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Mistkühelanzünder

VON ELISABETH VON SAMSONOW

P

einlich genug, dass das Ver-

fahren

um

vier

Studierende

sich so lange hinzieht, dass ein

Vergleich mit gewissen, die weltäf- fentlichkeit bewegenden und verän-

dernden Vorgängen nicht ausbleiben

kann. Aus verschiedensten Gründen

rückte 2009 die österreichische Stu-

dentenschaft ins

europäi-

Zentrum

scher Aulinerksamkeit, es kündigte

sich fast so etwas wie ein kleines 1968

ao, eine Generation fing an, über ihre

Rolle, ihre Aufgaben und ihre Chan-

cen

öffentlich

zu

reflektieren,

sich

schließende

gesellschaftliche

Felder

zu befragen, zu kritisieren, eben poü- tisch zu werden. In einem Land, das an großen Umwälzungen immer nur

nach

gewissen Venögerungen

und

Formatveränderungen teJIUmmt, war das nun schon bemerkenswert.

Man hätte gedacht, das~ sich eine

gewisse

wachen

Genugtuung

über

dieser

Generation

das

Er-

einstel-

len würde, dass dieses Land, dieses

glückliche Land, aus der hohen War- te seiner Politik gütig, gnädig, milde und mit mäzenatischem Blick auf die jungen Triebe blickte. Nun aber tat man das nicht. Im Gegenteil. Ange -

steckt vom neuen Klima des War on Terror} beseelt vom Umschwung des Rechtsstaates in einen Emergency State} beschwingt durch verschiedene

Verschärfungen des Paragraphen 278

(der auch erlaubt) Tierschützer als po-

tentiell staatsgefahrdende Individuen

zu arretieren)} dirigierte eine in allen

Farben schillernde neoliberale Politik

ihre

auf internationales

Reizniveau

regulierte Exekutive hin auf die nun

doch eigentlich durch ein gewisses

autonomes Ethos bewundernswürdig antiruerarcrusch strukturierten und organisierten studentischen Proteste.

Im Schatten weltpolitischer Ereignisse schrumpfen die

angeblich staatsgefhlu-denden

Taten aufErbsengräße zusammen.

Die Lehre aus '68 besagte (so die

undeutliche Erinnerung)} dass die Geburt des Terrors eine Kreation aus dem Geiste der Universität sei. Aus diesem verhängnisvollen Schluss könnte sich ansatzweise erhellen} was dann passiert ist: Eines Tages nämlich riss eine erschrockene, nichtsahnen-

de Studentin der Kunstakademie die

Ture ihrer Studentenwohnung auf in der Furcht} dass sie dieselbe Ture aus eigener Tasche ersetzen müsste, falls, wie drohend bevorstand} die Polizei sie einträte. Sie sieht die Wohnung wenige Sekunden später gestürmt von maskierten und gepanzerten

Spezialkräften, die nach Waffen su- chen (selbstverständlich vergeblich).

Sie und drei weitere, offenbar schon länger observierte Studierende wer- den festgenommen und in Untersu- chungshaft verbracht, während man

und in Untersu- chungshaft verbracht, während man ihnen vorwirft, Mülltonnen vor einem öffentlichen Gebäude
und in Untersu- chungshaft verbracht, während man ihnen vorwirft, Mülltonnen vor einem öffentlichen Gebäude

ihnen vorwirft, Mülltonnen vor einem öffentlichen Gebäude angezündet und in einem weiteren Akt, nämlich der filmischen Dokumentation einer Ab -

schiebung, die öffentliche Sicherheit untergraben gewollt zu haben. (Schon hier muss der Einschub gemacht werden, dass eine ähnliche Anschul- digung für eine Inhaftierung in vielen

Ländern, beispielsweise in ltalien, nicht ausreicht. Mistkübelanzünden

ist dort eine tägliche Beschäftigung

vieler Leute. Brennende Mistkübel und brennende Papierkörbe werden hingenommen, wohl oder übel) und

nicht mehr als apokalyptische Zei- chen gedeutet. Der Philosoph und Ökonom A1&ed Sohn-Rethel wid-

mete im Übrigen den einem erwei-

terten Ordnung.begriffanhängenden

Menschen seine schönste Schrift} Das

Ideal des Kaputten Ober IIeapolitallische Techllik.)

Hysterisches Radar

Die Vorwurfsrhetorik im Falle der in- haftierten Studierenden konnte sich aus einem reichen Fundus bedienen} und sie tat dies beinahe automatisch}

nachdem endlich das hysterische Radar der Ausnahmezustandsgesell-

schaft ein geeignetes}ein verdächtiges

Objekt gefunden hat. Besonders die

juristische Erkenntnis} dass ein Video einer Abschiebung, welches im Rah- men einer Akademiepräsentation als ein Beitrag aktivistischer Kunst ausge- steUt worden war, als Nachweis terro- ristischer Umtriebe gelten könne} gibt wirklich zu denken.

Inzwischen ereigneten sich nun die unterschiedlichsten Aufruhre in Ägypten, in Libyen, in Marokko, in Syrien und im Jemen. Zu Recht be - troffen von der Unangemessenheit des politischen Umgangs mit dem

Protest der Bürgerlnnen fühlen wir

uns

hof-

sensibilisiert}

solidarisch}

fend und bangend. Wir sind entsent

darüber} wie über die Antithese des wirklichen Souveräns} nämlich des

Volkes, hinweggegangen, ja hinwegge-

schossen wird. Das ist der Moment} in dem noch einmal zu fragen ist, welche

Maßstäbe eigentlich die Politik ihrem Handeln zu Grunde legt und zu Grun-

de zu legen hat. Im Schatten dieser we!tpolitischen Ereignisse schrump-

fen folglich die Scheinriesen-Schatten,

die die studentischen Proteste und die

darauffolgenden angeblichen staats- gefährdenden Taten geworfen hatten,

aufErbsengröße zusammen. Wir haben gerade noch den scha-

len

angebli-

Nachgeschmack

einer

chen Großtat der Gerechtigkeit} der

gezielten Totung des weltschlinuns-

ten Terroristen auf der Zunge. Wenn der Weste,n in solchen Momenten

eine Genugtuung empfindet über die

Verfassung seiner Demokratien, dann soUte auch noch einmal ein sehr klarer

und nüchterner Blick auf die Unmaß- stäblichkeit von Handlungen wie der beschriebenen Verhaftung der Studie-

renden gerichtet werden. Wie leicht- fertig nämlich das} was den Namen demokratischer Freiheit verdient} im Namen von Sicherheit} Kontrolle und

preisgegeben

öffentlicher

Hygiene

wird} ist tief beunruhigend. Wenn wir

unser Modell, das Modell der west- lichen Demokratien, den post-dikta- torischen Gesellschaften als ein Sum-

mwn Bonum vorhalten} dann wäre es auch an der Zeit, in diesen Demokra- tien hin wieder abzulassen von jener medial gesteuerten Aufgeregtheit, die

die Politik nicht mehr nur begleitet,

sondern sie ersetzt. Es wäre an der Zeit, sich der Frei- räume und der sie garantierenden Prinzipien zu versichern} an sich selbst

Gefallen zu finden, indem man sich als

ein Staatbegreift, der, anstatt seineBÜf-

gerinnen mit gelegentlichen, punktu-

ellen Eingriffen einzuschüchtern} sich

aus reiflicher Überlegung mild, gütig,

großzügig und mäzenatisch geriert. Vor allem müsste ein solches gutes Gebot gegenüber den jüngeren Bür- gerinnen gelten} und zwar auch auf Grund der tatsächlichen Lehre aus

'68, Dass es genau

ehe Repression ist} die erst wirklich

radikalisiert. Dies also ein Appell an

die westlichen Demokratien, sich ernsthaft so gut und erstrebenswert zu machen, wie sie in den Augen der heurigen Frühlingsrevolutionen er- scheinen wollen.

die unmaßs täbli-

Elisabeth I.'OU Samsonow, geborw 1956, ist Professorinfür philosophische "nd his- torische Anthropologie der Kunst an der Akademie der bi/d",d", Künste Wien.

Zuletzt erschien", Anti-Elektra. Tote-

mismus und Schizogamie (diaphanes)

2007) "nd Egon Schiele - Ich bin die

Vielen (Passagell Verlag, 2010).