Sie sind auf Seite 1von 17

See discussions, stats, and author profiles for this publication at: https://www.researchgate.

net/publication/279442288

Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik H.-G. Gadamers und


die Möglichkeit der Geisteswissenschaften

Article  in  Logos · January 1994

CITATION READS

1 346

1 author:

Grünewald Bernward
University of Cologne
10 PUBLICATIONS   2 CITATIONS   

SEE PROFILE

Some of the authors of this publication are also working on these related projects:

Kant Studies View project

Foundation of Human Sciences View project

All content following this page was uploaded by Grünewald Bernward on 30 June 2015.

The user has requested enhancement of the downloaded file.


ii Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

[Erschienen in: Logos, Neue Folge, Bd. 1, 1993/94, Heft 2, S. 152-183] Erfahrung‘ |genannt.2 Gadamers Konzeption der hermeneutischen Er- 153

fahrung soll nicht nur die Möglichkeit der Geisteswissenschaften, son-


dern die des Verstehens überhaupt aufklären (so wie Kant die Bedin-
BERNWARD GRÜNEWALD
gungen der Erkenntnis überhaupt habe aufzuklären suchen).3 Immerhin
aber ist damit doch angedeutet (und wird an späteren Stellen ausdrück-
Der Erfahrungsbegriff der dialektischen lich gesagt – vgl. etwa H II 394 [484]), daß auch die Geisteswissenschaf-
Hermeneutik H.-G. Gadamers ten durch diese Konzeption ihre Begründung erhalten sollen. Meine
und die Möglichkeit der Frage ist nun gerade die, ob die Gadamersche Konzeption uns, ihrem
Geisteswissenschaften Anspruch gemäß, auch einen für die Geisteswissenschaften zureichen-
den Begriff von hermeneutischer Erfahrung an die Hand gibt.4
Wer Gadamers einleitende Bemerkungen über das hermeneutische
Phänomen genauer studiert, wird nicht leicht das Verhältnis durchschau-
önnen die Geisteswissenschaften so etwas wie objektive und inter- en können, in welches der Autor die Begriffe des Verstehens, der Er-
K subjektiv überprüfbare Geltung beanspruchen, oder sind sie, wie
ein Politiker das formuliert hat, bloße ‚Diskussions-Wissenschaften‘,
kenntnis und der Erfahrung setzen möchte. Hermeneutische Erfahrung
soll offenbar mehr sein als bloßes Verstehen von Texten. »Im Verstehen
durch nichts als pure Subjektivität gekennzeichnet, im Wissenschaftsbe- der Überlieferung werden nicht nur Texte verstanden, sondern Einsich-
trieb geduldet allenfalls, weil sie die Folgen einer auf objektiver Wissen- ten erworben und Wahrheiten erkannt.« sagt Gadamer in der Einleitung
schaft beruhenden Technik abschätzen und unvermeidliche Härten der seines Werkes (H I 1 [XXVIII]), und ein wenig später heißt es, das An-
letzteren durch die Pflege von kompensatorisch verwertbaren Bildungs- liegen der nachfolgenden Untersuchungen sei es, »Erfahrung von Wahr-
traditionen abmildern könnten? heit, die den Kontrollbereich wissenschaftlicher Methodik übersteigt,
Daß in solchen Hilfsdiensten nicht der Endzweck der Geisteswissen- überall aufzusuchen, wo sie begegnet[,] und auf die ihr eigene Legitima-
schaften liege (weder der historisch-philologisch noch der sozialwissen- tion zu befragen.« (ebda). Lassen wir es zunächst dahingestellt sein, was
schaftlich ausgerichteten), dies hätte eine praktische Reflexion auf diese unter einer Erfahrung zu verstehen sei, welche Wahrheit – nicht etwa
Wissenschaften zu zeigen. Im folgenden soll es zunächst um ihre theoreti- zum Resultat, sondern – zum Gegenstand hätte, so müssen wir uns doch
sche Vertrauenswürdigkeit gehen; nicht um den Endzweck also, sondern
um ihren immanenten Zweck: wahrhaft Wissen zu erwerben. Wir wer-
den uns dabei auf diejenigen Disziplinen konzentrieren, die sich mit den 2 Wenn wir hier von einer ‚Leistung‘ sprechen, so muß um der Genauigkeit willen darauf
Werken der Geistesgeschichte beschäftigen. Die Rezeption solcher Wer- hingewiesen werden, daß Gadamer immer wieder die Sache so darstellt, als gehe es viel-
mehr um etwas, das uns widerfahre: »Nicht was wir tun, nicht was wir tun sollten, son-
ke heißt seit Dilthey in einem besonderen Sinne ‚Verstehen‘, die Theorie dern was über unser Wollen und Tun hinaus mit uns geschieht, steht in Frage.« (H II 438
des Verstehens und der Interpretation heißt Hermeneutik; und die in [XVI]). – In dieser Wendung, einer Art von Anonymisierung des Interpretationsaktes,
Verstehen und Auslegung zu erbringende Leistung hat Hans Georg Ga- dem, wie wir sehen werden, eine Anonymisierung des Interpretationsgegenstandes als
damer (in seinem Hauptwerk »Wahrheit und Methode«1) ‚hermeneutische ‚Überlieferung‘ entspricht, liegt schon ein Gutteil der Problematik der Gadamerschen
Konzeption.
3 Vgl. »Vorwort zur 2. Auflage«, H II 439 f. [XVII f.]
4 Im Hinblick auf Gadamers wiederholte Versicherung, er wolle keine Methodologie der
1 Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen (1960), 6. Aufl. Geisteswissenschaften (sondern etwas Fundamentaleres) in »Wahrheit und Methode«
1990 als Band 1 u. 2 der ‚Gesammelten Werke‘ unter dem (weitere Abhandlungen einbe- ausarbeiten (vgl. etwa das »Vorwort zur 2. Auflage«, H II 437 f. [XVI f.]), müssen wir von
ziehenden) Titel: Hermeneutik I. Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Herme- vornherein darauf hinweisen, daß wir auch hier keineswegs methodologische Fragen dis-
neutik; Hermeneutik II. Ergänzungen. Register (zitiert als »H I« und »H II« mit Seitenzahl, in kutieren, sondern die der Methodologie vorausliegenden erkenntnistheoretischen Prinzi-
eckigen Klammern die Seitenzahl der früheren Auflagen von »Wahrheit und Methode« pien, welche allererst die Möglichkeit einer (freilich schon speziellen Art von) Erfahrung
[einbändige Ausgabe]). eröffnen.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD iii iv Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

fragen, ob das hermeneutische Problem wirklich in der Einsicht in die zweifelhafte Erfahrungsobjekte scheinen dies zu sein, auf die sich da
vom Text beanspruchte |Wahrheit bestehe; im Beispiel: ob die mathe- 154 ganze geisteswissenschaftliche Disziplinen beziehen.
matische Wahrheit der Euklidschen ‚Elemente‘ ein hermeneutisches 155
Problem sei.5 |I. Die Entwicklung des Begriffs der hermeneutischen Erfahrung in
»Wahrheit und Methode«

Kurze systematische Vorüberlegung In der ‚bloß möglichen‘ Existenz des hermeneutischen Gegenstandes
nun scheint die sogenannte ‚dialektische Hermeneutik‘ Hans-Georg Ga-
damers ihren spezifischen Ansatzpunkt zu haben. Man versteht jeden-
Soll etwas ein Gegenstand der Erfahrung sein, so muß es in der Erfah- falls von dieser ‚bloßen Möglichkeit‘ her, daß die dialektische Hermeneu-
rungswelt existieren. – Existiert Homers ‚Ilias‘, existieren die ‚Elemente‘ tik nicht nur weit davon entfernt ist, sich am Erfahrungsbegriff der Na-
Euklids? Was da realiter existiert und erfahrbar ist (etwa die Drucker- turwissenschaften zu orientieren, sondern sogar gegen das Objektivitäts-
schwärze der Zeichenfolgen), so scheint es, ist nichts Geistiges; was ideal von Schleiermachers Hermeneutik und ‚historischer Schule‘ pole-
‚daran‘ Geist ist (die Sinngehalte), das existiert nicht. Wie sollte es er- misiert. ‚Hermeneutische Erfahrung‘ ist danach als ‚dialektisches Ge-
fahrbar sein? – Eine paradoxe Erfahrung! schehen‘ nur in der Entgegensetzung zu dem von Aristoteles bis zur
Zweifellos haben einmal gewisse geistige Prozesse stattgefunden, in neuzeitlichen Naturwissenschaft entwickelten Begriff der induktiven Er-
denen die ‚Elemente‘ und die ‚Ilias‘ entstanden sind, zweifellos haben fahrung zu konzipieren. Der Kantische Erfahrungsbegriff verdient dabei
Personen (oder eine Reihe von Personen) existiert, die sie abgefaßt ha- offenbar (wie wir aus Gadamers Rekapitulation der Begriffsgeschichte
ben. Aber ganze Forschungsrichtungen, wenn nicht ganze geisteswissen- schließen müssen) kaum der Erwähnung, nur der Hegelsche kann nach
schaftliche Disziplinen, wollen eben nicht diese Prozesse und Personen Gadamer die erforderliche allgemeine Struktur bereitstellen, welche spe-
der Vergangenheit erforschen, sondern die Werke selbst; und sie be- ziell der hermeneutischen Erfahrung zugedacht wird7.
trachten solche auf die vergangene Wirklichkeit gerichteten Forschungen Der Begriff der Erfahrung, den Hegel in der ‚Phänomenologie des
allenfalls als die Aufgabe von Hilfsdisziplinen. Die Werke aber (ihrem Geistes‘ exponiert, ist nicht einfach der einer empirischen Erkenntnis
Sinngehalt nach) haben offenbar eine ‚bloß mögliche‘ Existenz, sie hän- und speziell ihres gültigen Produkts (des Erfahrungsurteils) – das wäre
gen in ihrem Dasein ab von dem willkürlichen Entschluß eines Erfah- der Kantische Begriff der Erfahrung -, sondern der eines (solche Er-
rungssubjekts, sie ‚lebendig‘ werden zu lassen – im Verstehen.6 – Recht kenntnisse allenfalls enthaltenden) Prozesses der Selbstbildung des Sub-
jekts, worin dieses sich von einem ‚naiven Bewußtsein‘ schrittweise zu
einem wahren aufklärt und zugleich erst den ‚wahren Gegenstand‘ ent-
deckt. Gadamer zitiert den berühmten Satz:
5 Der Fortgang des Gedankens, wo etwa von der »Erfahrung der Philosophie« die Rede
ist, zeigt, daß Gadamer vor allem an unsere Einsicht in Wahrheiten denkt, die ein von uns »Die dialektische Bewegung, welche das Bewußtsein an ihm selbst, sowohl an seinem
verstandener Autor uns vermittelt. – Wir könnten die Frage also auch dahin wenden, es Wissen als an seinem Gegenstand ausübt, insofern ihm der neue wahre Gegenstand daraus ent-
sei zu klären, ob die Bedingungen solcher Einsichten (die ja zunächst der vestandene Au- springt, ist eigentlich dasjenige, was Erfahrung genannt wird.«8
tor selbst gehabt haben müsse, und zwar letztlich auch ohne wiederum andere Texte ver-
stehen zu müssen) schon die Bedingungen des Verstehens in sich enthielten oder ob
nicht vielmehr allenfalls die Bedingungen des Verstehens die Bedingungen jener Einsich- 7 Vgl. zum Folgenden: H I 352-368 [329-344].
ten implizierten. 8 Hegel, Phänomenologie des Geistes, Ges. WW., Hamburg 1968 ff., Bd. 9, S. 60 – vgl. H I
6 Genau dies meint offenbar Erwin Panofsky, wenn er vom Verstehen sagt: »In der Tat 360 [336 f.], wo Gadamer ohne genauere Abgrenzung darauf verweist, daß M. Heidegger
treten die wirklichen Gegenstände der Geisteswissenschaften durch eben dieses Verfah- »Anziehung und Abstoßung zugleich« gegenüber diesem Hegelschen Text empfunden
ren ins Dasein.« (in dem Aufsatz Kunstgeschichte als geisteswissenschaftliche Disziplin, in: Sinn habe (bezogen auf: M. Heidegger, Hegels Begriff der Erfahrung, in: Holzwege, Gesam-
und Deutung in der bildenden Kunst [1957], Köln 1975 [S. 7-35], S. 19). – Zum Modal- tausg. 1. Abt. Bd. 5, Frankfurt a. M. 1977, S. 115-208, insbes. 180ff.). – Ob Hegel wirk-
begriff der bloßen Möglichkeit vgl. B. Grünewald, Modalität und empirisches Denken. Eine kriti- lich so unbelehrt gewesen ist, den dort entwickelten Begriff der Erfahrung, wie Gadamer
sche Auseinandersetzung mit der Kantischen Modaltheorie, Hamburg 1986, insbes. S. 70-77. im Anschluß an Heidegger nahelegt, für den einzig brauchbaren zu halten, muß man be-
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD v vi Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

|Hegel ist dabei natürlich von vornherein an der prinzipiellen ‚Selbstbil- 156 Überlieferung‘.10 Ihre Seinsart kennzeichnet er zunächst in negativer Ab-
dung‘ des Subjekts interessiert, die auf dem Wege des Begreifens der ei- |grenzung sowohl zum Gegenstand der Naturwissenschaften als zu dem 157

genen Stellungen gegenüber dem Gegenstand überhaupt zum absoluten einer ihm verdächtigen Form von Geisteswissenschaft: Überlieferung sei
philosophischen Wissen führt. Dieses Wissen freilich thematisiert nicht nicht ein Geschehen, das es zu erkennen und zu beherrschen gelte (letz-
mehr einen empirischen Gegenstand, sondern die absolute Einheit von teres denkt er offenbar der Naturwissenschaft als vorzüglichen Zweck
Subjekt und Objekt.9 zu). Sie sei vielmehr Sprache. Für das Weitere bedeutsam ist dann Ga-
Gadamer dagegen möchte die Struktur des Hegelschen Erfahrungs- damers Erläuterung dieser Feststellung: »d. h. sie spricht von sich aus so
begriffs auf das hermeneutische Verhältnis zu empirisch gegebenen wie ein Du. Ein Du ist nicht Gegenstand, sondern verhält sich zu ei-
Werken der Geistesgeschichte anwenden. Zwei Momente des Hegel- nem.« (vgl. H I 363 f. [340]).
schen Begriffs bleiben auch für Gadamer bestimmend: das Moment der Gadamer legt jedoch, sich von der traditionellen Hermeneutik von
Negation des eigenen, naiven Fürwahrhaltens und die Hervorhebung der Schleiermacher bis Dilthey abgrenzend, Wert darauf, daß es in der her-
Selbstveränderung des erfahrenden Subjekts: es geht nicht so sehr, jeden- meneutischen Erfahrung nicht um die Meinung eines Du als solchen, um
falls nicht allein, um das durch die Erfahrung erworbene positive Wissen dessen Lebensäußerung, gehe, sondern um einen Sinngehalt, der abge-
vom Gegenstand, sondern für Gadamer entscheidend darum, daß der löst sei von der Bindung sowohl an das Ich als auch an das Du der Mei-
Erfahrende zum ‚Erfahrenen‘ (durch Erfahrung Gebildeten) werde, was nenden. Dennoch enthielten die originäre Du-Erfahrung einerseits und
sich vor allem darin zeige, daß er radikal undogmatisch und für neue Er- die hermeneutische Erfahrung andererseits eine gemeinsame Abwandlung
fahrung offen sei (vgl. H I 361 [338]). der Struktur von Erfahrung überhaupt, insofern wir eben in beiden nicht
eigentlich einem Gegenstand gegenüberträten, sondern einem echten
Womit konfrontiert uns hermeneutischen Erfahrung? Gewiß meint Kommunikationspartner, der sich zu uns verhalte. Insofern, sagt Gada-
Gadamer Werke, vor allem Texte, die uns vorliegen, aber er spricht in dem mer, sei die Du-Erfahrung immer ein moralisches Phänomen, und es
referierten Zusammenhang globaler und achtunggebietender von ‚der scheint, daß er diesen moralischen Charakter auch der hermeneutische
Erfahrung zubilligen möchte (vgl. H I 364 [340]).
Des näheren charakterisiert Gadamer die Abwandlung der allge-
zweifeln: Man vergleiche etwa § 12 der Einleitung zur »Enzyklopädie«, wo von Erfahrung meinen Erfahrungsstruktur in der hermeneutischen Erfahrung durch die
schlicht als dem ‚Aposteriorischen‘ der empirischen Wissenschaften die Rede ist (Ausg.
Hoffmeister, Hamburg 1949, S. 43 ff.). Analogie zwischen drei Varianten der (alltäglichen) Du-Erfahrung (zwei
9 Die ‚Erfahrung‘ der »Phänomenologie des Geistes«, in Wahrheit von vornherein der defizienten Modi und einem ‚eigentlichen‘ Modus) und den entsprechen-
Versuch, aus naivem Fürwahrhalten zur Erkenntnis a priori fortzuschreiten, ist schließ- den Varianten der (methodisch ausgebildeten) hermeneutischen Erfahrung.
lich nur noch ‚Selbsterfahrung‘ des Geistes, wenn auch mit dem Anspruch, den Gegen- Der erste, defiziente, Modus der alltäglichen Du-Erfahrung ist jene
stand in sich aufgenommen (und aufgehoben) zu haben. Auch die »Anwendung, die He- Erfahrung, aus welcher eine allgemeine, typisierende ‚Menschenkenntnis‘
gel auf die Geschichte macht, indem er sie im absoluten Selbstbewußtsein der Philoso-
phie begriffen sieht« wird nach Gadamer »dem hermeneutischen Bewußtsein nicht ge- resultiert, ein Wissen, welches uns nach Gadamer unsere Mitmenschen
recht« (H I 361 [337 f.]). – Wie sollte sie auch, wenn Hegel gar nicht die Absicht hatte, berechenbar macht und welches das moralisch Bedenkliche an sich habe,
dem empirischen Historiker die Arbeit abzunehmen. Danach fragt man sich natürlich,
warum Gadamer überhaupt von dem Hegelschen Begriff ausgeht, statt etwa von dem
gewöhnlichen der Erkenntnis a posteriori, dem ja vielleicht auch etwas von dem Hegel-
schen zugrundeliegen mag, der aber doch kaum durch den letzteren ersetzbar ist. – Man
vergleiche hierzu auch die kritischen Bemerkungen Claus v. Bormanns in dem Beitrag
»Die Zweideutigkeit der Hermeneutischen Erfahrung« (in: Theorie-Diskussion: Herme- 10 Man kann sich fragen, ob die Vorliebe Gadamers für diesen Kollektivbegriff, die deut-
neutik und Ideologiekritik, Frankfurt 1991, S.83-119): Bormann spricht von der »wohl- lich an die Redeweise gewisser Theologen erinnert, nicht schon eine bestimmte Einstel-
wollenden Konzilianz« Gadamers, die sich »besonders ... im Verhältnis Gadamers zu He- lung beim Umgang mit den Werken nahelegt: Wer wird schon nach objektiver
gel« zeige, »der einmal zustimmend gebraucht wird, dann aber ein völlig anderes Ergebnis |Differenzierung streben, wenn ihm die Überlieferung gegenübersteht? Jedenfalls müssen
liefern soll, als es seiner spekulativ-dialektischen Philosophie nun einmal eingefallen ist« wir feststellen, daß neben die oben angedeutete ‚Anonymisierung‘ des Verstehens- und
(vgl. a.a.O. S. 99). Interpretationsaktes die Anonymisierung des Interpretationsgegenstandes tritt.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD vii viii Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

daß dann »sein Verhalten ... uns genauso als Mittel zu unseren Zwecken Demgegenüber sei es notwendig, die eigene Geschichtlichkeit mit-
wie alle Mittel sonst« dienten (vgl. H I 364 [341]).11 zu|denken und sich bewußt zu werden, daß man selbst in der Überliefe- 159

|Auf der Seite der hermeneutischen Erfahrung entspreche dieser


158 rung stehe. – Der dritte und eigentlich Modus der Du-Erfahrung nämlich
Haltung die sozialwissenschaftliche Einstellung, die aus der Überlieferung ist nach Gadamer das echte Gespräch. In ihm gehe es nicht darum, das Du
nichts als das Typische und Gesetzmäßige herauslesen wolle und die auf nur als Fremdes zu erfassen, sondern darum, dessen Anspruch nicht zu
einem ‚der naturwissenschaftlichen Methodik nachgearbeiteten Klischee‘ überhören, sich etwas von ihm sagen zu lassen. Einander im Gespräch
beruhe (vgl. H I 364 f. [341]). Man wird nicht fehlgehen, wenn man etwa verstehen, das heiße nicht, daß einer den anderen ‚überschaue‘ und
die verstehende Soziologie Max Webers, die Gadamer einmal eine »mo- durchschaue, das heiße auch nicht etwa, blindlings zu tun, was der ande-
numentale Grenzbastion der objektiven Wissenschaft« (vgl. H II 389 re sage, aber es heiße, aufeinander zu hören. Worauf es dabei ankomme,
[479]) nennt, als typischen Fall dieser Art von hermeneutischer Erfah- sei die Anerkennung dessen, »daß ich in mir etwas gegen mich gelten
rung auffaßt. lassen« müsse (vgl. H I 367 [343]).
Der zweite, immer noch defiziente Modus der alltäglichen Du-Er- Dementsprechend bestehe nun die eigentliche hermeneutische Erfah-
fahrung ist das von Gadamer so genannte ‚Reflexions-Verhältnis‘ zum rung darin, die Überlieferung in ihrem Anspruch gelten zu lassen, nicht
Du, in welchem das Du selbst zwar schon in die Erfahrung des Du einbe- bloß die Andersheit der Vergangenheit anzuerkennen, sondern anzuer-
zogen werde, aber doch in der Weise einer ‚Ich-Bezogenheit‘. Denn dort kennen, daß sie mir etwas zu sagen habe. Während das historische Be-
fasse das erfahrende Subjekt sich als das dem erfahrenen Du überlegene Be- wußtsein niemals die Maßstäbe des eigenen Wissens durch die Über-
wußtsein auf, welches allein letztlich wisse – etwa im pädagogischen lieferung in Frage stellen lasse, das Überlieferte vielmehr nur verglei-
oder therapeutischen Verhältnis (oder in Verhältnissen ‚autoritativer
Fürsorge‘) – was es mit dem Du auf sich habe (vgl. H I 366 [341f. – das damer den großen Theoretikern der Geisteswissenschaften zu zollen weiß, scheint doch
therapeutische Gespräch wird in einer späteren Polemik gar auf eine Stu- die Geschichte der Geisteswissenschaften und ihrer Begründung eine Geschichte der
fe mit dem Verhör des Angeklagten gestellt, vgl. H I 389 [363]). Aberrationen von der frühen, ganz auf Anwendung und Verkündigung ausgerichteten
Einstellung vor allem der theologischen und juristischen Hermeneutik zu sein. Nun muß
Dieser Einstellung entspreche in der hermeneutischen Erfahrung ja das Neue nicht das Bessere sein; und darum läßt sich aus dieser Feststellung unmittel-
das historische Bewußtsein, das der Vergangenheit Herr zu werden ver- bar noch kein Argument ziehen.
suche, indem es die Überlieferung in ihrer geschichtlichen Gewordenheit Befremdlicher jedoch könnten uns die moralischen Gesichtspunkte erscheinen, mit
denen die defizienten Modi der Du-Erfahrung und der hermeneutischen Erfahrung ver-
durchschaue. Es ist das Objektivitäts-Ideal des Historismus, dem auch bunden werden. Ist das nicht schon eine ganz besondere, sagen wir: zynische, Form von
Dilthey noch verfallen sei, gegen welches Gadamer hier polemisiert. Das Menschenkenntnis, welche uns dazu verleiten würde, den andern als bloßes Mittel zu ge-
historische Bewußtsein suche sich aus dem Lebensverhältnis zur Über- brauchen? Und sollte es mit der Moralität unvereinbar sein, sich durch Menschenkennt-
lieferung herauszureflektieren und zerstöre damit den wahren Sinn der nis vor illusionärem Optimismus ebenso wie vor blindem Pessimismus in der Einschät-
zung seiner Mitmenschen zu bewahren? Und was die entsprechende geisteswissenschaft-
Überlieferung (vgl. H I 366 [342f.]).12 liche Einstellung angeht: kann verstehende Soziologie nicht auch dem moralisch-
rechtlichen Bewußtsein dienen, indem sie das Verständnis dessen fördert, was sonst gar
nicht leicht in das Licht des moralischen Bewußtseins dringt (Klasseninteressen, unter-
11 Man vergleiche hiermit den Text der Kantischen ‚Grundlegung‘ : »Handle so, daß du schwellige Ideologien)?
die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit Eine bestimmte Art von Reflexionsverhältnis zum Du werden Erzieher und Thera-
zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.« (Akad.-Ausg. IV 429, 10-12). – Der peuten nicht leicht vermeiden können, wenn sie überhaupt eine Aufgabe erfüllen sollen.
Leser mag selbst entscheiden, ob jedesmal, wenn uns das Verhalten eines anderen als Mit- Müssen sie deshalb autoritär sein? Daß das historische Bewußtsein schließlich in der Ga-
tel dient (gesetzt, dies sei der Fall im Zusammenhang mit unserer Menschenkenntnis), wir damerschen Bewertung so schlecht abschneidet, scheint mir zu einem guten Teil an einer
sein Menschsein als bloßes Mittel gebrauchen. vorschnellen Identifikation von historischem Bewußtsein und historizistischem Relati-
12 Zu dieser Disposition der Modi hermeneutischer Erfahrung drängen sich eine Reihe vismus begründet zu sein. Wer, wenn nicht das historische Bewußtsein, sagt dem ‚wir-
von Fragen auf: Mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte könnte jemand schon an der kungsgeschichtlichen Bewußtsein‘, was es der einen und was es dagegen einer ganz ande-
restaurativen Tendenz Anstoß nehmen, die der Gadamerschen Disposition der Modi ren Tradition verdankt? – Haben wir es also nicht zumindest mit vereinfachenden Über-
hermeneutischer Erfahrung zugrundeliegt. Trotz aller sonstigen Anerkennung, die Ga- zeichnungen zu tun?
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD ix x Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

chend betrachte, halte sich die eigentliche hermeneutische Erfahrung, worden, um Untersuchungsobjekte für eine lebensfremde Wissenschaft
deren Einstellung Gadamer ‚wirkungsgeschichtliches Bewußtsein‘ nennt, abzugeben, sondern um uns, den Lesern, den Rezipienten, etwas zu ge-
für den Wahrheitsanspruch, der ihr in der Überlieferung begegne, offen. ben, etwas zu sagen, uns praktisch zu beeinflussen, auf uns ästhetisch zu
Die Vollendung des hermeneutischen Bewußtseins bestehe nicht in me- wirken. Es ist zweifellos das Verdienst der dialektischen Hermeneutik,
thodischer Selbstgewißheit, sondern in der Erfahrungsbereitschaft, die uns diesen eigentlichen Zweck jener Werke, damit auch wohl den wich-
den Erfahrenen gegenüber dem dogmatisch Befangenen auszeichne, in tig|sten Aspekt eines möglichen Endzwecks der betreffenden Geisteswis- 161

der Bereitschaft zur Erfahrung im Gespräch mit der Überlieferung (vgl. H I senschaften ins Bewußtsein gehoben zu haben.15
|367 f. [343f.]).13 Vom Vorbild des Dialogs bezieht daher auch die spä- 160 Um diesem Endzweck, den sie mit der alltäglichen Rezeption der
tere Kennzeichnung der Gadamerschen Konzeption als ‚dialektischer Werke gemein haben, dienen zu können, müssen die Geisteswissen-
Hermeneutik‘ ihr Recht.14 schaften freilich eine bestimmte wissenschaftliche Leistung erbringen, die
‚Sich selbst in Frage stellen lassen‘: das erinnert an das Negations- ihr immanenter Zweck, aber nur Mittel zum Endzweck ist: wissenschaft-
Moment des Hegelschen Erfahrungsbegriffs; ‚Selbstbildung zum Erfah- liche Erkenntnis – auch dort, wo Erkenntnis (und zumal wissenschaftli-
renen‘: das erinnert an die auch bei Hegel geforderte Selbstveränderung che Erkenntnis) keineswegs den primären Zweck der Werke selbst und
in der Erfahrung; daß der Gegenstand von sich aus uns etwas zu sagen ihrer Rezeption darstellt. Wie können die Geisteswissenschaften diesem
habe schließlich, das ist das Besondere der hermeneutischen Erfahrung. immanenten Zweck genügen – durch bloße Vervollkommnung und Sy-
stematisierung jener Leistungen, die auch die sozusagen ‚primäre‘, weil
vom Autor intendierte, Rezeption zu erbringen hat, oder durch ganz an-
II. Kritische Zwischenbetrachtung: Plausibilität und bedenkliche Implikationen der Konzeption dere, auf anderen Prinzipien beruhende, Leistungen? – Die Tendenz von
Gadamers Darlegungen, die Orientierung des wirkungsgeschichtlichen
Versuchen wir eine erste kritische Würdigung der Gadamerschen Kon- Bewußtseins am Gespräch und die Abneigung gegen jede (wie Husserl
zeption. Sehen wir von der Polemik gegen Sozialwissenschaften und hi- sagen würde) ‚Einstellungsänderung‘ gegenüber diesem ‚natürlichen‘
storisches Bewußtsein einmal ab, so fällt es schwer, sich der Plausibilität Bewußtsein, weisen in die erstgenannte Richtung.
dieser Konzeption von hermeneutischer Erfahrung zu entziehen. Sie ist Bevor wir die Alternative entscheiden, sollten wir uns die Konse-
ein Plädoyer für die Integration oder Reintegration der Überlieferung in quenzen der Gadamerschen Konzeption noch durch einige Hinweise
das Leben. Die überlieferten Werke sind ja in der Tat nicht geschrieben verdeutlichen. Gerade im Hinblick auf den immanenten Zweck der Gei-
steswissenschaften könnte uns nämlich Gadamers Polemik gegen die
Idee der Objektivität, die mit seiner Konzeption der hermeneutischen
13 In diesem Zusammenhang gebraucht Gadamer gar die Formulierung, das wirkungsge- Erfahrung aufs engste verknüpft ist und überall in »Wahrheit und Me-
schichtliche Bewußtsein lasse »sich die Überlieferung zur Erfahrung werden«. Ohne allzu thode« präsent ist, bedenklich stimmen. Kann der Geisteswissenschaftler
gewagte Schlüsse aus sprachkritischen Erwägungen zu ziehen, muß man wohl feststellen,
daß die Vieldeutigkeit der deutschen Substantivierungen auf -ung hier eine deutliche Un- es unwidersprochen hinnehmen, wenn etwa gesagt wird, das historische
terscheidung der zugehörigen Relata erschwert. Der Leser könnte sich fragen: Was genau Objekt sei ein Phantom (vgl. H I 305 [283])16, oder, die Hermeneutik sei
wird hier erfahren: das überlieferte Werk, dessen Überlieferung, ein Komplex aus beidem
(und etwa weiteren Werken desselben Überlieferungszusammenhangs), die Gegenstände
und Sachverhalte, von denen das Werk handelt, oder gar, wie wir aus den oben zitierten 15 Es erstaunt deshalb auch nicht, daß die dialektische Hermeneutik beim gebildeten Pu-
Einleitungsüberlegungen entnehmen könnten, die Wahrheit der überlieferten Werke? O- blikum, welches weitgehend ein didaktisch interessiertes Publikum ist, eine so breite und
der soll all dies, im Interesse der Überwindung einer angeblichen Subjekt-Objekt- bis heute andauernde Zustimmung erfahren hat. Denn der eigentliche Zweck der Werke
Trennung und um des sog. hermeneutischen Zirkels willen, gar nicht so genau unter- und der Endzweck der betreffenden Geisteswissenschaften ist dasjenige, was zum Studi-
schieden werden? um der Geisteswissenschaften motiviert und was der im Lehrberuf oder im Kulturbetrieb
14 Vgl. die Untersuchung Richard E. Palmers: Hermeneutics. Interpretation Theory in Schleier- stehende Absolvent vor allem im Auge haben muß.
macher, Dilthey, Heidegger, and Gadamer, Evanston 1969, die Überschrift zum 12. Kapitel: 16 Es ist nicht recht verständlich, warum Gadamer aus der beherzigenswerten Maxime,
»Gadamer's Dialectical Hermeneutics«. »ein wirklich historisches Denken« müsse »die eigene Geschichtlichkeit mitdenken«
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xi xii Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

(durch Heideg|gers Überlegungen – offenbar glücklicher Weise) von 162 ganz anderem versichert sein: der Gültigkeit unseres Verstehens und un-
den ontologischen Hemmungen des Objektivitätsbegriffs der Wissen- serer Interpretation? Müssen wir aus Gadamers Hinweisen nicht schlie-
schaft befreit (vgl. H I 270 [250]); oder wenn der Begriff der Meinung ßen, hier werde die bloß mögliche Existenz des Werkes so aufgefaßt,
des Verfassers als Interpretationsmaßstab abgelehnt wird, weil er wie der daß von dessen Eigenbestimmtheit nichts mehr übrigbleibe – zugunsten
des ursprünglichen Lesers eine »leere Stelle« sei, die sich von Gelegen- ihrer alleinigen (und dann beliebigen) Bestimmbarkeit durch die Wirk-
heit zu Gelegenheit des Verstehens ausfülle (vgl. H I 399 [373]), wenn lichkeit des Verstehens selbst? – Natürlich kann Gadamer dies nicht
schließlich vom ‚wirklichen Sinn eines Textes‘, wie er den Interpreten meinen. |Natürlich kennt er den Unterschied zwischen richtigem und 163

anspreche, behauptet wird, er hänge »nicht von dem Okkasionellen ab, falschem Verständnis und er weiß die methodische Strenge geisteswis-
das der Verfasser und sein Publikum darstellen«17? Er sei vielmehr, so senschaftlicher Arbeit durchaus zu schätzen (vgl. etwa H I 449 f. [514]).
lesen wir erstaunt, »auch durch die geschichtliche Situation des Interpre- Die Frage ist nur, ob sein Begriff der hermeneutischen Erfahrung aus-
ten mitbestimmt«; es gehe letztlich nicht um die Individualität des Au- reicht, um auch das Geltungsproblem von Verstehen und Interpretation
tors und seine Meinung (wie die romantische Hermeneutik fälschlich zumindest prinzipiell zu exponieren – oder ob er es nicht vielmehr als
gemeint habe), sondern um die sachliche Wahrheit der Texte (vgl. H I gelöst voraussetzt und dadurch verdeckt.
301 f. [280]).18 Meine These ist nun, daß wir dieser Gefahr nur begegnen können,
Diese Konzeption der hermeneutischen Erfahrung scheint auf eine indem wir den erkenntnistheoretischen Begriff der Erfahrung, sofern dieser
Zweideutigkeit in der Fassung des hermeneutischen Gegenstandes hi- mehr meint als bloße Rezeption (und sei sie noch so aufnahmebereit),
nauszulaufen. Einmal vorausgesetzt, der Geltungsanspruch der Werke sondern darüber hinaus Erkenntnis aufgrund empirischer Gegebenheit, in
sei überall auf den recht weiten Gadamerschen Begriff von ‚Wahrheit‘ zu die Grundlegung der Geisteswissenschaften miteinbeziehen.19 Um dies
bringen (oder gar auf ihn zu reduzieren): Müssen wir nicht, um diese zu zeigen, möchte ich zunächst den Gadamerschen Begriff der herme-
‚Wahrheit‘ des Werkes auch nur erwägen zu können, der Gültigkeit von neutischen Erfahrung im Hinblick auf verschiedene, in ihm vorausge-
setzte, recht heterogene Geltungsbedingungen analysieren.
schließlich die in sich schon logisch bedenkliche Folgerung zieht: »Der wahre historische
Gegenstand ist kein Gegenstand, sondern die Einheit dieses Einen und Anderen, ein
Verhältnis, in dem die Wirklichkeit der Geschichte ebenso wie die Wirklichkeit des ge- III. Analyse des Gadamerschen Begriffs:
schichtlichen Verstehens besteht.« (H I 305 [283]). – Daß in der Neuausgabe 1990 eine subjektiv-hermeneutische Erfahrung
Fußnote zu diesem Satz feststellt: »Hier droht beständig die Gefahr, das Andere im Ver-
stehen ‚anzueignen‘ und damit in seiner Andersheit zu verkennen.«, ist da sehr begreif-
lich. Der Leser wüßte aber gern, wie der Gefahr zu begegnen ist – und wodurch, wenn Da jede Erfahrung ein Moment der Aufnahme von etwas Gegebenem
nicht durch das Streben nach Objektivität und also nach dem Gegenteil des im Haupttext enthalten muß, ist das erste Moment hermeneutischer Erfahrung die pu-
Propagierten. re Rezeption des Sinngehaltes der jeweiligen Sätze. Sie wurde in der
17 Der unmittelbar folgende Satz nimmt diese Behauptung halb zurück: »Er geht zumin-
hermeneutischen Tradition, etwa bei Ast und Schleiermacher, ‚gramma-
dest nicht darin auf.«
18 Daß diese sachliche Wahrheit dann notwendiger Weise variabel wird, scheint Gadamer tisches Verstehen‘ genannt; ich möchte hier den umfassenderen Termi-
nicht zu stören. E. D. Hirsch hat in seiner Rezension von »Wahrheit und Methode« nus ‚elementares Verstehen‘ benutzen, um einen auch auf das Verstehen
(Truth and Method in Interpretation, The Review of Metaphysics 18, 1965, p. 488-507) die von nichtsprachlichen Werken anwendbaren Begriff zur Verfügung zu
destruktiven Implikationen der Gadamerschen Konzeption scharf und u. E. in der haben. Elementares Verstehen besteht, seiner Geltung nach, in nichts
Hauptsache treffend kritisiert; vgl. auch das systematische Werk des Autors: Validity in In-
terpretation, New Haven 1967 (dt.: Prinzipien der Interpretation, übs. v. A. A. Späth, München
1972; darin auch, als Anhang II: Gadamers Theorie der Interpretation, eine Übersetzung der 19 Anders als es die Überschrift »Überwindung der erkenntnistheoretischen Fragestellung
Rezension). – Eine pointierte Auseinandersetzung mit der Gadamerschen Position im durch die phänomenologische Forschung« (Abschnitt I 3. des Zweiten Teils von »Wahr-
Hinblick auf die (von uns nicht thematisierte) Interpretation philosophischer Werke findet sich heit und Methode«) nahelegt, geht es uns also um eine Wiedergewinnung der erkenntnis-
unter diesem Titel in einer von Reinhard Brandt veröffentlichten Einführung in das Studium theoretischen Fragestellung – mag es im übrigen auch noch so sinnvoll sein, die erkennt-
antiker und neuzeitlicher Philosophie, Stuttgart-Bad Cannstatt 1984, insbes. S. 11 – 62. nistheoretische Fragestellung durch weitergehende Fragen zu ergänzen.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xiii xiv Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

anderem als in der Identifikation der im Werk objektivierten Sinngehalte. |Nun kann, wenn wir hier zunächst bei sprachlich artikulierten 165
164
Wie diese Identifikation im einzelnen stattfindet, wieviel protentional- Werken bleiben, in aller Regel nicht von einem wirklichen Verstehen die
vage Vorwegnahme des Sinn-Ganzen die Identifikation der einzelnen Rede sein, wenn wir nur genau die uns vorliegenden Wörter und Sätze
Sinnmomente erfordert (obwohl das bestimmte Sinnganze erst aus den verstehen. Wir können uns das mit einem kurzen Seitenblick auf die
bestimmten Ein|zelmomenten sich aufbaut)20, wieviel Imagination neuere Sprechakt-Theorie und dasjenige, was man die ‚pragmatische‘
schließlich der in den Sinngehalten gedachten Gegenstände dazugehört, Dimension der Sprache nennt, klarmachen. – Den Satz »Dort ist ein
das ist teils eine Frage der (Sprach-) Psychologie, teils wohl nach Art der Hund.« verstehen wir nur wahrhaft, wenn wir wissen, ob er als Warnung
Sinngehalte (ihrer Anschauungsnähe oder -Ferne) recht verschieden. Je- oder etwa als Verkaufsangebot ‚zu verstehen‘ ist. Dieser ‚Handlungssinn‘
denfalls setzt diese Identifikation der Sinngehalte voraus, daß wir über des Satzes (seine illokutionäre Funktion) wird vom Sprecher zumeist
genau dasjenige System von Sinngehalten (etwa das – wie wir im An- nicht objektiviert, aber der Sprecher kann ihn, insbesondere, wo ihm die
schluß an Husserls Begriff des Noema sagen könnten – ‚noematische Situation nicht ‚eindeutig‘ genug zu sein scheint, in den ‚performativen‘
System‘ einer Sprache21) verfügen, das auch dem Werk und seiner Pro- Ausdruck heben: »Ich warne dich: dort ist ein Hund«. – So würden wir
duktion zugrundeliegt bzw. zugrundegelegen hat. Das schließt übrigens auch den Satz »Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wett-
nicht aus, daß wir uns dieses System von Sinngehalten zu einem größe- gesang ...« nicht wirklich verstehen, wenn wir ihn als Stück einer astro-
ren oder geringeren Teil allererst erarbeiten müssen.22 nomischen Theorie auffaßten. Hier geht es nicht um den Handlungssinn
einer Äußerung, sondern um den Produkt-Sinn eines Werkes, den wir, in
Analogie zum pragmatischen Sinn, den ‚poiematischen Sinn‘ nennen könn-
20 Hier von einem ‚Zirkel‘ des Verstehens zu sprechen, ist wegen der Bestimmtheitsdiffe- ten.23 Auch er kann mehr oder weniger deutlich artikuliert sein (wer bei
renz zwischen Vorgriff und reeller Rezeption letztlich irreführend, und Schleiermacher unserem letzten Beispiel unsicher wäre, könnte sich an den Untertitel
tat ganz recht, den Zirkel als einen bloß scheinbaren zu bezeichnen (vgl. die Ausgabe von
M. Frank: F. D. E. Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik. Mit einem Anhang sprachphiloso-
des betreffenden Werkes, »Eine Tragödie«, halten; und auch, daß der
phischer Texte Schleiermachers, Frankfurt 1977, S. 95 u. 97; zu dem angeblich Subjekt und Satz zu einem »Prolog im Himmel« gehört, wird den Leser auf den –
Objekt des Verstehens umspannenden ‚hermeneutischen Zirkel‘ s. u. Fußnote 31). nun ‚innerdramatischen‘ – Handlungssinn des Satzes als Teils eines
21 Vgl. B. Grünewald, The Noematic System of a Language and the Possibility of Human Sciences, hymnischen Sprechens führen und ihn davor bewahren, ihn als astro-
in: Mind, Language and Society, ed. by O. Neumaier, Wien, 1984 (Conceptus – Studien, nomische Behauptung auch nur einer dramatis persona aufzufassen).
2), p. 118-129 (dt. Übs.: Das noematische System einer Sprache und die Möglichkeit der Geisteswis-
senschaften, in: prima philosophia, Bd. 3 (1990), S. 223-237); sowie: Phänomenologie statt Le- Wir bewegen uns bei derartigem Verstehen also prinzipiell noch im Be-
bensphilosophie. Was hätte Husserl zu Diltheys Begründung der Geisteswissenschaften beitragen kön- reich möglicher Rezeption von Sinn, auch wenn wir zumeist schon vieles
nen? in: »Tradition und Innovation«. XIII. Deutscher Kongreß für Philosophie, Bonn 24.- ‚von uns aus‘ ergänzen, was der Autor uns nicht eigens darzubieten für
29. Sept. 1984, hrsg. v. W. Kluxen, Hamburg 1988, S. 178-186.
22 In diesem Falle kann sicherlich von einer schlichten Rezeption nicht mehr die Rede
sein. – Daß aber das gelingende elementare Verstehen überhaupt in den Bereich der Re-
zeptivität gehört, obwohl uns a) in der Wahrnehmung nur ‚physische‘ Daten gegeben sein Bd. IV, S. 236 ff., wo zwar noch nicht der Terminus verwendet wird, aber unter der Be-
können und es b) in der Hauptsache schon begriffliche (also aus Spontaneität erwachse- zeichnung ‚Komprehension‘ derselbe Begriff auch auf die ‚anschauliche‘ Einheit von
ne) Strukturen sind, mit denen wir durch sie konfrontiert werden, schließen wir aus der Ausdruck und ausgedrücktem Sinn [wobei ‚ich komprehendierend im Sinn lebe‘] bezogen
Tatsache, daß wir im Verstehen etwa der Sprachzeichen keineswegs die wahrgenomme- wird). – Im übrigen ändern auch – evtl. gar beabsichtigte – Mehrdeutigkeiten und Vaghei-
nen (physischen) Zeichen unter (von uns erzeugte) Begriffe bringen, sondern mittels der ten nichts an der prinzipiellen Rezeptivität: Sie zu verstehen heißt eben den gesamten Kom-
Zeichenrezeption genau die Begriffe (und komplexeren Sinnstrukturen) nachvollziehen, plex der gemeinten Bedeutungsvarianten bzw. den ganzen ‚Hof‘ von Bedeutungen und Sinn-
die der Autor durch die Zeichen in ihrer ganzen Gliederung objektiviert und also uns vor- strukturen appräsentieren, der da objektiviert ist – was das eine Mal rein assoziativ (‚intui-
gegeben hat. Gewiß ist dies keine sinnliche Wahrnehmung, gewiß ist es eine Form des tiv‘), das andere Mal erst nach allerlei Mühen gelingen mag.
‚Denkens‘, aber es ist ein aufnehmendes Denken, das begriffliche Strukturen mit dem 23 Gemäß der aristotelischen Unterscheidung von ‚práciß‘ und ‚poíhsiß‘; vom ‚poeti-
Wahrgenommenen appräsentiert, statt sie darauf anzuwenden (zum Begriff der Apprä- schen Sinn‘ eines Werkes zu sprechen, würde zwar der griechischen Wortbedeutung an-
sentation vgl. E. Husserl, Cartesianische Meditationen, §§ 50 ff. Husserliana Bd. 1, S. 138 gemessen sein, leider aber im Deutschen viel zu eng aufgefaßt werden; immerhin hat das
ff., wo der Begriff hauptsächlich auf die Wahrnehmung der lebendigen Einheit von Leib Wort ‚poiematisch‘ den Vorzug, genau analog zur Rede von der ‚pragmatischen‘ Dimen-
und Geist bezogen ist, in Verbindung mit § 56 h] des II. Bandes der ‚Ideen‘, Husserliana sion der Sprache gebildet zu sein.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xv xvi Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

nötig halten mag (wie wir ja auch in der physischen Erfahrung manches nen wir nämlich auch genau das, was der Text von uns will, tun (und es
nicht Wahrgenommene – die Rückseite eines Hauses etwa – ergänzen). mag durchaus der gewöhnliche Fall sein, daß wir es tun): uns von einem
Dennoch ist das, was wir da Produktsinn und Handlungssinn genannt Argument überzeugen lassen (oder seine Geltung doch wenigstens
haben, von besonderer Bedeutung und anderer Funktion als der dem ele- ernsthaft erwägen), uns von Euklids ‚Elementen‘ über die mathematischen
mentaren Verstehen oft allein dargebotene Satzsinn. Gegenstände belehren lassen (oder doch wenigstens die Konstruktion
|Diese Bedeutung und Funktion liegt in einem je spezifischen Gel- 166 nachzuvollziehen versuchen), das dargestellte Schicksal auf uns wirken und
uns |erschüttern (bzw. erheitern) lassen usw. – Dies ‚zweite‘ Hauptmo- 167
tungsanspruch und einer damit verbundenen, wesentlich zum Werk ge-
hörigen, Wirkungsintention. Astronomische Theorien bzw. Werke ma- ment mag – darauf müssen wir in Gadamers Sinn Wert legen – keines-
chen einen theoretischen, näherhin naturwissenschaftlichen Geltungsan- wegs ein erst nachträglich einsetzender Akt sein, ja es mag so sein, daß
spruch und sie ‚wollen‘ den Rezipienten überzeugen, eventuell auch spe- es im Sinne einer vagen Protention dem ersten, rezeptiven Moment so-
zieller belehren, ihm bisher unerklärte Phänomene erklären usw. Tragö- gar vorangeht (zumal wo wir etwa durch eine Überschrift schon mit der
dien wollen dies alles nicht, schon gar nicht in demselben Sinne, mögen Art des Geltungsanspruchs vertraut sind); insofern es freilich seine Be-
sie im übrigen auch (freilich weniger in einzelnen Sätzen der handelnden stimmtheit nur aus dem ersten Moment ziehen kann, ist es ein fundiertes,
Personen als in der Gesamtheit des dargestellten Geschehens) eine Art ein ‚zweites‘ Moment.
von Wahrheit (etwa über die conditio humana überhaupt) enthalten, die Was ‚tun‘ wir da eigentlich, wenn wir dergleichen mit uns ‚gesche-
über das, was eine Wissenschaft über das menschliche Leben ermitteln hen lassen‘? Verhalten wir uns immer noch rezeptiv, wie meine Rede vom
könnte, weit hinausgeht.24 – Verstehen in einem nicht mehr ganz ele- ‚lassen‘ nahelegt, oder schon spontan, wie die Rede vom ‚tun‘ zu besagen
mentaren Sinne also muß auch dies beinhalten, daß wir erfassen, ‚was scheint? – Tatsächlich liegt darin von beidem etwas. Und wenn wir uns
der Text will‘, welchen Geltungsanspruch er macht und in welcher Hin- klarmachen, wie beides zueinander im Verhältnis steht, können wir ge-
sicht er auf uns wirken soll; kurz: Verstehen muß auch den ‚poiemati- nauer erkennen, was der Gadamersche Begriff der hermeneutischen Er-
schen Sinn‘ erfassen. fahrung besagt – und was er nicht besagt.
Dies führt uns auf ein zweites in der Gadamerschen Konzeption der Machen wir uns das zunächst am Beispiel der Euklidschen ‚Elemen-
hermeneutischen Erfahrung enthaltenes Moment. Wieviel Anstrengung te‘ deutlich: Einerseits haben wir, statt einen Sinn bloß zu rezipieren, so-
wir auch aufwenden mögen, um im Sinne des bisher Gesagten genau zu zusagen ‚ihm folgend‘, uns so auf den Gegenstand des verstandenen Tex-
wissen, was der Text meint und was er ‚will‘, wir verhalten uns doch noch tes einzustellen, daß wir ihn selbst, auf eigene Verantwortung, denken.
keineswegs so, wie es der Text von uns ‚will‘, wenn wir nicht weiter ge- Nur aufgrund dieses selbstverantworteten Bewußtseins vom Gegen-
hen, als eben dies zu erfassen.25 Statt dessen (oder darüber hinaus) kön- stand (das unter anderen Geltungsbedingungen steht als die Rezeption
des Textes) können wir den Geltungsanspruch des Textes wirklich
24 Diese Art von Wahrheit gegen eine ästhetizistische Verharmlosung der Kunst heraus-
ernstnehmen, ihn erwägen, akzeptieren, bezweifeln, kurz: zu ihm Stel-
zustellen, ist eines der Hauptanliegen des Ersten Teils von »Wahrheit und Methode«. Aber lung nehmen. Wenn wir selbständig die in den ‚Elementen‘ behandelten
ähnliche Gedanken finden sich schon in der Aristotelischen ‚Poetik‘ (wonach die Dich- geometrischen Objekte denken, (nach)konstruieren, die Beweise und
tung etwas Philosophischeres und Bedeutsameres sei als die Geschichtsschreibung [filo- Lehrsätze einsehen, dann tun wir mehr, als nur (den betreffenden Sinn)
sofýteron kaì spoudaióteron poíhsiß ¥storíaß – 1451 b5 f.], da sie nicht bloß auf das zu rezipieren, wir begreifen und erkennen (nicht jenen Sinn, sondern) die
zufällige Wirkliche, sondern auf das Mögliche gehe und so dem Allgemeinen und Not-
wendigen der Philosophie näherstehe). Und die von Gadamer gescholtene ‚subjektive geometrischen Gegenstände. Korrelativ dazu integrieren wir jenen auf
Wendung‘ der Kantischen Ästhetik besteht in Wirklichkeit gerade darin, daß sie aufweist, die geometrischen Gegenstände bezogenen Sinn in unser Geltungsbe-
wie die Wirkung des ästhetischen Objekts auf das Subjekt auf einer tieferen Wahrheit ü-
ber die sinnliche Vernunftnatur des Menschen beruht.
25 Die Rede vom ‚Wissen‘ soll an dieser Stelle noch kein ausdrückliches ‚Auf-den-Begriff-
Bringen‘ (etwa in einer wissenschaftlichen Analyse) besagen, sondern meint das, was bei das nun erst herauszuarbeitende Moment impliziert (welches zumindest nachträglich von
in dieser Hinsicht etwa bei jeder gelingenden Lektüre stattfindet, aber eben nicht notwendig ihm abgelöst werden kann).
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xvii xviii Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

wußtsein, wir haben von ihm, wie Kant sagen würde, ein ‚transzendenta- Ist also der Gadamersche Begriff der hermeneutischen Erfahrung
les Bewußtsein‘.26 ganz fehl am Platze? – Wir sprachen davon, daß wir, wenn wir ‚tun‘, was
Auch Erfahrung nach ihrem erkenntnistheoretischen Begriff, als empiri- der Textsinn von uns ‚will‘, zugleich etwas mit uns geschehen ‚lassen‘.
sche Erkenntnis, besteht in mehr als der bloßen Rezeption; sie muß dar- Das ist besonders deutlich bei unseren emotionalen Reaktionen auf
künst|lerische Werke: Zwar sind auch diese Reaktionen (in einem wei- 169
über hinaus ein Begreifen leisten. Nun ist das Begreifen geometrischer
Verhältnisse aber kein Begreifen von empirisch Gegebenem, sondern ein ten Sinne) unsere Stellungnahmen (so sehr, daß sich auch einmal jemand
|‚reines‘, auf nicht-empirische Konstrukte bezogenes Denken. Wir ha-
168 über etwas freuen kann, was den anderen ärgert), aber sie sind dennoch
ben ja nicht etwa die uns im Verstehen des Textes empirisch gegebenen in einem bestimmten Maße eine Art von Wirkung des verstandenen
Sinngehalte unter neue Begriffe (von dergleichen Sinngehalten) gebracht, Werkes: Die ‚Antigone‘, der ‚Faust‘ haben uns erschüttert, betroffen,
sondern das in diesen Sinngehalten resultierende (nicht-empirische) Be- nachdenklich gemacht; und so ist auch unsere geometrische Einsicht
greifen selbständig (und eventuell kritisch) nachvollzogen. Wenn damit (vielleicht in einem sehr anderen Sinne und in einem anderen Maße) eine
‚hermeneutische Erfahrung‘ (als eine Art von empirischer Erkenntnis) gelei- ‚Wirkung‘ des verstandenen geometrischen Werkes: Die ‚Elemente‘ des
stet wäre, dann würde in dieser ‚Erfahrung‘ etwas erkannt und begriffen Euklid haben uns, so sagen wir, von gewissen Theoremen überzeugt,
(geometrische Figuren), was gar nicht empirisch gegeben, und etwas ge- eventuell gar: uns geometrisch denken gelehrt, uns mathematisch gebil-
geben (die Sinngehalte), was gar nicht seinerseits unter Begriffe gebracht det (was sie zumindest indirekt, über unsere Lehrer und deren Lehrer,
würde: eine merkwürdige Erfahrung – und Mathematik statt Geisteswis- tatsächlich ‚getan‘ haben).
senschaft.27 Darin liegt nun durchaus etwas, das wir ‚Erfahrung‘ nennen kön-
Nicht weniger unpassend wäre der erkenntnistheoretische Begriff der nen: Gewiß nicht die geometrischen Figuren, auch nicht etwa die Wahr-
Erfahrung für das, was ein künstlerisch gestaltetes Werk, etwa eine Tra- heit der Beweise, aber doch jene Wirkung der klaren Gedankenführung
gödie, von uns zu tun verlangt. Nicht begrifflich bestimmen sollen wir der Euklidschen ‚Elemente‘ haben wir ‚erfahren‘, so wie wir die Wirkung
den beim Lesen oder Zuschauen rezipierten (also verstandenen) Sinnge- der vielschichtigen Komik von Kleists »Zerbrochenem Krug« ‚erfahren‘.
halt, sondern ihn möglichst intensiv imaginativ realisieren (mithin auf die Nicht die dargestellten, bloß imaginierten Schicksale erfahren wir, aber
in ihm gemeinten und evozierten Gegenstände beziehen), sei es in der die Wirkung ihrer Darstellung.
Weise naiver ‚Illusion‘, sei es in der Weise bewußter Verfremdung.28 Was heißt da ‚erfahren‘? – Offenbar keineswegs: das, was uns im
Verstehen gegeben ist, auf Begriffe bringen. ‚Eine Wirkung erfahren‘
heißt hier nicht viel mehr als ‚eine Wirkung spüren‘ oder ‚erleben‘. Dieses
26 Zum Verhältnis zwischen empirischem und transzendentalem Bewußtsein - ‚Erfahren‘ ist insoweit wiederum ein rein passives, rezeptives Moment,
empirischer und transzendentaler (Einheit der) Apperzeption – vgl. Kritik der reinen Ver- freilich ein solches, wodurch ein spontanes Bewußtsein – nicht gerade er-
nunft, A 116 f. (insbes. die Fußnote zu A 117), Akad.-Ausg. Bd. IV, S. 87 f. und B 139 ff.,
Akad.-Ausg. Bd. III, S. 113 ff., sowie Kants Aufsätzchen für Kiesewetter: Beantwortung der
zeugt wird (das würde alle Eigenverantwortung des Verstehenden auf-
Frage, ist es eine Erfahrung, daß wir denken? Akad.-Ausg. Bd. XVIII, S. 318,18 – 320,8.
27 Zwar haben keineswegs alle überlieferten Texte (etwa naturwissenschaftliche) Nicht-
empirisches zum Gegenstand. Dennoch ist das Problem überall dasselbe: Durch das Be- Menschen als Menschen zu erkennen? Doch das, was wir da wahrnehmen, ist keineswegs
denken des Geltungsanspruchs, den der Text erhebt, vollziehe ich selbst dessen (z. B. na- ein Mensch und daher auch nicht durch Anwendung des Begriffs des Menschen in Erfah-
turwissenschaftliches) Begreifen mit, aber ich wende noch keineswegs (etwa wissen- rungserkenntnis überführbar. Vielmehr gehorcht unsere (durchaus begrifflich regulierte)
schaftstheoretische oder auch wissenschaftsgeschichtliche) Begriffe auf dieses im Text ar- Imagination, wenn wir die Darstellung (in einem elementaren, ikonographischen, Sinne)
tikulierte Begreifen, auf den mir im Verstehen gegebenen Sinngehalt des Werkes an. – In verstehen, sozusagen genau jenen Anweisungen, die der Künstler ihr durch seine (wieder-
abgewandelter Form liegt bei den nicht-theoretischen Texten etwas Ähnliches vor, wie um begrifflich regulierte) Darstellungstechnik geben wollte (vgl. dazu des näheren den
wir im Folgenden zeigen. oben zitierten Aufsatz von E. Panofski). – Doch den Darstellungsgehalt in dieser (also
28 Ein wenig anders scheint die Situation bei der Rezeption von nichtsprachlichen auch Begriffe assoziierenden) Weise verstehen, heißt noch keineswegs: empirische Begrif-
Kunstwerken zu sein: Müssen wir nicht bei der Betrachtung eines Gemäldes etwa den fe auf die Darstellung selbst (sei es in ihren anschaulich-technischen, sei es in ihren indirekt
Begriff des Menschen auf ein anschaulich Gegebenes anwenden, um einen dargestellten objektivierten begrifflich-regulierenden Momenten) anwenden.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xix xx Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

heben), aber doch – inhaltlich ermöglicht und bestimmt wird. Auf das Erfahrung sprechen, so sollten wir genauer sagen: subjektiv-hermeneutische
Verhältnis des Werkes zu unserem Bewußtsein der ‚Sache‘ können wir Erfahrung. Dies ist es, was Gadamer an vielen Stellen seiner Überlegun-
reflektieren und dann urteilen: das hat mich ‚überzeugt‘, ‚beeindruckt‘ gen einfach mit ‚hermeneutischer Erfahrung‘ meint.
usw. Solche Begriffe besagen: das, was wir da ‚erfahren‘, ist nicht einfach
das Werk (jene bloß mögliche und daher keiner Wirkung fähige Entität), IV. Das erkenntnistheoretische Problem:
sondern eine reale und wirkliche Beziehung des im Verstehen seinem 170
objektiv-hermeneutische Erfahrung
Sinngehalt nach wiederverwirklichten Werkes zu uns, eine Wirkung, die
alle Kraft nur dem Verstehen, alle Bestimmtheit aber dem Werk ver- Erfahrung als empirische Erkenntnis des Werkes aber würde etwas anderes
dankt. Das Resultat dieser vielfältigen Wirkung auf uns ist dasjenige, was verlangen: ein Begreifen des in jener subjektiven Erfahrung Gegebenen.
der Gadamersche Ausdruck ‚wirkungsgeschichtliches Bewußtsein‘ in |Genauer: empirische Erkenntnis des Werkes selbst ist nicht ein Begrei- 171

seiner |ersten, fundamentalen Bedeutung meint.29 Sie geschieht ganz fen seiner (faktischen) Wirkung, sondern ein Begreifen seines Sinngehal-
generell und großenteils ‚anonym‘ in dem, was wir ‚Bildung‘ (der Indivi- tes, zu dem freilich ein Geltungs-Anspruch und damit auch ein Anspruch
duen) nennen, teils aber auch in dem absichtlichen Bestreben, das seit al- auf eine spezifische Wirkung gehört. Eine Theorie der Geisteswissen-
ters ‚Studium‘30 genannt wurde.31 Wollen wir hier von hermeneutischer schaften hat nach den Prinzipien solchen Begreifens zu fragen, genauer:
nach dessen Geltungsprinzipien. Gewährt das elementare Verstehen
(welches – zumindest beim Verstehen eines Sprachwerkes – nicht von
29 Gadamer selbst hat hiervon eine zweite Bedeutung unterschieden: die des Bewußtsein sich aus Begriffe bildet, sondern genau so, wie sie in sprachlicher Symbo-
von dieser Wirkung auf unser Bewußtsein, vgl. das Vorwort zur 2. Aufl. von »Wahrheit lisierung vom ‚Gegenstand‘ dargeboten werden, nachvollzieht) die re-
und Methode«, H II 444 [ XXI f.], wo es über den Begriff des wirkungsgeschichtlichen zeptive ‚Basis‘ der Geisteswissenschaften, so liegt die eigentümliche
Bewußtseins (gemeint ist offenbar der betreffende Terminus) heißt: »Die Zweideutigkeit Spontaneität dieser Wissenschaften in einem Begreifen, das nicht mehr
desselben besteht darin, daß damit einerseits das im Gang der Geschichte erwirkte und
durch die Geschichte bestimmte Bewußtsein, und andererseits ein Bewußtsein dieses Er-
die vom ‚Gegenstand‘ vorgegebenen Begriffe reproduziert, sondern ei-
wirkt- und Bestimmtseins selber«. – Wir werden auch auf diese Bedeutung noch einge- gene – und in der Regel ganz andere – Begriffe auf das Werk anwen-
hen. – Wir können hier im übrigen offenlassen, in welchem genauen Verhältnis der Begriff det.32
einer solchen ‚Wirkung‘ auf unser Bewußtsein zu dem einer Kausalität der Natur steht.
30 Daß dieses ‚Studium‘ etwa der literarischen Werke nicht dasselbe ist wie das ‚Studium‘ Weshalb aber sollten wir das in elementarer Weise (inhaltlich und
der betreffenden Literaturwissenschaften (sondern das erstere ein Bestandteil des letzte- formal) Verstandene, statt einfach seine Wirkung zu ‚erfahren‘, auch
ren und das letztere zugleich in gewissem Sinne eine Anleitung zu letzterem), macht die noch begreifen wollen? – Zunächst: nicht jeder Text ‚versteht sich‘ sozu-
Differenz zwischen der akademischen Behandlung der Werke vor und nach der Entste- sagen ‚von selbst‘, unter Umständen müssen wir uns schon das in ihm
hung der Geisteswissenschaften aus. Diese Differenz beruht auf der Differenz zwischem
immanentem Zweck und Endzweck der Geisteswissenschaften.
31 Vor allem wohl die Tatsache, daß jedes Weiterschreiten in diesem Bildungsgeschehen
nicht nur durch den schon erworbenen Bildungshorizont bedingt ist, sondern auch das ausdrücklich für einen logischen ausgibt, ohne ihn bedenklich zu finden – vgl. R. E. Pal-
früher schon irgendwie zur Kenntnis Genommene, ja schließlich sogar all das, was die ei- mer, Hermeneutics, a.a.O. p. 87: »Of course the concept of the hermeneutical circle invol-
gene Subjektivität ausmacht, tiefer und differenzierter zu verstehen und zu begreifen er- ves a logical contradiction.«). Als systematische Klärung vgl. auch H. Wagner, Philosophie
laubt, weil jeder weitere Schritt dem bisherigen Fremd- und Selbstverständnis eine umfas- und Reflexion, München/Basel (1959) 31980, S. 384 ff., insbes. S. 391-394.
sendere Einheit zum Grunde zu legen erlaubt, hat Denker wie Heidegger und Gadamer 32 Wenn wir hier Rezeptivität und Spontaneität in der hermeneutischen Erfahrung unter-
dazu verleitet, den bei Schleiermacher noch als bloßen Schein begriffenen ‚Zirkel des Ver- scheiden, so behaupten wir natürlich nicht, daß sie strikt, etwa als zeitliche Phasen, ge-
stehens‘ für einen wahrhaften, einen Subjekt und Objekt des Verstehens umspannenden trennt wären. So wie in die äußere Wahrnehmung nicht nur kategoriale Funktionen, son-
‚hermeneutischen Zirkel‘, und für etwas Notwendiges zu halten (vgl. dazu H I 270-281 dern auch in vorprädikativ-vager Weise empirische (und insbesondere pragmatische) Be-
[250-260] und M. Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 101963, § 32, S. 148-153). Dies griffe verwoben sind (die jederzeit zu vollem, prädikativem Bewußtsein gebracht werden
scheint mir auf die Desavouierung einer (z. T. durchaus von denselben Autoren geliefer- können), so wird auch in unsere Apprehension von Sinn zumeist schon ein vorprädika-
ten) genauen Analyse um des stupefizierenden Effektes willen hinauszulaufen, denn es tiv-vager Gebrauch von Begriffen wie dem des Sinnes, des Textes, der Behauptung, der
verdeckt hier wie beim elementaren Verstehen (s. o. Fußnote 20) die Bestimmtheitsdiffe- Erzählung usw. verwoben sein, auch dort, wo der Text dergleichen Begriffe keineswegs
renz der aufeinanderfolgenden Phasen (und führt mitunter gar dazu, daß man den Zirkel enthält.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xxi xxii Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

vorausgesetzte System von Sinngehalten allererst erarbeiten.33 Um aber der begrifflich zu bestimmen haben. Der grundlegende Begriff dieser Kritik
zu wissen, welches System von Sinngehalten wir uns erarbeiten und aber ist der des (von unserer eigenen Subjektivität unabhängigen) her-
zugrunde legen |sollen, ist es unerläßlich, daß wir das Werk als einen 172 meneutischen Gegenstandes, und zwar zunächst in einem erkenntnistheo-
von unserem Verstehen (und unserem Sinngehalte-System) unabhängi- retisch noch ganz formalen Sinne (der über die reale Bestimmtheit des
gen Gegenstand auffassen, dessen Unabhängigkeit freilich (das ist Gada- Gegenstandes noch nicht mehr enthält, als daß es sich um einen versteh-
mer zuzugestehen34) nur durch das Verhältnis zu uns und unserem baren Gegenstand handelt). – Die zweite Gruppe von Erfahrungsbedin-
Sinngehalte-System bestimmbar ist; und das bedeutet, da wir die uns gungen – nach denjenigen des elementaren Verstehens – ist daher die
(zunächst) fremden Sinngehalte, indem wir sie uns erschließen, unserem Gruppe der Bedingungen des Begreifens, und ihr Prinzip ist der für die
noematischen System unvermeidlich ein- oder angliedern, letztlich inner- hermeneutische Erfahrung grundlegende Begriff vom hermeneutischen Ge-
halb dieses ‚neuen‘ Systems. genstand, sofern dieser vom hermeneutischen Subjekt und seinen Be-
Wenn wir also zunächst festgestellt haben, daß die Sinn-Rezeption stimmtheiten unterschieden ist. Nicht, daß mit diesem Prinzip auch
ein System von Sinngehalten voraussetzt, welches die Bedingung für je- schon garantiert wäre, daß uns die Bestimmung des hermeneutischen
de noch so unproblematische Sinn-Identifikation darstellt, so machen Gegenstandes auch gelin|gen werde – sie mag oft genug eine gar nicht
wir uns nun deutlich, daß jede Rezeption, soll sie Erkenntnismoment (mehr, vielleicht auch noch nicht) erfüllbare Aufgabe sein (mit dergleichen
sein können, der Kritik bedarf, weil das dem Werk zugrundeliegende Sy- müssen wir ja auch in der Naturerkenntnis rechnen, wenn wir etwa an
stem nicht ohne weiteres (und nicht einmal, wenn wir ‚dieselbe‘ Sprache die Naturgeschichte denken). Aber dieses Prinzip stellt uns eine Aufgabe,
sprechen) mit dem unseren identisch ist, daß wir also das Verhältnis bei- eben die, wodurch die betreffenden Geisteswissenschaften allererst zu
Erkenntnis-Bemühungen werden. – Da nun aber die Erkenntnis des her-
meneutischen Gegenstandes etwas prinzipiell anderes ist als die Erkenntnis
33 Zweifellos gibt es auch dies, daß sich ein Text ‚von selbst versteht‘ – nicht nur in der
dessen, was sich der hermeneutische Gegenstand (das Werk, der Text)
alltäglichen Kommunikation, auch in der Wissenschaft, wenn etwa ein Mathematiker den
Aufsatz eines zeitgenössischen Kollegen liest. – Eben dann haben wir keinerlei prakti- selbst zum (mathematischen, imaginativen ...) Gegenstand gemacht ha-
sches Bedürfnis nach hermeneutischer oder geisteswissenschaftlicher Behandlung solcher ben mag, so impliziert das Prinzip des hermeneutischen Gegenstandes –
Texte, ganz so wie wir kein praktisches Bedürfnis nach naturwissenschaftlicher Erfor- für die immanent-wissenschaftliche Beschäftigung mit ihm – die Verwand-
schung alltäglicher technischer Verrichtungen haben, solange sie problemlos gelingen lung des transzendentalen, (mit)vollziehenden Bewußtseins in ein empirisches
(und wir uns nicht etwa aus ihrer Untersuchung Aufschlüsse über weniger alltägliche
Vorgänge erhoffen). – Aus dem Fehlen eines Motivs für wissenschaftliche Mühe in Fäl- Bewußtsein des gegebenen Sinnes. – Das heißt: sosehr der Endzweck
len, in denen wir ganz gut ohne sie zurechtkommen, wird aber niemand darüber hinaus unserer Beschäftigung mit einem Werk von uns eine gesprächs-analoge
den Schluß ziehen wollen, das Ziel der wissenschaftlichen Objektivität sei ein verfehltes. Einstellung verlangen mag, die wissenschafts-immanente Beförderung
34 Vgl. auch die spätere Abhandlung »Klassische und philosophische Hermeneutik«, H II dieses Endzwecks durch Erkenntnis dessen, was das Werk in Wahrheit
109, wo Gadamer betont, »der unaufhebbare, notwendige Abstand der Zeiten, der Kultu- ist und enthält, verlangt eine ‚Unterbrechung des Gesprächs‘.35
ren, der Klassen, der Rassen – oder selbst der Personen« sei »ein übersubjektives Mo-
ment, das jedem Verstehen Spannung und Leben« leihe (eigentlich sollte es wohl ‚minde-
stens der Personen‘ heißen, wenn die ‚Notwendigkeit‘ des Abstands zu Recht behauptet
sein soll). Es ist sicher richtig, daß dieser Abstand durch das gelingenden Verstehen in ei-
ner Verschmelzung der Horizonte des Textes und des Interpreten aufgehoben wird, aber
dies geschieht im Bewußtsein des Interpreten und bedeutet eine Bereicherung das Interpreten, 35 Natürlich kann diese ‚gesprächs-analoge‘ Einstellung gegenüber einem Werk auch vor
nicht des Textes und seines Horizontes, der vielmehr so genau wie möglich gegen den dem Wechsel in die geisteswissenschaftliche Einstellung nicht die sozusagen technischen
Eigenhorizont des Interpreten (gegen dasjenige, was nur dem Interpreten angehört) ab- Vorzüge der echten Gesprächssituation in Anspruch nehmen. Auch wenn Gadamer
zugrenzen und dadurch zu bestimmen ist. – Der wissenschaftliche Interpret hat nicht nur durchaus nicht das Verstehen von Texten mit dem Verstehen in einem natürlichen Ge-
für sich etwas zu leisten (sonst könnte er vielleicht sein Verständnis in der Horizontver- spräch verwechselt, so scheint er doch die prinzipiellen Differenzen zwischen beiden Ar-
schmelzung aufgehen lassen) und er hat auch nicht, wie der Prediger, seinem Publikum ten des Verstehens zu unterschätzen; diese Differenzen hat in einer minutiösen Analyse
vorzugeben, wie und worauf es den Sinngehalt des Werkes zu applizieren habe, sondern Th. M. Seebohm herausgearbeitet; vgl. Zur Kritik der Hermeneutischen Vernunft, Bonn 1972,
ihm durch objektive Bestimmung des Werkes zu autonomer Applikation seines Sinnge- insbes. das 3. Kapitel: »Objektives Verstehen in Dialogen und objektives Verstehen von
halts zu verhelfen. Texten«, S. 85 ff.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xxiii xxiv Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

Eine erste Aufgabe unter dem Prinzip des hermeneutischen Gegen- eine ‚Meinung des Verfassers‘ gehen, wenn wir darunter eine habituelle
standes ist die Bestimmung des zum Werk gehörigen noematischen Sy- Eigenschaft oder einen augenblicklichen Akt des Verfassers verstehen
stems, und zwar in allen seinen für das Werk relevanten Differenzierun- (er mag ja vieles gemeint haben, was er gerade nicht in diesem Werk ob-
gen. – Eine zweite ergibt sich aus der Tatsache, daß jedes Werk mit sei- jektivieren wollte und objektiviert hat). Der Verfasser hat in aller Regel
nem materialen Sinngehalt einen ganz bestimmten Geltungsanspruch das Werk nicht als pure Lebensäußerung, sondern als Kunstwerk, als
und eine ganz bestimmte Wirkungsabsicht verbindet. Auch sie sind et- wissenschaftliche Theorie usw. geschaffen. In diesem Punkte unter-
was, was unabhängig von unserem Verstehen und Mißverstehen, von scheidet sich der hermeneutische, werkbezogene Gegenstandsbegriff
Gebrauch und Mißbrauch, den wir von dem Werk machen mögen, zum von dem im engeren Sinne historischen Gegenstandsbegriff.
Werk selbst gehört. Auch sie sind, zumal wo und soweit sie sich nicht Aber ‚Meinung des Verfassers‘ kann auch etwas ganz anderes hei-
von ‚selbst verstehen‘, begrifflich zu bestimmen; dies wird insbesondere ßen, u. zw. in einer inhaltlichen und in einer formalen Hinsicht. In in-
dort eine Aufgabe sein, wo dieser Anspruch und diese Absicht sich noch haltlicher Hinsicht ist es dasjenige, was der Autor im Werk gemeint und
innerhalb eines Werkes differenziert. geleistet hat (das ‚Gemeinte‘, das in der Hauptsache im Text auch artiku-
Wodurch aber können wir prinzipiell eine solche Unabhängigkeit liert ist). In formaler Hinsicht ist es das, als was der Autor sein Werk und
des |zu verstehenden Werkes denken? Wir erinnern uns: das Werk in 174 dessen Teile gemeint hat (eben als Theorie, als dichterische Erzählung,
seinem geistigen Gehalt besitzt eine bloß möglich Existenz. Damit als Romanexposition, als politisches Manifest): der poiematische Sinn. –
scheint es unserer Subjektivität und unserem Belieben ausgeliefert zu Zu diesem |gattungsmäßigen, poiematischen Sinn gehört (als Korrelat) 175

sein, denn nur durch unser Verstehen kann es seine Wirklichkeit wieder- schließlich auch, zumal bei einem Kunstwerk, eine intendierte Wir-
erlangen. Was kann die Beliebigkeit von Verstehen und Interpretation kung.36
verhindern, was kann das Werk zu einem echten Gegenstand machen? Die Beziehung des Werkes auf den Autor ist näher zu bestimmen,
Ein zureichendes Begreifen des hermeneutischen Gegenstandes (des auch um der durchaus berechtigten Warnung Gadamers vor dem psy-
Werkes und seines Sinngehaltes) ist nur zu leisten, wenn wir seine ‚bloß chologisierenden Mißverständnis der Werke Rechnung zu tragen. Der
mögliche‘ Existenz zu der Wirklichkeit des Verfassers und der geschichtli- Autor ist Grund und Quelle des Werkes, was in ihm nicht seinen Ur-
chen Welt, in der er steht, in bestimmte Beziehung setzen und von unse- sprung haben kann (Ideen, die etwa nachweisbar erst spätere Autoren
rer eigenen Wirklichkeit, der Wirklichkeit unseres Verstehens und Ange- konzipieren konnten), gehört nicht zum Werk (mag es auch, nach unse-
sprochenseins, unterscheiden. Das Werk kann nur etwas sein, was der rem Urteil, ohne Schaden oder gar in geglückter Weise von späteren Be-
Verfasser ‚gemeint‘ hat und ‚meinen‘ konnte. Um eine Kantische For- arbeitern oder Darstellern damit verbunden werden). Das heißt keines-
mulierung des Gegenstandsprinzips im Hinblick auf unseren hermeneu-
tischen Fall abzuwandeln: Der Rückbezug des Werkes auf den Verfasser
macht das Werk zu etwas ‚was dawider ist, daß unser Verständnis und 36 Hier ist genauer zu unterscheiden zwischen der empirischen Feststellung oder Er-
unsere Interpretationen nicht aufs Geratewohl und beliebig, sondern a schließung solcher Intentionen, der empirischen Feststellung faktischer Wirkungen und
priori auf gewisse Weise bestimmt sind‘ (vgl. KdrV A 104; Ak.-Ausg. III schließlich der kritischen Würdigung des Wirkungspotentials eines Werkes. Die letztere ist
geht über die Aufgabe der (bloßen) empirischen Wissenschaft hinaus (wie sehr sie diese
80, 13-20). Jede Vernachlässigung dieser bestimmten Beziehung liefert auch voraussetzen mag), weil die Prinzipien dieser Kritik nicht mehr nur die des Objekts,
das Verstehen an die Beliebigkeit unserer subjektiven Assoziationen sondern die des Subjekts sein müssen, und zwar solche, die das Subjekt der Kritik nicht
und Einfälle aus (und seien sie noch so intelligent und noch so sehr bloß sich selbst, sondern auch anderen als Maßstäbe zudenkt. Hierher gehört jene ‚Be-
durch anderweitige Bildung angereichert). – Dem scheint Gadamer mit deutung‘ eines Werkes (wie auch von historischen Prozessen), die man unmißverständli-
cher ‚Bedeutsamkeit‘ nennen könnte. Welche theoretische, ästhetische, vielleicht auch mo-
seiner Polemik gegen den Begriff der ‚Meinung‘ des Verfassers zu wider- ralische ‚Bedeutung‘ in diesem Sinne (für die Nachwelt, für ‚die Wissenschaft‘, für ‚die
sprechen. Menschheit‘) ein Werk haben mag, wird kaum ein Autor selbst ermessen können. – Ga-
Doch diese Polemik Gadamers enthält eine verwirrende Zweideu- damers Betonung der Unabgeschlossenheit des Werksinnes selbst scheint uns mitunter
durch die Verwechslung der ‚Bedeutsamkeit‘ der Werke mit dem diese Bedeutsamkeit
tigkeit: Gewiß kann es beim Begreifen des Werkes als solchen nicht um fundierenden Sinngehalt selbst motiviert zu sein.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xxv xxvi Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

wegs, daß alles, was zur empirischen Persönlichkeit des Autors gehörte, Diese Produktionsprozesse haben die Struktur einer doppelten Ob-
sein ganzes Wissen und Streben, als Bestimmungsgrund in Frage käme, jektivierung, einer inneren, bloß imaginativen, und einer äußeren, physi-
so wenig wie etwa die Sprache, die der Autor in der täglichen Kommu- schen. Nur das Resultat der letzteren, die äußere Objektivation, welche
nikation benutzte, notwendiger Weise die Sprache des Werkes ist. Zum schon der inneren Vergegenständlichung, erst recht aber der anfängli-
Werk als Produkt gehört der Autor als Produzent. Als solcher ist er durch chen Intention, mehr oder weniger angemessen sein kann38, ist unserer
(mehr oder weniger bewußte) Grundhaltungen (ästhetischer, theoreti- verstehenden Rezeptivität zugänglich. Nur das in ihr Realisierte, das, was
scher, wohl auch moralischer Art) bestimmt, die nicht in jeder Hinsicht der Autor gemeint und objektiviert hat, kann deshalb für uns das Werk
mit den Grundhaltungen übereinstimmen müssen, die seine alltägliche sein, und alle Rekonstruktion seiner Determinanten hat für die Werkin-
Praxis bestimmen, und dies nicht nur in Fällen, in denen der Autor ‚sich‘ terpretation nur |eine Bedeutung, soweit sie uns das objektiviert vorlie- 177
etwa bewußt in eine besondere Rolle (des Erzählers, Betrachters usw.) gende Werk verständlich und begreiflich macht.
hineinversetzt.37 Die werkbestimmenden, z. B. ästhetischen und poeti- In dem doppelten Sinne des wirklich Geleisteten und seines gat-
schen |Grundhaltungen können, sie müssen aber nicht dieselben sein, die der 176
tungsmäßigen (‚poiematischen‘) Anspruchs, bleibt der Begriff der ‚Mei-
Autor selbst theoretisch entwickelt hat: Ob Schillers Dramen wirklich in nung‘ des Verfassers durchaus der einzige Maßstab dessen, was den In-
jeder Hinsicht durch diejenigen Prinzipien bestimmt sind, die er in sei- terpreten, soweit er seinen Gegenstand empirisch wahrhaft verstehen
nen einschlägigen theoretischen Aufsätzen entwickelt hat, und in wel- will, ansprechen soll; und soweit sich uns ein Werk nicht schon im ele-
chem der Aufsätze am ehesten das getroffen ist, was etwa den poiemati- mentaren (rezeptiven) Verstehen erschließt, müssen wir es begrifflich zu
schen Sinn der »Maria Stuart« ausmacht, das läßt sich nur nach der ge- bestimmen, zu begreifen suchen.39 Die wirkliche Leistung und der An-
nauen Analyse beider Seiten des Schillerschen Gesamtwerks ermitteln. – spruch des Verfassers ist Grund und Prinzip der bloß möglichen Exi-
Vor allem jedenfalls ist der Autor derjenige, der aus einem die Produkti- stenz des Werkes und seiner Wieder-Verwirklichung im Verstehen. Der
onszeit übergreifenden (sei es auch sich dabei wandelnden) einheitlichen Verfasser, nicht der Interpret, bleibt das ‚Maß gebende‘ Subjekt des
und von jenen Grundhaltungen bestimmten Entwurf die Gestalt und den Werkes, übrigens auch dann, wenn das vom Verfasser Gemeinte und
Inhalt des Werkes bestimmt.
Dies freilich kann der Autor nur in realen Produktionsakten und -
prozessen. Zu ihnen aber gehören außer der vorgängigen Eigenbe- 38 Zu den Begriffen der inneren und äußeren Objektivation vgl. H. Oberer, Vom Problem
stimmtheit des Autors noch mancherlei Faktoren der Realität: Der Stein des objektivierten Geistes. Ein Beitrag zur Theorie der konkreten Subjektivität im Ausgang von Nicolai
und der Holzblock des Bildhauers sind nur die sinnfälligsten Beispiele, Hartmann, Köln 1965 (Kantstud. Ergänzungsh. Bd. 90), insbes. S. 152 f. – Natürlich wol-
len wir durch die Rede von der Angemessenheit der äußeren Objektivation an die innere
soziale und psychische Arbeitsbedingungen, der Einfluß von ‚Vorbil- und die vorgängige Intention keineswegs ausschließen, daß erst der Schaffensprozeß
dern‘ und Quellen, die der Autor benutzt, deren ‚Motive‘ er abwandelt selbst, ja mitunter (zumal in den bildenden Künsten) gar der glückliche Zufall in der
oder von denen er sich u. U. absichtlich distanziert, ja die pure zeitliche ‚Auseinandersetzung mit dem Material‘ die vage Intention konkretisiert oder verändert.
‚Gelegenheit‘, sind ebenso entscheidende Determinanten. Die Intention des Autors kann durchaus, ja sie muß schließlich auch die Form nachträgli-
cher Billigung annehmen, die sich in der Übergabe des Werkes an das Publikum in sozu-
sagen juristischer Form dokumentiert. Daher die grundsätzlichen Schwierigkeiten bei der
37 Fälle, in denen der hohe moralische Anspruch eines Autors (der sich nicht nur in sei- Interpretation nicht vom Autor selbst publizierter Werke.
nen Figuren, sondern auch in seinem ganzen Erzählduktus ausdrückt) mit dem morali- 39 Verstehen und Begreifen eines Werkes ist natürlich nicht das einzig möglich Verhalten
schen Versagen seiner praktischen Persönlichkeit in Kontrast steht (wie dies etwa von zu einem Werk. Insbesondere der aufführende Künstler mag sich, durchaus zu unserem
Tolstoi behauptet wird), finden dabei nur das besondere Interesse des Publikums. Wenn Vergnügen und Nutzen, von einem Werk mitunter eher zu einer Bearbeitung und Neu-
ein theoretischer Schriftsteller nur einen Teil seiner thematisch relevanten Überzeugun- schöpfung anregen lassen. Auch mögen überhaupt ‚produktive Mißverständnisse‘ die
gen zu publizieren sich entschließt (aus Rücksicht auf sein ihm ‚unreif‘ erscheinenden Geistesgeschichte mehr als alles andere befördert haben. – Nur sind die hermeneutischen
Publikum, wegen drohender Zensur oder wenn er etwa, wie Husserl bei der 2. Auflage Geisteswissenschaften aus der Überzeugung entstanden, daß es ohne die genaue Erfor-
seiner ‚Logischen Untersuchungen‘, die Mühe einer allzu einschneidenden Umarbeitung schung der Werke selbst (und gegebenenfalls ohne dadurch beförderte werkgetreue Auf-
scheut), so hat er ‚sich‘ mit vollem Bewußtsein zu einer sozusagen reduzierten Autor- führungen) mehr zu verlieren gebe als durch die bloße Genialität der Nachgeborenen zu
Persönlichkeit gemacht. gewinnen.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xxvii xxviii Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

Geleistete in vielen Fällen nur eine Regel für eine Vielfalt unterschiedli- spruch des Geisteswissenschaftlers ein ganz anderer ist: Das Werk selbst
cher Realisationen sein kann (das könnte nicht nur für Dramen, sondern als das vom Autor Produzierte und Gemeinte, nicht – in Konkurrenz
auch für – imaginativ zu ‚realisierende‘ – Romane gelten). Dann gilt es zum Werk – das Objekt des Werkes zu erkennen (wenn es sich etwa um
eben – schon um der Freiheit neuer Realisationen willen – das Werk ein theoretisches Werk handelt), ist der immanente Zweck der Wissen-
selbst und seine konkretisierenden Realisationen zu unterscheiden.40 schaft. Die prinzipiellen Begriffe von dem Werk als Leistung eines Ver-
Nur weil der Autor das ‚maßgebende‘ Subjekt ist, kann schließlich auch fassers und von dem Anspruch, den er mit diesem Werk macht, ermög-
die Erforschung sonstiger Äußerungen und Werke des Verfassers und lichen über das elementare Verstehen hinaus ein Begreifen des Werkes,
seiner Zeitgenossen – mit den angedeuteten Vorbehalten – bei der In- insbesondere auch ein methodisch-wissenschaftliches Begreifen seiner
terpretation methodische Hilfsdienste leisten. Eigenstruktur, seiner Sinnbezüge, seiner Grundideen. Dies aber verdient,
Das prinzipielle Bewußtsein von der historischen Unabhängigkeit in seiner vorwissenschaftlichen oder in seiner wissenschaftlichen Form,
des hermeneutischen Gegenstandes vom Subjekt kann mit größerem erst vollgültig den Titel ‚hermeneutische Erfahrung‘, es ist objektiv-
Recht ‚historisches Bewußtsein‘ genannt werden als jenes sich selbst hermeneutische Erfahrung.
miß|verstehende Überlegenheitsbewußtsein, das Gadamer kritisiert.41 178 Erfahrungserkenntnis über die bloße Rezeption von Gegebenem hin-
Nicht um den Geltungsanspruch des Werkes durch den Nachweis seiner aus wird hier wie sonst in erster Linie durch Rückführung des Gegebenen
historischen Gewordenheit von vornherein zu relativieren, geht das auf seine Realgründe geleistet. Die Art der in Frage kommenden Real-
wahre historische Bewußtsein auf den Verfasser und seine Epoche zu- gründe wird umgrenzt durch den Gegenstandsbegriff der hermeneuti-
rück, sondern weil es durch diese Rückbindung das Werk selbst, samt schen Erfahrung, den wir nun präzisieren können:
seinem Geltungsanspruch, in seiner Unterschiedenheit vom eigenen (in Werke sind bloß möglich Gegenstände, die ihre Existenz dem Ver-
vieler Hinsicht zufälligen, naiven, vielleicht gar irrigen) Erleben begreifen ste|hen, ihre Bestimmtheit aber und also auch ihre begriffliche Be- 179
möchte. Um Bestreitung oder Bestätigung dieses Geltungsanspruchs stimmbarkeit dem Verhältnis zu ihrem ‚Autor‘ verdanken; d.i. dem Ver-
geht es dabei schon deshalb nicht, weil der spezifische Geltungsan- hältnis
1. zu dem von ihrem Autor benutzten System von Sinngehalten
(seinem noematischen System),
40 Daß wir in unserer alltäglichen Rezeption von Kunstwerken nicht genau zwischen 2. zu dessen Werkentwurf und dem damit verbundenen Geltungs-
dem, was wir dem Interpreten, und dem, was wir dem Autor oder Komponisten verdan- anspruch und seiner Wirkungsabsicht, einschließlich der entwurfsbe-
ken, unterscheiden, besagt natürlich nicht, daß die wissenschaftliche Analyse auf die Un-
terscheidung verzichten könnte; sie kann das schon um der Möglichkeit weiterer, viel- stimmenden allgemeineren Überzeugungen und Grundideen,
leicht ebenso, vielleicht in noch größerem Maße gelungener Konkretionen nicht, deren 3. zu den die konkrete Gestaltung des Werkes aktuell bestimmen-
Freiheit gerade durch eine genaue Bestimmung des vom Autor Geleisteten befördert den Produktionsdeterminanten geistiger und materieller Art.
wird.
41 Die naive Selbstüberschätzung des Historismus, als stehe der Historiker per se, insbe- Man kann sich leicht klarmachen, daß schon die damit gestellte
sondere in der wertenden und Bedeutsamkeit abschätzenden Beurteilung des Gesche- Aufgabe prinzipiell unendlich ist, denn zum einen haben die Realgründe
hens, außerhalb des historischen Geschehens mit seinen Relativitäten auf einem objektiven die Unendlichkeitsstruktur aller Realität. Zum andern erwachsen die be-
Standpunkt, kann nicht dadurch überwunden werden, daß man das Prinzip der Objektivität stimmenden Begriffe hier wie sonst aus Vergleichungs-, Abstraktions- und
– nicht nur bei der wertenden Beurteilung, sondern schon bei der Ermittlung der zu wer-
tenden Sachverhalte – zur Disposition stellt und den Begriff der Wahrheit und des Seins Reflexionsakten, die Sache des Subjekts und nicht des Objekts der In-
historisiert: Dies führt zu nichts als einem absoluten, ‚ontologischen‘ Historismus; der Histo- terpretation sind und die daher der Reichweite ihres empirischen Inhal-
rismus ist nur durch selbstkritische Unterscheidung zwischen dem Prinzip der Objektivi- tes nach weitgehend von dem empirischen Horizont des Interpreten ab-
tät und dem immer nur unvollkommenen Gebrauch, den man von ihm macht, ja schon hängen.
seiner unvollkommenen Explikation, zu überwinden. Eine solche Unterscheidung impli-
ziert auch die zwischen den Prinzipien der Erkenntnis von Sachverhalten und denen ihrer Vollends deutlich wird aber die Unendlichkeit der Bestimmungs-
wertenden Beurteilung. Dies wird im folgenden noch deutlicher werden, wenn von den aufgabe, wenn wir nicht mehr nur an die Reflexionsherkunft der werk-
Aufgaben der begrifflichen Bestimmung die Rede sein wird.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xxix xxx Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

bestimmenden Prädikatsbegriffe denken, sondern die Bestimmungssauf- vereinzelt, sondern entscheidend und allgemein in unserem Wissen, in
gabe selbst auf die Vergleichung und historische Verknüpfung zwischen unserem Wollen und in unserer emotionalen Haltung zu unserer
den Werken, zwischen Werken und der übrigen Kultur und schließlich menschlichen Situation bestimmt haben. Diese Erfahrung, welche auf
unserer eigenen geistigen Welt ausdehnen. Hier kann denn leicht der dem wirkungsgeschichtlichen Bewußtsein in einem zweiten Sinne beruht
Eindruck entstehen, jeder Interpret, zumal jede Epoche, habe mit vol- und in einem Wissen von der Wirkungsgeschichte resultiert, ist jedoch
lem Recht ihr eigenes ‚Verständnis‘ eines Werkes, ja (wie wir das bei Ga- nicht mehr schlicht hermeneutische Erfahrung der überlieferten Werke,
damer finden konnten) der ‚wirkliche Sinn eines Textes‘ sei »auch durch sondern impliziert deren Erfahrung und ist zugleich ein Stück empiri-
die geschichtliche Situation des Interpreten mitbestimmt« (vgl. nochmals scher Selbsterkenntnis.43
H I 301 [280]). Nur wer die Differenz zwischen der fundamental rezep- Reflektieren wir zum Schluß noch einmal auf das Verhältnis von
tiven Funktion des elementaren Verstehens und der Spontaneität der in- subjektiv- und objektiv-herme|neutischer Erfahrung: Der objektiv- 181
terpretierenden Begriffsbildung, und dann wieder die Differenz zwi- hermeneutischen Erfahrung wird in aller Regel nicht nur elementares
schen werkbestimmender und vergleichend-reflektierender ‚Interpretati- Verstehen, sondern auch subjektiv-hermeneutische Erfahrung voraufge-
on‘ nicht beachtet, kann zu solchen, die Erkenntnisaufgabe der interpre- hen. Der Endzweck der Geisteswissenschaften, sofern sie sich mit
tierenden Wissenschaften desavouierenden Folgerungen kommen.42 wahrhaft bedeutenden Werken beschäftigen, liegt wiederum darin, zur
|In die hermeneutische Erfahrung kann schließlich jederzeit auch 180 faktischen Lebenswirkung der Werke, also zu einer immer angemessene-
jenes Moment der subjektiv-hermeneutischen Erfahrung einbezogen ren subjektiv-hermeneutische Erfahrung beizutragen. Soll ihre Leistung
werden, das in der tatsächlichen Wirkung des Werkes auf uns, auf frühe- nicht einfach in einer Rückkehr zum Ausgangspunkt bestehen, so muß
re Rezipienten oder auf unsere Zeitgenossen besteht. Dies wird insbe- sie einen vom Endzweck wohlunterschiedenen immanenten Zweck in
sondere dort eine lohnende Aufgabe sein, wo wir es mit Werken zu tun der hermeneutischen Erkenntnis haben. Zu diesem immanenten Zweck
haben, die uns (und schon frühere Generationen) nicht nur beiläufig und gehört, wie wir uns klargemacht haben, auch die Erkenntnis von Gel-
tungsanspruch und Wirkungsintention des Werkes. Geltungsanspruch
und Wirkungsintention des Werkes sind nun aber prinzipiell unterschie-
42 Zu solcher undifferenzierten Betrachtungsweise trägt wohl auch der allzu weite Ge-
den von seiner faktischen Wirkung und derjenigen Geltung, die wir ihm
brauch des Ausdrucks ‚verstehen‘ bei. Sobald man seine Bedeutung nicht mehr an das
elementare, auf einen symbolisch objektivierten Sinn bezogene, und seiner Intention nach im eigenen Bewußtsein von der Sache zubilligen.
letztlich (auch dort wo wir uns die Wortbedeutungen erst erarbeiten müssen) rezeptive
Verstehen zurückbindet, droht sie mehr und mehr auch allen spezifisch sinnbezogenen
(und daher die Geisteswissenschaften auszeichnenden) Gehalt zu verlieren. Gadamers
von Heidegger übernommene Rückbindung des Sinn-Verstehens an das pragmatische 43 Genauer wäre noch zwischen der Wirkungsgeschichte und der Interpretationsgeschichte
‚Sich-Verstehen-auf ...‘ mag ihre Berechtigung haben, aber selbst wenn sich das letztere zu unterscheiden. Es mag sein, daß auch unsere alltägliche subjektiv-hermeneutische Er-
zum ersteren verhält wie der Grund zum Begründetem, so sind beide (wie die sprachliche fahrung schon durch eine Verstehens- und Interpretations-Geschichte des jeweiligen Wer-
Konstruktion zeigt) schon strukturell völlig verschiedene Sachverhalte, und Gadamers kes bestimmt ist. Aber darin liegt nichts von Notwendigkeit. Nur die pauschale Rede von
Formulierung, das eine scheine (scil.: bloß?) vom anderen wesensverschieden zu sein (vgl. H ‚der Überlieferung‘ kann hier die Verhältnisse verdecken: Mögen wir fast alles, was wir
I 264 f. [246 f.], läuft auf eine schon Gadamers eigene Differenzierungen desavouierende selbst sind, ‚der Überlieferung‘ verdanken. – Kein sog. hermeneutischer Zirkel zwischen
Irreführung des Lesers hinaus. Am Ende ‚verstehen‘ wir dann nicht nur den Sinn, den wir unserem Selbstverständnis und unserem Werkverständnis muß und darf uns daran hin-
oder andere Subjekte der Welt geben (und der uns auch in unserem praktischen Umgang dern, dasjenige, was wir Goethes Werk verdanken, von dem zu unterscheiden, was wir
mit ihr beständig leitet), sondern wir ‚verstehen‘ auch die Welt, welche der intentionale Ge- nicht Goethe, sondern etwa Rousseau oder Kant verdanken – und schließlich auch das,
genstand dieses Sinnes ist. Wie die Einzelwerke in der Rede von ‚der Überlieferung‘, so was wir etwa einer gelungenen Goethe-Interpretation verdanken, von dem, was wir ei-
geht das Verstehen des empirisch vorgegebenen Sinnes in der universalen Rede vom nem mehr oder weniger ‚produktiven‘ Mißverständnis des Goetheschen Werkes verdan-
Weltverstehen (und in dem damit zusammenhängenden Theorem vom hermeneutischen ken. – Natürlicher Weise kompliziert sich die Unterscheidungsaufgabe noch einmal dort,
Zirkel) unter. Das alles führt vom Problem der Hermeneutik weg zur ‚Seinsgeschichte‘, wo wir es mit künstlerischen ‚Interpretationen‘ im Sinne von Aufführungen zu tun ha-
und die erkenntnistheoretische Fragestellung wird nicht ‚überwunden‘, schon gar nicht ben, weil das Werk als einmal produzierte Vorlage (selbst bei minutiösen ‚Regie‘-
durch die phänomenologische Forschung (wie die betreffende Kapitelüberschrift be- Anweisungen des Autors) nur eine abstrakte Regel für die konkretisierende Präsentation
hauptet), sondern verdrängt. sein kann.
LOGOS N.F. 1 (1994) BERNWARD GRÜNEWALD xxxi xxxii Der Erfahrungsbegriff der dialektischen Hermeneutik

Auch der Verfechter einer bloß subjektiven Hermeneutik muß dar- on‘) unter dem Gesichtspunkt ihrer Authentizität; gegebenenfalls aber
View publication stats

auf bestehen, daß seine eigenen Leser (und Interpreten) dies unterscheiden auch zur Kritik des Geltungsanspruchs eines theoretischen Werkes oder
und vor einer abschließenden Stellungnahme das von ihm Gemeinte, so eines Kunstwerkes unter dem Gesichtspunkt der Wahrheit oder der äs-
wie es gemeint war, zu erfassen suchen. Wollen wir dieses Ziel metho- thetischen Qualität. Die erstere scheint mir noch durchaus zu den im-
disch verfolgen, so müssen wir in der objektiv-hermeneutischen Erfah- manenten Aufgaben der Geisteswissenschaften zu gehören, denn ihr
rung, bei Erfüllung der immanenten Aufgabe der Geisteswissenschaften, Maßstab ist durch objektiv-hermeneutische Erfahrung zu ermitteln; letz-
die faktische Wirkung und unser eigenes Bewußtsein von der Sache (ge- tere gewinnt ihren Maßstab nicht aus hermeneutischer Erfahrung, sie
wiß zumeist erst nachträglich) ‚einklammern‘, und unsere positive oder geht über die immanente Aufgabe hinaus (was ja nicht bedeutet, daß sie
negativ Stellungnahme zum Geltungsanspruch des Werkes einer Art von von anderen Personen, an anderen Orten, in anderen Büchern betrieben
phänomenologischer epoché unterziehen, vor allem, damit unser Verste- werden müßte).
hen des Sinnes nicht unter den verfälschenden Druck unserer eigenen Wissenschaft ist niemals Selbstzweck; ihr Endzweck liegt außerhalb
(evtl. vermeintlichen) Einsichten in die Sache gerät.44 Vielleicht können ihrer eigenen Grenzen, etwa in umfassender und authentischer subjek-
wir zu|nächst oft nicht anders verstehen, als wenn wir, dem uns gegeben 182 tiv-hermeneutischer Erfahrung; im Beispiel: um (nach Erfüllung seiner
erscheinenden Sinn ‚folgend‘, ihn in unser transzendentales Bewußtsein eigenen Aufgabe) die spezifische Wirkung der ‚Antigone‘ oder des ‚Faust‘
integrieren (und uns auf die ‚Sache‘ einstellen), aber die immanente Auf- zu erfahren, geht auch der Literaturwissenschaftler (wie seine Leser) nicht
gabe der Wissenschaft fordert die Verwandlung des transzendentalen ins Seminar, sondern ins Theater.
Bewußtseins von gegebenem Sinn in ein empirisches Bewußtsein, schon
um den wahrhaft gegebenen Sinn vom nur scheinbar gegebenen unter-
scheiden zu können. Gadamers Konzeption der bloß subjektiv- Zusammenfassung
hermeneutischen Erfahrung verkennt in der Polemik gegen das Prinzip Gadamers Begriff der hermeneutischen Erfahrung wird daraufhin untersucht, ob
der Objektivität die Funktion dieser geisteswissenschaftlichen ™poxë ge- er geeignet ist, zur Begründung auch der empirischen Geisteswissenschaften zu
rade auch für eine angemessene subjektiv-hermeneutische Erfahrung. dienen (sofern sie sich mit Werken beschäftigen). Der Gadamersche Begriff er-
weist sich dabei als der einer subjektiven Erfahrung, d.h. eines Bestimmtwerdens
Objektiv-hermeneutische Erfahrung ist schließlich auch die Bedin- durch die Werke und einer Selbstveränderung aufgrund der Werke, der zwar in
gung dafür, daß wir nach Erfüllung dieser immanent geisteswissen- notwendiger Korrelation steht zu der wesentlichen Intention der Werke und des-
schaftlichen Aufgabe begründeter Weise zu der einen oder anderen Art halb auch zu einem möglichen Endzweck der betreffenden Geisteswissenschaften
von Kritik übergehen: zur Kritik etwa der faktische Wirkung eines (den Werken zur Wirkung auf unser Leben zu verhelfen), der aber noch keinerlei
Kunstwerkes (und ihrer Erzeugung in einer aufführenden ‚Interpretati- Ansatz für die Ermöglichung des immanen|ten Zwecks dieser Wissenschaften ent- 183
hält, gültige Erkenntnis der Werke zu leisten (damit wahrhaft das Werk, nicht bloß
ein zufälliger ‚Eindruck‘ von ihm, auf uns wirke). Demgemäß skizziert der letzte
44 Gewiß kann die (subjektiv-) hermeneutische Erfahrung »das Geschehen, das sie ist, ... Teil des vorliegenden Aufsatzes die Prinzipien einer objektiv-hermeneutischen Er-
fahrung.
nicht ungeschehen machen«, wie Gadamer schreibt (vgl. H I 467 [439]); aber die objektiv-
hermeneutische Erfahrung kann mithilfe dieser epoché das Fundament einer Selbstkritik an
der anfänglichen subjektiv-hermeneutischen Erfahrung abgeben und ihr zu wahrer An-
gemessenheit verhelfen; und sie kann allein mithilfe solcher epoché die Grundlage abgeben
für eine kritische (z. B. auch ideologiekritische) Diskussion der Texte selbst (vgl. dazu
auch die Habermas’sche Kritik an dem Irrationalismus der Absolutsetzung der herme-
neutischen Erfahrung: J. Habermas, Zu Gadamers ‚Wahrheit und Methode‘ [in: Theorie-
Diskussion: Hermeneutik und Ideologiekritik, Frankfurt 1991, S. 45-56], insbesondere S.
51 f. – Ob die sozialwissenschaftlich akzentuierte Universalgeschichte aber, wie Haber-
mas dort zu glauben scheint, schon ausreichende Kriterien für die Kritik bereitzustellen
imstande wäre, ohne selbst schon – unkontrollierte – nichtempirische Prinzipien voraus-
zusetzen, muß fraglich bleiben).

Das könnte Ihnen auch gefallen