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Einführung in das Arbeitsrecht

Einführung in das Arbeitsrecht

Einheit 7
Der Arbeitskampf

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Einführung in das Arbeitsrecht

Inhaltsübersicht
I. Rechtsgrundlagen
II. Anforderungen an Arbeitskämpfe
III. klassische Formen
IV. besondere Formen
V. Reaktionsmöglichkeiten des AG
VI. Rechtsfolgen des Arbeitskampfes

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Einführung in das Arbeitsrecht

I. Rechtsgrundlagen
I. Rechtsgrundlagen  Art. 9 Abs. 3 GG
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  in Deutschland gesetzlich nicht
III. klassische Formen geregelt
IV. besondere Formen  reines Richterrecht
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG  völkerrechtliche Übereinkommen
VI. Rechtsfolgen des  Europäisches Recht: Art. 11 EMRK, Art.
Arbeitskampfes
28 GrCh

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Einführung in das Arbeitsrecht

II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen  Tariffähigkeit
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Tarifbezogenheit
III. klassische Formen  Friedenspflicht
IV. besondere Formen
V. Reaktionsmöglichkeiten
 Streik als ultima ratio
des AG  Freie Wahl der Kampfmittel
VI. Rechtsfolgen des
Arbeitskampfes
 Verhältnismäßigkeit

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Einführung in das Arbeitsrecht

II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Tariffähigkeit
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  nur wer Tarifverträge abschließen kann,
III. klassische Formen darf auch einen Arbeitskampf führen
IV. besondere Formen  „wilder Streik“ = nicht gewerkschaftlich
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
ist unzulässig
VI. Rechtsfolgen des  allein die Gewerkschaft entscheidet über
Arbeitskampfes die Kampfmaßnahmen, nicht AN „auf
eigene Faust“
 kein Arbeitskampf zwischen Betriebsrat
und Arbeitgeber, § 74 Abs. 2 S. 1 BetrVG

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Einführung in das Arbeitsrecht

II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Tarifbezogenheit
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe
 was sich nicht im Tarifvertrag regeln
III. klassische Formen
lässt, darf nicht erstreikt werden:
IV. besondere Formen  politischer Streik
V. Reaktionsmöglichkeiten  Demonstrationsstreik
des AG
VI. Rechtsfolgen des
 Rechtmäßigkeit der angestrebten
Arbeitskampfes Regelung
 „Rührei-Theorie“: Schon eine
unzulässige Kampfforderung macht
den ganzen Streik rechtswidrig
 Identität von Kampfgegner und
Forderungsadressat
 durchbrochen beim
Unterstützungsarbeitskampf

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II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Exkurs: Unterstützungsarbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe
III. klassische Formen Fall: Die Gewerkschaft G streikt in der
IV. besondere Formen Metallbranche im Tarifgebiet Bayern gegen
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
den Bayerischen Metallarbeitgeberverband.
VI. Rechtsfolgen des Sie bittet die für die Textilindustrie in Bayern
Arbeitskampfes zuständige Gewerkschaft um Unterstützung.
Diese ruft Arbeitnehmer zum Streik auf, die
in Unternehmen beschäftigt sind, die
Zulieferprodukte (technische Textilien) für
die bestreikten Metallarbeitgeber herstellen.

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II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Exkurs: Unterstützungsarbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  P Kampfgegner und Forderungsadressat
III. klassische Formen fallen auseinander
IV. besondere Formen  mittelbarer Druck gegen den
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
eigentlichen Kampfgegner
VI. Rechtsfolgen des  BAG: grundsätzlich zulässig, aber
Arbeitskampfes strenge Anforderungen an die
Verhältnismäßigkeit
 Schwerpunkt darf sich nicht auf den
Unterstützungsarbeitskampf verlagern

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Einführung in das Arbeitsrecht

II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Friedenspflicht
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Bestandteil des schuldrechtlichen Teils
III. klassische Formen des Tarifvertrags
IV. besondere Formen  während der Geltung des Tarifvertrags:
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
keine Kampfmaßnahmen
VI. Rechtsfolgen des  erstreckt sich auch auf
Arbeitskampfes Firmenarbeitskämpfe gegen
verbandsangehörige Arbeitgeber

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II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Streik als ultima ratio
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Streik erst nach Scheitern aller
III. klassische Formen Verhandlungsmöglichkeiten
IV. besondere Formen  Tarifvertragsparteien bestimmen selbst,
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
wenn Verhandlungen gescheitert sind
VI. Rechtsfolgen des  Kampfbeschluss muss an den Gegner
Arbeitskampfes bekannt gegeben werden
 Urabstimmung ist nicht erforderlich;
rein gewerkschaftsinterner Vorgang

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II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Freie Wahl der Kampfmittel
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Tarifvertragsparteien sind frei in der Wahl
III. klassische Formen ihrer Kampfmittel
IV. besondere Formen  es gibt keinen numerus-clausus der
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
Arbeitskampfmittel
VI. Rechtsfolgen des  es findet allein eine
Arbeitskampfes Verhältnismäßigkeitskontrolle statt

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II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Verhältnismäßigkeit
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Differenziere:
III. klassische Formen  Verhältnismäßigkeit des
IV. besondere Formen Arbeitskampfes an sich
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG  Verhältnismäßigkeit des
VI. Rechtsfolgen des Arbeitskampfmittels
Arbeitskampfes
 keine Kontrolle der erhobenen
Forderung, sofern sich diese auf ein
regelbares Ziel bezieht
 Kampfmittel:
 geeignet
 erforderlich
 angemessen
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Einführung in das Arbeitsrecht

II. Anforderungen an Arbeitskämpfe


I. Rechtsgrundlagen Verhältnismäßigkeit
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Kampfmittel geeignet, wenn durch
III. klassische Formen seinen Einsatz die Durchsetzung des
IV. besondere Formen Kampfziels gefördert werden kann
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
 Kampfmittel erforderlich, wenn ein
VI. Rechtsfolgen des milderes Mittel nicht zur Verfügung steht
Arbeitskampfes  weiter Einschätzungsspielraum der
Kampfpartei

 Kampfmittel angemessen, wenn es nicht


außer Verhältnis zur Schwere des
Eingriffs steht
 volle Überprüfung durch die Gerichte

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III. klassische Formen


I. Rechtsgrundlagen Streik
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Vollstreik: alle AN eines
III. klassische Formen Kampfgebiets
IV. besondere Formen  Teilstreik: nur einige AN, bspw.
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
Schlüsselstellungen
VI. Rechtsfolgen des  Wellenstreik: kurzfristige
Arbeitskampfes Arbeitsniederlegung in wechselnden
Betrieben
 alle vom Streikaufruf erfassten AN
dürfen sich beteiligen, auch
Außenseiter – für diese aber idR
keine Unterstützung aus der
Streikkasse

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Einführung in das Arbeitsrecht

III. besondere Formen


I. Rechtsgrundlagen Warnstreik
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  befristeter Streik
III. klassische Formen  „Show of Force“
IV. besondere Formen
V. Reaktionsmöglichkeiten
 P werden häufig während laufender
des AG Tarifverhandlung geführt
VI. Rechtsfolgen des  BAG: das Einläuten eines
Arbeitskampfes
Warnstreiks zeigt, dass die
Kampfpartei die Verhandlungen für
gescheitert hält
 keine gerichtliche Überprüfung, ob es
noch Raum für Verhandlungen gibt

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Einführung in das Arbeitsrecht

III. besondere Formen


I. Rechtsgrundlagen Flashmob
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  aktiv produktionsbehindernde
III. klassische Formen Maßnahme
IV. besondere Formen  nicht generell rechtwidrig
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG  Betriebsinhaber kann von Hausrecht
VI. Rechtsfolgen des Gebrauch machen und den Betrieb
Arbeitskampfes schließen; dazu muss der Flashmob
aber als Arbeitskampf erkennbar sein
 P Teilnahme von unbeteiligten Dritten
 P Substanzeinbußen
 P Gefährdung des sozialen Friedens

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Einführung in das Arbeitsrecht

III. besondere Formen


I. Rechtsgrundlagen Go sick / Go slow
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe
 Arbeitnehmer melden sich
III. klassische Formen
massenhaft krank (go sick)
IV. besondere Formen  Arbeitnehmer machen „Dienst nach
V. Reaktionsmöglichkeiten Vorschrift“, arbeiten also übermäßig
des AG langsam (go slow)
VI. Rechtsfolgen des  unzulässig, da es zu einer
Arbeitskampfes
Verschleierung des Arbeitskampfes
kommt
 wer sich krank meldet, ohne krank zu
sein, riskiert eine verhaltensbedingte
Kündigung und macht sich strafbar:
Betrug wegen falscher EFZG-
Leistungen

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Einführung in das Arbeitsrecht

IV. Reaktionsmöglichkeiten des AG


I. Rechtsgrundlagen Aussperrung
II. Anforderungen an  planmäßig durchgeführte Nichtzulassung
Arbeitskämpfe einer Gruppe von AN unter Verweigerung
III. klassische Formen des Arbeitsentgelts
IV. besondere Formen
 AG muss auf einen punktuellen Angriff
V. Reaktionsmöglichkeiten angemessen reagieren können
des AG
VI. Rechtsfolgen des
 Aussperrung darf nicht weiter gehen, als
Arbeitskampfes das Kampfgebiet reicht
 weitere quantitative Grenze nach Quote
der am Arbeitskampf beteiligten AN
 keine selektive Aussperrung nur von
Gewerkschaftsmitgliedern
 P Angriffsaussperrung
 Betriebsstilllegung = AG duldet lediglich
den Arbeitskampf; kein Kampfmittel

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Einführung in das Arbeitsrecht

V. Rechtsfolgen des Arbeitskampfes


I. Rechtsgrundlagen Rechtmäßiger Arbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  suspendierende Wirkung
III. klassische Formen  Streik und Aussperrung
IV. besondere Formen suspendieren die gegenseitigen
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
Hauptleistungspflichten
VI. Rechtsfolgen des  keine Beendigung des ArbV
Arbeitskampfes
 Nebenpflichten bleiben bestehen
 wer einem zulässigen Streikaufruf
folgt, handelt nicht rechtswidrig

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Einführung in das Arbeitsrecht

V. Rechtsfolgen des Arbeitskampfes


I. Rechtsgrundlagen Rechtmäßiger Arbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Entgeltansprüche kampfbeteiligter AN
III. klassische Formen  Arbeitsleistung während der
IV. besondere Formen Streikteilnahme unmöglich, § 275
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
Abs. 1 BGB
VI. Rechtsfolgen des  kein Entgelt, § 326 Abs. 1 BGB
Arbeitskampfes
 maßgeblich ist die effektive Dauer
der ausgefallenen Arbeitszeit
 bei Krankheit während Streik: keine
EFZ, da Krankheit nicht alleinige
Ursache des Arbeitsausfalls ist
 bei Feiertag kein Anspruch auf
Feiertagsentgelt, § 2 Abs. 1 EFZG

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Einführung in das Arbeitsrecht

V. Rechtsfolgen des Arbeitskampfes


I. Rechtsgrundlagen Rechtmäßiger Arbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Entgeltansprüche nicht kampfbeteiligter
III. klassische Formen AN
IV. besondere Formen  solange diese vom AG beschäftigt
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
werden, keine Besonderheiten
VI. Rechtsfolgen des  bei Betriebserliegen oder –stilllegung
Arbeitskampfes entfällt der Entgeltanspruch
 wird die Beschäftigung von
Arbeitswilligen iRd Streiks
unmöglich, entfällt der
Entgeltanspruch
 Arbeitnehmer tragen während des
Arbeitskampfes dessen Risiko

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Einführung in das Arbeitsrecht

V. Rechtsfolgen des Arbeitskampfes


I. Rechtsgrundlagen Rechtmäßiger Arbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe
 Arbeitnehmer tragen während des
III. klassische Formen
Arbeitskampfes dessen Risiko
IV. besondere Formen (1) Grundsatz: AN verlieren bei beiderseits
V. Reaktionsmöglichkeiten unverschuldeter Unmöglichkeit den
des AG Lohnanspruch, §§ 275, 326 Abs. 1 BGB
VI. Rechtsfolgen des
(2) Ausnahme: Durchbrechung durch die
Arbeitskampfes
Betriebsrisikolehre, vgl. § 615 S. 3
(3) aber: Arbeitsausfall durch Arbeitskampf
gehört nicht zum Betriebsrisiko
→ Grundsatz der Kampfparität
→ Partizipationsgedanke
 es bleibt beim Grundsatz

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Einführung in das Arbeitsrecht

V. Rechtsfolgen des Arbeitskampfes


I. Rechtsgrundlagen Rechtswidriger Arbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe  Anspruch AG → Gewerkschaft auf
III. klassische Formen Unterlassung bzw. Schadensersatz
IV. besondere Formen  vertragliche Ansprüche wegen
V. Reaktionsmöglichkeiten
des AG
Verletzung der Friedenspflicht nach
VI. Rechtsfolgen des §§ 328, 280, 241 Abs. 2 BGB
Arbeitskampfes  deliktische Ansprüche wegen
Eingriffs in den eingerichteten und
ausgeübten Gewerbebetrieb nach §
823 Abs. 1 BGB bzw. § 823 Abs. 2
BGB iVm Art. 9 Abs. 3 GG

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Einführung in das Arbeitsrecht

V. Rechtsfolgen des Arbeitskampfes


I. Rechtsgrundlagen Rechtswidriger Arbeitskampf
II. Anforderungen an
Arbeitskämpfe
 Konsequenzen für das
III. klassische Formen
Einzelarbeitsverhältnis
IV. besondere Formen  Vertragsbruch
V. Reaktionsmöglichkeiten  AG kann verlangen, dass der AN die
des AG Arbeit wiederaufnimmt
VI. Rechtsfolgen des
Arbeitskampfes  AG schuldet kein Arbeitsentgelt
 AN schuldet dem AG
Schadensersatz, kann sich aber
regelmäßig darauf berufen, er habe
auf die Rechtmäßigkeit des Streiks
vertraut
 verhaltensbedingte Kündigung,
allerdings vorher Abmahnung
erforderlich
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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
Michael Maier ist seit 2004 bei der Firma Zeitungsdruck & Co als
Druckermeister bei den Landshuter Nachrichten (L) angestellt. Er
gehört dem Betriebsrat an.
Vom 19.7.2017 bis zum 16.8.2017 war er nach einem Herzinfarkt
arbeitsunfähig erkrankt. Ursache hierfür könnte gewesen sein, dass
Maier starker Raucher ist und – so meinen es jedenfalls die Kollegen –
ab und zu auch einmal „einen über den Durst trinke“. Am 17.8.2017
trat er auf Grund dieser Erkrankung eine vierwöchige, von der
Krankenversicherung bewilligte Kur zur Wiederherstellung seiner
Gesundheit an.

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
Ausgerechnet am ersten Tag seiner Kur war ein großer Teil der
Belegschaft wegen Meinungsverschiedenheiten über die Erhöhung
des Akkordlohns mit Unterstützung einer Gewerkschaft in einen nach
dem Streikbeschluss den gesamten Betrieb erfassenden
rechtmäßigen Streik getreten.

Als Maier sich am 15.9.2017 wieder zur Arbeit meldete, forderte der
Geschäftsführer, der den Betrieb auch während des Streiks so weit
wie möglich aufrechterhalten möchte, ihn auf, Packarbeiten
vorzunehmen. Gedruckt werden könne im Moment wegen des Streiks
nicht, indes könnten noch vor Streikbeginn gefertigte Broschüren
versendet werden. Maier müsse in der Verpackung mithelfen, da die
Verpacker allesamt in den Streik getreten sind. Dieser lehnt das ab.

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
Am 30.9.2017 endet der Streik. Maier fordert für den gesamten
Zeitraum vom 19.7.2017 bis 30.9.2017 Entgelt. Noch an diesem Tag
erteilt die Geschäftsleitung Maier eine Abmahnung wegen
„Arbeitsverweigerung im Zeitraum vom 15.9.2017 bis zum 30.9.2017.“

a) Maier verlangt die Rücknahme der Abmahnung bzw. deren


Entfernung aus der Personalakte. Zu Recht?
b) Hat Maier Anspruch auf Entgelt für den Zeitraum vom 19.7.2017
bis zum 30.9.2017?

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Übungsfall
Frage a:

Anspruch des M gegen die L auf Rücknahme der Abmahnung /


Entfernung aus der Personalakte

aus §§ 611a, 242 BGB oder auch


aus §§ 1004, 862, 12 BGB iVm. Art. 2 GG oder auch
aus §§ 611a, 241 II (280 I) BGB oder auch
aus §§ 32 Abs. 1 S. 1, 35 Abs. 2 S. 2 Nr. 1 u. 3 BDSG

Berechtigung der Abmahnung


 Verhaltensverstoß = Arbeitsverweigerung

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
I. Arbeitspflicht des M

 rechtswidrige Arbeitsverweigerung
 (-) da Beteiligung an einem rechtmäßigen Arbeitskampf 
Suspendierung der gegenseitigen Hauptleistungspflichten
 aber M beteiligt sich nicht am Arbeitskampf, sondern meldet
sich vielmehr zur Arbeit.

 Arbeitspflicht (ArbV iVm. § 611a BGB) (+)

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
II. Rechtmäßige Arbeitsverweigerung

 Zurückbehaltungsrecht aus § 273 BGB wegen Zuweisung einer


nicht geschuldeten Arbeit

 Geschuldete Arbeitsleistung (-)

 Weisungsrecht des Arbeitgebers (-)


 §§ 106 S. 1 GewO, 315 Abs. 3 BGB

 hier: eindeutig überschritten

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
II. Rechtmäßige Arbeitsverweigerung

 Ausweitung des Weisungsrechts in betrieblichen Notfällen, § 242


BGB
 es geht dem Arbeitgeber nur um die Aufrechterhaltung der
Geschäftstätigkeit während eines Arbeitskampfs, also um die
Durchsetzung einer kampfrechtlichen Abwehrmaßnahme

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Übungsfall
III. Ergebnis

 Abmahnung zurücknehmen
 aus Personalakte entfernen

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Übungsfall
Frage b:

Lohnanspruch des M gegen die L für den Zeitraum vom 19.7. bis
30.9.2017 aus § 611a BGB iVm. Arbeitsvertrag

I. Arbeitsvertrag (+)

II. Verlust des Anspruchs auf die Gegenleistung, §§ 275 Abs. 1, 326
Abs. 1 BGB

 Absoluter Fixschuldcharakter der Arbeitsleistung

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
III. Entgelt ohne Arbeit

1. Entgeltfortzahlung vom 19.07. bis 16.08.2017, § 3 EFZG

 Mindestens vierwöchiger Bestand des Arbeitsverhältnisses, § 3


Abs. 3 EFZG (+)
 Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit (+)
 Unverschuldet: ~ besonders leichtfertiges Verhalten des
Arbeitnehmers („Verschulden gegen sich selbst“) (-)
 Keine Überschreitung des Sechswochenzeitraums nach § 3 Abs. 1
S. 1 EFZG (-)

 Anspruch besteht

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
III. Entgelt ohne Arbeit

2. Kur vom 17.8. bis 14.9.2017, §§ 9 Abs. 1 S. 1, 3 Abs. 1 S. 1 EFZG

 Kur iSd. § 9 EFZG

 Krankheit (Kur) alleinige Ursache (§ 3 I EFZG „infolge Krankheit“)

 Keine Entgeltfortzahlung bei Erkrankung während eines Streiks


bei vorheriger Streikteilnahme, Aussperrung oder
streikbedingter Nichtbeschäftigung.
 Anders dagegen, wenn die Erkrankung vor Streikbeginn
eingetreten war und während des Streiks nur fortdauert. Hier
(+), da Kur bereits vor Streikbeginn genehmigt.

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
III. Entgelt ohne Arbeit

2. Kur vom 17.8. bis 14.9.2017, §§ 9 Abs. 1 S. 1, 3 Abs. 1 S. 1 EFZG

 Sechswochenzeitraum: §§ 9 Abs. 1 S. 1 iVm. 3 Abs. 1 S. 1 EFZG:


 überschritten ab dem 31.8.2017

 Der Entgeltfortzahlungsanspruch besteht nur bis zum 31.8.2017

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall
III. Entgelt ohne Arbeit

3. Arbeitsentgelt vom 15.9. bis 30.9.2017 aus §§ 611a, 615 S. 1 BGB

 Angebot des M

 Zunächst tatsächliches Angebot: § 294 BGB


 Anschließend: Entbehrlichkeit des Angebots nach § 296 BGB
auf Grund der Nichtzurverfügungstellung eines geeigneten
Arbeitsplatzes

 Keine Annahme des Angebots, § 615 S. 1 BGB

 Aber: Arbeitskampfrisiko (Paritätsgrundsatz)

 kein Lohnanspruch
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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall - Abwandlung
Maier meldet sich am 15.9.2017 wieder zurück zur Arbeit und beteiligt
sich am Streik. Seine Schicht würde um 21.00 Uhr beginnen. Der
Verlag hatte bereits am späten Nachmittag mit einer „Notmannschaft“
aus Redakteuren begonnen, eine „Notausgabe“ der verlegten
Zeitschriften zu drucken.
Die Gewerkschaft erklärt die Streikmaßnahme um 21.00 Uhr für
beendet. Die Geschäftsleitung lehnt das Arbeitsangebot der in
Spätschicht arbeitenden Drucker, die normalerweise zwischen 21.00
Uhr und 3.00 Uhr den Druck der Tageszeitungen besorgen, ab. Sie
weist die Ersatzmannschaft an, den Druck der Notausgabe zu Ende zu
bringen (Fertigstellung der Zeitung um ca. 24.00 Uhr) und verweigert
der „Stammbelegschaft“ und damit auch dem um 21.00 Uhr zur Arbeit
erscheinenden Maier das Entgelt für die Nachtschicht am 15.9.2017.
Zu Recht?
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Übungsfall - Abwandlung
Lohnanspruch des M gegen L aus § 611a BGB iVm. Arbeitsvertrag

I. Arbeitsvertrag

II. Verlust des Anspruchs auf die Gegenleistung, §§ 275 Abs. 1, 326
Abs. 1 BGB

 absoluter Fixschuldcharakter der Arbeitsleistung

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall - Abwandlung
III. Entgelt ohne Arbeit

Annahmeverzug: § 615 S. 1 BGB

 Angebot des M

 Zunächst tatsächliches Angebot: § 294 BGB

 Anschließend: Entbehrlichkeit des Angebots nach § 296 BGB


auf Grund der Nichtzurverfügungstellung eines geeigneten
Arbeitsplatzes

 Keine Annahme des Angebots, § 615 S. 1 BGB

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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall - Abwandlung
III. Entgelt ohne Arbeit

 aber Arbeitskampfrisiko (Paritätsgrundsatz)


 Betriebsumorganisation ist keine Aussperrung, sondern eine
zulässige Reaktion des Arbeitgebers auf den Arbeitskampf
 auf die Dauer des Streiks beschränkt
 anders, soweit sich die Maßnahme aus betrieblichen Gründen
nicht punktgenau begrenzen lässt
 Ausnahme von der Regel, dass „Hinnahme“ von Kampffolgen
Dauer des Streiks nicht überschreiten darf

 Können Arbeitnehmer aus diesem Grunde für den Rest einer


laufenden Schicht nicht mehr beschäftigt werden, so verlieren
sie insoweit nach den Grundsätzen des Arbeitskampfrisikos
ihren Lohnanspruch, wenn dem Arbeitgeber eine andere
Planung unmöglich oder unzumutbar gewesen wäre.
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Einführung in das Arbeitsrecht

Übungsfall - Abwandlung

Ergebnis:

Kein Lohnanspruch des M gegen L aus § 611a BGB iVm.


Arbeitsvertrag

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Einführung in das Arbeitsrecht

Hinweise zur Klausur


Termin: 11.7.2019 von 14.30 – 15.30 Uhr
Ort: HS 11 (IM) und SR 008 (ISA) – Aufteilung wird noch über
stud.ip bekannt gegeben

Mitbringen: Schreibzeug, Schreibpapier, Gesetzestext, amtlicher


Lichtbildausweis und Studierendenausweis

Beachten: Bitte beim Schreiben einen Korrekturrand lassen und


das Papier nur einseitig beschriften

Mögliche Aufgabenstellungen in der Klausur: Multiple-choice-


Aufgaben, Falllösungen, Wissens- und Transferfragen

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