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A r c h ä olog i e . K u n s t .

G es c h i c h t e 2/2022
WUB
Nr. 104, 27. Jg., 2. Quartal 2022 /Schreiben, Lesen, Religion/ EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-948219-51-2

Schreiben,
Lesen, Religion
Bildung in frühchristlicher Zeit
EURO 11,30

archäologie Amulett Städte der


Eine zweite Miniaturbibel bibel
Synagoge in aus Gold als Haran - Ort der
Magdala Glücksbringer Erzeltern
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Schreiben, Lesen, Religion

Inhalt
18 26

Titel-
Thema 34

Barbara Leicht Matthias Hoffmann


Wie hältst du‘s mit der Bildung? Gefährliches Wissen
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Die Bücherverbrennung in Apostelgeschichte 19. . . . . . . 44

Thomas R. Blanton IV Mahmoud Haggag


Konnte Jesus lesen und schreiben? „Die Engel senken ihre Flügel vor dem nach
Die Frage nach der Bildung Jesu, seiner Jünger und Wissen Suchenden“
­Jüngerinnen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Wissensvermittlung im Islam. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

Annette Boeckler Andreas Müller


„Es lehrten unsere Meister ...“ – aber was, Der Lehrer ist Gott
wie und wo? Bildung im spätantiken Mönchtum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Jüdische Bildung im 1.–6. Jh. d. Z.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Interview mit Egbert Ballhorn
Irmtraud Fischer „Glaube ist auch ein Bildungsprojekt“. . . . . . . 58
Wie erlangte man in Alt-Israel Bildung?. . . . . . 24

Katharina Greschat
Brauchen Christen die Bildung der Griechen
und Römer?
Bildungswelten des frühen Christentums . . . . . . . . . . . . . 26

Johannes Bergemann
Wissensspeicher der Herrschenden
Die antiken Bibliotheken zwischen Macht und Religion. 34

Peter Gemeinhardt
Angst vor zu viel Wissen und Bildung? Titel: Römisches Fresko aus der Villa dei Misteri, Pompeji.
Die Begrenzung von Wissen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 © gemeinfrei

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Editorial

Wie lernt man Religion? Was muss man dafür


wissen? Welche Kenntnisse benötigt man? Die drei
großen monotheistischen Religionen verbindet
neben dem Glauben an den einen Gott auch, dass
sie auf der Grundlage einer niedergeschriebenen
Offenbarung leben. Immer wieder werden diese
heiligen Schriften gelesen, ausgelegt. Es ist eine stete
5 63
Aufgabe. Sie setzt die Fähigkeiten voraus, lesen,
schreiben und Texte deuten zu können. Nur durch
diese Kulturtechniken können die heiligen Bücher
verstanden und weitergegeben werden.
Daraus resultiert in allen drei Religionen eine
Hochschätzung des Wissens. Sie ist theologisch
auch darin verankert, dass Gott als die Quelle allen
Wissens verstanden wird.
Aus Doch wie wurden diese wichtigen Kenntnisse
64 erworben? Und wie hängen diese grundlegenden
der Welt
Kenntnisse von Schrift, Lesen und Textverständnis
der Bibel
mit dem gesellschaftlichen Wissenskanon zusam-
men? Alle Glaubenden sind immer auch Teil einer
paganen Gesellschaft mit ihren eigenen Bildungs-
Das Neueste aus der Welt der Bibel
werten und kulturellen Entwicklungen. Nicht
• Magdala: Eine zweite Synagoge entdeckt. . . . . . . . . . . . 2
• Seltenes Glasgefäß aus Scherben zusammengesetzt . . 3 immer entsprechen die Bildungsvorstellungen einer
• Was ist unter dem Steinboden der Grabeskirche? . . . . . 3 religiösen Gemeinschaft auch denen der sozialpoli-
• York: Amulett in Form einer winzigen Bibel . . . . . . . . . . 4 tischen Gesellschaft, in der sie leben. Das gilt heute
• Ägyptische Stele mit Namen eines biblischen Pharaos .4 ebenso wie für die frühen Christen.
• Streit am Ölberg zwischen Kirchen und Behörden . . . . 4 In der Frage nach dem Verhältnis der eigenen
• Ornamentierte Felsengräber restauriert. . . . . . . . . . . . . 5
Glaubensgemeinschaft zu den Bildungswerten der
Büchertipps . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 paganen Gesellschaft bündelte sich für die frühen
Christen exemplarisch die Auseinandersetzung da-
Panorama rum, wo ihr Platz in der Gesellschaft des Römischen
• Palast des Hischam hat seine Farben zurück . . . . . . . . 60 Reiches sein konnte, wie weit sie sich anpassen und
• Tübinger Team findet beschriftete Tonscherben. . . . . . 62 engagieren und wie weit sie sich abgrenzen wollten.
• Spuren eines historischen Dramas auf Tel Azeka.. . . . . 64
Letztlich hat sich das Christentum für eine Teilhabe
• Neue Ausgrabungen, um Tiberias zu erforschen. . . . . . 66
entschieden – auch in der Frage der Bildung.
Die großen Städte der Bibel Diese Ausgabe von „Welt und Umwelt der Bibel“
Haran: Die Stadt der Erzeltern – und des Mondgottes . . 68 nimmt für das Christentum und das Judentum die
ersten vier Jahrhunderte in den Blick, für den Islam
Die Bibel in berühmten Gemälden weiten wir die Perspektive etwas aus. Trotz des
Maurice Denis: Die Frauen am Grab . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
zeitlichen Abstands drängen sich manche Parallelen
Ausstellungen und Veranstaltungen. . . . . . . . . . . . 76 zu heute auf.

Vorschau und Impressum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen

Ihre Barbara Leicht


Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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Das Neueste aus der Welt der Bibel

überraschung bei Ausgrabung

Eine zweite Synagoge


in Magdala!?
Grundmauern einer Synagoge: Die Ausgra- migdal In Migdal (Magdala) wurde Bei den Ausgrabungen wurde ein
bungsleiterin Dina Avshalom-Gorni und der eine Synagoge aus der Zeit des Zwei- breites, quadratisches Gebäude aus
Archäologe Yehuda Govrin an einer umlaufen- ten Tempels entdeckt, sie wird um die Basalt und Kalkstein freigelegt. Die
den Steinbank. Zeitenwende datiert. Dies ist bereits Synagoge besteht aus einer zentra-
der zweite Fund einer Synagoge aus len Halle und zwei weiteren Räumen.
dieser Zeit in Magdala. An den Wänden der weiß und farbig
„Die Entdeckung wirft ein Licht auf verputzten zentralen Halle verläuft
das soziale und religiöse Leben der eine ebenfalls mit Gips beschichtete
Juden in dieser Zeit und spiegelt den Steinbank. Auf der Südseite der Hal-
Bedarf an einem speziellen Gebäude le wurde in einem kleinen Raum ein
für das Lesen und Studieren der Tora verputztes Steinregal gefunden. Viel-
und für gesellschaftliche Zusammen- leicht wurde der Raum zur Aufbewah-
künfte“, kommentiert Dina Avshalom- rung von Schriftrollen genutzt.
Gorni, eine der Ausgrabungsleiterin- Nur 200 Meter entfernt wurde be-
nen, den Fund. reits 2009 eine Synagoge aus dem
Migdal liegt am nordwestlichen Ufer 1. Jh. nC gefunden. Prof. Adi Erlich von
des Sees Gennesaret und war in frührö- der Universität Haifa erklärt, dass
mischer Zeit eine prosperierende jüdi- man bislang davon ausgegangen sei,
sche Siedlung. Im jüdischen Aufstand der Bedarf an Synagogen sei wegen
Ein bislang nicht ausgegrabenes Areal
© University of Haifa

der antiken Stadt Magdala wurde nun frei­ gegen die Römer diente der Ort nach der Existenz des Jerusalemer Tem-
gelegt – eine Straße am Rand des Geländes Flavius Josephus (er bezeichnet sie mit pels nicht so groß gewesen. Umso
soll verbreitert werden. Dabei stieß man in dem griechischen Namen Tarichäa) als bemerkenswerter sei die Entdeckung
einem Wohnviertel auf die Grundmauern wichtiger Stützpunkt. Migdal gilt auch einer zweiten Synagoge in Migdal. W
einer Synagoge. als Geburtsort von Maria aus Magdala. (wub/University of Haifa)

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seltenes Diatretglas aus Scherben zusammengesetzt

„Lebe glücklich“
Mainz/autun Ein außerge- mehrere Monate Arbeit eines er-
wöhnliches Glasgefäß kehrt fahrenen Glashandwerkers – ob sie
nach einem Restaurierungsauf- geschliffen oder gegossen wurden,
enthalt bei den Archäologen des ist bis heute nicht ganz klar. Laut
Römisch-Germanischen Zentral­ INRAP (Institut National de Recher-
museums in Mainz an seinen ches Archéologiques Préventives)
Fundort Autun zurück, das an- wurde dieser Kelch einer wichtigen
tike Augustodonum im Burgund, Person aus Autun angeboten, die am
Frankreich. Die Vase wurde in Leben des Imperiums beteiligt war
viele Scherben zersplittert in einer – ein Luxusgut mit einer immer gül-
der Nekropolen der Stadt gefunden, tigen Botschaft.
in einem Sarkophag, zu Füßen des Im Sommer soll das Objekt in Autun
Bestatteten. Sie stammt aus dem 4. ausgestellt werden. W (MdB/wub)
Jh., der Zeit, in der das Christentum hier
Fuß fasste. Es ist ein Diatret-Glasgefäß, ein
„durchbrochenes“, also mit einem äußeren VIVAS FELICITER muntert die Schrift ihre
„Käfig“, der sich deutlich von der Vase abhebt. Besitzer und Benutzerinnen auf. Sehr seltenes
Hier bildet er Buchstaben – die Worte VIVAS FELICITER sogenanntes spätantikes Diatretglas aus Autun, 4. Jh.,
(„Lebe glücklich!“). Diese äußerst seltenen Vasen erforderten ca. 15 cm Durchmesser.

Restaurierungsarbeiten gehen in den zweiten Abschnitt

Was verbirgt sich unter dem Boden der Grabeskirche?


jerusalem Die Restaurierungsarbeiten des Bodenpflasters in zwischen den christlichen Gemeinschaften in der Kirche und an-
der Grabeskirche haben am 14. März 2022 mit einer Zeremonie deren heiligen christlichen Stätten festlegte, über die Grabes-
begonnen: Kirchenvertreter hoben einen ersten Pflasterstein kirche wachen. Die meisten der gefundenen Überreste werden
heraus. Der Boden wird abschnittsweise restauriert. An freige- wahrscheinlich anschließend wieder zugedeckt, um den Status
legten Stellen finden archäologische Ausgrabungen statt. Was quo zu wahren. W (wub)
darunter zutage treten wird, bleibt spannend: „Wir wissen nicht,
was sich unter dem Boden befindet“, so Prof. Giorgio Piras, Direk-
tor der Abteilung für Altertumswissenschaften an der Universi-
© Hamid Azmoun, INRAP; Alwynloh, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org

tät Sapienza in Rom, die für die Ausgrabungen verantwortlich


ist, laut Jerusalem Post. „Aber es dürfte sich zumindest um einige
Überreste der Kirche Konstantins handeln. Vielleicht sehen wir
auch Spuren des Hadrians­tempels.“
Die Steine stammen aus allen Jahrhunderten seit der ersten
Basilika an dieser Stelle im 4. Jh. Ihr genaues Alter soll durch
Analysen bestimmt werden. Nach Möglichkeit sollen die Steine
wiederverwendet werden, zerbrochene müssen aber durch ähn-
liche lokale Steine ersetzt werden. Auch das bestehende Wirr-
warr an Rohren und Abflüssen wird in diesem Zug erneuert.
Dies ist die zweite Phase der Restaurierungsarbeiten, nach-
dem 2016/2017 die Grabädikula saniert worden war. Die ak-
tuellen Arbeiten werden unter der Leitung der Kustodie des
Heiligen Landes („Lateiner“) in Zusammenarbeit mit dem grie-
chisch-orthodoxen Patriarchat und dem armenischen Patriar-
chat durchgeführt, der drei großen Kirchen also, die gemäß dem Das Steinpflaster wurde über Epochen hin verlegt – so liegen
Status-quo-Abkommen von 1852, das die territoriale Aufteilung Steine aus der Kreuzfahrerzeit neben solchen aus dem 19. Jh.

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Amulett mit Schutzheiligen pläne der israelischen
Nationalparkbehörde
Winzige goldene Bibel gefunden
Streit am Ölberg
york Eine winzige goldene Bibel aus dem
15. Jh. wurde zufällig von einer Spaziergän- Jerusalem Pläne der Israel Nature
gerin auf einem Feld in der Nähe der Stadt and Parks Authority führten zu einem
York in England gefunden. Das kleine Arte- Streit mit den führenden Vertretern
fakt ist 1,5 cm lang, wiegt 5 g und ist mit der christlichen Kirchen in Jerusalem.
den Bildnissen des heiligen Leonhard und Die Behörde hatte Pläne vorgelegt, die
der heiligen Margareta graviert – beide sind Grenzen des Jerusalem Walls National
Schutzheilige der Schwangeren, Gebären- Park zu erweitern und einen großen Teil
den und des Kinderwunsches (der hl. Leon- des Ölbergs sowie Teile des Kidron- und
hard zudem der Gefangenen und des Viehs; Hinnom-Tals einzubeziehen. Doch um-
Margareta ist auch Patronin der Bauern). fassen die Pläne kircheneigenes Land
Vielleicht diente das kleine Objekt während in Ostjerusalem. Nachdem die Times of
der Schwangerschaft einer Frau von aris- Israel über das Projekt berichtet hatte,
tokratischem oder sogar königlichem Rang wurde es zunächst auf Eis gelegt und
als Schutzamulett? Das Gelände gehörte in Diskussionsbereitschaft mit den Kir-
dieser Zeit Richard III. – war die Goldbibel chen signalisiert. Der griechisch-ortho-
Eigentum seiner Frau Anne Neville ...? W doxe Patriarch von Jerusalem, Theopolis
Miniaturbibel mit zwei Heiligen, 15. Jh. (MdB/wub) III., der Kustos der Katholischen Kirche
im Heiligen Land, Francesco Patton, und
der armenische Patriarch von Jerusa-
lem, Nourhan Manougian, richteten ei-
nen Brief an die zuständige Ministerin.
Bauer entdeckt Stele mit biblischen Namen
Darin verurteilen sie den Plan als Teil

Hofra – ein Pharao aus der Bibel einer Agenda, die Status und Rechte der
Christen in Jerusalem leugne.
Bei der Bekanntgabe der Rücknahme
ismailija In der Nähe von Ismai­ lija war: Nebukadnezzar zerstörte die Stadt des Plans verteidigte die Sprecherin der
nordöstlich von Kairo entdeckte ein ägyp- 587 vC dennoch. Parkbehörde dessen Ziel und erklärte,
tischer Bauer zufällig auf seinem Feld Bezieht sich die Stele auf diesen oder dass damit keine Baumaßnahmen ver-
eine Stele mit fünfzehn Hieroglyphen- einen anderen Feldzug des Hofra? So- bunden seien, sondern vielmehr „eine
Zeilen unter einer geflügelten Sonnen- lange sie nicht entziffert und übersetzt der wichtigsten Kulturlandschaften der
scheibe, dem Symbol des Gottes Ra. Der ist, bleibt das offen. W (MdB/wub) Welt“ erhalten werden solle. Die Area-
Text ist noch nicht vollständig entziffert, le seien seit Jahren vernachlässigt und
hat aber in der Fachwelt bereits für Auf- litten unter Vandalismus und Brandstif-
sehen gesorgt. Denn es handelt sich um tung.
die Kartusche des Apries (Thronname Die Kirchenvertreter verwiesen da-

© BNPS; Ministerium für Tourismus und Antiquitäten von Ägypten


Wahibre, griechisch Oaphres oder Apries), gegen auf die engen Beziehungen der
eines Pharao aus der 26. Dynastie, der in Parkbehörde zur City of David Found-
der Bibel als „Hofra“ bezeichnet wird (Jer ation, die sich für die Ausweitung der
44,30). Die Anfänge seiner Herrschaft um jüdischen Präsenz in den umstrittenen
589 vC waren geprägt von den Kon- Gebieten Ostjerusalems einsetzt. „Es
flikten Ägyptens mit Babylon um die scheint so, als ob der Plan von Ein-
Herrschaft in der Levante. Es war Hofra richtungen vorgelegt und gefördert
588 vC gelungen, Nebukadnezzar von wurde, deren einziges Ziel es zu sein
der Belagerung Jerusalems abzubringen. scheint, eine der heiligsten Stätten des
Ein Sieg, der allerdings nicht von Dauer Christentums zu konfiszieren und zu
verstaatlichen und ihren Charakter zu
Stele mit der Kartusche von Pharao verändern“, schrieben die Kirchenführer.
Apries (589–570 vC), 230 x 45 cm. Auf dem Ölberg werden in der christ-
lichen Tradition wichtige Ereignisse im
Leben Jesu lokalisiert. W (wub)

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Das neuste aus der Welt der Bibel

gemeinsamer
appell in
ZITAT Jerusalem

„Wir hoffen, dass es der Bot-


schaft aus dem Himmel gelingt,
die harten Herzen der heutigen
Pharaonen zu erweichen.“
Rabbi David Rosen, Direktor des
American Jewish Committee

„Das Leben, das Gott uns


gegeben hat, ist eine heilige
Sache. Es ist das Recht des
Menschen, in Würde und in
Eines der bemalten Gräber während der Restaurierung. Farbenfrohe
Ranken, Blumen, Kränze und Girlanden sind die häufigsten Motive.
Sicherheit zu leben.“
Der drusische Scheich Yaakov Salame

Reich ornamentierte Familiengräber


„Ein Friedensstifter wagt es,
Beigesetzt unter Trauben und Blumen alle Mächte des Bösen heraus­
blaundos Seit 2018 wird die an- Familien die Gräber über mehrere zufordern und gegen sie zu
tike römische Stadt Blaundus (Türkei) Generationen nutzten. Die Wände und protestieren.“
unter der Leitung des Archäologen Gewölbe einiger Gräber sind vollstän- Pfarrerin Karin Ekblom vom
Birol Can von der Uşak Universität er- dig ausgemalt. Dank des guten Erhal- Schwedischen Theologischen Institut
forscht. tungszustands dieser Wandmalerei-
Blaundus besitzt eine außerge- en sind viele für die römische Kunst Statements bei einem interreligiösen
wöhnliche Nekropole, die mit ihren charakteristische Motive erkennbar: Gebet in Jerusalem am 21. März 2022.
über 400 Gräbern bisher noch nie florale Dekorationen aus Ranken, Blu- 150 Vertreter/innen christlicher, jüdischer,
richtig erforscht wurde. Alle Grabstät- men oder Girlanden in verschiedenen muslimischer und drusischer Glaubensge-
ten sind in die Hänge der Schluchten Farben, ebenso geometrische Felder. meinschaften hatten sich versammelt, um
um die antike Stadt herum eingegra- Auch Hunde und Vögel werden dar- einen gemeinsamen Brief an Geistliche der
ben. Die Gebeine und Beigaben, Tech- gestellt. Seltener sind mythologische russisch-orthodoxen Kirche zu überge-
ben. Im Brief bitten sie den Moskauer
nik, Stil und Motive der Malereien Szenen mit Figuren wie Medusa oder
Patriarchen Kyrill, auf Vladimir Putin
konnten auf das 2. bis 4. Jh. nC datiert Hermes zu erkennen, die über die einzuwirken, den Krieg gegen die Ukraine
werden – obwohl die Nekropole ein Ruhe der Toten wachen. zu beenden. Nach der Auskunft, der Brief
Tummelplatz für Grabräuber war, die Die Grabbeigaben – Spiegel, Dia- könne wegen Gebetszeiten nicht persön-
im Laufe der Jahrhunderte wertvolle deme, Ringe, Armbänder, Haarnadeln, lich entgegengenommen werden, hefteten
© The Blaundos Excavations Archive

Schmuckstücke und andere Artefakte medizinische Instrumente, Gürtel, die Religionsführer ihn an die Außenmauer
stahlen und die Gräber zerstörten. Trinkbecher und Öllampen – sollten der russisch-orthodoxen Dreifaltigkeits-
Die Gräber bestanden aus einem den Verstorbenen wahrscheinlich Kathedrale. Eine Reminiszenz an Martin
Verbund von Kammern, die je nach Be- im Jenseits helfen, so Can. Sie geben Luthers Thesenanschlag 1517, wie einer
darf zugefügt wurden. Die Grabkam- auch Aufschluss über die in den Grä- der Organisatoren bemerkte.
Der Brief soll laut Initiator Rabbi Yonatan
mern enthielten Sarkophage, manch- bern bestatteten Personen, z. B. über
Neril weitergeleitet worden sein.
mal belegt von mehreren Individuen. Geschlecht, Beruf, Gewohnheiten und
Für Birol Can ein Beleg dafür, dass Bestattungsdatum. W (MdB/wub)

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Schreiben,
Lesen,
Religion
Bildung in frühchristlicher Zeit

Papyrusrolle, Wachstafel und Griffel – stolz hält dieses Paar auf einem
Fresko in Pompeji seine Schreibgeräte in Händen und bezeugt damit die
eigene Bildung. Für die römische Oberschicht der Spätantike war eine
umfassende Bildung selbstverständlich. Dazu gehörte natürlich auch die
Kenntnis der klassischen literarischen Texte mit ihren mythologischen
Bezügen. Gleichzeitig festigte die Bildung den eigenen sozialen Ort in-
nerhalb der römischen Gesellschaft.
Frühe Christinnen und Christen mussten sich aufgrund dieser Inhalte und
der gesellschaftspolitischen Funktion die Frage stellen, wie mit den römi-
schen Bildungswerten umzugehen sei.

Wandgemälde eines Paares aus


Pompeji. Der Mann zeigt einen
zusammengerollten Papyrus,
seine Frau Wachstafeln und einen
© gemeinfrei

Griffel (Stylus), mit dem man in


das Wachs ritzte. Museo Archeo-
logico Nazionale di Napoli.

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Einführung

Wie hältst
du‘s mit der
Bildung?
Die Frage, wie weit die frühen Christen an der
Bildung der römischen Gesellschaft partizipieren
wollten oder nicht, umfasste verschiedenste
Aspekte. Von Barbara Leicht

Mehr als Lernen


Doch was ist mit dem Begriff „Bildung“ über-
haupt gemeint? Dazu gibt es unterschiedliche
Definitionen, und was heute unter „Bildung“
verstanden wird, entspricht nicht unbedingt
dem Verständnis der Antike. Während „Ler-
nen“ und „Lehren“ die Weitergabe von Wissen

D
Römischer Schreiber ie Rezeption und Auseinandersetzung durch Wissende bezeichnet, umfasst der Begriff
mit 6-teiliger Wachs- mit Bildung ist ein ,cantus firmus' des „Bildung“ mehr als das Erlernen von Kenntnis-
tafel und Griffel. Ver- antiken Christentums“, schreibt Peter sen. Er schließt Persönlichkeitsformung und
mutlich wurde der Text
Gemeinhardt (Das lateinische Christentum, Selbstreflexion ein. Im Idealfall erfolgt selbst-
nach dem Diktat später
S. 488). Es gibt für die Christen und Christin- verantwortete Bildung ein Leben lang.
sorgfältig von der
Wachstafel mit einer nen der ersten Jahrhunderte keine einfache Dieses Ideal der lebenslangen Bildung, die
Rohrfeder auf Papyrus Antwort auf die Frage „Wie hältst du‘s mit der mehr als elementare Schulbildung einschloss,
oder Pergament über- Bildung?“ Immer wieder ringen sie darum, galt auch im Römischen Reich. Allerdings war
tragen. Grabrelief aus welchen Anteil sie am gesellschaftspolitischen es eine selbstverständliche allgemeine Über-
Flavia Solva, Marmor, Bildungskanon des Römischen Reiches haben. zeugung, dass literarische Bildung und Per-
um 100 nC. Lapidari- Als Bürger des Imperiums haben sie auch Teil sönlichkeitsgestaltung nur für die römische
um des Archäologie- an dessen kulturellem Selbstverständnis und Oberschicht zu erreichen waren, denn nur sie
museums Graz. zugleich trennt ihre religiöse Überzeugung, die konnte sich einen solchen Bildungsweg leisten.
mit den Worten des Paulus „den Heiden eine Für die anderen Bevölkerungsteile gab es die
Torheit“ (1 Kor 1,20-23) war und nicht nur elementare Schulbildung – und natürlich die
der griechisch-hellenistischen Logik zu wider- moralische und praktische Erziehung inner-
sprechen schien, sie vom bildungspolitischen halb der Familie. Eine solche Unterscheidung
Mainstream. Unstrittig ist immer, dass zum in der (Aus-)Bildung führte dazu, dass Bildung
Leben als Christ die Einübung und Belehrung damals wie heute eine Rolle dabei spielte, wel-
christlicher Werte und Überzeugungen gehör- chen sozialen Platz jemand in der Gesellschaft
© gemeinfrei

ten. Ob der Bildungskanon der römischen Ge- einnehmen konnte. Sie trennte also die Bevöl-
sellschaft dabei eher hilfreich oder schädlich ist, kerungsschichten, die sich lebenslange und lite-
bleibt eine stete Anfrage. rarische Bildung leisten konnten, von Bevölke-

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welt und umwelt der bibel 2/2022
rungsschichten, die für ihren Unterhalt arbeiten da mit so großen Talenten begabte Redner, Gram-
mussten und keine Zeit für Bildung hatten. matiker, Rhetoren, Rechtskundige und Ärzte, die
auch der Philosophie Geheimnisse erforschten,
Bürger zweier Kulturen diese Lehre verlangen, mit Verachtung dessen,
Christinnen und Christen hatten aufgrund ihrer dem sie kurz vorher noch vertrauten?“ (Adver-
Herkunft teils aus dem Judentum und teils aus sus Nationes II,5).
der paganen römischen Gesellschaft Anteil an Auffällig ist darüber hinaus die reichhaltige
der Bildungswelt und -tradition des Judentums Literaturproduktion der frühen Gemeinden,
wie auch an den Bildungswerten und -angebo- von Briefen über verschiedenste Evangelien
ten der griechisch-römischen Gesellschaft. Sie bis zu Apokalypsen. Klassische Bildung wur-
griffen so auf ganz unterschiedliche Texte und de auch immer wichtiger, als die christlichen
Textauslegungsstrategien zurück, die aus der Gemeinden immer weiter über den jüdischen
Tradition der Hebräischen Bibel ebenso wie Raum hinaus in die Länder des Römischen Im-
aus der klassischen Literatur und Mythologie periums hinauszogen.
stammten.
Sowohl für das Judentum wie für die römi- Widerstände und Vorbehalte?
sche Gesellschaft ist Bildung untrennbar mit Andererseits gibt es eine Reihe von Belegen,
religiösen Überzeugungen und Werten ver- dass die klassische Bildung nicht unumstritten
bunden. Die hellenistisch-römische Literatur war in den Gemeinden. Am bekanntesten ist si-
ist undenkbar ohne ihren mythologischen Hin- cher die Aussage des Paulus: „Seht doch auf eure
tergrund und das Judentum versteht Bildung Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht
immer eingebettet in die heiligen Schriften und viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mäch-
die Überlieferung der Tora. tige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte
Nach der jüdischen Tradition geht es bei Bil- in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zu-
dung nicht nur um Lernen der Theorie, son- schanden zu machen“ (1 Kor 1,26f ).
dern auch um praktisch-konkretes Tun, ein-
gebunden in den Glauben an den einen Gott.
Flavius Josephus betont, dass alle Handlungen, Es gab zumindest einzelne Persönlich-
Beschäftigungen und Reden in Beziehung zu keiten, die die hellenistisch-römischen
Gott stehen und es für Bildung und Erziehung
immer zwei Wege gebe, den der mündlichen Bildungsinhalte für das Christentum
Belehrung und den der praktischen Einübung fruchtbar machten
(Josephus, Contra apionem II.171,175). Und
nach Psalm 19 macht die Weisung des Herrn
den Unwissenden weise (Ps 19,8). Es bleibt eine gewisse Reserviertheit spürbar,
die vermutlich in unterschiedlichsten Aspek-
Eine Unterschichtenreligion? ten gründet: Dazu zählt sicher, dass die Inhal-
Wie weit das frühe Christentum vor allem An- te des klassischen Bildungskanons vorgegeben
hänger und Jüngerinnen aus der Unterschicht und von der hellenistisch-griechischen Kultur
hatte, wird in der Forschung differenziert und geprägt sind. Sozial führte unterschiedliche Bil-
zum Teil unterschiedlich beurteilt. Der erste dung zu unterschiedlichem gesellschaftlichem
Korintherbrief belegt den ungleichen sozia- Ansehen und wird damit zu einer Herausforde-
len Status innerhalb der Gemeinde, was sicher rung im Zusammenleben der christlichen Ge-
nicht nur Besitz und Reichtum, sondern auch meinden, wie sich etwa in der Gemeinde von
verschiedene Bildungswege einschloss. So gab Korinth zeigt. Theologisch wird eine Gefahr der Lesetipps
es wohl zumindest einzelne Persönlichkeiten Selbstüberschätzung gesehen (vgl. 1 Kor 3,18- • Peter Gemeinhardt:
und Gruppierungen in den frühen christlichen 20). Das lateinische Chris-
Gemeinden, die sich mit Literatur, Kultur und Um auf die einleitende Frage zurückzukom- tentum und die pagane
Philosophie der paganen Gesellschaft ausei- men: Wenn es um den Erwerb von Bildung Bildung. (Studien und
nandersetzten – und die die hellenistisch-rö- ging, gab es in den ersten Jahrhunderten kei- Texte zu Antike und
mischen Bildungsinhalte für das entstehende ne Alternative zur klassischen literarischen Christentum 41). Tü-
Christentum fruchtbar machten. Bildung des Römischen Reiches. Die frühen bingen 2007.
Der Rhetor Arnobius der Ältere († um 330) Christen hatten Teil an dieser Bildung, die ih- • Bildung. (Jahrbuch für
aus Nordafrika schreibt in einer Verteidigung nen einen Platz im gesellschaftlichen Leben gab. biblische Theologie
des Christentums: „Erregen nicht wenigstens Erst später entstanden eigene christliche Schul­ 35). Göttingen 2021.
diese Gründe des Glaubens bei euch Zutrauen, [...] institutionen. W

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welt und umwelt der bibel 2/2022 9
Die Frage nach der Bildung Jesu, seiner Jünger
und Jüngerinnen

Konnte Jesus lesen


und schreiben?
Jesus wurde Rabbi – „Lehrer“ genannt und scharte einen Schülerkreis um sich.
Doch hatten Lehrer und Schüler eine Bildung im heutigen Sinn? Oder war Jesus
nicht eher ein Weisheitslehrer? Von Thomas R. Blanton IV

A
ls der griechische Philosoph Celsus um Catherine Hezser vermutet, dass die Rate im
das Jahr 175 nC ein Buch mit dem Titel antiken Judäa – der Region, in der Jesus und Thomas R. Blanton IV ist
Die wahre Lehre schrieb, gehörten zu den seine ersten Jünger lebten – eher bei 3 Prozent Forscher auf den Gebieten
verschiedenen Kritikpunkten, die er gegen das lag. Im Allgemeinen wurden höhere Alpha- des frühen Christentums
Christentum vorbrachte, auch zwei Punkte, die betisierungsraten mit politisch gut vernetz- und des antiken Judentums
in ihrem griechischen und
sich auf die Bildung und die Lese- und Schreib- ten, wohlhabenden Eliten und Mitgliedern der
römischen Kontext. Er ist
fähigkeit von Jesus und seinen ersten Anhängern staatlichen Bürokratie, einschließlich Schrift-
derzeit Associated Fellow
bezogen: erstens, dass die Familie von Jesus, da gelehrten und erblichen Tempelpriestern, in am Max-Weber-Kolleg
sie arm war – seine Mutter sei eine Spinnerin und Verbindung gebracht. Geringere Alphabetisie- der Universität Erfurt
sein Vater Zimmermann –, es sich nicht leisten rungsgrade oder Analphabetismus wurden mit und Autor von A Spiritual
konnte, ihn auszubilden; und zweitens, dass sei- Handwerkern, Arbeitern und nicht-elitären Fa- Economy: Gift Exchange in
ne Jünger, die Fischer und Zöllner waren, nicht milien in Verbindung gebracht. the Letters of Paul.
einmal „die grundlegendsten Elemente des Ler-
nens“ besaßen (Origenes, Gegen Celsus 1.28-29, Römische Ausbildung
62). In seinem Versuch, die Anschuldigungen Um den Bildungsstand von Jesus und seinen
des Celsus zu widerlegen, bestritt der christliche ersten Anhängern besser beurteilen zu können,
Schriftsteller Origenes von Alexandria aus dem müssen wir verstehen, wie die Bildungssyste-
3. Jh. nC nicht, dass die Informationen des Cel- me in der griechisch-römischen Antike funkti-
sus korrekt waren; stattdessen argumentierte er, onierten. In Griechenland, Rom und Ägypten
dass ihr Mangel an Ausbildung die Anziehungs- werden manchmal drei verschiedene Stufen der
kraft Jesu und seiner Jünger auf eine große Zahl
von Menschen (zumindest zu Origenes’ Zeiten)
umso überraschender machte. Der Mangel an Ausbildung macht die
Während in vielen heutigen Ländern die
Alphabetisierungsrate sehr hoch ist – oft liegt Anziehungskraft Jesu um so überra-
sie bei fast 100 Prozent – und der Staat eine schender (Origenes)
Grundschulausbildung vorschreibt, war die
Situation in der griechisch-römischen Antike
ganz anders. William Harris, Spezialist für rö- Bildung unterschieden: die Primarstufe, in der
mische Geschichte, schätzt, dass die Alphabe- Schüler lernten, wie man Buchstaben schreibt,
tisierungsrate im Römischen Reich nicht mehr die Laute, die mit den Buchstaben verbunden
als 10 bis 15 Prozent betrug, und die Judaistin sind, und einige Grundkenntnisse im Rechnen

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„Jesus schrieb mit dem oder Zählen (im Alter von 7 bis 10/11 Jahren); nachdem die Schüler gelernt hatten, die Buch-
Finger auf die Erde“ die Sekundarstufe, in der die Schüler lernten, staben zu schreiben. Als Celsus schrieb, dass die
heißt es in der Erzählung poetische Texte zu lesen und zu interpretieren, Jünger Jesu „nicht einmal die grundlegendsten
von der Begegnung Jesu kurze Texte wie Briefe an ihre Eltern zu schrei- Elemente des Lernens“ besaßen, bezog er sich
mit der Ehebrecherin
ben und vielleicht etwas Geometrie (im Alter wahrscheinlich auf die Fähigkeit, die Buchsta-
(Joh 8). Was er jedoch
von 10/11 bis 14/15 Jahren); und die tertiäre ben des Alphabets zu schreiben (vgl. Petaus, S.
genau schrieb, Worte
oder Symbole, bleibt im oder rhetorische Bildung, in der die Schüler Pro- 15).
Bibeltext offen. sa lesen und das Verfassen längerer Reden üben, Während in vielen Ländern der Gegenwart
Der Text lautet auf wie z. B. Reden, die sie später in der Öffent- Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet
diesem Gemälde: Terra lichkeit oder in der Regierung halten könnten werden, waren in der Antike Mädchen seltener
Terram accusat (= Die (im Alter von 14/15 bis 18 Jahren). Im Allge- des Lesens und Schreibens kundig als Jungen.
Erde klagt die Erde an). meinen erhielten nur die Kinder wohlhaben- Dennoch weist die Klassizistin Rafaella Cri-
Bild zugeschrieben Hans der und politisch gut vernetzter Familien eine biore auf Belege für die Alphabetisierung von
Kemmer (1495-1561). Ausbildung auf tertiärem Niveau. In der Praxis Frauen in Ägypten hin: 8 von 87 (9 Prozent) der
waren die drei Stufen nicht immer klar vonei- in Papyri erwähnten Lehrer waren Frauen. Und
nander getrennt, und es konnte zu erheblichen auf römischen Fresken sind manchmal Frauen
Überschneidungen zwischen ihnen kommen. abgebildet, die einen Griffel in der Hand halten,
Der erste Schritt auf der Primarstufe bestand was darauf hindeutet, dass sie zumindest die
darin, die Buchstaben des Alphabets zu lernen. Buchstaben des Alphabets schreiben konnten
Dies geschah durch das Abschreiben von Buch- und vielleicht auch das Verfassen schriftlicher
© gemeinfrei

staben und kurzen Sätzen, die von der Lehr- Texte beherrschten. Die auf diese Weise abge-
kraft geschrieben wurden. Die dazugehörigen bildeten Frauen gehörten in der Regel zu wohl-
Laute und die Aussprache wurden erst gelehrt, habenderen Haushalten.

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welt und umwelt der bibel 2/2022 11
Obwohl es wohlhabende und politisch elitä- ist. Handwerker, Töpfer, Schmiede und Bauern,
re Haushalte waren, deren Kinder mit größerer so fährt er fort, sind zu sehr mit ihrer Arbeit be- Preisedikt des Kaisers
Wahrscheinlichkeit ein höheres Bildungsni- schäftigt, um die Fähigkeiten des Schreibers zu Diokletian
(Edictum (Diocletiani)
veau (d. h. bis zur Tertiärstufe) erreichten, be- erlernen, und folglich „werden sie nicht für den
De Pretiis Rerum Vena-
deutet dies nicht, dass Kinder aus Haushalten Rat des Volkes gesucht noch erlangen sie Ansehen
lium), Es wurde 301 nC
mit „mittlerem“ Einkommen nicht ein ge- in der öffentlichen Versammlung. Sie sitzen nicht erlassen und setzte im
wisses Maß an Bildung erlangen konnten. Das auf dem Richterstuhl ... und man findet sie nicht ganzen Reich Höchst-
Preisedikt von Diokletian aus dem Jahr 301 nC unter den Herrschern“ (Sirach 38,32-33 New preise für Produkte und
besagt, dass Grundschullehrer bis zu 50 Dena- Revised Standard Version). Von Familien, de- Dienstleistungen fest.
re pro Schüler und Monat verlangen können, ren männliche Mitglieder die erbliche Priester-
was dem Tageslohn von Handwerkern wie schaft im Jerusalemer Tempel bildeten, konnte
Tischlern, Steinmetzen und Zimmerleuten man ebenfalls einen hohen Grad an Lese- und
entspricht. Auch wenn dafür die Haushalts- Schreibfähigkeit erwarten. Im Testament des
ausgaben in anderen Bereichen gekürzt werden Levi, einer im 3. oder 2. Jh. vC in aramäischer
mussten, war dieser Preis für einige männliche Sprache verfassten Schrift, rät der Priester Levi
Handwerker wahrscheinlich erschwinglich, vor seinen Kindern: „Lehrt eure Kinder Buchstaben,
allem, wenn sie Ehefrauen hatten, die ebenfalls damit sie Verständnis haben ... und lest unaufhör-
einer Erwerbstätigkeit nachgingen, zum Bei- lich das Gesetz Gottes“ (T. Levi 13,2). Sirach und
spiel als Ammen oder Hebammen (Ersteres ist das Testament des Levi offenbaren zwei wichti-
in den ägyptischen Papyri die häufigste bezahl- ge Unterschiede zwischen der Bildung in Judäa
te Tätigkeit von Frauen außerhalb des Hauses). und in Griechenland, Rom und Ägypten: Ers-
Darüber hinaus konnten Kinder in eine Lehre tens waren die Unterrichtssprachen Hebräisch
gehen, die in der Regel im Alter von 12 oder und Aramäisch (im Gegensatz zu Griechisch,
13 Jahren begann und ein bis drei Jahre dauer- Latein, Koptisch oder Demotisch); und zwei-
te, um Berufe wie Weben, Leinenweben, Mat- tens umfassten die Texte, die die Grundlage des
tenweben, Bauwesen, Nagelschmieden, Kup- Lehrplans bildeten, Lesungen aus der Hebräi-
ferschmieden und das Kardieren von Wolle zu schen Bibel – im Gegensatz zu griechischen oder
erlernen. Während ihrer Lehrzeit lernten die römischen Texten, wie Homer oder Cicero.
Jugendlichen nicht nur die für ihr Handwerk
erforderlichen Fertigkeiten, sondern manch-
mal auch rudimentäre Lese-, Schreib- und Re- Hinweise auf Lesen und
chenkenntnisse: Die Fähigkeit zu zählen, etwas
Mathematik zu beherrschen, Namen zu schrei- Schreiben in den Evangelien
ben und zu lesen und vielleicht kurze persön-
liche oder berufliche Korrespondenz zu führen, Mk 12,16: Jesus fragt nach Bild Lk 10,26: Jesus sagte zu ihm
konnte für die Geschäftstätigkeit eines Hand- und Aufschrift auf der römi- (= Gesetzeslehrer): „Was steht
werkers von Vorteil sein. Die Ausbildung für schen Münze. Ob die Schrift im Gesetz geschrieben?
diese Zwecke, die auf der Primar- und vielleicht tatsächlich lesbar war oder nur Was liest du?“
auf der Sekundarstufe erfolgen konnte, wird als die Abfolge der Schriftzeichen
Joh 8,6-8: Jesus schreibt auf
„handwerkliche Alphabetisierung“ bezeichnet. erkannt wurde, ist unklar.
die Erde, als die Ehebrecherin verur-
Lk 1,26: Zachäus schreibt den teilt werden soll. Ob das auf Schreib-
Bildung für die Elite
Namen seines Sohnes Johannes fähigkeit weist, ist unklar.
Die jüdischen Quellen entsprechen im Großen
auf ein Täfelchen und die Um-
und Ganzen den allgemeinen Mustern, die in Joh 19,20: Viele Juden lesen den
stehenden können ihn lesen
den Quellen aus Griechenland, Rom und Ägyp- Kreuzestitulus. Er muss erkennbar
ten zu finden sind: Der höchste Grad der Alpha- Lk 4,16-21: Jesus liest in der gewesen sein.
betisierung war im Allgemeinen elitären Fami- Synagoge von Nazaret aus dem
Apg 8: Der Kämmerer liest selbst-
lien vorbehalten, die in enger Verbindung zu Propheten Jesaja vor. Statt einer
ständig aus dem Propheten Jesaja.
den Regierungsbehörden standen. Jesus Sirach, historischen Wiedergabe ist die
Ob der dazukommende Philippus
ein Lehrer, der in Jerusalem ein bēt midrash, ein Szene wohl eher eine lukanische
lesen kann, bleibt unklar.
„Haus der Unterweisung“, unterhielt, schrieb Konstruktion. Die Darstellung
in den 190er- oder 180er-Jahren vC auf Hebrä- Jesu als lesefähiger Lehrer Apg 15,34: Schreiben der Apostel und
isch, dass „die Weisheit des Schriftgelehrten“ brachte Jesus gebildeteren Ältesten an Gemeinden in Kilikien und
Lese- und Schreibfähigkeiten voraussetzt, die Schichten im Römischen Reich Syrien. Wie viele Personen lesen oder
nur erworben werden können, wenn man von näher. schreiben konnten, ist unbekannt.
verschiedenen Arten manueller Arbeit befreit

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Die Frage nach der Bildung Jesu, seiner Jünger und Jüngerinnen

Entgegen der historischen Realität hat sich Familie stammte. Als Jesus in der Synagoge von
ein Bildtypus herausgebildet, in dem Anna Nazaret lehrte und dabei „Weisheit“ an den Tag
ihre Tochter Maria das Lesen lehrt. Das
legte, waren die Menschen deshalb beleidigt:
Buch verweist wohl – wie das Buch, in
Wie sowohl Celsus als auch Ben Sira zeigen, war
dem Maria in vielen Verkündigungsszenen
liest – auf die prophetischen Schriften „Weisheit“ keine Eigenschaft, die typischerwei-
des Alten Testaments. Für die Betrach- se mit Handwerkern in Verbindung gebracht
tenden wird Maria so zur Nachahmung wird. Im Vergleich dazu scheint das Matthäus-
empfohlen, sich in die Bibel oder das Evangelium, das einige Zeit nach Markus ge-
Stunden- bzw. Gebetbuch zu ver- schrieben wurde (vielleicht in den 80er- oder
senken. Eine gebildete und lesende 90er-Jahren nC) und dessen Text als Informa-
Maria war – je nach Ort der künst- tionsquelle verwendet, Jesus etwas von seinem
lerischen Darstellung – dabei im Beruf zu distanzieren: Matthäus formuliert den
Früh- und Hochmittelalter Text von Markus um und sagt nicht, dass Jesus
nicht nur für adelige Frauen
selbst Zimmermann war, sondern dass er „der
ein Vorbild, sondern auch für
Sohn des Zimmermanns“ war (Mt 13,55). Die
Ordensmänner und -frauen.
Lothringen, Ende 15. Jh., entsprechende Stelle im Lukasevangelium, das
Kalkstein mit Resten alter sich ebenfalls auf das Markusevangelium als In-
Fassung. Liebighaus, formationsquelle stützt, lässt jeden Hinweis auf
Frankfurt a. M. den Beruf Jesu oder seines Vaters weg (Lk 4,22).
Obwohl Jesus weder bei Markus noch bei Mat-
thäus lesend oder schreibend dargestellt wird,
Unterschiede in zeigt er in Lukas 4,16-22 ein sehr hohes Maß
den Evangelien an Lese- und Schreibfähigkeit, indem er eine
Die Bibelwissenschaftler hebräische Schriftrolle des Buches Jesaja in die
sind sich uneinig über den Hand nimmt, sie entrollt und den Versammel-
Grad der Alphabetisie- ten in der Synagoge von Nazaret den Text vor-
rung Jesu, und das aus gu- liest. Das Lukasevangelium schildert Jesus nicht
tem Grund. Da wir keine als Zimmermann oder gar als Sohn eines Zim-
Schriften haben, die Jesus mermanns, sondern als einen hochgebildeten
glaubhaft zugeschrie- Lehrer der jüdischen Schriften
ben werden können, Welches Evangelium trifft es am besten?
ist es unmöglich, seine Wahrscheinlich kommt die Version von Markus
Lese- und Schreibfähig- in diesem Punkt der Wahrheit am nächsten. Wie
keit direkt zu beurteilen. Adela Yarbro Collins (290) anmerkt, kann die
Daher müssen wir uns auf Frage „Ist das nicht der Zimmermann?“ „als Be-
Schlussfolgerungen stützen, die leidigung gelesen werden. Die Kritik an der sozia-
auf allgemeinem „Hintergrundwissen“ über die len Herkunft war in der Antike eine übliche Form
Alphabetisierung in der Antike sowie auf den der Beschimpfung“. Es scheint unwahrschein-
ältesten literarischen Quellen beruhen, die auf lich, dass der Autor des Markus­ evangeliums
die Lehre Jesu anspielen – die wichtigsten sind eine Tradition erfinden würde, die als Beleidi-
die Evangelien im Neuen Testament. Die Evan- gung für Jesus, den Protagonisten des Evangeli-
gelien selbst zeichnen jedoch ein widersprüch- ums, angesehen werden könnte. Umgekehrt ist
liches Bild, sodass es notwendig ist, sie kritisch es leicht zu verstehen, warum Lukas Jesus zu ei-
zu prüfen. ner respektableren Position als hochgebildeten
Ausleger jüdischer Texte erheben wollte.
Trotz Celsus' Ansicht, dass Jesus und seinen
Bibelwissenschaftler sind sich uneinig Jüngern selbst die grundlegendsten Elemente
über den Grad der Alphabetisierung der Bildung fehlten, ist es möglich, dass zumin-
dest einige von ihnen handwerkliche Fähigkei-
Jesu ten erlangt hatten. Da wir jedoch keine schrift-
lichen Zeugnisse von Jesus oder seinen ersten
Unter den Evangelien des Neuen Testaments Jüngern besitzen, können wir diese Möglichkeit
© public domain

ist das Markusevangelium das älteste, das um nicht direkt beurteilen. (Die Evangelien zirku-
72 nC geschrieben wurde. Nach Mk 6,1-6 ar- lierten ursprünglich als anonyme Dokumente,
beitete Jesus als tektōn, „Zimmermann“ oder und der erste und zweite Petrusbrief wurden
„Holzarbeiter“, der aus einer unscheinbaren wahrscheinlich nicht von Simon Petrus ge-

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welt und umwelt der bibel 2/2022 13
links: Der Apostel Pau-
lus beim Schreiben. Aus
einer Handschrift der
Paulusbriefe, frühes 9.
Jh., St. Galler Skriptori-
um unter dem Schreiber
Wolfcoz zugeordnet. Die
Zeichnung gilt als eine
der ältesten Darstellun-
gen von Paulus in der
europäischen Kunst. Die
Inschrift lautet: „S(AN)
C(TU)S PAULUS“ und
„sedet hic scripsit“ („Er
sitzt hier und schreibt“).
Württembergische Lan-
desbibliothek Stuttgart.

rechts: Eines der römi-


schen Schreibgeräte
war ein Wachstäfelchen,
in das mit einem Griffel
die Buchstaben geritzt
wurden. Das Wachs
konnte immer wie-
der geglättet und neu schrieben). Zum Vergleich: Paulus von Tarsus Gegensatz dazu weisen Mk 2,14 und Lk 5,27
beschrieben werden.
war ebenfalls ein Handwerker (1 Thess 2,9; Apg darauf hin, dass Levi, der Sohn des Alphäus, ein
Museo Gruppo Storico
18,1-3), und er scheint zumindest über Lese- lokaler Steuereintreiber war. (In Mt 9,9 wird der
Romano, Rom.
und Schreibkenntnisse auf Sekundärniveau Zöllner Matthäus genannt.) Obwohl ich noch
verfügt zu haben. Philo, der im ersten Jahrhun- keine direkten Belege für die Lese- und Schreib-
dert in Alexandria, Ägypten, eine eigene Schule fähigkeit lokaler Steuereintreiber in Judäa ge-
betrieb, verfügte über eine tertiäre Bildung auf funden habe, wurde eine Fülle antiker Steuer-
Eliteniveau: Er kam sowohl mit der stoischen quittungen veröffentlicht, aus denen ich, wenn
als auch mit der platonischen Philosophie gut auch sehr vorsichtig, schließe, dass lokale Steu-
zurecht, zitierte griechische Schriftsteller wie ereintreiber wie Levi im Allgemeinen des Rech-
Homer und Hesiod und war ein erfahrener nens mächtig waren und die für das Führen von
Übersetzer der Septuaginta, d. h. der griechi- Aufzeichnungen und das Schreiben von Quit-
schen Übersetzungen der jüdischen heiligen tungen erforderliche Lese- und Schreibfähigkeit
Texte. Wenn er seine Briefe überhaupt kannte, besaßen, d. h., sie verfügten über eine fortge-
war Jesu Bildungsniveau mit ziemlicher Sicher- schrittene Grund- oder Sekundarschulbildung.
heit viel niedriger als das von Philo und viel-
leicht auch niedriger als das von Paulus. Frauen in der Nachfolge
Die Frauen im Umkreis Jesu, darunter Maria,
Und die Jünger? seine Mutter, Maria Magdalena, Maria, die Mut-
Von den engsten männlichen Jüngern Jesu sol- ter von Jakobus und Joses, Salome (Mk 15,40-
len Simon Petrus, Andreas, Jakobus und Johan- 16,8), Johanna (Lk 24,10) sowie Maria und
nes Fischer gewesen sein, eine Gruppe, die im Marta von Betanien (Joh 11,1-12,3), waren
Allgemeinen nicht mit Bildung in Verbindung wahrscheinlich nicht des Lesens kundig. Wie
gebracht wird. Nach Apostelgeschichte 4,13 Heszer (497) feststellt, versuchten die in den
schlossen die Menschen in Jerusalem, nachdem rabbinischen Quellen erwähnten Schulen des
sie Petrus und Johannes hatten sprechen hören, 3. Jh. nC, „Jungen auf die Aufgabe vorzubereiten,
dass sie beide „Analphabeten und Ungebildete“ die Tora in der Öffentlichkeit zu lesen ... Im Gegen-
waren. Auch wenn es sich bei dieser Episode satz zu den Grundschulen im römischen Italien,
beide © public domain

möglicherweise um eine literarische Fiktion die zumindest manchmal von Mädchen besucht
handelt, zeigt sie doch, dass die Schlussfolge- worden zu sein scheinen, schloss das Ziel der jüdi-
rung, Fischer seien Analphabeten, im späten 1. schen Schulen, nämlich die Zahl der öffentlichen
oder frühen 2. Jh. nC, als die Apostelgeschich- Tora-Leser zu erhöhen, Mädchen von vornherein
te geschrieben wurde, leicht zu ziehen war. Im aus, da sie nicht als Synagogenleserinnen fungie-

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Die Frage nach der Bildung Jesu, seiner Jünger und Jüngerinnen

ren durften“. Im Vergleich zu dem Szenario, das in derungen oft bei sich auf (Mk 6,10-11), so wie
den rabbinischen Quellen des 3. Jh. beschrieben Maria und Marta ihm nach Joh 11,1-6 in Betanien
wird, gab es im Judentum des 1. Jh. wahrschein- Unterkunft gaben. Die Gastfreundschaft spielte
lich noch weniger Bildungsmöglichkeiten, so- in den frühen christlichen Missionsbemühungen
wohl für Mädchen als auch für Jungen. So ist es eine wichtige Rolle, da sie den Aktionsradius von
kein Zufall, dass Maria und Marta zum Beispiel Jesus und seinen männlichen Jüngern, die ihn auf
dargestellt werden, wie sie mit Jesus sprechen seinen Reisen begleiteten, effektiv erweiterte.
und ihm zuhören (Joh 11), aber nicht lesen oder Die Evangelien spiegeln hier mit dem Muster der
­schreiben. Darüber hinaus berichten Frauen in reisenden Männer und der gastgebenden Frauen
den Evangelien als Erste, dass Jesus nicht im Grab stark geschlechtsspezifischen Rollen und Erwar-
tungen der mediterranen Antike wider.
Angesichts der Bedeutung, die Jesus und seine
Bildung lässt sich nicht auf das ersten männlichen und weiblichen Anhänger der
Lesen und Schreiben reduzieren Mündlichkeit beimaßen, wäre es natürlich ein
Fehler, anzunehmen, dass das Lesen die einzige
Möglichkeit war, sich Wissen über religiöse Tra-
lag und vom Tod auferweckt worden war; auch ditionen und Lehren anzueignen. Der erste und
diese Berichte kamen in Form von Reden (Mt wohl wichtigste Kontext, in dem die jüdischen
28,1-10; Lk 24,1-12; Joh 20). religiösen Traditionen an Jesus weitergegeben
In Anbetracht der Rolle, die Frauen unter den wurden, war das Elternhaus. Bereits als Säugling
ersten Anhängern Jesu spielten, ist es wichtig fest- wurde Jesus wohl nach dem jüdischen Ritual be-
zustellen, dass Frauen nach den Evangelien für die schnitten, was in einigen Quellen als „Zeichen des
Angelegenheiten im Haushalt zuständig waren. Bundes“ zwischen Gott und Israel gedeutet wird
In Gesten der Gastfreundschaft nahmen sie Jesus (Gen 17,9-14). Jährliche Feste wie die Wochen-
und seine männlichen Jünger während der Wan- und Laubhüttenfeste wurden wahrscheinlich im
Kreis der Familie und der örtlichen Gemeinschaft
gefeiert, und einige Familien außerhalb Judäas
Petaus, ein ägyptischer Schreiber, reisten nach Jerusalem, um das Paschafest zu fei-
ern. Jeder dieser Anlässe hätte reichlich Gelegen-
der nicht versteht, was er schreibt heit geboten, über die Traditionen der Vorfahren
nachzudenken. Darüber hinaus besuchte Jesus
wahrscheinlich Versammlungen in der örtlichen
© Von Janmad - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73981017

Der amerikanische Papyrologe Herbert Youtie hat nachgewie- Synagoge, wo er zuhörte, wenn maßgebliche jü-
sen, dass ein „Dorfschreiber“ oder „Stadtschreiber“ (griechisch: dische Texte vorgelesen und interpretiert wur-
kōmogrammateus) aus dem 2. Jh. nC in der Stadt Ptolemais den. Es ist bemerkenswert, dass Jesus nach den
Hormou in der ägyptischen Oase Faiyum nicht mehr schrei- Evangelienüberlieferungen Bezüge auf Zitate aus
ben konnte als seinen Namen, seine Berufsbe- den Heiligen Schriften, etwa bei der Bergpredigt
zeichnung und ein einziges griechisches Verb, (Mt 5,21-48), mit der Formel einleitet: „Ihr habt
das anzeigt, dass er ein bestimmtes Dokument gehört, dass gesagt worden ist: ‚Auge um Auge und
ordnungsgemäß eingereicht hatte. Der Schrei- Zahn um Zahn‘“. Offensichtlich ging er davon
ber Petaus hatte das Übungsblatt aufbewahrt, aus, dass seine Zuhörer die biblischen Texte nicht
auf dem er diese Formel akribisch abge- vom Lesen, sondern vom Vorlesen durch einen
schrieben hatte, nachdem jemand anderes Synagogenlektor kannten.
sie für ihn geschrieben hatte. An einem
Punkt der Übung vergaß er, einen Buch- Netzwerke des Lernens
staben abzuschreiben, und in allen Darüber hinaus dürfte Jesus auf seinen Reisen
folgenden Zeilen ließ er denselben viel über jüdische und andere religiöse Tradi-
Buchstaben aus – etwas, das nicht tionen gelernt haben. Als Zimmermann reis-
passiert wäre, wenn er hätte lesen te er wahrscheinlich, um in Sepphoris, etwa
können, was er selbst schrieb! 6 Kilometer von Nazaret entfernt, und in anderen
nahe gelegenen Dörfern, die durch ein Netz von
Straßen und Fußwegen miteinander verbunden
Schreiber mit Papyrus-Rolle,
zwischen 1295 und 1069 vC, waren, Arbeit zu finden oder Waren zu kaufen.
aus Diorit, Louvre, Paris. Auf seinen Reisen lernte er verschiedene religiöse
Praktiken kennen und knüpfte berufliche und so-
ziale Kontakte in den von ihm besuchten Gebieten.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
als auch informelle Netzwerke weit verstreut sein;
und wie Soziologen festgestellt haben, sind es
oft solche „schwachen Verbindungen“ zwischen
Gruppen, die für die Verbreitung von Ideen am
folgenreichsten sind.
Während seiner Reisen durch Galiläa galt Jesus
als Lehrer – er wird beispielsweise in Mt 26,25,
Mk 9,5 und Joh 1,38 als „Rabbi“, dem hebräischen
Wort für Lehrer, bezeichnet; und die Evangelien ti-
tulieren seine engsten Anhänger als mathētai, dem
griechischen Begriff für „Schüler“ oder „Studen-
ten“. Wenn Jesus sich sowohl an seine „Schüler“
als auch an ein größeres Publikum wandte, las und
interpretierte er normalerweise keine Texte (ab-
gesehen von der Geschichte des Lukas). Vielmehr
erzählte er Gleichnisse (z. B. Mk 4,26-32), gab Rat-
schläge für das tägliche Leben in der Tradition der
„Weisheit“, die mit den Sprüchen verwandt ist (z.
B. Mt 5,1-16), und machte einprägsame, prägnante
Aussagen (z. B. Mt 6,24; 7,6). Im Thomasevangeli-
um aus dem 2. Jh. nC werden den Logien oder Sprü-
chen Jesu die Worte „Jesus sagt …“ vorangestellt.
Jesus ist nicht in erster Linie als Leser und Schrei-
ber in Erinnerung geblieben, sondern als Redner,
der die religiösen Lehren auslegte, die er im Laufe
Christus als Weis- Außerhalb seiner Heimatstadt Nazaret sollten seines Lebens durch das Zuhören in der Synagoge,
heitslehrer. Der wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Jesus das Erlernen religiöser Traditionen zu Hause, auf
12-jährige Jesus Zeit damit verbrachte, von Johannes zu lernen, der Straße und in der Gesellschaft anderer Lehrer
überzeugt nach dem Lehrer, der ihn im Jordan taufte (z. B. Mk 1,9). wie Johannes dem Täufer gesammelt hatte. Jesus
dem Lukasevan- Wie das Johannesevangelium deutlich macht, war ein Experte in der mündlichen Kommunika-
gelium bereits mit
standen informelle Netzwerke von Lehrern und tion, und es war seine Rede, nicht seine Fähigkeit
seiner Weisheit.
ihren Anhängern in engem Kontakt, und dabei zu lesen oder zu schreiben, die eine bedeutende
Diego de la Cruz
(1482–1500). beeinflussten sie sich wahrscheinlich gegenseitig Wirkung auf die Menschen um ihn herum gehabt
Museo Lázaro (Joh 1,29-42). Die apokalyptischen Lehren des zu haben scheint. (Nach allem, was man hört, hat
Galdiano, Madrid. Täufers fanden ihren Widerhall in den Gleich- er auffallend nonverbal gehandelt, indem er Men-
nissen und Reden Jesu über das Reich Gottes (Mt schen heilte und Dämonen austrieb – aber das ist
3,1-2.7-10; Mk 1,15; 4,26-32). Johannes und ein ganz anderes Thema!)
Jesus waren jedoch nicht die einzigen Lehrer, die Abschließend können wir die Frage, die im Titel
dieses Artikels gestellt wird, noch einmal über-
denken: „Wie gebildet war Jesus?“ Bildung, das
Jesus war ein Experte in der sollte jetzt klar sein, lässt sich nicht auf das Lesen
mündlichen Kommunikation und Schreiben reduzieren; die Lehre, die Jesus
vermittelte, war in erster Linie mündlich. Bildung
nahm viele Formen an, von Ritualen und Unter-
einer apokalyptischen Zeit entgegensahen, in der richt im Haus bis hin zu Festen und dem Besuch
Israel (oder Judäa) die vorherrschende Macht im der Synagoge. Darüber hinaus sind Jesus und seine
Mittelmeerraum werden und dabei die römische ersten Anhänger nicht als Leser und Schriftsteller
Herrschaft stürzen würde: Ähnliche Ansichten in Erinnerung geblieben, sondern als Reisende
vertraten die Mitglieder der Gemeinschaft vom und Redner, die die religiösen und sozialen Netz-
Toten Meer, deren Hauptversammlungsort sich werke, zu denen sie Zugang hatten, in vollem
in Qumran am Westufer des Toten Meeres befand Umfang nutzten und durch ihre Wanderpredig-
© Google Art Project

(z. B. Kriegsrolle; 11QMelchizedek). Man muss ten neue schufen, Netzwerke, die konzeptionell
nicht annehmen, dass Jesus oder Johannes Zeit in durch gemeinsame Ideen und Verpflichtungen
Qumran verbracht haben, um die Ähnlichkeiten und materiell durch die Gastfreundschaft, die sie
zu erkennen: Außerhalb des Kontextes organi- in den Häusern entlang des Weges erhielten, zu-
sierter Gruppentreffen können sowohl formelle sammengehalten wurden. W

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Die Frage nach der Bildung Jesu, seiner Jünger und Jüngerinnen

Zusätzliche Lektüre • Harris, William V. Ancient Literacy. Cam- • Sterling, Gregory E. The School of Sacred
• Weitere Informationen zum Thema Bil- bridge, MA 1989. Laws: The Social Setting of Philo’s Treati-
dung im frühen Christentum von Thomas • Hezser, Catherine. Jewish Literacy in ses. (Vigiliae Christianae 53, Nr. 2) (1999),
R. Blanton IV auf YouTube: https://www. Roman Palestine. Tübingen 2001. 148–164.
youtube.com/watch?v=Ouw_OR6Aj8E. • Keith, Chris. Jesus’ Literacy: Scribal • Youtie, Herbert C. Βραδέως γράφων:
• Cribiore, Raffaella. Gymnastics of the Culture and the Teacher from Galilee. Between Literacy and Illiteracy. Greek,
Mind: Greek Education in Hellenistic and London 2011. Roman, and Byzantine Studies 12, No. 2
Roman Egypt. Princeton, NJ 2001. (1971), 239–261.

Immer klüger als seine Lehrer – Jesus als Schüler.


QUELLEN Aus den Kindheitserzählungen des Thomas
TEXT

Die geschilderte Weisheit Jesu in den dir lerne, denn ich kann (bereits) Lesen und die Schule. Vielleicht kann ich ihm ja mit
apokryphen Kindheitserzählungen Schreiben, was du mir (erst) beibringen Überredungskunst Lesen und Schreiben
lässt an die lukanische Episode vom willst, und deine Strafe ist heftig. Diese beibringen.“ Joseph entgegnete: „Wenn
12-jährigen Jesus im Tempel denken. (Fähigkeiten des Lesens und Schreibens) du dich traust, Bruder, nimm ihn mit!“ Und
In den Kindheitserzählungen offenbart sind für dich nämlich wie eine erzene voller Furcht und mit vielem Zweifel
Jesus jedoch kein Wissen über die Tora, Kanne, wie eine gellende Zimbel, die durch nahm er ihn mit sich, der Junge aber
sondern übernatürliche Macht und ihren Ton keinen Ruhm und keine Weisheit folgte freudig.
Weisheit, die möglicherweise gnostisch hervorbringen. Auch <begreift> keine Seele
Und als er keck die Schule betrat, fand
beeinflusst ist. (durch sie) die Kraft meiner Weisheit.“ Und
er ein Buch, das auf dem Lesepult lag.
er nannte ihm deutlich alle Buchstaben
„Ein Lehrer namens Zachaeus aber, der in Das nahm er, las aber die Buchstaben,
vom Alpha bis zum Omega in langer
irgendeiner Angelegenheit (dort) stand, die darin waren, nicht, sondern öffnete
Aufzählung. Er (sc. Jesus) aber blickte
hörte Jesus dies zu seinem Vater sagen seinen Mund und redete im Heiligen Geist
den Lehrer Zachaeus an und sagte zu
und wunderte sich sehr, daß er solche und lehrte die Umstehenden das Gesetz.
ihm: „Du, der du nicht einmal das Alpha
Dinge äußerte, obwohl er (noch) ein Viele Menschen aber strömten zusam-
seiner Gestalt nach kennst –, wie willst du
Kind war. Und wenige Tage später trat men, die standen dabei und hörten ihm
andere das Beta lehren? Heuchler! Lehre
er an Joseph heran und sagte ihm: „Du zu. Und sie waren alle erstaunt über die
zuerst das Alpha, wenn du kannst, dann
hast einen klugen Jungen. Er hat Verstand. Reife seiner Lehre und die Geläufigkeit
wollen wir dir auch, was das Beta angeht,
Überlaß ihn mir doch, damit er Lesen und seiner Worte, daß er als Kind (schon) so
glauben.“ Dann begann er, den Lehrer
Schreiben lernt! Ich werde ihm zusammen redete. Als Joseph davon hörte, fürchtete
über den ersten Buchstaben auszufra-
mit den Buchstaben (auch) alles (weite- er Schlimmes und lief schnell zur Schule,
gen, dieser vermochte aber nicht, mit
re) Wissen beibringen und alle älteren denn er dachte, auch dieser Lehrer könne
ihm zu disputieren.
Menschen zu grüßen und sie zu achten wie ungeschickt sein. Der Lehrer aber sagte
(Kap. 6, griech. Version des KThom)
(die eigenen) Großväter und Väter und die zu Joseph: „Damit du es weißt, Bruder: Ich
Gleichaltrigen freundlich zu behandeln. “ [In der Folge bittet der Lehrer Joseph, habe den Jungen zwar als Schüler mitge-
das Kind wieder zu sich zu nehmen, da er nommen, er aber ist (bereits) voller Anmut
[...] Also nahm Joseph ihn an der Hand
ihm nicht gewachsen sei. In Kap. 14 wird und Weisheit. Und so bitte ich dich, Bruder,
und brachte ihn in die Schule. Und der
eine fast identische Geschichte nochmals nimm ihn wieder mit in dein Haus!“
Lehrer schrieb ihm ein Alphabet auf und
erzählt – mit dem Unterschied, dass Jesus (Kap. 15, griech. Version des KThom)
begann zu üben und sagte das Alphabet
nach dem Schlag auf den Kopf den Lehrer
immer wieder. Der Junge aber schwieg (Antike christliche Apokryphen in deutscher
verflucht, sodass dieser ohnmächtig zu
und antwortete ihm viele Stunden nicht. Übersetzung I. Band in zwei Teilbänden:
Boden fällt.]
Da wurde der Lehrer zornig und schlug Evangelien und Verwandtes. Hrsg. v. Chris-
ihn auf den Kopf. Der Junge aber, der Nach einiger Zeit aber sagte wieder toph Markschies u. Jens Schröter in Verb. m.
entsprechend(e) (Schmerzen) litt, sagte ein anderer Lehrer, ein enger Freund Andreas Heiser, 7. Auflage. Tübingen: Mohr
zu ihm: „Ich lehre dich mehr, als ich von Josephs, zu ihm: „Bring mir den Jungen in Siebeck, 2012)

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welt und umwelt der bibel 2/2022 17
Der jüdische Religionsphi-
losoph Moshe ben Maimon
(Maimonides, 1135–1204)
unterrichtet seine Schüler.
Jüdische Buchmalerei aus
More Newuchim („Führer der
Unschlüssigen“ oder auch
„Verwirrten, Verirrten“) des
Maimonides, ursprünglich in
Arabisch verfasst. Barcelona,
1348. Königliche Bibliothek
Kopenhagen.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Jüdische Bildung im 1.–6. Jahrhundert d. Z.

„Es lehrten unsere Meister …“


– aber was, wie und wo?
Lernen und Lehren gehört nach jüdischer Überlieferung untrennbar zum Glau-
bensleben dazu. Daraus entsteht ein umfassendes Bildungssystem, doch die Basis
wird in der Familie gelegt. Von Annette Boeckler

M
oses empfing die Tora vom Sinai und Den Kindern einschärfen
überlieferte sie Josua, Josua den Ältes- Unterrichten ist der Tora zufolge ein religiöses Dr. Annette M. Boeckler ist
ten des Volkes Israel, die Ältesten den Gebot. Im täglichen Gebet heißt es: „Höre, Is- Rabbinerin in Ausbildung am
Propheten, die Propheten den Gemeindeleitern rael, der Ewige, unser Gott, ist ein einiges ewiges Levisson Instituut Amster-
nach dem Exil ... Alles Lernen ist ein Empfan- Wesen. ... Diese Worte, die ich dir heute gebiete, dam. Sie gründete die erste
virtuelle jüdische Gemeinde
gen der Tora vom Sinai. Und in jeder Genera- sollen in deinem Herzen sein. Du sollst sie deinen
SchumZoom 2020. Bis 2019
tion wächst sie durch neue Interpretationen. Söhnen einschärfen ...“ (Deut 6,4-7), und zwar
war sie Fachleiterin Juden-
In der hellenistischen Zeit lehrten die beiden „entsprechend der Intelligenz und den Fähigkei- tum am ehemaligen Zürcher
Pharisäer Jehuda ben Tabbai und Schimon ben ten des Sohnes belehre ihn sein Vater über den Lehrhaus, von 2007–2017
Schetach (ca. 140–60 v. d. Z.), ihre Schüler wa- Auszug aus Ägypten“ (Pessachim 10,4). Doch Dozentin für Bibelauslegung
ren Schemaja und Awtaljon, die zum Judentum nicht nur dies. und jüdische Liturgie am Leo
konvertiert waren. Es war ein kalter Wintertag. Der Talmud fasst zusammen: Ein Vater ist sei- Baeck College London, zuvor
Da sagte Awtaljon zu Schemaja: „Seltsam. An je- nem Sohne gegenüber verpflichtet, ... ihn Tora Dozentin an der Hochschu-
dem anderen Tag ist das Klassenzimmer hell, heute zu lehren – ihm also barmherziges und verant- le für jüdische Studien in
aber so dunkel; ist es denn heute so bewölkt?“ Als wortliches Verhalten zu vermitteln –, ihn zu Heidelberg und am Abraham
sie hinaufschauten, sahen sie eine reglose Ge- verheiraten – ihn also beziehungsfähig zu ma- Geiger Kolleg. Sie ist Autorin
zahlreicher Werke zum
stalt auf dem Dachfenster. Sie stiegen aufs Dach, chen – und ihn ein Handwerk zu lehren – ihn zu
Judentum.
schaufelten anderthalb Meter Schnee fort und befähigen, für seinen eigenen Lebensunterhalt
fanden darunter ihren Schüler Hillel. Er hatte aufzukommen. Manche sagen auch, ihm das
das Schulgeld nicht aufbringen können und sich Schwimmen beizubringen – wozu dies, bleibt
gedacht, er könnte doch wenigstens von drau-
ßen zuhören. Durch die Dachluke hatte er den
Lehrern gelauscht und so aufmerksam zugehört, Unterrichten ist der Tora zufolge
dass er gar nicht gemerkt hatte, wie der Schnee
ihn bedeckte und er vor Kälte erstarrte (vgl. Joma ein religiöses Gebot
© xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

35b). Von Hillel stammt die Interpretation der


Tora: „Wer sein Wissen nicht vermehrt, vernichtet
es. Wer nicht lernt, verdient nicht zu leben“ (Avot unklar. (vgl. Kiddushin 29a). Dass Bildung
1,12-13). Und von seinem Mitschüler Scham- damals nur Männern zuteilwurde, spiegelt
mai stammt die Lehre: „Empfange jeden Men- die Kultur der griechisch-römischen Umwelt
schen freundlich“ (Avot 1,15). ­wider.

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welt und umwelt der bibel 2/2022 19
Rabbi statt Priester
Die Titel jüdischer Lehrender Es gab auch Unterricht außerhalb der Familie, aller-
dings nur für angehende Schreiber. Bei Ausgrabun-
gen in Israel (z. B. Kuntillet-Ajrud, Arad, Lachisch)
Rabbi, Pl. Rabbinen: jüdischer Gelehrter in Israel aus dem 1.–5. fand man Schreibübungen, Alphabet-Täfelchen und
Jh. d. Z. Der Leiter der jüdischen Gemeinschaft übertrug durch Schultexte. Lesen und schreiben aber lernten zur Zeit
Handauflegung die Autorität von Mose und stellte den Gelehr- des Tempels nur wenige. Dieses Wissen beschränk-
ten in die jüdische Traditionskette, die am Sinai begann. Das te sich auf die Priester. Das ändert sich grundsätzlich
zugrunde liegende hebräische Wort „raw“ bedeutet „viel, groß“, mit den Pharisäern. Schon im 1. Jh. v. d. Z. trat für
gemeint ist das Wissen. Der Titel wurde – gemäß der Kultur der sie der Lehrer („Rabbi“) an die Stelle des Priesters als
griechisch-römischen Umwelt – nur Männern verliehen. derjenige, der die jüdische Religion tradierte. Hier
zählt nicht mehr priesterliche Abstammung, son-
Raw: jüdischer Gelehrter in Babylonien aus dem 3.–6. Jh. d. Z. dern Wissen – etwas, das sich jeder durch Arbeit und
Der Titel – die aramäische Bezeichnung für „Lehrer“ – wurde Fleiß erwerben kann. Nach der Zerstörung des Tem-
einem besonders gebildeten, würdigen Schüler verliehen. Den pels in Jerusalem setzte sich die pharisäische Tradi-
Titel erhielten nur Männer. tion durch und Lernen wird zum Charakteristikum
Gaon: Schulleiter und Lehrer an einer babylonischen Akademie der jüdischen Religion. Der oben erwähnte Hillel auf
im 6.–11. Jh. d. Z. der Dachluke gilt als einer der ersten Rabbinen dieser
neuen Zeit.
Rabbiner: jüdischer Gelehrter seit dem 16. Jh. Als nach der
Vertreibung aus Spanien erstmals wieder eine größere Anzahl
Das rabbinische Schulsystem
Gelehrter in Israel lebte, wurde eine moderne Form der Ordi-
Der Talmud pflegt die Erinnerung an den Gründer
nation eingeführt. Einer der Ersten, der diese neue Ordination
eines allgemeinen Schulsystems: „Wahrlich, es sei
erhielt, war Josef Karo, der Herausgeber des Schulchan Arukh.
jenes Mannes, [des Hohen Priesters] Rabbi Jehoschua
Bis 1936 wurde der Titel nur Männern verliehen, seit 1975 zu
ben Gamla, zum Guten gedacht, denn ohne ihn wäre
gleichen Teilen sowohl Männern als auch Frauen. Die meisten
die Tora in Israel in Vergessenheit geraten. Anfangs
Frauen bezeichnen sich als Rabbinerin, andere aber sehen in
pflegte nämlich, wer einen Vater hatte, von ihm in der
„Rabbiner“ einen Titel wie „Dr.“ Es gibt verschiedene Arten von
Tora unterrichtet zu werden, und wer keinen Vater
Rabbinern. Einige sind befähigt, in orthodoxen Gemeinden zu
hatte, der lernte die Tora nicht. ... Dann trat Rabbi Je-
lehren (Ordination Rav U’Manhig), andere dürfen über Fragen
hoschua ben Gamla auf und ordnete [63 d. Z.] an, dass
der Speisevorschriften, Schabbat, Feiertage und ehelichen Be-
man in jeder Provinz und in jeder Stadt Kinderlehrer
ziehung urteilen (Ordination Yoreh Yoreh), wieder andere haben
(melamde tinoqot) anstelle, denen man Kinder im Al-
eine höhere Ausbildung und sind befugt, im Rabbinatsgericht
ter von sechs oder sieben Jahren zuführe“ (Baba Batra
zu amtieren (Ordination Yadin Yadin), nicht-orthodoxe Rabbiner
21a). Diese Kinder lernten – so heißt es im Talmud
und Rabbinerinnen haben zusätzlich auch eine Ausbildung in
– in der nächstgelegenen Synagoge in einer Klassen-
Ethik, Pädagogik, Seelsorge, Psychologie, Liturgie, Philosophie
größe von maximal 25 Schülern. Die Eltern kamen
und Management (Ordination Rav u Moreh/Morah BeYisrael).
für die Kosten der Ausbildung auf. Die Sechs- und
Rebbe: seit dem 18. Jh. Bezeichnung für ein menschliches, mo- Siebenjährigen lernten die hebräischen Buchstaben
ralisches und religiöses Vorbild im Chassidismus. Ein „Rebbe“ – die Bildungssprache war die Sprache der Tora, auch
ist kein akademischer Gelehrter, sondern lehrt durch seine wenn die Umgangssprache seit Langem Aramäisch
Rolle als religiöses Vorbild. Der Titel, der in der Regel erblich oder Griechisch war. Sie lernten, die Tora und aus-
ist, wird vom Vater nur auf einen Sohn übertragen. gewählte Abschnitte aus den Propheten zu lesen,
und mussten sich Verse der Bibel ins Gedächtnis
Rabba, Pl. Rabbot: Seit 2009 kann auch orthodoxen Frauen
einprägen. Außerdem lernten sie schreiben und die
eine orthodoxe Semicha (Ordination) verliehen werden. „Rabba“
täglichen Lobsprüche und Gebete. Diese elementare
war die anfängliche Bezeichnung einer orthodoxen Frau mit
Bildung der Kinder dauerte fünf Jahre. Die Mehrheit
Semicha. In Israel ist „Rabba“ heute die modern-hebräische
beendete den Schulbesuch damit.
Bezeichnung für eine nicht-orthodoxe Rabbinerin.
Wer aber wollte und es sich leisten konnte, lernte
Rabbanit: Nach einer anfänglichen Unklarheit, wie man eine weiter. Der Lehrplan der weiterführenden Bildung
orthodoxe Frau mit Semicha bezeichnen solle, hat sich der Ti- enthielt die Themen Landwirtschaft, Religion, Fa-
tel „Rabbanit“ durchgesetzt. Andere benutzen auch Rawit. Die- milie, Gesellschaft und Fragen zu Lebensende und
ser Titel ist bisher nur in der Orthodoxie gebräuchlich. Er darf Tod. Dies entsprach dem breit gefächerten Curri-
nicht verwechselt werden mit dem jiddischen Wort „Rebbezin“, culum von Schulen der griechischen-römischen
das die Ehefrau eines Rabbiners bezeichnet. Zeit, wo u. a. Philosophie, Physik, Geschichte, Ast-
ronomie, Zoologie, Religion, Botanik und Medizin
gelehrt wurden (vgl. z. B. Weish 7,17-22). Ziel des

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Jüdische Bildung im 1.-6. Jahrhundert d.Z.

Unterrichts im Bet-Midrasch, wie ein jüdischer Lehrbetrieb in den babylonischen Akademien


Klassenraum genannt wird, war die praktische nur zu bestimmten Zeiten statt: immer in den
Umsetzung des Gelernten. Methodisch muss Monaten Adar und Elul, den sogenannten „Ver-
man sich den Unterricht so vorstellen, dass der sammlungsmonaten“ (jarche kalla). Lernwilli-
Lehrer die Weisheiten früherer Generationen ge kamen von überall her – auch aus dem Land
vortrug und die Schüler das Gehörte wieder- Israel – um die Vorträge prominenter Gelehrter
holten – also auswendig lernten. Der Fachbe- zum Thema zu hören. Am Ende des Monats
griff dafür ist „Mischna“ – „Wiederholung“. stimmte man ab, welchen Traktat der Mischna Jüdischer Lehrer und
Auch diese weiterführende Bildung dauerte man im nächsten Versammlungsmonat disku- Schüler. Illustration aus
etwa fünf Jahre. Um 200 d. Z. entschied sich tieren würde, und in den kommenden sechs dem Coburg Pentateuch,
Rabbi Jehuda haNasi (ca. 135–217 d. Z.) die Monaten bereiteten sich dann alle entsprechend 1395. British Library,
Inhalte dieser Ausbildung, die bis dahin nur auf die nächste Versammlung vor. London.
mündlich gelehrt worden waren, schriftlich
festzuhalten. Diese Dokumentation – die soge-
nannte Mischna – wurde das Schulbuch für die
nächste Generation.

Die Jeschiwot und Akademien


Die höhere Bildung erfolgte in einer Jeschiwa,
in Babylonien in einer „Akademie“ (Metiwta).
Der Begriff „Jeschiwa“ („Sitzung“) bezeichne-
te ursprünglich keine Lehranstalt, sondern das
Kollegium eines Rabbinatsgerichts im Land
Israel, denn man unterschied am Anfang nicht
zwischen höherer Bildung und richterlicher
Tätigkeit. Der Legende zufolge gründete Rabbi
Jochanan ben Sakkai die erste Jeschiwa um 68
d. Z. in Jawne als Fortsetzung des Jerusalemer
Sanhedrins.
Im Laufe der Zeit wurde „Jeschiwa“ die Be-
zeichnung einer Schule. Wer in einer Jeschiwa
studierte, musste in der Regel seinen Heimatort
verlassen, denn solche Lehrhäuser berühmter
Rabbinen gab es nur an wenigen Orten: In Israel

Dass Bildung damals nur


Männern zuteilwurde,
spiegelt die Kultur der
griechisch-römischen
Umwelt
waren dies Jerusalem, Tiberias, Sepphoris und
© Album / British Library / Alamy Stock Photo

Caesarea. Im 2. Jh. gründete Matia ben Heresch


eine Akademie in Rom, im 3. Jh. beginnt Abba
Arika (175–247), ein Schüler von Jehuda Ha-
nasi, dem Herausgeber der Mischna, eine Aka-
demie in Sura. Mit ihr beginnt der Siegeszug
babylonischer jüdischer Gelehrsamkeit. Später
eröffneten weitere Akademien in Pumbedita,
Nehardea und Machuza und bis heute bilden die
babylonischen Lehrinhalte die Basis des Juden-
tums. Während man in den Jeschiwot in Israel
das ganze Jahr hindurch lernen konnte, fand der

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welt und umwelt der bibel 2/2022 21
wurden vom Rosch Jeschiwa beantwortet und
erklärt. Die Diskussion dauerte gewöhnlich so
lange, bis ein Problem gelöst war. Dabei konn-
te es der Fall sein, dass verschiedene Lösungen
gleichberechtigt überzeugend waren. Oder man
musste feststellen, dass es keine zufriedenstel-
lende Lösung gab. – Der Prophet Elija würde in
der Zukunft kommen, und diese Probleme in
der messianischen Zeit lösen.
Die meisten lernten auf diese Weise bis zu ih-
rer Heirat. Nur sehr wenige lernten parallel zur
Ausübung ihres Berufes weiter, nach dem Mot-
to: „Ohne Lebensunterhalt keine Tora und ohne
Tora kein Lebensunterhalt“ (Avot 3,17).

Rabbiner und Raw


„Von tausend, die in der Heiligen Schrift unter-
richtet werden, gelangen gewöhnlich hundert zur
[weiterführenden Bildung der] Mischna und zehn
zum Talmud und von diesen gelangt nur einer
zum Lehramt“ (Kohelet Rabba 7,28), heißt es
in einem Midrasch aus dem 6. oder 7. Jh. Dieser
eine wurde im Land Israel sehr förmlich – einer
römischen Amtseinsetzung ähnlich – durch die

Nach der Zerstörung des Tempels


wird Lernen zum Charakteristikum
der jüdischen Religion

© Von Gerd Eichmann - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=95705170


Zeremonie der Handauflegung (Semicha) in die
Traditionskette der Tora eingeführt. Die Semi-
cha endete im Jahr 425, als Kaiser Theodosius
II. das Patriarchat im Land Israel beendete. Die
babylonischen Akademien hatten aber zuneh-
mend an Bedeutung gewonnen und für eine
Der Rabbiner Hillel Den Unterricht in einer Jeschiwa oder einer Dauer von fast 800 Jahren ist Babylonien – vor
unterrichtet. Akademie muss man sich so vorstellen: Der allem unter islamischer Herrschaft – das Zen-
Bronze-Menora vor Schulleiter saß vorne in der Halle auf einem trum jüdischer Gelehrsamkeit. In Babylonien
der Knesset, dem Stuhl oder Kissen. Vor ihm hockten die Lernen- ging es legerer zu. Ohne besondere Zeremo-
israelischen Parlament, den in Reihen. Hervorragende Schüler saßen nie wurde einem würdigen Schüler der Titel
in Jerusalem. Benno
vorne. Der Schulleiter begann mit einem Satz „Raw“ („Lehrer“), verliehen, nach dem 6. Jh.
Elkan 1949-56.
aus der Mischna oder bat einen der herausragen- nennt man den Schulleiter und Lehrer „Gaon“
den Schüler, eine Mischna auswendig zu zitie- („Majestät“). Ab dem 10. Jh. verschiebt sich das
ren. Dann fügte der Lehrer Erläuterungen hinzu. Bildungszentrum des Judentums nach Europa –
Die Lernenden hatten den Text vorher bereits vor allem auf die muslimisch regierte Iberische
studiert, häufig gemeinsam mit einem Lern- Halbinsel. Die Diskussionen in den Babyloni-
partner, und trugen nun eine Reihe von Fragen schen Akademien wurden im 6. Jh. als Talmud
vor, die sie entdeckt hatten, Fragen in Bezug auf Bawli „babylonische Lehre“ publiziert, in Euro-
die Interpretationen von Versen oder Texten, pa wurde diese Lehre in Gesetzeswerken kodifi-
Fragen zur praktischen Umsetzung des Textes ziert. Bis heute wird all dies – Mischna, Talmud
(Halacha), oder Schwierigkeiten, bestimmte und Kodizes – in Synagogen, Rabbinersemina-
Quellen zu verstehen. Sie wiesen im Laufe der ren und modernen Jeschiwot gelernt, erklärt,
Erörterung auch auf Probleme in der Logik der studiert und für die Gegenwart gedeutet und
Antwort hin. Diese Fragen und Widersprüche fortgeschrieben. W

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Raw Aschi (352–427) un-
terrichtet in der Akademie
in Sura, einem Zentrum
jüdischer Gelehrsamkeit in
Babylonien. Museum des
Jüdischen Volkes, Tel Aviv.

Der rabbinische Lehrplan des 1.-6. Jh.


© By Sodabottle - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16060640

Alter Dauer Thema Curriculum Ziel

ca. 5–10 5 Jahre Tora 1) hebräische Buchstaben lesen, Basis des Judentums
2) Verse verstehen (Midrasch) verinnerlichen
3) Verse auswendig lernen
Anfang mit Leviticus, dann Rest der Tora
(= „schriftliche Tora“), und Abschnitte aus den Propheten

ca. 10–15 ca. 5–6 Jahre Mischna 1) Saaten (Gebete, Lobsprüche, Landwirtschaft) Wissen, wie man die Tora im
(„mündliche 2) Feste (Schabbat, Feste und Feiertage) Leben praktisch anwendet
Tora“) 3) Frauen (Regelungen zur Ehe, Scheidung, Schwüre)
4) Beschädigungen (Zivilrecht, Strafrecht)
5) Qodaschim (Erinnerungen an die Opfer im antiken
Tempel)
6) Reinheiten (Fragen zu Trauer und Tod, Rein und
Unrein

ab ca. 15 bis zur Heirat Talmud - Interpretationen der meisten Traktate der Mischna Ausbildung der Urteilsfähig-
oder lebens- (= „Lehre“) (sofern die Themen eine Relevanz haben) keit, Befähigung, über die
länglich - spätere Interpretationen dieser Interpretationen Anwendung der Tora in
bis in die jeweilige Gegenwart komplexen Lebenssituationen
urteilen zu können
Diese Übersicht über den Lehrplan der Rabbinen der Antike ist nicht zu verwechseln mit den sehr anderen Curricula moderner jüdischer
Schulen und Rabbinerseminare.

23
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welt und umwelt der bibel 2/2022
Wie erlangte man in Alt-Israel Bildung?
Die Schriften des Alten Testaments lassen auf ein Lernen in der Familie
schließen, dagegen finden sich kaum Hinweise auf Schulinstitutionen.
Von Irmtraud Fischer

Öllampe in Form eines lesenden der Mutter die Vermittlung von Tora zugeschrieben wird und die
Lehrers. Hellenistische Zeit, ge- Weisheit, die personifiziert zum rechten Leben anweisen will,
funden in Amka, nordöstlich von als Frau auftritt. Dies stellt einen bemerkenswerten Kontra-
Akko. Israel Museum Jerusalem. punkt zum in der Christentumsgeschichte weitgehend befolg-
ten Lehrverbot für Frauen dar, das auf 1 Kor 14,34f zurückgeht.

B is heute hat man [...] für


die formative Epoche des
alttestamentlichen Kanons
Lernen in der Familie
In Familien findet zudem die Sozialisation der jungen Genera-
vor der Hellenisierung weder tion statt, die aufgrund geschlechtsspezifisch verteilter Arbeit
literarisch noch archäologisch fest umrissene Geschlechterrollen produziert und fortschreibt.
eindeutige Hinweise auf die Institution eines Schulwesens Dabei werden die Kulturtechniken des Ackerbaus, der Vieh-
gefunden. Von der Euphorie eines davidisch-salomonischen zucht, der Textil- und Metallherstellung und -verarbeitung, der
Großreichs, das mit seinem Verwaltungsapparat zwingend eine Nahrungsmittelproduktion und -zubereitung, der Vorratshaltung
Schule voraussetzen würde, ist aufgrund der neueren archäo- und der Jagd sowie der Bautechnik und der Künste vermittelt.
logischen und historischen Forschungen nichts mehr übrigge- Eindrücklich vorgestellt wird dies in Gen 4,20-22, im Abschnitt
blieben. Der sogenannte Bauernkalender von Gezer aus dem über die Erfindung der Kulturtechniken, zusammengefasst,
zehnten Jahrhundert v. Chr. ist bis heute das älteste Dokument, die in der Ikonographie der mittelalterlichen Genesis-Zyklen
das althebräische Schrift – noch dazu in recht ungelenker neben Schöpfungsdarstellungen niemals fehlen durften. Auch
Form – bezeugt. Aber wo wurden Menschen in der Gesellschaft, wenn wir heutzutage bestrebt sind, Sozialisation von Bildung
die die biblischen Texte hervorbrachte, (aus)gebildet? Und was zu unterscheiden, so gewährleistet die Vermittlung elementarer,
waren die Lehrinhalte? Wie kam es zu dieser Gemeinschaft, die wenngleich auch stark gewandelter Kulturtechniken bis heute
sich als Buchreligion durch das gehörte und verschriftete Wort die Partizipation am Gemeinwesen und stellt kulturelle Identität
definierte (Dtn 4,12) und die man mit Recht eine frühe Bil- für das Individuum und Kontinuität für die soziale Gruppe her.
dungsgesellschaft nennen kann?
Biblische Texte bezeugen vor allem ein Lernen in der (Groß-) Lernen an heiligem Ort
Familie und geben nur vage Hinweise auf die Existenz von Aber sicher ist als Lernort auch das Heiligtum mit seinen Op-
Schulen, die im Folgenden als Institutionen, in denen (junge) fern, Riten und Liturgien in Betracht zu ziehen. Die großen Ge-
Menschen kollektiv von Expertinnen und Experten unterrichtet schichtspsalmen (z. B. Ps 78; 105; 135; 136), die bestimmt keine
werden, verstanden werden sollen. Spontangebete wiedergeben, sprechen hier Bände. Auch die in
der Eisenzeit sicher nicht flächendeckend verbreiteten Kultur-
Lernen techniken des Lesens und Schreibens werden wohl primär an
Lernen stellt im AT ein Desiderium insbesondere deuterono- den Orten, an denen man sie brauchte, vermittelt worden sein:
mischer oder deuteronomistisch geprägter Texte dar. Wie auch Am Heiligtum und am Königshof sowie an deren dezentralen
die beiden diesbezüglich berühmtesten Texte, das Schemʼa und Verwaltungseinrichtungen, wo Abgaben verzeichnet, diploma-
die Kinderfrage beim Pesach (Dtn 6,4-8.20-25), eindrücklich tische Korrespondenz geführt und auch wohl erste Aufzeich-
belegen, bildet die Familie den primären Lernort der kollekti- nungen religiöser, politischer, administrativer und juridischer
ven Erinnerung und der Tradition des Gottesvolkes. Umso mehr Traditionen stattfanden.
haben wir anzunehmen, dass lokale Traditionen und familiäre (Irmtraud Fischer: Für das Leben lernen wir – und das Leben lehrt uns. zu
Angelegenheiten von den Eltern an die Kinder weitergegeben Kontexten, Inhalten und Bildungsverläufen im Alten Testament; in: Ralf
wurden. Das Sprüchebuch stellt denn auch in seinen Lehrreden Koerrenz und Tobias Nicklas (Hg.): Bildung. (Jahrbuch für Biblische Theologie
(Spr 1,8; 6,20; 31,1) Vater und Mutter als Lehrende vor – nicht 35). Vandenhoeck & Ruprecht 2021. ISBN 978-3-7887-3500-5, Seite 96f)
© akg-images/Erich Lessing

etwa Weisheitslehrer, wie dies häufig insinuiert wird. Erziehung


bedeutet dabei nicht nur die Vermittlung von basalen Kultur-
techniken, ethischen Verhaltensweisen, Sitten und Riten einer Univ.-Prof. in Dr. Dr. h.c. Irmtraud Fischer ist Univer-
Gesellschaft, sondern auch der religiösen, identitätsstiftenden sitätsprofessorin am Institut für Alttestamentliche
Traditionen. Dabei ist hervorzuheben, dass in den großen Bibelwissenschaft an der Katholisch-Theologi-
Lehrreden am Eingang zu den Sprichwörtern (Spr 1–9) zweimal schen Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz.

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Das lateinische Bildung im Bildung


Christentum und kaiserzeitlichen (Jahrbuch für Bib-
die antike pagane Alexandria lische Theologie)
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erläutert in seiner achtete Zeit der ersten biblischen Bildungs-
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Einbindung in die römische Gesellschaft die unterschiedlichen Bildungsangebote. historische Epochen. Was etwa verstehen
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stellte sich die Frage, ob Christen „heid- chen Alexandria: 1. bis 3. Jahrhundert was sagt das Markusevangelium dazu?
nische“ Schulbildung erwerben oder als n. Chr. (Historia Einzelschrift 253). Dabei kommt auch in den Blick, was in
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Neuen gie 35). Vandenhoeck & Ruprecht 2021,
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religion Schulen zu neutes-
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Neuen Testament mit um. Danach untersucht er, wie weit man
hem Christentum. (Texte und Arbeiten
der Botschaft von der rund ums Neue Testament, besonders bei
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Das zeigen alle neutestamentlichen Thomas Schmeller: Schulen im Neuen
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den Synoptikern und im Rahmen der
Thomas Söding: Das Christentum als Bil- EUR 55,–
antiken Kultur- und Sozialgeschichte.
dungsreligion. Der Impuls des NT. Herder
(Österreichische Biblische Studien,
2016. 304 S. , ISBN 978-3-451-37503-3,
Bd. 42). Peter Lang, 2012. 353 S.,
EUR 24,99 Handbuch der
ISBN 978-3-631-63681-7, EUR 58,40
Erziehung und
Bildung in der
Gelehrte Frauen Antike
des frühen Wie wurden Kinder
Christentums ausgebildet – in
Von Thekla und Griechenland, Rom
Perpetua über Egeria und im Judentum?
auf Reisen bis zur Das Handbuch zeigt
ägyptischen Amma ein umfassendes Bild vom gesamten
Hinweis
Syntetika – zwölf Spektrum der Bildung und Erziehung in Alle lieferbaren Bücher sowie Pu-
Porträts zeigen, dass auch Frauen in der der Antike. blikationen aus dem Katholischen
­­
Antike gelehrt sein konnten und auch Johannes Christes, Christoph Klein, Bibelwerk e. V. können Sie ­­­­bestellen
literarisch tätig wurden. Richard Lüth (Hg.): Handbuch der Erzie- bei bibelwerk impuls:
Katharina Greschat (Hg.), Gelehrte hung und Bildung in der Antike. WGB Tel. 0711-6 19 20 37
Frauen des frühen Christentums. 2006. 336 S., ISBN 978-3534158874, Fax 0711-6 19 20 30
(Standorte in Antike und Christentum 6). EUR 57,99 impuls@bibelwerk.de
Anton Hiersemann 2015. 214 S., www.bibelwerk.shop
ISBN 978-3-451-37503-3, EUR 44,–

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welt und umwelt der bibel 2/2022 25
Bildungswelten des frühen Christentums

Brauchen Christen die Bildung


der Griechen und Römer?
Das Verhältnis der frühen Christen zur traditionellen Bildung ist zwiespältig.
Neben ungelehrten Glaubenden sind Gläubige mit einer tiefen paganen Bildung
Teil der Gemeinde. Und christliche Lehrer werden argwöhnisch angesehen, von
Anhängern der paganen Religion wie von Christen. Von Katharina Greschat

W
ir sind es gewohnt, Kinder und Ju- ligiöse Erziehung und Bildung, wie vom christ-
gendliche in den schulischen Religi- lichen Dichter Prudentius († nach 405) mit bei- Prof. in Dr. Katharina
onsunterricht zu schicken und ihnen ßendem Spott beschrieben: Greschat ist Lehrstuhl-
vielleicht auch nahezulegen, am Kindergottes- „Der jugendliche Erbe verehrte erschauernd, inhaberin für Kirchen- und
dienst und Konfirmanden- bzw. Firmunterricht was immer ihm die ergrauten Vorväter als ver- Christentumsgeschichte
teilzunehmen. Möglicherweise sind einige von ehrungswürdig vorgestellt hatten. Die Säuglin- (Alte Kirche und Mittel-
alter) an der Evangelisch-
uns aber auch in eine Sonntagsschule gegan- ge nahmen den Irrwahn bereits mit der Mut-
Theologischen Fakultät der
gen oder waren in der Christenlehre engagiert. termilch in sich auf, hatten, während sie noch
Ruhr-Universität Bochum.
Jedenfalls scheint uns selbstverständlich, dass quäkten, schon vom gesalzenen Opferspelt Sie hat zahlreiche Bücher,
Christsein nicht ohne gewisses Maß an Bildung gekostet, wachsverschmierte Standbilder und Aufsätze und Buchbeiträge
gelebt werden kann und es daher verschiedene berußte Hausgötter, von denen Salbe tropfte, veröffentlicht und forscht
Angebote der religiösen Erziehung und Bildung erblickt. Schon der kleine Junge hatte im Haus insbesondere zum frühen
für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geben einen geheiligten Stein, der als Fortuna mit Füll- Christentum als häuslicher
muss. Insofern erscheint uns kaum vorstellbar, horn geformt war, stehen sehen und beobachtet, bzw. familialer Religion
dass das in der Frühzeit des Christentums anders wie seine Mutter dort bleichwangig betete. Spä- sowie zu Bildung und Frau-
gewesen sein könnte, weshalb sich auch die For- ter drückte auch er, auf die Schultern der Amme enbildung in der Antike.
schung insbesondere den Organisationsformen gehoben, seine Lippen auf den Granit und küsste
und Lehrinhalten des Taufunterrichts oder der
Katechetenschulen gewidmet hat. Daneben gab
es jedoch noch einige andere Bildungswelten, die In der traditionellen Ausbildung
sich für eine kurze Betrachtung durchaus anbie-
ten.
gab es keinerlei christliche Themen
Familie und Haus ihn ab, sagte seine kindlichen Wünsche her und
Statt sich sofort auf die gemeindliche Lehre zu erflehte für sich in seiner Blindheit von einem
konzentrieren, soll der Blick zunächst auf die Felsbrocken Reichtümer, davon überzeugt, dass
erste und wichtigste Lebensform des antiken jemand, was er wolle, von dort erbitten müsse“
Menschen, d. h. auf das Haus bzw. die Familie (Contr. Sym. I,199-211).
mit Angehörigen und Abhängigen, gerichtet Auch wenn die frühkindliche Erziehung und
werden. Das war auch der zentrale Ort für die re- religiöse Bildung zunächst einmal vor allem in

26 welt und umwelt der bibel 2/2022


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Von Anfang an gehör-
ten Bildung und auch das
Lesen der biblischen Texte
zum Christentum. Graffito
auf einer frühchristlichen
Grabplatte. Praetextatus-
Katakombe. 3.–4. Jh. nC.
Vatikanische Museen.
© Lanmas / Alamy Stock Foto

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welt und umwelt der bibel 2/2022 27
Die erste religiöse Unter- den Händen von Frauen wie der Mutter und sichtigeren unter ihnen auseinanderzulaufen, die
weisung fand – zumindest der Amme lag, so trug doch der Vater als pa- Unverschämteren aber hetzen die Kinder auf, den
in den wohlhabenderen ter ­familias die Gesamtverantwortung für die Zügel abzustreifen“ (Contr. Cels. III,55).
Gesellschaftsschichten Für Celsus konnten diese Christen und ihre
Sozialisation der Nachkommenschaft. Des-
­
– in der Familie statt.
halb konnte er es nicht dulden, dass sich selbst Lehren nur eine unerwünschte Konkurrenz
Hier wurde familiäre
Religiosität gelebt und ­ernannte Lehrer in sein Haus einschlichen, um zum Ideal der traditionellen, an den römischen
gelehrt – auch durch den dort ungeheuerliche Dinge zu verkündigen und Werten orientierten Erziehung bedeuten, die
Hauslehrer. seine Autorität zu untergraben, wie es Celsus, die Kinder schon seit jeher auf ihren jeweilig
Römisches Grabrelief ein gebildeter Gegner der Christen aus dem angemessenen Platz in der Gemeinschaft vor-
aus Marmor 2./3. Jh. 2. Jh. nC, im Hinblick auf Christen beobachtet bereitete.
nC. Solche Reliefs sind ­haben wollte:
hauptsächlich aus Thra- „Sobald sie [die christlichen Lehrer] sich aber Traditionelle Bildung selbstverständlich
kien, Nordgriechenland ohne Zeugen mit den Kindern und einigen unver- Allerdings wollte Celsus seinen Lesern offenbar
und den Donauprovinzen ständigen Weibern allein wissen, dann bringen in erster Linie Angst vor den Christen machen.
bekannt. Metropolitan
sie ganz wunderbare Dinge vor und weisen nach, Vielen Eltern galt die traditionelle Bildung nach
Museum of Art, New York.
dass man verpflichtet sei, ihnen zu gehorchen, wie vor als Königsweg für den gesellschaftli-
nicht aber auf den eigenen Vater und die Lehrer zu chen Aufstieg bzw. zur Aufrechterhaltung ih-
achten. Diese seien Faselhänse und Schwachköp- rer gesellschaftlichen Position. Das kann man
fe, und in eitlen Vorurteilen befangen, könnten sehr genau an Augustin († 430) – dessen Mutter
sie weder einen wahrhaft guten Gedanken fas- Christin und dessen Vater Heide war – beob-
©Lanmas / Alamy Stock Foto

sen noch verwirklichen; nur sie allein wüßten es, achten, wie auch an dem weniger bekannten
wie man leben müsse. Würden die Kinder ihnen Paulinus von Pella († nach 459) einige Jahr-
folgen, so würden sie selbst selig werden und ihr zehnte später, der aus der inzwischen christlich
ganzes Haus selig machen. Sehen sie dann, wäh- geprägten gallischen Aristokratie stammte. Bei-
rend sie so reden, einen Lehrer der Wissenschaf- de haben ausführlich über ihre Bildungskarriere
ten oder einen verständigen Mann oder auch den Rechenschaft abgelegt und sich kritisch mit ihr
Vater selbst herankommen, so pflegen die Vor- auseinandergesetzt.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Bildungswelten früher Christinnen und Christen

Nach deren Zeugnis lernte man seit jeher mit Bezeichnung einer Schule nicht um eine festge-
den Klassikern Lesen und Schreiben und hatte fügte Institution, sondern um einen lockeren
sich neben der lateinischen auch mit der grie- Kreis von Lehrer und Schülern, die man sich
chischen Sprache oder umgekehrt auseinander- aber wohl nicht abseits der christlichen Ge-
zusetzen. Es ging aber keineswegs nur um das meinden vorstellen sollte. Gerade in Großstäd-
Anhäufen von Wissensbeständen oder um Ge- ten und Bildungsmetropolen wie Alexandria,
lehrsamkeit; wichtiger war, dass sich die Schü- Athen oder Rom existierten solche Schulen.
ler die ihnen auf diese Weise eröffnete Welt
gleichsam aneigneten und sich in ihr zu Hause
fühlen sollten. So bestand etwa eine Aufgabe Der Unterricht über die Gegenstände
des Rhetorikunterrichts darin, dass sich Au-
gustin in den rasenden Zorn und den Schmerz
des Glaubens stand nicht unbedingt
der Göttin Juno einfühlen und ihn in seine ei- im Mittelpunkt, sondern die Einübung
genen Worte kleiden sollte (Conf. I,17,27). Bei
Paulinus dürfte das kaum anders gewesen sein;
in Gebet und Bekenntnis
er hatte, nach eigenem Bekunden, mit und in
den Überzeugungen des Sokrates, den Homeri- So beschrieb etwa der in Rom lehrende Justin
schen Epen und Vergil zu leben. Auch für Chris- seinen Lebensweg als den Weg zur eigentlichen
ten war also der klassische Bildungskanon ganz ungeteilten echten Philosophie, dem Chris-
selbstverständlich noch immer das Maß aller tentum! Christus verstand Justin dementspre-
Dinge. Im Nachhinein kritisierte Augustin das chend auch in erster Linie als einen Lehrer und
und monierte, im gesamten Verlauf seiner Aus- Philosophen. Mit dem Juden Tryphon – eben-
bildung nichts eigentlich Wichtiges, d. h. nichts falls als Philosoph gekennzeichnet – diskutierte
von Christus oder über christliche Themen, ge- Justin über das rechte Verständnis der Schrift,
hört zu haben. Stattdessen wurde immer wie- das in seinen Augen nur durch Christus zu er-
der lediglich das oberflächliche Streben nach reichen sei. Justin traf sich oder lebte gemein-
Ruhm und Anerkennung gefördert. Besonders sam mit seinen Schülerinnen und Schülern
problematisch erschienen ihm jedoch die mo- ebenfalls in Rom in einem häuslichen Kontext,
ralisch fragwürdigen Inhalte der Göttermythen; wie etwas später auch eine Lehrerin mit Namen
so könnte gerade der notorisch untreue Jupiter Marcellina, die auch Bilder Christi und einiger
junge Leute dazu veranlassen, sich ausgerechnet Philosophen in ihrem Haus aufstellte.
diesen Gott zum Vorbild zu nehmen und sich „So hat Marcellina, die … unter Anicet nach
ebenso zu verhalten (Conf. I,16,25). Rom kam, viele betört. Sie nennen sich Gnosti-
ker und haben gemalte oder sonstwie hergestellte
Philosophische Schulen Bilder Christi, dessen Typus von Pilatus gemacht
In der traditionellen Ausbildung gab es also kei- sein soll zu der Zeit, da Jesus unter den Menschen
nerlei christliche Themen oder Inhalte; doch wandelte. Diese krönen sie und stellen sie gleich-
selbstverständlich gab es christliche Schüler
und sicherlich auch christliche Lehrer. Erst das
im Jahr 362 erlassene „Rhetorenedikt“ des Kai-
sers Julian, der das Reich zur traditionellen Re-
ligion zurückführen wollte, verbot den christli- Bildung als soziales
chen Lehrern die Ausübung ihres Berufs mit der QUELLEN
Begründung, dass sie keinen Lehrstoff vermit-
Unterscheidungskriterium
TEXT
teln dürften, hinter dem sie nicht stünden.
Gebildeten Menschen galt eine philosophi-
sche Lebensform als angemessen, d. h. dass sie Bischof Sidonius Apollinaris (431/32–nach 479), gallorömischer
sich unter Führung eines Lehrers mit zentralen Aristokrat und Bischof in der Auvergne, bezeugt in einer Klage über
Texten beschäftigten, über das Göttliche in sei- die Veränderungen in der Sozialordnung, wie klassische Bildung die
nem Verhältnis zur Welt nachdachten und auf sozialen Schichten voneinander trennt:
Luxus verzichteten. Bisweilen sahen die heidni-
„Wenn die Stufen sich auflösen, vermittels derer der Höchste sich
schen Zeitgenossen darin ein Deutungsmuster
vom Niedrigsten zu unterscheiden pflegte, dann wird schließlich das
für christliche Gruppierungen und schrieben
einzige Kennzeichen unserers Adels sein, mit der Literatur vertraut zu
ihnen immerhin zu, eine besonders merkwür-
sein“ (Sidon, ep. VIII 2,2 (III 84 L).
dige Form einer philosophischen Schulrich-
tung zu sein. Sicherlich handelte es sich bei der

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Römische Schulszene. zeitig mit den Bildern weltlicher Philosophen wie Gestaltung und zur Metrik. Das eigenständige
Frühe Christen erhielten des Pythagoras, Platon, Aristoteles und anderer christliche Bildungskonzept des Origenes, bei
– je nach sozialem Wohl- aus …“ (Iren. Adv. Haer. I,25,6). dem Dialektik, Arithmetik, Geometrie und
stand – ebenso klassi- Dass der Verfasser dieser Zeilen rein gar Ethik ergänzt um spezifisch christliche Inhal-
sche Bildung wie andere nichts von dieser Lehrerin Marcellina hielt, te gelehrt wurden, dürfte kaum im Rahmen
Bürger im Römischen dürfte mehr als deutlich geworden sein. Der be- einer alexandrinischen Katechetenschule zur
Reich. Bis zum Erlass Unterweisung von Taufanwärtern umgesetzt
kannteste christliche Lehrer war jedoch sicher-
Kaiser Julians waren sie
lich Origenes (+ 254), der seine traditionelle worden sein. Dazu war es viel zu anspruchsvoll.
auch als Lehrer tätig.
Ausbildung ganz in den Dienst der Schriftaus- Wahrscheinlich richtete sich Origenes wohl vor
Das Schulrelief aus legung stellte. Von vermögenden Patronen be- allem an eine christlich interessierte Bildungs-
Neumagen (2. Jh. nC) kam er Schnellschreiber zur Verfügung gestellt elite, weshalb man seine Schule auch als die ers-
zeigt zwei Schüler mit und wurde auch gebeten, das Werk des oben ge- te christliche Privatuniversität bezeichnet hat.
Buchrollen, in der Mitte nannten Christengegners Celsus zu widerlegen.
den Lehrer. Dieser ist Aufgrund der finanziellen Zuwendungen konn- Bischöfliche Predigt und Katechese für
durch Bart und Frisur te er sich seinem umfassenden exegetisch-dog- Taufbewerber

© By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany - CC BY-SA 2.0,


wie ein griechischer Phi- matischen Werk widmen. Um zunächst einen Nun soll aber keineswegs der Eindruck entste-

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65038741
losoph dargestellt und zuverlässig überlieferten Text zu haben, stellte hen, es habe keinerlei Unterweisung der Tauf-
im Unterschied zu seinen
er eine Synopse von sechs verschiedenen Versi- bewerber gegeben. Diejenigen, die glaubten und
Schülern hat er auch
onen des alttestamentlichen Textes zusammen versprachen, ihr Leben danach auszurichten, so
eine Fußstütze.
Rheinisches Landes- (Hexapla). Bei der Abfassung seiner zahlreichen schilderte es bereits Justin, wurden angeleitet,
museum Trier. (heute nur noch unvollständig erhalten) Kom- zu beten und zu fasten, um – unterstützt von
mentare zu biblischen Schriften stützte er sich den Gemeindegliedern – vor ihrer Taufe die
auf die rabbinischen Auslegungen ebenso wie notwendige Vergebung für ihre Sünden zu er-
auf die Methoden und Werkzeuge, die seine flehen. Und Origenes stellte gegenüber Celsus
Zeitgenossen zur Kommentierung von Platon- klar, dass die Christen keineswegs nur Unge-
bzw. Aristotelestexten verwendeten. Dazu ge- bildete ansprachen, weil sie die Auseinander-
hörten zunächst das Lesen des Textes, die Text- setzung mit Gebildeten scheuten. Vielmehr
kritik (Feststellung des besten Textes aus den wollten sie alle Menschen über das Christen-
überlieferten Handschriften), Wort- und Sach- tum belehren. Wer von ihnen nach christlichen
erklärungen, Erläuterungen zur rhetorischen Maximen leben wollte, wurde in den Katechu-

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Bildungswelten früher Christinnen und Christen

menenstand aufgenommen und in seiner Le- zusammen sind oder ob sich das Volk aus allen
bensführung von Gemeindemitgliedern über- möglichen Menschenklassen zusammensetzt“
wacht. Man bekommt den Eindruck, dass der (Aug. cat. rud. 15,23).
Unterricht über die Gegenstände des Glaubens Doch rechnete Augustin auch mit Taufbe-
nicht unbedingt im Mittelpunkt stand, sondern werbern, die sich schon eigenständig mit den
Zu antiken römi-
die Einübung in Gebet und Bekenntnis sowie in biblischen Schriften beschäftigt oder darüber
schen Schreibge-
eine konkrete Lebensgestaltung, weshalb etwa diskutiert hatten. Diese Gruppe wollte gar nicht
räten gehörten u. a.
die Ausübung ganz bestimmter Berufsfelder, mehr unterrichtet werden, sondern suchte nur Wachstafeln, Griffel,
die mit der Götterverehrung zu tun hatten oder noch um die Zulassung zu den Sakramenten ein Schaber, um das
gegen die gängige Moral verstießen, verboten nach. Dennoch sah sich Augustin gezwungen, Wachs zu glätten, und
sein sollte. In seinen Predigten unterschied Ori- auch diesen in einem Vortrag die wichtigsten Öllampen. Fund aus
genes zwischen Gläubigen und Katechumenen, Glaubenslehren in Erinnerung zu rufen oder Großbritannien.
die häufig ausdrücklich von ihm angesprochen
und belehrt wurden.
Ab dem 4. Jh. sind verschriftlichte Unterwei-
sungen der Katechumenen, u. a. von Augustin,
überliefert, da der Bischof für die Vorberei-
tung der Taufbewerber verantwortlich war, die
dann in der Osternacht getauft werden sollten.
Während dieser Zeit hatten die Katechumenen
zu fasten und wurden in die zentralen Glau-
bensinhalte eingeführt, d. h. ihnen wurden
das Bekenntnis und das Vaterunser gleichsam
übereignet und die Grundzüge des Taufritus
erläutert. Es wurde großer Wert darauf gelegt,
dass das Bekenntnis nicht aufgeschrieben, son-
dern auswendig gelernt wurde als eine kom-
pakte Zusammenfassung der gesamten Schrift.
Im Zuge der Taufzeremonie musste es dann
von den Täuflingen „zurückgegeben“, d. h. vor
der versammelten Gemeinde laut gesprochen
werden. Dass bei einem berühmten Rhetor wie
Marius Victorinus, der sich im Jahre 355 in Mai-
land taufen ließ, insofern eine Ausnahme ge-
macht werden sollte, als er das Bekenntnis auch
im Stillen ablegen durfte, berichtete Augustin
in seinen Confessiones. Marius Victorinus, der
später angesichts des bereits erwähnten „Rhe-
torenedikts“ des Kaisers Julian sein Amt nieder-
legte, sei jedoch nicht auf dieses Angebot einge-
gangen und hätte das Bekenntnis vielmehr laut
und und für alle vernehmlich gesprochen.
Hochgebildete Katechumenen wie Marius
Victorinus dürften eher die Ausnahme gewe-
sen sein. Meist hatten die Taufbewerber keine
traditionelle Schulbildung vorzuweisen und
konnten weder lesen noch schreiben. Vor al-
lem Letztere lernten durch die Predigten, die sie
während ihrer Katechumenenzeit hörten. Nach
©Tim Gainey / Alamy Stock Foto

der Schriftlesung trug der Bischof seine Kate-


chese vor und die Hörer prägten sich das Wich-
tigste davon ein. Natürlich musste der Bischof
zur Vorbereitung seiner Katechese wissen, „…
ob nur wenige Zuhörer da sind oder viele, ob es
gebildete oder ungebildete oder beide Arten ge-
mischt, ob es Städter oder Bauersleute oder beides

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welt und umwelt der bibel 2/2022 31
Die tägliche Verehrung ihr Wissen gegebenenfalls zu ergänzen. Außer- sen der Zuhörer, den Umständen und den äu-
der Hausgötter - Laren dem sollte ein Bewerber gefragt werden, welche ßeren Bedingungen.
– gehörte selbstverständ- Schriften er gelesen habe, um auszuschließen, Diese waren für Bischof Cyrill von Jerusalem
lich zum Tagesritus in ei- dass er sich vor allem mit häretischem Schrift- († 386) absolut einzigartig, weil er die Topo-
nem römischen Haushalt. tum beschäftigt hat. Darüber hinaus unterrich- grafie des Ortes zur Unterweisung seiner Ka-
Laren waren Hausgott- © Heritage Image Partnership Ltd / Alamy Stock Foto
tete Augustin die Katechumenen auch hin- techumenen nutzen konnte. Auf eindrückliche
heiten, die die Familien-
sichtlich ihrer Lebensführung und warnte sie Weise konnte ihnen der Tod des Erlösers in der
mitglieder schützen und
ihren Wohlstand sichern vor Versuchungen. Als guter Rhetoriker legte konstantinischen Basilika neben der Golgata-
sollten. Seit der Zeit des Augustin großen Wert darauf, dass dieser Vor- kapelle nahegebracht werden. Die Taufe fand
Augustinus enthielt der trag keineswegs langweilig sein dürfe, vielmehr dann im Baptisterium der Grabeskirche, d. h. in
Schrein in jedem Haus je sollte immer deutlich werden, wie sehr der Vor- unmittelbarer Nähe zum Todesort Christi, statt
zwei Laren mit Attributen tragende selbst das liebt, was er seinen Hörern und basierte auf der paulinischen Deutung der
wie einem Rhyton (Trink- nahebringen möchte. Dazu gehörte auch, zwi- Taufe (vgl. Röm. 6). Interessanterweise endete
gefäß) und einer Patera schendurch ihre Emotionen zu wecken, um die die Unterweisung des Cyrill nun aber nicht mit
(Opferschale). Lararium Aufmerksamkeit zu steigern. Insofern lief die der Taufe der Katechumenen in der Osternacht,
(Schrein) aus der Casa Katechese keineswegs schematisch ab, sondern sondern ging in Form der Belehrung in der
dei Vetti, Pompeji.
orientierte sich ganz und gar an den Bedürfnis- Anastasis (Rotunde an der Grabeskirche, die als

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Bildungswelten früher Christinnen und Christen

Anastasis, d. h. als Ort der Auferstehung, ange-


sehen wurde) weiter.
Hier wurde ihnen schließlich das Taufgesche- Rhetorenedikt
hen erläutert: „Schon lange wollte ich euch die-
se geistlichen, himmlischen Mysterien erläutern.
Weil ich aber sehr genau wusste, dass Sehen sehr
Das im Jahre 362 erlassene Edikt regelte, dass bei der Bestellung
viel überzeugender ist als Hören, habe ich den
öffentlicher Lehrer eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der zu-
jetzigen Zeitpunkt abgewartet. Durch die Erfah-
ständigen Stadträte vorliegen müsse. Auch wenn Kaiser Julian das
rung des (Tauf )abends seid ihr sehr viel empfäng-
Christentum hier gar nicht erwähnte, wurde es dennoch zu einem
licher für das, was zu sagen ist. So will ich euch
gegen die Christen gerichteten Edikt, weil es christlichen Lehrern die
nun an der Hand zur leuchtenden und duftenden
Interpretation griechischer Klassiker verbot.
Wiese des Paradieses führen. Ihr seid ja nun in der
Lage, göttliche Mysterien zu verstehen – nämlich
die der göttlichen, Leben spendenden Taufe. Da
nun also der Tisch der vollkommeneren Lehren
gedeckt werden muss – nun, so wollen wir euch Lernen fasst, denn sonst könnte die in der Jugend
genau unterrichten, damit ihr den Sinn dessen einsetzende Abneigung über die unverständigen
einseht, was am Abend der Taufe mit euch ge- Kinderjahre hinaus anhalten. Die Buchstaben,
schehen ist“ (catech. myst. 1,1). aus denen sie allmählich Wörter zusammenfügt,
Auch an dieser Stelle ging es nicht um die Ver- sind nicht dem Zufall zu überlassen, sondern es
mittlung von Wissensinhalten, sondern dar- sollen bestimmte, mit Absicht gewählte Namen
um, den nunmehr Getauften das Erlebte aufzu- sein, z.B. die der Propheten und Apostel und die
schlüsseln, weil die Hörerschaft erst jetzt in der ganze Reihe der Patriarchen von Adam an, wie sie
Lage sei, das Geschehene wirklich zu verstehen. sich bei Matthäus und Lukas findet“ (ep. 107,4).
Als Gemeindeglieder könnte nun die nächste Später sollte das Mädchen jeden Tag eine bi-
Stufe der Unterweisung folgen, weil der Bischof blische Passage auswendig lernen, sich einige
bei dieser Hörerschaft ein vertieftes Verstehen griechische Verse einprägen, aber davon nicht
erwarten dürfte. die Aussprache ihrer lateinischen Mutterspra-
che beeinflussen lassen. Hieronymus verordnete
Christliche Kindererziehung dem Kind eine spezielle Leseanweisung für die
Die hier angesprochenen Taufbewerber waren
ausnahmslos erwachsene Menschen. Kinder
und Heranwachsende, wie etwa der seinerzeit Meist hatten die Taufbewerber keine
noch junge Augustin oder Paulinus von Pel-
la, wurden auch von christlichen Eltern der
traditionelle Schulbildung vorzuweisen
traditionellen Erziehung anvertraut, die oben
skizziert worden ist. Vereinzelt gab es jedoch biblischen Texte: Zunächst möge sie die Psalmen
Eltern, die – in diesem Fall eine am asketischen lesen, später dann die Sprüche als Richtschnur
Leben interessierte Mutter – sich an Lehrer wie für ihr Handeln studieren. Mit den Klageliedern
Hieronymus († 420) wandten, damit dieser könne sie lernen, die Welt zu verachten und sich
für die Tochter ein dezidiert christliches Er- mit Ijob in Geduld üben. Damit sei sie auf die
ziehungskonzept entwickeln möge. Doch die Lektüre der Evangelien, der Apostelgeschichte
Anfrage hatte ihre Tücken: Schließlich war der und der Briefe vorbereitet. Besondere Vorsicht
Vater des Kindes ein einflussreicher heidnischer sei allerdings bei schwierigen Texten wie dem Lesetipps
Aristokrat. Auf keinen Fall durfte der Eindruck Hohelied oder einigen Apokryphen – den Tex- • Greschat, Katharina:
entstehen, Hieronymus sei einer dieser selbst ten, die nicht in der Hebräischen Bibel vorkom- Gelehrte Frauen des
ernannten Lehrer, die sich aufdrängen und die men – geboten. Am allerbesten sei es jedoch, frühen Christen-
Autorität des pater familias untergraben woll- wenn die junge Frau den Verlockungen der Me- tums. Zwölf Porträts,
ten. Insofern setzte Hieronymus alles daran, die tropole Rom den Rücken kehren und nach Bet- Standorte in Antike
traditionelle Bildung mit christlichen Inhalten lehem zu ihrer inzwischen asketisch lebenden und Christentum 6,
zu verknüpfen. So sollte das Mädchen wie jedes Familie, bestehend aus ihrer Großmutter und Stuttgart 2015.
Kind der Oberschicht mit Buchstabenplättchen Tante sowie dem Lehrer Hieronymus, ziehen • Weeber, Karl-Wilhelm:
das Alphabet lernen und mit diesen dann spie- würde. Tatsächlich hatte Hieronymus damit am Lernen und Leiden.
lerisch Silben und Wörter zusammensetzen. Ende Erfolg; als junge Frau ließ sie sich in Bet- Schule im Alten Rom,
Hieronymus erläutert dazu: „Man muss vor lehem nieder und verwaltete dort die von ihrer Darmstadt 2014.
allem vermeiden, dass sie Widerwillen gegen das Großmutter gegründeten Klöster. W

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Die antiken Bibliotheken zwischen Macht und Religion

Wissensspeicher der
Herrschenden
Wissen ist Macht – auch in der Antike. Bibliotheken waren häufig Sammlungen von
Herrschaftswissen, das den Mächtigen zugänglich war. Verbunden waren sie in ver-
schiedenster Weise mit sakralen Orten, wenn auch nicht explizit religiös ausgerichtet.
Von Johannes Bergemann

Prunkfassade
der Bibliothek
des Celsus mit
dem Grab des
Stifters, Blick-
fang im antiken
Ephesos.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Ö
ffentliche Bibliotheken scheint es in Dieser überraschende Befund lenkt den Blick auf
Griechenland seit dem Hellenismus (3.- den Zusammenhang des griechischen Symposions
1. Jh. vC) gegeben zu haben. Pergamon in und der Bibliotheken. Dabei handelt es sich eher
Kleinasien und vor allem Alexandria in Ägypten nicht um ein religiös motiviertes Gelage, sondern
konkurrierten miteinander. Diese Bibliotheken um ein Gelehrtenmahl, wie man es aus den Schrif-
waren von den lokalen Herrscherdynastien ge- ten des Philosophen Platon aus dem 4. Jh. vC kennt.
gründet worden, und zwar in paganen Heiligtü- In heutigen Bibliotheken wird streng darauf
mern. Auch wenn die Bibliothek von Alexandria geachtet, dass keine Speisen und Ge-
bisher weder lokalisiert noch ausgegraben werden tränke verzehrt werden. In den an-
konnte, berichten antike Autoren, dass sie im Mu- tiken Bibliotheken jedoch scheint
senheiligtum lag, die von Pergamon hingegen im sich gerade das Gelage mit dem
Heiligtum der Athena. Die frühen öffentlichen intellektuellen Diskurs verbunden
Bibliotheken waren also zugleich Wissensspeicher zu haben. Über die Bibliothek von
der Machthaber und sie waren dem sakralen Be- Alexandria wird berichtet, dass sie
reich zugeordnet. im Heiligtum der Musen lag, das
Im Mittelalter gehörten die Bibliotheken zu den ein Teil des Palastareals der Pto-
Klöstern und waren mithin Teil der sakralen Welt, lemäer-Könige war. Dort gab es
als Orte der religiösen Bildung und Forschung. eine Vereinigung von Gelehrten,
Zugleich ermöglichten sie mit ihren Skriptorien denen außer finanziellen Mitteln
die Überlieferung zumindest eines Teils der an- Speiseräume zur Verfügung stan-
tiken Literatur. Das intellektuelle Interesse der den. Wahrscheinlich gehörten auch zur Bibliothek
Kleriker zielte also ebenso auf religiöse Aspek- von Pergamon Räume für das Mahl der
te wie auf das vorchristliche, klassische Wissen. Gelehrten. Der Befund aus der Bibliothek
Daher hat die moderne Forschung versucht, eine von Taormina ist bisher noch nicht in die-
Tradition zwischen antiken, vorchristlichen und sem Zusammenhang gesehen worden. Of-
späteren christlichen Bibliotheken als Orten des fenbar jedoch war das Gelage der Gelehrten Teil
religiösen Studiums zu konstruieren. Ein Blick auf der antiken griechischen Bibliotheken. Allerdings
die Bibliotheken der griechisch-römischen Antike war das Symposion weniger ein religiöser als ein
und die möglichen Traditionslinien kann diese profaner, intellektueller Event.
Annahme jedoch nicht bestätigen. Interessant erscheint hingegen die Lage der Bi-
bliotheken in den Heiligtümern der Athena in
Griechische Bibliotheken und das Pergamon und der Musen in Alexandria, wo der Funde der Biblio-
Symposion der Gelehrten Gemeinschaft der Gelehrten auch ein Priester zur thek von Taormina:
Im 3. Jh. vC gab es in Taormina auf Sizilien eine Verfügung stand. In Pergamon stand im Biblio- Das Knochenschar-
Bibliothek. Sie wurde noch vor der römischen thekssaal wahrscheinlich gar eine kolossale Statue nier stammt wohl
Kaiserzeit aufgegeben, sodass die Reste in zwei der Athena, die nach dem Vorbild der Athena Par- von den Schränken,
in denen Buchrollen
verfüllten Zisternen unter einem späteren Ge- thenos, dem Kultbild von der Hand des Phidias
aufbewahrt wur-
bäude gefunden wurden. Darin haben sich vor im Parthenon in Athen, kopiert worden war. In
den. Darunter ein
allem Fragmente von Wandstuck mit aufgemalten der Bibliothek wurde sie jedoch kaum als Kultbild Bibliothekskatalog
Inschriften erhalten. Sie nennen die Namen und verehrt, denn es fehlt etwa ein Altar. Vielmehr
links © Johannes Bergemann 2016; rechts © K. Rausch / J. Bergemann

(Lemmata) und
Biografien von Autoren, es handelt sich also um verweist sie auf die enge Beziehung der pergame- Tafelgeschirr für
eine Art antiken Bibliothekskatalog. Diese sog. nischen Könige zu Athen. Die Könige von Per- Mähler in der Biblio-
gamon versuchten ihre mediokre Herkunft – ihr thek (verschiedene
Das Gelage der Gelehrten Vorfahr hatte den Staatsschatz der seleukidischen Maßstäbe).
Könige veruntreut – durch zahlreiche Baustiftun-
war Teil der antiken grie- gen in Athen, auf der Agora und der Akropolis zu
chischen Bibliotheken kaschieren. Auch in Pergamon selbst stellte man
sich als kulturelle Großmacht in der Tradition des
Lemmata dienten zur Orientierung der Leser und klassischen Athen dar.
zur Auffindung der Schriftrollen, denn zu dieser Die Lokalisierung der pergamenischen Biblio-
Zeit gab es noch keine gebundenen Bücher. Unter thek im Heiligtum der Athena und der alexan-
den Resten der Bibliothek von Taormina wur- drinischen Bibliothek im Heiligtum der Musen
den auch Scharniere der hölzernen Schränke für spricht also nicht für einen vertieften Bezug zur
die Buchrollen gefunden. Dazu große Mengen an Religion. Vielmehr diente die religiöse Einbet-
qualitätvoller Keramik, die vor allem beim antiken tung der pergamenischen Bibliothek offenbar pri-
Gastmahl, dem Symposion, Verwendung fanden. mär der politischen Propaganda der Könige.

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welt und umwelt der bibel 2/2022 35
über den ersten Kaiser gehalten haben soll. Und die-
ser gab zugunsten des neuen Heiligtums sogar einen
Teil seines Privathauses auf. Vespasian (69–79 nC)
errichtete eine Bibliothek im Bereich des Templum
Pacis, dem Tempelbezirk der Friedensgöttin. Die Ein-
bettung der Bibliotheken in die sakrale Sphäre („Em-
bedded Religion“) setzte sich also in der Römerzeit
durchaus fort.
Doch kamen neue Aspekte hinzu. Denn Trajan
(98–117 nC) ließ Bibliotheken im Komplex seines
prachtvollen Kaiserforums in Rom errichten. Am
Wahrschein- Auch wurden hier keineswegs allein religiöse Texte Eingang der gewaltigen Platzanlage gab es eine grie-
licher Biblio- gesammelt und studiert. Um Religion ging es in den chische und eine lateinische Bibliothek, die das Grab
theksraum im Bibliotheken von Pergamon und Alexandria mithin des Kaisers im Sockel seiner Säule flankierten. Das
Athenaheiligtum eher am Rande. Die Bibliotheken standen unter dem Reliefband der Säule zeigte die Geschichte der bei-
von Pergamon. Schutz der Gottheiten, in deren Heiligtümern sie den Kriege des Kaisers in Dakien, dem heutigen Ru-
sich befanden. Sie hatten einen sakralen Bezug wie mänien. Trajan bezog also die Bibliotheken auf sein
alles in der antiken Welt Teil der sakralen Sphäre sein Grab und seinen Nachruhm.
konnte: Theateraufführungen, die in Athen mit dem Weil die politische Ordnung der frühen und hohen
Kult des Dionysos verbunden waren, ebenso wie die Kaiserzeit, der Prinzipat, keine absoluten Vorrechte
sportlichen Wettkämpfe von Olympia im Heiligtum des Kaisers gegenüber den höchsten Eliten, vor allem
des Zeus, in Delphi hingegen in dem des Apollon und der Gruppe der Senatoren, kannte, wurde diesem kai-
in Isthmia in dem des Poseidon stattfanden. In Athen serlichen Beispiel von extrem reichen, nichtkaiserli-
veranstaltete man am höchsten Fest der Stadtgottheit, chen Personen nachgeeifert. Besonders gut erhalten ist
Athena, den Panathenäen, sportliche Wettkämpfe. die Bibliothek des Senators Tiberius Julius Celsus Po-
Religion war in allen Bereichen des antiken Lebens lemaeanus in Ephesos in Kleinasien (heutige Türkei),
präsent, auch in den Bibliotheken. Man hat einen sol- die weitgehend wiederaufgebaut wurde und noch
chen weitläufigen Zusammenhang als „Embedded heute einen Blickfang im Zentrum dieser bedeuten-
Religion“ angesprochen. den antiken Stadt bildet. Der Stifter hatte als Statthal-
Dagegen verdeutlicht die Zugehörigkeit des Mu- ter der Provinz Asien amtiert, deren Hauptstadt Ephe-
senheiligtums mit der Bibliothek zum Areal des kö- sos war. Nach seinem Tod gewährte man ihm ein Grab
niglichen Palastes von Alexandria, wie sehr dieser im Zentrum der Stadt, was extrem ungewöhnlich war
Wissensspeicher auf den König bezogen war. Auch und eigentlich nur Gründungsheroen antiker Städte
die Bibliothek von Pergamon lag unweit der – eher zustand, allerdings unter der Bedingung der Stiftung
anspruchslosen Paläste – auf der Burg. Man kann gera- der Bibliothek. Sie lag direkt über seiner Grabstätte.
dezu von Herrschaftswissen sprechen, das in diesen Ihre prächtige Fassade rühmte und überhöhte den
Bibliotheken gesammelt wurde. Die hellenistischen toten Stifter, Celsus, durch ein aufwändiges Bildpro-
Bibliotheken wurden also von den Königen der auf gramm mit Reiterstatuen und Personifikationen. Das
Alexander d. Gr. folgenden Reiche (Diadochen) ein- alles geschah unter der Regierung des Kaisers Hadrian
gerichtet und betrieben. Sie waren Wissensspeicher (117–138 nC), der auf Trajan (98 –117 nC) folgte, also
und dienten den Interessen dieser Herrscher. nur wenig später, nachdem dieser in Rom sein Grab in
den Zusammenhang seiner Bibliotheken gestellt hat-
Römische Bibliotheken als Phänomen der te. Es ist also klar, dass Celsus sich in Ephesos an dem
Kaiser und sozialen Eliten kaiserlichen Vorbild des Trajan in Rom orientierte.
In der römischen Gesellschaft bekamen die Biblio- Celsus stiftete auch einen Kapitalstock, aus dem den
theken eine neue Bewertung. Mit dem Sammeln erhaltenen Inschriften zufolge die Personalkosten der
von Büchern entstanden nun Bautypen, die die neue Bibliothek und der Ankauf von Büchern finanziert
Funktionalität der Wissensspeicher architektonisch werden sollten.
bedienen konnten. Wenig später stiftete ein uns namentlich nicht
© Johannes Bergemann 2016

Zwar engagierten sich auch die römischen Kaiser bekannter Angehöriger der lokalen Elite eine Bib-
durch Bau und Unterhaltung von Bibliotheken. Au- liothek in der Stadt Nysa am Mäander in Kleinasien
gustus (31 vC – 14 nC) ließ im Heiligtum des Apol- (heutige Türkei), nicht weit von Ephesos, unter der
lon auf dem Palatin in Rom eine Bibliothek errichten. er sich ebenfalls in der Stadtmitte bestatten lassen
Sie stand unter dem Schutz der Gottheit, die in der durfte.
für seine Herrschaftsbegründung entscheidenden Auch ohne ein Grab war es attraktiv für die Ange-
Schlacht von Actium (31 vC) ihre Hand schützend hörigen der extrem reichen Eliten, Bibliotheken zu

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stiften. In Athen stiftete unter dem Kaiser Trajan
(98–117 nC) ein gewisser Titus Flavius Pantai-
nos eine öffentliche Bibliothek nahe an der grie-
chischen Agora, der ein Priester der Musen war,
und weihte sie zusammen mit seinen Kindern
der Stadtgöttin Athena und dem Kaiser Trajan.
In Verbindung mit dem Bezug zum Kult der Mu-
sen deutet sich erneut ein eingebetteter religiöser
Charakter an. Der Vater des Stifters scheint der
Vorsteher einer Philosophenschule gewesen zu
sein. Erstmals gab es nun eine öffentliche Biblio-
thek in Athen, aus der, wie eine Inschrift festlegt, den Römern wandelten sich die Bibliotheken zu Die Bibliothek
keine Bücher mitgenommen werden durften. Objekten großzügiger Spenden der Kaiser und von Nysa.
In Pergamon schließlich, am Fuß des hellenis- der hochstehenden politischen und sozialen Eli- Das Grab des
tischen Burgberges, im Heiligtum des Asklepios, te. Zumindest in Rom scheinen die Bibliotheken Stifters befand
stiftete eine Frau, Flavia Melitine, eine Bibliothek, besonders den Juristen als Archive für Urteile, Ge- sich unter dem
Vorraum.
die zwar wiederum in einem Heiligtum liegt, aber setze und juristische Literatur gedient zu haben.
augenscheinlich kaum religiöse Aspekte bediente. Zwar lagen die antiken Bibliotheken oft in Hei-
Auch enthielt sie nicht das Grab der Stifterin, son- ligtümern der Musen, der Athena oder des Apol-
dern im Zentrum der Bibliothek stand eine Statue lon, doch wirkten die Gottheiten vornehmlich als
des regierenden Kaisers Hadrian (117–138 nC). deren Beschützer. Sicher war Religion neben allen
Dadurch wird erneut der enge Bezug zwischen den anderen Themen, Philosophie ebenso wie Histo-
Bibliotheken und dem Kaiser materialisiert. Bei- riografie und Naturwissenschaft, ein Thema der
spielhaft dafür steht schließlich die Bibliothek des Schriften in den antiken Bibliotheken, aber nicht
Hadrian in Athen. Sie ist nicht in einem Heiligtum, das einzige. Religion war hier ebenso präsent wie
sondern einem öffentlichen Vergnügungskomplex bei den sportlichen Wettkämpfen z. B. in Olympia
mit Säulenhallen, Blumenbeeten und Wasserbe- oder bei den Theateraufführungen im Dionysos-
cken kontextualisiert. Zu ihren Seiten gab es auch heiligtum von Athen. Religion war in der antiken
zwei Vorlesungssäle, die den der Öffentlichkeit zu- Welt omnipräsent. Andererseits waren die antiken
gewandten, bildenden Charakter der ganzen Ein- Bibliotheken nicht als Orte religiöser Bildung oder
richtung unterstreichen. gar für die Ausbildung der Kleriker konzipiert.
Keine der griechischen und römischen Biblio- Insofern bleibt die Antike auch hinsichtlich der
theken überlebte das Ende der Antike. Die Biblio- Geschichte ihrer Bibliotheken für uns das „Nächs-
thek von Alexandria brannte vielleicht schon zur te Fremde“ (Uvo Hölscher). Für die Antike waren
Zeit Caesars oder später ab. Die Hadriansbiblio- Bibliotheken Orte universellen Wissens, das von
thek in Athen wurde schon im 3. Jh. nC in Mitlei- Königen, Kaisern und den reichsten Mitgliedern der
denschaft gezogen, als die Heruler, Nomaden aus Gesellschaft durch Stiftungen vorgehalten wurde.
der eurasischen Steppe, Athen bedrohten. Eine Der spezifische Bezug der Bibliotheken zur Reli-
Kirche wurde erst viel später an derselben Stel- gion scheint eine Fortentwicklung, die der christ-
le errichtet, als die Bibliothek wohl längst nicht lichen Wortreligion zu verdanken ist und die die
Prof. Dr. Johannes
mehr existierte. Selbst die Bibliothek am Temp- Erhaltung eines Teils des antiken Wissens ermög- Bergemann ist
lum Pacis in Rom wurde in der Spätantike, jeden- lichte. Die Einrichtung öffentlicher Bibliotheken Direktor des Archäo-
falls vor dem 6. Jh. nC, zerstört. Die Institutionen und ihre Zuordnung zu Bildungseinrichtungen und logsichen Instituts
der antiken Bibliotheken überdauerten also nicht namentlich zu Universitäten in der frühen Neuzeit der Universität
das Ende der antiken Welt. Die Überlieferung der führten sie viel später in antiker Tradition zurück in Göttingen.
erhaltenen antiken Literatur verlief vielmehr über die Mitte der Gesellschaft. W
andere Wege, namentlich die neuen Klosterbib-
liotheken und Skriptorien des Mittelalters.
Literatur:
© Johannes Bergemann 2016

Antike Bibliotheken: Könige, Kaiser und • Jason König – Katerina Oikonomopoulou – Greg Woolf (Hrsg.), Ancient Libra-
die „Embedded Religion“ ries (Cambridge University Press 2013).
Die öffentlichen Bibliotheken der Griechen star- • Alexander Bätz, Seelen der Stadt. Bibliotheken im kaiserzeitlichen Rom, Wiesba-
teten also im Zeitalter des Hellenismus (3.–1. Jh. den, Harrassowitz 2020).
vC) als königliche Wissensspeicher. Hier wurde • Kerstin Rausch, Antike Bibliotheken. Bildungsorte zwischen Symposion, Religion
Herrschaftswissen gesammelt. Dafür wurden in und gesellschaftlicher Repräsentation, Dissertation Göttingen 2021 (im Druck).
Alexandria Gelehrte an die Bibliothek geholt. Bei

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welt und umwelt der bibel 2/2022 37
Die Begrenzung von Wissen

Angst vor zu viel Wissen


und Bildung?
In der griechisch-römischen Gesellschaft konnte Bildung zu einer nicht ge-
wünschten Verschiebung sozialer Grenzen führen und wurde daher kritisch beo-
bachtet. Die Christen durchbrachen diese Bildungsschemata – hatten aber ihrer-
seits Schwierigkeiten mit paganen Bildungsinhalten. Von Peter Gemeinhardt

K
önnen Menschen zu gebildet sein? In der torik zu beschäftigen: vor allem Männer aus der
Moderne würde man es andersherum for- Oberschicht, aus denen sich die Funktionäre
mulieren: Wenn Bildung der Schlüssel auf kommunaler und imperialer Ebene rekru-
zum Erfolg des individuellen Lebens und zum tierten. Frauen kamen nur selten in den Genuss
Fortschritt der Menschheit ist, kann es nie zu solcher Bildung, da diese nicht zu den Voraus-
viel Bildung geben! Ob dies für unsere Gegen- setzungen für eine vorteilhafte Heirat zählte.
wart zutrifft, sei dahingestellt. Doch in der An- Die Dichtungen Homers oder Vergils aus dem
Prof. Dr. Peter Gemein-
tike war Fortschritt kein Wert an sich. Hier war Gedächtnis zu zitieren, beim Reden Vorbildern hardt ist Professor für
das Gute stets das Traditionelle: „Wir müssen das wie Demosthenes oder Cicero zu folgen, die Er- Kirchengeschichte an der
Althergebrachte immer in Ehren halten“, erklärte eignisse der Gegenwart als mindestens genauso Theologischen Fakultät
der Römer Macrobius um 430 nC. Entsprechend dramatisch wie Thukydides’ Peloponnesischen der Georg-August-Univer-
wurde soziale Mobilität eher als Problem denn Krieg oder Sallusts Verschwörung des Catilina sität Göttingen. Schwer-
als Chance begriffen. Dass es ein homo novus wie zu klassifizieren: Das waren Versatzstücke eines punkt seiner Forschungen
Augustin aus einer Kleinstadt im nordafrikani- elitären Codes, über den verfügte, wer die höhe- ist die religiöse Bildung
schen Hinterland zum Rhetoriklehrer am Kai- ren Schulen besucht hatte, und der seinen Wert im spätantiken Christen-
serhof in Mailand brachte, war die Ausnahme; behielt, als die Welt, in der die alten Geschich- tum.
und dass er nur wenig später zum Christentum ten spielten, längst untergegangen war.
konvertierte, Bischof wurde und sich in den „Be-
kenntnissen“ kritisch über seine Bildungskarrie- Das Christentum fügt sich nicht ein
re äußerte, dürfte manchen in seiner Auffassung Entsprechend groß war das Geschrei, als mit
bestätigt haben, dass eben doch besser alles beim dem Christentum eine religiöse Neugründung
Alten bliebe. auf der Bildfläche erschien, die sich nicht in die-
Eine solche Begrenzung des Erwerbs von
Wissen und Bildung war in der griechischen Die Begrenzung des Erwerbs von
und römischen Welt völlig normal. Bildung
war ein Distinktionsmarker: Zwar musste in Wissen war in der römischen Welt
jedem Dorf des Imperium Romanum jemand völlig normal
schreiben und lesen können, um Verträge zu
schließen und die Geschäftskorrespondenz zu se bewährten Schemata fügte. Kurioserweise
führen. Doch Bildung, die ihren Namen ver- fühlten sich Literaten und Philosophen von ei-
diente, war den „happy few“ vorbehalten, die ner Minderheit, die immer wieder behördlichen
Zeit und Geld dafür aufbringen konnten, sich Repressalien unterworfen wurde, bedroht. Es
mit Dichtung, Geschichtsschreibung und Rhe- war zu viel des Neuen, dass bei den Christen,

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Darstellung eines jun- wie ihre Kritiker beklagten, Frauen, Kinder und baus ausagen zu wollen; über eine Frage, die das
gen Mannes mit Lor- Sklaven, die im öffentlichen Diskurs nicht sa- Denken so vieler Schulen zu allen Zeiten bis zum
beerkranz und Schrift- tisfaktionsfähig waren, sich anmaßten, im phi- heutigen Tag beschäftigt hat“ (Octavius 5,4;
rolle. Die Schilderung losophischen Gespräch mitzumischen. Diese Übers. Bernhard Kytzler).
römisch-griechischer
Haltung brachte der christliche Autor Minucius Minucius selbst betonte, es komme nicht auf
Gottheiten und Mythen
Felix (vor 250 nC) in seinem Dialog Octavius das Ansehen des Sprechers an, sondern auf die
in der Literatur machte
Studium und Lehre für auf den Punkt, wo sich der „Heide“ Caecilius Wahrheit seiner Aussage. Das war ein unerhör-
frühe Christen prob- indigniert äußert: tes Statement!
lematisch. Fresko in „Es muss doch jeden empören und verärgern,
Pompeji. 1. Jh. nC. wenn einige Menschen – dazu noch Leute ohne Weniger Bildung für die Frauen
Archäologisches Bildung, ohne Kenntnis der Wissenschaften, die Sprachen aber in christlichen Gemeinden Frau-
© gemeinfrei

Museum Neapel. nicht einmal zu den niedersten Verrichtungen zu en wirklich gleichberechtigt mit? Schon der
gebrauchen sind – es sich herausnehmen, etwas erste Timotheusbrief hatte der Frau das Lehren
Sicheres über die Natur des erhabenen Welten- und das Herrschen über den Mann verboten –

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welt und umwelt der bibel 2/2022
man fürchtete wohl, zu viel Bildung würde die ihnen durch übertragene Aussage – die sogenann-
Hierarchie der Geschlechter unterminieren. Eine te Allegorese – einen tieferen, unanstößigen Sinn
Frau wie Thekla, die als Gefährtin des Paulus in – dies kam in hellenistischer Zeit in Alexandrien
Kleinasien missionierte und wohl auch taufte, in Gebrauch und wurde auch für die jüdische und
war eine Ausnahme. christliche Auslegung der Bibel bedeutsam.
Es gab gebildete Frauen – lehrende Heilige Christliche Autoren griffen aber auch zur strik-
wie Macrina, weise Wüstenmütter wie Theodo- ten Antithese: Tertullian (um 200 nC) betrach-
ra oder Dichterinnen wie Proba –, doch waren tete den Schulunterricht als eine Form des „Göt-
Männer bemüht, sie mit nicht zu viel Bildung zendienstes“, da jeder Lehrer den „heidnischen“
in Berührung kommen zu lassen: Göttern verpflichtet sei, erhalte er doch an deren
Hieronymus schrieb 384 ei- Festtagen seinen Lohn! Außerdem müsse ein Leh-
nen Brief „über das jung- rer den Stoff seinen Schülern beliebt machen; man
fräuliche Leben“ an die könne nichts lehren, von dem man sich ständig
Römerin Eustochium. dis­t anziere (eine ernsthafte pädagogische Ein-
Der Bildungskanon sicht). Wohin es führe, wenn Christen mit falscher
der Schulen sei ein Bildung an die Bibeltexte herangingen, zeigten die
Problem: Auslegungen der Gnostiker. Gegen diese formu-
„Was hat Horaz lierte Tertullian seine berühmte Antithese:
mit dem Psalter „Was haben also Athen und Jerusalem gemein-
zu schaffen, Vergil sam, was die Akademie und die Kirche, was Häre-
mit den Evangeli- tiker und Christen? Unsere Unterweisung stammt
en, Cicero mit dem aus der ‚Halle Salomos‘ (Joh 10,23), der dazu in ei-
Apostel? Ist es nicht gener Person gelehrt hatte, dass man den Herrn ‚in
ein Ärgernis für dei- der Einfalt des Herzens‘ (Weish 1,1) suchen müsse.
nen Bruder, wenn er Sollen die für sich zusehen, die ein stoisches, ein pla-
dich in die Götzenver- tonisches, ein ‚dialektisches‘ Christentum hervor-
ehrung zurückfallen sieht gebracht haben!“ (De praescriptione haereticorum
(vgl. 1 Kor 8,9)?“ (Epistula 7,9-11; Übers. Dietrich Schleyer)
22,29,7) In der Tat gab es in Gruppen, die sich viel auf
Stattdessen solle Eustochium die ihre intellektuellen Qualitäten zugutehielten,
Junge Frau (häufig Bibel und christlich-asketische Schriften lesen, die Überlieferung verborgenen („apokryphen“)
Sappho genannt) die alles böten, was sie wissen müsse, und sie Wissens, das sich oft besonderen Mitteilungen
mit Wachstafel zugleich vor den Gefahren bewahrten, die im Jesu an einzelne seiner Gefährten verdankte, z. B.
und Griffel. Der Umgang mit „heidnischen“ Texten drohten. Hie- Thomas, Judas oder Maria, von denen man sogar
Zugang zu Wissen
ronymus motivierte diese Mahnung mit einer far- Evangelien kannte. Diese „antiken christlichen
für Frauen wurde
big ausgemalten Gerichtsszene: Der himmlische Apokryphen“ erzählen – entgegen einer verbrei-
strikt reglementiert.
Fresko aus Pom- Richter Christus habe ihn im Traum angeklagt, er teten Erwartung – nicht die wirklich wahre Ge-
peji, 55–79 nC. habe trotz seiner Bekehrung die klassische Litera- schichte über Jesus. Sie kursierten in den Kreisen
Archäologisches tur nicht hinter sich gelassen, sondern sei davon derer, die tiefere „Erkenntnis“ (Gnosis) als der
Museum Neapel. immer noch fasziniert, kurz, er sei kein Christi- Mainstream gewinnen wollten, wobei oft die zeit-
anus, sondern ein Ciceronianus, „denn wo dein genössischen Bischöfe oder sogar die Apostel Pet-
Schatz ist, daran hängt dein Herz“ (Mt 6,21): Klas- rus und Paulus in ein kritisches Licht gerückt wur-
sische Bildung sei sein Götze! den. Die Limitierung solchen (Geheim-)Wissens
über Gott, ​­Jesus und die Welt trug wesentlich zur
Vorbehalte gegen pagane Literatur Formierung des biblischen Kanons bei.
Was aber war falsch an Cicero und anderen grie- Paradoxerweise – so könnte es bei Tertullian
chischen und römischen Autoren? In Homers Ili- scheinen – lehnten die Christen, denen die „Hei-
as und Odyssee oder in Vergils Aeneis wimmelte den“ den falschen Gebrauch von Bildung vorwar-
es bekanntlich von Göttern – nur eben (aus christ- fen, diese tatsächlich ab. Doch gab es auch andere
licher Sicht) von den falschen. Wie diese Götter Stimmen: Tertullians Mitchristen in Karthago
miteinander stritten und welche Intrigen sie ge- fürchteten, dass ihre Kinder ohne jegliche Schul-
geneinander spannen, das war (schon für vor- bildung keine beruflichen und gesellschaftlichen
christliche Leser) jenseits des Akzeptablen. Nun Chancen hätten. Eine solche Selbstexkommuni-
© gemeinfrei

konnte man diese Werke schlicht als Literatur, kation wurde nicht vollzogen.
nicht als religiöse Texte lesen – wie im Gramma- Nach allem, was wir wissen, waren viele Chris-
tik- und Rhetorikunterricht. Oder man entnahm ten auch als Lehrer an öffentlichen Schulen tätig,

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Die Begrenzung von Wissen

und dies ohne schlechtes Gewissen. Dar-


über hinaus war christliche Theologie gar
nicht ohne rhetorische Kompetenz denk-
bar (Tertullians Schriften zeigen, dass er ein
guter Gerichtsredner war!). Die Entgegen-
setzung von „heidnischer“ und „christli-
cher“ Bildung war Teil dieser rhetorischen
Strategie, sich vom Götzendienst der Welt
abzugrenzen – und dennoch sprachfähig
zu sein. Dies gipfelte in einer weiteren
pointierten Antithese:
„Christus erwählte nicht Könige oder Se-
natoren, nicht Philosophen oder Redner; tat-
sächlich erwählte er vielmehr einfaches Volk,
Arme, Ungelehrte und Fischer. Petrus war
Fischer, Cyprian war Redner. Wenn nicht
im Glauben der Fischer vorangeht, kann der
Redner nicht demütig folgen“ (Augustin,
Sermo 197,2).
Augustin († 430) ordnete hier die redne-
rische Brillanz des Bischofs von Karthago,
Cyprian († 258), der unbedarften Rede des
Petrus nach, der keine Bildung genossen,
aber dennoch vor dem Hohen Rat in Jeru-
salem vollmächtig gesprochen habe (Apg
4,13).
Wir haben also in der Tat ein Paradox
vor uns: Christliche Theologen nahmen
die Bildung, die sie in der Schule erwor-

oben: Archäologische Ausgrabung der


Platonischen Akademie im heutigen
Athener Stadtteil Akadimia Platonos.

unten: Darstellung der Adademie Pla-


tons, Mosaik aus Pompeji, Neapel.
oben © By Tomisti - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.

Die Platonische Akademie ist die ältes-


te Einrichtung dieser Art in Griechen-
land und sie bestand auch am längsten.
Die Schule existierte in verschiedenen
Phasen, eine letzte Blütezeit erlebte sie
Anfang des 5. Jh. Dann kam es jedoch
org/w/index.php?curid=4792689; unten © gemeinfrei

zum Konflikt mit dem Christentum, das


seit dem späten 4. Jh. die dominieren-
de Religion im Römischen Reich war.
Die Athener Neuplatoniker lehnten das
Christentum ab und verstanden sich als
Zentrum des Widerstands. Im Jahr 529
ordnete Kaiser Justinian I. die Schließung
der Athener Schule an – als letzte der al-
ten Philosophenschulen. Es folgte ein all-
gemeines Lehrverbot für Nicht-­Christen.
Die letzten platonischen Philosophen
emigrierten zunächst an den
persischen Königshof.

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welt und umwelt der bibel 2/2022 41
ben hatten, in Anspruch, um ihre Botschaft an Bildung akzeptiere; wer damit ein Problem habe,
den Mann und an die Frau zu bringen (wie hätten könne ja „in den Kirchen der Galiläer den Matthäus
sie auch sonst „alle Völker zu Jüngern“ machen und Lukas auslegen“. Julian verstand die schulische
sollen, wie Jesus nach Mt 28,19f vorgeschrieben Vermittlung literarischer Kenntnisse – wenn man
hatte?). Sie postulierten zugleich eine kritische so sagen darf – als konfessionsgebundenen Religi-
Distanz zu dieser Bildung, mit der man vorsichtig onsunterricht und damit ähnlich wie Tertullian,
umgehen musste, da sie von irrigen Göttervor- nur mit umgekehrter Pointe zugunsten des „Hei-
stellungen kontaminiert war. Literarische Bildung dentums“.
war und blieb Teil der Welt, die das frühe Chris- Viele christliche Theologen waren empört:
tentum zum Glauben an Christus bringen wollte. Nach Gregor von Nazianz († um 390) gehöre die
Darum wurden auch keine eigenen Bildungsein- Literatur nicht nur einer Gruppe, sondern allen
richtungen gegründet, solange die Institutionen vernünftigen Menschen! Auf Bildung zu verzich-
der klassischen Bildung Bestand hatten. ten, war daher keine Option.

Tiefpunkte
christlicher Bildungsfeindschaft
Auf Bildung zu verzichten, war Solche Diskussionen über Bildung blieben meis-
keine Option tens auf literarische Dispute beschränkt. Ab und
zu ging es auch handgreiflich zu: Von dem christ-
lichen Lehrer Cassianus aus Imola wird berichtet,
Als die Christen nicht mehr verfolgt wurden, er sei während der Verfolgungen im frühen 4. Jh.
sondern seit Kaiser Konstantin sogar Förderung von seinen Schülern mit ihren Griffeln erdolcht
genossen, musste sich in Bezug auf Bildung daher worden. Das mag eine fromme Legende sein. Ver-
gar nicht viel ändern. Kaiser Julian (361–363), der bürgt ist allerdings, dass im Jahr 415 oder 416 ein
das Reich zurück zum Glauben an die alten Götter christlicher Mob in Alexandrien die Philosophin
führen wollte, nahm die Christen allerdings ernst Hypatia zu Tode brachte. Das Klima in der Stadt
und schrieb vor, an öffentlichen Schulen dürfe nur war durch den Konflikt zwischen dem Präfekten
lehren, wer die in den Schultexten auftretenden Orestes und den Bischof Kyrill († 444) aufgeheizt,
Götter aufrichtig verehre und sie als Führer zur weil dieser zu Gewalt gegen die alexandrinischen

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Die Begrenzung von Wissen

Bildung und Mythologie: Die Überreste eines erhaltenen Mosaiks aus


dem Palast des Provinzstatthalters (procurator) in Trier zeigen Darstel-
lungen der Götter Merkur und Minerva (oben), zwei sitzende Musen im
Gespräch, eine von ihnen mit Griffel und Buchrolle. Die auf der Spitze
stehenden Quadrate beinhalten Schüler mit Buchrolle, Schreibtafel und
Griffel. In den Ecken zwei Windgötter. Die Motive des Mosaiks spiegeln
die Vorliebe jener Zeit für die Mythologie, die man in den Schultexten
fand. Mitte 3. Jh. Rheinisches Landesmuseum Trier.

Lesetipps
• Barbara Aland, Die Gnosis, Stuttgart 2014.
• Peter Gemeinhardt, Das lateinische Christentum und die antike pagane
Bildung, Tübingen 2007.
• Peter Gemeinhardt, „Den Heiden eine Torheit“? Bildung im paulinischen
Schrifttum und im frühen Christentum, in: Jahrbuch für Biblische Theologie
35 (2020), S. 209–239.
• Hans-Josef Klauck, Die apokryphe Bibel. Ein anderer Zugang zum frühen
Christentum, Tübingen 2008.

Juden aufgerufen hatte, was der Präfekt nicht dul- schen wurden unter Strafandrohung zur Taufe
den konnte, auch wenn er selbst Christ war. Hypa- aufgefordert. Im Jahr 529 ließ der Kaiser die Athe-
tia, die ihn darin bestärkte, erschien als geeignetes ner platonische Akademie schließen, nachdem
Opfer für eine fanatisierte Menge von Christen: er schon 527 den Nichtchristen die Lehrtätigkeit
Sie war eine Figur des öffentlichen Lebens und verboten hatte – in diametralem Gegensatz zu Ju-
Repräsentantin der „heidnischen“ philosophi-
schen Tradition. Ihr brutaler Tod – in Szene ge-
setzt 2009 im Film Agora – war ein Tiefpunkt Am Ende setzte sich die Einsicht in
christlicher Bildungsfeindschaft in der Spätantike. den Nutzen von Wissen durch
Er ereignete sich in einer Phase, in der die kaiser-
liche Gesetzgebung das Christentum gegenüber
anderen Religionen bevorzugte und Letztere aus lians „heidnischer“ Restauration. Dennoch blieb
der Öffentlichkeit zu verdrängen trachtete. Doch in Alexandrien ein kreativer philosophischer
© Rheinisches Landesmuseum Trier/Thomas Zühmer (CC BY-NC-SA)

waren solche Übergriffe insgesamt selten. Schulbetrieb bestehen, in dessen Rahmen Philo-
Zeitgleich übertrugen christliche wie nicht- sophen wie Platon und Aristoteles ins Syrische
christliche Römer Vergils und Ciceros Schriften und von hier aus ins Arabische übersetzt wurden
aus Buchrollen in Kodizes und erhielten sie so und so auf den im 7. Jh. entstehenden Islam Ein-
der Nachwelt. Wer gebildet war, wusste um de- fluss ausübten. Im Westen entstanden zeitgleich
ren Wert! Als mit der Völkerwanderung „Barba- Enzyklopädien, in denen nichtchristliches und
ren“ Teile des Imperiums eroberten, fanden sich christliches Wissen für die Nachwelt gesichert
plötzlich die Christen als Wahrer der römischen wurden. Am Ende setzte sich die Einsicht in den
Tradition wieder – und waren darin, alles in al- Nutzen von Wissen gegen die Angst vor diesem
lem, erfolgreich. Romanitas und Christianitas gin- durch. Ja, dass es ohne Bildung nicht gehe, hatte
gen eine Synthese ein, von der Tertullian nicht zu schon um 200 Clemens von Alexandrien betont:
träumen gewagt hätte. „Wie wir zum einen sagen, es sei möglich, ohne Li-
Die Angst vor zu viel Wissen und Bildung teraturkenntnis gläubig zu sein, bekennen wir zum
aber blieb lebendig. Unter Kaiser Justinian anderen, dass man das, was in der Glaubenslehre
(† 565) wurde das Christ-Sein zur einzig legiti- ausgesagt wird, ohne Lernen nicht verstehen kann“
men Möglichkeit religiöser Existenz; alle Men- (Stromateis 1,35,2). W

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welt und umwelt der bibel 2/2022 43
Die Bücherverbrennung in Apostelgeschichte 19

Gefährliches Wissen?
In der Apostelgeschichte wird von einer Bücherverbrennung in Dr. Matthias Hoffmann
habilitiert sich an
Ephesus berichtet. Spätere Aufrufe zum Verbrennen von der Evangelisch-
unliebsamen Schriften berufen sich oft darauf. Doch diese Theologischen Fakultät
der Universität Mün-
Bücherverbrennungen basieren nicht immer auf Freiwilligkeit. chen. Seine Forschungs-
schwerpunkte sind u. a.
Von Matthias Hoffmann
frühjüdische Literatur.

I
mmer wieder wurde schon in der An- ausgetrieben worden sein (Apg 19,12). USA zu beobachten war, wurde aufge-
tike unliebsames Wissen, das gefähr- Als jedoch die sieben Söhne des Priesters rufen, da solche Bücher eine Gefahr für
lich erschien, verboten und z. T. sogar Skeva versuchen, einen Dämon mit Ver- den christlichen Glauben darstellen sol-
verbrannt. Auch im antiken Rom wur- weis auf Paulus im Namen Jesu auszu- len. In der Apostelgeschichte hingegen
den Bücher verbrannt. So soll Augustus treiben, schlägt dieser Exorzismus spek- ist von einem solchen Aufruf nichts zu
bei Übernahme des Oberpontificates an takulär fehl (Apg 19,13-16). Daraufhin sehen. Was im Zusammenhang mit dem
die 2000 Bücher mit Weissagungen ein- befällt viele Juden und Griechen von Paulusaufenthalt in Ephesus geschildert
sammeln und verbrennen lassen haben Ephesus Furcht und sie bekennen ihre wird, ist keine Protestaktion, sondern
(Sueton in Divus Augustus 31,1). früheren Zauberpraktiken. Viele von ih- freiwillig vollzogene Abkehr einiger
Dass Bücher verbrannt wurden, weil nen, die Magie betrieben haben, bringen zum Christentum konvertierter Bewoh-
sie Aussagen enthielten, die als häretisch ihre Bücher zusammen und verbrennen ner von Ephesus. Sie verbrennen die Bü-
oder sittenwidrig galten oder deren In- sie öffentlich (Apg 19,17-19). Diese cher als Zeichen ihrer Absage von Magie,
halte mitunter nicht einmal verstanden Verbrennung von Zauberliteratur ergibt ohne hierzu aufgefordert zu werden.
wurden, ist leider in der Geschichte der sich konsequent aus dem misslungenen
Menschheit ein weitverbreiteter Miss- Exorzismus.
stand. In fast jedem Kulturkreis und fast Von Paulus selbst erfahren wir we- Von einem Aufruf
jeder religiösen Gemeinschaft und Kon- nig. Zwar werden mit einigen seiner zum Verbrennen ist
fession lässt sich das z. T. auch religiös Kleidungsstücke Krankheiten und böse
motivierte Verbrennen von Literatur mit Geister ausgetrieben, doch von einem nichts zu sehen
missbilligten Inhalten nachweisen. Exorzismus des Paulus wird zwar in
Sucht man nach Ursachen dafür, dass Apg 16,16-22 berichtet, doch an diesen Ein wohl elementares Detail dieser
Bücher und Literatur verbrannt wurden, Exorzismen in Ephesus (Apg 19,12) ist lukanischen Darstellung liegt in der Er-
so ist in diesem Zusammenhang ein Blick Paulus nicht aktiv beteiligt – er ist nicht wähnung des Geldwertes der Bücher.
auf Zauberliteratur sehr aufschlussreich, einmal anwesend. Der Wert der verbrannten magischen
da derartige Bücher auffällig häufig ver- Werke soll 50.000 Denare betragen ha-
nichtet wurden. Freiwillige Umkehr – kein Verbot ben – ein geradezu fantastischer Wert,
Als Ausgangspunkt für die Verbren- Vergleicht man diese Bücherverbren- wenn man bedenkt, dass nach Lk 15,8-
nung magischer Literatur wird oft auf nung mit der Zerstörung von Literatur 10 die Frau ihr gesamtes Haus nach einer
die Ereignisse des Paulusaufenthaltes in in jüngerer Zeit, so fällt ein deutlicher einzigen verlorenen Drachme absucht.
Ephesus in Apg 19 verwiesen. Während Unterschied auf. Denn zur Vernichtung Vermutlich möchte Lukas mit dieser
dieser Zeit sollen mithilfe von Schurzen von Harry Potter-Büchern und ähnli- übertriebenen Summe Aufmerksamkeit
und Schweißtüchern, die Paulus getra- cher Literatur, die vor Kurzem etwa in erregen. Denn der genannte immense
gen hat, Krankheiten und böse Geister fundamentalistischen Kreisen in den finanzielle Wert der Zauberbücher steht

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Verbrennung der
Zauberbücher in
Ephesus. Lucio
Massan, 1612.
Auch wenn die
biblische Vorlage
dies nicht be-
zeugt, wird Paulus
in dieser Darstel-
lung als Akteur
gezeigt.

eben gerade im Gegensatz zu ihrem ein Detail doch Aufmerksamkeit, und Ob sich die Verbrennung der Zauber-
tatsächlichen Wert, der sich durch den zwar der Hinweis darauf, dass die joh- literatur zu Ephesus historisch zugetra-
Fehlschlag der jüdischen Exorzisten als lende Menge, die dem Silberschmied gen hat, ist stark zu bezweifeln. Überlie-
nichtig erwiesen hat. Die Wunder von folgt, z. T. selbst nicht recht weiß, woge- fert ist immerhin eine gewisse Affinität
Paulus und den Aposteln hingegen hel- gen sie eigentlich lautstark demonstriert der Epheser zur Magie. So berichtet bei-
fen immer und sind mit Geld nicht zu (Apg 19,32). spielsweise der griechische Schriftsteller
erwerben (vgl. dazu auch den fehlgelei- Man mag geneigt sein, diese Aussage Plutarch (Quaestiones Convivalium VII
teten Versuch des Simon Magus, den so zu bewerten, dass sich eine analoge 5,4) davon, dass Magier von Dämonen
Aposteln in Apg 8,18-24 ihre Gaben ab- Form von Unkenntnis auch in heutigen Besessenen auftrügen, „ephesinische
zukaufen). Protestumzügen gerne zeigt. In jedem Schriften“ (Ephésia grámmata) und die
Somit stellt die Episode um die ver- Fall ist hier eine Skepsis des Lukas gegen- in ihnen enthaltenen Namen zu rezitie-
brannten magischen Bücher eine Form über Eiferern zu erkennen, die ihre Mei- ren. Das Bild von Ephesus als die Stadt
frühchristlicher Propaganda dar: Die nung unqualifiziert kundtut (vgl. dazu der Zauberer und Artemisverehrer, die
Zauberbücher haben schlicht nur mate- ähnlich auch Apg 14,8-20 und 16,16- mit ihrer Magie schlechten Einfluss aus-
riellen Wert, jedoch enthalten sie kein 40). üben, ist ferner auch in den Johannesak-
wertvolles oder gar hilfreiches Wissen. ten (vgl. WUB 1/2011, S. 36–40) beste-
Sie werden also nicht verbrannt, weil sie Keine Gewalt hen geblieben.
eine Gefahr darstellen, sondern weil sie Da in dieser Episode Bücher verbrannt Doch auch wenn Lukas in seinem Be-
de facto wertlos sind und mit den Wun- werden, ließe sich an den Ausspruch richt in Apg 19 die Verbrennung von
dertaten Pauli und Jesu nicht einmal Heinrich Heines zur Koranverbren- magischer Literatur nicht explizit ein-
annähernd in Konkurrenz treten kön- nung in Granada denken: „Das war ein fordert, so ist in wirkungsgeschichtli-
nen. Zur Vernichtung dieser Literatur Vorspiel nur, dort wo man Bücher ver- cher Hinsicht ein fehlgeleiteter Eifer bei
muss von Paulus auch nicht aufgerufen brennt, verbrennt man auch am Ende der Verbrennung von Büchern zu beob-
werden, sondern diejenigen, die früher Menschen.“ Doch auch wenn in der achten. Man kann lediglich vermuten,
gewisse magische Praktiken betrieben Apostelgeschichte mitunter Antago- dass der Autor der Apostelgeschichte
haben, wenden sich selbst von ihren ei- nisten eines grausamen Todes sterben die Jahrhunderte später erfolgenden
genen Taten ab und verbrennen diese (vgl. Judas in Apg 1,18, Hananias und Bücherverbrennungen als verstörend
Schriften ganz von allein und ohne gro- Saphira in Apg 5,1-11 oder Herodes empfunden hätte, da von puren Akten
ße Worte. Agrippa in Apg 12,18-25), so ist vom der Zerstörung keine argumentative
© Public domain

Obwohl die nachfolgende Darstellung Tod (oder gar Verbrennen) der Magier Kraft mehr ausgeht und sie narrative
vom Aufstand des Demetrius nicht in bei Lukas nichts auszumachen. Und es theologische Raffinesse, wie wir sie von
direktem Zusammenhang mit der Ver- gibt auch keinen Aufruf, die Magier für Lukas kennen, eigentlich nicht mehr
brennung der Bücher steht, so verdient ihre Zauberkunst zu bestrafen. zulassen. W

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welt und umwelt der bibel 2/2022 45
Islamische Schulszene.
Arabische Buchillustra-
tion für „Makamen” des
Abu Muhammed al-Kasim
Hariri (1054–1121), Bag-
dad. Arabic illumination,
Bagdad, 1237. National-
bibliothek Paris.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Wissensvermittlung im Islam

„Die Engel senken


ihre Flügel vor dem nach
Wissen Suchenden“
Die Weitergabe von Wissen hat im Islam eine besondere Bedeutung. An
Hunderten von Textstellen geht es im Koran um Lehren und Lernen, denn
als Quelle allen Wissens gilt Allah. Von Mahmoud Haggag

D
as Konzept Wissen und Wissensver- zum „Lesen/Vortragen/Schreiben“ ebnet so-
mittlung spielt im Koran eine zentrale mit einen ersten Zugang zur Bildung und zum Dr. Mahmoud Haggag lehrt
Rolle. Wir können diese Rolle anhand Wissen der muslimischen Urgemeinde. am Institut für Islamische
der ersten koranischen Offenbarungen ablesen. Insofern stellen das göttliche Wissen und Theologie der Univer-
So stellt die Aufforderung iqraʾ (lies/trag vor) im die Wissensvermittlung eine zentrale Idee dar, sität Osnabrück. Seine
Forschungsschwerpunkte
Koran (96:1) chronologisch den Anfang der ko- nicht nur in den Quellentexten des Koran und
liegen u. a. in der Überset-
ranischen Offenbarung dar: „Trag vor im Namen der Sunna, der prophetischen Tradition, son-
zung islamischer Texte im
deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen dern auch in der islamischen Philosophie, Mys- theologischen und inter-
aus einem Blutklumpen erschaffen hat! Trag vor! tik und vor allem in der spekulativen und syste- kulturellen Diskurs.
Dein Herr ist edelmütig wie niemand auf der Welt, matischen Theologie (kalām). Diese Bedeutung
(er) der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat, des göttlichen Wissens betont der Orientalist
den Menschen gelehrt hat, was er (zuvor) nicht J. W. Fück: „Neben Allahs Allmacht spielt im
wusste“ (Übers. R. Parets).
Verschiedene Offenbarungen in Suren und
prophetischen Überlieferungen fokussieren auf
das Schreiben und Lehren sowie besonders auf
Wissen und Wissensvermittlung spielt
die Wissensvermittlung. So fordert Sure 68,1 im Koran eine zentrale Rolle
auf: „Nūn – und beim Schreibrohr und bei dem,
was sie niederschreiben!“ (Nūn ist ein arabischer
Buchstabe). In Koran 20:1124 heißt es: „Und Qurʾān keine göttlichen Eigenschaft eine so be-
sag: Herr! Lass mich an Wissen zunehmen!“ Eine deutende Rolle wie seine Allwissenheit. Er weiß
Hadīṯ-Sammlung des ibn Māğh sagt es dann nicht nur alles, was geschieht, sondern ist auch
ganz klar: „Das Aneignen des Wissens ist eine Quell und Ursprung alles Wissens (J. W. Fück,
Pflicht für jeden Muslim und jede Muslima!“ Das Problem des Wissens im Qurʾān, S. 1).
Wie wichtig dieses Thema ist, zeigt sich Das Thema des Wissens einschließlich der
schon daran, dass es bereits in der ersten Sure Aspekte des Lehrens und Lernens findet an
© akg-images

des Koran (al-Fātiḥa) um das Leiten und Leh- Hunderten Stellen im Koran ausdrücklich Er-
ren geht, durch das der Mensch den geraden wähnung und gehört zu den meistbehandelten
und guten Weg finden soll. Diese Aufforderung Themen im Koran überhaupt. Der Sprach-

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welt und umwelt der bibel 2/2022 47
faṣṣala/yufaṣṣilu (ausführlich darlegen; z. B.
Koran 6:119; 7:52), yassara/yuyassiru (leicht
machen; z. B. Koran 19:97; 54:40), nabbaʾa/
yunabbiʾu (unterrichten; z. B. Koran 5:48;
12:37), hadā/yahdī (leiten; z. B. Koran 1:6;
6:90), aftā/yuftī (Rechtsgutachten erteilen;
z. B. Koran 4:127; 12:46) gehören dazu. Alle
diese Formen drücken eine Art Wissenstransfer
aus, bei dem der Lehrer den Rezipienten/Schü-
ler aus seinem Wissen unterrichtet. In diesem
Akt des Lehrens fungieren neben Gott selbst
viele Akteure als Lehrer: z. B. die Engel (Koran
53:5), die Propheten (Koran 2:151), Juden und
Christen (Koran 3:79), Gläubige (muʾminūn;
Koran 2:282). Lehren (ʿallama/yuʿallimu) ist
im Koran eng mit der moralischen Reinigung
und Erziehung (tazkiya) verbunden (z. B. Koran
2:129, 151 und 3:164). Zudem wird Gott aus-
drücklich als Lehrer genannt.

Lehrer sind wie Propheten


Auch in der prophetischen Tradition wird auf
Wissen und Wissensvermittlung viel Wert ge-
legt. Diejenigen, die sich mit Wissen beschäf-
tigen und anderen vermitteln, werden mit den
Propheten verglichen. In einem Hadīṯ (einer
prophetischen Überlieferung) wird vom Pro-
pheten Muhammad überliefert: „Die Engel sen-
ken ihre Flügel vor dem nach Wissen Suchenden,

© Von Narjes Ahmed - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=95618299


aus Wohlgefallen an dem, was er macht. Für den
Wissenden bitten um Vergebung alle (Kreaturen),
die in den Himmeln und auf der Erde sind, auch
Die Große Moschee stamm ʿalima (wissen) und seine morpho- die Fische im Wasser. Der Vorzug eines Wissen-
von Kufa (Irak). Die logischen Formen wie ʿallama (lehren) und den gegenüber einem Gottesdiener ist genauso
ursprüngliche Anlage taʿallama (lernen) sowie ʿālimīn (Wissende) wie der Vorzug des (Voll)Mondes gegenüber den
stammt aus dem 7. Jh. kommen in mehr als 750 Koranstellen vor. Oft übrigen (wenig hellen) Sternen. Die Wissenden
und gehört damit zu wird an diesen Stellen eine direkte Verbindung sind die Erben der Propheten, weil die Propheten
den ältesten Mo- zwischen Wissen und der Aufforderung zum kein Geld vererben, sondern eher Wissen hinter-
scheen. In ihrer Nähe Nachdenken (tadabbur) hergestellt. Zur Ver- lassen. Wer es (das Wissen) wahrnimmt, der hat
befand sich eines der
bindung zwischen Wissen und der Botschaft tatsächlich einen Gewinn gemacht“ (Überliefert
bedeutendsten Zentren
des Islam erklärt M. Asad: „[…] durch ihr Be- bei den Hadīṯ-Sammlungen von Abū Dāwūd und
für Koranexegese im
frühen Islam. harren auf Bewusstsein und Wissen bewirkte sie at-Tirmiḏī).
unter ihren Anhängern einen Geist intellektuel-
ler Neugier und unabhängigen Erkundens und Entstehung der Koranexegese
führte schließlich zu jener glänzenden Epoche Um Gottes Offenbarung an Muhammad zu ver-
der Gelehrsamkeit und wissenschaftlichen For- stehen, entwickelten die Muslime mit der Zeit
schung, welche die Welt des Islam auf der Höhe Schulen und die Methode des tafsīr (Koran­
ihrer kulturellen Lebenskraft auszeichnete“ (M. exegese) und erstellten dafür Regeln und Maß-
Asad, Die Botschaft des Koran, S. 9–10). stäbe. Der tafsīr des Koran ist eine sehr wichtige
Technik, die zu einem einwandfreien Verständ-
Nicht nur menschliche Lehrer nis des Koran und des Islam führen soll. Ohne
Der Akt des Lehrens wird im Koran grundsätz- sie wäre ein richtiges Verständnis vieler Teile
lich durch die verbale Konstruktion ʿallama/ des Koran nicht möglich, und nur so kann der
yuʿallimu (lehren) ausgedrückt (z. B. Koran Koran sein Hauptziel als Rechtleitung für die
96:5; 55:1). Auch andere Formen wie bayyana/ Menschen erreichen (Vgl. von Denffer, ʿUlum
yubayyinu (erklären; z. B. Koran 2:230; 5:89), al-Quran, S. 144f ). Deshalb beschäftigten sich

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Madrasa Al-Aschrafija
Koranschule auf der West-
seite des Jerusalmer Tem-
pelbergs (Haram al-Sharif).
Juristisch-theologische
Hochschule, erbaut im
15. Jh. unter der Herr-
schaft der Mamelucken.

die Muslime, seit der Zeit des Prophe-


ten und bis heute, mit dem tafsīr als
Lehre und Instrument zum Verstehen Koranstellen zur Hoch-
des Koran. (Für das Folgende v. a. M. Ḥ.
aḏ-Ḏahabī, at-Tafsīr wa-l-mufassirūn,
QUELLEN schätzung des Wissens
TEXT
Kairo 1976, Bd. 1, S. 28–73.).

Vier Quellen der Koranexegese


© By Ludvig14 - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52555037

Sag: Sind (etwa) diejenigen, die Bescheid wissen, denen gleich(zusetzen), die
Die Prophetengefährten stützten sich nicht Bescheid wissen? (Doch) nur diejenigen, die Verstand haben, lassen sich
zu dieser Zeit in ihrem Koranver- mahnen. (Koran 39:9)
ständnis auf vier Quellen:
1. den Koran selbst, Und sag: Herr! Lass mich an Wissen zunehmen! (Koran 20:1124)
2. den Propheten Muhammad, Gott lässt diejenigen von euch, die glauben, und denen das Wissen gegeben
3. die eigenständige Interpretation worden ist, (dereinst) hoch aufsteigen! Gott ist wohl darüber unterrichtet, was ihr
und Rechtsfindung sowie tut. (Koran 58:11)
4. die Leute der Schrift (ahl al-kitāb),
das heißt die Juden und Christen. Gott bezeugt, dass es keinen Gott gibt außer ihm. Desgleichen die Engel und die-
Zu den bekannten mufassirūn unter jenigen, die das (Offenbarungs)wissen besitzen. Er sorgt für Gerechtigkeit. Es gibt
den Prophetengefährten gehören die keinen Gott außer ihm. (Er ist) der Mächtige und Weise. (Koran 3:18)
vier ersten Kalifen sowie ʿAbdallāh b. Er ist es, der die Schrift auf dich herabgesandt hat. Darin gibt es (eindeutig)
Masʿūd, ʿAbdallāh b. ʿAbbās, Ubayy bestimmte Verse (wörtlich Zeichen), sie sind die Urschrift, und andere, mehrdeu-
b. Kaʿb, Zayd b. Ṯābit, Abū Mūsā al- tige. Diejenigen nun, die in ihrem Herzen (vom rechten Weg) abschweifen, folgen
Ašʿarī und ʿAbdallāh b. az-Zubayr. dem, was darin mehrdeutig ist, wobei sie darauf aus sind, (die Leute) unsicher zu
Von diesen wird in unterschiedlichem machen und es (nach ihrer Weise) zu deuten. Aber niemand weiß es (wirklich) zu
Ausmaß tafsīr, eine Exegese des Ko- deuten außer Gott. Und diejenigen, die ein gründliches Wissen haben, sagen: Wir
ran, überliefert. glauben daran. Alles (was in der Schrift steht) stammt von unserm Herrn (und ist
Beim tafsīr zur Zeit der Nachfolge- wahre Offenbarung, ob wir es deuten können oder nicht). Aber nur diejenigen, die
generation der Gefährten stützte sich Verstand haben, lassen sich mahnen. (Koran 3:7)
auch die Generation der sogenann-
Gott fürchten nur diejenigen von seinen Dienern, die Wissen haben (wörtlich die Ge-
ten Nachfolger (tābiʿūn) der Prophe-
lehrten von seinen Dienern). Gott ist mächtig und bereit zu vergeben. (Koran 38:28)
tengefährten auf den Koran selbst,
auf den Propheten Muhammad, auf

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welt und umwelt der bibel 2/2022 49
Abfolge der Überlieferungen aus: Die Prophe-
Sich die Wahrheit tengefährten, ṣaḥāba, tradierten Wissen vom
Propheten und die Nachfolger, tābiʿūn, gaben
QUELLEN aneignen – wo sie Kenntnisse von den ṣaḥāba weiter.
Der nächste wissenschaftliche Schritt war
TEXT auch herkommt nun, die Hadithe des Propheten systematisch
zu sammeln. Der tafsīr galt hier als Teil der
Hadith-Wissenschaft, der Überlieferung der
­
Es gibt eine reiche Literatur innerhalb des Islam über den Schulunter- Propheten, da man in den Hadith-Werken auch
richt, die unterrichteten Fächer und die Methodologie. Yaʼqūb al-Kindī überlieferte Koranauslegungen vom Propheten,
(805–873), der erste Philosoph der Araber, schreibt in fī l-falsafa von seinen Gefährten und von der Nachfolge-
al-ūlā, Kap. 1 (Mitte): generation zusammentrug. Mit diesem Thema
„Es sollte für uns keine Schande sein, die Wahrheit zu ehren und sie uns beschäftigten sich Hadithgelehrte wie Yazīd
anzueignen, wo sie auch herkommt, selbst wenn sie von Völkern kommt, b. Hārūn as-Sulamī (gest. 116/735), Šuʿba b.
die fern von uns sind, oder von Nationen, die anders sind [als wir]. Gibt al-Ḥaǧǧāǧ (gest. 160/777), Sufyān b. ʿUyayna
es doch für den nach Wahrheit Strebenden nichts Gewichtigeres als die (gest. 198/814) und viele andere, die Aussagen
Wahrheit selbst. Weder wird die Wahrheit herabgesetzt noch gemindert zum Thema tafsīr als Teil ihrer regulären Hadith-
durch den, der sie ausspricht, oder durch den, der sie übermittelt; auch Werke sammelten.
setzt die Wahrheit niemanden herab, vielmehr adelt die Wahrheit einen Mit der Zeit entwickelte sich der tafsīr zu ei-
jeden.“ ner eigenen Disziplin der islamischen Gelehr-
samkeit, und man begann, den Koran systema-
tisch vom Anfang bis zum Ende, also Vers für
Vers, auszulegen.
ihre eigenständige Interpretation und auf die
Ansichten der Leute der Schrift. Zusätzlich Bekannte Rechtsschulen
stellten die Meinungen der Gefährten eine Auf der Ebene des islamischen Rechts entstan-
wichtige Quelle für sie dar. Wie die Gefährten, den unterschiedliche Rechtsschulen. Vor allem
legten auch die tābiʿūn nur bestimmte unklare seien hier vier Rechtsschulen erwähnt:
Stellen im Koran aus. In dieser Phase entstan- • die ḥanafitische (nach Imam Abū Ḥanīfa, gest.
den zugleich verschiedene tafsīr-Schulen (aḏ- 767),
Ḏahabī, S. 76f ). • die mālikitische (nach Imam Mālik, gest. 795),
Da die Gefährten mit der Ausbreitung des • die šāfiʿitische (nach Imam aš-Šāfiʿī, gest. 820)
Islam nicht nur in Mekka und Medina blieben, • und die ḥanbalitische (nach Imam Aḥmad ibn
sondern sich in den eroberten Ländern nieder- Ḥanbal, gest. 855).
ließen, wie im Irak, in Syrien und Ägypten, Außerdem entstanden weitere Rechtsschu-
len, die ğaʿfarītische (nach Imam Ğaʿfar gest.
765), die zaidītische (nach Imam Zaid, gest.
Diejenigen, die sich mit Wissen 740), die ibāḍītische (nach Abdallāh ibn Ibāḍ,
gest. ca. 708) und die ẓāhirītische (nach Imam
beschäftigen und anderen vermitteln Dāwūd bin ʿAlī bin Ḫalaf al-Ẓāhirī, gest. 883).
werden mit den Propheten verglichen Die acht Rechtsschulen (arabisch maḏāhib)
stellen Wissensrichtungen in Bezug auf den
Umgang mit den Scharia-Texten (Koran und
entstanden auch dort allmählich Zentren für Sunna) und die Ableitung der Rechtsnormen
den tafsīr, die man als eigene tafsīr-Schulen be- dar. Jede dieser Schulen verfügt über ihre eige-
zeichnen kann. Vor allem drei davon waren von nen Methoden, Strategien und Prinzipien der
großer Bedeutung: Mekka und Medina sowie Normenfindung. In dieser Konstellation ent-
Kufa im Irak. stand der Terminus technicus iğtihād (bzw.
Die Phase der systematischen Niederschrift iğtihād ar-raʾy), im Sinne der Findung von
der islamischen Wissenschaften, das sogenann- Rechtsnormen, indem der Rechtsgelehrte sich
te ʿaṣr at-tadwīn, beginnt in der Mitte des 2. Jh. eigenständig darum bemüht.
nach islamischem Kalender (= 8. Jh. nC), also
am Übergang vom umaijadischen zum abbasi- Bedeutende frühe Akademien
dischen Kalifat. Davor, also zur Zeit der ṣaḥāba Hier seien vor allem zwei Institutionen er-
(Prophetengefährten) und der tābiʿūn (Nach- wähnt: bait al-ḥikma (Haus der Weisheit)
folger), zeichnete sich der tafsīr durch eine und al-madrasa an-niẓāmīya (an-niẓāmīya-

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Wissensvermittlung im Islam

Schule). Das Haus der Weisheit (bait al-ḥikma)


ist eine wissenschaftliche institutionelle Aka-
demie der Abbasiden, die vom Kalifen Hārūn
ar-Rašīd (gest. 809) in Bagdad gegründet wurde
und durch seinen Sohn al-Maʾmūn (gest. 833)
ihre Blütezeit erlebte. Diese Institution war
interkulturell und interreligiös geprägt und
diente vor allem dazu, die menschliche Wis-
senstradition in den unterschiedlichsten wis-
senschaftlichen Disziplinen zu bewahren und
zu entwickeln. Hier engagierten sich vor allem
arabische, persische sowie syrisch-aramäische
Übersetzer und Wissenschaftler. Diese in bait
al-ḥikma Eingestellten waren sowohl musli-
mischen als auch jüdischen und christlichen
Glaubens. So wurden beispielsweise in diesem
Übersetzungs- und Forschungszentrum Werke
der Antike, z. B. von Galen, Platon, Aristoteles,
Archimedes, unter der Leitung des christlichen
Arztes Ḥunayn ibn Isḥāq (gest. 873) übersetzt
bzw. arabisiert (vgl. J. Lyons, 2008).
Die zweite Bildungsinstitution ist al-mad-
rasa an-niẓāmīya (an-niẓāmīya-Schule). Ihr
Name beruht auf Nizām al-Mulk (gest. 1092),
einem Wesir der seldschukischen Herrscher
Alp Arslan (gest. 1072) und Malik Schah (gest.
1092) im Irak. Ziel dieser Schule war u. a., die
Gelehrte in einer abbasidischen Bibliothek in Bagdad. Illustration von
sunnitischen theologisch-rechtlichen Lehrin-
Yahyá al-Wasiti, 1237. Das Haus der Weisheit in Bagdad wurde 825 von
halte gegenüber den schiitischen systematisch
dem Abbasiden-Kalifen al-Ma‘mūn gegründet, nach dem Vorbild der
zu etablieren. In dieser niẓāmīya-Schule pfleg- wesentlich älteren Akademie von Gundischapur. Unter den zeitweise 90
ten die Gelehrten die Lehren des sunnitischen Wissenschaftlern, die dort arbeiteten, waren nach dem Historiker Ibn al-
Islam gemäß der theologisch-ausgerichteten Qifti anfänglich 37 Christen, 8 Sabäer und 9 Juden.
© Von Zereshk - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2809505

ašʿaritischn und šafiʿitischen Rechtsschule Hier wurden Übersetzungen wissenschaftlicher Werke der Antike ins Ara-
zu unterrichten. Zu den berühmten Lehrern bische angefertigt. Außerdem gab es ein Observatorium, eine Akademie,
dieser Schule gehörten Abū Ishāq aš-Šīrāzī eine große Bibliothek und ein Krankenhaus. Nach dem Vorbild von Bagdad
(gest. 1083), Abū l-Maʿālī al-Ǧuwainī (gest. entstanden ähnliche Einrichtungen in Córdoba, Sevilla und in Kairo.
1085), Abū Ḥāmid al-Ġazālī (gesr. 1111), Abū Buchmalerei aus dem Makamen des al-Hariri in einer Handschrift von
n-Nağīb as-Suhrawardī (gest. 1168) und Abū 1236/37. Französische Nationalbibliothek, Paris.
l-Faraǧ Ibn al-Ǧauzī (gest. 1201) (vgl. S. Gün-
ther 2020).

Resümee
Die Ausführungen zeigen die Relevanz der Literatur
Wissensvermittlung in der islamischen Theo- • Mahmoud Haggag, Gott als der „erste Lehrer“ der Menschheit - Göttliche
logie und Geistesgeschichte. Diese Wissensver- Unterweisung und menschliche Autorität im Koran, in: Teachers and Students:
mittlung entstand zur Zeit des Propheten Mu- Reflections on Learning in Near and Middle Eastern Cultures. Collected Studies
hammad zwar in einem arabisch-­islamischen in Honour of Sebastian Günther, Hrsg. Dorothee Pielow, Jana Newiger und
Kontext, ging jedoch in den nächsten Jahrhun- Yassir El Jamouhi, Leiden, erscheint im Sommer 2022.
derten zur Zeit der Umaijaden und der Ab- • Mahmoud Haggag, Die Geschichte von Koran und tafsīr“ erscheint demnächst
basiden darüber hinaus und entwickelte sich beim Institut für Theologie der Universität Osnabrück.
interkulturell und interreligiös. Die arabische • J. W. Fück, Das Problem des Wissens im Qurʾān, in J. W. Fück, Vorträge über
Sprache sowie die Quellen des Islam, Koran und den Islam, Halle/Saale 1999, 1-31.
der Sunna stellten einen Rahmen für die theolo- • Asad, M., Die Botschaft des Koran, Düsseldorf 2011, S.9-10.
gische Forschung, jedoch keineswegs ein Hin- • Jonathan Lyons: The House Of Wisdom, Bloomsbury Publishing PLC, 2008
dernis für die geistige und naturwissenschaftli- • Sebastian Günther: Knowledge and Education in Classical Islam, Leiden 2020.
che Forschung und Wissensvermittlung dar. W

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welt und umwelt der bibel 2/2022 51
Bildung im spätantiken Mönchtum

Der Lehrer ist Gott


Die frühen Wüstenväter sammeln Schüler und Schülerinnen um sich. Dabei ist
ihnen die Weitergabe von Erfahrungswissen deutlich wichtiger als traditionelle
literarische Bildung. Von Bedeutung sind auch konkrete Vorbilder, doch der
eigentliche Lehrer ist aus ihrer Sicht Gott selbst. Von Andreas Müller

D
as christliche Mönchtum etablierte sich klassische Bildung nämlich nicht. Bereits mit
im Römischen Reich vor allem in der ers­ dem von Athanasius in seiner Vita Antonii ge­ Prof. Dr. Andreas Müller ist
ten Hälfte des 4. Jh., nämlich im Zeitalter zeichneten Ideal des theodidaktos (Athana­ Professor für Kirchen- und
Konstantins des Großen. Nach der so genannten sios, Vita Antonii 62,2), des unmittelbar von Religionsgeschichte des
„Konstantinischen Wende“ wurde die Unter­ Gott gelehrten Weisen, konnte man noch ei­ ersten Jahrtausends an
der Universität Kiel. Seine
scheidung zwischen den so genannten „Heiden“ nen Schritt weiter gehen und festhalten: In der
Forschungsschwerpunkte
und „Christen“ und somit auch der Umgang mit Wüste braucht es nicht einmal Lehrer, da Gott
liegen auf den östlichen
„heidnischer Bildung“ zu einem verschärften den Wüstenvätern und -müttern unmittelbar Kirchen und der frühen
Problem. Es stellte sich nun die Frage, wie viel als ein solcher dienen kann. So heißt es z. B. in Kirchengeschichte.
kulturelle Kontinuität das Christentum über­ den Erzählungen von Neilos vom Sinai: Die
haupt verträgt. Dürfen z. B. Bischöfe pagane, Eremiten verbringen „ihr ganzes Leben in der
„heidnische“ Bildung erwerben und sogar bei Wüste, wo es ihnen an den notwendigsten Le-
der Ausübung ihres Amtes einsetzen? bensbedürfnissen mangelt, und sind sich selbst
Richtig öffentlich besprochen wurden solche Lehrer der Frömmigkeit.“
Fragen erst in der zweiten Hälfte des 4. Jh. Die
Diskussion wurde vor allem durch zwei Fak­ Nicht aus Büchern
toren ausgelöst: durch das Wirken des um eine Anschauliche Beispiele dafür, wie Mönche un­
Rückkehr zum „Heidentum“ bemühten Kaisers mittelbar von Gott ge- oder belehrt werden,
Julian (361–363) und durch das immer stärkere bieten die Sprüche der Wüstenväter, die soge­
Aufblühen der asketischen Bewegung bereits nannten Apophthegmata Patrum. Dort wird
seit der ersten Hälfte des 4. Jh. Die Ausgrenzung z. B. ebenfalls von Antonios berichtet, dass er
christlicher Lehrer durch Julian aus dem Schul­
betrieb löste nach dessen Tod eine vehemente Die konsequent asketische Bewegung
christliche Adaption paganer Bildungsinstitu­
tionen aus. Das gilt selbst für ansonsten sehr
stellte die „heidnische“ Bildung teils
stark mönchisch orientierte Bischöfe. Zu nen­ vehement infrage
nen ist etwa Basileios von Kaisarea mit seiner
berühmten Schrift Ad adolescentes. sich bei der Auslegung unklarer Bibelstellen
Die konsequent asketische Bewegung stellte keineswegs auf gelehrte Kommentare stützen
hingegen die „heidnische“ Bildung z. T. vehe­ musste, sondern durch Gottes Vermittlung so­
© gemeinfrei

ment infrage. Wer in der Wüste lebt und um gar direkte Aufklärung möglicherweise durch
seinen Weg zu Gott ringt, der braucht solche die biblischen Autoren erhielt:

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Einer der Wüstenväter lehrt seine
Schüler, um 1430. Patriarchat von
Jerusalem der Armenischen Aposto-
lischen Kirche.

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welt und umwelt der bibel 2/2022 53
„Brüder suchten den Altvater Antonios auf und wenig Einblicke in eine spezifische Bildung von Apsis-Mosaik im
legten ihm eine Stelle aus dem Buch Leviticus vor. Asketinnen. Dass sie sich aber nicht von ihren ­Katharinen-Kloster im
Da ging der Greis weit in die Wüste hinaus, wobei männlichen Pendants im Blick auf Bildung un­ Sinai: Verklärung Jesu
ihm der Altvater Ammonas, der seine Gewohn- terschieden, ist bereits bemerkenswert. Wenn mit Elija und Mose,
heiten kannte, heimlich folgte. Lange verweilte Frauen von anderen Mönchen aufgesucht wur­ die den Mönchen als
Vorbilder vor Augen
der Greis in Gebetshaltung und schrie mit lauter den, um Weisung zu erhalten, wurde dieses Fak­
gestellt werden.
Stimme: ‚O Gott, sende den Moses, und er wird tum zumindest problematisiert – Amma Sarrha
mich über den Spruch da belehren.’ Und es kam etwa kommentierte dies in einer Weise, die
eine Stimme, die mit ihm sprach. Altvater Am-
monas erzählte: ‚Ich hörte die Stimme, die mit
ihm redete, doch ihren Sinn konnte ich nicht er- Bildung war im Mönchtum für Frauen
fassen’“ (Gerontikon, Antonios 26). und Männer im gleichen Maß möglich
Gerade auch solche unmittelbare Unterrich­
tung jenseits des männlich geprägten Schulbe­
triebs dürfte Frauen ebenso ermöglicht haben, für die damalige Zeit sicher provozierend war:
theodidaktai zu sein. In den Apophthegmata „Der Natur nach bin ich eine Frau, aber nicht
Patrum und einigen weiteren Mönchserzäh­ meinem Denken nach“ (Gerontikon, Sarrha 4).
© gemeinfrei

lungen tauchen jedenfalls Frauen auf, die als Das Apophthegma macht deutlich, dass Bil­
Amma, als Geistliche Mutter, bezeichnet wer­ dung im Mönchtum für Frauen und Männer
den. Die überlieferten Quellen bieten leider im gleichen Maß möglich war. Insbesondere

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Bildung im spätantiken Mönchtum

von Amma Synkletike sind dementsprechend meinen, dass sie auch die Tugenden derer, in de-
in den Sprüchen der Wüstenväter – und man ren Lande sie weilen, nachzuahmen verpflichtet
müsste korrekt auch von Wüstenmüttern spre­ sind. Mose ließ sich ja nicht durch die Größe sei-
chen – zahlreiche Apophthegmen überliefert. ner Macht zur Selbstüberhebung hinreißen, und
Es sind immerhin 18 an der Zahl – viel mehr als den Elias verführte jenes wunderbare Opfer (scil.
bei zahlreichen männlichen Asketen. Beeindru­ die Tötung der Baals-Priester) keineswegs zum
ckend ist hier etwa ihr Apophthegma 15: Hochmut; nein, beide verharrten beständig und
„Wiederum sprach sie: ‚Es gibt eine überspann- jederzeit in ihrer Demut, und blieben, wie auch
te Askese, die vom Feinde ist. Denn auch seine ihre Lebensschicksale wechseln mochten, dieser
Schüler üben sie. Wie nun unterscheiden wir die Gesinnung treu“ (Neilos Diegema 25).
göttliche, die königliche Askese von der tyran-
nischen, dämonischen? Offenkundig durch das
Maß. Alle deine Zeit sollst du eine Norm für das Biblische Gestalten werden zu
Fasten haben. Faste nicht vier oder fünf Tage, Lehrern in Form von Vorbildern
und brich es nicht die übrige Zeit durch eine Fül-
le der Speisen. Denn überall ist die Maßlosigkeit stilisiert
verderbenbringend. Solange du jung und gesund
bist, faste. Es kommt das Alter mit seiner Schwä- Für Neilos orientiert sich die Sinai-Spiritua­
che. Soviel du kannst, häufe dir einen Schatz an lität somit an zwei zentralen biblischen Persön­
(geistlicher) Nahrung auf, damit du Ruhe findest, lichkeiten, die aufs Engste mit der Landschaft in
wenn du nicht mehr kannst.“ Verbindung zu bringen waren. Diese biblischen
Das undifferenzierte Idealbild des Gottesge­ Persönlichkeiten waren für das Sinai-Mönch­
lehrten bzw. desjenigen, der sich in der Fröm­ tum offensichtlich von so großer Bedeutung,
migkeit einzig und allein selber schult, ent­ dass sie als vorbildliche Mönche auch im Apsis-
spricht sicher nicht allen Mönchen und Nonnen Mosaik des heute sogenannten Katharinen-
der Spätantike. Zentrale Texte aus diesen Krei­ Klosters abgebildet wurden. Biblische Gestalten
sen des Mönchtums führen vielmehr auch idea­ werden so zu Lehrern in Form von Vorbildern
Neilos vom Sinai
le monastische Lehrer und das Verhältnis zu ih­ stilisiert, an deren Tugend sich die Mönche zu
oder Neilos Sinaites, ge-
ren Schülerinnen und Schülern vor Augen. Im orientieren haben.
nannt Klimakos († Mitte
Folgenden möchte ich dies besonders an Bei­ Neilos macht aber auch deutlich, dass eine 5. Jh.), war ein Schüler
spielen aus dem spätantiken Sinai-Mönchtum reine Autodidaktik bzw. Theodidaktik durch von Johannes Chrysos-
verdeutlichen. Orientierung an Vorbildern selbst für Einsiedler tomos und lebte nach
nicht ausreicht bzw. Gefahren beinhaltet, denen einer Ehe als Mönch im
Lernen durch Imitation bei das Sinai-Mönchtum zu begegnen versuchte. Sinai.
Neilos vom Sinai So hält er in seinem Diegema 3,12 fest, dass die
Die Erzählungen, die sogenannten Diegemata Mönche dort in regelmäßigen Zusammenkünf­
des Neilos Sinaites, stammen wohl vom Sinai te an den Sonntagen darauf achten, dass der Zu­
und spiegeln im 5. Jh. ein monastisches Ide­ sammenhalt und die Tugenden im Mönchtum
al wider, das wir auch sonst dort beobachten nicht aufgegeben werden. Erfahrene Mönche
können. Hier finden sich Aussagen über mo­ sollen die Jüngeren beraten und im Kampf ge­
nastische Pädagogik, die auf der stark eremiti­ gen die Laster stärken. Dabei wird monastisches
schen Ausrichtung des Mönchtums bei Neilos Erfahrungswissen insbesondere durch solche
basieren und dem Konzept der Selbstschulung Lehrer vermittelt, die aufgrund eigener Erfah­
oft sehr nahestehen. Dementsprechend werden rungen zur Unterrichtung befähigt sind.
die Lehrer in den Diegemata beschrieben. Nei­ In anderen, weniger eremitisch und mehr
los hebt dabei in besonderer Weise die Orien­ semianachoretisch, d. h. von in nachbarschaftli­
tierung monastischer Spiritualität an den mit cher Gemeinschaft lebenden Eremiten gepräg­
der sinaitischen Wüste traditionell verbunde­ ten Texten der Zeit wird dabei sogar von einem
nen Gestalten des Alten Testaments, Mose und festen Lehrer-Schüler-Verhältnis gesprochen.
Elia, hervor. Deren Tugenden fühlen sich die
Mönche zur Nachahmung verpflichtet. Bildung Lernen durch Mitleben bei Ammonios
geschieht insofern nach diesem Konzept durch Im Kapitel 15 des Diegema, der Erzählung des
Imitation. Wörtlich heißt es in Neilos’ Bericht: Ammonios, einem christlichen Schriftsteller
„Die Eremiten vom Sinai üben sich, indem sie wohl aus der 2. Hälfte des 4. Jh., ist von einem
der Bewohner dieser Wüste, des Mose und Elia, Psoes die Rede, der aus der Thebais, einer Wüs­
gedenken, in der Demut dieser Männer; denn sie tengegend in Unterägypten, gekommen war

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welt und umwelt der bibel 2/2022 55
und beim seligen Moses in die Schule ging. 46 Wirklichkeit und vermitteln damit vollkom­
Jahre hat er gemeinsam mit diesem verbracht. men andere Inhalte als ein paganer Lehrer. Die
Ammonios hebt dabei hervor, dass er die Regeln Diegemata des Anastasios bieten allerdings
des Geron, die auch für ihn galten, keineswegs wenig Informationen über die eigentlichen
aufhob, sondern über die lange Zeit hindurch
eher noch besiegelte. Der Lehrer unterrichtet
also hier sowohl durch sein sichtbares Vorbild Die geistlichen Väter vermitteln vollkommen
als auch durch unmittelbare Lehren. Er selbst
wie auch sein Schüler orientieren sich an einer andere Inhalte als ein paganer Lehrer
Art Lebensprogramm, einer Regel. Der Schüler
wird gleichsam Abbild des Lehrers, insofern er Unterrichtsinhalte und auch vergleichsweise
sich an dessen Regel orientiert. Unterricht ist wenig Aussagen über das monastische Lehrer-
demnach vor allem Unterrichtung in strikter ideal. Diese finden sich hingegen vor allem in
Askese. In der Regel wohnten dabei Schüler und der Schrift Klimax von Johannes dem Sinaiten
Lehrer in familienähnlichen Strukturen zusam­ († um 603), der zeitweise Abt des Klosters am
men in einem Kellion, einer mönchischen Be­ Dornbusch, des heute sogenannten Kathari­
hausung – dies machen Kapitel 16 und beson­ nen-Klosters,war.
ders Kapitel 17 desselben Textes deutlich. Der
Unterricht ist somit auch bei Ammonios immer Der Lehrer als gottgelehrter
auf die mönchische Lebenspraxis ausgerichtet. Charismatiker bei Johannes
Sinaites
Die mystagogische Rolle des Lehrers Das Bild des Lehrers findet sich in
bei Anastasios Sinaites den Ausführungen des Sinaiten über
An zahlreichen Stellen begegnen Schüler und den idealen „Geistlichen Vater“ und
Lehrer auch in den Diegemata, den Erzählungen ist von diesem nicht zu lösen. Nur
des Anastasios Sinaites, die abschließend in der als „Geistlicher Vater“ wird der
Mitte des 7. Jh. redigiert worden sind. „Lehrer“ thematisiert. Die De­
Auch hier stehen die Lehrer ihren Schülern finition des Lehrers lautet bei
sehr nahe. Dabei ist in diesem Text immer nur Johannes:
ein Schüler einem Lehrer zugeordnet. Die Lehrer „Ein wahrer Lehrer ist, wer
haben vor allem eine Art mystagogische Rolle das geistige Buch der Erkennt-
inne, wie man sie auch in anderen monastischen nis durch den Finger Gottes, d. h.
Texten der Zeit beobachten kann. D. h., sie füh­ durch die Wirkung der Erleuch-
ren den Mönch zur inneren Ruhe (Hesychia) und tung aus Gott, besitzt und kei-
so zu besonderen (mystischen) Erfahrungen. ner weiteren Bücher mehr
Unmittelbar in der ersten, sehr legendarisch bedarf. Es ziemt sich nicht
gestalteten Erzählung der Diegemata erklärt für den Lehrer, vom
ein Geron, der zugleich auch „Vorsteher“ sei­ Blatt zu lehren,

© By Unknown artist - Marie-Lan Nguyen (User:Jastrow), 2008-04-04, CC BY


nes Schülers war, diesem ein übersinnliches und für Maler
Phänomen. Während der Schüler als Quelle [nicht], von al-
für einen Wohlgeruch auf dem Moseberg zu­ ten Gemälden

2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3836977
nächst ein Weihrauchopfer annahm, verwies abzuzeichnen.
ihn der Lehrer auf eine andere Quelle. Und als Der du die Ir-
sich der Schüler vor dem Feuer, das den Geruch dischen erziehst,
verursachte und aus der Eliaskapelle züngelte, lehre von oben her aus
fürchtete, forderte ihn der Geron auf, tapfer in der Höhe, und vom wahr- Die Zurückdrängung
derselben zu beten. Das Feuer sei nichts anderes nehmbaren Äußeren her lass dich des Christentums
als ein Zeichen für die Präsenz der Engelsmäch­ über das andere (das Geistige) belehren.“ (Joh. unter Kaiser Julian
te. Nachdem die beiden also in der Kapelle gebe­ Sin., Logos pros ton poimena 5f) (355–363) führte
nach seinem Tod zu
tet hatten, stiegen sie – so die Erzählung –, von Der Lehrer erscheint somit als gottgelehrter
christlicher Aufnahme
göttlichem Glanz umhüllt, hinab ins Tal. Charismatiker. Lernziel ist es, selbst weltlich
paganer Bildung. Die
Erzählungen wie diese machen deutlich, dass ungebildete und unweise zu „christlichen Phi­ blaue Calzedon-Kamee
die monastischen Gerontes, die geistlichen Vä­ losophen“, zu Mönchen zu machen. eines römischen Kaisers
ter, als Mittler zwischen der immanenten und Sie sollen dabei auch notwendige Anweisun­ zeigt vermutlich Julian,
der transzendenten Welt stehen. Sie bieten gen aufschreiben und überreichen (ebd. 28). 2. Hälfte 4. Jh. nC, aus
als Lehrer Zugänge zu einer transzendenten Gehorsam gegenüber dem Geistlichen Vater Antiochia.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Bildung im spätantiken Mönchtum

steht nach Johannes gleichsam am Anfang


aller Bemühungen in der „Schule“ des
Mönchstums (vgl. Joh. Sin. Klimax 26, 14).
Dem Lehrer vertraut man sich auch des­
wegen in uneingeschränktem Gehorsam
an, weil er gleichsam einen Himmelsweg
bietet (Joh. Sin., Logos pros ton poimena
100). Durch seinen Vorsprung an Weisheit
vermag er diesen Weg zu vermitteln.
Gehorsam ist dabei in eine Art geistli­
ches Programm eingebunden, das in der
zweiten Klasse zum Beispiel die hesychia
(innere Ruhe) und diakrisis (Unterschei­
dung der Geister) beinhaltet und in der
dritten Klasse den Mönch zum mimetes
Despotou (Nachahmer des Herrn) werden
lässt. Geht man von notwendigem Gehor­
sam gegenüber dem Mönchsvater oder der
Mönchsmutter aus, so droht dieser aller­
dings schnell in eine Art Despotismus um­
zuschlagen.
Das einzige Apophthegma einer Amma,
welches die Lehrer[innen]-Rolle in der
Spätantike reflektiert, mag einen überzo­
genen Gehorsam allerdings zugleich wie­
der relativieren. Amma Theodora betont
jedenfalls in ihrem 5. Apophthegma im
Gerontikon nachdrücklich:
„Der Lehrer muss fremd sein der Liebe zum
Herrschen, fern von eitlem Ruhm, weit weg
von Stolz, darf sich nicht aus Schmeichelei
zum Gespött machen lassen, nicht verblen-
det werden durch Geschenke, sich nicht von
der Esslust überwinden lassen, nicht vom
Zorn mitgerissen werden. Sondern er muss
großherzig sein, wohlanständig, über alles
demütig, einsichtig und duldsam, mitfüh-
lend und seelenliebend.“
Ein derartiges Lehrer- und Lehrerinnen-
ideal ist nicht nur für die spätantike monas­
tische Bildung von Bedeutung. Es dürfte
vielmehr auch gegenwärtig selbst in nicht
mönchischen Kreisen bedeutsam sein, um
Menschen wirklich von einer Lebensweise
zu überzeugen und somit umfassende Bil­
dung zu ermöglichen. W
© Google Art Project

Wüstenvater Antonius der


Große. Mazedonische Werkstatt,
14. Jh., Benaki-Museum, Athen.

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welt und umwelt der bibel 2/2022 57
„Glaube ist auch ein
Bildungsprojekt“

© Von Josep Renalias - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3517838


Was muss ich wissen, um ein Christ, eine Christin zu sein? Im christlichen Selbst­
verständnis ist die Entscheidung für den Glauben schon eine Form der Selbstbildung.
Interview mit dem Bibelwissenschaftler Egbert Ballhorn

Frage „Welt und Umwelt der Bibel“: Das Christentum hat sich Ballhorn: Das zeigt sich etwa an der Emmaus-Szene im Neuen
über Jahrhunderte entwickelt. Es fußt auf Texten und Riten, die Testament – eine Schlüsselszene auch von religiöser Bildung.
ihren Ursprung in der Antike haben und damit eine Kenntnis Die beiden Jünger haben Tod und Sterben Christi erfahren. Da-
dieser Formen voraussetzen. Ist das Christentum eine Bildungs- mit können sie aber zunächst nichts anfangen. Der auferstan-
religion? dene Christus kommt zu ihnen und sie unterhalten sich darüber,
was bei Mose und den Propheten geschrieben steht – das ist
Prof. Egbert Ballhorn: Die Frage möchte ich vehement beja-
das Bildungswissen Israels. Der Auferstandene bringt das, was
hen. Wir haben zwar – geprägt durch das 19. Jahrhundert – die
die Jünger erfahren haben, und das religiöse Wissen Israels
Tradition, Religion sehr stark als Gefühl und Empfindung zu
zusammen. In dem Augenblick, wo Jesus das übereinanderblen-
definieren. Das stimmt auch, ist aber nur ein Teil des Ganzen.
det, springt der Funke über und die Jünger haben von innen her
Vom Alten Testament her zeigt sich: Gott erwählt sein Gottes-
etwas verstanden.
volk, befreit es und verpflichtet es auf die Tora. Judentum oder
jüdische Religion leben bedeutet, einen Lebensstil zu pflegen, Jesus nimmt also den Bildungsfaden Israels auf: Es geht ihm
in dem man sich an die Tora hält und aus dieser Haltung heraus darum, die Überlieferung zu kennen und mit dem, was man er-
die Gesellschaft gestaltet. Das setzt voraus, die Texte zu kennen fahren hat, zusammenzubringen. Im besten Fall hat man dann
und zu leben. verstanden, worum es geht, und weiß, was zu tun ist.
Die Bibel ist eine ganze Bibliothek von antiken Schriften. Was Wir haben vorher über den jüdischen Bildungsbegriff gesprochen.
heißt es konkret, diese Texte zu kennen und zu leben? Wie versteht sich christliche Bildung? Entwickelt sie sich daraus?

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welt und umwelt der bibel 2/2022
t Der Taufbrun- Ballhorn: Genau das wäre für mich auch der christ- Sprache, Alphabete, Schreibertechniken und kul-
nen in der Kathe­ liche Bildungsbegriff. Wenn ein Mensch getauft turelle Praktiken seiner Zeit. Erst sie ermöglichen
drale von Salisbu­ wird, dann wird er nach seinem Glauben gefragt, es überhaupt, eine religiöse Identität auszubilden.
ry ist Symbol für und er muss das Credo sprechen, gleichzeitig aber Man muss kulturelle Techniken benutzen, um sein
den christlichen
von innen her bejahen und auf seine Weise verste- eigenes Wesen auszudrücken. Das ist also keine in
Initiationsritus, um
hen, worum es geht. Das ist für mich ein Zeichen, sich geschlossene Sache. Und die Bibel benutzt ein
den Glauben zu
lernen. Das aus­ was Bildung auch im Christentum bedeutet: Der ganzes Spektrum von Bildung, die ihr von außer-
strömende Wasser Taufritus tritt zu einem Verstehen dazu und zu der halb zukommt, seien es Mythen des Alten Orient
weist zugleich auf Bejahung, dieses Verstehen in das eigene Leben zu wie Sintflutgeschichten, die theologisch bearbei-
die Wirkung des übersetzen. Das ist ganz ähnlich wie die Toratheo- tet werden, seien es griechisch-philosophische
Christentums in logie im Judentum. Terminologien, die die Weisheitsbücher prägen,
die Gesellschaft. seien es Aussagen des römischen Kaiserkultes,
Ist dieser innerchristliche Bildungsbegriff eigenständig
die umgebaut und umgewichtet werden, um über
und abgekoppelt von der gesellschaftlichen Bildung?
die Funktion Jesu Christi zu sprechen. Es ist kein
Ballhorn: Nicht abgekoppelt. Das würde ich so abgeschlossener Prozess, sondern immer wieder
nicht sagen. In biblischer Perspektive heißt glau- kommen Anstöße von außen, die auch ermöglichen,
ben, ein gebildeter Mensch zu sein. ­Weltverstehen, eine Sprache für das Eigene zu finden.
Selbstverstehen und ein geistliches Moment
Hat Kirche eigentlich einen Bildungsauftrag?
kommen hier zusammen. Die Praxis des Alltags,
die Sakramente, die Ästhetik der Kunst erfordern Ballhorn: Es gibt das Recht des Christenmenschen
ein innerliches Verstehen, wenn Religion sich nicht auf Glaubens-Bildung. Zudem ist Bildung eine Auf-
zu einer reinen Äußerlichkeit entwickeln will. gabe, die die Kirchen subsidiär für die Gesellschaft
Das finde ich entscheidend und spannend. Glau- zu leisten haben. Das Christentum versteht sich
be und Mündigkeit gehören eng zusammen. Auf als eine Kraft, die den Anspruch hat, Gesellschaft
der individuellen Ebene ist Glaube also eine Art mitzugestalten, und das, was es selber als kostbar
Bildungsprojekt des Einzelnen. Das ist ein hoher erfahren hat – der Wert des Einzelnen, das Recht
Anspruch, zugleich ein Prozess, in den jeder immer der Armen, die Gestaltung von Gerechtigkeit, Soli-
von Neuem „unten“ einsteigt. darität –, argumentierend und klar erkennbar auch
in gesellschaftliche Prozesse einzubringen.
Und auf der Ebene der größeren Gemeinschaft, der
Kirche? Darüber hinaus hat der Umgang mit Bildungsdin-
gen sehr stark ein gegenwärtiges, ästhetisches
Ballhorn: Die Kirchen als Institutionen haben die
Moment. Religion umfasst auch symbolische Kom-
Pflicht, die Tradition, die Breite der in den Jahrhun-
munikation. Ich kann als Nicht-Christ, als Mensch
derten erarbeiteten Glaubensbildung in sich wach-
aus einem ganz anderen kulturellen Raum, einen
zuhalten und zu reflektieren und so damit umzuge-
Kirchenraum betreten und mir teilt sich sofort eine
hen, dass man Fragen der Gegenwart aufnehmen
bestimmte Atmosphäre mit. Ich kann bestimmte
kann: Tradition ist also so durchzubuchstabieren,
Gegenstände identifizieren, Orte der Versammlung,
dass sie hilft, auf neue und aktuelle Fragestellun-
Orte des Vorstehersitzes. Und dann braucht es
gen von Glaube und Gesellschaft einzugehen und
Prof. Dr. Egbert Ball- natürlich ein kompetentes Entschlüsseln, aber auch
das fruchtbar zu machen.
horn ist Universitäts- ein gemeinsames Wahrnehmen dieser Zeichen.
professor für Exegese Es reicht nicht, Formeln zu reproduzieren, sondern
Dieses kompetente Entschlüsseln müssen Menschen
und Theologie des die ganze Vielfalt der Tradition mit ihren Ansatz-
heute häufig erst lernen. Können wir das erwarten?
Alten Testaments an möglichkeiten und ihren Lösungsmöglichkeiten
der TU Dortmund. zu kennen und damit weiterzugehen. Das finde ich Ballhorn: Ich denke, ja. Zugleich muss der Anspruch
Seine Forschungs- höchst kreativ und es ist ein hoher Anspruch an die erst einmal an uns selbst gehen, dass wir unsere
schwerpunkte liegen Kirchen als Glaubensgemeinschaften. eigenen Zeichen immer wieder selbst lernen und
u. a. bei den Psalmen schauen, was sie überhaupt heißen, und nicht den-
und der Vermittlung Wie stehen diese innerchristliche und gesellschaft-
ken, wir wüssten das schon. Dabei kann der Blick
biblischer Themen. liche Bildung in Beziehung?
von außen in diesem Lernprozess mir etwas von
Ballhorn: Jede Form der Schriftwerdung von Religi- meiner eigenen Tradition zeigen, was ich von innen
on hat natürlich unter dem Aufgreifen gesellschaft- nicht mehr richtig wahrnehme. Dieser Austausch
licher und kultureller Strömungen stattgefunden. bringt einen starken interkulturellen Aspekt in das
Sie hat sich in diesen Mitteln ausgedrückt, das ist Lernen hinein.
ganz theologisch gesprochen auch ein Zeichen
Die Fragen stellte Barbara Leicht.
von Inkarnation. Schon das Alte Testament benutzt

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welt und umwelt der bibel 2/2022 59
Aus der Welt der Bibel: Panorama • Die großen Städte der Bibel •

Palast des Hischam hat seine Farben zurück


Am Rand der Oase von Jericho bauten die Umaijaden ein landwirtschaftliches Anwesen, das
als Erholungsort dienen sollte: den Hischam-Palast, in Auftrag gegeben von Walid ibn Jazid
im Jahr 743. In solchen repräsentativen Anlagen – dazu gehörten ein quadratischer, von
Türmen flankierter Palast, Bäder, eine große Halle, ein monumentaler Brunnen, zwei Mo­
scheen – empfingen die Würdenträger des jungen Islamisch-Arabischen Reichs hohe Gäste.
Der Mosaikfußboden der Halle, von der aus man die Baderäume betrat, steht in der Tradition
der byzantinischen Mosaikkunst. Lange Zeit war er unter dem Sand und seiner schon früh
© Rémi Bénali, Inrap-MDAA

bei einem Erdbeben eingestürzten Kuppel verborgen. Nun kann er wieder besichtigt werden!
Ende Oktober 2021 wurden die Bauarbeiten für ein schützendes Dach abgeschlossen und
nun ist der Blick auf den wundervollen Boden freigegeben, der den Palast nun wieder in
seinen schönen Farben erstrahlen lässt. Die Arbeiten wurden von Japan in Zusammenarbeit
mit der Palästinensischen Autonomiebehörde finanziert. (wub)

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Die Bibel in berühmten Gemälden • Ausstellungen und Veranstaltungen

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welt und umwelt der bibel 2/2022 61
Tübinger Team findet tausende beschriftete Tonscherben

Aus der Feder der Tempelschüler


Auf rund 18.000 Tonscherben ist ein Teil des Lebens in der altägyptischen
Stadt Athribis festgehalten. Die Notizen waren nie dafür bestimmt, lange auf-
bewahrt zu werden. Und doch dokumentieren sie Jahrtausende später Lebens-
welten der ptolemäisch-römischen Zeit – besonders die von Schülern!

O
straka waren eine Art Schmierzet- rismus- und Antikenministerium. Rund gen wollte, musste auch Basiskenntnisse
tel“, erklärt Prof. Dr. Christian Leitz, 80 % der Tonscherben stammen aus der in Griechisch haben.
„ein Wegwerfartikel.“ Man notier- ptolemäisch-römischen Zeit, sie sind zu-
te etwas – den Erhalt eines Sackes Lin- meist in demotischer Schrift beschrieben, Jahrtausendealte Strafarbeiten?
sen oder eines Kruges Öl – und warf die der gängigen Verwaltungsschrift dieser Viele Scherben dokumentieren die Ab-
Scherbe wieder weg, wenn man die Quit- Epoche, die restlichen in griechischer rechnung von Lebensmitteln oder ande-
tung nicht mehr brauchte, ähnlich einem hieratischer, hieroglyphischer und – weit ren Waren für den täglichen Gebrauch.
Kassenzettel. Weil Papyrus zu teuer war, seltener – koptischer und arabischer Eine Gruppe von Hunderten Ostraka
dienten die Scherben, die von geringem Schrift. Beschriftet wurden die Scherben war jedoch auffällig: Sie waren mit den
Materialwert waren, als Notizzettel oder mit Tusche und einem Schreibrohr (Kala- gleichen Zeichen bedeckt. Hinter die-
auch als Schreibmaterial in der Schule mus). Aber nicht nur Schriftostraka, son- sen Ostraka vermuten die Forschenden
– Schüler konnten ihre Übungen darauf dern auch Bild­ostraka finden sich – Tiere Strafarbeiten, die die Schüler anfertigen
machen. Töpferwaren gingen im Alltag (Skorpione, Schwalben), Menschen und mussten. Wo normalerweise nur die Au-
in Mengen zu Bruch. „Man muss 1000 Götter sowie geometrische Figuren. ßenseiten der Gefäßscherben beschrie-
Scherben umdrehen, um eine beschrifte- Die meisten Menschen im ptolemä- ben werden, ist hier auch die Innenseite
te zu finden – nur um die Scherbenmen- isch-römerzeitlichen Athribis konnten mit immer denselben Zeichen bedeckt.
ge vorstellbar zu machen“, so Leitz. nicht lesen und schreiben. Im Umfeld Doch auch andere Scherben bezeu-
Christian Leitz leitet die Ausgrabungen eines Tempels war das jedoch anders. gen den Schulbetrieb: „Es gibt Listen von
von Athribis, 200 km nördlich von Lu- Zum einen genoss der Nachwuchs für Monatsnamen, Zahlen, Rechenaufgaben,
xor, für das Institut für die Kulturen des die Priesterschaft eine gehobene Ausbil- Grammatikübungen und ein sogenanntes
© Marcus Müller

Alten Orients (Universität Tübingen) in dung und ebenso brauchte man lese- und Vogelalphabet – jedem Buchstaben wur-
Kooperation mit einem Team unter Mo- schreibkompetente Mitarbeiter für die de ein Vogel zugeordnet, dessen Name
hamed Abdelbadia vom ägyptischen Tou- Verwaltung. Wer es zudem zu etwas brin- mit diesem Buchstaben begann.“

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welt und umwelt der bibel 2/2022
1 Panorama

3
2
6

4 9

Die Tempelanlage von Athribis. 8


Westlich davon wurden die Ton-
scherben gefunden.

Die hohe Anzahl der Ostraka lässt auch 1 Abrechnung über Brote in (Ende Ptolemäer- oder Anfang Rö-
statistische Rückschlüsse auf den Alltag Demotisch. Mehrere der Empfänger merzeit).
zu. Die Auswertung wird zwar noch Jahre der je 5, 10 oder 20 Brote sind
dauern, doch bei so großen Zahlen könne Frauen. Ende Ptolemäer- oder 5 Bildostrakon mit einem Pavian und
man ein Bild davon erhalten, was insge- Anfang Römerzeit. einem Ibis, den beiden heiligen Tieren
des Thot, des Gottes der Weisheit
samt beispielsweise an Lebensmitteln
2 Vermutlich eine Strafarbeit, von und der Schreiber. Vielleicht geben
angeliefert und konsumiert wurde. Koor-
denen Hunderte entdeckt wurden. andere Ostraka Aufschluss, wieso sie
diniert wird die laufende Auswertung aus Sie sind mit immer dem gleichen hier aufgemalt wurden.
Paris, ausgeführt durch ein internationa- Zeichen meist vorder- und rückseitig
les Team, die meisten Mitglieder kommen beschrieben. 6 Kinderzeichnung
aus Frankreich und Deutschland,.
Die Tübinger Ägyptologie arbeitet be- 3 Fragment eines Schultextes mit 7 Abrechnung über Opfergaben –
reits seit 2003 in Athribis. Ein 15-jähriges einem Vogelalphabet in Hieratisch. Geld, Wein, Rizinusöl, Weizen und
Forschungsprojekt – die Freilegung und Rechts der Name des Vogels und Gerste – für die Tempelgöttin Repit.
© alle Fotos: Athribis-Projekt Tübungen

Publikation eines großen Tempels, der von links die Zahlen von 5 bis 8, die die (Ende Ptolemäerzeit)
Ptolemaios XII., dem Vater der berühmten Position der Buchstaben in der Liste
wiedergeben (Ende Ptolemäer- oder 8 Griechische Steuerquittung
Kleopatra VII., errichtet wurde – ist mitt-
Anfang Römerzeit).
lerweile abgeschlossen. Seit dem Frühjahr
9 Rechenübung
2018 wird jedoch westlich des Tempels 4 Fragment einer hieroglyphischen
nach einem weiteren Heiligtum gegraben: Inschrift mit Informationen zur loka-
Und dabei stieß das Team in den Schutt- len Mythologie, die vermutlich von
massen auf die Ostraka. W einem Schüler abgeschrieben werden
(Universität Tübingen/wub) mussten, um die Schrift zu erlernen

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welt und umwelt der bibel 2/2022 63
Spuren eines Dramas Eines der
vier Skelette

Kanaanäische Schicksale
bei der Frei-
legung: eine
junge Frau.

Die jüngsten Ausgrabungen auf dem Tel Azeka haben erwiesen, dass die Stadt im
12. Jh. vC gewaltsam zerstört wurde. Vier menschliche Skelette wurden in einer
Position gefunden, die darauf hindeutet, dass die Menschen beim Einsturz eines
Gebäudes von den Trümmern bedeckt wurden. Was mag passiert sein?

D
ie Ausgrabungen auf Tel Azeka in dem laut dem Buch Samuel David und
werden nach einer Coronapause Goliat gekämpft haben sollen. „Zwischen
im Sommer 2022 weitergehen. Socho und Azeka“ schlugen die Philis-
Davor lohnt ein Blick auf wichtige Jerusalem ter laut 1 Sam 17,1 ihr Lager auf, „die
bisherige Erkenntnisse. Der Ort wird Philister standen an dem Berg auf der
auch in der Bibel genannt – etwa
Tel Azeka einen Seite, die Israeliten an dem Berg
als eine der letzten umkämpften ju- D auf der anderen Seite; zwischen ihnen
däischen Festungen, als Babylon die lag das Tal.“
Region 586 vC erobert. Tel Azeka (arabi- Die Ausgrabungen werden gemeinsam
© Jared Dye/ÖAW

scher Name Tell Zakariya) liegt im Herzen der von der Universität Tel Aviv und den deut-
Schefela, einer Hügelregion zwischen der Mittel- schen Universitäten Heidelberg und Tübingen orga-
meerküste und den Bergen von Judäa. Die Stadt wur- nisiert und sollen das noch lückenhafte Wissen über
de auf auf einem Hügel mit Blick auf das Tal erbaut, diese bedeutende Siedlung vervollständigen.

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Panorama

Rekon­struktion
des Werkstatt-
gebäudes nach
Ronnie Avidov,
Fundort der
Skelette.

sollten, darauf hindeuten, dass die


Einwohner von Azeka sich ägyptischen
Praktiken und Glaubensvorstellungen
die vielleicht mit dem Gebrauch angeschlossen hatten?
von Mühlsteinen in Verbindung gebracht Der Import von Artefakten aus Ägypten
Als die Ausgrabungen werden können, von denen es an der war in dieser Zeit der politischen Domi-
2012 begannen, lag eine dicke Zerstö- Fundstelle viele gab. Die Analyse von or- nanz des Neuen Reiches über die Levante
rungsschicht über der Stadt. Seitdem ganischen Rückständen in unterschiedli- üblich. Aber es wurden auch Statuetten
hat sie den Archäologen Hunderte von chen Gefäßen ergab neben Oliven- und der lokalen Kultur ausgegraben: Sie zei-
Tongefäßen, Alltagsutensilien, einige Palmöl auch Spuren von Bienenwachs gen eine nackte Göttin, deren Hände die
Schmuckstücke, Siegel – und auch vier und Salben. Die Archäologin Sabine Brüste stützen oder auf dem Geschlechts-
menschliche Skelette geliefert. In der Kleiman hält daher eine Produktion von teil liegen. Diese Terrakottafigurinen
3500 Jahre währenden Besiedlung (bis Materialien für die Einbalsamierung für wurden in der Region hergestellt und äh-
in die byzantinische Zeit) erzählen die möglich. Noch bemerkenswerter sind die neln Darstellungen syrischer Göttinnen.
Skelette über die Ereignisse in der spä- Funde von Pigmenten, darunter das wert- Auch die Alltagskeramik zeigt eine starke
ten Bronzezeit, im Kanaan des 12. Jh vC. volle „Ägyptisch Blau“, dessen Vorkom- lokale Tradition, sowohl in ihren Formen
Die Position, in der man sie gefunden hat, men auf einen regen Handel mit Ägyp- als auch in ihren Verzierungen. Das ge-
zeugt von einem unerwarteten Ereignis. ten hindeutet, denn die Pigmente gab es samte ausgegrabene Material lässt den
Die vier Menschen befanden sich im In- Wohlstand von Azeka erahnen.
neren eines großen handwerklichen Ge-
Ägyptisches
bäudes, das über ihnen zusammenbrach. Amulett und Noch keine Erklärung gefunden
Ein Skelett wurde unter den Trümmern ein Skarabäus Die Forschenden bezweifeln, dass die
von drei großen Krügen freigelegt, die mit einer Gazelle, Zerstörung der Stadt natürlichen Ur-
auf dem Dach gestanden haben müssen. die ihr Junges sprungs war. Speerspitzen und Brandspu-
In der Nähe der Leichen befanden sich säugt. ren wiesen eher auf eine menschliche
Wertgegenstände: Skarabäen, Amulet- Ursache hin. Aber wer war dafür verant-
te, Perlen. Durch die Untersuchung der wortlich? Laut Oded Lipschits, einem der
Keramikarten und 14C-Datierungen von Co-Direktoren des Ausgrabungsprojekts,
Olivenkernen konnte das Ereignis auf die könnte die Zerstörung von Azeka mit
Zeit um 1130 vC datiert werden. lokalen oder sogar internen Konflikten
zusammenhängen. Weit über die Shefe-
Eine blühende Stadt la hinaus findet in dieser Zeit aber auch
Hinter diesem Bild der Zerstörung ent- eine große Umwälzung im gesamten
deckte man aber auch das Bild einer nur dort. Diese engen Kontakte werden östlichen Mittelmeerraum statt, die das
blühenden kanaanäischen Stadt. Denn durch weitere Funde bestätigt. Eines Verschwinden der ägyptischen und heti-
die Ausgrabungen werfen auch Licht auf der Opfer hatte zwei Figuren der ägyp- tischen Reiche, den Niedergang des Han-
das wirtschaftliche und kulturelle Leben tischen Götter Amun und Bes bei sich. dels und bedeutende Bevölkerungsbe-
© Azekah Lautenschlaeger Expedition

der spätbronzezeitlichen Stadt. Die Ana- Eine junge Frau besaß einen Skarabäus wegungen mit sich bringt. Die Ursachen
lyse der Knochen lieferte Hinweise auf mit einer säugenden Gazelle. Es wurden werden noch gesucht: Ein Klimawandel
die Aktivitäten der vier Menschen: Kno- im Gebäude noch viele weitere Skarabä- ist nicht ausgeschlossen, ebensowenig
chenverletzungen müssen vom Heben en und dreizehn Amulette gefunden, die die Feldzüge sogenannter „Seevölker“.
und Tragen schwerer Lasten herrühren, die enge Verbindung der Städte im west- Azeka wird mehr als zweihundert Jahre
was vermutlich auf die großen Krüge zu- lichen Judäa mit Ägypten belegen. Wie brauchen, um sich zu erholen und um
rückzuführen war, die gefunden wurden. dort, wurden die Skarabäen zum Siegeln dann für die biblischen Judäer eine wich-
Zwei der Personen hatten außerdem De- von Dokumenten verwendet. Könnten tige Festung zu werden.“ W
formationen an Schulter und Unterarm, die Amulette, die Schutz gewährleisten (Caroline Arnould-Béhar/wub)

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welt und umwelt der bibel 2/2022
römisch

byzantinisch

12. Jh. kreuz-


fahrerzeitlich
römisch

byzantinisch

9.–10. Jh.

frühislamisch

Neues Ausgrabungsprojekt in tiberias Helferinnen und Helfer ruhen sich im


Areal M 5 aus: Fünf archäologische

Mit vereinten Kräften


Schichten konnten hier identifiziert
werden.

Eine neue Kooperation widmet sich der Erforschung des antiken Tiberias und seiner bewegten
Geschichte: Welche Bedeutung hatte die Stadt für Judentum, Christentum und Islam?

I
im Februar 2022 war es endlich so weit: res Augenmerk liegt dabei auf der religi- wurde. Urchristliche Quellen berichten
Mit der tatkräftigen Unterstützung von ösen Bedeutung, welche die Stadt nicht davon, dass Johannes der Täufer vor dem
Studierenden der Hebräischen Univer- nur für das Judentum, sondern auch für Jahr 30 nC in Tiberias hingerichtet wurde.
sität, aus Potsdam und Neuendettelsau das Christentum und den Islam hatte.
sowie von Volontären aus allen Teilen Die um 19 nC am Westufer des Sees Geistiges und religiöses
Deutschlands konnte es losgehen: das Gennesaret gegründete Stadt Tiberias Zentrum des Judentums
gemeinsame Ausgrabungsprojekt der He- entwickelte sich im Laufe der Jahrhun- Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr
bräischen Universität und des Deutschen derte zu einem Brennpunkt von Religion, 70 nC wurde die Stadt bald das geistige
Evangelischen Instituts für Altertums- Kultur und Handel im Norden Israels. Den und religiöse Zentrum des Judentums.
wissenschaft in Tiberias. Es sollte im Jahr Namen wählte der Gründer Herodes An- Antike Quellen erwähnen den Bau ei-
2021 beginnen, musste jedoch aufgrund tipas – der Landesvater Jesu – zu Ehren nes Heiligtums zu Ehren Kaiser Hadrians,
der Einreisebeschränkungen während der des römischen Kaisers Tiberius. Die Stadt doch fehlen bislang verlässliche archäo-
Pandemie um ein Jahr verschoben werden. wurde im römisch-griechischen Stil mit logische Hinweise auf eine entsprechen-
Ziel des gemeinsam von Dr. Katia Palästen und typisch römischen Bauten de Architektur. Einziger Anhaltspunkt ist
© New Tiberias Project

Cytryn (Hebräische Universität) und wie Forum, Theater, Badehaus und Renn- eine Fassade mit vier Säulen, die auf ei-
Assist.-Prof.in Katja Soennecken (DEI Je- bahn erbaut. Dabei wurde der jüdische nigen in Tiberias geprägten Münzen des
rusalem & LSRS Luxembourg) geleiteten Friedhof des Nachbarorts Hammat über- Jahres 119 nC erscheint.
Projekts ist die weitere Erkundung des baut, weswegen die Stadt von gläubigen Ende des 2. Jh. erklärte Rabbi Schimon
antiken Zentrums von Tiberias. Besonde- Juden zunächst als „unrein“ gemieden ben Jochai die Stadt für „rein“, und am

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Panorama

Plan des Ausgrabungsgeländes (rot) mit den


bearbeiteten Arealen M 5 und M 1.

Ein römi-
scher
Kochtopf
in seiner
originalen
Fundlage
(in situ).

Anfang des 3. Jh. erlebte Tiberias als Sitz einer der frühesten Moscheen im Land M 1 an der Westmauer der Moschee und
des Sanhedrin und einer berühmten Je- ist hervorzuheben. Als diese um 670 nC M 5 westlich der großen byzantinischen
schiwa einen weiteren Aufschwung und gebaut wurde, war Tiberias bereits seit Kirche. Zwar konnte der Eingang zur Mo-
wurde zu einer Hochburg jüdischer Ge- einigen Jahrzehnten eine muslimisch re- schee nicht gefunden werden, doch ent-
lehrsamkeit. Hier wurde gegen 210 nC gierte Stadt. Die im 5. Jh. nC erbaute drei- puppte sich die halbkreisförmige Struk-
die Mischna fertiggestellt, bis ca. 400 nC schiffige Kirche wurde zur selben Zeit tur als Teil einer kreuzfahrerzeitlichen
entstand die Gemara und bis ca. 450 nC noch aktiv genutzt und blieb dies in der Kirche aus dem 12. Jh.
wurden hier der Talmud Jeruschalmi sowie umaijadischen Zeit auch – ein archäolo- In M 5 wurde ebenfalls eine vermut-
die masoretische Punktation des Ersten gischer Hinweis, dass die frühislamische lich kreuzfahrerzeitliche Mauer entdeckt,
Testaments vollendet. Herrschaft tatsächlich eine tolerante war. die in Bau und Größe eher auf eine klei-
Seit dem 4. Jh. war die Stadt zu einem Erst unter abbasidischer Herrschaft wur- ne Festung hindeutet. Dies stellt für
wichtigen Ziel für christliche Pilger ge- de das Kirchengebäude stark verkleinert die Stadtgeschichte eine große Überra-
worden, die die heiligen Stätten in der und später stillgelegt. Ein christliches Be- schung, wenn nicht eine kleine Sensati-
Region Galiläa besuchten. Nach der ara- gräbnis mit arabischer Inschrift aus dem on dar; denn bislang wurde immer da-
bischen Eroberung im Jahr 635 nC blühte Jahr 970 nC, der beginnenden Fatimiden- von ausgegangen, dass die Stadt in der
Tiberias weiter auf, als es zur Hauptstadt herrschaft, wurde direkt neben der Kirche Kreuzfahrerzeit ausschließlich weiter im
von Jund al-Urdun wurde. Die frühen Ka- gefunden – offensichtlich war die Erinne- Norden gelegen habe und sich nicht so
lifen errichteten Paläste im Umfeld der rung an den als heilig empfundenen Ort weit in den Süden erstreckte.
Stadt am Seeufer (Khirbat al-Minya und noch vorhanden. In den letzten Tagen der Kampagne
Sinn en-Nabra). Dennoch war bis vor Kur- Während Moschee und Kirche schon wurden der Cardo, die von Norden nach
zem nur wenig über die frühe muslimi- ausgegraben wurden, fehlt von den min- Süden verlaufende Hauptstraße des rö-
sche Vergangenheit der Stadt bekannt. destens 13 in schriftlichen Quellen be- mischen und byzantinischen Tiberias,
Archäologische Ausgrabungen werden schriebenen Synagogen noch jede Spur. sowie entsprechende Siedlungsspuren
© K. Cytryn/New Tiberias Project; DEI/New Tiberias Project

in der Umgebung von Tiberias bereits seit der Zeit entdeckt. Somit ist die Lage der
einem Jahrhundert durchgeführt und sind Ziele der Ausgrabungen und: Hauptachse der antiken Stadt bekannt
mit namhaften Archäologen verbunden Wo sind die Synagogen? und die Planung der weiteren Kampag-
(B. Rabani in den Jahren 1954–56; A. Druks Die Forschungsfragen des neuen Projekts nen nimmt Gestalt an: Der Bereich west-
zwischen 1964–68; G. Foerster 1973–74; in diesem Jahr waren in erster Linie: Wo lich des Cardo und auf einer Achse mit
Y. Hirschfeld in den 1980–1990er-Jahren). befand sich der westliche Eingang zur der östlich davon gelegenen Kirche wäre
Dazu kommen zahlreiche Notgrabungen Moschee? Was verbirgt sich hinter der der theoretisch ideale Ort für die Ansied-
im Zuge der Entwicklung von Tiberias zu apsidialen Struktur, die im Jahr 2018 dort lung von Synagogen der Stadt. W
einem beliebten Urlaubsort. freigelegt wurde? Wo schließt der Cardo Prof.in Dr. Katja Soennecken, Prof. Dr. Dr. Dr. Dieter
In den letzten Jahrzehnten wurden mo- an? Wie verbindet sich der römisch-by- Vieweger (DEI Jerusalem)
numentale Gebäude der antiken Stadt zantinische Cardo mit dem frühislami-
entdeckt, darunter ein großes römisches schen Decumanus? Das Projekt im Web
Theater und eine byzantinische Kirche Um Antworten auf diese Fragen zu facebook.com/tiberiasexcavations
aus dem 5. Jh. Besonders die Entdeckung finden, wurden zwei Bereiche geöffnet: facebook.com/GPIAJer

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Große Städte der Bibel • Haran

Die Stadt der


Erzeltern – und
des Mondgottes
Haran im Südosten der heutigen Türkei ist im Buch Genesis
eine Art Stützpunkt der Erzeltern Abraham und Sara, Isaak
und Rebekka sowie Jakob, Lea und Rahel und deren Mägden
Bilha und Silpa. Da der Ort kaum erforscht ist, bleibt es den
Texten überlassen, eine Geschichte über die Erinnerungen
an die großen Vorfahren Israels zu erzählen.
Von Estelle Villeneuve

Ankara

S
age mir deinen Namen, Blick über das Gelände des archäologischen Sied-
und ich sage dir, wer du Türkei lungshügels von Haran. Die Stadt entwickelte sich
bist“– diese Frage passt in der fruchtbaren Ebene des Jullab, eines Zuflusses
auf die biblische Stadt Haran Harran zum Belich (Nebenfluss des Euphrat). Sie lag an einem
Knotenpunkt von Straßen, die Mesopotamien mit Syrien
im Südosten der heutigen Türkei
und dem Mittelmeer verbanden. Die sichtbaren, oberirdi-
geradezu programmatisch: Harra-
schen Überreste stammen hauptsächlich aus byzantinischer
nu bedeutet auf Akkadisch „Reise“ oder und islamischer Zeit.
„Weg“, auf dem die Karawanen zwischen Im Vordergrund die rekonstruierten Ruinen der Großen Moschee von
Mesopotamien und den Ländern der Levante zo- Haran mit ihrem intakt erhaltenen quadratischen Minarett von 30 m
gen, entlang der Rundung des Fruchtbaren Halb- Höhe. Die Moschee wurde unter den Umaijaden zwischen 744 und 750
monds. Haran bildete eine wichtige Etappe auf errichtet. Angeschlossen sind die Gebäude der einst berühmten mittel-
dieser Reise. Abraham (zuerst noch mit dem Na- alterlichen islamischen Akademie von Haran. Seit 2018 wurden Bauwer-
men Abram) hielt sich hier auf, als er mit seinem ke teilweise rekonstruiert und sind seit 2021 wieder zugänglich.
Vater Terach aus Ur in Chaldäa kam. Hier hört er
© Thankful Photography/istockphoto.com

den göttlichen Auftrag und die Verheißung: „Geh


fort aus deinem Land, aus deiner Verwandt- Wichtige Daten
schaft und aus deinem Vaterhaus in das Land,
das ich dir zeigen werde! Ich werde dich zu ei- 2000–1550 vC Mittlere Bronzezeit
nem großen Volk machen, dich segnen und dei- 19.–18. Jh. vC Archive von Mari, mutmaßliches Datum der Patriarchen
nen Namen groß machen. Ein Segen sollst du 15.–14. Jh. vC Archiv von Nuzi
sein!“ (Gen 12,1f). Er wird dem göttlichen Befehl 911–609 vC Neuassyrisches Reich
im Alter von 75 Jahren folgen und mit seiner Frau 556–539 vC Nabonid, letzter König von Babylonien
Sara und seinem Neffen Lot nach Kanaan aufbre-

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welt und umwelt der bibel 2/2022
chen. Rebekka, Isaaks Frau, wird aus Haran geholt. interessierten sich aber mehr für das große Areal
Später wird Abrahams Enkel Jakob nach Haran der umaijadischen Moschee oder die Zitadelle,
gehen, um vor seinem erzürnten Bruder Esau zu die Teil der mittelalterlichen Stadt waren; unter
fliehen und um eine Tochter seines Onkels Laban dem Zentrum der Stadt verbarg sich der antike
zu heiraten. Die Geschichte, wie Laban dem Jakob Siedlungshügel. Als in den 1950er-Jahren mit der
zuerst seine Tochter Lea statt der versprochenen systematischen Erforschung der Stätte begonnen
Rahel zur Frau gibt, ist berühmt. Elf seiner zwölf
Söhne werden hier geboren. In jedem Fall ist Ha-
ran als territoriales Sprungbrett, als Ort der Ehe- Jakob geht nach Haran, um vor seinem
schließungen und als Wiege der Stämme Israels
ein Schicksalsort für die Erzeltern.
erzürnten Bruder Esau zu fliehen
Phantom-Archäologie wurde, waren es weiterhin die jüngeren Schich-
Wer sich für biblische Archäologie interessiert, ten, die der „biblischen“ Stadt die Schau stahlen.
wird vor Ort kaum auf seine Kosten kommen. Die Nur eine Tiefensondage belegt, dass die Stätte
seit der Mitte des 19. Jh. identifizierte Stätte des seit dem 3. Jahrtausend vC ununterbrochen be-
antiken Haran,  türk. Eski Harrân, wurde für die siedelt war. Die muslimischen Baumeister waren
sehr frühen Zeitepochen kaum erforscht. Die Rei- sparsam mit Baumaterialien und verbauten neu,
senden, die sich in diese wenig erschlossene Re- was möglich war. So blieben jahrhundertealte
gion des Osmanischen Reiches begaben – wie die Ziegelsteine erhalten – und vier Stelen, die Nabo-
berühmte Gertrude Bell und der nicht minder be- nid, den letzten König von Babylon, in der Zeit vor
rühmte Thomas E. Lawrence („Lawrence von Ara- der Eroberung seines Reiches durch die Perser im
bien“) – kannten zwar die Abraham-Erzählungen, Jahr 539 vC nennen.

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Die Geschichte als Retterin in der Not
Wenn auch die archäologischen Befunde fehlen, so
wurde die Geschichte Harans seit dem 24. Jh. vC glück-
licherweise durch Keilschrifttafeln bewahrt, die in
verschiedenen Palästen in Syrien und Mesopotamien
gefunden wurden, z. B. in Ebla und Mari. Es stellte sich
durch die Texte heraus, dass Haran als unabhängige
Hauptstadt zu einer Konföderation von Königreichen
namens Zalmaqqum gehörte. Auch dass in Haran schon
im 19./18. Jh. vC ein weithin sehr wichtiges Heiligtum
des Mondgottes Sin stand, erfährt man. Haran wurde
vom Mittani-Königreich (16. Jh. vC) und vom Reich der
Hetiter (14. Jh. vC) erobert. Als Haran zu Beginn des
1. Jahrtausends vC von Assyrien annektiert wird, wird
es zur Provinzhauptstadt erhoben, die wiederum von
den Babyloniern erobert wird (609–590 vC). Ez 27,13
erwähnt Haran als wichtige Stadt des Handels. Als die
Perser die Macht im Vorderen Orient übernahmen, ver-
lor Haran sein politisches Gewicht an Urfa, das von den
Griechen in „Edessa“ umbenannt wurde. Erst während
der Kriege zwischen den Römern und den Parthern
(66 vC–217 nC) gewann die Stadt wieder an strate-
Mittelalterlicher Brunnen im Areal der Moschee: der Legende nach gischer Bedeutung. Nach der arabisch-islamischen Er-
der Brunnen Rebekkas und der Brunnen, an dem auch Jakob und
oberung im Jahr 639 wurde Haran 1260 von den Mon-
Rahel aufeinandertrafen. Schon die Pilgerin Egeria erzählt im 5. Jh.,
dass ihr in Haran ein Brunnen dieser Erzeltern gezeigt wurde.
golen eingenommen.

Biblischer Widerhall
In dem assyrischen Quellenmaterial fanden die Bibel-
forschenden reichlich Nahrung für ihren Erkenntnis-
hunger. Die Korrespondenz der Könige von Mari, die
in den 1930er-Jahren entdeckt wurde, erregte ihre be-
Eine Ausgrabung sondere Aufmerksamkeit. Die Briefe stammen aus dem
und ihr Ausgräber späten 19. und frühen 18. Jh. vC, also aus der Zeit, die
die innerbiblische Chronologie für die Erzelternlegen-
de angibt. Haran wird im Zusammenhang mit Bezie-
hungen zwischen Nomaden und Sesshaften erwähnt
Der Archäologe David Storm Rice (1913–1962) wurde in – das erschien wie der biblische Hintergrund! Die
Österreich unter dem Namen Sigismund Reich geboren. Von Könige von Haran waren zudem mit einer Gruppe von
Palästina, wohin er als Kind mit seiner Familie ausgewandert Stämmen verbunden, deren Name aufhorchen ließ:
war, ging er 1931 nach Florenz, um dort Kunst zu studieren. die Bene-Jamina, d. h. die „Söhne des Südlands“, „Söhne
Anschließend studierte er in Paris orientalische Sprachen und Benjamins“ oder „Benjaminiten“. Wie könnte man da
promovierte 1937 über aramäischsprachige Dörfer. Nach dem nicht an Jakobs und Rahels jüngsten Sohn denken (der
Zweiten Weltkrieg, in dem er für den britischen Militärgeheim- allerdings in der Nähe von Betlehem geboren worden
dienst arbeitete, anglisierte er seinen Namen und erhielt 1947 sein soll)? Eine Verbindung zum biblischen Stamm
eine Anstellung an der Universität London, wo er Geschichte Benjamin ist allerdings nicht zu rekonstruieren.
und Archäologie des Nahen und Mittleren Ostens lehrte. Bevor Was man in den Archiven von Nuzi im Nordwesten
Brunnen © Mike P. Shepherd/Alamy/Hemis

er 1959 zu einem Lehrauftrag für islamische Kunst und Archäo- Mesopotamiens entdeckte, schien die Verwurzelung
logie wechselte, durfte der Orientalist Ausgrabungen in Haran des Erzeltern-Zyklus in der Geschichte und Kultur des
durchführen. Als er die große umaijadische Moschee untersuch- Vorderen Orients in der Mittleren Bronzezeit (2000–
te, entdeckte er drei große Basaltstelen mit Keilschriften, die 1550 vC) noch zu verstärken. Die Texte aus öffentli-
umgedreht im Boden steckten. In den langen Texten sprachen chen und privaten Archiven aus dem 15. und 14. Jh. vC
Nabonid, der letzte König von Babylon, und seine Mutter, die ermöglichen, in die Welt des Familien- und Eherechts
Hohepriesterin des Mondgottes. Sie verherrlichten die Herr- einzutauchen. Unter anderem ist hier zu erfahren,
schaft und die Taten des Königs anlässlich der Restaurierung dass eine Frau, die unfruchtbar war, ihrem Mann eine
des großen Heiligtums des Mondgottes Sin in Haran. neue Frau zur Verfügung stellen musste. Die Geschich-
ten von Sara, Lea und Rahel, die Abraham und Jakob

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Grosse Städte der Bibel: Haran

ihre Mägde (Hagar, Bilha, Silpa) anboten, damit gen nicht auf subversive Weise den Widerstand
sie an ihrer Stelle gebären sollten, erhielten da- Israels gegen die assyrischen Unterdrücker dar-
durch eine willkommene Plausibilität. Ebenso ist stellen? Und zwar in der Gestalt des gewitzten
in den Schriften von Nuzi festgehalten, dass ein Jakob, der Haran so klug und siegreich verlässt?
Mann ohne Nachkommen einen Erben adoptieren Oder war der starke Bezug auf Haran auch eine
konnte, wie es Abraham mit Elieser von Damaskus Aussage gegen den Mondgott, der gegen den Gott
getan hätte, wenn er nicht selbst Vater geworden Abrahams, Isaaks und Jakobs ein Nichts war? W
wäre (Gen 15,1-5).

Assyrisches Reframing
Während die Bene-Jamina in den Archiven von
Mari im 2. Jahrtausend vC an Jakobs Sohn Benja-
Eine besondere Keilschriftquelle
min erinnerten, boten die assyrischen Texte aus
dem 8. Jh. vC mit einer als „Shumu‘il“ bezeich- Bei Ausgrabungen in der assyrischen Hauptstadt Ninive wurden
neten Konföderation arabischer Stämme einen Verwaltungsurkunden auf Tafeln entdeckt, die als „Haran-Zensus“
ebenso aufregenden Anklang an Hagars und bekannt sind (SAA XI, 201–220). Die unter der Herrschaft von
Abrahams Sohn Ismael. Bei näherer Betrachtung Sargon II. (722–705 vC) verfassten Tafeln enthalten Listen der
der biblischen Texte erschienen die Hinweise auf Landgüter in Haran und Umgebung, die Namen aller Sippenober-
die assyrische Zeit sogar noch gewichtiger als häupter und -mitglieder, die Größe der Anwesen sowie die Art der
der Kontext der Mittleren Bronzezeit. Haran war jeweils angebauten Feldfrüchte (Weizen, Gerste, Wein) und die
bis in die assyrische und sogar babylonische Zeit Anzahl des Viehs. Diese Volkszählung hatte wahrscheinlich einen
Zentrum eines großen Heiligtums des Mondgot- fiskalischen Zweck, denn Sargon II. hatte den heiligen Städten Haran
tes Sin. Ein zweites Sin-Heiligtum war Ur in Chal- und Assur bereits zu Beginn seiner Herrschaft spezielle Freiheiten
däa (Abrahams Heimat), dessen Name erst ab der eingeräumt. Aber genau weiß man es nicht!
assyrischen Zeit außerhalb der Bibel auftaucht.
Daher setzte sich grundsätzlich die Überzeugung
durch, dass das Buch Genesis erst ab der assyri-
Stele mit der Darstellung des Mondgottes Sin von Haran mit seinen
schen Zeit aus verschiedenen Quellen (und über
Kultsymbolen: Sichelmondstandarten mit Troddeln. Eine solche
Jahrhunderte) komponiert wurde. So hinterfragte
Standarte war vermutlich im Tempel aufgestellt. Als Motiv war sie im
man die herausragende Stellung Harans in den 1. Jahrtausend vC weit verbreitet. Sin residiert hier über seinem Tempel
Erzelternerzählungen, besonders im Jakob-Er- in Haran, einem von Türmen flankierten Gebäude. Die Assyrer übernah-
zählzyklus: Die Stadt war bekannt als die Stadt men die Mondgottheit der Stadt, als sie das Gebiet eroberten – Sin wurde
des Sin und war ein wichtiges regionales Zentrum zu einer wichtigen Gottheit für Assyrer und Babylonier. Archäologisches
des Assyrischen Reiches – könnten die Erzählun- Museum von Aleppo. Kalksteinrelief von Tell Ahmar, Syrien. 8. Jh. vC.
© Sammlung Dagli-Orti/Aurimages; Skizze der Stele © D. R.

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welt und umwelt der bibel 2/2022 71
Die Bibel in berühmten Gemälden • Maurice Denis

Die Frauen am Grab


Von Régis Burnet

W
ie wird die religiöse Kunst des 20. Jh. Bildern der sogenannten „pompösen“ Kunst und Das Gemälde
aussehen? Schon Maurice Denis’ Ju- verbannte jeglichen Archäologismus. Mit „Die Die Frauen am Grab
gendwerk Saintes femmes au tom- Frauen am Grab“ knüpft Denis an die Intuition der (Saintes femmes au
beau, das er im Alter von 24 Jahren malte, be- christlichen Kunst an – er verlegt die Auferste- tombeau. Matinée
de Paques), Maurice
fasst sich mit dieser Frage. Sie wird sein ganzes hung in das Frankreich am Ende des 19. Jh., um
Denis, 1894, Öl auf
Leben bestimmen. Und die Antwort, die er gibt, deutlich zu machen, dass die Betrachtenden von
Leinwand, 74 x 100
ist auch heute noch gültig: Die sakrale Kunst Ewigkeit her Zeitgenossen dessen sind, was hier cm. Saint-Germain-
wird eine moderne Kunst sein. dargestellt wird. en-Laye, Musée
Als Erbe von Cézanne und der impressionis- départemental Maurice
tischen Revolution wird Denis von Gauguin Der Maler Denis.
beeinflusst. Aber er geht noch weiter. Seinem Maurice Denis (1870–1943) wird gewöhnlich mit
berühmten Satz zufolge ist Malerei „eine ebene der Art sacré-Bewegung in Verbindung gebracht,
Fläche, die mit Farben in einer bestimmten Rei- einer französischen Reformbewegung innerhalb
henfolge bedeckt ist“: Nicht der Realismus, das der Moderne, die an die Traditionen der christ-
Abbild der Wirklichkeit, ist das Wichtige, sondern lichen Kunst anknüpfte. Am Ende seines Lebens
die Farbe und die Form. Er organisiert den Raum wird er Mitglied der Gemeinschaft der Laiendo-
nicht nach den Regeln der Perspektive, sondern minikaner und malt zahlreiche Kirchen aus (Le
durch Farb- und Formintensitäten (die eine Art
Terrasse herausbilden; eine dunklere Fläche
lässt einen tiefer gelegenen Garten entstehen,
während der Rest des Tals im Licht der Morgen-
Die Betrachtenden sind von Ewigkeit
dämmerung liegt) und greift in diesem Gemälde her Zeitgenossen dessen, was hier
auf eine kontrastreiche Palette zurück, die an
Cézanne erinnert: dunkle und helle Grüntöne,
dargestellt wird
leuchtende Brauntöne, leuchtende Gelb- und
Rottöne. Gauguins jüngste Innovation greift De- Vésinet, Genf, Rouen, Paris, Thonon). Er war auch
nis auf, wenn er seine Formen mit einer dunklen ein Künstler, der viele Stilrichtungen (Symbolis-
Kontur betont und mit breiten Flächen färbt; er mus, Neoklassik, Fauvismus) analysierte und des-
vereinfacht die Gesichter und die Wiedergabe sen theoretische Schriften die Grundlagen der
der Stoffe. modernen Kunst legten. In den 1930er-Jahren
Gleichzeitig kehrt seine religiöse Kunst der iko- waren seine kräftigen Farben, einfachen Formen
nografischen Tradition nicht den Rücken. Maurice und sein Symbolismus in Mode und er entwickel-
Denis war ein gebildeter Maler, der seine Vorgän- te sich zu einer Art „Amtsmaler“, der mit seinen
ger genau kannte. Er ließ sich insbesondere von Fresken ein Gewölbe des Senats, zwei Wand­
den Kompositionen der italienischen Renaissance paneele des Palais de Chaillot, die Kuppel des
inspirieren, die mehrere Erscheinungsszenen (die Theaters auf den Champs-Élysées und den Völ-
Frauen am Grab und das Noli me tangere) in kerbundpalast in Genf bedeckte.
derselben Landschaft darstellten. Er übernahm
durchaus einen Teil der traditionellen Codes: Der historische Kontext
Weiß für die Reinheit, Licht für die Göttlichkeit Als Maurice Denis dieses Bild malte, gehörte er
... Aber er brach bewusst mit den historischen zusammen mit Pierre Bonnard, Édouard Vuil-

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welt und umwelt der bibel 2/2022
lard und Félix Valloton der Künstlergruppe Die Geschichte der Darstellung
Nabis an (von hebr. nabi, „Prophet“). Diese re- Eingraviert auf einer Elfenbeintafel aus dem Jahr 430 befindet sich im
bellische Gruppe wurde um 1888 von Paul British Museum eines der ältesten Bilder des Christentums: die Frauen am
Sérusier (1864–1927) gegründet, der soeben Grab, seitdem vielfach dargestellt. Anfangs drängen die Frauen zu einem
stark von Gauguin beeinflusst worden war. Die kleinen, tempelartigen Gebäude mit offener Tür: Obwohl die Evangelien
Nabis brachen nicht nur mit dem Impressio- von einem in den Fels gehauenen Grab sprechen, handelt es sich um ein
nismus (man nennt sie heute post-impressio- Martyrium, ein Denkmal zu Ehren eines Märtyrers.
nistisch), sondern auch mit dem akademischen Diese Darstellung hält bis um das Jahr 1000 an, als der prächtige Eg-
Naturalismus und wollten sich von den Zwän- bert-Codex (um 980) das Grab als eine Art Sarkophag darstellt, auf dem der
gen des Realismus befreien. In Anlehnung an Engel steht. Im Laufe der Zeit kann er die Form eines Altars annehmen, um
die damals sehr beliebten japanischen Drucke die Verbindung zwischen der Eucharistie und der Auferstehung zu betonen
aus der Edo-Zeit (die Ukiyo-e von Hokusai oder (wie bei Duccio di Buoninsegna, 1308). Bei Fra Angelico hält sich eine der
Hiroshige) legten sie Wert auf Konturen und Frauen die Hand an die Stirn, als wolle sie die bodenlose Tiefe des Grabes
leuchtende Farben. ergründen.
Die Nabis schöpften aus der christlichen Tra- In der flämischen Kunst des 16. bis 17. Jh. kann der Sarkophag verkürzt
dition, aber auch aus der Esoterik, die am Ende als ein klaffendes Loch gesehen werden, das von einer Art Randstein ein-
© Bridgeman Images

des Jahrhunderts modern war (wie Theosophie gefasst ist, auf dem der Engel sitzt, während es sich in der italienischen
oder Orphismus) und behaupteten, spiritua- Kunst der gleichen Zeit um einen kostbaren Marmorsarkophag handelt,
listische Maler zu sein, bis hin zu dem Namen auf dessen Grab der Engel sitzt. Die Anzahl der Frauen variierte von zwei
„Propheten“, den sie sich zunächst nur intern bis vier. Außergewöhnlich an der Darstellung von Maurice Denis ist also,
gaben. W dass von dem Grabmal keine Spur mehr zu sehen ist.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
1. Vier heilige Frauen

Während die Tradition normalerweise drei heilige Frauen bei der Auf-
erstehung platziert (Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus,
und Salome, nach Mk 16,1; nach Lk 24,10 waren es „Maria von Magdala,
Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die übrigen Frauen mit
ihnen“), entschied sich der Maler dafür, vier Frauen darzustellen. Will er
Maria, die Mutter Jesu, für die er offenbar eine große Verehrung empfun-
den hat, hinzufügen? Vor allem macht er aus einer von ihnen ein ganz
junges Mädchen, das einen Zopf trägt, der mit einer anmutigen blauen
Schleife zusammengebunden ist. Dieses weiß gekleidete Kind, das die
Hände gefaltet hat, verleiht der Szene eine ganz besondere Assoziation:
Es sieht aus wie ein Erstkommunionkind. Soll damit angedeutet wer-
den, dass dieser Ostermorgen der erste Tag der Kirche ist, so wie die
Erstkommunion den Morgen eines neuen Abschnitts im Glaubensleben
symbolisiert? Soll dargestellt werden, dass jede Erstkommunion (die oft
in der Osterzeit stattfindet) wie diese Begegnung mit den Engeln in der
Ostermorgenstunde ist?

2. In der Landschaft verdichtet Maurice Denis die subtile Pflanzungen würden die Felder mit Blau und Rosé be-
Jerusalem Beziehung der Malerei zur Realität. Denn auch wenn decken? Und doch drückt diese Wahl eine aufmerksame
in Saint- die Szene angeblich in Judäa spielt, könnte die Land- Beobachtung der Farbwahrnehmungen beim Sonnen-
Germain- schaft die von Saint-Germain-en-Laye sein, die der aufgang aus. Im seitlich einfallenden Streiflicht erschei-
en-Laye Maler seit seiner Kindheit kennt. Kleine Häuser mit nen die Grüntöne oft blau, das horizontale Weiß wirkt
roten Dächern, Felder, Bauern, die in ihren Gärten ar- leicht rosa und das vertikale Weiß (die Wände) goldgelb.
beiten ... aber gelehrt komponiert: Die Landschaft wird Die Wahl der Farben ist also gar nicht so willkürlich.
durch die gewundenen Konturen der Straßen und die Was lässt sich schließlich über die Sorgfalt sagen, mit
abwechselnde Anordnung der klug platzierten Häuser der die Natur dargestellt wird? Die blühenden Bäume,
rhythmisch gegliedert. Eine Lektion, die Maurice Denis bei denen es sich um Apfel- oder Kirschbäume zu han-
sicherlich von der Malerei Mantegnas oder Bellinis ge- deln scheint, und die kleinen Blumen zeigen ebenfalls,
lernt hat: Realismus auf der einen Seite, aber kunstvol- dass hier Frühling ist. Aber was haben die herbstlichen
les Zitieren auf der anderen. Den Schlüssel dazu liefert Bäume hier zu suchen? Auch hier setzt Maurice Denis
übrigens das Gebäude auf der linken Seite, das einem seine Überlegungen zu Realismus und Tradition fort.
griechischen Tempel mit Säulengang ähnelt und ein Auch wenn diese Vermischung der Jahreszeiten nicht
Augenzwinkern in Richtung der alten Gewohnheit sein realistisch ist, so ist sie doch durchaus traditionell. Wie
könnte, sich ein Fantasie-Jerusalem vorzustellen, in in der italienischen Malerei, will Maurice Denis darauf
dem die Architekturen vermischt werden. hinweisen, dass der Auferstehungsmorgen auf dem
Im Gegensatz dazu wirken die Farben völlig will- Weg zwischen dem Niedergang des Herbstes und dem
kürlich: Die Grüntöne sind viel zu kräftig, und welche Triumph des Lebens im Frühling liegt.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Die bibel in Berühmten Gemälden

3. Variationen über das 4. Weibliche Engel


Noli me tangere
Die Anwesenheit des Engelpaares lenkt den
Die Szene der Erscheinung Christi vor Blick auf den Text von Lukas, der als Einziger
Maria aus Magdala, die sich unterhalb von zwei Engeln am Grab erzählt. Die Geste,
der Terrasse oder „Bühne“ abspielt, ist die sie machen, erinnert jedoch eher an Mat-
ganz traditionell. Sie orientiert sich thäus, der ihre Rücksendung an die Apostel
an den Noli me tangere-Darstellungen erwähnt: „Geht schnell hin und sagt seinen
von Giotto oder Fra Angelico. Maria, sie Jüngern, dass er von den Toten auferstanden
kniet, streckt ihre Hände nach Jesus aus, ist.“ Maurice Denis geht weiter als die italie-
während der stehende Jesus eine Geste nische Tradition, die androgyne Engel malte.
zu ihr hin zu machen scheint. Doch Mau- Hier scheinen sie sehr weiblich zu sein: Sie
rice Denis’ Zitat aus der Kunstgeschichte haben keine Flügel und eine Engelsgestalt
wird durch die Wahl der Farben auf hintergründige Weise verändert. Denn Christus ist weiß gekrönt wie eine Rose. Dies ist bei
ist mit reichlich rotem Haar und strahlend orangem Heiligenschein ausgestattet (rotes Maurice Denis nicht überraschend, denn er
Haar ist eigentlich Marias Attribut – und manchmal auch das des Judas), während das hat in vielen Werken Symbole der Weiblich-
Haar von Maria aus Magdala eine viel bravere Farbe hat (trägt sie einen Schleier?). Die keit eingebracht, auch in seinen religiösen
Büsche umrahmen die heilige Szene wie lodernde Feuer oder brennende Dornbüsche. Gemälden, in denen Frauen als Figuren der
Mutterschaft, der Treue und des Glaubens
eine wichtige Rolle spielen. Dieser Aufer-
stehungsmorgen ist in eine weibliche At-
2 mosphäre getaucht, mit der ein männlicher
Maler des späten 19. Jh. wie Maurice Denis
sicherlich die (klischeehaften) Qualitäten
von Sanftheit und Zärtlichkeit verbindet.
Der Maler signiert sein Gemälde neben den
Füßen des Engels mit einem rätselhaften
„MAUD“, in dem man „MAUrice Denis“ er-
kennt, das aber auch als weiblicher Vorname
gelesen werden kann.

4
1

„Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den
wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller
Frühe zum Grab. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab
QUELLE weggewälzt war; sie gingen hinein, aber den Leichnam
Jesu, des Herrn, fanden sie nicht. Und es geschah, während
sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zwei Männer in
leuchtenden Gewändern zu ihnen. Die Frauen erschraken und blickten zu Bo-
den. Die Männer aber sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den
Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was
er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss in die
Hände sündiger Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten
Tag auferstehen.“ (Lukas 24,1-7, Einheitsübersetzung)

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welt und umwelt der bibel 2/2022 75
Ausstellungen und Veranstaltungen
Berlin
Schliemanns Welten Welt und umwelt
13. mai bis 6. november 2022 der bibel auf dem
Katholikentag:
Es sind zwei Welten, die Heinrich Schliemann,
den Entdecker von Troja, bestimmen: die archäo-
logische und die persönliche. Anlässlich seines
200. Geburtstags widmet Berlin ihm eine große
Sonderausstellung, die den Blick auf den „un-
bekannten“ Schliemann wirft, Großkaufmann in
St. Petersburg, Weltreisender und Schriftsteller.
Mit Anfang 40 beginnt er, sich intensiv mit den
Epen Homers und den antiken Schriftstellern Stuttgart
zu beschäftigen – und stieß auf die Spuren der Freitag, 27. Mai 2022
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76 welt und umwelt der bibel 2/2022


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Studienveranstaltungen zu unseren heftThemen
münchen Mainz
Religiöse Bildung Bildung in frühchristlicher Zeit
Kooperation mit Welt und Umwelt der Bibel Eine Welt und Umwelt der Bibel-Tagung
Donnerstag, 20. Oktober, bis Samstag, 22. Oktober 2022 Samstag, 12. November 2022
Katholische Akademie in Bayern, München Haus am Dom, Liebfrauenplatz 8, Mainz
Eine Reise von Vorstellungen des jungen Christentums von Wie gebildet waren die jungen christlichen Gemeinden?
„Bildung“ zur arabischen Gelehrtentradition ... Über das Ent- Gehörten sie der Unterschicht an oder waren sie eine kreative
stehen des Bildungsbegriffs aus dem religiösen Bewusstsein Denkbewegung? Welche Rolle spielte das Mönchtum – und:
des Mittelalters bis hin zur Säkularisierung der Bildung zur Zeit „Wie lernte man, Christin/Christ zu sein?“ Prof. Egbert Ballhorn,
der frühen Aufklärung ... Über eine Exkursion zur Heiligkreuz- Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks e.V., führt diese Fra-
kirche, wo Künstler Christoph Brech seine religiösen Werke gen zum Abschluss von der Frühgeschichte ins Heute.
vorstellt und bespricht, zur Untersuchung der Bildungsreform Eine schöne Möglichkeit, die Fachleute zu erleben, sie zu
der klassischen deutschen Philosophie ... Über eine Analyse der befragen und mit ihnen zu diskutieren!
literarischen Ironisierung des Bildungsideals im 20. Jh. hin zur
abschließenden Frage: Inwiefern ist religiöse Bildung im Sinne
einer Weitergabe des Glaubens heute überhaupt noch möglich?
Referent/innen: Prof. Dr. Peter Gemeinhardt, Göttingen;
Prof.in Dr. Eva Orthmann, Göttingen;
Prof. Dr. Christian Fröhling, Mainz;
Prof. Dr. Alexander Maier, München;
Prof. Dr. Volker Gerhardts, Berlin; Dr. Dirk Heißerer, München;
Prof.in Dr. Helena Stockinger, Linz

Teilnahmegebühr: € 240,– (EZ), € 215,– (DZ) (inkl. Tickets)


Anmeldung und Information: Katholische Akademie in Bayern,
Mandlstr. 23, 80802 München, Tel +49 (0)89 381020
E-Mail: info@kath-akademie-bayern.de

Einem Teil der Auflage liegt ein Flyer zur Tagung bei.

Würzburg
Heilige Räume Referent/innen: Dr. Johannes Bremer, Mainz,
Biblische Spurensuche und Resonanzen Prof. Dr. Johannes Bergemann, Göttingen;
Prof. Dr. Udo Schnelle, Halle; Dr. Dorothee Schenk, Göttingen;
in der Gegenwart Prof.in Dr. Katharina Greschat, Bochum;
Samstag, 25. Juni 2022, 10–17 Uhr, Burkardushaus Würzburg Prof. Dr. Egbert Ballhorn, Dortmund

Menschen leben in Raum und Zeit. Die Bibel ist davon über- Teilnahmegebühr: € 35 (inkl. Mahlzeiten, Getränke und Kaffee)
zeugt, dass Gott im Raum präsent ist. Die Tagung blickt in für Studierende (bis 27 Jahre) kostenfrei
einem ersten Teil in die Bibel und ihre Zeit, um sich ihrem
Verständnis von Raum und heiligem Raum zu nähern. Anmeldung und Information:
Ein zweiter Teil setzt das in Beziehung zu einem aktuellen pas- Akademie Erbacher Hof des Bistums Mainz
toralen Projekt im Gebiet Hubland in Würzburg. Dort entstehen E-Mail: ebh.akademie@bistum-mainz.de
gerade neue Räume. Was bedeutet das für die Theologie und oder online unter bistummainz.de/bildung/akademie
das pastorale Handeln? Tel. +49 (0)6131 257-523 oder -550
Teilnahmegebühr: € 18, ermäßigt € 14
Anmeldung und Information: w Die Veranstaltung der Domschule Würzburg findet in
© public domain

Burkardushaus, Tagungszentrum am Dom, Am Bruderhof 1, Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bibelwerk in der
97070 Würzburg, E-Mail: info@domschule-wuerzburg.de Diözese Würzburg, der Katholischen Hochschulgemeinde
Tel.: +49 (0)931 386 43 111 und der Pfarreiengemeinschaft Würzburg Ost statt.

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welt und umwelt der bibel 2/2022
Vorschau

IMPRESSUM
Heft 2/2022
Die nächste Ausgabe
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche
im august 2022: Ausgabe der französischen Zeitschrift

Armenien
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.
Auf Spurensuche im Verlag und herausgeber:
ältesten christlichen Land Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,
Silberburgstr. 121, 70176 Stuttgart,
Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
bibelinfo@bibelwerk.de
www.weltundumweltderbibel.de
• Wie das Christentum
nach Armenien kam Konto: Liga Stuttgart, BIC: GENODEF1M05
IBAN DE94 7509 0300 0006 4515 51
• Armenische Redaktion: Dipl.-Theol. Barbara Leicht,
Bibelhandschriften: Dipl.-Theol. Dipl.-Päd. Helga Kaiser
Schätze weltweit Redaktionskreis: Dr. Heinz Blatz;
Prof.in Dr. Heike Grieser; Dr. Matthias Hoffmann;
• Armenier in Jeru­ Prof.in Dr. Sandra Huebenthal; Dr. Andrea Link;
Prof. Dr. Andreas Müller; Dr. Georg Röwekamp;
salem, Osteuropa ... Prof. em. Dr. Dr. h. c. Stefan Schreiner
• Die Sehnsucht Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de
nach dem Ararat
ÜBERSETZUNGEN: Jens Hagestedt (in WUB
• Interview: 1/2022), Helga Kaiser
Was es bedeutet, Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
armenisch zu sein heermeyer@bibelwerk.de
Erscheinungsort: Stuttgart
© S. 3–5, 60–61, 64–65, 68–75 Ba­yard Presse Int.,
„Le Monde de la Bible“ 2021, all rights reserved;  
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
und so geht es weiter: Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
• Gärten in der Antike – eine Ahnung von Paradies Stuttgart, Sabrina Kirchner, Grafikdesignerin

• Christentum in England Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/


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bestimmen sie mit, was sie lesen! • Jahresabonnement: € 40,– inkl. Versandkosten
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Wir beginnen nun, die Ausgabe 2/2023 zu konzipieren: Schweiz:
Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB,
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78 welt und umwelt der bibel 2/2022


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■  VerständlicheBeiträge
■  Nah am Leben
■  Eine Oase zum Schmökern

Die Themen 2022


■ 1/22, Jesaja – tröstlich Jetzt
■ 2/22, Die Schlange, ein auch als
biblisches Motiv e-journal!
■ 3/22, Offenbarung.
Wie spricht Gott
■ 1/22, Warten. Simeon
und Hanna

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelheute.de

■  Neues und Aktuelles aus


Forschung und Praxis
■  Beiträge international
anerkannter Bibel-
wissenschaftler/-innen
■  Ausführliche Informationen
Die Themen 2022 über weiterführende
■ 1/22, Gottes-Tiefe. Der Pro- Literatur zum Heftthema
phet Jeremia und sein Buch
■ 2/22, Bibel lesen im Land
Jetzt
auch als
■ 3/22, Allein
e-journal!
■ 4/22, Der jüdische Jesus

Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte und weitere Infos zur Zeitschrift unter www.bibelundkirche.de

■  Anspruchsvoll
illustriert
■  Kulturen
und
Geschichte der
biblischen Welt
■  Reportagen,
Ausgrabungen
Die Themen 2022
und Ausstellungs-
■ 1/22, Heilige Räume. hinweise
Tempel, Kirchen, Synagogen
■ 2/22, Schreiben, Lesen,
Religion. Bildung in früh-
christlicher Zeit
■ 3/22, Armenien. Auf Spurensuche
im ältesten Land
■ 4/22, Gärten in der Antike – eine
Ahnung von Paradies

„Bibel heute“ als Mitglied beziehen: € 40,­­– • „Bibel und Kirche“ als Mitglied beziehen: € 40,­­–
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nur € 25,– bzw. € 35,–)
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Unsere Backlist Gesamtübersicht der lieferbaren Hefte unter www.weltundumweltderbibel.de

■ Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 ■ Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
■ Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 ■ Kindgötter und Gotteskind, 4/10
■ Ostern und Pessach, 2/06 ■ Die Apostel Jesu, 1/11
■ Mose, 3/06 ■ Der Weg in die Wüste, 2/11
■ Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 ■ Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
■ Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 ■ Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

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Einzelheft € 9,80
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■ Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 ■ Teufel und Dämonen, 2/12
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■ Gott und das Geld, 1/08 ■ Salomo, 4/12
■ Maria Magdalena, 2/08 ■ Jesusreliquien, 1/13
■ Die Anfänge Israels, 3/08 ■ Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
■ Engel, 4/08 ■ Propheten, 3/13
■ Paulus von Tarsus, 1/09 ■ Herodes. Grausam und Genial, 4/13
■ Apokalypse, 2/09 ■ Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
■ Konstantinopel, 3/09 ■ Die Evangelisten, 2/14
■ Maria und die Familie Jesu, 4/09 ■ Aufbruch zu den Göttern, 3/14
■ Das römische Ägypten, 1/10 ■ Die Ordnung der Sterne, 4/14
■ Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10

■ 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 ■ Diakone, Witwen und Presbyter, 3/20
■ Jesus der Heiler, 2/15 ■ Leben nach dem Tod. Von Osiris bis Jesus, 4/20
■ Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 ■ Der See Gennesaret, 1/21
■ Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 ■ Die Samaritaner, 2/21
■ Die Christen des Orients, 1/16 ■ Johannes der Täufer, 3/21
■ Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 ■ Die Zehn Gebote, 4/21
■ Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 ■ Heilige Räume, 1/22
■ Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 ■ Schreiben, Lesen, Religion, 2/22

Einzelheft € 11,30
€ [A] 11,80 / sFr 19,–
■ Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17
■ Messias – Der Traum vom Retter, 2/17
■ Götter und Tiere, 3/17
■ Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
■ 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18
■ Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
■ Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
■ Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
■ Das Grab Jesu, 1/19
■ Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19
■ Traum – Fenster zum Göttlichen, 3/19
■ Maria. Jüdisch, christlich, muslimisch, 4/19
■ Rom, 1/20
■ Die Könige von Israel und Juda, 2/20

■ Judäa und Jerusalem, 256 S., € 12,80, € [A] 13,20, sFr 16,–
■ 1001 Amulett, 224 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–
■ Musik in biblischer Zeit, 104 S., € 11,90, € [A] 12,30, sFr 15,–
Bücher

■ Kleider in biblischer Zeit,112 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–


■ Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S.,
€ 16,80, € [A] 17,30, sFr 21,–
■ Engelwelten, 196 S., € 35,–, € [A] 36,–, sFr 45,–

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