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mengefaßt werden kann »sie lebten, liebten und starben.

« nungen und ihr völliges Vernachlässigen der physiologischen


Primum vivere, deinde philosophari. Das Prinzip, daß. das Vaterschaft, endlich die außerordentliche Verwirrtheit, Ver­
Volk mit geschickter Ausnutzung von Brot und Zirkusspiel schiedenheit und Gegensätzlichkeit der Bestattungsbräuche
in Ruhe gehalten werden kann, die Vorstellung, es gäbe tat­ und der eschatologischen Ideen bilden einen anderen großen
sächlich eine Reihe von Bedürfnissen, einige davon grund­ Teil des kulturbestimmten Verhaltens, der uns auf den ersten
legend, andere vielleicht künstlich entwickelt, die aber alle Blid, fremd und unverständlich erscheint, Wir haben es hier
nach Befriedigung drängen - solche Sätze und Prinzipien offenbar immer mit Phänomenen zu tun, bei denen heftige
bilden das Hauptmaterial des Historikers für geschid<te, wenn Gefühlsreaktionen auftreten. Alles, was mit menschlicher Er­
auch meist intuitive Rekonstruktion. Ich glaube, es ist klar, nährung, dem Geschlecht und dem zyklischen Ablauf des Le­
daß jede Kulturtheorie von den organischen Bedürfnissen des bens, einschließlich Geburt, Mannbarkeit und Tod zu tun hat,
Menschen auszugehen hat, und wenn es ihr gelingt, die kom­ ist beständig von physiologischen Unregelmäßigkeiten im Kör­
plexeren, indirekteren, aber vielleicht unbedingt zwingenden per, im Nervensystem des Beteiligten und seiner Genossen
Bedürfnisse wiederzugeben, die wir geistige, wirtschaftliche begleitet. Das führt uns wieder darauf, daß, wenn wir die
oder soziale nennen, dann wird sie uns eine Reihe von allge­ Schwierigkeiten und Unübersichtlichkeiren im kulturellen Ver­
meinen Gesetzen liefern ' wie wir sie für eine seriöse wissen- halten angehen wollen, wir die Verbindung zu den organi­
schaftliche Theorie brauchen. schen Prozessen im Körper und zu solchen Begleitumständen
Wann hält es der anthropologische Forschungsreisende, wann des Verhaltens herstellen müssen, die wir Triebe und Wünsche,
der Theoretiker, der Soziologe und der Historiker für not­ Emotionen oder physiologische Störungen nennen, und die der
wendig, eine hypothetische Erklärung durch umfangreiche Re­ Kulturapparat in der einen oder anderen Weise abgewandelt
konstruktionen oder psychologische Annahmen zu geben? hat.
Offensichtlich dann, wenn das Verhalten ungewöhnlich, ohne Einen Punkt, der sich auf die äußere Verständlichkeit be­
Zusammenhang mir unseren eigenen Bedürfnissen und Ge­ zieht, haben wir in diesem Teil unserer Überlegung beiseite
wohnheiten erscheint, kurz, wenn Menschen aufhören, sich so gelassen. Es gibt offensid1tlich einen ganzen Bereich mensch­
zu betragen, wie alle sich betragen sollten, und wenn sie statt lichen Verhaltens, den der Forscher besonders untersuchen und
dessen ihre Praktiken der Couvade, der Kopfjagd, des Skalpie­ dem Verständnis des Lesers nahebringen muß, das ist der
rens, der Verehrung eines Totems oder Ahnen oder eines fremd­ besondere Symbolismus jeder Kultur, vor allem ihre Sprache.
artigen Gottes durchführen. Es ist bezeichnend, daß viele dieser Doch das gehört unmittelbar zu dem Problem, das wir schon
Bräuche ins Gebiet der Magie und Religion fallen und daß aufgeworfen haben, nämlich dem, die symbolische Funktion
sie aus der Unvollkommenheit des Primitiven in Wissen und eines Gegenstandes, einer Geste, eines artikulierten Geräusches
Vernunft herstammen oder herzustammen scheinen. Je weniger festzustellen, das zusammen mit der gesamten Theorie der
unmittelbar organisch das Bedürfnis ist,. dem ein Verhalten Bedürfnisse und ihrer kulturellen Befriedigung behandelt wer­
entspricht, um so wahrscheinlicher wird es solche Phänome�e den muß.
hervorrufen, die der anthropologischen Spekulation den mei­
sten Nährstoff geliefert haben. Selbst in bezug auf das Essen,
auf Geschlecht und auf Wachstum und Tod des menschlichen
Körpers gibt es eine Anzahl von problematischen, exotischen
und erstaunlichen Arten des Verhaltens. Kanibalismus und
Nahrungstabus, Ehe und Verwandtschaftsbräuche, über­
steigerte geschlechtliche Eifersucht oder deren anscheinend völ­
liges Fehlen, die klassifikatorischen Verwandtschaftsbezeich-
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