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Aufklärung über das Samstag-Nacht-Fieber

© Christof Wahner 2009

Verbreitung

Beim Samstag-Nacht-Fieber (abgekürzt SNF) handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit um eine Pandemie, die selbst mit den größten Anstrengungen der nationalen und
internationalen Wohlfahrtsorganisationen auf absehbare Zeit kaum noch eingedämmt werden kann.
Allein in Deutschland beläuft sich der durch SNF-Erkrankungen und deren Folgen bedingte wirtschaft-
liche Schaden nach amtlichen Schätzungen jährlich auf etwa 1,2 Billionen Euro.

Symptome

Realitätsflucht, Arbeitsallergie, Sensationsgier, Umtriebigkeit, Vergnügungssucht, übermäßiger


Bewegungsdrang, gesteigertes Bedürfnis nach Geselligkeit, ungewöhnliche Schweißausbrüche,
deutlich reduzierte Affektkontrolle, temporäre Schwerhörigkeit, Erschöpfung, Schwindelzustände.

Krankheitsverlauf

Die ersten SNF-Symptome zeigen sich schon beim Beginn der sogenannten Wochenendplanung,
die in extremen Fällen – ähnlich wie beim Las-Vegas-Fieber – bereits am Montag Vormittag beginnt.
Nicht selten endet das Samstag-Nacht-Fieber im Bett, sei es im eigenen Bett oder zur Not in einem
fremden Bett, im schlimmsten Fall jedoch in der Gewalt von Bagger-, Planier- und Walz-Fahrzeugen,
verbunden mit ganzkörperlicher Hyperaktivität sowie intensiven Gefühls- und Schweißausbrüchen.
Oft kommt es dann zu sonntäglicher Bettlägerigkeit, die mitunter bis 16 oder 17 Uhr andauern kann.
In den meisten Fällen wiederholt sich die Symptomatik im Rhythmus von 7 oder 14 Tagen.

Epidemiologie

Schwer-depressive, monomanische sowie puritanisch und pietistisch veranlagte Personen, Koma-


Patienten und die als "Freizeitmuffel", "Spielverderber", "Workaholics", "Streber" und "Außenseiter"
verleumdeten Pioniere des ökonomischen Fortschritts sind vor SNF-Infektionen hinreichend sicher.
Auch der geschlossene Strafvollzug, vor allem in Hochsicherheitstrakten schützt vor SNF-Infektion.
Auch allein erziehende Eltern mit drei oder mehr Kindern unter 6 Jahren sind vor SNF-Infektionen
relativ sicher, sofern sie im ausreichenden Maß ihrer elterlichen Verantwortung nachkommen.
Die Infektion vollzieht sich meistens durch gesellschaftlichen Konformitätsdruck, der ideologisch von
entsprechendem Liedgut untermauert wird. Für eine nachhaltige Infektion genügt mitunter schon ein
verführerisches Lächeln einer SNF-infizierten Person in Verbindung mit manipulatorischen Sätzen
wie "Ach, sei doch kein Frosch und komm einfach mit". Sogar in durchaus harmlos erscheinenden
Kinderbüchern werden die Gefahren der SNF-Erkrankung systematisch bagatellisiert, wie etwa in
dem symptomatischen Klassiker von Paul Maar "Am Samstag kommt das Sams", in dem der recht-
schaffene Bürger Martin Taschenbier in Folge eines arbeitsfreien Tages an einem Freitag durch die
Gedanken an das ungewohnte Ausmaß von Freizeit am bevorstehenden verlängerten Wochenende
psychisch dermaßen überfordert wurde, dass sein Immunsystem den überaus närrischen Umtrieben
eines mit dem Decknamen "Sams" getarnten SNF-Erregers nur für kurze Zeit widerstehen konnte.
Differenzialdiagnostik

Las-Vegas-Fieber, Ibiza-Fieber, Vögelgrippe, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität-Syndrom (ADHS)

Inkubation

Zwischen der Infektion mit SNF-Erregern und dem Auftreten der ersten Symptome vergehen oft nur
wenige Sekunden. Der verhängnisvollste Fall besteht dann, wenn die Betroffenen nicht das Geringste
von der von ihnen ausgehenden Ansteckungsgefahr ahnen und unwissentlich, aber auf umso heim-
tückischere Weise ihre Mitwelt schrittweise ins Verderben stürzen.

Therapie

Durch medikamentöse Behandlung mit bestimmten Narkotika kann man Patienten über eine gewisse
Zeit hinweg ruhig stellen, um sie vor den schlimmsten Spätfolgen einer SNF-Infektion zu bewahren.
Auch ganzkörperliche Kühlung mit Eisbeuteln und intensive Kneipp-Anwendungen können helfen.
Allerdings gilt im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung eine Therapie als aussichtslos, so dass
leider viele Patienten selbst nach mehrwöchiger Intensivbehandlung als unheilbar entlassen werden.

Prävention

SNF-Erkrankungen können verhütet werden durch Quarantäne in arbeitsintensiven Projekten mit


Videoüberwachung, Berufstätigkeit in Nachtschicht oder in Arbeitsfeldern, in denen die Wochentage
korrekterweise sinnfreie Zeitabschnitte bezeichnen, wie dies etwa in der Informatik der Fall ist.
Arbeitspausen, in denen man sich über sachfremde Themen privater Natur austauscht, sind streng
zu meiden, vor allem wenn es um die Aktivitätenplanung für ein verlängertes Wochenende geht.
Bei ausreichender suggestiver Beeinflussbarkeit kann es sehr viel nützen, das Wort "Samstag" etwa
durch "Bilanztag" zu ersetzen und den ganzen Tag bewusst für intensive Recherchen zu reservieren,
um möglichst alle persönlichen Versäumnisse während der vergangenen Arbeitswoche zu erforschen.
Eine zuverlässige Methode zur Immunisierung gegen SNF-Erreger ist derzeit noch nicht bekannt.
Es muss eindringlich darauf hingewiesen werden, dass die flächendeckend angepriesenen Schluck-
impfungen in alkoholischer Lösung in einem gewissen Maß sogar SNF-Infektionen beschleunigen.
Wirksame SNF-Prävention und -Selbsthilfe wird von weltanschaulichen und politischen Organisationen
mit überdurchschnittlicher Eigendynamik betrieben wie etwa von den Zeugen Jehovas, von der Partei
Bibeltreuer Christen, von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, von Scientology-Organisationen,
von rechts- und links-extremistischen Gruppierungen sowie vom Bundesnachrichtendienst, allein
schon indem sich diese Selbsthilfe-Organisationen immer wieder untereinander Ermittlungsaufträge
verschaffen und auf diese sinnvolle Weise ohne Wochenend-Unterbrechung ihre Nerven aufreiben.

Kulturgeschichtliche Aspekte

Welch erschreckendes Ausmaß frühere SNF-Pandemien hatten, zeigt allein schon die Tatsache,
dass man im Altertum zuerst dem Gott des Rausches (Dionysos bzw. Bacchus) Opfer darbrachte,
um die Bevölkerung vor der allseits gefürchteten SNF-Infektion zu bewahren. In der späteren Phase
des kulturellen Verfalls jedoch schädigte die Pandemie alle Nervensysteme mit solcher Vehemenz,
dass man dann das Samstag-Nacht-Fieber an sich verehrte. Ähnliches wird für den Fall befürchtet,
dass eines Tages Dieter Bohlen das Bundeskanzler- oder Bundespräsidenten-Amt bekleiden sollte.