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der Stil: das Bauhaus

Volker Saux erzählt uns nun die Geschichte einer sehr wichtigen
deutschen Kunstschule des 20. Jahrhunderts, das Bauhaus.

Weimar... unsere deutschen Zuschauer verbinden natürlich sofort etwas


mit dieser Stadt.

Weimar verkörpert gleichzeitig die Größe und den Verfall Deutschlands:


Goethe ließ sich in Weimar nieder, hier wurde die Weimarer Republik
gegründet, Deutschlands erste Demokratie, die von 1919 bis zur Wahl
Hitlers währte; das Konzentrationslager Buchenwald befand sich hier.

Und in Weimar wurde auch die wichtigste deutsche Kunstschule des 20.
Jahrhunderts gegründet: das Bauhaus.

Bauhaus: Für einen Franzosen klingt das Wort ein wenig streng und kalt.
Dahinter verbirgt sich jedoch eine künstlerische Revolution, ohne die das
Design und die Architektur des 20. Jahrhunderts heute völlig anders
aussehen würden. Berühmte Künstler wie Wassily Kandinsky und Paul Klee
lehrten als Professoren am Bauhaus.

Denn das Bauhaus, dieser einfache, schlichte, und gleichzeitig bildhafte


Name, steht in erster Linie für eine Schule:

Sie wurde 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, einem 36-
jährigen Architekten, der für seinen kühnen Stil bekannt war: Geraden und
rechte Winkel, Glasfassaden, keinerlei Verzierung. Das erscheint uns heute
banal, doch damals war es etwas ganz Neues.

Als Gropius zum Direktor der Weimarer Hochschule für Bildende Kunst wie
auch der Kunstgewerbeschule ernannt wurde, beschloss er, beide zu
vereinigen: Er gründete das Staatliche Bauhaus zu Weimar, kurz Bauhaus
genannt.

Der Grundgedanke des Bauhaus war, nicht länger zwischen der Bildenden
Kunst, also den schönen Künsten, und der Angewandten Kunst, also dem
Kunsthandwerk, zu unterscheiden. Dieser Gedanke keimte bereits im 19.
Jahrhundert und fand Ausdruck in Bewegungen wie Arts & Crafts in
England oder im Jugendstil, l’art nouveau.

Im Bauhaus lernt man also, Dinge zu entwerfen, die gleichzeitig schön,


funktional und innovativ sind, und die serienmäßig hergestellt werden
können, so dass die Kunst in den Alltag einzieht. Die Schüler haben Kurse
in Kunsttheorie, lernen die Formen- und Farbensprache, mit Lehrern wie
Paul Klee und Kandinsky… und sie lernen in Werkstätten: Weben, Töpfern,
Metallverarbeitung, Tischlern, Drucken.

Hier erlernen die Schüler die Technik und handwerkliche Praxis und
entwerfen Prototypen.
Der Bauhausstil ist sehr modern: einfache, klare Ästhetik mit vielen neuen
Materialien wie Stahl und Glas. Ohne Verzierungen und Schnörkel. Hier
folgt man dem Geist der Avantgarde-Bewegungen der Zeit, vor allem der
geometrischen abstrakten Kunst: Die Gemälde von Piet Mondrian, oder der
russische Konstruktivismus.

Betrachten Sie zum Beispiel diese Lampe von 1924. Oder den Stuhl
Wassily von Marcel Breuer, von 1922: Dies ist der erste Stuhl, der jemals
aus Stahlrohr hergestellt wurde! Die wirklich große Angelegenheit des
Bauhaus, die Königsdisziplin sozusagen, ist die Architektur. Alle Leiter der
Bauhausschule war übrigens Architekten.

Auch hier ging es darum, die Formen zu vereinfachen, zu reduzieren, zu


normieren. Ein typisches Beispiel von Bauhausarchitektur ist das "Haus am
Horn", erbaut 1923. Man wollte ein komfortables, wirtschaftliches,
funktionales Haus bauen. Das muss damals ein Schock gewesen sein!

Oder die Gebäude der Schule in Dessau. Sehen Sie, was für eine
großzügige Fläche die Fensterfront einnimmt? Das ist charakteristisch für
den Bauhaus-Stil. Nach Dessau zieht das Bauhaus 1924. In Weimar waren
das Bauhaus und seine Schüler nicht gerne gesehen, mit ihren
avantgardistischen Ideen und ihrem kommunistischem Gedankengut. Also
zogen sie schließlich fort.

Im Laufe der Jahre wandelt sich das Bauhaus. Unter ihrem neuen Leiter
Hannes Meyer, der 1928 die Schulleitung übernimmt, wird es
umstrukturiert und radikalisiert sich. Meyer will noch einfacheres und
funktionelleres Design, damit auch die Ärmsten der Gesellschaft Zugang
dazu haben. Der letzte Bauhausdirektor ist Ludwig Mies van der Rohe.
1932 verlässt das Bauhaus Dessau und zieht nach Berlin. Als die Nazis ein
Jahr später die Macht ergreifen, wird die Schule geschlossen.

Die Bauhausschule ist tot, nicht aber ihr Geist! Viele Studenten und
Professoren fliehen aus Nazideutschland und verbreiten ihre Ideen und
Visionen in der ganzen Welt. So befindet sich die größte Ansammlung von
Bauhaus-Gebäuden in… Tel Aviv.

Viele emigrieren in die Vereinigten Staaten. Mies van der Rohe, letzter
Direktor der Bauhaus-Schule, wird Leiter der Architekturabteilung im
Armour Institute in Chicago. Er baut die Wolkenkratzer aus Glas, Stahl und
Beton, die wir alle kennen. 1950 entwirft er das berühmten Seagram
Buildings in New York. Walter Gropuis, der erste Direktor der
Bauhausschule, wird Leiter

der Harvard School of Design. Und Laszlo Moholo-Nagy, einer der


berühmten Lehrer am Bauhaus, gründet in Chicago das "New Bauhaus".

Das Bauhaus prägte die Architektur und verhalf ihr zum Durchbruch in die
Moderne – auch wenn sie dadurch kälter und unmenschlicher wurde, wie
manche sagen. Das Bauhaus führte neue Baustoffe ein, und entwickelte
die Idee, dass ein Gegenstand zugleich einfach, schön, funktional und für
alle zugänglich sein kann: eine Auffassung von Design, die heute
allgegenwärtig ist.

Text: Volker Saux


Bild: Louis Rigaud

der Gegenstand: der "Tesbih"


Tonguc Baykurt ist Türke und lebt in Hamburg. Er ist Drehbuch-Autor. Er
stellt uns einen sehr persönlichen Gegenstand vor, den er stets bei sich
trägt: Sein "Tesbih".

Das ist meine Gebetskette. Sie heißt "Tesbih" und kommt aus der Türkei.
Zugegeben, beim ersten Anblick sieht sie nicht viel anders aus als ihre
katholischen oder buddhistischen Kollegen. Aber bei genauerem Hinsehen
gibt es doch einige Unterschiede.

Während der Rosenkranz 59 oder die "Mala" 108 Perlen haben, besteht
mein "Tesbih" aus 33 Perlen. Sie enden an einem länglichen Stück, das
man Imame nennt. An der Imame meines "Tesbihs" hängt ein langer
Puschel anstelle eines Kreuzes oder einer Bommel.

Wir Muslime benutzen den "Tesbih" beim Gedenken an Allah. Dabei rufen
wir die 99 Namen Allahs aus und sind ihm dadurch viel näher als bei
einem normalen Gebet. Adil, Aziz, Cami, Bekir, Fettah, Gani, Hakim,
Hamid, Kerim, Kadir, Latif, Macid, Muhsin… Wer nicht alle 99 Namen im
Kopf hat, kann auch die 3 islamischen Glaubensformeln aussprechen und
zwar jede 33 mal und auf Arabisch. "Subhan Allah", Erhaben ist Allah, "Al-
hamdulillah", Gelobt sei der Herr, und "Allahu Akbar", Allah ist groß. Sie
denken jetzt, dass ein "Tesbih" nur religiösen Zwecken dient. Doch dem ist
nicht so. Für mich, zum Beispiel, war er zuerst ein Spielzeug.

Als ich klein war, fand ich Tesbihperlen in unserer Wohnung in Istanbul
und fädelte sie auf eine Schnur. Mein erster "Tesbih" ! Stolz hängte ich ihn
mir um den Hals und tanzte und sang dazu. Meine Familie lachte sehr über
mich. Nur eine wollte nicht lachen : meine Großmutter. Sie fand, das sei
schlicht und einfach Gotteslästerung. Mich könne der Zorn Gottes treffen,
ich könne zum Krüppel werden oder in der Hölle verbrennen. Ich bekam es
mit der Angst zu tun und betete zu Allah, dass er mich verschone. Allah
verschonte mich. Auch wenn ich manchmal noch heimlich mit meinem
"Tesbih" spielte.

Meine Großmutter war sehr fromm. Sie betete 5 mal am Tag. In der
übrigen Zeit schaute sie aus dem Fenster und zog an ihrem übergroßen
"Tesbih", der 99 Perlen hatte! Wenn sie ihren XXL-"Tesbih" mal verlegt
hatte, zählte sie an ihren verknöcherten Fingern weiter und murmelte
dabei unaufhörlich die Namen Allahs, die in meinen Ohren wie
Zauberformeln klangen. Auch die ersten Muslime zählten übrigens mit
ihren Fingern. Die Gebetskette übernahmen sie viel später von den
Buddhisten. Unser Prophet, der heilige Mohammed, benutzte nie einen.
Das ist auch der Grund, warum manche konservativen Muslime den
"Tesbih" strikt ablehnen.

Meine Großmutter wurde sehr alt. Die Ärzte sagten, das läge an ihrem
"Tesbih", der sich positiv auf ihre Gesundheit auswirkte. Warum Omas
"Tesbih" gesund sein sollte, verstand ich damals nicht. Ich war inzwischen
ein Teenager und sah den "Tesbih" sowieso nur noch als ein männliches
Accessoire. Meine Freunde und ich sammelten Olivenkerne und bastelten
uns daraus "Tesbihe", mit denen wir vor den Mädchen auf und ab
spazierten, um ihnen zu imponieren. Wer nämlich am geschicktesten
seinen "Tesbih" durch die Finger gleiten ließ, war der absolute Held des
Viertels.

Ich bin älter geworden und besitze noch immer einen "Tesbih". Er ist der
wertvollste "Tesbih" der Welt, obwohl er weder aus Gold, noch aus
Elfenbein ist. Er ist aus Oltu-Stein, eine Art schwarzer Bernstein, den man
nur in Erzurum in Ostanatolien findet. Aber nicht deswegen ist er für mich
so wertvoll.

Als ich mit 16 die Heimat verließ, gab ihn mir mein Vater im Hauptbahnhof
von Istanbul. Es wunderte mich dass mein Vater mir zum Abschied eine
Gebetskette schenkte. Doch bald merkte ich, dass dieser "Tesbih" etwas
ganz Besonderes war. Je länger man ihn in der Hand hielt, desto wärmer
und weicher wurde er. Er besaß sozusagen ein Eigenleben. Und auf der
Fahrt glitt er wie von selbst aus meiner Manteltasche, erzählte mir
Geschichten und tröstete mich während der Zugfahrt nach Deutschland,
die 3 Tage und 3 Nächte dauerte. Mein Vater ist inzwischen gestorben. Der
"Tesbih", den er mir damals schenkte, trage ich stets bei mir.

Text: Tonguç Baykurt


Bild: Timo Katz & Christine Gensheimer

das Porträt: die Tussi


Gérard Foussier zeichnet nun das gnadenlose Porträt einer durch und
durch deutschen Nervensäge: die Tussi.

Wenn man in Deutschland eine Frau als Tussi bezeichnet, dann ist das
bekanntlich alles andere als ein Kompliment. Denn eine Tussi ist dumm,
vulgär, oberflächlich und nervtötend. Aber die meisten Deutschen wissen
vermutlich aber gar nicht, dass die Tussi ein wichtiges Kapitel ihrer
Geschichte aufschlägt, nämlich das der Cherusker, eines alten
Germanenstammes.

Die Tussi hieß damals nicht Tussi, sondern Thusnelda. Das Schicksal dieser
Thusnelda hängt eng mit dem eines gewissen Arminius zusammen.
Karambolage hat Ihnen diesen Arminius, einen jungen Cheruskerchef, der
auch unter dem Namen Hermann bekannt ist, schon einmal vorgestellt.
Sie erinnern sich vielleicht: Arminius erteilte den Römern im Jahre neun,
eine tüchtige Lektion. Er führte 20 000 römische Soldaten, ein Achtel des
römischen Gesamtheeres, in einen Hinterhalt, und ließ sie abmetzeln.
Diese berühmte Schlacht, die "Schlacht im Teutoburger Wald" war ein
Wendepunkt in der römischen Germanienpolitik und gilt als Auslöser dafür,
dass Germanien nicht romanisiert wurde.

Sie können sich vorstellen, dass Arminius nach seinem Sieg ein toller
Kriegsheld war. Kein Wunder, dass Thusnelda sich in den strammen
Burschen verliebte. Der erwiderte ihre Gefühle. Problem: Thusneldas
Vater, der Cheruskerchef Segestes, war, im Gegensatz zu Arminius, ein
großer Freund der Römer. Zweites Problem: er hatte Thusnelda schon
längst einem anderen Mann versprochen.

Arminius fackelte nicht lange, entführte seine geliebte Thusnelda und


heiratete Sie. Rasender Zorn des Vaters. Der holte sich die Tochter sofort
zurück und schloss sie ein. Arminius fackelte wieder nicht lange und
belagerte den bösen Vater. Segestes, nicht dumm, rief den römischen
Feldherren Germanicus zu Hilfe, der sofort mit seinen Truppen herbeieilte
und die Belagerung sprengte. So. Und als kleines Dankeschön für die
militärische Hilfestellung überließ Segestes dem römischen Feldherr seine
Tochter Thusnelda. Dass die arme Thusnelda inzwischen schwanger war,
kümmerte ihn nicht.

Sie wurde nach Ravenna gebracht und brachte dort in Gefangenschaft


ihren Sohn Tumelicus zur Welt. Im Jahr 17 wurde in Rom ein großer Umzug
zu Ehren des Germanicus veranstaltet. Thusnelda und Thumelicus wurden
dort als Kriegsbeute mitgeführt und zur Schau gestellt. Und wer saß auf
der Ehrentribüne und ergötzte sich an ihrer Schmach? Vater Segestes.

Über den weiteren Verbleib von Thusnelda und ihrem Sohn ist nichts
überliefert. Ihre Geschichte hat jedoch verschiedene Künstler inspiriert:
Johann Heinrich Tischbein den Älteren zu Hermann unterredet sich nach
erfochtenem Sieg mit Thusnelda, ein Gemälde aus dem Jahre 1782, Carl
Theodor von Piloty zu dem riesigen Gemälde Thusnelda im Triumphzug
des Germanicus von 1873, und natürlich den großen deutschen Dichter
Heinrich von Kleist, welcher den Stoff 1808 in seinem Drama Die
Hermannsschlacht behandelte.

Der Vorname Thusnelda hatte Jahrhunderte lang zunächst keine negative


Bedeutung. Den Nazis passte er sogar wunderbar ins Schema ihres
Rassenkultes. Hitler fand ihn so schön arisch, dass er 1936 sogar
versuchte, ein Gesetz anzuregen, dass es Jüdinnen verbieten sollte, den
Namen Thusnelda zu tragen.

Woher kommt nun aber nun die Tussi? Nun, an der Umwandlung der
germanischen Thusnelda in die doofe Tussi ist wahrscheinlich niemand
anderer als Heinrich von Kleist schuld. Sein Stück Die Herrmannschlacht
wurde in deutschen Schulen nämlich zur Pflichtlektüre. Thusnelda ist in
dem Drama eigentlich gar keine negative Figur, aber womöglich reichte
schon die Tatsache, dass Generationen von Jugendlichen das etwas
schwerverdauliche Werk in der Schule lesen mussten, ihnen die Thusnelda
zu vermiesen - zumal die bei Kleist von ihrem Mann auch noch Thuschen
genannt wird. Thusnelda wurde deshalb in den siebziger Jahren in der
Jugendsprache zu "so eine Thusnelda" und schließlich zur "Tussi", eben zu
einer, die einem schrecklich auf die Nerven geht.

Text: Gérard Foussier


Bild: Micki Fröhlich