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Klotz: Zur Identitätspolitik

Selbstinformation zur abgegebenen Arbeit

Lehrveranstaltung: -
Dozent*in: Dirk Lenz
Modul: Philosophische Forschung
Prüfungsnummer: 57371
Semester: Wintersemester 2021/22
Umfang der Arbeit: 4 - 6 Seiten

Name: Celine Klotz


Matrikelnummer: 3389825
Fachsemester: 7.
Studiengang: 1-Fach Bachelor Philosophie
Klotz: Zur Identitätspolitik

Von falschen Gegensätzen


– ein Klärungsversuch zur Identitätspolitik

Wie sich durch den Gebrauch eines Begriffs über die Zeit hinweg seine Bedeutung nicht nur
verschieben, sondern auch vervielfältigen kann, zeigt sich besonders anschaulich am derzeit viel
diskutierten Begriff der Identitätspolitik1: Entstanden im Kontext der Auseinandersetzung
schwarzer Feministinnen mit falschen Universalismen – auch innerhalb linker Räume, die analog
zu demjenigen der Befreiung typischerweise den Anspruch verfolgen, Unterdrückten eine
politische Heimat zu sein –, war Identitätspolitik in den 1970er Jahren vor allem eine
Sammelbezeichnung für politische Strategien, die auf die noch junge Einsicht in die
Intersektionalität von Macht und Herrschaft2 antworteten. Das Combahee River Collective
konstatierte in einem populär gewordenen Statement, dass Befreiungspolitiken angesichts der
engen Verzahnung unterschiedlicher Unterdrückungsverhältnisse zu komplexen Gefügen
grundsätzlich nicht stellvertretend für Andere betrieben werden können und sollen, sondern nur
ausgehend von der eigenen Erfahrung (bzw. Identität).3 In der Konsequenz kann die Anhörung
und Priorisierung von Perspektiven unmittelbar Betroffener in öffentlichen Debatten sowohl
epistemisch (aufgrund der Expertise durch eigene Betroffenheit) vorteilhaft als auch moralisch
(als Akt der Anerkennung) geboten sein.
Identitätspolitik fußt dabei auf einem Politikverständnis, das die Zugehörigkeit von Personen zu
partikularen Gruppen annimmt, wobei Zugehörigkeiten durch inhärente oder zugeschriebene
Merkmale begründet werden und gruppenspezifische Interessen nach sich ziehen.4 Linke, das
heißt progressive Identitätspolitik stellt in der Regel eine Reaktion auf Diskriminierung oder
Unterdrückung dar: Wenn über bestimmte (zugeschriebene) Eigenschaften und Merkmale
Kollektive konstituiert werden, können bereits diese vereinheitlichenden Setzungen
Konsequenzen nach sich ziehen, die sich auf die (zugeschriebene) Zugehörigkeit zurückführen

1 Vgl. bspw. Lindemann, Gesa: Identitätspolitik. Der verklemmte Universalismus, in: Zeit Online 10/2021,
(https://www.zeit.de/kultur/2021-10/identitaetspolitik-gesellschaftskritik-universelle-menschenrechte-
allgemeinwohl-menschenbild-10-nach-8, zuletzt abgerufen am 29.12.2021, 15:02 Uhr)
2 Macht fasse ich im Anschluss an Michel Foucault als Produktivkraft: „Man muß aufhören, die Wirkungen der

Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur 'ausschließen', 'unterdrücken', 'verdrängen', 'zensieren',
'abstrahieren', 'maskieren', 'verschleiern' würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert
Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind
Ergebnisse dieser Produktion.“ (Foucault 1998: 250). Diesem Machtbegriff zufolge ist Macht kein Vermögen zur
Repression, „nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; [sondern] etwas, was sich
von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“ (Foucault 1983: ). In
Abgrenzung dazu und ebenfalls im Anschluss an Foucault fasse ich Herrschaft als geronnene, sich asymmetrisch und
gegebenenfalls repressiv (aus-)wirkende Macht.
3 Vgl. Combahee River Collective Statement, April 1977: https://www.blackpast.org/african-american-

history/combahee-river-collective-statement-1977/ (zuletzt abgerufen am 28.12.2021, 11:32 Uhr).


4 Vgl. ebd.
Klotz: Zur Identitätspolitik

lassen, die aber die Einzelne zu tragen hat.5 Und da die jeweilige Benachteiligung mit der
Zugehörigkeit zu Gruppen begründet wird, schafft die Subsumierung unter vermeintlich
homogene Kategorien für die Betroffenen einen geteilten Erfahrungshorizont.
Von der bürgerlichen Mitte aus betrachtet sind die Frauenbewegung, das Civil Rights Movement
oder das Queer Liberation Movement identitätspolitische Formationen, die (vermeintlich)
universellen, also für das Gemeinwohl betriebene Politiken gegenüberstehen. In der aktuellen
Debatte wird daher im Zusammenhang mit Identitätspolitiken etwa die Vernachlässigung von
Mehrheits- gegenüber Minderheitenbelangen und eine Gefährdung der „Offenheit von
Forschung, Lehre und Diskussion“ (FAZ) befürchtet.6
Vorwürfe intellektueller Abschottung und gesellschaftlicher Spaltung werden dabei
paradoxerweise gerade gegen jene erhoben, die aufzeigen, wie wenig offen die ihrem
Selbstverständnis nach offene Gesellschaft war und noch ist: Trotz allgemeiner
Gleichbehandlungsversprechen und der Betonung von Liberalität und Diversität haben
Ausschlussmechanismen und strukturelle Benachteiligung bis in die Gegenwart Bestand.7
Dass es zu derartigen Vorwürfen überhaupt kommt, kann (je nach adressierender Instanz) an der
Ausklammerung des historischen Ursprungs des Begriffs ebenso wie an der Vergessenheit seines
philosophischen Fundaments liegen: Der Begriff der Identität (von lat. „idem“ = derselbe,
dasselbe; ähnlich der alltagssprachlichen Verwendung von „identisch“ = gleich, mit sich
übereinstimmend) impliziert, übertragen auf Subjekte, eine stabile Sich-Selbst-Gleichheit oder
innere Wahrheit, einen Wesenskern. Die Annahme einer solchen Identität lässt sich in einer
metaphysischen Tradition verorten, die seit der Antike die Vorstellung eines in sich stabilen, mit
einem Wesenskern ausgestatteten Subjekts begründete und während der Epoche der Aufklärung
mit der Ergänzung um Autonomie und Rationalität (und eine implizit normative Dimension) nur
umso stärker wieder eingesetzt wurde. Die identitätspolitische Praxis steht demgegenüber in einer
theoretischen Tradition, die sich zwischen differenzphilosophischen und poststrukturalistischen
Ansätzen verorten lässt. Differenzphilosophische Ansätze wie diejenigen von Jacques Derrida
oder -feministische von Luce Irigaray8 bieten Anknüpfungspunkte für Positionen, die „die

5 Beispiele hierfür sind etwa rassistische Gewalttaten gegenüber Einzelnen aufgrund der zuvor vorgenommenen
rassistischen Kollektivierung oder homo- und transfeindliche Gewalttaten aufgrund der vorgängigen Klassifizierung
als widernatürliche Abweichung von der Norm.
6 Krischke, Wolfgang: Die Abgekanzelten melden sich zurück. Frankfurter Allgemeine Zeitung/FAZ.net, aktualisiert

am 18.05.2021 (https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/journal-of-controversial-ideas-abgekanzelte-unter-
sich-17335993.html, zuletzt aufgerufen am 12.01.2022, 20:18 Uhr)
7 Vgl. Lettow, Susanne: Stellungnahmen: Identitätspolitik und Philosophie, in: Information Philosophie 03/2021, S. 29
8 Während Derrida die Differenz (als unabschließbaren Prozess von Bedeutungsverschiebungen und Resignifikation)

– in Abgrenzung zur traditionell metaphysischen Idealisierung der Identität – als Strukturprinzip von Sprache und
Geschichte begreift (vgl. Derrida 1999: 31ff), argumentiert Irigaray mit dem Konzept der Differenz für die
Unmöglichkeit der Artikulation des Weiblichen innerhalb der patriarchalen (Sprach-)Ordnung. (Vgl. Irigaray 1979)
Klotz: Zur Identitätspolitik

Widersprüchlichkeit, Heterogenität und strukturelle Unabgeschlossenheit“9 von individuellen und


kollektiven Identitäten und Identitätsbildungsprozessen aufzeigen und, ergänzt etwa um
Foucaults Machtbegriff und die Annahme des normativen Gewordenseins, die Möglichkeit von
apriorisch Gegebenem, hier: Öffentlichkeit, Gemeinwohl und Gemeinsamem überhaupt in Frage
stellen.

Wenn also beispielsweise Barbara Zehnpfennig, die um derartige theoretische Grundlagen wissen
müsste, ‚der Identitätspolitik‘ die Vereinbarung des Unvereinbaren, nämlich das
Zusammentreffen von Metaphysik und Konstruktivismus attestiert, enthüllt sie damit
ironischerweise nur ihr eigenes, der metaphysischen Tendenz zur Vereinheitlichung verhaftetes
Denken über politische Subjekte:
„Wenn Identitätspolitik darin besteht, Opferkollektive zu definieren, deren Angehörige aufgrund
ihres So-Seins Unrecht durch Dritte erleiden, wird ihnen dadurch ein Wesenskern unterstellt, der
sie als Opfer festlegt. Das kann man […] als Essentialismus bezeichnen, und dieser zählte immer
schon zum Kernbestand der Metaphysik. Zugleich aber ist die aktuelle Diskussion von einem
radikalen Konstruktivismus á la Foucault und Butler gekennzeichnet, der selbst vor dem
Geschlecht nicht halt macht: Geschlechtlichkeit ist Ergebnis gesellschaftlicher Zuschreibungen
[und] beliebig neu zu definieren. Leider passt beides nicht zusammen. Entweder etwas ist, was es
ist, oder alles ist Definitionssache und damit verhandelbar.“10
Die von Zehnpfennig vorgenommene kontradiktorische Gegenüberstellung illustriert
metatheoretisch (und nicht nur aufgrund des implizit vorausgesetzten Begriffs der Person oder
des politischen Subjekts) das Fehlgehen aufklärerischer Universalismen: Die Charakterisierung
von Identitätspolitik als Definitionspolitik, die Opferkollektive bestimmt und ihnen dabei einen
Wesenskern unterstellt, vergisst auch die grundlegende Ambiguität oder Dialektik der Identität,
die immer aus Selbst- und Fremdbestimmungen und damit innerhalb des Spannungsfeldes
zwischen Affirmation und Negation, Bestätigung und Abgrenzung besteht. Für die politische
Praxis setzt die Reaktion eines (wirklichen oder vermeintlichen) Kollektivs auf Unterdrückung die
Akzeptanz der vereinheitlichenden Zuschreibungen voraus, die durch das
Unterdrückungsverhältnis aufgerufen werden und es wiederum rechtfertigen sollen. Diese
Akzeptanz geht mit Neudefinitionen der zugeschriebenen kollektiven Identität einher, die die
Unterordnung durch und mit abwertende(n) Attribute(n) durch die ermächtigende Selbstwahl
ablösen soll. Dabei besteht durchaus eine gewisse Gefahr der Essenzialisierung11, die

9 Ebd., S. 25.
10 Zehnpfennig, Barbara: Stellungnahmen: Identitätspolitik und Philosophie, in: Information Philosophie 03/2021, S.
11 Zur Frage nach Gefahr und Wirklichkeit der Essenzialisierung queerer Politiken und der Ontologisierung von

Queerness bietet Astrid Deuber-Mankowskys Beitrag im u.A. von Susanne Witzgall herausgegebenen Sammelband
„Hybride Ökologien“ (diaphanes 2020) erhellende Perspektiven.
Klotz: Zur Identitätspolitik

konstruktivistischen Ansätzen allerdings keineswegs ausschließend gegenübersteht.


Identitätspolitik ist vor ihrem ideengeschichtlichen Hintergrund betrachtet vor allem Kritik von
Identität, insofern sie substantiell und statisch gefasst wird und damit unkritisch eine
metaphysische Tradition reproduziert, die bestimmte Identitätsmerkmale zugleich einsetzt und
abweist12, Kategorien eine einfach gegebene Relevanz zuschreibt und damit
Unterdrückunsgverhältnisse und Hierarchien nicht nur konstituiert, sondern auch als gegeben
rechtfertigt und naturalisiert.13 Solange konstruktivistische Positionen „á la Foucault und Butler“
aber nicht mehrheitsfähig sind, kann und muss sich Identitätsbegriffen bedient werden, die in
einer von westlicher Ideengeschichte geprägten Gesellschaft bereits essentialisiert sind. Solche
sich selbst naturalisierenden Essentialismen, die in der uns umgebenden Welt vorgefunden
werden – etwa das binär gedachte Geschlecht –, machen die Berufung auf starre Identitäten –
etwa ‚Frau‘ – für bestimmte politische Forderungen notwendig. Die Inanspruchnahme der
Identität ‚Frau‘, die nicht unabhängig von dem ihr zugeschriebenen inneren Wesen zu denken ist,
kann verschiedene Funktionen erfüllen: Ob sie individuell aus Ermangelung an Alternativen
geschieht oder kollektiv als niedrigschwellige und potentiell erweiterbare Sammelbezeichnung
eingesetzt wird, die auf geteilte Erfahrungen verweist, ist im Kontext der vorliegenden Debatte
zweitrangig. Zentral ist, dass die Inanspruchnahme der Kategorie nicht ihr historisches
Gewordensein ausschließt – ein geteilter Erfahrungshorizont durch die Diskriminierung aufgrund
der gleichen Kategorien kann anerkannt werden, ohne eine metaphysische Stabilität dieser
Kategorien anzunehmen – und umgekehrt nicht die Reproduktion der Annahme innerer
Wahrheiten impliziert.14
Queerness etwa hat als Begriff nur einen Sinn in Abgrenzung zu einer heterosexuell-
cisgeschlechtlichen Norm, die sich selbst naturalisiert und alles ihr nicht Entsprechende als
Anderes identifiziert und als Abweichung negiert. Und da Selbstauskunft nur innerhalb dieser
heteronormativen Ordnung gegeben werden kann, erzeugt letztere die Abweichung ebenso wie
diese sich selbst: Eine abweichende Identität (etwa Nicht-Binarität) für sich zu beanspruchen
stellt gleichermaßen eine Abgrenzung von und Negation der herrschenden Ordnung dar, wie sie

12 So ist etwa die dichotomische Gegenüberstellung von und die jeweils geschlechtliche Assoziation mit
Emotionalität und Rationalität ein Produkt der neuzeitlichen Vernunftidealisierung, die die Unterscheidung als rein
deskriptive einführt und als solche implizit naturalisiert. (Vgl. hierzu Nagl-Docekal 2000: 38 und 124 ff).
13 Judith Butler hat den Vorgang der Naturalisierung von historisch Gewordenem zugunsten der Sicherung von

Herrschaftsverhältnissen im Anschluss an Nietzsche (Moral) und Foucault (Sexualität, Psychopathologie) eingängig


am Beispiel der Geschlechterbinarität expliziert. (Vgl. hierzu: Butler 2017: 37 ff). Das Phänomen beschränkt sich
aber selbstverständlich nicht auf die o.g. Bereiche, sondern lässt sich als überall dort am Werk ausmachen, wo eine
„Natur“, „natürliche Ordnung“ oder „Notwendigkeit“ zur Rechtfertigung herangezogen oder überhaupt von einem
Gegebenen ausgegangen wird.
14 Ebenso implizieren auch in jüngerer Vergangenheit etablierte oder sich noch etablierende Identitätsbegriffe kein

metaphysisches Beharren auf starre Identitäten. So schlägt etwa Judith Butler vor, die „wesentliche
Unvollständigkeit“ der Kategorie ‚Frau(en‘ vorauszusetzen, um sie als „stets offene[n] Schauplatz umkämpfter
Bedeutungen“ zu nutzen: „Die definitorische Unvollständigkeit der Kategorie könnte dann als normatives Ideal
dienen, das von jeder zwanghaften Einschränkung befreit ist.“ (Butler 2019: 35)
Klotz: Zur Identitätspolitik

die Vorherrschaft der letzteren anerkennt und bestätigt. Damit bestätigt jeder
Überwindungsversuch die Ordnung, mit der gebrochen werden soll. Dieses Paradox erhellt den
Umstand, dass ‚die Identitätspolitik‘ auch von links Kritik erfährt15: Während die materialistische
Tradition von der Möglichkeit der Emanzipation im Sinne einer vollständigen Überwindung
bestehender Verhältnisse ausgeht, prägt beispielsweise queerfeministische Ansätze die Annahme,
dass es kein Vor, Nach oder Außerhalb der bestehenden Ordnung gibt; oder ein solcher Zustand
angesichts der unauflöslichen Verwobenheit von Individuen, Handlungspraxen, Sprache und
Denken in die sie konstituierenden Machtbeziehungen zumindest unerreichbar bleibt.

Im Hinblick auf ihre impliziten Anfänge in der Organisation von Arbeiter_innen während der
Industrialisierung und den Kontext der expliziten Etablierung des Begriffs in den 1970er Jahren
wird deutlich, dass es Identitätspolitiken weder „um die Abkehr von Analyse und Kritik
sozioökonomischer Ungleichheit [ging und geht], noch […] darum, eine vermeintlich homogene,
widerspruchsfreie Identität zu fixieren und gegen andere zu behaupten.“16 Stattdessen war die
Perspektive einer Bündnispolitik angedacht, die Differenzen anerkennt, ohne sie zu reifizieren.
Aus der Einsicht in die spezifische Beschaffenheit von Machtbeziehungen, die alles uns
Umgebende und Vorstellbare strukturieren und von denen in Konsequenz kein Entzug möglich
ist, folgt in Kombination mit der Einsicht in die Verwobenheit verschiedener Identitätskategorien
und -merkmale der theoretische Anspruch auf die Anerkennung von Intersektionalität und
praktisch die Perspektive der Allianzbildung für eine anschlussfähige linke Politik.17 Insofern ist
die Feststellung der identitätspolitischen Entsagung eines nie einlösbaren, sich aber konsequent
durch die Geschichte politischer Theorie und Praxis ziehenden und konservative mit
progressiven Dogmatismen einenden Universalitätsanspruchs zutreffend.
Unabhängig von ausstehenden Antworten auf Fragen, die das Ganze betreffen – etwa danach, ob
eine Umgestaltung der Demokratie erstrebenswert oder stattdessen eine Überführung in ein
anderes System notwendig ist, um ganzheitliche Befreiung zu erzielen – lassen sich nicht nur,
sondern werden seit der zunehmenden Liberalisierung des politischen Diskurses vermehrt

15 Die Interessen einzelner Gruppen würden gegenüber dem Anspruch auf die Befreiung von der Klassengesellschaft
priorisiert, die in der jeweiligen Gegenwart alle Mitglieder der betroffenen Gesellschaft knechtet und deren Umsturz
die Freiheit aller bedeuten würde.
16 Lettow: Stellungnahmen: Identitätspolitik und Philosophie, S. 24
17 Der Gedanke der Intersektionalität von Herrschaftsbeziehungen ist in diesem Kontext aus zwei Gründen relevant:

Erstens schreibt Zehnpfennig weiter, „man [sei] im ersten Fall [der vermeintlich metaphysischen Festlegung, Anm. d.
Verf.] unentrinnbar an sein Schicksal als Opfer gekettet“, weil sie Herrschaftsverhältnisse nicht intersektional
versteht: Derselbe Mann kann aufgrund seiner Homosexualität „Opfer“ von bestehenden (homofeindlichen)
Verhältnissen sein und gleichzeitig durch sein Weißsein von diesen (rassistischen) Verhältnissen profitieren.
Zweitens besteht durch die intersektionale Verwobenheit für Befreiungsbewegungen die Gefahr, selbst zu einer
unterdrückenden Instanz zu werden – wie etwa im Fall eines radikalen Marxismus, der jede unterdrückende
Ordnung neben der Klassengesellschaft als Nebenwiderspruch ausklammert, oder im Falle klassistischer und
rassistischer weißer Feminismen, die mit Stigmata über Trans*personen und Sexarbeiter*innen patriarchale Normen
und Ausschlussmechanismen reproduzieren.
Klotz: Zur Identitätspolitik

politische Forderungen im Interesse partikularer Gruppen formuliert. Zumindest stellenweise


mag der von links formulierte Vorwurf zutreffen, dass Identitätspolitiken die soziale Frage
vernachlässigen: Genau dann nämlich, wenn Forderungen einen inhaltlich engen Gegenstand
haben und sich auf den Modus der Repräsentation oder juristischer Anerkennung beschränken.
Dass die Erörterung von Systemfragen und das Beharren auf der sozialen Frage dennoch legitim
und notwendig ist, wird von kaum einer Stimme innerhalb der Linken infrage gestellt. Selbst
allerdings, wenn Materialismen zum Ergebnis kommen, dass durch Reformen des gegebenen
Wirtschaftssystems keine Befreiung möglich ist, bedürfen sowohl der Vorwurf der
Individualisierung politischer Kämpfe als auch die materialistische Ausklammerung von
partikularen Forderungen innerhalb des gegebenen Systems (etwa nach juristischer Anerkennung)
einer gesonderten Rechtfertigung.
Noch immer dem aufklärerischen Subjektmythos anhaftend und von einem Gemeinsamen
ausgehend, das von ‚der Identitätspolitik‘ zugunsten partikularer Gruppen vernachlässigt wird,
ähnelt die Kritik der revolutionären Linken allzu sehr reaktionären Konservatismen und führt die
ursprüngliche Bedeutung des Begriffs der Identitätspolitik ad absurdum.18
Um sich als haltbar zu erweisen, müsste der Vorwurf nach verschiedenen Kriterien differenziert
werden; evaluiert er die verkürzte Auffassung einer eindeutig zu entscheidenden Wahl zwischen
Politiken für kollektive oder partikulare Belange nicht, läuft er Gefahr, in einen populistischen
Dogmatismus zurückzufallen, der seinen Universalismus für die Sicherung diskursiver Hoheit
instrumentalisiert.19 In der Gleichsetzung von Identitätspolitiken mit neoliberalen
Selbstverwirklichungsphantasmen besteht dann vor allem ein Symptom der Machtvergessenheit
einer revolutionären Linken, die von der Einlösung ihres Anspruchs auf Dialektik weit entfernt
ist: Der Bruch mit und die Reproduktion von Gegebenem stellen schließlich keine
kontradiktorischen Gegensätze dar, sondern bedingen sich gegenseitig. Emanzipationsanliegen
und Subversionspraktiken sind Ambiguitäten, die es auszuhalten gilt; und nicht die einen oder die
anderen bremsen die Etablierung einer tragfähigen linken Politik, sondern die sich im Dienste
implizit ausschließender Universalismen vollziehende Bildung falscher Gegensätze.

18Vgl. Lettow: Stellungnahmen: Identitätspolitik und Philosophie, S. 25.


19Eine Möglichkeit stellt die Differenzierung in der Forderung äußerliche und ihr innerliche Aspekte dar, die im
Anschluss wieder in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden können: Wenn etwa geklärt ist, in welchem Kontext
und von welcher Instanz die vermeintlich sozialvergessene Forderung formuliert wird, kann ihr Gegenstand gegen
ihren Anspruch abgewogen werden. Im Anschluss an eine solche Einordnung lässt sich auch die Frage beantworten,
ob etwa antikapitalistische Kämpfe durch Formulierung und Umsetzung der Forderung unterminiert werden
und/oder diejenige danach, ob eine solche punktuelle Unterminierung im jeweiligen Fall und im Hinblick auf das
langfristige Ziel akzeptabel ist. Unter anderen weist Herta Nagl-Docekal darauf hin, dass es oft zuerst einer gezielten
Förderung bedarf, damit „die formaliter gegebenen Chancen auch de facto ergriffen werden können.“ (Nagl-Docekal
2000: 205)
Klotz: Zur Identitätspolitik

Literaturverzeichnis

Nagl-Docekal, Herta: Feministische Philosophie. Ergebnisse, Probleme, Perspektiven, Frankfurt


am Main: Fischer 2000

Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2017

Lindemann, Gesa: Identitätspolitik. Der verklemmte Universalismus, in: Zeit Online 10/2021,
(https://www.zeit.de/kultur/2021-10/identitaetspolitik-gesellschaftskritik-universelle-
menschenrechte-allgemeinwohl-menschenbild-10-nach-8, zuletzt abgerufen am 29.12.2021, 15:02
Uhr)

Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1998

Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp
1983

Lettow, Susanne et al.: Stellungnahmen: Identitätspolitik und Philosophie, in: Information


Philosophie 03/2021, S. 24 - 33

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