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Sprachwandel: Reden wir bald alle Kiezdeutsch?

Der Sprachwandel zur neuen Umgangssprache


"Mach ich Foto - tu ich Facebook!" - Halt, nicht lachen - bald reden wir wahrscheinlich alle

so! "Aaaah! unsere schöne Sprache verkommt zum hingerotzten Buchstabenmüll!",

kreischen jetzt die linguistischen Feingeister! "Quatsch, ist doch genial!" , sagt Generation

'YouTube'. Aus Denglish wird jetzt Dürkisch. Praktisch für alle Maulfaulen: Man kann mit

viel weniger Wörtern plötzlich ganz viel sagen! Heute z.B. so was wie: "Gehst du Fußball?

Bringst du Colamolal" Das sind doch alles die Migranten schuld! schimpfen die Stammtische!

Aber stimmt das wirklich?

Von Dagmar Baumgarten

Was sicher ist: Ob wir wollen oder nicht - die sogenannte Kiezsprache wird sich bei uns noch

viel breiter machen. Ist ja auch logisch - je öfter man es hört, umso selbstverständlicher wird

es für uns. Und irgendwann, ganz automatisch, verschluckt unsere eigene Zunge auch die

vermeintlich überflüssigen Artikel oder Präpositionen. Merken wir wahrscheinlich dann

daran, dass wir plötzlich so schnell fertig sind mit unseren Sätzen. Und anfangs werden wir

erschrecken und uns umgucken, ob uns jemand ertappt hat, dass wir jetzt auch in den Asi-

Slang abgerutscht sind. Denn nicht die Sprache selbst ist das Problem, sondern ihr Image!

Wer so redet, mit dem verbinden wir unbewusst folgenden Tagesablauf:


7:00 Uhr mach ich Tiefschlaf

10:00 Uhr ey Alter voll immer noch Tiefschlaf

11:30 Uhr wer ist Spast, wo mich geweckt??!

12:00 Uhr tu ich Aufstehen, geh ich Späti Kippen holen

13:00 Uhr (und eine halbe Packung Zigaretten später): Anruf Kumpel: "ey Alter!" "Was los,

du Opfer?" "Gehst du Playstation in Media Markt?" "Nein, muss ich Amt!"

15:00 Uhr geh ich Hartz IV!

18:00 Uhr geh ich Public Viewing-Miewing.

Danach:

(scheißegal, wer gewinnt) mach ich Autocorso mit mein BMW!!

Kiezdeutsch gibt es in allen Bevölkerungsschichten


Die Wahrheit aber ist: Die Sprache ändert sich durch alle Schichten. Das für viele überraschende

Ergebnis der Rostocker Sprachstudie: Auch in Gegenden, wo es nicht so viel Multi-Kulti wie

beispielsweise in Berlin gibt, reden die Jugendlichen Kiez-Deutsch.


Die Sprachwissenschaftler der Uni haben beobachtet, dass auch aus den Chanel geschminkten

Lippen der feinsten Akademikertöchter ganz selbstverständlich Sätze entlassen werden wie:

"Kommst Du mit Klo?"

Und das ist auch nichts Neues. In vielen Dialekten werden Präpositionen einfach weggelassen oder

ersetzt. Und das hat nichts mit der neuen angeblichen 'Ghettosprech' zu tun! Sätze wie "Ich bin auf

Schicht" kennt man im Ruhrgebiet schon seit vielen Jahrzehnten.

Das einzige, was sicher mit dem türkischen Einfluss zu tun hat, sind Wortkonstruktionen wie

Colamola oder Fahrradmahrrad, also das Wiederholen von Silben mit vorangestelltem M. Und es ist

laut Studie auch so, dass die Sprache vereinfacht wird, wenn viele unterschiedliche Kulturen

aufeinandertreffen.

Aber ist das jetzt Sprach-Verhunzung oder Sprach-Weiterentwicklung?

Wer unsere Sprache als etwas Starres ansieht, dem bluteten bei "ich geh Bus" wahrscheinlich Herz

und Ohren. Aber müsste der dann nicht auch noch Mittelhochdeutsch reden? Als Luther die Bibel

übersetze, benutze er feinstes Deutsch - jedenfalls für die damaligen Verhältnisse. Heute würden

wir es kaum noch verstehen. Sprache ist doch für uns da, und nicht wir für die Sprache. Auch die

Jugendlichen können sehr wohl unterscheiden, mit wem sie gerade reden, und passen ihre Sprache

dann an. Und das ist doch auch die Hauptsache: dass wir immer, egal mit wem wir reden, neben den

passenden Worten, den richtigen Ton treffen!

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