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DAS HAMBURGER NARRENSCHIFF

VON SALOMO VON SCHLESIEN

AUS DEM LATEINISCHEN VON TORSTEN SCHWANKE

Das Schiff der Narren ist eine Allegorie, aus Buch VI von Platos Republik, etwa ein Schiff mit einer
dysfunktionalen Crew. Die Allegorie soll die Probleme der Regierungsführung darstellen, die in
einem politischen System vorherrschen, das nicht auf Expertenwissen basiert, wie Monarchien und
Demokratien, sowie praktisch jeden Ansatz zur Regierungsführung, den menschliche Sozialsysteme
bisher empirisch getestet haben.

Es gibt den Reeder, der größer und stärker ist als alle anderen im Schiff, der aber etwas taub und
ziemlich kurzsichtig ist und über Segelkenntnisse verfügt, die seinem Sehvermögen entsprechen.
Die Seeleute streiten sich untereinander um den Kapitän des Schiffes. Jeder denkt, er sollte Kapitän
sein, obwohl er diese Fähigkeit nie gelernt hat, und er kann auch nicht auf die Person verweisen, die
ihn unterrichtet hat, oder auf eine Zeit, als er sie lernte. Darüber hinaus sagen sie, dass es nicht
gelehrt werden kann. Tatsächlich sind sie bereit, jeden in Stücke zu schneiden, der sagt, dass es
möglich ist. Der Reeder selbst ist immer von ihnen umgeben. Sie bitten ihn und tun alles, um ihn
dazu zu bringen, ihnen die Pinne zu übergeben. Manchmal, wenn andere Leute ihn überzeugen
können und sie nicht, töten sie diese anderen oder werfen sie über Bord. Dann machen sie ihren
würdigen Reeder mit Drogen oder Getränken oder auf andere Weise bewegungsunfähig und
übernehmen die Kontrolle über das Schiff, indem sie sich selbst helfen. Sie trinken und schlemmen
und segeln so, wie man es von solchen Leuten erwarten würde. Wenn jemand gut darin ist, Wege zu
finden, um den Reeder zu überzeugen oder zu zwingen, ihn die Kontrolle übernehmen zu lassen,
nennt er ihn einen echten Seemann, einen echten Kapitän, und sagt, er weiß wirklich über Schiffe
Bescheid. Wer das nicht kann, behandelt ihn mit Verachtung und nennt ihn nutzlos. Sie beginnen
nicht einmal zu verstehen, dass ein echter Schiffskapitän, wenn er wirklich in der Lage sein will,
das Kommando über ein Schiff zu übernehmen, unbedingt mit den Jahreszeiten, den Sternen am
Himmel, den Winden und allem vertraut sein muss, was mit seiner Kunst zu tun hat. Die Art und
Weise, wie er das Schiff steuern wird - unabhängig davon, ob jemand dies wünscht oder nicht -
betrachtet dies nicht als zusätzliche Fähigkeit oder Studie, die über die Kunst des Schiffskapitäns
hinaus erworben werden kann. Wenn dies an Bord der Fall ist, glauben Sie nicht, dass die Person,
die wirklich als Kapitän ausgerüstet ist, von denen, die mit dieser Art von Besatzung auf Schiffen
segeln, als Sterngucker, als Schwätzer ohne Nutzen bezeichnet wird?

ERSTER GESANG

Schon stehe ich am Grabe dicht,


Des Henkers Messer mich schon sticht,
Doch – meine Narrheit lass ich nicht!

Die Narrheit lässt mich nicht sein einen rechten Greisen;


Ich bin recht alt, doch gar nicht einer der Weisen,
Ein böses Kind von hundert Lenzen
Läute ich die Schellen von jugendlichen Tänzen.
Den Kindern gebe ich mein Regiment
Und schreib mir selbst mein Testament,
Das wird nach meinem Tod mein Leid.
Mit bösem Beispiel und Bescheid
Treibe ich, was ich in der Jugend lernte;
Dass meine Bosheit große Ehre ernte,
Wünsche ich und rühme mich meiner Schande,
Weil ich betrogen viele im Lande
Und habe viel Wasser getrübt;
In Bosheit hab ich mich allzeit geübt,
Und es tut mir leid, dass ich das nicht kann
Vollbringen noch mehr als alter Mann;
Doch was ich jetzt nicht mehr vermag zu treiben,
Soll meinem Michel empfohlen bleiben;
Mein Sohn wird tun, was ich gespart,
Er kommt so ganz nach meiner Art;
Es steht ihm ordentlich an,
Und lebt er, wird aus ihm noch ein Mann.
Er ist mein Sohn, wird man einst sagen;
Den Schelmen wird er Rechnung tragen
Und wird an keinem Dinge sparen
Und auch in dem Narrenschiff fahren!
Es soll mich noch im Grab ergötzen,
Dass er mich wird so vollkommen ersetzen!
Nach solchem Unfug jetzt das Alter trachtet,
Die Herrin Weisheit keiner mehr achtet.
Susannes Älteste zeigten toll,
Wie man dem Alter trauen soll.

ZWEITER GESANG

Wer Gewalt und Unrecht einem Mann


Antut, der ihm nie ein Leid tat an,
Da stoßen sich zehn andere dran.

Der ist ein Narr mit Narrenmut,


Der einem Menschen Unrecht tut,
Weil er dadurch manchem bleut,
Der sich dann seines Unglücks freut.
Wer einem Freund ein Leiden tut,
Der mit Hoffnung, Treue und Mut
Allein ihm sich gegeben hin,
Der ist ein Narr und ohne Sinn.
Es gibt nicht mehr Ein Freundespaar,
Wie Jonathan und David war,
Patroklus und Achilles frei,
Orestes und Pylades, die zwei,
Wie Kastor und Pollux, die beiden.
Wo Geld fehlt, wird die Freundschaft scheiden;
Die Nächstenliebe so weit nicht geht,
Wie im Gesetz geschrieben steht:
Der Eigennutz vertreibt das Recht,
Freundschaft, Liebe, Menschengeschlecht;
Es lebt jetzt keiner mehr Moses gleich,
An Nächstenliebe wie Moses reich,
Oder wie Nehemia im Land
Und der fromme Tobit waren bekannt.
Wem das Gemeinwohl nichts wert
Wie der eigene Nutzen, den er begehrt,
Den halte ich für einen närrischen Hauch:
Denn was gemeinsam, das ist eigen auch.
Doch Kain lebt nun in jedem Stand,
Dem leid ist, wenn Abel Wohlstand fand.
Freunde, geht es an die Not,
Sind vierundzwanzig Freunde tot,
Und die sieben am besten wollten sein,
Bleibt Gott dein Freund allein.

DRITTER GESANG

Wer sich nicht gürtet vor dem Reiten,


Nicht weise Vorsicht übt beizeiten,
Dessen spottet man, sieht man ihn gleiten.

Der ist mit Frau Torheit ist vereint,


Der spricht: Das hab ich nicht so gemeint!
Denn wer alles bedenkt beizeiten,
Der sattelt wohl, eh er will reiten.
Wer sich bedenkt erst nach der Tat,
Der gewinnt nichts ohne Rat;
Wer in der Tat sich gut beraten kann,
Muss sein ein erfahrener Mann,
Oder es haben es ihn die Frauen gelehrt,
Die guten Rates sind hochgeehrt.
Hätte Adam zuvor sich bedacht im Gras,
Ehe er von dem Apfel aß,
Er wäre nicht um das kleine das und dies
Gestoßen worden aus dem Paradies.
Hätte Jonatan sich recht bedacht,
So hätte er auf die Gabe wenig acht,
Die Tryphon ihm in Falschheit bot
Und ihn erschlug darnach zu Tod.
Gute Pläne hatte allezeit
Kaiser Julius in dem Streit,
Doch, als er hatte Frieden und Glück,
Versäumte er ein kleines Stück,
Dass er den Brief nicht nahm zur Hand,
Den man ihm zur Warnung gesandt.
Ein weiser Plan stets gut passt,
Wohl dem, der ihn beizeiten fasst.
Gar mancher eilt und kommt zu spät,
Der stößt sich bald, der zu eilig geht.

VIERTER GESANG

Künftig in Armut fällt,


Wer der Völlerei stets nachgestellt
Und sich den Schlemmern zugesellt.

Der zieht einem Narren an die Schuhe,


Der weder Tag noch Nacht hat Ruhe,
Wie er den Wanst sich fülle und den Bauch
Und mache sich selbst zu einem Schlauch,
Als ob er dazu wäre geboren,
Dass durch ihn ging viel Wein verloren,
Als müsste er ein Reifen täglich sein,
Der passt ins Narrenschiff hinein,
Denn er zerstört Vernunft und Sinne,
Das wird er vielleicht im Alter inne,
Wenn ihm dann zittern Kopf und Hände;
Er verkürzt sein Leben, beschleunigt sein Ende.
Ein schädliches Ding ist es um den Wein,
Bei dem kann niemand weise sein,
Wer nach der Freude am Rausch getrachtet.
Ein betrunkener Mensch niemand achtet
Und weiß nicht Maßhalten noch weiß er bescheid.
Unzucht kommt aus Trunkenheit,
Viel Übles aus dem Rausch entspringt,
Nur weise ist nur, wer mäßig trinkt.
Noah vertrug selbst nicht den Wein,
Den er doch pflanzte ein,
Lot ward durch den Wein zweimal zum Tor,
Durch Wein der Täufer den Kopf verlor.
Wein macht, dass ein weiser Mann
Die Narrenkappe aufsetzen kann.
Als Israel sich fühlte toll
Und ihm der Bauch war mehr als voll,
Begann es übermütiges Spiel,
Gottloser Tanz ihm gefiel.
Darum gebot Jehova Aarons Söhnen,
Sie sollten sich des Weines entwöhnen
Und allem, was da trunken macht,
Doch haben die Priester nicht drauf Acht!
Als Holofernes betrunken ward,
Verlor er den Kopf samt dem Bart;
Die Ehre und Tugend ganz vergaß
Alexander, wenn er betrunken saß;
Er tat oft in der Trunkenheit,
Was ihm danach tat selber leid;
Der Reiche soff wie ein Geselle
Und fraß des Morgens in der Hölle;
Der Mensch könnte frei, kein Knecht mehr sein,
Wenn Rausch nicht wäre und Schnaps und Wein.
Dem Säufer Wehe und seinem Vater Weh!
Dem wird nur Krieg und Unglück je,
Wer stets sich wie ein Ochse füllt,
Jedem zuzuprosten ist gewillt
Und bringt einen Toast aus, wie man ihn bringt.
Wer ohne Not viel Rotwein trinkt,
Ist dem gleich, welcher auf dem Meer
Einschläft und liegt ohne Gegenwehr:
So tun, die nur aufs Prassen bedacht,
Schlemmen und saufen Tag und Nacht.
Viele würden bald sehr weise sein,
Wenn Weisheit läge in dem Wein,
Die in sich eingießen spät und früh.
Ja, einer trinkt dem andern zu ohne Müh:
Ich hau dir was! – Ich kitzle dich! –
Das kriegst du nun! – Warte, Freundchen, ich
Will mich wehren, bis wir beide sind hohl!
Damit fühlen sich Narren wohl!
Eins auf den Becher, zwei auf den Mund,
Einen Strick an den Hals, wäre einem gesund
Und besser, als so in Völlerei
Zu leben; das ist Narretei,
Wie Seneca sah vorher,
Wie in den Büchern geschrieben er,
Dass man würde geben mehr
Dem Betrunkenen als dem Nüchternen Ehr,
Und dass der würde berühmt auf Erden sein,
Der immer betrunken wäre vom Wein.
Die Biersäufer auch ich meine,
Wenn Einer trinkt eine Kiste alleine
Und wird dabei so toll und schier,
Man stieß mit ihm wohl auf die Tür.
Ein Narr muss saufen immer recht viel,
Ein Weiser trinkt mit Maß und Ziel
Und ist dabei doch viel gesunder
Als wer es in Kübeln schüttet hinunter.
Der Wein geht ein – man merkt es nicht,
Zuletzt er wie die Schlange sticht
Und gießt sein Gift durch alles Blut
Gleichwie der Basilisk es tut.

FÜNFTER GESANG

Der jagt zwei Hasen schnell und still,


Wer zwei Herren dienen will
Und dann den Zehnten zahlt vom Dill.

Der ist ein Narr, dem es gefällt,


Dass Gott er diene und der Welt;
Denn wo zwei Herren hat ein Knecht,
Kann ihnen dienen niemals recht.
Oft verdirbt ein Handwerksmann,
Der viele Gewerbe kann.
Wer jagen will zu einer Stunde
Und fangen zwei Hasen mit einem Hunde,
Dem wird kaum einer zuteile
Und oft auch gar nichts, trotz aller Eile.
Wer mit viel Bogen schießt im Spiel,
Der trifft kaum einmal das Ziel;
Und wer auf sich zu viele Ämter nimmt,
Der kann nicht tun, was ihm bestimmt;
Wer hier will sein und doch auch dort,
Ist weder hier noch dort am Ort;
Wer tun will, was jedem gefällt,
Dessen Atem sei warm und kalt gestellt,
Der schlucke viel, was ihm nicht schmecke,
Und strecke sich nach jeder Decke,
Der möge Kissen unterschieben
Den Armen jedes Menschen nach Belieben
Und salben jedem die Stirne
Und lügen, dass ihm keiner zürne.
Aber viele Ämter schmecken gut,
Man wärmt sich bald bei großer Glut,
Doch wer der Weine viele erprobt,
Darum doch noch nicht jeden Tropfen lobt.
Ein schlichtes Schmuckstück ist bald bereit,
Der Weise lobt Einfalt und Einfachheit;
Wer Einem dient und wird dem gerecht,
Den hält man zu Recht für den treusten Knecht.

SECHSTER GESANG

Wer gute Wege zeigt andern zwar,


Doch selbst bleibt, wo Pfütze und Moder war,
Der ist der Sinne und der Weisheit bar.

Der ist ein Narr, der strafen will,


Was er doch selbst tut gerne still;
Der ist ein Narr und wird nicht geehrt,
Der jede Sache zum Schlechten kehrt,
Der einen schmutzigen Lappen an alles hängt
Und nicht der eigenen Fehler gedenkt.
Eine Hand, die am Kreuzweg steht,
Zeigt nur den Weg, den sie selbst nicht geht,
Und wer im eigenen Auge den Balken hat,
Ziehe ihn heraus, ehe er erteilt den Rat:
Bruder, gib Acht, ich sehe an dir
Einen Splitter, der gefällt nicht mir!
Dem, der da lehrt, steht es übel an,
Wenn er straft Herrn Jedermann
Und der Sünde selbst nach doch geht,
Die anderen Leuten übel steht,
Und wenn er leiden muss den Spruch:
Arzt, für dich selbst erst Heilung such!
Mancher den anderen Rat zuspricht,
Der kann sich selbst doch raten nicht.
Ein jedes Laster, das geschieht,
Man um soviel deutlicher sieht,
Als man denselben hat in Acht,
Der solches Laster hat vollbracht.
Tu erst selbst das gute Werk und dann lehre,
Willst du verdienen Ruhm und Ehre.

SIEBENTER GESANG

Wer meint, vollkommen sei sein Heil


Und stetes Glück allein sein Teil,
Den trifft zuletzt der Donnerkeil.

Das ist ein Narr, der große Worte macht,


Dass ihn das Glück stets angelacht
Und er Glück gehabt in jeder Sache:
Der harrt des Blitzes auf dem Dache.
Denn der Vergänglichkeit Glück,
Ein Zeichen ist und ein Stück,
Dass Gott des Menschen ganz vergessen,
Der nicht geprüft und gemessen.
Im Sprichwort man gewöhnlich spricht:
Ein Freund dem anderen oft gebricht!
Ein Vater straft auch sein Söhne,
Dass er ans Gute sie gewöhne;
Ein Arzt gibt sauren und bitteren Trank,
Dass genese der Mensch, der krank;
Chirurgen schneiden die Wunde,
Damit der Kranke bald gesunde,
Und wehe dem Kranken, wenn verzagt
Der Arzt und nicht mehr straft noch sagt:
Das sollte der Kranke nicht haben getan
Und jenes nicht gelassen im Wahn!
Vielmehr spricht: Gebt ihm nur hin
Alles was er will, wonach steht sein Sinn!
Wen also der Teufel bescheißen mag,
Dem gibt er Glück und Geld bis zum letzten Tag.
Geduld ist besser in mit Lebensmut
Als alles Glück, Geld und Hab und Gut.
Auf Glücksgüter niemand soll Stolz empfinden,
Denn wenn Gott will, so werden sie verschwinden.
Ein Narr schreit jeden Augenblick:
O Glück, was verlässt du mich, o Glück?
Was verklagst du mich? Gib mir recht viel,
Denn ich Narr will noch nicht ans Ziel!
Darum, größere Narren sah ich nie werden
Als die Glück hatten allzeit auf Erden!

ACHTER GESANG

Wer aller Welt Sorgen auf sich ladet,


Nicht denkt, ob es ihm nützt oder schadet,
Habe auch Geduld, wenn man ihn badet.

Der ist ein Narr, der tragen will an Ziel,


Was ihm zu tragen ist viel zu viel
Und der allein auf das bedacht,
Was kaum von dreien wird vollbracht.
Wer auf den Rücken nimmt die ganze Welt,
In einem Augenblicke fällt.
Man liest von Alexander, dass
Die ganze Welt zu eng war seinem Spaß;
Er schwitzte drin, als ob er kaum
Für seinen Leib drin hätte Raum,
Und fand zuletzt doch seine Ruh
In einem Grab von sieben Schuh.
Der Tod allein erst zeigt uns an,
Womit man sich begnügen kann.
Diogenes mehr Macht besaß
Und dessen Wohnung war ein Fass;
Obwohl er hatte nichts auf der Erde,
Gab es doch nichts, was er begehrte
Als, Alexander möchte gehen
Und ihm nicht in der Sonne stehen.
Was hilft es dem Menschen zu gewinnen
Die Welt und dann zu verderben drinnen?
Was hilft es dir, dass der Leib kommt hoch
Und es fährt die Seele ins Höllenloch?
Wer Gänse nicht will barfuß gehen lassen
Und Straßen fegen rein und Gassen
Und eben machen Berg und Tal,
Der hat nicht Frieden einmal.
Zu viele Sorge ist nirgend für gut,
Sie macht bleich und krank das Blut.
NEUNTER GESANG

Wer sich wünscht, was nichts nützt dem Schamott,


Und seine Sache nicht setzt allein auf Gott,
Der kommt zu Schaden immer und zu Spott.

Das ist ein Narr, der sich wünschen tut,


Was ihm bald schädlich und bald gut;
Denn wenn er es hätte und es würde ihm wahr,
Er bliebe der Narr doch, der er war.
Der König Midas wünschte als Sold,
Was er berührte, würde Gold;
Als das geschah, da litt er Not,
Nun ward zu Gold ihm Wein und Brot.
Dass man nicht sähe sein Eselsohr,
Das ihm gewachsen im Rohr,
Verhüllte er zu Recht sein Haar.
Weh dem, dessen Wünsche werden wahr!
Viele wünschen, daß sie leben lange,
Und machen doch der Seele bange
Mit Prassen und Schlemmen im Schenkenhaus,
Dass sie vor Zeit muss fahren aus;
Dazu, ob sie schon werden alt,
Sind sie doch bleich, von krummer Gestalt;
Ihre Wangen und Leiber sind so leer,
Als ob eine Äffin ihre Mutter wär.
Viel Freude hat nur, wer noch jung,
Das Alter ist ohne Reiz und Schwung,
Ihm zittern Glieder, Stimme und Hirn,
Ihm trieft die Nase, ist kahl die Stirn,
Es ist den Frauen zuwider als Gast,
Sich selbst und seinen Kindern zur Last;
Ihm schmeckt und gefällt nichts, was man meint,
Es sieht viel, was ihm nicht gut erscheint.
Lang leben Andere, um in Pein
Und neuem Unglück immer zu sein,
In Trauer und in trostlosem Leid;
Sie enden die Tage im schwarzen Kleid.
Es konnte Nestor in alten Tagen
Samt Peleus und Laertes klagen,
Dass zu lang ließ leben sie Gott,
Weil sie die Söhne tot sahen im Schamott.
Wäre Priamos gestorben ehe,
Er hätte erlebt nicht soviel Wehe,
Das ihm mit Jammer ward bekannt
An Frau und Kindern, Stadt und Land.
Wer Schönheit sich und seinem Kinde
Erwünscht, der sucht Ursache sich zur Sünde.
Wäre Helena nicht als schön bekannt,
Ließe Paris sie in Griechenland;
Wäre hässlich gewesen Lukretia,
Dann solche Schande ihr nicht geschah;
Wenn Dina krumm und bucklig war,
Brachte Sichem nicht ihrer Ehre Gefahr.
Schönheit und Keuschheit offenbar
Gar selten bei einander war.
Zumal die hübschen Hanswürste nun
Begehren, Büberei zu tun
Und straucheln doch, dass man sie oft
Am Strick sieht unverhofft.
Mancher wünscht Häuser, Frau und Kinder
Oder dass er bekäme Perlen der Inder
Und ähnliche Torheit, von der Gott
Erkennt, wie sie wird zu Spott;
Darum säumt er, sie uns zu erteilen,
Und was er gibt, das nimmt er zuweilen.
Etliche wünschen sich Machtgewalt
Und Aufstieg ohne Aufenthalt
Und beachten nicht, dass wer die Höhe erreicht,
Von solcher Höhe fällt gar leicht,
Und dass, wer auf der Erde liegt und haucht,
Vorm Fall sich nicht zu fürchten braucht.
Gott gibt uns alles, was führt zum Ziel;
Er weiß, was recht ist, was zu viel,
Auch was uns nützlich sei und bekomme
Und was uns schade und nicht fromme;
Und wenn er uns nicht lieber hätte
Als wir uns selbst, und wenn er täte
Und macht, was wir wünschten, uns wahr,
Es reute uns, ehe verliefe ein Jahr.
Denn die Begierde macht uns blind,
Zu wünschen Dinge, die schädlich sind.
Wer wünscht, dass er recht lebe,
Der wünsche, dass der Herr ihm gebe
Vernunft, gesunden Leib und Gemüte
Und ihn vor der Todesangst behüte,
Vor Zorn, vor bösem Groll und Gier.
Wer das für sich erworben hier,
Hat seine Zeit verbracht nicht im Wahn,
Wie Herkules es hat getan
Oder wie Sardanapalus tat
Mit Wollust, Fülle und allem Staat;
Der hat alles, was ihm ist not,
Braucht nicht zu rufen statt Gott den Tod.

ZEHNTER GESANG

Wer nicht die rechte Kunst studiert,


Derselbe wohl die Schellen rührt
Und wird am Narrenseil geführt.

Die Studenten ich auch nicht schone:


Sie haben die Narrenkappe zum Lohne,
Und wenn sie die nur ziehen an,
Folgt schon der Schlafmütze Zipfel dran,
Denn wenn sie sollten fleißig studieren,
So gehen sie lieber lieben gleich den Tieren.
Die Jugend schätzt die Kunst nur klein;
Sie lernt jetzt lieber ganz allein,
Was unnütz und unfruchtbar ist.
Denn dies auch an den Professoren frisst,
Dass sie die rechte Kunst nicht achten,
Unnütz Geschwätz allein betrachten:
Ob die Schöpfung geschaffen am Tag, in der Nacht?
Ob wohl der Mensch aus einem Affen gemacht?
Ob Sokrates oder Plato schneller gelaufen?
Die Lehre kann man jetzt in der Schule kaufen.
Sind das nicht Narren und ganz dumm,
Die Tag und Nacht gehn damit um
Und kreuzigen sich und andre Leute
Und achten nicht bessre Künstler heute?
Darum Origenes spricht von ihnen,
Dass sie ihm wie die Frösche schienen
Und die Mücken, die das Land
Mizraim plagten, wie bekannt.
Damit geht uns die schöne Jugend hin,
So sind wir in Prag und Paris ohne Sinn,
Haben in Heidelberg und Wittenberg gestanden
Und kamen zuletzt heim mit Schanden.
Ist dann das Geld verschwendet so,
Dann sind wir des törichten Lebens froh
Und dass man lernt einschenken reichlich Wein:
Der Michel wird wieder zum Michelein.
So ist das Geld gelegt mit Zinsen an:
Studentenkappe mit Schellen dran!

ELFTER GESANG

Heuschrecken hütet unter den Sonnen


Und Wasser schüttet in den Bronnen,
Wer hütet die Frau, die er gewonnen.

Viele Narrentage und vielen Verdruss


Hat, wer die Frauen hüten muss;
Denn welche Gutes will, tut es selbst recht,
Die Böses will, die macht es bald schlecht,
Wie sie zu Wege bringe alle Tage
Ihre bösen Pläne zu des Mannes Klage.
Legt man ein Schloss schon davor
Und schließt alle Riegel, Tür und Tor
Und setzt ins Haus der Wächter viele;
So tut sie dennoch nach ihrem Spiele.
Was half der Turm, in den Danae ging,
Da sie dennoch ein Kind empfing?
Penelope war frei und ledig
Und hatte um sich viele Freier gnädig,
Ihr Mann blieb zwanzig Jahre aus,
Und sie blieb keusch in ihrem Haus.
Der spreche allein, dass er noch sei
Von Weiberlist und Lüge frei
Und habe die Frau auch lieb und hold,
Den seine Frau nie täuschen wollt.
Eine Frau, die hübsch, aber töricht ist,
Dem Mann an seinem Marke frisst;
Wer mit derselben ackern will,
Macht krumme Furchen still.
Das sei der keuschen Frau Gebärde:
Die Augen senken zu der Erde,
Nicht Schmeichelei von jedermann
Annehmen und jeden gaffen an,
Noch hören alles, was man ihr sagt:
Vielen Ehebrechern der Schafspelz behagt.
Hätte Helena nicht, als Paris ihr schrieb,
Antwort gegeben, er sei ihr lieb,
Und Dido durch ihre Schwester Anne,
Sie wären beide frei von fremdem Manne.

ZWÖLFTER GESANG

Mancher hält sich für witzig gern


Und bleibt ein Esel doch nah und fern,
Lernt nicht Vernunft noch Zucht vom Herrn.

Ein Narr ist, wer viel Gutes erfährt


Und doch nicht seine Weisheit mehrt,
Wer allzeit wünscht Erfahrung viel
Und Besserung nicht hat zum Ziel,
Und was er sieht, begehrt er auch,
Damit man merkt, er sei ein Hauch.
Denn das plagt alle Narren sehr:
Was es Neues gibt, ist ihr Begehr;
Doch ist die Lust daran bald verloren
Und etwas Anderes wird erkoren.
Ein Narr ist, wer reist durch jedes Land
Und keine Kunst kennt und hat keinen Verstand.
Nicht genug ist es, dass er gewesen sei
In Afrika, Amerika, in der Türkei,
Sondern ob er etwas gelernt dabei hat,
Dass er gewonnen Vernunft und Kunst und Rat;
Das halte ich für ein gutes Wandeln.
Denn würden Orden deinen Mantel verschandeln
Und könntest du scheißen Dukaten fein,
So schätzte ich doch nicht allein,
Dass du viele Länder besucht und sahst
Und wie die Kuh alles doppelt fraßt.
Denn Reisen bringt nicht große Ehre,
Es sei denn, dass man danach klüger wäre.
Hätte Moses in Ägyptenland
Und Daniel nicht gelernt Verstand,
Als er war in Chaldäa fern,
Man würde sie nicht so ehren im Herrn.

DREIZEHNTER GESANG

Leicht wäre es, mit Narrheit sich zu befassen,


Könnte man auch leicht von der Narrheit lassen,
Doch wenn dies einer auch beginne,
Wird er gar vieler Behinderung inne.

Der Dichter kniet mit entblößtem Haupt, seine Mütze in der Hand, vor einem Altar, um Gott um
Verzeihung zu bitten, falls er in seinem Lied aus Irrtum oder Voreiligkeit etwas Tadelnswertes
gesagt habe. Narrenkappe und Kolben liegen neben ihm auf der Erde; hinter ihm aber steht ein
unwilliger Narr, den er mit seinen treffenden Worten erzürnt hat.

(Entschuldigung des Dichters.)

Der ist ein Narr und großer Thor,


Wer einen Werkmann lohnt zuvor,
Denn der gar oft die Sorgfalt spart,
Wer nicht auf künftigen Lohn mehr harrt.
Gar wenig wird für Geld getan,
Das schon verzehrt ist und vertan,
Und dem Werk bald der Stillstand droht,
Wo man zuvor schon aß das Brot.
Darum, hätte man mir wollen lohnen,
Dass ich die Narren sollte schonen,
Ich hätte mich wenig daran gekehrt,
Auch wäre das Geld jetzt schon verzehrt,
Weil alles, was da ist auf Erden,
Für Torheit muss gehalten werden.
Hätte ich dies Buch für Geld gemacht,
dass man mich bezahlt, wie man lacht,
Nur wenig Lohn hätte ich gesehen
Und hätte es längst wohl lassen stehen.
Doch ich schrieb zu Gottes Ehre und Nutzen der Welt,
So habe ich weder Ruhm noch Geld
Noch Anderes je gesehen an,
Was mir Gott bezeugen kann,
Und weiß doch, dass ich nicht kann bleiben
Ganz ungestraft nach meinem Schreiben.
Von Guten will ich das nehmen,
Mich ihres Tadels nicht schämen;
Denn Gott mir das bezeugen kann,
Träfe man im Liede Lügen an
Oder was ist gegen Gottes Lehre,
Der Seelen Heil, Vernunft und Ehre,
So will ich Strafe gern erdulden;
Am katholischen Glauben möchte ich nichts verschulden
Und bitte hiermit Herrn Jedermann,
Dass er mit Wohlgefallen es nehme an
Und lege es nicht zum Bösen aus
Noch ziehe Ärgernis daraus.
Denn darum ließ ich es nicht entstehen.
Aber ich weiß, es wird mir gehen
Gleichwie der Blume, die schön blüht,
Aus der die Biene Honig zieht,
Doch kommen dann darauf die Spinnen,
So suchen sie Gift daraus zu gewinnen.
Das wird auch hierbei nicht gespart,
Denn jedes Tier tut nach seiner Art,
Und wo nichts Gutes ist im Haus,
Trägt man auch nichts Gutes hinaus.
Wer nicht gern hört von Weisheit sagen,
Wird oft über mich klagen,
Doch hört man seinen Worten an,
Was er sei für ein dummer Mann.
Ich habe gesehen manchen Tor,
Der sich gehoben stolz empor
Wie auf dem Libanon die Zeder,
In Narrheit höher als sonst jeder,
Doch als ich gewartet kurze Frist,
Das Prahlen ihm vergangen ist,
Man konnte auch nicht mehr finden die Stadt,
Wo dieser Narr gespottet hat.
Wer Ohren hat, merke auf und höre!
Ich schweige, dass mich kein Wolf betöre!
Ein Narr straft manchen vor der Zeit,
Er kennt nicht dessen Freude und Leid,
Doch wenn er wäre des Anderen Rücken,
So wüsste er, was den täte drücken.
Wer will, der lese dies Narrenlied,
Ich weiß wohl, was beschwert mein Gemüt,
Darum, wenn man will schelten mich
Und sprechen: Arzt, heile selber dich,
Denn du bist auch von unsrer Rotte!
So weiß ich es und beichte es meinem Gotte,
Dass ich viel Torheit habe begangen
Und muss im Narrenorden prangen,
Wie sehr ich mag die Kappe rütteln,
Kann ich sie nicht vom Kopfe schütteln.
Doch habe ich Ernst gebraucht und Fleiß,
So dass ich, wie nun jedermann weiß,
Der Narren Arten kenne viel
Und Lust hab, wenn es Gottes Ziel,
Zu bessern mich in künftiger Zeit,
Sofern der Herr mir Gnade verleiht.
Ein jeder achte nur auf dies,
Dass ihm nicht bleibe der Narrenspieß,
Dass nicht veralte in seiner Hand
Der Kolben – ich warne den Unverstand!
So schließt der deutsche Salomon,
Der Mann der Weisheit und Davids Sohn,
Der jedem zu der Weisheit rät,
Wer er auch sei und wo er steht:
Doch aufmerksam hört der Weisheit Lehren,
Eines Tages ist es zu spät, sich zu bekehren!

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