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Geisternetze

Gefahr für Tier und Mensch


Herausgeber
Stand
WWF Deutschland
Mai 2020
Geisternetze – völlig losgelöst
Autoren Jochen Lamp, Andrea Stolte, Gabriele Dederer (WWF Deutschland) Geisternetze sind herrenlose Fischernetze. Schlicht verloren,
Kontakt andrea.stolte@wwf.de von Stürmen losgerissen oder durch Schiffe gekappt, treiben
Redaktion Thomas Köberich (WWF Deutschland)
sie durch die Meere, sinken sie auf den Meeresboden hinab
Koordination Thomas Köberich (WWF Deutschland)
Gestaltung Anita Drbohlav (mail@paneemadesign.com) oder verhaken sich irgendwo, etwa an Schiffswracks, Steinen
Produktion Maro Ballach (WWF Deutschland) oder alten Ankern. Im Meer verloren gegangen, lassen sie sich
Titelbild Christian Howe schwer wiederfinden und bergen.

© 2020 WWF Deutschland, Berlin. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Herausgebers.
Stell- und Schleppnetze sind die häufigsten, nicht aber die einzigen
Der Ansatz des WWF Deutschland
Fanggeräte, die verloren gehen. Auch Reusen kommen gegen verlorene Fischernetze
beispielsweise in bestimmten Gebieten Vorgehensweise
der See abhanden. des WWF

1.
Entwicklung

Ursachen Folgen einer umweltverträglichen


Methode zur Entfernung
Aufspüren
von Geisternetzen
gefährlicher Geisternetze
Wasserfahrzeuge zerreißen mit Schallwellen-Sonartechnik, …
von Schiffswracks und
Stellnetze, weil sie die Markierungs- Verlorene Netze und Taue können vom Meeresboden.
bojen übersehen haben. In manchen sich in Schiffsschrauben verfangen und so
Gebieten kommt es zu Konflikten Wasserfahrzeuge beschädigen.

2.
zwischen Schleppnetzfischern und
Stellnetzen.
Seevögel geraten in Fischernetze, Prävention:
… anschließende Bewusstseinsbildung und
die an der Wasseroberfläche treiben
Taucherkundung und achtsamer Umgang mit Fanggeräten,
Fanggeräte bleiben an oder in flachem Wasser Geisternetze gezielte Bergung
ausgebracht wurden. verbesserte Fangtechniken und zeit-
Hindernissen auf dem Meeresboden „fischen“ unter Umständen identifizierter Geisternetze.
jahrzehntelang weiter. In ihnen nahe Meldung nach Netzverlust durch
oder an Eisschollen hängen.
verfangen sich auch die Fischerei, damit verlorene Netze rasch
größere Säugetiere wie geborgen werden können.
Netze verheddern sich an
Schiffswracks, Wale und Robben ebenso

3.
wenn deren Positionen nicht genau wie Schildkröten. Verwertungswege für
bekannt sind, und gehen verloren. Geisternetze: Einrichtung von Sammel-
Auch die absichtliche Fischerei an stellen für Fischernetze in den Häfen;
Wracks, die Fischen eine Schutzzone bieten, Entwicklung wirtschaftlicher Lösungen
trägt zu Netzverlust bei. zur fachgerechten Entsorgung ausgedienter
und aus dem Meer geborgener Fanggeräte.

Geisternetze zersetzen sich


zu Mikroplastik, das
Meerestiere schädigen kann, in
die marine Nahrungskette gelangt
und zuletzt vielleicht auf unsere Teller. Von Netzen bedeckte Schiffswracks
können für Taucher
zur lebensgefährlichen Falle werden.

Der WWF war Partner im EU-Projekt MARELITT Baltic (2016 – 2019),


in dem Grundlagen für Lösungswege entwickelt wurden.
Grafik angelehnt an MARELITT Baltic (2017).
4 5
Todesfalle
Seevögel geraten in Fischernetze,
die an der Wasseroberfläche treiben oder
in flachem Wasser ausgebracht wurden.

für Meerestiere
Für die Meeresbewohner
sind Geisternetze eine töd­liche Falle.

Fische verheddern sich in ihren Maschen und verhungern.


Die toten Fische locken größere Tiere wie Kegelrobben oder
Schweinswale an, die den gleichen Maschen zum Opfer fallen
und ebenfalls qualvoll verenden. Nahe der Wasseroberfläche
verfangen sich zudem Tauchvögel wie Kormorane oder Meeres-
Kegelrobben, Schweinswale und andere
Meerestiere verfangen sich enten im Netzwerk, am Meeresgrund wiederum Bodenbewohner
und verenden qualvoll. wie Krebse, Plattfische und Garnelen.

Gefährdung auch für Menschen


Wenn Stellnetze durch Unwetter Das macht sie zu sogenannten Geisternetzen, Im Küstenbereich geht von
oder von Booten überfahren aus in denen sich Fische, Seevögel und Meeres- Geisternetzen auch eine Gefahr
ihren Veranker­ungen gerissen säugetiere sinnlos verfangen
werden, dann verdriften sie oder und verenden. für Menschen aus. Taucher und
bleiben womöglich im Wasser Wassersportler können sich in
senkrecht stehen und behalten so ihnen verfangen, Sport- und Segelboote
noch jahrelang einen Teil
bleiben mit ihren Kielen oder Schrauben
ihrer ursprünglichen
Fangkraft. darin hängen und können manövrierunfähig
werden. Auch Fischer selbst können mit ihrem Fanggerät
Besonders gefährlich an den verlorenen Netzen hängen bleiben und haben ein
sind Stellnetze. Sie werden weltweit
Interesse daran, dass diese entfernt werden. Besonders in
von Küstenfischern eingesetzt.
den flachen Küstengewässern der Ostsee, die von Küsten-
fischern und Wassersportlern intensiv genutzt werden,
stellen Geisternetze ein Risiko dar.
6 7
Wie aus Fischernetzen
Wie sich Netzverluste verhindern lassen

Geisternetze werden
Hilfreich wäre es, wenn Netze mit dem
Namen des Fischereifahrzeugs markiert
wären – nicht nur die wenigen Markierungs-
bojen. Besonders dann, wenn durch Unfälle
auf See die Markierungsbojen von den Stell-
netzen getrennt werden. Wenn Netzteile
Fischernetze werden zu Geisternetzen, wenn Fischer durch widrige von Stell- oder Schlepp­netzen abreißen,
fehlen den Frag­menten ent­sprechende
Umstände die Kontrolle über ihr Fanggerät verlieren. In Deutschland
Markierungen, die auf die Herkunft und
verliert kein Fischer sein Netz freiwillig. Schließlich ist ein solcher die Eigentümer schließen lassen. Häufigere,
Verlust teuer und schädigt zudem das Fanggebiet. kleine Markierungen an Netzabschnitten
würden herauszufinden helfen, wo und in
welcher Fischerei die meisten Netzteile
Früher blieben Fischer mit ihren Netzen öfter an Gegenständen unter Wasser verloren gehen. Hier könnten gemeinsam
hängen, an Wracks beispielsweise. Das kommt seit Einführung genauer GPS- mit den betroffenen Fischern Gegenmaß-
Positionen seltener vor. Heute gehen Netze eher durch unerwartete starke nahmen entwickelt werden.
Stürme auf See verloren und im Winter durch Eis an den Küsten.
Nach europäischem und deutschem Recht
Manchmal zerreißen Schleppnetze auch heute noch sind Fischer verpflichtet, verlorene Netze
an Steinen, Ankern oder Wracks. zu melden, wenn sie diese nicht selbst wie­
der bergen können. Doch solche Meldungen
Stellnetze bleiben 24 Stunden lang in Küsten­nähe stehen, um Heringe gibt es nur selten. Denn unklar ist, wer
und andere Schwarm­fische zu fangen. Wenn Sportboote oder Arbeits­ danach für die Bergung zuständig ist. Hier
schiffe die Bojen übersehen, zerfetzen deren Kiele die Netze. Werden dabei sind die Fischerei- und Umweltämter
die Markierungsbojen abgerissen und die Netze verdriften, finden die Fischer der Länder gefordert, die Verant-
ihre Netze nicht wieder. Abgerissene Netzteile, die von Schiffsschrauben wortung zu übernehmen und die
verschleppt werden, sind so erst recht unauffindbar. Finanzierung zügiger Bergungen
zu sichern.
International trägt vor allem die illegale Fischerei zur Belastung der
Ozeane mit Geisternetzen bei. Vor die Wahl gestellt, ihr Tatwerkzeug Je schneller
zurückzu­lassen oder der Strafverfolgung in die Fänge zu gehen, Verlorene Netze, nach einer Meldung
entscheiden sich illegale Fischer im Zweifel dafür, die unge­sicherten die in der Wassersäule stehen bleiben, ein Netz geborgen
können als Geisternetze weiterfischen, werden kann, desto
Netze gar nicht mehr an Bord zu holen und im Meer zurückzulassen. ohne dass der Fang jemandem zugutekommt, weniger Schaden
und so über Jahre nutzlos Schäden in der Meeresumwelt anrichten. richtet es in der Meeresumwelt an.
8 9
Wie Mikroplastik Netze und Tau

aus den Netzen in die Nahrungskette gelangt


zerfasern im Meer
zu Mikroplastik.

Wie fast alle Fischernetze bestehen Geisternetze aus Kunststoffen.


Sie zersetzen sich extrem langsam in der Meeresumwelt.

Es vergehen Jahrhunderte, bis sich verlorene Mikroplastik wird im Meer


Fischernetze im Meer aufgelöst haben. Über- auf allen Ebenen der Nahrungskette
dies nehmen Kunststoffe im Wasser oder aufgenommen – von Muscheln2 und
Sediment gelöste Umweltgifte auf. Wie ein Fischen genauso wie von Walen
Magnet ziehen Plastikteilchen Schadstoffe und Riesenhaien3, die ihre Nahrung
an. Studien zeigen: Kleine Plastikteilchen aus dem Wasser filtern. Besonders
im Wasser sind drei- bis viermal so stark mit kleine Lebewesen, das „Plankton“,
Schadstoffen belastet wie der sie umgebende nehmen unwissentlich Mikroplastik
Meeresboden.1 Auch Netzfasern könnten so mit natürlicher Nahrung auf.
zum Speicher für Giftstoffe werden.
Auf diese Weise gelangen auch
Stellnetze enthalten Bleileinen, um sie am Boden Durch Reibung am Meeresboden lösen sich die angesammelten Giftstoffe Es vergehen
zu halten. Die 2–4 mm kleinen Bleigewichte gelangen
als Umweltgift in die Meeresumwelt, wenn die
winzige Fasern aus dem Netzgeflecht und und Plastikteilchen in die 400–500 Jahre,
PET-Ummantelung zu Mikroplastik zerfasert. werden als Mikroplastik in die Meeresumwelt Nahrungskette – und mit Fisch, bis sich ein verlore
n
freigesetzt. Meerestiere fressen diese Plastik- Muscheln & Co auf gegangenes
Netz
vollständig
teilchen oder filtern sie aus dem Meerwasser. unsere Teller. auf-
gelöst hat.

… wird auf allen … und landet auch


Mikroplastik Ebenen der Nahrungskette auf unseren Tellern.
gelangt in aufgenommen …
die Meeresumwelt … 1 Witt, G., Jeorgakopulos, K., 2015,
Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Hamburg
2 von Moos et al. 2012, Jansen &
van Cauwenberghe 2014
10 3 Fossi et al. 2012, 2014 11
Ein Problem mit Vaquitas sind durch das Verfangen in Geisternetzen
sogar vom Aussterben bedroht.
400

weltweiter Dimension
Geisternet
ze
hat der WW
F
Mexiko ber
eits
geborgen.

Allein in der Ostsee bleiben nach einer Schätzung des WWF Polen
jährlich 5.000 bis 10.000 Netzteile im Meer zurück. Zur wachsenden
Plastik-Plage zählen Geisternetze auch im weltweiten Maßstab.
Bergung von Geisternetzen zum Schutz der Vaquitas
im Golf von Kalifornien.

Vom Land aus gelangen jedes Jahr


Wissenschaftlich belegt ist, dass sich mindes-
geschätzte 4 bis 13 Millionen Tonnen
tens 344 marine Tierarten7 in den Netzen ver-
Ca. 30 % DES MEERESMÜLLS
Plastik­müll in die Meere.4 Etwa ein Drit-
Mind. fangen, die funktionslos in den Weltmeeren

344 marine
tel des von Fischern in der Nordsee beim
stammen aus der Fischerei. treiben oder am Meeresgrund liegen, darunter
Fischen mit an Bord gezogenen Meeres-
mülls stammt aus der Fischerei.5 Ein Tierarten alle Meeresschildkröten-Arten. Viele dieser
Arten sind vom Aussterben bedroht, manche
ähnlicher Anteil wird im Nordatlantik6 verenden in
Geisternet hoch akut, wie beispielsweise die Vaquitas
am Meeresgrund auf Unterwasser- zen.
(kalifornische Schweinswale) im mexikani-
Videos gefunden.
schen Golf von Kalifornien, von denen es welt-
weit gerade noch 17 Tiere gibt. Um die Gefahr
Geht man davon aus, dass der Anteil
für die letzten Säuger ihrer Art zu verringern,
von Plastik aus der Fischerei in anderen
hat der WWF Mexiko bereits 400 Geisternetze
Teilen der Welt ähnlich groß ist, kommen
geborgen.
noch einmal 1 bis 4 Millionen Tonnen
Plastikmüll hinzu, die jedes Jahr beim
Der WWF Deutschland geht in der Ostsee
Die auf dem Meer treibenden Netze sind Fischen in die Meere gelangen. Dazu
gegen die Belastung der Meeresumwelt mit
besonders gefährlich für große Meeresräuber gehören Geisternetze, Taue, Bojen
wie Wale, Haie und Robben, weil sie Beutefischen Geisternetzen vor.
und Fischverpackungen.
ins Netz folgen.
emark.
Strand, Dän
te Fischernetze in Henne
Vom M eer angespül
4 Jambeck et al. 2015
5 Dau et al., NLWKN 2014
12 6 Pham et al. 2014 7 Kühn et al. 2015 13
Manche Wracks in der Ostsee sind vollständig mit Geisternetzen bedeckt.
Über Jahrzehnte haben sich hier hängen gebliebene Schleppnetzteile
angesammelt. Für Tiere, die am Wrack Schutz suchen,
und Meeresjäger werden die Netze zur Falle,
aus der es kein Entkommen gibt.
Wie der WWF der
Bergung von Geisternetzen
aus der Ostsee vor Rügen.

geisterhaften Gefahr begegnet


9 Tonnen
Geisternet Seit 2011 hat der WWF vor allem in der Ostsee Erfahrungen gewonnen,
ze hat der
WWF in den
Jahren aus
letzten wie man Geisternetze findet, an Land bringt und sie möglichst
der Ost-
see geborg
en. umweltgerecht entsorgt. Vorreiter war der WWF Polen, mit dem
das WWF Projektbüro in Stralsund seit 2013 in dieser Sache kooperiert.

Zu verdanken ist die Pionierarbeit


einer ganzen Reihe von Sponsoren
Gemeinsam mit Fischern birgt der WWF
wie dem Entsorgungsunternehmen verlorene Netze aus der Ostsee.
PreZero GmbH, dem EU Projekt Kleine Kutter wie dieser sind beim Bergen
alter Stellnetze besonders hilfreich.
MARELITT Baltic, Edeka Jens
und vielen Spenden von Einzel­
personen bis hin zu Schul­klassen.
Gute Lösungen konnten so gefunden
werden. Für anderes fanden sich
Ansätze, die weiterentwickelt und
vollendet werden müssen.

Schauen wir nun, wie


der WWF konkret vorgeht,
um die Meeresumwelt von
dem Problem zu befreien.

16 17
Wer sucht, der findet – eine App für Taucher
Niemand kennt den Meeresgrund so gut wie
Fischer und Taucher. Ihren Hinweisen war es
daher zu ver­danken, dass die Verdachtsflächen
für Geisternetze auf einer Karte markiert
werden konnten. Seit 2018 setzt der WWF
ein Sonargerät ein, dessen Schall­wellen Geister­
netze am Meeresgrund aufspüren können. Wie
man die auf diese Weise gewonnenen Bilder
des Ostseegrunds interpretiert, hat der welt­weit
führende „Geisternetzjäger“ Crayton Fenn dem
WWF gezeigt. Der Experte hat über 6.000 Netze
und über 100.000 Hummer­körbe an der US- Zum Aufspüren von Geisternetzen kartiert der WWF den Meeresboden mit Schallwellen.
Die Schallbilder sind direkt auf dem Schiff sichtbar und werden später gründlich ausgewertet.
Pazifikküste mit dieser Technik aufgespürt und Verdachtsstellen werden von Tauchern mithilfe der Geistertaucher-App überprüft.
geborgen. Inzwischen haben WWF-Mitarbeiter
etwa 400 Hektar (560 Fußballfelder) Meeres-
grund an der Ostseeküste abgesucht. An über Bergungstechnik – schonend für die Meeresumwelt
8 Verdachtsstellen wurden Geisternetze gefun-
den – und die Suche geht weiter. Weltweit werden Suchanker oder sogenannte
„Netz­harken“ bei der Suche und Bergung von
Um auf Nummer sicherzugehen, Geisternetzen eingesetzt. Doch leider lassen sich
dass es sich bei den Funden tatsächlich
Schädigungen empfindlicher Meeres­lebensräume
auch um Netze und nicht um Stahlkabel
oder Taue handelt, gehen Sporttaucher wie z. B. Seegras­wiesen damit nicht ganz ver­meiden.
der Sache zusätzlich auf den Grund. Deshalb und seiner Präzision wegen favori­siert der
WWF die an die Bedingungen der Ostsee angepasste
Kombination aus Sonartechnik und Taucheinsatz.

www.geistertaucher.de Mit dieser Verbindung bleibt jede Verletzung von


Meeresboden und empfindlichen Lebensräumen
Mithilfe der ausgeschlossen. Die Geisternetze werden lagegenau
„Geistertaucher-App“,
geortet, bevor sie mithilfe von Fischern und
in der Taucher Unterwasserfotos von Netzen
hochladen können, entsteht so nach und nach Bergungstauchern an Bord gehievt und in den
ein Bild der Netzverschmutzung des Ostsee- Hafen geschafft werden.
grunds. Diese freiwillige Vorarbeit erleichtert In der neuen WWF Geistertaucher-App
die anschließende professionell können Taucher und Fischer Netzfunde Das Sonargerät erzeugt wie ein Schweinswal
organisierte Bergung. melden und Verdachtsstellen bestätigen. mit Schallwellen eine Karte vom Meeresboden.
18 19
Geborgene Stellnetze enthalten
Bleileinen, die auch vor der Müll- Probleme der Netzentsorgung an Land Geisternetze aus der Ostsee Skateboard und Frisbee aus ausrangierten Fischernetzen.

verbrennung zur Energiegewinnung


entfernt werden müssen.
sind nicht recycelbar
Studien, die der WWF als Partner im Marelitt
Baltic Projekt erarbeitet hat, haben gezeigt: Meist sind die Geisternetze extrem verschmutzt
Eine – gar umweltgerechte – Entsorgung und im Fall der Nylon-Stellnetze mit Bleileinen
von Geisternetzen gibt es bisher nicht. durchsetzt. Das macht eine Plastik-Wiederver-
Weder sind die Häfen durch Sammelbehälter wertung technisch aufwendig und überaus un-
darauf eingerichtet noch gibt es geregelte wirtschaftlich. Zwar lässt sich das Nylon nach
Entsorgungsmöglichkeiten in unserem beste- komplizierter Material­trennung wieder zu Garn
henden Entsorgungs­system. Die Zusammen­ spinnen, doch nur in mini­malen Mengen und
setzung der Netze aus verschie­denen Plastik- mit außergewöhn­lich hohem Aufwand. Das
Eines der wenigen Bei­spiele, dass ein sinnvolles Recycling
arten und die bei Stellnetzen in die Netzleinen feine Ostsee-Sediment und die ineinan­der ver-
von Fischernetzen möglich ist, zeigt die Firma Bureo. Diese
eingewobenen Bleigewichte machen Geis- wobenen Netz­teile machen gerade bei den aus
ERGEBNIS fertigt in Chile aus ausrangier­ten Netzen Skateboards, Frisbees
Zwar lässt ternetze zu einem Problem, für das es der Ostsee gebor­genen Geister­netzen ein
sich das und Sonnenbrillen. Durch das Ein­sammeln ausge­dienter Netze
Blei aus Gei
sternetzen bisher keinen anderen Weg gab als Recycling zur unlösbaren Aufgabe.
mithilfe ein weist Bureo auf den Wert des Materials hin und schärft das
er sogenan
nten den zur Sondermüll­deponie. Über
„Kunststoff
ver­dampfu Umwelt­bewusstsein der am Recycling beteiligten südamerika-
zurückgew ng“ drei Jahre hinweg hat der WWF Anders verhält es sich mit den von
innen und
aus dem nischen Fischer für die Folgen von Netzverlusten im Meer.
Plastik Ener
giegas erze nach Verarbeitungs- und Aufberei- Fischern ausrangierten Fischernetzen
Bisher exis ugen.
tieren jedo
ch
tungsmöglichkeiten für Geisternetze („Altnetzen“), solche die nicht
nur Versuch
s- geforscht. mehr eingesetzt werden können.
anlagen. Stellnetze aus Nylon Dicke Schleppnetze
lassen sich wieder zu aus Polypropylen oder
Garn spinnen. Polyethylen lassen sich zu
In einer gewöhnlichen Müllverbrennungs- Recycling-Granulat
anlage ist eine Verwertung nur möglich, wenn einschmelzen.
zuvor das Umweltgift Blei entfernt wurde. Die-
se Verfahren sind teuer und bisher noch nicht
industriell verfügbar. Zugleich offen­baren sie
Die Garne können bei der Das Granulat lässt sich
die wahren Kosten, die beim Einsatz der ver- Produktion von Kleidung beispielsweise zu Frisbee-
meintlich billigen Plastiknetze entstehen. Erste oder Rucksäcken zum scheiben verarbeiten.
Versuche, Geisternetze in Handarbeit aufzu- Einsatz kommen.

bereiten, deuten darauf hin, dass sich das Blei


ent­fernen lässt, um eine ungiftige Verbrennung
zu ermöglichen.

Gemeinsam mit Angestellten der Vecoplan AG in Bad Marienberg


hat der WWF die Geisternetze „zerpflückt“, um das Recycling Ausgediente Stellnetze sind sauber
20 der Plastikfasern zu testen. und für das Nylonrecycling geeignet. 21
Die vom WWF entwickelten Wie die Politik mit dem Thema umgeht

Lösungen gegen Geisternetze


Die Berichte über Ausmaß und Folgen der Plastik­vermüllung
unserer Meere sowie die Gefährdung durch Geisternetze als
Teil dieses Problems haben Bevöl­kerung ebenso wie Politiker
alarmiert: Auf den G20- und G7-Gipfeln der Staatschefs steht
das Thema seit 2015 auf der Tagesordnung jeder Sitzung.
Seine Methode, verlorenen Fischernetzen auf die Spur
In der EU wurde 2018 die EU-Plastikrichtlinie verabschiedet,
zu kommen, sie zu bergen und fachgerecht zu entsorgen,
die eine Reihe von Einwegplastikartikeln verbietet. Auch für
hat der WWF Landes- und Bundesämtern als Vorlage Fischernetze gibt es jetzt Regeln. Dazu zählen beispielsweise
für zukünftige Bergungen zur Verfügung gestellt. die Produktverantwortung für Netzhersteller und eine Ent-
sorgungspflicht. Jetzt wird es darauf ankommen, wie diese
Pflichten zügig in die Praxis umgesetzt werden können.
Geisternetze tragen zur Belastung unserer Meere mit
Plastik bei. Viele der aus der deutschen Ostsee gebor- Auch an Land wird Plastik aus dem Meer zum Problem
wie hier beim Nestbau der Basstölpel auf Helgoland.
genen Netze sind älter als 30 Jahre. Gerade Stellnetze
gehen jedoch auch heute noch verloren und stellen eine
Bedrohung für Meerestiere dar. Ihre langsame Zerset-
zung und die auch heute noch im Meer zurückgelassenen
Fischernetze sind für die Ozeane und ihre Bewohner
eine ungemein schwer verdauliche Hinterlassenschaft.
Aus dieser Erkenntnis muss die Politik Rückschlüsse
für zukünftiges Handeln ziehen.

Die vom WWF entwickelte Methode macht es möglich,


wenigstens einen Teil der Geisternetze aus den deut-
schen Küstengewässern zu fischen und so deren Belas-
Handlungs- tung mit Mikroplastik zu verringern. Diesem Beispiel
leitfaden zum Um-
gang mit geborgene
können die Landes- und Bundesämter folgen. Ihnen
n
Netzen, abrufbar un hat der WWF zu diesem Zweck sein Know-how bereit­
ter:
marelittbaltic.eu/ gestellt, sodass sie mit Regelungen und Finanzierung
documentation
das Nötige veranlassen können, um unsere Meere von
der Gefahr der Geisternetze zu befreien. Beim Geisternetze-Gipfel wurde die vom WWF entwickelte Methode
Bundes- und Landesämtern auch ganz praktisch bei einer Netzbergung
22 im Hafen von Sassnitz vorgestellt. 23
Was der WWF Daher fordert der WWF …
400 –500 lange Jahre
liegen verloren gegangene

von der Politik fordert


Netze im Meer, bevor sie sich
• d
 ie Pflicht zur raschen Suche und
vollständig zersetzt haben.
Bergung von verlorenem Fischerei-
­gerät, die aus öffentlichen Mitteln
finanziert wird.

• d
 ie Einbindung aller Fischereihäfen
Die Bergung und Verwertung der Geisternetze kann nicht weiter nur in ein flächendeckendes Sammel-
eine freiwillige Sache von Umweltverbänden, Vereinen und Ehrenamtlichen system für Altnetze und Geisternetze
bleiben. Auch wenn heutige deutsche Fischer die Geisternetzplage sowie deren Kopplung an die umwelt-
ver­träglichste Verwertung, die
nicht allein zu verantworten haben, existiert das Problem dennoch seit
technisch verfügbar ist.
der Zeit, als die Plastiknetze in der Fischerei eingeführt wurden. Das ist
mehr als 50 Jahre her. Für die Beseitigung dieser Gefahr sollte wie auch • d
 en Bau und die Erprobung von Pilot-
in anderen Bereichen der Fischerei das Verursacherprinzip gelten. anlagen zur schadstofffreien Verwer-
tung von Geisternetzen (zusammen
mit anderem Problemmüll wie z. B.
Gemeinsam mit der Fischerei und den für Ziel muss es schließlich sein, … Elektronikschrott).
unsere Meeresumwelt verantwortlichen
Behörden muss ein Weg für die regelmäßige … das Geisternetz-Phänomen aus der Welt zu schaffen. Dafür • d
 ie Information von Fischern, Hafen-
Meldung, Bergung und Anlandung von ver- müssen Netze entwickelt werden, die sich binnen weniger Jahre verantwortlichen und der Entsorgungs-
lorenen Netzen gefunden werden. Damit wäre und ohne Schaden zu verbreiten in der Meeresumwelt zersetzen. wirtschaft, damit eine Entsorgung nicht
sichergestellt, dass Netze nicht mehr auf unab- Überdies ist eine bessere Markierung von Netzen nötig, um sie an mangelndem Wissen der direkt
sehbare Zeit im Meer liegen bleiben. Einfache, bei Verlust leichter wiederzufinden und zeitnah zu bergen. Beteiligten scheitert. Internationale
bessere Regelungen braucht es vor allem für Arbeitsgruppen tauschen ihre
die Finanzierung von Bergungen sowie für die Darüber hinaus ist die Forschung gefordert, Netze aus we- Das Erfahrungen in diesen Be-
Ziel des WWF
Art und Weise, wie Fischer den Verlust und niger und leichter trennbaren Materialien zu entwickeln, reichen aus und ermög-
Deutschland ist es
,
Fund von Netzen melden können. Natürlich die ein Recycling möglich machen. Langfristig brauchen Geisternetze als Fa lichen auf diese Weise
lle für
müssen die Bergungs­aktionen fortgeführt und wir biologisch abbaubare Netze, deren Schad­wirkung Meerestiere und da ein stetiges Weiter­
mit Plastik
aus dem Meer zu
ausgeweitet werden. Dies kann langfristig im Meer nur von minimaler Dauer ist anstatt wie bisher entfernen. So lernen und Handeln.
verhindern wir, da
ss winzige
nur unter der Koordination der Landesämter von mehreren 100 Jahren. Damit es möglichst bald dazu Plastikfasern über
hunderte
geschehen. Erst das ermöglicht eine regel- kommt, muss die Forschung an alternativen Netzmate- von Jahren in die ma
rine
mäßige Bergung unabhängig von der unwäg­ rialien verstärkt werden, sodass sich das Plastik aus den Nahrungskette ge
-
Umweltminister Dr. Till Backhaus von Mecklenburg-Vorpommern langen.
und Projektleiter Jochen Lamp (WWF) bergen gemeinsam baren Finanzierung aus Spendengeldern. Fischernetzen in den Stoffkreislauf zurückführen lässt.
24 beim Geisternetze-Gipfel ein altes Netz. 25
Partner des WWF Referenzliste

gegen Geisternetze
1 Witt, G., Jeorgakopulos, K., 2015, Hochschule 4 Jambeck et al. 2015:
für Angewandte Wissenschaften Hamburg: https://www.researchgate.net/publication/272185208_
https://www.haw-hamburg.de/news-online-journal/ Marine_pollution_Plastic_waste_inputs_from_land_into_
newsdetails/artikel/schadstoffbelastung-durch-plastik- the_ocean
giftcocktails-im-sediment-hoeher-als-erwartet.html
5 Dau et al. 2015, NLWKN:
2 von Moos et al. 2012: https://www.nationalpark-wattenmeer.de/sites/default/
Seit 2013 arbeitet der WWF Deutschland mit vielen Partnern daran, https://pubs.acs.org/doi/10.1021/es302332w# files/media/pdf/abschlussbericht_aktualisierte_fassung_
Geisternetze ausfindig zu machen, zu bergen und wiederzuverwerten. f4l_nds_2013-_2014.pdf
van Cauwenberghe & Jansen 2014:
https://www.expeditionmed.eu/fr/wp-content/up- 6 Pham et al. 2014:
loads/2015/02/Van-Cauwenberghe-2014-microplas- https://www.researchgate.net/publication/262024590_
Eine herausragende Rolle hat dabei das von der EU finanzierte Projekt
tics-in-cultured-shellfish1.pdf Marine_Litter_Distribution_and_Density_in_European_
MARELITT Baltic gespielt (www.marelittbaltic.eu). Seas_from_the_Shelves_to_Deep_Basins
3 Fossi et al. 2012:
Bei der Sonarsuche und App-Entwicklung unterstützen uns die Postcode https://www.researchgate.net/publication/257494576_ 7 Kühn et al. 2015:
Lotterie, das Umweltbundesamt, NUE und BINGO – die Umweltlotterie. Are_baleen_whales_exposed_to_microplastics_threat_ https://www.researchgate.net/publication/277637882_
The_case_study_of_the_Mediterranean_Fin_whale Deleterious_Effects_of_Litter_on_Marine_Life
Bei der Bergung von Geisternetzen helfen dem WWF das Entsorgungs-
unternehmen PreZero GmbH (ehemals Tönsmeier AG), der Einzel- Fossi et al. 2014:
https://www.researchgate.net/publication/260339965_
handelsverbund EDEKA, Schul­klassen, Privatspender und viele Large_filter_feeding_marine_organisms_as_indicators_
freiwillige Taucher. Mit deren Engagement hat der WWF zeigen of_microplastic_in_the_pelagic_environment_The_case_
können, wie man das Geisternetze-Problem in unseren studies_of_the_Mediterranean_basking_shark_
Cetorhinus_maximus_and_fin_whale_Balaenoptera_
Meeren anpacken kann. physalu
Jetzt
sind Ges
ellschaft
und Politi
k gefragt,
die Umse
tzung die
Maßnah ser
men zu fi
zieren un nan-
d sicher-
MARELITT EUROPEAN
zustellen
.
Baltic
REGIONAL
DEVELOPMENT
FUND
EUROPEAN UNION

Bildnachweise
Christian Howe: Cover, S. 16, 17, 18, 19, 23, 24; Andrea Stolte/WWF: S. 20, 21; bureo.co: S. 21;
Gustavo Ybarra/WWF-US: S. 13; Doug Helton/wikicommons: S. 13; Florian Huber/WWF: S. 5, 19;
Kaya Larijya/PreZero: S. 10; Marc Lenz: S. 12, 23; Martin Siegel/greenpicture: S. 2; Rudolfo Perez: S. 13;
26 Tom Jefferson: S. 13; Wolf Wichmann: S. 3, 6, 7, 9, 11, 14, 25; WWF Deutschland: S. 20 27
Erfahren Sie mehr!
über Geisternetze: wwf.de/geisternetze
über die Folgen des Plastikmülls im Meer: wwf.de/plastik
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wwf.de/spenden-geisternetze

In der neuen WWF Geistertaucher-App können Taucher und Mehr WWF-Wissen


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