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Juni 2011 DIE ZEIT No 23 WISSEN

orschen mit
Facebook
Wissenschaftler nutzen Soziale Netzwerke
als Labors für ihre soziologischen Studien
VON CHRISTIAN HEINRICH

er traurigste Tag des Jahres Jahren weit verbreitet. Doch inzwischen gewinnt man überhaupt eine wirkliche Beziehung haben dass potenzielle Arbeitgeber Frauen in Vor- len die alle kompromittierenden Partyfotos

D
2010 war für die Deut- die Gegenthese an Boden: dass wir unsere Per- kann. Die Grenze seien 150, offline wie online, stellungsgesprächen strenger bewerteten, wenn sehen können? Die Möglichkeit von Face-
schen laut Facebook der 7. sönlichkeit einfach auf die Sozialen Netze aus- postulierte vor einigen Jahren der Anthropologe sie vorher auf ihrem Facebook-Profil allzu offene, book, Freunde bestimmten Gruppen zuzutei-
Juli. Als die Nationalmann- dehnen. Zeige mir dein Facebook-Profil, und ich Robin Dunbar von der Oxford University – mehr saloppe Äußerungen gefunden hatten. Umfragen in len, hält Gosling noch nicht für ausreichend.
schaft bei der Fußballwelt- sage dir, wer du bist. verkrafte unser Gehirn nicht. Tatsächlich scheint Unternehmen ergaben, dass Facebook-Surfen bis zu Längst wirkt das Soziale Netzwerk auf unser
meisterschaft in Südafrika Wer hat recht? Mitja Back, Psychologe an der Facebook das zu bestätigen: Auch in Sozialen Net- fünf Prozent der Produktivität schluckt. reales Leben zurück. Es beeinflusst, welche Konzer-
mit 0 : 1 gegen Spanien Universität Mainz, wollte es wissen. Gemeinsam zen gilt die Dunbar-Zahl, wie sie inzwischen ge- All diese Forschungen sind nur die ersten Son- te wir besuchen, welche Produkte wir kaufen, wo
verlor und damit das Finale verpasste, sank der mit Kollegen, darunter auch Sam Gosling nannt wird. Die durchschnittliche Zahl an den, mit denen Wissenschaftler in das neue Sozial- wir essen gehen. »Vor fünf Jahren suchte man im
»Facebook Happiness Index« auf sein Jahresmini- aus Texas, rekrutierte er 236 Nutzer von Freunden liegt bei 120. Und selbst wer geflecht vordringen. »Eine Menge ungelöster Fragen Internet noch den Chinesen anhand der Speisekar-
mum. Die Stimmung in dem Sozialen Netzwerk Facebook und StudiVZ aus Deutschland mehr als 500 hat, kommuniziere nur mit liegt vor uns«, sagt Sam Gosling. Wie gehen Men- te aus. Heute schauen viele nur noch, wer ihn bei
war demnach trüber als an jedem anderen Tag. und den USA. Die Forscher verglichen einem knappen Dutzend von ihnen regel- schen zum Beispiel damit um, dass sie auf Facebook Facebook mit ›gefällt mir‹ markiert«, sagt Gosling.
Im Jahr 2007 hat das Unternehmen diesen die Persönlichkeit und Verhaltensweisen, mäßig direkt über Nachrichten, hat Mar- ihre unterschiedlichen Freundeskreise nicht mehr »Facebook ist eine neue Möglichkeit, Einfluss zu
Index eingeführt. Anhand von positiven und die das Profil auf ihrer Internetseite wider- lows Team festgestellt. voneinander trennen können? Offline differenzieren nehmen«, bestätigt auch der Medienwissenschaftler
negativen Begriffen in den Statusmeldungen, die spiegelt, mit dem Verhalten, das die Men- Und was ist mit der dunklen Seite von wir da sehr stark – seit Jahrhunderten. »Schon die Cliff Lampe von der Michigan State University.
Facebook-Nutzer ins Netz stellen, ermitteln die schen offline an den Tag legten. Sie machten Facebook? Mit Online-Stalking, Mobbing und der Medici haben streng unterschieden zwischen Hei- Manches YouTube-Video wird erst durch eine Er-
Betreiber der Seite die kollektive Stimmung der mit den Testpersonen und jeweils vier Freunden Weiterverbreitung peinlicher Partyfotos? Von den ratskreisen und Handelskreisen und sind damit in wähnung auf einem Facebook-Profil wirklich be-
Facebook-Gemeinde international, aber auch für Persönlichkeitstests, während sie den Charakter offiziellen Firmen-Forschern wird man darauf wohl beiden Kreisen ziemlich erfolgreich gewesen«, sagt kannt, haben Forscher aus Zürich bereits 2008 ge-
einzelne Länder. Am schlechtesten bisher war auf den Onlineprofilen von Fremden einstufen kaum eine Antwort bekommen. Der Student Robert Schobin. Auf Facebook sieht jeder »Freund« alle zeigt. Und so könnten die Sozialen Netze dazu
demnach die Stimmung der Deutschen am 23. ließen. Das Ergebnis sei eindeutig gewesen, sagt Wilson von der University of Texas hat alle bisher unsere Veröffentlichungen – der Kumpel aus dem führen, dass wir uns in einer immer mehr fragmen-
Januar 2008. Am Vortag hatte sich der Film- Back: »In den Facebook-Profilen spiegeln sich erschienenen Forschungsarbeiten über das Soziale Fußballverein wie der Chef im Büro. Viele Studen- tierten Öffentlichkeit wieder so orientieren wie
schauspieler Heath Ledger das Leben genom- reale Persönlichkeitseigenschaften wider.« Netz gelesen und eine Handvoll zu den Problemen ten zögern schon, wenn ihre Dozenten oder gar El- einst unsere Vorväter: nämlich an dem, was unsere
men. Und die höchsten der Gefühle, abseits von Für Nicole Ellison, Medienwissenschaftlerin mit Facebook gefunden. So wurde etwa festgestellt, tern ihnen die Online-Freundschaft andienen. Sol- Freunde empfehlen.
Feiertagen wie Weihnachten, Silvester und an der Michigan State University, war das keine
Ostern, zeigte die Nation am Tag nach der Wahl Überraschung. »Dass sich alles ändert, das dachte
von Barack Obama zum Präsidenten der USA. man schon beim Telefon, auch bei der E-Mail.
»Der Index ist schneller und genauer als jede Inzwischen sind diese Medien so gut in den All-
Umfrage, bei der immer auch die Gefahr besteht, tag integriert, dass wir gar nicht mehr darüber
dass man keine wahrheitsgemäßen Antworten nachdenken. So wird es bei Sozialen Netzwerk-
erhält«, sagt der Sozialwissenschaftler Niels van seiten auch sein, so ist es heute bis zu einem ge-
Doorn, der zurzeit an der Johns Hopkins Uni- wissen Grad schon.«

B io -E rd ga s.
versity in Baltimore arbeitet. Schon wegen der Mehr als 200 nur mit Facebook-Daten zu-
Menge seiner Daten schlage der Facebook-Indi- stande gekommene wissenschaftliche Arbeiten
kator bei der statistischen Genauigkeit alle kon- wurden bereits veröffentlicht. Die Untersuchun-
ventionellen Erhebungen. »Eine Analyse dieses gen beschäftigen sich zum Beispiel mit der Frage,
Umfangs ist erst mit den Sozialen Netzwerken wie sich Facebook an Universitäten in der Lehre

Die e rne ue rbare E ne rgie.


im Internet möglich geworden.« Andererseits: einsetzen ließe oder wie man durch Soziale Netz-
Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall in Japan werke die ärztliche Betreuung verbessern könnte.
hinterließen keine Delle im Facebook-Index. Auch für Familienforscher ist das neue Medium
Waren die Deutschen von den Ereignissen völlig interessant. »Früher haben sich selbst große Fa-
unbeeindruckt? milien regelmäßig an einem zentralen Ort ge-
Auf Facebook äußern Menschen ihre Gedan- troffen, etwa im Haus des Ältesten«, sagt Janosch
ken und Gefühle vor ihrem Freundeskreis. Und Schobin vom Hamburger Institut für Sozialfor-
diese Entblößungen werden dauerhaft in einer schung. »Eine norwegische Studie zeigt, dass
Datenbank gespeichert. Der mangelnde Daten- auch Familienbeziehungen zunehmend auf Face-
schutz in Sozialen Netzwerken book gepflegt werden.« Man
wird immer wieder kritisiert, tausche Bilder, Videos, Neuig-
aber für Soziologen und Psy- Datenmonopol keiten aus und stärke so den fa-
chologen können die Daten miliären Zusammenhalt. »Ge-
einen wertvollen Fundus dar- Nur die bei Facebook rade für verstreute Familien
stellen. Manche sprechen schon beschäftigten Forscher dürfte diese Möglichkeit auf
von einer neuen Ära der em- Dauer immer attraktiver wer-
pirischen Sozialforschung. Al- haben vollen den«, sagt Schobin. Nachdem
lein auf Facebook sind 700 Zugriff auf die die Globalisierung die Welt ver-
Millionen Menschen angemel- Nutzerdaten größert hat, lassen Soziale Netze
det, die einander Nachrichten sie wieder näher zusammenrü-
schreiben, Bilder und Videos cken. Die Motivation aber ist
miteinander teilen und ihre dabei häufig die gleiche wie vor
Lieblingslinks austauschen. Mit Hunderten von Jahren.
jeder Aktivität offenbaren sie Das größte Problem für die
ein bisschen mehr über ihr Leben, ihre Ansich- Forscher ist, überhaupt an die Daten zu kommen.
ten, Sehnsüchte und Abneigungen. Entgegen dem Vorurteil sind die Facebook-Ent-
Niels van Doorn hat bereits vor einigen Jah- blößungen eben nicht für jeden zugänglich. Wer
ren fünf Wochen lang die Mitteilungen, die ein von außen etwa mit Suchrobotern versucht, an
Kreis von 19 niederländischen Freunden im So- möglichst viele Nutzerdaten zu kommen, der erhält
zialen Netzwerk Myspace untereinander aus- nur das, was die Mitglieder für jedermann öffent-
tauschte, mit deren Einverständnis protokolliert lich zeigen – und das ist oft nicht mehr als der
und analysiert. Er sammelte Hunderte von Name. Zudem verbietet Facebook diese Sammelei
Nachrichten, angefangen vom Austausch über in seinen Nutzungsbestimmungen und droht mit
die Erlebnisse im Nachtclub am Vortag bis hin Klagen. Nur in sehr wenigen Fällen hat die Firma
zu Fragen nach geliehenen CDs. Die Kommuni- anonymisierte Datensätze an externe Forscher wei-
kation der Clique gliederte er in vier Bereiche: tergegeben.
Popkultur, Nachtleben, Drogen und Sexualität. Die übliche Methode, die externe Forscher
2009 veröffentlichte er seine Ergebnisse in der wie Janosch Schobin benutzen: Sie programmie-
Zeitschrift New Media and Society – das Protokoll ren eine Anwendung, die mit Zustimmung der
eines authentischen Austauschs, untersucht mit Nutzer die Aktivitäten automatisch aufzeichnet.
der Forscherlupe des Sozialwissenschaftlers. »Sol- Verweigert aber nur eine Handvoll Nutzer aus
che Daten hätte ich vor zehn Jahren kaum so un- der Zielgruppe die Zustimmung, ist der Daten-
kompliziert sammeln können«, sagt van Doorn. satz schon nicht mehr repräsentativ.
Ungeordnet ist die Datenflut zunächst ein rie- Gut dran sind die Wissenschaftler, die für
siger Haufen Informationsmüll. »Aber wer richtig Facebook selbst arbeiten – ihnen steht der ge-
sucht, findet darin unermesslich kostbare Daten- samte Datenbestand offen. Unter Leitung des
schätze, die nur darauf warten, von uns untersucht Soziologen Cameron Marlow beschäftigt die
Illustration: Niels Schröder für DIE ZEIT/www.niels-schröder.de

zu werden«, behauptet Sam Gosling, Psychologe Firma das Facebook Data Team, eine mehr als
an der University of Texas. In seinem Tonfall 15-köpfige Gruppe von Soziologen und Sta- Gut für die Umwelt, gut für Sie. BIO-ERDGAS.
schwingt die Erregung des Goldgräbers mit, tistikern. Von ihnen stammt auch der
der in wertlosem Geröll nach Nuggets Facebook Happiness Index, den sie in- BIO-ERDGAS gehört die Zukunft. Es wird aus nachwachsenden Rohsto�en produziert
sucht. »Wir werden in den nächsten Jah- zwischen so weit verfeinert haben, dass und besitzt Erdgasqualität. Außerdem ist es CO2-arm und leistet einen wichtigen
ren eine Menge über uns lernen!« sich die Daten auch gezielt für bestimmte Beitrag zum Umweltschutz. BIO-ERDGAS wird bei uns in Deutschland erzeugt
Aber lernen die Forscher dabei tatsäch- Personenkreise auswerten lassen. Sind bei- und auch genutzt: Zum Beispiel als saubere Energie für Erdgas-Heizungen. Mehr
lich etwas über die Menschen – oder nur darü- spielsweise Mitglieder, die angegeben haben, in Informationen unter der Infoline 0180 2 00 08 25* oder unter
ber, wie die sich darstellen? Ist das Verhalten in einer Beziehung zu sein, glücklicher als der
Sozialen Netzwerken tatsächlich authentisch? Durchschnitt? Ja, sind sie. Natürlich beteuern www.erdgas.info/bio-erdgas
Oder schaffen sich die Beteiligten eine künstliche die Facebook-Forscher, die Daten würden nur
* 6 Cent/Anruf aus dem Netz der Deutschen Telekom, max. 42 Cent/Min. aus den deutschen Mobilfunknetzen.
Identität, die mit ihrem »Offline-Verhalten« nur anonym verarbeitet und ließen keinen Rück-
wenig zu tun hat? Die Ansicht, der Benutzer er- schluss auf einzelne Personen zu.
schaffe auf den Seiten ein geschöntes, idealisier- Cameron Marlows Data Team hat auch eine
tes Bild seiner selbst, war in den vergangenen Antwort auf die Frage, mit wie vielen Menschen