Fähigkeit zu verdauen und auszuscheiden entspricht;
lassen Sie ihm die nötige hygienische Sorgfalt zuteil werden, und es wird wie Unkraut
wachsen und gedeihen.“ Darauf folgte dann stets sogleich die Frage der jungen Frau:
„Wann hört dieses Prinzip im Leben des einzelnen Menschen zu wirken auf?“ Diese
beiden Sätze wurden das „Sesam, öffne dich“ zu meiner Errettung. Immer wieder
funkelten mich die schwarzen, mutwilligen Augen meiner Klientin an und prüften
meine armselige Gestalt von Kopf bis Fuß; und nun begann ich mit einem Male mich
dieser Gestalt zu schämen, die zuvor Gegenstand meines tiefsten Erbarmens gewesen

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war.
Ich erinnerte mich plötzlich, daß die Natur mir in meinen jungen Jahren einen
wohlgestalteten, wenn auch nicht sehr kräftigen noch in irgendeiner Weise
auffallenden Körper verliehen hatte. Zum ersten Male erkannte ich, daß ich nie im
Leben darüber nachgedacht hatte, wie dieser Körper behandelt werden sollte. Ich
begriff jetzt, daß ich meinen Körper immer nur so behandelt hatte, wie es mir die
augenblickliche Laune, der momentane Wunsch eingab; dabei waren diese Launen und
Wünsche größtenteils nicht aus mir selber aufgestiegen, sondern — echtes
Kennzeichen der Gaben unserer Zivilisation — aus den Launen und Wünschen anderer
entstanden. Das Ergebnis konnte gar nicht anders ausfallen.
Denn Launen sind meistens gegen den Lauf der Natur gerichtet. Aber gegen die
Natur gehen kann nur zu einem einzigen Ergebnis führen — und in meinem Falle war
ich selber dieses Ergebnis. Versucht man, ein solches Ergebnis zu korrigieren, ohne
die Launen, die es verursacht haben, auszuschalten und ohne das Leben wieder in die
gleiche Richtung mit der Natur zu bringen — mit anderen Worten: wird das Ergebnis
der unnatürlichen Gewohnheiten mit ähnlichen unnatürlichen Mitteln korrigiert, dann
gewinnt man zwangsläufig neuerdings ein unnatürliches Resultat. In meinem Fall war
dieses korrigierte Resultat wiederum ich.
Nachdem ich mir diesen Tatbestand gründlich vergegenwärtigt und klar erkannt
hatte, daß ich mit meiner damaligen Behandlung nirgends anders als im Grabe landen
würde, hatte ich um so mehr Mut, etwas ganz Neues zu unternehmen. Neu war es
wenigstens für meine eigene Erfahrung. Ich beschloß nämlich, mich hinfort ebenso
treu und bedingungslos auf die Natur zu verlassen wie bisher auf künstliche Mittel;
dann mußte sich rasch erweisen, ob diese Natur wirklich mein Bestes wollte und mich
zur Gesundheit führen konnte, und ob sie mich wirklich mit den dazu nötigen
Aufnahme- und Abwehrkräften versehen hatte. Mit einem Wort: die Einsicht, die ich
in der langen Stille jener Nacht gewann, war die, daß mir nicht mehr zu helfen war,
wenn nicht die Natur selber mir noch helfen konnte.
Ohne Aufschub machte ich mich denn auch daran, im offenen Buch der Natur zu
forschen und zu suchen. Dabei wurde mir eines sofort klar: Mit der konventionellen
Arzneimittelbehandlung mußte ich endgültig Schluß machen. Aber wie gründlich
mußte ich mein Denken und Handeln noch umstellen, um mich dem Willen der Natur
auch nur einigermaßen anzupassen!
Ja, eine vollständige Umstellung meiner früheren Auffassung von
Krankheitsverursachung und Heilungsmöglichkeiten vollzog sich in mir. Krankheit
war für mich fortan nicht mehr ein Übel, das mich unvorbereitet ereilt oder das ich
„bekommen“ konnte, sondern ein ursprünglich in meinem eigenen Körper durch
meine eigenen Lebensgewohnheiten entwickelter Zustand.
Es war merkwürdig, wie rasch ich von diesem Augenblick an das Groteske meiner
früheren Einstellung erkannte. Ich schämte mich meiner vollkommen unfähigen
Intelligenz, die mich durch so viele Jahre, welche reich und wertvoll hätten sein
können, in der Sklaverei entkräftender und lebensuntergrabender Gewohnheiten
gehalten hatte, Jahre des frühen Mannesalters, in denen meine Kräfte sich auf ihrem
Höhepunkt hätten auswirken sollen, in Wirklichkeit aber brachlagen.
Ich erkannte auch: erlaubte ich meinem Körper nicht, sich selber zu verteidigen und
seine Kräfte zu üben, so konnte ich nie mehr hoffen, ihn zu natürlichem
Lebenswiderstand, zur Entwicklung einer Schutzkraft gegen die in und außer ihm

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waltenden zerstörenden Einflüsse zu erziehen. Diese Entdeckung und das Wissen, daß
während unendlicher Zeiträume unsere primitiven Vorfahren unbekleidet im Freien
gelebt hatten, waren für mich ein Fingerzeig, wie ich vorgehen mußte.
Das Naturgesetz, nach dem willkürliche Muskeln durch das einfache Verfahren, sie
alle täglich ein oder mehrere Male für kurze Zeit durchzuarbeiten, zu großer
Vollkommenheit entwickelt werden können, mußte nach meinen Überzeugungen und
Beobachtungen auch alle anderen Funktionen regieren. Es mußte möglich sein, auch
die volle Funktionsfähigkeit der Kette der Hauttätigkeiten zu erreichen, die ein so
wichtiger Teil des Abwehrmechanismus unseres Körpers sind, wie überhaupt die volle
Funktionsfähigkeit aller fünf Reflexketten.
Nun war es nur noch notwendig, einen Durchführungsplan zu entwerfen, welcher
der Forderung nach direkter Fühlungnahme der Haut mit kaltem Wasser, kalter Luft,
Sonne und Wind, nach Übung und Massage für Haut und Muskel, nach natürlicher
Anregung des Verdauungssystems entsprach. Es gab da vieles zu berücksichtigen.
Wie sinnlos war es doch, die Gesundheit durch große Mengen guten, nahrhaften
Essens aufbauen zu wollen und dabei gar nicht auf die Zusammensetzung dieser
Speisen zum Zwecke ihrer Verarbeitung im Verdauungskanal zu achten, gar nicht ihr
Verhalten gegenüber den verschiedenen Sekretionen dieses Kanals zu berücksichtigen.
Wie sinnlos war es auch, in keiner Weise zu überlegen, ob die verzehrten
Nahrungsmittel nach Menge und Art mit den Absorptionskräften meines
Verdauungsapparats in Einklang standen. Wie sinnlos endlich, ganz zu übersehen,
welche verheerenden Wirkungen überreichliche Kost in meinem Körper hervorrufen
mußte, wenn meine Verdauungswerkzeuge nicht genügten, alles gründlich zu
verarbeiten.
Meine Schlußfolgerung war daher die folgende: Ein mit Nahrung gefüllter Körper
kann entweder ein Apparat zur Erzeugung von Gesundheit oder ein Mechanismus zur
Erzeugung von Krankheit sein. Ist die genossene Nahrung natürlich und
lebensvermittelnd — stellt man sie so zusammen, daß ihre Bestandteile sich gut
miteinander vertragen —, werden genügende Mengen davon verzehrt, um den Körper
aufzubauen, seine verbrauchten Stoffe zu ersetzen und ihn stets wieder frisch zu
beleben, und werden dennoch im Hinblick auf Menge und Beschaffenheit der Nahrung
die verdauenden, absorbierenden, assimilierenden und eliminierenden Kräfte nie über
ihre Leistungsfähigkeit hinaus in Anspruch genommen — dann kann der Körper gar
nichts anderes als Gesundheit zubereiten und aufbauen, soweit nur Nahrungseinflüsse
in Betracht kommen.
Besteht aber die tägliche Kost aus einem Durcheinander verschiedener „gut und
reichlich nährender“ Speisen, die wahllos (das heißt ohne die geringste Rücksicht auf
die Frage gegenseitiger Verbindungsmöglichkeit) zusammengestellt werden oder den
quantitativen Notwendigkeiten nicht entsprechen (sei es im Zuviel, sei es im Zuwenig)
—ist die Nahrung bloß toter Baustoff statt lebendige und lebensspendende Substanz
—, werden die Organe von ihr überlastet und haben sie nicht die Kraft, sich zu
befreien — was kann dann der Körper mit allem Fleiße anderes als Schwäche und
Krankheit aufbauen?
Natürlich muß nicht unter allen Umständen nach einer kurzen Periode unvernünftiger
Lebensweise sogleich auch Krankheit einsetzen; aber auf unsichtbare Art entwickelt
sich doch ein Krankheitszustand, der bei längerer Fortsetzung des unvernünftigen
Lebens früher oder später in Erscheinung tritt und das Leben des Verblendeten

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abkürzt. Das ist sogar dann wahr, wenn der unmäßige, aber erblich vielleicht sehr gut
ausgestattete und ausgiebig mit Lebenskraft versehene Mensch hundert Jahre lebt. Bei
richtiger Lebensweise hätte er mit seiner vortrefflichen Konstitution leicht
hundertfünfundzwanzig oder sogar hundertfünfzig Jahre alt * werden, hätte den
Jüngeren viele Jahrzehnte lang ein Beispiel und Vorbild sein können.
Im Lichte dieser Schlußfolgerung betrachtet, erschien es mir plötzlich
verwunderlich, daß ich überhaupt noch am Leben war. Ich hatte bisher der
Zusammenstellung

* Auch wenn heute festzustehen scheint, daß der Mensch ein höheres Alter als 115 bis 120 Jahre nicht
erreichen kann, so verliert die Betrachtungsweise des Verfassers dadurch nichts von ihrer Richtigkeit.
Anm. des Herausgebers
meiner Speisen niemals auch nur einen Gedanken gewidmet. Es war mir nie
eingefallen, daß von einer Speisenmischung, die zum Teil (Proteine) nur in einem
Säuremedium, zum andern Teil (Stärken) nur unter dem Einfluß des Mundspeichels
und daher nur in einem alkalischen Medium verarbeitet werden kann, der eine oder der
andere Teil im Magen einfach nicht verdaut wird. Ich hatte nicht einmal daran gedacht,
daß der viele weiße Zucker, den ich unter meine Speisen mischte und der des Körpers
Verlangen nach Wärme und Energie rasch zu stillen scheint, die gleichzeitige
Verdauung aller anderen Nahrungsstoffe unmöglich macht oder diese zum mindesten
in Verbindungen und Bestandteile auflöst, die meine Körpergewebe vergiften und die
Ausscheidungsorgane über Gebühr belasten mußten.
Erst jetzt wurde mir klar, daß ich mich auf zwei Arten zugrunderichtete: erstens,
weil ich die Nahrung zu mir nahm, die meinen Körper nicht beleben konnte; zweitens,
weil meine Kost ein Übermaß (besonders an Eiweißstoffen) aufwies, das meinen
Körper noch der wenigen Lebenskraft beraubte, die er aus den ihm zugefügten
Nahrungsmischungen zu ziehen imstande war.
Ich wußte nun, daß mein Körper an chronischer Vergiftung litt, fast wörtlich
abgenutzt war und schwer gegen die Überlastung mit zu reichlichem, nahrhaftem
Essen kämpfen mußte, denn ich aß damals Mengen, die drei hart arbeitenden Männern
genügt hätten.
Einige Zeit riet ich umsonst an dem Rätsel meines ständigen Hungers herum, des
Gefühls, das ich „Leere“ und „innere Schwäche“ nannte und das unfehlbar wenige
Stunden nach dem Genuß einer Mahlzeit sich einstellte, auch wenn ich, wie ich damals
bereits deutlich erkannte, viel zu viel gegessen hatte. Schließlich erinnerte ich mich,
wie oft ich als junger Bursche im Wachstumsalter eine Mahlzeit übersprungen hatte,
obwohl reichliche Nahrung in der Entwicklungsperiode besonders wichtig ist — aber
ich durchstreifte damals Felder und Wälder und spürte, sogar wenn ich hungrig war,
niemals die haltlose Leere, die mich in meiner Krankheitszeit beständig quälte. Immer
deutlicher erkannte ich, daß das Schwächegefühl, welches mich überfiel, sobald ich
einige Stunden ohne Nahrung gewesen war, eine gewisse Verwandtschaft mit der
Depression und dem Verlangen des Gewohnheitstrinkers oder eines
Rauschgiftsüchtigen aufwies; auch der Trinker oder der Morphinist erlebt diesen
Zusammenfall, sobald die Wirkung des letzten Genusses sich verloren hat und die
sekundäre Folgeerscheinung der Depression, Hilflosigkeit und Vergiftungsarbeit,
einsetzt.
Ich sah jetzt, warum die reichlichen Mahlzeiten und das häufige Essen in mir dies
Schwächegefühl und diese Empfindung von Leere hervorriefen, so daß ich immer

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begieriger nach mehr Nahrung verlangte. Es kam daher, daß ich, je mehr ich aß, desto
mehr Gifte durch den unverwendbaren Nahrungsüberschuß in mir anhäufte. Um der
niederdrückenden und schwächenden Wirkung dieser Gifte zu begegnen, glaubte ich
immer noch mehr essen zu müssen. So vergrößerten sich die Giftvorräte beständig, um
die primären Anreize daraus zu gewinnen, die zur Bekämpfung der sekundären
Rückschlagswirkung des Giftes aus den eingenommenen Speisen dienen sollten.
Ich brauche hier die lange Reihe von Gedanken und Überlegungen, die mich in den
folgenden Wochen immer wieder beschäftigten, nicht zu wiederholen. Der Leser, der
mir bis jetzt aufmerksam gefolgt ist, wird auch diese Einzelheiten mit erleben können
und sich vorzustellen vermögen, was mir geschenkt wurde, als ich im Buch der Natur
zu lesen begann. Ich erkannte plötzlich, wie verschieden die Gewohnheiten aller
natürlich lebenden Geschöpfe, auch des natürlichen oder primitiven Menschen, von
den Gewohnheiten der zivilisierten Menschheit sind.
Freilich, nachdem ich begreifen gelernt hatte, daß ich vergiftet, chronisch vergiftet
und etwas Ähnliches wie ein Gewohnheitstrinker war, wußte ich zunächst kaum, was
ich mit dieser Erkenntnis anfangen sollte. Doch eins wollte ich auf alle Fälle sofort
tun, nämlich weniger Nahrung zu mir nehmen. Aber wieviel weniger? Und welche
Nahrung weglassen? Mußte ich mein gewohntes, gutes, nahrhaftes Essen nur
einschränken — oder brauchte ich eine ganz andere Art Kost? Wie konnte ich wissen,
wieviel und was ich essen sollte? Wie konnte ich meinen Körper von den Giften der
früheren Überernährung befreien? Diese und ähnliche Fragen überlegte ich tagelang,
und inzwischen bemühte ich mich, weniger zu essen, obwohl es noch immer
reichliche, „nahrhafte“ Mahlzeiten waren. Reichliche Mahlzeiten, aber sie waren
gegen früher schon genügend eingeschränkt, um mir die ganzen Qualen zu
verursachen, die eine Entziehungskur dem Trinker oder dem Morphinisten bereitet,
wenn er seinem Schnaps, seiner Spritze, seiner Pille entsagen muß.
Um die lange Geschichte abzukürzen, sei gesagt, daß ich endlich eine Zeitlang zu
fasten beschloß. Ich begründete diesen Entschluß vor mir selber damit, daß sich, wenn
ich nun keine Nahrung zu mir nehmen würde, auch keine Gifte mehr in mir bilden
konnten, und daß die Oxydationsvorgänge alle Körper- und Zellenabfallstoffe, alle
Nahrungsrückstände und Fremdsubstanzen in meinem Körper, die den normalen
Ablauf der Funktionen hinderten, verbrennen und ausscheiden müßten.
Nie werde ich die Erschöpfung jener ersten drei Fasttage vergessen. Ich war der
Trinker ohne seinen Stimulus. Wer je einen solch armen Wicht zu beobachten
Gelegenheit hatte, wird begreifen, wie wenig Reiz das Leben damals für mich haben
konnte.
Aber am vierten Tage war alles verändert. Das Gefühl der Leere, das ich Hunger
genannt hatte, war fort. Eine große Last schien von mir genommen.
Frage: Wie kommt es, daß man sich beständig hungrig fühlt, solange man zu viel
ißt, und daß der Hunger aufhört, wenn man drei Tage lang nichts gegessen hat? Wer
die Antwort nicht kennt, wird dieses Rätsel kaum lösen können. Deshalb will ich die
Lösung lieber gleich verraten. Zu viel Nahrung erzeugt eine Vergiftung, die zuerst das
Nervensystem anregt und es dann niederdrückt. Diese Depression ist verbunden mit
einer Reizung der Nerven – Enden in den Magenschleimhäuten durch die
Zersetzungsprodukte, die bei einer Überlastung der Verdauungsorgane mit
überschüssiger oder ungeeigneter Nahrung entstehen. Darin liegt die Ursache dieses
„Hungers“. Läßt man den Magen durch Fasten ausruhen, so daß die angesammelten

92
Nahrungsgifte ausgeschieden werden können, dann verschwindet der sogenannte
Hunger nach drei Tagen, weil die Ursache entfernt ist.
Natürlich, wenn es bei mir wahrer Hunger gewesen wäre, so hätte ich nach drei Tagen
gänzlicher Nahrungsenthaltung richtig vor Hunger gelitten; aber das war nicht der Fall.
Ich fühlte mich nach dem Fasten wohler, schlief besser und konnte mit größerer
Klarheit denken; mein Herz schlug regelmäßiger und meine Nerven waren ruhiger als
seit vielen Jahren. Diese Besserung nahm noch während zwei ganzen Wochen zu. Am
Ende dieser vierzehn Tage hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem berüchtigten
Sensenmann und warf ihn kurzweg zum Haus hinaus. Seither habe ich ihn nicht mehr
gesehen und gedenke noch viele Jahre lang den Kontakt mit ihm nicht wieder
aufzunehmen, es sei denn, daß mir ein Unfall zustößt.
Während der ersten vierzehn Fastentage trank ich stündlich zwei Gläser Wasser. In
der dritten Woche fuhr ich mit Fasten fort, doch fügte ich den zwei Gläsern Wasser,
die ich weiterhin stündlich trank, den Saft je einer Apfelsine bei.
Nach diesen drei Fastenwochen war meine Zunge sauber, mein Geist klar, mein
Schritt fest; nur die Füße waren ein bißchen schwer und die Knie schwach, besonders
beim Treppensteigen. Doch ich konnte nun die sechs Stufen zu meiner Terrasse ohne
Schwindel hinaufsteigen, und ich konnte laufen, beides Dinge, die ich am Anfang
meiner Fastenzeit und viele Jahre vorher überhaupt nicht gewagt hätte.
Ich beendete mein Fasten in der folgenden Weise: Am ersten Tage der vierten Woche
fügte ich dem Glas warmen Wassers, das ich alle zwei Stunden zu mir nahm, je zwei
gestrichene Teelöffel Malzmilch bei, am nächsten Tag drei, am übernächsten vier. Am
vierten Tage nahm ich nach dem Frühstück die vier gestrichenen Teelöffel Malzmilch
in einem halben Glase frischer Milch, aufgefüllt mit kochendem Wasser. Am fünften
und sechsten Tage dasselbe. Am siebenten Tage ergänzte ich dieses Frühstück durch
einen Teller ungezuckertes Apfelmus. Mittags nahm ich in kleinen Schlücken ein Glas
warme Vollmilch und um sechs Uhr abends noch einmal ungezuckertes Apfelmus. Am
achten Tage dasselbe wie am siebenten, mit dem Unterschied, daß ich dem Apfelmus
morgens und abends einen Teelöffel Honig beifügte. Am neunten Tage dasselbe wie
am achten, nur noch eine Tasse Milch morgens und abends zum Apfelmus mit dem
Honig; Milch und Apfelmus kaute ich gut ineinander. Am zehnten wie am neunten
Tage, bloß mittags die doppelte Menge Milch. Am elften wie am zehnten, doch fügte
ich dem Mittagsmahl eine Tasse Vollkornporridge bei, die sogenannte „Römerkost“,
einen aus Vollkörnern verschiedener Getreidearten gemischten, regelrecht gekörnten
Grützebrei, mit Vollmilch, aber ohne Zucker zu essen. Dann ging ich allmählich zu
meiner normalen Kost über, die ich später noch beschreiben werde.
Ich muß hier besonders betonen, daß es für den Enderfolg sehr wichtig ist, wie man
vom Fasten zur Normalkost übergeht. Die Verdauungsfunktionen gehorchen dem
nervösen Reflexsystem; sie haben nichts zu tun mit unserem Verstand oder mit
unserem Willen. Wenn die Verdauung des Fastens wegen ein paar Tage lang ausfällt,
so darf sie nur langsam zu ihrer vollen Tätigkeit zurückgeführt werden. Während
dieser Zeit darf man den Verdauungsorganen nur die leichteste Arbeit zumuten und die
Nahrungsmenge nur allmählich vergrößern. Wird dieser Grundsatz streng eingehalten,
so schadet das Fasten auf keinen Fall; im Gegenteil, es verjüngt und belebt den ganzen
Körper.
Von nun an hielten die „Römerkost“ und die Früchte meinen Darm in normaler
Tätigkeit und ermöglichten dreimal täglich eine vollständige Entleerung. Dieses

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Ergebnis erhielt ich zwar erst nach einiger Zeit; aber meine erschlafften Darmmuskeln
stärkten sich zusehends unter dem Einfluß der durch die Zellulose im Grützebrei
gesteigerten Verdauungstätigkeit, genau so wie meine Arm- und Beinmuskeln
kräftiger wurden, nachdem ich begonnen hatte, sie täglich zu üben. Mit der Kräftigung
der Darmmuskeln verschwand dann auch jegliche Neigung zur Verstopfung.
Freilich ging noch lange nicht alles glatt. Ich hatte vielmehr noch schwere Kämpfe zu
bestehen, bevor ich wirklich gesund war, denn ich erlebte zahlreiche Rückfälle und
Zusammenbrüche, die ich in der Hauptsache meiner Eile, gesund zu werden,
zuschreiben muß. Ich sah damals noch nicht ein, daß ein Körper, der so viele Jahre
lang mißhandelt worden war, nicht in wenigen Wochen oder Monaten geheilt werden
konnte; diese Weisheit wollte erst gelernt sein. Auch auf dem Gebiet der Haut- und der
Muskelpflege entdeckte ich erst ganz allmählich, daß man nach jahrelanger
Verzärtelung seines Körpers nicht unvermittelt entgegengesetzte Maßnahmen
ergreifen und sozusagen ins andere Extrem übergehen darf, ohne Gesundheit und
Nervenkraft aufs schwerste zu gefährden. Die bisher unausgebildeten Funktionen
können nur langsam und stufenweise zu erhöhter Leistungsfähigkeit gebracht werden,
so wie die Natur selber ihre Geschöpfe gedeihen läßt.
Mein tägliches Bad begann ich mit lauen, dann kühlen, dann kalten Abwaschungen.
Hernach stellte ich mich in die Wanne und wusch meinen ganzen Körper mit einem
triefend nassen Waschlappen, erst lauwarm, später kühl, noch später kalt ab. Die dazu
nötigen Bewegungen führte ich immer sehr rasch aus, unter tiefem Atemholen, um
eine schnelle Zirkulation und auf diese Weise genügend innere Wärme zu erzeugen.
Schließlich war meine Haut so abgehärtet, daß ich die kalte Dusche oder die kalte
Abwaschung mit Genuß über mich ergehen ließ, und jetzt kann ich meine
Abwaschung so kalt nehmen, wie das Wasser mitten im Winter direkt aus dem
Ontario-See kommt; dann steige ich aus der Wanne und stelle mich mit meinem
nassen Körper vor ein offenes Fenster, auch wenn die Außentemperatur unter Null ist
und der Nordwind voll auf meinen nassen Körper bläst, der unter meinem Massieren
und Beklopfen langsam trocknet. Das ist ein herrliches Gefühl, aber nur der darf
diesen Versuch wagen, dessen Abwehrmechanismus in vollkommener Ordnung ist
und der durch langsame, vorsichtige Fortschritte bereits einen hohen Grad von
Vollkommenheit seines Körpersystems erreicht hat. Auch diese Luftbäder habe ich nur
allmählich in mein Tagesprogramm aufgenommen; ich begann damit, meine Haut
zuerst ein paar Minuten lang kühler Luft auszusetzen und während dieser Zeit
unablässig kräftige Muskelbewegungen und rasche Massage zu machen, um mich
nicht zu erkälten. Nach und nach erst verlängerte ich die Prozedur. Und mit derselben
Vorsicht setzte ich auch meine Haut erst allmählich und das Zeitmaß langsam
steigernd im Freien der Sonnenbestrahlung aus; hier ist im Anfang ganz besondere
Vorsicht geboten.
Gewiß, es ist schwer, sich dem langsamen Tempo solcher Fortschritte anzupassen.
Aber wir dürfen eines nie vergessen: daß die Natur bedächtig arbeitet und nichts
überhastet. Sie hatte bei mir viele Jahre lang geduldig jede Mißhandlung meines
Körpers ertragen, bevor sie begann, mich wirklich leiden zu lassen. Nun mußte ich,
während sie mich langsam und sorgfältig wiederaufbaute, das Leiden in Kauf nehmen.
Auf diese Weise blieben die Waagschalen im Gleichgewicht.
Natürlich beging ich am Anfang meiner Diätänderungsversuche Fehler über Fehler.
Ich erinnere mich unter anderem noch, wie ich zuerst meine Vollmehl- und

94
Vollkornspeisen beständig zu lange Zeit der Hitze aussetzte, nicht ahnend, daß diese
falsche Behandlung das darin enthaltene Lebensprinzip zu einem großen Teil zerstört.
Schließlich lernte ich, das Vollkorn nicht länger als drei bis fünf Minuten zu kochen
und es dann zwanzig bis dreißig Minuten zugedeckt zur Seite zu stellen; damit blieb
das ihm innewohnende, aller Krankheit und Zersetzung trotzende Lebensprinzip
erhalten. Seither habe ich auch gelernt, es vollkommen ungekocht zu essen, damit mir
nichts von dem gesundheitsaufbauenden Werte, den die Natur in die Getreidekörner
gelegt hat, entgeht. Niemand, der es nicht schon versucht hat, kann genügend
ermessen, wie köstlich auch dieses ungekochte Gericht schmeckt.
Die anfänglichen Niederlagen entmutigten mich nicht; ich gab nicht mehr nach; ich
kämpfte unverdrossen weiter. Auf diese Weise ergab sich nach und nach eine
Tagesordnung, die ich hier rasch skizziere.
Ich schlafe das ganze Jahr in einem ungeheizten Raume, die Fenster sind weit offen,
das Bett vor Durchzug geschützt, und trage keine Nachtkleider, weder Pyjama noch
Nachthemd, decke mich aber so gut zu, daß ich mich im Bett behaglich warm fühle.
Am frühen Morgen werfe ich die Decken über das Fußende des Bettes zurück und
turne eine halbe Stunde lang nackt auf dem Bette liegend, stets bei offenem Fenster,
ohne mich um die Kälte zu kümmern. Ist die Temperatur unter Null, so öffne ich die
Fenster natürlich nicht ganz so weit wie bei milderem Wetter; aber offen bleiben sie
immer. Mit meiner Morgengymnastik verbrenne ich alles, was an nicht gebundener
Nahrungsenergie und an Speiseresten noch in meinem Körper vorhanden ist; so
verhindere ich die Anhäufung von Abfallstoffen in meinem Körper, welche die
Tätigkeit meiner Gewebezellen beeinträchtigen könnten.
Nach diesem Bett – Turnen gehe ich ins Badezimmer, öffne das Fenster, wenn es
nicht eingefroren ist, trinke drei Glas Wasser, heiß oder kalt, wie es mir im Augenblick
beliebt, besorge meine Morgentoilette, turne noch einmal stehend und arbeite dabei
alle Muskeln des Körpers gut durch, namentlich die Lenden- und Unterleibsmuskeln.
Dann folgt ein kurzes kaltes Bad, rasche, kräftige Massage und aufs neue Muskel- und
Atemübungen.
Nach diesen Prozeduren fühle ich mich selbst bei großer Kälte durch und durch
warm und wunderbar angeregt. Ich kleide mich an (Sommer und Winter ohne
Unterwäsche) und begebe mich auf einen acht Kilometer langen Marsch. Weste und
Mantel lasse ich selbst bei kältestem Wetter zu Hause. Im Sommer ziehe ich so wenig
Kleider an, als Anstand und Gesetz es zulassen. Auf dem langen, raschen, energischen
Spaziergang beschleunige ich die Sauerstoffaufnahme durch tiefes Atmen und sichere
damit die Verbrennung der Nahrungsreste. Wenn ich in meiner Ordination ankomme,
prickelt es in allen Zellen und Nerven meines sauberen Körpers — äußerlich sauber
durch das kalte Bad und die Massage und innerlich durch die Verbrennung der
überflüssigen Energien und Abfallstoffe.
Jede Zelle verlangt nun nach Nahrung. Ich nehme sie in ihrer lebenskräftigsten
Form — lebendige Früchte. Der in diesen Früchten enthaltene Zucker muß nicht
einmal umgewandelt werden; er tritt unmittelbar als Energie in Tätigkeit. Auch das
körperbelebende Prinzip der lebendigen Früchte wird unmittelbar wirksam. Zu dem
Obst (bestehend aus den Früchten der Jahreszeit, Äpfeln, Orangen und Grapefruits
oder — zumal im Winter — süßen Früchten wie Datteln, getrockneten Weintrauben,
Feigen, Zwetschgen usw.) nehme ich Milch oder Getreidekaffee.
Weil mein Körper innerlich und äußerlich sauber ist, ist auch mein Geist klar, und

95
weil mein Frühstück aus lebendiger Nahrung besteht, besitze ich hernach physische
Energien im Überfluß. Deshalb stürze ich mich auf die Arbeit des Tages, wie ein
feuriges Pferd sich in Trab und Galopp setzt. Woher dieser Eifer kommt, wird der
Leser leicht einsehen.
Zum Mittagessen nehme ich Milch und eine große Schüssel körniger
Vollmehlgrütze, deren Zubereitung ich selber ausgedacht habe; oder ich esse
Vollkornbrot mit Butter, Honig (außer den süßen Früchten die einzige Süßigkeit, die
ich mir erlaube) und Getreidekaffee; ferner einen großen, blätterigen Salat mit
Zwiebeln, Radieschen, Blumenkohl, Sellerie oder Tomaten, je nach der Jahreszeit.
Das Nachtessen besteht fast immer aus einem großen Salat wie mittags, aus Käse
oder Quark, Nüssen oder Nußbutter. Im Winter kommt oft noch gedämpftes Gemüse
hinzu, mit Butter und Salz serviert. Im Sommer hingegen besteht das Nachtmahl oft
auch nur aus Beeren und Milch. Häufig nehme ich auch im Winter abends nur süße
Früchte und Milch oder Nüsse und getrocknete Weintrauben und eine Tasse
Getreidekaffee.
Gelegentlich lebe ich auch einen oder mehrere Tage lang ausschließlich von
saftigen Früchten und „Halb-und-Halb“ (halb frische Milch und halb siedendes
Wasser), damit die Verdauungsorgane und das Blut gereinigt werden, ausruhen
können und die Darmflora sich verbessert. Durch die Vollgetreidespeisen, den Käse,
die Milch, die sich alle nur langsam zersetzen und die mich daher nicht (wie Fleisch
oder Fisch) vergiften können, wird mein Körper ausgiebig mit Aufbau- und
Ersatzstoffen versorgt. Die vielen Mineralstoffe in den Getreidespeisen, den blättrigen
Gemüsen und Früchten wirken den Gärungsprodukten kräftig entgegen; das
Früchtefasten tötet die Fäulnisbakterien oder bezwingt sie. Mein Blut bleibt bei dieser
Nahrung normal basisch und rein, meine Gewebe sind säurefrei und die Organe
entlastet. Mein Körper ist geschmeidiger als die Körper junger Menschen, die sich von
säureüberschüssiger Kost nähren. Durch die sorgfältige Haut- und Muskelpflege
erhalte ich ihn sozusagen unempfindlich gegen Schmerzen und Beschwerden und stets
vollkommen leistungsfähig.
Ohne je einen Pausentag einzuschieben, marschiere ich täglich etwa sechzehn
Kilometer und bin trotz meinen achtzig Jahren überhaupt nie müde. Ich kann zwölf bis
fünfzehn Stunden täglich höchst angespannt arbeiten und betätige mich auf
verschiedenen geistigen und körperlichen Gebieten nebeneinander. Meine Denkkraft
ist klarer, leichter und beweglicher als in irgendeiner früheren Lebensperiode. Dies ist
zum Beispiel mein erstes Buch, und das Manuskript — nicht die Maschinenabschrift
— wurde an den Samstagnachmittagen und -abenden von zehn Wochen, deren Tage
mit anstrengender Arbeit ausgefüllt waren, niedergeschrieben.
Ich halte mich nicht damit auf, nach rückwärts zu schauen und nach einer
vergangenen besten und schönsten Zeit meines Lebens zurückzuschielen: jetzt ist die
beste, jetzt ist die schönste Zeit. Im Vorgefühl der immer größeren Dinge, die noch für
mich zu tun sein werden, und in der Gewißheit sicheren Erfolges blicke ich beständig
nach vorne in die Zukunft. Ich fühle mich trotz meinem hohen Alter durchaus jung,
denn meine geistige Haltung ist die der Jugend.
Ich bin so gesund, daß ich seit fünfundzwanzig Jahren nicht einmal mehr erkältet
war, obwohl ich früher fast jedem Luftzug zum Opfer fiel. Heute bin ich meiner
Gesundheit sicher; jedenfalls ist meine Aussicht, hundertzwanzig Jahre alt zu werden,
größer als die Aussicht eines durchschnittlichen dreißigjährigen Mannes, der das

96
allgemein übliche Leben führt, auf Erreichung des sechzigsten Lebensjahres. Ein
Mensch ist alt, wenn seine Gesundheit untergraben und nicht mehr widerstandsfähig
ist, und ein Mensch ist jung, wenn sein Geist und sein Körper gesund sind.
Könnte ich mit meiner früheren Lebenseinstellung alles leisten, was ich heute
leiste? Könnte ich täglich von halb sechs Uhr morgens bis halb elf Uhr nachts auf den
Beinen sein und Jahr um Jahr so leben, ohne je Ferien zu machen? Keineswegs, denn
ich habe es lange Zeit hindurch versucht und mich damit beinahe umgebracht. Jeder
Mensch, sei er, wer er wolle, wird, wenn er so lebt, wie ich gelebt habe — und wie es
fast alle zivilisierten Menschen tun —, trotz scheinbarer Gesundheit viele Jahre früher
sterben, als sein natürliches Leben dauern könnte, selbst jener, der zufällig eine so
starke Konstitution geerbt hat, daß er dieses Leben hundert Jahre lang aushält; denn
Menschen von so außerordentlich widerstandsfähiger Anlage könnten bei biologisch
richtiger Lebensführung mit Leichtigkeit noch viel länger leben und bis zu ihrem Tode
tatkräftige und nützliche Glieder der Gemeinschaft sein.
Ich erzähle meine Erfolge nicht zu meinem Ruhm. Ich erzähle sie, um zu zeigen,
was jeder erreichen kann, solange sein Körper sich noch durch natürliche Mittel
erneuern läßt. Mir selbst blühten die Erfolge und ermutigenden Ergebnisse auf dem
Wege der Gesundheitserneuerung schon recht bald. Bereits vier Jahre nachdem ich
durch eifriges Nachdenken den Heilungsweg einer gesundheitsbringenden
Lebensführung entdeckt hatte, kletterte ich als einziger unter zwölfen, die an dem
Versuch teilnahmen, die fünfzig Stockwerke des Washingtoner Monuments hinauf; die
andern kamen nicht über das achtzehnte Stockwerk hinaus, obwohl der älteste von
ihnen fünf Jahre jünger war als ich und zwei von den anderen weniger als dreißig Jahre
alt waren. Ich stieg dann auch wieder zu Fuß hinunter. Es war an einem jener heißen,
feuchten Julitage, für die Washington berüchtigt ist.
Solche Ergebnisse können gewiß auch für Mutlose, denen die nötige Änderung
ihrer Lebensgewohnheiten schwer erscheint, Ansporn und begehrenswerte Belohnung
sein. Und ich kann aus meiner reichen und freudigen Erfahrung heraus enthusiastisch
bestätigen: sie sind es in der Tat!

97
9. KAPITEL

Die richtige Ernährung

Leider besitzen wir die hohen Instinktqualitäten nicht mehr, die den Menschen der
Urzeit befähigten, sich über das Tierreich hinaus zu entwickeln, und die seine
Evolution aus jenem primitiven, instinktgeleiteten, noch rohen Wesen in das
beobachtende, überlegende, denkende, urteilende Geschöpf, das der Mensch heute ist,
begünstigten. Wie sollen wir unter diesen Umständen entscheiden, welche Nahrung
wir essen müssen, um normale Körperreflexe zu schaffen und so die beständige
Gesundheit zu fördern?
Dafür gibt es einen einzigen Weg, und das ist das Studium des großen, offenen
Buches der Natur. Dieses Buch sagt uns alles, was wir wissen müssen. Befragen wir es
im Geiste der unvoreingenommenen Wißbegierde, dann werden wir die Wahrheit ohne
Schwierigkeit erfahren. Wir müssen dabei freilich jene geistige Einstellung vermeiden,
die überall nur nach Unterstützung einer vorgefaßten Meinung Ausschau hält.
Und welches ist die erste Lektion, die die Natur uns über Ernährung gibt? Sobald
wir in ihrem Buche zu lesen beginnen, wird es uns auffallen, daß nirgends von
verbesserter, verfeinerter, konservierter, eingemachter, eingepökelter, gereinigter Kost
die Rede ist, sondern allein von natürlicher Kost. Kein Tier wird unter natürlichen
Bedingungen denaturierte Nahrung zu sich nehmen, wenn es natürliche bekommen
kann.
Und das normale Tier, das sich seine Nahrung aus der Natur holt, verzehrt diese
Nahrung auch vollständig. Die reinen Pflanzenfresser fressen die ganze Pflanze, die
ganze Wurzel oder die ganze Frucht. Sie zerteilen, schälen, verwässern, kochen sie
nicht. Sie gießen nicht ab, drücken nicht aus, kochen nicht wieder auf. Sie salzen und
pfeffern nicht, sie mischen, vermusen und zerhacken sie nicht. Sie machen daraus
keinen Mischmasch aller möglichen Substanzen, die sich nicht miteinander vertragen
und niemals vollständig verarbeitet werden können. Der Instinkt sagt dem Tier, daß es
von einer Pflanze alles ohne andere Zutaten braucht, damit sein Körper in
Vollkommenheit aufgebaut und ergänzt wird. Die ganze Pflanze, die ganze Wurzel,
den ganzen Samen, die ganze Frucht zu fressen, ist für die pflanzenfressenden Tiere
eine Artgewohnheit und als solche ein Gesetz geworden, von dem sich die Art oder

98
das einzelne Tier nur unter Gefährdung des Lebens und des Artbestandes entfernen
kann. Der Instinkt, den die Natur dem Tier gegeben hat, sorgt dafür, daß es sich von
diesem Gesetze weder losreißen kann noch will.
Dasselbe gilt für die fleischfressenden Tiere, die Karnivoren. Sie fressen aus ihrem
unbeirrbaren Instinkt heraus das ganze Tier, das sie erbeutet haben. Täten sie es nicht,
sie gingen aus Mangel an lebenswichtigen, aufbauenden und
funktionskontrollierenden Nährfaktoren, an Mineralsalzen und Vitaminen zugrunde.
Aber nicht nur Tiere üben die Praktik aus, den ganzen tierischen oder pflanzlichen
Nahrungskörper zu verzehren, auch bei den noch lebenden primitiven Menschenrassen
gilt diese Gewohnheit. Das ist für uns interessant, denn diese Menschen gleichen ja in
ihrer Wesensart unseren Urvorfahren, durch deren Generationenreihen unser Körper
zu seiner heutigen anatomischen und physiologischen Vollkommenheit ausgebaut und
ausgebildet wurde. Die Eskimos, die fast ausschließlich von Tierfleisch leben, essen
nicht bloß die zuvor gut ausgebluteten Muskeln wie die zivilisierten Völker, sondern
sie essen das ganze Tier, Blut, Hirn, Magen, Eingeweide, Lungen, Nieren, Leber,
Milz, Bauchspeicheldrüse, Knorpel und die weicheren Knochen; sie essen sozusagen
alles außer den harten Knochen, den Hufen, Hörnern und Haaren. Und alle diese
eßbaren Teile verzehren sie vielfach roh.
Die Tiere, die den Menschen (und den fleischfressenden Tieren) als Nahrung dienen,
haben zu ihrer Lebenszeit ihren ganzen Körper durch Pflanzenkost aufgebaut. Sie
haben auf diese Weise — durch das Medium der Pflanze — vom Boden, von der
Sonne und dem Wasser die zum Aufbau ihrer Organe nötigen Stoffe erhalten, welche
die Pflanze direkt aus dem Boden, der Luft und dem Wasser beziehen und in ihre
Struktur einbauen kann, während das dem Tiere nicht möglich ist. Aber das Tier,
welches die ganze Pflanze frißt, kann die verschiedenen Stoffe, die in den einzelnen
Teilen der Pflanze enthalten sind, nicht gleichmäßig in alle seine Körperteile
aufnehmen. Kalk und Phosphorsalze z. B. werden zum größten Teil in die Knochen
und die Zähne verarbeitet, Natriumsalze in die flüssigen Gewebe (das Blut, die
Lymphe und die Galle), die Vitamine in die inneren Organe usw. Um alle diese
wichtigen Bestandteile in sich aufnehmen zu können, muß das nur fleischfressende
Tier und muß auch der Mensch, der sich weitgehend von Fleisch nährt, den ganzen
Tierkörper verzehren. Das Tier, das von dieser Regel abweichen würde, müßte
Zugrundegehen, und der Mensch auch. Ein Ausweg und eine Rettung läge in dem
Verzehren der ganzen Substanz irgendwelcher Pflanzen — das kommt aber für nur
fleischfressende Tiere nicht in Betracht. Natürlich kann ein Wesen, wenn es intelligent
genug ist, gewisse Pflanzenteile zur Ausfüllung der Lücken in seiner Kost, die durch
nur teilweises Verzehren des tierischen Körpers entstehen, verwenden. Aber solche
Weisheit besitzen selbst unter den Menschen nur wenige und diese wenigen auch nur
bis zu einem gewissen Grade. Allen anderen Kreaturen sind diese Dinge ein Buch mit
sieben Siegeln, das ihnen wohl auch immer versiegelt bleiben wird.
Eine andere Lehre, die uns die Natur erteilt, ist, daß die Nahrung genossen werden
sollte, ohne vorher gewürzt zu werden. Kein wildes Tier frißt sein Futter gewürzt. Es
muß allerdings zugegeben werden, daß manche Tiere eine große Vorliebe für Salz
haben und weit herumstreifen, um Salzlecken zu finden. Aber dieses Salz bedeutet für
die Tiere nicht Beigabe zu ihrer Kost oder Würze ihrer Nahrung, die mit dieser
zusammen eingenommen die Absonderung der Verdauungssäfte stören und lokale
Reizungen, Überfressen, Entzündungszustände und schlechte Verdauung hervorrufen

99
könnte, sondern spezielles Bedürfnis. Die Eskimos lehnen alles Salz ab, und das gilt
von vielen primitiven Völkern. Diese Völker wollen im allgemeinen auch von anderen
Würzen und Nahrungsbeilagen nichts wissen. Das Verzehren von Salz ist also kein
Bedürfnis, sondern eine Gewohnheit; wer einige Monate lang Verzicht leistet, wird
kaum mehr Vergnügen daran finden. Was früher dem Geschmacke so angenehm war,
dünkt ihn nun unnatürlich und scharf. Dasselbe gilt für alle anderen Würzen. Wir
können daraus erkennen, daß das Salzen und Würzen unserer Speisen tatsächlich eine
unnatürliche Gewohnheit ist.
Kann aber eine unnatürliche Gewohnheit, eine gedankenlos anerzogene
Gepflogenheit (denn sie muß erst anerzogen werden), eine Gewohnheit, die der
Nahrung etwas beifügt, das in keiner Weise zu ihr gehört, eine Gewohnheit, gegen die
zum Beispiel unverdorbene Kinder instinktiv eingestellt sind, irgendwelche Vorteile
gegenüber den natürlichen Gewohnheiten bieten? Selbstverständlich nicht. Die Natur
ist so allmächtig und allweise, weil sie gewissermaßen das Faktotum, die
Vertrauensperson unseres Schöpfers ist. Sie macht keine Fehler. Sie hat alle eßbaren
Dinge in ihrer natürlichen Gestalt lieblich und köstlich geschaffen; nur der durch
langewährende verkehrte Nahrungsgewohnheiten verbildete Geschmack wird die
natürliche Kost nicht mehr ohne weiteres zu schätzen wissen.
Wenn wir im Buche der Natur weiterforschen, dann gewinnen wir noch eine andere
unschätzbare Erkenntnis über die Ernährung unseres Körpers.
Tiere in ihrem Naturzustand, aber auch wilde (also natürlich lebende) Menschen,
wählen für ihre Mahlzeit, wenn möglich, eine einzige Nahrungsart, eine einzige
Speise. Der Affe klettert auf einen Baum und frißt zur Stillung seines Hungers Nüsse.
Oder er klettert auf einen anderen Baum und frißt dessen Früchte. Der Wilde klettert
auf den Baum oder lagert sich darunter, um eine Mahlzeit von Nüssen oder von
Früchten zu verzehren; vielleicht gräbt er auch Wurzeln aus oder sammelt Kräuter und
läßt sich nieder, um sie zu essen; oder er tötet ein Tier und verschlingt alles, was daran
eßbar ist. Jedenfalls verliert er seine Zeit nicht mit dem Sammeln von Nüssen,
Früchten, Blättern und Wurzeln, um sie dann mit dem Fleisch eines erlegten Tieres zu
genießen; er ißt eine einzige Speise, und davon so viel, als sein Appetit verlangt. Dann
ist er satt bis zu seiner nächsten Mahlzeit, die er erst wieder einnimmt, wenn sein
Hunger sich aufs neue regt und ihn zwingt, frische Nahrung, wie sie aus der Hand der
Natur kommt, zu suchen. Überhaupt kennen die Primitiven eine solche
Regelmäßigkeit im Essen, wie sie bei uns herrscht, nicht. Sie müssen umherstreifen,
um Nahrung zu finden, müssen sich kräftig bewegen, bevor sie ihre Mahlzeit
einnehmen. Wir ersehen daraus, daß Bewegung vor der Mahlzeit eine
Rassengewohnheit und physiologisch dem Körper notwendig ist. Die Bewegung vor
dem Essen schafft ein Bedürfnis der Körperzellen nach Nahrung. Und dieses
natürliche Bedürfnis sichert die beste und rascheste Verwendung der eingenommenen
Nahrung durch den Körper, sichert schnelle und vollständige Verdauung, so daß in der
verzehrten Kost keine unnatürliche Gärung der Fäulnis oder irgendein anderer
ausartender Prozeß entstehen kann.
Wenn wir uns nun sagen müssen, daß es vollkommen undenkbar ist, daß
instinktgeleitete Tiere von der Natur irregeführt und zu andern als einwandfreien
Körperaufbaugewohnheiten angehalten werden, so gelangen wir auf dem Wege der
Beobachtung zu der unbestreitbaren Schlußfolgerung, daß natürliche, ganze
Nahrungsmittel und unkomplizierte Mahlzeiten die natürlichen Anreize des Magen-

100
Darm-Reflexsystems darstellen. Und wir erkennen auch allmählich, welche
Nahrungsmittel wir, wenn nicht ausschließlich, so doch in der Hauptsache bevorzugen
sollen.
Im folgenden habe ich verschiedene Listen unserer gebräuchlichsten
Nahrungsmittel zusammengestellt, nach denen jeder Leser leicht die richtige Auslese
treffen kann, um auf diese Weise von Anfang an Mahlzeiten zu vermeiden, deren
Bestandteile sich gegenseitig bekämpfen und schädigend wirken.

LISTE 1

Stärkehaltige Gemüse und andere stärkehaltige Speisen


(gekocht bzw. gebacken zu essen)

Kartoffeln Reis
Bohnen Sago
Karotten Tapioka
rote Rüben Getreidespeisen
weiße Rüben (alt) Brot
Pastinaken Spaghetti
Artischocken Nudeln
Grünkern Kuchen
alle Körnernahrung Puddinge

(Diese Speisen vertragen sich mit den Speisen in den Listen 2, 3 und 7; bei schwacher
Verdauung sollen sie jedoch nicht mit Speisen der Liste 7 gemischt werden.)

LISTE 2

Nicht stärkehaltige Gemüse


(gewöhnlich gekocht zu essen)

Kohl Eierfrüchte (Aubergines, Melanzani)


Blumenkohl Kürbis
Wirsingkohl Kardätschen (Cardon)
Rosenkohl Lotos (eßbarer Judendorn, ägyptische Bohnen)
Kohlrüben eßbarer Eibisch
Karotten Spargel
rote Rüben Spinat
weiße Rüben (jung) grüne Erbsen Sellerie

101
Pastinaken Endivien
Artischocken Tomaten
Grünkern Löwenzahnblätter
grüne Bohnen Lauchblättriger Bocksbart (Haferwurz)
Zwiebeln

Werden die Gemüse gekocht, so sollen sie nur mit Butter und sehr wenig Salz oder mit
saurem Rahm angerichtet werden; der Rahm darf jedoch nie mit Getreidestärke oder
Mehl verdickt werden. (Diese Gemüse vertragen sich mit allen anderen Speisen.)

LISTE 3

Nicht stärkehaltige Gemüse (vorzugsweise roh zu essen)

Großblättriger Salat rote Rüben


Lattich Pastinaken (jung)
Endivien Radieschen
Spinat Zwiebeln
Brunnenkresse Sellerie
Petersilie Gurken
Kapuzinerkresse Pfefferschoten
Kapuzinerblüten Tomaten
Karotten (jung) grüne Erbsen (jung)
weiße Rüben (jung) reife Oliven

(Diese Gemüse vertragen sich mit allen anderen Speisen.)

LISTE 4

Eiweißnahrung
Alle Fleischnahrung (einschließlich Süß- und Salzwassertiere)

Eier Buttermilch
Käse Nüsse
Quark Hülsenfrüchte
Milch

(Diese Speisen vertragen sich mit den Speisen der Listen 2, 3, 7 und 8.)

LISTE 5

102
Säureüberschüssige Nahrung
(Siehe auch die Liste der säurebildenden Nahrungsmittel S. 52)

Alle Fleischnahrung Kaffee


(das Fleisch aller Tiergattungen und Kakao
alle Teile des einzelnen Tieres) alle Fette
Alle Körnernahrung Eiweiß
(besonders weißes Mehl, verfeinerte Käse
Getreidespeisen und polierter Reis) getrocknete Bohnen
Zucker getrocknete Erbsen
Tee getrocknete Linsen
Nüsse (einschließlich Erdnüsse)

(Speisen aus dieser Liste sollen nur 1/5 der täglichen Nahrungsmenge ausmachen.)
LISTE 6

Basenüberschüssige und basenbildende Nahrung


(Siehe auch die Liste der basenbildenden Nahrungsmittel S. 53)

Alle Früchte Paranüsse


(vor allem die Zitrusfrüchte)
Alle Gemüse Milch (einschließlich Buttermilch und
(besonders die nicht stärkehaltigen Quark)
Arten; vgl. die Listen 2 und 3)
Kartoffeln Vollmehl- und Vollkornprodukte
Eidotter Mandeln

(Speisen aus dieser Liste sollen wenigstens vier Fünftel der täglichen
Nahrungsmittelmenge ausmachen.)

LISTE 7
Süße Früchte

Süße Äpfel vollreife Bananen


Melonen reife Beeren
milde, gut ausgereifte Birnen Rosinen, Feigen und Datteln
milde, gut ausgereifte Pfirsiche süße Trauben

(Süße Früchte vertragen sich mit allen anderen Speisen, außer wenn schwache
Verdauung vorliegt; dann darf man solche Früchte nicht
mit stärkehaltiger Nahrung mischen.)

LISTE 8
Säuerliche und saure Früchte

103
Äpfel Grapefruits
Birnen Zitronen
Pfirsiche Trauben
Zwetschgen Beeren
Pflaumen Preiselbeeren
Orangen Rhabarber

(Diese Früchte vertragen sich mit den Speisen in den Listen 2, 3 und 4.)

Den am Anfang dieses Kapitels aufgestellten Grundsätzen fügen wir nun noch aus
den Kapiteln III, IV und V gewonnene Erkenntnisse bei, welche wir hier kurz
rekapitulieren.
Will man sich dauernd bei guter Gesundheit erhalten, so muß man sich immer
vergegenwärtigen, daß die einzelnen Mahlzeiten möglichst einfach sein sollen, sowohl
in ihrer Zusammenstellung als auch in ihrer Zubereitung, und daß sie natürlicher
Nahrung so nahe als nur möglich kommen müssen.

Für Menschen, die immer gesund bleiben wollen, muß die Nahrung nicht nur vom
Lebensprinzip durchdrungen sein, sondern auch das Lebensprinzip übermitteln. Totes
Fleisch, verfeinerte und schon zum voraus zubereitete Mehl- und andere
Kornprodukte, raffnierter Zucker und ähnliche unlebendige Kost kann, wie wir
einsehen lernten, niemals diese Forderung erfüllen. „Lebendige“ Nahrung müssen wir
anderswo suchen. Wir finden sie im Vollkorn, das nur einem ganz kurzen Kochprozeß
unmittelbar vor Einnahme der Mahlzeit unterworfen wird, ferner in nichtsterilisierter
und nichtpasteurisierter (vorzugsweise roher) Milch, ganz leicht gekochten Eiern,
Nüssen, rohen oder nur ganz leicht gekochten Gemüsen und Früchten, die immer roh
verzehrt werden sollen.
Wichtig ist weiter, daß man mindestens vier Fünftel der täglichen Kost aus der Liste
basenüberschüssiger Nahrungsmittel (Liste 6) wählt, während höchstens ein Fünftel
aus Liste 5 kommen darf, welche die säureüberschüssigen Nahrungsmittel aufzählt.
Mit anderen Worten: vier Fünftel der täglichen Nahrungsmenge müssen aus Vollmehl-
und Vollkornprodukten, Mandeln, Paranüssen, Eidottern, Milch, Gemüsen und
Früchten bestehen, mit besonderer Bevorzugung der Früchte, blätteriger Gemüse und
Salate. Solch eine Speise - Zusammenstellung gewährleistet normale Basenzufuhr und
birgt keinerlei Gefahren für organische Reizung oder Überanstrengung.
Anhand dieser Weisungen sollte es für jeden mit durchschnittlicher Intelligenz
begabten Menschen leicht sein, nach ein paar Minuten der Überlegung sich für jeden
Tag einen Speisezettel zusammenzustellen, der den Anforderungen eines nach
vollkommener Gesundheit strebenden Körpers genügt. Täglich sind höchstens drei
Mahlzeiten zulässig, und diese müssen so einfach als möglich sein. Eine soll aus
Früchten oder aus Früchten und Milch oder aus Salat und Milch bestehen. Die zweite
soll stärkehaltig sein, das heißt ein Stärkegericht aus Liste 1 aufweisen mit Beigabe
von Salat (oder säuerlichen Früchten in zweiter Wahl, jedoch nur bei guter

104
Verdauung). Die dritte muß eine Eiweißmahlzeit sein mit einer Speise aus Liste 4 und
einem Salat nebst zwei Gemüsen (oder mehreren, wenn man Verlangen danach
empfindet). Beschränkt man sich auf zwei Mahlzeiten, so wird die hier an erster und
die an dritter Stelle genannte Speisefolge abwechselnd ausgelassen.
Die Obstmahlzeit ist zwar schnell zubereitet; einige Betrachtungen darüber sind
aber dennoch wichtig.
Im Sommer sollen die saftigen Früchte sauer oder säuerlich sein; im Winter wählt
man vorzugsweise süße, getrocknete Früchte, besonders wenn man leicht unter
Kältegefühl leidet.
Unter sauren Früchten verstehe ich solche, welche Milch schnell gerinnen machen.
Säuerlich sind sie, wenn die Milch langsam gerinnt und die Gerinnsel als feine
Flocken erscheinen. Nicht sauer sind alle Früchte, die süße Milch überhaupt nicht
gerinnen machen.
Saure und säuerliche Früchte, außer Zwetschgen, dürfen mit einem Stärkegericht
zusammen gegessen werden, jedoch nur, wenn die Verdauung gut ist und keine
Gärungen zu befürchten sind.
Ich habe nie einsehen können, warum gewisse Leute getrocknete Früchte und
saftige, frische Früchte bei einer Mahlzeit nicht miteinander essen wollen. Beide
enthalten die gleichen Elemente und unterscheiden sich hauptsächlich durch den
höheren oder geringeren Wasser- und Zuckergehalt. Aber alle Früchte, auch die
getrockneten, enthalten Wasser und Zucker in gewissen Proportionen, und wenn die
getrockneten und die saftigen wegen der Verschiedenheit dieser Proportionen nicht
zusammen gegessen werden dürften, so sollten auch die verschiedenen Arten der
saftigen Früchte nicht gemeinsam verzehrt werden, denn auch sie unterscheiden sich
durch ihren Wasser- und Zuckergehalt voneinander.
Wird aber als Grund angeführt, daß ihre Verdauungszeit verschieden ist, so führt
das natürlich zur Forderung von Einspeisemahlzeiten, ein Prinzip, das in der Theorie
sehr richtig, in der Praxis jedoch kaum durchführbar ist, weil die Verdauungszeiten so
ziemlich aller Nahrungsmittel voneinander abweichen.
Auf alle Fälle habe ich nie die geringste schlechte Erfahrung damit gemacht, daß
ich Früchte aller Art ohne irgendwelche Beschränkung esse und sie auch in der Diät
meiner Patienten verwerte. Sogar dort, wo Gase sich zwar bilden, ebenso rasch aber
wieder abgehen, verbiete ich die gemischten Früchte nicht, denn solche Gase haben
auch günstige Wirkungen: sie setzen die Muskeln des Verdauungskanals in Bewegung
und bieten ihnen daher Gelegenheit zur Übung. Nur in sogenannten „statischen“
Fällen, wo die Gase keinen Abgang haben, die Darmwände auseinanderzerren und
damit die Muskeln überanstrengen und schließlich lähmen, verschreibe ich die
einzelnen Fruchtsorten allein. Verdauungsmuskeln, die in guter Übung gehalten
werden, können übrigens niemals zu träger Verdauung führen.
Die einzige Unterscheidung, die ich im allgemeinen mache, ist diejenige, daß ich
süße Früchte besonders anempfehle, wenn mehr Körperwärme und Energie benötigt
wird, und saftige Früchte, wenn im Gegenteil Kühlung und Reinigung der Säfte
erforderlich ist.
Beide Obstarten vertragen sich mit Milch, und sogar die sauersten Früchte bilden mit
ihr geradezu ideale Kombinationen. Viele Leute, darunter auch viele Ärzte, fürchten
diese Zusammenstellung in der gleichen Mahlzeit, weil die sauren Früchte die Milch
gerinnen lassen. Diese Furcht ist aber ganz unbegründet; die Milch muß nämlich

105
gerinnen, bevor sie verdaut werden kann. Und gerade die Patienten, denen der
gemeinsame Genuß von Milch und sauren Früchten von ihrem Arzt verboten wird,
sind dieser Zusammenstellung gewöhnlich besonders bedürftig. Wenn Milch nämlich
in einen stark säuredurchsetzten Magen gelangt (in die Art Magen, für die der Arzt sie
womöglich überhaupt verbietet), dann gerinnt sie nicht sofort, sondern bildet zuerst
einen zähen Klumpen, wie es in Fällen, wo der Magen sie wieder zurückgibt,
beobachtet werden kann. Wäre dieselbe Milch vor dem Hinunterschlucken von
Fruchtsäften durchsäuert oder mit sauren Früchten zusammen gekaut worden, so wäre
sie zu einem sehr feinen, zarten Quark geronnen, den die Magensäfte ohne weiteres
hätten verdauen können. Dies läßt sich beweisen, indem man einem Glase frischer
Milch einen Suppenlöffel voll Zitronensaft beifügt; es bildet sich unverzüglich ein
weicher, feiner Quark. Rührt man ihn durcheinander, so sieht man ihn sich noch feiner
brechen. Solche gesäuerte Milch, die einem Säugling gereicht werden kann, ist eines
der besten Nahrungsmittel für einen übersäuerten Magen. Bei dieser Gelegenheit mag
nochmals kategorisch darauf hingewiesen werden, daß Milch eine Nahrung ist und
kein Getränk.
Die Säure des Obstes beruht auf einem in ihm enthaltenen sauren Salz, das aus einer
nichtmineralischen Säure (Zitronen- oder Apfelsäure) und einer alkalischen
Mineralsubstanz oder Base besteht. Fast unmittelbar nach dem Genuß einer sauren
Frucht, eines sauren Fruchtsaftes oder einer fruchtdurchsäuerten Milchmischung wird
der saure Bestandteil, indem er sich mit Sauerstoff verbindet und als Kohlendioxyd
und Wasser ausscheidet, verbrannt. In diesem Prozeß wird Körperwärme und Energie
frei, und die basischen Mineralsubstanzen (Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium
usw.) bleiben zurück, um die Säure des Magens zu verringern und sich mit dem
Kohlendioxyd zu anderen Salzen zu verbinden: zu den basischen Karbonaten und
Bikarbonaten von Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium usw., den normalen Basen
des menschlichen Blutes. Nur bei Menschen, die eine Idiosynkrasie (krankhafte
Abneigung) gegen Früchte haben, halte ich mit der Mischung saurer Früchte mit Milch
zurück. Solche Leute sind aber meiner Erfahrung nach selten; nach ein- oder
zweitägigem Fasten, sobald sie wirklich hungrig sind, würden auch sie eine
Fruchtmahlzeit ohne die geringsten Beschwerden ertragen können. Diese Tatsache
beweist, daß von einer wirklichen Idiosynkrasie gegen Obst bei den betreffenden
Personen nicht die Rede sein kann. Schuld an ihrer scheinbaren Unfähigkeit, Obst zu
essen, trägt vielmehr der durch falsche oder zu reichliche Nahrung gereizte Zustand
ihres Magens.
Saftige Früchte oder süße Früchte können nach einer Eiweißmahlzeit als Nachtisch
dienen. Der Schwerarbeiter sollte die süßen Früchte bevorzugen, der Geistesarbeiter
die sauren. Der erste braucht energiespendende, der zweite blutreinigende Kost.
Manche Diätautoritäten verurteilen jede Zusammenstellung von Früchten mit
Stärken; das scheint mir allgemein betrachtet auch ganz richtig zu sein. Ich habe aber
dennoch beobachtet, daß eine Kombination von säuerlichen Früchten mit Stärken
gelegentlich entschieden vorteilhaft wirken kann. Sogar wenn im Magen tatsächlich
Gärung stattfindet, wird ein Apfel ihr fast augenblicklich Einhalt tun und auch eine
nochmalige Gärung in den unteren Teilen des Verdauungskanals verhüten. Solche
Einzelheiten muß jedoch jedermann für seinen eigenen Fall selber herauszufinden
trachten.
Alle Melonen- und Kürbisarten können sowohl zu den Gemüsen als auch zu den

106
Früchten gerechnet werden; aber bei schlechter Verdauung sollte man sie nur als
leichte Einzelmahlzeit allein genießen und nichts anderes dazu essen, weil sie sich
besonders schwer mit anderen Nährstoffen verbinden. Vor allem an heißen Tagen
kann man sie ausgezeichnet allein als Mittagessen servieren.
Gemüse sollte man, wenn sie überhaupt gekocht werden müssen, backen oder
dünsten. Die blätterigen Gemüse muß man gut waschen, die Wurzel – Gemüse mit
einer Gemüsebürste gründlich abreiben, im Notfall sogar mit Seife, worauf man sie
natürlich besonders sorgfältig abspülen muß. Dagegen darf man sie niemals abschaben
oder abkratzen. Alle Wurzelgemüse, die in der Schale gebacken oder gedünstet
werden, durchsticht man vor dem Kochen oder währenddessen mit einer Gabel an
verschiedenen Stellen. Kartoffeln schmecken zwar besser gebraten oder gebacken;
aber durch diese Zubereitung verlieren sie viel von ihren besten Eigenschaften, denn
die Schale verkohlt, bevor das Innere ganz durchgebacken ist, und das zerstört die
wertvollen Eiweißstoffe und einige der wichtigsten Salze, die sich in der Schale und in
einer Zellenschicht unmittelbar darunter befinden. Doch wenn man im übrigen nach
einer gut zusammengestellten Diät lebt, so mag der Genuß gebratener oder gebackener
Kartoffeln hingehen, das heißt, dieser Punkt braucht einen nicht zu bedrücken.
Trotzdem muß ich hier hervorheben, wie köstlich die Kartoffel schmecken kann, wenn
sie nicht ganz bis zu der bekannten mehligen Zartheit weichgekocht ist und wenn die
Schale runzelig, aber noch nicht braun oder schwarz versengt ist. Eine kleine Zähigkeit
oder Härte dürfen die Kartoffeln ruhig behalten; dadurch gewinnt ihr Nährwert und für
den Liebhaber sogar ihr Wohlgeschmack.
Werden Gemüse aus irgendeinem Grunde gekocht, so darf nicht mehr Wasser
verwendet werden, als nötig ist, um sie vor dem Anbrennen zu schützen. Das Wasser
wird nicht abgeschüttet, sondern nach Geschmack gesalzen, Butter hinzugefügt und
Trockenmilch im Verhältnis von einem Fünftel Milch auf vier Fünftel Gemüsebrühe
damit vermischt; heiß serviert gibt das eine höchst schmackhafte Sauce. Man verliert
auf diese Weise nichts von den Gemüsesalzen. Getreidestärke- und Weißmehlzusatz
zum Verdicken der Saucen sind zu vermeiden. Die einzigen Zutaten seien ein wenig
Salz, Butter, Rahm (oder Trockenmilch). Magere Leute, die Fett gut vertragen, können
auch Ölsaucen genießen.
Getrocknete Bohnen jeder Art, desgleichen getrocknete Erbsen, Linsen und Erdnüsse
sind reich an Stärken und Proteinen. Da nun aber Stärken und Eiweißstoffe sich
gegenseitig nicht vertragen, so sind die genannten Gemüsefrüchte schwer verdaulich
und sollten mit nichts anderem zusammen genossen werden, weder mit anderen
Stärken noch mit anderen Eiweißprodukten. Nur Salate oder gekochte Gemüse darf
man zu ihrer Ergänzung herbeiziehen. Damit zusammen stellen sie aber auch eine
vollständige und genügende Mahlzeit dar.

Während sich Obst- und Gemüsemahlzeiten rasch zubereiten lassen, muß die
Stärkemahlzeit sehr sorgsam ausgewählt werden.
Aus Liste 1 wählen wir irgendeines der Stärkegerichte, vielleicht Vollkornporridge
oder Vollkornbrot. Dazu suchen wir uns aus der Liste 3 oder der Liste 7 (oder aus
beiden Listen) so viel aus, wie wir wollen, und bereiten daraus einen Salat, den wir mit
Mayonnaise oder Rahm anrichten können. Den Vorzug würde ich allerdings der

107
Zubereitung ohne Zutaten geben. Jedenfalls darf die Salatsauce zu einer
Stärkemahlzeit nicht sauer sein oder gar Essig enthalten. Denjenigen, die Öl gut
vertragen und nicht zu Fettansatz neigen, steht es frei, den Salat mit Öl ohne Säuren
anzumachen, an heißen Sommertagen mit Beschränkung, bei kaltem Wetter nach
Belieben.
Ist die Mahlzeit für einen körperlich arbeitenden Menschen bestimmt, so kann ihr
Stärkebestandteil reichlich bemessen werden; der Geistesarbeiter und der Mensch mit
sitzender Arbeitsweise braucht weniger Stärkenahrung. Der Muskelarbeiter darf auch
unbedenklich als Nachtisch eine tüchtige Portion süßer Früchte oder eine rechte
Menge Honig verzehren; der Mensch mit sitzender Lebensweise muß sich in dieser
Hinsicht Beschränkungen auferlegen, es sei denn, er erhält seinen Körper in täglicher
kräftiger und regelmäßiger Übung. Der Muskelarbeiter kann auch ein Glas Milch
dazunehmen oder sogar Milch und Rahm mischen, während sitzend Arbeitende nur
halb Milch und halb heißes Wasser trinken sollen.
Porridge oder Getreidebrei (natürlich Vollkorngetreidebrei) ist immer gut zu kauen.
Wer nicht genügend Selbstüberwindung aufbringt, um Getreidebrei gut zu kauen, hat
nicht viel Aussicht, das Ziel der beständigen Gesundheit zu erreichen, denn
Selbstdisziplin muß man üben, wenn man auch nur die geringsten Erfolge erzielen
will. Der Besitz einer zuverlässigen Gesundheit hängt von einwandfrei
funktionierenden Organen ab, und diese wieder von vollkommen arbeitenden Nerven;
eine unbeherrschte Lebensführung ist aber das gerade Gegenteil von vollkommen
arbeitenden Nerven.
Die Aufnahme ungeeigneter und unnatürlicher Nahrung ist eine der Hauptursachen
für die Unbeherrschtheit der Nerven. Wer seine Nerven nicht in der Gewalt hat,
braucht um so dringender natürliche, grobe Vollkornnahrung, schon um daran (z.B.
gerade mit Kauen) die wahre Nervenbeherrschung zu erlernen. Man sollte nötigenfalls
mit gebackenen Vollkornspeisen beginnen, die leichter zu kauen sind. solange die
Nerven einem noch nicht gehorchen.
Was übrigens das Kochen der Getreidenahrung betrifft, so scheint die Zivilisation
vollkommen falsch orientiert zu sein, und die Schuld daran trägt zum großen Teile die
Wissenschaft. Gelehrte haben die Darmausscheidungen untersucht und
herausgefunden, daß nach langem Kochen eine größere Menge Stärke im
menschlichen Verdauungsapparat absorbiert wird als nach kürzerer Kochzeit; sie
schließen daraus, daß längeres Kochen mehr Energie je Stärkeeinheit freimacht.
Indessen zerstört, wie wir wissen. langes Kochen und nachheriges Stehenlassen das
lebendige Prinzip in der Kost. Der altmodische schottische Porridge, der aus Hafer so
zubereitet wird, daß man bloß die äußeren Hüllen entfernt und ihn dann zwischen
Steinen zermalmt, oder die Getreidespeisen primitiver Völker, die aus zwischen
Steinen zermahlenen und nur wenige Minuten auf roheste Art aufgekochten Körnern
bestehen, mögen rauher und weniger appetitanregend sein als unser moderner
Porridge; aber sie tragen in sich, was unsere modernen Getreidespeisen nicht mehr
geben können: lebendige Energie, die sie dem Esser direkt mitteilen. Das
Lebensprinzip wird ihnen nicht durch komplizierte Verfeinerungsvorgänge oder
Zubereitungskünste entzogen, und der Verzehrer solcher Speisen erhält durch sie, was
der moderne Mensch sonst von nirgendsher beziehen kann, nämlich lebendigen
Widerstand gegen Krankheit. Granuliertes Vollkorn, das drei bis fünf Minuten in
rascher Hitze gekocht wird, verliert seine belebende Wirkung nicht, wenn es binnen

108
einer halben Stunde nach diesem kurzen Kochen gegessen wird. Aber längere
Hitzeeinwirkung raubt ihm seine lebenspendende Kraft; es kann dann noch
Körpersubstanz bilden, aber keine Energie mehr schaffen. Natürlich wird roh
zubereitete Körnernahrung nicht vollständig verdaut, und das ist ein Energieverlust.
Aber ein Ausgleich (und mehr als das) findet dadurch statt, daß die Körner zum Teil
unverdaut in den Darm gelangen, wo sie sich in Milchsäure zersetzen (dieselbe Säure
wie in dicker Milch), die der wirksamste Gegner der Fäulniskeime im Darm ist. Dies
ist der Grund dafür, daß ich grobkörnige Getreidespeisen den feingemahlenen
vorziehe.
Leicht verdauliche Speisen sind auch sonst keineswegs immer von Vorteil für
unsere Verdauungsfähigkeit, die wie alle übrigen Funktionen schwach wird und sich
mehr oder weniger verliert, wenn die an unsere Verdauungsorgane gestellten
Anforderungen sie nicht in vollem Maße beschäftigen.
Es gibt Diätetiker, die alle Körnernahrung verpönen, sogar Vollkornspeisen. Solche
Ernährungsforscher werden schwerlich imstande sein, eine befriedigende Antwort auf
die Frage zu erteilen, warum die Bulgaren, welche seit Jahrhunderten von schwarzem
Roggenbrot und saurer Milch mit Zusatz einiger Gemüse leben, die höchstgewachsene
und langlebigste Rasse der ganzen zivilisierten Menschheit sind. Jeder
zweihundertfünfzigste Bulgare erreicht ein Alter von hundert Jahren, während die
bestklassierten der andern zivilisierten Länder, wie die Vereinigten Staaten, Kanada,
Großbritannien, Deutschland, Frankreich usw., nur einen Hundertjährigen auf
zehntausend Einwohner aufweisen. Viele der bulgarischen Hundertjährigen vollenden
außerdem noch mehr als ein Jahrzehnt über ihre hundert Jahre hinaus. Natürlich
entspringt dieses einzigartige Ergebnis auch noch einem andern Prinzip, für das ich
beständig eintrete, nämlich der Einfachheit und Natürlichkeit der Mahlzeiten: die
Herstellung ihrer Speisen geschieht auf denkbar einfachste Weise, so daß das
lebendige Naturprinzip nicht verlorengeht.
Um dieselbe Erkenntnis noch von anderer Seite zu stützen, betrachte man auch die
Hochlandschotten, die zweitkräftigste und körperlich tüchtigste Gruppe aller
zivilisierten Völker. Viele Jahrhunderte lang haben die Hochlandschotten
hauptsächlich von natürlicher, unverfeinerter Hafergrütze und Milch gelebt. Macaulay
behauptet sogar, vor 1745 sei dem einkehrenden Wanderer in der Hütte eines
schottischen Hochländers eine Kost vorgesetzt worden, die in keiner Weise feiner
gewesen sei als das Futter für das Vieh. Doch was hat diese grobe, natürliche Nahrung
aus dem Hochländer gemacht!
Wir kommen nun zu der Protein- oder Eiweißmahlzeit, die eine Speise aus Liste 4
— aber nicht mehr als eine — umfassen soll. Wer über fünfundzwanzig Jahre alt ist,
sollte als allgemeine Regel kein Fleisch wählen, außer in sehr kleinen Mengen und mit
genügend basenbildenden Früchten und Gemüsen als Gegengewicht. Es ist niemals
von Vorteil, mehr als ein Viertelpfund mageres Fleisch pro Tag zu verzehren, ganz
gleichgültig, welche Art Arbeit verrichtet wird. — Haben wir eine Eiweißspeise
gewählt, so können wir aus den Listen 3, 7 und 8 aussuchen, was uns gefällt, und alles
in einen Salat mengen, den wir wiederum mit Öl und Mayonnaise oder mit Rahm oder
sogar mit Trockenmilch anmachen. Dann fügen wir aus Liste 2 zwei oder mehrere
Gemüse bei, nach denen uns gelüstet, und dünsten sie, bis sie weich sind, aber nie so
lange, bis sie zerfallen oder ihre natürliche Farbe verlieren. Vor allem Blattgemüse
sollten nie verkocht werden; sie schmecken vortrefflich, lange bevor sie in diesen

109
breiigen Zustand kommen; auch haben sie dann noch ihre vollen lebendigen
Wirkungen, die sich bei zu langem Kochen verlieren. Diese gedünsteten Gemüse
werden nur mit Butter und sehr wenig Salz angerichtet, niemals mit irgendeiner
anderen Sauce.
Der Schwerarbeiter kann zu den Gemüsen noch Kartoffeln nehmen, im Dampf
gekocht oder gebacken, aber unter keinen Umständen geschält und auch nicht
gebraten, und nie mit einer Sauce serviert, der noch Stärkemehl beigemengt wurde.
Besser ist es, die Kartoffeln mit Butter anzurichten oder mit der Sauce des
Hauptgerichtes — gegebenenfalls der echten Fleischsauce, falls Fleisch serviert wird.
Der körperlich Arbeitende kann auch seinem Salat nach Belieben Öl beifügen, denn er
braucht kraftbildende Nahrung, und Stärken und Öle sind kraftbildend.

Die hier besprochenen Diätvorschriften eignen sich im allgemeinen für jede Klasse
von Arbeitern, denn sie versehen jeden Menschen, wenn die aus der Überernährung
stammenden. Gifte schon ausgeschieden sind, mit genügender Energie. Sollten aber
sehr beanspruchte Muskelarbeiter, die ihre Kräfte täglich in ungewöhnlichem Maße
ausgeben, noch intensivere Nahrungszufuhr brauchen, so mögen sie der Obstmahlzeit,
wenn die Früchte aus Liste 7 gewählt wurden, sehr trocken geröstete
Vollkornsemmeln oder gut durchgeröstetes Vollkornbrot hinzufügen. Die Scheiben
müssen aber durch und durch geröstet sein, das heißt, es dürfen unter der dünnen
verkohlten äußeren Schicht keine weichen Stellen zurückbleiben. Das geröstete Brot
darf mit einer ausgiebigen Portion Butter gegessen werden; auch kann man ein wenig
Honig darauf streichen, da von allen diesen Nahrungsmitteln sehr viel Energie
ausgeht. Steigert man dann noch die Menge der süßen Früchte gegenüber den saftigen,
so hat man eine Diät, die wahre Ströme von Energie liefert und auch den sehr schwer
Arbeitenden belebt und stärkt. Der Mensch mit sitzender Lebensweise hingegen sollte
zum mindesten eine Mahlzeit des Tages ganz aus Früchten und Milch oder
Heißwassermilch bestehen lassen.

Wir fassen das Gesagte nun nochmals kurz zusammen.


Die Nährstoffe aus Liste 1 dürfen nie mit solchen aus Liste 4 vermengt werden, außer
wenn die Verdauung sehr kräftig und gesund ist; selbst dann ist Vorsicht und
Maßhalten am Platze. Kartoffeln können von dieser Regel ausgenommen werden.
doch darf man sie auch nicht beständig mit den gegensätzlichen Nahrungsstoffen
zusammen genießen. Ist hingegen die Verdauung der schwache Punkt des Patienten,
stellt sich also regelmäßig Gärung ein, dann wäre die Gewohnheit, Eiweißstoffe mit
ihnen entgegengesetzten Nährstoffen, selbst Kartoffeln, zu vermischen, ein
Verbrechen gegen die Gesundheit. Bei kräftiger Verdauung wird eine kleine Menge
Kartoffeln, die gut mit Speichel durchsetzt worden ist, in zehn oder fünfzehn Minuten
verdaut sein, und dies läßt kaum Zeit für die Unterbrechung der Verdauung durch
Sekretion der sauren Magensäfte. Diese Ausnahme ist bloß deshalb möglich, weil gut
mit Speichel durchsetzte Kartoffeln von allen Stärkespeisen am raschesten ausgenützt
werden; überdies sind die Kartoffeln in sich selbst ausgesprochen basisch, im Hinblick

110
auf ihren Reichtum an Natrium und Kalium.
Die Speisen der Liste 8 dürfen ebenfalls nicht mit denen der Liste 1 vermischt
werden.
Wenn auch die Speisen der Liste 1 sich chemisch gegenseitig vertragen, ist es doch
nicht ratsam, mehrere davon gemeinsam zu verzehren. Der Hauptgrund für diese
Einschränkung liegt in ihrer zu großen Verschiedenheit, und wir haben gesehen, daß
wir bei ein und derselben Mahlzeit nach möglichster Einfachheit trachten müssen.
Überdies sind die Verdauungszeiten der, in dieser Liste aufgezählten Nahrungsmittel
meist sehr verschieden, und das vermehrt die dem Sekretionsmechanismus
erwachsende Belastung. Schließlich besteht bei einer solchen Zusammenstellung
mehrerer Speisen aus Liste 1 die Gefahr einer zu großen Stärkemenge und überhaupt
einer zu großen Nahrungszufuhr. Abwechslung in der Speisenfolge ist die
Hauptursache von Überladung des Magens.
Eine mit einer Speise aus Liste 4 zusammengestellte Mahlzeit kann man eine
Protein- oder aufbauende Mahlzeit nennen. Dazu ist zu bemerken, daß nicht zwei der
in Liste 4 enthaltenen Speisen zusammen gegessen werden dürfen; sonst entsteht
ernstlich gefährdender Überschuß an Eiweißnahrung. Die meisten Leute führen sich zu
viele Eiweißstoffe zu, sogar wenn sie sich auf eine einzige eiweißhaltige Speise
beschränken; dadurch werden besonders die Nieren in Mitleidenschaft gezogen.
Milch und Fleisch sollten niemals miteinander genossen werden, sonst werden das
Blut und die Gewebe mit Eiweiß und den giftigen Endprodukten des
Eiweißstoffwechsels überladen. Dazu kommt, daß Milch und Fleisch sich zwar
chemisch miteinander vertragen, daß aber die Milch zu ihrer raschen Verdauung eine
milde, Fleisch hingegen eine scharfe Säure braucht; diese scharfe Säure wirkt auf das
Milchprotein derart ein, daß es einen dichten Klumpen bildet, an Stelle eines feinen
leichtverdaulichen Breies.
Ich will nicht unterlassen, hier nochmals daran zu erinnern, daß die Zellulose- oder
holzartigen Abfallstoffe, die sich in jedem rohen Nahrungsmittel und in jeder nicht
durch menschliche Kunst gänzlich entarteten Kost finden, von größter Wichtigkeit für
die gesunde, natürliche Tätigkeit der Verdauungsmuskeln und -drüsen sind.
Zucker, Süßigkeiten, Sirup, Honig usw. sollten nicht zusammen mit Fleisch
gegessen werden, denn Zucker verwandelt sich fast unmittelbar in Wärme und
Zellenenergie. Wenn aber der Zellenbedarf an Energie so rasch befriedigt wird,
verlangsamt sich die Eiweißverdauung. Daher tritt als Folge solcher Vermischungen
von Fleisch und Süßigkeiten sehr oft Zersetzung ein.
Der Schwerarbeiter braucht nicht viel mehr Nahrung von Liste 4 als ein Mensch mit
sitzendem Beruf. Aber der Schwerarbeiter braucht viel mehr Bestandteile der Liste 1,
um die in seiner Muskelarbeit verausgabte Energie wieder zu ersetzen; er braucht auch
mehr Nahrung aus den Listen 2 und 3, um die Säuren zu neutralisieren, welche die
Auflösung so vielen Zellgewebes und so vieler krafterzeugender Nahrung gebildet hat.
An dieser Stelle wird vielleicht bei manchen Lesern die Frage auftauchen, ob nicht bei
intensiver Bekämpfung des Säureüberschusses schließlich auch ein schädlicher
Basenüberschuß entstehen könne? Sei ohne Besorgnis, Leser! Es können sich niemals
zu viele Basen bilden, weil unser Körper durch seine eigene Lebenstätigkeit beständig
Säuren erzeugt und die aus der Nahrung gewonnenen Basen uns das einzige Mittel
liefern, diese Säuren wieder aus dem Körper zu entfernen; auch die aus der Nahrung
stammenden Säuren müssen auf diese Weise wieder fortgeschafft werden. Im Hinblick

111
auf diese doppelte Säurequelle sind wir gezwungen, darauf zu achten, daß unsere Diät
zu vier Fünfteln aus basenbildenden Nahrungsstoffen besteht und nur zu einem Fünftel
ihrer Menge aus Säurebildnern. Übrigens werden die Basen auch im Verdauungskanal
selber noch benötigt.
Ich habe den Eindruck, jetzt alles gesagt zu haben, was ernsthaften
Gesundheitssuchern die Zusammenstellung ihrer täglichen Nahrung erleichtern kann,
muß aber der Vollständigkeit halber noch ein Wort über die Getränke beifügen, denn
von meinen Patienten werde ich beständig gefragt, ob man vor, während oder nach
dem Essen trinken soll und was für Getränke empfehlenswert sind.
Ich selbst trinke zehn oder fünfzehn Minuten vor den Mahlzeiten Wasser; aber
wenn ich Lust habe, trinke ich auch während des Essens oder nach dem Essen. Nur
vermeide ich es grundsätzlich, Speise und Getränke zu gleicher Zeit zu genießen, das
heißt, beide im Munde zu vereinigen. Bloß Milch kaue ich gründlich mit den Früchten
untereinander, bevor ich sie hinunterschlucke; aber ich betrachte Milch, wie ich schon
mehrfach gesagt habe, nicht als ein Getränk, sondern als eine Speise. Gewöhnlich rate
ich meinen Patienten, nach den Mahlzeiten zu trinken, um zu verhindern, daß sie ihre
Nahrung mit dem Getränk hinunterspülen. Wer genügend Selbstbeherrschung hat,
Speise und Getränk nicht gleichzeitig zu genießen, das heißt, die Speise erst gut
durchzukauen und hinunterzuschlucken, bevor er trinkt, der mag ohne weiteres
zwischen den einzelnen Bissen des Essens trinken. Das Getränk soll nicht zu heiß und
nicht zu kalt sein.
Leute, die ihre Speisebissen ohne Flüssigkeit nur schwer hinunterschlucken können,
gestehen dadurch ein, daß sie den mit dem Munde zusammenhängenden
Sekretionsdrüsen durch ihre Gewohnheit, während des Essens zu trinken, bereits
Schaden zugefügt haben. Es ist von größter Wichtigkeit, daß sie die Fähigkeit wieder
erlangen, ihr Essen ohne die Beihilfe einer anderen Flüssigkeit als der des Speichels zu
kauen und zu schlucken; die Speicheldrüsen müssen dadurch, daß man sie zwingt, zu
arbeiten, wieder in ihre rechtmäßigen Funktionen eingesetzt werden.
Von allen Seiten fragt man mich nach der Bekömmlichkeit des Getreidekaffees.
Dieses Getränk ist selbstverständlich bekömmlich, wenn man es genießt, ohne es mit
Zucker zu verderben. Für viele ist ein warmes (nicht heißes) Getränk unentbehrlich,
aus langer Gewöhnung, schwacher Verdauungsfähigkeit und geringer Vitalität heraus.
Aber Tee und Kaffee sind für solche Leute gefährlich; denn wenn sie auch als erste
Wirkung die Lebensfunktion steigern, so erfolgt rasch darauf die depressive
Gegenwirkung. Ich selbst trinke meinen Getreidekaffee uneingeschränkt von
irgendwelchen Vorschriften.
Versuchen wir es doch einmal ernstlich, unsere Lebensweise nach den ewig
gültigen Gesetzen zu regeln, die ich hier erläutert habe. Wir dürfen gewiß sein, daß die
Natur nur unser Bestes will und uns zuverlässig hilft, wenn wir bestrebt sind, ihren
Willen zu erfüllen. Und sollten wir bereits siebzig Jahre alt sein, wir können mit
völliger Sicherheit auf viele weitere Jahre rüstiger und ersprießlicher Tätigkeit
rechnen, sobald wir uns vor dem Willen der Natur beugen; wir werden von immer
klarerer Intelligenz getragen sein, und unsere Kräfte werden uns nicht mehr im Stiche
lassen; alle unsere Pläne werden wir noch ausführen dürfen. Denn ein Leben im
Einklang mit den Gesetzen, die Gott deutlich in das offene Buch der Natur eingetragen
hat, muß unweigerlich zum Erfolg führen *.

112
* Hier weicht unsere Auffassung von der des Verfassers ab. Es liegt nicht allein in der Hand des
Menschen, ob der beschriebene Weg Hilfe bringt und in welchem Grade er die volle Gesundheit herstellt.
Es ist stets auch eine Gnade dabei. und es wäre vermessen, aus der Einordnung in die Lebensgesetze, und
wäre sie noch so vollkommen, ein Anrecht auf vollständige Gesundung ableiten zu wollen. Der
Menschenblick vermag niemals die ganze Situation zu übersehen, auch wenn die Krankheitserforschung,
die Diagnostik, noch so verfeinert und vertieft, der Blick des Arztes noch so erfahren und geschult ist.
Aber selbst dann, wenn es für eine eigentliche Genesung zu spät war, ja in völlig verzweifelten Fällen,
vermag dieser Weg dennoch eine unwahrscheinlich große Hilfe zu bringen, und es wird keinen Fall geben,
wo er sich nicht lohnt.
Anm. des Herausgebers.

10. KAPITEL

Gesunde Muskelentwicklung

Es gibt, wie ich schon dargelegt habe, zwei Arten von Muskelarbeit: die passive und
die aktive.
Bei den willkürlichen Muskeln kann man als passive Betätigung die Anstrengung
bezeichnen, die beispielsweise zum Sitzen zu Hause oder im Büro oder zu müßigem
Herumlungern ohne Willensbetätigung genügt. Aktive Muskelarbeit ist eine
Anstrengung, die weiter geht, die durch den Willen gelenkt und unterstützt wird und
bei längerer Anspannung die willkürlichen Muskeln ermüdet.
Bei den unwillkürlichen Muskeln versteht man unter passiver Arbeit den
Kraftaufwand, der benötigt wird, um den Körper am Leben zu erhalten. Auf das Herz
und die Blutgefäße angewendet, ist es das Maß von Anstrengung, das diese Organe zu
leisten haben, wenn der Körper in der oben beschriebenen Weise sich passiv verhält.
Aktive Arbeit jedoch wird von diesen Organen geleistet, wenn die willkürlichen
Muskeln über ihr passives Verhalten hinaus in Anspruch genommen werden. Der
Leser erinnert sich, daß ich bereits gezeigt habe, daß aktive Arbeit der willkürlichen
Muskeln auch die Leistungen aller unwillkürlichen Muskeln in genau entsprechendem
Maße erhöht. Die Bedeutung des einwandfreien Funktionierens der Muskelreflexkette
geht aus dieser Feststellung klar hervor.
In bezug auf die Stimulierung dieser ganzen Kette von Muskelfunktionen ist zu sagen,
daß wie überall die natürliche Anregung die einzig normale ist. Und die natürliche
113
Anregung liefern aktive, vom Willen und von der Intelligenz geleitete
Muskelübungen. Deshalb müssen mit größtmöglicher Konsequenz zu bestimmten
Tageszeiten (oder mindestens zu einer bestimmten Zeit an jedem Tage) von allen
unseren willkürlichen Muskeln gewisse Anstrengungen verlangt werden.
Wie sollen wir bei solchen Übungen vorgehen? Wie bringen wir System hinein?
Sollen wir uns irgendeiner Turngruppe anschließen oder in unserem Heim kostspielige
Apparate installieren? Ist es nötig, einen großen Teil unserer kostbaren Zeit für solche
Leibesübungen zu opfern? Keineswegs. Es mag sein, daß es durch spezielle Methoden
und mit besonderen Hilfsmitteln ausgezeichnet gelingt, sich Körperkraft und
Beherrschung der Muskeln anzueignen, — ich weiß aber darüber nichts auszusagen,
denn ich habe mich mit dieser Frage nie beschäftigt. Meine Entwicklung hat mir
gezeigt, daß solche Methoden und Hilfsmittel nicht nötig sind. Meine Muskeln sind,
das darf ich wohl sagen, nahezu vollkommen durchtrainiert; dennoch habe ich niemals
auch nur eine Minute lang eine Turnhalle oder ein Turngerät benutzt oder meine
Übungen mit irgendwelchen anderen Mitteln als mit einem Bett, einer Wand und einer
Türe ausgeführt, und diese „Geräte“ stehen ja jedem Menschen zur Verfügung.
So einfach meine Methode aber auch ist, sie entwickelt doch jeden wichtigen
willkürlichen Muskel des ganzen Körpers, und es ist klar, daß der Vorteil körperlicher
Übungen um so größer sein wird, je besser man sie organisiert und je systematischer
man sie durchführt.
Ich gebe im folgenden eine Zusammenstellung solcher Übungen, die so ziemlich
jeden wichtigeren willkürlichen Muskel des Körpers berücksichtigt. Für weitere
Übungen, die man übrigens mit der Zeit auch selber zusammenstellen lernt, braucht
man bloß eines der vielen, überall erhältlichen, zum Teil trefflichen Gymnastikbücher
zu befragen. Frauen müssen nicht befürchten, von solchen Übungen knotige,
männliche Muskeln zu bekommen. Sie könnten es gar nicht, selbst wenn sie es
wollten, denn sie sind anders gebaut als die Männer.
Gut durchgeübte weibliche Muskeln geben den Körper- und Gliederformen nur um
so schönere, vollkommenere Linien; viele Artistinnen. Turnerinnen, Schwimmerinnen
usw. liefern den Beweis dafür.

Muskelübungen

1. Lege dich im Bett flach auf den Rücken, so daß die Hände unter dem Kopf auf dem
Kissen ruhen. Hebe den ganzen Körper zwischen Kopf und Fersen vom Bett in die
Höhe. Sinke wieder aufs Bett zurück und entspanne die Muskeln. Wiederhole diese
Übung zuerst fünfmal, nach und nach öfters, zum Schluß fünfzigmal.
2. Lege dich im Bett flach auf den Rücken. Kreuze die Arme über der Brust, so daß die
Hände die entgegengesetzten Ellbogen fassen. Hebe den Körper zu sitzender Stellung
empor und ziehe zu gleicher Zeit stark an den Armen und Händen. Lasse den Körper
wieder auf das Bett zurücksinken. Wiederhole zuerst fünfmal, nach und nach öfters,
zuletzt fünfzigmal.
3. Lege dich im Bett auf die rechte Seite, den Kopf aufs Kissen. Hebe den Körper in
die Höhe, bis er nur auf der Seite des Kopfes, am äußersten Ende der Schulter und der
Füße ruht. Lasse den Körper zurücksinken. Wiederhole fünf- bis fünfundzwanzigmal.
Wiederhole dieselbe Übung auf der linken Seite liegend.

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4. Lege dich im Bett auf die rechte Seite mit der rechten Hand auf der linken Seite
knapp über der Hüfte. Hebe den Körper von den Hüften aufwärts so weit als möglich
seitwärts und schlage zu gleicher Zeit mit der geschlossenen linken Faust nach unten
gegen die Füße. Falle zurück aufs Bett und ziehe die Faust zur Schulter zurück.
Wiederhole die Bewegung und schlage bei jedem Heben des Körpers mit der
geschlossenen Faust nach unten gegen die Füße. Fünf- bis fünfundzwanzigmal.
Dieselbe Übung bei Linkslage mit geschlossener rechter Faust.
5. Lege dich im Bett auf die rechte Seite. Strecke den rechten Arm nach auswärts und
hinunter. Lege das linke Knie in die rechte Hand und halte die Hand durch den Druck
des Knies zum Bette nieder, während die auf den rechten Arm ausgeübte Spannung
den Oberkörper vom Bett so weit als möglich in die Höhe hebt. Lasse den Körper
wieder zurücksinken und wiederhole die Übung fünf- bis fünfundzwanzigmal.
Dieselbe Übung auf der linken Seite liegend.
6. Lege dich im Bett auf den Rücken. Fasse das Kopfende des Bettes oder der
Obermatratze mit beiden Händen. Hebe die Beine nach oben und hinunter, bis die
Zehen das Kopfende berühren. Mit zunehmender Kraft lege dich weiter unten auf die
Matratze, bis du das Kopfende nur eben noch erreichen kannst. Wiederhole fünf- bis
fünfundzwanzigmal.
7. Lege dich im Bett auf den Bauch. Hebe den Körper auf Ellbogen und Zehen, bis die
Oberarme bei den Schultergelenken vollständig ausgestreckt sind. Lasse den Körper
zurücksinken. Wiederhole fünf- bis zwanzigmal.
8. Bauchlage im Bett. Ziehe das Gesicht hinunter, bis die Oberstirne auf dem Bett
liegt. Falte die Hände mit verschränkten Fingern hinter der Hüfte. Hebe den Körper
zwischen Stirne und Zehen vollständig vom Bett auf, so daß nur Stirne und Zehen das
Gewicht tragen. Laß dich wieder zurücksinken und wiederhole die Übung fünf- bis
fünfundzwanzigmal, anfangs jedoch unter keinen Umständen mehr als fünfmal.
9. Behalte dieselbe Lage bei. Verschränke Hände und Finger unterhalb der Hüfte.
Ziehe die Arme nach oben, daß es durch die Arme bis in die Schultern spürbar ist, und
hebe die Beine und den Oberkörper zu gleicher Zeit so viel als möglich hinauf und
nach rückwärts; während der Körper sich aufhebt, werden die Schultern möglichst
nach rückwärts gezogen. Fünfundzwanzig- bis fünfzigmal.
10. Bauchlage im Bett. Lege die Handflächen auf der Höhe der Achselhöhlen aufs
Bett. Halte Rückgrat und Beine steif und stoße den ganzen Körper eine volle
Armlänge weit hinauf, so daß er nur mehr auf den Händen und den Zehen ruht;
Rückgrat ganz gerade. Zurück aufs Bett. Fünf- bis zwanzig- oder dreißigmal.
11. Stelle dich mit dem Rücken gegen einen Spiegel. Drehe den Körper, ohne die Füße
auf dem Boden zu bewegen, und versuche, im Spiegel dir direkt ins Gesicht zu sehen.
Nach rechts und nach links zu machen. Zwanzigmal.
12. Pantoffeln ausziehen. Leicht einwärts stehen. Langsam auf die Fußspitzen heben
und langsam hinuntersinken, bis die Absätze wieder den Boden berühren. Fünfzigmal
oder öfter.
13. Gleiche Stellung. Vorderen Teil des linken Fußes so weit als möglich nach oben
heben, den Absatz auf dem Boden lassen; dasselbe rechts. Jeder Fuß fünfundzwanzig-
bis fünfzigmal.
14. Stelle die Füße ungefähr 25 cm auseinander, Hände über der Hüfte in die Seite
gestützt. Weit nach vorn beugen bei gestreckten Beinen. Schwinge den Körper im
Beugen nach rechts, dann weiter soviel als möglich rückwärts, dann weiter herum nach

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links bis wiederum nach vorne zum Ausgangspunkt. Dasselbe links herum. Jede Seite
zehn- bis zwanzigmal.
15. Beuge den Kopf weit nach rechts und lege die rechte Hand oben auf den Kopf.
Hebe den Kopf mit den Nackenmuskeln in die Höhe, während die rechte Hand
Widerstand leistet. Dasselbe nach links. Fünf- bis zwanzigmal.
16. Beuge den Kopf vorwärts, bis das Kinn das Brustbein berührt, und verschränke die
Finger hinter dem Kopf. Hebe mit den Nackenmuskeln den Kopf wieder in die Höhe;
leiste mit den ineinandergreifenden Händen Widerstand. Zehn- bis dreißigmal.
17. Lege den Kopf weit zurück und beide Handwurzeln unter das Kinn. Richte den
Kopf mit den Nackenmuskeln wieder auf und leiste mit Händen und Armen
Widerstand. Zehn- bis dreißigmal.
18. Stelle die Füße etwa 15 cm auseinander. Beuge dich rechts hinunter und berühre
die äußere Seite des rechten Beines so tief unter dem Knie wie möglich. Hebe
gleichzeitig den linken Arm in die Höhe und über den Kopf. Dasselbe auf der linken
Seite. Zwanzig- bis fünfzigmal.
19. Gleiche Stellung. Schließe die Hände fest zu Fäusten. Drehe die Arme nach
auswärts, bis die Daumen direkt rückwärts weisen. Kehre dann die Bewegung um und
drehe die Arme nach innen, auch wieder so weit, bis die Daumen rückwärts gerichtet
sind. Bei beiden Bewegungen müssen die Muskeln gegenseitigen Widerstand leisten.
Zwanzig- bis fünfzigmal nach jeder Richtung.
20. Gleiche Stellung. Verschränke die Hände hinter den Hüften. Ziehe die Schultern
tief abwärts, dann rückwärts, aufwärts und vorwärts bis zum Ausgangspunkt. Hernach
dieselbe Übung in umgekehrter Rotation. In jeder Richtung zwanzigmal oder mehr.
21. Stehe auf den Fußballen, die Füße 25 bis 30 cm auseinander; die Absätze dürfen
den Boden nicht berühren. Gehe in die Kniebeuge, bis die Hüften die Absätze
berühren, hebe gleichzeitig die Arme auswärts, bis sie in einem rechten Winkel in
Schulterhöhe vom Körper abstehen. Erhebe dich wieder, bis du aufrecht stehst und
lasse die Arme zur Seite fallen. Fünf- bis fünfzigmal.
22. Stelle dich ungefähr 75 bis 90 cm von einer Wand entfernt auf. Lege die
Handflächen etwa 50 cm voneinander entfernt an die Wand. Lasse den Körper nach
vorne fallen, bis die Brust fast die Mauer berührt. Halte den Fall durch die Arme auf,
strecke die Arme wieder gerade aus und stoße den Körper eine Armlänge weit zurück.
Zehn- bis fünfzigmal.
23. Schwinge die Zimmertür halb auf. Stelle dich ungefähr 30 cm von ihrer freien
Kante auf. Gib ihr mit einer Hand einen raschen Stoß, als ob du sie zuschlagen
wolltest; halte sie mit der anderen Hand in ihrem Schwung in Armeslänge auf und
schlage sie in die entgegengesetzte Richtung zurück. Fünfundzwanzig- bis
einhundertmal. Sehr rasch und kräftig.
24. Stehe gerade aufgerichtet (so gerade und in die Höhe gereckt wie möglich) etwa 90
cm von einer Wand entfernt. Strecke die Arme aus und bemühe dich, die Wand zu
erreichen (es ist unmöglich, aber strenge die Muskeln so kräftig wie möglich an, um
sie zu stärken). Ziehe die Arme zurück. Wiederhole fünfmal.
Erhebe dich auf die Fußspitzen und strecke die Arme gerade abwärts, als ob du den
Fußboden erreichen wolltest. Ziehe die Arme zu den Schultern zurück und lasse die
Absätze wieder auf den Boden nieder. Fünfmal, sehr energisch.
Erhebe dich auf die Fußspitzen. Strecke die Arme in Schulterhöhe nach den beiden
Seiten, als ob du die beiden entgegengesetzten Zimmerwände berühren wolltest. Ziehe

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die Arme zu den Schultern zurück, Absätze wieder auf den Boden hinunter. Fünfmal,
energisch.
Erhebe dich auf die Fußspitzen. Strecke die Arme gerade in die Höhe, wie um die
Decke zu erreichen; versuche es mit aller Anstrengung. Ziehe die Arme zurück und
senke die Absätze auf den Boden. Fünfmal.
Mit dem Rücken etwa 60 cm von der Wand entfernt. Arme in die Höhe und
rückwärts strecken, wie in der Bemühung, die obere Tapetenleiste nach oben und
rückwärts zu erreichen. Arme wieder zurück und Körperhaltung wieder senkrecht.
Fünfmal.
25. Stehe auf einem Fuße und strecke die Arme nach vorne so weit wie möglich aus;
strecke zugleich den freien Fuß möglichst weit nach hinten, mit rückwärts gestreckten
Zehen, als ob du die vor dir liegende Wand mit den Fingerspitzen und die
entgegengesetzte Wand mit den Fußspitzen berühren wolltest. Ziehe die Arme und das
Bein zurück, den Fuß gegen die Hüfte, und beuge gleichzeitig das Bein, auf dem du
stehst, leicht. Dann wirf die Arme und das freie Bein wiederum in ihrer vollen Länge
in die frühere Position und strecke das stehende Bein wiederum vollständig. Fünfmal.
Wiederhole auf dem anderen Bein.
Die ersten zehn Übungen sind (vollzählig oder teilweise) gleich nach dem
Erwachen (beim ersten Aufstehen) zu machen; daran schließt sich die Morgentoilette
mit dem Bad. Dann folgen die Muskelübungen 11 bis 23.
Die Übungen können eine Viertelstunde bis zu einer Stunde dauern, je nachdem,
wie oft man jede einzelne wiederholt. Sicherlich kann jeder vernünftige Mensch
täglich fünfzehn Minuten für diese normalisierende Muskelarbeit erübrigen, bis die
Muskeln so weit an Kraft und Geschmeidigkeit zugenommen haben, daß die Übungen
von selber weiter und weiter betrieben werden, aus reiner Freude an der ihnen
folgenden Steigerung des Lebensgefühls.
Wer durch alle diese Übungen hindurchgegangen ist, hat jeden einzelnen
bedeutenderen willkürlichen Muskel geübt, und bei einiger Vorsicht hat sich auch
jegliche Überanstrengung vermeiden lassen. Im Anfang darf vor allem nichts
übertrieben werden.
Wohl üben die einzelnen Bewegungen nicht alle Körpermuskeln, aber sie trainieren
die wichtigsten Gruppen. Sie sollten unbekleidet in einem kühlen oder kalten oder zum
mindesten gut gelüfteten Raum gemacht werden. Beginnt man damit im Winter und in
einem nördlichen Klima, so kann man sie zuerst in einem geheizten Zimmer bei
offenem Fenster machen; später in einem Zimmer, das durch Offenlassen des Fensters
zum voraus abgekühlt wurde. Hat aber das Fenster des Schlafzimmers die ganze Nacht
offengestanden, wie es richtig ist, so dürfen die Übungen, wenn die Hautmuskeln, die
Drüsenelemente und die Hautkapillaren begonnen haben, auf den Kältereiz zu
reagieren, ohne Nachteil in einem kalten Raum stattfinden, das heißt, bei geöffneten
Fenstern und ohne Heizung im Zimmer; denn dann ist man bereits gegen Erkältungen
gefeit.
Wer im Sommer mit der Durchführung dieser Übungen beginnt, kann sie von
Anfang an in einem Raum mit geöffneten Fenstern machen. Kommt der Herbst, so
bleiben die Fenster die ganze Nacht hindurch offen, zum mindesten spaltbreit. Folgt
dann der Winter, so braucht das betreffende Zimmer in der Nacht nicht mehr geheizt
zu werden, und auch die Übungen können den ganzen Winter hindurch in dem
ungeheizten Raum bei offenem Fenster ausgeführt werden, selbst an kalten Tagen. Die

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Kälte wirkt auf den vollbelebten Körper wie eine Herausforderung zum Kampf, zum
Widerstand seiner Lebenskraft gegen ihren Angriff; der Sieg aber liegt immer auf
seiten des lebendurchdrungenen Individuums, und die Kampfes- und Siegesfreude
wird den Körper noch mehrere Stunden nach beendeter Übung durchströmen. Der
Mensch mit gestählter Lebenskraft wird auch kräftigen Geistes sein und alle
Gelegenheiten aufsuchen, um seine Widerstandsfähigkeit an den harten Bedingungen
der Umwelt zu erproben.
Ist der Winter in der betreffenden Gegend sehr kalt, so können die Fenster ohne
Nachteil geschlossen werden, obwohl der lebenskrafthungrige Mensch bald auf dem
Punkte angelangt sein wird, wo er die schlimmste Kälte nicht mehr fürchtet. Er wird je
länger desto begieriger der Aufforderung zum Widerstand Folge leisten.
Der Anfänger muß natürlich sehr vorsichtig sein und sich im Beginn vor
Überanstrengungen hüten, denn ein Zuviel kann leicht Muskelentzündungen zur Folge
haben, die in schlimmeren Fällen die Übungen monatelang unterbrechen. In den ersten
Wochen sollten die Übungen gerade oft genug ausgeführt werden, daß man die
verschiedenen Bewegungen erlernt, außer man ist schon durch frühere
Muskelbetätigung an ähnliche Anstrengungen gewöhnt. Das Erlernen dieser
Bewegungen wird allmählich die Spannkraft vergrößern, und nach und nach kommt
der Zeitpunkt, wo man die einzelnen Übungen immer öfter wiederholen kann.
Bei großer Kälte müssen die Übungen natürlich immer mit genügendem Schneid
und rascher Frische ausgeführt werden, damit die Zirkulation in Gang bleibt.
Indirekt können wir, wie ich schon sagte, durch Betätigung der willkürlichen Muskeln
auch die unwillkürlichen Muskeln beeinflussen. Viele Leser werden wissen, daß der
Arzt Verdauungskranken mit Vorliebe Körperübungen anrät, und wer diesen Rat
befolgt, erkennt auch seine Zweckmäßigkeit. Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der
erhöhten Tätigkeit der Drüsen und Muskeln in den Wänden des Verdauungskanals.
Wir wissen zwar, daß die Übung der willkürlichen Muskeln keine direkte Beziehung
zu den Muskeln des Verdauungsapparates hat, und könnten uns fragen, woher es dann
eigentlich kommt, daß die Tätigkeit der einen auf den Zustand der anderen einwirken
kann. Die Antwort lautet, daß das Reflexnervensystem die verschiedenen
Körpergebiete miteinander verbindet und den auf die willkürlichen Muskeln
ausgeübten Reizimpuls auf die unwillkürlichen überleitet. Diese gegenseitigen
Beziehungen führen dazu, daß alles, was einer einzelnen Region des Körpers zustößt,
gleichzeitig auch alle andern beeinflußt, es sei im Guten oder im Schlimmen. Erhöhte
Verdauungstätigkeit zum Beispiel ist einerseits eine Funktion der Muskelreflexkette;
anderseits aber bildet diese selbe Verdauungstätigkeit eine der Reflexfunktionen der
Magenreflexkette, denn alle im Magen verarbeitete Nahrung sendet einen Reizimpuls
in das Muskelsystem des Darmkanals.
Es ist auch erwiesen, daß die Wirkung gesunder Muskelbetätigung ähnlich wie die
Wirkung direkter Sonnenbestrahlung des nackten Körpers das Blut fähiger zur Abwehr
der Bakterien macht und vor allem einen tiefen und weitreichenden Einfluß auf die
Drüsentätigkeit ausübt. Dieser Einfluß ist die Folge natürlicher Anregungen der diese
Funktionen regelnden Reflexe.
Zahlreiche Körperorgane sind Drüsen. Drüsen bauen sich selber aus den im Blute
treibenden Aufbaustoffen auf; daneben erzeugen sie besondere Wirkstoffe zur
Verwendung in anderen Organen, und das ist ihre Funktion in unserem körperlichen
Dasein. Oft sind die von manchen Drüsen hergestellten Wirkstoffe die natürlichen

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Anreger für richtiges Funktionieren anderer Drüsen, und ohne diesen Anreiz bliebe
jede Tätigkeit dieser anderen Drüsen aus. Je mehr solche Wirkstoffe ihnen geliefert
werden, desto normaler vollzieht sich ihre Tätigkeit und ihre eigene Sekretion. Diese
Sekretion zweiten Grades, wenn man es so nennen will, ist ebenfalls ein natürlicher
Anreiz für noch andere Drüsen, und so fort, bis der gesamte Kreis der Drüsenfunktion
erfaßt und angeregt ist.
Sogar die Wissenschaft erkennt dies jetzt an. Ich führe einen Ausspruch von Sir
Almoth Wright an, der wohl als Autorität gelten darf, auch bei solchen, die andere
Beweise ablehnen: „Erst vergangenes Jahr habe ich herausgefunden, daß das Blut von
Fußballspielern nach dem Spiel abwehrkräftiger gegenüber Bakterien ist als vorher.
Ich nenne Fußball, das ich als Spiel übrigens nicht mag, bloß als ein Beispiel
körperlicher Betätigung. Nach jedem Spiele ist die Abwehrkraft und die Ausdauer
gegenüber den Bakterien größer.“
Wie kann man sich diese Zunahme an Widerstandsfähigkeit des Blutes gegen
Bakterien anders erklären als durch die größere Sättigung mit Sauerstoff und die
vermehrte Drüsentätigkeit, durch welche die Hormon- und Enzymproduktion
gesteigert und Kohlendioxyd und die Gewebeschlacken zusammen mit den
Nahrungsresten ausgeschieden werden?
Wenn für meine Behauptung, daß die Funktionsfähigkeit aller Organe und
Körperteile mit normal angeregter Benützung wächst und daß keine Funktion normal
angeregt werden kann, ohne daß die normalen Funktionen des ganzen übrigen Körpers
auch mit angeregt werden, wenn für diese Behauptung eine physiologische Grundlage
besteht, dann kann das Ergebnis gar kein anderes sein.
Intensivere Muskelbenützung bedeutet tieferes und häufigeres Atmen. Schnelleres
und tieferes Atmen vergrößert die Aneignung von Sauerstoff und die Ausscheidung
von Kohlendioxyd. Schon für sich bedeutet das einen reineren Blutstrom, der
sicherlich kräftigere Abwehr gegen die Bakterien leistet als ein weniger reiner. Aber
dieses reinere, sauerstoffreichere Blut wird auch noch rascher durch die Drüsen
gepumpt, liefert mehr Rohstoffe für die Sekretion, welche die Drüsen verarbeiten
müssen, und bringt ihnen zweifellos natürliche Anregungen zu größerer
Funktionsleistung in dem vermehrten Sauerstoff und in den von anderen Drüsen
bereiteten Hormonen und Enzymen, besonders des endokrinen Typus'. Diese Hormone
und Enzyme beeinflussen gegenseitig sich und andere Drüsen und bewirken
infolgedessen Drüsensekretionen im ganzen Körper. Und da diese vermehrte Sekretion
durch eine Kette von aufeinander wirkenden, natürlich angeregten Reflexen
hervorgerufen wird, die in erster Linie durch die vermehrte Funktionsleistung einer
Gruppe wichtiger Organe, der willkürlichen Muskeln, in Tätigkeit versetzt werden, so
ist es nicht nur vernünftig, anzunehmen, sondern wäre es sehr unvernünftig, nicht
anzunehmen, daß diese vermehrten, im Blutstrom schwimmenden Drüsenprodukte
ihre tiefe Wirkung auf das Blut haben müssen. Und weiter wäre es ebenso
unvernünftig, sie nicht als dem Blute und damit dem Körper äußerst zuträglich
einzuschätzen; denn ihre tiefe Wirkung ist das Ergebnis natürlicher Anreize. Alles
aber, was dem Körper zuträglich ist, muß ihm — das versteht sich eigentlich von
selbst — zum Schutze dienen, das heißt, zur Stützung seiner Abwehrfähigkeit. Dieser
Schutz ist nun aber nicht irgendeine zugunsten des Körpers ausgeübte Leistung von
außen, sondern er beruht auf einer dem Körper innewohnenden und in ihm selber
entwickelten Eigenschaft. Wir sagen von solch einem Körper, daß er vitaler,

119
lebendiger ist; daher muß er auch gegenüber den Gegensätzen von Vitalität und
Lebendigkeit — der Krankheit und dem Tode — widerstandsfähiger sein.
Auch der noch in Vorurteilen befangene Denker muß zugeben, daß alles, was die
bakterientötende Kraft des Blutes erhöht, krankheitsvorbeugend wirkt; es muß nämlich
im gleichen Maße des Körpers natürliche Unempfindlichkeit erhöhen.
Doch wenn wir hierbei stehenbleiben würden, so hätten wir erst die halbe Lektion
gelernt.
Wenn vermehrte körperliche Übung die Abwehrkräfte im Körper gegen Krankheit
verstärkt, dann folgt daraus, daß, je anstrengender eine Übung ist, bis zu dem Punkt,
wo die Erschöpfung einsetzt — aber niemals darüber hinaus —, desto
widerstandsfähiger oder immuner der Körper werden muß.
Und da die Umkehrung auch immer wahr bleibt, so weiß man auch dieses: je mehr
man es unterläßt, seinen Körper bis zur vollen Grenze seiner Leistungsfähigkeit in
Übung zu erhalten, um so weniger widerstandsfähig, um so weniger immun gegen
Krankheit und Tod wird man.
Da unsere Voreltern einer beständig wechselnden Umgebung ausgesetzt waren und
keine äußeren Mittel besaßen, sich gegen die Veränderungen ihrer Umwelt zu
verteidigen, wurde an ihren Abwehrmechanismus ununterbrochen der Anspruch
gestellt, sich zu verteidigen und zu schützen. Der Mechanismus mußte bis zur Grenze
seiner Leistungsfähigkeit arbeiten. Und wir wissen, daß eine solche beständige Übung
der eine und einzige Weg ist, auf welchem Organe und Funktionen ihre volle normale
Leistungsfähigkeit gewinnen und sich erhalten können. Wir wissen auch, daß Organe
oder Funktionen, die ihre Tätigkeit nicht ausüben, nach und nach zerstört werden.
Diese Gesetze sind allgemein und immer gültig, und deshalb beziehen sie sich
ebensogut heute auf uns wie vor Urzeiten auf unsere primitiven Vorfahren.
Der Leser wird sicherlich, falls er nicht völliger Neurotiker ist, schon an sich selber
die belebende Wirkung erfahren haben, die jeder Muskelübung folgt, das Blut durch
den Körper jagt und ihm im Austausch gegen die Giftgase Sauerstoff zuführt, wenn
die Übung so lange durchgehalten wird, als sie ohne zu große Ermüdung geleistet
werden kann. Diese Belebung ist physiologisch. Sie entsteht durch die Ausübung der
Muskelfunktionen, der Arbeit, die von der Natur den Muskeln zugedacht ist. Das
Gefühl des Kräftezuwachses ist die Belohnung für gut getane Arbeit.
Aber die Verbesserung der Art, des Charakters eines gewöhnlichen Muskels überträgt
sich auf alle andern Teile des Körpers und damit natürlich auch auf das Herz und die
Blutgefäße. Diese übertragene Verbesserung erzeugt wiederum eine Verbesserung
aller übrigen Körperfunktionen. Das geht in erster Linie so vor sich, daß die
allgemeine Muskelverbesserung den diese Muskeln beherrschenden Nervenzellen des
Reflexnervensystems übermittelt wird. Die Nervenzellen fühlen, wie die Verbesserung
in den durchgearbeiteten Muskeln sich ansammelt, und übertragen die verbesserte
Note oder Qualität auf jede Zelle, jedes Organ und jeden Körperteil. Herz und
Blutgefäße und die Verdauungsorgane erhalten selbstverständlich auch ihr Teil.
Noch auf andere Weise hilft der verbesserte und verbessernde Tonus der Muskeln
dem Herzen und den Blutgefäßen.
Unsere Vorstellung von dem durch Zusammenziehungen des Herzmuskels in alle
Teile des Körpers gepumpten Blut ist gewiß vollkommen richtig. Aber der
Blutkreislauf ist noch durch einen andern wichtigen Faktor bedingt, der mit der
Zusammenziehung der willkürlichen Muskeln zusammenhängt. Es ist schwierig,

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diesen Faktor verständlich zu machen, ohne in recht trockene, anatomisch-
physiologische Betrachtungen über das Herz und die Blutgefäße zu geraten. Ich werde
trachten, mich so kurz wie möglich zu fassen und den Leser so wenig wie möglich zu
langweilen.
Wenn das Blut in die Arterien gepreßt wird, dehnen sich die Arterienwände aus,
und wenn das Herz seine Kammern wieder füllt, so schließt sich eine Klappe am
Ausgang der Herzkammer, damit das Blut nicht wieder zurückfließen kann. Das Blut
befindet sich nun aufgestaut in den Arterien, deren Wände einen Druck darauf
ausüben. Zwischen den Arterien und den Venen befinden sich mikroskopisch kleine
Gefäße, die Blutkapillaren. Die weit ausgedehnten, elastischen Arterien trachten
danach, wieder in ihre normale, unausgedehnte Lage zurückzukommen; dabei treiben
sie das Blut in die Kapillaren und aus ihnen in die Venen. Die Arterien führen das Blut
unter dem Impuls des Herzschlages vom Herzen weg; unmittelbar hinter der Blutsäule
schließen sie sich, worauf das Blut durch die Kraft des Herzschlages und die elastische
Zusammenziehung der Arterienwände vorwärtsgetrieben wird.
Aber in den Venen fehlt die direkte Kraft des Herzschlages, die ihnen helfen würde,
das Blut wieder ins Herz zurückzubefördern, was außerdem noch zum größten Teil
gegen die Schwerkraft geschehen muß. Die dazwischenliegenden Kapillaren halten die
Stärke des Impulses auf; auch haben die Venen keine dicken, elastischen Wände wie
die Arterien. Die den Rückfluß des Blutes durch die Venen zum Herzen hauptsächlich
bewirkende Kraft ist die Zusammenziehung der willkürlichen Muskeln.
In den Venen sind in bestimmten, mehr oder weniger regelmäßigen Abständen
Klappen angebracht, welche die Arterien nicht besitzen. Sind die Venen mit Blut
gefüllt, so ziehen sich die willkürlichen Muskeln zusammen, drücken die Venen flach
und drängen das Blut von den Kapillaren weg zum Herzen hin, wobei sein
Zurückfließen durch die Klappen verhindert wird. Man beobachtet dabei, daß, je
weniger die Muskeln benützt werden, desto größer die Tendenz des Blutes zu
Stockungen und Rückstauungen gegen die Kapillaren hin ist, was dem Herzen und den
Arterien neue Aufgaben zuweist und ihre Tätigkeit auf der anderen Seite der
Kapillaren erschwert.
Das ist aber noch nicht alles. Der ungeübte Muskel ist schlaff; er hat seine gute
Qualität verloren. Das heißt, daß die dünnen Wände der Venen nicht die normale
Unterstützung eines gesunden, kräftigen Muskels erhalten. Die Venenwände zeigen
dann die Tendenz, nachzugeben und sich auszudehnen; infolgedessen schließen die
Klappen nicht mehr recht und lassen Blut zurückfließen, was die Stockung und das
Zurückstauen gegen die Kapillaren noch vergrößert; die ganze Last der Arbeit liegt
dann auf dem Herzen und den Arterien.
Daß in meinem eigenen Fall ursprünglich alle diese Zirkulationsstörungen
vorhanden waren, war aus den Anschwellungen und Krümmungen der Venen unter
der Haut, aus meinen kalten, leicht bläulichen Händen und Füßen, aus dem häufigen
Gefühl des „Eingeschlafenseins“ der Glieder und aus dem Vorhandensein von
Hämorrhoiden zu erkennen.
Als ich begann, jeden Tag zu turnen, fing ich auch an, das venöse Blut gegen das
Herz zurückzutreiben, indem ich meine Muskeln mehr oder weniger kräftig anspannte;
mit jeder derartigen Zusammenziehung zwang ich das venöse Blut in die Richtung
zum Herzen zurück. Das verringerte vorübergehend die Anstauungen in der verkehrten
Richtung und erleichterte in demselben Maße auch den Druck auf Herz und

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Blutgefäße auf der anderen Seite der Kapillaren. Jede Vermehrung meiner
Muskeltätigkeit vergrößerte auch die Entlastung des Herzens und der Arterien. Und
wie diese Muskeltätigkeit in regelmäßigen Fortschritten kräftiger wurde, wuchs auch
die Kraft der Muskeln, und damit ihre Fähigkeit, den Wänden der Venen die normale
Muskelunterstützung zu leihen und den Venenklappen zu einwandfreiem
Funktionieren zu verhelfen. So verlor sich allmählich der Rückwärtsdruck des sich
aufstauenden venösen Blutes, und Herz und Arterien wurden von ihrer Überlastung
nach dieser Seite hin befreit.
Aber ich muß hier innehalten. Die genaue und ausführliche Liste der Vorteile, die
der menschliche Körper aus kräftigen Freiluftübungen seiner willkürlichen Muskeln
zieht, kann nicht zu Ende geführt werden, so lang ist sie.
Zum Abschluß dieser Muskelbetrachtung sei aber noch eindringlich gesagt, daß die
Muskeln, um sich kräftig und voll zu entwickeln, nicht ununterbrochen geübt werden
müssen. Ununterbrochene oder auch nur übermäßige Betätigung wäre im Gegenteil ihr
Verderben. Jedermann weiß ja, daß es zum Beispiel nicht nötig ist, ununterbrochen zu
laufen, um einen guten Atem zum Laufen zu bekommen. Notwendig ist nur, daß die
Muskeln systematisch und regelmäßig geübt werden, das heißt, in genügend kurzen
Zeitabständen, damit der Wert der vorhergehenden Übung nicht wieder verlorengeht,
bevor die nächste Übung einsetzt, denn die einander folgenden Übungen sollten sich
unterstützen und ihre Wirkung soll sich anhäufen (kumulieren). Übung und Erholung,
Tätigkeit und Ruhe: das ist das Gesetz. Dann werden allmählich die Muskeln an
Umfang und Kraft wachsen, und die Geschicklichkeit, die ihr Gebrauch verlangt, wird
sich nach und nach einstellen. Die Muskelfunktion wie auch die Zirkulationsfunktion,
von welcher zum Beispiel die Fähigkeit des langen Atems weitgehend abhängt,
werden durch die Benützung, gemäß dem Gesetze der Verbesserung der
Funktionsfähigkeit, immer tauglicher.
Umgekehrt bilden sich Muskeln zurück, wenn sie nicht täglich geübt werden.
Genau das gleiche gilt ja von jeder anderen Fähigkeit auch. Vernachlässige eine
einzige deiner Anlagen und Begabungen, und die Organe oder Funktionen bilden sich
zurück, sie schwinden. Der übermäßige Gebrauch führt aber zur selben Folge; das darf
man nie vergessen.
In der Pathologie unterscheidet man zwei Arten von Atrophie oder Schwund der
Körpergewebe: die Atrophie infolge Unterbenutzung und die Atrophie infolge
Überbenutzung. Die überbenützten Muskeln erleiden ebensolche Verheerungen wie
die unterbenützten. Auch solche Muskeln werden steif, antworten nicht mehr
bereitwillig auf die Anreize der Nerven und können sich bei zu großer Überbürdung
entzünden. Ein noch schlimmeres Stadium ist die Veränderung der Muskelfibern zu
Fibergewebe, wodurch die Fähigkeit des Sichausdehnens und Zusammenziehens und
damit die Funktionsfähigkeit verschwindet. Vollständige Zerstörung — aber durch
Überbenützung. Als Beispiel nenne ich das überarbeitete Herz, das unter der
Anstrengung, sein Blut durch kranke, steif zusammengezogene Arterien zu treiben,
zugrundegeht. Auch die Fähigkeiten eines überarbeiteten Hirns und überanstrengter
Nerven gehen zurück und verkümmern. Welchen Körpervorgang man auch
beobachtet, immer wieder findet man, daß jedes Organ bis zu seiner vollen
Leistungsfähigkeit ausgenützt, dann aber einige Zeit außer Betrieb gesetzt werden
muß, sozusagen zur Wiederherstellung und Instandsetzung.
Sinnlose Verschwendung rächt sich also auch auf diesem Gebiet, wie auf allen

122
andern. Und zweifellos findet die größte Vergeudung menschlicher Energie auf dem
Gebiete der unbewußten Nerven- und Muskelanstrengungen durch willkürliche
Muskelanspannung statt, durch die Unfähigkeit des Menschen, die Muskeln und die
Nerven locker zu lassen, jede Spannung, jede Anstrengung und jede unnötige
Zusammenziehung zu vermeiden, kurz, immer gelöst und gelockert zu sein, außer
wenn die Anspannung durch einen bestimmten Willensakt zu einem bestimmten
Zwecke angeregt wird.
Überflüssige Nerven- und Muskelanspannung ist der Fluch der Zivilisation. Der
Wilde kennt keine Spannung; die primitiven Völker, die schon mehrere Grade über
dem Lebensniveau eines Wilden stehen, kennen auch keine. Kleine Kinder kennen sie
nicht, bevor sich nicht das Bewußtsein ihrer Individualität entwickelt hat, das bei den
zivilisierten Völkern schon sehr früh hervortritt.
Der Mensch mit angespannten Muskeln kann im Eisenbahnzug, im Dampfer, im Auto
den Bewegungen und rhythmischen Schwingungen des Fahrzeuges nicht nachgeben;
er wird ruckartig herumgeschleudert und leistet jedem Stoß mühevollen Widerstand.
Auf hundert verschiedene Arten, deren man sich völlig unbewußt bleibt, verrät man in
seinen Bewegungen solche gewaltsame Anspannungen und verschleudert seine
Muskel- und Nervenkraft. Erst bei eingehender Selbstbeobachtung erkennt man diesen
Verlust. Will man eine willkürliche Muskelanstrengung unternehmen, bei der man
vielleicht bloß einen Arm oder eine Hand zu bewegen braucht, so spannt man
wahrscheinlich die Hals- und Gesichtsmuskeln gleichfalls an, vielleicht sogar die
Muskeln der Brust und des Unterleibs noch dazu. Dann bewegt man den Arm oder die
Hand mit unsanftem Ruck, ohne Genauigkeit in der Ausführung der Bewegung oder in
der Zielrichtung, anstatt daß eine jede Bewegung mit Überlegung und äußerster
Präzision, ohne die geringste Spur von tastender Ungeschicklichkeit oder Unsicherheit
der ausführenden Glieder, ausgeführt würde.
Das allzu Heftige und Krampfhafte ist Gewohnheit der Zivilisation, und wer in der
Zivilisation lebt, vielleicht aus einer schon seit mehreren Generationen zivilisierten
Familie stammt und sich nicht bewußt aus dieser Gewohnheit der falschen Muskel-
und Nervenspannung heraustrainiert, der wird ihr ohne Rettung verfallen.
Wer nicht bewußt solche Nerven- und Muskelüberanstrengungen in sich selber
bekämpft und besiegt, kann das Ziel der dauernden Gesundheit unmöglich erreichen.
Der Stuhl, auf dem du sitzest, muß dich tragen, nicht du darfst ihn hinunterdrücken;
du darfst auch nicht dich selber darauf in der Schwebe halten, dein Körper muß darauf
ruhen wie etwa ein Sack Mehl, den man darauf stellt.
Wenn jemand deinen Arm berührt, so muß der Arm im Schultergelenk lose
baumeln wie ein Dreschflegel oder ein Stück Holz, das mit einer Schnur an ein
anderes gebunden ist.
So gelöst und locker muß deine Haltung sein, daß dein Kopf, wenn jemand ihn mit
der Hand in die Höhe hebt und seine Hand gleich darauf zurückzieht, augenblicklich
herunterfällt, als ob er mit deinem Körper nicht zusammenhinge; jedenfalls darf er
nicht steif in die Luft hinausstehen und erst langsam wieder in seine alte Stellung
zurückkehren, von den verkrampften Halsmuskeln getragen und gezogen.
Die Muskelfunktionen sind nicht in Ordnung, solange man die willkürlichen
Muskeln nicht so beherrscht, daß jede Bewegung überlegt und gleitend (anstatt
ruckweise) vor sich geht, wie rasch sie auch ausgeführt werden mag. Kraft und
Anspannung dürfen nur in den beabsichtigten Handlungen willkürlicher Muskeln

123
angewendet werden.
Das alles bedeutet natürlich, daß zunächst der Geist und die Nerven unter die
Kontrolle des Bewußtseins genommen werden müssen. Durch sie erlangt man Gewalt
über die Muskeln und damit die Möglichkeit, im Laufe eines Tages mehr Kräfte zu
ersparen, als für die Ausübung des härtesten Tagewerkes nötig sind. Daß eine solche
Ersparnis möglich ist, habe ich an mir selbst erfahren.
Wie man die wunderbare Maschine seines Körpers ganz unter seine Gewalt und
Kontrolle bekommt, kann ich hier nur kurz erläutern. Die Muskeln und Nerven
vollständig zu entspannen, so oft sie nicht direkt beansprucht werden, ist jedenfalls
eine Kunst, die nicht viele Menschen beherrschen. Beobachte einmal die Katze, den
Hund, ein schlafendes Kind, und sieh, wie bei ihnen jeder Körperteil sich durchaus
von seiner Unterlage tragen läßt, vom Fußboden, vom Stuhl, vom Bett, auf dem er
ruht. Wie wenig versteht der zivilisierte Mensch noch diese vollständige Hingabe an
die Ruhe!
Um wieder dazu zu kommen, muß man sich zunächst über die im eigenen Körper
vorhandenen Muskelspannungen klar werden. Zu diesem Zweck legt man sich flach
auf den Rücken, am besten auf dem harten Fußboden, und überläßt sich der tragenden
Unterlage, als ob man ein bloßes Knochenbündel wäre und keinen eigenen Willen
hätte. Wenn man die Glieder nicht mehr anspannt, werden sie schwer herabfallen.
Stelle sie dir nun vor, als ob sie kraftlos und unfähig wären, sich aus eigenem Antrieb
zu bewegen oder etwas anderes zu leisten, als nutz- und zwecklos und schwer
aufzuliegen. Stelle dir vor, dein Kopf wäre gänzlich außerhalb deiner eigenen
Kontrolle, wie wenn er nicht durch den Hals mit deinem Körper zusammenhinge, und
die Nackenmuskeln wären nicht vorhanden. So oft du diese Entspannungsübung
machst, wirst du jedesmal Spannungen in dir selber gewahren, die du am Anfang gar
nicht auflockern kannst. Während du mit den Krampfempfindungen in den Armen
oder im Nacken kämpfst, wird dir vielleicht plötzlich bewußt, wie starr deine
Beinmuskeln oder die Unterleibs- oder die Brustmuskeln angezogen sind.
Fortwährende Übung wird dich aber bald fördern.
Während du auf einer Liegestatt ruhst und dich bemühst, jede Kontrolle und
Willkür im Spiele deiner Muskeln auszuschalten, lasse jemanden deinen Arm oder
dein Bein oder deinen Kopf in die Höhe heben. Bist du vollkommen entspannt, so wird
der Arm oder das Bein in den Gelenken, der Kopf in den Halswirbeln ganz lose sein.
Wenn die unterstützende Hand unter deinen Nacken greift, um dich von dort aus
emporzuheben, so bleibt dein Kopf nach unten hängen wie der Kopf eines
Ohnmächtigen. Wird die Hand unerwartet zurückgezogen, dann fällt das in die Höhe
gehobene Glied plötzlich dumpf auf das Lager zurück, als wärest du besinnungslos.
Beim Gehen lasse die Arme von den Schultern aus hin- und herschwingen (lasse sie
schwingen, aber schwinge sie nicht selber!), als ob sie schwer an deinen Schultern
befestigt herunterhingen, und als ob es nicht in deiner Macht stünde, sie aufzuhalten
oder in Schwung zu setzen. Schleudere deine Beine nicht mit einem Ruck vorwärts,
sondern versuche dir vorzustellen, daß dein Körper beständig nach vorne fällt, worauf
die Beine einfach rhythmisch nach vorne schwingen, um den Körper vor einem Fall zu
bewahren.
Sitze niemals auf dem Rand eines Stuhles, sondern voll auf dem ganzen Sitz.
Drücke nie hart gegen die Rückenlehne, mit zusammengepreßten Händen und
gespannten Nacken- und Beinmuskeln, sondern lehne dich in aller Ruhe und zwanglos

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an; laß alle Muskeln lose gehen: der Stuhl muß dich tragen.
Mache abends vor dem Schlafengehen die auf Seite 213 f. unter Nr. 24 und 25
angegebenen Streckübungen; entspanne daraufhin den Körper, bis jeder Nerv und
jeder Muskel bis ins kleinste gelöst ist. Laß deinen Kopf schwer sein, das Kissen muß
ihn tragen; auch deine Arme sollen schwer sein, das Bett muß sie tragen. Dein ganzer
Körper muß willen- und kraftlos sein, unfähig zu jeder Anstrengung. Auch der Geist
soll sich lösen; versuche dir vorzustellen, du seiest unfähig, einen klaren Gedanken zu
fassen. Mit solchen Übungen wirst du bald den ganzen Körper so weit beherrschen,
daß du ihn veranlassen kannst, sich im Schlafe willig zu entspannen.
Wenn wir tagsüber alle unnötigen Spannungen der Nerven und Muskeln zu
vermeiden trachten und ihre Tätigkeit allein auf die willkürlichen Bewegungen und
notwendigen Anstrengungen beschränken, wenn wir den Körper lehren, im Schlafe
nachzugeben, dann wird er endlich wieder in die glückliche Lage versetzt, die
Ausstrahlungen der Muskelreflexe mit vollem Gewinn in sich wirken zu lassen. Denn
es ist wahr: je besser die Muskeln bei unkontrollierten Nerven durch Übungen
ausgebildet sind, desto schlimmer für den Körper; er ist dann wie eine mächtige
Maschine, deren mechanische Führung in schlechtem Zustande ist. Eine solche
Maschine wird sich bald zugrunderichten; je kräftiger sie arbeitet, desto rascher und
gründlicher geht sie ihrer Zerstörung entgegen.
Aber eine gesunde Kontrolle der Nerven- und Muskelentspannungen kann nicht
allein durch den Willen ausgeführt werden. So sehr der Wille zur Durchführung der
Normalisierung der fünf Reflexketten notwendig ist, so sehr ist es außerdem auch
nötig, jede einzelne der fünf Reflexketten durch regelmäßigen Kontakt mit ihren
natürlichen Anregern zu entwickeln, um in der soeben beschriebenen Weise durch
Übungen des Geistes und des Willens die Herrschaft über Nerven und Muskeln zu
gewinnen. Werden alle fünf Ketten genügend trainiert, so wird es leicht sein, die
Nerven und Muskeln zu einwandfreiem Funktionieren zu bringen, wie die Natur es
von ihnen haben will. Dann wird auch keine Krankheit dir mehr etwas anhaben
können, und dein Körper wird dann seiner Bestimmung gemäß ein Palast für den
Geist, ein Tempel der Seele, eine würdige Behausung für den dir innewohnenden
Funken des unendlichen Lebens sein.

125
11. KAPITEL

Die Pflege der Haut

Trotz der großen Bedeutung der Ernährungsfrage muß ich hier eindringlich
wiederholen, daß die beste Diät der Welt unzulänglich ist, wenn sie als einziges Mittel
den menschlichen Körper gegen Krankheiten schützen soll. Sie wird ihn länger vor
Verfall und endgültiger Zerstörung bewahren als eine unrationelle Ernährungsweise,
aber auf die Ausbildung der übrigen vier Reflexketten können wir unter keinen
Umständen verzichten, wenn wir eine allgemeine Normalisierung anstreben.
So ist es zum Beispiel selbstverständlich, daß Gifte ins Blut eindringen, wenn der
Hauttätigkeit nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Denn nach den Nieren
ist die Haut das wichtigste Ausscheidungsorgan. Im Grunde genommen ist sie sogar
wichtiger als die Nieren selber, denn wenn die Nieren zu arbeiten aufhören, kann der
Körper noch tagelang weiterleben, wohingegen er binnen wenigen Minuten stirbt,
sobald die Haut an ihrer Ausscheidung verhindert wird.
Richtige Hautpflege bedeutet, wie wir schon wissen, die Haut regelmäßig der
direkten Berührung mit ihren natürlichen Anregern —Sonne, Luft und Wasser —

126
auszusetzen; denn auch der Abwehrmechanismus der Haut ist für die Erhaltung seiner
Vollkommenheit dem Gesetze unterworfen, daß nur natürlich stimulierte Körperteile,
Organe und Zellen normal funktionieren können; ferner der Umkehrung dieses
Gesetzes, nach welcher alle nicht auf natürliche Weise stimulierten Zellen, Organe und
Funktionen einer allmählichen, langsamen Zerstörung anheimfallen. Dieser
Abwehrmechanismus kann unsern Körper außerdem nur dann wirksam gegen
schädliche Einflüsse verteidigen, wenn wir ihm gestatten, diese Verteidigung wirklich
selbständig durchzuführen.
Entgegen dieser Notwendigkeit hat der zivilisierte Mensch sich besondere
Schutzeinrichtungen ausgedacht, künstlich durchwärmte Häuser, bequeme und warme
Kleidung, Sonnen- und Regenschirme und viel anderes mehr. Sie sollen den
natürlichen Abwehrmechanismus seiner Funktionen entheben und ihn entlasten. Und
doch gehört der menschliche Körper in alle Naturvorgänge, in Sturm und Wetter,
Sonnenschein und Regen, wie Gras oder Blumen oder Bäume hineingehören. Er wird
zart und empfindlich, wenn ihm die direkte Beziehung zur Umwelt entzogen wird —
falls es ihm überhaupt gelingt, auf die Dauer weiterzuleben.
Eine Entlastung des Abwehrmechanismus der Haut zerstört also letzten Endes seine
Kräfte und Fähigkeiten und muß logischerweise die von der Natur gewollte Immunität
des Körpers mit zerstören. Wollen wir diese Immunität wieder herstellen, so muß auch
der sie beschützende Abwehrmechanismus in allen seinen Teilen frei arbeiten dürfen.
Die hergebrachten Sitten und die Erfordernisse des Lebens in der Zivilisation machen
es nun natürlich unmöglich, unseren nackten Körper regelmäßig Wind und Wetter
auszusetzen. Daher wird der Abwehrmechanismus der Haut immerzu behindert und
beständig zu wenig oder überhaupt nicht benützt. Infolgedessen wird die Natur ihn
langsam, aber unerbittlich zerstören, wenn wir nicht etwas tun, um die Störungen,
welche die Lebensgewohnheiten der Zivilisation mit sich bringen, auszugleichen.
Geschieht das nicht, so muß unser Körper notwendigerweise seine Fähigkeit verlieren,
sich der Angriffe von außen zu erwehren. Der erste plötzliche Wechsel in der
Temperatur, der erste beißende kalte Wind, das erste Durchregnetwerden, die erste
Zugluft bringt ihm eine Erkältung. Anstatt bald zu verschwinden, nistet sich das
Unwohlsein ein. Möglicherweise entsteht daraus eine Influenza, dann eine
Lungenentzündung, eine Rippen- oder Brustfellentzündung, schließlich Tuberkulose.
Ein vollständig lebenskräftiger Körper dagegen wird schon die Erkältung, aber auch
jede Folgekrankheit abweisen, weil ein vollständig lebenskräftiger Körper sich gegen
Krankheiten erfolgreich zu wehren versteht.
Wie gesagt, können wir modernen Menschen nicht beständig unbekleidet
umhergehen, aber wir vermögen dafür etwas anderes zu tun, nämlich die Bekleidung
auf ein Mindestmaß zu verringern und möglichst poröse Stoffe zu wählen, die der Luft
und einigem Licht den Zutritt zur Haut gestatten. Im Sommer ist das leicht
durchzuführen. Ich selber trage das ganze Jahr hindurch keine Unterkleider, und die
leichten äußeren Kleider sind sogar im Winter so porös, daß die kühlen und kalten
Winde überall hineinpfeifen können. Dann erst fühle ich mich ganz wohl.
Der Anfänger in der richtigen Hautpflege wird allerdings sogar im Sommer noch
Unterkleider tragen wollen; sie sollte aber jedenfalls ganz leicht und lose gewoben
sein. Nur dann kann es uns gelingen, die Hautatmung und die Hautabwehrfähigkeit zu
beleben; dadurch wird in der ganzen Kette der Hautfunktionen die funktionelle
Tätigkeit angeregt. Kommt dann der Winter, so darf die Bekleidung keinesfalls

127
geändert werden. Ich kann nur immer wiederholen: man trage so wenig Kleider, als
Gesetz und Sitten es gestatten, und diese Kleider sollen offen, porös, leicht und nicht
anliegend sein, überdies möglichst hell in der Farbe.
Wenn man sich zu einer solchen Umstellung in seiner Bekleidung erst mitten im
Winter entschließt, muß man natürlich mit größter Vorsicht zu Werke gehen, und das
um so mehr, je mehr die Haut bisher verweichlicht worden ist. Trägt man schwere,
undurchlässige Kleider, so muß man damit fortfahren, bis der Frühling wärmeres
Wetter bringt. Dagegen kann man dichte Unterkleidung gegen poröse von gleichem
Gewicht austauschen, oder zwei dünne Schichten an Stelle einer dicken, dichten
tragen. Dieser Wechsel wirkt nur günstig.
Natürlich muß mein Rat, sich so leicht wie möglich zu kleiden, richtig ausgelegt
werden. Selbstverständlich ist zum Beispiel, daß ein Mann, der verhältnismäßig
bewegungslos auf seinem Fuhrwerk sitzt oder irgendeine andere Art Arbeit, bei der er
sich nicht recht bewegen kann, im Freien verrichten muß, in unsern nördlichen Breiten
im Winter niemals leichte Bekleidung tragen darf. Aber wer sein eigenes
geschlossenes Auto führt oder in der Straßenbahn fährt, der braucht sich auch bei
kaltem Wetter nicht nach der schlechten Gewohnheit zivilisierter Menschen
einzuwickeln. Indessen müssen Menschen, deren Arbeit das Tragen schwerer,
undurchlässiger Kleidung verlangt, ihre Haut ganz besonders pflegen und trainieren
um die Nachteile der dicken Bedeckung aufzuheben.
Denn es ist eben doch eine hochwichtige Tatsache, daß die Haut atmet. Wie die
Lungen scheidet sie Kohlensäure aus und nimmt dafür Sauerstoff auf. So sollte es
wenigstens sein; aber wenn die Haut durch dicke Kleidung von der Außenluft
abgeschnitten ist, dann muß sie die ausgeatmeten Giftstoffe, die sich in den sie
umgebenden dichten Hüllen ansammeln, weil sie keinen Ausweg finden, wiederum in
sich aufnehmen und dem Blute von neuem zuführen. Sogar die Schweißdrüsen, diese
wichtigen Ausscheidungsorgane für die Gifte des Körpers (s. S. 125ff.), verlieren ihre
Arbeitsfähigkeit, wenn der Körper beständig dicht bekleidet ist. Ist die Unterkleidung
aus Wolle, so wird der Schweiß von der Wolle aufgesogen und bleibt in beständiger
Berührung mit der Hautoberfläche; viele ausgeschiedene Giftstoffe werden auf diese
Weise wieder in den Körper zurückgeführt und müssen hernach durch die Nieren
entfernt werden, was für diese Organe eine ungeheure Mehrbelastung bedeutet.
Überlegen wir uns nun, daß Zurückhaltung der Körpergifte der Hauptfaktor für das
Altern des Körpers ist und in ungünstigen Fällen den Körper sogar töten kann, dann
wird uns vielleicht endlich klar, von welch großer Bedeutung ein tadelloses
Funktionieren der Hautatmung und -ausscheidung ist.
Daß meine Haut ihre Funktionen voll ausübt, ist übrigens auch der Grund dafür, daß
ich sozusagen niemals müde bin; ich vermeide eben alle Prozesse, die die
Ausscheidung der Körpergifte behindern können, und trachte im Gegenteil die
Bildung neuer Gifte zu verringern.
Das Tragen poröser Kleidung ist aber im Grunde genommen nur eine passive
Maßnahme; wir müssen für die Gesundheit der Haut auch aktiv arbeiten. Wie arbeiten
wir aktiv an der Normalisierung der Haut? Die Antwort auf diese Frage lautet: durch
Baden. Drei Arten von Bädern müssen wir der Haut in regelmäßigen Abständen
zukommen lassen: Licht-, Luft- und Wasserbäder. Diese regelmäßigen Abstände
müssen allerdings kurz genug sein, um die Wirkungen der Bäder sich anhäufen zu
lassen; die Wirkungen dürfen nicht abklingen, bevor neue hinzukommen.

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Unsere Hygieniker (Gesundheitsforscher) empfehlen ihren Patienten allerdings
gemeinhin nur eine einzige Art von Bädern, die Wasserbäder, und begründen diese
Vorschrift mit einer einzigen Notwendigkeit — gerade der geringsten —, nämlich mit
der Sauberkeit. Aber die äußere Reinhaltung des Körpers und seiner Kleidung und
Umgebung allein macht die wahre körperliche Sauberkeit noch nicht aus; sie bewirkt
nur, daß der Körper sauber aussieht. So wie auch Schmutz, der äußerlich an uns klebt,
uns nicht im wirklichen Sinne des Wortes schmutzig macht, sondern nur bewirkt, daß
wir schmutzig aussehen. Was uns in Wirklichkeit beschmutzt, das ist der Schmutz,
den wir im Innern unseres Körpers mit uns herumtragen und nicht absondern. Der
Verdauungskanal wird, solange er die Aufgabe erhält, nur jene Art von Nahrung, für
die er eingerichtet ist, zu verarbeiten, normal und einwandfrei funktionieren und sich
seiner Schlacken ganz von selbst entledigen; denn in seiner Kost findet er die
natürliche Anregung zu jener vollkommenen Funktionsfähigkeit, wie sie durch die
Ahnen der Menschenrasse in der endlosen Länge der Evolutionszeitalter gemäß ihren
Umweltbedingungen entwickelt wurden. Ändert man jedoch diese Art der Ernährung,
die die Rolle des Verdauungsanregers spielt, dann verschwindet die Ausgeglichenheit
zwischen den Nahrungsstoffen und der Apparatur, welche sie anregen sollen, und
damit verschwindet auch ihre natürliche gegenseitige Anpassung. Es verbleiben dann
unverarbeitete Reste in den Verdauungswegen, welcher der Körper nicht mehr allein
Herr wird. Dazu kommt aber noch, daß mit der fortschreitenden Zivilisation das Leben
in rascherem Rhythmus abläuft; das bedingt einen intensiveren Nahrungsverbrauch, so
daß die Abfallstoffe im Körper sich vermehren und anhäufen.
Was aber bedeutet Ansammlung der Abfallstoffe und geringere
Ausscheidungskraft? Nur eins, nämlich eine Anhäufung von Schmutz, die dem
Bedürfnis nach Sauberkeit ins Gesicht schlägt.
Wir sehen auch hier, wie verhängnisvoll es für den Menschen gewesen ist, daß er,
der seinen Körper so nehmen muß, wie er ist, und ihn nicht nach Belieben der einen
oder der anderen Lebensweise anpassen kann, eigenmächtig seine Lebensbedingungen
von den großen Naturgesetzen losgelöst hat. Sein Verdauungskanal, der für sehr
einfache, rauhe, zellulosereiche, mineralreiche Kost eingerichtet ist, muß verfeinerte,
mineralarme, konzentrierte und komplizierte Nahrung verarbeiten. Entsprechend der
törichten Gewohnheit des Kulturmenschen, viel zu viel und üppig zu essen, sind seine
Eingeweide denn auch wahre Giftreservoire und Schmutzbehälter, um so mehr, als sie
in den meisten Fällen weit davon entfernt sind, normal zu funktionieren und sich
regelmäßig zu entleeren. Und doch ist weiter nichts als ein klein wenig kluge,
überlegte Besinnung nötig, um die Entwicklung eines so widerlichen Körperzustandes
zu verhindern. Die Erfordernisse sind nur diese: natürliche Nahrung, regelmäßige
Ausscheidung, Muskelübung, tägliches tüchtiges Marschieren, Anregung der
Hautreflexe durch Licht, Luft und kühles Baden, regelmäßiger Schlaf und
Beherrschung der Geistes- und Gefühlsregungen.
Tatsache ist, daß die Zivilisation auch aus dem Bad ein weiteres Instrument zur
Verringerung unserer Vitalität und lebendigen Widerstandskraft gemacht hat, weil sie
im allgemeinen bloß die ästhetische Notwendigkeit, die Notwendigkeit der
Appetitlichkeit, Adrettheit und rein äußerlich gewerteten Ordentlichkeit als
Begründung für unsere Badegewohnheiten billigt und weil die meisten Leute
überhaupt nichts anderes kennen als das Wasserbad.
Wie sollen wir denn baden?

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Vor allem eins: können die Bäder im Freien genommen werden, so ist das
unbedingt ein großer Vorteil. Nicht umsonst betrachtet man Strandbäder als gesunde
Einrichtung. In unseren nördlichen Klimaverhältnissen ist zwar diese Methode im
Winter nicht durchführbar, so sehr es gerade dann notwendig wäre, den schädlichen
Wirkungen der vielen übereinandergelegten Kleiderschichten entgegenzuarbeiten.
Aber wenn es einem nicht möglich ist, das Beste zu tun, so ergreift die Weisheit das
Zweitbeste und wendet es an. So müssen wir für den Winter das Baden in einem
gutgelüfteten Raum anstreben; durch das offene Fenster sollte womöglich direktes
Licht auf den Körper fallen, denn es ist jetzt allgemein bekannt, daß gewöhnliches
Glas für die Heilstrahlen des Sonnenlichts, die ultravioletten Strahlen, nicht
durchlässig ist, während bei geöffnetem Fenster der nackte Körper wenigstens
einigermaßen wie im Freien von ihnen durchstrahlt wird. In jedem Falle sollte der
Körper im Lichtraum des offenen Fensters stehen, damit die bewegte Luft ihn
umwehen kann. Und während er auf diese Weise in Luft badet, sollte man ihn kräftig
und unablässig massieren, um ihn dadurch beständig zu tiefem Atmen und damit zur
Aufnahme von Sauerstoff zu veranlassen. So bildet sich auch die nötige Wärme, die an
die Oberfläche steigt und die äußere Kälte am Eindringen verhindert.
In dieser Art muß der Körper täglich einige Minuten lang direkt der Luft ausgesetzt
bleiben, und zwar lange genug, damit man ihn gleichzeitig mit den Händen von oben
bis unten, inbegriffen die Kopfhaut und die Fußsohlen, massieren kann. Darauf folgen
die gleichfalls vor dem offenen Fenster auszuführenden Muskelübungen, zu denen
man sich entschlossen hat, und hernach kommt das kühle oder kalte Wasserbad. Kühl
muß es zum mindesten sein, um eine nennenswerte Wirkung zu haben; sämtliche
Hautfunktionen werden ja durch kühle oder kalte Hautberührungen in viel höherem
Maße angeregt. Man versuche zur Nachprüfung dieser Behauptung einen unerwarteten
Guß kalten Wassers auf irgendeine unbedeckte, für gewöhnlich beschützte Stelle der
Haut, und beobachte, was mit dem Atmen geschieht. Tief? Das kann man wohl sagen.
Das beweist, daß unsere Haut der Sitz von Reflexen ist, die uns, durch kalte
Berührungen angeregt, zu tieferem Atmen zwingen. Das ist auch der Grund, warum
der Arzt das neugeborene Kind mit Wasser bespritzt, wenn es nicht sofort atmet.
An Stelle eines Bades genügt natürlich auch eine Dusche oder eine Abwaschung
mit kaltem Wasser; die Temperatur des Wassers muß dann zum mindesten so tief sein
wie die des Raumes, dessen Fenster geöffnet ist. Wer noch nicht viel Widerstandskraft
besitzt, muß sich im Anfang damit begnügen, sich lauwarm mit dem Schwamm
abzuwaschen. Später geht er dazu über, die Haut erst mit einem in lauwarmes Wasser
getauchten Schwamm rasch abzureiben, dann den Schwamm in kühleres und immer
kühleres Wasser zu tauchen, und so fort, bis vollkaltes Wasser benützt wird. Für
empfindliche Anfänger ist es auch ratsam, Schwamm oder Waschlappen gut
auszuwinden, um jedes Spritzen zu vermeiden. Die nicht Überempfindlichen können
sofort mit ganz kaltem Wasser beginnen; sie sollten bloß darauf achten, bei der ersten
Abreibung Schwamm oder Waschlappen gut auszuwinden, bei jeder Wiederholung
aber mehr Wasser darin zu lassen, bis zu vollkommen triefender Nässe. Auch die
empfindlichste Haut kann lernen, die kälteste Abreibung schließlich als angenehm zu
empfinden; es mag jedoch in manchen Fällen nötig sein, vor solchen Abreibungen
durch ein paar kräftige Übungen und tiefes Atmen die Zirkulation anzuregen.
Nach dem Bade, der Dusche oder der Abwaschung wird die ganze Körperoberfläche
gründlich mit den Fäusten abgeklopft und die Haut nochmals eingehend massiert, bis

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sich eine kräftige Reaktion einstellt, die jedes Kältegefühl überwindet. Man drehe
sodann das Handtuch zu einer festen Rolle, erfasse sie mit beiden dicht
nebeneinanderliegenden Händen — Handflächen nach unten — und mache rasch
schlagartige Bewegungen vor- und rückwärts in Schulterhöhe, während der Körper im
Takte vor- und rückwärts mitschwingt; diese Übung wiederholt man, sobald man ein
wenig trainiert ist, hundertmal. Dann schleudere man die von den Schultern aus nach
vorne gestreckten Arme sehr schnell von einer Seite auf die andere, auch hundertmal.
Hernach reibe man sich mit dem Handtuch von oben bis unten ab, stelle sich so nahe
wie möglich beim Fenster auf und lasse seine Haut in der von außen hereinströmenden
Luft trocknen, während man den Körper von der Kopfhaut bis zur Fußsohle mit den
Fäusten bearbeitet und anschließend sehr rasch massiert. Der Vorgeschrittene wird ein
Vergnügen darin finden, seinen Körper nicht mit einem Handtuch abzureiben, sondern
ihn in der beschriebenen Weise einzig und allein an der Luft trocknen zu lassen, nach
dem Beispiel unserer Voreltern, die keine Handtücher kannten und deren Haut daher
nach der Berührung mit Regen, Nebel und Tau auf dieselbe Art trocknen mußte.
Man könnte denken, daß die erste Berührung der unbedeckten Haut mit der eiskalten
Luft in einem die ganze Nacht offenen Raume bei Temperaturen von null Grad und
darunter einen ziemlichen Schock für die Konstitution bedeutet. Das ist aber nicht der
Fall, wenn die Arrectores pilorum (die kleinen Muskeln, die unsere Körperhaare
aufrichten; s. S. 126 f.) die Hautkapillaren und die Hautdrüsen normal funktionieren
gelernt haben, so daß sie auch auf diesen natürlichen Kontakt normal reagieren. Dann
isolieren diese Einrichtungen unverzüglich den Körper gegen den Zudrang der Kälte
von außen und verhindern das Ausströmen der inneren Wärme. Und da die erste
Reflexwirkung der Kälte auf die Haut vermehrte Sauerstoffzufuhr ins Blut auf dem
Wege vertiefter Atmung ist, so steigt sofort auch die Körpertemperatur.
Das alles gilt natürlich nur für die normalisierte Haut; von der nicht abgehärteten
Haut kann niemand erwarten, daß sie sich über kalte Luft oder kalte Bäder freut; sie
darf sich daher erst nach und nach an diese Prozeduren heranwagen. Wer eine solche
verweichlichte Konstitution hat, soll das Fenster zum Bett-Turnen nur öffnen, wenn
das Zimmer geheizt ist; war jedoch das Fenster schon die Nacht über offen, dann
schließt man es vor Beginn der Übungen und turnt in dem geschlossenen, aber
ungeheizten Raume. Nach den Übungen wird das Fenster wieder geöffnet, damit der
nackte Körper, der durch das Turnen vollständig durchwärmt ist, ein paar Sekunden
lang Licht und Luft genießen kann; vorsichtshalber muß die Haut währenddessen
gründlich gerieben und geklopft werden. Geschieht das, so ist es fast unmöglich —
falls man durch die Übungen wirklich warm geworden ist —, daß dieses Luft- und
Lichtbad einem schadet.
Bei Patienten mit niederer Vitalität, bei Kranken oder von schwerer Krankheit
Genesenden muß man den Raum für die Übungen im Winter heizen, aber zuvor muß
er unbedingt gründlich gelüftet werden; das Fenster wird bei den Übungen bloß an
milderen Tagen geöffnet. Wer aber nicht krank oder rekonvaleszent ist, der bleibe
auch im Badezimmer nach seinem Bade so lange wie möglich unbekleidet; am Anfang
öffne er das Fenster erst nach dem Bade. Später kann man damit beginnen, es während
des Badens offenstehen zu lassen, und noch später öffnet man es schon beim Betreten
des Badezimmers, außer bei ungewöhnlich kalter Witterung. Die Haut wird
verhältnismäßig rasch so weit entwickelt sein, daß sie selbst die kältesten Kontakte als
angenehm empfindet. Geht man in vorsichtigen Abstufungen zu Werke, so kann von

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einer Erkältungsgefahr nicht die Rede sein. Im Gegenteil: diese Gefahr wird sich
täglich verringern, denn durch das Klopfen, Massieren und Reiben wird die Haut heiß
und trocken, und führt man die Bewegungen genügend rasch aus, so werden nach und
nach sämtliche Abwehrkräfte der Haut zu immer größerer Stärke entwickelt.
Nach dieser Massage kleide man sich rasch an.
Wir sollten uns nun aber doch einmal eingehend Rechenschaft darüber geben, was
wir eigentlich tun, wenn wir uns in der oben beschriebenen Weise verhalten. Das stellt
sich uns bei schärferer Überlegung folgendermaßen dar:
Wenn ich ein kaltes Bad nehme oder meinen unbekleideten Körper der frischen
Luft und den Sonnenstrahlen aussetze, so tue ich für meine Haut und ihre
empfindlichen Reflexendungen und anderen Nebenorgane das gleiche, was der direkte
Einfluß von Sonne, Regen, Nebel und Kälte für diesen Teil des Abwehrmechanismus
unserer Vorfahren tat, die im Freien unbekleidet lebten. So gelingt es mir, unsern
Fehler, die Haut nicht allen Einflüssen der Umwelt direkt auszusetzen, einigermaßen
wieder auszugleichen. Aber ich rege auch gleichzeitig die ganze Kette aller anderen
Reflextätigkeiten an, wenn ich den Hautreflexmechanismus in Gang setze, und auf
dem Wege der schon öfters erwähnten Zwischenverbindungen erreiche ich den ganzen
Körper. Bei systematischer Durchführung dieser Vorschriften genügt schon eine kurze
Zeit täglich, um Erfolg zu verbürgen. Das Haupterfordernis ist Regelmäßigkeit. Genau
wie in der Entwicklung der Muskeln pünktlich wiederholte kurze Übungen heilsamer
sind als anhaltende Anstrengungen, so ist auch in bezug auf die Hautpflege
Regelmäßigkeit durchaus die Hauptsache.
Wie ich schon mehrfach betont habe, braucht der Anfänger keineswegs gleich den
vollen Anforderungen Rechnung zu tragen. Diese höchsten Ansprüche darf sich erst
der stellen, dessen körperliches Befinden so weit normalisiert ist, daß er plötzliche
Veränderungen der Umwelteinflüsse als Belebung und Anregung seiner geistig und
körperlich stets zunehmenden Kräfte empfindet. Ein solcher Mensch hat — auf
anderen Wegen zwar — die zuverlässige Gesundheit des Primitiven erreicht, der sich
beständig frei den Elementen aussetzt und sich natürlich niemals erkältet; denn sein
Abwehrmechanismus und seine Hautatmung arbeiten einwandfrei.
Es erübrigt sich, dem Leser zu sagen, daß diese Methode das genaue Gegenteil der
Gemütlichkeits- und Bequemlichkeitsideen ist, auf welchen die modernen
Lebensgewohnheiten fußen. Die Menschheit irrt, wenn sie Luxus und Behagen als
wichtigstes Ziel ihres materiellen Daseins betrachtet; nein, Anstrengung und Mühe
sind das Grundgesetz jeglicher Entwicklung und Vervollkommnung, und die Strafen
für die Übertretung dieses Grundgesetzes sind Degeneration und Verfall. Wird uns
aber für unsere Mühe auch ein einigermaßen entschädigender Gewinn zuteil? Das
hängt von unserer Einsicht — oder besser gesagt, von unserem Charakter ab.
Ich habe dieses Buch für die Verständigen, die Klugen, die Interessierten, die
Gläubigen, die Lebensdurstigen und Hochgesinnten geschrieben, die Mühe und Arbeit
nicht scheuen, um ihr Ziel zu erreichen. Die Trägen und Gemächlichen werden ihm
kein Interesse abgewinnen; ich gestehe offen, daß umgekehrt auch ich ihnen kein
Interesse entgegenbringe. Mögen sie in feiger Ruhe bei ihren Fleischtöpfen verharren
und sich von stumpfen Genüssen unter kraftlosem Dahinträumen den mannigfachen
Leiden und Krankheiten entgegenführen lassen, die sie an irgendeinem Punkte ihres
Lebens mit Sicherheit erwarten.
Dem kräftigen Charakter aber biete ich hier einen Rettungsplan an, der ihn, wenn er

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ihm genügend treu bleibt, den gleichen glanzvollen Lebensweg führen wird, den ich
selber schon seit so vielen Jahren gehe und dem ich, wenn kein Unfall mich vorzeitig
ereilt, noch lange Zeiten zu folgen hoffe.
Denen, die die nötigen Anstrengungen auf sich nehmen, verspreche ich wachsende
Freuden und eine ungeahnte Steigerung aller ihrer Kräfte und Möglichkeiten, bis alle
Anstrengungen und Mühen ihnen überhaupt nur mehr als Belohnungen erscheinen
werden, denn ihr Wesen hat dann andere Bedürfnisse und wird von anderen Genüssen
angezogen.
Ist das bloßes Gerede? Die Tatsache, daß ich in längst verflossenen Zeiten selten ohne
eine Erkältung war, mich aber seither in zweiunddreißig Jahren nie mehr erkältet habe,
spricht für sich selbst. Und welch unerhörten Zuschuß an Vitalität hat diese
Entwicklung meinem Körper gebracht! Denn wenn ich am frühen Morgen nach den
beschriebenen Übungen und dem Licht-, Luft- und Wasserbad zum Gang in meine
Sprechstunde auf die Straße trete, dann übernimmt mich oft die Lust, wie ein
Schulkind zu rennen, so gewaltig und unbezwingbar schäumt jugendliche Lebenskraft
in mir auf und drängt nach außen. Im Winter dauert es dann noch etwa anderthalb
Stunden bis zum Sonnenaufgang, und dennoch ist es mir allemal, als sprühte die
Atmosphäre rings um mich noch von der Strahlenenergie des Vortages und
durchdränge alles belebend meinen Körper. Man mag dieses Phänomen erklären, wie
man will — Tatsache bleibt, daß ich nach einem langen Morgenmarsch verjüngt und
von Lebenskraft förmlich überströmend in meinem Arbeitszimmer ankomme. Wenn
ich dann nach einem belebenden Frühstück die Tagesarbeit aufnehme, bin ich mit
meinen achtzig Jahren genau so vergnügt und unternehmungslustig wie ein
Sechzehnjähriger. Dann ist es oft mein erstes, daß ich eine Tür an ihrer freien Kante
packe und mit voller Wucht hundertmal hin und her schwinge. Den ganzen Tag
brodeln die Kräfte; wenn ich es nicht mehr aushalten kann, springe ich über Stühle
oder schaue, wie hoch ich stoßen oder schlagen kann; oder ich tanze den „Froschtanz“
(den hier so genannten ungarischen Tanz), eine Geschicklichkeitsprobe, die mir nur
wenige Dreißigjährige nachmachen; oder ich beginne an Ort und Stelle zu rennen oder
die Beine zu balancieren; oder ich mache Luftsprünge und klappe die Fersen zweimal
zusammen, bevor ich wieder den Boden berühre; oder ich mache Stoßübungen gegen
die Wand oder gegen den Fußboden. Ich möchte ununterbrochen summen und singen
vor Lust, und manchmal tue ich es auch, weil ich diesem Drang einfach nachgeben
muß.
Nach vollbrachtem Tagewerk erliege ich auf meinem Heimweg sehr oft der
Versuchung, eine lange Strecke aus purer Lebenslust buchstäblich zu rennen,
besonders in der Winterkälte. Übrigens marschiere ich im Monat zusammengerechnet
mindestens dreihundert Kilometer und fühle mich nie, aber wirklich nie müde. Noch
kürzlich lief ich eine Strecke von mehr als acht Kilometern in siebenundvierzig
Minuten, obwohl ich in der vorangegangenen Nacht infolge eines Abendvortrags mit
anschließender, lange dauernder Diskussion nur fünf Stunden geschlafen hatte.
Immer noch bin ich sehr gut imstande, zehn bis zwölf Stunden täglich zu arbeiten,
und das tue ich auch, die Sonn- und Feiertage eingeschlossen. Nur die Weihnachts-
und Neujahrstage und manche Sonntagabende behalte ich für gesellige
Verpflichtungen und Familienanlässe frei.
Natürlich muß zugegeben werden, daß es nicht notwendig ist, in dem Bestreben, die
Hauttätigkeit anzuregen, so weit zu gehen, wie ich es tue. Aber wer sich einmal dem

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Erlebnis der Wiedergesundung verschrieben hat, der fühlt die Begierde nach immer
weiteren normalisierenden Maßnahmen; er genießt schließlich die Berührung mit dem
kältesten Wasser, mit dem schärfsten Wind.
Ich bin — wie gesagt — jetzt bereits achtzig Jahre alt und erfreue mich des klarsten
Verstandes; zu keiner früheren Zeit war er klarer. Ich fühle mich nie einen Augenblick
unwohl.
Ich fürchte mich vor keiner Krankheit und weiß, daß ich Grund habe, mich nicht zu
fürchten. Auf Jahre hinaus plane ich Arbeiten auf körperlichem und geistigem Gebiet
und träume davon, nach und nach alles das noch nachzuholen, was ich in jenen Jahren,
die man Jugend und mittleres Alter nennt, so gerne getan hätte und meiner armseligen
Gesundheit wegen nicht habe tun können. Immer noch besitze ich das ganze Feuer, die
ganze Lebendigkeit der Jugend, und obendrein die Erfahrung eines — wie man es
heute noch nennt — langen Lebens. Wer das hört, wird sicher nicht mehr fragen, ob
die Belohnung der großen Anstrengungen wert ist. Und niemand wird meine
überschwengliche Beschreibung dieser Belohnung als bloßes Gerede hinstellen.
Ich erkläre feierlich, daß dieselbe Belohnung, die mich nun schon seit langer Zeit
beglückt und in immer höherem Maße auch in Zukunft beglücken wird, auch jedem
andern Menschen zuteil werden kann, der sich ein krankheits- und leidensfreies Dasein
sichern möchte, vorausgesetzt, daß die Gewebe seines Körpers nicht bereits der
Zerstörung so stark anheimgefallen sind, daß sich ein Versuch zu ihrer
Wiederbelebung gar nicht mehr lohnt.
Wer diese Einsicht in seine eigenen Möglichkeiten nicht hat, dem habe ich nichts zu
sagen. Er muß, soweit ich es übersehen kann, den Weg der Selbsttäuschung
weiterwandern, der ihn von Gesundheit zu Krankheit, von Krankheit zu künstlichen
Heilmitteln und schließlich zu vorzeitigem Altern und frühem Tode führen wird. Das
Altern kommt immer zu früh, wie lange Jahre auch der Körper schon auf dieser Erde
geweilt haben mag. Es ist das Brandmal der Zivilisation.
Nein, Gott will, daß wir lange leben sollen auf der Erde, die er uns gegeben hat,
länger, weit länger, als die Jahre, die wir heute noch fälschlicherweise mit „Alter“
bezeichnen. Und er will auch, daß wir bis zum Ende warmblütig, hellsinnig und
hochgemut bleiben sollen, um dann einst in den kühlen und stillen Stunden eines
frühen Morgens leise unsere Augen zu schließen und aus diesem Leben hinaus in ein
anderes Leben hinüberzugleiten, wie ein Samenkorn, das ein leichter Frühlingswind
sanft in die Ferne weht, damit es an einem andern Orte niederfällt, in anderes Erdreich
eindringt und neues Leben zum Licht emporsendet.

134
12. KAPITEL

Geist, Gefühlsleben und Schlaf

Es ist eine wahre Glückseligkeit, seinen eigenen Körper als vollkommen zu


empfinden, im Vergleich mit weniger disziplinierten Körpern seine Schönheit und
Tadellosigkeit zu erkennen und mit Bestimmtheit zu wissen, daß man nie wieder krank
zu werden braucht.
Die Frage der vollkommenen Gesundheit hat aber noch eine andere Seite. Der Mensch
ist kein rein physisches Wesen; er ist ebensosehr auch Geist und Seele. Angenommen
darum, ein primitives Leben könnte den erstrebten vollkommenen physischen Körper
entwickeln, — was würde aus der geistigen und der seelischen Seite des Menschen,
der zu solchem primitivem Leben zurückkehrte? Ohne Zweifel könnte er sich nur
wenig über sein körperliches Dasein hinaus entwickeln; er würde Zu einem
prachtvollen Tier, und das wäre höchstwahrscheinlich alles. Aber ein herrliches Tier
zu werden, ist schwerlich des Menschen Bestimmung; soll er doch nach den
Offenbarungen der Lichtquellen des Geistes und der Seele streben und durch sie zum

135
Bewußtsein seiner Beziehung zur Gottheit gelangen.
Freilich, erst wenn die Dringlichkeit und Härte der Erfordernisse des primitiven
Lebens nachgelassen haben und der Mensch seine Kräfte nicht mehr in der bloßen
Anstrengung, sein Dasein zu fristen. verbraucht, erst dann können seine geistigen
Anlagen Zeit und Gelegenheit finden, sich auszubilden.
Es sieht demnach so aus, als ob es im Plane der Natur läge, die Strenge des absolut
primitiven Lebens zu mildern, um der geistigen Entwicklung des Menschen diese Zeit
und Gelegenheit zu verschaffen.
Anderseits wissen wir aber und erfahren es täglich aufs neue, daß die
Gemütsverfassung eines Menschen, sein geistiger und moralischer Zustand in hohem
Maße von seiner physischen Beschaffenheit abhängen. Wer körperlich mitgenommen
ist, kann sich nur unter beständigem Kraftaufwand auf einer gewissen geistigen und
moralischen Höhe erhalten; ein solcher Kampf droht die Körperkräfte noch tiefer zu
untergraben, denn jeder Kampf zehrt am vorhandenen Energiebestand. Dagegen tritt
bei dem physisch vollkommenen Individuum geistige, moralische und Gemütsstärke
von selbst in Erscheinung. Den physisch Zugrundegerichteten zieht seine Schwäche
auch moralisch nach unten: er muß hart kämpfen, wenn er Widerstand leisten will. Der
physisch Vollkommene jedoch muß sich Gewalt antun, um unrecht handeln zu
können*.
Wie könnte dies auch anders sein?
Hat jemand körperliche Vollkommenheit erlangt, so dankt er diese Errungenschaft
seiner eigenen strengen Disziplin, dem Gehorsam gegenüber dem „du sollst“ auf allen

* Diese Zeilen können vielleicht mißverstanden werden. Dr. Jacksons weitere Ausführungen zeigen, daß
auch nach seiner Auffassung ein vollgesunder Körper als Werkzeug und Tempel des Geistes sowohl dem
Bösen wie dem Guten dienen kann. Ohne Zweifel ist aller Ungesundheit des Körpers an sehr viel mehr
Bosheit, Gereiztheit, Härte, seelische Erkrankung, Angst und Unfrieden schuld. als die meisten Menschen
auch nur ahnen. Wer den von Dr. Jackson beschriebenen Weg ging, hat viel Sühne dargebracbt und
Gnade erlebt, er hat Ehrfurcht vor Schöpfer und Geschöpf gelernt, den Segen geduldiger und
beharrlicher Einordnung, die Bedeutung der Angewöhnung heilsamer Gewohnheiten erfahren und tief in
die Sümpfe und über die lichten Höhen des Lebens geblickt. Darin liegt eine große Chance, daß auch seine
Seele geläutert und sein Geist geklärt wurde.
Anm. des Herausgebers.
Gebieten des Körpers, des Gemüts, des Geistes und der Moral. Er hat sich gute
Gewohnheiten erworben, und gute Gewohnheiten haften dem Menschen ebenso zäh an
wie schlechte.
Es versteht sich von selbst, daß das Umgekehrte ebenso wahr ist; Nachlässigkeit in
der Ernährung und den übrigen Lebensgewohnheiten, die begieriges Wünschen an die
Stelle des einfachen „du sollst“ setzt, entwickelt in uns bedenkliche Neigungen zur
Disziplinlosigkeit.
Oh, wollten alle Lehrer der Religion und der Ethik nur erfassen, daß unsere
täglichen Lebensgewohnheiten nach dem, was wir tun sollen, geordnet werden
müssen, anstatt nach dem, was wir zufällig wünschen! Welche Basis zur Aufrichtung
moralischen und religiösen Lebens — eines Lebens geistiger Erhebung an Stelle
ritualistischer Formalität — könnte gelegt werden, wenn unsere Kinder von klein auf
im Zusammenhang mit Nahrung, körperlicher Übung, Kleidung und anderem mehr
nicht beständig gefragt würden: „Magst du das?“ oder „magst du es nicht?“, sondern
wenn ihnen mit Liebe und Festigkeit gesagt würde, daß diese und jene Ordnungen dem
Gesetz der Natur, dem Gesetz Gottes entsprechen und infolgedessen eingehalten
werden müssen! Wie würde eine solche Auffassung schon das junge Herz der Kleinen
136
für den Gedanken der Pflicht gewinnen und jedem Ansturm der Begierde
entgegenarbeiten! Was könnte eine solche Jugenderziehung in unserer alten Welt
voller blinder, irregeführter Menschen bedeuten!
Aber die Hüter der Religion und der moralischen Werte übersehen die Verbindung, die
zwischen unseren täglichen Lebensgewohnheiten und der geistigen Entwicklung
besteht; sie sehen fälschlicherweise den Körper als sündig an und bekämpfen,
verdammen und vernachlässigen seine Ansprüche als nebensächlich und unwert.
Damit schädigen sie das Gefäß, das unser individuelles, persönliches Ego, die Seele,
birgt, die ein Funke der Allseele ist. Mit ein wenig Nachdenken hätten die Menschen,
die den Aufbau unserer religiösen Gedankenwelt begründen halfen, erkennen müssen,
daß dieser so wunderbare Körper uns nicht bloß zu dem Zwecke gegeben worden sein
kann, ihn so lange mit Verachtung zu behandeln und ihn zu vernachlässigen, bis er in
unserer Seele Neigungen hervorruft, die mit ihren besten Bestrebungen in
Widerspruch stehen, um ihn dann als sündenbeladenes Objekt zu schmähen und zu
kreuzigen. Welche Gotteslästerung! Ist nicht der Körper eine Schöpfung Gottes? Und
darf ein von Gott geschaffenes Werk mißhandelt werden, darf es krank sein?
Widersinniger, ehrfurchtsloser Gedanke!
Man muß sich nicht wundern, daß die Idee der Gottheit die Phantasie der
Menschenmassen nicht zu gewinnen vermag, solange Krankheit und körperliches
Leiden als von Gott gewolltes Menschenlos angesehen werden. Aus diesem Grunde
wird es auch schwierig sein, Leute zu finden, die ihren religiösen Übungen
ausdauernder und inniger obliegen, als ich meine Körperübungen durchführe. Mir
scheint, die Seele könne sich nicht ganz ungehindert kundtun, solange sie einen
zerrütteten, häßlichen, schwammiges. oder vielleicht auch nur einen gleichgültigen,
noch nicht individuell geformten Körper bewohnen muß.
Und anderseits: welch einfältiger Dünkel veranlaßt uns überhaupt, zu glauben, die
Menschheit sei nicht denselben Lebens- und Gesundheitsgesetzen unterworfen wie
alle anderen Lebewesen? Sind sie nicht alle Gottes Geschöpfe? Ihr Beispiel ermahnt
uns im Gegenteil: Hört auf, euch zu verweichlichen; kehrt zu der ursprünglichen
Einfachheit in euren Lebensgewohnheiten zurück, damit alle Funktionen eures
Körpers auf natürliche Weise angeregt werden! Von anomalen körperlichen
Bedingungen kann nur ein törichter Mensch normale, optimistische, vorwärts und
aufwärts weisende geistige Reaktionen erwarten. Kein einigermaßen einsichtsvoller
Beurteiler wird annehmen, daß aus verkehrten Lebensverhältnissen heraus sich eine
Lebensstimmung entwickelt, die den ganzen Menschen, Körper und Seele, auf die
Höhen eines veredelnden Glaubens und zu jener vollkommenen Zufriedenheit führt,
die mit körperlicher Vollkommenheit und Gesundheit zusammengeht.
Wirklicher Glaube ist eine strahlende, lebenspendende, begeisternde Kraft. Leider
verwechseln wir nur zu leicht Resignation mit Glauben, obwohl beide einander
entgegengesetzte Geistesverfassungen sind. Der Glaube ist positiv, er herrscht, er
siegt, er überwindet alle Hindernisse. Die Resignation ist negativ, sie gibt nach, sie
fügt sich. Männer und Frauen mit lebendigem Glauben brauchen nicht zu resignieren.
Der alles besiegende Glaube an die ihnen verliehenen Kräfte und an ihre hohe
Bestimmung als Kinder Gottes trägt sie durch ihr ganzes, langes Leben hindurch, und
da er von einer zuverlässigen physischen Gesundheit gestützt wird, kann er den
religiösen Glauben, den Glauben an Gott, nur vertiefen und befestigen. Eine Klarheit,
Reinheit und Einsicht wird dem Geiste verliehen, wie sie der körperlich nicht

137
vollwertige Mensch unmöglich erfahren kann.
Wer anders denkt, verwechselt die bloße ererbte, in einem schweren, plumpen Körper
wohnende brutale Stärke mit Vitalität. Die beiden sind grundverschiedene Anlagen.
Der niederstirnige Samson wird selten einen vergeistigten Glauben haben und ebenso
selten wahre, überquellende Vitalität. Samson - Naturen sind selten langlebig und
vollbringen auch selten große Dinge in dieser Welt. Wir müssen zu einer anderen
Auffassung über Vitalität gelangen und sie nicht mit rein physischer Kraft
verwechseln. Sie kann natürlich mit physischer Stärke gepaart sein, aber sie ist ihr
nicht verwandt und kann auch dort bestehen, wo größere physische Kraft fehlt.
Vitalität bedeutet Leben oder Kraft zum Leben — zum Widerstehen und zum
Durchhalten. Wo diese Kraft stark entwickelt oder schon von Natur vorhanden ist, dort
findet man immer hohen Glauben, Selbstvertrauen, moralischen und physischen Mut,
die Fähigkeit, alle Schwierigkeiten zur Seite zu schieben oder sich ihnen
entgegenzustemmen, unverzagt immer weiterzukämpfen, bis der scheinbar
unbezwingbare Widerstand endlich der Macht des Glaubens nachgibt und der Pfad zu
weiterem Fortschritt und größerem Erfolg offenliegt.
Die Emanationen eines solchen harmonischen Gefühls- und Geisteslebens sind eine
positive Macht, die mit der Fackel des Glaubens vorausleuchtet zum Siege über
Umstände und Verhältnisse, welche den meisten gewöhnlichen Menschen als
unübersteigbare Hindernisse erscheinen.
Deshalb ist die Pflege der Reflexkette der Gefühle und Gedanken so wichtig,
desgleichen die Pflege der Reflexkette des Schlafes, die in ähnlichem Maße die
allgemeine Lebensbereitschaft und -tüchtigkeit beeinflußt.
Ich habe bisher der besseren Übersicht zuliebe die beiden Reflexketten des Schlafes
und der Gefühle und Gedanken behandelt, als ob beide zum Körper in der gleichen
Verbindung stünden wie die andern drei Ketten; das Verhältnis ist aber in den beiden
Fällen sehr verschieden. Die drei Ketten der Verdauungs-, der Haut- und der
Muskelfunktionen gehören ausgesprochen jede einem besondern Organ an, das ihr
primäres reflexerzeugendes Zentrum ist. Die geistigen oder Gefühlsreflexe jedoch
haben keine abgegrenzten Beziehungen zu einzelnen Körperteilen oder Organen. Zwar
weisen die Funktionen dieser Reflexkette eine bestimmte Verbindung mit dem Geiste
auf — aber was ist der Geist? Er ist kein greifbares Organ. Ja, er steht nach
allgemeiner Annahme wohl in Beziehung zum Gehirn; aber der Geist ist mit dem
Gehirn nicht so eindeutig verbunden wie die andern Reflexketten mit der Haut, den
Muskeln und dem Verdauungskanal. Wenn wir auch wissen, daß das Gehirn auf
irgendeine Art an der Entstehung von geistigen Eindrücken und Bewegungen beteiligt
ist und daher eine wichtige Rolle auch im Gemütsleben spielt, so kann doch nicht
bewiesen werden, daß es Gedanken oder Gefühle direkt erzeugt — wenigstens nicht
mit derselben Eindeutigkeit, mit der wir zum Beispiel die Ergebnisse von Muskelarbeit
erkennen können.
Anderseits scheint es, als ob doch sozusagen jede Reflextätigkeit des Körpers durch
das geistige Wesen des Menschen beeinflußt würde. Dagegen kennen wir keine
einzige Reflexbewegung oder körperliche Funktion, die vollständig von Geistes- oder
Gemütserscheinungen abhängt. Auch weiß man von keinen natürlichen physikalischen
Anregern, mit denen irgendwelche Organe in Kontakt treten müßten, bevor die
Gefühlsreflexe in Tätigkeit gesetzt werden können.
Da jedoch diese Reflexe so eng mit den geistigen Lebensäußerungen verbunden

138
sind, stehe ich, obwohl der Geist kein Organ ist, nicht an, sie dem Geiste
zuzuschreiben, um die Darstellungsweise zu vereinfachen.
Es ist natürlich von geringer praktischer Bedeutung, ob ich im Recht bin, wenn ich
dem Geiste die Stellung eines primären reflexerzeugenden Zentrums anweise und die
Kette der von Gemütsbewegungen veranlaßten Reflexe als geistige oder
Gefühlsreflexkette bezeichne. Praktisch wichtig, ja wesentlich ist bloß, daß wir das
Vorhandensein dieser Kette von Reflexen und ihre wichtige Rolle in der
Aufrechterhaltung beständiger Gesundheit erkennen.
Doch wo sollen wir, wenn, wie oben gesagt, ein physikalischer natürlicher Anreger
nicht besteht, ihren natürlichen Anreger suchen? Ich sehe ihn, wenn ich es recht
überlege, einzig im Gedanken selber. Ein Gesundheitsgedanke erweckt in jedem
Körperorgan und in jeder Körperzelle durch die Vermittlung der
Zwischenbeziehungen des Reflexnervenmechanismus Reflexe der Gesundung und
Wiederherstellung. Unglücklicherweise können wir ebenso leicht auch einen Kreis
schädigender, übler Einflüsse auslösen, wenn wir negative und zerstörerische
Gedanken aufkommen lassen.
Diese Beeinflussungsmöglichkeit vom Geist her ist denn auch der Grund, warum
der Arzt sich so sehr bemüht, in seinen Patienten die richtige geistige Haltung
gegenüber ihrer Krankheit oder ihrem Leiden anzuregen. Zwar denkt er dabei
jedenfalls nicht an die Auswirkungen der Gefühlsreflexkette, die er vielleicht gar nicht
kennt; aber er weiß, daß die feste Entschlossenheit, koste es, was es wolle, wieder
gesund zu werden, und die Zuversicht, daß dies geschehen wird, den denkbar
günstigsten Einfluß auf den Ausgang jedes Krankheitszustandes hat. Weder der
Anhänger der Christlichen Wissenschaft noch der Geistheiler denkt an die Funktionen
der Gefühlsreflexkette; aber die richtige geistige Haltung übt in allen Fällen eine
vorteilhafte therapeutische Wirkung aus.
Fast jeder Mensch kennt Fälle schwerer Krankheit, die von sorgfältigen und
tüchtigen Ärzten schon als hoffnungslos aufgegeben worden waren und dann doch
geheilt werden konnten, obwohl jeder einzelne physische Faktor ein unheilvolles Ende
befürchten ließ. Solche unerwarteten Heilungen bringen die ärztliche Kunst oft
unverdient in Mißkredit. Der Arzt kann eben seine Schlüsse nur aus den physischen
Symptomen ziehen. Die geistigen Faktoren kann er nicht mit der gleichen Sicherheit
abschätzen; er ist aber daher auch nicht imstande, die möglichen Reflexwirkungen
genau zu berechnen.
Weniger bekannt ist unter Laien der umgekehrte Fall, den der Arzt gleichfalls oft
erlebt. Es gibt Kranke, die vom rein körperlichen Standpunkt aus jeden Grund zur
Gesundung haben, so daß der behandelnde Arzt sich völlig zuversichtlich über den
Ausgang ihres Leidens ausspricht. Trotzdem zeigt sich dann keine Besserung. Auch in
solchen Fällen ist es oft ungerecht, den Arzt zu beschuldigen. Der Arzt konnte nicht
sehen, daß unterirdisch eine Reihe unvorteilhafter Reaktionen des Geistes oder des
Gemüts am Werke waren und die günstigen physischen Reaktionen störten und
endlich zerstörten. Wenn nun Krankheitsgedanken der Krankheit Vorschub leisten und
Gesundheitsgedanken die Wiederherstellung der Gesundheit fördern, so muß doch
sicherlich Gesundheitsdenken auch dem gesunden Menschen helfen, seine Gesundheit
zu erhalten. Gesundheitsdenken bildet den Grundstein zu dem Gebäude der
Gesundheit und damit zur Unempfänglichkeit für Krankheiten. Man muß unbedingt
zugeben, daß ungeheure aufbauende Kräfte im Gesundheitsdenken liegen, die

139
ununterbrochen Ordnung im Chaos schaffen und zur Vervollkommnung der
Lebensformen zwingen. Denn sie wirken unfehlbar und ohne zu irren. Was dabei
vielleicht manchmal unser verwirrtes und zaghaftes Denken abschreckt, ist oft nur das
Wegfegen von Hindernissen, damit das Feld für die freie Entfaltung dieser Kräfte
geräumt wird. Die Natur arbeitet in Vollkommenheit für die Vollkommenheit.
Krankheit ist nicht Vollkommenheit und deshalb unnatürlich, das heißt, sie entspricht
nicht der Tendenz der Natur. Alles Leiden ist ein Beispiel für den Ungehorsam des
Menschen gegenüber den Gesetzen der Natur, und diese Widersetzlichkeit wird von
der Natur rücksichtslos geahndet.
Ich beginne damit, daß ich Gesundheitsgedanken in mir herumtrage — indem ich
erkenne, daß meine vollkommene Gesundheit der Wille der Natur ist. Dann überlege
ich und überzeuge mich davon, daß die Natur, wenn sie mich vollkommen gesund
haben will, mich auch für ihren Zweck ausgestattet haben muß. Auf diese Weise
arbeiten gewisse Reflexe, die meine Körperzellen und Organe günstig beeinflussen.
Diese günstigen Wirkungen erleichtern mir das klare Weiterdenken durch das Problem
hindurch, wie ich gesund leben kann. Ich vergegenwärtige mir so immer deutlicher,
was die Natur von mir verlangt; denn was sie von mir verlangt, ist das, was ich
hernach tun muß, wenn ich gesund sein und bleiben will.
Nun ist es freilich gut denkbar, daß man die Haut durch den Kontakt mit ihrer
Umgebung, die Muskeln durch energische Bewegung genügend zur Tätigkeit anregt,
daß man seine normale Zeit in einem gutgelüfteten Zimmer schläft und seine
Innenwelt nach bestem Vermögen mit optimistischen, bejahenden und aufbauenden
Gedanken und Gefühlen füllt und dennoch durch das Verzehren unnatürlicher und
entkräftender Nahrung alle Funktionen der Ernährungskette stört. Durch die
gegenseitigen Beziehungen des Reflexnervensystems werden dann auch alle andern
Körperfunktionen von dieser Störung berührt und beeinträchtigt, der Schlaf und das
Gemüts- und Geistesleben selbstverständlich mit. Sowohl die Kette der
Hautfunktionen als auch die der Muskelbetätigung könnte hier an Stelle der genannten
Ernährungskette unter den gleichen Verhältnissen eingesetzt werden, ohne daß die
Schlußfolgerung im geringsten verändert würde. Aber für die Kette des Schlafes und
der geistigen Bewegungen trifft dies nach meinem Dafürhalten nicht zu.
Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß eine ungünstige Kette der geistigen oder
Gefühlsreaktionen entsteht, wenn alle drei primären reflexerzeugenden Zentren mit
bestimmter organischer Zugehörigkeit normal funktionieren. Dies kommt daher, daß
das ganze Nervensystem und nicht bloß sein großer Mittelpunkt, das Gehirn, an den
geistigen und gefühlsmäßigen Reaktionen teilnimmt. Und wenn sämtliche drei
primären reflexerzeugenden Zentren, die mit der Haut, den Muskeln und dem
Verdauungskanal zusammenhängen und überall mit den entsprechenden Nerven in
Verbindung sind, normal funktionieren, so ist es ziemlich sicher, daß auch der
Nervenmechanismus normal funktioniert, in welchem Falle keine unerwünschten
Gefühlsreaktionen eintreten können. Das zeigt die Wichtigkeit der natürlichen
Anregung von Haut, Muskeln und Verdauung für den Geist und das Gemütsleben.
Nichtsdestoweniger ist es für Personen in scheinbar vollkommener Gesundheit
möglich, krank und sogar leidend zu werden; die erste vom Normalen abweichende
Reflexreaktion erfolgte scheinbar durch eine heftige Gemütsbewegung, etwa durch
den plötzlichen tragischen Tod eines geliebten Menschen oder durch irgendein anderes
erschütterndes Ereignis. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß Furcht lähmt und daß

140
Schmerz, Angst, Zorn und Kummer, wenn sie groß genug sind, sogar töten können.
Auch diese Gemütsbewegungen stehen in keiner direkten Verbindung mit irgendeinem
Organ, sondern gehören dem Geiste an, und der Geist ist ihr Organ. Doch können sie
die Körperorgane so stark beeinflussen, daß sie deren Funktionen lahmlegen und —
wenn sie zum Beispiel das Herz betreffen — wirklich das Leben zu vernichten
vermögen. Diese lähmende Wirkung auf die Organe geschieht nie direkt, sondern sie
wird aus dem geistigen oder seelischen Gebiet durch die Beziehung des
Reflexnervenmechanismus auf das körperliche oder organische Leben übertragen.
Hier ist der Ort, als ungemein wichtigen Faktor in der Entwicklung einer
beständigen Gesundheit den Willen einzusetzen. Der Wille muß geübt werden, um den
Geist gegen schädigende, ungünstige Eindrücke verschlossen zu halten oder in Fällen,
wo dies nicht möglich ist, ihn dagegen zu stählen. Nur positive, aufbauende Gedanken
dürfen walten; alle niederdrückenden und darum zerstörenden Gedanken müssen
zielsicher abgewiesen oder aufgelöst werden. In dieser Richtung kann man selber viel
tun. Denn nicht nur Freud und Leid, die Dinge, die von außen her an uns herantreten,
bewegen unser Gemüt. Nein, auch Mißtrauen, Gier, Neid, Eifersucht, Auflehnung,
Trotz, Niedergeschlagenheit, Angst, Furcht, Sorge, Untreue, Grausamkeit, Zorn, Haß
— ebenso aber auch Empfindungen der Güte, der Liebe, der Großmut und
Barmherzigkeit, also Stimmungen, die weitgehend unserer eigenen Entscheidung
unterliegen, kommen als zerstörende oder aufbauende, negative oder positive, Leben
und Kräfte entfaltende Faktoren in Betracht. Meiner Überzeugung nach kann ein
vollständig normal arbeitender Körper die fürchterlichsten Katastrophen aushalten. Es
ist allerdings schwer, positiv darüber zu urteilen, denn bei welchen Menschen unserer
modernen Zivilisation arbeitet der Körper vollständig normal? Aber so viel ist sicher:
je einwandfreier die Reflexketten funktionieren, desto zuverlässiger wird auch die
aufbauende Empfindung des Glaubens an die göttliche Vorsehung jeden aufsteigenden
zerstörerischen Gedanken abweisen.
Ähnlich wie mit der Reflexkette des Geistes verhält es sich mit dem Schlaf, bis zu
dem Punkte, wo er freiwillig oder durch irgendeinen ungewöhnlichen Umstand
unterbrochen oder verhindert wird. Dann wird er sehr rasch zu einem primären
reflexerzeugenden Zentrum für die Aussendung von anomalen Funktionsanreizen über
alle Reflexketten; zuerst wird davon die Kette der Gemüts- und Geistesbewegungen in
Mitleidenschaft gezogen. Aber die Kette des Schlafes hat auch gewisse eigene
Aspekte, die für sich betrachtet werden wollen.
Die wahren Ursachen des Schlafes hat die Wissenschaft bisher noch nicht
einwandfrei feststellen können. Ein Grund für das Schlafbedürfnis ist jedenfalls, daß
der Körper, während er sich in völliger Ruhe befindet, die Möglichkeit erhält, seine
Müdigkeitsgifte gänzlich auszuscheiden und auf diese Weise seine unter dem Einfluß
dieser Gifte sinkenden Kräfte zu erneuern.
Wir unterscheiden allgemein gesprochen zwei Arten von Schlaf, welche auf zwei
verschiedenen Voraussetzungen beruhen. Auf der einen Seite kennen wir den
natürlichen und ruhespendenden Schlaf, auf der andern den toxischen und
betäubungsähnlichen. Der natürliche Schlaf beruht auf Müdigkeit, der toxische Schlaf
auf Mattigkeit. Müdigkeit entsteht durch geistige oder physische Anstrengung
innerhalb der physiologischen Grenze — diesseits des Punktes, wo die Erschöpfung
einsetzt oder vielmehr zu drohen beginnt. Mattigkeit kann verschiedene Ursachen
haben — alles, was die Vermehrung und Anhäufung giftiger (toxischer) Stoffe im

141
Blute begünstigt und ihre Ausscheidung verhindert: Überanstrengung des Geistes oder
des Körpers über die physiologische Grenze hinaus, Überernährung, zu rasches
Verzehren der Nahrung, falsch zusammengestellte Mahlzeiten, übersäuerte Kost, der
es an natürlichen Basen gebricht, ungenügendes oder ungeeignetes Baden, zu dicke
Kleidung, falsche geistige Einstellung, verkehrter Gebrauch unserer geistigen und
seelischen Fähigkeiten, indem wir dunklen, niederdrückenden oder gar zerstörenden
Gedanken oder Gefühlen erlauben, unseren Geist zu erfüllen. besonders in den
Augenblicken vor dem Einschlafen.
Den natürlichen und ausruhenden Schlaf kennzeichnet ein leicht bereites Einschlafen
zu sanftem, traumlosem Schlummer; steigen dennoch Träume auf, so sind sie
glücklich und erfreulich. Aus solchem Schlafe wacht man hell auf und ist sofort wach,
fröhlich und für die Aufgaben des kommenden Tages bereit, welcher Art immer sie
sein mögen. Keine geistige oder physische Trägheit beschwert einen, kein Gähnen,
kein unausgeschlafenes Gefühl, sondern Körper und Geist sind durchdrungen von
einem Empfinden des Erholtseins und äußerster Lebensbereitschaft.
Der toxische und lethargische (dumpfe) Schlaf ist das genaue Gegenteil davon,
außer in dem einzigen Punkte, daß er den Menschen gleichfalls rasch, doch zu rasch
überfällt. Sein Opfer schläft sozusagen schon, bevor sein Haupt das Kissen berührt.
Träume kommen oft, und sie sind gewöhnlich unerfreulich oder gar
schreckenserregend. Der Schläfer erwacht nur schwer und muß gewöhnlich mehrere
Male geweckt werden. Ist er endlich wach, so gähnt er und streckt sich und bedauert
die Notwendigkeit, auflehen zu müssen; seine Tagespflichten erscheinen ihm
beschwerlich und gar nicht als Freuden. Oft ist er noch weit in den Tag hinein nicht
vollwach, manchmal bis zum Nachmittag. Sein Geist bleibt in eine Wolke gehüllt, und
seine Aufmerksamkeit heftet sich nicht willig an die Gegenstände. Geistige Arbeit
quält solch einen Menschen, wenigstens während der ersten Tageshälfte, oft sogar
darüber hinaus. Seine Gedanken sind düster und fügen ihre Gedrücktheit noch zu der
bereits so unseligen Verfassung, vermehren dadurch die Ermüdungsgifte in seinem
Körper und vergrößern auf diese Weise wiederum die Neigung zu bleiernem Schlaf.
Kennt man aber die Ursachen des bleiernen, toxischen Schlafes, dann kann man
ihnen auch vorbeugen, insbesondere durch Normalisierung der Ernährungs-, Haut- und
Muskelfunktionen. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, daß der
Mensch um so weniger Schlaf zu benötigen scheint, in je reinerem und basischerem
Zustande das Blut und die Gewebe sich befinden. Um so rascher wird auch der
Schläfer zum hellen Wachsein aufwachen, wenn die Wolke des Schlafes sich verzogen
hat.
Es muß zugestanden werden, daß der entkräftete Körper durch die anomalen
Empfindungen, welche in ihm entstehen, für negative und zerstörerische Anträge an
den Geist verantwortlich gemacht werden kann. Der Geist gibt diese Anregungen in
Form von anomalen Anreizen der ganzen Kette der unter seiner Kontrolle stehenden
Funktionen weiter, und diese übertragen sie auf die übrigen Reflexzentren. Auf diese
Weise wird der ganze Körper zwar vom Geiste aus negativ, zerstörerisch beeinflußt,
aber dieser geistige Einfluß ist in seiner Entstehung auf den negativen körperlichen
Zustand zurückzuführen und könnte daher in einem gewissen Sinne als Ausstrahlung
einer der drei ersten Ketten aufgefaßt werden. Immerhin wird er, sobald er geweckt
und von welcher Seite immer er in Bewegung gesetzt wird, so wirksam in der
Kontrolle anderer Funktionen, daß ich nicht umhin kann, ihn selber primär zu nennen.

142
Die praktisch einzunehmende Haltung ist demnach diese, daß Schlaf und Gedanke
in ihrer Wirkung als primäre reflexerzeugende Zentren auftreten können, daß aber die
Natur ihrer Reflextätigkeit mehr oder weniger von der funktionellen Vollkommenheit
oder Unvollkommenheit der drei anderen Ketten abhängt.
Vergegenwärtigen wir uns dies nun aber, so sollten wir vor allem andern uns
bemühen, die drei ersten Ketten stets durch die uns von der Natur zur Verfügung
gestellten Mittel in funktioneller Vollkommenheit zu erhalten. Denn wenn der Körper
durch unsere Weigerung, die Haut, die Muskeln und das Ernährungssystem so zu
behandeln, wie die Natur es verlangt, seine Kräfte verliert und sich Gifte in ihm
ansammeln, und wenn auf diese Weise in den drei ersten Ketten negative und
zerstörerische Reflexe auftreten, dann erhalten die beiden Ketten des Schlafes und des
Geistes auch unnatürliche Anreize. Darum werden sie dann als primäre
reflexerzeugende Zentren auch negative oder destruktive Anreize ins Werk setzen, und
dadurch muß schließlich unsere körperliche Vitalität herabgemindert, muß auch die
Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitseinflüsse und alle den Körper schädigenden
Prozesse geschwächt werden.
Die Kenntnis dieser Tatsache setzt uns in den Stand, die beiden letzten Reflexketten
als eine Art Gesundheitsbarometer zu benützen. Denn wenn wir unsern Schlaf nicht
mehr als erfrischend und belebend genießen, wenn wir nicht verjüngt und neugestärkt,
begierig nach der Aufgabe des Tages verlangend daraus erwachen, oder wenn unsere
Stimmung verdüstert, bedrückt, verneinend ist, verdrießlich, überkritisch, Unheil
voraussehend, anstatt positiv, erfreulich, aufrichtend oder gar begeisternd, dann
erkennen wir daran, daß wir unsere ersten drei Reflexketten vernachlässigen, und daß
wir früher oder später diese Vernachlässigung mit verminderter Vitalität und mit dem
Verluste unserer natürlichen Immunität gegen Krankheit bezahlen müssen.
Seit ich die Auswahl und Bemessung meiner Nahrung mit Sorgfalt treffe, erlebe ich
solche Störungen nur mehr höchst selten. Wenn sie aber je wieder auftreten — sie
künden sich vielleicht im Beginn bloß mit einem kaum spürbaren Schweregefühl in
Beinen und Füßen oder mit verringerter Frische oder verminderter Lust zum
Aufwachen und zur Muskelbetätigung am frühen Morgen an —, so ergreife ich die
Gelegenheit sofort beim Schopfe und faste oder genieße einen oder zwei Tage lang
nichts als Früchte und Milch; dann dauert es nicht lange, so fühle ich mich wiederum
zu allen Taten bereit, kann des Morgens zu jeder Stunde aufstehen, turnen und kalt
baden, und sobald ich auf der Straße stehe, packt mich wieder diese unbändige Lust,
einen kleinen Wettlauf mit mir selber zu veranstalten. Die Alkalisierung meines Blutes
durch den Genuß von Früchten und Milch hat die Menge der in meinem Blute
befindlichen Abfallstoffe wiederum herabgesetzt und die Müdigkeitsgifte
ausgeschieden. hat meine Körperzellen wieder mit Lebenskraft gefüllt, und das ganze
bewußte.
Gefühl, das mich beherrscht, ist Leben, Vitalität, die sich in geistiger Frische und
Klarheit und kaum zu bändigender Körperkraft ausdrücken.
In dieser Verfassung kann ich nicht länger als fünf Stunden schlafen, und oft
genügen vier Stunden. Aber die Zellen meines Körpers fühlen sich so erleichtert durch
die Ausscheidung der Müdigkeitsgifte, daß ich weitere drei oder vier Stunden
vollständig entspannt ruhen kann, was in seiner belebenden und giftbefreienden
Wirkung einem gesunden Schlafe sehr nahe kommt. Eine andere Eigenart dieser
Erfahrung ist, daß die Tage, welche einem solchen vierstündigen Schlafe folgen,

143
geistig und körperlich oft meine tätigsten und erfolgreichsten sind. Die Abwesenheit
der Ermüdungsgifte und die normale basische Blutbeschaffenheit erklären dies.
So sehen wir wiederum, daß die Wirkungen der normalisierten, organisch
fundierten großen Reflexketten zusammenarbeiten, um dem primären
reflexerzeugenden Zentrum, mit dem der Schlaf verbunden ist, einen Impuls zu geben.
Wenn sie in- und auswendig den Körper sauber und das Blut basisch erhalten, dann ist
der Einfluß auf die Reflexkette des Schlafes wohltätig, konstruktiv und belebend. Im
umgekehrten Falle ist er zerstörend, vermindert die Lebenskraft und führt zu
Krankheit. All dies läßt sich mit gleicher Überzeugung auch von der Reflexkette der
geistigen und seelischen Bewegungen sagen.
Wie wichtig ist es daher, den Geist zu schulen, damit er lernt, jeden störenden,
unglückbergenden, verzweifelten Gedanken von sich zu weisen. Eine
Geistesverfassung, die mit sich selber und der Welt nicht im Frieden ist, wirkt wie
starkes Gift und darf von dem, der den Schlaf sucht, nicht geduldet werden.
Das beste Mittel, das ich kenne, um den friedvollen geistigen Zustand herbeizuführen,
der normalen gesunden Schlaf gewährleistet, ist, konstruktive Gedanken zur Hilfe
herbeizuziehen und an die Stelle der destruktiven zu setzen. Meine persönliche
Methode besteht in einer Art Ritual, das ich vor dem Einschlafen im Geiste ausführe.
Die letzten Gedanken des bewußten Geistes vor dem Einschlafen bleiben während der
sämtlichen Schlafstunden auf die Zellintelligenzen wirksam; auf diese Weise wird
mein Geist im Zustand des Schlafes ein Laboratorium wirksamer positiver Kräfte an
Stelle zerstörender Gifte.
Mein Ritual enthält unter anderem folgendes Bekenntnis: „Gott, mein Vater, ist gut; er
ist ganz Güte. Er will daher für mich nur das Beste. Er muß darum für mich Jugend
und Gesundheit beabsichtigen. Ich brauche bloß seinen Gesetzen zu gehorchen.“ Diese
Gedanken bringe ich auf viele verschiedene Arten zum Ausdruck. Dann beginne ich
ein anderes Thema: „Ich bin ein Geschöpf des vollkommenen Schöpfers. Als solches
muß ich vollkommen geschaffen sein. Ich muß darum die Möglichkeit und die Kraft
besitzen, physisch vollkommen und damit immer gesund und immun gegen
Krankheiten zu sein. Ich brauche nur seinen Gesetzen zu gehorchen.“ Auf diesen
Gedankengang lasse ich eine Zusammenstellung ähnlich aufbauender und erhebender
Gefühle folgen und sage: „Öffne mir den Weg zum Verständnis dafür, daß die Fehler
und Mängel meiner Nebenmenschen von den meinigen sich nur durch ihre Art
unterscheiden und daß ich an ihrer Stelle genau so falsch gehandelt hätte wie sie; öffne
mir so den Weg dazu, daß ich weder Feindschaft noch bösen Willen gegen sie hege.“
Ein viertes Beispiel: „Schenke mir die Weisheit, die Notwendigkeit einzusehen, daß
mein Körper physisch vollkommen werden muß — ein Tempel für die Seele, die er
beherbergt — und daß er daher gegen jedes Übel immun werden muß, eine geeignete
Wohnstätte für den Funken aus dem Unendlichen, welcher mein wahres Wesen ist.
Gib mir die Kraft des Willens, nach dieser Erkenntnis zu handeln, und gib mir den
Glauben, der von meinen Handlungen auch die Ergebnisse zuversichtlich erwartet.“
Das ist der Weg zu geistiger Gesundheit und geistiger Sauberkeit, jener Sauberkeit,
die so weit über die bloße, körperliche Sauberkeit hinausgeht und sich so viel höher
darüber erhebt, als der Geist oder die Seele über den physischen Körper erhaben ist. Es
ist der Zustand des Geistes, der unablässig bemüht ist, aus dem Körper, dem
materiellen Selbst, möglichst viel zu machen. Niemand darf aus dieser Definition
herauslesen, es handle sich um Bemühungen, möglichst viel für den Körper und das

144
Selbst zu erlangen; das wäre die Antithese zu geistiger Sauberkeit. Denn darin liegen
ja gerade alle Wurzeln unserer Laster, unserer Unzulänglichkeiten im kommerziellen,
sozialen, häuslichen und sexuellen Leben; es ist der geistige Zustand unserer
modernen Welt, und seine Wirkungen bedeuten für die Gesundheit der zivilisierten
Menschheit genau das gleiche wie die Anhäufungen körperlichen Schmutzes. Der
Geist ist uns auf keinen Fall dazu verliehen worden, damit wir mit seiner Hilfe viel für
den Körper erreichen, sondern damit wir möglichst viel aus dem Körper machen. Es
darf nicht sein, daß unsere Geistigkeit dazu dient, den Tempel der Seele, der unser
Körper ist, mit den entarteten Gewohnheiten unserer Kultur zu entweihen und zu
zerstören.
Dieser Tempel ist durch das Lebensprinzip aufgebaut worden, jenen kleinen Funken
aus der großen bildenden Kraft der Unendlichkeit. Und da jeder menschliche Geist ein
kleiner Strahl des unendlichen Lichtes, der unendlichen Weisheit ist, so dürfen wir
sicherlich annehmen, daß dieser Weisheitsstrahl dem kleinen Kraftfunken verliehen
wurde, um ihn zu befähigen, seiner Aufgabe, aus dem Staub der Erde einen erhabenen
Tempel der Seele zu schaffen, gerecht zu werden.
Aber wenn der menschliche Körper nur auf gut Glück mit alten, unwerten Stoffen
aufgerichtet worden ist und der Hütte eines Armenhäuslers ähnlicher sieht als dem
hohen Tempel, der er sein sollte, dann kann der Geist, der ihm angehört, auch keinen
höhern Ansprüchen Genüge leisten. Und in der Tat ist der Geist, der sich auf die
Launen und Begierden des Fleisches einläßt, den größten Gefahren des Entgleisens
und Beschmutztwerdens ausgesetzt. Mit andern Worten: solch ein Geist, der sich
bemüht, für den Körper möglichst viel zu erreichen, anstatt durch den Körper
möglichst viel zu leisten, ist ein ungesunder, ein unsauberer Geist. Das heißt nicht
unbedingt, daß er sich zu niederen Handlungen hinreißen läßt, aber auch schon der
Widerstand gegen Versuchungen bringt die Harmonie in Unordnung und zerstört das
Gleichgewicht. Wird der gleiche Kraftaufwand zu der Überlegung benützt, wie der
Körper dem göttlichen Plane gemäß aufgebaut und unterhalten werden kann, so
wachsen die harmonischen, belebenden, bejahenden, konstruktiven Einflüsse.
Es ist auffallend, daß der verhätschelte Körper der Sinnlichkeit verfällt; denn
Sinnlichkeit hat ihren Sitz im Geistigen. Und als Gegenwirkung wird die Sorge für die
Begehrlichkeiten des Fleisches (anstatt für die Bedürfnisse des Körpers als Tempel der
Seele) auch wieder den Geist in Sinnlichkeit verstricken. Ein sinnlicher Geist ist ein
unsauberer Geist, der nur zerstörenden, krankheitsfördernden Einfluß auf den Körper
haben kann.
Wer vor Krankheit geschützt leben möchte, muß deshalb zuallererst lernen, wie
dieser Körper in aller Vollkommenheit, die er nach dem vollkommenen Plane des
Schöpfers hat, aufzubauen und zu pflegen ist; dieses Studium wird ihm helfen, Geist
und Körper rein zu erhalten.
Wenn aber geistige Sauberkeit von der Qualität des Denkens abhängt, von der
überlegten Sorgfalt, die man der Entwicklung und Tätigkeit des Körpers zuwendet, so
besteht die Sauberkeit der Seele darin, nur die besten, die positivsten und hilfreichsten
Gedanken in den Geist treten zu lassen. Mit dem Körper und seinen Zuständen
beschäftigt sich die Seele überhaupt nicht.
Konstruktive Gedanken kehren sich nach außen; sie haben keine andere Verbindung
zum Selbst, als daß sie bestrebt sind, das freundliche, höhere, bessere Selbst zum
Ausdruck zu bringen. Solche Gedanken befassen sich mit allem Menschlichen; ihr

145
Bestreben ist nicht bloß, das Schlechte nicht zu tun, sondern auch, das Schlechte gar
nicht zu denken. Sehen sie einen andern Böses tun, so suchen sie ihn zu verstehen und
zu decken, und fänden sie auch keine andere Entschuldigung für ihn als die
menschliche Unvollkommenheit. Solche Menschen, die sich von ihrer Seele führen
lassen, nähren keine Feindschaften, hegen keinen Groll und keine Erbitterung, sondern
lassen sich von der allesbegreifenden Barmherzigkeit leiten, die der Sünden Menge
(anderer Leute!) deckt. Einer hat vor vielen Jahrhunderten das Vorbild zu solcher
Gesinnung gegeben, er, der aus seinen Todesqualen am Kreuze noch die Fürbitte zum
Himmel rief: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Ich weiß, es gibt Menschen, und ich schätze sie auf etwa neunzig Prozent meiner
Leserschaft, denen das, was ich hier über die geistige und seelische Sauberkeit
schreibe, nichts Persönliches sagt. Es berührt sie nicht in ihrem Innersten. Es ist ihnen
zu wenig real, zu unpraktisch, zu abstrakt. Stehen sie vielleicht auf einer Stufe, von der
aus geistige und seelische Dinge noch gar nicht erkennbar sind?
Dabei nennen sich gerade solche Leute gerne eifrige Christen, Jünger und
Nachfolger Jesu, des Verkünders der Barmherzigkeit. Wie halten sie es allerdings mit
dem Stein, den Jesus den zu werfen auffordert, der ohne Sünde ist?
Dieser Stein eben beweist uns, daß seelische Sauberkeit doch keine so
phantastische, so unreale Forderung ist, wie die meisten Menschen es glauben. Denn
wie könnten wir irgendeinen anderen Übeltäter verdammen, wenn wir wissen, daß
seine Sündhaftigkeit nur in der Qualität von der unsrigen verschieden ist? Etwa
deshalb, weil wir in unseren eigenen Entgleisungen die Beweggründe und die Größe
der Versuchungen kennen und in den seinen nicht? Das wäre wohl keine
Veranlassung, den Stein zu werfen.
Um daraus die praktische Folgerung zu ziehen, wollen wir hier konstatieren, daß es
sich für den gesunden, „sauberen“ Menschen niemals um etwas anderes handeln kann
als um die sogenannte idealistische Lebensauffassung, auch wenn Handlungen anderer
in Frage kommen. Unter keinen Umständen dürfen wir uns das Recht herausnehmen,
unsere eigenen Fehltritte Irrtümer zu nennen und die unserer Brüder oder Schwestern
Sünden oder Verbrechen.
Etwas mitempfindendes Denken sollte uns zeigen, daß wir, wenn wir gerecht sein
wollen, die Geschichte des „Verbrechens“ kennen müssen, ja, daß wir, um sie in allen
ihren Aspekten zu kennen, auch die ganze Lebensgeschichte des „Verbrechers“ oder
„Sünders“ kennen sollten, sogar seine vorgeburtliche Geschichte. Nachdem wir dann
alles erfahren haben, was mit dem in Frage stehenden Falle zusammenhängt, finden
wir höchstwahrscheinlich, überwältigt von Mitgefühl, keine Verdammung mehr
möglich.
Man wird mich fragen, was diese Betrachtungen mit unserem Thema der beständigen
und zuverlässigen Gesundheit zu tun haben. Genug, um uns zu beschäftigen. Die
kritische „Besser-als-du“-Haltung gegenüber unseren Mitmenschen ist stets das
Zeichen einer ungesunden, unsauberen Seele; es ist zwar die Haltung der großen
Mehrheit „gebildeter“ Menschen — aber was will das bedeuten? Sind es doch eben die
Menschen, die sich durch Krankheit und Krankheitsfurcht auszeichnen, und sollte da
keine Beziehung aufgedeckt werden können? Ich glaube, daß sie ohne weiteres
sichtbar ist. Weil ein unsauberer Geist und eine unsaubere Seele gleich zersetzend auf
den Körper wirken wie eine unsaubere Haut oder ein unsauberes Körperinneres, indem
sie als Furcht, Ärger, Haß und verwandte Leidenschaften die sprudelnden Quellen

146
unseres Lebens vergiften, müssen wir, wenn wir eine natürliche Unbesiegbarkeit vor
den Angriffen der Krankheit erreichen wollen, in einer idealistischen Haltung auch die
einzig praktische erkennen lernen. Sicherlich ist es jedem von uns möglich, seine
Beobachtungsgabe so weit zu entwickeln, daß es ihm gelingt, den Balken im eigenen
Auge zu entdecken, den man doch herausziehen soll, ehe man daran geht, den Splitter
aus des Bruders Auge zu entfernen.
Um noch einmal zu der praktischen Seite der Frage zurückzukehren, sei hier noch
erwähnt, daß der große russische Gelehrte und Forscher Metschnikow nach Jahren
eingehendster Untersuchungen dieser Zusammenhänge festgestellt hat, daß wir ewig
weiterleben könnten, wenn wir es nur verstünden, die Ansammlung von Giften in
unserem Körper zu verhindern.
Laßt uns daher den festen Entschluß fassen, unseren Körper inwendig und
auswendig von Giften und Unsauberkeit frei und unsern Geist rein zu halten; laßt uns
unsere besten Gedanken an die Frage wenden, wie unser Körper zu seiner
Höchstleistung veranlaßt werden kann. Unsere höhere, seelische Natur wollen wir
gesund und sauber erhalten, indem wir nur solchen Gedanken Zutritt gewähren, die die
Taten unserer Nebenmenschen gerecht beurteilen, mit demselben Maße, das wir von
unseren Brüdern und Schwestern unsern schlechtesten Taten gegenüber erhoffen.
Fügen wir diese Regeln geistiger Ordnung zu den in diesem Buche so ausführlich
behandelten Vorschriften für die körperliche Verhaltungsweise, so können wir sicher
sein, daß uns nach Ablauf einer angemessenen Zeit das angehäufte „Kapital“ die
herrlichsten „Zinsen“ in Form von Kraft und Gesundheit abwerfen wird. Meine
eigenen „Zinsen“ scheinen eine vollkommene Unempfindlichkeit gegenüber allen
Arten von Krankheiten zu sein. Und wäre es auch nur im Hinblick auf die unendliche
Erleichterung unseres täglichen Lebens, wir fänden die Belohnung den Kampf und die
Anstrengung wert. Nun bleibt es aber gar nicht nur bei dem leichteren, sorgloseren
Leben, denn die Ergebnisse unserer Mühe gehen weit darüber hinaus. Unser Leben
wird nicht nur seiner Schwere und Mühseligkeit beraubt; es wird auch von Licht und
Freude in einem bisher nie gekannten Maße durchströmt; und unser Licht und unsere
Freude werden auch in andere Leben hinüberstrahlen.

14. KAPITEL

Schlußbetrachtungen

Wenn Gott uns die Möglichkeit gegeben hat, immer gesund zu sein, so sind wir auch
für den Zustand unserer Gesundheit verantwortlich. Aus dieser Tatsache heraus wird
Krankheit zur Sünde, oder sie ist die Folge einer Sünde gegen die Lebensgesetze des
Körpers. Der Körper, der krank ist, hat gesündigt. Er hat den göttlichen Regeln und
Gesetzen zur Erhaltung der Gesundheit entgegengehandelt; er hat darum Gottes Willen

147
übertreten. Die zivilisierte Menschheit ist krankheitsempfänglich geworden, weil sie
sich von ihrer eigenen Überheblichkeit leiten ließ und nicht durch ihren Verstand und
ihre Beobachtung. Sie hat nicht erfaßt, daß Luxus und Behagen, Befreiung von
körperlicher Anstrengung und Befriedigung aller materiellen Wünsche und
Leidenschaften, die ihr als einzig begehrenswerte Lebensziele erscheinen, nicht das
Wesentliche an unserer Kultur sind, sondern bloße Auswüchse, unnatürliche Schosse
der Zivilisation. Die allereinfachste Beobachtung und Überlegung zeigt deutlich, daß
das Gesetz jedes Wachstums die Anstrengung ist; und der einzige Weg, um
Widerstandskraft sowohl im physischen als auch im geistigen und seelischen Leben zu
wecken und zu entwickeln, ist beständige Übung im Überwinden. Nachgiebigkeit
gegen die Lockungen des Behagens, des weichen Lebens ist der sichere Weg zu
körperlicher, psychischer, ethischer und geistiger Verweichlichung, Entkräftung,
Krankheit und verfrühtem Tode.
Es gibt keine Lobpreisung, deren Töne hoch genug gestimmt wären, um genügend
wiederzugeben, was der empfindet, welcher aus einem krankheitsbedrohten Leben den
Weg zur disziplinierten Lebensführung und damit zum beglückenden Bewußtsein
einer beständig wachsenden und zum Schluß vollkommenen Gesundheit gefunden hat.
Solche Menschen können nicht mehr abtrünnig werden, sie werden höchstens
zeitenweise kleine Rückfälle erleben.
Die wirklichen Schwierigkeiten beginnen erst bei denen, die weniger vital, weniger
überlegt, weniger strebsam und erfolgreich sind, als sie es ihren natürlichen
körperlichen und geistigen Anlagen nach sein könnten, wenn sie ein physiologisch
richtiges, natürliches Leben führen würden; sie empfinden das Bedürfnis nicht, ihre
sich selber aufgebürdete, aus ihren verkehrten Lebensbedingungen entstandene Last
abzuwerfen, weil ihnen ihr Zustand gar nicht als anormal erscheint. Der
durchschnittliche Mensch ist eben ein seltsames Wesen, und merkwürdigerweise
besitzt nicht jeder den berühmten gesunden Menschenverstand. Auf alle Fälle trifft
man nicht oft die Begabung und den Sinn für Gesundheitsfragen Wenn einer nicht
wirklich in tiefer Not steckt, hält es schwer, ihn davon zu überzeugen, daß seine
Lebensweise verkehrt ist. Und sogar wenn er sich davon überzeugen läßt, wird er
meistens der Macht der Gewohnheit nachgeben und in seinen anerkanntermaßen
verkehrten Lebensgewohnheiten verharren. Wahrscheinlich gilt das für
neunundneunzig Prozent der ganzen Menschheit.
Der Kranke muß infolgedessen bis zu dem Punkte geführt werden, wo er zur
Wiedererlangung einer normalen physischen und psychischen Vitalität und Gesundheit
selber zu arbeiten beginnt; von diesem Augenblick an liegt es in seiner eigenen Hand,
allmählich bis zu einem vibrierenden, lebendigen Glauben durchzudringen; ohne diese
große Arbeit bleibt er bald am Wegrand liegen.
Sollte ich nun aber von denen, die ihre selbstaufgeladene Last als beschwerlich
erkannt haben, gefragt werden, wie sie es denn anstellen sollen, sich davon zu
befreien, was zu tun und was zu lassen ist, und womit und wann man beginnen soll, so
ist die einzige logische Antwort: Sofort! Sofort, aber allmählich!
Der Neuling ist dabei zwei Gefahren ausgesetzt. Entweder nimmt er die
Neuordnung seiner Lebensgewohnheiten mit solcher Vehemenz in Angriff und ändert
von einem Tage zum andern seine Lebensweise so gründlich, daß sein entkräfteter
Körper infolge der Heftigkeit der Umstellung tiefgehende Störungen erleidet; oder er
nimmt die Umstellung so zimperlich und matten Herzens und immer wieder

148
abbrechend in Angriff, daß sein kraftloser Körper zwar keinen Schock, aber auch
keinen Vorteil davon empfängt.
Beide Methoden der Anpassung an die neuerkannten Grundsätze sind natürlich
vollkommen falsch. Wer seine Lebensgewohnheiten sinnvoll neugestalten will, sollte
vor allem der Tatsache eingedenk bleiben, daß der Körper sich nicht radikalen
Änderungen seiner Lebensgewohnheiten von einem Augenblick zum andern anpassen
kann, auch wenn er dadurch zu der einzig richtigen Lebensweise gelangt.
Die Umgestaltung von Gewohnheiten muß langsam, aber beharrlich durchgeführt
werden.
Eine Pflanze, welche in falschem Boden wächst, an einer Stelle, zu der die
Sonnenstrahlen keinen Zutritt haben, wird besser gedeihen, sobald man sie in andere
Erde verpflanzt und sobald die Sonne sie bescheinen kann. Aber um diese
Verpflanzung zu bewerkstelligen, darf man sie keinesfalls mit einem Ruck aus der
Erde reißen und einfach in ein neues Loch im Boden stecken, auch wenn es der beste
Nährboden der Welt ist; auch darf man sie nach der Verpflanzung nicht gleich
unvermittelt und schutzlos den heißen Sonnenstrahlen aussetzen. Um ein gutes
Ergebnis zu erhalten, muß solch eine Umpflanzung vielmehr mit großer Sorgfalt und
Zartheit geschehen. So darf aber auch die Menschenpflanze, die in einem ihr nicht
zusagenden Erdreich falscher physischer und psychischer Lebensgewohnheiten nicht
gedeihen kann, nur nach und nach in eine ihr besser entsprechende „Atmosphäre“
versetzt werden; sogar wenn ihre bisherigen Lebensgewohnheiten für sie verderblich
waren, darf man diese Gewohnheiten nicht allzu plötzlich ändern, weil gerade die
verminderte Vitalität bei einer solchen Umstellung die größte Vorsicht gebietet. Wird
die Umstellung mit einem Schlage vorgenommen, dann sind ihre Wirkungen in jedem
Fall gefährlich, in vielen Fällen zerstörend. Die Natur ist in ihren Anpassungen
langsam. Sie wechselt nicht über Nacht, auch nicht von einer falschen Gewohnheit zu
einer richtigen.
Plötzliche Veränderungen stiften bei raschen Enthusiasten oft Unheil, so wohltuend
die Wirkungen bei vorsichtiger, schrittweiser Anpassung sein können. Das gilt schon
für Gesunde, trifft aber in noch höherem Maße bei chronisch Kranken zu. Chronisch
Kranke sind aber selten geduldig und ausdauernd. Und doch kann ihre Heilung nur
langsam vor sich gehen, weil ihre Erkrankung auch nur ein langsamer Prozeß war. Der
Körper wird täglich teilweise abgebrochen und teilweise wieder neu aufgebaut. Wenn
die Lebensgewohnheiten nicht mehr im Einklang mit den Gesetzen der Natur stehen,
werden die abgebrochenen Zellen beständig durch Zellen geringeren Wertes ersetzt;
auf diese Weise wird der Körper nach und nach chronisch krank. Ändert man aber die
Lebensweise und paßt man die Gewohnheiten wiederum den gesunden Gesetzen der
Natur an, so werden die sich täglich verbrauchenden Zellen allmählich durch
vollkommene Zellen ersetzt. Dieser Prozeß muß in langsamen Übergängen stattfinden,
sonst führt er zum Zusammenbruch des ganzen Körpers. Mit der Zeit jedoch
vermehren sich die vollkommenen Zellen im Verhältnis zum Ganzen, und mit ihrer
Zunahme wächst auch das Wohlbefinden und die Überzeugung wiederkehrender
Gesundheit. Von diesem Zeitpunkt an wird die Genesung rascher vorwärtsschreiten,
weil sie erwartet wird.
Die Natur läßt sich nicht hetzen und jagen. Unsere Aufgabe besteht darin, in ihre
Art einzudringen und uns ihren Willen in kleinen, allmählichen Steigerungen zu eigen
zu machen; man muß ihr Zeit lassen, dann wird man die Wunder erleben, die sie im

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stillen vorbereitet.
Nicht besser als dem Übereifrigen geht es dem ängstlichen, allzu vorsichtigen
Experimentator, der heute irgendeine kleine Änderung in seiner Lebensweise
vornimmt, morgen aber schon vergißt, sie zu wiederholen, und vielleicht auch noch an
mehreren folgenden Tagen die kleine neuzuerwerbende Gewohnheit unterläßt.
Hernach wird er sich vielleicht ihrer erinnern und sie wieder hervorholen, dann aber
von neuem vernachlässigen und vergessen, und so endlos weiter. Ein solcher Mensch
wird wahrscheinlich zu dem Schlusse gelangen, daß es „keinen Wert hat, sich
umzustellen“, weil die Umstellung, wie er sie betreibt, ihm ja tatsächlich keine
Besserung bringt.
Die richtige Methode ist die, sich einen Verhaltungsplan auszudenken, einen Plan der
allmählichen Hinüberleitung falscher Gewohnheiten in den Kanal der guten,
zuverlässigen Lebensweise. Wichtig sind dabei vor allem Beständigkeit und
Regelmäßigkeit, sodann schrittweises Vorgehen; denn es wäre ein Fehler, wenn
jemand gleich zu Beginn schon jenen Punkt als nächstes Ziel ins Auge fassen würde,
auf dem zum Beispiel ich selbst mich jetzt nach mehr als dreißig langen Jahren der
Erfahrung im Aufbau neuer Lebensgewohnheiten befinde; eine so verkehrte
Zielsetzung hätte nicht viel Aussicht auf wirklichen Erfolg. Man stelle sich im
Gegenteil zum Beginn keine große Aufgabe; aber was man einmal zu verändern sich
vorgenommen hat, das halte man eisern durch; alle paar Tage kann die Veränderung
dann um ein weniges erweitert und vertieft werden und an Ausführungskraft
zunehmen, bis der gewünschte Punkt erreicht ist, wo die physiologische Grenze, die
Erschöpfungsgrenze liegt, die nicht überschritten werden darf. Haut, Muskeln und
Verdauungsapparat müssen geduldig und folgerichtig in die neuen
Lebensgewohnheiten hineingeführt werden. Gleichzeitig ist auf die Stärkung des
Geistes- und Seelenlebens zu achten. Der Geist muß sich — oft in mühevoller
Kleinarbeit — so weit emporarbeiten, bis er jeden in ihm aufsteigenden trüben,
niederdrückenden Gedanken nach Erfordernis ausschalten kann, er muß sich bewußt
auf Bilder und Gedanken richten, welche in den Farben der Hoffnung und des
Glaubens glänzen, und beständig nur das Beste festhalten.
Leider ist der durchschnittliche Mensch im allgemeinen nicht zielsicher und
ausgeglichen genug, um ein solches Programm längere Zeit hindurch in allen Punkten
auszuführen. Entweder läßt er sich aufs Geratewohl von jeder Strömung mit
fortreißen, oder er bleibt ewig im Schwanken. Wir geben diese Schwäche indirekt zu,
wenn wir das selbstsichere, scheinbar unfühlende Wesen primitiver Völker
bewundern, deren Nervenkontrolle vollkommen ist.
Unser Hauptaugenmerk muß deshalb auf die Lage des durchschnittlichen,
unausgeglichenen Menschen gerichtet bleiben. Die allerbeste Lösung für ihn scheint
darin zu liegen, daß er zuerst die Normalisierung einer einzelnen Kette unternimmt,
mit der Zeit jedoch vorsichtig dazu übergeht, auch eine zweite und später noch die
dritte langsam, ausdauernd und steigernd zu bearbeiten. Hat er so die drei Reflexketten
der Ernährung, der Muskeln und der Haut gewissenhaft zu ihrer größtmöglichen
Leistungsfähigkeit entwickelt, so werden die beiden übrigen Ketten von selbst zu
normaler Tätigkeit gebracht. Dieses Vorgehen führt nach meinen Erfahrungen am
zuverlässigsten zu den sicheren und wachsenden Erfolgen, die die Grundlage für das
neue Leben bilden sollen. Allerdings geschieht es leider nur zu häufig, daß der Mensch
sich schon nach kurzem Bemühen mit dem Errungenen zufrieden gibt; seine Phantasie

150
reicht oft nicht weit genug, um ihm die Vorteile weiterer Entwicklung auszumalen.
Mit welcher Reflexkette sollen wir nun aber die Normalisierung unseres Körpers
beginnen, wenn zu Anfang bloß eine einzige gewählt wird? Ich antworte ohne zu
zögern: mit der Magen – Darmkette, der Reflexkette der Ernährung. Natürlich kann
auch diese Reflexkette, wie vollkommene Anregung man ihr auch zu bieten trachtet,
nie in sich selber vollkommen werden, bevor nicht alle anderen Reflexketten
vollkommen auf sie einwirken; denn sie bleibt ja den Einflüssen der andern
Reflexketten ausgesetzt, und alle darin wirkenden unnatürlichen Reflexe werden durch
das Nervensystem auf sie übertragen und ausgestrahlt und hindern sie dadurch an der
endgültigen Vervollkommnung ihrer Funktionen. Aber auf alle Fälle kann der Körper
durch den Tausch von unnatürlicher, energiearmer Nahrung gegen natürliche,
lebendige Kost zum mindesten neue Lebenskräfte gewinnen.
Immerhin ist auch hier noch Vorsicht am Platze. Denn der Diät eine übermäßige
Beachtung zu schenken, heißt andererseits, ihr die Möglichkeit eines normalisierenden
Einflusses auf die Körperfunktion von vornherein zu nehmen.
Man kann sich allerdings fragen, ob falsche Ernährungsgewohnheiten oder
verkehrte Haut- und Muskelpflege den Menschen rascher zugrunderichten, ob also,
wenn beispielsweise die Diät einwandfrei ist und nur die Haut und die Muskeln
vernachlässigt werden, dieselbe Person während längerer Zeit gesund bleibt, als wenn
sie etwa Diät und Haut vernachlässigt, dafür aber die Muskeln entwickelt.
Das muß dahingestellt bleiben. Langatmige theoretische Feststellungen haben in
dieser Sache nicht den geringsten praktischen Wert.
Aber wer durchdringen will, der benutze seinen gesunden Menschenverstand und die
ihm vom Schöpfer verliehene Energie, um seine Lebensweise vorsichtig und
allmählich umzustellen, dabei Exzesse zu vermeiden und trotz der damit verbundenen
scheinbaren Unbequemlichkeiten durchzuhalten, bis alle Krankheiten und Leiden (und
nach und nach jegliche Anlage dazu) in ihm verschwinden. Das muß ihm gelingen,
wenn er es richtig anpackt, es sei denn, er beginne zu spät damit. Der Mensch darf
sogar bis zu einem gewissen Grade die innere Grenze der Naturvorschriften
überschreiten, ohne sich zu schaden, nur muß er der äußeren Abgrenzung immer
eingedenk bleiben und muß oft und regelmäßig wieder zu den vollen Vorschriften
zurückkehren. Denn die Natur hat uns mit einer Überfülle funktioneller Vitalität
versehen, dank deren es möglich ist, einen sozusagen vollkommenen körperlichen
Zustand zu erreichen und aufrechtzuerhalten, auch wenn wir ihr bloß zur Hälfte
entgegenkommen. Sie spendet so überschwenglich, daß immer wieder ein Spielraum
zwischen dem hohen Ideal und dem, was der Mensch leistet, bestehen bleiben darf.
Zum Gesetz der vorsichtigen Umstellung gehört aber noch eine andere Vorschrift,
nämlich die der zeitweiligen Unterbrechung: das Spiel der Aktion und der Reaktion.
Arbeit und Rast, Beschäftigung und Ruhe — das eine ist so notwendig und wichtig
wie das andere und das eine wie das andere auf alle Funktionen des Körpers zu
beziehen. Aus dem Bestehen dieses Naturgesetzes wird ersichtlich, daß zwar jede
Körperfunktion ausgeführt werden muß, wenn der Körper beständig gesund bleiben
soll, daß aber in der Arbeitsanstrengung eines jeden funktionierenden Teiles die
Unterbrechungsperioden von ebenso großer Bedeutung sind. Der Mensch muß oft und
regelmäßig geistig und körperlich in seinen Anstrengungen nachlassen, muß die
Aufregungen zum Schweigen bringen und in der warmen Umarmung des Unendlichen
ausruhend wissen, daß alles von einer höheren Macht zu einem guten Ende geführt

151
wird. Auch diese innere Haltung wird von den Gesetzen seines körperlichen Daseins
gefordert.
Alle verheerenden Ergebnisse sind natürlich kumulativ, das heißt, sie steigern sich
langsam und machen sich keineswegs auch schon nach kurzer Vernachlässigung
bemerkbar. Das wäre nicht der Weg der Natur. Bevor Symptome auftreten, die bereits
Aufmerksamkeit erregen, sind ihre Ursachen schon lange, gewöhnlich schon viele
Jahre hindurch, am Werk gewesen. Aus diesem Grunde zeigen sich die meisten
Krankheitsanzeichen erst im mittleren Alter oder bald danach. Viel mehr Leute denn je
in der Menschheitsgeschichte leben heutzutage „gut“ und machen sich zu wenig
Bewegung. Darum sind die Herz- und Arterienkrankheiten, die Nieren-, Leber- und
Gallenblasenleiden, die Erkrankungen des Hirns und des Nervensystems beständig im
Zunehmen begriffen, was am einleuchtendsten aus den Aufstellungen der
Lebensversicherungsgesellschaften hervorgeht. Aus dem gleichen Grunde werden
auch immer jüngere Leute von diesen Erkrankungen ergriffen, die eigentlich
Krankheiten des vorgerückten Alters sind. Von gutunterrichteter Seite wird behauptet,
daß allein in den Vereinigten Staaten jährlich 65 000 junge Menschen unter vierzig
Jahren an diesen Alterskrankheiten sterben, die, wenn man sie überhaupt als
allgemeines Menschenlos ansehen will, nicht vor dem siebzigsten — achtzigsten —
neunzigsten — hundertsten Jahr oder noch später zu erwarten sein sollten.
Da es aber einen Weg zur Vermeidung dieser unnatürlichen und furchtbaren
Erscheinungen gibt — welche Schande für uns Ärzte, die wir unser Leben der
Erforschung der Frage körperlicher Gesundheit widmen, wenn unser eigener Körper
unter Krankheiten leidet! Wir sollten mit uns selbst die heftigste Ungeduld empfinden,
so oft wir an größeren oder kleineren Beschwerden und Übeln erkranken! Mattigkeit,
Kopfschmerzen, Erkältungen, all das sind schreiende Anklagen gegen unsere
Unwissenheit und Hilflosigkeit. Wir sind nicht, was wir sein sollten: Diener der
Gesundheit. Wir geben freilich auch nicht vor, es zu sein. Wir geben vor, Krankenärzte
zu sein, und wir sind es. Wir behandeln Krankheiten und denken über Krankheiten
nach. Wir handeln nicht für die Gesundheit, und unser Denken behandeln nicht die
Gesundheit und sieht die Dinge nicht vom Standpunkt der Gesundheit aus. Und doch
gibt es gewiß kaum einen unter uns, der nicht die krankheitbildende und
gesundheitsfördernde Kraft des Gedankens an sich oder andern schon einmal erfahren
hätte.
Das sind aber Dinge, die auch der Laie entdecken kann. Käme er doch endlich zur
Erkenntnis, daß die Haltung der sogenannten „ärztlichen Autoritäten“ von Jahr zu Jahr
wechselt — er gäbe sicherlich seinen Autoritätsglauben auf und begänne endlich
selber zu beobachten und nachzudenken. Sobald man selbst beobachtet und
unnachsichtig und furchtlos alle vorgefaßten und übernommenen Ideen in den
Schmelztiegel des eigenen scharfen Denkens wirft, gelangt man zwangsläufig zu dem
Schlusse, daß die Natur uns alle gesund haben will; daraus können wir folgern — und
die Beobachtung gibt uns recht —, daß sie uns auch mit allem Notwendigen
ausgestattet hat, um uns diese Gesundheit zu erhalten und zu gewährleisten. Ihre
Mitgift ist immer einfach! Können wir uns überhaupt eine einfachere Lebensregel
denken als die Vorschrift, daß wir aufhören sollen zu tun, was uns im Augenblick
beliebt, und dafür jederzeit tun, was uns zu tun verordnet ist; es sei denn, daß das, was
wir zu tun wünschen, sich mit dem deckt, was wir tun sollen.
Der Leser möge mich recht verstehen; ich nehme nicht Stellung gegen den ärztlichen

152
Beruf. Die heutigen Ärzte sehen ihre Aufgabe darin, den kranken Körper und die
gebrochenen Glieder wieder zu heilen und zu flicken, und die Arbeiter dieses Berufs
erfüllen ihre Pflicht, so gut sie es können und unter Anwendung aller ihnen bekannten
Kunstgriffe. Was ich hier sagen will, ist, daß die Zeit kommen muß, und hoffentlich
früher kommt, als wir es jetzt voraussehen können, da Ärzte dafür bezahlt werden, daß
sie die Leute darüber belehren, wie sie durch Anwendung natürlicher Mittel gesund
bleiben können. Aber diese Zeit kann freilich erst dann anbrechen, wenn die Menschen
genügende Einsicht gewonnen haben, um nach einer solchen Leitung selber zu
verlangen. Der Zweck dieses Buches ist, einer solchen Zeit den Weg zu bahnen. Wer
die künstlichen, das heißt, unnatürlichen Methoden der heutigen Medizin anklagt, darf
nicht vergessen, daß die medizinische Praxis nicht weiter vorgeschritten sein kann, als
das Publikum mitzumachen fähig und gewillt ist; der Arzt, der allein die neuen Wege
zu gehen sucht, muß gewöhnlich verhungern. Die Leute holen sich ja nicht Ratschläge
darüber, wie sie leben sollten, um immer gesund zu bleiben. Sie wollen vielmehr der
Eingebung ihrer lieben Wünsche folgen und die Ärzte dafür bezahlen, daß diese sie
von den Folgen dieser Lebensweise befreien; die Ärzte dürfen ihnen aber nicht etwa
Verhaltungsmaßregeln für ein vernünftigeres Leben geben, sondern müssen ihnen
schnellwirkende Medizinen verschreiben, die ihnen erlauben, in Kürze ihre törichten
Gewohnheiten wieder aufzunehmen.
Vor wenigen Jahren erlebte ich einen eindrucksvollen Beweis für diese Tatsache. Von
einem andern Arzte war ein Geistlicher zu mir gesandt worden; er war über tausend
Meilen weit gereist, um mich zu konsultieren. Da er mir ungewöhnlich intelligent
schien, nahm ich an, daß ich es wagen dürfte, ihm zu sagen, wie er sich in dauernde
Gesundheit hineinleben könne. Obwohl mein Wartezimmer mit Patienten gefüllt war,
nahm ich mir zwei Stunden Zeit, um ihm zu beschreiben, wie er sich von nun an
verhalten müsse. Er hatte sich bereits verabschiedet und stand draußen im Gang, als er
umkehrte und seinen Kopf noch einmal zur Türe hereinstreckte mit der Frage:
„Übrigens, Herr Doktor, bin ich Ihnen etwas schuldig?“ Ich bedeutete ihm,
zurückzukommen, und sagte dann: „Setzen Sie sich noch einen Augenblick. Sagen Sie
mir einmal, warum Sie eigentlich daran zweifeln, daß Sie mir etwas schuldig sind?“
Seine Antwort: „Ich weiß es wirklich selber nicht; vielleicht weil , . . Sie mir nichts
verschrieben haben.“ Darauf ich: „Hatte ich Ihre Zunge angeschaut, Ihren Puls gefühlt,
Ihren Unterleib abgetastet, Sie einige Dinge gefragt und Ihnen ein lateinisches Rezept
aufgeschrieben, so hätten Sie mir dafür mit Vergnügen fünf oder zehn Dollar gezahlt,
sogar wenn das Mittel, das ich Ihnen im Rezept verschrieb, noch weitere drei Dollar
gekostet hätte; stimmt das?“ — „Ja, ich glaube, Sie haben recht“, antwortete er. — Ich
erwiderte: „Aber wenn ich zwei Stunden meiner Zeit und der Zeit meiner Patienten
hergebe und versuche, Ihnen zu erklären, wie Sie gesund werden und bleiben können,
indem Sie einfach Gottes Medizin, die nichts kostet, einnehmen, so denken Sie, daß
ich kein Honorar dafür brauche?“ Worauf er meinte: „0h, von dieser Seite habe ich die
Sache gar nicht angesehen.“ — Hieraus ist ersichtlich, gegen welche Einstellung der
Arzt zu kämpfen hat. Der durchschnittliche Patient wird, wenn sein Doktor ihm bloß
gute Ratschläge erteilt, unverzüglich zu einem andern, einem „vernünftigen“ Arzt
gehen, der ihm etwas zum Einnehmen verschreibt. Auf diesem Gebiet habe ich höchst
merkwürdige Erfahrungen gesammelt.
Ich weiß, daß es vielerorts Ärzte gibt, die mit Natursinn begabt sind und sich mit
den hier erörterten Problemen beschäftigen. Sie sind es satt, nichts weiter als

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Flickschuster einer nachlässigen Kundschaft zu sein, und ihre Ahnung zeigt ihnen ein
höheres Ideal, dem sie sich entgegensehnen. Wie gerne hülfe ich ihnen mit meiner
Erfahrung, es zu erreichen!
Und nun, Leser, noch ein letztes Wort. Hüte die kleine Flamme wohl, die dir zum
Verständnis des weisen Buches der Natur leuchten soll, und trachte, zum mindesten
seine erste Lektion eingehend zu studieren, nämlich die, daß du es deinem Körper
schuldig bist, ihm die Sorgfalt und Pflege angedeihen zu lassen, die er zur
Entwicklung seines vollkommenen Zustandes benötigt. Du schuldest ihm diese
Sorgfalt, weil du sie dem Schöpfer dieses vollkommenen Körpers schuldest. Du
schuldest sie aber ebensosehr deiner Seele und deinem Geiste, denn für sie beide soll
dein physischer Körper Behausung und Tempel sein.
Es gilt den Weg zu finden, welcher zu der von Gott geplanten Vollkommenheit
unseres Körpers führt und damit zugleich auch der Weg zu natürlicher Immunität
gegen Krankheit ist. Aber jede durch menschliche Kunst ausgebaute Straße ist eine
falsche Straße und führt nicht zum Ziel. Der einzige Weg, der direkt zum erstrebten
Ziel der dauernden Gesundheit führt, ist der Weg der Natur. Leicht und mühelos ist er
nicht. Aber die Anstrengung, die das Wandern auf diesem Wege dem Menschen
auferlegt, ist die Erzeugerin eines Stromes, der uns in die Gewässer der höchsten
Lebensharmonie trägt. Sind wir doch nur ein Teil der mannigfaltigen
Erscheinungswelt und folgen bloß den tiefsten Bedürfnissen unseres Wesens, wenn
wir auf den Pfaden der Natur wandeln.
Welches ist denn der Weg der Natur? Ich könnte erwidern, daß er alles ist, was die
Zivilisation nicht ist *. Besser aber ist die Antwort: „Erforsche den Weg der Natur
selber in ihrem allzeit offenen Buche.“ Ein Funken aus der Quelle aller Erleuchtung ist
uns zu dieser Forschungsarbeit gegeben worden: unsere Intelligenz. Wir sollen in
diesem Lichte den uns vorgezeichneten Weg suchen und finden und darauf unseren
Körper zu der für ihn geplanten Vollkommenheit führen, um möglichst viel aus ihm —
nicht etwa für ihn — machen zu können.
Niemand darf im Ernste glauben, daß Krankheit und Leiden eine höhere
Gerechtigkeit hervorbringen; höchstens mögen sie in manchen Fällen imstande sein,
unsere Augen für die Verkehrtheit unserer Lebensgewohnheiten zu öffnen. Krankheit
mag Resignation entwickeln, aber das ist der gerade Gegensatz zu Geistigkeit. Es wäre
reine Lästerung, dem Willen Gottes, dem wir uns selbstverständlich unterordnen
müssen, die Verantwortung für ein Leiden zuzuschreiben, das wir uns selber durch
unsere willkürliche Lebensweise zugezogen haben. Resignation ist negativ; höhere
Geistigkeit, das heißt Glaube, ist durchaus positiv und kann nur aus überquellender
Gesundheit fließen.
Für alle diejenigen, deren Gesundheit nicht jeder Probe standhält, ist Glaube ein
Kampf; aber dem an Geist und Körper vollständig Gesunden ist er selbstverständliche
Lebensäußerung. Diesen erleuchteten, alles besiegenden Glauben müssen wir, wollen
wir an die Stelle gotteslästerlicher und negativer Resignation treten lassen, die alles
selbstverschuldete Leiden Gott zur Last legen möchte.

Vergleiche das Nachwort des Herausgebers auf Seite 284 f.


Nie mehr krank sein heißt zwar nicht, ewig leben. aber es heißt, sich immer wohl
fühlen, solange man lebt, und es bedeutet, daß der Tod still und schmerzlos kommt, in
hohem Alter, sanft und freundlich wie sein Bruder, der Schlaf. Es heißt auch, daß man
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viele und lange Jahre frei von geistigen oder körperlichen Unzulänglichkeiten und
Beschwerden verbringen darf und bis ins höchste Alter mit der angesammelten
Weisheit und dem erworbenen Scharfblick der Erfahrung der Menschheit dienen, die
jüngeren Menschen inspirieren und leiten wird, für Familie, Freunde und Mitmenschen
keine Last, sondern eine beständig wachsende Wohltat ist.
Also nochmals, lieber Leser — und damit nehme ich Abschied von dir —, hüte die
kleine Flamme!

Nachwort des Herausgebers

Der Satz, daß Natur alles ist, was Zivilisation nicht ist (siehe Seite 282), stimmt ohne

155
Zweifel, und wenn der heutige Mensch die Fähigkeit, aus erlebter und
selbstdurchdachter Anschauung zu denken, nicht viel zu wenig entwickelt hätte, wäre
nicht zu befürchten, daß die meisten daraus den „Kurzschluß“ ziehen werden, es sei
nun alles zu verwerfen, was Zivilisation ist, und alles anzunehmen, was Natur ist.
Wir sind in die Zivilisation hineingestellt und können sie nicht wegwerfen. Wir
sollen auch nie und nimmer Natur-, sondern Kulturmenschen werden, doch daß wir
dies noch nicht wirklich sind, dürfte dem, der das Buch Jacksons gelesen hat, nicht
entgangen sein.
Es ergibt sich daraus eine außerordentlich wichtige Aufgabe, die unserer Zeit
gestellt ist, die aber nicht nur vom Arzte zu lösen ist, sondern vom Pädagogen,
Soziologen, Wirtschaftskundigen, Techniker, Landwirt und Praktiker, nämlich die
Aufgabe, den Weg zu finden, auf welchem im Rahmen unserer modernen, ja
modernsten Zivilisation praktisch den ewigen und unabdinglichen Gesetzen des
Lebens genügt werden kann. Das bedeutet nichts weniger, als Natur und Zivilisation,
die beiden unversöhnlichen Antagonisten, zur Zusammenarbeit zu bringen, um das
Ziel einer neuen Kultur zu verwirklichen.
„Unmöglich!“ werden viele ausrufen. Hat man aber die Aufgabe schon einmal
angepackt, ist sie auch nur ernstlich ins Auge gefaßt worden? Haben sich Forschung
und Praxis, die ja bekanntlich meistens das finden und verwirklichen, was sie wirklich
suchen und wollen, ihr schon einmal zugewandt? Ich kann diese Fragen beantworten,
weil sie mich seit fünfzehn Jahren beschäftigen: Nein, dieses an praktischer Bedeutung
kaum erreichte Grundproblem unseres Zeitalters ist noch fast nicht gesehen und
deshalb sehr vernachlässigt worden. Es ist hier wie auf so vielen andern Gebieten in
unserem Zeitalter des Kulturumbruchs: man steht vor scheinbar unlösbaren
Gegensätzen, und es bedarf nur eines neuen, übergeordneten Gesichtspunktes, damit
diese Antagonismen sich nicht etwa versöhnen oder ausgleichen (das wäre
unmöglich), sondern in wechselweisem Zusammenwirken die Synthese eines neuen
hohen Wertes vollbringen, in diesem Falle die Synthese der Grundlage einer neuen,
vielleicht der bevorstehenden Kultur.
Es ist da eine Welt zu entdecken, denn auf allen diesen Gebieten, dem
pädagogischen, dem sozialen, technischen, volks- und landwirtschaftlichen wie auch
dem physiologischen, liegen bereits Lösungsmöglichkeiten, in der Regel als unwichtig
beiseite gelassen, vor, die von dem neuen Gesichtspunkt aus eine teils beschränkte,
teils umfassende, teils unabsehbare Bedeutung erhalten, welche nun endlich kritisch
erwogen, geprüft, durchdacht, gesammelt und zu einem Ganzen vereinigt werden
sollten.
Als ich einst eine kleine Studie schreiben wollte über die Frage, wie der heutige
Mensch als hochspezialisiertes Zivilisationswesen in seinem Dasein die Grundsätze
eines naturnahen, den Lebensgesetzen entsprechenden Lebens verwirklichen könne,
wuchs diese Aufgabe unter der Hand an Umfang und Fruchtbarkeit ins Unabsehbare.
Doch obwohl sie die Möglichkeiten eines einzelnen zu übersteigen schien, suchte ich
sie, so gut es ging, zu bewältigen. Das Ergebnis meiner bisherigen Bemühungen ist
unter dem Titel „Lebenswerte Gegenwart — Doppelgesicht der Not“ (Deukalion-
Verlag) veröffentlicht worden.
Zweites Nachwort

zur Beantwortung einiger Fragen, die öfters an den Herausgeber gestellt werden

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Dr. Jacksons Gesundheitslehre ist geistig nicht in Amerika beheimatet, sondern in
Europa. Im Grunde ist sie uralt; aber in Europa hat man in den letzten fünfzig Jahren
eine größere Durchdringung mit wissenschaftlichem Ernst erreicht und kann auf
umfassender Erfahrungen greifen als irgendwo. Darum wäre es nicht schwer gewesen,
die Darlegungen Dr. Jacksons an vielen Stellen durch wertvolle Beispiele, verfeinerte
Begründungen und glänzendere Beweise zu ergänzen. Der Hauptwert seines Buches
liegt aber in der Übereinstimmung von Wort und Tat: es findet seine glaubwürdige
Bestätigung in der Lebensführung des Verfassers selbst.
Überdies ist es ausgezeichnet geschrieben. So konnte die Aufgabe des Herausgebers
nur darin bestehen, es zu kondensieren, um es besser zur Geltung zu bringen.
Vielleicht wäre da und dort, wie Fragen von Lesern zeigen, eine Anmerkung mehr
anzubringen gewesen. Dies soll im folgenden nachgeholt werden.
Einiges Ungemach bereiten vor allem die „Unverträglichkeitstabellen“ auf Seiten
187 bis 190, wenn der Leser zur Anwendung schreitet. Um die Gesundheit nicht zu
beeinträchtigen, wird empfohlen, bestimmte Speisegruppen bei ein und derselben
Mahlzeit nicht gemeinsam zu verwenden. Liest man aufmerksam, so findet man
allerdings, daß Dr. Jackson diese Tabellen mehr als Anregung aufführt, keine strikte
Observanz verlangt und die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Wesentliche lenkt:
die Nahrung sei möglichst naturnah und schlicht zu wählen. Praktisch haben die
Tabellen aber den Nachteil, daß sie die Durchführung der Diät komplizieren und eben
doch vom Wesentlichen ablenken. Wir kennen keine ausreichende Begründung für die
von Dr. Jackson behauptete Unverträglichkeit der Speisegruppen außer in
verhältnismäßig seltenen Fällen von ausgeprägten allergischen Störungen. Vielleicht
war Dr. Jackson selbst in solchem Falle. Es wäre dann aber nicht gerechtfertigt, diese
Selbstbeobachtungen auf die Allgemeinheit zu übertragen, und es wäre schade, wenn
andere deswegen auf so natürliche und schöne Geschmackszusammenklänge wie
Apfel und Brot, Habermus und Milch oder Kartoffeln und Quark oder Käse verzichten
müßten, die in alten Zeiten und bei gesündesten Völkern Grundkost waren. Es liegt
dafür keine Notwendigkeit vor, wenn es auch eine ganz gute Idee ist, versuchsweise
einmal von ganz ungemischter Kost zu leben und nach Pfahlbauersitte jede Speise für
sich in den Mund zu nehmen und zu Ende zu kauen, damit der Gaumen wieder zum
Werkzeug untrüglichen Instinktes werden kann.
Wenn wir hier die sogenannten Unverträglichkeiten nicht beobachten konnten, so liegt
dies vor allem daran, daß wir von der einfachen Regel ausgingen: Jede Mahlzeit mit
lebensfrischer Nahrung beginnen, im nüchternen Magen, bis zur Stillung des besten
Appetits. Pflanzliche Rohnahrung enthält nämlich in reichlichen Mengen zelleigene
Enzyme, das sind Wirkstoffe, die sehr leicht zugrundegehen und darum lange für
bedeutungslos gehalten wurden, weil man annahm, sie würden durch die Magensäfte
ohnehin zerstört. Heute weiß man aber, daß sie dank eigenartiger Schutzvorrichtungen
unversehrt in den Darm gelangen und im Colon dadurch Bedeutung erhalten, daß sie
intensiv den vorhandenen Sauerstoff an sich reißen. Sie stellen also eine anärobe
Umwelt her, die nötig. ist, um die verdauungsfördernde Bakterienflora gedeihen und
die Fäulniserreger und Darmgifterzeuger verkümmern zu lassen, und sie bewirken so
auf eine wunderbar einfache Weise jene Umstimmung der Darmbakterienflora, die
man mit so vielen künstlichen Mitteln zu erreichen versucht. Wie groß die Bedeutung
einer solchen Umstimmung für die Gesundung ist, darüber ist heute kein Wort mehr zu

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verlieren. Unter nicht allzu ungünstigen Umständen scheint eine bescheidene Menge
Rohnahrung zu genügen, um diesen Effekt zu erreichen, wenn sie zu Beginn der
Mahlzeit in nüchternen Magen kommt. Wunderbarerweise scheint dies dem
Nervensystem „bewußt“ zu sein, denn dann und nur dann, wenn zu Beginn der
Mahlzeit eine gewisse Menge Rohnahrung die Geschmacksnerven passiert, unterbleibt
das, was man die physiologische Verdauungsleukozytose nennt, d. h. ein
Grenzschutzaufgebot der weißen Blutkörperchen in die Darmwand. Eine solche
„Grenzbesetzung“ ist ja dann tatsächlich unnötig, weil für ein sauerstofffreies
Darmmilieu gesorgt ist, in welchem die giftproduzierenden Bakterien nicht gedeihen.
Diese Zusammenhänge sind erst in den letzten Jahren erforscht worden und waren Dr.
Jackson noch nicht bekannt. Man befolge also die erwähnte Regel, die von Dr.
Bircher-Benner vor dreiundfünfzig Jahren auf Grund seiner Beobachtungen aufgestellt
wurde; man erreicht damit eine erhebliche Vereinfachung und einen stärkeren Auftrieb
der Gesundungskräfte.
Es wird oft gefragt, wo „Römerkost“ und „Malzmilch“ hierzulande erhältlich seien
oder was man an deren Stellen nehmen könne. „Römerkost“ („Roman meal“) ist
einfach alte Schweizerkost, nämlich Kornmus. Man beziehe von einem Reformhaus
gewaschenen Ganzweizen und mahle ihn in der kleinen schwedischen Kornmühle
(siehe Ackerbaustelle), mühsamer in der Kaffeemühle, fixer im Turmix, oder man
lasse sich von einer Mühle (z. B. Mühle Tiefenbrunnen - Zürich) frischgemahlenen
Vollweizen kommen, weiche über Nacht ein (4 Eßlöffel Wasser auf 50 g Korn) und
genieße das Mehl so, unerhitzt, in Milch oder mit Obst. Ansteckung mit dem
Strahlenpilz ist nach neuerer Forschung (Lentze) bei Rohgetreidebrei nicht zu
befürchten. Man kann den Brei aber auch kurz kochen und nachbrodeln lassen. Das
schmeckt ausgezeichnet und gibt eine Sättigung, die sehr viel länger anhält als jene
von Kaffee, Weggli, Butter und Konfitüre. Unsere schweizerische Mandelmilch (Nuxo
oder Phag) ist der amerikanischen Malzmilch vorzuziehen.
Viele fragen nach dem Befinden und der Adresse von Dr. Jackson. Nach
Nachrichten aus Kanada ist der Verfasser dieses Buches vor einigen Jahren hoch in
den Achtzigern an einem Schlittschuhunfall, bei dem er hilflos liegenblieb und sich
eine Lungenentzündung holte, gestorben. Es ist außerordentlich zu bedauern, daß seine
hohe, jugendliche Gestalt nicht mehr unter den Lebenden ist und durch ihr Beispiel bis
zum natürlichen Lebensende für seine Lehre zeugen und wirken kann. Unfall und
Lungenentzündung waren und sind neben Altersschwäche natürliche Todesursachen
der Ganzgesunden.

Wir sind froh, wenn Sie dieses hilfreiche Buch weiterempfehlen, um ihm eine recht
große Verbreitung zu verschaffen.
Ihre Freunde und Bekannten werden Ihnen dafür dankbar sein.

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