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2i 4 Klaus Blocher - Bcttine Menke

Autobiographie Musik in den Zusammenhang religiös motivierter Gefühle mit kathartischer Wir-
kung (Kap. III). In Friedrich Traugott Hases Romanen (Kap. IV) wirkt „erklingender" Gesang
(besonders das seinerzeit so beliebte Melodram) nachdrücklicher als Instrumentalmusik. In satiri-
schen Romanen, die das empfindsame Schwärmen und die leidenschaftlichen Gefühle als Über-
spanntheit ironisch geißeln (Wertherparodien) spielt Musik auffälligerweise kaum eine Rolle
(Kap. V), wenn sich auch satirische Seitenhiebe auf dilettantische, „fühllose" Aufführungen von
Musik, etwa in Johann Friedrich Reichhardts Leben des berühmten Tonkünstlers Heinrich Wil-
helm Gulden (1779) (Kap. VI) finden. Immer wieder „avanciert Musik zum Selbstausdruck einer
Person", weil „Empfindungen sich unmittelbar in Tönen vergegenwärtigen" (S. in).
Mit Jean Pauls Romanen Unsichtbare Loge (1793) und Hesperus (1795) wird zu Beginn der 9oer
Jahre das Arsenal der formelhaften Musikbeschreibung gelegentlich durch Übersteigerung und
vollständige Innenwendung überhöht und damit als zutiefst romantisch geprägt erkennbar
(Kap. IX). Wilhelm Heinses Hildegard von Hohenthal (1795/1796) muß Ruth E. Müller, aufgrund
der dort obwaltenden intensiven Auseinandersetzung mit tatsächlicher Komposition (wie später
übrigens auch bei E. T. A. Hoffmann), als „rückständig" (S. 148) erscheinen, weil der Textgehalt
nicht so recht zur Idee einer Entwicklung hin zur romantischen Musikästhetik passen will
(Kap. VIII). Andererseits zitiert Müller im zentralen siebenten Kapitel („Die Subjektivierung des
musikalischen Ausdrucksbegriffes") zutiefst empfindsame Romanstellen (wie zum Beispiel Sophie
Mereaus Roman Das Bliithenalter der Empfindung aus dem Jahre 1794), die chronologisch be-
trachtet konsequenterweise ebenfalls als rückständig hätten eingestuft werden müssen.
Müllers schmale, gut lesbare, leider registerlose Arbeit wirkt durch beständiges Kommentieren
und Interpretieren mannigfach zitierter Textausschnitte souverän, wenn auch gerade durch die
weitgehende Austauschbarkeit der motivgeschichtlichen Belege ein wenig substanzarm. Bis auf
vereinzelte Fehldeutungen (zum Beispiel handelt es sich bei der auf S. 97 zitierten Stelle aus J. F.
Reichhardts Roman nicht um die „zweite Nummer der Signora Picciolo", sondern um eine Arie
von deren Tochter) erweisen sich die Erläuterungen auch der musikalischen Termini als zuverläs-
sig.
Einzig die Chance zur Verifizierung ihrer plausiblen Hauptthese scheint mir Müller verschenkt
zu haben. Wie kann man dem (Trivial-)Roman das Primat oder auch nur die Gleichberechtigung
mit dem theoretischen Musikschrifttum hinsichtlich einer Popularisierung der affirmativen Ge-
fühlsästhetik und insbesondere einer Entwicklung zur romantischen Musikbetrachtung zubilligen,
wenn man ausgerechnet die üppig vorhandenen musiktheoretischen Abhandlungen jener Zeit
ausblendet? Gerade die Personalunion von Musiktheoretiker und Romancier war doch seinerzeit -
vor allem in Berlin - keine Seltenheit, man denke nur an Johann Friedrich Reichhardt oder Karl
Spazier. Freilich beruft sich das Vorwort darauf, nur nach dem literarischen Anteil einer vorgeb-
lich zu beobachtenden Entwicklung zu fragen. Die Musikästhetik des späten 18.Jahrhunderts
konstituiert sich, wie auf Seite 14 in Anlehnung an Carl Dahinaus völlig zurecht bemerkt wird, aus
unterschiedlichsten, keineswegs systematisch getrennten Strängen, wobei der qualitative Anteil
des Romans an der Entwicklung der Musikästhetik doch nur dann adäquat eingeschätzt werden
kann, wenn man den Fundus möglichst vieler „Ästhetiken" einbezieht.

Universität München Wolf-Dieter Seiffert


Institut für Musikwissenschaft
Geschwister-Scholl-Platz 2
D-W8ooo München 22

Ernst Behler / Jochen Hörisch (Hgg.), Die Aktualität der Frühromantik. Schöningh, Paderborn
u. a. 1987. 264 S., DM 68,-.
Sabine Gürtler, Magie der Vernunft. Zur Rekonstruktion einer semiologischen Erkenntniskritik in
der deutschen Frühromantik. Fink, München 1987. VII/2OI S., DM 38,-.

Mit der Rede von der »Aktualität der Frühromantik" verbinden sich seit eini-
gen Jahren signifikante „Veränderungen im neuen Frühromantikbild", wie
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R. Brinkmann anläßlich einer Tagung und eines Sammelbandes zum Thema
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Studien zur Frühromantik 215
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aus dem Jahre 1987 diagnostizieren konnte. Der vorliegende Band setzt eine
Diskussion fort, die sich 1977 unter dem Tagungstitel ,Romantik in Deutsch-
land* (ebenfalls unter Leitung von R. Brinkmann) formiert hat. Für die Aus-
prägung eines solchen anderen Bildes der deutschen Frühromantik stehen die
Arbeiten von Autoren wie N. Bolz, M. Frank, J. Hörisch, F. Kittler, K. M.
Wetzel.2 Übereinstimmend wird in der neueren Forschung auf Filiationslinien
des Interesses an der Frühromantik hingewiesen, für die stellvertretend Frage-
stellungen und Namen wie die der Hermeneutik, Nietzsches, Freuds, der
Kritischen Theorie,3 wie auch der Theorien aus Frankreich, die gerne post-
strukturalistisch genannt werden, stehen können. Die so benannten Traditio-
nen sind zugleich Indizien für ein zweites Phänomen der neuesten ,Aktualität
der Frühromantik': diese ist nämlich zum Austragungsort der Auseinanderset-
zung zwischen (Post)Strukturalismus und Hermeneutik geworden. Kronzeuge
dieser Tendenz ist nicht zuletzt Hans-Georg Gadamer, dessen Beitrag ,Früh-
romantik, Hermeneutik, Dekonstruktivismus* (8.251 — 260) einerseits die in
den Texten ,Text und Interpretation* und ,Destruktion und Dekonstruktivis-
mus*4 begonnene Auseinandersetzung mit den Positionen Derridas aus herme-
neutischer Perspektive fortsetzt und andererseits an der vielleicht entscheiden-
den Stelle seiner Argumentation auf romantische Positionen (Schlegel) rekur-
riert, ohne aber die genuin hermeneutischen Fragestellungen etwa Schleier-
machers in den Blick zu rücken.5

1
R. Brinkmann, „Einleitende Überlegungen über Veränderungen im neuen Frühromantik-
bild". In: E. Behler / J. Hörisch (Hgg.), Die Aktualität der Frühromantik. Paderborn 1987,
S
-'3-'8·
* N.Bolz, „Der Geist und die Buchstaben. Friedrich Schlegels hermeneutische Postulate". In:
U. Nassen (Hg.), Texthermeneutik. Aktualität, Geschichte, Kritik. Paderborn 1979; ders., „Fried-
rich D.E. Schleiermacher: Der Geist der Konversation und der Geist des Geldes". In: U.Nassen
(Hg.), Klassiker der Hermeneutik. Paderborn 1982; ders., „Der aufgegebene Gott". In: Aktualität
der Frühromantik (Anm. i), 5.75 — 84. M.Frank, Das individuelle Allgemeine. Textstudium und
Textinterpretation nach Schleiermacher. Frankfurt/M. 1977; ders., „Einleitung" zu Schleierma-
cher, Hermeneutik und Kritik. Frankfurt/M. 1977; ders., Das Sagbare und das Unsagbare. Studien
zur neuesten französischen Hermeneutik und Texttheorie. Frankfurt/M. 1980. J. Hörisch, Die
fröhliche Wissenschaft der Poesie. Der Universalitätsanspruch von Dichtung in der frühromanti-
schen Poetologie. Frankfurt/M. 1976; ders., „Herrscherwort, Geld und geltende Sätze. Adornos
Aktualisierung der Frühromantik und ihre Affinität zur poststrukturalistischen Kritik der Sub-
jekts". In: B. Lindner / W. M. Lüdke (Hgg.), Materialien zur ästhetischen Theorie. Theodor
W. Adornos Konstitution der Moderne. Frankfurt/M. 1980; ders., „Der Mittler und die ,Wut des
Verstehens'. Schleiermachers frühromantische Anti-Hermeneutik". In: Aktualität der Frühro-
mantik (Anm. i), $.19-32. F. Kittler, „Das Phantom des Ich und die Literaturpsychologie:
E.Th. A. Hoffmann — Freud — Lacan". In: ders. / H.Turk (Hgg.), „Urszencn". Literaturwissen-
schaft als Diskursanalyse und Diskurskritik. Frankfurt/M. 1977; ders., Aufschrcibcsystemc
1800—1900. München 1985; ders., „Über romantische Datenverarbeitung". In: Aktualität der
Frühromantik (Anm. i), S. 127-140. K.M. Wetzel, „Der monströse Stil". In: Metabolc (1981)
H. 2; ders., Autonomie und Authentizität. Untersuchungen zur Konstitution und Konfiguration
von Subjektivität. Frankfurt/M. 1975.
3
Vgl. Klaus Peter, „Friedrich Schlegel und Adorno. Die Dialektik der Aufklärung in der
Romantik und heute". In: Aktualität der Frühromantik (Anm. i), S. 219-235.
4
In: ders., Wahrheit und Methode 1l. (Ergänzungen und Register). Tübingen 1986, S. 33off.,
36iff., und in: Philippe Forget (Hg.), Text und Interpretation. München 1974.
5
Vgl. dagegen die Arbeiten von M.Frank (Anm. 2).
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2 ,6 Klaus Blocher - Bettine Menke
Horisch und Behler nennen im Vorwort des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes die
folgenden Aspekte der so bestimmten »Aktualität der Frühromantik4: i. das Verhältnis von herme-
neutischen Positionen der Moderne und denen der Frühromantik, 2. die Frage nach der Funktio-
nalität theologischer Rekurse, 3. die Frage nach der Unhintergehbarkeit des Subjekts als gemeinsa-
mer Thcoriefokus von Frühromantik und Poststrukturalismus, 4. methodologische Ersetzbarkeit
frühromantischer Ansätze in der gegenwärtigen Diskussion zwischen Hermeneutik und Dekon-
struktion und 5. die Problematik des frühromantischen Vertrauens in die Kraft des Ästhetischen
(S. ro). Mit der Fragestellung „Frühromantische Hermeneutik vs. Frühromantische Antiherme-
neutik", mit der der erste Teil überschrieben ist,6 ist zugleich das Feld abgesteckt, in das sich eine
Vielzahl, wenn nicht sogar alle Beiträge dieses Bandes einordnen lassen.7
Grundlage der mit den genannten Traditionen in Anschlag gebrachten Theorie-Konjunktionen
ist ein den neuen hermeneutischen und semiologischen Sprach- beziehungsweise Texttheorien mit
der Frühromantik gemeinsames Interesse an einer anderen, kant-kritischen Bestimmung des Ver-
hältnisses von Sprache und Denken. Daß Kants aporetische Lehre vom intelligiblen Charakter,
dem als reinem Bewußtsein absolute Kausalität zugeschrieben wird, obwohl er sich aber als „an
sich" der Erkenntnis entzieht, der Funke war, an dem sich die frühromantische Denkbewegung
entzündete, darf im Rahmen der neueren Forschung als Konsens betrachtet werden. Diesem
Aspekt trägt Manfred Frank in seinem sehr klaren Beitrag über die ,intellektuale Anschauung' bei
Kant, Fichte, Hölderlin und Novalis Rechnung.8 Die frühromantische Kritik am Kantschen Kon-
strukt des Erkenntnissubjekts implizierte schon eine neue Aufmerksamkeit für die sprachliche
Verfaßtheit der ,Erkenntnis'} die Horisch (1976) auf die Formel vom „Darstellen statt Vorstellen"
gebracht hat. Es scheint, als sei es wiederum dieses Interesse, das es ermöglicht, in der Frühroman-
tik eine Anti-Hermeneutik zu lesen beziehungsweise die Affinität von Frühromantik und semiolo-
gischen Konzepten zu akzentuieren. Die semiologische Perspektive ist darum nicht der Lektüre
oktroyiert, sondern der Verwandtschaft von Fragestellungen verdankt. Dies zeigt S. Gürtler, Ver-
fasserin des zweiten Buches, das wir hier vorstellen wollen: Magie der Vernunft. 7.ur Rekonstruk-
tion einer semiologischen Erkenntniskritik in der deutschen Frühromantik.
In seiner einleitenden Skizze der Theorienlandschaft, in der das neue Interesse an der Frühro-
mantik auftritt, nennt Brinkmann unter anderem auch die Affinität von Romantik und Psychoana-
lyse, die sich auch in der Lektüre der literarischen Texte der Romantik in der psychoanalytischen
Theoriebildung manifestiert, die aber mit Ausnahme des Beitrages von A. v. Bormann ohne eigent-
lichen Niederschlag im Sammelband bleibt.9 An der Ausprägung dieser für die neuere Diskussion
so wesentlichen Konstellation von semiologisch inspirierter Psychoanalyse und fr Uhromantischen
Konzepten hat S. Gürtler entscheidend Anteil.
Die Engführung dieser beiden, „das Wesen der Moderne prägenden, Para-
digmen": Psychoanalyse und Frühromantik, beginnt im zweiten Kapitel von
Magie der Vernunft in Form einer „schlaglichtartigen wechselseitigen Erhel-
lung", deren Originalität und Konsequenz am ehesten aus der Direktheit der

6
Mit Beiträgen von J. Horisch, „Der Mittler und die Wut des Verstehens. Schleiermachers
frühromantische Anti-Hermeneutik", S. 19-32; W.Michel, „Der ,innere Plural4 in der Hermeneu-
tik und Rollentheorie des Novalis", 8.33-50; und U. Stadier, „Hardenbergs »poetische Theorie
der Fernröhre'. Der Synkretismus von Philosophie und Poesie, Natur- und Geisteswissenschaften
und seine Konsequenzen für eine Hermeneutik bei Novalis", S. 51-62.
7
Vgl. neben den schon genannten Beiträgen vor allem E. Behler, „Friedrich Schlegels Theorie
des Verstehens: Hermeneutik oder Dekonstruktion?", S. 141-160; D.E. Wellbery, »Rhetorik und
Literatur. Anmerkungen zur poetologischen Begriffsbildung bei Friedrich Schlegel", 8.161-173;
H.-G. Gadamer, „Frühromantik, Hermeneutik, Dekonstruktivismus", S. 251-260.
8
Vgl. u.a. M.Frank, „Jntellektuale Anschauung'. Drei Stellungnahmen zu einem Deutungs-
versuch von Selbstbewußtsein: Kant, Fichte, Hölderlin/Novalis", 8.96-126.
9
A. v. Bormann, „Der Töne Licht. Zum frühromantischen Programm
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S. 191-207.
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Studien zur Frübromantik 217
Gegenüberstellung von Schelling- und Freud- beziehungsweise Lacan-Zitaten
ermessen werden kann. Nicht selten geschieht dies in ein und demselben Satz,
wobei das Vokabular der neueren französischen Texttheorie mit der Selbstver-
ständlichkeit strukturalistischer Fingerübungen in diese Untersuchung einge-
gangen ist. Die Affinität von Schellings Konzept des ideellen und reellen Ichs
und Lacans an Saussure angelehnter Zeichentheorie, die die Autorin in ihrem
zweiten Kapitel zeigt, eröffnet eine für die Subjektkonstitution basale Perspek-
tive: Die Setzung eines absoluten Ich, in dem Subjekt und Objekt in eins fallen
und wodurch sich das Ich als aktual sprechendes erst zu bezeichnen vermag,
zeigt ihre Verwandtschaft zu dem absoluten Signifikanten (in der Theorie
Lacans), der, indem er die Spaltung ins Subjekt einführt, sein Signifikat er-
zeugt. Nichts geringeres, so folgert die Autorin, passiere hier, als daß dem in
der idealistischen Theorie autonomen Cogito bereits jene Kränkung angetan
werde, „die durch den empirischen und analytischen Gehalt von Freuds Den-
ken dann radikal vertieft wurde" (S. 102).
Das zentrale Stück der Magie der Vernunft ist die „dekonstruktive Fichte-
Lektüre" in den Fragmenten Hardenbergs (im dritten und vierten Kapitel);
hier bewährt sich, was als Programm dem ganzen Buch voransteht: die sym-
philosophische Lektüre von Frühromantik und semiologischem Freud. Har-
denberg sucht, so formuliert die Autorin, nach einem „Denkmodell, das in der
Lage ist, die metaphysische Doppelstruktur von Sein und Denken, von exten-
sio und cogitatio, von Original und Repräsentation ansatzweise aufzubrechen"
oder zu verflüssigen (S. 102). Dieses Modell ist, so kann S. Gürtler zeigen, ein
semiologisches, welches beide Richtungen dieser Verflüssigung anzugeben
vermag, die des Subjekts und die des Gegenstands, und andererseits erlaubt,
die Konstitution sowohl von Subjekten als auch Gegenständen als Effekte erst
zu ,erklären*. Das Zeichen, das von Hardenberg selbst in seinen Fragmenten
als ein Nicht-Identisches ausgewiesen worden ist, wird konstitutiv für das
Subjekt, wie Hardenberg im „Scheinsatz der Identität" nachzuweisen ver-
mochte. Das reine Ich, welches auf die Vermittlung eines außer ihm liegenden
Nicht-Identischen angewiesen ist, unterliegt einer imaginären Vermittlung, in
der das Zusammenwirken von Gefühl und Reflexion ein „Bild von seinem
Begründenden setzt und so die Handlung seines Begründens producirt" (No-
valis). Eben diese Bewegung der Alienation, die den Umweg über ein Nicht-
Identisches nimmt, um — gleichsam in der Bewegung der umgekehrten Refle-
xion, des ordo inversus — aufs Subjekt zurückzuweisen, wiederholt sich struk-
turell in Jacques Lacans Konzept des Spiegelstadiums.
Hardenbergs Formulierung, „die vollkommenste Erkenntnis eines Gegen-
standes ist — wenn man es bestimmt von Allem unterscheiden kann", impliziert
eine differentielle, rein negative Bestimmtheit des Erkannten, verweist jedes
Ding an das „Seyn des Ändern", so daß das Objekt der Erkenntnis nicht
positiv als ein Begründendes erscheinen kann. Von unmittelbarer Evidenz er-
scheint darum der Vorschlag von S. Gürtler, in Anlehnung an Saussurcs Begriff
der ,Differentialität' der Zeichen, von einer „Diffcrcntialität der Dinge" zu
sprechen.
Die „symbolische Funktion" des Bezeichnens wird von Hardenberg nicht
repräsentationslogisch gedacht, sondern ist Funktion zwischen „Bezeichnen-
den". Der ,Gegenstand* der Bezeichnung ist (metaphorischer) Effekt eines
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2 !8 K. Blocher - B. Menke: Studien zur Frühromantik
,scmiotischen' Prozesses, der in seiner »Abwesenheit' statthat; die Struktur
zwischen Bezeichnenden bewirkt das Zeichen und das Bezeichnete: Wie Har-
denberg in den Fichte-Studien formuliert, sind sich die „Bezeichnenden" ge-
genseitig „symbolisierendes" Schema, ohne daß ein Bezug aus dem Feld der
sich aufeinanderbeziehenden „Bezeichnenden" (der differentiellen Verweisun-
gen) heraus notwendig - oder möglich - wäre. Sie fungieren nach einem Mo-
dell grundlosen Bezeichnens. Hieraus kann die Autorin mit Lacan folgern, in
der Sprache entspringe eine Bedeutung, „von der eben nicht prädiziert werden
kann, sie sei es, als ein aller Bezeichnung Vorgängiges, in deren Namen das
Bezeichnende seine Existenz zu verantworten habe" (S. 122).
An diesen Stellen liegt die Assoziation zu Theoremen Derridas so nahe, daß
es erstaunlich ist, wie gering die Rolle Derridas für die Lektüre der Frühro-
mantik bisher und auch in den beiden hier vorgestellten Bänden geblieben ist,
obwohl gerade in Die Aktualität der Frühromantik der Begriff der Dekon-
struktion wiederholt programmatisch eingebracht wird.
An der schon angesprochenen semiologischen Auseinandersetzung mit der
Hermeneutik auf dem Feld der Frühromantik-Interpretationen hat das Buch
von S. Gürtler insbesondere auch mit ihrer Schleiermacher-Lektüre insofern
teil, als sie sich explizit auf die Romantik-Lektüre Manfred Franks bezieht.
Akzentuiert die Autorin zunächst an Schleiermacher dessen Programm einer
„Auflösung des Denkens in Sprache" (Schleiermacher) und deren Implikation
der „Kontamination von Sprache und reinem Denken" (S. 134), so weist sie
schließlich darauf hin, daß er „trotz der weitreichenden semiologischen Ein-
sichten" „an entscheidenden Punkten einem metaphysischen Repräsentations-
modell verpflichtet" bleibt und darum nicht von ungefähr zum Ausgangspunkt
hermeneutischer Romantik-Lektüren wurde. Vergleichbar ist das Vorgehen
J. Hörischs, der den frühen Kritiker an der „Wut des Verstehens" Schleierma-
cher gegen den ,späten* Grundleger einer Hermeneutik des Verstehens ins Feld
führt.
Gegen die hermeneutischen Lektüren führt S. Gürtler nicht nur die bessere
Einsicht der „Konstitutionsgeschichte" des Subjekts ins Feld, sondern macht
darauf aufmerksam, daß eben diese, die das Subjekt als projektives Produkt
einer Repräsentation ausweist, allererst erklärbar macht, warum und wie es zur
Projektion eines selbst-identischen Ich kommt. Zur ironischen Pointe der
Gürtlerschen Argumentation wird, daß nicht mit M. Frank zu befürchten sei,
„die Subversion des Subjekts durch den Signifikanten [impliziere...] den Ver-
lust seiner Individualität", denn umgekehrt kann sich diese „erst auf dem Feld
des anderen, der sie bezeichnet, artikulieren"; das angeblich Unsagbare ent-
steht erst nachträglich, dort nämlich, wo Schleiermacher und Frank es gefähr-
det sehen: auf dem Schauplatz der Sprache (S. 144^).
Eine Theorie-Konstellation, wie sie in den beiden hier vorgestellten Büchern
versucht wird und die durch den Begriff »Aktualität* programmatisch ange-
zeigt ist, wirft die Frage nach ihrer textuellen Organisation auf. Es scheint, als
habe die Frühromantik selbst ein Paradigma für eine solche (theoretische)
Schreibweise bereitgestellt: Einige Texte des Sammelbandes Aktualität der
Frübromantik wie auch das Buch von S. Gürtler sind dem frühromantischen
Okkasionalismus nicht nur inhaltlich sondern auch im Duktus
Brought ihrer
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weise verpflichtet. Radikaler als die meisten der in Aktualität der Friibroman-
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H. Schultz: K. Polheim l K. K. Polheim, Text und Textgeschichte des „Taugenichts" 219
10
tik versammelten Autoren macht N. Bolz, wie vergleichbar auch S. Gürtler,
den experimentellen Charakter des Fragments zur Vorschrift seines eigenen
Schreibens. In den Charakteristika ihrer Schreibweise erwiesen solche Texte,
wie die von Bolz und Gürtler, ihrer Komplizenschaft mit der, allerdings logo-
zentrismus-kritisch gewendeten, Frühromantiken meisten Beiträgen von Ak-
tualität der Frühromantik. Gürtlers Lektüre etwa wird zu einer jHommage* an
die Frühromantiker und nicht zuletzt auch an Freud und Lacan. In der wech-
selseitigen Durchdringung der Texte, der Stimmen aus der Frühromantik und
der semiologischen Texttheorie, die S. Gürtlers Text organisiert, ist dieser
ebensowohl Lektüre der Frühromantik, wie Präzisierung lacanianischer Se-
miologie.
Auch die Frage nach dem Verhältnis von Hermeneutik oder ,Poststruktura-
lismus* und Frühromantik wird auf diese Bedeutung der sprachlichen oder tex-
tuellen Organisiertheit der Erkenntnisobjekte sowohl als der -Subjekte zu-
rückgenommen haben; hier liegt die Aktualität, die Virulenz der Einsichten
oder besser der Texte der Frühromantik.
Fachgruppe Literaturwissenschaft Klaus Blocher
Universität Konstanz Bettine Menke
Universitätsstraße 10
D-W/750 Konstanz

Karl Polheim / Karl Konrad Polheim, Text und Textgeschichte des „Taugenichts". Eichendorffs
Novelle von der Entstehung bis zum Ende der Schutzfrist. Bd. i: Text. Bd. 2: Textgeschichte.
Niemeyer, Tübingen 1989. X/4O2, VIII/284 S., zus. DM 296,-.

Was soll man von einer Edition halten, die sich bereits in der Einleitung als
„Meta-Edition" vorstellt, mit einem durch Briefe und Tagebuch-Auszüge an-
gereicherten historischen Bericht über die Entstehung der Ausgabe beginnt
(Bd. I, S. i; Bd. II, 5.3-7) und dann nicht einmal einen kritischen Text des
behandelten Werkes bietet? Was soll man von einem Editor halten, der zu-
nächst auf den Wandel der ,,wissenschaftliche[n] Anschauungen und Metho-
den" hinweist, um dann im nächsten Satz den wesentlichen Fortschritt der
Editionswissenschaft zu verwerfen, indem er behauptet, „daß die Darbietung
der Texte von deren Deutung nicht zu trennen ist" (Bd. I, S. i)?
Die Antwort kann nur lauten: Im Prinzip nichts — es sei denn, es handelt
sich um Karl Konrad Polheim und seinen Taugenichtsl Denn Polheim ist einer
der originellsten Herausgeber und einer der besten Kenner von Eichendorffs
Werk. Keine Mühe hat er gescheut, um das von seinem Vater (Karl Polheim)
unter abenteuerlichen Umständen begonnene Werk (vgl. Bd. II, 5.3-7) zu
vollenden und eine umfassende Textgeschichte von Eichendorffs Taugenichts
zu veröffentlichen. Hier liest man zum erstenmal jenen (heute verschollenen)
frühen Entwurf Eichendorffs, den Polheims Vater bei einem Besuch bei Karl
von Eichendorff abgeschrieben hatte; hier findet man die Reproduktion aller

10
N. Bolz, „Der aufgegebene Gott", S. 75-84; vgl. ferner U. Stadier (Anm.6) und A. v. Bor-
mann (Anm-9).
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