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Völker hört die Signale

Bildung und die Bewusstseinsrevolution

Wir brauchen eine neue Revolution. Eine Revolution des Bewusstseins. Mit dem
Zusammenbruch des Ostblocks und der Wiedervereinigung Deutschlands haben wir 1990
unser nationales Themen verloren. Seitdem schwimmt unsere Gesellschaft auf einer Welle der
Ziellosigkeit hin und her. Selbst Bankenkrise und 9/11 haben zwar zu neuen Diskussion und
neuen Justierungen in der Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik geführt, nicht jedoch zu
einem neuen Ziel, auf das hin sich unsere Gesellschaft bewegt. Wer keine Ziele hat, wird sich
jedoch im Ungefähren verlieren. Man wird träge, weil der Antrieb fehlt. Für eine Gesellschaft
kann das katastrophal sein, kulturell, sozial und ökonomisch.

Nun braucht man aber kein Ziel um des Zieles willen. Die Anforderungen, die sich ergeben,
sind offenkundig. Es gilt, diese aufzugreifen und in Zielsetzungen zu transformieren: Um des
gedeihlichen Fortbestehens und der Fortentwicklung unserer Gesellschaft willen und um eine
globalen Gestaltung unseres Planeten, auf dem sich niemand mehr (und eigentlich können wir
nicht in dieser Weise davon sprechen, weil es nie anders war), auf dem sich niemand von der
Verantwortung für andere, für die Lebensbedingungen und für die Zukunft dispensieren kann.

Die anstehenden Probleme sind evident, Legion und bekannt. Wer in Zukunft Wohlstand für
alle will, muss sich über die Grenze des Wachstums Rechenschaft geben. Wer auskömmlich
leben will, muss dafür sorgen, dass auch andere Völker auskömmlich leben können. Wer
überhaupt Ernährung, Energieversorgung und eine lebenswerte Umwelt auch für zukünftige
Generationen ermöglichen will, muss sich über Ressourcen und Ressourcenschonung
vergewissern und die Folgen jetzigen Handelns reflektieren.

Wie wahr. Eine Welt, die sich nicht verändert, weil sich Menschen auf ihr bewegen, gibt es
nicht. Man macht sich mit allem Tun in irgendeiner Weise die Hände schmutzig. Die
Alternative wäre, sich ins Gras zu setzen und auf den Tod zu warten. Menschen wollen leben
und deswegen werden sie sich bewegen, werden sie den Boden beackern, werden sie Handeln
treiben und werden sich vergnügen wollen. Daran ist nichts Verwerfliches zu finden, im
Gegenteil, das ist der Natur immanent. Vielleicht steckt ein Gran Wahrheit in der alten Lehre
der Kirche von der Erbsünde. Niemand kann auf diesem Planeten wandeln, ohne in
irgendeiner Weise sündig zu werden. Das ist eine Grunddimension des Lebens. Allein die
Frage muss erlaubt sein, wie weit meine Befugnisse als Individuum geben, mich der Natur
und der Ressourcen und auch der sozialen Solidarität bedienen zu können. Die Grenze
zwischen den eigenen Bedürfnisse und einem Überfluss auf Kosten der anderen ist in den
letzten Jahren zunehmend verwischt wurden. Allein historisch lässt sich aufweisen, wie sehr
die westliche Welt seine Quellen in der Ausbeutung der Kolonien, ja gesamter anderer
Kontinente hatten. Das ist ein Saldo, dass wir wohl kaum irgendwann zurückzahlen können.
Es bleibt allein, auf Verzeihung zu hoffen und die Einsicht anderer Gesellschaften, unseren
Weg der schonungslosen Ausbeutung nicht zu gehen.

Die Themen, denen wir uns stellen müssen, sind vielfältig. Das macht nicht unbedingt Freude,
weil es mit Verzicht und Änderung unserer Lebensgewohnheiten einher geht. Ein paar
Stichworte mögen genügend; sicher gibt es noch mehr: Energie und Mobilität, Globale und
regionale Wirtschaft und ihr Verhältnis zueinander, die Zukunft der Sozialsysteme und die
Regulierung der Finanzmärkte, Sicherung und Ausbau gerechter Bildungssysteme und die
Förderung der Kultur
Niemand, auch keine ganzes Volk, wird diese Aufgaben auf einmal und allein bewältigen
löhnen. Dazu braucht es multilaterale Absprachen und Abkommen. Der Weg werden
Verhandlungen und auch Kompromisse sein. Diese Kompromisse dürfen allerdings nicht so
weit gehen, dass radikale Ziele wieder verwischt werden und später mühsam von einem noch
höheren Niveau korrigiert werden müssen. Die Abschwächung der globalen Erwärmung ist
dafür ein probates Beispiel, Selbst, wenn es überhaupt gelingt, den Grenzwert von zwei Grad
einzuhalten, werden manche Kulturen darunter zu leiden haben. Und dass der Grenzwert
eingehalten wird, ist alleine schon nicht sicher.

Jede Gesellschaft ist nur so gut wie ihre Individuen. Die viel größere Herausforderung als alle
nationalen und internationalen Verhandlungen ist die Veränderung des Denkens in den
einzelnen Köpfen. Wenn dem so ist, wie Stephane Hessel und Richard David Precht jüngst in
der ZEIT analysierten, dass die Utopien sich zunehmend ins Private verlagern, dann müssen
auch neue gesellschaftliche Utopien ihren Ausgang im Privaten finden. Die Ausrede, was
könne ein Land wie Deutschland in der Welt viel bewirken, zählt nicht. Kein Mensch auf
dieser Welt kann sich davon dispensieren, mit den Folgen seines Handelns konfrontiert zu
werden. Ja, die Steigerung ist noch viel dramatischer. Es gibt Millionen von Menschen, die
zwar in einer gewissen Weise für die Entwicklungen ihrer Ländern oder ihres näheren
Umfeldes mitverantwortlich sind, die aber ob ihrer Armut an materiellem Besitz oder an
Bildung nicht für ihr Handeln haftbar gemacht werden können. Umso mehr lastet auf den
Schultern der Menschen in den reichen und gebildeten Ländern. Der persönliche Carbon-
footprint mag dafür ein gutes Beispiel sein. Er liegt bei jedem Einwohner der USA,
Deutschlands oder Chinas auf unvergleichlich höherem Niveau als bei Menschen in Somalia,
Gambia oder Vanuatu. Mit der Belastung steigt die Verantwortung. Wenn wir also über das
Bewusstsein sprechen, dann sprechen wir zuallererst über das Bewusstsein der Individuen in
den entwickelten Staaten. Sie sind anzufragen, nicht nur wegen des aktuellen Verbrauches
sondern auch, wie eben schon angesprochen, wegen ihrer jahrhundertealten Verantwortung
für die Ausbeutung. Wir sind Erben der Industrialisierung und haben für Sünden der
vergangenen Jahrhunderte zu büßen. Sicher hat jeder Zeitgenosse kaum in nennenswerter
Weise dazu beigetragen, dass sämtliche im Erdöl in Millionen Jahren gespeicherte Energie
binnen 150 Jahren quasi aufgebraucht worden ist. Aber gleichzeitig trägt jeder von uns mit
dem Verbrauch jeden Liters Öl dazu bei, dass sich der Prozess beschleunigt.

Wir sind Schuldner der Vergangenheit und wir werden schuldig an der Zukunft. Das muss so
drastisch gesagt werden und das kann herunter gebrochen werden auf jeden unnütz Fahrt mit
dem Auto zum Zigaretten holen. Was sind schon vier Kilometer? Aber was sind vier
Kilometer hoch gerechnet auf 80 Million, 160 Millionen, 250 Millionen Einwohner? Wer gibt
uns das Recht, auf möglichst billige Nahrungsmittel zu pochen und dafür unklare Anbau- oder
Produktionsrisiken und zunehmend auch prekäre Arbeitsverhältnisse in Kauf zu nehmen?
Wer gibt uns das Recht, das Hemd wie die Meinung zu wechseln, obwohl wir mittlerweile
eigentlich aufgeklärt genug sind um zu wissen, was eine Baumwollmonokultur in den
Anbauländern ausrichtet und dass zwar ein T-Shirt für vier Euro verkauft werden kann, aber
nur, wenn man den Carbon-Footprint durch die Transportkette nicht einrechnet und in dem
Bewusstsein, dass die Näherinnen in Bangladesch mies bezahlt werden? Wer gibt uns das
Recht, selbst kleine Strecken mit dem Flugzeug zu fliegen, vielleicht sogar nur zum Shoppen
mal eben nach London, weil es so schön billig ist? Billig ist es nur, weil die Preise nicht reell
sind, weil Märkte geschaffen werden, um der Märkte willen? Wer gibt uns das Recht auf
billigen Strom, wohl wissend, dass noch unserer Urururururenkelkinder vermutlich wissen,
womit mit dem ganze Atomdreck? Wer gibt uns das recht, zu leben, wie wir leben, ohne
Rücksicht auf Verluste?
Wie kann Änderung geschehen? Die freiheitlich demokratische Grundordnung hat gezeigt,
dass sie für das Zusammenleben der Menschen einen besonderen Wert hat, den es zu erhalten
und zu pflegen gilt. Nicht nur die wirtschaftliche Prosperität, gerade auch die Formen der
Demokratie, wie sie in Europa überwiegend gelebt wird, haben zu der guten und friedlichen
Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte nach dem Schock des Zweiten Weltkriegs
beigetragen. So ist der Weg ein steiniger. Es geht nur über Einsicht. Der Menschen, der
Bürger, dem Freiheit zugesprochen und garantiert wurde, kann nur in Freiheit erkennen, was
er mit seinem Leben anrichtet. Er und sie müssen wissen, was der Lebensstil für andere
bedeutet und er und sie müssen erkennen, dass es so, wie bisher, nicht weitergeht. Dass der
Konsum überdacht werden muss, dass die Preisstruktur überdacht werden muss, dass eine
Energiewende Geld kostet, dass es das Leben nicht für lau gibt, selbst wenn manche
Konzerne uns die Geiz-ist-geil-Denke verklickern wollen. Nein, Geiz hat keine Zukunft, Geiz
ist Gewalt. Verantwortung (und damit auch eigene gutes Lebens), kostet Ressourcen und es
kostet Nachdenken. Dieses Nachdenken muss einsetzen über alles, was wir tun, wie wir leben
und wie wir konsumieren. Und ja, das ist mit Einschränkungen verbunden, weil ein
schrankenloses Leben eine Lebenslüge ist. Jedem Menschen steht nur soviel zu, wie er tragen
kann. Kulturen, die die Jagd nur insoweit pflegen, als sie selber verbrauchen könne, sind
zukunftsfähige Kulturen. Sie werden nichtreich werden an materiellen Gütern, weil sie keinen
Überschuss produzieren. Aber sie werden ein reichhaltiges Leben haben, in Grenzen, aber
geistig grenzenlos.

Wir brauchen eine Revolution. Das wird keine Revolution mit Waffen sein. Wir brauchen
eine Revolution des Geistes in Europa. Wir brauchen einen Wechsel des Bewusstseins. Diese
Einsicht könnte eine intrinsische Motivation sein, unser Leben zu ändern, den Möglichkeiten
dieser Welt anzupassen und damit Menschen in der Welt und unseren Kindern und
Kindeskindern ein gutes Leben zu ermöglichen.

Der Wechsel des Bewusstseins wird über die Bildung kommen. Eine Aufklärung der
Nachhaltigkeit und Folgenabschätzung tut not. Der Rest ist Hoffnung, Hoffnung, dass
möglichst viele Menschen einsehen, dass es so nicht weiter gehen kann. Und ihr Leben
ändern.

Das wäre eine Art von Revolution, die in der Weltgeschichte bisher einzigartig ist, vielleicht
vergleichbar der Aufklärung. Schreiben wir also Geschichte, revoltieren wir.

Martin Lätzel