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DOnneRSTAg, 7. ApRiL 2011 reGionAlwirTScHAfT 7

«Pipetting Valley» am Zürichsee Kommentar


Von Thomas schär

Bildung stärken
life ScienceS. Eine junge Wissenschaft erobert vom Zürichsee schen 2005 und 2008 erhöhte sich die Roche der Fall sei. Dazu komme, dass
aus die Welt: Rund um die Life Sciences – wörtlich Lebenswissen- Zahl der Beschäftigten im Kanton um mit Universität und ETH Zürich zwei Das richtige Timing ist in der Wirt-
8,0 Prozent. nationale Bildungsstätten im Umkreis schaft (fast) alles. Den richtigen Zeit-
schaften – haben sich in der Region auffallend viele aufstrebende Jürg Zürcher, Life-Sciences-Spezia- zu finden sind, «die aufgrund der In- punkt zu erwischen und einen sich in
Unternehmen angesiedelt. Die Zeichen stehen auf Expansion. list beim Wirtschaftsprüfungs- und Be- teraktion von Forschung und Lehre Bewegung setzenden Zug respektive
ratungsunternehmen Ernst & Young, aktiv zum Gedeihen des Netzwerks einen Megatrend nicht zu verpassen,
Thomas schär ganzen Kanton wies der Sektor im weist darauf hin, dass mit Mettler-To- beitragen können». kann für ein Unternehmen matchent-
Jahr 2008 nach Angaben der kantona- ledo (Greifensee), Qiagen (Hom- scheidend sein. Wer das rechtzeitige
Am oberen Zürichsee hat sich in den len Standortförderung rund 1100 Ar- brechtikon), Sonova (Stäfa) und Te- Standortvorteil Infrastruktur Aufspringen verpasst, kriegt meistens
letzten Jahren eine stattliche Anzahl beitsstätten auf. In den Branchengrup- can (Männedorf) gleich mehrere Fir- Zürcher ist überzeugt, dass die hohe keine zweite Chance. Solche Züge,
von zumeist jungen Unternehmen an- pen chemisch-pharmazeutische Indus- men von Weltruf in der Region ansäs- Standortattraktivität auch viel mit die, um im Bild zu bleiben, in Rich-
gesiedelt, die sich auf die Herstellung trie, Medizintechnik, Handel und For- sig sind. Dies führe zur Ansiedlung dem Wohlbefinden der dort arbeiten- tung neue Marktchancen abfahren,
von Analyse- und Messinstrumenten schung & Entwicklung (F & E) von Zulieferbetrieben, die eng mit die- den Personen zu tun hat. Somit seien sind, einmal richtig ins Rollen ge-
für die Life-Sciences-Industrie spezia- arbeiteten zu diesem Zeitpunkt – sen Firmen zusammenarbeiten. Somit auch Ansprüche an die Infrastruktur kommen, kaum mehr einzuholen.
lisiert haben und Laborbetriebe auf neuere Zahlen gibt es aufgrund feh- sei eine ähnliche Komposition zu be- (Verkehrserschliessung, Wohnraum,
der ganzen Welt beliefern. Unter der lender aktueller Betriebszählungen obachten, wie dies beispielsweise in Einkaufsmöglichkeiten, Schulen) für Einen klassischen Megatrend stellt
Bezeichnung «Pipetting Valley» ist nicht – rund 23 100 Beschäftigte. Zwi- Basel mit Actelion, Novartis und die Aufrechterhaltung der Attraktivi- die sich rasch entwickelnde Life-Sci-
zwischen Männedorf und Rapperswil tät zu beachten. Wichtig sei auch die ences-Industrie dar, die ihren Sieges-
ein eigentlicher Wissenscluster ent- Erhaltung von F & E vor Ort. Kurze zug unter anderem von der Schweiz,
standen – das heisst, ein Netzwerk von persönliche Interaktionen können insbesondere vom Zürichsee aus an-
Produzenten und Zulieferern in regio- nach Ansicht von Jürg Zürcher trotz getreten hat und im Begriff ist, die
naler Nähe. In Bereichen wie der Me- technologischen Möglichkeiten nicht Welt zu erobern. Dass sich gerade
dikamentenforschung, Forensik und ersetzt werden, «und manch eine gute hier eine Industrie breitmacht, die
Molekulardiagnostik werden – mit Idee ist beim Gespräch an der Kaffee- diese neue Schlüsseltechnologie für
Hilfe von Glasröhrchen für die Ent- maschine geboren worden». sich als Betätigungsfeld entdeckt, ist
nahme von Flüssigkeiten beim Men- Einig sind sich die Experten darin, kein Zufall. Die Region, die eine an-
schen, den Pipetten – flüssige Substan- dass es sich bei der Life-Sciences-In- haltend grosse Anziehungskraft für
zen gewogen, gemischt und analysiert. dustrie «um eine sehr wichtige Wachs- in- und ausländische Investoren aus-
Die Stärken des «Pipetting Valley» lie- tumsbranche für die Schweiz handelt», übt, bietet hervorragende Voraus-
gen im Bereich der automatischen wie Lukas Huber von der Greater setzungen für die Ansiedlung von in
Aufbereitung von (Labor-)Proben Zurich Area, der Vermarktungsorga- diesem Bereich tätigen Unternehmen.
(«Liquid Handling»). Dieses löst nach nisation für den gleichnamigen Wirt-
und nach das aufwendige Handpipet- schaftsraum, festhält. Einerseits seien Als Standortvorteile sind hier neben
tieren ab. Damit sparen die grossen die globalen Wachstumsaussichten der steuerlichen Aspekten vor allem die
Pharma- und Chemiekonzerne viel Branche sehr gut – Stichwort alternde hervorragende Infrastruktur, die ho-
Zeit und wertvolles Geld. Bevölkerung, veränderter Lebensstil, he Lebensqualität, stabile Rahmen-
aufstrebende Märkte und so weiter. bedingungen, aber auch die extrem
Mehrere Firmen von Weltruf Zudem habe die Schweiz auf akademi- gute und nahe Anbindung an Lehre
Innerhalb des Kantons konzentrieren scher und industrieller Ebene enorme und Forschung zu nennen. Der Wirt-
sich die Life-Sciences-Standorte vor Kompetenzen in diesem Bereich. Die schaftsraum kann zudem auf eine
allem auf die Pfannenstielregion mit Wachstumsraten und Exportanteile lange Tradition als Medizintechnik-
Stadt Zürich, Greifenseeregion, Glatt- des Life-Sciences-Sektors seien jeden- Standort zurückblicken. Damit dies
tal und Limmattal. In Stäfa etwa arbei- falls beeindruckend. so bleibt, braucht es in Zukunft noch
ten 26 Prozent der Beschäftigten im stärkere Investitionen in Bildung und
Life-Sciences-Sektor, womit die Ge-
meinde diesbezüglich innerhalb des
Life ScienceS Forschung durch den Bund. Vor al-
lem die asiatischen Schwellenländer
Kantons an der zweiten Stelle – nach Life Sciences bezeichnet jenen for- sind aufgrund ihrer hohen Wachs-
Greifensee – steht. In Uetikon und schungszweig der natur- und inge- tumsdynamik und ihres Fachkräfte-
Männedorf sind es immerhin 14 Pro- nieurwissenschaften, der sich mit pools mächtig am Aufholen.
zent. Am rechten Zürichseeufer haben Strukturen und Verhalten von leben-
den Organismen beschäftigt. Die me-
thodische Arbeit und das theoretische
«Manch eine gute Idee Rüstzeug sind demzufolge häufig Druck aus Asien
ist beim Gespräch an der stark interdisziplinär, haben aber ei-
nen klaren Bezug zu Lebewesen. eine STAnDorT ScHweiz. Für den Leiter
Kaffeemaschine geboren genaue Branchenabgrenzung für die Ansiedlungen & Life Sciences bei der
worden.» Life-Sciences-industrie, auch Lebens- kantonalen Standortförderung, Adri-
Jürg Zürcher, ernst & Young wissenschaften oder Biowissenschaf- an Stettler, bietet die Schweiz für For-
ten genannt, ist somit schwierig, da schung und Entwicklung noch immer
sie sich als sogenannte Querschnitt- so gute Voraussetzungen, «dass diese
sich namhafte Zulieferbetriebe wie branche aus branchenübergreifenden wesentlichen Konzernfunktionen trotz
NT K+D (chemische Apparate, Dich- Wirtschaftszweigen zusammensetzt. hohen (Lohn-)kosten grossmehrheit-
tungen und Teflon-Teile), Arendi Dabei handelt es sich um die che- lich hier verbleiben». Der Druck aus
(Hard- und Software-Engineering), misch-pharmazeutische industrie, die Asien werde aber weiter zunehmen,
Qiagen (biologische Proben- und Test- Medizinaltechnik – die am Zürichsee da der Pool an Talenten und qualifi-
technologien), Sias (Robotik), Pass eine dominante Rolle spielt – sowie zierten Mitarbeitern laufend zunehme,
(Software-Engineering), Xiril (Labor- forschung und entwicklung im natur- was nach Angaben von Stettler «ne-
automatisierung) (alle Hombrechti- wissenschaftlichen Bereich und den ben günstigen Produktionsfaktoren
kon), Sensirion (Sensoren) in Stäfa Handel mit chemisch-pharmazeuti- auch eine Gefahr birgt für die Verla-
oder Weidmann Plastics (Spritzgusslö- Aufbruchstimmung in Hombrechtikon: Das neue Technologiezentrum des Biotech- schen erzeugnissen. (ths) gerung von anderen Aktivitäten in die
sungen) in Rapperswil angesiedelt. Im Unternehmens Qiagen soll dereinst Platz für 150 Mitarbeiter bieten. Bild: Reto Schneider asiatischen Länder». (ths)

Den Weltmarkt zur Hälfte abgedeckt


ToolPoinT. Der Verein Tool- quente Ausrichtung auf Firmen der des Weltmarktes abdeckt und die 29 350 neue Stellen geschaffen werden. len einen Nutzen für ihre Mitglieder-
point steht für die spürbare Life-Sciences-Industrie, deren Wert- Mitglieder – darunter so vielverspre- Bei passenden Unternehmen wird der beiträge sehen, sonst springen sie ab».
schöpfungskette (als geordnete Rei- chende KMUs wie Sias, Xiril, Pass (al- Kontakt von der kantonalen Standort- Zu diesen Leistungen zählt die Initi-
Aufbruchsstimmung im Bereich hung von Tätigkeiten, welche Werte le Hombrechtikon) oder Xeronics förderung zu Toolpoint initiiert, wie ierung von Projekten aufgrund der Be-
Life Sciences an den Gestaden schaffen und in Prozessen miteinander (Zürich) – einen Jahresumsatz von ins- etwa bei den beiden Firmen Infoteam dürfnisse der eigenen Mitglieder res-
des Zürichsees. verbunden sind, Red.) und Bedürfnis- gesamt fünf Milliarden Dollar erzie- (Stäfa) und Invetech (Volketswil). pektive der Branche, allen voran «Big
se macht Toolpoint einzigartig.» Hu- len. Allein im Bezirk Meilen und Rap- Pharma». Das Ziel von Toolpoint ist
Der in Hombrechtikon beheimatete ber beschreibt den Verein als institu- perswil beschäftigen die Mitglieder Eigene Räumlichkeiten es, die Menschen, die in diesem welt-
Verein Toolpoint versteht sich als tionell vernetzten und spezialisierten von Toolpoint 1700 Angestellte. In Erstaunlich an dieser rasanten Er- weiten Cluster entlang der Wertschöp-
Netzwerk von Life-Sciences-Unter- Nischencluster – als ein Netzwerk für den letzten vier Jahren konnten hier folgsstory ist eigentlich nur, dass der fungskette tätig sind, an einem Tisch
nehmen und zugewandten Institutio- einen kleinen Ausschnitt des Gesamt- Verein erst im vergangenen Dezem- zusammenzubringen. Natürlich gibt es
nen und Hochschulen. Zu den Grün-
dungsmitgliedern des 2003 ins Leben
marktes. Für Adrian Stettler, Leiter
Ansiedlung & Life Sciences der kanto-
Life ScienceS (i) ber – nach sieben Jahren – eigene Bü-
roräumlichkeiten im ehemaligen Te-
nach Angaben von Ziegler Gebiete,
die von Toolpoint nicht abgedeckt
gerufenen Vereins gehören kotierte nalen Standortförderung, handelt es in einer zweiteiligen Serie geht die «Zü- can-Firmensitz in Hombrechtikon be- werden können, etwa wenn es zu kom-
Gesellschaften wie Tecan, Qiagen und sich beim zu 80 Prozent von der Indus- richsee-Zeitung» der frage nach, wie ziehen konnte. Die Kommunikations- petitiv wird, das heisst, wenn eine Fir-
Mettler-Toledo, aber auch die kanto- trie finanzierten Toolpoint «um ein sehr die Life-Sciences-industrie die in- verantwortliche von Toolpoint, Esther ma Informationen nicht an einen Kon-
nale Standortförderung, die im Beirat Vorzeigebeispiel einer funktionieren- dustrielle Landschaft am Zürichsee ver- von Ziegler, erklärt sich das damit, kurrenten preisgeben will. Umgekehrt
vertreten ist. Der Verein sei sowohl in den Netzwerk-Initiative». ändert respektive welches Zukunftspo- «dass es einfach seine Zeit gedauert gibt es jedoch eine Vielzahl von Auf-
Form als auch Ausrichtung einzigartig, tenzial die Branche für die Region auf- hat, bis das ganze Projekt aufgebaut gaben, bei denen sich für eine einzelne
erklärt Lukas Huber von der Greater 350 neue Stellen geschaffen weist. im ersten Teil wird das Umfeld be- war und die entsprechenden Struktu- Firma der Alleingang nicht lohnt, etwa
Zurich Area (GZA), der Vermark- Im Falle von Toolpoint heisst diese Ni- leuchtet, während im zweiten Teil die ren geschaffen waren». Zudem müsse bei branchenbezogenen Projekten.
tungsorganisation für den gleichnami- sche Liquid Handling (siehe Bericht firmen selbst zu Wort kommen. der Verein in erster Linie Leistungen Hier springt Toolpoint regelmässig als
gen Wirtschaftsraum. «Die konse- oben), wo Toolpoint über 50 Prozent erbringen, «denn die Mitglieder wol- Hilfesteller ein. (ths)