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Oswald Wiener

am 14.12.2019 in seiner
schwarzromantischer, dann mit dandy­ Ungeduld und Abwehrhaltung Wieners
Arbeitsbibliothek in hafter Verve vorgetragen, viele literari­ gegen das „Persönliche“ dieses Diskurses
Kapfenstein, im sche Leser*innen schauern ließ. geschuldet. Eine der Folgen des Ver­
Hintergrund Ingrid Wiener
Foto: Thomas Raab Aber eben auch ahnen ließ, dass hier der suchs, das Wesen der Wissenschaft
Dichter der verbesserung von mittel­ nach innen zu verlegen, ist nämlich
europa, roman seinen symbolischen politisch: Nicht die Manipulation der
Hammer auf das historisch „narrische Außenwelt, zu der auch das Verhalten
Bandl“ zwischen Natur- und Geistes­ gehört, sondern die Manipulation der
wissenschaften hatte krachen lassen. eigenen Bedürfnisse (auch ohne Drogen,
Denn das (institutionell) Unausge­ die ja ebenso äußerlich angewandt
sprochene der Sozial- und Human­ werden) wird dadurch zum Kern einer
wissenschaften ist, dass die behavio­ möglichen politischen Agenda.
ristische Methode zur Steuerung Mit Freund*innen freut man sich.
von Mensch und Maschine hinreichen Oswald freute sich gerne. Am liebsten
kann. Dazu muss nur die statistische sprach, scherzte und argumentierte
Berechnung, mit der sie umgesetzt wird, er in seinem großen Freundeskreis, der
technisch effektiv genug vonstatten­ sich aus den Lebensstationen Wien,
gehen. Die äußerliche Beobachtung, Berlin, Dawson City (Yukon) und der
Messung und Korrelation menschlichen Steiermark speiste und den er mit seiner
Tun und Lassens wird dabei allerdings kongenialen und nicht weniger produk­
durch Gewöhnung zusehends zu Erklä­ tiven Ehefrau, der Künstlerin Ingrid
rung und Definition des Menschlichen. Wiener, buchstäblich versorgte. „Sein
Wir merken das an den Freund-Feind- Medium war die Entourage“, sagt mein
Schemen in sozialen Krisen. Freund Cornell Schreiber – ein Kalauer
If it is worth being done, Gegen dieses statistische „Weg­
definieren“ des, ja, menschlichen
zwar, aber in der Sach’ dennoch Grund
genug, dass allzu viele schon zu seinen
it is worth being done well Kerns, der eben im Verstehen, Orientieren
und Ordnen der Umwelt besteht, ist
Lebzeiten seltsamerweise Informationen
aus zweiter und dritter Hand (aka Wiki­
Wiener abwechselnd kritisch affirmativ pedia) bevorzugten, anstatt ihn einfach

Oswald Wiener oder wissenschaftlich kritisierend


vorgegangen. Das Schwanken zwischen
„anzumorsen“, wie er sich gerne aus­
drückte. Oswald war jederzeit bereit, die

5.10.1935–18.11.2021
Humanismus und Posthumanismus, Diskussion mit jedermann und jeder­
der gerade wieder einmal modern zu frau zu führen. Doch bevorzugten die
werden aufhört, gab seiner Arbeit meisten, wie es scheint, den Mythos
etwas tragisch Faustisches. Bis zuletzt dieses Mannes, den er – freilich aus
war er, und nicht nur er, der Meinung, praktischen Gründen – oft mitnährte.
dass nur die von der akademischen Allein dieser Mythos ist Weltliteratur.
Psychologie geschmähte, weil nicht Wenn man über 0. etwas Echtes
Text: Thomas Raab streng intersubjektive Methode der schreiben will, sollte man daher, glaube
Selbstbeobachtung anhand formaler, ich, tunlichst nicht bei den bekannten
Der sagt: „Ich hab mein Sach auf halbformaler und alltäglicher Probleme Klischees, das heißt bei Historiografie,
Nichts gestellt“: hat der nicht immerhin Ergebnisse wird liefern können, die das Genie und Anarchie beginnen. Welches
ein Sach, ein Ich, sie gestellt zu genannte definitorische Merkmal des Verhalten zeichnete den Mann abge­
haben, eine Grammatik, einen Sinn, Menschen klarer umreißen kann. Denn sehen von den wuchtigen Selbstschutz­
mit ihrer Hilfe an den Mann zu bringen, ohne diesen Umriss – ich scheue, es routinen, die ihn vielen unsympathisch
und, um diesen nicht auszulassen, zu wiederholen – ist auch die Neuro­ machten, aus?
einen Zuhörer, der solche Sätze auf wissenschaft nicht mehr als „educated Mir fällt ein, wie begeistert er seine
sich wirken läßt? Schabernack“. immer perfekt durchgearbeiteten
O. Wiener, 0 (1981) Dieser Einsatz, der bereits mit dem Manuskripte an die wenigen engen
zweiten, produktiven Teil der verbesse­ Freund*innen schickte. Dabei wollte
Seit Mitte 2018 unterschrieb mein rung begann und zuerst den Namen er, gewiss, auch Lob für die immer
Freund Oswald Wiener seine Mails Bio-Adapter trug, führte zuletzt zu dem beträchtliche Leistung, aber vor allem
und SMS mit „0.“ (Null.). Es war dies von Thomas Eder und mir herausgege­ anderen – Auseinandersetzung. Dass
Ausdruck der unverzweifelten Einsicht, benen Sammelband Selbstbeobachtung: ich diese nicht immer „geschafft“ habe,
dass seine jahrzehntelange Arbeit als Oswald Wieners Denkpsychologie, tut mir heute zu spät leid, aber – das
Erkenntnistheoretiker nun auch von der 2015 bei Suhrkamp erschien und in muss gesagt werden – Oswald war nicht
den neuesten Einsichten der letzten dem jede*r Interessierte auch über 0. unstreng, besonders wenn es um
Jahre her betrachtet noch nicht zu dem mehr erfahren wird als aus jeder bio­ Argumente vor deren Veröffentlichung
von ihm erhofften Durchbruch geführt grafischen Skizze. ging. Man konnte sich an ihm nicht
hatte. Dass dieses Projekt bis heute am „vorbeischummeln“, dazu war seine
Es war nicht mehr die nihilistische Rand des „öffentlichen Diskurses“ wohlwollende Neugier viel zu groß.
Null des Aufsatzes 0, die, zuerst mit blieb, ist nicht einzig der einstigen Aber man musste bei der Sache bleiben.

76 springerin 4/2021 Zeuge/Zeugin sein, Artscribe, Lektüre


Für Spaß und Unterhaltung gab es ich von vielen seiner Gedanken als Man muss es zum Gebrauche kon­
immer ein Abendprogramm. Schriftsteller und als Wissenschaftler textualisieren und ihm damit Struktur
So „wachelte“ Oswald bis zur letz­ profitiert habe – kaum je mehr als coole geben. Das war Oswalds Kernidee und
ten Sekunde mit dem Wimpel der Stichworte aufgenommen. Sehnsucht: strukturieren und damit
Aufklärung, der er nicht wenig Opfer Doch ach! Genau dieses tiefere verschwinden für alle, die nicht nach­
brachte, besonders was Ruhm, Sicher­ Aufnehmen machte Oswald ja so denken wollen – die blind tun und lassen
heit und Familie anging. So wie Aufklä­ schwierig, da sein Denken, ganz Philo­ und damit in der „großen Maschine
rung und Kunst als Motoren von Fort­ soph, immer auf die Genauigkeit der Gesellschaft“ zwar genannt werden, aber
schritt und Zerstörung zugleich Definition zielte. Immer nahm er die dennoch im Formalismus untergehen.
verstanden werden können, ist auch Definitionen der anderen ernst und ver­ Nun ist Oswald Wiener als Mensch
Oswalds Bedeutung für die Kunst suchte, sie für sich selbst und für den und als Autor verschwunden. Er war
ambivalent. Ja, er sympathisierte mit Erkenntnisgewinn zu explizieren. „If it’s bis zuletzt mit seinen Freund*innen und
den Wiener Aktionisten; ja, er arbeitete worth to be done, it’s worth to be done Mitstreiter*innen auf gedanklicher
mit Dieter Roth; ja, er „performte“ (er well“, ein Diktum für alles, blieb seine Ebene eng verbunden. Sein Tod wird
mochte dieses Wort so gar nicht) „selten Devise. Doch das macht ihn nicht leicht merklich werden, wenn wir seinen Rat
gehörte Musik“; ja, er tauschte sich verständlich. und seine unbändige Kraft suchen und
täglich mit seiner großen Liebe Ingrid 0 ist eines der wenigen Zeichen, er nicht wie sonst immer erreichbar
über „die Sache“ aus. Aber außer seinen das so unspezifisch ist, dass es in keiner sein wird.
Gesten wurde vom Umfeld der bilden­ Suchmaschine der Welt, heutig und
den Kunst – und das erstaunt mich, da zukünftig, brauchbare Ergebnisse liefert.

»Es sind jene ›radikalen Bedürfnisse‹


wie Agnes Heller sie beschreibt: ein
Leben voller Bedeutung, eine Arbeit
voller Sinn, das Lernen, das Bedürfnis
nach freier Zeit als radikale Befreiung.«
In: dérive N°85, Marvi Maggio, S. 43
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