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sAufgabe 7:

Mit einer Darstellung verschiedener ästhetischer Positionen der vergangenen 25 Jahre


endet der letzten Endes sehr lückenhafte Überblick über die Musikgeschichte seit 1900.
Versuchen Sie mit Blick auf die letzte Abteilung folgende Frage zu beantworten:

· Zwischen welchen der in Abteilung 10 und 11 besprochenen Kompositionen und


Werkkonzeptionen lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen? Worin bestehen
diese genau?

Und dazu noch die Bitte um eine persönliche Stellungnahme, die mich sehr
interessieren würde:

· Wie könnte sich die zeitgenössische Musik in nächster Zukunft weiterentwickeln?


Wie könnte sie Ihrer Meinung nach in 100 Jahren aussehen? Welche Gründe
könnte es dafür geben?
· Wo sehen Sie – auch mit Blick auf die zurückliegenden 120 Jahre – ungenutztes
Potenzial, und welche künstlerische Herausforderungen können Sie sich vorstel-
len?
Eine Entwicklung der zeitgenössischen Musik in den nächsten Jahren vorherzusehen,
ist heute schwierig wie nie zuvor. Was man dafür benötigen würde, ist mindestens
einen klaren Überblick über deren aktuellen Zustand, über alle wichtigsten Tendenzen,
was man auf keinen Fall haben kann. Die Stichwörter Vielfältigkeit, Individualismus und
Differenzierung waren Anfang 20. Jahrhundert schon sehr passend, um die damalige
musikalische Lage zu beschreiben, und sind es heute immer noch und immer mehr.
Jeder Komponist zählt für sich, von Strömungen oder Bewegungen kann man kaum
reden. Und die Tendenzen sind unzählbar viele: Minimalismus, Mikrotonalität,
Spektralismus, Elektroakustische Musik, Computergestützte Komposition, Musiktheater,
Konzeptmusik, neue Einfachheit, neue Komplexität, Polystilistik, Einflüsse aus
traditioneller Musik anderer Kulturen...

Einige von diesen Tendenzen können wir auch unter den Stücken beobachten können,
die in den letzten Vorlesungen besprochen wurden. Ich würde sie erstmal in zwei
Kategorien gruppieren: rein instrumentale Stücke und intermediale bzw.
instrumentaltheatralische Stücke. Diese erste Unterteilung würde so aussehen: in der
ersten Kategorie haben wir “Offertorium“ von Gubaidulina, „Anamorfosi“ von Sciarrino,
die Stücke von Kurtág und die „Miniaturen“ von Borowski, während in der zweiten
„Ludwig Van“ von Kagel, „Burning piano“ von Lockwood, „Voices and piano“ von
Ablinger und „Kloing“ von O. Neuwirth. Die hier genannten Instrumentalstücke haben
alle etwas gemeinsam, und zwar die Verwendung von Zitaten (dieser Aspekt finden wir
übrigens auch im Kagels Stück), während die zweite Kategorie ist etwas
unterschiedlicher: „Ludwig Van“ ist gleichzeitig ein Film und eine Filmmusik, „Burning
piano“ kann man als eine Art Performance betrachten, „Voices and piano“ ist ein
Konzeptstück mit Einbeziehung von anderen Medien (die Zuspielung) und „Kloing“ ist
sowohl ein intermedial-elektroakustisches als auch ein instrumentaltheatralisches
Stück.

Eine andere Gruppierung könnte zwischen Konzeptmusikstücken und „absolute“ Musik


bestehen: einerseits Kagel, Lockwood, Ablinger, Kloing und Sciarrino und andererseits
Gubaidulina, Kurtág und Borowski.

Es gibt hauptsächlich zwei Tendenzen, die in den besprochenen Stücken schon


feststellbar sind und in den nächsten Jahren meiner Meinung nach immer klarer
auftreten werden, um auch zu der zweiten Frage zu kommen. Einerseits eine
experimentellere Welle, die im Allgemeinen nach der Recherche des „Neuen“ in allen
möglichen Schattierungen von diesem Wort strebt: neue Klänge (Einbezug von
Elektronik, erweiterte Spieltechniken, ungewöhnliche Besetzungen, Mikrotonalität...),
neue Musikkonzepte (experimentelles Musiktheater, Einbeziehung von Medien,
Performance, Improvisation...), neue Konzertkonzepte (Interaktivität, alternative
Konzertformate...). Das wäre sozusagen die „underground“-Welle. Andererseits eine
„traditionellere“ (vielleicht auch „istitutionellere“) Welle, die hauptsächlich einen Bezug
zur Musikgeschichte irgendwie (u.a. auch durch Zitate) sucht.

Jetzt möchte ich eine kleine Analyse einiger Aspekte durchführen, die die oben
dargelegte Hypothese unterstützen können.

Um eine Hypothese darüber zu machen, in welchen Richtungen Zeitgenössische Musik


sich in den kommenden Jahrzehnten entwickeln kann, muss man sich erstmal fragen,
welche Rolle sie in unserer Gesellschaft gerade hat. Sie ist erstmal ein elitäres
Phänomen. Seit Darmstadt hat sich nämlich vom Publikum distanziert und eine ziemlich
autoreferentielle Position genommen. Was ich mich jetzt frage, ist: für wen möchten die
Komponisten schreiben? Wem sollte sich ihre Musik richten? Unterschiedliche Antworte
zu diesen Fragen können schon in die eine oder andere von den beiden Richtungen
führen. Ein gewisser Komponist möchte vielleicht die Herausforderung nicht aufgeben,
etwas ganz Neues zu kreieren, und die Auseinandersetzung mit der Tradition oder mit
dem Publikum kommt erst danach, und jemandem anderen ist das Verhältnis zum
Publikum wichtiger, oder es ist für ihn reizvoller, die Bezüge mit der Musikgeschichte zu
erforschen.

Eine andere wichtige Frage ist: auf welchem Standpunkt sind wir jetzt
musikgeschichtlich? Wir haben eine riesige Tradition hinter uns, und erfahren in der
aktuellen Epoche dessen Ausklingen, oder zumindest empfinde ich es so. Das ist gar
nicht negativ gemeint! Es ist z.B. gar nicht ausgeschlossen, dass daraus etwas Neues
entstehen kann (der Jazz stammt ja aus der Fusion zwischen die
europäisch/abendländische und die afrikanische Musiktradition). Es kann doch sein,
dass die von mir genannte „experimentelle Welle“ sich von der Welt der klassischen
Musik abhebt und einen neuen Beginn für etwas Anderes bildet. Aber zurück zur Frage
des Verhältnisses mit der Tradition: man muss eine Stellung nehmen, weil sie zu
wichtig und omnipräsent ist.

Das alles kann jetzt oberflächlich, summarisch und begrenzt klingen, und ist es auch,
ich bin davon bewusst. Meine Perspektive darüber ist begrenzt und auch unverzichtbar
von meinen persönlichen Stellungnahmen geprägt. Ich wollte einfach versuchen, ein
paar Gedanken über ein Thema zu formulieren, worüber ich viel nachdenke und das mir
als Kompositionsstudent ziemlich wichtig ist. Ich bin auch davon bewusst, dass es eine
Übervereinfachung ist, alles in zwei Tendenzen zu reduzieren (ich kann mir nämlich
schon sie als zwei Pole von einem Spektrum vorstellen).

Als Komponist würde ich mich persönlich in der zweiten Gruppe sehen. Ich bin
überzeugt, dass es ungenutztes Potenzial in der Musik der 20. Jahrhundert gibt (und so
viel!), besonders in dessen ersten Hälfte, und eigentlich auch in vorherigen
Jahrhunderten. „Neu“ heißt für mich nicht nur unbedingt etwas, was es vorher gar nicht
gab: wir haben bis heute so viel "eingenommen", aber wir wollen immer unbedingt nach
etwas Neues suchen. Wie halten nie an, um zu betrachten, was eine unglaubliche
Vielfalt von Werkzeugen, Materialien usw. schon vorhanden ist. Vielleicht geht es nicht
mehr nur um das Neue, die Entdeckung oder die Kreation, sondern auch um die
Untersuchung und die Rekombination von bereits existierenden Elementen. Es gibt
unzählbare Möglichkeiten dafür, wenn man auch denkt, dass es verschiedene Aspekte
in Betrachtung gezogen werden können (Harmonik, Rhythmik, Instrumentation, Form
usw.). Sich zu fragen wie Prokofjew, Lachenmann und Ligeti als Inspiration in
demselben Stück zusammenleben können, was von jedem entnommen werden kann,
unter welcher Perspektive usw., ist meiner Ansicht nach auf keinen Fall eine weniger
spannende Herausforderung als z.B. die Komposition von einem Stück für präparierten
Staubsauger und live electronics.

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