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Rudolf Rocker

Ausgewählte Schriften
Inhalt:

01. Der Nationalismus – eine Gefahrenquelle 03


02. Das nationale Einheitsphantom 09
03. Antisemitismus und Judenpogrome 13
04. Sozialdemokratie und Anarchismus 17
05. Parlamentarismus und Arbeiterbewegung 24
06. Syndikalismus und Staat 47
07. Wir und die Marxisten 49
08. Krieg und Wirtschaft 51
09. Staat und Krieg 55
10. Revolutionsmythologie und revolutionäre Wirklichkeit 60
Der Nationalismus – eine Gefahrenquelle

Es gab wohl kaum eine Epoche in der Geschichte der Menschheit, in der ein einmütiges und
vorurteilsfreies Zusammenwirken aller Völkergruppen so dringend notwendig gewesen wäre
wie gerade heute, um den großen Problemen der Zeit zu begegnen, von deren Lösung das
Schicksal aller abhängig ist. Alle Probleme, die sich heute vor uns auftürmen, haben sich zu
Weltproblemen ausgewachsen, die man weder umgehen noch durch politische Neutralität
beseitigen kann. Jeder Versuch einzelner Völker in dieser Richtung muß nur zu neuen
Trugschlüssen führen und die Gefahr vergrößern, die uns heute von allen Seiten bedroht. Die
meisten Menschen haben auch bereits eine dunkle Vorstellung von der Unhaltbarkeit der
heutigen Zustände, doch nur eine kleine Minderheit hat bis jetzt klar erkannt, daß eine neue
und vielleicht die größte Katastrophe, von der die Menschheit je befallen wurde, nur durch
eine entschlossene Abkehr von den alten Wegen der Machtpolitik der Staaten und der
nationalistischen Verblendung der Völker abgewendet werden kann.

Was uns heute Not tut, ist ein ungetrübter und breiterer Ausblick über die gesellschaftlichen
Notwendigkeiten der nächsten Zukunft und die klare Erkenntnis, daß die Fragen, zu deren
Lösung wir heute gezwungen sind, weit über die politischen Abgrenzungen der Staaten
hinausgehen und nicht länger im Sinne nationalistischer Begriffe zu lösen sind. Vor dem
deutsch-französischen Kriege 1870/71 und der wachsenden Militarisierung Europas waren die
nationalistischen Bestrebungen des "Jungen Europa" und der Glaube an die Unantastbarkeit
der Souveränität kleiner Staaten noch immerhin verständlich; doch das änderte sich gründlich,
als die militärischen Bündnisse der großen Staaten einsetzten, die den ganzen Kontinent in
feindliche Lager zerklüfteten und durch ständige Rüstungen die Kriegsgefahr zu einem
Dauerzustand machten, der nur zu einer sozialen Katastrophe führen konnte und naturgemäß
immer neue Katastrophen zum Gefolge haben muß, so lange die Völker sich nicht selbst
diesem Zustand widersetzen. Sogar diejenigen Völker, die bis zum Ende des ersten
Weltkrieges einem fremden Joch unterworfen waren und seit vielen Jahren ihre nationale
Unabhängigkeit erstrebten, die sie nun endlich erreicht hatten, konnten damit nichts gewinnen
und gerieten fast alle in eine Lage, die sich für sie wirtschaftlich und politisch noch
drückender gestaltete als ihre frühere. Von den neuen Staaten, die sich nach dem ersten
Weltkriege im östlichen Teile Europas entwickelten, hatte nur die Tschechoslowakei einen
Erfolg zu verzeichnen, die sich aus den früheren österreichischen Provinzen Böhmen,
Mähren, Schlesien und einigen kleineren Distrikten zusammensetzte. Die Tschechen waren
zwar in diesem neuen Staatswesen die stärkste Volksgruppe, doch bildeten sie noch nicht eine
Hälfte der fünfzehn Millionen seiner Bevölkerung, während acht Millionen auf Slowaken,
Deutsche, Ungarn, Ruthenen und kleinere Volksgruppen entfielen. Wenn das kleine Land sich
trotzdem so rasch emporarbeiten konnte, so hatte es dies hauptsächlich zwei Umständen zu
verdanken: Es besaß eine Menge wertvoller Bodenschätze und bildete schon vor seiner
errungenen Unabhängigkeit den wichtigsten Industriebezirk Österreichs. Dazu kam noch, daß
die Tschechen auf alte demokratische Überlieferungen zurückblicken konnten und in Masaryk
einen geistigen Führer gefunden hatten, der nie von panslawistischen Ideengängen noch von
den Anschauungen der deutschen Philosophie beeinflußt wurde und seine föderalistischen
und liberalen Bestrebungen aus westlichen Quellen geschöpft hatte. Er hatte, in der Tat, sehr
viel von dem politischen Ideengut Jeffersons aufgenommen und hatte manche Ähnlichkeit mit
Pi y Margall, dem großen Vorkämpfer des Föderalismus in Spanien. Alle anderen Länder
aber, die sich damals ihre nationale Unabhängigkeit errungen hatten, machten sowohl
wirtschaftlich als politisch einen schlechten Tausch, der ihre Lage wesentlich verschlimmerte,
ohne ihnen die geringsten Vorteile zu bringen, die sie so lange erträumt hatten. Jeder dieser
neuen Staaten gehörte früher einem bestimmten Wirtschaftsgebiet an und war nun
gezwungen, seine eigene Wirtschaft zu organisieren und den neuen politischen Verhältnissen
anzupassen. Dies aber war schwierig, da jene Länder im Osten Europas bereits vor ihrer
nationalen Befreiung in einer sehr bedrängten wirtschaftlichen Lage zu leben gezwungen
waren und ihre allgemeinen Lebensbedingungen auf einer weit tieferen Stufe lagen als an den
meisten westlichen Ländern des Kontinents. Unter diesen Umständen, die noch durch die
allgemeine Wirtschaftskrise nach dem ersten Weltkriege wesentlich verschärft wurden, waren
sie einer Neugestaltung ihres wirtschaftlichen Lebens in keiner Weise gewachsen und gerieten
immer tiefer in den Zustand einer chronischen Dauerkrise, die ihre ohnedies schon ärmlichen
Lebensbedingungen noch mehr herabdrückte.

Aber auch die politischen und sozialen Rechte und Freiheiten, die man von der nationalen
Befreiung erhofft hatte, erwiesen sich sehr bald als eine leere Illusion, die keinen falschen
Kreuzer wert war, denn in den meisten Fällen gestaltete sich das eigene Joch, das sich jene
Völker durch ihre angebliche nationale Unabhängigkeit selbst auferlegt hatten, noch viel
drückender und unerträglicher als das fremde, dem sie kaum entronnen waren. Kein Mensch
mit etwas politischer Einsicht wird heute zu behaupten wagen, daß Polen unter der Herrschaft
Pilsudskis und der Diktatur der Generäle sich größerer politischer Rechte erfreute als früher
unter dem russischen Zarismus und der preussischen und österreichischen Monarchie.
Ungarn, das sich infolge der numerischen Stärke seiner Bevölkerung und der revolutionären
Überlieferung von 1848/49 unter der Habsburger-Dynastie manche politischen Rechte und
Vorteile errungen hatte, verlor unter der nationalen Diktatur von Horthy auch die letzten
Reste seiner früheren Freiheiten. Ähnlich gestaltete sich die Lage in Jugoslawien und in den
meisten kleineren Ländern, die nach dem ersten Weltkriege in die Reihe selbständiger Staaten
aufgerückt waren.

Heute aber sind fast alle jene jungen Staaten, zusammen mit den älteren im Osten Europas,
bloß noch Satelliten der Diktatoren im Kreml und haben jede politische Selbständigkeit, die
sie früher besaßen, vollständig verloren, so daß sie sich sogar nicht dagegen wehren können,
daß periodisch jetzt Tausende ihrer eigenen Einwohner gewaltsam nach Rußland verschleppt
werden, um in den Zwangslagern Sklavendienste für den russischen Staat zu verrichten.
Wenn es wirklich noch eines Beweises bedurft hätte, daß die vorgebliche nationale
Unabhängigkeit kleineren Völkern auch nicht den geringsten Schutz gewährt gegen die
Machtpolitik aggressiver stärkerer Nachbarn, so hätte der vergangene Weltkrieg den blinden
Glauben an eine solche Möglichkeit gründlich zerstören müssen, wenn die Völker nach den
furchtbaren Ergebnissen der großen Katastrophe überhaupt noch Imstande gewesen wären,
eine Lehre zu beherzigen, die bis heute leider so wenig verstanden wurde.

Auch die Tschechoslowakei, konnte ihrem Schicksal nicht entgehen, obgleich sie von den
Umständen mehr begünstigt wurde als alle anderen der neueren Staaten. Nachdem sie von den
Großmächten schmählich preisgegeben wurde und Hitler dieselben nationalistischen
Bestrebungen, denen der tschechische Staat seine Existenz zu verdanken hatte, nunmehr dazu
benutzte, die deutschen, slowakischen und andere Minderheiten desselben Staates gegen Prag
aufzuwiegeln, indem er ihnen ihre nationale Befreiung in Aussicht stellte, um sie umso besser
für seine eigenen machtpolitischen Pläne mißbrauchen zu können, war das Schicksal der
Tschechen besiegelt. Sogar die Niederlage Hitlers konnte ihnen später nicht mehr helfen, da
sie nur einen Rollenwechsel herbeiführte und Stalin erlaubte, nur gründlicher fortzusetzen,
was Hitler begonnen hatte. Der indische Philosoph Rablndarath Tagore sagte einst: "Die
Nation ist eines der wirksamsten Betäubungsmittel, die der Mensch erfunden hat. Unter dem
Einfluß seiner Dünste kann ein ganzes Volk systemathisch sein Programm unverhüllter
Selbstsucht ausführen, ohne sich im geringsten seiner moralischen Verderbtheit bewußt zu
werden." - Tagore nannte den Nationalismus eine Lehre des "organisierten" Egoismus und
traf damit den Nagel auf den Kopf; denn unter dem Deckmantel des Nationalismus läßt sich
alles verbergen. Die nationale Fahne deckt jedes Unrecht, jede Unmenschlichkeit, jede Lüge
und, wenn es sein muß, jedes Verbrechen. Die kollektive Verantwortlichkeit der Nation
erstickt jedes Gerechtigkeitsgefühl des Einzelwesens und bringt den Menschen so weit, daß er
begangenes Unrecht vollständig übersieht und sogar als patriotische Tugend preist, wenn es
im Interesse der Nation begangen wird. Da die Anhänger nationalistischer Anschauungen
stets bestrebt sind, nur das zu sehen, was sie von anderen trennt, so vergessen sie zwar nie ein
Unrecht, das an ihnen selbst begangen wurde, sind aber stets bereit, dasselbe Unrecht anderen
zuzufügen, wenn es ihren eigenen Bestrebungen Vorteil bringt. Es ist diese Engherzigkeit des
Denkens, die allen nationalistischen Bestrebungen eigen ist und ihre Anhänger stets dazu
verleitet, jede Erscheinung des Weltgeschehens vom Standpunkt ihrer kleinen
Interessengemeinschaft zu beurteilen, da sie sich selbst jeden breiteren Ausblick verstellt
haben. Diese beschränkte geistige Einstellung macht sie nicht nur völlig unfähig, große
Fragen, die für alle Völker die gleiche Bedeutung haben, ohne Vorurteil zu bewerten; sie ist
auch die Ursache, weshalb gerade nationale Bewegungen kleinerer Völker so häufig von den
Machthabern großer Staaten mißbraucht werden konnten, um ihre eigenen machtpolitischen
Interessen durch Vorspieglung falscher Tatsachen zu fördern. Schon Napoleon I. versuchte
mit gutem Erfolg die nationalen Bestrebungen unterdrückter Völker seinen eigenen
Machtplänen dienstbar zu machen. Die Außenpolitik Lord Palmerstons zur Aufrechterhaltung
des "politischen Gleichgewichts" auf dem Kontinent stützte sich wesentlich auf seine
angebliche Sympathie für die Sache der nationalen Minderheiten unter fremdem Joch, was ihn
aber durchaus nicht verhinderte, sie schnöde im Stich zu lassen, wenn sie seine Hilfe am
nötigsten gebrauchten. Napoleon III., der sich mit Vorliebe als Befürworter der nationalen
Einheit Italiens aufspielte, blieb trotzdem ein guter Sachwalter seiner eigenen Interessen und
zögerte keinen Augenblick, mit beiden Händen zuzugreifen, um Savoyen und Nizza
Frankreich einzuverleiben, als der günstige Moment dazu gekommen war. Hitler folgte nur
den Spuren seiner älteren Vorgänger, wenn er den Nationalismus als Köder benutzte, um
andere in die Falle zu locken, die dumm genug waren, seinen Beteuerungen zu glauben. Nach
seinem Sturz blieb Stalin der lachende Erbe, der heute dasselbe Trugspiel fortsetzt, um blinde
Massen auf den Leim zu führen, die ebensowenig etwas gelernt haben wie so viele andere vor
ihnen. Das Beschämendste ist, daß dieser Falschspielertrick berechneter Verlogenheit und
infamer Heuchelei noch immer zugkräftig ist, um aufgepeitschte Massen zu betören, die da
glauben, ihren eigenen Interessen zu dienen und keine Ahnung haben, daß sie nur als
Schachfiguren für ein anderes Spiel mißbraucht werden. Wer in der Tat die außenpolitischen
Bestrebungen Stalins und der Männer im Kreml lediglich nach den Resolutionen künstlich
organisierter Friedenskongresse und den Beteuerungen der internationalen kommunistischen
Presse beurteilt, könnte wirklich glauben, daß es den russischen Machthabern um weiter
nichts zu tun ist, als die Völker Asiens und Afrikas von den letzten Resten des "westlichen
Imperialismus" zu befreien und ihnen ihre nationale Unabhängigkeit zu sichern. Gegen ein so
lobenswertes Unterfangen wäre gewiß nichts einzuwenden, denn die Epoche der
Kolonialpolitik war gewiß kein Ruhmesblatt und gehört zweifellos zu den dunkelsten
Kapiteln zeitgenössischer Geschichte. Doch nur wenige fragen sich, weshalb Stalin und seine
Gefolgsmänner dasselbe Rezept, das sie so freigebig anderen verschreiben, nicht auf Rußland
selber anwenden oder, was von dem mächtigen russischen Staate, der über ein Sechstel der
ganzen Erdoberfläche einnimmt, noch übrig bliebe, wenn man seine Expansionspolitik mit
demselben Maßstab messen würde wie die des westlichen Imperialismus. Das kleine
Fürstentum Moskau, das sich im 13. Jahrhundert entwickelte und aus dem später der heutige
russische Staat hervorgegangen ist, war ein recht bescheidener Anfang. Allein dieser kleine
Staat hat im Laufe von vier Jahrhunderten nicht nur die ganzen baltischen Länder, die Gebiete
vom Nördlichen Eismeer bis zum Schwarzen Meer, Polen, das Fürstentum Kiew und die
Ukraine und die Regionen des Kaukasus unter seine Botmäßigkeit gebracht; er hat auch nach
und nach große Teile von Zentralasien und die ganze ungeheuere Landfläche vom Ural bis
zum Stillen Ozean annektiert, obgleich die meisten der unterworfenen Völkerschaften, sowohl
ihrer Sprache als ihrer Abstammung nach, mit dem eigentlichen russischen Volke
ebensowenig Verwandtschaft hatten wie die Völker Indiens, Burmas, Indochinas, Milanesiens
und der ganzen arabischen Welt in Asien und Nordafrika mit England, Frankreich, Italien
oder Holland.

Wenn alle Völker, die heute dem russischen Staat zwangsläufig unterworfen sind, die freie
Wahl besäßen, sich von der UdSSR zu trennen, so würde wohl von diesem mächtigen
politischen Gebilde sehr wenig übrig bleiben. Doch das ist nicht alles: Als nach dem
Ausbruch der Russischen Revolution und besonders nach dem Staatsstreich der Bolschewiki
im November 1917 unter den von Rußland unterworfenen Völkerschaften sich starke
Unabhängigkeitsbestrebungen bemerkbar machten, war die damals noch schwache Regierung
Lenins gezwungen, die nationale Unabhängigkeit verschiedener dieser Völker anzuerkennen
und feierlich zu bestätigen. So lesen wir in dem am 2. Februar 1920 abgeschlossenen Vertrag
von Tartu zwischen Estland und der Sowjetunion: "Nach dem Grundsatz, daß jedes Volk das
Recht besitzt, über sein eigenes Schicksal zu bestimmen und sogar sich vollständig von dem
Staate zu trennen, dem es bisher verpflichtet war, erklärt die Föderalistische Sozialistische
Sowjet-Republik, daß Rußland, ohne Vorbehalt die Unabhängigkeit und Autonomie des
Staates Estland anerkennt und freiwillig und für immer alle seine früheren Rechte der
Souveränität über das estische Volk und Territorium aufgibt; und daß alle solche Rechte, die
auf Grund einer gewesenen legalen Situation und auf Grund internationaler Verträge in Kraft
waren, von heute ab keine Gültigkeit mehr besitzen." Auch die Verträge mit Lettland im
November 1917 und mit Litauen 1918 waren fast im selben Wortlaut abgefaßt. Heute wissen
wir, daß alle diese Verträge nicht das Papier wert waren, auf dem sie feierlich beschworen
wurden. Estland, Lettland und Litauen sind heute unter sowjetischer Herrschaft mehr
versklavt, als sie es je unter dem Zarismus gewesen sind. Die Sozialistische Kaukasische
Republik wurde bald im Anfang mit Waffengewalt unterdrückt; Finnland lebt heute im
Schatten russischer Bajonette; die größere Hälfte Polens wurde Rußland wieder einverleibt
und die kleinere Hälfte wird wie eine russische Provinz regiert, wie alle Satellitenstaaten im
Osten Europas. Alle Verträge, die in dieser Hinsicht von der Sowjet-Union geschlossen
würden, wurden der Reihe nach von Stalin gebrochen. Rußland hat nicht nur nach dem
zweiten Weltkriege einen beträchtlichen Gebietszuwachs erhalten und ist heute größer als es
unter dem Zarismus je gewesen ist; es hat auch einen mächtigen Vorstoß nach Westen
gemacht, wie er keinem russischen Zaren gelungen ist, nicht zu reden von dem gewaltigen
Einfluß, den es sich in Asien errungen hatte. Man sollte denken, daß ein Land, das sich im
Laufe seiner Geschichte auf die Kosten, fremder Völker zum größten Staatswesen der Welt
entwickeln konnte, am allerletzten dazu berufen wäre, sich zum Anwalt für die nationale
Befreiung unterdrückter Nationen aufzuspielen. Doch die Männer im Kreml wissen ganz
genau, was sie der heutigen chaotischen Welt bieten dürfen, und ihre unermüdliche
Propagandamaschine findet stets neue Schlagworte, um unwissende Massen zu benebeln und
ihnen ihre wahren Absichten zu verschleiern. Der ganze Taumel, der heute die islamitische
Welt von Iran bis Marokko erfaßt hat, ist ein schlagendes Beispiel, wie solche Vorkommnisse
durch fremde Einflüsterungen künstlich erzeugt werden können. Wenn es sich in diesem Falle
wirklich um einen Aufstand unterdrückter Völker handeln würde, die von einer günstigen
Gelegenheit Gebrauch machen, wenn schon nicht, um ihre soziale Befreiung zu erkämpfen -
dazu gehören ganz andere geistige Voraussetzungen, die bis jetzt in der islamitischen Welt
nicht zu finden sind - so doch wenigstens, um eine bessere Lebenslage für sich selbst zu
gewinnen, so könnte man ihnen nur Glück dazu wünschen. Dach davon ist leider nicht die
Rede. Der ganze arabische Nationalismus war von Anfang an ein künstliches Gebilde, dessen
Entstehung viel mehr der auswärtigen Politik rivalisierender europäischer Großmächte zu
verdanken ist als den eigentlichen Bestrebungen der zahlreichen arabischen Völkerschaften.
Den Beduinenstämmen, die in manchen arabischen Staaten einen beträchtlichen Teil der
Bevölkerung bilden, war der Begriff des Nationalismus schon deshalb fremd, weil sie als
Nomaden überhaupt keine festen Wohnstätten besitzen. Die meisten arabischen Völker waren
vor dem ersten Weltkriege dem türkischen Staat unterworfen. Als die Türkei aber beim
Ausbruch des Krieges sich auf die Seite Deutschlands und Österreichs stellte, trat im Oktober
1915 Sir Henry Macmahon im Auftrag der britischen Regierung mit dem Emir Hussein, dem
Sharif von Mekka, in Verbindung und erklärte ihm, daß seine Regierung bereit sei, sich für
die nationale Unabhängigkeit aller arabischen Völker von der Roten See bis zum
Mittelländischen Meer; d. h. für Arabien, Syrien und Mesopotamien, mit der Ausnahme
einiger kleineren Landesteile, einzusetzen. Dies war der eigentliche Anfang der panarabischen
Bewegung und der Arabischen Liga. Bei all diesen Vorgängen wurden die Völker selbst nicht
zu Rat gezogen, deren große Mehrheit überhaupt kein Verständnis für die inneren
Zusammenhänge des Spieles hatte, in dem ihnen lediglich die Rolle stummer Mitspieler
zugedacht war wie den Statisten auf einer Theaterbühne. Es waren Verhandlungen zwischen
einer europäischen Großmacht und einer handvoll kleiner orientalischer Potentaten, die ihre
Völkerschaften gewiß nicht besser behandelten als irgendein Fremdherrscher.

Man darf überhaupt nie vergessen, daß der gesamte arabische Nationalismus seine ganze
Existenz nur einer kleinen intellektuellen Schichte zu verdanken hatte und von den kleinen
arabischen Machthabern unterstützt wurde, weil sie glaubten, ihre dynastischen Interessen
damit fördern zu können, wobei die größeren von ihnen stets von dem Wunsch besessen
waren, die neue Idee von der Arabischen Bruderschaft früher oder später dazu benutzen zu
können, um die Hegemonie über die arabische Welt zu erringen. Die Völker spielten dabei
überhaupt keine Rolle. Tatsache ist, daß in allen neueren arabischen Staaten, trotz ihrer
angeblichen Unabhängigkeit, sich die geistige und materielle Lage der breiten Massen des
Volkes in keiner Weise geändert hat.

Nach dem ersten Weltkriege aber wurden von den englischen Versprechungen nur wenige
eingehalten. Bei den Friedensverhandlungen wurde Großbritannien mit dem Mandat über
Irak, Palästina und Transjordanien betraut, während das Mandat über Syrien Frankreich
zufiel. Die Folge war, daß die sogenannte panarabische Bewegung, die zuerst ausgesprochen
pro-britisch war, nunmehr immer offensichtlicher ins anti-britische und anti-französische
Lager umschwenkte. Das zeigte sich besonders deutlich, als Mussolini in seiner bekannten
Rede sich als Protektor der islamitischen Welt vorstellte und durch Rundfunkpropaganda aus
Rom die Araber für seine Interessen zu ködern versuchte. Er hatte auch Erfolg, denn die
kleinen arabischen Machthaber liebäugelten damals mit dem faschistischen Italien, wie sie
heute mit Stalin liebäugeln. Es ist dies eine der schwächsten und gefährlichsten Seiten jedes
Nationalismus, welchen Namen er immer tragen mag. In ihrer blinden Verbohrtheit, die stets
an die engsten Interessen einer bestimmten Menschengruppe gebunden ist, sind seine Träger
stets bereit, sich irgendeinem politischen Abenteurer in die Arme zu werfen, der ihnen durch
verlogene Versprechungen falsche Hoffnungen vorgaukelt, ohne sich im geringsten darum zu
kümmern, daß sie damit häufig die brutalste Reaktion fördern helfen, die nicht nur der ganzen
Menschheit, sondern auch ihren eigenen Bestrebungen zum Verderben ausschlagen muß. Das
zeigte sich gerade in diesem Falle mit unverhüllter Deutlichkeit. War die Stellung der
arabischen Kleinherrscher der Sache der Alliierten im zweiten Weltkriege durchaus nicht
günstig, so verwandelte sie sich später nach der Gründung des Jüdischen Staates in Palästina
in unversöhnliche Feindschaft, die sich heute immer mehr zu einem ungezügelten, fanatischen
Haß gegen alle Fremden auswächst. Das ist aber gerade, was wir in der heutigen gefährlichen
Lage am wenigsten brauchen können, denn blinder Fanatismus unterbindet nicht nur jede
Möglichkeit einer gegenseitigen Verständigung, er kann bei den heutigen Zuständen auch
sehr leicht eine neue Katastrophe heraufbeschwören, deren Tragweite gar nicht zu ermessen
ist. In der Tat ist heute im Nahen Orient ein Zustand entstanden wie früher im Balkan, der
jahrzehntelang ein offenes Pulverfaß gewesen ist, das jeden Augenblick durch innere und
äußere politische Intrigen explodieren konnte, was endlich auch wirklich geschehen ist.

Wir sind heute an einer Grenzscheide unserer Geschichte angelangt, wo uns engstirniger
Nationalismus nicht mehr weiter helfen kann, weil er vollständig unfähig ist, der heutigen
Situation zu begegnen. Er kann nur durch seine fanatische Verblendung der Machtpolitik
neues Wasser auf die Mühlen liefern und das alte Spiel fortsetzen, in dem es nur betrogene
Betrüger und geprellte Völker gibt.
Das nationale Einheitsphantom (1919)

Die allgemeine Aufregung und die künstlich entfachten Proteststürme, die jetzt, dank der
famosen „Friedensbedingungen“ der Alliierten, in allen Teilen Deutschlands entfesselt
werden, haben wieder einmal die „Nationale Frage“ und das Problem der „Nationalen
Einheit“ in den Vordergrund der öffentlichen Auseinandersetzungen gestellt. Vom
Alldeutschen bis herab zum berufenen Vertreter der modernen Sozialdemokratie ist man sich
darüber einig, dass die nationale Einheit die Grundlage jeder kulturellen Entwicklung sei, und
dass die Zersplitterung eines Volkes naturnotwendig zum Niedergang und endgültigen Verfall
seiner Kultur führe müsse. Man beschwört, zetert, klagt, flucht, fällt in Wutkrämpfe oder in
hysterische Verzuckungen, je nach dem Programm, und das alles, weil das berühmte und
berüchtigte Triumphirat in Versailles die nationale Zerstückelung Deutschlands
ausgesprochen hat und sogar den Österreichern versagt, den Segnungen der nationalen Einheit
teilhaftig zu werden.

Es gab eine Zeit, wo alle Richtungen des autoritären Sozialismus den Begriff der
Internationalität als ein vollständiges Aufgehen der verschiedenen Völker in der abstrakten
Vorstellung der Menschheit auffassten. Man sah in der bunten Verschiedenartigkeit des
Völkerlebens und der Sprachen nur ein künstlich geschaffenes Hindernis gegen die
Verbrüderungsbestrebungen der darbenden Menschheit und träumte von der baldigen
Abschaffung aller dieser Unterschiede, von der Einführung einer allgemeinen Weltsprache,
die alle existierenden Sprachen verdrängen solle, und ähnlichen Dingen. Diese naiven
Auffassungen, deren Vertreter keine blasse Ahnung von der Tiefe des Problems hatten, ist
zwar auch heute noch nicht gänzlich verschwunden, musste aber im allgemeinen anderen
Anschauungen das Feld räumen. Die moderne Sozialdemokratie hat selbstverständlich mit
den Ideen ihrer Vorgänger aus der Periode des sogenannten
„Handwerksburschenkommunismus“ nichts mehr gemein. Sie hat auch schon lange die
Stellung aufgegeben, die sie Jahrzehnte lang vertreten hatte, und der Marx und Engels im
Kommunistischen Manifest Ausdruck verliehen, als sie erklärten, dass der moderne
Proletarier überhaupt kein Vaterland besitze, dass man ihm daher nicht etwas nehmen könne,
was er nicht habe. Der Gedanke, dass nicht die nationalen und politischen Abänderungen,
sondern die Klassenunterschiede und ökonomischen Gegensätze für die Arbeiterklasse das
entscheidende Element seien, findet heute in der sozialdemokratischen Partei nur noch wenige
vereinzelte Anhänger. Die große Mehrheit der Partei hat schon lange ihr nationales Herz
entdeckt und betrachtet die Verteidigung des Vaterlandes als eine proletarische und
sozialistische Pflicht. Wie ernst es diesen Leuten mit dieser „Pflicht“ ist, das hat uns die
verhängnisvolle Kriegspolitik der sozialdemokratischen Mehrheitsführer während der letzten
viereinhalb Jahre mit klassischer Deutlichkeit vor Augen geführt; das zeigt uns heute wieder
die Stellung der sozialdemokratischen Staatsmänner, die sich redliche Mühe geben, den Geist
von 1914 wieder neu zu entfachen, um Clemenceau und seinen Spießgesellen ein glattes
„Unannehmbar“ entgegenschleudern zu können.

In Grunde genommen ist diese Stellung durchaus nicht verwunderlich; ist sie doch nur das
unvermeidliche Produkt der Staatsgläubigkeit der modernen Sozialdemokratie. Sozialistisch
ist sie allerdings nicht, aber wer ist heute noch verwegen genug, die sozialdemokratischen
Führer sozialistischer Anwandlungen zu zeihen !

Der moderne Sozialdemokrat hat den klaffenden Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft
längst vergessen, vorausgesetzt, dass er je eine klare Vorstellung dieses elementaren
Gegensatzes hatte. Und wie er sich die Gesellschaft nur in der Form des Staates vorstellen
kann, so begreift er das Volk nur in der Zwangsjacke der Nation. Aber zwischen Volk und
Nation besteht derselbe Gegensatz als zwischen Gesellschaft und Staat. Die gesellschaftliche
Organisation ist ein natürliches Gebilde, das sich unter dem Einfluß gewisser
Notwendigkeiten von unten nach oben entwickelt und dessen Grundlage die Wahrnehmung
der allgemeinen Interessen ist. Die staatliche Organisation ist ein künstliches Gebilde, das den
Menschen von oben nach unten aufoktroyiert wird und dessen eigentlicher Zweck die
Verteidigung der Interessen privilegierter Minoritäten auf die Kosten der Allgemeinheit ist.

Ein Volk ist das natürliche Ergebnis gesellschaftlicher Organisation, ein Sichzusammenfinden
von Menschen, die durch die Verwandschaftlichkeit der Abstammung, durch allgemeine
Formen und Eigentümlichkeiten ihrer Kultur und die Gemeinschaftlichkeit der Sprache,
Sitten, Traditionen usw. innerlich vorhanden sind. Dieser gemeinsame Zug lebt und wirkt in
jedem einzelnen Gliede des Volksverbandes und bildet einen wichtigen Teil seiner
individuellen und kollektiven Existenz. Er kann ebenso wenig künstlich gezüchtet als
gewaltsam zerstört werden, es sei denn, dass man alle Glieder eines Volkes ausrotte. Ein Volk
kann einer Fremdherrschaft unterworfen und in seiner natürlichen Entwicklung künstlich
beeinträchtigt werden, nie aber gelingt es, seine psychologischen und kulturellen
Eigentümlichkeiten und Veranlagungen zu ersticken. Im Gegenteil, gerade unter fremdem
Joche treten dieselben um so deutlicher hervor und bilden vorzugsweise ein Schutzmittel für
die Existenz des Volksganzen. Die Erfahrungen der Engländer mit den Iren, der Österreicher
mit den Tschechen und Südslawen, der Deutschen mit den Polen usw. sind klassische
Beispiele für die unbeugsame Zähigkeit des völkischen Zusammenlebens. Und sehr oft sehen
wir, dass, falls das unterjochte Volk kulturell höher steht wie seine Unterdrücker, dass die
letzten sozusagen von der höheren Kultur aufgesaugt werden. So eroberten die kriegerischen
Mongolenhorden China und zwangen den Chinesen einen Mongolen als Kaiser auf, aber im
Verlaufe einiger Generationen verwandelten sich die Mongolen in Chinesen, da ihre primitive
Kultur der Größe und Feinheit der chinesischen Kultur keinen Widerstand leisten konnte.
Dieselbe Erscheinung sahen wir in Italien, das Jahrhunderte lang den Einfällen barbarischer
Völkerhorden ausgesetzt war. Aber die hochentwickelte Kultur Italiens siegt immer über die
brutale Gewalt der Barbaren, die nur dazu beitrugen, diese Kultur zu verjüngen und neu zu
befruchten. Und das ist ganz natürlich, denn ein Volk lässt sich ebenso wenig in fremde
Sitten, Gewohnheiten und Anschauungen hineinzwingen, wie man einen einzelnen Menschen
in den engen Rahmen einer fremden Individualität hineinzupressen imstande ist. Wenn eine
Annäherung und ein allmähliges Aufgehen einer –Volkgruppe in einer anderen stattfindet, so
geschieht das stets freiwillig und ganz unbewusst durch natürliche Anpassung, niemals aber
auf dem Wege brutaler Gewalt.

Die Nation, von der anderen Seite ist stets das künstliche Produkt eines Regierungssystems,
wie ja auch der Nationalismus im Grunde genommen nichts anderes vorstellt, als die Religion
des Staates. Die Zugehörigkeit zur Nation wird nicht durch innerliche natürliche Ursachen
bestimmt, sondern durch rein äußerliche Verhältnisse und Gründe der Staatsräson. Eine
Handvoll Politiker und Diplomaten entscheidet willkürlich über die nationale Existenz und
Zukunft einer Menschengruppe, die sich dem Gebote der Macht einfach unterwerfen muß,
ohne selbst mitbestimmen zu können. So legten sich z.B. die Einwohner der französischen
Riviera eines Abends als Italiener schlafen und erwachten des morgens als Franzosen, da der
Kongreß der Diplomaten in einer Nachtsitzung über ihr Schicksal entschieden hatte. Die
Helgoländer waren ein Glied der englischen Nation und legale Untertanen der britischen
Regierung, aber als diese sie an Deutschland verschacherte, wurde auch ihre Nationalität
einem radikalen Wechsel unterworfen. War es am Tage vorher ihr größtes Verdienst,
Vorposten der englischen Nation zu sein, so wurde ihnen nach der Übergabe der Insel ihre
ehemals vornehmste Tugend nunmehr als ihre schwärzeste Sünde ausgelegt. Solche Beispiele
gibt es die schwere Menge; sie sind charakteristisch für die ganze Entwicklungsgeschichte des
Staates.

Gerade der moderne konstitutionelle demokratische Staat war es, der den Begriff der Nation
und das Wesen des Nationalismus bis zu ihren letzten Konsequenzen entwickelt hat. Die
absolute Monarchie, die sozusagen die fetischistische Periode in der Entwicklungsgeschichte
des Staates repräsentiert, wo der König der sichtbare Ausdruck des ganzen Systems ist,
behandelte die breiten Massen ihrer rechtlosen Untertanen wir eine große, zum Melken
bestimmte Herde. Aus diesem Grunde zog sie dieselben nur in ganz seltenen Fällen zur
sogenannten Landesverteidigung heran, die sie einer Armee von Berufssoldaten anheim
stellte. Erst der moderne Staat, der vorgeblich jedem seiner Bürger das Mitbestimmungsrecht
an der Regierung durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts verliehen hatte,
entwickelte die Idee der Nation zur eigentlichen Blüte. Der Bürger, den man mit seinen neu
erworbenen politischen Rechten hypnotisierte, musste auch die aus diesen „Rechten“
erwachsenden Pflichten mit übernehmen. Die Wahlurne wurde zum Opferaltar der
menschlichen Persönlichkeit, der Stimmzettel zur Urkunde freiwilliger geistiger und
physischer Sklaverei.. Das französische Jakobinertum schuf erst den abstrakten Staatsbegriff
und zusammen mit ihm die abstrakte Vorstellung der Nation. Seitdem wurde die Idee der
nationalen Einheit das Losungswort der demokratischen Bewegungen, von denen die
Sozialdemokratie als zweifelhafte Erbschaft übernommen hat. Die nationale Einheit wurde
zum Inbegriff der kulturellen Entwicklung, zum Symbol des völkischen Lebens, jedes
Hindernis, das man ihr entgegensetzte, wurde zum kulturfeindlichen Faktor. Und diese „fable
convenue“, dieses Märchen, das man stillschweigend als Wahrheit angenommen hatte, schlug
alle Geister in seinen Bann, obwohl uns die Geschichte gerade das Gegenteil beweist: Gerade
die Perioden nationaler Zersplitterung waren die größten Kulturepochen der Menschheit,
während umgekehrt, die Perioden nationaler Einheit Epochen des kulturellen Niedergangs
und Verfalls gewesen sind. Das alte Griechenland, das national und politisch vollständig
zersplittert war, gab uns trotzdem eine Kultur, die heute noch als vorbildlich erachtet wird.
Und als später Alexander von Mazedonien die „griechische Einheit“ mit dem Schwerte
durchführte, versiechten die Quellen der kulturellen Kräfte und Fähigkeiten, die sich nur in
der Freiheit entwickeln konnten.

Die große Periode der freien Städte des Mittelalters, die Zeit der Renaissance in Europa war
eine Epoche der extremsten nationalen Zersplitterung und trotzdem wurde in jener grandiosen
Zeit eine Kultur geboren, die bisher nicht mehr ihresgleichen gefunden hat. Die gewaltigen
Denkmäler der Architektur, die uns jene Zeit hinterlassen hat, sind ein ewiges Wahrzeichen
dieser glänzendsten Phantasie der menschlichen Entwicklung. Aber als später der moderne
Staat auf den Trümmern dieser Kultur das Banner der nationalen Einheit entfaltete, dann
schmolzen die letzen Reste kultureller Größe wie Schnee an der Sonne und die brutalste
Barbarei brach über Europa herein.

Werfen wir einen Blick, auf unsere eigene Geschichte und wir finden nur eine Bestätigung
derselben Erscheinung. Alle die reichen Errungenschaften geistiger Größe und Kultur in
Deutschland datieren aus der Zeit unserer nationalen Zersplitterung. Unsere klassische
Literatur von Kloppstock bis Goethe und Schiller, die berauschende Kunst unserer
romantischen Schule, unsere klassische Philosophie von Kant bis Feuerbach, die
Höhenepoche unserer klassischen Tondichtung – das alles gehört dieser Zeit an. Der nationale
Einheitsstaat aber bezeichnet den Niedergang unserer Kultur, das Versiechen der
schöpferischen Kräfte, den Triumph des Militarismus und einer geistlosen Bürokratie, die uns
in die schauerlichste Katastrophe, von der die Geschichte zu sagen weiß, hineinpeitschte wie
eine willenlose Horde.

Und kann es denn anders sein ? Ist doch der nationale Einheitsstaat nichts anderes wie das
verkörperte Machtprinzip der besitzenden Klassen, der Sieg der Uniformität und Schablone
über die reiche Mannigfaltigkeit des völkischen Geistes, der Triumph geistiger Dressur über
die natürliche Erziehung und Charakterbildung, das Verdrängen des Persönlichkeitsgefühls
durch den Kadavergehorsam, mit einem Worte – die Vergewaltigung der Freiheit durch die
brutale staatliche Gewalt.

Das hatte Proudhon schon deutlich erkannt, als er Mazzini, dem hervorragendsten Vertreter
des nationalen Einheitsgedankens in Italien, die Worte entgegenhielt: „Jeder ursprüngliche
Charakter in den mannigfaltigen Landschaften eines Reiches geht durch die Zentralisation,
das ist der wahre Name der sogenannten Einheit, verloren. Ein großer Zentralstaat konfisziert
alle Freiheit der Provinzen und der Gemeinden zugunsten einer höheren Macht – der
Regierung. Was ist diese Einheit der Nation in Wahrheit ? Das Aufgehen der besonderen
Völker, in denen die Individuen leben und sich voneinander unterscheiden, in einer abstrakten
Nation, in der keiner atmet und keiner den anderen kennt. Indem man den Menschen die
Verfügung über sich selbst geraubt hat, braucht man, um diese riesige Maschine in Gang zu
bringen, eine ungeheuerliche Bürokratie, eine Legion Beamte. Um sie nach innen und außen
zu schützen, braucht man ein stehendes Heer, Angestellte, Soldaten, Mietlinge, das wird die
Zukunft der Nation vorstellen. Diese grandiose Einheit braucht Ruhm, Glanz, Luxus, eine
imposante Zivilliste, Botschafter, Pensionen, Pfründen. In so einem Einheitsstaat streckt alles
die Hand aus, und wer zahlt die Schmarotzer? Das Volk !

Wer einheitliche Nation sagt, der meint eine Nation, die ihrer Regierung verkauft ist. Die
Einheit ist nichts weiter als eine Form der bourgeoisen Ausbeutung unter dem Schutz der
Bajonette. Jawohl, die politische Einheit in den Großstaaten ist die Herrschaft des
Bürgertums. Darum die Lust des Bourgeois am Einheitsstaat.

Der geniale Franzose kannte seine Pappenheimer, aber der deutsche Michel scheint sie noch
immer nicht zu kennen.

Mit diesen Ausführungen sollen die infamen Friedensbedingungen der Alliierten


selbstverständlich keineswegs gerechtfertigt werden. Wir fordern das Recht der freien
Entschließung für jede Gemeinde, jede Provinz, jedes Volk und gerade deshalb verwerfen wir
die Wahnidee des nationalen Einheitsstaates. Der berühmte „Völkerbund“ des Herrn Wilson
war für uns niemals etwas anderes als eine neue heilige Allianz im kapitalistischen Gewande.
Dieselben Herren aber, die heute wehe, wehe über die Alliierten rufen, haben jedes Recht auf
Protest verwirkt, denn sie sind Fleisch vom selben Fleische, Blut vom selben Blut – aber sie
sind die Geschlagenen und das ist die bittere Pille, die ihnen nicht mundet
Antisemitismus und Judenpogrome (1923)

Der Judenpogrom im alten Berliner Scheunenviertel spricht eine gar beredte Sprache und
zeigt uns deutlich, wohin der Weg geht, den die Koryphäen der nationalistischen Reaktion uns
führen wollen, um „Deutschland vom Untergang zu retten“. Was sich in früheren Zeiten als
Antisemitismus hier breit machte, war im Grunde genommen nicht mehr wie eine politische
Hanswurstiade minderwertiger Qualität, die von den breiten Massen des Volkes wohl kaum
ernst genommen wurde. Verärgerte kleine Geschäftsleute, verschuldete Kleinbauern, unreife
Jünglinge im Kaufmannsgewerbe mit der vorschriftsmäßigen „nationalen Gesinnung“,
„rassenreine“ preußische Krautjunker und großmäulige Korpsstudenten, deren teutscher
Idealismus jeden Tag mit dem nötigen Quantum von Bierhefe aufgefrischt werden musste –
dies waren die berufenen Statisten in dem antisemitischen Spuk, die sich um germanische
Recken wie Liebermann von Sonnenberg, Pickenbach, den famosen Rektor Ahlwardt und den
verrückten Grafen Pückler scharten. Eine Gesellschaft von geistigen Nullen, deren trostlose
Hohlköpfigkeit geradezu mitleiderregend wirkte.

Was aber vergangene Woche in Berlin in Erscheinung trat, war etwas anderes, und es wäre
töricht, diese Vorgänge in ihrer Tragweite unterschätzen zu wollen. Hier waren verborgene
Kräfte an der Arbeit, die durchaus nicht harmlos sind, sondern eine furchtbare Gefahr für die
allernächste Zukunft dieses Landes bedeuten. Die hundert und hundertfünfzig arme
Schlucker, welche die Polizei bei den Plünderungen festnahm und als „Rädelsführer“ hinter
Schloß und Riegel brachte, sind allerdings verhältnismäßig harmlose Leute im Vergleich mit
jenen dunklen Elementen der schwärzesten Reaktion, die seit Jahren das Feuer schürten,
jedoch zu feige sind, sich in den Vordergrund der Ereignisse zu wagen und die Konsequenzen
ihrer gewissenlosen und verlogenen Hetze anderen überlassen.

Der Pogrom-Antisemitismus, mit dem wir es heute in Deutschland zu tun haben, ist nur der
Schrittmacher der faschistischen Reaktion. Die sogenannten „völkischen Verbände“, welche
das Hakenkreuz als Symbol ihres judenfeindlichen „Germanentums“ aufgepflanzt haben,
werden von den Agrariern und von namhaften Schwerindustriellen materiell gefördert und
unterstützt, um die Empörung des darbenden Volkes in falsche Kanäle zu leiten und seine
Aufmerksamkeit von den eigentlichen Ursachen seines namenlosen Elends abzulenken.

Im alten Russland war der Antisemitismus ein eiserner Bestandteil der inneren russischen
Regierungspolitik, den man systematisch kultivierte, um ihn den Zwecken der regierenden
Klasse dienstbar zu machen. Jedesmal, wenn die Not des Volkes das normale Maß überstieg,
musste der Antisemitismus dazu herhalten, die Erregung der bedrückten und beraubten
Massen auf andere Wege zu leiten, um ihr den eigentlichen Grund ihres Elends zu verbergen.
So wurden die furchtbaren Judenpogrome von Dischinew, Homel, Schitomir usw. direkt von
Agenten der russischen Regierung vorbereitet und in Szene gesetzt. Die sogenannten
„schweren Hundert“, deren Abzeichen der letzte Zar jahrelang auf der Brust trug, und in
deren Reihen sich der Abschaum der russischen Gesellschaft zusammenfand, wurden direkt
von geheimen Regierungsagenten organisiert und für ihre schauerliche Arbeit systematisch
vorbereitet und bezahlt.

Dieselbe Erscheinung wiederholt sich heute in Deutschland, wo eine gewissenlose reaktionäre


Verbrecherklique kein Mittel unversucht lässt, um die öffentliche Macht in ihre Hände zu
bekommen und die letzten Errungenschaften einer missglückten Revolution blutig
auszufügen. Die Ausweisung der Ostjuden aus Bayern und der Pogrom in Berlin sind bloß
zwei verschiedene Kapitel desselben Dramas, in dem Deutschland unter das blutige Joch einer
Militärdiktatur gepresst werden soll. Den Machern dieser finsteren Machination ist der
Antisemitismus letzten Endes nur ein Täuschungsmittel, um dem Volke die egoistischen
Beweggründe ihrer krummen Transaktionen zu verbergen.

Wer sind nun die sogenannten Ostjuden, die unseren Pogromhetzern seit Monaten zur
Zielscheibe ihrer perfiden Angriffe dienen? Die meisten von ihnen gehören den Ärmsten der
Armen an, welche die Furcht vor Pogromen aus Polen vertrieben und die hier eine Zuflucht
suchten, um das nackte bisschen Leben in Sicherheit zu bringen. Durch brutale Gewalt aus
ihrer Heimat hinausgehetzt, fristen sie hier ihr kärgliches Dasein, ohne jemand zu nahe zu
treten. Gewiß gibt es auch unter den eingewanderten Ostjuden soziale Schädlinge, wie sie bei
jedem anderen Volke und in jeder Klasse zu finden sind; aber es ist ein furchtbarer Wahn, zu
glauben, dass ein ganzes Volk aus solchen Schädlingen besteht und die Allgemeinheit für die
schlechten Handlungen einzelner verantwortlich machen zu wollen. Und dann gibt es noch
eine Tatsache, die man nie aus dem Auge verlieren darf, wenn man zu einem gerechten Urteil
kommen will. Wohl die meisten der wirklichen Schädlinge unter den eingewanderten
Ostjuden sind durch den Zwang der Verhältnisse zu Handlungen gezwungen, die ihnen
ursprünglich ganz ferne lagen. In ein fremdes Land verschlagen, das seit den letzten Jahren
von endlosen wirtschaftlichen und politischen Krisen heimgesucht wird, müssen sie
versuchen, ihr Fortkommen zu finden, und da ihnen in den meisten Fällen jede Gelegenheit zu
einer ehrlichen Arbeit sogar durch gesetzliche Bestimmungen genommen ist, darf man sich
nicht wundern, wenn einzelne unter ihnen auf einen schiefen Weg geraten, um so weniger als
der krasse Egoismus, der sich heute in allen Kreisen der Gesellschaft bemerkbar macht, ihr
Gewissen desto schneller zum Schweigen bringt.

Aber was für einen Wert haben die paar jüdischen Devisen oder anderen Schieber im
Scheunenviertel mit der Masse derjenigen, die ihr Vermögen und zahllose Werte ins Ausland
verschoben haben, während die breiten Massen des werktätigen Volkes unter einem
furchtbaren Hungerzustande leben? Sogar die schlimmsten unter ihnen sind die wahren
Waisenknaben im Vergleich mit jeder Bande christlicher Volksausbeuter, die Deutschland
gegenwärtig an der Gurgel halten und das Volk der Städte bei „Vollen Scheunen verhungern“
lassen.

Als die englische Regierung über Deutschland die Blockade verhängte, wie entrüsteten sich
da unsere Junker und Schwerindustriellen über die „Verbrecher, welche die Geißel des
Krieges über wehrlose Frauen und schuldlose Kinder schwangen“. Und heute sehen wir, wie
der niedrigste Egoismus unserer blaublütigen und rassereinen Agrarier es dazu brachte, die
Hungerblockade im verwegensten Sinne des Wortes über ein ganzes Volk zu verhängen, dem
man für seine Arbeitskraft wertlose Papierlappen als Entschädigung gibt, die unsere
judenreinen Grundbesitzer sich einfach weigern, anzunehmen. Mögen darüber Millionen
Deutscher am Hungertuche nagen, mögen 70 Prozent der Kinder in den Großstädten und
Industriedistrikten an Unterernährung und Schwindsucht langsam zugrunde gehen; zum
Teufel mit ihnen, solange nur die Interessen des Geldbeutels sichergestellt sind. Es sind nicht
die Juden und besonders nicht die Ostjuden, welche dieses infame Verbrechen gegen ein
ganzes Volk verüben, nein es sind das dieselben Herren, die stets in Antisemitismus machen
und deren Presse von den Heldentaten im Berliner Judenviertel mit innerer Befriedigung
Notiz genommen hat.

Und wo sind die Juden unter unseren allmächtigen Großindustriellen, welche die Politik
Deutschlands bestimmen und beeinflussen, die aus dem Völkermord eine Industrie gemacht
und ungeheure Vermögen zusammenraffen, während draußen Millionen ins Gras beißen
mussten, um mit ihren zerrissenen Gliedern und mit ihrem Herzensblute die Ehre ihres
sogenannten Vaterlandes, das den anderen gehört, zu besiegeln? Die Herren Stinnes, Thyssen,
Klöckner, Krupp usw. waren die eigentlichen Initiatoren der deutschen Ruhrpolitik, welche in
der Wirklichkeit nur die Politik ihrer besonderen Klasseninteressen ist. Sie haben
mitgeholfen, den passiven Widerstand der Arbeiter und Angestellten gegen den französischen
„Erbfeind“ zu organisieren, aber in dem Moment, wo die Regierung, die sich bei ihnen im
Schlepptau befand, nicht mehr weiter konnte, warteten sie nicht auf Herrn Stresemann und
hatten ihre eigenen Verhandlungen mit dem Erbfeind. Herr Stinnes suchte sogar einen
französischen General dazu zu bewegen, dass er den deutschen Arbeitern den Zehnstundentag
wieder aufzwinge, denselben Arbeitern, mit denen er noch kurz vorher in einer Front stand,
um die „Verbrecherpolitik Frankreichs“ zu bekämpfen

Unter diesen teutschen Männern befinden sich, Gott sei Dank, keine Juden, und der
raffinierteste jüdische Beutepolitiker könnte bei Herrn Stinnes getrost in die Schule gehen, er
könnte sicher von ihm noch manches lernen.

Und dieselben Klassen, an deren Fingern die Blutschuld des Krieges klebt, deren Reichtümer
sich ins Ungemessene vergrößern, während die große Masse des werktätigen Volkes in
Deutschland das Letzte verlor, sie sind es, welche die völkischen Geheimbünde mit ihrem
Gelde speisen und deren antisemitische Propaganda und Pogromhetze direkt unterstützen.

Daß es noch immer viele Tausende deutscher Arbeiter gibt, welche dieses blutige Spiel nicht
durchschauen und sich vor den Wagen der fascistischen Reaktion spannen lassen, ist tief
bedauerlich und legt kein glänzendes Zeugnis ab für die Intelligenz dieser Missleiteten. Daß
aber sogar eine der gefeiertsten kommunistischen Führerinnen, Ruth Fischer, - selbst eine
Jüdin – vor ungefähr zehn Wochen in einer Versammlung nationalistischer Studenten
ausrufen konnte: „Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt
sie“, das ist mehr wie Mangel an Intelligenz, das ist einfach ein Verbrechen gegen den Geist
des Sozialismus, der zwischen jüdischem und christlichem Kapital keinen Unterschied macht.
Auch hier sollte der Antisemitismus nur den Interessen einer Partei dienen, während er in der
Wirklichkeit nur der Reaktion dient, wie die Erfahrung immer wieder bewiesen hat.

In deutschen Arbeiterkreisen hat man über die sogenannten Ostjuden noch immer eine ganz
falsche Vorstellung. Neunzig Prozent der jüdischen Bevölkerung in Russland, Polen und den
übrigen Staaten, die einstmals mit Russland vereinigt waren, sind Proletarier in des Wortes
typischster Bedeutung. In den Webereien und anderen Industriezweigen von Bialystok,
Grodno, Kowno, Wilna, Warschau usw. arbeiten Tausende von jüdischen Arbeitern und
kämpften stets in den ersten Reihen, wenn es sich um die Interessen der Arbeiterbewegung
handelte. Dasselbe ist der Fall mit den jüdischen Proletariern auf der Ostseite Londons und
New Yorks, die immer die ersten waren, wenn es galt, die Pflichten internationaler Solidarität
zu erfüllen. Als 1914 der Krieg ausbrach und die gelbe Presse in England so lange hetzte, bis
die fanatisierten Massen sich anschickten, Pogrome nicht auf die Juden, sondern auf die
kleinen deutschen Geschäftsleute in London zu machen, da waren es organisierte jüdische
Arbeiter, welche diesem Spuk entgegentraten, und welche die kleinen deutschen
Ladenbesitzer mannhaft verteidigten gegen die tätlichen Angriffe der Pogromhetzer. Und die
internierten deutschen Sozialisten und Gewerkschaftler wurden während der ganzen Dauer
ihrer Gefangenschaft von den revolutionären Organisationen und Gewerkschaften der
jüdischen Arbeiter auf der Ostseite materiell unterstützt. Während bekannte englische
Sozialisten und Arbeiterführer wie Blatschford, Hyndman, Ben Tilett usw. sich von ihrem
Chauvinismus so weit hinreißen ließen, dass sie sogar jedes freundschaftliche Band, das sie
mit deutschen Sozialisten verband, zerrissen, haben die jüdischen Arbeiter ihre gefangenen
deutschen Kameraden niemals vergessen und denselben vier Jahre lang ihre brüderlichste
Solidarität durch Taten bewiesen, ohne jemals in ihrer Pflicht zu erlahmen und ungeachtet des
Geschreis der Patrioten.

Mögen die deutschen Arbeiter aller Richtungen die Kraft finden, der antisemitischen Pest mit
aller Energie entgegenzutreten, denn sie ist nur die heuchlerische Maske, hinter welcher sich
die Hydris der blutigsten und finstersten Reaktion verbirgt.
Sozialdemokratie und Anarchismus

Der Unterschied zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus ist nicht nur in der
Verschiedenheit ihrer taktischen Methoden begründet, sondern muß in erster Linie auf
prinzipielle Gegensätze zurückgeführt werden. Es handelt sich hier um zwei verschiedene
Auffassungen über die Stellung des Menschen in der Gesellschaft, um zwei verschiedene
Auffassungen des Sozialismus. Aus diesem Unterschiede in den theoretischen
Voraussetzungen ergibt sich von selbst die Verschiedenartigkeit in der Wahl der taktischen
Mittel.

Die Sozialdemokratie, hauptsächlich in den germanischen Ländern und Rußland, nennt sich
mit Vorliebe die Partei des "Wissenschaftlichen Sozialismus" und bekennt sich zur
marxistischen Lehre, die ihrem Programm als theoretische Unterlage dient. Ihre Vertreter
gehen von dem Standpunkt aus, daß der Werdegang der gesellschaftlichen Entwicklung als
eine unendliche Reihe geschichtlicher Notwendigkeiten betrachtet werden muß, deren
Ursachen in den jeweiligen Produktionsverhältnissen zu suchen sind. In den fortwährenden
Kämpfen der durch verschiedene ökonomische Interessen in feindliche Lager gespaltene
Klassen finden diese Notwendigkeiten ihren praktischen Ausdruck. Die ökonomischen
Verhältnisse, d.h. die Art und Weise wie die Menschen produzieren und ihre Produkte zum
Austausch bringen, bilden die eherne Grundlage aller anderen gesellschaftlichen
Erscheinungsformen oder um mit Marx zu reden: "Die ökonomische Struktur der Gesellschaft
ist die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher
bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen." - Religiöse Vorstellungen,
Ideen, Moralanschauungen, Rechtsbegriffe, menschliche Willensäußerungen usw. sind
lediglich Resultate der jeweiligen Produktionsbedingungen, denn es ist "die Produktionsweise
des materiellen Lebens, die den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess ü b e r h a u
p t bedingt." Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das die Verhältnisse, unter denen sie
leben, formt, sondern umgekehrt, es sind die ökonomischen Verhältnisse
die ihr Bewußtsein bestimmt.

Somit ist der Sozialismus nicht eine Erfindung geistreicher Köpfe, sondern das logische und
unvermeidliche Produkt der kapitalistischen Entwicklung. Der Kapitalismus mußte zuerst die
Produktionsbedingungen schaffen - die Arbeitsteilung und die Zentralisation der Industrie -
unter denen der Sozialismus verwirklicht werden kann. Seine Verwirklichung ist nicht
abhängig von dem Willen der Menschen, sondern lediglich von einem bestimmten
Entwicklungsgrad der Produktionsverhältnisse. Der Kapitalismus ist die notwendige und
unvermeidliche Vorbedingung, die zum Sozialismus führen muß; seine revolutionäre
Bedeutung besteht gerade darin, daß er von Anfang an den Keim seines eigenen Untergangs
in sich trägt. Die moderne Bourgeoisie, die Trägerin des kapitalistischen Systems, mußte das
moderne Proletariat ins Leben rufen, um ihre Herrschaft zu begründen und schuf damit ihren
eigenen Totengräber. Denn die Entwicklung des Kapitalismus vollzieht sich mit
naturgesetzlicher Notwendigkeit in ganz bestimmten Bahnen, aus denen kein Entrinnen
möglich ist. Es liegt eben im Wesen dieser Entwicklung, die kleinen und mittleren industrielle
Unternehmungen aufzusaugen und an deren Stelle immer größere Betriebe zu erzeugen, so
daß die sozialen Reichtümer sich in immer wenigeren Händen konzentrieren. Hand in Hand
mit diesem Prozeß schreitet die Proletarisierung der Gesellschaft unaufhaltsam vorwärts, bis
zuletzt ein Moment eintreten muß, wo eine ungeheure Mehrheit besitzloser Lohnsklaven einer
verschwindend kleinen Minderheit kapitalistischer Unternehmer gegenübersteht. Und da der
Kapitalismus bis dahin schon längst zu einem Hindernis der Produktion geworden ist, so muß
notwendigerweise eine Periode sozialer Umwälzungen eintreten, in der "die Expropriation der
Expropriateure" vollzogen werden kann.

Damit das Proletariat imstande sei, die Übernahme des Grund und Bodens und der
Produktionsmittel durchzuführen, muß es sich früher in den Besitz der Staatsgewalt setzen,
die nach einer gewissen Übergangsperiode, d.h. nach der vollständigen Abschaffung der
Klassen nach und nach absterben wird. Die Eroberung der Macht ist daher die vornehmste
Aufgabe der Arbeiterklasse, und die Lösung dieses Problems vorzubereiten, ist es notwendig,
daß sich die Arbeiter als selbständige politische Partei organisieren und als solche den
politischen Kampf gegen die Bourgeoisie führen. Aus diesem Grunde hat die
Sozialdemokratie die parlamentarische Tätigkeit zum Mittelpunkt ihrer Propaganda gemacht
und ihr jede andere Form der Betätigung untergeordnet. Unter dem Einfluß der deutschen
Sozialdemokratie haben die meisten ihrer Schwesterparteien in den anderen Ländern, mehr
oder weniger ausgeprägt, denselben Charakter angenommen. Im Verlaufe der letzten fünfzig
Jahre ist es ihr gelungen, Millionen Arbeiter in ihren Reihen zu organisieren, in allen
gesetzgebenden Körperschaften des modernen Klassenstaates Fuß zu fassen und in
zahlreichen Fällen sogar direkt in die Regierung einzudringen. Eine stark entwickelte Presse
und Propagandaliteratur haben den sozialdemokratischen Ideen immer weitere Kreise in der
Arbeiterwelt und dem Mittelstande erschlossen. Dieses Werk wird noch unterstützt durch eine
ganze Armee fest angestellter Agitatoren und Parteibeamten, die im Interesse ihrer
respektiven Organisation werben und wirken. Durch den Ausschluß der Anarchisten und
anderer Richtungen, die die parlamentarische Tätigkeit ablehnen, war es der deutschen
Sozialdemokratie gelungen, auf den internationalen sozialistischen Kongressen jede wirkliche
Opposition systematisch auszumerzen. So entwickelte sich diese Partei überall, wo ihr
größere Massen der Arbeiterschaft Heeresfolge leisteten, als ein Staat im Staate, und für lange
Jahre war sie imstande, jede andere sozialistische Richtung mit planmäßiger und skrupelloser
Rücksichtslosigkeit am Aufkommen zu verhindern. Erst die schauerliche Katastrophe im
August 1914 enthüllte den eigentlichen Charakter der Sozialdemokratie, vernichtete ihr
internationales Prestige und legte Bresche in ein Organisationsgebäude, das auf unabsehbare
Zeit hinaus jedem feindlichen Angriff gewachsen schien.

Der Anarchismus, d.h. diejenige Richtung in der Gedankenwelt des Sozialismus, die der
Sozialdemokratie am unversöhnlichsten gegenübersteht, geht in seinen Anschauungen über
die gesellschaftlichen Zustände und die Stellung des Menschen in der geschichtlichen
Entwicklung von anderen Voraussetzungen aus. Seine Anhänger verkennen keineswegs den
mächtigen Einfluß der ökonomischen Verhältnisse auf den allgemeinen Entwicklungsprozeß
des gesellschaftlichen Lebens, doch lehnen sie die einseitige und fatalistische Fassung, in der
Marx diese Erkenntnis zum Ausdruck brachte, ab. Sie sind vor allem der Meinung, daß man
bei der Untersuchung und Beurteilung gesellschaftlicher Erscheinungsformen wohl nach
wissenschaftlichen Methoden verfahren kann, daß aber Geschichte und Soziologie als solche
keineswegs als Wissenschaften betrachtet werden dürfen. Die Wissenschaft anerkennt nur
bestimmte Tatsachen, die durch die Erfahrung oder durch Experimente unumstößlich
aufgestellt sind. In diesem Sinne kann man lediglich die sogenannten "exakten
Wissenschaften", wie Physik, Chemie usw. als solche bezeichnen. Das berühmte
Gravitationsgesetz des Isaak Newton, das allen Berechnungen unserer Astronomie zu Grunde
liegt, ist ein wissenschaftliches, ein Naturgesetz, denn es hat sich stets als richtig erwiesen und
niemals eine "Ausnahme von der Regel" zugelassen.

Die Entwicklung der gesellschaftlichen Erscheinungsformen in der Geschichte vollzieht sich


jedoch nicht mit derselben zwingenden Notwendigkeit, wie die Gesetze der Physik. So
können wir über die gesellschaftliche Gestaltung der zukünftigen Lebensbedingungen wohl
Vermutungen anstellen, aber es gibt keine Wissenschaft, die imstande wäre, die sozialen
Verhältnisse der Zukunft im voraus zu berechnen und wissenschaftlich festzustellen, wie man
etwa die Umlaufzeit eines Planeten berechnen und feststellen kann. Die Geschichte der
menschlichen Gesellschaftsformen ist eben viel komplizierter und uns in ihren elementaren
Einzelheiten noch viel zu wenig bekannt, als daß wir von einem eisernen Naturgesetze
sprechen könnten auf Grund dessen wir imstande wären, die treibenden Kräfte des
geschichtlichen Werdens in vergangenen Perioden auch nur einigermaßen mit Sicherheit zu
beurteilen, und noch viel weniger die gesellschaftlichen Formen der Zukunft zu ergründen
vermöchten. Aus diesem Grunde ist der Sozialismus keine Wissenschaft, kann er keine
Wissenschaft sein, und alles Gerede von einem "wissenschaftlichen Sozialismus" ist eitle
Selbstüberhebung und ein schnödes Verkennen der wahren Prinzipien der Wissenschaft.

Der Bekenner der anarchistischen Weltanschauung teilt nicht den Glauben, daß die
Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse unbedingt zum Sozialismus führen muß, daß das
System des Kapitalismus den Sozialismus sozusagen schon im Keime in sich birgt und nur
die Zeit der Reife abgewartet zu werden braucht, damit er die Hülle sprengen kann. Er sieht in
diesem Glauben nichts anderes wie eine Übertragung des religiösen Fatalismus auf das
wirtschaftliche Gebiet, der ebenso gefährlich wirkt, den Tätigkeitsinstinkt und das impulsive
Empfinden des Menschen lähmt und anstatt der lebendigen und stets nach neuen Perspektiven
ringenden Erkenntnis einen toten Dogmenglauben erzeugen muß. Der Anarchist sieht in der
modernen Arbeitsteilung und in der Zentralisation der Industrie keineswegs Vorbedingungen
des kapitalistischen Ausbeutungssystems, die im schärfsten Gegensatz zum Sozialismus
stehen. Wohl kann uns die ökonomische Entwicklung zu neuen Phasen des gesellschaftlichen
Daseins führen, aber sie kann uns auch ebensogut den Untergang aller Kultur bringen. Die
furchtbare Katastrophe des Weltkrieges spricht in dieser Hinsicht eine beredte Sprache für
alle, die Ohren haben zu hören. Gelingt es den Völkern Europas nicht sich aus dem jetzigen
Chaos zu neuen und höheren Formen der gesellschaftlichen Kultur emporzuarbeiten, so ist
kein Prophet imstande vorauszusagen, bis zu welchem Abgrund uns das Verhängnis treiben
kann.

Nein der Sozialismus wird uns nicht kommen, weil er kommen muß mit der
Unabänderlichkeit eines Naturgesetzes; er wird uns nur dann kommen, wenn die Menschen
den festen Willen und die notwendige Kraft aufbringen werden, ihn in die Wirklichkeit
umzusetzen. Nicht die Zeit, nicht die ökonomischen Verhältnisse, nur unsere innerste
Erkenntnis, unser Wollen, können die Brücke schlagen, die uns aus der Welt der
Lohnsklaverei ins Neuland des Sozialismus führen. Daß die Entwicklung der kapitalistischen
Gesellschaftsformen den Proletarier erst psychologisch für die Ideen des Sozialismus
empfänglich macht, ist gleichfalls eine Voraussetzung, die der Anarchist nicht teilt. England,
das Mutterland des modernen Kapitalismus und der modernen Großindustrie, hat trotzdem
keine nennenswerte sozialistische Bewegung hervorgerufen, während Länder mit fast
ausschließlicher Agrarwirtschaft, wie Andalusien und Süditalien seit langen Jahren über
starke sozialistische Organisationen verfügen. Der russische Bauer, der noch unter ganz
primitiven Produktionsverhältnissen wirtschaftet, steht den sozialistischen Ideengängen sehr
nahe, da zwischen ihm und seinen Mitmenschen ein viel innerer sozialer Zusammenbund
besteht, wie bei uns. Der Gemeinbesitz an Grund und Boden, unter dem der russische Bauer
seit Jahrhunderten lebt, hat ihn mehr auf die fortwährende Betätigung gegenseitiger Hilfe und
natürlicher Solidarität seinen Kameraden gegenüber angewiesen, so daß sich der soziale
Instinkt bei ihm bis zu einem Grade entwickelt hat, den wir bei dem Industrieproletariat der
mittel- und westeuropäischen Länder vergebens suchen dürften. Trotzdem aber haben die
Theoretiker der russischen Sozialdemokratie im Namen der Wissenschaft verkündet, daß die
veralteten Kommunalinstitutionen der russischen Bauernschaft zum Untergang verdammt
seien, da sie nicht im Einklang mit der modernen Entwicklung ständen und folglich ein
Hindernis für den Sozialismus bilden.

Für die Anhänger des Anarchismus sind die Formen des Staates und der Gesetzgebung nicht
lediglich der politische Überbau der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, sind Ideen,
Rechtsbegriffe und andere menschliche Bewußtseinsformen, nicht einfach Produkte des
jeweiligen Produktionsprozesses, sondern bestimmte Faktoren des menschlichen Geistes, die
zwar in ihrer Entwicklung von den ökonomischen Verhältnissen beeinflußt werden, die aber
in derselben Zeit zurückwirken auf die ökonomischen Bedingungen in der Gesellschaft.
Dadurch entsteht eine unendliche Serie von Wechselwirkungen, so daß es vielfach ganz
unmöglich ist, einen bestimmten Grundfaktor festzustellen. Man kann alle diese
Erscheinungsformen als materielle betrachten und mit Proudhon der Ansicht sein, dass jedes
Ideal einer Blume vergleichbar ist, deren Wurzeln in den materiellen Lebensbedingungen zu
finden sind. Aber in diesem Falle sind die ökonomischen Verhältnisse nur ein Teil der
allgemeinen materiellen Verhältnisse; sie bilden nicht die eiserne Grundlage, die den
Entwicklungsprozeß aller anderen gesellschaftlichen Lebenserscheinungen ü b e r h a u p t
bestimmt, sondern sind vielmehr derselben ununterbrochenen Wechselwirkung unterworfen
wie alle anderen Faktoren des materiellen Lebens. So ist z. B. der Staat, ohne Zweifel, in
erster Linie ein Produkt des Privatmonopols an Grund und Boden, eine Institution, die mit
Spaltung der Gesellschaft in verschiedene Klassen mit besonderen Interessen entstanden ist.
Aber einmal in Existenz, wirkt er mit aller Kraft für die Aufrechterhaltung des Monopols und
der Klassengegensätze, für die Verewigung der ökonomischen Sklaverei, und hat sich im
Laufe seiner Entwicklung zur gewaltigsten Ausbeutungsinstitution der Menschheit
emporgeschwungen. Solche Wechselwirkungen lassen sich in beliebiger Zahl und in allen
denkbaren Erscheinungsformen feststellen, sie sind geradezu charakteristisch für den
geschichtlichen Entwicklungsprozeß der Menschheit und so in die Augen springend, daß
unsere Neo-Marxisten gezwungen sind, der Kritik ihrer Geschichtsauffassung fortwährend
neue Zugeständnisse zu machen.

Wenn die Eroberung der politischen Macht der Sozialdemokratie als die wichtigste Aufgabe
erscheint, die der Verwirklichung des Sozialismus vorausgehen muß, so ist für den
Anarchismus die Abschaffung jeder politischen Macht von ausschlaggebender Bedeutung.
Der Staat ist kein willkürliches Gebilde, sondern eine Institution, die in einer gewissen
Periode der menschlichen Geschichte ins Leben getreten ist, als eine Folge des Monopols und
der gesellschaftlichen Klassenteilung. Nicht um die Rechte der Allgemeinheit zu schützen ist
der Staat entstanden, sondern ausschließlich als Verteidiger der materiellen Interessen kleiner
privilegierter Minderheiten auf die Kosten der breiten Massen. Der Staat ist nichts anderes als
der politische Agent der besitzenden Klassen, die organisierte Gewalt, die das System der
ökonomischen Ausbeutung und der politischen Klassenherrschaft zusammenhält. Seine
Formen haben sich verändert im Laufe der Geschichte, aber sein eigentliches Wesen, seine
historische Mission ist dieselbe geblieben. Für die breiten Massen des Volkes war der Staat in
allen Zeiten und in allen Formen seiner Existenz nur ein rücksichtsloses Werkzeug der
Unterdrückung; aus diesem Grunde ist es unmöglich, daß er denselben Massen je als
Werkzeug ihrer Befreiung dienen könnte. Die Sozialdemokratie, die in ihren verschiedenen
Schattierungen noch vollständig von den Ideen des Jakobinertums durchdrungen ist, glaubt
des Staates nicht entraten zu können, weil sie sich die Verwirklichung des Sozialismus nur
von o b e n n a c h u n t e n mit der Hilfe von Regierungsdekreten und Staatserlassen
vorstellen kann. Der Anarchismus, der die Zerstörung des Staates anstrebt, sieht nur einen
Weg, den Sozialismus einzuführen, und zwar von unten nach oben durch die schöpferische
Betätigung des Volkes selber und mit der Hilfe seiner eigenen wirtschaftlichen
Organisationen.

Hier erhebt sich eine Frage, die den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden
Richtungen mit aller Schärfe erkennen läßt - die Frage über die Stellung des Menschen in der
Gesellschaft. Für die Theoretiker der Sozialdemokratie ist der einzige Mensch nur ein
unwesentlicher Bestandteil im allgemeinen Getriebe der gesellschaftlichen Produktion, eine
"Arbeitskraft", ein seelenloses Werkzeug der ökonomischen Entwicklung, die sein geistiges
Leben und seine Willensäußerungen unwiderruflich bestimmt. Diese Auffassung ist das
notwendige Resultat ihrer ganzen Lehre. Soweit für sie das menschliche Einzelwesen
überhaupt in Frage kommt, betrachten sie es stets als gesellschaftliches Durchschnittsprodukt,
das mit dem Maßstab allgemeiner Begriffe gemessen werden muß. Sie haben sich von der
lebendigen Wirklichkeit eine bestimmte Vorstellung zurechtgelegt und sind gewissermaßen
die Opfer einer optischen Täuschung, indem sie die Fata morgana, die ihnen ihre
Vorstellungskraft vorzaubert, mit der Wirklichkeit selbst verwechseln. Sie sehen in der
geschichtlichen Entwicklung nur die toten Räder, den äußeren Mechanismus, und vergessen
daher nur allzu leicht, daß hinter den Kräften und Bedingungen der Produktion lebendige
Wesen stehen, Menschen von Fleisch und Blut mit persönlichen Wünschen, Neigungen und
Vorstellungen, und da ihnen die individuelle Verschiedenartigkeit, die doch den wirklichen
Reichtum des Lebens ausmacht, nur als belangloses Zubehör erscheint, so wird ihnen das
Leben selber farblos und schemenhaft.

Der Anarchismus verfolgt auch hier andere Wege. Der Ausgangspunkt seiner Betrachtungen
über das Wesen der Gesellschaft ist der einzelne, das Individuum. Nicht das Individuum als
abstrakter Schattenbegriff, losgelöst von seiner gesellschaftlichen Umgebung, sondern als
Sozialwesen, verbunden mit seinen Mitmenschen durch tausende materielle, geistige und
seelische Beziehungen. Um den gesellschaftlichen Wohlstand, die Freiheit, die Kultur eines
Volkes zu beurteilen, hält sich der Anarchist nicht an das Quantum der allgemeinen
Produktionserzeugnisse oder an die formelle "Freiheit", die in irgendeiner Verfassung
niedergelegt ist, noch an die Kulturhöhe einer bestimmten Periode. Er sucht vielmehr
festzustellen, wie groß der persönliche Anteil des Wohlstandes ist, der auf jedes einzelne
Mitglied der Gesellschaft entfällt; auf wie weit das Individuum in der Lage ist, seine
persönlichen Neigungen, Wünsche und Freiheitsbedürfnisse zu befriedigen im Rahmen der
Allgemeinheit; und bis zu welchem Grade die allgemeine Kultur in jedem Einzelwesen ihren
individuellen Ausdruck findet. Nach diesem Resultate fällt er sein Urteil über den
Gesamtcharakter der Gesellschaft. Für den Anarchist ist die persönliche Freiheit keineswegs
eine unbestimmte abstrakte Vorstellung, sie erscheint ihm vielmehr als die praktische
Möglichkeit, für jeden einzelnen seine ihm von der Natur verliehenen Kräfte, Talente und
Fähigkeiten voll entfalten zu können. Und da er in dem Persönlichkeitsgefühl den höchsten
Ausdruck des menschlichen Freiheitsinstinktes erkennt, verwirft er grundsätzlich jedes
Autoritätsprinzip, die Ideologie der brutalen Gewalt. Die volle Freiheit, auf dem Boden der
ökonomischen und sozialen Gleichheit, erscheint ihm als die einzige Vorbedingung einer
menschenwürdigen Zukunft. Nur in einem solchen Zustand ist, seiner Ansicht nach, die
Möglichkeit gegeben, das Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit in jedem Menschen zur
höchsten Blüte zu entwickeln und das lebendige Bewußtsein der Solidarität in ihm bis zu
einem Grade zu entfalten, daß sich seine individuellen Wünsche und Bedürfnisse sozusagen
als Resultate seines sozialen Empfindens offenbaren werden.

Für den Charakter sozialer Bewegungen sind ihre Organisationsformen von entscheidender
Bedeutung, da sie ihrem innersten Wesen am besten entsprechen; somit ist es nur natürlich,
daß auch in dieser Hinsicht ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und
Anarchismus vorhanden ist. Die Anhänger der Sozialdemokratie, ganz einerlei, ob sie sich als
Mehrheitssozialisten, unabhängige oder "Kommunisten" geben, sind ihrer inneren Einstellung
nach Jakobiner, Vertreter des Zentralisationsprinzips. Die Sozialdemokratie ist ihrem Wesen
nach zentralistisch, ebenso wie der Föderalismus dem innersten Wesen des Anarchismus am
besten entspricht. Der Föderalismus war von jeher die natürliche Organisationsform aller
wahrhaft gesellschaftlichen Strömungen und Institutionen, die auf den Interessen der
Allgemeinheit fußten, wie das z.B. bei den freien Stammverbänden der Urzeit, bei den
Föderationen der Marktgenossenschaften im frühen Mittelalter, bei den Gildenorganisationen
der Handwerker und Künstler in den freien Städten und bei den föderativen Verbänden der
freien Kommunen, die Europa eine so wunderbare Kultur geschenkt haben, der Fall war.
Diese Organisationsgebilde waren gesellschaftlich im vollen Sinne des Wortes. In ihnen
fanden die freie Betätigung des einzelnen und die gemeinschaftlichen Interessen der
Allgemeinheit einen harmonischen Ausdruck; es waren menschliche Gruppierungen, wie sie
Notwendigkeiten des Lebens spontan hervorbrachten. Jede einzelne Gruppe war Herr ihrer
eigenen Angelegenheiten und in derselben Zeit föderalistisch verbunden mit anderen
Körperschaften zur Verteidigung und Förderung gemeinschaftlicher Interessen. Das
Allgemeininteresse war der Mittelpunkt ihrer Bestrebungen, die Organisation von unten nach
oben der vollendetste Ausdruck ihrer Betreibungen.

Erst mit der Entstehung des modernen Staates beginnt die Ära des Zentralismus. Kirche und
Staat waren seine ersten und vornehmsten Vertreter. Diesmal waren es nicht mehr die
Interessen der Allgemeinheit, die in der neuen Art Organisation ihren Ausdruck fanden,
sondern die Interessen privilegierter Minoritäten, die ihre Macht auf die Ausbeutung und
Versklavung der breiten Massen begründeten. Der Föderalismus, die natürliche Organisation
von unten nach oben, wurde durch den Zentralismus, die künstliche Organisation von oben
nach unten ersetzt. Die Freiheit mußte dem Despotismus weichen, das alte Gewohnheitsrecht
dem Gesetz, die Verschiedenartigkeit der Uniformität und Schablone, die Erziehung und
Charakterbildung der geistigen Dressur, die persönliche Selbständigkeit dem blinden
Gehorsam, der freie Bürger dem Untertan. - Es ist bezeichnend für den freiheitsfeindlichen
Charakter der Sozialdemokratie, daß sie ihre Organisationsform der Rüstkammer des Staates
entlehnt hat. Disziplin war und ist der vornehmste Wahlspruch ihrer Erziehungsmethode und
mit denselben Mitteln, mit welchen der Staat loyale Untertanen und gute Soldaten heranzieht,
erzieht sie disziplinfeste Parteigenossen: Sie hat Millionen Anhänger um ihre Fahne geschart,
aber sie erstickte die schöpferische Initiative und die selbständige Aktionsfähigkeit in den
Massen. Sie erzeugte eine öde Beamtenherrschaft, eine neue Hierarchie, eine Art politischer
Vorsehung, vor der die freie Initiative und das selbständige Denken die Segel streichen
mußten.

Nur so ist es zu erklären, daß die Sozialdemokratie in ihrer praktischen Betätigung sich
vollständig in der seichten Atmosphäre des bürgerlichen Parlamentarismus verlieren, daß die
kleine und kleinlichste Tagespolitik das geistige Milieu ihrer ganzen Propaganda werden
konnte. Sie hat ihre Wähler organisiert, wie der Staat seine Armeen, und wie er die geistige
Impotenz zum Prinzip erhoben. Auf dem Wege zur politischen Macht hat sie alles, was
ursprünglich an ihr sozialistisch war, zu Grabe getragen, so daß weiter nichts übrig blieb, wie
ein verkappter Staatskapitalismus, den sie unter falscher Marke in den Handel brachte. Die
Bourgeoisie hat vorläufig noch nicht ihren "eigenen Totengräber" gefunden, aber es ist
wahrlich nicht die Schuld der Sozialdemokratie, daß sie nicht schon lange der Totengräber
des Sozialismus geworden ist.
Der Anarchismus als der unerbittliche Feind des Staates, verwirft prinzipiell jede Mitarbeit in
den gesetzgebenden Körperschaften, jede Form der parlamentarischen Betätigung. Seine
Anhänger wissen, daß auch das freieste Wahlrecht die klaffenden Gegensätze in der
modernen Gesellschaft nicht zu mildern imstande ist und daß das parlamentarische Regime
lediglich den Zweck hat, dem System der Lüge und der sozialen Ungerechtigkeit den Schein
des legalen Rechts zu verleihen, den Sklaven zu veranlassen, seiner eigenen Sklaverei selbst
den Stempel des Gesetzes aufzudrücken. Die taktische Methode des Anarchismus ist die
direkte Aktion gegen die Verteidiger des Monopols und des Staates. Seine Bekenner suchen
durch Wort und Schrift die Massen aufzuklären und sie zum Bewußtsein ihrer sozialen Lage
zu bringen. Sie nehmen Anteil an allen direkten wirtschaftlichen und politischen Kämpfen der
Unterdrückten gegen das System der Lohnsklaverei und die Tyrannei des Staates und
versuchen [allen] Kämpfen durch ihre Mitwirkung eine tiefere soziale Bedeutung zu
verleihen, die Initiative der Massen zu entwickeln und ihr Verantwortlichkeitsgefühl zu
stärken. Die Anarchisten sind die eigentlichen Vorkämpfer der sozialen Revolution, die die
Herrschaft und Ausbeutung der Menschen durch den Menschen in jeder Form den Krieg
erklären und die die ökonomische und politische Befreiung der Menschen auf ihre Fahne
geschrieben haben. Sie sind die Bannerträger des freiheitlichen Sozialismus, die Herolde einer
neuen sozialen Kultur der Zukunft.
Parlamentarismus und Arbeiterbewegung

Man hat sich in Deutschland nachgerade daran gewöhnt den Begriff der politischen Aktion in
dem engbegrenzten Rahmen der parlamentarischen Betätigung aufzufassen. Aus diesem
Grunde ist es auch weiter nicht verwunderlich, wenn man noch heute den Anarchisten und
Syndikalisten von allen Seiten vorwirft, daß sie Gegner des politischen Kampfes seien und die
wirtschaftliche von der politischen Aktion willkürlich trennen wollten. Nicht nur aus dem
Lager der alten Sozialdemokratie tönt uns dieser Vorwurf entgegen, auch die geistigen
Leuchten der sogenannten Kommunisten, deren Wissen über unsere Bewegung allerdings
durch keinerlei Kenntnisse getrübt wird stoßen wieder in dasselbe Hörn, und es ist geradezu
rührend zu sehen, wie sich die feindlichen Brüder im großen Hauptquartier des autoritären
Sozialismus überraschend schnell zusammenfinden, wenn es gilt den verhaßten Anarchisten
und Syndikalisten etwas am Zeuge zu flicken. Berührt man daher die Frage der
parlamentarischen Tätigkeit, so ist es notwendig, unsere Stellung zur politischen Aktion im
allgemeinen klarzustellen, um Mißverständnissen vorzubeugen.

Politischer Natur ist jedes Ereignis, das auf den Gang und die Entwicklung des
Gemeinwesens einwirkt, auch wenn es sich auf rein wirtschaftlichem Boden abspielt. Jede
größere wirtschaftliche Aktion, wie z. B. ein Generalstreik, ist in derselben Zeit eine
politische Aktion und zwar eine politische Aktion von ganz eminenter Bedeutung, da sie auf
den Gesamtmechanismus des Gemeinwesens einen tieferen Einfluß hat, wie jede andere. Die
parlamentarische Betätigung ist bestenfalls als eine gewisse Form der allgemeinen politischen
Aktion zu betrachten, und nach unserer Meinung verkörpert sie nur die unbedeutendste und
schwächste Form des politischen Kampfes. Anarchisten und Syndikalisten verwerfen
prinzipiell jede parlamentarische Tätigkeit, weil sie der Ansicht sind, daß die Interessen der
Bourgeoisie als Klasse den Interessen des Proletariats so diametral entgegengesetzt sind, daß
jede Vermittlung auf dem Boden des bürgerlichen Parlamentarismus nicht nur zwecklos,
sondern direkt schädlich für die Arbeiter ist, indem sie den Klassenkampf zur würdelosen
Komödie gestaltet und lähmend auf die revolutionäre Energie und Initiative der Massen
wirken muß. Das freieste Wahlrecht kann an dieser Tatsache nichts ändern und alles Gerede
von der „Demokratie“ ist nur eitle Schaumbläserei, denn politische Freiheit ohne
ökonomische Gleichheit ist Lüge und Selbstbetrug.

Unsere Stellung dem bürgerlichen Parlamentarismus gegenüber darf aber keineswegs als eine
Verwerfung des politischen Kampfes im allgemeinen aufgefaßt werden. Eine solche Stellung
wäre geradezu absurd, zeigt uns doch der unbedeutendste Lohnkampf, daß jedesmal, wenn
dem Unternehmertum die kleinste Gefahr droht, der Staat sofort auf dem Plan erscheint, um
die bedrohten Interessen des Eigentümers zu verteidigen.

Wenn uns die Geschichte lehrt, daß der Staat seine Entstehung der Entwicklung des
Privatmonopols und der gesellschaftlichen Klassenteilung verdankt, so zeigt uns die tägliche
Erfahrung, daß der Staat, einmal in Existenz, der wirksamste und rücksichtsloseste
Verteidiger des Monopols und der Klassenherrschaft ist, und daß folglich der Kampf gegen
den Kapitalismus notwendigerweise den Kampf gegen den Staat und seine Träger in sich
schließt. Jede einschneidende Veränderung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen ist
unvermeidlich mit einer Veränderung des politischen Systems verbunden. War die absolute
Monarchie der natürlichste Ausdruck des alten Feudalwesens, so ist die parlamentarische
Regierungsform das Ergebnis der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Wem es daher ernst
ist mit der Bekämpfung des Kapitalismus, der ist durch die eiserne Logik der Umstände
gezwungen, den modernen Staat zu bekämpfen, als den Verteidiger und Beschützer des
kapitalistischen Systems. Der Kampf gegen die „Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen“ führt mit zwingender Notwendigkeit zum Kampfe gegen die „Beherrschung des
Menschen durch den Menschen“. Insofern ist für jeden freiheitlichen Sozialisten die
Abschaffung des Privatmonopols gleichbedeutend mit der Abschaffung des Staats. Ist die
Sozialisierung des Grund und Bodens und der Produktionsmittel das ökonomische Ziel seiner
Bestrebungen, so ist sein politisches Ziel ein Zustand, wo - um mit Saint Simon zu reden -
„die Kunst, die Menschen zu regieren, der Kunst, die Dinge zu verwalten“ Platz machen muß.

In diesem Kampfe erachten wir neben der Aufklärung der Massen die Anwendung der
wirtschaftlichen Machtmittel, welche die Arbeiterklasse in ihren Händen hat, als die
geeignetste Waffe. Unter dem Einfluß der anarchistischen Ideen und der syndikalistischen
Bewegung hat sich die Arbeiterschaft, vornehmlich in den romanischen Ländern und in
Rußland, mehr und mehr daran gewöhnt, den Generalstreik nicht nur als Mittel zur Erringung
wirtschaftlicher Vorteile, sondern auch als politisches Machtmittel, um dem Staate bestimmte
Zugeständnisse abzutrotzen, in Anwendung zu bringen. Wir erinnern nur an den Generalstreik
der spanischen Arbeiter im Jahre 1904, um die Freilassung der politischen Gefangenen zu
erzwingen, und an die grandiose Generalstreikbewegung des russischen Proletariats im Jahre
1905, die dem Zaren die Feder in die Hand drückte, um die Konstitution zu unterzeichnen. -
Auch die antimilitaristische Propaganda, die seit Jahrzehnten ausschließlich von den
Anarchisten und Syndikalisten angeführt wurde und mit gewaltigen Opfern verbunden war,
gehört ins Reich der politischen Aktion.

Den Unterschied zwischen der Staatspolitik der Sozialdemokratie mit ihren verschiedenen
Fraktionen und der staatsfeindlichen Politik der Anarchisten und Syndikalisten hat schon
James Guillaume, der Vertreter der alten Jura-Föderation auf dem berüchtigten Haager
Kongreß im Jahre 1872 klassisch zum Ausdruck gebracht als er erklärte: „Wir sind
keineswegs Anhänger der politischen Gleichgültigkeit, wie man uns fälschlich vorwirft. Aber
im Gegensatz zu den Marxisten sind wir negative Politiker, indem wir uns nicht die
Eroberung, sondern die Zerstörung jeder politischen Macht als Ziel setzen.“

Die sozialistischen Richtungen vor der Gründung der „Internationalen Arbeiter-Assoziation“,


mit der Ausnahme der Babouvisten und der Anhänger Louis Blanc's, waren jeder Parteipolitik
abhold. Sie betrachteten den Sozialismus als eine Kulturfrage und appellierten in erster Linie
an die Vernunft ihrer Zeitgenossen, um sie für die neue Erkenntnis empfänglich zu machen.
Aus diesem Grunde erwarteten sie wenig oder gar nichts vom Staate und den politischen
Parteien und stellten sich die Verwirklichung des Sozialismus nur auf dem Wege des direkten
Handelns und des praktischen Experimentierens vor.

Auch darf man nicht vergessen, daß die Sozialisten der vor 48 er Periode noch unmittelbar
unter dem Eindruck der großen französischen Revolution und ihrer sozialen Wirkungen lebten
und daher die maßlose Überschätzung der staatspolitischen Aktion, von der die im
Jakobinismus verkörperte neue Demokratie befangen war, viel intensiver fühlen mußten wie
wir, die wir dieses gewaltige historische Drama nur noch aus weiter Perspektive zu erblicken
vermögen. Saint Simon, in seinen kritischen Betrachtungen über die politischen Parteien der
großen Revolution, wirft ihnen vor, daß sie zu großes Gewicht auf die politischen
Umgestaltungen des Staates gelegt und zu wenig Verständnis für einschneidende und
fruchtbare wirtschaftliche Reformen bewiesen hätten. Charles Fourier, der geniale Begründer
der „Sozietären Schule“, beurteilt das Jakobinertum und seine Nachfolger in ähnlicher Weise;
denselben Standpunkt vertraten die Anhänger von Leroux, Cabet, Buchez, um nur von den
Hauptrichtungen des Sozialismus jener Zeit zu sprechen.

Proudhon, der das Wesen des Staats besser erfaßt hatte, wie die meisten seiner sozialistischen
Zeitgenossen, erkannte auch klar und deutlich den eigentlichen Inhalt jeder Staatspolitik. Er
war sich vollständig klar über den Charakter der politischen Parteien und war fest überzeugt
von ihrer Unzulänglichkeit und Unfähigkeit die wirtschaftlichen Probleme der Zeit lösen zu
können. Aus diesem Grunde warnte er die Sozialisten davor, sich im Fahrwasser der
staatlichen Politik zu verlieren und erklärte ihnen, daß der Sozialismus, sobald er erst einer
Regierung in die Hände gefallen, der Reaktion rettungslos verfallen sei.

Auch die alten englischen Sozialisten konnten sich mit dem, was man heute gemeinhin als
Politik versteht, nicht befreunden. William Godwin, der erste Theoretiker des Anarchismus,
kritisierte in seinem genialen Werk „Enquiry concerning Political Justice and its influence on
general virtue and happiness“ den Staat und die politischen Parteien auf dieselbe Weise, wie
fünfzig Jahre später Proudhon. Aber auch Robert Owen, der einflußreichste aller englischen
Sozialisten, und seine zahlreichen Anhänger verhielten sich der politischen Aktion gegenüber
sehr skeptisch. So machte Owen den Chartisten, die durch große Massenbewegungen das
allgemeine Wahlrecht zu erkämpfen suchten, denselben Vorwurf, den Saint Simon gegen die
Männer der großen Revolution erhoben hatte, indem er sie beschuldigte zu viel Kraft für die
Politik und zu wenig Verständnis und Energie für die wirtschaftlichen Probleme zu bekunden.

Die einzigen Richtungen, die vollständig von den Ideen des Jakobinertums durchdrungen
waren und die zentrale Staatsgewalt als Mittel ansahen, den Sozialismus von oben nach unten
dem Volke zu dekretieren, waren die Babouvisten und die Schule von Louis Blanc. Die
Babouvisten. die eine große Anzahl energischer, zu allen Opfern bereite Elemente in ihren
geheimen Organisationen vereinigt hatten, waren die getreuen Nachfolger des Kommunisten
Gracchus Babeuf, der sein Leben seiner Idee zum Opfer brachte, und wie er glaubten sie die
Regierung durch einen kühnen Handstreich stürzen, um danach durch Ernennung eines
revolutionären Wohlfahrtsausschusses den Kommunismus von oben her einrühren zu können.

Der Gedanke der Diktatur, der übrigens mit dem Sozialismus gar nichts gemein hat und aus
dem kleinbürgerlichen Ideenkreise des Jakobinertums hervorgegangen ist, bildete einen
eisernen Bestandteil der babouvistischen Bewegung und fand in Männern wie Blanqui und
Barbes leidenschaftliche und kraftvolle Vertreter. Von ihnen haben später Marx und Engels
die Idee von der „Diktatur des Proletariats“ übernommen, unter der nichts anders zu verstehen
ist, wie eine mit diktatorischer Macht ausgerüstete Regierung, die den Sozialismus durch
gesetzliche Machtgebote anbahnen und zur Durchführung bringen soll.

Louis Blanc, der ein ebenso strenger Jakobiner war wie Blanqui und die übrigen Führer der
Babouvisten, unterschied sich von diesen nur durch seine Methode. Er verwarf grundsätzlich
die Taktik der Putsche und Insurektionen, war aber im übrigen durchaus der Meinung, daß der
Sozialismus nur mit Hilfe einer zentralen Staatsgewalt eingeführt werden könne. Louis Blanc
verkannte vollständig den tiefen Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft und bekämpfte
aufs heftigste alle freiheitlichen Richtungen im Sozialismus, die sich hauptsächlich um die
Person Proudhons gruppierten. So sagt er z. B.: „Die Unterdrückung des Staates fordern, heißt
dasselbe wie die Auflösung der Gesellschaft als solche fordern, heißt bewirken, daß es immer
Ausbeuter und Ausgebeutete, Reiche und Arme gibt, heißt die Tyrannei inmitten der
allgemeinen Verwirrung errichten, heißt nicht nur den Weg des Sozialismus verlassen,
sondern den Individualismus verkünden und direkt auf die Vernichtung der Freiheit
hinarbeiten.“
In seiner 1839 gegründeten Zeitschrift „Revue du Progres“ vertrat Louis Blanc den
Standpunkt, daß der Sozialismus nur durch eine demokratische Regierung durchgeführt
werden könne, und daß daher die Eroberung der politischen Macht das erste Ziel sei, um dem
Volke die Waffe der Gesetzgebung in die Hände zu geben. Dabei betonte er allerdings, daß
der politische Kampf der wirtschaftlichen und sozialen Befreiung unterordnet werden müsse,
indem die letzte das Ziel, der erste aber nur als Mittel zum Ziel zu betrachten sei. Nach der
Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiter, sollte der Staat den kapitalistischen
Organismus unterdrücken und durch Nationalwerkstätten ersetzen, in denen die gesamte
Produktion unter Leitung und Kontrolle des Staates organisiert werden solle.

Louis Blanc war der eigentliche Initiator der parlamentarischen Tätigkeit in der
Arbeiterbewegung und seine Ideen fanden auch ein gewisses Echo in den Reihen der ersten
Sozialisten in Belgien, Spanien und der Schweiz. Auch Ferdinand Lassalle, der ebenso
staatsgläubig war wie Blanc, und von diesem stark beeinflußt wurde, erblickte in der
Erkämpfung des allgemeinen und direkten Wahlrechts die wichtigste und vornehmste
Aufgabe der deutschen Arbeiterklasse und forderte die Gründung von Produktivassoziationen,
denen der Staat unentgeltlichen Kredit gewähren sollte.

Nach dem Staatsstreich des dritten Napoleon im Jahre 1851 und unter der allgemeinen
Reaktion, die in ganz Europa einsetzte, verschwanden die meisten der alten sozialistischen
Richtungen von der Bildfläche; ihre reiche Literatur wurde zum großen Teile vernichtet und
ihre Ideen verfielen der Vergessenheit. Die einzigen beiden Richtungen, die den Sturm
bestanden haben, waren die Mutualisten, wie sich die Nachfolger Proudhons nannten, und die
Blanquisten. Erst in den Sektionen der „Internationalen Arbeiter-Assoziation“ sollte die Frage
der parlamentarischen Tätigkeit des Proletariats ihre entscheidende Bedeutung erlangen.

Am 20. Juli 1870 schrieb Karl Marx an Friedrich Engels die für seine Person und
Geistesrichtung ungemein bezeichnenden Worte: „Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die
Preußen, so die Zentralisation der Staatsgewalt nützlich der Zentralisation der deutschen
Arbeiterklasse. Das deutsche Übergewicht wird ferner den Schwerpunkt der
westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat
bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehen, daß die
deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr
Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Übergewicht
unserer Theorie über die Proudhons etc.“

Marx hatte recht. Der Sieg Deutschlands über Frankreich bedeutet in der Tat einen
Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung. Der freiheitliche und
revolutionäre Sozialismus des Proletariats der romanischen Länder wurde durch die
neugeschaffene Situation in den Hintergrund gedrängt und mußte dem bis ins innerste Mark
hinein autoritären und freiheitsfeindlichen Anschauungen des Marxismus das Feld räumen.
Die lebendige, schöpferische und unbegrenzte Entwicklungsfähigkeit des Sozialismus mußte
einem verknöcherten Dogmatismus weichen, der anspruchsvoll als neue Wissenschaft in die
Schranken trat, in Wirklichkeit aber nichts anders war und ist, wie ein Gewebe theologischer
Spitzfindigkeiten und zum Fatalismus führender Trugschlüsse, die jedem wahrhaft
sozialistischen Gedanken das Grab schaufelten. Und mit den Ideen änderten sich auch die
Methoden der Arbeiterbewegung. Anstatt der sozialistischen Propagandagruppen und
wirtschaftlichen Kampforganisationen, in denen die Sozialisten der„Internationale“ die
Keimzellen der zukünftigen Gesellschaft, die natürlichen Organe für die Sozialisierung des
Grund und Bodens und der Produktionsmittel erblickten, begann nunmehr die Ära der
sozialistischen Arbeiterparteien und die parlamentarische Vertretung des Proletariats. Die alte
sozialistische Erziehung, die dem Arbeiter von der Eroberung des Landes, der Fabrik und
Werkstätte redete, wurde allmählich vergessen und mußte den Platz abtreten an die von oben
diktierte Parteidisziplin, die in der Eroberung der politischen Macht ihr vornehmstes und
höchstes Ziel sah.

Auch Michael Bakunin, der große Gegner von Marx, übersah die veränderte Lage mit klarem
Blick und begriff, wenn auch schweren Herzens, daß nach dem Siege Deutschlands und nach
der fürchterlichen Niederlage der Pariser Kommune ein neuer Abschnitt in der Geschichte
Europas begonnen hatte. Physisch vollständig gebrochen und den Tod ahnend, der ihm bereits
im Nacken saß, schrieb er am 11. November 1874 an Orgajow die bedeutungsvollen Worte:
„Der Bismarkianismus, d. h. der Militarismus, die Polizeiwirtschaft und die Finanzmonopole,
vereinigt in ein System, das den Namen des neuen Staatstums trägt, siegen überall. Vielleicht
werden zehn oder fünfzehn Jahre vergehen, in welchem diese mächtige und wissenschaftliche
Verleugnung der ganzen Menschheit siegreich sein wird.“

Auch Bakunin deutete die Zukunft richtig, nur täuschte er sich in der Länge der Zeit und
konnte nicht ahnen, daß fast ein halbes Jahrhundert vergehen müßte, ehe der
„Bismarckianismus“ zu Boden gerungen und in einer grausigen Weltkatastrophe sein Ende
finden würde.

Wenn der Sieg Deutschlands im Jahre 1871 und die schauerliche Niederwerfung der Pariser
Kommune sozusagen den Prolog zum Untergang der alten Internationale vorstellen, so läutete
der große Völkerkrieg im Jahre 1914 den politischen Sozialismus mit eisernen Schlägen zu
Grabe. Der ungeheuerliche moralische Bankrott der Sozialdemokratie hat die sozialistische
Welt vor eine Tatsache gestellt, die alle kommenden Geschlechter überdauern wird.
Deutschland ist heute nicht länger der Schwerpunkt der sozialistischen Bewegung Europas;
das Übergewicht der marxistischen Theorie, dieser grausamen Karikatur des sozialistischen
Gedankens, „über die Theorie Proudhons usw.“, das Marx 1870 triumphierend verkündet
hatte, ist ein für allemal zerstört und damit beginnt zugleich ein neues Kapitel in der
Geschichte der internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung überhaupt.

Der gewaltige innerliche Zersetzungsprozeß im Lager der alten Sozialdemokratie ist ein
bedeutsames Zeichen der Zeit. Die Absage der russischen Bolschewiki an ihre ehemaligen
Kampfgenossen, die Menschewiki, die Abtrennung der Unabhängigen und Kommunisten von
der alten deutschen sozialdemokratischen Einheitspartei, der Anschluß der sozialistischen
Parteiorganisationen in der Schweiz und Italien an die kommunistische Moskauer
Internationale und eine ganze Reihe innerlicher Kämpfe und Spaltungen im
sozialdemokratischen Lager aller Länder legen deutliches Zeugnis dafür ab, daß diese Form
der sozialistischen Bewegung unwiderruflich dem Untergang geweiht ist. Sie wird an ihren
eigenen Sünden zugrunde gehen.

Hier aber begegnen wir in derselben Zeit einer eigentümlichen Erscheinung, die manchmal
geradezu grotesk anmutet und sich, wenigstens was Deutschland anbetrifft, nur durch die
totale Unkenntnis der Geschichte der alten sozialistischen Bewegung erklären läßt.
Bolschewiki, Unabhängige und Kommunisten werden nicht müde, die Führer der alten
Sozialdemokratie des schwärzesten Verrats an den marxistischen Prinzipien zu beschuldigen.
Man wirft ihnen vor, daß sie die sozialistische Bewegung im Sumpfe des bürgerlichen
Parlamentarismus erstickt und die Stellung von Marx und Engels dem Staate gegenüber falsch
interpretiert hätten. Und in diesem Kampf gegen die Gotteslästerer und Majestätsverbrecher
an den marxistischen Ideen spielen die maßlosesten persönlichen Angriffe die wichtigste
Rolle.

Der geistige Führer des Bolschewismus, N. Lenin, hat diesen Anklagen eine feste Grundlage
zu geben versucht, durch die Herausgabe seiner bekannten Schrift „Staat und Revolution“, die
seinen Anhängern, hauptsächlich in Deutschland, als die Offenbarung des unverfälschten
Marxismus gilt. Durch einen mit großem Fleiß zusammengetragenen Zitatenschatz aus den
Schriften und sonstigen Kundgebungen von Marx und Engels, sucht Lenin den Beweis zu
erbringen, daß „die beiden Altväter des wissenschaftlichen Sozialismus“ von jeher
ausgesprochene Gegner der Demokratie und der parlamentarischen Versumpfungspolitik
gewesen sind und daß ihre ganzen Bestrebungen auf das Verschwinden des Staates abgezielt
hätten.

Nun ist allerdings nicht zu vergessen, daß Lenin die volle Erkenntnis seiner Entdeckung erst
dann gekommen ist, als seine Partei, allen Erwartungen zum Trotz, bei den Wahlen zur
konstituierenden Nationalversammlung ins Hintertreffen geraten war. Bis dahin hatten die
Bolschewiki Anteil genommen an den allgemeinen Wahlen, wie alle anderen Parteien und
sich ängstlich gehütet, mit den Prinzipien der Demokratie in Konflikt zu kommen. Bei den
letzten Wahlen zur russischen Nationalversammlung, die sie mit einer großangelegten
Propaganda in allen Teilen Rußlands eingeleitet hatten, hofften ihre Führer ganz bestimmt,
eine nennenswerte Mehrheit zu erringen. Als sie aber trotzdem in der Minorität blieben, lösten
sie kurzerhand die Nationalversammlung auf und erklärten der Demokratie offenen Krieg.
Damals war es, als Lenin sein Werk über „Staat und Revolution“ herausgab, das eine Art
Rechtfertigung der vorgenommenen Schwenkung nach links bedeuten sollte.

Dabei war die Aufgabe Lenins durchaus nicht leicht. Er war gezwungen, den antistaatlichen
Tendenzen der Anarchisten weitgehende Zugeständnisse zu machen; in derselben Zeit mußte
er zu beweisen suchen, daß dies keineswegs Anarchismus, sondern unverfälschter Marxismus
sei. Die Folge war denn auch, daß seine Schrift von Unrichtigkeiten wimmelt, sehr oft jede
gesunde Logik direkt auf den Kopf stellt und zu den schlimmsten Trugschlüssen
Veranlassung gibt. Dafür nur ein Beispiel: Um die staatsfeindlichen Bestrebungen von Marx
in bengalisches Licht zu setzen, zitiert Lenin die bekannte Stelle aus der Adresse über den
„Bürgerkrieg in Frankreich“, wo Marx der Kommune seine Anerkennung ausdrückt, weil sie
damit begonnen habe, „den Schmarotzer Staat mit Stumpf und Stiel auszurotten“. Dabei
vergißt er aber zu erwähnen, daß Marx mit dieser Äußerung, die im schreiendsten
Widerspruch zu seiner ganzen bis dahin eingenommenen Stellung in dieser Frage steht, seinen
bakunistischen Gegnern, mit denen er damals in offener Fehde lag, unter dem Druck der
Verhältnisse ein Zugeständnis zu machen gezwungen war. Sogar Franz Mehring, den man
gewiß keinerlei Sympathie für die Mehrheitssozialisten zeihen kann, mußte diesen innerlichen
Widerspruch konstatieren, indem er in seinem letzten Werk, „Karl Marx, Geschichte seines
Lebens“, erklärt: „So geistreich die Ausführungen (gemeint ist der „Bürgerkrieg in
Frankreich“) im einzelnen waren, so standen sie doch in einem gewissen Widerspruch mit den
Ansichten, die Marx und Engels ein Vierteljahrhundert vertreten und schon im
Kommunistischen Manifest verkündet hatten.“

Bakunin aber hatte vollständig recht, als er damals schrieb: „Der Eindruck des
Kommuneaufstandes war überall so gewaltig, daß selbst die Marxisten, deren Ideen alle durch
diesen Aufstand über den Haufen geworfen waren, sich gezwungen sahen, vor ihm den Hut
abzuziehen. Sie taten noch mehr: im Widerspruch mit aller Logik und mit ihren eigensten
Gefühlen machten sie das Programm der Kommune und ihr Ziel zu dem ihrigen. Es war eine
komische, aber erzwungene Travestie. Sie mußten sie machen, sonst wären sie abgestoßen
und von allen verlassen worden, so mächtig war die Leidenschaft gewesen, die diese
Revolution in der ganzen Welt hervorgerufen hatte.“

Daß es sich bei Marx tatsächlich nur um ein erzwungenes Zugeständnis handelte, geht schon
daraus hervor, daß wenigstens Engels später, wie Mehring sehr richtig bemerkt, „diesen
Vorbehalt (nämlich, daß die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschine nicht einfach in Besitz
nehmen und sie für ihre Zwecke in Bewegung setzen könne) wieder fallen ließ und ganz die
alten Anschauungen des kommunistischen Manifestes wiederholte.“

Was aber Lenin in seiner Schrift ganz und gar nicht erwähnt, obwohl es für die Frage, die er
behandelt, geradezu ausschlaggebende Bedeutung hat, ist die Tatsache, daß Marx und Engels
gerade diejenigen waren, welche die parlamentarische Tätigkeit den Organisationen der alten
Internationale als obligatorisch aufzwingen wollten und dadurch die eigentliche Ursache zur
allgemeinen Versumpfung der sozialistischen Arbeiterbewegung im bürgerlichen
Parlamentarismus gewesen sind.

Gerade diese Frage spielte bei den inneren Kämpfen im Schoße der „Internationale“, die
später zu jener verhängnisvollen Spaltung der gesamten Arbeiterbewegung führten, eine
äußerst wichtige, ja man kann ruhig sagen, eine geradezu entscheidende Rolle. Auch hier
bewahrheitete sich das alte Wort, daß die praktische Erkenntnis der theoretischen stets
vorangeht und daß die konkreten Tatsachen und Erscheinungen des Lebens gewissermaßen
erst die eigentliche Basis des theoretischen Erkennens abgeben.

In dem großen Kampfe zwischen Marx und Bakunin und ihren Anhängern handelte es sich
zunächst um Probleme der inneren Organisation und hauptsächlich um die Frage, ob sich die
Arbeiter an der parlamentarischen Tätigkeit in den gesetzgebenden Körperschaften beteiligen
sollen oder nicht. Die Gegensätze in den theoretischen Auffassungen und Voraussetzungen
machten sich zuerst kaum bemerkbar und reiften sich erst dann aus, als der von Marx und
Engels beherrschte Generalrat durch seine eigenmächtigen und höchst autoritären Beschlüsse
die einzelnen Föderationen der „Internationale“ vor unumstößliche Tatsachen gestellt hatte. In
den ersten Phasen dieses Kampfes kam den meisten Anhängern der beiden Richtungen der
theoretische Unterschied, der später von ihnen verfochtenen Anschauungen überhaupt nicht,
oder doch nur sehr unbestimmt zum Bewußtsein. Und sogar die wenigen, die sich zu einer
klareren Erkenntnis der Dinge aufgeschwungen hatten, glaubten zuerst immer noch an eine
Überbrückung der prinzipiellen Gegensätze. So erzählt uns James Guillaume in dem von ihm
verfaßten „Memoire de la Föderation jurassienne“, daß er und seine Freunde fest davon
überzeugt waren, daß eine Art Synthese zwischen den Ideen, die Marx im „Kapital“
entwickelt hatte, und den Anschauungen, die Proudhon in seinem großen Werk „Idee generale
de la Revolution au XIXme Siecle“ aufstellte, möglich sei.

Bakunin selbst, obwohl er den autoritären Kern der Marxschen Lehre voll erfasst hatte, sprach
des öfteren mit großer Anerkennung von der „Materialistischen Geschichtsauffassung“, die er
für richtig anerkannte. So erklärte er z. B. in einem im Jahre 1870 geschriebenen Manuskript,
das J. Guillaume im Vorwort des zweiten Bandes der „Oeuvres de Bakounine“ zum ersten
Mal der Öffentlichkeit bekannt gab: „Marx als Denker hat einen guten Weg eingeschlagen. Er
hat als Prinzip festgestellt, daß alle politischen, religiösen und juridischen Institutionen in der
menschlichen Geschichte nicht als die Ursachen, sondern vielmehr als die Wirkungen der
ökonomischen Entwicklungen aufzufassen sind. Das ist ein großer und fruchtbarer Gedanke,
den er allerdings nicht absolut selbständig gefunden hat, denn er ist schon von anderen vor
ihm empfunden und teilweise zum Ausdruck gebracht worden; aber alles in allem gebührt
ihm die Ehre, diesen Gedanken wissenschaftlich fest verankert zu haben.“

Ähnlich drückt er sich in seiner gegen den großen italienischen Patrioten Mazzini gerichteten
Streitschrift „La Theologie politique de Mazzini et l'Internationale“ aus. Erst später, als der
Kampf zwischen ihm und seinem Gegner den Höhepunkt erreichte und er durch die
praktischen Erfahrungen sich veranlaßt sah, die Grundlagen der Marxschen Lehre einer
eingehenden Kritik zu unterziehen, kamen auch bei ihm die tiefen theoretischen Gegensätze,
die ihn von Marxens Auffassung trennten, deutlich zum Ausdruck.

In einem 1872 verfaßten, leider nicht vollendeten Manuskript, das an die Redaktion der
Brüsseler „Liberte“ gerichtet war und im Jahre 1894 zum ersten Mal in der „Societe
Nouvelle“ veröffentlicht wurde, unterwirft Bakunin die Geschichtsauffassung von Marx und
Engels einer scharfen und tiefdurchdachten Kritik. Es war dies der erste Versuch, der von
anarchistischer Seite gemacht wurde, sich mit den grundlegenden Ideen des Marxismus
auseinander zu setzen. Unterbrochen durch eine lange Periode allgemeiner Reaktion, fand
diese Arbeit erst über zwei Jahrzehnte später ihre Fortsetzung in den kritischen Schriften von
Merlino, Tscherkesoff, Cornelissen, Domela Nieuwenhuis, Landauer und anderer und
gelangte erst jüngst wieder zu einem kraftvollen Ausdruck in der ausgezeichneten Streitschrift
unseres Genossen Pierre Ramus „Die Irrlehren und Wissenschaftslosigkeit des Marxismus im
Bereiche des Sozialismus.“ Aber auch hier zeigte sich wiederum dieselbe Erscheinung: in
Holland, Deutschland und anderen Ländern waren es zunächst wieder die praktischen
Erfahrungen des Lebens und die Zuspitzung der taktischen Gegensätze, die später zu einer
tieferen kritischen Untersuchung der ganzen Lehre führten.

Die Internationale war der erste große Versuch, die organisierten Arbeiter aller Länder in
einem großen Bund zusammenzufassen, soweit sie die ökonomische Befreiung der
Arbeiterklasse als Endziel ihrer Bestrebungen anerkannten. Da aber die Anschauungen und
Methoden der einzelnen Richtungen sehr verschieden waren, so mußte man darauf sehen, die
großen einigenden Punkte als Richtlinien zu betonen und im übrigen die Autonomie und
selbständige Tätigkeit der einzelnen Sektionen anerkennen. So lange dies der Fall war,
entwickelte sich die Internationale mit wunderbarer Kraft in allen Ländern. Aber die Sache
änderte sich sofort, als Marx und Engels den Versuch machten, die einzelnen
Landesföderationen der Internationale auf die parlamentarische Tätigkeit festlegen zu wollen.
Dies geschah zuerst auf der unglückseligen Londoner Konferenz im Jahre 1871, wo beide
eine Resolution annehmen ließen, die mit den Worten schließt: „In Erwägung, daß gegen die
kollektive Gewalt der besitzenden Klassen das Proletariat als Klasse nur dann auftreten kann,
wenn es sich als besondere politische Partei konstituiert im Gegensatz zu allen alten
Parteibildungen der besitzenden Klassen; daß diese Konstitution des Proletariats als politische
Partei unerläßlich ist, um den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endzieles -
Abschaffung der Klassen - zu sichern: daß die Vereinigung der Kräfte der Arbeiterschaft, die
schon erreicht worden ist, durch die ökonomischen Kämpfe, auch als Hebel dienen muß für
die Masse dieser Klasse in ihrem Kampfe gegen die politische Macht ihrer Ausbeuter: ruft die
Konferenz den Mitgliedern der Internationale in Erinnerung, daß in dem Kampfzustand der
Arbeiterklasse ihre ökonomische und ihre politische Betätigung untrennbar verbunden sind.“

Hätte irgend eine einzelne Sektion oder Föderation der Internationale eine solche Resolution
angenommen, so wäre das ihr gutes Recht gewesen, da sie niemand anders verpflichtet hätte;
aber in dem Moment, wo der Generalrat, ohne die Frage sogar einem allgemeinen Kongreß zu
unterbreiten, einen solchen Beschluß als verpflichtend für alle Mitglieder der Internationale
annahm, mußte die willkürliche, mit dem Geiste der Internationale im schärfsten Widerspruch
stehende Handlung den energischen Widerstand aller freiheitlichen und revolutionären
Elemente herausrufen. Kurz nach der Londoner Konferenz, im Oktober 1871, veröffentlichte
denn auch die Juraföderation das berühmte Zirkular von Sonvillier, das in entschiedenen und
unzweideutigen Worten gegen die Anmaßungen von Marx und Engels Protest einlegte.

„Wir verkennen nicht“ - heißt es dort - „die Absichten des Generalrats. Die Persönlichkeiten,
aus denen er besteht, haben - um ihrer besonderen Lehre den Sieg zu sichern - das Prinzip der
Autorität in die Internationale einpflanzen wollen. Es scheint uns durchaus begreiflich, daß
die Schule, deren Ideal die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse ist, der
Meinung Ausdruck gab, daß die Internationale, infolge der letzten Ereignisse, ihre
ursprüngliche Organisation ändern und sich in eine hierarchische, durch ein Komitee geleitete
Organisation verwandeln müsse. Im Namen der sozialen Revolution, die wir erstreben, und
deren Programm die Befreiung der Arbeiter durch die Arbeiter ist, verlangen wir in der
Internationale die Unterstützung jenes Prinzips der Autonomie der Sektionen, das bisher die
Grundlage unserer Assoziation gewesen ist.“

Der berüchtigte Haager Kongreß im Jahre 1872, dessen Mehrheit nur durch die Anwendung
der unsaubersten und verwerflichsten Mittel künstlich zu Stande kam, krönte die von Marx
und Engels bereits auf der Londoner Konferenz begonnene Arbeit, die Internationale in eine
Wahlmaschine umzuformen. Dies geschah durch eine besondere Resolution, deren Wortlaut
inhaltlich mit dem Beschluß der Konferenz in London vollständig übereinstimmt, und die
jeder Sektion der Internationale die Eroberung der politischen Macht direkt als eine Pflicht
auferlegte. Um jedes etwaige Mißverständnis von Anfang an zu vermeiden, erklärte der
Blanquist Eduard Vaillant in seiner Begründung der Resolution, daß „sobald dieselbe vom
Kongreß angenommen und in die Bibel der Internationale eingereiht sei, jedes Mitglied der
Internationale die Pflicht habe, sie zu befolgen, bei Strafe des Ausschlusses.“

Dadurch wurde die offene Spaltung der Internationale mit allen ihren für die spätere
Arbeiterbewegung so verhängnisvollen Konsequenzen von Marx und Engels direkt provoziert
und die Periode der parlamentarischen Politik in der sozialistischen Bewegung eingeleitet, die
mit Naturnotwendigkeit zu jener geistigen Versumpfung und moralischen Degeneration des
Sozialismus führen mußte, die seit den letzten zwanzig Jahren immer deutlicher hervortrat,
und deren Resultate Lenin im Namen des Marxismus heute zu bekämpfen sucht.

Bald nach dem Haager Kongreß versammelten sich die wichtigsten und tatkräftigsten
Föderationen der Internationale auf dem antiautoritären Kongreß in Saint-Imier, der sämtliche
Beschlüsse, die im Haag gefaßt wurden, für null und nichtig erklärte und der Überzeugung
seiner Mitglieder in der folgenden Resolution Ausdruck gab: „In Erwägung, daß jeder
Versuch dem Proletariat eine gleichförmige politische Taktik oder ein bestimmtes Programm
als einziges Mittel zur Erlangung seiner sozialen Befreiung aufzuzwingen, eine ebenso
absurde wie reaktionäre Anmaßung ist; daß niemand das Recht hat, die autonomen
Föderationen und Sektionen des unbestreitbaren Rechtes zu berauben, selbständig eine
politische Taktik anzuerkennen und durchzuführen, die ihnen als die geeigneteste erscheint,
und daß jeder derartige Versuch uns notwendigerweise zum empörendsten Dogmatismus
führen muß; daß die Bestrebungen des Proletariats kein anderes Ziel haben können, als die
Errichtung durchaus freier ökonomischer Organisationen und Föderationen, die auf der
allgemeinen Arbeit und Gleichheit gegründet und von jeder politischen Regierung vollständig
unabhängig sind, und daß diese Organisationen und Föderationen nur das Ergebnis der freien
Tätigkeit des Proletariats selbst, der Gewerkschaftsverbände und der autonomen Kommunen
sein können; in Erwägung, daß jede politische Organisation nichts anderes als eine
Organisation der Herrschaft zugunsten einer Klasse und zum Nachteil der Massen sein kann,
und daß das Proletariat selbst, wollte es die Macht ergreifen, zu einer herrschenden und
ausbeutenden Klasse werden würde, erklärt der Kongreß von Saint-Imier:
1. daß die Zerstörung jeder politischen Macht die Pflicht des Proletariats ist;
2. daß jede Organisation einer angeblich provisorischen Regierung zum Zwecke der
Durchführung dieser Zerstörung nichts anders sein kann, als eine neue Täuschung und
für das Proletariat ebenso gefährlich wird, wie alle anderen heute existierenden
Regierungen;
3. daß die Proletarier aller Länder jedes Kompromiß zur Erreichung der sozialen
Revolution verwerfen und abseits von jeder bürgerlichen Politik die Solidarität der
revolutionären Aktion herstellen müssen.“

Von damals an datiert im sozialistischen Lager die Kluft zwischen den Anhängern der
direkten revolutionären Aktion und den Befürwortern der parlamentarischen Tätigkeit der
Arbeiterklasse, die im Laufe der Entwicklung immer klaffender und unüberbrückbarer
geworden ist.

Durch einige abfällige Bemerkungen über den Parlamentarismus, die Marx gelegentlich
machte, hat sich die Legende gebildet, daß er und Engels von jeher die parlamentarische
Betätigung der Arbeiterklasse in den gesetzgebenden Körperschaften des bürgerlichen Staates
bekämpft hätten, und daß folglich die Sozialdemokratie einen Verrat an den Prinzipien der
Marxschen Lehre begangen hätte, indem sie die Wahlpolitik zur vornehmsten Aufgabe ihrer
Tätigkeit erhoben hätte. Es ist richtig, daß Marx während der ersten Periode seiner Tätigkeit
in der sozialistischen Bewegung dem Parlamentarismus ziemlich skeptisch gegenüberstand.
Aber von 1868 an änderte sich seine Stellung in dieser Frage sehr wesentlich und neigte von
damals an ganz entschieden auf die andere Seite. Es ist gar kein Zweifel, daß die erfolgreiche
Propaganda Lassalles zu diesem Umschwung der Ideen viel beigetragen hat. Daß dies
keineswegs eine willkürliche Behauptung von unserer Seite ist, dafür lassen sich eine ganze
Reihe höchst interessanter Beispiele anführen: Als Wilhelm Liebknecht im Jahre 1869 in
Berlin seine berühmte Rede über die politische Stellung der Sozialdemokratie gehalten hatte,
in welcher die parlamentarische Tätigkeit durch die Arbeiterklasse nicht etwa prinzipiell
verworfen, wie man oft fälschlich behauptet hat, sondern nur einer scharfen Kritik unterzogen
wurde, war Marx mit dieser Stellung keineswegs einverstanden. In einem Briefe an Engels,
datiert vom 10. August 1869, schreibt er mit unverkennbarer Ironie: „Wilhelms in der Beilage
abgedruckter Redeteil (in Berlin gehalten, die politische Stellung der Sozialdemokratie) zeugt
innerhalb des Falschen von nicht zu leugnender Schlauheit, sich die Sache zurecht zu machen.
Übrigens ist das sehr schön! Weil man den Reichstag nur als Agitationsmittel benutzen darf,
darf man niemals dort für etwas Vernünftiges und direkt die Arbeiterinteressen Betreffendes
agitieren!“

Karl Marx trat also schon für eine positive Tätigkeit im Parlament ein, zu einer Zeit, als seine
Anhänger in Deutschland die direkte Mitarbeit im Reichstag aus prinzipiellen Gründen
verwarfen und der parlamentarischen Betätigung lediglich aus agitatorischen Rücksichten das
Wort sprachen.

Um dieselbe Zeit sehen wir, wie sich in den Sektionen der Internationale in Genf ein
Opportunismus breit machte, der der sozialistischen Propaganda großen Schaden brachte. Ein
gewisser Coullery, ein Arzt aus dem Berner Jura, hatte die Arbeiter veranlaßt Wahlbündnisse
mit den monarchistisch-gesinnten Liberalen in Neuchätel einzugehen. Ein anderes Mal
unterstützte er die bürgerlichen Radikalen, denen die Internationale ein Dorn im Auge war.
Die revolutionäre Jura-Föderation, der auch Bakunin angehörte, nahm energisch Stellung
gegen eine solche Verwischung aller sozialistischen Grundsätze und es kam zu einer
förmlichen Spaltung. Marx aber trat auf die Seite der Opportunisten und erklärte sich
ausdrücklich gegen die von reinem sozialistischem Geiste getragene revolutionär gesinnte
Arbeiterschaft des Jura.

Als im Jahre 1873 in Spanien die Revolution ausbrach, gingen die Internationalen, die fast
ausschließlich auf anarchistischem Boden standen, ihren eigenen Weg, abseits von den
bürgerlichen Parteien, um im Sinne der sozialen Revolution für die Expropriation des Landes
und der Produktionsmittel zu wirken. In Alcoy, San Lucar, Baromeda, Sevilla, Cartagena und
anderen Orten brachen Generalstreiks und offene Insurrektionen aus, die allerdings nach und
nach alle blutig unterdrückt wurden. Am längsten hielt sich der Kriegshafen Cartagena, der
mehrere Monate in den Händen der Rebellen war, bis er endlich mit der Hilfe preußischer und
englischer Kriegsschiffe zuletzt auch fallen mußte. Bei dieser Gelegenheit griff Engels im
„Volksstaat“ die spanischen Bakunisten aufs schärfste an und erhob hauptsächlich gegen sie
den Vorwurf, daß sie sich nicht den bürgerlichen Republikanern angeschlossen hätten, wobei
er nicht müde wurde, zu betonen, daß in Spanien, wo die Industrie noch so wenig entwickelt
sei, für die Arbeiter gar keine andere Taktik in Frage kommen könne. Wie würde derselbe
Engels die Stellung seiner bolschewistischen Anhänger in Rußland beurteilt haben, die sich so
offenkundig gegen die Gesetze der Materialistischen Geschichtsauffassung auflehnten und auf
ihre Art den Kommunismus zu verwirklichen suchten, in einem Lande, wo es
hundertachtundzwanzig Millionen Bauern und kaum fünf Millionen Industriearbeiter gibt.
Kein Zweifel, er würde auf der Seite der Menschewiki gewesen sein und einer Vereinigung
der Arbeiter mit der liberalen Bourgeoisie das Wort geredet haben.

Als nach dem Erfurter Kongreß im Jahre 1891 die Führer der sogenannten „Jungen“ aus der
sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen wurden, weil sie genau dieselben Anklagen
erhoben hatten, die Lenin heute gegen die „Opportunisten“ und „Kautskyianer“ erhebt,
gründeten die oppositionellen Elemente eine eigene Partei, die im Berliner „Sozialist“ ihr
Organ hatte. Diese Richtung war zuerst streng marxistisch und vertrat Anschauungen, die mit
den Ideen der jetzigen kommunistischen Partei fast identisch sind. Liest man z. B. die Schrift
von Hermann Teistler „Der Parlamentarismus und die Arbeiterklasse“, wie überhaupt die
grundlegenden Artikel im „Sozialist“ aus jener Periode, so begegnet man dort genau
denselben Ideengängen, die man heute überall in der kommunistischen Presse Deutschlands
findet und denen auch Lenin in seinem Buche „Staat und Revolution“ Ausdruck gegeben hat.
Wie die russischen Bolschewisten und die Anhänger der K.P.D. verwarfen die damaligen
„Unabhängigen Sozialisten“ die Demokratie im bürgerlichen Sinne und lehnten jede
Beteiligung in den bourgeoisen Parlamenten auf Grund ihrer angeblichen marxistischen
Prinzipien ab.

Wie aber urteilte Engels über die „Jungen“, die genau wie heute die „Kommunisten“ die
sozialdemokratischen Parteiführer des Verrats am Marxismus geziehen hatten? In einem Brief
an Sorge, datiert vom 24. Oktober 1891, ergeht sich der alte Engels in folgende lieblichen
Ergüsse: „Die Opposition der schnodderischen Berliner, statt anzuklagen, geriet sofort auf die
Anklagebank, benahm sich elend feig und muß jetzt außerhalb der Partei wirtschaften, wenn
sie was will. Es sind ganz zweifellos Polizeielemente darunter, ein anderer Teil versteckte
Anarchisten, die im stillen unter unseren Leuten werben wollen; daneben Esel, aufgeblasene
Studenten, Durchfallskandidaten, Gernegroße aller Art. In allem keine 200 Mann.“

Ein Wunder, mit welchen Kosenamen Engels heute unsere „Kommunisten“ belegen würde,
die sich so anspruchsvoll als die Grabwächter der marxistischen Prinzipien gerieren.

Daß Engels vollständig mit der Taktik der Sozialdemokratie einverstanden war, das beweist
auch sein 1895 veröffentlichtes Vorwort zu Marx' Artikelserie: „Die Klassenkämpfe in
Frankreich“, wo er sagt: „Die Ironie der Weltgeschichte stellt alles auf den Kopf. Wir, die
„Revolutionäre“, die „Umstürzler“, wir gedeihen weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als
bei den ungesetzlichen und dem Umsturz. Die Ordnungsparteien, wie sie sich nennen, gehen
zugrunde an unserer Gesetzlichkeit. Sie rufen verzweifelt mit Odilon Barrot: la Iegalite nous
tue, die Gesetzlichkeit ist unser Tod, während wir bei dieser Gesetzlichkeit pralle Muskeln
und rote Backen bekommen und aussehen wie das ewige Leben.“

Besser konnte man die Methoden der alten Sozialdemokratie überhaupt nicht rechtfertigen.
Von diesen Dingen weil Lenin kein Wort zu sagen und seine deutschen Freunde noch
weniger. Unsere Mehrheitssozialisten brauchen sich nur auf dieselben zu berufen, um zu
zeigen, daß sie die wahren Vertreter des Marxismus sind. Und wer die Geschichte kennt, muß
ihnen recht geben. Der Marxismus war es, welcher der parlamentarischen Tätigkeit der
Arbeiterklasse das Wort gesprochen und die ganze innere Entwicklung der deutschen
Sozialdemokratie bestimmt hat. Erst wenn den wirklichen Sozialisten Deutschlands diese
Erkenntnis aufdämmern wird, werden sie auch begreifen lernen, daß der Weg der sozialen
Befreiung nicht durch, sondern über den Marxismus hinweg ins Neuland des Sozialismus
führen wird.

Wenn man also der Sozialdemokratie durchaus nicht vorwerfen kann, daß ihre Taktik der
parlamentarischen Betätigung mit den Methoden von Marx und Engels nicht übereinstimme,
so läßt sich aber nicht verkennen, daß die Partei auf einem anderen Gebiete eine
entscheidende Wandlung durchgemacht hat, welche sie von den Auffassungen des alten
Marxismus trennt. Es handelt sich nämlich um ihre Auffassung vom Staate in der
geschichtlichen Entwicklung. Hier läßt sich nicht verkennen, daß zwischen der heutigen
Sozialdemokratie und den Anschauungen von Marx und Engels eine klare Trennungslinie
besteht, die sich allerdings erst im Laufe der Jahre deutlich herausgearbeitet hat. Aber auch
diese neueste Entwicklungsphase war nur das natürliche Ergebnis jenes allgemeinen
Prozesses, welcher die Partei allmählich vom sogenannten „negativen Parlamentarismus“ zur
„positiven parlamentarischen Mitarbeit“ geführt hat und der folgerichtig mit dem heutigen
„Regierungssozialismus“ seinen Abschluß finden mußte. Was der vielverlästerte
Revisionismus vor Jahrzehnten versucht hatte, ist heute Wirklichkeit geworden. Damit hat
gleichzeitig der langsame Umwandlungsprozeß der Sozialdemokratie in eine bürgerliche
Partei sein Ende erreicht.

Will man die Wandlungen in der Staatsauffassung der Sozialdemokratie richtig erfassen, so
ist es schon nötig, dieselben einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen, was in diesem
letzten Abschnitt unsrer Abhandlung geschehen soll.

Während der sechs ereignisvollen Jahre nach dem Kriege hat innerhalb der Sozialdemokratie
ein Entwicklungsprozeß seinen endgültigen Abschluß gefunden, der früher in den Kämpfen
zwischen den radikalen Marxisten und den sogenannten Revisionisten viel Staub aufgewirbelt
und verschiedene Parteikongresse beschäftigt hat. Wir sprechen hier von der Beteiligung der
Sozialdemokratie an einer bürgerlichen Regierung und der Stellung, welche die Partei bisher
dieser Frage gegenüber eingenommen hat. Im Grunde genommen war dieses vielumstrittene
Problem nur das Ergebnis einer tieferen Ursache: Es entsprang der sozialdemokratischen
Auffassung über den Staat im allgemeinen, obzwar dies in den heftigen Debatten, die seiner
Zeit zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der Partei zum Austrag kamen, wenig
hervortrat, ja dem Gros der sozialdemokratischen Parteigänger überhaupt nicht zum klaren
Bewußtsein gekommen ist. Das war umso verständlicher, als bei der großen Mehrheit der
sozialdemokratischen Parteimitglieder gerade über diesen Punkt niemals Klarheit herrschte
und die Verfechter der sozialdemokratischen Theorien während all der Jahre so gut wie nichts
getan hatten, um gerade in dieser Frage aufklärend zu wirken und eine bestimmte
Anschauung herauszuarbeiten. Ja man kann sogar ruhig behaupten, daß die einflußreichen
Parteiprominenzen dieser Frage mit einer gewissen Ängstlichkeit aus dem Wege gingen, die
nur hie und da einzelnen Theoretikern Stoff zu rein abstrakten Erörterungen bot. Erst der
Kampf mit dem in Rußland zur Macht gelangten Bolschewismus und die neue politische
Einstellung der Sozialdemokratie innerhalb der Deutschen Republik hat die Frage wieder in
den Vordergrund gestellt und den Kreislauf einer Entwicklung geschlossen, die eigentlich zu
keinem anderen Ergebnis führen konnte.

Die deutsche Sozialdemokratie, soweit sie der Bewegung entstammte, die Lassalle seiner Zeit
ins Leben gerufen hatte, war von der absoluten Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des
Staates fest überzeugt. In ihrer geradezu fanatischen Staatsgläubigkeit übertraf sie das liberale
Bürgertum so sehr, daß die liberale Presse jener Zeit die Lassallesche Bewegung häufig als
ein Werkzeug der preußischen Reaktion bezeichnete, ein Vorwurf, dem zwar jede materielle
Begründung fehlte, der aber durch das sonderbare Liebäugeln Lassalles mit dem „sozialen
Königtum“ nur zu erklärlich war.

In den Arbeitervereinen der Lassalleschen Richtung herrschte zu jener Zeit vielfach eine
ausgesprochene monarchistische Gesinnung, und es erregte kaum Aufsehen, wenn die
Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu Iserlohn dem König von
Preußen im April 1865 ein Begrüßungstelegramm zu seinem Geburtstag schickte und den Tag
festlich beging, wobei auf einem Transparent, das im Festsaale angebracht war, unter dem
unvermeidlichen preußischen Adler die Worte prangten: „Heil dem König, dem Beschützer
der Bedrängten!“

Lassalle selbst war Zeit seines Lebens ein unermüdlicher Verfechter der Hegelschen
Staatsidee und hatte sich die Anschauungen des französischen Staatssozialisten Louis Blanc
über die soziale Aufgabe der Regierung vollständig zu eigen gemacht. Im
„Arbeiterprogramm“ faßte er seine Ansichten über den Staat in folgende Worte, welche
gleichzeitig zur Grundlage des politischen Glaubensbekenntnisses der Lassalleschen
Bewegung wurden:

„Die Geschichte, meine Herren, ist ein Kampf mit der Natur; mit dem Elend, der
Unwissenheit, der Armut, der Machtlosigkeit und somit der Unfreiheit aller Art, in der wir
uns befanden, als das Menschengeschlecht im Anfang der Geschichte auftrat. Die
fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit - das ist die Entwicklung der Freiheit, welche
die Geschichte darstellt. In diesem Kampfe würden wir niemals einen Schritt vorwärts
gemacht haben, oder jemals weiter machen, wenn wir ihn als einzelne jeder für sich, jeder
allein, geführt hätten oder führen wollten.
Der Staat ist es, welcher die Funktion hat, diese Entwicklung der Freiheit, diese Entwicklung
des Menschengeschlechts zur Freiheit zu vollbringen. Der Staat ist diese Einheit der
Individuen in einem sittlichen Ganzen, eine Einheit, welche die Kräfte aller einzelnen, welche
in diese Vereinigung eingeschlossen sind, millionenfach vermehrt, die Kräfte, welche ihnen
allen als einzelnen zu Gebote stehen würden, millionenfach vervielfältigt.

Der Zweck des Staates ist also nicht der, dem einzelnen nur die persönliche Freiheit und das
Eigentum zu schützen, mit welcher er nach der Idee der Bourgeoisie angeblich schon in den
Staat eintritt; der Zweck des Staates ist vielmehr gerade der, durch diese Vereinigung die
einzelnen in den Stand zu setzen, solche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu erreichen,
die sie als einzelne nie erreichen könnten, sie zu befähigen, eine Summe von Bildung, Macht
und Freiheit zu erlangen, die ihnen sämtlich als einzelnen unersteiglich wäre.

Der Zweck des Staates ist somit der, das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und
fortschreitenden Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche Bestimmung,
d. h. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig ist, zum wirklichen Dasein zu gestalten:
er ist die Erziehung und Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit. Das ist die
eigentliche sittliche Natur des Staates, meine Herren, seine wahre und höhere Aufgabe.“

Die sogenannte Eisenacher Richtung, welche sich vornehmlich aus dem „Verband deutscher
Arbeitervereine“, der sich früher vollständig im Schlepptau der liberalen Bourgeoisie befand,
entwickelte, vertrat besonders unter Liebknechts Einfluß die Idee des „freien Volksstaates“.
Die landläufige Behauptung, daß die sogenannten Eisenacher im Gegensatz zu den
Lassalleanern die Theorien von Marx vertraten, ist nur eine fable convenue, die mit der
Wirklichkeit der Dinge keineswegs übereinstimmt. Vom eigentlichen Marxismus wußten die
Eisenacher kaum mehr als die Nachfolger Lassalles. Liebknecht selber nannte sich zwar des
öfteren einen Schüler Marxens, mit dem er lange Jahre persönlich befreundet war, aber den
eigentlichen Kern der Marx'schen Lehre hatte er nie richtig erfaßt; überhaupt blieb ihm dessen
Auffassung vom Staate vollkommen fremd. Der Sozialismus Liebknechts war mehr ein
Ausfluß des sozialistischen Jakobinertums der Franzosen als ein Ergebnis der Marx'schen
Ideen. Überhaupt nahm bei ihm der Demokrat stets den Platz vor dem Sozialist ein. So lautete
denn auch der erste Artikel des Eisenacher Programms: „Die sozialdemokratische
Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des freien Volksstaats.“

So wichtig erschien der jungen Partei dieser Punkt ihrer politischen Bestrebungen, daß sie ihr
Zentralorgan, dem Liebknecht als Redakteur vorstand, „Volksstaat“ betitelte.

Als dann 1875 die Vereinigung der Lassalleaner mit den Eisenachern auf Grund des Gothaer
Programms vor sich ging, wurde der Passus vom „freien Volksstaat“ durch die Worte ersetzt:
daß „die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien
Staat und die sozialistische Gesellschaft“ erstrebe. Von der scharfen Kritik, welche der
Volkstaatsidee in den Organen des freiheitlichen Flügels der Internationale und durch die
Pioniere der anarchistischen Bewegung Deutschlands, Emil Werner, August Reinsdorf usw.,
in der Berner „Arbeiterzeitung“ zuteil wurde, erfuhren die Anhänger der deutschen
Sozialdemokratie ebensowenig, wie von der vernichtenden Kritik des Gothaer
Programmentwurfs im allgemeinen und der Idee vom „freien Staate“ im besonderen durch
Marx, welche er kurz vor der Tagung des Gothaer Kongresses Bracke, Geib, Auer, Bebel und
Liebknecht unterbreitet hatte. Von diesem Dokument erhielten die gewöhnlichen
Parteigenossen erst fünfzehn Jahre später durch die „Neue Zeit“ Kenntnis.

Marx selber nahm dem Staate gegenüber von Anfang an eine andere Stellung ein als Lassalle
und die prominenten Führer der späteren vereinigten sozialdemokratischen Partei. Bereits im
Jahre 1844, also in der Anfangsphase seiner sozialistischen Entwicklung, unterzog er die
Institution des Staates im Pariser „Vorwärts“ einer zersetzenden Kritik in seinem Aufsatze
„Kritische Randglossen zu dem Artikel: „Der König von Preußen und die Sozialreform“.

In diesem Aufsatz suchte Marx zu beweisen, daß der Staat seinem inneren Wesen nach nicht
imstande sei, das Elend zu beseitigen und im besten Falle seine Zuflucht zur öffentlichen
Wohltätigkeit nehmen müsse. Wollte der Staat den Pauperismus aufheben, so müßte er sich
selber aufheben, da aber der Selbstmord gegen die Gesetze der Natur verstoße, so könne man
von ihm eine solche Handlung nicht erwarten.

„Der Staat wird nie im Staat und in der Einrichtung der Gesellschaft, wie es der Preuße von
seinem König verlangt, den Grund sozialer Gebrechen finden. Wo es politische Parteien gibt,
findet jede den Grund eines jeden Übels darin, daß statt ihrer ihr Widerpart sich am
Staatsruder befindet. Selbst die radikalen und revolutionären Politiker suchen den Grund des
Übels nicht im Wesen des Staates, sondern in einer bestimmten Staatsform, an deren Stelle sie
eine andere Staatsform setzen wollen.“

Und an einer anderen Stelle desselben Aufsatzes heißt es:

„Denn diese Zerrissenheit, diese Niedertracht, dies Sklaventum der bürgerlichen Gesellschaft
ist das Naturfundament, worauf der moderne Staat ruht, wie die bürgerliche Gesellschaft des
Sklaventums das Naturfundament war, worauf der antike Staat ruhte. Die Existenz des Staates
und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennbar. Der antike Staat und die antike Sklaverei -
offenherzige klassische Gegensätze - waren nicht inniger aneinander geschmiedet als der
moderne Staat und die moderne Schacherwelt - scheinheilige christliche Gegensätze.“

Aus dem ganzen Aufsatz fühlt man deutlich den starken Einfluß Proudhons heraus, dessen
Schrift „Qu'est-ce que la propriete ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement“
auf Marx bekanntlich einen mächtigen Eindruck machte, der allerdings nicht nachhaltig war.
Aber sogar später, als Marx sich mehr und mehr die praktischen Methoden und Leitsätze der
Babouvisten oder Blanquisten zu eigen machte, schwebte ihm die Überwindung des Staates
stets als Endziel der sozialen Revolution vor. In diesem Sinne heißt es denn auch im
„Kommunistischen Manifest“:

„Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle
Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche
Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die
organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen. Wenn das Proletariat im
Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich
zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten
Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die
Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt und damit seine eigene
Herrschaft als Klasse auf - An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen
und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die
Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

Sogar in jener haßerfüllten Schmähschrift „L'Alliance de la Democratie socialiste et


l'Association internationale des Travailleurs“, welche Marx zusammen mit Engels und
Lafargue gegen Bakunin und den freiheitlichen Flügel der Internationale verfaßt hatte, werden
die Worte die bereits in dem berüchtigten Privatzirkular des Generalrats: „Les pretendues
scissions dans l'Internationale“ enthalten sind, noch einmal wiederholt: „Alle Sozialisten
verstehen unter Anarchie dieses: ist einmal das Ziel der proletarischen Bewegung, die
Abschaffung der Klassen erreicht, so verschwindet die Gewalt des Staates, welche dazu dient,
die große produzierende Mehrheit unter dem Joche einer wenig zahlreichen ausbeutenden
Minderheit zu erhalten, und die Regierungsfunktionen verwandeln sich in einfache
Verwaltungsfunktionen.“

Das Ziel, das Marx im Auge hatte, war also unzweifelhaft die Ausschaltung des Staates aus
dem Leben der Gesellschaft. In dieser Hinsicht huldigte er vollständig anarchistischen
Gedankengängen. Nur in der Art, wie er dieses Ziel erreichen wollte, unterschied er sich
grundsätzlich von Bakunin und den freiheitlich gesonnenen Föderationen der Internationale.
Bakunin und seine Freunde vertraten den Standpunkt, daß eine soziale Revolution zusammen
mit den Institutionen der wirtschaftlichen Ausbeutung der Massen auch den politischen
Machtapparat des Staates abtragen müsse, damit sich das neue soziale Leben ungehindert
entfalten könne. Wie man sich diesen Prozeß vorstellte, geht deutlich aus den Reden, die Hins
und Pindy auf dem Baseler Kongreß im Jahre 1869 gehalten haben, hervor, in denen der
sogenannte Rätegedanke einen klaren Ausdruck fand. Die freiheitlichen Elemente der
Internationale waren der Meinung, daß ein neues, auf der Grundlage des Sozialismus
beruhendes Wirtschaftsleben sich nicht innerhalb der alten politischen Formen verwirklichen
lasse, sondern sich eine neue Form des politischen Organismus schaffen müsse als die erste
Vorbedingung seiner ungestörten Entwicklung.

Marx aber wollte den Staatsapparat als Mittel benutzen, um den Sozialismus praktisch
durchzuführen und die Klassengegensätze innerhalb der Gesellschaft abzuschaffen. Erst
nachdem die Klassen verschwunden, sollte ihnen der Machtapparat des Staates nachfolgen
und der Verwaltung der Dinge Platz machen.

Heute wissen wir, wer Recht in diesem Streite hatte, denn durch das praktische Experiment
der Bolschewiki in Rußland ist die Frage ein für allemal entschieden worden. Auch Lenin
sprach von der Überwindung des Staates. In seiner bekannten Schrift „Staat und Revolution“
hat er alle Aussprüche von Marx und Engels, die ein Licht auf ihre Auffassung vom Staate
werfen, geschickt zusammengetragen und die einzelnen Etappen, die seiner Meinung nach die
Revolution gehen mußte, genau vorgezeichnet. Aber die lebendige Wirklichkeit erwies sich
auch in diesem Falle stärker als die ideologischen Spitzfindigkeiten des bolschewistischen
Führers und Theoretikers. Indem die bolschewistische Partei den Staatsapparat in ihre Hände
nahm, wurde sie selbst von der zermalmenden Kraft seines Mechanismus ergriffen, dessen
innere Gesetze man nicht willkürlich ändern kann. Sie erstickte alle schöpferischen Kräfte der
Nation in der toten Uniformität der staatlichen Schablone, und der angebliche
Befreiungsapparat blieb auch in ihren Händen bloß ein Instrument der Unterdrückung, das
dem Volke dieselben Wunden schlug, wie früher die Knute des zarischen Regimes.

Anstatt die Klassen und Klassengegensätze abzuschaffen, schuf der neue Staat eine neue
Kaste aus den Parteigängern des Bolschewismus und entwickelte fortgesetzt neue Gegensätze
zwischen sich und den werktätigen Massen, die er angeblich beschützen wollte. Und da er
fortwährend neue Hindernisse vor sich auftürmte, glaubte er dieselben durch den Schrecken
besiegen zu können, bis er endlich wieder beim Kapitalismus Zuflucht suchen mußte.

Die Diktatur des Proletariats, die in Wahrheit nie etwas anderes gewesen, als die Diktatur
über das Proletariat und die zuerst nur als ein Provisorium gedacht war, bis die Mächte der
Konterrevolution niedergerungen seien, wütet heute schlimmer gegen die Verfechter jeder
anderen sozialistischem Meinung als in den Tagen, wo die Judenitsch, Denikin oder Wrangel
ihre reaktionären Armeen gegen Sowjetrußland führten. Das Wort Proudhons, daß jede
sogenannte provisorische Regierung stets die Absicht verfolge, permanent zu werden, hat sich
auch im bolschewistischen Rußland bewahrheitet, wo man den Sozialismus längst
preisgegeben und nur noch das eine Ziel verfolgt, die Herrschaft einer bestimmten Partei über
die breiten Massen des Volkes um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Das russische Experiment
hat klar bewiesen, daß der Sozialismus nicht innerhalb des alten Staatssystems verwirklicht
werden kann, daß er sich vielmehr neue politische Organe schaffen muß, um ins Leben treten
zu können. Daß diese Lehre mit so viel Blut und Tränen und enttäuschten Hoffnungen erkauft
werden mußte, ist sicherlich die tragischste Seite dieses Versuches.

Nach dem Sozialistengesetz schuf sich die Sozialdemokratie auf dem Erfurter Parteitag ein
neues Programm, in dem nicht mehr die Rede war vom „Volksstaat“ oder vom „freien Staate“
wie in den Programmen von Eisenach und Gotha. Die Kritik, die Marx an dem Gothaer
Programm geübt hatte, und die Engels acht Monate vor dem Parteitag in Erfurt in der „Neuen
Zeit“ veröffentlichte, hatte ohne Zweifel dazu beigetragen, daß das Bekenntnis zum Staate aus
dem Programm verschwunden ist. Allerdings scheint auch hier die Frage nicht so ohne
Widerstand von statten gegangen zu sein, denn nach der Aussage Bebels wurde dem Parteitag
erst die sechste Umarbeitung des Programms zur Beratung vorgelegt.

Demgemäß erklärte denn auch Bebel in der berühmten Zukunftsstaats-Debatte im Deutschen


Reichstag, die sich unter der Reichskanzlerschaft des Fürsten Bülow abspielte, daß die
Sozialdemokratie überhaupt keinen sozialistischen Zukunftsstaat, sondern eine sozialistische
Gesellschaft erstrebe. Ein Wort, das Liebknecht aber sofort abschwächte, indem er der
Meinung Ausdruck gab, daß es keinen Unterschied mache, wie man das Ding nenne - Staat
oder Gesellschaft.

Als dann die Opposition der Jungen bald nach dem Fall des Sozialistengesetzes einsetzte und
sich nach dem Ausschluß ihrer Wortführer auf dem Parteitag von Erfurt als Partei der
unabhängigen Sozialisten zusammenschloß, war es ein beliebtes Argument der Bebel,
Kautsky usw., auf das Erfurter Programm hinzuweisen mit der Erklärung, daß man doch
unmöglich von einer Verbürgerlichung der Partei reden könne, wenn sich dieselbe Partei
soeben in Erfurt ein viel radikaleres Programm zugelegt habe. Aber Programme sind ein eigen
Ding und beweisen an und für sich noch wenig für den revolutionären Charakter einer
Bewegung, der letzten Endes immer in der Aktionskraft ihrer Anhänger seinen Ausdruck
findet.

Das Auftreten des Revisionismus und die langjährigen Kämpfe der sogenannten „Radikalen“
gegen seinen wachsenden Einfluß in der Partei waren ein Beweis dafür, daß Programme nicht
imstande sind, der Verbürgerlichung einer Bewegung einen Damm entgegenzusetzen. Der
Kampf der Revisionisten mit den Radikalen ging weit über die Grenzen Deutschlands hinaus
und spielte sich in mehr oder weniger breiten Formen in allen Ländern ab, in denen eine
sozialdemokratische Bewegung vorhanden war. Theoretisch mochten die Kautsky, Cunow,
Mehring, Plechanow noch so sehr in ihrem Rechte sein, taktisch aber waren sie den
Revisionisten gegenüber stets im Unrecht. Denn der Revisionismus entwickelte sich
folgerichtig aus der gänzlich parlamentarisch eingestellten Taktik der sozialistischen Parteien
des In- und Auslandes.
Mit der zahlenmäßigen Entwicklung der sozialdemokratischen Wählerschaft in den
verschiedenen Ländern entstand die Frage wegen einer eventuellen Beteiligung der
Sozialdemokratie an einer bürgerlichen Regierung ganz von selbst. Was half da die schärfste
Kritik der sogenannten Radikalen und die Mehrheitsbeschlüsse der Kongresse? Standen doch
die Radikalen in der Praxis auf demselben Boden wie die Revisionisten und befolgten
dieselbe Taktik, wenn sie es auch nicht wahr haben wollten. Die praktische Betätigung der
Sozialdemokratie in den parlamentarischen Körperschaften des bürgerlichen Staates drängte
die Partei zwangsläufig immer mehr in das Fahrwasser des Revisionismus trotz aller
Bannsprüche der Grabwächter des „reinen Marxismus“.

Theorien haben nur dann eine Bedeutung, wenn sie dem praktischen Leben entspringen und
die alltäglichen Erfahrungen und die Schlüsse, die daraus zu ziehen sind, sozusagen in
kristallisierter Form wiedergeben. Aber Theorien, welche in den luftleeren Räumen rein
abstrakter Vorstellungen erzeugt werden, sind wertlos, auch wenn sie allen Regeln der
sogenannten Logik entsprechen. In dieser Stellung aber befanden sich die „Radikalen“ den
Revisionisten gegenüber.

Der Ministerialismus der Revisionisten, welcher durch das Beispiel des Franzosen Millerand
mächtig gefördert wurde, war eben das unvermeidliche Ergebnis einer jahrzehntelangen
parlamentarischen Betätigung. So lange die Sozialdemokratie im Reichstag nur eine
verschwindend kleine Minorität repräsentierte, konnte natürlich von einer Beteiligung an der
Regierung keine Rede sein. Aber in dem Maße, wie die Partei immer mehr Stimmen auf ihre
Kandidaten vereinigte und sich zahlenmäßig zur stärksten Partei Deutschlands entwickelte,
wurde die Frage immer dringlicher und war zuletzt nicht länger zu umgehen.

Es spielte sich hier dieselbe Erscheinung noch einmal in anderer Form ab, die sich schon
einmal in den Reihen der Sozialdemokratie manifestiert hatte. Im Gegensatz zu den
Lassalleanern stand ein gut Teil der Eisenacher dem Parlamentarismus anfänglich ziemlich
skeptisch gegenüber. Die bekannte Rede Liebknechts über die politische Stellung der
Sozialdemokratie (1869) gab dieser Stellung klaren Ausdruck. Wenn Liebknecht später
behauptete, daß seine Rede nur auf den Norddeutschen Reichstag vor der Gründung des
Deutschen Reiches Bezug hatte, so wird diese Behauptung durch ihn selbst widerlegt durch
das Vorwort, das er der zweiten Auflage seiner gedruckten Rede im Jahre 1874
vorausschickte. In diesem Vorwort, das allerdings in der Ausgabe von 1888 sorgfältig
ausgemerzt wurde, erklärte Liebknecht ganz offen, daß sich der Parlamentarismus im
Deutschen Reichstag „nicht minder glorreich betätige, als weiland im Norddeutschen
Reichstag“ und daß er an seinen ursprünglichen Ausführungen „nichts zu widerrufen und
nichts zu mildern“ habe.

Man wollte sich zwar an den Wahlen beteiligen, aber nur der Propaganda wegen. Man wollte
von der Tribüne des Parlaments zum Volke sprechen und stand der positiven Mitarbeit
grundsätzlich feindlich gegenüber. Noch auf dem Parteitag in St. Gallen im Jahre 1887 wurde
einstimmig folgende Resolution angenommen: „Der Parteitag ist der Überzeugung, daß nach
wie vor die Stellung der Partei zu der parlamentarischen Tätigkeit der Abgeordneten im
Reichstag und in den Landtagen die bisherige bleiben muß; wie bisher das Hauptgewicht auf
die kritische und agitatorische Seite zu legen und die positive gesetzgeberische Tätigkeit nur
in der Voraussetzung zu pflegen, daß bei dem heutigen Stand der Parteigruppierung und der
ökonomischen Verhältnisse über die Tragweite dieser positiven Tätigkeit im Parlament für die
Klassenlage der Arbeiter in politischer wie in ökonomischer Hinsicht kein Zweifel gelassen
und keine Illusion geweckt werden kann.“
Das war ungefähr das, was unsere Kommunisten heute in ihrem politischen Rotwelsch
„antiparlamentarischen Parlamentarismus“ nennen. Aber diese Stellung der Sozialdemokratie
änderte sich in dem Maße wie die Zahl ihrer Wähler sich vermehrte, und es lag in der Natur
der Sache, daß die positive Mitarbeit die rein negative Betätigung früher oder später
verdrängen mußte. Aber mit derselben Notwendigkeit, mit der sich aus dem negativen
Parlamentarismus die positive Mitarbeit ergab, mußte die positive Mitarbeit notgedrungen
zum Ministerialismus der Revisionisten führen. Was half es, daß man den Revisionismus auf
fünf oder sechs Kongressen mausetot schlug, wenn er nach jeder „Niederlage“ um so kräftiger
emporblühte? Es war ein Schauspiel für Götter, zu sehen, wie die unentwegten Verfechter des
Marxismus in Reinkultur jedesmal die Scheiter herbeischleppten, auf denen die Bernstein,
Vollmar, Heine, Auer usw. gebraten werden sollten. Nicht einmal ausräuchern konnte man
den „inneren Feind“, geschweige verbrennen.

Auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Paris im Jahre 1900 brachte Kautsky eine
Resolution ein, derzufolge die Sozialdemokratie „einen Anteil an der Regierungsgewalt
innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben kann.“ Im Jahre 1903 nahm dann der
Dresdener Parteitag eine Resolution an, die von den Radikalen eingebracht wurde und in der
es unter anderem heißt:

„Daher ist der Parteitag im Gegensatz zu den in der Partei vorhandenen revisionistischen
Bestrebungen der Überzeugung, daß die Klassengegensätze sich nicht abschwächen, sondern
sich stetig verschärfen und erklärt:
1. daß die Partei die Verantwortlichkeit ablehnt für die auf der kapitalistischen
Produktionsweise beruhenden politischen und wirtschaftlichen Zustände und daß sie
deshalb jede Bewilligung von Mitteln verweigert, welche geeignet sind, die
herrschende Klasse an der Regierung zu erhalten;
2. daß die Sozialdemokratie, gemäß der Resolution Kautsky des Internationalen
Sozialistenkongresses zu Paris im Jahre 1900, einen Anteil an der Regierungsgewalt
innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben kann.
Der Parteitag verurteilt ferner jedes Bestreben, die vorhandenen stets wachsenden
Klassengegensätze zu vertuschen, um eine Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern.“

Vierzehn Jahre später fegte der Krieg alle diese Grundsätze über den Haufen und schuf
sozusagen die Grundlage für die Regierungsfähigkeit der Sozialdemokratie, welche sie sich
durch ihren Burgfrieden mit den Kapitalisten und ihr Durch-dick-und-dünn-gehen mit den
Mächten der politischen und militärischen Reaktion redlich erworben hatte.

Nach dem Untergang des alten Regimes änderte sich die Stellung der Sozialdemokratie zur
bürgerlichen Regierung vollständig und sogar die intransigentesten Befürworter des radikalen
Marxismus, für die jeder Revisionist bisher der Inbegriff alles Übels gewesen, vergaßen
plötzlich ihre unerschütterlichen Grundsätze, die „bisherige bewährte und sieggekrönte, auf
dem Klassenkampf beruhende Taktik“ und bekehrten sich im Handumdrehen zum
Ministerialismus Bernsteins und seiner Anhänger. Der Revisionismus hatte nun auch
äußerlich gesiegt auf der ganzen Linie.

Cunow, einstens einer der grimmen Kämpfer gegen den Revisionismus, verfaßte sogar ein
zweibändiges Werk, „Die Marxsche Geschichts-, Gesellschafts- und Staatstheorie. Grundzüge
der Marxschen Soziologie“, in dem er sich die meisten Argumente Bernsteins zu eigen macht
und es sich besonders angelegen sein läßt, die Marxsche Auffassung vom Staat zu erschüttern.
Denn Cunow weiß sehr gut, daß die Frage des Eintritts der Sozialdemokratie in eine
bürgerliche Regierung eng verknüpft ist mit ihrer Auffassung vom Staate. Aus diesem Grunde
gibt sich Cunow alle Mühe, den Beweis zu erbringen, daß zwar die soziologischen Teile der
Marxschen Staatslehre immer noch zu Recht bestehen, „was aber fällt, ist die mit seinen
eigenen (Marxens) soziologischen Auffassungen im Widerspruch stehende, aus einem
halbutopisch-anarchistischen Revolutionarismus herauskonstruierte Hypothese von der
baldigen Abschaffung oder Auflösung des Staates.“

Cunow hat es unternommen, Marx durch sich selber zu widerlegen, soweit seine
Staatsauffassung in Frage kommt. Er mußte dies tun, um jene Unterscheidungslinie zu finden,
welche den alten Obrigkeitsstaat von den modernen parlamentarischen Staaten der
kapitalistischen Periode trennt, denn nur so war es ihm möglich, die Anteilnahme der
Sozialdemokratie an der Regierungsgewalt des bürgerlichen Staates zu begründen und zu
rechtfertigen. So entwickelt er denn in seinem Werke im direkten und bewußten Gegensatz zu
Marx die folgende Ansicht, die man ruhig als die Auffassung der heutigen Sozialdemokratie
betrachten kann:

„Im früheren Obrigkeitsstaat wurde die Staatsmacht meist noch gar nicht als
zusammenordnende Gewalt, als notwendige Gemeinschaftsgewalt, sondern als Willkürmacht
der herrschenden Regierung empfunden. Aus dem zunehmenden Gefühl, daß das eigene Wohl
in erheblichem Maße mit dem Staatswesen verbunden ist und nur in ihm zur Geltung kommen
kann, entstand aber naturgemäß die Erkenntnis einer gewissen Gemeinschaftlichkeit, die im
weiteren Verlauf zu einer bewußten und gewollten Teilnahme an der staatlichen
Gemeinsamkeit wurde, in den ärmeren Volksschichten freilich erst, nachdem sie einen Anteil
an der Staatsgewalt gewonnen haben. An die Stelle des einstigen dynastischen Machtwortes:
„Der Staat bin ich!“ tritt nun in einem sich mehr und mehr erweiternden Staatsbürgerkreise
das erstarkende Bewußtsein: „Der Staat sind wir!“ - Die Entwicklung des Staates hat demnach
eine andere Richtung genommen, wie Marx und Engels in ihrer Beeinflussung durch
liberalanarchistische Zeitströmungen glaubten. Der Staat wird nicht überflüssig; er verliert
nicht, wie Engels meint, einen immer größeren Teil seiner einstigen Funktionen an die
Gesellschaft, sondern er übernimmt im Gegenteil immer weitere soziale Aufgaben und
erweitert dadurch seine Verwaltungsmaschinerie."

Das ist der vollständige Bruch mit der alten Auffassung Marxens vom Staate und in derselben
Zeit die theoretische Voraussetzung für den in die Praxis getretenen Revisionismus, der heute
die ganze Sozialdemokratie restlos erfaßt hat. Man fragt sich nur erstaunt, aus welchem Grund
Cunow früher den Revisionismus so bitter bekämpfte, dem er sich nun mit Haut und Haaren
verschrieben? Wozu war der ganze Lärm und der Theaterdonner früherer Kongresse?

Wohl hat Kautsky in einer besonderen Streitschrift: „Die Marxsche Staatsauffassung im


Spiegelbild eines Marxisten“, den Versuch gemacht, zu beweisen, daß Cunow Marx und
Engels falsch interpretiert habe. Aber diese Dinge ziehen heute nicht mehr. Es gab eine Zeit,
wo Kautsky und Cunow gemeinsam denselben Vorwurf gegen Bernstein erhoben. Dann hat
Cunow Kautsky ein mangelhaftes Verständnis der Marxschen Anschauungen an den Kopf
geworfen und Kautsky zahlt ihm nun in gleicher Münze heim, nachdem schon früher ein
anderer Marxtheologe, Lenin in eigener Person, den beiden quittierte, daß sie die reine Lehre
Marxens verfälscht und überhaupt nicht verstanden hätten.

Über solche Argumentationen lachte man einmal, heute aber wirken sie langweilig und
erinnern lebhaft an die Streitigkeiten der alten christlichen Theologen, ob man Jesus mit
einem I oder einem J schreiben dürfe, ob eine Maus, die von einer Hostie gefressen, geheiligt
sei oder nicht und dergleichen mehr. Es handelt sich doch schließlich nicht darum, wie
dogmatische Spitzfindigkeit einen Denker interpretiert, sondern darum, inwieweit sich seine
Lehren im Laufe der Zeit als richtig erwiesen und durch die praktischen Erfahrungen des
Lebens bestätigt wurden oder nicht. Auch der genialste Denker ist mit tausend Ketten an seine
Zeit geschmiedet und seine Anschauungen haben nur eine relative Bedeutung. Alles, was wir
Wahrheit nennen, richtet sich letzten Endes nach dem jeweiligen Stand unserer Erkenntnis
und verliert seinen positiven Wert in dem Maße, wie sich die Horizonte unseres Erkennens
weiten und uns neue Perspektiven eröffnen. Das Wort: „Man wird stets von den eigenen
verraten“, hat sich besonders bei dem Marxismus bewahrheitet.

Und übrigens ist es auch an und für sich gleichgültig, ob Kautsky oder Cunow Marx richtig
interpretiert. Tatsache ist, daß Kautsky heute auf demselben Boden steht wie Cunow und die
alten Wortführer des Revisionismus, die er einstens so bitterlich bekämpfte. Auch Kautsky ist
heute vollständig davon überzeugt, daß die Sozialdemokratie an der bürgerlichen
Regierungsgewalt Anteil nehmen müsse, derselbe Kautsky, der vor nunmehr vierundzwanzig
Jahren die sozialistischen Arbeiterparteien der Welt durch seine bereits erwähnte Resolution
zu überzeugen suchte, daß „die Sozialdemokratie einen Anteil an der Regierungsgewalt
innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht erstreben kann.“ Oder sollte Kautsky der
Meinung sein, daß das heutige Deutschland nicht mehr als gewöhnlicher bürgerlicher Staat zu
betrachten sei? Bei Gott und bei den Dialektikern des Marxismus sind nämlich alle Dinge
möglich.

Als vor nunmehr zweiundfünfzig Jahren Marx und Engels auf der Londoner Konferenz den
Versuch machten, der Internationalen Arbeiter-Assoziation die parlamentarische Betätigung
als obligatorisch aufzuoktroyieren, zerstörten sie nicht bloß das Werk, an dem sie selbst
gebaut, und schleuderten die Fackel der Zwietracht ins Lager des Sozialismus, sie legten auch
damals die Fundamente jener Entwicklung, die folgerichtig zu dem vollständigen Triumph
der revisionistischen Auffassung innerhalb der modernen sozialistischen Arbeiterparteien
führen mußte. In dem Maße, wie diese Entwicklung vor sich schritt, erblaßten die
sozialistischen Anschauungen der Sozialdemokratie mehr und mehr. Heute ist die
Sozialdemokratie regierungsfähig, aber von ihrem ehemaligen sozialistischen Grundsätzen
blieb ihr nicht mehr als das Wort. Sie hat den Kreislauf vollendet und befindet sich heute auf
dem Punkte, wo der letzte Rest ihres Sozialismus der bürgerlichen Politik zum Opfer fiel. Das
Görlitzer Programm ist nur die Umschreibung der heutigen Stellung der Sozialdemokratie
zum bürgerlichen Staate.

Dieser Prozeß beschränkt sich übrigens nicht bloß auf Deutschland, wenn er auch hier am
deutlichsten zum Ausdruck kam. Die Frage, ob die Sozialdemokratie an einer bürgerlichen
Regierung Anteil nehmen kann, ist heute für die Arbeiterparteien in den verschiedenen
Ländern keine Frage mehr. Damit erklärt sich auch zum großen Teil der Rückgang des
bürgerlichen Liberalismus in Europa, dessen Platz mehr und mehr von den modernen
Arbeiterparteien übernommen wird. Allerdings trifft dies nur im bedingten Maße zu, denn es
ist der dekadente Liberalismus, dessen politische Erbschaft die sozialistischen
Arbeiterparteien der Gegenwart angetreten haben, der Liberalismus, der seine grundlegenden
Prinzipien längst vergessen und selber staatsgläubig geworden ist.

Aber es gab eine Zeit, wo der politische Radikalismus oder Liberalismus eine bahnbrechende
Rolle in der geistigen Entwicklung Europas spielte, die unvergeßlich bleiben wird. Die blöde
Auffassung, welche im Liberalismus nichts anders sehen will als das Glaubensbekenntnis des
kapitalistischen Manchestertums, ist eine groteske Verzerrung der geschichtlichen Wahrheit.
Männer wie Priestly, Price, Paley, Diderot, Paine, Condorcet usw. waren sicher keine
Vorkämpfer des Kapitalismus. Der politische Radikalismus war der Aufschrei des
menschlichen Persönlichkeitsgefühls gegen die alles nivellierende Tendenz des absoluten
Regimes und später gegen den Ultrazentralismus und die Staatsgläubigkeit des Jakobinismus
und seiner verschiedenen politischen Abstufungen. Und in diesem Sinne wurde er auch später
von Mill, Buckle, Spencer und anderen aufgefaßt. Daß er später in kastrierter Gestalt dem
kapitalistischen Manchestertum als politisches Aushängeschild dienen mußte, hat mit seinen
ursprünglichen Bestrebungen ebensowenig zu tun, wie die ursprünglichen Ideen des
Sozialismus mit der praktischen Tätigkeit der heutigen Sozialdemokratie.

Und in diesem Sinne ist nicht bloß der Sozialismus den modernen Arbeiterparteien ein leerer
Begriff geworden, sondern auch die Demokratie, die ihnen heute bloß als totes
Mehrheitsprinzip erscheint, von dem sie kaum was anderes gelernt haben, als daß fünf mehr
denn drei ist. Und doch gab es eine Zeit, und diese Zeit liegt noch nicht allzu weit hinter uns,
wo der demokratische Gedanke die Völker - vornehmlich in Westeuropa - etwas anderes
lehrte und ein wirksames Gegengift war gegen die Stagnation des gesellschaftlichen Lebens
in den starren Formen des Staates. Man lese heute das „Politische Manifest des
Nationalkomitees der Demokratischen Partei Spaniens“ vom 1. Februar 1858 und vergleiche
es mit dem seichten Mehrheitsdemokratismus unserer heutigen Sozialdemokraten. In diesem
Manifest der spanischen Demokratie finden sich die tiefschürfenden Worte:

„Trotz der wiederholten Beweise von der Unfähigkeit und Ohnmacht des Staates gibt es
immer noch Leute, die ihm eine unbeschränkte Macht einräumen möchten, damit er das Los
der Klassen verbessere, deren Elend durch die Versuche der Staatsgewalt, ihm abzuhelfen,
nur vergrößert wurde. Vergessen wir es nicht, der Staat ist wie Attilas Pferd, das den Boden
unfruchtbar macht, auf den es seinen Fuß setzt. Wir glauben daher alle unsere Anstrengungen
dahin richten zu müssen, seinen Wirkungskreis zu verengen, nicht zu erweitern. Ihn erweitern
hieße nur, an die Stelle eines vorübergehenden einen härteren und schlimmeren Despotismus
setzen. Die Freiheit ist es, und nicht die Staatsgewalt, die uns die Frucht wahrer Reformen
reifen läßt. Das Leben, welches die Staatsmacht den Systemen gibt, ist immer ein Scheinleben
und eine unsichere Existenz; das Leben hingegen, welches ihnen das schöpferische Interesse
des einzelnen erteilt, ist das einzig wahre und allein fähig, alle Entwicklungsstufen
durchzumachen.“

Man vergleiche diese Worte, aus denen der Geist der Selbständigkeit und der freien Initiative
glüht, mit der toten Kasernendisziplin, die unseren heutigen Sozialdemokraten als der
Inbegriff der Demokratie erscheint. Wer denkt heute daran, die Funktionen des Staates zu
beschränken und seinem fortgesetzten Eingreifen in das Leben des einzelnen Zügel
anzulegen? Im Gegenteil, man ist heute bereit, dem Staate alle Gebiete des gesellschaftlichen
und individuellen Lebens rücksichtslos preiszugeben und erblickt, wie Cunow, in dieser
ununterbrochenen Erweiterung der staatlichen Wirkungssphäre eine Manifestation der
gesellschaftlichen Demokratisierung. So ebnet man dem Staatskapitalismus alle Wege und
glaubt dabei im Interesse des Sozialismus zu handeln, während man ihn in Wirklichkeit
erdrosselt. Die ganze geistige Einstellung unserer modernen Arbeiterparteien arbeitet auf
diese Weise der sozialen Reaktion bewußt oder unbewußt in die Hände und verlängert nur die
Periode der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Bedrückung.
Anarchisten und revolutionäre Syndikalisten sind heute die einzigen, welche die Ausschaltung
des Staates aus dem gesellschaftlichen Leben als eine Vorbedingung für die Verwirklichung
des Sozialismus verkünden und die Erbschaft des freiheitlichen Flügels der alten
Internationale getreulich wahren. Um so größer ist die Verantwortlichkeit, die auf ihnen lastet.
Denn der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein.
Syndikalismus und Staat

Eine sozialistische Wirtschaftsordnung, in welcher die gesamte Verwaltung der


gesellschaftlichen Produktion und Verteilung in den Händen des werktätigen Volkes liegt,
kann sich niemals innerhalb der starren Grenzen eines politischen Zwangsapparates
durchsetzen, sie muß ihre natürliche politische Ergänzung vielmehr direkt in den Betrieben, in
den verschiedenen Zweigen der industriellen und landwirtschaftlichen Berufe haben und
findet im Rätesystem ihren vollendeten Ausdruck. Jedoch muß jede äußere Macht über den
Räten und jede Beherrschung und Bevormundung derselben durch politische Parteien oder
durch bestimmte Gruppen sozialistischer Berufspolitiker von vornherein ausgeschaltet
werden, wenn die gesellschaftliche Reorganisation nicht vom ersten Schritte an gestört und
auf staatskapitalistische Abwege geraten soll.

Die Behauptung der sozialistischen Parteipolitiker der verschiedensten Schulen und


Richtungen, dass die Eroberung und Beibehaltung der Staatsmaschine wenigstens für die Zeit
des "Überganges" unumgänglich sei, beruht auf vollständig falschen Voraussetzungen und
rein bürgerlichen Ideengängen. Die Geschichte kennt in diesem Sinne keine
"Übergangsperioden", sondern lediglich primitivere oder höhere Formen der
gesellschaftlichen Entwicklung. Jede neue Gesellschaftsordnung ist in ihren ursprünglichen
Ausdrucksformen naturgemäß primitiv und unvollendet. Nichtsdestoweniger aber müssen die
Anlagen ihrer ganzen zukünftigen Entwicklung schon in allen ihren späteren
Entfaltungsmöglichkeiten in jeder ihrer neugeschaffenen Institutionen gegeben sein, ebenso
wie in einem Embryo bereits das ganze Tier oder die ganze Pflanze vorhanden sind.

Jeder Versuch einer neuen Ordnung der Dinge wesentliche Bestandteile eines alten, in sich
überlebten Systems einverleiben zu wollen, hat bisher stets zu denselben Ergebnissen geführt:
entweder wurden solche Versuche von der neuen Entwicklung der sozialen
Lebenserscheinungen bald im Anfang vereitelt, oder aber die zarten Keime des Neuen wurden
von den starren Formen des Gewesenen so stark eingeengt und in ihrer natürlichen Entfaltung
gehemmt, bis ihre innere Lebensfähigkeit allmählich abstarb und zugrunde gehen musste.

Die Befürworter des revolutionären Syndikalismus verwerfen daher prinzipiell den


Standpunkt der verschiedenen sozialistischen Parteien, dass man in Zeiten gesellschaftlicher
Umwälzungen den gesamten Staatsapparat mit allen seinen verhängnisvollen und geistlosen
Funktionen zur Verteidigung der Revolution beibehalten müsse. Sie erblicken vielmehr in
jedem Versuch dieser Art die größte Gefahr für den endgültigen Sieg und Erfolg der
Revolution und die unvermeidliche Basis für das Emporkommen eines neuen
Unterdrückungssystems. Die revolutionären Syndikalisten sind der Ansicht, dass zusammen
mit dem Monopol des Besitzes auch das Monopol der Macht verschwinden muß. Aus diesem
Grunde erstreben sie keineswegs die Eroberung des Staates, sondern dessen vollständige
Ausschaltung auf allen Gebieten des menschlichen Zusammenlebens und sehen in dieser eine
der wesentlichen Vorbedingungen für die Verwirklichung des Sozialismus. Der revolutionäre
Syndikalismus ist daher seinem ganzen Wesen nach antistaatlich und ausgesprochener Gegner
jeder Herrschaftseinrichtung, unter welch neuer Maske sie sich immer verbergen möge.

Aus diesem Grunde bekämpfen die revolutionären Syndikalisten auch den trügerischen Wahn
der sogenannten "Diktatur des Proletariats", der heute weite Kreise der Arbeiterschaft in
seinen Bann geschlagen hat. Sie erblicken in diesen Bestrebungen nur eine neue Gefahr für
die Befreiung der Arbeiterklasse, die letzten Endes, wie uns das russische Beispiel gezeigt
hat, zu einer Diktatur bestimmter Parteien über das Proletariat führen muß. Der ganze
Diktaturgedanke ist nicht bloß ein Erbteil der alten rein bürgerlichen Auffassungen des
Jakobinertums, er ist auch der schlimmste Feind jeder revolutionären Entwicklung, indem er
die schöpferischen Bestrebungen der Massen, welche für den Erfolg einer Revolution die
erste Vorbedingungen sind, in die starren Formen einer toten Schablone hineinzupressen
versucht und sie dadurch im Keime erstickt. Das konnten wir am besten in Russland
beobachten, wo die Diktatur der bolschewistischen Partei die Revolution in keiner Weise
gefördert, sondern sie buchstäblich paralysiert und getötet hat. Aus diesem Grunde ist die
Diktatur bisher das Ideal aller Reaktionäre gewesen und wird auch in den Händen sogenannter
Revolutionäre stets ein Mittel bleiben, einer neuen Reaktion die Wege zu ebnen.

Wenn die revolutionären Syndikalisten nun auch der Meinung sind, dass der Staat in allen
seinen verschiedenen Formen und Gestaltung im Grunde genommen nie etwas anderes
gewesen ist, noch sein kann, als der politische Machtapparat der weiland besitzenden Klassen,
so meint das durchaus nicht, dass sie den verschiednen Formen des politischen Lebens keine
Bedeutung beimessen oder dieselben als nebensächlich betrachten. Ebenso wie sie in der
Verbesserung der materiellen Lebenslage einen wichtigen Teil ihrer Betätigung erblicken, so
sind sie stets darauf bedacht, sich die denkbar größte politische Bewegungsfreiheit innerhalb
des heutigen Systems zu erkämpfen oder bestehende Rechte und Freiheiten gegen die
Angriffe der Reaktion zu verteidigen.

Wenn in den meisten modernen Staaten die Arbeiter sich gewisser Möglichkeiten für die
Anführung ihrer Propaganda und ihrer täglichen Kämpfe gegen das Unternehmertum
erfreuen, so ist dies nicht deshalb, weil der Staat seinen ursprünglichen Charakter geändert
hat, sondern weil die verschiedenen Regierungen, die im Laufe der Zeit einander ablösten,
gezwungen waren, gewissen Forderungen der Masse Rechnung zu tragen. Sogar der
parlamentarische Staat hat bestimmte politische Freiheiten, wie z.B. das Koalitionsrecht, das
Streikrecht, die Versammlungsfreiheit usw. nicht freiwillig gegeben, sondern dieselben
wurden ihm durch zahllose revolutionäre Kämpfe abgezwungen und durch schwere Opfer des
Volkes erkauft.

Diese Errungenschaften gleichgültig preisgeben, hieße die Ergebnisse aller revolutionären


Kämpfe der Vergangenheit preisgeben und die Geschäfte der Reaktion besorgen. Indem die
Syndikalisten Tag für Tag den Kampf mit dem Unternehmertum für die Bessergestaltung der
proletarischen Lebenslage führen, vergessen sie keinen Moment, dass alle diese Kämpfe
letzten Endes darauf hinzielen müssen, der Lohnsklaverei ein Ende zu machen und die
Gesellschaft auf der Basis des freiheitlichen Sozialismus neu aufzubauen. Und indem sie stets
darauf bedacht sind, den Regierungen größere politische Bewegungsfreiheit und
Möglichkeiten für ihre Propaganda abzutrotzen, verhehlen sie sich keineswegs, dass diese
beständigen Kämpfe gegen den politischen Duck der Regierungen nur Etappen sind auf dem
Wege, den Staat immer mehr aus seinen gegenwärtigen Positionen zu verdrängen, um ihn
endlich aus allen Zweigen des wirtschaftlichen politischen und sozialen Lebens
auszuschalten.
Wir und die Marxisten

Die Syndikalisten sind der Meinung, daß der Sozialismus, abgesehen von seiner Bedeutung
als allgemeiner Kulturfaktor, in erster Linie eine wirtschaftliche Frage ist. Aus diesem Grunde
sehen sie in der wirtschaftlichen Organisation der Arbeiterklasse das wichtigste Instrument
zur sozialen Befreiung. Für den Syndikalismus ist die Gewerkschaft nicht eine einfache
Körperschaft zur Verteidigung lokaler Fachinteressen, sondern eine von sozialistischem
Geiste getragene revolutionäre Klassenorganisation, die durch die Ausübung einer
praktischen und natürlichen Solidarität jedem wirtschaftlichen Kampfe einen sozialen
Charakter zu geben sucht. Der Syndikalismus ist sich vollständig klar über die gewaltige
Bedeutung der ökonomischen Verhältnisse in der geschichtlichen Entwicklung, aber lehnt es
ab, in den Menschen lediglich willenlose Organe des jeweiligen Produktionsprozesses zu
sehen und auf diese Art die ökonomische Entwicklung zur Grundlage eines
pseudowissenschaftlichen Fatalismus zu machen, der ebenso lähmend auf das Handeln der
Menschen einwirken muß, wie jeder religiöse Fatalismus. Aus diesem Grunde teilt der
Syndikalismus auch nicht den unbegründeten Glauben, daß der Kapitalismus
notwendigerweise zum Sozialismus führen muß, er geht vielmehr von dem Grundsatz aus,
daß die Verwirklichung des Sozialismus in erster Linie von dem bewußten Willen und der
revolutionären Tatkraft der Arbeitermassen abhängig ist. Der Syndikalismus ist auch weit
davon entfernt, in der Teilung der Arbeit und der Zentralisation der Industrie die
geschichtliche notwendige Vorbedingung zur Verwirklichung des Sozialismus zu erblicken,
vielmehr sieht er in diesen Erscheinungen lediglich Vorbedingungen des kapitalistischen
Ausbeutungssystems, die gerade im Interesse des Sozialismus mit aller Energie bekämpft
werden müssen.

Indem der Syndikalismus im revolutionären Wollen der Menschen einen notwendigen und
ausschlaggebenden Faktor jeder Entwicklung zum Sozialismus erblickt, versucht er mit allen
Möglichkeiten, die Arbeiter zur revolutionären Tätigkeit zu erziehen und ihren täglichen
Kämpfen und Handlungen den W i l l e n z u m S o z i a l i s m u s (Hervorhebung im
Original, Anm. d. Tippers) aufzuprägen. Gerade aus diesem Grunde verwirft er die
Organisation der Arbeiter zur politischen Partei und sieht in der sozialistischen Gewerkschaft
den geeignetsten Sammelpunkt zur Entfaltung des revolutionären Massenkampfes. Für den
Syndikalist ist die Gewerkschaft nicht eine Art Provisorium, das nur innerhalb der
kapitalistischen Gesellschaft seine Existenzberechtigung findet, sie ist ihm vielmehr die
notwendige Grundlage zum Werdegang der sozialistischen Gesellschaft, die Zelle, aus der
sich Sozialismus entwickeln soll.

Der Syndikalismus teilt nicht den alten Aberglauben in die Macht der Staatsdekrete, den der
Marxismus als Erbschaft von der bürgerlichen Demokratie und Revolution übernommen hat.
Die Sozialisierung läßt sich nur durchführen durch die Arbeiter der verschiedenen
Produktionszweige, so daß jeder einzelne Zweig die Organisation und Verwaltung seines
Betriebes übernimmt. Sogar der beste und weiseste ‘sozialistische Übergangsstaat’ wäre
unmöglich imstande, auch nur annähernd die intimen Fachkenntnisse zu entwickeln, über die
die Arbeiter der einzelnen Betriebe verfügen und die unumgänglich nötig sind, um das große
Werk der sozialistischen Umbildung erfolgreich zu gestalten. Eine solche Art der
Sozialisierung durch die direkte, revolutionäre Aktion der bewaffneten Massen in jeder Stadt,
in jedem Dorf würde ohne Zweifel viel eher imstande sein, jeden Gegendruck der
kapitalistischen Reaktion niederzuhalten, wie die Unterdrückung der feindlichen Presse und
anderer Maßregeln einer sozialistischen Regierung, die nur allzu leicht sich in ein Werkzeug
einer bestimmten machthungrigen Clique verwandeln könnte. Indem die revolutionären
Gewerkschaften das Werk der Sozialisierung sofort praktisch in Angriff nehmen würden,
wäre dem Kapitalismus so wie so der Giftzahn ausgebrochen, denn seine ganze
Widerstandskraft ist doch lediglich das Resultat seiner ökonomischen Macht.

Daß die Syndikalisten sich damit begnügen würden, den Arbeitern einfach die
Produktionsmittel, den Grund und Boden zu übergeben und damit ihre Aufgabe als erledigt
ansehen würden, ist eine so tolle Behauptung, daß man nur darüber lächeln kann. Die
Syndikalisten wollen ebenfalls die Produktionsmittel usw. in den Dienst der Allgemeinheit
stellen, aber das ist nur möglich, wenn die Produktionsgruppen in den einzelnen Kommunen
die Verwaltung und Verantwortlichkeit für die Maschinen, Werkzeuge usw. an Ort und Stelle
übernehmen. Und da die Menschen einer sozialistischen Gesellschaft durch dieselben
gemeinschaftlichen Interessen und sozialen Bedürfnisse vereinigt sind, so ist jede einseitige
Betonung lokaler Sonderinteressen zum Schaden der Allgemeinheit schlechterdings
ausgeschlossen, da jede Produktionsgruppe und Kommune mit allen übrigen föderativ
verbunden ist. Ein tolles Draufloswirtschaften der einzelnen Genossenschaften ‘gleichgültig
auf die vorhandenen Rohstoffe’ etc., wie der ‘Kommunist’ (Organ der KPD-Bremen, Anm. D.
Tippers) befürchtet, wäre vielleicht in einer Gesellschaft von Irrsinnigen möglich, nie und
nimmer aber in einer föderativen Gemeinschaft vernünftiger Menschen, die durch dieselben
sozialen Interessen verbunden sind.

Daß aber auch die Syndikalisten vollständig begreifen, ‘daß die gesamte Produktion vorerst
auf Bedarfswirtschaft eingestellt werden muß’ und deshalb die schulmeisterliche Belehrung
des ‘Kommunist’ durchaus entbehren können, dafür folgendes Beispiel: Als vor ungefähr
zwölf Jahren die ‘Voix du Peuple’, das offizielle Organ der französischen Arbeiterföderation
an jedes einzelne Syndikat die Frage stellte, wie sich seine Mitglieder die sozialistische
Reorganisation ihres Berufs nach einer siegreichen Revolution vorstellten, da waren es die
Luxusarbeiter, die sofort erklärten, daß sie in diesem Falle anderen Berufen beitreten würden,
da die Produktion in der ersten Zeit nur auf die Bedarfswirtschaft eingestellt werden müsse.

Aber die sonderbare Furcht unserer Marxisten den syndikalistischen Produktionsgruppen der
Zukunft gegenüber, läßt sich einfach erklären durch ihre prinzipielle Abneigung gegen jeden
Föderalismus. Wie jede große wirkliche Volksbewegung ist auch der Syndikalismus seinem
Wesen nach föderalistisch, weil der Föderalismus eben die einzige Organisationsform ist, die
den Individuellen und kollektiven Entwicklungsfähigkeiten Spielraum gibt, und so das
gesellschaftliche Leben vor innerer Erstarrung und geistiger Stagnation behütet. Der
Marxismus aber, der in seinem ganzen Wesen nur die bis auf die Spitze getriebene
Zentralisationsidee des modernen Staates verkörpert, muß logischerweise dem Föderalismus
feindlich gegenüberstehen, da ihm jeder wahrhaft freiheitliche Sinn abgeht. Die öde
Beamtenhierarchie, die er überall in seinen politischen und gewerkschaftlichen
Organisationen entwickelt hat, ist das unvermeidliche Produkt seiner zentralistischen und
freiheitsfeindlichen Dogmatik.

Hie Sozialismus! - Hie Staatskapitalismus!


Hie Föderalismus! - Hie Zentralismus!

Das sind die Devisen, unter denen sich die nächsten Kämpfe der Zukunft abspielen werden.
Krieg und Wirtschaft

Ich sagte in einem früheren Artikel, daß wir in eine neue Ära eingetreten sind, die ebenso
bedeutsam, ja, aller Wahrscheinlichkeit nach noch von weit größerer Entscheidung für die
Zukunft der Menschheit sein dürfte als das Zeitalter, das durch die sogenannte Industrielle
Revolution eingeleitet wurde. Zwei Weltkriege, und ihre unheilvollen Ergebnisse haben uns
in eine Lage versetzt, die nur durch eine Umgestaltung unserer gesamten Lebensbedingungen
zu beheben ist. Je gründlicher wir uns mit diesem Gedanken vertraut machen, desto früher
wird es uns gelingen, dem allgemeinen Chaos zu entrinnen, in das wir hineingeraten sind.
Eine gesellschaftliche Periode von über zweihundert Jahren hat ihren historischen Abschluß
gefunden und die Aufgabe, vor der wir heute stehen, wird nicht nur die ganze Tatkraft und
Intelligenz unserer heutigen Generation, sondern auch vieler kommenden Geschlechter in
Anspruch nehmen. In den Ländern Europas und großer Teile Asiens wird die Notwendigkeit
dieser Aufgabe einen dringlicheren Charakter annehmen als in anderen, die von den
unmittelbaren Ergebnissen des vergangenen Weltkrieges weniger betroffen wurden und auch
heute noch über riesige Gebiete und viele natürliche Reichtümer verfügen wie die großen
Länder des amerikanischen Kontinents und Australiens, die noch nicht übervölkert sind und
infolgedessen noch bessere wirtschaftliche Möglichkeiten besitzen. Doch sogar in diesen von
der Natur und der gesellschaftlichen Entwicklung begünstigten Ländern werden sich
dieselben Notwendigkeiten früher oder später immer stärker bemerkbar machen, was umso
früher geschehen wird, falls es nicht gelingen sollte, in absehbarer Zeit eine Entspannung der
allgemeinen politischen Lage herbeizuführen, die heute das größte Hindernis ist, das in allen
Ländern einer Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens entgegenwirkt.

Vor allem spielt hier die Gefahr eines neuen Weltkrieges die Hauptrolle, die seit dem Ende
der vergangenen Weltkatastrophe bis heute nie verschwunden ist und, schon rein
psychologisch betrachtet, den schlimmsten Einfluß haben muß, da sie jede gegenseitige
Verständigung aussichtslos macht. Sollte aber wirklich ein neuer Weltbrand einsetzen, so
wäre dies das Schlimmste, was uns heute begegnen könnte, da er zu Zuständen führen müßte,
deren Tragweite überhaupt nicht zu ermessen sind, umsoweniger, als eine völlig zerstörte
Welt das unvermeidliche Ergebnis sein würde. Eine völlige Umgestaltung unserer sozialen
und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse ist schon deshalb keine leichte Aufgabe, weil sie auf
einer ganz neuen Basis durchgeführt werden müßte und unter ganz neuen Bedingungen, die
man früher kaum in Betracht gezogen hatte.

Diejenigen Länder, die ihren riesigen Kolonialbesitz bereits verloren haben oder auf dem
Wege dazu sind, aber auch jene Großstaaten, die über wenige oder gar keine Kolonien
verfügten, dafür aber über große militärische und politische Druckmittel, die ihnen die
Möglichkeit gaben, kleinere Völker in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu beeinträchtigen,
um sie für ihre eigenen kommerziellen und industriellen Vorteile zu gebrauchen, müssen
heute lernen, auf eigenen Füßen zu stehen und ihre Wirtschaft so zu ordnen, daß ihre
Ertragsfähigkeit mit der Zahl ihrer Bevölkerung in ein erträgliches Verhältnis kommt. Dabei
aber kommt es besonders auf die Mittel an, die ihnen für einen neuen Aufbau zur Verfügung
stehen, da sich mit leeren Händen nicht viel anfangen läßt. . . Jeder Krieg aber, der einer
gesellschaftlichen Neugestaltung vorausgeht, erschwert diese Aufgabe, da er nur
Trümmerfelder, eine bankrotte Wirtschaft und moralischen Tiefstand zurückläßt, Dinge, die
am wenigsten geeignet sind, den sozialen Aufbau zu begünstigen. Wenn man versucht, sich
Rechnung darüber abzulegen, welch ungeheuerliche Summen an Rohstoffen und
menschlichen Arbeitserzeugnissen die vergangenen beiden Weltkriege nutzlos verschlungen
haben, so begreift man erst richtig den ganzen Wahnwitz einer sozialen Ordnung, unter deren
Herrschaft eine Generation stets zerstört, was die andere aufgebaut hat. Wenn die Menschen
wirklich etwas aus ihrer Geschichte gelernt hätten, so hätten sie längst begreifen müssen, daß
ein System, das nicht imstande war, solch ungeheure Katastrophen zu verhindern, jede
Existenzberechtigung verloren hat.

Jede Wirtschaft, auch wenn sie in der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ihre Basis hat,
schafft in normalen Zeiten eine Menge Dinge, die sowohl für das Einzelwesen als auch für die
Gesellschaft als ganzes unentbehrlich sind und beider zum Vorteil gereichen. Auch die
heutige Wirtschaftsordnung macht von dieser Regel keine Ausnahme. Man hat das heutige
System unlogischerweise als Kapitalismus bezeichnet und dieser Namen ist ihm verblieben,
wie dies so häufig mit falschen Wortbildungen geschieht. In der Wirklichkeit ist jede
menschliche Arbeitsbetätigung, welche Formen sie immer annimmt, auf Kapital angewiesen
und könnte ohne solches überhaupt nicht bestehen. Als Kapital sind alle natürlichen
Reichtümer eines Landes zu bewerten wie Erze, Minerale, Öl, Kohle, der Grund und Boden
und seine mannigfachen Bestandteile über und unter der Oberfläche und alle Erzeugnisse
menschlicher Arbeit, die ja nichts anders als eine künstliche Umformung der Naturprodukte
für bestimmte menschliche Zwecke sind.

Der Wesenskern der heutigen Gesellschaftsform ist nicht der Besitz des Kapitals, sondern
seine Monopolisierung durch privilegierte Minderheiten auf die Kosten breiter Volksmassen,
die durch diesen Zustand der Dinge in wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit geraten und
jedes Bestimmungsrecht über den Gebrauch ihrer Arbeitserzeugnisse verlieren. Es ist dieser
Zustand, gegen den der Sozialismus ankämpft, der ja vornehmlich die Monopolisierung des
Kapitals verwirft und eine gerechte Verteilung der Arbeitserzeugnisse anstrebt, was nur durch
die Beseitigung der Profitwirtschaft möglich ist und ihre Ersetzung durch einen Zustand, wo
alle Ergebnisse wirtschaftlicher Betätigung der Gesellschaft als Ganzes, das heißt jedem ihrer
Mitglieder in gleicher Weise zugute kommen. Es ist der Monopolismus der Wirtschaft, der
überwunden werden muß, wobei es ganz gleichgültig ist, ob es sich um Privatmonopole oder
Monopole des Staates handelt. In der Wirklichkeit ist der sogenannte Staatskapitalismus ein
noch viel größeres Hindernis für eine natürliche Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens,
da er alle Unzulänglichkeiten und Gebrechen des Privatkapitalismus auf die Spitze treibt und
ihre Beseitigung schwieriger macht, wie wir dies heute in Rußland und allen anderen
Ländern, die seiner Obhut unterstehen, so deutlich beobachten können. Doch von welcher
Seite man die Sache immer betrachten mag, so bleibt die Tatsache bestehen, daß jede
Wirtschaft, auch die kapitalistische, in normalen Zeiten eine Menge von Dingen hervorbringt,
welche die Erhaltung der Gesellschaft gewährleisten und ihr daher unbedingt von Nutzen
sind. Jedes Haus, das gebaut wird, jede Verbesserung der Transport- und Verkehrsmittel,
nicht zu reden von den zahllosen Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens,
repräsentieren ein angelegtes Kapital, das der Gesellschaft zu Nutzen kommt und ihre
Existenzbedingungen fördert. Das Kapital aber, das in Kriegszeiten und für Kriegszwecke
angelegt wird, dient lediglich den Zwecken der Zerstörung. Je größeren Umfang der Krieg
annimmt, je länger er dauert, desto ungeheuerlicher sind die Summen an natürlichen
Rohstoffen und menschlichen Arbeitsprodukten, die er nutzlos verschlingt. Das Kapital, das
für den Krieg angelegt wird, schafft keine neuen Werte, sondern zerstört oft in wenigen
Monaten unschätzbare Werte, deren Herstellung häufig die Arbeit vieler Generationen
erforderte. Die vergangenen beiden Weltkriege haben uns in dieser Hinsicht einen
Anschauungsunterricht gegeben, der unmißverständlich ist. Daß man dies bis heute noch nicht
begriffen hat, macht der menschlichen Intelligenz keine Ehre und zeigt, daß das bekannte
Wort des schwedischen Kanzlers Oxenstierna "Du begreifst nicht, mein Sohn, mit wie viel
Unvernunft die Welt regiert wird", seine Gültigkeit noch immer nicht verloren hat. Ich habe in
einem früheren Artikel davon gesprochen, daß der blinde Glaube an die unbegrenzte
Ertragsfähigkeit der Erde nur eine Illusion war, die längst widerlegt wurde. Doch dieses gilt
nicht bloß für die Erträgnisse der Landwirtschaft, sondern auch für die Rohstoffe der Erde,
von denen viele nur in beschränkten Mengen vorhanden sind und häufig nur in bestimmten
Teilen der Erde gefunden werden. In keiner Zeit aber werden lebenswichtige Rohstoffe so
sinnlos und in einer geradezu empörenden Weise verschwendet wie gerade in Perioden des
Krieges. Ungeheure Ölvorräte, die kommenden Generationen als Betriebsstoff hätten dienen
können, wurden während der vergangenen beiden Weltkriege dem Werk der Zerstörung
geopfert und können nicht mehr ersetzt werden, da sich die Ölquellen ebenso erschöpfen wie
die Kohlenvorkommen. Ungeheure Mengen wertvoller Metalle und Minerale wurden
zwecklos vergeudet und einer nützlichen Verwendung entzogen. Riesige Waldungen wurden
gefällt, um den Zwecken des Krieges zu dienen und häufig, ohne daß man für neue
Anpflanzungen Sorge tragen konnte. Solche frevelhaften Verwüstungen der Natur aber führen
nicht selten zu einer Veränderung des Klimas und vermindern die Ertragsfähigkeit weiter
Landflächen.

Man tröstet sich häufig mit dem Gedanken, daß durch die Verwendung atomischer Kräfte
eine Erschöpfung der heutigen Betriebsstoffe leicht ausgeglichen werden könnte, was auch
sehr wahrscheinlich ist. Doch darf man dabei nie außer acht lassen, daß diese neu entdeckten
Kräfte vorläufig nur den Zwecken der Zerstörung dienstbar gemacht werden. Wir wissen
zwar, welch ungeheure Verwüstungen sie verursachen können, doch über ihre praktischen
Anwendungsmöglichkeiten in der Industrie, Landwirtschaft und auf vielen anderen Gebieten
menschlicher Betätigung wissen wir noch immer sehr wenig und sind fast nur auf
Vermutungen angewiesen, die erst durch eine lange Reihe von Experimenten und praktischen
Erfahrungen erprobt werden müssen. Vorläufig aber können wir nur mit dem rechnen, was
uns heute wirklich zur Verfügung steht. Die phantastische Verwüstung kostbarer Rohstoffe
und materieller Reichtümer, die uns nach zwei Weltkriegen als Erbschaft verblieben ist, ist
ohne Zweifel ein gewaltiges Hindernis, um die Aufgaben zu erfüllen, die uns durch die große
Wandlung der allgemeinen Weltlage gestellt wurden und von deren Lösung die nächste
Zukunft der Menschheit abhängig ist. Das größte Hindernis aber, dem wir heute begegnen, ist
die heillose geistige Verwirrung, in die wir geraten sind und die durch den blinden Fanatismus
der Parteien und die blöden Schlagworte der Machtpolitiker aller Gattungen fortgesetzt
genährt und vergrößert wird. Nur ganz wenige begreifen heute die ganze Tragweite der
Situation, in der wir uns befinden und daß wir an einem Wendepunkt der Geschichte
angelangt sind, von dem es kein Zurück gibt. Wir müssen uns mit den Verhältnissen abfinden,
die durch menschliche Blindheit verursacht wurden und Wege finden, die zu einem neuen
Aufstieg führen können. Jedes Vorschreiten auf den ausgetretenen Pfaden der Vergangenheit
kann nur das Verhängnis vergrößern, das uns heute von allen Seiten bedroht. Wir begreifen
heute immer mehr, daß die Menschen des Zeitalters der Industrialisierung seine Bedeutung
völlig verkannt haben und zu Schlüssen gelangten, die nicht wenig zur Entwicklung der
heutigen Lage beigetragen haben. Sogar die schlimmste Tyrannei beruht nicht ausschließlich
auf physischer Gewalt und ist gezwungen durch bestimmte ideologische Vorstellungen den
Menschen den Glauben zu vermitteln, daß ein gegebener sozialer Zustand in der Natur der
Dinge begründet ist und nicht geändert werden kann. Je besser ihr dies gelingt, desto
gesicherter ist ihre Existenz. Solche Vorstellungen, die stets auf halben Wahrheiten beruhen,
die immer gefährlicher als bewußte Lügen sind, haben in der Regel einen stärkeren Einfluß
auf das Denken der Menschen als die wirklichen Zustände, aus denen sie geboren wurden.
Das zeigte am besten die Lehre des Pfarrers Robert Malthus, die Jahrzehntelang einen
unheimlichen Einfluß auf das geistige Leben seiner Zeitgenossen ausübte. Daß Malthus die
Bevölkerungsfrage in das Bereich seiner sozialen Betrachtungen gezogen hatte, war ein
Verdienst, das ihm niemand bestreiten wird; allein die Schlüsse, die er daraus zog, waren
sicherlich die größte geistige Verirrung, zu der ein Mensch gelangen konnte. Im Lager der
Physiokraten und Sozialisten hat man diese Vorstellungen dann auch nie geteilt und suchte
nach Mitteln und Wegen, um einer Gefahr vorzubeugen, die richtig erkannt war. Malthus aber
wußte mit seiner Erkenntnis nichts besseres anzufangen, als die schreiendsten Mißstände des
industriellen Zeitalters zu rechtfertigen und als unumgänglich zu verteidigen. Was er den
Menschen zu sagen hatte, war, daß der Tisch des Lebens nicht für alle gedeckt wurde und die
Überzähligen von der Vorsehung verdammt waren, im Elend zu verkommen oder durch Krieg
und Seuchen hinweggerafft zu werden. Spätere Biographen von Malthus haben ihn als
Menschen von großer Herzensgüte geschildert. Vielleicht ist das richtig, denn das
menschliche Denken erzeugt ja sehr oft recht sonderbare Mißgeburten. Das ändert jedoch
nichts an der Tatsache, daß seine Lehre des menschenfeindlichste Gebilde war, das je erdacht
wurde. Seine berüchtigten Worte: "Steh' auf und geh' in den Tod, denn Du gehörst zu den
Überzähligen, für die kein Platz gedeckt ist", können wohl kaum anders verstanden werden.
Malthus war durch das lichtvolle Werk William Godwin's Politische Gerechtigkeit zur
Abfassung seiner Arbeit über die Bevölkerungsfrage veranlaßt worden und versuchte dort den
Beweis zu erbringen, daß, wenn sogar eine denkbar vollkommene Gesellschaft im Sinne
Godwin's möglich wäre, diese im Laufe weniger Generationen wieder in den alten Zustand
zurückgeworfen würde und zwar auf Grund des ungleichen Verhältnisses zwischen einer stets
zunehmenden Bevölkerung und ihren Ernährungsmöglichkeiten. Dieses Verhältnis war für
ihn ein Naturgesetz, das durch keine menschliche Einsicht geändert werden konnte. Ein
Beweis, daß Malthus das Wesen der menschlichen Kultur überhaupt nicht begriffen hatte, die
ja nichts anders ist, als ein bewußtes Eingreifen des menschlichen Denkens in das Walten der
Naturkräfte und der Versuch, diese Kräfte seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen.

Der Einfluß des Malthusianismus machte sich sogar in dem damaligen mächtigen
Aufschwung der Naturwissenschaften stark bemerkbar und Darwin mußte später selber
zugeben, daß er bei der ersten Formulierung der Theorie vom Kampf ums Dasein und dem
Überleben der Fähigsten von der Lehre Malthus' beeinflußt wurde. Demselben Einfluß
unterlagen auch die Begründer des Sozialen Darwinismus, die ein mißverstandenes
Naturgesetz unbedenklich auf das gesellschaftliche Leben der Menschen übertrugen und
dabei zu den schlimmsten Fehlschlüssen gelangen mußten. Werden die Menschen von heute
den großen Wendepunkt in ihrer Geschichte besser deuten lernen? Von der richtigen
Erkenntnis unserer heutigen Lage wird alles abhängen. Sie wird entscheiden müssen, ob wir
zu einem neuen Beginnen das nötige Verständnis besitzen oder ob die düstere Prophezeihung
des griechischen Weisen doch in Erfüllung gehen sollte: "Der Mensch will den Göttern gleich
werden und sein Ehrgeiz wird ihm helfen, dieses Ziel zu erreichen, aber nur, um den
Selbstmord seiner Rasse zu besiegeln."
Staat und Krieg

Sozialisten der verschiedensten Richtungen haben sich längst daran gewöhnt, die
kapitalistische Wirtschaft für alle Sünden und Gebrechen der heutigen Gesellschaftsordnung
verantwortlich zu machen und in ihr die eigentliche Ursache aller Kriege zu erblicken, die seit
Jahrhunderten das soziale Leben der Völker schwer erschüttert und periodisch aus dem
Gleichgewicht gebracht haben. Diese Auffassung verdankt ihren Ursprung vornehmlich dem
Glauben, alle gesellschaftlichen Übel auf dieselbe Ursache zurückführen zu müssen, der das
Denken der Menschen dazu verleitete, nach einem bestimmten Universalmittel Ausschau zu
halten, von dem man sich die völlige Beseitigung aller sozialen Mißstände versprach.
Nachdem man sich unter dem Einfluß der marxistischen Lehre mit dem Gedanken vertraut
gemacht hatte, in den jeweiligen Produktionsverhältnissen die treibende Kraft aller politischen
und ideologischen Veränderungen in der Struktur der Gesellschaft entdeckt zu haben, ergaben
sich alle weitere Folgerungen ganz von selbst.

Wie die Bourgeoisie als Klasse das feudale - Wirtschaftssystem der Aristokratie verdrängt
und durch die kapitalistische Wirtschaft ersetzt hatte, so wurde nunmehr dem Proletariat die
historische Mission zugeschrieben, den Kapitalismus durch den Sozialismus abzulösen. Als
notwendiges Übergangsstadium für diese große gesellschaftliche Wandlung betrachtete man
die sogenannte Diktatur des Proletariats, der man die Aufgabe zudachte, die
Klassenunterschiede zu beseitigen und nach getaner Arbeit pflichtgetreu abzudanken, damit
sich die klassenlose sozialistische Gesellschaft als Assoziation der Produzenten frei entfalten
könnte wie der Vogel Phönix aus der Asche. In der Theorie machte sich das alles auch sehr
einfach; die ganze Sache war ja so klar, daß man sie mit den Händen greifen konnte. Daß man
die neue Lehre anspruchsvoll als wissenschaftlichen Sozialismus ausgab, im Gegensatz zu
den Traumgebilden der sogenannten Utopisten, trug nicht wenig dazu bei, ihren Anhängern
jene kritiklose Sicherheit der Überzeugung einzuflössen, die sich über jedem Zweifel erhaben
fühlte und jede andere Meinung als kleinbürgerlich in Verruf brachte. Generalisierungen sind
immer ein bedenkliches Mittel, wenn es sich um die Begründung von Ideen handelt, da sie
sich fast immer auf Hypothesen stützen, die noch durch keine praktische Erfahrung erprobt
werden konnten. In sozialen Fragen aber sind sie doppelt gefährlich, besonders wenn man
bestimmten gesellschaftlichen Vorgängen einen gesetzmäßigen Verlauf beizulegen versucht,
für den im Voraus keine Beweise zu erbringen sind.

Heute, wenn wir mit Wirklichkeiten zu rechnen haben, die niemand in ihrem vollen Umfang
voraussehen konnte, begreifen wir das besser oder sollten es wenigstens besser begreifen,
wenn wir uns wirklich Mühe geben, die furchtbaren Erfahrungen der letzten Vergangenheit
nach ihren praktischen Ergebnissen zu beurteilen. Die oberflächliche Behauptung, daß der
Kapitalismus die Ursache aller Kriege sei, erscheint uns heute doch etwas zu einfach, um von
denkenden Menschen noch ernst genommen zu werden. Sie ist schon deshalb hinfällig, weil
der Krieg nicht nur eine Erscheinung des kapitalistischen Zeitalters ist, sondern in allen
Perioden der menschlichen Geschichte vorkam, als von einer kapitalistischen Wirtschaft noch
keine Rede sein konnte. Es gibt überhaupt keine Epoche der Geschichte, die den Krieg nicht
gekannt hätte, von den Feindseligkeiten halbwilder Völkerstämme um die besten Jagdgründe
oder Weideplätze, bis zu den endlosen Kriegen, die nach der Gründung der ersten
Staatsgebilde bis heute ihren Fortgang nahmen.

Seinen eigentlichen militärischen Charakter erhielt der Krieg erst mit der Entwicklung der
ersten Staaten, die durch die Einführung besonderer Armeen den Krieg erst zu einem Mittel
der Eroberung machten. In allen Zeiten der bekannten Geschichte wurde der Krieg von
Staaten sanktioniert, organisiert und ausgeführt. Seine unmittelbaren Ursachen waren sehr
verschieden, wie sie es noch heute sind, obgleich dabei immer machtpolitische Interessen den
Ausschlag gaben, was schon in den gegenseitigen Rivalitäten der verschiedenen Staaten
begründet war. In vielen Kriegen spielten religiöse Glaubensgegensätze eine eine wichtige
Rolle. Wie in den Kreuzzügen, in den jahrhundertelangen Fehden der islamitischen Staaten
mit der christlichen Welt, m den Hugenottenkriegen, dein Dreißigjährigen Krieg usw., die mit
besonderer Erbitterung geführt wurden wie alle Kämpfe, in denen es sich um religiöse
Streitfragen oder ideologische Gegensätze anderer Art, handelte, wie z. B. in den
Revolutionskriegen der verschiedensten Länder. Zahlreiche Kriege wurden durch dynastische
Interessen oder durch das Ringen einzelner Großstaaten um die Hegemonie über Europa
hervorgerufen. Dazu gehören der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich, der
Spanisch-Österreichische Erbfolgekrieg und alle späteren bewaffneten Konflikte auf dem
Kontinent von Napoleon bis Hitler.

Zweifellos haben in all diesen Kämpfen, die häufig ganze Landesteile in Wüsten
verwandelten, auch wirtschaftliche Fragen mitgespielt, da es sich ja in jedem Kriege um die
militärische und politische Unterwerfung des Gegners handelt und jede politische
Unterdrückung mit der wirtschaftlichen Ausbeutung des Besiegten verbunden ist. Es gibt
zwischen all diesen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens innere Zusammenhänge, die
keiner bestreiten wird, der sich ernstlich mit diesen Fragen beschäftigt. In den meisten Fällen
sind die verschiedenen Formen des historischen Geschehens so eng mit einander verwebt, daß
sie Überhaupt nicht zu trennen sind. Aus diesem Grunde ist jeder Versuch, in einem
bestimmten Faktor der sozialen Lebensäußerungen die eigentliche Triebfeder aller
geschichtlichen Vorgänge sehen zu wollen, ein ganz hoffnungsloses Unternehmen, das zu den
schlimmsten Trugschlüssen verleitet, wie gerade heute jeder erkennen muß, der aus den
Begebenheiten der jüngsten Geschichte überhaupt etwas gelernt hat.

Indem man der kapitalistischen Wirtschaftsordnung die ganze Verantwortung für alle sozialen
Unzulänglichkeiten, darunter auch die eigentliche Ursache für den Krieg aufbürdete, übersah
man fast vollständig, daß der moderne Kapitalismus sich erst in einer Zeit entwickelte, als
überall in Europa bereits eine ganze Reihe nationaler Großstaaten bestanden, an die sich die
neue Wirtschaft anpassen mußte. Daß die Produktionsverhältnisse, die, nebenbei gesagt, nur
einen Teil der Wirtschaft ausmachen, nicht allmächtig sind und nicht, wie Marx behauptete,
"die gesellschaftlichen Bewußtseinsformen" und "den sozialen, politischen und geistigen
Lebensprozeß überhaupt bestimmen", geht schon daraus hervor, daß der königliche
Absolutismus in Europa jede Entwicklungsmöglichkeit der Produktionsverhältnisse durch
seine unsinnigen Ordonnanzen und Reglementierungen jahrhundertelang verhindern konnte,
obgleich das gesellschaftliche Bewußtsein längst vorhanden war, daß unter jenem Regime
jede Verbesserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen ausgeschlossen war, wie dies aus
den Schriften der sogenannten Physiokratischen Schule deutlich genug hervorgeht. Erst nach
dem Sturz der absoluten Monarchie und den großen politischen Veränderungen, die das
Zeitalter der Revolutionen fast überall in Europa herbeiführte, konnte sich die neue
Wirtschaftsordnung erst richtig herausbilden.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem, das nicht wie das alte vornehmlich auf lokalen und
regionalen Bedarf eingestellt war, sondern auf Massenproduktion und daher auf den Import
von Rohstoffen für seine Industrien und auf den Export fertiger Waren für fremde Märkte,
war schon seiner Natur nach international, konnte aber trotzdem nicht den engen Rahmen des
nationalen Staates sprengen und war gezwungen, sich diesem einzufügen, umsomehr, als
seine Entwicklung von dem neuen Staat begünstigt wurde, der versuchte, es seinen
machtpolitischen Bestrebungen dienstbar zu machen wie jede Institution innerhalb seiner
Einflußsphäre. Wenn es auch wahr ist, daß die Träger der kapitalistischen Wirtschaft auf die
Gestaltung des modernen Vertretungsstaates einen starken Einfluß hatten, so bleibt es' doch
nicht weniger wahr, daß der neue Staat durch die Verleihung weit ausgedehnter Monopole der
kapitalistischen Wirtschaft erst richtig auf die Beine geholfen hat und als der eigentliche
Schöpfer aller Wirtschaftsmonopole betrachtet werden muß. Der Schacher mit Monopolen
begann bereits in der Vorperiode des eigentlichen Kapitalismus, in der Ära des sogenannten
Merkantilismus, und hat sich seitdem ununterbrochen fortgesetzt, bis er endlich heute in einer
ganzen Anzahl von Ländern in einen teilweisen und in Rußland mit seinen Satelliten in einen
totalitären Staatskapitalismus ausmündete.

Kein Wirtschaftssystem, wie verkehrt und ungerecht seine Grundlagen immer sein mögen, hat
am Kriege ein unmittelbares Interesse, schon deshalb nicht, weil die Wirtschaft ein viel zu
kompliziertes Gewebe ist, dem jeder gewaltsame Eingriff gefährlich werden muß, und das nur
in der Zeit des Friedens am besten gedeihen kann. Sogar der Umstand, daß manche Industrien
aus den Vorbereitungen zum Kriege und dem Krieg selbst große Profite ergattern, ändert
nichts an der Tatsache, daß der Krieg der Wirtschaft als Ganzes ungeheure Wunden schlägt,
die nur im Laufe langer Zeiträume allmählich geheilt werden können. Über die unheimliche
Rolle der sogenannten Rüstungsindustrien ist bereits sehr viel geschrieben worden, aber man
vergißt dabei allzu häufig, daß diese Unternehmungen in der Wirklichkeit nichts anders als
vom Staate sanktionierte Privatmonopole waren wie die Krupp-Werke in Deutschland, die
Schneider-Werke in Frankreich, die Skoda-Werke in der Tschechoslowakei, die Putiloff-
Werke in Rußland, die Armstrong-Werke in England und zahlreiche ähnliche
Unternehmungen in denselben und anderen Ländern. Sie wurden vom Staate begünstigt, weil
er sie zur Förderung seiner machtpolitischen Bestrebungen benötigte. So lange es sich um
kurze Kriege zwischen einzelnen Ländern handelte, waren die Auswirkungen nicht so
offensichtlich; heute aber, wo sich der kleinste Krieg zu einer Weltkatastrophe entwickeln
kann, wo auf beiden Seiten sich ganze Koalitionen von Staaten gegenüberstehen, kann sich
niemand mehr verhehlen, daß der Krieg der gefährlichste Feind der Wirtschaft ist. Wer sich
darüber bisher noch nicht klar war, dem mußten die schauerlichen Ergebnisse der
vergangenen beiden Weltkriege für die gesamte Weltwirtschaft eine Lehre erteilen, die nur
ein geistig Blinder mißverstehen kann.

Die ungeheuere Verwüstung ganzer Länder, die wahnsinnige Verschwendung kostbarer


Rohstoffe für die Zwecke sinnloser Zerstörung, die gewaltsame Vernichtung aller normalen
Handels- und Austauschbeziehungen zwischen den verschiedenen Ländern, die Tatsache, daß
in vielen Staaten große Schichten der Mittelklasse völlig ausgetilgt wurden durch die sozialen
Wirkungen des Krieges, das grenzenlose Elend, das er über ganze Erdteile gebracht hat, das
sich heute immer mehr zu einer gefährlichen Bedrohung der gesamten herrschenden
Wirtschaftsordnung auswächst, - das alles zeigt klar und deutlich, daß fortgesetzte
Katastrophen jede Wirtschaft in ein Chaos verwandeln und das gesellschaftliche Leben der -
Auflösung und offenen Barbarei ausliefern müssen. Wer nach all diesen Erfahrungen noch
immer behauptet, daß die kapitalistische Wirtschaft direkt am Kriege interessiert ist, der
behauptet damit, daß ihre Träger ein direktes Interesse daran besitzen, Selbstmord zu
begehen. Er vergißt, daß, abgesehen von den primitiven Gesellschaftsverbänden der Vorzeit,
alle Kriege durch die Machtpolitik der Staaten hervorgerufen wurden, einerlei ob es sich
dabei vornehmlich um politische, wirtschaftliche oder ideologische Ursachen handelte.
Natürlich wäre auch der Staat nie imstande gewesen, die Menschen für den Krieg zu
gewinnen, wenn es ihm nicht stets gelungen wäre, in allen Schichten der Bevölkerung
Anhänger für seine Pläne zu finden, die sich entweder durch falsche Vorspiegelungen betören
ließen oder aus eigenem Antrieb seinen Absichten entgegenkamen. Man kann daher auch
nicht mit gutem Gewissen behaupten, daß die Bourgeoisie als angeblicher Träger der
kapitalistischen Wirtschaft für den Krieg im allgemeinen oder auch nur für alle Kriege der
kapitalistischen Periode allein verantwortlich sei. Daß die Eroberungskriege der Mazedonier,
Perser und Römer oder die Raubzüge von Dschinghis-Khan, Tamerlan, Attila und die
endlosen Fehden zur Zeit der Völkerwanderung, die jahrhundertelang große Gebiete Europas
und Asiens mit Mord und Brand erfüllten, als Ergebnisse der jeweiligen Produktionsweise zu
erklären sind, glauben heute nur noch wenige; obgleich es auch hier nicht an Stimmen fehlte,
die jene Vorgänge als geschichtliche Notwendigkeiten bezeichneten, die durch die materiellen
Verhältnisse der Zeit bedingt waren. Mit derselben Logik könnte man von einer historischen
Mission des organisierten Gangstertums in Amerika sprechen, was auch nicht geistvoller
wäre.

Tatsache aber ist, daß sie in den vergangenen beiden Weltkriegen nicht nur die Bourgeoisie,
sondern auf beiden Seiten Menschen aller Gesellschaftsschichten für den Krieg einsetzten,
darunter auch die große Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft. Auf die Beweggründe
dieser Erscheinung werde ich noch bei einer anderen Gelegenheit zu sprechen kommen;
vorläufig genügt es, diese unbestreitbare Tatsache selbst zu betonen. Wenn es sogar wahr
wäre, daß die Produktionsverhältnisse die gesellschaftlichen Bewußtseinsformen bestimmen,
wie Marx erklärte, so geht doch aus der oben erwähnten Tatsache klar hervor, daß das
Bewußtsein der Menschen nicht durch ihre Klassenzugehörigkeit, sondern durch die
Vorstellungen des Einzelwesens bestimmt wird, welcher Gesellschaftsschichte er immer
angehört. Dies zeigt sich schon dadurch, daß in allen großen sozialen Kämpfen der
Geschichte große Massen des unterdrückten Volkes sich dazu verleiten ließen, die Vorrechte
ihrer Herren zu verteidigen, während sich gerade die vorgeschrittenen Teile der Privilegierten
für eine Veränderung der sozialen Bedingungen einsetzten. Das gilt auch für den Sozialismus,
denn die übergroße Mehrheit seiner geistigen Vorkämpfer ist nicht aus dem Lager des
Proletariats, sondern aus den oberen Gesellschaftsklassen hervorgegangen. Sogar der
Einwand, daß bei den Arbeitern häufig ihre Unwissenheit sie daran verhindert, ihre
wirklichen Interessen zu erkennen, beweist gar nichts, denn Unwissenheit ist kein
wirtschaftlicher, sondern ein psychologischer Faktor, dem man bei allen anderen Klassen und
sogar bei den Intellektuellen ebensohäufig begegnet. Wäre dies nicht der Fall, so wäre das
geistige Chaos, aus dem beide Weltkriege hervorgingen, und das ihnen folgte, überhaupt
undenkbar.

Wenn der Krieg eine Erscheinung ist, die bisher in allen bekannten Epochen der Geschichte
zum Ausdruck gelangte, so hat es aber auch in keiner Zeit an Menschen und Bewegungen
gefehlt, welche die furchtbaren Wirkungen des Krieges auf die gesellschaftlichen
Lebensbedingungen richtig erkannten, von dem chinesischen Weisen Laotze bis Zeno und
den späteren Stoikern. Große religiöse Bewegungen wie der Buddhismus und das
ursprüngliche Christentum, bevor es unter den Einfluß der Kirche geriet, verdammten den
Krieg und setzten sich für den Frieden unter den Menschen ein. Die zahlreichen christlichen
Sekten des Mittelalters, von den Gnostikern, Manichäern und Bugomilen bis zu den Brüdern
vom freien Geiste, die alle von der Kirche als Ketzer Verfolgt wurden, verfolgten dieselben
Bestrebungen. An allen diesen Bewegungen beteiligten sich Menschen der verschiedensten
Gesellschaftsklassen. Auch die größten Vertreter des europäischen Humanismus, die noch
nicht von nationalistischen Vorurteilen verblendet waren und die menschliche Kultur als
Ganzes im Auge hatten, verurteilten den Krieg mit Lionardo da Vinci "als die größte
menschliche Dummheit". Aus ihren Reihen gingen die ersten Ansätze des Internationalen
Völkerrechts hervor, das in dem Holländer Grotius seinen stärksten Vertreter fand. Auch in
unserer Zeit hat es nicht an solchen Bestrebungen gefehlt, die aber nie an eine bestimmte
Klasse gebunden waren. Tatsache ist, daß viele der bekanntesten Wortführer der heutigen
Pazifistischen Bewegung aus dem Lager der Bourgeoisie und sogar der Aristokratie kamen.
Über den großen moralischen Einfluß von Gandhis Tätigkeit soll hier gar nicht gesprochen
werden, da sie allen bekannt ist.

Gerade weil man die Wirtschaft zum Angelpunkt alles gesellschaftlichen Geschehens machte
und im Kapitalismus die notwendige historische Voraussetzung für die Verwirklichung des
Sozialismus gefunden zu haben glaubte, verkannte man den machtpolttischen Einfluß des
Staates und ließ sich sogar dazu verführen, dem politischen Zentralismus immer größere
Zugeständnisse zu machen, wie es die große Mehrheit der organisierten Arbeiterbewegung zu
ihrem eigenen Unglück getan hat. Zu welchen Verschrobenheiten diese Ideengänge Menschen
verleiten konnte, zeigte die Stellung Wilhelm Liebknechts zur Zeit des Südafrikanischen
Krieges, der das Vorgehen Englands damit rechtfertigte, daß ebenso wie es im Interesse' der
sozialen Entwicklung liege, daß das Kleinkapital vom Großkapital aufgesaugt werde, so läge
es auch im Interesse des Fortschritts, daß die kleineren Staaten von den Großstaaten verdrängt
würden. Nach dieser Logik gab es überhaupt ' keinen Unterschied mehr zwischen Recht und
Unrecht. Die späteren Vertreter des totalitären Staates haben denn auch aus solchen Lehren
die letzten Konsequenzen gezogen, indem sie einer politischen Maschine Geist und Seele des
Menschen opferten. Gerade heute, wo wir auf der Schwelle einer neuen Epoche angelangt
sind, welche die Zukunft der Menschheit auf lange Zeit hinaus entscheiden wird, ist die
Erkenntnis dieser inneren Zusammenhänge doppelt notwendig, wenn wir den Kreislauf der
Blindheit nicht von neuem beginnen und einem größeren Abgrund hilflos entgegentaumeln
wollen.
Revolutionsmythologie und revolutionäre Wirklichkeit

Revolutionkultus und Revolution


Aus der Ferne gesehen erhalten wir von Dingen stets einen anderen Eindruck, als wenn wir
sie aus der Nähe beobachten, Beides hat seine Vorzüge, aber auch seine Nachteile. Betrachten
wir eine Landschaft aus der Ferne, so kommen uns die Zusammenhänge der einzelnen
Erscheinungen erst richtig zum Bewußtsein; wir erhalten keine Ausschnitte, sondern ein
ganzes Bild. Stehen wir den Dingen näher, so sehen wir sie zwar deutlicher, doch wir
verlieren den Gesamteindruck, den uns nur die Perspektive vermitteln kann; wir sehen, wie
das Sprichwort sagt, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Nur durch den räumlichen
Abstand von den Gegenständen gewinnen wir das richtige Größenverhältnis, die Proportion
der Dinge zueinander; doch nur wenn wir sie aus der Nähe besehen, wird uns die Möglichkeit
geboten, sie analytisch, d. h. in ihrem Entwicklungsgang beobachten und im einzelnen
beurteilen zu können.

Dasselbe gilt auch für alle geschichtlichen Erscheinungen und zwar ohne Ausnahme. Große
historische Geschehnisse, wie z. B. die Reformation oder die Französische Revolution,
schaffen neue gesellschaftliche Tatsachen, die sich aus der Neugestaltung der sozialen
Lebensverhältnisse ergeben. Geschichtliche Ereignisse, die bereits der Vergangenheit
angehören und die wir aus diesem Grunde nur durch die Perspektive derzeit beurteilen
können, aber werden uns allmählich zur Tradition, und es ist die Tradition, die in den meisten
Fällen unserer Beurteilung zugrunde liegt. Die Tradition aber ist stets ein buntes Gemisch von
Wahrheit und Dichtung, das unter dem Einfluß der Verhältnisse, unter denen wir selber leben,
zustande kommt und schon deshalb ein ganz anderes Bild ergeben muß, als wie es die
Menschen, die eine solche Periode mit erlebt, wirklich empfunden haben. Die Folge ist, daß
wir Dinge häufig in einem verklärten Licht sehen und dadurch nicht selten zu Vorstellungen
gelangen, die mit der historischen Wirklichkeit wenig gemein haben. Das ist ganz begreiflich,
denn je weiter eine geschichtliche Periode hinter uns liegt, desto weniger sind wir in der Lage,
das Einzelschicksal der Menschen jener Zeit richtig zu erfassen. Wir sehen die äußeren
Umrisse des Bildes, die heroischen Gesten der großen Männer, die in jenen Kämpfen eine
führende Rolle spielten und hauptsächlich die dramatischen Vorgänge, die sich deutlicher
vom Hintergrund des historischen Geschehens abheben und deshalb mehr ins Auge fallen,
während die intimeren Einzelheiten, deren Zusammenhänge erst ein vollständiges Bild
ergeben, uns zum großen Teil unbekannt bleiben und infolgedessen auf unser Urteil keinen
Einfluß haben können.

Nur wenn wir, wie dies heute der Fall ist, eine ähnliche Katastrophe von weltumfassender
Tragweite selbst mit erleben, schärft sich bei denkenden Menschen auch das Verständnis für
die Vorkommnisse der Vergangenheit. Ihre eigene Umwelt zwingt sie, Vergleiche anzustellen
zwischen dem, was heute ist und was einst gewesen. Dabei fällt es ihnen wie Schuppen von
den Augen und sie fangen an zu begreifen, daß sie viele Dinge einer vergangenen Zeit
eigentlich nur durch die gefärbten Gläser der Tradition gesehen und deshalb vieles verkannt
oder gründlich mißverstanden hatten. Ihr eigenes Erleben macht sie kritischer und hilft ihnen,
Dingen tiefer nachzugehen, die sie früher kaum beachtet oder als Selbstverständlichkeiten
hingenommen hatten, bis sie ihnen allmählich zur inneren Gewißheit wurden, über die man
sich nicht weiter den Kopf zu zerbrechen brauchte. Auch daß uns solche Erkenntnisse gerade
heute kommen, ist durchaus nicht verwunderlich, denn wir begreifen Dinge stets am besten,
die uns selbst zum Schicksal werden. Persönliche Erfahrungen sind immer stärker und
nachhaltiger als die schönsten Überlieferungen, die uns durch andere vermittelt werden. Was
der Mensch sich durch eigenes Denken langsam und mühevoll erringen muß, hinterläßt
immer tiefere Spuren als Illusionen, die ohne weiteres als Wahrheit hingenommen werden.
Deshalb sind Zeiten wie die heutige, Jahre der Prüfung, wo es sich für jeden von uns
entscheiden muß, ob er aus den Erfahrungen der letzten dreißig Jahre etwas gelernt hat, oder
zu denen gehört, die nur gewogen und zu leicht befunden werden.

Ich behaupte nicht, daß die Tradition an sich schädlich und deshalb zu verwerfen ist. Es gibt
Traditionen, die späteren Geschlechtern Gedankenschätze und geistige Errungenschaften
überliefern, die zu verlieren ein Unglück wäre, da sie mit zu den kostbarsten Belangen
unseres persönlichen und sozialen Lebens gehören. Aus diesem Grunde inspirieren sie die
Nachwelt oft Jahrhunderte hindurch und beeinflussen das geistige Leben der Menschen in
hohem Grade, ja häufig viel tiefer als die meisten ahnen. Doch wie stark dieser Einfluß der
Tradition auf spätere Generationen immer sein mag, so sollten wir doch nie vergessen, daß sie
nur der Abglanz einer vergangenen Zeit ist und schon durch die Art, wie sie zustande kommt,
durch Dichtung ersetzen muß, was uns bereits an tieferen Kenntnissen des historischen
Geschehens verloren ging. Gerade deshalb aber wird sie uns nicht selten zum Kultus, der
unseren Wirklichkeitssinn trübt und uns zu Wunschvorstellungen verleitet, die auch nur
Dichtungen sind. Dieses aber kommt uns erst richtig zum Bewußtsein, wenn wir plötzlich und
in den meisten Fällen ohne die nötige geistige Vorbereitung von großen gewaltsamen
Ereignissen überrascht werden, aus denen wir erkennen müssen, daß eine alte Periode unserer
Geschichte ihren Abschluß gefunden, während die Zukunft noch in nebelhaften Umrissen vor
uns liegt, so daß wir uns erst allmählich darüber klar werden können, welche neuen Wege wir
einschlagen müssen, um der neuen Wirklichkeit zu begegnen.

Ich habe dies an mir selber erfahren müssen. Geboren in einer uralten Stadt am Rhein,
anderthalb Jahre nach der Gründung des neuen Deutschen Reiches, das durch Bismarck
zustande kam, wurde ich schon in meiner frühen Jugend von der sozialdemokratischen
Bewegung erfaßt, bis ich 1891 mit anarchistischen Anschauungen bekannt wurde. Die
Gegend, in der ich geboren wurde, gehörte mit zu den demokratischsten Teilen Deutschlands,
wo in meiner Jugend die Überlieferungen der revolutionären Ereignisse von 1848-49 noch
sehr lebendig waren. Ich selbst kannte noch eine ganze Anzahl alter Achtundvierziger, die an
jenen Kämpfen einen aktiven Anteil genommen hatten und bewunderte sie mit stummer
Ehrfurcht. Dazu kam noch ein Umstand. In meiner Jugend herrschte in meiner Vaterstadt
Mainz eine entschiedene Abneigung gegen alles Preußentum, dafür aber eine ausgesprochene
Vorliebe für Frankreich. Alles, was aus Berlin kam, wurde als schlecht empfunden, während
alles, das uns aus Paris zuging, ungeprüft für gut befunden wurde. Hierbei spielte die
Tradition der Französischen Revolution eine wichtige Rolle, von der gerade die deutsche
Bevölkerung des linken Rheinufers tief beeindruckt wurde. Es ist daher leicht zu begreifen,
daß wir junge Sozialisten damals das Studium der französischen Revolutionsgeschichte mit
besonderer Vorliebe betrieben. Von mir selbst kann ich bestimmt sagen, daß ich schon damals
mit den dramatischen Geschehnissen jener gewaltigen Epoche besser vertraut war, als mit
vielen Episoden der älteren deutschen Geschichte. Die Geschichte vom Kaiser Barbarossa
und seinen Kriegen in Italien hatte uns ja nichts mehr zu sagen, während uns die
Überlieferungen der Großen Revolution mit lebendigen Hoffnungen für die Zukunft erfüllten,
die unserer jugendlichen Begeisterung entgegenkamen.

Auch daß wir den großen Ereignissen von 1789 und der Erklärung der Menschenrechte eine
kleinere Bedeutung beilegten als der Schreckenszeit von 1793 war nur selbstverständlich,
denn wir wurden im marxistischen Geiste erzogen und überzeugt, daß der Sozialismus nur
durch die Übergangsperiode der proletarischen Diktatur zu erreichen wäre. Daß die Diktatur
der Jakobiner nur wieder gewaltsam zu binden versuchte, was die Revolution gewaltsam
gebrochen hatte, begriffen wir damals nicht und ebensowenig, daß die Herrschaft der
Guillotine folgerichtig zur Militärdiktatur Napoleons führen mußte. Das alles wurde mir erst
viel später klar, als ich in der Zeit meines Exils Gelegenheit hatte, tiefere Studien zu
betreiben, die mir zeigten, daß man uns in unserer Jugend nur den Kultus der Revolution
beigebracht hatte, der uns dazu verführte, der Revolution Kräfte anzudichten, die sie nie hatte
und nie haben konnte. Schon bevor mir diese Erkenntnis aufdämmerte, hatte Max Nettlau, der
als Historiker sozialer Bewegungen diesen Dingen tiefer nachging, den Kultus der Revolution
als Messiasglaube bezeichnet und veranschaulichte dies in seinem "Vorfrühling der Anarchie"
wie folgt: "Die babouvistisch-blanquistische Idee der gewaltsamen Übernahme der
Staatsgewalt und der Diktatur wurde auch außerhalb dieser bewußt autoritären Kreise ohne
nähere Prüfung übernommen; es entstand der Glaube an die Allmacht der sozialen
Revolution. So sehr ich auch solche wünsche und diesen Glauben achte, so ist er doch
autoritären Ursprungs, ist napoleonisch gedacht und übersieht was für Autoritäre belanglos ist
- die wirkliche Durchdringung des einzelnen mit sozialem Geist, Gefühl und Verständnis.
Daß diese sich automatisch bei einer besseren Lage einstellen, ist eine weitere etwas
summarische Annahme, für welche die durch Schrecken hergestellte Nivellierung bei den
bisherigen autoritären Revolutionen kein zwingender Beweis ist."

Dies ist vollständig richtig gesehen, denn keine Revolution ist imstande, die allmähliche und
stufenweise Entwicklung aufzuheben, die wir Evolution nennen. Ist doch die Revolution
selbst nur eine bestimmte Form des evolutionären Geschehens, die immer dann eintritt, wenn
die Hindernisse, die ihm entgegenstellen, mit der Zeit so stark werden, daß sie nur durch eine
gewaltsame Katastrophe beseitigt werden können. Die Revolution ist die Entfesselung der
bereits im Schoße der alten Gesellschaft wirkenden Kräfte, die nach einer Neugestaltung der
gesellschaftlichen Formen streben und, wenn die Zeit dazu gekommen ist, die alten
Bindungen sprengen, dem Kinde vergleichbar, das im letzten Monat der Schwangerschaft die
alte Hülle sprengt, um sein eigenes Dasein zu beginnen. Aber diese Verjüngung des sozialen
Lebens durch die Revolution ist nur denkbar, durch eine immer stärker um sich greifende
Auswirkung neuer Ideen und Vorstellungen im Volke, die zum Widerstand anregen und ihm
das Bewußtsein seiner Menschenwürde näher bringen. Je tiefer die neuen Ideen in breitere
Schichten des Volkes eindringen und das Denken der Menschen beeinflussen, desto größere
Wirkungen werden sie auslösen, desto tiefer werden sich die Spuren des revolutionären
Geschehens im Leben der Gesellschaft eingraben.

Es ist nicht der gewaltsame Charakter, der für eine Revolution entscheidend ist, sondern die
schöpferische Betätigung, die sie im Volke auslöst und die allein zu einer wirklichen
Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens fähig ist. Die Gewalt selbst kann nichts Neues
schaffen. Sie kann im besten Falle Altes und Überlebtes aus dem Wege räumen und neue
Pfade für die Entwicklung freimachen, wenn jedes andere Mittel versagt. Aber sie ist niemals
fähig, Dinge ins Leben zu rufen, die erst allmählich im Hirne des Menschen heranreifen und
gedeihen müssen, bevor sie praktisch in die Erscheinung treten können.

Eine Revolution ist daher etwas ganz anderes als ein gewöhnlicher Aufstand, der allen
möglichen Zufälligkeiten entspringen kann. Wie Putsche und Militärrevolten organisiert
werden und zustande kommen, sehen wir heute ja fast jeden Tag. Eine wirkliche Revolution
aber läßt sich ebensowenig organisieren, wie ein Erdbeben oder eine andere Naturkatastrophe.
Sie ist nur möglich, wenn breite Massen der Bevölkerung von ihrem Geiste ergriffen werden
und aus eigenem Antrieb ein Joch abwerfen, das nicht länger zu ertragen ist. Aus diesem
Grunde ist es auch ganz falsch, eine Revolution nur nach dem zu beurteilen, was sie
gewaltsam zerstört, weil die Gewalt nur eine ihrer unvermeidlichen Begleiterscheinungen ist,
die gänzlich durch den Widerstand bestimmt wird, den sie findet. Nicht in dem, was sie
zerstört, sondern in dem Neuen, das sie zur Entfaltung bringt und dem sie als Geburtshelfer
dienen muß, gibt sich ihre wahre soziale und geschichtliche Bedeutung kund. Deshalb ist sie
auch unberechenbar und kann weder durch Logik noch durch wissenschaftliche Methoden
erklärt werden. Aus reinem Vergnügen haben Völker nie Revolutionen gemacht, sondern
immer nur, weil die bittere Notwendigkeit sie dazu gezwungen hat. Kämen geschichtliche
Ereignisse durch Logik oder Vernunftsgründen zustande, so hätte es nie wieder Kriege noch
Revolutionen gegeben. Das erkannte sogar ein so unentwegter Revolutionär wie Bakunin,
wenn er in seiner Schrift "Die Volkssache" ausführte: "Blutige Revolutionen sind dank der
menschlichen Dummheit manchmal notwendig, doch sind sie immer ein Übel, ein ungeheures
Übel und ein großes Unglück. Nicht nur in Anbetracht der Opfer, sondern auch um der
Reinheit und Vollkommenheit des zu erreichenden Zieles willen, in dessen Namen sie
stattfinden."

Die Revolution kann auch aus sich selbst nichts Neues schaffen; sie kann nur Keime
freilegen, die bereits im Denken der Menschen vorhanden sind und sie zur Reife bringen,
indem sie alte Formen bricht, die ihre natürliche Entwicklung beeinträchtigen oder zu
verhindern suchen. Je besser ihr dieses gelingt, um so größer werden die Erfolge sein, die sie
erzielt. Eine Revolution ist auch nie imstande, überlieferte Vorstellungen, Anschauungen und
Gebräuche mit einem Schlage gewaltsam auszutilgen. Man kann mit Gewalt einen Gegner
niederschlagen, doch man schafft damit keinen einzigen neuen Gedanken, der nur allmählich
ausreifen und zur Entwicklung gelangen kann. Sogar die gewaltigsten Umwälzungen in der
Geschichte waren niemals imstande, einen vollständigen Bruch mit dem Alten herbeizuführen
und etwas gänzlich Neues an seine Stelle zu setzen. Dies ist schon deshalb unmöglich, weil es
in der Geschichte innere Zusammenhänge gibt, die man nicht willkürlich aufheben kann. Wie
in normalen Zeiten, so wirbelt auch in der Revolution Altes und Neues bunt durcheinander,
und da man das Denken der Menschen nicht über Nacht in neue Formen umgießen kann, so
ist es unvermeidlich, daß in den neuen Einrichtungen, die durch die Revolution
zustandekommen, auch Altes mit einfließt, das erst allmählich durch neue Auffassungen
überwunden werden kann. Tatsache ist, daß sich die wirklichen Ergebnisse jeder Revolution
nur nach dem Verhältnis beurteilen lassen, wieviel Altes sie mit übernehmen mußte und
wieviel Neues sie in die Wirklichkeit umsetzen konnte.

Nur der Glaube an die Allmacht der Revolution, der nur Revolutionskultus ist, kann dies
verkennen. In kritischen Perioden aber kann dieser Glaube an ein bestimmtes Universalmittel,
das alle sozialen Gebrechen heilen kann, den Menschen leicht zum Verhängnis werden und
seine Anhänger dazu bringen, wie wir dies heute so deutlich beobachten können, im Namen
der Revolution der Gegenrevolution den Weg zu bahnen.

Revolution und Gegenrevolution


Die liberalen Gedankenströmungen des 18. und 19. Jahrhunderts hatten dem System des
fürstlichen Absolutismus einen entscheidenden Schlag versetzt und das gesellschaftliche
Leben auf neue Bahnen gelenkt. Ihre geistigen Vertreter, die in dem Höchstmaß von
persönlicher Freiheit die notwendige Voraussetzung für jede geistige und soziale
Neugestaltung erkannten und deshalb bestrebt waren, die Betätigung des Staates auf das
kleinste Maß zu begrenzen, eröffneten der Menschheit ganz neue Ausblicke ihrer zukünftigen
Entwicklung, die unvermeidlich zur Überwindung aller machtpolitischen Bestrebungen und
zu einer sachkundigen Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten im Interesse aller hätte
führen müssen, wenn die wirtschaftliche Einsicht ihrer Träger mit ihrer politischen und
sozialen Erkenntnis gleichen Schritt gehalten hätte. Doch dies war leider nicht der Fall. Unter
dem Einfluß der Industriellen Revolution vollzog sich eine in immer rascherem Tempo
vorschreitende Monopolisierung aller natürlichen und durch gesellschaftliche Arbeit
erzeugten Reichtümer und entwickelte sich zu einem neuen System wirtschaftlicher
Hörigkeit, das sich auf die ursprünglichen Grundsätze des Liberalismus und der politischen
und sozialen Demokratie nur verhängnisvoll auswirken konnte.

Die junge sozialistische Bewegung hätte dieser Entwicklung einen Damm entgegenstellen
können, wäre sie nicht selbst in den gefährlichen Strudel dieser Vorgänge mit hineingezogen
worden, deren zerstörende Folgen sich heute immer mehr zu einer allgemeinen
Kulturkatastrophe auswachsen. Sie hätte der Testamentsvollstrecker der liberalen Ideengänge
werden können, indem sie ihr durch die Bekämpfung der Wirtschaftsmonopole und das
Bestreben, die gesellschaftliche Arbeit den Bedürfnissen aller dienstbar zu machen, eine
positive Grundlage gegeben hätte. Durch diese wirtschaftliche Ergänzung der politischen und
sozialen Bestrebungen der Zeit, hätte sie diese zu einem machtvollen Bestandteil im Denken
der Menschen entwickeln und zum Träger einer neuen sozialen Kultur im Leben der Völker
werden können. Statt dessen bekämpfte sie in ihrer großen Mehrheit, mit unglaublicher
Verblendung die freiheitlichen Bestrebungen der liberalistischen Gesellschaftsauffassung und
sah in diesen lediglich den politischen Niederschlag des sogenannten Manchestertums.

Auf diese Art wurde der Glaube an die Allmacht des Staates, der durch die neuen
Gedankenströmungen und die Revolution des 17. und 18. Jahrhundert ins Wanken gekommen
war, wieder neu aufgefrischt und systematisch gestärkt. Es ist bezeichnend, daß die Vertreter
des autoritären Sozialismus in ihrem Kampfe gegen den Liberalismus ihre Waffen vielfach
der Rüstkammer des fürstlichen Absolutismus entlehnten, ohne daß dies den meisten von
ihnen auch nur zum Bewußtsein gekommen wäre. Viele von ihnen, besonders die Begründer
der deutschen Schule, die später einen so überragenden Einfluß auf die gesamte sozialistische
Bewegung erlangte, waren bei Fichte und Hegel, den Vertretern der absoluten Staatsidee in
die Schule gegangen; andere wurden von den Überlieferungen des französischen
Jakobinertums so tief beeinflußt, daß sie sich den Übergang zum Sozialismus nur in der Form
einer proletarischen Diktatur vorstellen konnten. Es war das größte Verhängnis für die junge
sozialistische Bewegung, daß sie zum großen Teil bereits in ihrem Anfangsstadium unter den
Einfluß der autoritären Ideenströmungen der Zeit geriet, die aus den Überlieferungen von
1793 und der langen Periode der napoleonischen Kriege hervorgegangen waren. Es waren
gerade jene Überlieferungen, die sich allmählich zu einem Revolutionskultus verdichteten,
der seinen Anhängern jedes Augenmaß für die wirkliche historische Bedeutung der Großen
Revolution raubte.

Unter den großen Vorkämpfern des sozialistischen Gedankens in Frankreich war Proudhon
fast der einzige, der die geschichtliche Bedeutung des Sozialismus am tiefsten erfaßt hatte.
Mit großem Scharfsinn erkannte er, daß das Werk der Französischen Revolution nur halb
getan war und daß es die Aufgabe der Revolution des 19. Jahrhunderts sein müsse, dieses
Werk fortzusetzen und zur Vollendung zu bringen, um die soziale Entwicklung Europas auf
neue Bahnen zu führen. In der Tat erschöpft sich ja die ganze Bedeutung der Großen
Revolution gerade darin, daß sie der monarchistischen Bevormundung ein Ende setzte und
den Völkern den Weg bahnte, ihre Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen, nachdem sie
jahrhundertelang dem fürstlichen Absolutismus als willenlose Herde gedient und sein
Bestehen durch ihre Arbeit gesichert hatten.

Hier lag die wichtigste Aufgabe der Zeit, die Proudhon besser erkannt hatte, als die große
Mehrheit seiner sozialistischen Zeitgenossen. Die Große Revolution hatte zwar die absolute
Monarchie als politische und soziale Einrichtung beseitigt, doch war es ihr nicht gelungen,
zusammen mit dieser auch den "monarchistischen Gedanken" zu verdrängen, wie Proudhon
es nannte, der in den politischen Zentralisationsbestrebungen des Jakobinertums und in der
Ideologie des nationalen Einheitsstaates zu neuem Leben erwachte. Es ist diese
verhängnisvolle Erbschaft, die uns aus einer entschwundenen Zeit verblieben ist und die heute
im "Führerprinzip" des totalitären Staates zum Ausdruck kommt, das nur eine Umschreibung
desselben monarchistischen Gedankens ist.

Proudhon hatte richtig erfaßt, daß der Absolutismus, dieses ewige Prinzip der Bevormundung
für einen "gottgewollten Zweck", der jedem menschlichen Einspruch verschlossen bleibt, den
Völkern in ihren Bestrebungen nach höheren Formen ihres gesellschaftlichen Daseins am
meisten im Wege steht. Für ihn war der Sozialismus nicht bloß eine Frage der Wirtschaft,
sondern eine kulturelle Frage, die alle Gebiete menschlicher Betätigung umfaßt. Er wußte,
daß man die autoritären Überlieferungen der Monarchie nicht bloß auf einem Gebiete
beseitigen und auf allen anderen beibehalten durfte, wenn man die Sache der sozialen
Befreiung nicht einem neuen Despotismus in die Hände spiele wollte. Für ihn waren
wirtschaftliche Ausbeutung, politische Unterdrückung und geistige Gebundenheit nur
verschiedene Ausdrucksformen derselben Ursache. Proudhon sah in der Monarchie das
Symbol aller menschlichen Versklavung. Sie war ihm nicht lediglich eine politische
Einrichtung, sondern ein sozialer Zustand mit bestimmten geistigen und seelischen
Auswirkungen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. In diesem Sinne nannte er
den Kapitalismus den "Monarchismus der Wirtschaft", der die Arbeit dem Kapital in gleicher
Weise tributpflichtig macht, wie die Gesellschaft den Staat und den Geist der Kirche.

Proudhon verwarf jedes vorgedachte System, in dem die meisten Sozialisten seiner Zeit den
Sozialismus einordnen zu können glaubten. Die soziale Befreiung war für ihn ein Weg, kein
Ziel. Er war der Mann ohne vorgefaßte Prinzipien und festgesetzter Ziele, da er sich
vollkommen klar darüber war, daß das eigentliche Wesen der Gesellschaft in dem ewigen
Wandel ihrer Formen zu suchen sei, und daß die endlose Umgestaltung des sozialen und
geistigen Lebens am besten gedeihe, je weniger künstliche Schranken ihr gezogen werden und
je mehr Menschen an jenen endlosen Wandlungen des sozialen Geschehens einen bewußten
Anteil nehmen. Auch die Revolution war für Proudhon nur ein Weg, kein Ziel und vor allem
kein Patentmittel, das man nur anzuwenden brauchte, um die Menschheit von allen Leiden zu
befreien und einem kommenden Millennium entgegenzuführen. Er wußte, daß die Revolution
häufig das letzte Mittel war, das einem Volke übrigblieb, um ein unerträgliches Joch
abzuwerfen und eine Neugestaltung des gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen; doch er
erkannte auch, daß sie nie imstande war, die inneren sozialen Zusammenhänge willkürlich zu
beseitigen, sondern nur eine Brücke sein konnte, die aus der Vergangenheit in die Zukunft
führt, ohne den natürlichen Gang der Entwicklung abzubrechen.

Aus diesem Grunde blieb er von dem Kultus der Gewalt, den viele seiner sozialistischen
Zeitgenossen mit der Revolution trieben, vollständig unberührt. Ihr Symbol war für ihn nicht
die Barrikade und noch viel weniger der revolutionäre Terror von 1793, sondern die
schöpferischen Kräfte, die sie freilegte und die allein neue Entwicklungsmöglichkeiten für die
Zukunft schaffen konnten. Er wußte, daß die Guillotine dem Volke weder Brot geben noch
neue Ideen entwickeln konnte, sondern immer nur wieder die Vergangenheit zu neuem Leben
erweckte und das eigentliche Werk der Revolution zum Stillstand brachte. War doch die
brutale Gewalt bisher das typische Merkmal jeder Reaktion in der Geschichte, die sich ihrer
bediente, um jede selbstständige und schöpferische Betätigung des Volkes zu unterbinden und
das Denken der Menschen auf bestimmte Normen festzulegen. Was er erstrebte, war keine
"Veränderung der Regierung, sondern die Revolutionierung der Gesellschaft", um sie ständig
im Fluß zu halten und Raum für neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen. Die Frage nach der
"besten Regierung" war für ihn ebenso sinnlos wie die Frage nach der "besten Religion", da
beide nur den Zweck verfolgten, eine neue Form der Autorität ins Leben zu rufen, um die
Beherrschung des Menschen durch den Menschen zu erhalten, die mit der Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen unzertrennlich war. Es war die Bevormundung des Menschen
durch eine höhere Macht, in der er den Kern des Übels sah, das die Menschen daran hinderte,
ihr Schicksal in die eigene Hände zu nehmen, um durch freie Vereinbarung zu erreichen, was
bisher kein autoritärer Zwang zu erreichen imstande war.

Es war diese Auffassung Proudhons, die ihn zu der Erkenntnis brachte, daß jede Revolution,
sobald sie in die Hände einer bestimmten Partei gerät, ihren eigentlichen Charakter verliert
und zur Gegenrevolution ausarten muß. Deshalb warnte er die Sozialisten davor, sich im
Fahrwasser machtpolitischer Bestrebungen zu verlieren und erklärte ihnen, daß sobald der
Sozialismus in die Hände einer Regierung gerate, er der Reaktion verfallen sei. "Alle Parteien
ohne Ausnahme", sagte er, "sind, sobald sie nach der öffentlichen Gewalt streben, nur
besondere Formen des Absolutismus. Es wird keine Freiheit des Bürgers, keine Ordnung in
der Gesellschaft, keine Einigkeit unter den Arbeitern geben, bevor nicht in unserem
politischen Katechismus der Verzicht auf die Autorität an die Stelle des Autoritätsglaubens
getreten ist."

Wer dies verkennt, mag noch so sehr auf seine revolutionäre Gesinnung pochen, er bleibt im
Grunde seines Wesens doch nur ein revolutionärer Staatsstreichler, dem jedes Verständnis für
die Revolution fehlt und steht bewußt oder unbewußt im Lager der Gegenrevolution. Es war
nicht zuletzt der Revolutionskultus, der, nachdem er seine Wirkung auf mehrere Generationen
verloren hatte, zu einem toten Dogma wurde, das schließlich dazu führte, daß man die
Revolution mit der Gegenrevolution verwechselte und jeden Blick für die Wirklichkeit verlor.
Auch in dieser Beziehung hatte Proudhon die Dinge richtig beurteilt, als er vor einem
Jahrhundert die prophetischen Worte sprach: "Das Schlimmste, was dem Sozialismus
passieren könnte, wäre seine Allianz mit dem Absolutismus, die zur größten Tyrannei aller
Zeiten führen müßte".

Daß man dies damals nicht verstand, war ein Verhängnis, an dem die Februar - Revolution
von 1848 zugrunde ging und zusammen mit ihr alle revolutionären Erhebungen, die 1848-49
Europa erschüttert hatten. Damals war dies immerhin noch begreiflich; wer aber heute nach
den grauenvollen Ergebnissen zweier Weltkriege und der unheimlichen Ausbreitung einer
totalitären Reaktion über alle Kontinente noch immer demselben Irrtum huldigt, an dem sind
die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nutzlos vorübergegangen, ohne die kleinste Spur zu
hinterlassen. Er hat sogar nicht einmal begriffen, daß der alte blanquistische Gedanke von
einem "revolutionären Generalstab", der mit Hilfe der Diktatur die Revolution auf bestimmte
Wege lenken sollte, eine Idee, die Lenin mit seiner Theorie von den "professionellen
Revolutionären" wieder neu auffrischte, direkt ins Lager der Gegenrevolution führen mußte.
Ob Blanqui dieser Gegensatz zwischen Revolution und Gegenrevolution überhaupt zum
Bewußtsein kam, ist noch fraglich, denn er dachte so sehr im Geiste von 1793, daß er zu
keiner anderen Auffassung fähig war. Lenin aber war sich vollständig darüber klar, was schon
aus seinem bekannten Ausspruch hervorgeht: "Wenn jemand die Gegenrevolution machen
muß, so werde ich es tun". Und was er nicht tun konnte, das besorgte Stalin um so
gründlicher.
Jede wirkliche Revolution ist ein Übergangsstadium von einem überlebten
Gesellschaftszustand, der bereits der Vergangenheit angehört, zu einem neuen
Gesellschaftsgebilde, dessen erste Keime durch die Revolution zur Entfaltung gelangen und
die sich nun allmählich ausreifen müssen, um das begonnene Werk zu vollenden. Es ist das
Hauptmerkmal der Revolution, daß sie die alten Bindungen löst, welche die Menschen an die
sozialen Formen der Vergangenheit gekettet hatten. Je besser ihr dies gelingt, je mehr sie den
Kampf gegen Institutionen und nicht gegen Menschen führt, desto fruchtbarer sind ihre
Ergebnisse, desto größer der Schritt, den sie in die Zukunft macht.

Die Gegenrevolution aber ist stets darauf erpicht, diese Bindungen wieder herzustellen, die sie
naturgemäß der Vergangenheit entlehnen muß und die daher unwiderruflich in die
Vergangenheit zurückführen müssen. Sie schlägt von neuem in Ketten, was die Revolution an
schöpferischen Kräften freigelegt hatte, lähmt jede selbständige Betätigung und die
Entwicklung aller neuen Ideen, ohne die jede Revolution zum Mißerfolg verdammt ist und
bringt das ganze soziale Leben wieder auf bestimmte von oben diktierte Reglementierungen,
die keine freie Wahl des Denkens und Schaffens mehr zulassen. Die Gegenrevolution setzt
stets dort ein, wo die Revolution zu einem Kampf der Parteien um die Macht ausartet, der
immer damit endet, daß die skrupelloseste von ihnen, für die brutale Gewalt der einzige
Wertmesser des Lebens ist, als alleiniger Vertreter einer "besonderen Art des Absolutismus"
übrigbleibt und alle anderen der Reihe nach liquidiert. "Die Macht aber ist" wie Proudhon
richtig ausführte, "nur der Kampf um das Messer, mit dem man den anderen die Hälse
abschneidet", das bequemste Mittel um alle Argumente zu erschöpfen. Die "professionellen
Revolutionäre" aber spielen in diesem Kampfe dieselbe Rolle wie die professionellen
Bürokraten der absoluten Monarchie im Kampfe gegen jede Erneuerung des
gesellschaftlichen und geistigen Lebens; denn sie sind in Wirklichkeit nur die professionellen
Totengräber jeder Freiheit, jeder Menschlichkeit und jeder quälenden Sehnsucht der
Menschen nach einer besseren Zukunft.