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YouTube wird zehn Jahre alt, inzwischen ist das Videoportal eine der meistgeklickten Webseiten

der Welt. Der Kulturkritiker Jon Savage erklärt, wie YouTube uns verändert hat - und warum Justin
Bieber sich über Pöbeleien nicht wundern darf.

SPIEGEL ONLINE: YouTube ist nach Google und Facebook die Webseite mit den meisten
Besuchern. 300 Stunden Videomaterial werden dort pro Minute hochgeladen. Konnten Sie
sich vor zehn Jahren vorstellen, dass aus einer Webseite mit ein paar Musikvideos mal ein
globales Phänomen werden würde?
Savage: Undenkbar. Ich selbst arbeite seit Jahren an Musikdokumentationen. Anfangs schien
YouTube eine wunderbar einfache Sache zu sein, weil man dort viele tolle Aufnahmen von
früher fand, die es nirgendwo sonst gab.

SPIEGEL ONLINE: Und dass die Seite einen Koloss wie MTV überholen würde, konnte
man ja auch nicht gleich vermuten.

Savage: Ich fand MTV nie wirklich gut. Ich erinnere mich an die Anfangsjahre des Senders:
Man musste stundenlang warten, bis endlich das Video kam, das man sehen wollte.
Zusätzlich hat MTV den fatalen Schritt getan, sich von seiner Kernkompetenz zu entfernen.
Was war MTV denn? Music Television. Plötzlich liefen da sinnlose Reality-Shows anstelle
von Musik...

SPIEGEL ONLINE: ...während man bei YouTube einfach den Künstlernamen eintippen
und das Video seiner Wahl ansehen kann.

Savage: Genau. Wenn ich sehen will, wie James Brown 1966 bei seinen Auftritten aussah,
kann ich das auf der Seite finden.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Aufstieg von YouTube hat sich eine neue Jugendkultur und
sogar Branche entwickelt: Ein YouTube-Star zu sein, der Schminktipps gibt oder Videospiele
bespricht, ist ein Vollzeitjob. Hat die Webseite das Verhältnis zwischen harter Arbeit und
dem Streben nach Ruhm verändert?

Savage: Dass Teenager YouTube-Stars werden wollen, ist kaum überraschend in einer
Gesellschaft, die das Berühmtsein so hoch hängt wie unsere. Wir dürfen nicht vergessen, dass
Jugendliche in den meisten Fällen die Werte ihrer Umgebung widerspiegeln. Und wir leben
nun einmal in einer Zeit, in der Prominenz als eines der höchsten Güter gilt. Sie finden ja auf
YouTube im Grunde alles: Viele gute Parodien zum Beispiel, aber auch schreckliches Zeug -
Dschihadisten-Videos, üble Propaganda. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich das alles
wirklich erklären lässt. Wir stecken mitten in einer technologischen Revolution, deren
Bedingungen erst nach und nach klar werden.

SPIEGEL ONLINE: Ohne YouTube hätten wir bestimmte Bilder vom Arabischen Frühling
nie zu Gesicht bekommen.

Savage: Das Konzept von der "Demokratie im Internet" halte ich für sehr unausgereift. Ich
habe gerade das Buch "Das digitale Debakel" von Andrew Keen in der Hand gehabt, das die
These vertritt, dass Demokratisierung durch das Internet etwas Illusorisches hat, weil allein
die vier, fünf Internetriesen wie Facebook, Amazon oder Google das Geschehen bestimmen.
Natürlich haben diese Firmen eine wahnsinnige Macht, andererseits gibt es immer wieder
Möglichkeiten, Demokratie voranzutreiben. Aber im Internet ist auch sehr viel Raum für
Dinge, die man nicht hören oder sehen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass wir zwar Teil dieser
Community sind, aber nicht wirklich teilnehmen, weil wir allein vor unserem Bildschirm
sitzen.

Savage: Es ist ja nicht schlimm, vor dem Bildschirm zu hocken. Das Problem des Internets
ist eher die Dichte an Information, die lähmend wirken kann: Ein unendlicher Fluss an
Eindrücken und Hinweisen - und das oft ohne Kontext. Genau darüber sprachen die
Menschen damals, als Punk aufkam: Raffung von Inhalten und Verknappung unserer
Aufmerksamkeitsspanne. Damit beschäftigen wir uns jetzt, 50 Jahre später, wieder.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es also an der Zeit, unsere etablierte Vorstellung von
Kommunikation zu überarbeiten, weil YouTube das Sitzen vor dem Bildschirm längst zu
einer Form von Interaktion gemacht hat?

Savage: Natürlich hat das Internet Menschen einander auch nähergebracht. Aber es ändert
nichts daran, dass der Bildschirm eine Art Trennwand zwischen Nutzern und der realen Welt
darstellt. Das ist per se weder besonders gut noch besonders schlecht - so ist das Internet.
Worauf es ankommt, ist vielmehr, eine sinnvolle Navigation durch das Netz zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Mit YouTube haben Medien auch ein Stück weit ihre Funktion
abgebeben, Informationen exklusiv an ihre Zielgruppe verbreiten zu können. Jeder kann
scheinbar hinter die Kulissen gucken und sich seine eigene Meinung bilden.

Savage: Das ist kaum aufzuhalten. Wohin das führt, kann noch niemand genau sagen, weil
niemand kontrolliert, was wo in welcher Form auftaucht. Fakt ist: Es passiert und Medien wie
Mediennutzer müssen sich damit arrangieren.

SPIEGEL ONLINE: Heute hat jeder ein Smartphone, alles kann schnell online gehen. Wir
kriegen mit, wie der zwölf Jahre alte Justin Bieber seine ersten Gesangsversuche hochlädt
und finden gleichzeitig all seine Fehltritte auf YouTube.

Savage: Sicherlich. Obwohl Medien schon immer all diejenigen belohnt haben, die bereit
waren, ihr Leben öffentlich zur Schau zu stellen. YouTube ist eine Verfeinerung dieses alten
Spiels - aber eigentlich gar nicht neu.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat YouTube dazu geführt, dass wir vorsichtiger geworden
sind - bei allem, was wir tun und sagen. Weil alles überall aufgenommen und hochgeladen
werden kann.

Savage: Diese Wahl hat Justin Bieber von Anfang an getroffen. Wenn man sich einmal für
die öffentliche Entblößung entscheidet, lässt man sozusagen ein Tier von der Leine, das man
nie wieder einfangen kann. Das beginnt aber bereits mit der Entscheidung für ein öffentliches
Leben - nicht erst, wenn die Fehltritte bei YouTube hochgeladen sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist das bei Politikern gut oder bedenklich, dass sie 24 Stunden am Tag
unter Beobachtung stehen?
Savage: Würden Sie gerne 24 Stunden unter Beobachtung stehen? Ich sicher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Nein, aber Sie und ich stehen auch nicht durch unser Amt
zwangsläufig in der Öffentlichkeit.

Savage: Niemand sollte ständig von der Öffentlichkeit begutachtet werden. Jedem Menschen
sollte man mal eine Pause gönnen. Es sei denn, wir sprechen von Leuten wie den
Kardashians, die sehr viel kaputt gemacht haben, weil sie die Vorstellung fördern, dass es
sich lohne, ein Leben in der Öffentlichkeit auszuleben. Was kompletter Blödsinn ist.

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