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VO Architektur und Kunstgeschichte 19./20.Jhd.

– 2012

IV. Vorlesung

Historismus II: ( 1840 - 1900 )


Wiener Ringstraße – Bauten und Projekte König Ludwig II. von Bayern

1871: Nach Deutschem Bund (1815 durch den Wiener Kongress, mit Österreich als Präsidialmacht),
und erster Nationalversammlung 1848 – Grundrechte des deutschen Volkes in Frankfurt, und
Gründung eines Zollvereins zwischen deutschen Staaten (1834) – 1871 Gründung des deutschen
Kaiserreichs der deutschen Staaten unter preußischer Führung, unter Ausschluss Österreichs
(kleindeutsche Lösung – Deutscher Krieg 1866 zw. Verlust Österreich gegen Preußen) -> 1867
Österreich-Ungarischer Ausgleich (da sonst drohender Zusammenbruch des Vielvölkerstaates) ->
Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie. Gesellschaft: Bauernbefreiung die Modernisierung des
Schulwesens, Ende der Patrimonialgerichtsbarkeit (Gerichte adliger Grundherren mit eigener
Rechtspflege), Einführung des österreichischen Strafgesetzbuches. Etablierung des Bürgertums.

I. Die Wiener Ringstraße

- Wien, Vogelschau von Hoefnagl, um 1609 [Bild 01]


- Wien, Blick auf die Burgbastei, um 1840 [Bild 02]

1. Entstehung
Die Wiener Ringstraße entstand im Zusammenhang mit der Stadterweiterung Wiens unter Kaiser
Franz Joseph; sie wurde als dreibahnige Prachtstraße geplant (150 öffentliche Bauten; 650
Zinshäuser). Nach dem Abtragen der Mauer sollte sie und die neuen Bauten die Löcher fühlen, somit
folgt sie weitgehend dem Verlauf der alten Stadtmauer.
- 1857: Anordnung der Niederlegung der Mauern und Bebauung des Areals [Bild 04]
- 1859: Genehmigung des aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Gesamtkonzepts
- 1865: Eröffnung der – noch unfertigen – Ringstraße
- 1888: Weitgehende Vollendung der Ringstraße

2. Verteilung der Bauten


▪ Am Kai bzw. den Ringanschlüssen dominieren großartige private Zinshausbauten, in die nur
vereinzelt öffentliche Bauten eingebracht sind:
- Wien, Schubertring, 14-16 [Bild 05]
- Wien, Börse, Theophil Hansen, 1871–1877 [Bild 06]
- Wien, Österreichisches Museum für Kunst und Industrie (heute MAK), Heinrich von Ferstel,
1867–1871 [Bild 08]

 Die Zone vom Burgring bis zum Luegerring wird hingegen von Repräsentationsbauten des
Kaiserhofs, des Staates und der Stadt beherrscht (Kunsthistorisches und Naturhistorisches Museum,
Parlament, Rathaus, Burgtheater, Universität und Votivkirche).
- Wien, Votivkirche, Heinrich von Ferstel, 1856–1879 [Bild 11]

 Die Verteilung der Bauten zeigt nicht eine einfache Reihung, sondern Rhythmisierung; Platz- und
Gartenanlagen sind in den Straßenzug integriert. Stadtpark, Burggarten, Volksgarten, Rathauspark
und Sigmund-Freud-Park.
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- Wien, Blick vom Rathausturm, 1890 [Bild 09]


- Wien, Ringstraße, um 1890 [Bild 10]

 Dominiert wird die Gesamtanlage vom Kaiserforum (Komplex bestehend aus neuer Hofburg,
neuen Hofmuseen und Hofstallungen) → architektonisches und urbanistisches Ziel ist die
Repräsentanz des österreichischen Kaisertums bzw. des Herrscherhauses der Habsburger.
- Wien, Kaiserforum, Vogelperspektive [Bild 11]
- Wien, Heldenplatz, Reiterstandbilder von Prinz Eugen und Erzherzog Karl, Anton Dominik
Fernkorn, 1860–1865 [Bild 12,13]
- Wien, Denkmal der Kaiserin Maria Theresia, Caspar von Zumbusch, 1875–1888 [Bild 14]

 Neben der kaiserlichen Repräsentanz diente die Ringstraße auch dem selbstbewussten Bürgertum
zur Selbstdarstellung, die 1879 ihren Höhepunkt erreichte: Anlässlich der Silberhochzeit des
Herrscherpaares (Kaiser Franz Joseph I. und Elisabeth) veranstaltete die Stadt Wien und ihre
Bürger einen prachtvollen Festzug unter der künstlerischen Leitung von Hans Makart (Vorbild:
Triumphzug Kaiser Maximilian I. in Nürnberg Anfang 16. Jahrhundert; dokumentiert von Albrecht
Dürer in Holzschnittserie) → der Festzug diente der Demonstration der wirtschaftlichen Macht des
Bürgertums; die Ringstraße mit ihrer historischen Architekturkulisse wurde in diesem Moment zur
„via triumphalis“.
- Hans Makart, Entwurf für Festzug [Bild 15]
- Albrecht Dürer, Der große Triumphwagen, 1522 [Bild 16]
- Karl Kager, „Die Sänger Österreichs huldigen dem Kaiserpaar“, 1880 [Bild 17,18]

 Vor allem durch die sog. Ringstraßenpalais, prachtvolle Palais an der des alten Adel oder von
Bankiers und Großindustriellen (sogenannte "Ringstraßenbarone") im späten 19. Jahrhundert
erbaut zeigen den Einfluss des Großbürgertums. Die Palais wurden im Ringstraßenstil erbaut, eine
Mischung von Neobarock und Neorenaissance, dem Neomanierismus. Die Ringstraßenpalais
waren im Gegensatz zu älteren Wiener Stadtpalais im historischen Stadtkern meist höher und
größer gebaut, mit damals modernen Einrichtungen wie Aufzügen, fließendem kalten und warmen
Wasser, Sanitäreinrichtungen, elektrischen Strom und Zentralheizungen.

3. Bauten und Baukomplexe


▪ Heinrich-Hof, Theophil Hansen, 1860–1863 [Bild 19]
Auftraggeber: Heinrich Drasche (Industrieller). Herausragende Leistung des historischen
Miethausbaus. Zusammenfassung von 6 einzelnen Häusern zu einem einheitlichen, palastartigen
Erscheinungsbild. Die architektonischen Motive sind der Renaissance verpflichtet (Symbol der
Freiheit und Demokratie), die auf barocken Bautypus übertragen wurden.
- Vgl.: Wien, Miethaus am Schottenring, Carl Tietz, 1869 [Bild 20]
-Horizontale Geschoßteilung; Renaissancestil-Palastbaustil; Erdgeschoß und Mezzanin – Piano Nobile
dann Obergeschoß; Risalit als Akzent in der Mitte (auch auf den Seiten).
Oberflächen in der Neorenaissance sind plastischer als in der Renaissance; Renaissance eher
Blockbauten, Neo eher mehr gegliedert.

▪ Hofoper, August von Siccardsburg und Eduard van der Nüll, 1861–1869 [Bild 21-24]
Kombination verschiedener Formen der französischen und italienischen Frührenaissance (Vorbild für
Stilwahl: Dresden, Opernhaus, Gottfried Semper, 1838–1841). Innenraum greift auf die Tradition des
barocken Logentheaters zurück.

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Architekten waren am Wettbewerb für die Ringstraße beteilig. Dominanter Längsblock; Vestibül vor
den Zuschauerrängen; Mitte durch Dachlandschaft erreichbar; dominanter Mittelblock – durch
niederige Seitenblöcke symmetrisch ergänzt; Typ: Opernarchitektur, Schauspielhausarchitektur.
1869 fertiggestellt – stark abgelehnt; sehr kleinförmige, schematische Baukörper; italiensiche,
französische, niederländische Renaissance – konnte nicht konkurrieren; die Vorstellung wird aber im
Innenraum gerecht – Vorstellung eines barocken Theaters (nicht wie Sempers Oper (3.VO) eine
demokratisierende Form – wie griechische, römische Theater – wo alle Sitze gleich sind -> hier gibt
es eine Hierarchie) – solche prachtvollen repräsentativen Bauten müssen dem Anspruch gerecht
werden.

▪ Kaiserforum, Gottfried Semper und Karl Hasenauer, ab 1869 [Bild 25,26]


Dem Gebäudekomplex der alten Hofburg (seit 13. Jh.) sollte eine neue Hofburg „vorgeblendet“
werden (um den äußeren Burghof gruppierte 3-Flügelanlage: neuer Mitteltrakt vor leopoldinischem
Trakt; zwei neue, konkav einschwingende Seitenflügel, die sich zur Ringstraße hin öffnen).
Auf der anderen Seite der Ringstraße sollte der Neuen Hofburg ein aus drei Gebäuden bestehender
Komplex antworten: die Hofstallungen Fischer von Erlachs (18. Jh.); im rechten Winkel dazu
angeordnet die beiden Hofmuseen: Kunst- und Naturhistorisches Museum.
Das Kaiserforum wurde nur fragmentarisch realisiert: Es wurde nur ein Seitenflügel realisiert. Viel
dynamischere, plastischere Form; riesiege Mittelachse-Vestibül – als Vorlauf zum dahinterliegenden
Raum. Das ganze sollte die Macht der österreichisch-ungarischen Monarchie darstellen.
- Neue Hofburg (Ausführung von nur einem Seitenflügel), Gottfried Semper und Karl Hasenauer,
Planung 1881; Ausführung 1884–1894 (Neubarock) [Bild 27]
Realisiert wurden aber beide Hofmuseen.
- Hofmuseen, Gottfried Semper und Karl Hasenauer, ab 1869 bzw. 1872 (Neurenaissance) [Bild 28-
31] Gewaltige Fassade; 2-geschoßig gegliedert; rustiziertes Untergeschoß; höheres Obergeschoß
(Piano Nobile -> wichtiges ist oben (Renaissance); klare Stockwerksgliederung; Rundbögen;
Trennung Untergeschoß-Obergeschoß; Halbsäulen über beide Stockwerke + Mezzaningeschoß;
Mittelachse flankiert mit Seitentrakten (Vergleich mit Kirche).
Warum Renaissance? -> 1. Bürgerlich; 2. Gekoppelt mit Künsten + Wissenschaft
Das Publikum in Wien zielte auf Repräsentanz mit Ansprüchen.

▪ Bürgerforum
Als formales und inhaltliches Gegengewicht zum Kaiserforum entstand zeitgleich die Idee des
Bürgerforums, bestehend aus Rathaus, Parlament, Universität und (in einem späteren Planschritt
zugeordnet) Burgtheater. 1870 Erwerbung des sog. Paradeplatzes durch den damaligen Bürgermeister
Cajetan Felder. Ursprüngliche Idee: Parlament und Universität sollten dem Rathaus zugeordnet
werden (Vorbild: Senatorenplatz in Rom), sollten alle drei von einer Platzanlage betreten werden
können. Diese Idee wurde wieder fallen gelassen und die drei Bauten wurden als Solitäre der
Ringstraße zugeordnet; das Burgtheater wurde in der Achse des Rathauses erbaut [Gegenüberstellung
von Bürgertum (Rathaus) und Kaiserhof (Burgtheater)].
- Rathaus, Friedrich von Schmidt, 1872–1883 [Bild 32,34,36] (Neugotisch; Vorbild: Gotische
Rathäuser in Flamen)
- Parlament, Theophil Hansen, 1873–1883 [Bild 37,38] (Klassizistisch; Anknüpfung an Ideal des
Staatswesens der Griechen – Hansen: Die Griechen als das erste Volk mit Demokratie, Freiheit +
Gesetzmäßigkeit, der Stil hat auch die meiste Freiheit)
- Universität, Heinrich von Ferstel, ab 1873 (Neurenaissance) [Bild 39,40]
Durchgezogene Gebälke, stockweise Gleiderung; Rundbögen (römische Erfindung) –
Tabulariummotiv -> Beispiel am Kolloseum in Rom; rustifizierte Sockelzonen -> Piano Nobile;

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Ferstel verfährt sehr frei mit der Renaissance – er versucht auch eine vertikale Gliederung
einzubringen
- Burgtheater, Gottfried Semper und Karl Hasenauer, ab 1874 [Bild 35,41-44] (anstelle des alten
Hoftheaters am Michaelerplatz; Mischstil aus Renaissance- und Barockformen)
Schwingt sich gegen die Ringstraße; an den Flanken Treppenhäuser – so groß wegen dem Verhältnis
zum Rathaus.
-> Somit setzt sich das Bürgerforum aus 4 verschiedenen Stilen zusammen.

Zusammenfassung 1.Teil: Rathäuser – Vorbild Flamen (Bürgertum, Stadt); Parlament – Griechenland


(Demokratie); Universität – Renaissance (Wissenschaft usw.) -> jede Funktion past zum Stil –
Bauafbgabe und Stil stehen somit in enger Konnotation.

II. Bauten und Projekte König Ludwig II. von Bayern

König Ludwig II. von Bayern (1864–1886) zählt zu den bedeutendsten Bauherren des Historismus.
König Ludwig war ca. 40 Jahre alt, nach der Krönung zieht er sich zurück um private Häuser zu
bauen. Er wird später für geisteskrank erklärt – ist irgendwie zur Legende geworden – regelrechter
Hype. Ludwig war sehr gebildet und stilvoll (kannte sich auch gut in der Architektur aus). 1864 berief
er Richard Wagner nach München, dessen Schriften und Musik größten Eindruck auf ihn machten
(Ludwigs Königs-Ideal: Eine Monarchie der Kunst und Kultur). 1865 musste Wagner auf Druck von
Öffentlichkeit und Politik München wieder verlassen; damit scheiterte die Ausführung des für
München von Gottfried Semper geplanten Wagner-Festspielhauses, der Entwurf aber blieb [Bild
48,49]. 1866 musste Ludwig an der Seite Österreichs gegen Preußen in den Krieg ziehen, was eine
vernichtende Niederlage des bayerischen Heeres zur Folge hatte. Ludwig reagierte mit
Rücktrittsgedanken und totalem Rückzug von Hof und Volk. 1871: Gründung des Deutschen Reichs:
Zu dieser Zeit verlieren die Könige (regional z.B. Bayern) an Bedeutung.

1. Beispiele
▪ Schloß Linderhof (bei Ettal), Georg Dollmann, ab 1868 [Bild 50-53]
Als private Villa des Königs geplant. Der Bautypus hat die sog. „maison de plaisance“
(Lustschlößchen des Barock und Rokoko) zum Vorbild. Die zwei Haupträume (Paradeschlaf-zimmer,
Spiegelsaal) nehmen auf das Hofzeremoniell des französischen Absolutismus Bezug (Ludwig 14.,
15., 16.).
- Vgl.: Versailles, Petit Trianon, Jacques-Ange Gabriel, 1764–1768 [Bild 54]
Entspricht dem Typus einer bürgerlichen Villa des 19. Jahrunderts. Unterschied: Paradschlafzimmer
(Schlossbau) – kein Schlafzimmer, Thronsaal + Spiegelsaal [Bild 55,56] – beides zur Repräsentation.
Errichtung weiterer kleiner Bauten im Park von Linderhof:
- Marrokanisches Haus [Bild 57] – Bezugnahme Orient
- Maurischer Kiosk [Bild 58,59] (auf der Weltausstellung 1867 in Paris gezeigt)
- Nachbauten in freier Natur von Bühnenbildern von Münchener Wagner-Inszenierungen [Bild 60-63]
(aquarellierte Ansichten von Heinrich Breling, 1881): Venusgrotte des Hörselbergs (aus Tannhäuser),
Einsiedelei des Gurnemanz (aus Parsifal) und Hundinghütte (aus Walküre) Architektur der
Bühnenbilder galt damals als „High-Tech Architektur“
Bezüge: 1. Hauptgebäude -> Französische Monarchie; 2. Marokkanisches Haus -> Orient; 3. Reale
Bühnenbilder -> die ganze Welt des Mittelalters (zu der Zeit war man historisch sehr stark informiert)
Ludwig nutzt Bauten in unterschiedlichen Stilen – sitzt drinnen und ließt Bücher.

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▪ „Neue Burg Hohenschwangau“ (späteres Schloss Neuschwanstein bei Füssen), Georg


Dollmann, Jank, Riedel und Hofmann, ab 1869 [Bild 64-67]
Vorbild (Außenbau): Wartburg in Eisenach; Schwanenritterburg vom Bühnenbild der Münchener
Lohengrien-Inszenierung von 1867 [Bild 68]
- Sängersaal: Bezugnahme auf den Festsaal der Wartburg (wie das Münchener Bühnenbild der
Tannhäuser-Inszenierung) [Bild 69,73]
- Thronsaal: Byzantinisierender Stil [Bild 71] (Vorbild: München, Allerheiligenhofkirche, Leo von
Klenze, 1828 [Bild 72] – er soll eng mit Gott in Verbindung sein) Ludwig hatte sehr präzise
Vorstellungen. Byzanz mit Mittelalter verbunden. Das Schloss zeugt von seiner spätromantischen
Introvertiertheit, es repräsentiert jene verklärende Vorstellung vom Mittelalter, der man seit der
Romantik anhing

▪ Schloss Herrenchiemsee, Georg Dollmann, ab 1878


Vorbild: Schloss Versailles [Bild 77,78,80]; jedoch keine vollständige Kopie, sondern Übernahme
einer Flucht von neun Repräsentationsräumen aus der Zeit Ludwigs XIV: Es soll ein Tempel des
Ruhmes sein wo er feiern kann – Andenken (Vorbild) an Ludwig XIV.
- Spiegelgalerie [Bild 79]
- Paradeschlafzimmer [Bild 81]

▪ Beispiele nicht realisierte Bauprojekte König Ludwig II.


- Entwurf für einen byzantinischen Palast, Julius Hofmann, 1885 [Bild 82,83]; Vorbild:
Konstantinopel, Hagia Sophia, 532–537 [Bild 84]
- Entwurf für einen Sommerpalast im Chinesischen Stil, Julius Hofmann, 1886; Vorbild: Peking,
Kaiserlicher Sommer- und Winterpalast [Bild 85,86]

2. Interpretation
Auffallend ist weniger die enge Anlehnung an historische Vorbilder (zur Zeit des Historismus überall
in Europa bei den Burgen- und Schlossbauten des Adels üblich), sondern das ungewöhnlich breite
Spektrum dieser Bauten sowie ihr ausschließlich privater Anspruch.
- Paris, Weltausstellung, 1867

▪ These 1: Zusammenhang zwischen Bauten König Ludwig II. und der Villa Hadriana in Tivoli
(unter Kaiser Hadrian, ab 118 n. Chr.) [Bild 87,88]
Trotz grundsätzlicher Unterschiede zwischen den Bauten Ludwigs und Hadrians gibt es auffallende
Gemeinsamkeiten:
- Dezentrale Lage zu den Regierungszentren München bzw. Rom
- Nachbildung von Bauten, mit denen Ludwig bzw. Hadrian durch Literaturstudium bzw. Reisen
bekannt wurden. Z.B.: Tivoli, Villa Hadriana, sog. „Canapus“ (Nachbildung der Nillandschaft)
- Breites historisches Spektrum der Vorbilder
→ Falls diese These zutrifft, stünden die Bauten Ludwigs in der Tradition der römischen Imperatoren.
Die Bauten Ludwigs sind – im Gegensatz zu Hadrian – nicht mehr Ausdruck realer politischer Macht,
sondern Machtkompensation bzw. Macht über die Historie.

▪ These 2: Die Bauten König Ludwigs II. als gebaute Enzyklopädie bedeutender Herrschersitze
Ludwigs Burgen-, Schlösser- und Palastprojekte beziehen sich auf das deutsche Mittelalter, den
französischen Absolutismus sowie die Kaiser- bzw. Königreiche in Byzanz, China und im Orient, d. h.
Epochen und Kulturen, die von einer herausragenden Position des Herrschers geprägt sind.
- Neuschwanstein, Thronsaal [Bild 89]

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- Herrenchiemsee, Paradeschlafzimmer [Bild 90]


→ In diesem Fall wären die Bauten Ausdruck eines historisch höchst reflektierten Kalküls eines
entmachteten Herrschers.