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Friedrich Cramer: Chaos und Ordnung – Seite 1/6

die komplexe Struktur des Lebendigen Stand: 06.06.2011

Friedrich Cramer: Chaos und Ordnung – die komplexe Struktur des Lebendigen
Zusammenfassung der Aussagen zu Selbstorganisation aus dem Insel Taschenbuch mit o.g. Titel, einem
Nachdruck der Ausgabe von 1988 Deutsche Verlagsanstalt.

Friedrich Cramer (1923 – 2003), Biochemiker und Genforscher war von 1962 bis 1991 Direktor des Max Planck
Instituts für experimentelle Medizin in Göttingen. Dieses Buch ist eine erste Grundlage für das 1996 erschienene
Buch „Symphonie des Lebendigen – Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie“. Eine zweite Grundlage bildet
das Buch „Der Zeitbaum – Grundlegung einer allgemeinen Zeittheorie“ von 1993

„Ich bin bei meinen Forschungen über die Struktur und Funktionsweise des Lebendigen immer wieder auf
schwierige allgemeine Fragen gestoßen“ Was ist Leben, was ist Evolution, waren die Fragen, die Cramer sich
stellte. (S11)

Es folgen 9 Kapitel, „die alle von eigenen Forschungen ausgehen“, und einen Reihe von Fragen und Gedanken zu
Wissenschaft und Weltbild auslösen.
Das ist „kein philosophisches Buch, auch kein rein naturwissenschaftliches“, sagt Cramer, er „will die Kluft zwischen
den 2 Kulturen, der technisch naturwissenschaftlichen und der philosophisch künstlerischen Welt überbrücken.“

Mich interessierten in dem Buch die Aussagen Cramers zur Selbstorganisation. Mit dem Fokus habe ich das Buch
gelesen und die wichtigsten Aussagen hier zusammen gefaßt.

„Ordnungsstrategien – für das Leben gibt es Baupläne“ (S16)

„Wir werden jedoch sehen, das Ordnung des Lebendigen kein statisches Phänomen ist, nicht dem Kristall
vergleichbar, Leben ist auf der einen Seite ein dynamisches Entstehen von Ordnung, immer vom Zerfall von
Ordnung, vom Übergang in Chaos begleitet. Die Bakterien im Komposthaufen könnten nicht existieren, wenn sie
nicht die hochkomplexen molekularen Strukturen der Blätter und Gräser in diesem Haufen zerstören würden.“ (S17)

Damit weist Cramer auf die dynamische prozesshafte Struktur alles Lebendigen hin, die zudem noch in stark
komplexen Systemen agieren: „… die Strukturen und Prozesse des Lebens greifen ineinander, sind Netzwerke.
Also wird es sicherlich sehr viel schwieriger sein, die Ordnungen des Lebendigen zu verstehen.“ (S18)

Ordnungen haben einen Plan

Wentworth Thompson d’Arcy zeigt, wenn man die Urform eines Fisches im Koordinatensystem einträgt, ergeben
Dehnungen und Stauchungen jede andere Art von Fischen. Das Grundmuster bleibt immer gleich, es bekommt nur
andere Detail-Ausprägungen. Eine konstante Grund-Form ist eines der Ordnungmittel, die die Natur in vielen
Bereichen bereithält.

Untersuchungs--Problem lebender Systemen

Das gängige wissenschaftliche Vorgehen zerlegt komplizierte Fragen in Einzelprobleme, die dann isoliert
untersucht werden können, mit der Annahme, beim Wiederzusammensetzen habe man das Gesamtproblem gelöst.
„Beim Zerlegen von Leben geht unwiederbringlich etwas verloren, eben das Leben.“ „Durch Zerlegen kann man
immer nur Totes anschauen, denn Leben ist eine Systemgemeinschaft, und das System wird durch Zerlegen
zerstört.“ (S28) Die Erforschung von lebenden Systemen muss auf andere Weise geschehen, wie bisher üblich,
wobei die Forschungen an z.B. isolierten Zellen auch wesentliche Erkenntnisse geliefert haben und weiter liefern
werden. Nur ein ganzheitliches Gesamtverständnis kann auf diese Weise nicht entstehen.

Biologisches Wachstum ist ein besonders komplexer Vorgang, der in Einzelbetrachtungen nicht erfasst werden
kann: „Wachsen ist eine Gesamteigenschaft, die sich nicht auf einen Teil des Systems eingrenzen lässt. Wachsen
ist in hohem Maße Rückgekoppelt, und solche rückgekoppelten dynamischen Systeme können unter bestimmten
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Randbedingungen in chaotische Zustände einmünden“. (S 30) Das organisches Wachstum trotzdem praktisch
immer geordnet abläuft, macht die Gratwanderung deutlich, die hier in der Feinsteuerung der Wachstumsprozesse
bestanden wird.

„Der hohe Ordungsgrad des Lebendigen ist ein extrem unwahrscheinlicher Zustand.“ (S30)

So wie im Alltag büßen alle Strukturen ihre Ordnung mehr oder weniger schnell ein, wenn man nicht ständig etwas
für die Wiederherstellung der Ordnung tut. In lebenden Systemen erfordert dies neben vielen Rückkopplungs-
Auswertungen die ständige Energiezufuhr.

S30: Eine der am besten erforschten Bakterien ist das Coli-Bakterium. Man kennt große Teile der DNS genau.
Damit kann man ausrechnen, dass es grundsätzlich 10 hoch 2.400.000 (eine Zahl mit 2,4 Mio Nullen) Möglichkeiten
gibt eine Bakterienzelle aufzubauen. Dennoch entstehen extrem wenig wenige Varianten. Und trotzdem wachsen
immer gleiche Coli-Bakterien heran – mit ganz wenigen Ausnahmen.

Entropie, Chaos und das Nicht-Gleichgewicht

Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik sagt, dass bei der Energieumwandlung immer ein Teil der Energie
verloren geht. Entropie ist das Maß für den Umwandlungsverlust. Man kann also sagen, dass Energieumwandlung
ein irreversibler Vorgang ist. Sie lässt sich nicht mehr in der gleichen Höhe ‚zurückwandeln‘. „Die Entropie ist also
nicht nur ein Maß für den Energieverlust, sondern auch ein Maß für die Nichtumkehrbarkeit von Vorgängen, für
deren Irreversibilität. Energieflüsse sind „gerichtet“ in der Zeit, Damit ist die Entropie auch ein Zeitmaß, ein Maß für
die Nichtumkehrbarkeit der Zeit.“ (S32) Entropie gibt also die Richtung der Zeit an.

„Der Tod ist ein Zustand, in dem ein Organismus nicht mehr durch Energiezufuhr von außen gestützt wird.“ Also ist
Leben ein sehr energieverbrauchender Zustand, einer der einem labilen Gleichgewicht entspricht. Cramer spricht
wiederholt von einer Gratwanderung, die jederzeit zum Absturz führen kann. (S33)

„Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Ordnungskonzept des Gens, genau wie das des Atoms, ein für
alle Mal gilt. Ein Ordnungsschema besteht immer aus Zerteilen und Zusammensetzen. Ordnung und Zerfall
gehören zusammen. Zerfall ist die logische Gegenposition zu Ordnung. Eines kann nicht ohne das andere gedacht
werden.“ (S43) Wenn der Zerfalls-Prozess das Gegenteil von Ordnung ist, wird deutlich, dass Cramer Ordnung
nicht als statischen Zustand sieht, sondern auch als einen Prozess,

Am Einbau von Aminosäuren bei der Proteinbiosynthese beschreibt Cramer einen neuartigen chemischen
Reaktionstyp, der sich weit ab vom Gleichgewicht abspielt. Dort gibt es ein Schlüssel-Schloss-System, das nur
Platz für das Andocken bestimmter Aminosäuren lässt (von denen es zehntausende gibt). Nun sind sich einzelne
dieser Aminosäuren so ähnlich, dass es durchaus zu einer „Schlüssel-Passung“ führen kann, obwohl der nicht ganz
genau stimmt. Da zu viele Fehler bei der Reproduktion aber für den Organismus verheerende Folgen hätten, hat
die Natur hier zwei Prüf-Fragen eingeführt: Eine beim Versuch der Passung „IST es richtig?“, und eine nach dem
Einpassen „WAR es richtig?“. Bei der ersten Frage wird entweder zurückgewiesen oder eingebaut. Das bleibt im
Gleichgewicht – ohne Energieverbrauch. Wenn bei der zweiten Frage „War es richtig?“ ein Nein kommt, dann wird
die eingebaute Aminosäure zerstört und entsorgt. Das erfordert zusätzliche Energie.
Daran ist die selbstgesteuerte „Selektions-Kaskade“ interessant, aber auch, das Stoff-Fluss und Energie-Fluss
unmittelbar miteinander verknüpft sind. „Wir begegnen hier einem völlig neuartigen chemischen Reaktionstyp, der
sich weit entfernt vom Gleichgewicht abspielt. Materie, die künstlich, also durch Energieaufwand, im
Nichtgleichgewicht gehalten wird, hat aber gänzlich andere Eigenschaften, als Materie im Gleichgewicht.“ (S59)

Dieser Prüf-Mechanismus führt übrigens bei der Unterscheidung von Isoleucin und Valin zu nur noch einem Fehler
bei 40.000 richtigen Bindungen, statt der sonst zu erwartenden 1:5 Fehlerrate. „Die Proteinbiosynthese folgt also
einer Chaos-Vermeidungsstrategie: Unter Energieverbrauch wird Chaos in Ordnung verwandelt.“ (S59)

Mutationen

Die DNS als Bauplan des Organismus, besteht beim Menschen aus der unvorstellbaren Menge von insgesamt 1010
Basenpaaren. Bei jeder Zellteilung müssen die möglichst fehlerfrei kopiert werden, um damit die nächste Zelle
richtig auszustatten. Bei der Menge von Zellteilungen / Zellerneuerungen und dieser aufwändigen DNS-Struktur
hätten schon kleine Fehlerraten bald katastrophale Konsequenzen für den Organismus. Geschickterweise ist die

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genetische Information in der Doppelhelix auch doppelt angelegt. Bei einer Abweichung in einem Strang erkennt ein
automatisch ablaufender Reparaturprozess den Fehler und wird die entsprechende Aminosäure austauschen.
Reparaturenzyme sorgen damit für eine unglaublich kleine Fehlerrate, die bei Menschen etwa 15 falsche
Basenpaare pro Jahr nicht erkennt! (S72)

Diese wenigen Fehler sind die Mutationen, die in der Evolution Neues hervorbringen. Leben ist wegen der geringen
Fehlerrate enorm langfristig stabil. Allein das Hämoglobin (für den Sauerstofftransport im Blut zuständig) hat sich
vor 6,1 Millionen Jahren das letzte Mal geändert.

Risiken

Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit den Risiken genverändernder Manipulationen, auch wenn sie in
wissenschaftlichem Interesse geschehen. Man stelle sich z.B. die Wirkung von „PVC-fressenden“ Bakterien in
unsere heutigen Welt, z.B. in Autos vor, oder die Wirkung von für Havarien gezüchteten Erdölvernichtenden
Bakterien, die sämtliche Erdölvorräte dieser Welt vernichten könnten.

„Verhältnis von biologischer und geistiger Information – ein Rechenexempel“ (S109)

„Die genetische Information eines menschlichen Zellkerns enthält 109 bits, die in den verschiedenen Genen
eingraviert sind. Andererseits produziert der menschliche Geist jährlich etwa 1018 bits an Informationen, die in
Reden, Bibliotheken, Zeitschriften oder Tonbändern niedergelegt sind. Pro Jahr produzieren wir also 1 Milliarde mal
mehr Informationen, und geben sie an die nächste Generation weiter, als wir durch unsere Erbanlagen speichern
können. Und selbst, wenn davon nur 1% wichtig wäre, bliebe die geistige Information noch 10 Millionen mal
reichhaltiger, als die genetische. Das heißt schlicht, die geistige Evolution hat der biologischen den Rang
abgelaufen, letztere ist für uns zu Ende. Sie ist unwichtig geworden, völlig vernachlässigbar im Vergleich zur
Entfaltung des menschlichen Geistes.“ Cramer stellt folgerichtig die Frage, wie sinnvoll es dann ist, sich noch mit
der Veränderung von Genen zu beschäftigen, wenn doch die eigentliche Entwicklung nicht mehr die genetische,
sondern die geistige ist. Und seine Rechnung stammt aus seinem Buch von 1988. Die bis heute produzierte und
zugängliche Informationsmenge der Menschheit ist sicher noch um ein Vielfaches gewachsen.

Ein aus meiner Sicht sehr schönes Beispiel für die Evolution geistiger Werke bringt Cramer: „Eine Klaviersonate
von Mozart braucht zwar Noten und einen Konzertflügel um zu Gehör gebracht zu werden, aber sie ist doch
unendlich viel mehr als Spielinformation und das Instrument, auf dem die Töne hervorgebracht werden: Sie war im
Kopf des Komponisten und ist nun, unendlich wiederholbar und doch niemals völlig gleich, in Kopf und Finger des
Pianisten.“ (S110) Kann man das immer wieder neu Hervorbringen der - aber nie gleichen - Klaviersonate nicht
auch als einen evolutionären Vorgang verstehen?

„Die Evolution der Arten“ (S120)

Cramer beschreibt Darwins Evolutionstheorie als einen Paradigmenwechsel in der Naturwissenschaft. Darwin hat
damit erstmals nichtlineare Systeme mit Verzweigungen und Bruchstellen beschrieben. Damit wurde „Natur“
erstmals als nicht statisch beschrieben. Und Evolution „findet in einer irreversiblen Zeitskala statt“. Während Newton
die Zeit noch als reversibel angenommen hatte, dauerte es noch bis 1890 als „Ludwig Boltzmann den Gedanken
der Irreversibilität“ aufgreift, „aber erst mit Lars Onsager und Ilja Prigogine wird er allgemeines Gedankengut.“
(S124)

„Molekulare Evolution“ (S125)

Die Evolution von Molekülen, also die Selbstreproduktion, ist keine utopische Vorstellung, die kann man unter
Laborbedingungen mit RNS sogar zeigen. Manfred Eigen hat den Mechanismus der Selbstorganisation von
Molekülen in der Theorie des Hyperzyklus beschrieben (S227). Cramer: „… diese Theorie ist für das Verständnis
des Mechanismus der Evolution vergleichsweise dasselbe, wie die Quantenmechanik für die Physik der
Elementarvorgänge.“ (S131)

Evolvierende Systeme mit Rückkopplung zur eigenen Fein-Steuerung sind in lebenden Systemen vielfältig.
Z.B. ist der Nematode Caenorhabditis (ein 1 mm langer Wurm mit nur 1000 Körperzellen) so gut erforscht, dass
man jede Zelle kennt, und sogar das Wachsen des Wurms mit jeder einzelnen Zelle beschreiben kann. „Nach

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einem genau festgelegten Schema bildet sich der Organismus durch Zellteilung, wobei Rückkopplungen durch
Nachbarschaftseffekte den Prozess steuern und kontrollieren. Es ist ein irreversibler, diskontinuierlicher
Stammbaumprozess. An jedem Verzweigungspunkt entsteht etwas Neues, hier eine Zellenart.“ (S135)

Auch die Blutgerinnung ist so ein Beispiel extremer Feinsteuerung. Einerseits muss das Blut immer flüssig gehalten
werden, schon kleinste Verdickungen könnten sonst zum Aderverschluss in den feinen Kapillaren führen.
Andererseits muss das Blut an einer Wunde möglichst schnell gerinnen, um ein Verbluten zu verhindern. „Das
dynamische System der Blutgerinnung bewegt sich also auf dem schmalen Grat zwischen Thrombosegefahr und
Gefahr des Verblutens.“ (S135)

Ein ebenso faszinierendes Beispiel sind die im Körper bereitgehaltenen Antikörper, die gegen Millionen möglicher
verschiedener Antigene, Fremdstoffe oder fremde Zellen gewappnet sein müssen. Vermutlich hält der Köper
vergleichsweise wenige selbsterzeugte aber verschiedenartige Antikörper vor. Im Falle eines Angriffs „… wenn nun
tatsächlich eines der vielen möglichen Antigene in den Körper eindringt, so wird es von einigen wenigen, vielleicht
von 100 Zellen erkannt und an deren Rezeptoren gebunden. Diese Bindung des Antigens an die Rezeptoren
aktiviert die Zelle und veranlasst sie, sich zu vermehren und zu reifen.“ (S138)

Bäume und Blitze (S124)

Auch Blitze „evolvieren“, sie springen von Punkt zu Punkt, und fällen dort eine irreversible Entscheidung. Ganz
ähnliche Formen zeigen Mündungsdelta von Flüssen und Bäume. „Vom Prinzip her gesehen ist ein Baum ein
verlangsamter Blitz. Die Zeitskala ist etwa 1012 mal langsamer.“ (S146)

Struktur und Fluktuation (S147)

Unsere Welt ist eine Nichtgleichgewichtswelt. „in seinen wesentlichen Strukturen ist der Kosmos evolutiv. Wie eben
schon erwähnt, sind in evolutionären Stammbaumsystemen Energieflüsse mit physischen und chemischen
Ereignissen verknüpft, so dass immer Neues entstehen kann. Wenn der Energiefluss aufhört, stellt sich sofort das
thermodynamische Gleichgewicht ein. Das System ist dann tot.“

Der Urknall – ein reales physisches Ereignis? (S216)

Es gibt guten Grund zur Annahme, dass es den Urknall vor 15 bis 20 Milliarden Jahren auch wirklich gab. „ Das
Universum im Moment des Urknalls war ein völlig fehler- und störungsfreier „Super-Energie-Kristall“. Die erste
unendlich kleine Störung, Schwankung oder allgemeiner, der erste Symmetriebruch löste die Kaskade des Urknalls
aus. Die kosmische und in Folge die biologische Evolution können als eine Folge von Symmetriebrüchen oder
Bifurkationen verstanden werden in dem Maße, wie das Universum expandiert und kälter wird. Dabei muss eine
Parallele zwischen der Geschichte des Universums und seiner logischen Grundstruktur bestehen, was man auch so
ausdrücken kann: Das Universum evolviert, es bringt immer wieder Neues hervor, schafft Dinge, Gesetze,
Beziehungen, die nicht ‚vorgesehen‘ waren. Das Universum ist in seiner Grundstruktur schöpferisch.“(S217/218)

Das entspricht dem von Darwin gezeichneten dynamischen Bild der biologischen Entwicklung. Mit der Folge, „man
hat nichts mehr, woran man sich festhalten kann, alles fließt“. (S222) Das macht Cramer deutlich: Es gibt derzeit
auf der Welt 5 Millionen Arten, aber insgesamt hat es auf der Welt 500 Millionen Arten gegeben. Wir erleben also
nur einen ganz kleinen Ausschnitt dieses langen Entwicklungsprozesses.

Cramer fragt, was das für Konsequenzen für unser Denken habe. „“Voraussagbarkeit ist kein Kriterium für
Wissenschaftlichkeit mehr.“ (S222) Das heißt nicht, dass Wissenschaft hier aufhören müsse, das erfordert nur neue
„Transformations-Theorien“ für komplexe Systeme, und die Einsicht, in nicht linearen Systemen nicht konkret und
zuverlässig vorhersagen zu können. Und es erfordert sich immer wieder klar zu machen, unter welchen immer
einschränkenden Bedingungen wissenschaftliche Erkenntnisse nur gelten. Das stellt auch Descartes Empfehlung
in Frage, komplexe Probleme solange in Unterprobleme zu teilen, bis man diese einzeln lösen kann, um daraus
dann die Gesamt-Problemlösung zusammenzusetzen. Bei lebenden Systemen löst das den Tod aus. Jede
Untersuchung ist jetzt keine mehr am ursprünglichen System. Das gilt jedoch für alle stark rückgekoppelten
Systeme. „Solche Systeme sind nicht reduzierbar, ich nenne sie, die die Eigenschaft haben, dass das Ganze mehr
als die Summe seiner Teile ist, fundamental-komplexe Systeme. In solchen Systemen gibt es keine Reversibilität“
(S223).

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Selbstorganisation (S224)

Nach Cramer gibt es verschiedene Niveaus von Selbstorganisation.


„Selbstorganisation durch inhärente Eigenschaften“ erfolgt z.B. beim Aufbau von Kristallen, bei Seifenblasen,
Tauperlen oder den Basenpaaren in der Doppelhelix. Dabei findet Selbstorganisation auf Grund der molekularen
Strukturen statt.

„Selbstorganisation in der Ontognese“. Das ist die Ausbildung eines Organismus von der Eizelle bis zum
ausgereiften Exemplar. Völlig selbstorganisiert geht Wachstum voran, wissen Zellen wo und wann sie sich
vermehren müssen, wo und wann sie sich neu ansetzen sollen, und wann sie nicht mehr wachsen dürfen. In
solchen dynamischen Systemen scheint es, dass immer „zwei gegensätzliche Prinzipien aufeinander wirken, und
zu einer dynamischen Ordnungsbildung führen: Zwischen Aufbau und Zerfall entsteht Ordnung.“ (S225) Ein
drastisches Beispiel für Strukturbildung durch Selbstorganisation beschreibt Cramer: Zertrennt man einen
Wasserpolypen in 2 Teile – oder schneidet man auch nur ein Stück aus der Mitte heraus, wächst innerhalb von 48
Stunden an dem getrennten Stück ein neuer Kopf.

Selbstorganisation als physikalisches Prinzip (S228)

„Ich meine, man kann nach dem bisher Dargestellten die Selbstorganisation der Materie zu Leben als ein
physikalisches Prinzip verstehen. Selbstorganisation ist seit dem Urknall ein physikalisches Attribut von Materie,
genauso wie Schwere ein physikalisches Attribut von Materie ist und Elektrizität ein physikalisches Attribut von
Elektronen.“ (S228) Genauso wenig, wie wir die Frage klären können, warum es Elektrizität oder Gravitationskraft
gibt, ebenso können wir nicht klären warum es das physikalische Attribut Selbstorganisation gibt. Sie ist einfach nur
da und wirkt. „Materie hat grundsätzlich die Eigenschaft der Selbstorganisation.“ (S229)

„Mit der Einführung der Selbstorganisation als Grundeigenschaft der Materie ist aber auch gesagt, dass jede
Materie a‘ Priori ideenträchtig ist. Sie hat die Idee ihrer Selbstorganisation, ihrer Entfaltung, aller Baupläne und
Ausformungen in sich. Danach war beim Urknall die Idee des menschlichen Bewusstseins als Möglichkeit schon
vorhanden, samt all seinen Ausprägungen. Zwischen Geist und Materie besteht so gesehen kein Gegensatz.
Jedenfalls kann der Geist nicht aus Materie entstanden sein. Eher ist es umgekehrt: Eine ideenlose Materie ohne
die Idee ihrer Selbstorganisation gibt es nicht, genauso wenig wie es schwerelose Materie gibt. (S229)

Das ist neu und noch ungewohnt: Ideenbehaftete Materie. Sicher muss man sich dabei keine komplexen
Denkleistungen vorstellen, es geht wohl um eine einfache „Entscheidungsfähigkeit“ als Voraussetzung für
Selbstorganisationsprozesse. Wenn Atome Bindungen eingehen und zu Molekülen werden, kann man sich das
immer als Wahl eines jeden Atoms vorstellen, mit welchem anderen es sich verbindet, und mit welchem nicht.
Schwierig wird unsere Vorstellung dazu auch, weil zusätzliche andere Kräfte, wie elektrische Felder oder
Gravitationsfelder auf die Atome wirken. Auch hier geht es um stark rückgekoppelte, sich gegenseitig
beeinflussende dynamische Systeme, die immer nur in der Gesamtwirkung erscheinen.

S230: Das Evolutionsfeld

Das Verständnis der Entwicklung zum Lebendigen erfordert neue Theorien. Cramer sieht die Eigenschen
Hyperzyklen als gleichwertig wichtig wie die Galileischen und Newtonschen Bewegungsgesetze, „nämlich eine
mathematische Gesetzmäßigkeit, mit deren Hilfe man in allgemeiner Form alle Bewegungen (Newton)
beziehungsweise alle Evolutionen (Eigen) beschreiben kann.“ (S230) Genauso, wie Newton den Begriff des
Gravitationsfeldes als Antwort auf die Frage „Inwiefern, wann und wo ist Materie schwer?“ eingeführt hat, müsse
man jetzt eine entsprechende Antwort auf die Frage zur Selbstorganisation „Inwiefern, wann und wo evolviert
Materie?“ geben.

Cramer weiter: „Für das Verständnis und die Zusammenfassung lebender Systeme möchte ich nun das
‚Evolutionsfeld‘ vorschlagen, in welches alle Ereignisse und bisherigen physikalischen Erklärungen (Urknall,
Formenbildung, Chaos-Ordnung-Beziehungen, Hyperzyklen) einzufügen wären und auch, so scheint es, einfügbar
sind. Evolution vollzieht sich im dreidimensionalen Raum und in der Zeit. Es geschehen in ihr irreversible Vorgänge,
wegen des gerichteten Charakters der Zeit.“ (S231)

Der Feldbegriff wird von Cramer aus der Physik entlehnt. Von Feldern spricht man dort, wenn man die Wirkungen
kennt, aber die dahinterliegenden Wirk-Mechanismen nicht (noch nicht) erklären kann. So definiert Cramer die

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Bedingungen für das Evolutionsfeld mit hoher Komplexität des Systems, irreversibler Zeit, und großem
energetischen Abstand vom Gleichgewicht als Rahmenbedingung für Selbstorganisations-Prozesse.

„Selbstorganisation ist eine stark verkürzte Ausdrucksweise für eine Grundeigenschaft von Materie:
‚Selbstorganisation (Formenbildung) im Evolutionsfeld‘. Selbstorganisation ist daher nicht ein bloßes Akzidens von
Materie, sondern eine untrennbare Eigenschaft und ein Attribut der materiellen Substanz. Selbstorganisation ist das
Schöpfungspotential der evolvierenden Materie, und das gilt für die gesamte Materie.“ (S231)

„Wenn aber Materie in einem Evolutionsfeld, analog dem Gravitationsfeld, existiert und überhaupt nur so existieren
kann, muss der herkömmliche Materiebegriff revidiert werden. Materie ist jetzt in gewisser Weise weich (soft), Sie
besteht nicht aus den innerten harten Klötzchen des Demokrit, sondern ist rezeptiv für das Evolutionsfeld. Sie ist
nichtlinear und deshalb partiell indeterminiert, was auch in Übereinstimmung mit der Quantenmechanik gilt. Sie ist
ideenträchtig, mindestens aber ein Vehikel für Ideen. Es ist eine platonische Materie.“ (S238)

„Materie im Gleichgewicht ist langweilig. Je weiter man sich vom Gleichgewicht entfernt, umso intelligenter wird
Materie.“ Damit sagt Cramer, dass insbesondere alle lebende Materie immer weit vom Gleichgewicht entfernt ist.
„Wir kommen also in der Physik und in der Biologie wieder zurück auf die Materiebegriffe von Platon und den
Vorsokratikern, in welchen es noch keinen Dualismus von Geist/Seele und Materie gab.“ (S238)

Abschießender Kommentar.

Es macht Freude das Buch zu lesen. Friedrich Cramer führt den Leser als Wissenschaftler aber
allgemeinverständlich in neue Denkwelten. Mich lässt die Idee von sich selbst organisierender Materie nicht mehr
los. Ich entdecke immer mehr Beispiele, die sich auch nur so erklären lassen. Bei den vielen Beispielen, die Cramer
aus seiner Forschungspraxis beschreibt, wird man ganz ehrfürchtig, z.B. bei den Reparatur-Enzymen, die in der
Doppelhelix Fehler aufspüren und beseitigen, oder bei der Feinsteuer-Gratwanderung Blut flüssig zu halten oder
gerinnen zu lassen. Die Beispiele sind es auch, die Cramers Überlegungen anschaulich machen, und „erden“.

Mich bewegt ab jetzt die Frage: Wo überall wirken Evolutionsfelder?

Karlheinz Pape

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