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Aufgabe 6:

Sofia Gubaidulinas Violinkonzert Offertorium (1980) und Salvatore Sciarrinos Klavierstück


Anamorfosi (1981) setzen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit Musik aus der weiter
zurückliegenden oder jüngeren Vergangenheit auseinander.

Erläutern Sie mithilfe der Materialien zur Lehrveranstaltung, wo die Gemeinsamkeiten und
Unterschiede dieser Kompositionen bei der Auseinandersetzung mit Musikgeschichte
liegen.
Sofia Gubaidulina und Salvatore Sciarrino konzipieren sicherlich ihr Verhältnis mit
Musikgeschichte sehr unterschiedlich und wir möchten in diesem Text die zwei Positionen
anhand zwei Stücke („Offertorium“ von Gubaidulina und „Anamorfosi“ von Sciarrino)
vergleichen.

Erstmal unterscheiden sich die zwei Kompositionen wegen Dauer und Besetzung: das
Klavierstück „Anamorfosi“ dauert knapp zwei Minuten, während „Offertorium“ hat eine
Länge von über eine halbe Stunde, und ist ein Violinkonzert (für Solovioline und große
Orchester).

Was die zitierten Stücke betrifft, verwendet Sciarrino zwei Klavierstücke von Ravel – „Jeux
d’eau“ und „Une barque sur l’océan“ (aus „Miroirs“) – und „Singin‘ in the Rain“, ein sehr
berühmtes amerikanisches Lied aus der 20er. Gubaidulina benutzt in ihrer „Offertorium“
das Ricercare aus Bachs Musikalischem Opfer, mit Bezug auf Weberns Orchestrierung
von demselben Stück.

Die Art und Weise, wie Sciarrino mit den Zitaten arbeitet, könnte man Collage oder Mash-
up nennen: er schließt nämlich die Melodie von „Singin‘ in the rain“ in der Textur von
Ravels Klavierstücken ein, indem er die verschiedenen Figurationen an die Melodie
harmonisch anpasst. Gubaidulina hat hingegen einen traditionelleren Ansatz, indem sie
das Thema des Ricercare einfach präsentiert, auf einem bestimmten Punkt unterbricht und
mit ihrer eigenen Musik fortsetzt.

Wenn man jetzt einfach nur diese paar Aspekte berücksichtigt, die bisher erwähnt wurden,
ist es schon ziemlich klar, wo der Kern des Unterschieds zwischen den zwei Konzeptionen
liegt. Es sieht so aus, als wollte Sciarrino mit einer Mischung von Klassisch und Populär
sich spielerisch und leicht gegenüber der Musikgeschichte setzen, während Gubaidulina
einen „ernsteren“ Ansatz hätte. Aber setzten wir unsere Analyse fort.

Wie hängen die Stücke mit den entsprechenden Zitaten zusammen? Im Gubaidulinas
Stück hilft der Titel beim Verstehen der Verbindung zwischen Stück und Zitat:
„Offertorium“ ist nämlich ein direkter Bezug auf das „Musikalische Opfer“ und gleichzeitig
bezieht sich auf die Art und Weise, wie das Zitat verwendet wird (das Thema von Bach
wird der musikalischen Entwicklung „geopfert“). Bei „Anamorfosi“ ist es aber noch subtiler:
der Zusammenhang besteht nämlich nur zwischen den Titeln der zitierten Stücke und ist
ein Wortspiel, wobei Wasser das verbindende Element ist („rain“, „eau“, „océan“). Eine
weitere Kontaktstelle könnte auch die (relative) zeitliche Nähe der benutzten Stücke sein
(„Jeux d’eau“ wurde 1901 komponiert, „Miroirs“ 1904-5, „Singin‘ in the rain“ 1929).
„Anamorfosi“ (Anamorphose, Umformung) weist in diesem Kontext auf die
Herangehensweise mit den Zitaten hin: wie in den Beispielen von Anamorphosen aus der
Malerei, wo ein Element nur aus einem bestimmten Blickwinkel erkennbar ist, auch das
Zitat von „Singing in the rain“ ist erst erkennbar, wenn wir wissen, was wir zuhören
müssen. Oder es könnte auch so interpretiert werden, dass der Zusammenhang zwischen
Ravel und „Singing in the rain“ erst erkennbar ist, wenn wir es aus der richtigen
Perspektive gucken und das in den Titeln von den drei Stücken wiederkommende
Element, Wasser, erkennen.

Man sollte auch sich fragen, welche Rolle die Zitate in den Stücken spielen und welchen
Wert sie für die Komponisten haben. Erstmal muss man bemerken, dass bei Sciarrino die
Zitate das einzige Material bilden, aus dem die sehr kurze Komposition besteht, während
bei Gubaidulina das Zitat einfach ein Ausgangspunkt ist, um danach (und vielleicht
daraus) eine eigene Musik zu entwickeln. Gubaidulina setzt sich aktiv mit ihren gewählten
Zitaten schöpferisch auseinander, Sciarrino hält sich zurück und arbeitet fast „vom oben“
damit, ohne seine eigene Musik und seine Ästhetik zu berühren. Man kann bei
Gubaidulina eine gewisse Seriosität spüren, und dieses Gefühl wird durch allen bisher
besprochenen Aspekten der vorliegenden Komposition bestätigt. Man muss noch
erwähnen, dass sie im späteren Verlauf des Stücks eine Art Choral einsetzt, was auch
eine Auseinandersetzung mit der Tradition ist, wenn man an Bergs Violinkonzert denkt.
Diese ganze Seriosität fehlt bei Sciarrino, wo im Gegenteil das Spielerische und Lustige
eine sehr wichtige Rolle spielen (ich bin sicher, dass er sich freuen würde, wenn er
während einer Aufführung des Stückes ein paar Lachen aus dem Publikum hören würde).

Da sie in dem Stück eine zentrale Rolle spielt, ist es wirklich lohnenswert, die von
Sciarrino angewandte Kompositionstechnik zu beleuchten, nämlich die Kombination von
zwei verschiedenen Stücken durch Übereinanderschichten (Bach hat etwas Ähnliches im
Quodlibet am Ende seiner Goldberg Variationen gemacht). Die Technik ist ziemlich
anspruchsvoll und stellt übrigens eine weitere Art, sich mit der Tradition der Musik
auseinandersetzen, nämlich die Wiederverwendung von einer Kompositionstechnik aus
der Vergangenheit. Da muss man sich fragen: ist „Anamorfosi“ eigentlich auf derselbe
Ebene wie alle anderen Stücke von Sciarrino, die kein Material aus der populären Musik
beinhalten? Obwohl das Stück, mit anderen ähnlichen popinspirierten Stücken oder
Bearbeitungen, in seinem kompletten Katalog auf seiner Webseite erscheint, könnte ich
dieser Frage nicht zweifellos ja antworten, weil der Unterschied zwischen die zwei Ansätze
meiner Ansicht nach zu groß und unüberwindbar ist. Ich weiß nicht, wie er selber da denkt
(es gibt für das Stück auf seiner Webseite leider keine „note dell’autore“).

Die zwei Konzeptionen der Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte und mit der
Tradition von Sciarrino und Gubaidulina sind demnach in diesen zwei Stücken eindeutig
unterschiedlich.

Die einzige Ähnlichkeit, die ich zwischen den beiden Stücken erkennen konnte, ist eine
Kleinigkeit, und zwar, dass die Zitate in beiden Fällen transponiert werden. Man hört in
„Offertorium“ das Thema des Ricercare in der Tonart d-Moll und in „Anamorfosi“ Ravels
„Jeux d’eau“ in D-Dur. Man könnte deshalb in der Spannungszunahme der Erhöhung von
c-Moll zu d-Moll und in der Entspannung der Erniedrigung von E-Dur zu D-Dur einen
letzten weiteren Beweis für die oben dargelegte Meinung anerkennen.

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