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UKP1VO | Fallbeispiel Zinnmine am

Andenplateau in Huanuni/Bolivien
Gruppenmitglieder: Strasser, Steinberger, Losek, Wihan, Steinkellner

1. Hintergrund
Bergbau ist der wichtigste Industriezweig Boliviens; trotz seiner vielseitigen nachteiligen Folgen für
Umwelt und indigene Bevölkerung. Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die bisherigen
Geschehnisse.

Bergbau wurde in Bolivien schon vor der Kolonialzeit betrieben. Abgebaut werden vor allem Silber
und Zinn, sowie Lithium, Zink, Gold, Blei, Kupfer und Wolfram (EWGT, 2020).

Seit etwa 500 Jahren werden die Mineralien in den globalen Norden exportiert (Rodriguez
Fernandez, 2020).

1985 brach der Zinnpreis ein, woraufhin der Großteil der Minenarbeiter*Innen zum Koka-Anbau
wechselten und dann der Tagebau eingeführt wurde, der einen besonders hohen Wasserverbrauch
hat (EWGT, 2020).

Anfang des 21. Jahrhunderts kamen erste radikale soziale Bewegungen auf, die gegen die
kommerzielle Nutzung von Wasser protestierten; es kam zur Marea-Rosa-Bewegung, einer
revolutionären Bewegung, die eine Abkehr vom Neoliberalismus fordert und eine fortschrittliche,
sozioökonomische Politik zum Ziel hat (Rodriguez Fernandez, 2020).

Diese Bewegungen führten schließlich dazu, dass 2006 mit Evo Morales der erste indigene Präsident
Boliviens vereidigt wurde, dessen Rhetorik antikapitalistisch und antikolonialistisch war (Rice, 2006;
Rodriguez Fernandez, 2020).

Im August 2006 wurde außerdem die Organisation CORIDUP (Coordinadora en defensa de la cuenca
del Río Desaguadero, los lagos Uru Uru y Poopó) gegründet, eine basisdemokratische Organisation,
die ca. 80 Gemeinden in der Region des Poopó-Sees vertritt, die von der Kontaminierung durch
Bergbau betroffen sind (EWGT, 2020; Rodriguez Fernandez, 2020).

In der Praxis jedoch führte Morales, entgegen seiner anfänglichen antikapitalistischen,


antikolonialistischen Rhetorik einen Neo-Extraktivismus ein; in diesem System erzeugt der Staat
durch Verstaatlichung eine Erhöhung von Steuern- und Renditen. Die Einnahmen aus diesen
Maßnahmen werden für soziale und umverteilende Maßnahmen aufgewendet (IGI Global, 2020;
Rodriguez Fernandez, 2020).

Kritiker*Innen dieses Systems merken an, dass der Neo-Extraktivismus vor allem dem privaten
Sektor zugutekommt und die koloniale Diskrepanz der Arbeitsverteilung weiter fortführt; dadurch
bleibt Bolivien auch weiterhin ein periphäres Land, welches seinen natürlichen Reichtum in die
Kernländer des globalen Nordens exportiert. Außerdem kommt es noch immer zu
Kommerzialisierung von natürlichen Ressourcen, was neben sozialen Effekten auch Auswirkungen
auf die Umwelt hat (Rodriguez Fernandez, 2020).

2009 setzte sich CORIDUP für den Erlass des Obersten Dekret 0335 ein, welches für das Huanuni-
Becken einen ökologischen Notstand erklärte (Rodriguez Fernandez, 2020).

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In diesem Dekret waren Umweltsanierungsprojekte vorgesehen; die Hauptforderung, der Bau des
Huanuni-Tailings-Damms, der der Kontaminierung des Poopó-Sees entgegenwirken sollte, ist jedoch
bis heute nicht abgeschlossen (Rodriguez Fernandez, 2020). Spärliche finanzielle Förderungen und
fehlendes politisches Engagement stehen der Umsetzung weiterhin im Weg (Andreucci, 2016).

Die Huanuni-Mine ist die größte Zinn-Mine in Bolivien und, aufgrund des fehlenden Tailings-Damms,
der Hauptverursacher für Kontamination von Land und Wasser in der Region; verursacht z.B. durch
Schwermetalle (Blei, Arsen, Kadmium, Eisen und Zink), chemischen Abfall und durch H2SO4
versauertes Wasser (Andreucci & Grunberg Cazón, 2016; EWGT, 2020; Rodriguez Fernandez, 2020).

Neben den umweltrelevanten Auswirkungen kommt es auch zu nachteiligen sozialen Effekten: die
positiven wirtschaftlichen Effekte durch den Minenbau werden vor allem von den
Minenbesitzer*Innen gespürt, während die Minenarbeiter*Innen kaum eine wirtschaftliche
Verbesserung erfahren – die BewohnerInnen des Huanuni-Beckens gehören zu den ärmsten
Menschen in Bolivien; außerdem haben die Bewohner*Innen der Region die geringste
Lebenserwartung der bolivianischen Bevölkerung. Diese Auswirkungen zeigen sich nicht nur in
unmittelbarer Nähe der Mine, sondern betreffen auch Gemeinden in der weiteren Umgebung
(Rodriguez Fernandez, 2020).

2. Betrachtung durch die Linse der politischen Ökologie


Aus Sicht der politischen Ökologie – deren Absicht die Demonstration eines Zusammenhangs
zwischen Ökologie und Politik ist – lässt sich zu den Problemstellungen sagen, dass dieser
Zusammenhang klar ersichtlich ist. Da Boliviens wirtschaftlicher Erfolg stark von Bergbau abhängt,
erfährt dieser eine starke Bevorzugung durch die Politik. Ökologische (sowie soziale) Fragen haben
geringere Priorität. Die dadurch entstehenden Umweltbelastungen zeugen von einer starken
Beeinflussung der Ökologie durch die Politik. Diese Umweltbelastungen betrafen genau jene
Bevölkerungsschichten, die besonders wenig von ihnen profitierten – die indigenen Gemeinden der
Umgebung erfahren wenig bis keine wirtschaftliche Verbesserung durch die Huanuni-Mine, die
Kosten der Umweltbelastungen müssen sie jedoch zu einem sehr großen Maß tragen. Somit werden
schon bestehende soziale Ungerechtigkeiten durch politische Tätigkeiten, die die Umwelt
beeinflussen, nochmals verschärft.

Doch der Zusammenhang ist nicht einseitig; durch die Umweltbelastungen entstanden soziale
Bewegungen innerhalb der betroffenen Bevölkerungsschichten – zum Beispiel die Basisorganisation
CORIDUP – die in weiterer Folge auch die Politik beeinflussten, wie man am Erlass des Obersten
Dekrets sehen kann. Die mangelnde Umsetzung der Maßnahmen des Obersten Dekrets zeigt jedoch,
dass die bolivianische Politik ihren Fokus immer noch auf wirtschaftlichen Erfolg legt. Dies hat unter
anderem globale Gründe; die Nachfrage nach Rohstoffen aus dem Huanuni-Becken ist nach wie vor
sehr groß. Der Globale Norden spielt also eine große Rolle in der politischen Zielsetzung der
bolivianischen Regierung.

3. Anthroprozentrisches oder biozentrisches Weltbild?


Die indigene Bevölkerung Boliviens stellt mit „Pacha Mama“ eine holistische, biozentrische
Weltanschauung in den Mittelpunkt. Sie leben im Einklang mit der Natur und von ihren Früchten.
Dieses Weltbild ist oftmals nicht mit dem stark anthropozentrischen Lebensstil des Westens
vereinbar. Durch die wirtschaftliche Abhängigkeit Boliviens von europäischen und
nordamerikanischen Investoren kommt es unweigerlich zu Reibungen; Bolivien exportiert die
meisten seiner abgebauten Bodenschätze in den Globalen Norden. Wäre das nicht der Fall, wäre

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Boliviens Bedarf an Bodenschätzen viel geringer und der Abbau könnte in einem kleineren,
naturverträglichen Maß stattfinden.

4. Aktuelle Probleme
Im folgenden Kapitel analysieren wir jetzt, nachdem wir uns die theoretische Einbettung angesehen
haben, die sozialen und ökologischen Ungerechtigkeiten rund um den Zinnabbau in Bolivien anhand
von vier Problemstellungen, wobei wir uns je nach Thema immer auf die wesentlichsten
konzentrieren:

• Konkurrierende Interessen
• Machthierarchie
• Zusammenarbeit
• Ungerechtigkeiten

4.1. Die Rolle der Indigenen Bevölkerung und das Fortbestehen Postkolonialer
Machtbeziehungen
Bis heute spürt die bolivianische Bevölkerung die Nachwirkungen des Kolonialismus. Das folgende
Kapitel schlüsselt die daraus resultierenden Interessenskonflikte und Ungerechtigkeiten für die
indigene Bevölkerung auf.

Konkurrierende Interessen (Rodriguez Fernandez, 2020):


• Indigene Minenarbeiter*Innen:
o Haben durch den Bergbau einen sicheren Arbeitsplatz und Einkommen
o Kein direkter Widerstand gegenüber unfairen Arbeits-/ und Lebensbedingungen durch
Bergbau, da ihre Existenz davon abhängt
o Gehören dennoch zur ärmsten Bevölkerungsschicht Boliviens
• Indigene Farmer*Innen:
o „Pacha Mama“: holistischer Ansatz, Leben im Einklang mit der Natur
o Leben also als Selbstversorger*Innen, daher ist sauberes Wasser ein wichtiger Teil ihrer
Lebensgrundlage (Trinkwasser, Waschwasser, Wasser für Vieh, Gießwasser)
o Gemeinschaftsleben nach indigenen Traditionen
• Minenbesitzer*Innen (Staat):
o Verstaatlichung der natürlichen Ressourcen
o Einnahmen durch Bergbau in Form von Steuern, Renditen etc.
o Kapital soll nicht unversteuert das Land verlassen
o Soziale Umverteilung, vor allem an Gruppen, die staatliche Interessen vertreten
• Investor*Innen und Abnehmer*Innen
o Wollen Bergbau betreiben und müssen dafür Pacht bezahlen
o Handel und Weiterverarbeitung der abgebauten Rohstoffe
o “U.S. and European capital today own three times more of Latin America than they did
just 15 years ago” (Higginbottom, 2013, p200)

Machthierarchie (Rodriguez Fernandez, 2020):


• “The commodities consensus” in Lateinamerika:
o Alle lateinamerikanischen Regierungen waren abhängig von der Ausweitung des
Extraktivismus Treiber für Entwicklung und Wirtschaftswachstum

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o Eine neue wirtschaftliche und politische Ära wurde von der internationalen Nachfrage
nach Rohstoffen befeuert
• Eine beträchtliche Anzahl an Gesetzen, die die Verteilung der Rechte der natürlichen Ressourcen
regelt, veranschaulicht, dass lateinamerikanische Staaten, unabhängig von der politischen
Ausrichtung, eine asymmetrische Machtverteilung zwischen dem kapitalistischen Sektor und den
lokalen Gemeinschaften aufrechterhalten.
• Folgendes Zitat ist auch hier passend: “U.S. and European capital today own three times more of
Latin America than they did just 15 years ago” (Higginbottom, 2013, p200)

Ungerechtigkeiten (Rodriguez Fernandez, 2020):


• Indigene Farmer*Innen: Können aufgrund der Kontamination ihres Lands nicht von
wirtschaftlichen Chancen (z.B. Quinoa-Boom) profitieren und müssen als Resultat abwandern,
wodurch eine indirekte Enteignung von Land durch Kontamination des Ökosystems stattfindet
o Tendenziell findet eine Abwanderung in große Städte statt, woraus eine Zerstörung der
indigenen Lebensweise resultiert
o Land fällt damit in Hände der Minenbesitzer*Innen und wird unter anderem an
ausländische Schürfunternehmen verpachtet (vor allem aus dem globalen Norden)
• Wirtschaftlicher Aufschwung durch Bergbau kommt vor allem Minenbesitzer*Innen (in vielen
Fällen handelt es sich um den Staat) zugute; die indigene Bevölkerung in der Nähe der Huanuni-
Mine gehört zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen in Bolivien und hat außerdem die kürzeste
Lebenserwartung

4.2. Ungerechtigkeiten in Bezug auf das Gemeingut Wasser


Da der Staat Bolivien von seiner Bergbauindustrie profitiert, vertritt die Regierung überwiegend die
Interessen der Minenbesitzer*Innen (in vielen Fällen der Staat selbst). Dieses Kapitel gibt einen
Überblick über die daraus folgenden Bevorzugungen.

Konkurrierende Interessen (Rodriguez Fernandez, 2020):


• Wirtschaftliche Aktivitäten von indigenen Farmer*Innen und Bergbau von Wasser abhängig
o MML 535 (2014) Der Bergbau bekommt das Recht zugeschrieben, Frischwasser zu
benutzen, zu verschmutzen und ungereinigt zurückzuleiten; dadurch wird den indigenen
Farmer*Innen ihre Lebensgrundlage entzogen (Perreault, 2012)
o Dadurch Bevorzugung des Bergbaus gegenüber indigenen Farmer*Innen
• Soziale Konsequenzen für indigene Farmer*Innen:
o beschwerlicher Zugang zu Wasser (nicht kontaminierte Quellen oft weit entfernt, kein
Zugang zu öffentlichen Transportmitteln)
o Viehhaltung und Landwirtschaft nur beschränkt möglich
o Gesundheitsrisiko durch verschlechterte hygienische Bedingungen
o finanzielle Schwierigkeiten, da Trinkwasser gekauft werden muss

Machthierarchie (Rodriguez Fernandez, 2020):


• Der Großteil der Bevölkerung ist indigen (35 indigene Bevölkerungsgruppen), diese werden aber
entgegen anfänglichen Hoffnungen nicht wirklich durch Morales neoliberale Politik vertreten
• Morales ist zwar der erste Präsident, der die indigene Bevölkerung zumindest ansatzweise in
seine Politik miteinbezieht, der Fokus liegt aber auf jenen Gruppen, durch die der Staat

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wirtschaftlich profitieren kann

Zusammenarbeit (EWGT, 2020; Rodriguez Fernandez, 2020):


• Im Jahr 2006 wurde die Basisorganisation „Coordinadora en defensa de la cuenca del Río
Desaguadero, los lagos Uru Uru y Poopó“ (CORIDUP) gegründet, die mehr als 80 lokale
Gemeinden des Poopó-Beckens vertritt
o Bei der Demonstration in La Paz 2009 wurde das Oberste Dekret 0335 (SD0335)
bestätigt, dass einen Umweltnotstand erklärte
o Es bilden sich Solidaritätsnetzwerke innerhalb der Gemeinschaften

Ungerechtigkeiten (Andreucci & Grunberg Cazón, 2016; EWGT, 2020; Rodriguez Fernandez,
2020):
• Die Huanuni-Mine ist ein Hauptverursacher der Kontamination von Wasser und Boden durch
abfließende Schwermetalle, Chemieabfälle und Säure.
o Die indigene Bevölkerung wird in Folge verdrängt, da ihr Land kontaminiert, das Wasser
nicht mehr trinkbar für die Menschen und das Vieh ist und die Wiesen das Vieh nicht
mehr ernähren können
o Die indigene Bevölkerung leidet überwiegend an den negativen Konsequenzen durch die
Minen

4.3. Die Gender-Dimension


Frauen sind von den bisher genannten Ungerechtigkeiten besonders betroffen. Dieses Kapitel gibt
einen Überblick über die Auswirkungen des Bergbaus auf die indigene weibliche Bevölkerung.

Machthierarchien (Rodriguez Fernandez, 2020):


• Da Frauen durch die patriarchale Arbeitsteilung tendenziell eher Care-Arbeit (Kinderversorgung,
Kochen, Putzen etc.) leisten, haben sie eine starke Abhängigkeit vom Trinkwasser
• Außerdem wird der Staat von Männern repräsentiert
• Die Gewalt gegen Frauen stieg durch den Anstieg von ausländischen männlichen Minenarbeitern
und gesteigerten Alkoholkonsum

Zusammenarbeit (Rodriguez Fernandez, 2020):


• Der Begriff „chacha warmi“ beschreibt, dass es in indigenen Communities weiblich und männlich
besetzte Führungspositionen gibt, trotz der vorherrschenden patriarchalen Machtstrukturen
o Durch diese Erfahrungen lernten indigene Frauen Führungspositionen einzunehmen und
Meinungsführerinnen zu sein und ihre Bedürfnisse zu verbalisieren
o Sie übten einen stillen Widerstand in Form von Solidaritätsnetzwerken aus und übten
darüber hinaus auch aktiven Widerstand aus
• Netzwerke gegen Bergbau, die von Frauen geleitet werden:
o Da sie im täglichen Leben die starken negativen Auswirkungen spüren, unterstützen sie
die restlichen betroffenen Mitglieder der Dörfer

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o Sie üben tendenziell konstant in ihrem täglichen Tun Widerstand aus, anstatt radikale
soziale Proteste zu starten (“Everyday resistance rather than massive social
movements”)
o Die Korrelation zwischen den Erfahrungen der indigenen Frauen auf einer
mikropolitischen Ebene und den makropolitischen Prozessen stellt in der Forschung
jedoch einen blinden Fleck dar

Ungerechtigkeiten (Rodriguez Fernandez, 2020):


• Die Huanuni-Mine verbraucht täglich ungefähr 28 Millionen Liter Wasser (Perreault, 2012).
• Keine der in der Studie von Rodriguez Fernandez (2020) beobachteten TeilnehmerInnen hatte
Zugang zu reinem Trinkwasser in ihren Dörfern
• Da überwiegend Frauen für Arbeiten verantwortlich sind, die Trinkwasser benötigen hat die
Trinkwasserverschmutzung starke Auswirkungen auf ihren Alltag
o Um zur nächsten nicht kontaminierten Wasserquelle zu gelangen, müssen sie einen
Fußweg von bis zu 3 Stunden auf sich nehmen, um dann das Wasser zurückzutragen
o Sie müssen sicherstellen, dass ihr Vieh und ihre Kinder nicht durch den Kontakt mit
kontaminiertem leiden
o Das kontaminierte Wasser muss für die Reinigung von Geschirr verwendet werden
während für andere Tätigkeiten wie das Kochen nicht kontaminiertes Wasser gekauft
werden muss
o “[Without water there is no life] … it is really hard to take care of my children, to cook, to
wash dishes and my cows suffer a lot too,” stated doña Teresa, 38, from Alantañita,
Machacamarca.” (Rodriguez Fernandez, 2020, p7).

4.4. Korruption (Wickberg, 2012)


Korruption in Bolivien ist auf allen Ebenen der Gesellschaft präsent. Das Justizwesen, die Polizei und
die öffentliche Verwaltung werden als die korruptesten Institutionen des Landes wahrgenommen.
Bolivien ist abhängig von seinen natürlichen Ressourcen; dieser Sektor ist weltweit notorisch anfällig
für Korruption.

Unter Evo Morales wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um einen robusten


institutionellen und rechtlichen Rahmen zu schaffen. Doch trotz seiner positiven Initiativen liegt
Bolivien laut Stand 2001 im internationalen Korruptionsvergleich noch immer auf Platz 118 von 183
– auf einer Skala, auf der 0 sehr korrupt und 10 gar nicht korrupt bedeutet, bekam Bolivien den Wert
2,8.

Ein Mangel an Kapazitäten und Ressourcen unterminiert neue Institutionen, während niedrige
Gehälter, mangelnde Ausbildung und eine schwerfällige Bürokratie weiterhin Möglichkeiten für
Korruption schaffen.

5. Aktuelle Entwicklungen
Dieses Kapitel beleuchtet die aktuellen Geschehnisse in Bolivien in Bezug auf die politische Ebene,
aber auch bezogen auf die Corona-Pandemie.

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Politische Veränderungen:
• Es kam zu einer dritten und vierten Präsidentschaftskandidatur von Evo Morales; die Verfassung
Boliviens erlaubt eigentlich nur 2 Amtsperioden. Möglich wurde das durch Verfassungsänderung
/ Aufhebung eines Verfassungsartikels durch den Obersten Gerichtshof (Fink, 2020).
• 20. Oktober 2019: Morales gewinnt Wahl zu vierter Präsidentschaft; Nichtanerkennung des
Wahlergebnisses durch die Opposition und Vorwurf des Wahlbetruges (Felschen, 2019).
• Massive Proteste der Opposition und aus Teilen der Bevölkerung, begleitet durch gewaltsame
Ausschreitungen und schließlich Widerstand des Militärs (DER STANDARD, 2019).
• Morales erklärt am 10 November 2019 seinen Rücktritt und geht einen Tag danach ins Exil nach
Argentinien (Käufer, 2019).
• Neue Präsidentin/Übergangspräsidentin: Senatorin Jeanine Áñez (PPB). Ziel: möglichst rasche
Neuwahlen) (Wallisch, 2018).
• Laufende Verschiebung der Neuwahlen (offiziellen Begründung ist die COVID-19 Pandemie,
inoffiziell politische Machtausübung der konservativen und ultrarechten Parteien) führen zu
Protesten und Straßenblockaden (Jasser, 2020).
• Zur Vermeidung von Wahlbetrug und um das Vertrauen wiederherzustellen: Neuorganisation
des Obersten Wahlgerichtes (TSE) (Dufner & Behme, 2020).
• Neuwahl: 08.11.2020 – Beobachtet durch Wahlbeobachter-Missionen aus der EU und den USA
(Dufner & Behme, 2020).
• Neuer Präsident: Wirtschaftswissenschaftler Luis Alberto Arce Catacora (MAS). Luis Arce, war
unter Morales von 2006 bis 2019 Finanz- und Wirtschaftsminister und spielte eine bedeutende
Rolle bei der Verstaatlichung des Rohstoffsektors und bei der Steigerung des
Wirtschaftswachstums der letzten Jahre. Gleichzeitig blieben seine Bemühungen zur Senkung
der Rohstoffabhängigkeit des Landes erfolglos (Perktold, 2020).
• Abgrenzung von Morales: Luis Arce und die MAS sind sehr bemüht sich von Evo Morales
abzugrenzen (was aufgrund des Aufbaus der Partei und der jahrelangen Zusammenarbeit kritisch
zu sehen ist) (Perktold, 2020).
• Nur wenige Tage nach der Wahl von Luis Arce kehrt Evo Morales aus dem Exil nach Bolivien
zurück (die Wahlbetrugs-Ermittlungen wurden im Dezember eingestellt). Seine zukünftige
politische Einflussnahme auf den neuen Präsidenten bleibt abzuwarten, innerhalb der Partei hat
er weiterhin Einfluss (Salzburger Nachrichten, 2020).
• Bereits im Dezember organisiert Morales ein Treffen für indigene Bewegungen aus 10
lateinamerikanischen Ländern. Einige Ziele des Zusammentreffens: Verbündung und
Bekämpfung des Neokolonialismus, Selbstbestimmung der Völker, öffentliche und kostenlose
Gesundheitsversorgung, solidarische und ökologische Ökonomie, Schutz der Ressourcen und
Zugang zu Wasser (Hetzer, 2020).

Corona-Pandemie:
• Für Luis Acre ist der Zeitpunkt der Machtübernahme aktuell kein leichter, denn die Corona-
Pandemie trifft Bolivien, als das ärmste Land Südamerikas, besonders stark. Bolivien kämpft mit
sinkenden Rohstoffpreisen und hohen öffentlichen Ausgaben (führen zur Verschärfung der
schlechten wirtschaftlichen Situation des Landes) (Dufner & Behme, 2020).

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Umweltbelastungen & Indigene Farmer*Innen:
• Schwierige Wetterbedingungen erschweren das Leben der Gemeinden in der Region des Poopó-
Beckens Ende 2020 zusätzlich: seit Dezember führt eine starke Dürre zur Austrocknung und
Unterbrechung der Flussläufe (für die Lebensweise der indigenen Farmer*Innen ist der
Wassermangel zusätzlich zur Wasserverschmutzung äußerst besorgniserregend (La Razón,
2020).
• Der Bau des Ableitungsdammes der Huanuni-Mine (im Obersten Dekret gefordert ) ist immer
noch nicht fertiggestellt
• Hoffnung der ländlichen indigenen Bevölkerung: Veränderung und Verbesserung sowie
Stabilität und Sicherheit durch den Machtwechsel (Dufner & Behme, 2020).
• Präsident Arce verspricht Subventionen für staatliche Unternehmen und Anpassungen „mit
Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit“; wie dies konkret aussehen wird und ob seine
Wahlversprechen eingehalten werden (können), ist aus aktueller Sicht, aufgrund des kurzen
Zeitrahmens seiner Präsidentschaft, nicht abzusehen (Perktold, 2020).
• Akkumulation des Umweltschadens: da die Umweltbelastungen durch den Bergbau schon seit
Jahrhunderten bestehen, sehen Experten den kurzfristigen Zeitrahmen des Obersten Dekrets (5
bis 10 Jahre) kritisch. Um die akkumulierten Belastungen zu beseitigen, müssen die
Sanierungsvorhaben einen mittel- bis langfristigen Zeitrahmen forcieren.

6. Conclusio
Die Kolonialzeit wirkt sich nachweislich bis heute auf Bolivien aus – die Leidtragenden sind vor allem
die indigene Bevölkerung. Auch, wenn die Politik nach außen hin verspricht, die indigene
Bevölkerung zu vertreten, unterstützen sie hauptsächlich den Teil der indigenen Bevölkerung, von
dem der Staat wirtschaftlich profitieren kann – da die Bergbauindustrie Boliviens wichtigster
Wirtschaftszweig ist, handelt es sich hierbei um die Minenarbeiter*Innen. In Wirklichkeit profitieren
jedoch vor allem die Minenbesitzer*Innen (hauptsächlich der Staat), da die Arbeiter*Innen zum
ärmsten Teil der Bevölkerung gehören und eine sehr schlechte Lebenserwartung haben. Zusätzlich
zu sozialen Problemen hat der Bergbau auch katastrophale Auswirkungen auf die Umwelt (zum
Beispiel Boden- und Wasserkontamination), die die sozialen Probleme noch zusätzlich verschärfen.
Vor allem Frauen sind stark von der Verschmutzung betroffen.

Seit den 1980er Jahren findet die indigene Bevölkerung immer wieder neue Bewältigungsstrategien
für neu entstehende Probleme aufgrund der neoliberalen Politik. Sie versuchen diese innerhalb ihrer
Gemeinden immer wieder mit neuen Ansätzen zu lösen (z.B. Wechsel zum Kokaanbau, Initiierung
sozialer Bewegungen, indigene Frauen bilden Solidaritätsnetzwerken).

7. Ausblick
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Auswirkungen des neuen Präsidenten auf die Situation
der indigenen Farmer*Innen aktuell noch nicht abgeschätzt werden können. Zum Schutz der Umwelt
und des Lebensraumes der indigenen Farmer*Innen braucht es in jeden Fall Reformen mit starker
Verantwortung der Politik und einer starken, unabhängigen Justiz. Arce verspricht zwar eine Politik
der Erneuerung, ob seine Maßnahmen jedoch eine Verbesserung für die indigenen Farmer*Innen
bringen wird man in den nächsten Jahren sehen. Nach einem umstrittenen Evo Morales und einer
fragwürdigen Übergangsregierung wäre es der indigenen Mehrheitsbevölkerung allerdings zu
wünschen.

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8. Quellenverzeichnis
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