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Übersichten

Nervenarzt 2014 M. Soyka1, 2
DOI 10.1007/s00115-013-3950-1 1 Psychiatrische Klinik, Universität München, München
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014 2 Privatklinik Meiringen, Meiringen

Psychotische Störungen
durch Alkohol – eine eigene
diagnostische Entität?

Alkoholmissbrauch und Abhängig- unterschiedliche Symptommuster zei- geprägt (Übersicht in [30]) und ist in ak-
keit sind weltweit sehr häufig, die gen, entweder vorwiegend schizophre- tuellen psychiatrischen Klassifikationssys-
Prävalenz wird von der WHO auf niform, wahnhaft, halluzinatorisch, de- temen wie ICD-10 und DSM-IV durch die
0–16% geschätzt [44], wobei osteuro- pressiv oder manisch. In der älteren Li- „psychotische Störung durch Alkohol“ er-
päische Länder die höchste Rate an teratur zum Thema Alkoholhalluzinose setzt worden. Leitsymptome der Alkohol-
Alkoholismus aufweisen. In den übri- herrscht übereinstimmend die Ansicht, halluzinose sind ausgeprägte akustische,
gen westlichen Industrieländern liegt dass Alkoholpsychosen überwiegend pa- seltener optische Halluzinationen, die sich
die Rate für alkoholbezogene Störun- ranoide und vor allem halluzinatorische typischerweise rasch innerhalb von 48 h
gen meist zwischen 7 und 10% [35]. Symptome aufweisen (Übersicht in [9, 10, nach Absetzen oder Reduktion des Alko-
In Europa werden jährlich 137.000 30]). Eine Differenzialdiagnose zu schizo- holkonsums einstellen, und Angst.
Todesfälle mit Alkoholismus in Ver- phrenen Erkrankungen kann dabei sehr Bei den akustischen Halluzinationen
bindung gebracht, 39.000 aufgrund schwierig sein, wie schon in den ICD-10- handelt es sich fast immer um Stimmen,
von Leberzirrhose sowie 13.000 auf- Kriterien betont wird:
grund psychiatrischer und neurologi- Tab. 1  Wichtige Differenzialdiagnosen
scher Erkrankungen. Außerdem geht Mit besonderer Sorgfalt ist zu vermeiden, der Alkoholhalluzinose (psychotische Stö-
man von 18.000 Suiziden und 26.000 irrtümlich eine schwere Störung wie Z. B. rungen durch Alkohol)
Krebserkrankungen aufgrund von Al- eine Schizophrenie zu diagnostizieren, Sehr häufig
koholkonsum aus [35]. wenn die diagnostischen Voraussetzungen – (Paranoide) Schizophrenien
für eine substanzinduzierte Psychose vor- Häufig
Während die körperlichen Folgestörun- liegen. Viele substanzinduzierte psychoti- – Sinnestäuschungen im Rahmen des  
gen bei Alkoholabhängigkeit klinisch sche Störungen dauern nur kurze Zeit, falls „einfachen“ Entzugssyndroms
meist relativ gut definiert und untersucht diese Substanz nicht genau eingenommen – Alkoholdelir, andere Delire
sind (Übersicht in [35]), ist die Literatur wird… In solchen Fällen können Fehldia- – Alkohol-/Drogenintoxikation
zu neurologischen und psychiatrischen gnosen unangenehm und teure Folgen für – Drogeninduzierte Halluzinosen  
Erkrankungen überraschend dünn. Zu den Patienten und für das Gesundheitswe- (z. B. Kokain, Amphetamine, Halluzinogene)
den psychiatrisch besonders wichtigen, sen haben. – Sog. Alkoholparanoia, alkoholischer Eifer-
suchtswahn
aber auch relativ schlecht untersuchten,
– Alkoholdemenz
gehören die psychotischen Störungen Vor fast 20 Jahren wurde in Der Nerven-
durch Alkohol, früher unter dem Begriff arzt schon einmal eine Übersicht zur Al- Selten
Alkoholhalluzinose zusammengefasst [4, koholhalluzinose veröffentlicht [30]. Was – Pathologischer Rausch
43]. Psychotische Störungen durch psy- wissen wir heute zur Klinik der psychoti- – Affektive Psychosen, speziell Manie
chotrope Substanzen wie Alkohol wer- schen Störungen bei Alkoholismus? – Organische Halluzinosen unterschiedlicher
Genese (z. B. Enzephalitis, HIV)
den sowohl in die ICD-10 (F10.5, [45]) als
– Akustische Halluzinose bei Schwerhörigkeit
auch in der neuen Fassung des DSM-5 als Klinik
eigene Störungen aufgefasst und sind de- – Wahnhafte Störungen
finiert als ein psychotischer Zustand, der Psychopathologische Arbeiten, die sich – Epilepsie
während oder unmittelbar nach der Ein- näher mit diesem Krankheitsbild beschäf- – Endokrine Störungen (z. B. Schilddrüsen-
erkrankung, Diabetes)
nahme einer Substanz (gewöhnlich inner- tigt haben, sind fast alle älteren Datums [7,
– Hirntumor
halb von 48 h) auftritt (ICD-10 [45]). Da- 9, 12, 29, 43]. Marcel [19] ist Erstbeschrei-
– Demenz
bei können durch psychotrope Substan- ber der Alkoholhalluzinose. Der Begriff
zen induzierte psychotische Störungen Alkoholhalluzinose wurde von E. Bleuler – Status nach Schädel-Hirn-Trauma, Blutung

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Tab. 2  Differenzialdiagnostische Kriterien zur Abgrenzung der Alkoholhalluzinose von para- beträgt [6]. Sie ist aber wichtig, da Patien-
noiden Schizophrenien. (Modifiziert und ergänzt nach [30]) ten mit Alkoholhalluzinose häufig fälsch-
Kriterium Alkoholhalluzinose Schizophrenie lich als schizophren erkrankt diagnosti-
Beginn Akut, keine Prodromalsymptome Oft schleichend ziert werden und dann überflüssigerwei-
Alter bei Erstmanifestation Ca. 40–50 Jahre Meist vor dem 30. Le- se langfristig mit Neuroleptika behandelt
bensjahr Selten nach dem werden [39].
40. Lebensjahr Eine weitere wichtige Differenzialdi-
Geschlecht Überwiegend Männer Ausgeglichen agnose ist das Delirium tremens, bei dem
Prognose Meist gut (80–90%) Oft chronische Verläufe Bewusstseins- und Orientierungsstörun-
Alkoholanamnese Langjährig positiv Kann positiv sein gen vorliegen müssen. Entsprechend hat
Familiäre Belastung mit Schizo- Nicht erhöht Deutlich erhöht der Delirant nach Abklingen der Stö-
phrenien rung eine Amnesie für das im Delir Er-
Familiäre Belastung mit Alko- Deutlich erhöht Nicht erhöht lebte, während der bewusstseinsklare Pa-
holismus
tient mit Alkoholhalluzinose sich an die
Psychopathologie: Stimmen- Obligat Häufig Psychose erinnern kann. Weitere neurolo-
hören
gische Symptome dürfen bei betroffenen
Optische Halluzinationen Manchmal Selten
Patienten nicht übersehen werden. Ent-
Denkstörungen Sehr selten Denkzerfahrenheit
zugserscheinungen liegen bei der psycho-
Affektstörungen Ängstlich, depressiv, keine Para- Parathymie
tischen Störung durch Alkohol nicht vor.
thymie
Differenzialdiagnostisch ist die Alko-
Ich-Störungen Sehr selten Sehr häufig
holhalluzinose weiter von einer Vielzahl
Strukturelle Bildgebung Ggf. Hirnatrophie (Kleinhirn, fron- Meist normal, ggf. Ventri-
taler Kortex, global) kelerweiterung anderer Psychosen, insbesondere dro-
Neurologie Ggf. Polyneuropathie, Kleinhirn- Allenfalls „soft signs“, sel-
geninduzierter Psychosen, speziell durch
symptomatik, Myopathie ten katatone Symptome Kokain, Amphetamine, Cannabis, LSD
Somatisch Alkoholfolgeschäden, z. B. Leber- o. B. oder Halluzinogene, abzugrenzen. Weni-
störung ger problematisch dürfte die Abgrenzung
gegenüber affektiven Psychosen sein, wo-
die den Erkrankten in der dritten Person Orientierungsstörungen fehlen bei der bei vor allem Manien gelegentlich auszu-
anreden, fast immer im Raum, nicht da- Alkoholhalluzinose, es gibt nach Abklin- schließen sind.
gegen im Kopf wahrgenommen werden gen auch keine Amnesie für die Psychose.
und üblicherweise beleidigenden oder be- Prävalenz
drohlichen Inhalt haben [29]. Differenzialdiagnose
Selbstmordversuche und Fremdag- Fast alle Autoren gehen davon aus, dass es
gression sind häufig. Optische Halluzi- Das breite Spektrum der Differenzialdiag- sich bei alkoholinduzierten psychotischen
nationen können hinzutreten, sind aber nosen zeigt (. Tab. 1). Störungen um eher seltene Störungen
deutlich seltener als akustische Halluzi- Psychotische Störungen durch Alko- handelt. In einer Untersuchung von Tsu-
nationen. Taktile oder andere Halluzina- hol werden häufig übersehen und die Pa- ang et al. [42] an 643 alkoholabhängigen
tionen sind ganz selten. Paranoide Gedan- tienten als schizophren fehldiagnostiziert Patienten, gaben immerhin ein Viertel der
ken treten meistens in Form von Bezie- [40]. Betroffenen an, schon einmal an akusti-
hungs-, vor allem aber Verfolgungsideen Neben der Schizophrenie gibt es eine schen Halluzinationen gelitten zu haben
auf, gelegentlich auch als Eifersuchtswahn breite Palette von organischen Erkran- und 48 (7%) erfüllten die Diagnose einer
[29, 30]. kungen, die mit Halluzinationen ein- Alkoholhalluzinose.
Häufig fühlt sich der psychotisch er- hergehen können (. Tab. 1). Besonders In stationären Einrichtungen wird
krankte Alkoholabhängige intensiv be- wichtig ist die Abgrenzung von der para- die Diagnose deutlich seltener gestellt als
droht oder er hört Stimmen, die ihn als noiden Schizophrenie (. Tab. 2, ergänzt das Delirum tremens. Die Zahl der sta-
Trinker beschimpfen oder ankündigen, nach [30]). Neben der positiven Alkohol- tionären Behandlungsfälle wegen alko-
er werde getötet. In den allermeisten Fäl- anamnese und des meist unterschiedli- holbezogener Störungen liegt seit Jahren
len stellt die Alkoholhalluzinose ein ganz chen Erkrankungsalters sprechen der aku- bei ca. 300.000, psychotische Störungen
akut einsetzendes Krankheitsbild dar. Im te bis perakute Beginn, das Fehlen psy- durch Alkohol werden dabei bei ca. 2000
Gegensatz zur Schizophrenie treten psy- chotischer Ich-Störungen und katatoner Fällen diagnostiziert (Behandlungsprä-
chotische Ich-Störungen wie die Dereali- Symptome und gegebenenfalls auch die valenz 0,7%, [34]). Dagegen werden ca.
sation oder Depersonalisation sehr selten fehlende Familienanamnese für das Vor- 15.000 Patienten mit Delir und alkohol-
auf [29], katatone Symptome fehlen prak- liegen einer Alkoholhalluzinose. Beson- bedingtem Delirum tremens jährlich sta-
tisch immer. Die für andere organische ders schwierig wird die Differenzialdiag- tionär behandelt.
Psychosen, insbesondere das Alkohol- nose durch die Komorbidität von Schizo- Perälä et al. [22] berichteten Ergebnis-
delir, sonst typischen Bewusstseins- und phrenie mit Alkoholismus, die ca. 27–43% se einer großen epidemiologischen Unter-

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Zusammenfassung · Summary

suchung an 8028 Personen. Die Lebens- zierten psychotischen Störungen auf alko- Nervenarzt 2014 · [jvn]:[afp]–[alp]
zeitprävalenz für alkoholinduzierte psy- holinduzierte Psychosen. Insgesamt um- DOI 10.1007/s00115-013-3950-1
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014
chotische Störungen wurde mit immer- fasste diese Stichprobe 15.787 Personen
hin 0,5% berichtet, am höchsten war sie (85,4% des Gesamtkollektivs). Wie nicht M. Soyka
mit 1,8% bei Männern im arbeitsfähigen anders zu erwarten, waren die meisten Psychotische Störungen
(mittleren) Alter. Interessanterweise wa- der Patienten männlich (13.064) und das durch Alkohol – eine eigene
ren in dieser Stichprobe die alkoholindu- Durchschnittsalter der Erkrankten lag mit diagnostische Entität?
zierten psychotischen Störungen häufiger 45,1 Jahren wesentlich höher als bei can-
als das Delirium tremens. nabis- und amphetamininduzierten Psy- Zusammenfassung
Bei der psychotischen Störung durch Alkohol
chosen. Nur ein relativ kleiner Anteil der
handelt es sich um ein relativ seltenes Krank-
Prognose Patienten mit alkoholinduzierten Psycho- heitsbild mit schizophrenieartiger Sympto-
sen erfüllte in den folgenden 8 Jahren die matik, das durch die Leitsymptome (akus-
Ältere Arbeiten legen nahe, dass die Pro- Diagnose einer Schizophreniespektrum- tische) Halluzinationen, Angst und Verfol-
gnose der Alkoholhalluzinose in den störung (5%). Dabei handelte es sich meis- gungswahn bei fehlenden Bewusstseins-
meisten Fällen gut ist. [4, 7, 26, 27]. Lange tens um jüngere Männer. Die Autoren und Orientierungsstörungen oder Entzugs-
erscheinungen charakterisiert ist. Die diag-
Zeit war die Katamnese von Benedetti [2] schlossen daraus, dass es sich bei der al-
nostische Entität dieser Störung und die Pro-
die wichtigste Arbeit. Er stellte aufgrund koholinduzierten psychotischen Störung gnose wurde lange Zeit kontrovers diskutiert.
seiner damaligen empirisch-katamnesti- tatsächlich um eine gerechtfertigte Entität Aktuelle Untersuchungen belegen zum einen
schen Untersuchungen an 113 Patienten handele. Peräla et al. [22] berichteten von eine hohe Rückfallgefahr hinsichtlich statio-
fest, dass die Prognose der Alkoholhallu- einer sehr hohen Mortalität von 37% in närer Wiederaufnahmen, aber ein insbeson-
zinose in den meisten Fällen gut sei, in 23 einem 8-Jahres-Zeitraum von Patienten, dere im Vergleich zu anderen substanzindu-
zierten Psychosen geringes Risiko für den
Fällen lag allerdings ein chronischer Ver- bei denen eine alkoholinduzierte psycho- Übergang in eine schizophrene Psychose (5%
lauf vor. Remissionen kamen nach 6-mo- tische Störung diagnostiziert wurde, ähn- gegenüber 40–50% bei anderen Drogen). Pa-
natiger Symptompersistenz nicht mehr liche Befunde werden von Mattison et al. thophysiologische, diagnostische, Verlaufs-
vor. Psychopathologisch fanden sich in [20] berichtet. und therapeutische Aspekte der alkoholin-
diesen Fällen entweder chronische para- Aktuelle Daten zur Prognose von Pa- duzierten psychotischen Störungen werden
diskutiert.
noid-halluzinatorische, „schizophreni- tienten mit psychotischen Störungen wur-
forme“ Verläufe oder hirnorganische Psy- den auch von der eigenen Arbeitsgruppe Schlüsselwörter
chosyndrome. Auch die anderen Publika- [39] vor kurzem vorgelegt. Hier wurden Alkohol · Alkoholismus · Alkoholhalluzinose ·
tionen zu diesem Thema haben vergleich- nationale Behandlungsstatistiken der Bar- Psychose · Pathophysiologie
bare Ergebnisse ergeben. In etwa 10–20% mer Ersatzkasse ausgewertet. Dabei zeigte
der Fälle kommt es aber zu chronischen sich ebenfalls eine sehr hohe Wiederauf-
Alcohol-induced psychotic
Psychosen. Benedetti [2] berichtete, dass nahmerate von Patienten mit alkoholin-
disorders – a diagnostic
jenseits einer 6-monatigen Symptomper- duzierten psychotischen Störungen über
entity of its own?
sistenz die Halluzinosen meist nicht mehr einen 5-Jahres-Zeitraum, nur ca. ein Drit-
reversibel sind und damit chronisch wer- tel der Patienten blieben ohne stationäre Summary
den. Entweder es kommt hier zu schizo- Wiederaufnahme aufgrund psychischer Alcohol-induced psychotic disorders are rela-
tively rare schizophrenia-like disorders char-
phrenieformen Verläufen oder aber zu de- Störungen.
acterized by key symptoms, such as audi-
menziellen Syndromen. tory hallucinations, anxiety and delusions
Eine sehr wichtige Untersuchung wur- Pathophysiologie while disorders of consciousness and orienta-
de vor kurzem von einer finnischen Ar- tion are lacking. The diagnostic entity of this
beitsgruppe um Niemi-Pynttäri et al. [21] Zur Pathophysiologie der alkoholindu- disorder has been questioned. Recent find-
vorgelegt. Die Gruppe untersuchte 18.478 zierten psychotischen Störungen ist we- ings indicate a high risk for rehospitalization
and relapse but compared to other drug-in-
Patienten, die in Finnland wegen einer al- nig bekannt [28], meist handelt es sich um
duced disorders a low risk of schizophrenia-
kohol- oder drogeninduzierten Psychose Patienten, die erhebliche Alkoholmengen like course of the illness (5% compared to
zwischen 1997 und 2003 behandelt wur- konsumiert haben. In der Studie von Tsu- 40–50% with other drugs). Pathophysiologi-
den. ang et al. [42] lag die Trinkmenge bei Pati- cal, diagnostic and therapeutic aspects of al-
Die Arbeitsgruppe wertete Erkennt- enten mit Alkoholhalluzinose bei im Mit- cohol-induced psychotic disorders are dis-
nisse medizinischer Datenbanken aus. tel 21,6 Drinks/Tag, für die alkoholkran- cussed.
Dabei zeigte sich, dass z. B. bei canna- ken Kontrollen ohne Halluzinose bei 16,0. Keywords
bisinduzierten Psychosen in 46% der Fäl- Obwohl eine Beeinflussung des dopamin- Alcohol · Alcoholism · Alcohol hallucinosis ·
le im weiteren Verlauf eine Diagnose aus ergen Systems durch Alkoholkonsum ge- Psychotic disorder · Pathophysiology
dem Schizophreniespektrum gestellt wur- sichert ist [3], gibt es keine Erkenntnisse
de und bei 30% mit amphetaminindu- in Bezug auf eine Dysfunktion bei Al-
zierten Psychosen. Quantitativ fiel der Lö- koholpsychosen [31]. Bei cannabisindu-
wenanteil der Patienten mit substanzindu- zierten Psychosen wurde eine „High-out-

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put“-Variante im Katecholamin-O-Me- rigen Patientin mit akuter Alkoholhallu- Die früher diskutierte Senkung der
thyl-Transferase(COMT)-Gen vermutet zinose und untersuchten kortikale Akti- Krampfschwelle durch Neuroleptika bei
[5]. Über die Relevanz bei Alkoholpsy- vierungen während halluzinatorischen Patienten mit Alkoholhalluzinose spielt
chosen ist nichts bekannt. Erlebens. Die Halluzinationen waren da- im klinischen Alltag nach empirischen
Es gibt einige Neuroimaging-, speziell bei mit einer erhöhten Aktivität bilateral Befunden kaum eine Rolle [32].
Positronenemissionstomographie(PET)- im temporoparietalen Bereich, der Insu- Für Valproinsäure liegt eine placebo-
Befunde zu Alkoholpsychosen [13, 14, 18]. la, dem linken superioren Temporalgy- kontrollierte Doppelblindstudie vor [1],
Einige kasuistische Neuroimaging (PET)- rus und rechtsseitig im präfrontalen Kor- die allerdings methodisch unbefriedi-
Befunde haben eine Dysfunktion im Tha- tex assoziiert. Insgesamt sprachen die Be- gend ist.
lamus gezeigt [17, 31, 38], die reversibel zu funde ihrer Ansicht nach für eine Asso- Angesichts der guten Prognose ist ei-
sein scheint. Jordaan et al. [14] konnte in ziation der Halluzinationen mit Aktivie- ne neuroleptische Rezidivprophylaxe bei
er einer Single-Photonen-Emissions-Co rungen in sprachbezogenen Hirnarealen stabiler Alkoholabstinenz und abgeklun-
mputertomographie(SPECT)-Studie an und einer aufgehobenen funktionalen gener Alkoholhalluzinose eher nicht indi-
19 Patienten mit alkoholinduzierter psy- Asymmetrie, ähnlich wie z. T für schizo- ziert [40]. Beim Alkoholrückfall ist aller-
chotischer Störung vor und nach Thera- phrene Erkrankungen gezeigt. dings das Risiko für das erneute Auftreten
pie mit Haloperidol (5 mg/Tag) im Prä- Zwillingsuntersuchungen haben ein einer Alkoholhalluzinose sehr hoch.
post-Behandlungsvergleich einen erhöh- gewisses genetisches Risiko für Alkohol- Praktisch keine Befunde gibt es zur
ten zerebralen Blutfluss (rCBF) im linken psychosen (und Leberzirrhosen) ergeben Therapie der seltenen chronischen Al-
Frontallappen und in den Basalganglien [11]. Ein erhöhtes familiäres Risiko für koholhalluzinose. Neuroleptika sind hier
zeigen. Die psychopathologischen Auf- Schizophrenie ist unwahrscheinlich [15, nach klinischen Erfahrungen häufig wir-
fälligkeiten (Positive and Negative Syn- 16, 26, 27]. kungslos.
drome Scale [PANNS-]Score) korrelier-
ten vor Therapie positiv mit der rCBF im Therapie Fazit
rechten Kleinhirn, Negativsymptome kor-
relierten negativ mit der rCBF im rechten Es gibt kaum Therapiestudien zu psy- Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
Frontal- und Okzipitallappen, die „gene- chotischen Störungen bei Alkoholismus. es in den letzten Jahren eine Reihe auch
ral subscale“ mit dem rechten Parietal- Wichtig erscheint aufgrund der jetzt vor- therapierelevanter neuer Ergebnisse zu
lappen und Kleinhirnwurm und der Ge- liegenden Befunde allerdings, dass ein alkoholinduzierten Psychosen gegeben
samtscore mit Arealen im rechten Fron- „schizophrener Verlauf “ selten und zu- hat. Sie scheinen nach neuen Erkennt-
tallappen. Der Prä-post-Vergleich zeigte mindest eine Dauertherapie mit Neuro- nissen zu Recht eine eigene diagnosti-
keine signifikanten Korrelationen zwi- leptika nach Symptomremission daher sche Entität darzustellen, Übergänge in
schen rCBF und PANSS-Positivsubska- nicht indiziert ist, wie schon früher ver- schizophrene Psychosen sind im Gegen-
la (nur für einzelne Symptome), hoch- mutet wurde [4]. Wegen der ausgeprägten satz zu anderen drogeninduzierten Psy-
signifikante negative Korrelationen fan- paranoid-halluzinatorischen Symptoma- chosen sehr selten, das Rückfallrisiko
den sich zwischen der Negativsubskala tik ist eine Akuttherapie mit Neurolepti- aber hoch. Korrespondierend dazu ha-
und rCBF Veränderungen bilateral in den ka, ggf. auch eine Sedation oder Anxioly- ben Neuroimaging-Befunde, so lücken-
Frontal- und Parietallappen, im linken se mit Benzodiazepinen klinisch indiziert. haft sie auch sind, zwar keine einheitli-
Temporallappen, rechten Thalamus und Evidenzbasierte Therapieempfeh- che Pathophysiologie, aber recht über-
linken Kleinhirn. Psychopathologische lungen sind nicht möglich. In der relativ einstimmend doch eine Remission der
und SPECT-Befunde sprachen insgesamt großen Fallsammlung von Jordaan et al. Veränderungen gezeigt. Spezielle Neuro-
für eine Reversibilität der zerebralen Dys- [14] wurden gute Ergebnisse mit Halope- leptika können nicht empfohlen werden,
funktion. ridol berichtet. Wegen der meist lebhaften eine neuroleptische Rezidivprophylaxe
In einer früheren Arbeit hatten Jordaan psychotischen Symptomatik spricht vieles ist nicht indiziert. Vielmehr ist es klinisch
et al. [13] bei schizophrenen Patienten im für den Einsatz hochpotenter Neurolep- plausibel, dass Hauptaugenmerk auf die
Vergleich mit gesunden Kontrollen und tika. Neuroleptika mit starken anticholi- Alkoholabstinenz zu richten, da sonst
Patienten mit „unkompliziertem“ Alko- nergen und α-adrenolytischen Nebenwir- das Risiko für erneute Psychosen groß ist.
holismus vor allem reversible Dysfunk- kungen scheinen in diesem Indikations-
tionen im okzipitalen Kortex und Zere- bereich weniger günstig, da es im Alkoho-
Korrespondenzadresse
bellum gefunden. Eine reduzierte Perfu- lentzug z. B. zu Hypotension oder Herz-
sion im frontalen Bereich, Thalamus [17, rhythmusstörungen kommen kann. In Prof. Dr. M. Soyka
31, 33] und Basalganglien, wie zuvor ka- der Regel werden für Haloperidol Tages- Privatklinik Meiringen
suistisch gezeigt, konnte die Arbeitsgrup- dosen von 5–10 mg äquivalent empfohlen 3860 Meiringen
Schweiz
pe dagegen nicht zeigen. Vor kurzem be- [14]. Neben Haloperidol kann auch Flu-
michael.soyka@privatklinik-meiringen.ch
richteten Thomas und Jardri [41] kasuis- pentixol oder Risperidon [8, 24, 37] ver-
tisch eine funktionelle Magnetresonanz- sucht werden.
tomographie [fMRI] bei einer 48-jäh-

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17. Kitabayashi Y, Narumoto J, Shibata K et al (2007) 38. Soyka M, Zetzsche T, Dresel S, Tatsch K (2000) FDG-
Einhaltung ethischer Richtlinien Neuropsychiatric background of alcohol hallucino- PET and IBZM-SPECT suggest reduced thalamic ac-
sis: a SPECT study. J Neuropsychiatry Clin Neurosci tivity but no dopaminergic dysfunction in chronic
Interessenkonflikt.  M. Soyka gibt an, dass kein Inter- 19:85 alcohol hallucinosis (letter). J Neuropsychiatry Clin
essenkonflikt besteht.   18. Laprevote V, Rolland B, Cottencin O et al (2013) Neurosci 12:287–288
  Per-symptomatic brain activations in alcohol-indu- 39. Soyka M, Helten B, Cleves M, Schmidt P (2013)
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Der Nervenarzt 2014  | 5

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