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Jg.

88, Heft 21/22 Rechtsprechung 567


12. November 1966

das Feststellungserkenntnis der Vorinstanzen). Zutref- daß er in dieser Hinsicht keine Nachteile hat. Derzeit
fend wendet sich also der Revisionswerber gegen die steht aber noch nicht fest, welchen Beruf der Kläger
Beurteilung der Berufungsinstanz, die praktisch zur einmal nach Beendigung seiner Umschulung ausüben,
Einräumung des Wahlrechtes an den Verletzten führt, welches Einkommen er haben und ob es erforderlich
entweder den konkreten Verdienstentgang ersetzt zu sein wird, daß er bei Ausübung eines Berufes mehr
verlangen oder eine höhere sogenannte abstrakte Energie und Arbeitskraft aufwenden müsse, um seinen
Rente zu fordern. Die abstrakte Rente muß eine Aus- früheren Verdienst zu erreichen. Es können daher die
nahme für jene Härtefälle bleiben, in denen der Ver- Voraussetzungen für die Zuerkennung einer abstrakten
letzte trotz seines körperlichen Dauerschadens leer Rente derzeit weder in der Richtung der Ausgleichs-
ausgehen müßte, weil ihm zufällig und vorläufig kein funktion noch in der Richtung der Sicherungsfunktion
ziffernmäßig erfaßbarer Verdienstausfall erwachsen einer solchen Rente festgestellt werden. Eine Verur-
ist. In allen anderen Fällen muß die konkrete Be- teilung zum Ersatz eines. zukünftigen Verdienstent-
rechnung des Verdienstentganges Platz greifen; bei ganges ist aber nicht m()glich, wenn nicht feststellbar
Erwirkung eines Feststellungsurteils wird es dem Ver- ist, ob und welchen Verdienst der Kläger in Zukunft
letzten in diesen Fällen immer möglich sein, in Zu- haben wird. Immer müssen konkrete Umstände nach-
kunft den Ersatz eines weiteren Verdienstentganges gewiesen werden, aus denen schon jetzt geschlossen
wirksam zu fordern. Aus diesen Erwägungen kommt werden könnte, daß und welchen Verdienstentgang der
das Revisionsgericht - in Übereinstimmung mit der Kläger in Zukunft erleiden könnte. Die Rente ist nicht
Beurteilung der ersten Instanz - zum Ergebnis, daß als eine Prämie zu behandeln, sondern es muß immer
das noch offene Rentenbegehren von S 300,- monatlich der innere Zusammenhang mit einem Verdienstentgang
ab 27. 1. 1965 unbegründet ist. Auch innerhalb dieses in Zukunft gewahrt bleiben (ZVR. 1959, Nr. 149, ZVR.
Rahmens kann dem Kläger Ersatz seines k o n k r e t e n 1960, Nr. 87, ZVR. 1963, Nr. 95, 2 Ob 80/62).
Verdienstentganges aus der Hauptbeschäftigung nicht Das Berufungsgericht hat daher mit Recht derzeit
zugesprochen werden, .weil er ausdrücklich erklärt abgelehnt, dem Kläger die begehrte abstrakte Rente
hatte, in dieser Beziehung ein Begehren nicht zu stel- zuzuerkennen.
len. Im Sinne dieser Ausführungen ist die Rechtsrüge
des Revisionswerbers zu diesem Punkte gerechtfertigt.
§ 1325 ABGB.: Zur Höhe der abstrakten Rente.
Entscheidung des OGH. vom 3. 3. 1966, 2 Ob 41/66
§ 1325 ABGB.: Für denselben Zeitraum kann nicht Der Kläger wurde am 29. 7. 1960 bei einem Verkehrs-
nebeneinander Ersatz eines effektiven Verdienstent- unfali verletzt, den L. verschuldete. Die Ersatzpflicht
ganges und eine „abstrakte Rente" verlangt werden 1)~ . der beklagten Partei für ·künftige unfallskausale Schä-
den des Klägers steht urteilsmäßig rechtskräftig fest.
Entscheidung des OGH. vom 7. 10. 1965, 2 Ob 306/65
Mit der vorliegenden Klage begehrte der Kläger
Der Kläger hat in der Klage behauptet, d.aß der die Zahlung einer (sogenannten abstrakten) ~schwer­
Beklagte am 26. 3. 1961 auf der P.-Bundesstraße im !l.Ün::ente in der Höhe von 25 % seines Arbeitslohnes
Gemeindegebiet von K. einen Verkehrsunfall ver- für die Zeit vom 1. 2. 1964 bis 6. 6. 1996 (Erreichen des
schuldet habe, bei dem er verletzt worden sei. Der 65. Lebensjahres). Bei Schluß der Verhandlung betrug
Beklagte sei mit seinem Kraftwagen in die linke Fahr- die Rentenforderung S 410,- monatlich. ·
bahnhälfte geraten und dort mit dem von ihm ge- Die beklagte Partei beantragte, die .Klage abzuweisen.
lenkten Motorrad zusammengestoßen. Das Erstgericht sprach unter Abweisung des Mehr-
Im fortgesetzten Verfahren hat der Kläger für alle begehrens dem Kläger eine Monatsrente von S 350,-
Ansprüche ein Mitverschulden zu einem Viertel aner- für die Zeit vom 21. 6. 1965 (Schluß der Verhandlung)
kannt und sein Begehren diesbezüglich eingeschränkt. bis 6. 6. 1996 zu. .
Von seinen Ansprüchen sind nur mehr der nach§ 1326 ·Die Berufung des Klägers blieb erfolglos.
ABGB. in der Höhe von S 37.500,-:- und das Begehren Der Berufung der beklagten Partei wurde teilweise
auf Zuerkennung einer abstrakten Rente von monatlich Folge gegeben und in Abänderung des Ersturteils die
S 750,- ab 27. 2. 1965 strittig. Monatsrente auf S 250,- herabgesetzt.
Bezüglich des Renteribegehrens hat das Erstgericht Beide Parteien erheben Revision wegen unrichtiger
den Standpunkt eingenommen, daß der Kläger derzeit rechtlicher Beurteilung. Beide Revisionen sind nicht
für einen anderen Beruf umgeschult werde, daher begründet.
keinem Erwerb nachgehe und weder eine Entschädigung Nach den maßgeblichen Feststellungen der Unter-
für einen erhöhten Arbeitsaufwand noch eine Sicherheit gerichte erlitt der Kläger beim Unfall eine zunächst
für die Zl,1.kunft begehren könne. Dem Kläger würde als Prellung diagnostizierte und erst viel später als
für die gesamte Zeit seiner Umschulung (er besucht Kahnbeinbruch erkannte Verletzung der rechten Hand,
derzeit einen vierjährigen Lehrgang für Mechaniker in die eine Arthrose zur Folge hatte. Infolge eines solchen
der Bundesfachschule für Technik Wien) der Verdienst- Bruches treten besonders beim· Heben schwerer Lasten,
entgang ersetzt. . beim Zuschlagen sowie beim Mörtelanwerfen Be-
Das Berufungsgericht war derselben Rechtsansicht, schwerden auf. Der Kläger ist verletzungsbedingt nach
gegen die sich der Kläger in der Revision wendet. Er
dem KriegsopferversorgungsG. um 25%, nach den Ver-
verweist darauf, daß der abstrakten Rente auch eine
sicherungsrichtlinien um 10-15% in seiner Erwerbs-
Sicherungsfunktion zukomme und dies schon jetzt be-
fähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt be-
rücksichtigt werden müsse. Sie könne auch neben einem
schränkt. Mit einer Besserung der Verletzungsfolgen
Verdienstentgang gewährt werden. -
ist nicht mehr zu rechnen. Der Kläger übte vor dem
Diesen Ausführungen kann nicht beigepflichtet wer- -
den. Nach dem festgestellten Sachverhalt geht der Unfall den Maurerberuf aus. Als Maurer ist er auch
Kläger .derzeit keinem Erwerb nach, weil er auf einen wieder tätig, seit er seine Arbeitsfähigkeit wieder er-
anderen Beruf umgeschult wird; Für die Zeit dieser langt hat und zwar seit Ende April 1963 als Vor-
Umschulung wird ihm der Verd!enstentgang ersetzt, so arbeiter, ohne daß sich dadurch die tatsächlich zu ver-
richtenden Arbeiten wesentlich geändert hätten. Der
1) Vgl. dazu
Kläger muß jedoch seit dem Unfall immer wieder
Steining er. Zur abstrakten Rente, in die -
s e m Heft der JBI. 1966, S. 543 ff. auftretende Schmerzen und Beschwerden überwinden.
568 Rechtsprechung Juristische
Blätter

Diese machen sich stärker bemerkbar, wenn er Über- eine Erhöhung der auch dem OGH. angemessen er-
stunden machen muß, was .vielfach unvermeidlich ist. scheinenden Rente.
Er kann auch nicht mehr außerhalb seines Dienstver- Ebenso unberechtigt ist aber auch die Revision der
hältnisses zusätzlich arbeiten. Der Kläger verdiente b e k 1 a g t e n P a r t e i. Da diese den Anspruch des
1963 etwa S 24.600,-, 1964 etwa S 30.000,-. Klägers auf Zahlung einer abstrakten Rente grund-
Der Ansicht des Klägers, das Berufungsgericht habe sätzlich nicht mehr bestreitet, sondern sich nur durch
die Relation zwischen Einkommenshöhe und Ausmaß deren Höhe beschwert erachtet, geht ihr Hinweis dar-
der Minderung der Erwerbsfähigkeit als Anhaltspunkt auf, der Kläger sei durch das vorliegende Feststellungs-
für die Höhe der abstrakten Rente völlig außer acht urteil betreffend die Haftung der beklagten Partei
gelassen, kann nicht beigepflichtet werden. Zunächst für künftige unfallskausale Schäden ohnedies aus-
ist festzuhalten, daß sich allgemeingültige Maßstäbe reichend gesichert, ins Leere. Völlig verfehlt ist der
für die Bemessung der Rente nicht aufstellen lassen. Versuch, die Höhe der Rente mit dem Hinweis auf das
Wenn sonach auch schematische Berechnungsmethoden dem Kläger bereits früher zugesprochene Schmerzen-
abzulehnen sind und die Höhe der abstrakten Rente geld zu bekämpfen. Dieses stellt die Genugtuung für
jeweils nach den besonderen' Umständen des Falles alles Ungemach' dar, das der Verletzte, abgesehen von
ermittelt werden muß, so kann doch nicht übersehen der Schädigung seines Erwerbslebens, infolge der Ver~
werden, daß sich von außergewöhnlichen Fällen ab- letzung erduldet. Sie beruht somit auf einem völlig
gesehen - einen solchen stellt der gegenständliche anderen Rechtsgrund als die Rente als Ersatz für
nicht dar - die in der Praxis zugesprochenen Renten Verdienstentgang.
etwa in der Höhe der Hälfte der prozentuellen Erwerbs- Die Bemessung der Höhe der abstrakten Rente ist
minderung bewegen (vgl. P i e g 1 e r, Die „abstrakte eine Ermessensfrage. Daß dem Berufungsgericht bei
Rente" im österr. Schadenersatzrecht, VersR. 1966,. deren Beantwortung ein Rechtsirrtum unterlaufen sei,
S. 103 ff.). Bei einem monatlichen Durchschnittseinkom- ist durch. die beiderseitigen Revisionsausführungen
men von S 2.750,- und einer durchschnittlichen Minde- nicht dargetan, vielmehr hat das Berufungsgericht die
rung der Erwerbsfähigkeit von 17,5% ist der vom Be- Norm des § 273 (1) ZPO. angemessen angewendet.
rufungsgericht 'zuerkannte Rentenbetrag angemessen.
Wird von der für das Revisionsverfahren bindenden
Feststellung über die Höhe des durchschnittlichen § 2 EKHG.; § ·s (3). EisenbahnG. 1957; §§ 7, 1295 und
Monatseinkommens ausgegangen, dann kann auch der 1311 ABGB.: Eine Schleppliftanlage ist kein gefähr-
Frage, ob und welche Einnahmen der Kläger vor dem licher Betrieb; ihr Inhaber haftet daher nicht analog
Unfall aus Arbeiten außerhalb des Dienstverhältnisses den Haftpflichtgesetzen. - Bei einem Unfall infolge
zog, ebensowenig Bedeutung zukommen, wie dem Um- eines unerkennbaren Materialfehlers liegt kein Ver-
stand, daß er jetzt keine Überstunden mehr leisten schulden, sondern Zufall vor.
kann, zumal solche nicht bezahlt wurden, der Kläger Entscheidung des OGH. vom 14. 4. 1966, 2 Ob 66/66
vielmehr hiefür Zeitausgleich erhielt. Nach dem festgestellten Sachverhalt hat sich am
Die Behauptung, das Berufungsgericht habe die 16. 2. 1960 um ca. 15 Uhr auf der Skischleppliftanlage
Sicherungsfunktion der Rente vernachlässigt, ist akten- auf der H.-Alm in B. ein Unfall ereignet, bei dem die
widrig. Das Berufungsgericht hat diesem Umstand beiden Klägerinnen verletzt wurden. Sie haben den
lediglich geringere .Bedeutung beigemessen. als dies Schlepplift benützt und sind bei der ersten Stütze zu-
in anderen Fällen der Fall sein mag. Die Erwägungen folge eines Versagens der Anlage ca. 8 m hoch gehoben
des Berufungsgerichtes, daß beim Beruf und bei der worden und heruntergestürzt. Das Strafverfahren
Arbeitsfreudigkeit des Klägers, soweit überblickbar, gegen den leitenden Betriebsingenieur H. ist nach § 90
keine Gefahr eines Verlustes des Arbeitsplatzes be- StPO. eingestellt worden;
stehe, sind überzeugend. Auf den Einwand, daß der Die Klägerinnen haben in den zur gemeinsamen
Zeitraum von 30 Jahren, für den dem Kläger die Rente Verhandlung und Entscheidung verbundenen Klagen
zuerkannt wurde, eine Prognose bezüglich der Erhal- von der beklagten Partei als Betriebsinhaber Schaden-
tung des Arbeitsplatzes nicht zulasse, ist zu erwidern, ersatz, darunter S 12.000,- Schmerzengeld geltend ge-
daß der Kläger eben schon jetzt eine Rente bezieht, macht.
ohne einen tatsächlichn Verdienstentgang zu erleiden. Das Erstgericht hat vorerst mit einem Teilurteil
Die Ansicht; beim Kläger sei jedenfalls auch in ferner das Begehren der Klägerinnen auf Zuerkennung von
Zukunft mit. einem nur geringen Leistungsabfall zu Schmerzengeldbeträgen abgewiesen. Es hat eine Ver-
rechnen, hat das Berufungsgericht entgegen der Be- schuldenshaftung der beklagten Partei verneint, je-
hauptung. in der klägerischen Revision nicht vertreten.· doch eine Haftung im Sinne der Bestimmungen des
Es erübrigt sich daher, auf die in diesem Zusammen- EKHG. angenommen. ,
hang vom Kläger angestellten Erwägungen einzu- Sodann hat das Erstgericht mit Endurteil die beklagte
gehen. Daß beim Kläger keine Aussicht auf Besserung Partei schuldig erkannt, der Erstklägerin S 1.030,- und
besteht, daß also der Unfall Dauerfolgen nach sich der Zweitklägerin S 11.370,- zu bezahlen. Es hat den
gezogen hat, ist überhaupt Voraussetzung für die Zuer- von der beklagten Partei betriebenen Schlepplift als
kennung einer abstrakten Rente; für deren Höhe kann einen gefährlichen ·Betrieb beurteilt und im. Sinne der
nur das Ausmaß dieser Folgen ein ausschlaggebendes Rechtsprechung eine Haftung der beklagten Partei
Moment bilden. Dem im vorliegenden Fall für die nach den Haftpflicj:ltgesetzen angenommen.
Berechtigung des Zuspruches einer Erschwernisrente Das Berufungsgericht hat der Berufung der beklag-
entscheidenden Umstand, daß sich der Kläger infolge ten Partei Folge gegeben und das erstgerichtliche Ur-
der Unfallverletzung mehr anstrengen muß, um gleiche teil dahin abgeändert, daß es das restliche Klagebe-
Leistungen wie vorher zu erbringen, ist durch den vom gehren der beiden Klägerinnen abgewiesen hat.
Berufungsgericht für angemessen erkannten Betrag aus- Die Revision der Klägerinnen ist nicht gerecht-
reichend. Rechnung getragen, zumal auch nicht über- fertigt.
sehen werden kann, daß die unfallsbedingte Beein- In rechtlicher Hinsicht wenden sich die Klägerinnen
trächtigung nur bei gewissen und nicht bei allen Ver- gegen die Ansicht des Berufungsgerichtes, daß die
richtungen in Erscheinung tritt. Die Revisionsausfüh- Schleppliftanlage nicht als „gefährlicher Betrieb" im
rungen des Klägers bieten somit keine Grundlage für Sinne der Rechtsprechung anzusehen sei. Sie sind der

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