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Leitthema

Bundesgesundheitsbl 2019 · 62:255–260 Frank Jessen1,2


https://doi.org/10.1007/s00103-019-02877-2 1
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Fakultät, Uniklinik Köln, Köln,
Online publiziert: 24. Januar 2019 Deutschland
© Der/die Autor(en) 2019, korrigierte 2
Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Bonn, Deutschland
Publikation 2019

Früherkennung der Alzheimer-


Krankheit und Ansätze der
Prävention

Hintergrund Lebensqualität. Prävention meint die Die Alzheimer-Krankheit ist u. a.


Reduktion der Neuerkrankungen durch gekennzeichnet durch die Akkumula-
Aufgrund der demografischen Entwick- die Behandlung molekularer Krank- tion des körpereigenen Beta-Amyloid-
lung ist in vielen westlichen Ländern, heitsprozesse oder durch die Reduktion Peptids im Gehirn. Aus dem Amyloid-
auch in Deutschland, in den nächsten von Risikofaktoren im Vorfeld der Sym- Precursor-Protein (APP) werden durch
Jahrzehnten mit einem erheblichen An- ptomentwicklung. Insbesondere bei der enzymatische Schnitte mit sogenannten
stieg von Demenzerkrankungen zu rech- Alzheimer-Erkrankung sind aufgrund Sekretasen Beta-Amyloid-Fragmente im
nen[1]. Insbesondere wenndie geburten- von sehr erfolgreicher Forschung zu Extrazellularraum der grauen Substanz
starken Jahrgänge, die aktuell mit einem Biomarkern, molekularen Therapiean- freigesetzt [5]. Die physiologische Funk-
Lebensalter von etwas über 50 Jahren sätzen und lebensstilbasierten Risiko- tion dieser Beta-Amyloid-Freisetzung ist
den größten Anteil der Bevölkerung in faktoren sowohl Früherkennung als bis heute nicht vollständig geklärt. Von
Deutschland ausmachen, in ca. 20 Jah- wahrscheinlich auch wirkungsvolle Prä- pathologischer Relevanz ist das Frag-
ren ein Alter erreichen werden, in dem vention möglich [3]. Im Folgenden wird ment Abeta 1-42, welches in geringer
die Neuerkrankungsrate von Demenz ex- der aktuelle Forschungsstand zu diesen Konzentration neben dem hochkon-
ponentiell zunimmt, wird die Zahl der Themen zusammengefasst. Es ist darauf zentrierten Abeta 1-40 freigesetzt wird.
Erkrankten erheblich ansteigen. Zum ak- hinzuweisen, dass es sich nicht um ei- Abeta 1-42 fügt sich zu sogenannten Oli-
tuellen Zeitpunkt ist nicht absehbar, dass ne Übersichtsarbeit mit systematischer gomeren zusammen, die toxisch für die
eine Demenz, die in 70–80 % der Fälle Literaturrecherche handelt, sondern um synaptische Funktion der Nervenzellen
durch die Alzheimer-Krankheit verur- eine Zusammenfassung der wesentli- sind [6]. Im weiteren Verlauf aggregie-
sacht wird, dann geheilt oder substan- chen Entwicklungen aus der Sicht des ren die Oligomere im Extrazellularraum
ziell reversibel behandelt werden kann. Autors. der grauen Substanz zu sogenannten
Zwar wird es mit großer Wahrscheinlich- Amyloid-Plaques.
keit in naher Zukunft möglich sein, mit Pathophysiologie und Als Hauptgrund für die Akkumulati-
Medikamenten den Erkrankungsverlauf Früherkennung on von Beta-Amyloid wird die mit dem
zu verzögern. Den Zustand einer De- Alter zunehmende reduzierte Fähigkeit
menz rückgängig zu machen, erscheint Wie oben ausgeführt sind bis zu 80 % al- des Gehirns zum Abbau von Beta-Amy-
aber auch in den nächsten Jahrzehnten ler Demenzerkrankungen auf die Alzhei- loid angesehen. Das aggregierte Beta-
nahezu unmöglich [2]. mer-Krankheit zurückzuführen [4]. Die Amyloid hat zahlreiche Auswirkungen
Hieraus folgt, dass insbesondere die Forschung der letzten Jahrzehnte fokus- auf molekularer Ebene. Hierzu gehört
Früherkennung und Frühbehandlung siert daher im Wesentlichen auf diese u. a. die Verklumpung des neuronalen
sowie die Prävention von Demenzen Erkrankung. Auch zeigen sich hier die Proteins Tau über die Vorstufe des hy-
noch mehr an Wichtigkeit gewinnen, größten Fortschritte in der Früherken- perphosphorylierten Tau (pTau). Weitere
um die weitreichenden Belastungen nung, während sie bei anderen Demenz- relevante molekulare Prozesse sind z. B.
von Betroffenen, ihren Familien und formen erheblich begrenzter sind. Es be- chronische Entzündungen und die Bil-
Sozialsystemen abzumildern. Früher- steht aber die Hoffnung, dass die paradig- dung von Sauerstoffradikalen [5].
kennung und Frühdiagnostik beziehen matische Herangehensweise in der Alz- Diese pathophysiologischen Mecha-
sich in diesem Zusammenhang auf die heimer-Forschung auch bei anderen De- nismen führen zur Schädigung von Neu-
individuelle Verlangsamung der Krank- menzformen zu Möglichkeiten der Früh- ronen, die in ihrem Verlauf innerhalb des
heitsprogression nach Symptombeginn erkennung und Frühintervention führen Gehirns einem typischen Muster folgt.
zum Erhalt von Selbstständigkeit und wird. Zunächst sind insbesondere Nervenzel-

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len der gedächtnisrelevanten Strukturen medialen Temporallappens (Hippocam- der leichten kognitiven Störung dauert
im medialen Temporallappen (Hippo- pus, Regio entorhinalis) sowie im weite- ebenfalls mehrere Jahre an.
campus, Regio entorhinalis) betroffen. ren Krankheitsverlauf des gesamten Ge- In einem kontinuierlichen Prozess
Später breiten sich die neuronale Schä- hirns dargestellt werden. entwickelt sich dann zunächst eine leich-
digung und Neurodegeneration über das Mit der Fluordesoxyglucose-PET te, im Anschluss eine mittelschwere und
gesamte Gehirn aus [7]. (FDG-PET) ist es möglich, den ver- später eine schwere Demenz. Die Phase
Von zentraler Bedeutung für Früher- minderten Stoffwechsel von geschädig- der Demenz bei der Alzheimer-Krank-
kennung und Frühintervention ist, dass ten Hirnzellen nachzuweisen. Bei der heit kann sich über wenige Jahre bis zu
diese molekularen Prozesse sich lang- Alzheimer-Erkrankung sind bestimmte über 10 Jahre erstrecken.
sam über einen Zeitraum von mindes- Hirnregionen vor allem im Parietal- und In den letzten 20 Jahren hat die Früh-
tens 30 Jahren entwickeln. Man geht heu- Temporallappen in besonderem Maß erkennungsforschung sehr stark auf
te davon aus, dass die ersten Amyloid- vermindert aktiv [11]. die Prädemenzphasen der Alzheimer-
Aggregate mindestens ca. 20–25 Jahre Mit den genannten Methoden ist es Erkrankung fokussiert. Insbesondere
vor der Diagnose einer Demenz entste- also möglich, Kernmerkmale der Alzhei- das Syndrom der leichten kognitiven
hen [8]. Somit ist theoretisch ein großes mer-Erkrankung wie Amyloid-Ablage- Störung steht aktuell im Fokus der Früh-
Zeitfenster für eine Früherkennung der rungen, Tau-Aggregation und Neurode- erkennungsforschung. In zahlreichen
Erkrankung vor symptomatischer Aus- generation darzustellen. Zahlreiche Stu- internationalen Studien konnte über-
prägung gegeben. dien konnten zeigen, dass diese Verände- zeugend gezeigt werden, dass Menschen
rungen bereits lange vor der Demenz bei mit einer leichten kognitiven Störung
Methoden der Früherkennung sehr milden und auch fehlenden Symp- ein erhöhtes Risiko haben, eine Demenz
tomen nachweisbar sind [12]. zu bekommen [16]. Durch die Anwen-
Ein wesentlicher Fortschritt der Alzhei- dung der Biomarker für die Alzheimer-
mer-Forschung der letzten Jahrzehnte ist Symptomatische Entwicklung Krankheit ist es möglich, bei diesen
die Entwicklung von sogenannten Bio- und Risikostadien Personen das individuelle Risiko für die
markern für die molekularen Verände- Entwicklung einer Demenz zu schätzen.
rungen, die die Alzheimer-Erkrankung Als Folge des sich über mehrere Jahr- Die leichte kognitive Störung kann
kennzeichnen. Im Liquor cerebrospinalis zehnte erstreckenden molekularen Ver- grundsätzlich viele Ursachen haben, wo-
ist damit die Messung des Peptids Abeta änderungsprozesses kommt es bei der Er- von die Alzheimer-Erkrankung nur ei-
1-42 sowie des Abeta 1-40 möglich. Bei krankung zu einer langsamen, ebenfalls ne ist. Entsprechend können bei einem
Aggregation von Beta-Amyloid im Ge- über Jahre andauernden Symptoment- Patienten mit einer leichten kognitiven
hirn kommt es regelhaft zu einer Reduk- wicklung. Zunächst besteht eine vollstän- Störung die Biomarkerbefunde unauffäl-
tion der Konzentration von Abeta 1-42 dig asymptomatische Phase der Erkran- lig bezüglich der Alzheimer-Pathologie
und auch zu einer Reduktion der Ratio kung, bei der die pathologischen mo- sein. Patienten mit einer leichten kogni-
Abeta 1-42/Abeta 1-40 im Liquor [9]. Mit lekularen Prozesse in Entwicklung sind, tiven Störung ohne Hinweise für Amy-
zwei weiteren Biomarkern ist es möglich, aber die betroffene Person weder subjek- loid- oder Tau-Aggregation oder Neuro-
die Konzentration des Tau-Proteins und tiv Beschwerden hat noch sich objekti- degeneration haben eine gute Prognose
der phosphorylierten Variante pTau im ve Gedächtnisdefizite nachweisen lassen und eine Verschlechterungswahrschein-
Liquor zu bestimmen. Beide Marker stei- [13]. Diese Phase kann sich über bis zu lichkeit hin zur Demenz in 5 Jahren von
gen bei der Alzheimer-Krankheit in der 15 Jahre erstrecken. Nach aktuellen Stu- unter 10 % [17]. Ein Patient mit leichter
Konzentration an, was mit neuronalem dien folgt dann eine ca. 5–10 Jahre lange kognitiver Störung und Biomarkerhin-
Zelluntergang zusammenhängt [9]. Phase einer subjektiv verspürten, aber weisen für das Vorliegen von Amyloid-
Die Amyloid-Ablagerungen und die noch nicht objektivierbaren Verschlech- Deposition und Tau-Aggregation durch
Tau-Aggregationen können ferner mit- terung der geistigen Leistungsfähigkeit. Biomarker hat dagegen ein Risiko von
tels Positronenemissionstomographie Diese Phase wird als subjektive kognitive über 90 %, innerhalb von 5 Jahren eine
(PET) dargestellt werden [10]. Für die Verschlechterung oder Subjective Cogni- Demenz zu entwickeln [17]. Bei einigen
Amyloid-Ablagerungen sind drei zuge- tive Decline (SCD) bezeichnet [14]. Patienten werden gelegentlich Biomar-
lassene Tracer in Deutschland verfügbar, Im Anschluss folgt die Phase der leich- kerbefunde festgestellt, die nur auf eine
wobei die Kostenübernahme durch die ten kognitiven Störung (Mild Cognitive Amyloid-Aggregation oder nur auf ei-
gesetzlichen Krankenkassen für diese Impairment, MCI). Hierunter wird ei- ne Neurodegeneration bzw. Tau-Aggre-
Untersuchungen typischerweise nicht ne beobachtbare und in Tests objekti- gation hinweisen. In diesen Fällen ist die
gewährt wird. Tracer für die Tau-Aggre- vierbare Verschlechterung der kogniti- Prädiktion weniger eindeutig und die in-
gation sind bisher nur im wissenschaft- ven Fähigkeiten, insbesondere der Ge- dividuelle Anwendung begrenzt. Große
lichen Einsatz [10]. dächtnisfunktionen, bei gleichzeitig er- Metaanalysen zeigen ein Risiko solcher
Darüber hinaus kann mittels Magnet- haltener Alltagskompetenz und Selbst- Patienten, innerhalb von 5 Jahren eine
resonanztomographie (MRT) eine Volu- ständigkeit verstanden [15]. Die Phase Demenz zu entwickeln, von ca. 50 % [17].
menverkleinerung in den Strukturen des Es ist also möglich, durch eine frühe Di-

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Zusammenfassung · Abstract

agnostik der Alzheimer-Pathologie bzw. Bundesgesundheitsbl 2019 · 62:255–260 https://doi.org/10.1007/s00103-019-02877-2


deren Ausschluss anhand von Biomar- © Der/die Autor(en) 2019
kern eine individuelle Risikoschätzung
für Patienten mit leichter kognitiver Stö- F. Jessen
rung in Bezug auf die Demenzentwick- Früherkennung der Alzheimer-Krankheit und Ansätze der
lung vorzunehmen. Prävention
Jüngere Forschung wendet die glei-
chen Ansätze auf Personen mit rein Zusammenfassung
In den nächsten 20–30 Jahren ist aufgrund für eine Demenz durch modifizierbare
subjektiven kognitiven Störungen an.
der geburtenstarken Jahrgänge mit einem Faktoren bedingt sind. Entsprechend zeigen
Hier zeigt sich im Prinzip ein ähnlicher starken Anstieg der Inzidenz und Prävalenz multimodale Lebensstilinterventionen
Befund. Patienten mit rein subjektiven von Demenzerkrankungen mit der Alzheimer- teilweise protektive Effekte auf die Kognition
Störungen, die Amyloid-Depositionen Krankheit als häufigste Ursache zu rechnen. bei Risikopersonen. Anti-Amyloid-Therapien
und Tau-Aggregationshinweise durch Da eine Heilungsmöglichkeit der Erkrankung werden zurzeit bei Patienten mit leichter
nicht in Sicht ist, haben Früherkennung und kognitiver Beeinträchtigung und bei kognitiv
Biomarker haben, zeigen ein deutlich
Prävention zur Verzögerung von Symptomen unbeeinträchtigten Personen mit hohem
erhöhtes Risiko, innerhalb weniger Jahre und zum Erhalt von Selbstständigkeit und genetischen Risiko für die Alzheimer-
eine leichte kognitive Beeinträchtigung Lebensqualität eine zentrale Bedeutung. Krankheit erprobt.
oder eine Demenz zu entwickeln, im In der vorliegenden narrativen Übersichtsar- Früherkennung, Prädiktion und Prävention
Vergleich zu Personen, die einen un- beit werden der aktuelle Forschungsstand zur der Alzheimer-Krankheit sind die zentralen
Früherkennung und Prädiktion der Alzhei- Herausforderungen, um den zu erwartenden
auffälligen Biomarker aufweisen [18].
mer-Krankheit sowie lebensstilbasierte und starken Anstieg von Demenzerkrankten in
Die Forschung zu rein subjektiven kog- molekulare Präventionsansätze dargestellt. Deutschland abzumildern. Hiermit verbunden
nitiven Störungen ist allerdings noch Mithilfe von Biomarkern für die Kernpatho- sind komplexe medizinische, ethische,
jung und die biomarkerbasierte Prädik- logie der Alzheimer-Krankheit ist es heute rechtliche und wirtschaftliche Fragen.
tion wird bei dieser Patientengruppe möglich, in der bis zu 10 Jahre andauernden
klinisch prodromalen Phase der Erkrankung Schlüsselwörter
noch nicht für die klinische Anwendung
das Demenzrisiko vorauszusagen. Es wird Alzheimer-Krankheit · Demenz · Früherken-
empfohlen. In der Forschung werden geschätzt, dass bis zu 30 % des Risikos nung · Biomarker · Prävention
auch Biomarkeruntersuchungen bei be-
schwerdefreien Personen durchgeführt.
Große Metaanalysen zeigen, dass ältere Early detection of Alzheimer’s disease and approaches for
Menschen, die Amyloid-Ablagerungen prevention
aufweisen, ein erhöhtes Risiko haben,
sich in den nächsten Jahren kognitiv Abstract
zu verschlechtern [19]. Somit kann da- Due to the aging population, within the dementia is attributable to modifiable factors.
next 20–30 years the number of individuals Accordingly, some multimodal lifestyle-based
von ausgegangen werden, dass Amyloid-
with dementia, mostly due to Alzheimer’s interventions show protective effects on
Deposition mit einem generellen Ver- disease (AD), will drastically increase. Since cognition in at-risk subjects. Anti-amyloid
schlechterungsrisiko einhergeht. Eine a cure for the disease will not be available treatment is currently being studied in
individuelle Krankheitsprogressions- in the near future, early disease detection patients with mild cognitive impairment and
voraussage ist aber mit den heutigen and prevention are of central importance in individuals without symptoms, but with
for slowing symptom progression and high genetic risk for AD.
Verfahren bei kognitiv Gesunden noch
maintaining independency and quality of life. Early diagnosis, prediction, and prevention
nicht möglich, sodass Biomarkerunter- In this narrative review, the current state of AD are the main challenges to overcome
suchungen bei beschwerdefreien Perso- of research in early disease detection and the potentially drastic increases in individuals
nen außerhalb von Studien heute noch prediction of AD as well as lifestyle-based with dementia within the next decades.
nicht empfohlen werden. Ferner ist der and molecular prevention approaches are These challenges are associated with
presented. complex medical, ethical, legal, and economic
Nutzen der Anwendung von Biomar-
With biomarkers for the core pathology of AD, questions.
kern für die Alzheimer-Krankheit bei it is possible to predict the risk for dementia
beschwerdefreien Personen nicht belegt in individuals within the prodromal phase of Keywords
und es besteht das Risiko einer psychi- the disease, which extends up to 10 years. Alzheimer’s disease · Dementia · Early
schen Belastung, was insbesondere bei It is estimated that up to 30% of the risk of diagnosis · Biomarkers · Prevention
möglichen falsch-positiven Befunden
nicht vertretbar wäre.
Die biomarkerbasierte Früherken- auch ein Verfahren für Messungen von was auch prinzipiell eine spezifische
nung bzw. Risikoschätzung für Demenz Amyloid und Neurodegeneration im Prädemenztherapie erlaubt.
wird sich in den nächsten Jahren durch Blut verfügbar sein. Grundsätzlich sind
die Entwicklung weiterer Biomarker heute die Früherkennung und Frühdia- Präventionsansätze
für andere molekulare Prozesse wahr- gnostik der Alzheimer-Erkrankung vor
scheinlich erheblich weiterentwickeln. dem Auftreten einer Demenz möglich, Grundsätzlich werden zwei Ansätze zur
Möglicherweise wird in der Zukunft Prävention der Demenz bei Alzheimer-

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Krankheit verfolgt. Ein Ansatz fokussiert re große Studien untersuchen sogenann- stilfaktoren, aber möglicherweise auch
auf risikomodifizierende Lebensstilfak- te Multidomäneninterventionen, bei de- mit genetischen und anderen Markern,
toren. Der zweite Ansatz fußt auf der nen nicht nur ein modifizierbarer Risi- zunehmend an Bedeutung gewinnen
molekularen Behandlung der Alzheimer- kofaktor, sondern mehrere gleichzeitig und wahrscheinlich werden Interventio-
Pathologie im Vorfeld von Symptomen. adressiert werden. Ein prominentes Bei- nen für spezifische Risikokonstellationen
spiel ist die FINGER(Finnish Geriatric entwickelt und getestet werden. Grund-
Lebensstilbasierte Prävention Intervention Study to Prevent Cognitive sätzlich ist es aber gerechtfertigt, zum
Impairment and Disability)-Studie. Hier aktuellen Zeitpunkt allgemeine lebens-
In den letzten Jahren konnte gezeigt wer- wurden Personen mit einem erhöhten stilbezogene Maßnahmen für Gehirn-
den, dass insbesondere in westlichen In- Demenzrisikoscore über zwei Jahre mit gesundheit und Demenzprävention zu
dustrieländern die altersbezogenen Neu- einer Intervention aus kognitivem und empfehlen. Hierzu gehören die Kontrolle
erkrankungsraten von Demenz rückläu- körperlichem Training, Ernährungsbe- von kardiovaskulären Risikoerkrankun-
fig sind [20]. Dies führt trotz einer zuneh- ratung und Einstellung kardiovaskulä- gen, ausreichend körperliche Bewegung,
menden Lebenserwartung aktuell dazu, rer Risikoerkrankungen behandelt und geistige und soziale Aktivität, ein medi-
dass die absoluten Zahlen von Demenz- mit einer Kontrollgruppe ohne spezifi- terraner Ernährungsstil und nach neuen
erkrankten kaum ansteigen, was sich al- sche Intervention verglichen. Die Inter- Erkenntnissen auch ein möglichst guter
lerdings mit dem Älterwerden der ge- ventionsgruppe zeigte signifikant besse- Schlaf [21].
burtenstarken Jahrgänge wahrscheinlich re Leistungen in verschiedenen kogni-
wieder ändern wird. tiven Tests. Die Effektgrößen waren al- Molekulare Prävention
Diese aktuelle Beobachtung der rück- lerdings begrenzt [23]. Ein weiteres Bei-
läufigen altersbezogenen Neuerkran- spiel ist die französische MAPT-Studie Basierend auf der oben ausgeführten An-
kungsrate unterstreicht das Potenzial (Multidomain Alzheimer Preventive Tri- nahme, dass die molekularen Verände-
modifizierbarer Lebensstilfaktoren im al). Hier wurden Personen ohne Demenz rungen der Alzheimer-Krankheit bis zu
Kontext von Demenzprävention. Aus mit subjektiven kognitiven Beschwerden 25 Jahre vor der Demenzdiagnose be-
epidemiologischen Studien ist schon seit oder Beeinträchtigungen der Aktivitäten ginnen, besteht theoretisch ein großes
langer Zeit bekannt, dass kardiovaskulä- des täglichen Lebens oder Veränderun- Zeitfenster für Interventionen, die mo-
re Risikoerkrankungen, z. B. Hypertonie, gen des Gehens über drei Jahre eben- lekulare Mechanismen der Erkrankung
Diabetes mellitus, und Lebensstilfakto- falls mit einer sehr komplexen Multido- beeinflussen und damit eine Symptom-
ren wie Bewegungsmangel, bestimm- mänenintervention behandelt. In dieser verzögerung erzielen. Aktuelle Ansätze
te Ernährungsmuster („western diet“), Studie zeigte sich in der Hauptanalyse hierzu fokussieren auf die Amyloid-Pa-
Nikotinkonsum, übermäßiger Alkohol- kein Effekt der Intervention auf die kog- thologie.
konsum, Depression, geringe soziale nitive Leistung. Es fanden sich allerdings Eine prominente Untersuchung in
Aktivität und Integration sowie man- in Subgruppen vielversprechende Ergeb- diesem Kontext ist die A4-Studie, die
gelnde geistige Aktivität mit einem er- nisse. So zeigten z. B. amyloid-PET-po- aktuell in den USA durchgeführt wird.
höhten Risiko für Demenz einhergehen. sitive Teilnehmer eine signifikante Stabi- Hier werden kognitiv gesunde Personen,
Basierend auf Modellrechnungen wird lisierung durch die Multidomäneninter- die einen positiven Amyloid-PET-Scan
geschätzt, dass 20–30 % des bevölke- vention im Vergleich zu der Kontrollbe- aufweisen, über mehrere Jahre mit dem
rungsbezogenen Demenzrisikos durch dingung. Dieser Effekt zeigte sich nicht monoklonalen Antikörper Solanezumab
potenziell modifizierbare Lebensstilfak- bei amyloid-PET-negativen Teilnehmern behandelt. Ziel ist es, eine Verzögerung
toren bedingt sind [21]. Der allgemein [24]. der kognitiven Verschlechterung in der
gesündere Lebensstil, der in erster Linie Aus diesen Studien wird abgeleitet, Verumgruppe im Vergleich zur Placebo-
für Herz-Kreislauf-Prävention seit meh- dass die erzielbaren Effekte, die z. T. gruppe zu erreichen. Die Rekrutierung
reren Jahrzehnten propagiert wird, ist vor mit sehr aufwendigen Interventionen für diese Studie ist abgeschlossen. Er-
diesem Hintergrund die wahrscheinliche erreicht werden, potenziell nachweisbar, gebnisse werden in den nächsten Jahren
Erklärung für die rückläufigen Demenz- aber auch begrenzt sind. Dies unterstützt erwartet [25].
neuerkrankungsraten [21]. die Annahme, dass die lebensstilbezo- Ebenfalls monoklonale Anti-Amylo-
In prospektiven randomisierten Inter- genen Risikofaktoren sehr langfristig id-Antikörper werden in zwei Projekten
ventionsstudien wird aktuell das Poten- wirken und auch in Studienzeiten von bei Trägern monogener dominanter
zial dieser Lebensstilfaktoren in Bezug 2–3 Jahren in ihrem vollen Effekt kaum Mutationen für die familiäre Alzheimer-
auf Stabilisierung kognitiver Funktionen abgebildet werden können. Außerdem Erkrankung untersucht. Hierbei handelt
geprüft. Erste Untersuchungen zu einzel- wird deutlich, dass ein besonderes Po- es sich zum einen um das weltweite
nen Faktoren, wie z. B. körperliche Ak- tenzial möglichweise in der Anwendung DIAN(Dominantly Inherited Alzheimer
tivität, zeigten bereits vor einigen Jahren solcher Interventionen bei spezifischen Network)-Projekt , bei dem Familien mit
kleine, aber signifikante Effekte auf Ko- Risikogruppen liegt. In den nächsten Jah- Presenilin 1-(PS1-), Presenilin 2-(PS2-)
gnition bei älteren Menschen mit subjek- ren wird das Thema der individuellen und Amyloid-Precursor-Protein-(APP-)
tiven Gedächtnisstörungen [22]. Jünge- Risikoprofilierung basierend auf Lebens- Mutation rekrutiert werden [26]. Asym-

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ptomatische Mutationsträger können an dass zukünftig weitere Fortschritte erzielt 3. Graham WV, Bonito-Oliva A, Sakmar TP (2017)
Update on Alzheimer’s disease therapy and
Interventionsstudien mit den monoklo- werden. Unwahrscheinlich ist allerdings, prevention strategies. Annu Rev Med 68:413–430
nalen Antikörpern Gantenerumab oder dass ein einzelnes Medikament oder eine 4. Jellinger KA (2006) Clinicopathological analysis
Solanezumab teilnehmen. Sie werden einzelne besondere Lebensweise beson- of dementia disorders in the elderly—an update.
J Alzheimers Dis 9(3 Suppl):61–70
über mehrere Jahre mit dem Ziel der ders starke Effekte zeigen wird. Eher wird 5. Karran E, Mercken M, De Strooper B (2011)
Symptomprogressionsverzögerung be- es ähnlich wie in der Herz-Kreislauf- The amyloid cascade hypothesis for Alzheimer’s
handelt. Das zweite Projekt fokussiert auf Prävention sein, wo ein Risikoscreening disease: an appraisal for the development of
therapeutics. Nat Rev Drug Discov 10:698–712
einen sehr großen Familienstammbaum und eine gesunde Lebensweise zusam- 6. Viola KL, Klein WL (2015) Amyloid β oligomers in
in Kolumbien. In dieser Familie wird men mit medikamentös präventiven Alzheimer’s disease pathogenesis, treatment, and
seit Jahrhunderten eine PS1-Mutation Maßnahmen die größten präventiven diagnosis. Acta Neuropathol 129:183–206
7. Thal DR, Del Tredici K, Braak H (2004) Neurodege-
weitergegeben. Es sind bereits mehrere Effekte zeigen. Mit großer Sicherheit neration in normal brain aging and disease. Sci
tausend Träger dieser Mutation identifi- wird die Diskussion um Prävention und Aging Knowledge Environ 23:pe26
ziert worden. In dieser Kohorte wird bei die damit verbundene präsymptoma- 8. Jansen WJ, Ossenkoppele R, Knol DL et al (2015)
Prevalence of cerebral amyloid pathology in
symptomfreien Mutationsträgern der tische, biomarkerbasierte Diagnostik persons without dementia: a meta-analysis. JAMA
monoklonale Antikörper Crenezumab bzw. Risikoprofilierung bei der Alz- 313:1924–1938
ebenfalls mit dem Ziel des Aufhaltens heimer-Erkrankung in den nächsten 9. Olsson B, Lautner R, Andreasson U et al (2016)
CSF and blood biomarkers for the diagnosis of
von Symptommanifestation untersucht Jahren erheblich zunehmen, mit allen Alzheimer’sdisease: asystematicreviewandmeta-
[27]. damit verbundenen ethischen, recht- analysis. Lancet Neurol 15:673–684
Ein weiteres Projekt ist noch die lichen, gesundheitsökonomischen und 10. Villemagne VL, Doré V, Burnham SC, Masters
CL, Rowe CC (2018) Imaging tau and amyloid-β
Behandlung von symptomfreien Trä- medizinischen Fragen. proteinopathies in Alzheimer disease and other
gern des Apolipoprotein-E4-Risikogens conditions. Nat Rev Neurol 14:225–236
(APOE4) in homozygoter und zukünf- 11. Frisoni GB, Bocchetta M, Chételat G et al (2013)
Korrespondenzadresse Imaging markers for Alzheimer disease: which vs
tig auch in heterozygoter Ausprägung how. Baillieres Clin Neurol 81:487–500
Prof. Dr. med. Frank Jessen
bei zusätzlichem Amyloid-Nachweis Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und
12. Jack CR Jr, Knopman DS, Jagust WJ et al
(GENERATION-Studie 1 und 2). Hier (2013) Tracking pathophysiological processes in
Psychotherapie, Medizinische Fakultät, Alzheimer’s disease: an updated hypothetical
kommt ein Beta-Sekretase-Hemmer zur Uniklinik Köln model of dynamic biomarkers. Lancet Neurol
Anwendung, der die Produktion von Kerpener Straße 62, 50924 Köln, Deutschland 12:207–216
Abeta 1-42 senkt. Die Behandlungszeit frank.jessen@uk-koeln.de 13. Sperling RA, Aisen PS, Beckett LA et al (2011) To-
ward defining the preclinical stages of Alzheimer’s
in dieser Studie beträgt ebenfalls mehrere disease: recommendations from the National
Jahre pro Patient. Institute on Aging-Alzheimer’s Association work-
Die genannten molekularen Präventi- groups on diagnostic guidelines for Alzheimer’s
Einhaltung ethischer Richtlinien disease. Alzheimers Dement 7:280–292
onsstudien sind sehr experimentell und 14. Jessen F, Amariglio RE, van Boxtel M et al (2014) A
mit langer Behandlungszeit im Einzelfall Interessenkonflikt. F. Jessen hat in den letzten conceptual framework for research on subjective
verbunden. Es ist auch eine offene Fra- drei Jahren Beratungshonorare erhalten von: Eli Lilly, cognitivedeclineinpreclinicalAlzheimer’sdisease.
Roche, MSD, Biogene, Janssen Cliag, AC Immune. Alzheimers Dement 10:844–852
ge, ob eine solche molekulare Präventi- 15. Petersen RC (2004) Mild cognitive impairment as
on bei möglicherweise zukünftig beleg- Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren
a diagnostic entity. J Intern Med 256:183–194
ter Wirksamkeit in die Versorgung einge- 16. Mitchell AJ, Shiri-Feshki M (2008) Temporal trends
durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.
in the long term risk of progression of mild
führt werden wird. Zu klären wären dann cognitive impairment: a pooled analysis. J Neurol
Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative
Fragen z. B. mit Blick auf das Wirkung- Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz
Neurosurg Psychiatry 79:1386–1391
Nebenwirkungs-Verhältnis in der Lang- 17. Vos SJ, Verhey F, Frölich L et al (2015) Prevalence
(http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.
and prognosis of Alzheimer’s disease at the mild
zeittherapie und auf ethische Aspekte wie de) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfäl-
cognitive impairment stage. Brain 138:1327–1338
tigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe
die Exposition gegenüber einer Substanz in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern
18. Wolfsgruber S, Polcher A, Koppara A et al (2017)
im beschwerdefreien Zustand sowie den Cerebrospinal fluid biomarkers and clinical pro-
Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle
gression in patients with subjective cognitive
Zugang zu der Substanz. Auch wirtschaft- ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Com-
decline and mild cognitive impairment. J Alzhei-
mons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen
liche Aspekte wie die Kosten einer me- vorgenommen wurden.
mers Dis 58:939–950
dikamentösen Langzeittherapie bei sym- 19. Donohue MC, Sperling RA, Petersen R et al (2017)
Association between elevated brain amyloid and
ptomfreien Personen mit bestimmten Ri- subsequent cognitive decline among cognitively
sikokonstellationen müssen bedacht wer- Literatur normal persons. JAMA 317:2305–2316
den. 20. Wu YT, Beiser AS, Breteler MMB et al (2017) The
1. Alzheimer’s Disease International (2015) World changing prevalence and incidence of dementia
Alzheimer report 2015: the global impact over time—current evidence. Nat Rev Neurol
Fazit of dementia. https://www.alz.co.uk/research/ 13:327–339
WorldAlzheimerReport2015.pdf. Zugegriffen: 1. 21. Livingston G, Sommerlad A, Orgeta V et al (2017)
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Grundsätzlich wird aktuell sehr viel Lancet 390:2673–2734
2. Cummings J, Ritter A, Zhong K (2018) Clinical trials
Hoffnung auf die Früherkennung und for disease-modifying therapies in Alzheimer’s 22. Lautenschlager NT, Cox KL, Flicker L et al (2008)
die Prävention der Alzheimer-Krank- disease: a primer, lessons learned, and a blueprint Effect of physical activity on cognitive function
heit gelegt und es ist davon auszugehen, for the future. J Alzheimers Dis 64:S3–S22

Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 3 · 2019 259


Leitthema

in older adults at risk for Alzheimer disease:


a randomized trial. JAMA 300:1027–1037
23. Ngandu T, Lehtisalo J, Solomon A et al (2015) A
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at-risk elderly people (FINGER): A randomised
controlled trial. Lancet 385:2255–2263
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260 Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 3 · 2019

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