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Titel

Kommunikation des Evangeliums


in der digitalen Gesellschaft
Lesebuch zur Tagung der EKD-Synode
vom 9. bis 12. November 2014 in Dresden
Eine kurze Anleitung zu diesem Lesebuch
Aufbau: Randspalte:
• Das Lesebuch ist in vier Hauptkapitel unterteilt. Zwischen den In den Randspalten der Texte stehen Zusatzinformationen wie
Hauptkapiteln finden Sie bunt gemischte Beispiele aus dem Netz. Fußnoten oder Glossarverweise. Die Zusatzinformationen haben wir –
Sie zeigen, wie Glaube und Kirche heute im Internet gelebt werden. je nach Funktion – mit verschiedenen Symbolen gekennzeichnet.
• In jedem Hauptkapitel gibt es mehrere Themen mit einem oder Die Symbole in den Randspalten:
mehreren Texten. Am Ende eines Themas finden Sie häufig Tipps
zum Weiterlesen und F
­ ragen, die das Gespräch anregen können. Glossar: Wir haben die wichtigsten Begriffe der digitalen
Welt für Sie markiert. Wenn Sie auf den Begriff in der
Glossar Randspalte klicken, dann landen Sie bei der Erklärung
Navigieren in diesem PDF: im Glossar am Ende des PDFs.
• Sie können geräteunabhängig den Adobe Reader benutzen Fußnoten: Fußnoten erkennen Sie an diesem Symbol,
und in diesem Dokument blättern, wie Sie es von PDFs 1 es kann sich um Bücher und Aufsätze oder auch
­gewohnt sind. Fußnote um einen Link als Beleg für eine These oder ein Zitat
• Sie finden je nach Gerät an unterschiedlicher Stelle ein im Text handeln.
­mitlaufendes Inhaltsverzeichnis, um einfach zu navigieren. Websites: Bei diesem Symbol finden Sie Websites,
• Klickbar sind außerdem: Startseiten der Hauptkapitel, die im Text angesprochen werden oder weiterführen.
­Kapitel- und Thementitel am oberen Seitenrand sowie das Websites Die Internetadresse können Sie anklicken und landen
­Inhaltsverzeichnis auf den Seiten 4 bis 5. dann im Netz auf der entsprechenden Seite.

• Wenn Sie an eine neue Stelle im PDF gesprungen sind und Mehr dazu: Wenn es zu einem Aspekt im Text einen
an die vorherige Stelle zurückwollen, so können Sie dies an weiterführenden Beitrag in diesem PDF gibt, weisen wir
­Laptop oder PC mittels Tastatur tun: beim Adobe Reader Mehr dazu Sie mit diesem Symbol darauf hin. Hier können Sie die
mit Alt ← (Windows) oder ← (Mac). Randspalten-Erläuterung anklicken und springen so zu
dem entsprechenden Artikel.
Vorwort
vorwort / 3

Liebe Schwestern und Brüder,


die Digitalisierung unserer Welt schreitet weiter voran. In dem zunächst als techni-
sches Medium wahrgenommenen Internet entstehen neue „Räume“, in denen reales
Leben stattfindet. Menschen unterhalten sich, spielen miteinander, informieren sich.
Zugleich wird auch das Leben in den gewohnten Räumen immer digitaler, zum
Beispiel beim Überweisen von Geld oder beim digital gesteuerten Wasserwerk.
Rund 500 Jahre nach der „reformatorischen Medienrevolution“ erleben wir Umbrü-
che, die unser Leben ähnlich tiefgreifend verändern können. Als Kirche fragen wir: Bundesministerin a. D.
Welchen Einfluss haben Social Media auf Verständnis und Praxis des allgemeinen Dr. Irmgard Schwaetzer,
Präses der 11. Synode
Priestertums und des Predigtamtes? Wie wird die Freiheit des Menschen angesichts
der Evangelischen
einer unvorstellbaren Datenerfassung gewahrt? Wie verändert sich unser Bild von Kirche in Deutschland.
der Gemeinde am Ort angesichts von Online-Gottesdiensten oder Trauerseiten im
Netz? Was die Veränderungen in der digitalen Gesellschaft für uns bedeuten, wird
im Zentrum des Thementags der diesjährigen Synode stehen.
Im Lesebuch zum Schwerpunktthema „Kommunikation des Evangeliums in der di-
gitalen Gesellschaft“ wird deutlich, wie facettenreich das Thema ist. Autorinnen und
Autoren fragen nach einem gerechten Netz, der Verschmelzung von Mensch und
Maschine oder dem Christentum als Medienreligion. In Zusammenfassungen wer-
den weitere Aspekte des Themas dargestellt. So finden Sie im Lesebuch eine große
Anzahl kurzer Texte, um einen Überblick zu erhalten. Und für die, die sich genauer
informieren möchten, helfen Hinweise auf weiterführende Literatur und Links.
Offene Fragen am Ende einiger Abschnitte des Lesebuchs machen dabei mehr als
deutlich: Wir werden auch im November 2014 keine abschließenden Antworten
finden. Aber lassen Sie uns gemeinsam die digitale Welt vermessen und die Orte
benennen, bei denen wir als Kirche Gestaltungsaufgaben haben. Denn mit der Ent-
scheidung für dieses Schwerpunktthema haben wir zwei Kernfragen in das Zentrum
gerückt: Wie gewinnt das Evangelium in digitalen Lebensräumen Gestalt? Und:
Wie wird die menschliche Freiheit angesichts der Digitalisierung bewahrt?
Viel Freude beim Entdecken der Vielfalt unseres Schwerpunktthemas!
Inhaltsverzeichnis
Inhalt

kapitel 01 die digitale gesellschaft eine neue dimension des menschseins? / 43


die andere raum-erfahrung / 43
digitales leben / 8 nach dem menschen: ­
cyborgs und die unsterblichkeit / 45

das internet der dinge / 8


vorurteile über das internet / 48

internetnutzung allgemein / 11 das internet macht dumm / 48


online macht einsam / 49
das netz wird älter und mobiler / 11
freischein zum schweinsein / 50
„killerspiele“ machen aggressiv / 51
so nutzen christen das netz / 17 das internet führt zum burnout / 52
christen im netz / 17 das internet stürzt diktaturen / 53
fehlschlüsse vermeiden! / 20
ein gerechtes netz / 54
zugangsgerechtigkeit in deutschland  / 54
galerie eins / 22
sehnsucht nach dem netz
geistiges eigentum?
/ 55
/ 57

brauchen wir eine neue ethik? / 59


kapitel 02 der digitale mensch katholische impulse zur medienethik  / 59
neue medien, alte fragen / 62
gottes ebenbild ist online / 28 moral fürs netz / 63
der mensch in der digitalen epoche / 28
„gefühl der verbundenheit“ / 32 medienkompetenz und medienpädagogik / 65
niemals zeigt man sich ganz / 34
kritisch nutzen statt verteufeln  / 65
das internet und ich  / 69
big data / 36 das p
­einliche foto des mit-konfis / 70
big data in den medien / 36
vertreibung aus dem paradies / 38
das google-urteil
verschlüsseln macht verdächtig
/
/
40
41
galerie zwei / 72
kapitel 03 die digitale kirche der „iconic turn” / 116
rückkehr zu den bildern / 116
wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / 78
beten im netz / 120
aufbruch in die digitale welt  / 78
im schnittpunkt der welten / 82 online statt in der kammer beten / 120
nur weil es im internet ist, muss es nicht schlecht sein  / 84
trauerkultur im netz / 122
entsteht eine neue kirche durch das netz? / 86 das internet als ort des gedenkens / 122
(k)eine neue kirche im netz / 86
zeigen, was man glaubt / 125
gottesdienst und abendmahl ­
online / 90 bekennt euch! / 125
der avatar beim abendmahl / 90 dein smartphone sagt, was du glaubst / 126
„alle predigen mit“ / 93
glaubensexperten online / 127
die bibel online / 95 hallo, herr pfarrer! / 127
mehr als ein buch! / 95
die gemeinde-homepage / 129
religion in computerspielen / 99 das fenster zur welt / 129
die taufe in „bioshock infinite“ / 99
seelsorge online / 132
willkommen im chat / 132
galerie drei / 103
kirchlicher datenschutz / 134
„menschen schützen, nicht daten“ / 134

kapitel 04 die digitale praxis


glauben und social media / 110 galerie vier / 136
jenseits der parochie / 110
besucht die blogs! / 113 glossar / 142
Lesebuch zur Vorbereitung auf das Schwerpunktthema
„Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“
7. Tagung der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland / 9. bis 12. November 2014 in Dresden

Vom Präsidium in den Vorbereitungsausschuss berufene Mitglieder Weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Bärbel Boy, Kiel Oberkirchenrat Dr. Eberhard Blanke, Hannover (Amt der VELKD)
Ingo Dachwitz, Berlin Pfarrerin Karin Bertheau, Hannover (Amt der UEK)
Prof. Dr. Michael Germann, Halle Superintendent Philipp Meyer, Hameln (Präsidium VELKD-Generalsynode)
Harald Geywitz, Berlin Dorothea Siegle, Frankfurt am Main (GEP)
Landessuperintendent Dr. Detlef Klahr, Emden (Vorsitz)
Geschäftsführung
Superintendent Andreas Lange, Lemgo
Oberkirchenrat Sven Waske, Hannover
Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Hamburg
Susanne Mauch-Friz, Stuttgart Redaktion und Produktion des Lesebuchs
Prof. Dr. Ilona Nord, Hamburg Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH
Pfarrer Wolfgang Prawitz, Groß-Gerau
Carsten Simmer, Homberg-Maulbach
Pastorin Dr. Beate Sträter, Bonn
Pfarrerin Dr. Ellen Strathmann-von Soosten, Bochum
Marlehn Thieme, Bad Soden
Pfarrerin Verena Übler, München
PD Dr. Thomas Zeilinger, Fürstenfeldbruck
kapitel 01
digitales leben / seite 8

das internet der dinge / seite 8

die internetnutzung allgemein / seite 11

das netz wird älter und mobiler / seite 11

digitale so nutzen christen das netz / seite 17

christen im netz / seite 17


fehlschlüsse vermeiden! / seite 20

gesellschaft
Wie nutzen die Deutschen das Internet?
Und welche Erkenntnisse gibt es darüber,
was Protestanten sich online wünschen?
Daten und Fakten Informationsgrafiken: Hahn und Zim mermann, Bern
8 / kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema digitales leben
digitales leben

Das Internet der Dinge


Digitales Leben – was ist das? Morgens im Netz die Nachrichten aus aller Welt überfliegen,
E-Mails im Büro schreiben und sich abends auf Facebook durch die neuesten Urlaubsbilder der
Freunde und Freundesfreunde klicken? Ja, auch. Und noch viel mehr
< Von Felicitas Kock>

Glossar

Online / Seite 144


79,1 Prozent der Menschen in Deutsch-
land sind nach Angaben der ARD/
ZDF-Onlinestudie 2014 „online“.
Bei den Jugendlichen (14–19 Jahre) sind es 100 Prozent,
man am eigenen Computer auslesen kann, um sich im
Netz auszuweisen, und die traditionelle Krankenversiche-
rungskarte wird seit diesem Jahr durch die elektronische
Gesundheitskarte ersetzt, die zum Beispiel geeignet ist,
Instant-Messaging / Seite 144 bei den 20 bis 29-Jährigen 99,4 Prozent. Sie pflegen ihre auch ärztliche Verordnungen (eRezepte) zu speichern.
Social Media / Seite 145 zwischenmenschlichen Beziehungen über Instant-Mes- Immer mehr der Gegenstände um uns herum wer-
Suchmaschine / Seite 145 saging-Dienste und soziale Netzwerke. Sie halten sich den „schlau“: Wer über das Internet einen neuen Pul- Felicitas Kock
Internet / Seite 144
über Nachrichtenseiten auf dem Laufenden und befragen lover bestellt, der kann heute vom Moment der Bezah- ist Journalistin und
Suchmaschinen. Sie lesen, hören Musik, schauen Fil- lung an verfolgen, wie sich das Kleidungsstück auf ihn schreibt vor allem
für die Süddeutsche
me – ohne dafür ein Buch, eine CD oder eine DVD in zubewegt: Vom Lager über das Paketzentrum bis an die
Zeitung.
die Hand zu nehmen. Sie suchen, finden und bewerten Haustür. Pakete sind in der Regel mit einem Strichcode
Res­taurants, Hotels und Allgemeinärzte. Sie beteiligen versehen. Im Paketzentrum erkennen Maschinen anhand
sich an politischen Debatten und unterzeichnen Online-­ der ­Etiketten, wohin sie ein Päckchen sortieren sollen,
Petitionen, kaufen Kleidung sowie Möbel online und und speichern die Informationen in einer Datenbank. In
suchen Eigentumswohnungen im Netz. Allein im Jahr naher Zukunft soll das Ganze noch einen Schritt weiter
2012 wurden in Deutschland Waren im Wert von mehr gehen, sobald standardmäßig die Technik der Radio Fre-
als 27 Milliarden Euro im Internet erworben. quency Identification (RFID) verwendet wird, die Identi-
Doch auch wer nie „ins Internet geht“ – immerhin fikation über Radiowellen. RFID-Etiketten bestehen aus
sind das laut Digital-Index noch rund 16,5 Millionen einem Mikrochip, der Informationen an einen Scanner
Deutsche –, kommt unweigerlich mit der digitalen Welt übermittelt. So können ganze LKW-Ladungen auf ein-
Glossar
Website in Berührung. Denn nicht nur der Mensch, sondern mal ausgelesen werden – praktisch im Vorbeifahren.
auch die Welt um ihn herum wird immer vernetzter: Das Paket wird durch RFID zum intelligenten Gegen- Chip / Seite 143
www.d21-digital-index.de
Der Rauchmelder an der Decke sendet digitale Daten, stand, es wird „smart“. Denn es bekommt nicht nur eine
im neuen Personalausweis ist ein Chip integriert, den eigene Identität im digitalen Netz. Sondern Pakete, die zum
kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema digitales leben / artikel das internet der dinge / 9

Beispiel Medikamente beinhalten, können die Temperatur schicken, gibt es für rund 2 700 Euro schon zu kaufen.
messen. Wird der Inhalt zu warm, übermittelt das Paket Häuser können Lichteinfall, Luftzirkulation und das An-
Glossar Website
seinen „Hilferuf“ an den smarten Postwagen, in dem es sich und Abschalten elektronischer Geräte je nach Wetter­
Smartphone / Seite 145 befindet, und dieser sorgt automatisch für Abkühlung. bericht selbst regeln. www.ekd.de/url/
Die Paketzustellung ist eines der klassischen Beispie- Auf Äckern könnten schon bald Traktoren fahren, lesebuch14-roboter
le für das „Internet der Dinge“. Ein Begriff, der auf den die ohne Fahrer auskommen und sämtliche Daten auf-
Amerikaner Kevin Ashton zurückgeht. Die Vision des nehmen. Diese Daten werden ausgewertet, die Dünger-­
Technologie-Vordenkers vom Massachusetts Institute Menge angepasst und die Fahrwege auf dem Feld geplant,
of Technology (MIT) war, dass Computer eigenständig damit der Traktor keine unnötigen Runden drehen muss.
handeln, ohne von Menschen bedient zu werden. Er hatte Schon 2015 könnten Schätzungen zufolge 25 Milli-
Supermärkte im Kopf, in denen jedes Produkt mit einem arden Gegenstände weltweit über das Internet verbunden
RFID-Chip versehen ist, so dass die Zentrale in Echtzeit sein, bis 2020 etwa 50 Milliarden. Dass vieles heute noch
Websites
mehr über die Kaufgewohnheiten der Kunden erfährt nicht umgesetzt wird, liegt teils an technischen Hürden
www.kevinjashton.com und weiß, welche Produkte aufgestockt werden müssen. – Supermärkte nehmen keine Online-Bestellungen von
www.ekd.de/url/ Heute hat sich dieser Begriff erweitert: Es geht nicht Kühlschränken an und die Post liefert keine Kühlprodukte
lesebuch14-checkout nur um intelligente Computer und Smartphones, sondern an Privathaushalte –, teils an den Kosten. Aber es gibt auch
www.ekd.de/url/ um „smarte“ Alltagsgegenstände. Damit gemeint sind ethische Vorbehalte: In einem Papier der Bundesregierung
lesebuch14-fraunhofer physische Objekte, die eine Vorrichtung – zum Beispiel werden die Unterschiede zu bestehenden IT-Systemen er-
Glossar
www.ekd.de/url/
Chips und Sensoren – mit IP-Adresse haben, verbunden läutert: „Durch die Integration in Alltagsgegenstände wird
lesebuch14-sparkassen sind mit einem Netzwerk und Daten senden und emp- die IT-Technik allgegenwärtig. Sie verschwindet gleichzei- IT / Seite 144
fangen können. Schon heute erheben in einem modernen tig teilweise aus der visuellen Wahrnehmung, wird mithin
Auto bis zu 80 elektronische Geräte Daten, die vor allem unsichtbar. Drittens handeln die Objekte häufig ohne
von den Werkstätten ausgelesen werden. An diesen Daten- ­direkten Eingriff des Benutzers, also autonom.“
mengen sind auch andere interessiert. Seit 2013 testet eine Es sind diese Eigenschaften, die einerseits unser Leben
Versicherung ein Modell, bei dem sich der Beitragssatz je erleichtern, die aber auf der anderen Seite vielen Menschen
nach Fahrweise zusammensetzt: Starkes Bremsen und Be- Angst machen. Denn in einem „intelligenten Umfeld“, in
schleunigen zum Beispiel oder Nachtfahrten wirken sich dem ständig zwischen allen Dingen Daten ausgetauscht wer-
negativ aus. Der nächste Schritt: Autos, die ohne Fahrer den, wirkt das Szenario einer ständigen Überwachung be- Mehr dazu
auskommen – 2020 soll es in Deutschland so weit sein. sonders bedrohlich. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in den Texten über „Big Data“
In Privathaushalten gibt es bereits „intelligente“ Strom-, beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit diesen Fragen. ab Seite 36
Gas- und Wasserzähler, die den Verbrauch automatisch an Fest steht, dass es Regulierungen für das Leben in einer
den Energieversorger übermitteln. „Smarte“ Kühlschränke, „intelligenten Umgebung“ geben muss, die den Schutz
die ihren Inhalt kennen und eine Einkaufsliste erstellen, der Privatsphäre und Vertraulichkeit gewähren. Klar ist
wenn Milch und Butter zur Neige gehen, die Rezeptvor- aber auch, dass schon jetzt die virtuelle Welt und die phy-
schläge aus den vorhandenen Produkten erstellen und den sische Welt miteinander verschmelzen. Ein Leben außer-
Einkaufszettel mit fehlenden Produkten aufs Smart­phone halb des Digitalen ist in Zukunft nicht mehr denkbar. < 
10 / kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema digitales leben / artikel das internet der dinge

Der Mensch im Internet der Dinge


Viele der Gegenstände um uns herum senden digitale Daten. Manche dieser Dinge bedienen wir selbst, andere kommunizieren ganz ohne uns.
Hier eine Auswahl, was uns an digital arbeitenden Gegenständen alles umgeben kann

Mähroboter
mäht selbstständig
den Rasen und fährt
zur Ladestation
Auto Druckerpatrone
• Einparkhilfe mit Rückfahrkameras
• Bluetooth-Freisprechanlage
Chip überwacht Füllstand Sensor
und fordert zur überwacht die Feuchtigkeit
• Alarmanlage Nachbestellung auf
• Reifendruckkontrollsysteme im Blumenbeet
Paketverfolgung
über das Internet

Elektronischer Personalausweis
Garten • macht Onlineservices von Banken
Fernseher (Smart-TV) und Versicherungen sicherer
Smartphone • zusätzliche Schnittstellen: • ermöglicht das Ausweisen im Netz und damit
• Musik hören Netzwerk, WLAN, USB zum Beispiel die Kfz-Anmeldung online
• Bücher lesen • Surfen im Netz
• Filme schauen • Abruf von Onlinevideotheken
• Restaurants, Hotels • Zugriff auf Dateien auf PC Elektronische Gesundheitskarte speichert
und Ärzte suchen, • Videotelefonie • Notfalldaten
finden und bewerten • Steuerung auch per Stimme, • elektronisches Rezept
• E-Ticket für die Bahn, Smartphone, Tablet, • Organspendeerklärung
E-Boardingpass Bluetooth- und USB-Tastatur • elektronische Patientenakte
für das Flugzeug (alles noch nicht umgesetzt)
• einkaufen und bezahlen
• Navigationsgerät
Kühlschrank
Funktionskleider • warnt vor nahendem Verfallsdatum
und Sportzubehör und fehlenden Lebensmitteln
• erstellt Einkaufszettel
• sucht Rezeptvorschläge je nach Inhalt
Haus
Jacke
Fernbedienung
für Smartphone Heizung, Jalousien
im Ärmel und Lüftung regulieren
Sportbrille sich selbst
projiziert zum Beispiel Haushaltsgeräte
die Geschwindigkeits- lassen sich Strom-, Gas- und Wasserzähler
angabe ins Sichtfeld zentral per übermitteln Verbrauch
Smartphone regeln an den Anbieter
Smart Watch
misst Herzfrequenz, Schritte
Intelligentes Stromnetz Videoüberwachung
sowie Geschwindigkeit
lässt die Waschmaschine mit Fernseheranbindung
und informiert über Anrufe
erst starten, wenn der Rauchmelder
und Nachrichten auf dem
Versorger in der Nacht alarmiert selbstständig
verbundenen Smartphone
günstigen Strom liefert die Feuerwehr Quelle: Redaktion Crossmedia, GEP
kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema internetnutzung allgemein / 11
internetnutzung allgemein

Das Netz wird älter und mobiler


Die Zahl der Internetnutzer steigt nur noch moderat. Für Wachstum
sorgen die älteren User und die zunehmende Verbreitung mobiler Endgeräte

I
m Jahr 2014 sind 79,1 Prozent der Deutschen im wortlich, mit denen 28 Prozent der Internetnutzer online
Internet, also 55,6 Millionen.1 Das sind nur 1,4 gehen. Besonders gerne verwenden 30- bis 49-Jährige das
1
Millionen mehr als im vergangenen Jahr – ein Tablet, wohingegen die unter 30-Jährigen das Smartpho- Deutsche ab 14 Jahre;
alle Daten in diesem Text
Mehr dazu moderater Anstieg. Das liegt vor allem daran, dass ne bevorzugen. Gemeinsam haben die Smartphone- und
stammen aus der
und viele weitere das Potenzial bei den jüngeren Nutzern nahezu ge­ Tablet-Nutzer, dass sie täglich fast eineinhalb Stunden ARD/ZDF-Onlinestudie 2014
Details in den Infografiken ättigt ist – fast alle sind heute online. Nicht so bei den länger online sind als Personen ohne mobilen Netzzugang www.ekd.de/url/
ab Seite 12 über 60-Jährigen: Erst 45 Prozent dieser Altersgruppe (195 vs 108 Minuten/Tag). lesebuch14-ardzdf
sind 2014 im Internet aktiv. Auch die Nachfrage nach TV-Inhalten im Internet Die Infografiken auf den
Erstmals ist 2014 nicht mehr der stationäre PC, steigt: 25 Prozent der Onliner schauen Sendungen live im Folgeseiten illustrieren die
sondern das Laptop das beliebteste Gerät, mit dem die Netz. Die Mediatheken der TV-Sender bieten zeitversetz- Entwicklung der Internet-
Deutschen surfen (69 Prozent). Auf den Plätzen dahinter tes Fernsehen, das vor allem bei den Jüngeren beliebt ist nutzung bis einschließlich
­folgen Smartphone und Handy (60 Prozent), erst dann (53 Prozent der 14- bis 29-Jährigen). Der Anteil am Fern- 2013.

der stationäre PC (59 Prozent). sehkonsum über das Netz steigt, ist aber mit drei Prozent
Allerdings verwenden die User nicht alles, was das am Gesamt-TV-Konsum noch relativ gering (8 von 248
Internet zu bieten hat: Vier von zehn sind im Netz sehr Minuten/Tag).
Mehr dazu begrenzt aktiv und nutzen nur wenige Anwendungen: Sie Die parallele Nutzung von Internet und Fernsehen
auch in dem Text über den
suchen vor allem nach Informationen, verwenden Such- („Second Screen“) wird hingegen immer beliebter: 15 Glossar

vernetzten Alltag auf Seite 69 maschinen und schreiben E-Mails. Die Hälfte der On- Prozent der Onliner sitzen täglich vor zwei Bildschirmen Second Screen / Seite 145
liner schätzt die eigene Internetkompetenz als „gut“ ein, zeitgleich: Sie sind online und schauen fern. 57 Prozent
nur 15 Prozent als „sehr gut“. Bei den 14- bis 29-Jährigen der Onliner haben mindestens selten zwei Bildschirme
sagen 26 Prozent, sie kämen im Netz „sehr gut“ zurecht. zeitgleich im Einsatz. Das sind 45 Prozent der Gesamt-
Die mobile Nutzung hat sich seit 2012 (23 Prozent) bevölkerung. Am häufigsten werden Informationen zum
Glossar mehr als verdoppelt. Heute ist bei jedem Zweiten das Thema der Sendung gesucht, am zweithäufigsten unter-
E-Mail / Seite 144 Internet zumindest gelegentlich ein Begleiter unterwegs. hält man sich online über das laufende Programm.
Tablet / Seite 145 Für diesen starken Anstieg sind vor allem Tablets verant-  < Von Manon Priebe>
12 / kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema internetnutzung allgemein

Wie viele Deutsche nutzen das Internet? Wie lange nutzen die Deutschen das Internet?
Die Zahl der Internetnutzer steigt nur noch langsam. Nahezu alle Die Dauer der Internetnutzung steigt seit Jahren deutlich. Immer
14- bis 39-Jährigen sind online, hier ist das Entwicklungspotenzial mehr Dinge, die früher offline erledigt wurden, finden online
bald erschöpft. Luft nach oben gibt es vor allem bei den Älteren statt (Filme schauen, Kommunikation). Außerdem surfen immer
mehr Menschen unterwegs, z. B. in der Bahn oder beim Warten
Internetnutzer, mindestens
Internetnutzer, gelegentliche
mindestens Nutzung
gelegentliche Nutzung
in % in % Durchschnittliche DauerDauer
Durchschnittliche der Internetnutzung in Minuten
der Internetnutzung pro Tag
in Minuten pro Tag
100 100 14-1914-19
JahreJahre
20-2920-29
JahreJahre
1997 1997 2000 2000 2006 2006 2010 2010 2011 2011 2012 2012 2013 2013
30-3930-39
JahreJahre

40-4940-49
JahreJahre

50-5950-59
JahreJahre
80 80

76’ 76’ 91’ 91’ 119’119’


60 60

136’136’ 137’137’ 133’133’ 169’169’


Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013

ab 60abJahre
60 Jahre
40 40
Die Dauer der Internetnutzung nach Wochentagen
Die Dauer der Nutzung an den Werktagen steigt
dementsprechend. Auffällig: Am Sonntag wird weniger gesurft
Durchschnittliche DauerDauer
Durchschnittliche der Internetnutzung nach nach
der Internetnutzung Wochentagen in Minuten
Wochentagen pro Tag
in Minuten pro Tag

145’185’185’
20 20

125’132’
125’ 132’150’150’148’148’152’ 152’145’
107’107’ 89’ 89’ 99’ 99’ 101’101’ 97’ 97’ 98’ 98’ 127’
127’
2007 2007 2008 2008 2009 2009 2010 2010 2011 2011 2012 2012 2013 2013

0 0
1997 1997 2000 2000 2003 2003 2006 2006 2009 2009 2012 2012
2013 2013 DauerDauer
der Internetnutzung Montag
der Internetnutzung –Freitag
Montag –Freitag
DauerDauer
der Internetnutzung Sonntag
der Internetnutzung Sonntag
Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013 Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013
kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema internetnutzung allgemein / 13

Welche Medien nutzen die Deutschen wie lange? Mit welchem Gerät gehen die Deutschen ins Netz?
Der Medienwandel macht sich besonders bei der jüngeren Generation 45 Prozent der Onliner gehen 2013 zumindest gelegentlich mit
bemerkbar. Ältere schauen mehr fern, die Jüngeren sind öfter im Netz dem Smartphone ins Netz – 2012 waren es erst 22 Prozent

Durchschnittliche Nutzungsdauer der Medien 2013 Genutzter Internetzugang Junge und Alte

Fernsehen

Hörfunk

PC oder Laptop: 96% (14–29 Jahre: 98%, ab 70 Jahre: 93%)

Internet

Tonträger

Smartphone: 45% (14–29 Jahre: 69%, ab 70 Jahre: 9%)

Zeitung

Tablet: 16% (14–29 Jahre: 14%, ab 70 Jahre: 5%)


Buch

Gesamt
14-29 Jahre Fernseher: 12% (14–29 Jahre: 10%, ab 70 Jahre: 15%)

Zeitschrift
30-49 Jahre
ab 50 Jahre 2,5
Ø Anzahl
0 60 120 180 240 300 genutzter
in Minuten pro Tag Spielekonsole: 9% (14–29 Jahre: 18%, ab 70 Jahre: 2%) Geräte
Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013 Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013
14 / kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema internetnutzung allgemein

Wer nutzt welche sozialen Medien? 54,2 Millionen Deutsche waren 2013 im Netz, davon 24,7 Millionen in sozialen Netzwerken. Als genereller
Trend lässt sich ablesen: Je niedriger das Alter und je höher der Schulabschluss, desto größer ist die Nutzung sozialer Medien. Wikipedia
wird am häufigsten genutzt, allerdings vermutlich meist passiv: Die Zahl der aktiven Autoren schwindet, die Mehrheit liest die Artikel lediglich
Nutzung von Web-2.0-Anwendungen
in % Insgesamt nach Altersgruppen in % nach Bildung
100 100
Wikipedia
Videoportale(z.B. YouTube)
privat genutzte Communitys Wikipedia
(z.B. Facebook)

80 80

Videoportale
(z.B. YouTube)

60 60

privat genutzte Communitys


(z.B. Facebook)

40 40
Foto-Communitys
(z.B. Flickr)

Foto-Communitys Blogs
(z.B. Flickr)
beruflich genutzte Commu-
nitys (z.B. Xing, LinkedIn)
Twitter
20 Blogs 20

Twitter

beruflich genutzte Communitys


(z.B. Xing, LinkedIn)

0 14–19 Jahre 40–49 Jahre 60–69 Jahre ab 70 Jahre 0 Volks-/ weiterführende Studium
Alter Hauptschule Schule/Abitur

Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2013


kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema internetnutzung allgemein / 15

Breitbandverfügbarkeit in Deutschland
Die Zahl der Internetanschlüsse und
das Datenvolumen pro Anschluss steigen.
Um die modernen Anwendungen
nutzen zu können, braucht es Breitband­
anschluss via DSL oder Kabelmodem.
Internet-TV benötigt eine
Übertragungsrate von 16 Mbit/s,
Internet-TV in HD 50 Mbit/s

Zeichenerklärung
Breitbandverfügbarkeit

≥ 50 Mbit/s alle Technologien


Versorgung (in % Haushalte)

> 95 - 100%
> 75 - 95%
> 50 - 75%
> 10 - 50%
> 0 - 10%
nicht besiedelt

0 10 20 30
Kilometer

Angabe Mbit/s bezieht sich auf


die Downloadgeschwindigkeit
K-Nr: BRD-TÜV-2013-300-50-2
Stand: Ende 2013

Quelle: Geoinfor mation © Bundesa mt für Kartographie und


Geodäsie (w w w.bkg.bund.de) / © Bundesministeriu m für Verkehr
und digitale Infrastruktur / © TÜV R heinland
16 / kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema internetnutzung allgemein

Internationale Nutzung des Internets


US-Amerikaner sind uns bei den sozialen Medien weit voraus, Engländer geben beim Online-Shopping am meisten aus, in Gabun hat
jeder Einwohner im Schnitt zwei Handyverträge, aber kaum Zugang zum Netz – ausgewählte Daten zur Internetnutzung weltweit

Social Media Onlineshopping Mobiltelefonverträge


Wie viel Prozent der Bevölkerung Wie viel Geld wird beim Onlineshopping vgl. mit Einwohnerzahl
sind in Sozialen Netzwerken aktiv? durchschnittlich in einem Jahr ausgegeben?

492 €
755 €
46%
96%
6%
Brasilianer Eritrea
Deutsche
Deutschland

1300 €
73% 98%
Engländer USA

USA
Frankreich

119%
Zugang zum Internet
Wie viel Prozent der Bevölkerung
haben Zugang zum Internet?

Google-Marktanteil 1%

82% 84%
9% Eritrea
Wie viel Prozent der Suchanfragen Gabun
werden bei Google gestellt?
Deutschland

215%
70%
Frankreich

Deutschland

weltweit

91%
Twitteraccounts
Wie viel Prozent der Bevölkerung
haben einen Twitteraccount?

Deutschland Gabun

39%
6%
der Deutschen
Die A nga ben sta m men aus folgenden Quellen:
der Türken ARD/ZDF-Onlinestudie 2013 / Pew Internet Research 2013 / Statista / Weltbank 2013
kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema so nutzen christen das netz / 17
so nutzen christen das netz

Christen im Netz
Wie nutzen Protestanten das Internet?
Zwei Studien geben widersprüchliche Hinweise

W
ie nutzen evangelische Christen Ein anderer Eindruck entsteht bei der konpress-Studie:
das Internet? Dazu gibt es zwei Dort wünschen sich die Befragten kirchliche Angebote
aktuelle Studien: Die eine ist die im Netz, und viele scheinen ganz selbstverständlich auch Glossar

V. EKD-Erhebung über Kirchen- zu googeln, wenn sie sich über kirchliche oder religiöse Google / Seite 144
mitgliedschaft (V. KMU), die im Themen informieren wollen. Jeder Dritte gibt außerdem Cloud / Seite 143
1 ­März dieses Jahres vorgestellt wurde.1 Etwa alle zehn Jahre an, dass er vertrauliche Dinge im Netz manchmal bes- WhatsApp / Seite 146

www.ekd.de/kmu befragt die Evangelische Kirche in Deutschland ihre Mit- ser besprechen könne als im eigenen Bekannten- und
glieder, aber auch Konfessionslose zu Religion, Kirche und Freundes­k reis (s. Grafik Seite 19).
Glauben. In der aktuellen KMU findet man auch Hinwei- Der unterschiedliche Eindruck ergibt sich u. a. aus
se zum Medienverhalten. Die andere Studie ist ebenfalls zwei Faktoren: Zum einen hat die KMU evangelische
aus dem Jahr 2014 und stammt von der konpress-Medien Kirchenmitglieder befragt, die im Schnitt älter sind als
2 eG.2 Die konpress-Medien eG ist eine Vermarktungsge- der Durchschnitt der Gesellschaft und daher weniger on-
www.ekd.de/url/ sellschaft für 37 katholische und evangelische Wochenzei- line-affin. Die konpress-Studie hingegen hat nur Christen
lesebuch14-konpressmedien tungen. Ihre Studie „Gott im Netz“ befragte online-aktive gefragt, die auch online aktiv sind. Zum anderen hat die
Christen zu ihrem Internetverhalten und ihren Wünschen KMU religiöse Kommunikation sehr eng gefasst und den Mehr dazu
an kirchliche Kommunikation. Schwerpunkt der Befragung auch nicht auf die Medien- in dem Interview
Die KMU stellte fest, dass die evangelischen Kirchen- nutzung gelegt. Hingegen hat die konpress-Studie nach auf Seite 20
mitglieder sich über kirchliche Themen am häufigsten konkreten Netzangeboten differenziert – und sich vor al-
über Tageszeitungen und Kirchengemeindebriefe infor- lem auch nach den Wünschen der Nutzer erkundigt.
mieren. Das Internet spielt hingegen nur eine geringe Fragen bleiben in beiden Studien offen: Welche Be-
Rolle, rund 60 Prozent nutzen es nie, um sich über kirch- deutung hat das Internet im Alltag der Protestanten? Was
liche Themen oder auch ihre Gemeinde vor Ort kundig organisieren sie per E-Mail, Cloud, WhatsApp, teilen sie
zu machen (s. Grafik folgende Seite). Und für den Aus- bei Facebook ein Morgengebet, googeln sie nach offenen
tausch über religiöse Themen nutzen die evangelischen Kirchen in ihrer Urlaubsregion? Um all das detailliert zu
Christen – mit Ausnahme der Jugendlichen – das Netz beantworten, bedarf es umfangreicher, und vermutlich
so gut wie gar nicht. auch qualitativer Forschung.  < Dorothea Siegle >
18 / kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema so nutzen christen das netz

Protestanten, die das Internet in ihrer Freizeit nutzen Wo informieren Sie sich über kirchliche Themen?
Die V. KMU hat 2016 Evangelische gefragt: Nutzen Sie das Internet Das fragte die V. KMU 1737 evangelische Kirchenmitglieder.
in Ihrer Freizeit? 25,6 Prozent sagten Nein. Die übrigen, nach Alter: 62 Prozent antworteten: nie auf den Internetseiten von Kirche oder
Gemeinde. Am häufigsten: über die Tageszeitung
Evangelische, die das Internet in ihrer Freizeit nutzen

Informationen über kirchliche Themen durch …

bis 29 Jahre: 99%


Tageszeitung

Kirchen-
gemeindebrief
30–44 Jahre: 98%

Radio/TV

45–59 Jahre: 92%


Wochenzeitung/
Magazine

60–69 Jahre: 54% Kirchen-


gebietszeitung

70+ Jahre: 18%


Internet
allgemein

Quelle: V. EKD-Erhebung ü ber Kirchen mitgliedschaft

häufig/gelegentlich
Internetseiten nie
von Kirche/Gemeinde
0 20 40 60 80 Quelle: V. EKD-Erhebung
in % ü ber Kirchen mitgliedschaft
kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema so nutzen christen das netz / 19

Das sagen evangelische und katholische online-aktive Christen Welche sozialen Medien kennen und nutzen Sie?
1088 online-aktive Christen wurden in der konpress-Studie Die online-aktiven Christen kennen viele der sozialen Medien und
„Gott im Netz“ befragt. Unter ihnen sind überproportional viel nutzen sie auch. Am häufigsten nutzen sie Facebook, dort sind
Jüngere unter 40 Jahren. Hier einige ihrer Aussagen: 73 Prozent aktiv, viel weniger (18 Prozent) sind bei Twitter

32%
32% 32%
32%
Welche
Welche
sozialen
sozialen
Netzwerke
Netzwerke
und und
Communitys
Communitys
sindsind
bekannt?
bekannt?
Welche
Welche
werden
werden
genutzt?
genutzt?

„Richtig
„Richtig
vertrauliche
vertrauliche
DingeDinge
kann kann „Ich würde
„Ich würde
mich mich
über die
überKirche
die Kirche

40%
40%
ich manchmal
ich manchmal
besserbesser
im Netz
im Netz viel mehr
viel mehr
informieren,
informieren,
wennwenn
sie sie
besprechen
besprechen
als imals
eigenen
im eigenen mehr mehr
prominente
prominente
Serviceangebote
Serviceangebote
Bekannten-
Bekannten-
und Freundeskreis.“
und Freundeskreis.“ im Netz
im Netz
hätte.“
hätte.“
„Eine„EineLive-Übertragung
Live-Übertragung
von von
Gemeindegottesdiensten
Gemeindegottesdiensten im Netz
im Netz
ist einistsehr
einattraktives
sehr attraktives
Angebot.“
Angebot.“

51%
51%
„Die „Die
Kirche
Kirche
muss muss
heutzutage
heutzutage
52%
52% XingXing
49% 49%
13% 13%
unbedingt
unbedingt
moderne
moderne
Kommunikations-
Kommunikations- StayFriends
StayFriends
kanäle
kanäle
wie Facebook,
wie Facebook,
YouTube
YouTube „Die „Die
Kirche
Kirche
kann kann
und sollte
und sollte 58% 58%
20% 20%
oder Twitter
oder Twitter
nutzen,
nutzen,
um um durchaus
durchaus
auch auch
im Netz
im Netz
mit Gläubigen
mit Gläubigen
zu kommunizieren.“
zu kommunizieren.“ um neue
um neue
Mitglieder
Mitglieder
werben.“
werben.“

Quelle: konpress, Gott im Netz

Nutzung von Communitys für Organisatorisches


Jugendliche nutzen Online-Communitys auch für Organisatorisches, so Twitter
Twitter
82% 82%
18% 18%
die JIM-Studie. Auch Absprachen für kirchliche Gruppen werden genannt
Art Art
der der
Nutzung
Nutzung

Koordination
Koordination
in privatem
in privatem
Rahmen
Rahmen
(Clique)
(Clique)
Initiativen
Initiativen
für für
Umwelt/Soziales
Umwelt/Soziales
Politische
Politische
Vereinigungen
Vereinigungen
Freiwillige
Freiwillige
Feuerwehr
Feuerwehr
Heimatvereine
Heimatvereine
YouTube
YouTube
Sportvereine
Sportvereine 92% 92%
39% 39%
Kirche/religiöse
Kirche/religiöse
Gruppen
Gruppen
Musikvereine
Musikvereine Facebook
Facebook
0 0 20 20 40 40 60 60 80 80 96% 96%
73% 73%
in %in % ist ist
bekannt
bekannt
Quelle: JIM-Studie 2013 wirdwird
genutzt
genutzt Quelle: konpress, Gott im Netz
20 / kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema so nutzen christen das netz / artikel fehlschlüsse vermeiden!

eben auch eine weitere Verengung der Frage. Da hatten


wir schon hohe Ausfälle. Von den Verbleibenden haben
Fehlschlüsse vermeiden! viele nur eine, maximal zwei Personen genannt, mit denen
sie sich über religiöse Themen austauschen. Und dann ha-
ben wir gefragt – und hier kommt das Internet ins Spiel:
Das Internet ist für den Austausch über religiöse Themen Auf welche Weise haben Sie sich ausgetauscht? Daher
nicht wichtig. Diese Schlussfolgerung aus der EKD-Befragung stammen die Ergebnisse, die auch in der Veröffent­lichung
über Kirchenmitgliedschaft hat viele erstaunt. zur V. KMU stehen: dass das Gespräch über reli­giöse The-
men meistens Face-to-Face stattfindet, meistens zu Hause,
Wie kam es zu diesem Ergebnis? Fragen an Professor Birgit Weyel, also eher im abgesteckten, privaten Bereich, in der Regel
die im wissenschaftlichen Beirat der V. Kirchenmitgliedschafts- mit dem Lebenspartner oder mit der Ehefrau. Aber nicht,
untersuchung (V. KMU) mitgearbeitet hat was jetzt in der Rezeption der KMU häufiger gesagt wird:
Es findet in der Familie statt. Es sind nicht einfach Mutter,
Tochter, Enkel. Es sind zunächst einmal wirklich die Ehe-
oder Lebenspartner und sehr enge Freunde, mit denen
Menschen über religiöse Themen sprechen.
EKD-Lesebuch: Welche Fragen haben Sie den Teil- Wie haben Sie „religiöse Themen“ definiert?
nehmern an der KMU zu internetbasierter Kommu- Wir haben es die Teilnehmer der KMU definieren lassen:
nikation über religiöse Themen genau gestellt? „Das ist für mich ein religiöses Thema.“ Die vier meist-
Prof. Birgit Weyel: Wir haben sie zunächst allgemein genannten Themen waren: der Tod, der Anfang der Welt,
zum Thema Kommunikation über religiöse Themen Fragen von Sterbehilfe und Selbsttötung sowie der Sinn
befragt – ohne speziellen Bezug auf Medien: Mit wem des Lebens. Es sind Fragen der Kontingenzbewältigung,
Prof. Dr. Birgit Weyel haben Sie sich in den letzten zwei Monaten über reli- des übergreifenden Sinns, es geht um Endlichkeit.
ist Professorin für giöse Themen ausgetauscht? 56 Prozent der evangelischen Das sind ja nun keine Themen, über die man täglich
Praktische Theologie Befragten sind an dieser Stelle bereits ausgestiegen und spricht, vielleicht nicht einmal alle zwei Monate.
an der Evangelisch- haben gesagt: Ich habe mich mit niemandem über religi- Ja. Aber man muss sehen, worauf ein Fragenkomplex
Theologischen Fakultät
öse Themen ausgetauscht. 44 Prozent sagten, dass sie es zielt: Wir haben keine Mediennutzungsstudie gemacht
der Eberhard Karls
Universität Tübingen.
häufig, gelegentlich oder immerhin selten tun. oder eine Umfrage zu Religion im Internet. Sondern die
Eine Mehrheit spricht gar nicht über religiöse The- Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, in der bestimmte
men? Das ist ja erstaunlich! Fragenkomplexe seit 1972 fast unverändert mitlaufen.
Ja. Die Frage wurde offensichtlich als kognitiv sehr hoch- Neu daran sind in der aktuellen Untersuchung eben die
schwellig empfunden. Es ist nicht einfach, das Thema reli- Fragen zur religiösen Kommunikation und der Netzwerk­
giöse Kommunikation so abzufragen, dass die Menschen ansatz: also dass Kirche auch schon da ist, wo zwei oder
sagen: Ja, klar, darüber spreche ich. Und wir haben das drei miteinander ins Gespräch kommen über Religion.
Zeitfenster von zwei Monaten sehr eng gesteckt – damit Aber das heißt, Sie haben andere Formen internet­
die Ergebnisse genau und vergleichbar sind. Aber das war basierter religiöser Kommunikation nicht abgefragt,
kapitel 01 die digitale gesellschaft / thema so nutzen christen das netz / artikel fehlschlüsse vermeiden! / 21

wie z. B.: die Debatte in einem Forum über Friedens­ die ja nun das Interesse haben muss, möglichst viele Men-
arbeit, den Blog zur Trauerbewältigung, einen Online- schen zu erreichen, sich einfach auf die ganze Bandbreite
Gottesdienst, den gemeinsamen Online-Kalender, der Medien einstellen sollte.
über den die Gemeinderatsarbeit organisiert wird? Es Vielleicht wäre das dann die Aufgabe einer anderen
ging ausschließlich um das Gespräch über Themen Studie, religiöse Kommunikation weiter zu fassen
wie Tod, Sinn des Lebens und den Beginn der Welt? und zu schauen: Wie viele Leute organisieren ihre
Glossar
Ja, wir haben da eindeutig und klar, aber auch exklusiv ehrenamtliche Gemeindearbeit über E-Mail und
Forum / Seite 144 nach dem Austausch über Religion in existenzieller Pers- Clouds, wie viele nutzen in der Konfiarbeit Whats-
Blog / Seite 143
pektive gefragt. App, wie viele lesen jeden Morgen in ihrer Timeline
In der KMU schreiben Sie auch, dass Kirchenmitglie- auf F­ acebook ein Gebet? Und dann käme vielleicht
der insgesamt seltener Telefon, Handy, Internet und auch heraus: Religion im Netz ist nichts, was erst noch
E-Mail nutzen als Konfessionslose. Woran liegt das? kommt. Sondern es ist etwas, das schon da ist, in ganz Glossar
An einer Stelle haben wir die Frage gestellt: Wie oft be- vielen Facetten. Timeline / Seite 145
schäftigen Sie sich in der Freizeit mit dem Internet/Com- Ja, das wäre schön. Ich würde das gerne ergänzen: Wenn Facebook / Seite 144
puter? Da haben 25 Prozent der Evangelischen gesagt: nie, zum Beispiel junge Paare einen Trauspruch suchen oder
und 9,6 Prozent: selten. Aber 50 Prozent haben gesagt: ein Mensch in einem Lebensberatungsforum Hilfe sucht
sehr häufig/häufig. Das ist das entscheidende Problem, – das ist auch ein Austausch über religiöse Themen. Nur
wenn man über Relevanzen spricht und Konsequenzen wird es häufig von den Betroffenen nicht als religiöse
aus der Studie ableiten will: Ich würde jetzt erst mal die 50 Kommunikation identifiziert. Ich glaube, hier kommt
Prozent stark machen! Und dann muss man sich anschau- man mit quantitativen Methoden auch nicht unbedingt
en, wie die Altersgruppen verteilt sind: In der Gesamtbe- weiter, sondern müsste stärker qualitative Methoden nut-
völkerung gibt es einen ganz klaren Abbruch in der Nut- zen, ethnografische Methoden, um zum Beispiel zu schau-
zung von Internet und Computer ab 60 Jahre. Und unsere en: Wie verändert sich der Alltag durch das Internet, wel-
Kirchenmitglieder sind im Durchschnitt eben älter als die che Bedeutung hat eine bestimmte Kommunikationsform
Gesamtbevölkerung. In der Altersgruppe bis 29 Jahre sind im Leben eines Menschen? Da wird es doch eigentlich erst
es 99 Prozent der Evangelischen, die das Internet nutzen! richtig interessant.
Welche Fehlschlüsse aus den Ergebnissen der KMU Das heißt, der Schlussfolgerung, dass die Kirche sich
sollte man aus Ihrer Sicht vermeiden? künftig nicht bemühen müsste, religiöse Themen di-
Es wäre ein Fehlschluss zu sagen, dass Religion kein gital zu kommunizieren, der könnten Sie nicht folgen?
Thema fürs Internet ist, sondern ausschließlich für die Nein. Religiöse Kommunikation findet überall statt, und
Face-to-Face-Kommunikation. Das wäre falsch. Wenn auch im Internet jenseits dessen, was die Kirche selbst
man sich das Frage-Setting der KMU genauer anschaut, anbietet. Die Frage ist: Bringt die Kirche ihre Angebote
kann man das aus unseren Fragen nicht ableiten. Das fän- hier mit ein oder bleibt sie außen vor? Denn die religiösen
de ich ganz wichtig. Es wäre auch ein Fehlschluss zu sagen, Fragen beschäftigen die Menschen – auch wenn es nicht
dass die Kommunikation über Printmedien oder traditio- gleich der Tod ist, sondern die Suche nach einem Trau-
nelle Medien keine Zukunft hat. Ich glaube, dass Kirche, spruch.  < Interview: Dorothea Siegle >
galerie eins
22 / galerie

Beten auf Twitter, Singen auf


YouTube oder Psalm 23 als
Tortendiagramm – es gibt zahl-
lose gelungene Beispiele, wie
Glaube und Religion im Netz
gelebt werden.
Auf den folgenden Seiten haben
wir eine bunte Sammlung
zusammengestellt von Kirche,
Glaube und Religion in der
digitalen Welt – ohne Anspruch
auf Vollständigkeit. Zum Blättern, Twittagsgebet
www.twittagsgebet.de
Freuen, Inspirierenlassen Menschen aus der Evangelischen Landeskirche
in Baden servieren jeden Tag zur Mittagszeit Gebete
und Impulse als „Nachtisch für die Seele“.
Mehr beten bei Twitter: Bei @twomplet gibt es
Abendgebete (Komplete), @MinutenGebet will Raum
für Ruhe im Alltag schaffen.
galerie / 23

London Internet Church Klare Kante Erklärvideos zur Bibel


www.londoninternetchurch.org.uk www.klare-kante.info www.chrismon.de/die-bibel

Die London Internet Church ist eine Kantige evangelische Standpunkte zu Christoph Markschies, Professor für Ältere
Online-Gemeinde der Diözese London, aktuellen wie zeitlosen Themen, präsentiert Kirchengeschichte an der Humboldt-
die sich zum Glauben, Beten und Feiern von der Evangelischen Kirche von Westfalen. Universität zu Berlin, beantwortet für das
im Netz trifft. evangelische Monatsmagazin chrismon
Mehr Blogs: Der Internetbeauftragte
regelmäßig Fragen zur Bibel.
Kirche in der virtuellen Welt: der Evangelischen Kirche im Rheinland,
Alle Videos sind auf der Website
Unter www.slangcath.wordpress.com präsentiert Ralf Peter Reimann, schreibt auf
chrismon.de abrufbar.
sich die Anglican Cathedral of Second www.theonet.de über Kirche, Theologie und
Life, eine Kirche in der virtuellen Social Media. Der Blog des Bayerischen Mehr von chrismon:
Spiel-Welt „Second Life“. Eine Laien- Rundfunks, blog.br.de/woran-glauben, Ein Wettbewerb für herausragende
pfarrerin postet hier Predigten und bietet war für den Grimme Online Award Gemeindeprojekte ist die Aktion chrismon-
Seelsorge-Gespräche an. nominiert. Gemeinde, www.chrismon.de/gemeinde2013
24 / galerie

Pfarrer Pohl twittert protestantisch pfälzisch profiliert Luther entdecken


www.twitter.com/pfarrerpohl blog.evkirchepfalz.de www.kirche-entdecken.de/lutherspiel

Horst Peter Pohl, Pfarrer und Dekan in Der Blog der Evangelischen Kirche der Mit Martin Luther auf die Wartburg flüchten
Frankfurt, begrüßt jeden aktiven Follower Pfalz. Dort schreiben unter anderen und die Bibel übersetzen: Im Spiel
auf Twitter mit einem persönlichen Social-Media-Pfarrerin Mechthild Werner „Martin Luthers Abenteuer“ erkunden Kinder
Morgengruß. (auch auf Twitter als @MechthildWerner) das Leben und Wirken des Reformators.
und Pfarrer Alexander Ebel (www.alexander-
Mehr bei Twitter: Peter Fahr, In weiteren Spielen auf
ebel.de). Alexander Ebel gibt
Pastor in Hamburg, twittert als @Luthertroll www.kirche-entdecken.de können Kinder
außerdem täglich die Online-Zeitung
seine Gedanken über Gott und die Welt. virtuell auf dem Esel nach Jerusalem reiten,
„The EvPfarrer’s daily“ heraus,
@hannesleitlein studiert evangelische mit Mose die Gesetzestafeln sicher
www.paper.li/ebel/pfarrer-ev
Theologie, fotografiert, schreibt für „Christ vom Berg Sinai bringen und ihr Wissen
& Welt“ und twittert über all dies. beim Memory testen.
galerie / 25

Medientipp Theologygrams
www.twitter.com/medientipp www.theologygrams.
wordpress.com
Ein Schweizer Twitter-
und Online-Angebot Der Blog erklärt Religion
(www.medientipp.ch) und Theologie in
vom Katholischen plakativen Diagrammen.
Mediendienst und den Bibelgrafik: Ebenfalls
Reformierten Medien. mit einem Augenzwinkern
Medientipps rund setzt www.openbible.info
um Kirche, Religion biblische Inhalte in
und Gesellschaft. Grafiken um.

Amen Soziale Berufe


www.amen.de www.soziale-berufe.com

Gebetsanliegen Das Evangelische Werk


einschicken – andere für Diakonie und
Menschen beten Entwicklung informiert
dafür und sprechen originell über soziale
dem Absender Mut zu. Berufe – mit Blog,
Nachwuchs- und
Gebete teilen:
Quereinsteigertest.
Eigene Gebete kann
man auf www.wie-kann-ich-
beten.de posten.
26 / galerie

Von guten Mächten wunderbar geborgen Die Nachfolger


www.youtube.com (Suche: Von guten Mächten) www.die-nachfolger.de

Zahllos sind die Interpretationen des Liedes Die originell gestaltete Seite der Nordkirche bietet
„Von guten Mächten“ von Dietrich Bonhoeffer Informationen zum Theologiestudium.
auf YouTube. Einige davon wurden mehr als Ein ähnliches Angebot zu den verkündigenden Berufen
eine halbe Million Mal angeklickt. von der Evangelischen Kirche von Westfalen bietet:
www.bodenpersonal-gesucht.de
kapitel 02
gottes ebenbild ist online / seite 28

der mensch in der digitalen epoche / seite 28


„gefühl der verbundenheit“ / seite 32
niemals zeigt man sich ganz / seite 34

der
big data / seite 36

big data in den medien / seite 36


vertreibung aus dem paradies / seite 38
das google-urteil / seite 40
verschlüsseln macht verdächtig / seite 41

eine neue dimension des menschseins? / seite 43

digitale
die andere raum-erfahrung / seite 43
nach dem menschen: ­
cyborgs und die unsterblichkeit / seite 45

vorurteile über das internet / seite 48

das internet macht dumm / seite 48


online macht einsam / seite 49
freischein zum schweinsein / seite 50

mensch
„killerspiele“ machen aggressiv / seite 51
das internet führt zum burnout / seite 52
das internet stürzt diktaturen / seite 53

ein gerechtes netz / seite 54

zugangsgerechtigkeit in deutschland / seite 54


sehnsucht nach dem netz / seite 55
geistiges eigentum? / seite 57

brauchen wir eine neue ethik? / seite 59


Texte zum Menschenbild katholische impulse zur medienethik / seite 59
neue medien, alte fragen / seite 62
in der digitalen Gesellschaft moral fürs netz / seite 63

medienkompetenz und medienpädagogik / seite 65

kritisch nutzen statt verteufeln / seite 65


das internet und ich / seite 69
das p
­einliche foto des mit-konfis / seite 70
28 / kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online
gottes ebenbild ist online

Der Mensch in der digitalen Epoche


Uralte Fragen des Menschseins zeigen sich im digitalen Zeitalter
in neuem Gewand. Das Internet in seiner Zwiespältigkeit von reichen
Entfaltungsmöglichkeiten einerseits und Gefahren andererseits stellt eine
evangelische Medienanthropologie vor vielfältige Aufgaben
< Von Heinrich Bedford-Strohm>

E
s gibt kein analoges Leben im digitalen. Ist neu fraglich, wo das „wahre Ich“ des Menschen residiert.
man Teil der Welt, wird man Teil des Inter- Wird es in der Summe der Daten sichtbar, die wir senden
Glossar
nets sein.“1 So hat der Kulturwissenschaft- und in denen sich unsere Wünsche und Gefühle offen-
ler und Blogger Michael Seemann jüngst baren? Oder sitzt jenes wahre Ich dort, wo wir intuitiv Internet / Seite 144
die Verbundenheit von realer und virtuel- spüren, dass es sitzt: im Inneren unseres Körpers? Wer Blog / Seite 143
ler Welt auf den Punkt gebracht. Wer aus evangelisch- mit der theologischen Brille auf den Menschen im Netz
Prof. Dr. Heinrich
theologischer Perspektive über den Menschen reden blickt, wird uralten anthropologischen Fragen in neuem
Bedford-Strohm ist möchte, muss also auch vom Menschen reden, der ins Netz Gewand begegnen.
Landesbischof der geht und in der Welt nicht nur leiblich, sondern auch di-
Evangelisch-Lutherischen gital präsent ist. Dass Internet und mobile Kommunikati- Spielraum und Kontrollverlust
Kirche in Bayern. on zu einem tief greifenden anthropologischen Umbruch Durch das Internet wachsen die Spielräume, aber auch die
führen werden, hat Bundespräsident Joachim Gauck in Kontrollverluste der User. Datenschutz und Privatsphäre
1 seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit 2013 in Stutt- scheinen der Vergangenheit anzugehören. Das eigentüm-
Mehr dazu
gart klarsichtig ausgesprochen: „Wir befinden uns mitten liche Urvertrauen, mit dem Menschen ins Netz gehen, ist
Vortrag bei YouTube im Interview mit dem
in einem Epochenwechsel. Ähnlich wie einst die indus- womöglich ein Zeichen jenes von Gauck diagnostizierten
Foto: ELKB/vonwegener.de

unter: www.ekd.de/url/ EKD-Datenschutzbeauftragten


trielle Revolution verändert heute die digitale Revolution anthropologischen Epochenwechsels. Der Mensch ver-
lesebuch14-blogger auf Seite 134 – 135
unsere gesamte Lebens- und Arbeitswelt ( . . . ).“2 Gauck liert im Netz das Gefühl für Grenzen: für seine Körper-
hat in dieser Rede auch den Begriff des „digitalen Zwil- grenzen und für die, an denen einst Intimität und Privat-
2 lings“ geprägt, der als Gesamtbild all unserer Bewegun- sphäre zu beginnen pflegten. Diese Grenzenlosigkeit ist
www.ekd.de/url/ gen im Internet Gestalt gewinnt. Angesichts dieses Inein- faszinierend. Im Netz scheinen menschliche Sehnsüchte
lesebuch14-gauck anders von virtueller und körperlicher Existenzweise wird ihre Erfüllung zu finden, die so tief sind, dass der Verzicht
kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online / artikel der mensch in der digitalen epoche / 29

darauf, alles von sich preiszugeben, nicht einmal mehr als Kommunikation aufrechtzuerhalten. Und was Älteren
Freiheit erkannt wird. hilft, ist vielleicht auch für Jüngere attraktiv, die im Netz
Den grenzenlosen Entfaltungsmöglichkeiten stehen veränderte Gemeinschaftserfahrungen des Glaubens jen-
im Web 2.0 „Big Brother“-Szenarien gegenüber. Wolf- seits körperlicher Gegenwart machen können.
gang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Ge- Doch für den gelebten Glauben ist die Erfahrung
sellschaftsforschung in Köln, zufolge wird das Individu- ­realer Gegenwart wesentlich. Aufgrund der Entzogen-
um hier „vor allem in seiner zu steuernden Potenzialität: heit Jesu wohnt dem Glauben immer auch ein virtuelles
als Konsument oder als Terrorist“ betrachtet. Moment inne. Aber Christus war kein Avatar. Und den
Bereits diese ersten Beobachtungen legen nahe, dass Leib und das Blut Christi in Brot und Wein können wir
Glossar das Internet weder an sich böse noch an sich gut ist. Theo- im heiligen Abendmahl schmecken. Internet-Abendmahl
Web 2.0 / Seite 146
logische Anthropologie muss sich dieser Zwiespältigkeit feiern wir deswegen aus guten Gründen nicht.
Avatar / Seite 143
stellen.
Im Netz wird deutlich, dass der Heilige Geist nach wie Die Würde des digitalen Menschen
vor auch ein Thema der säkularen Kultur ist. Denn viele ist unantastbar
Menschen hegen die Sehnsucht, verbunden und in ei- Das Web 2.0 bietet ein ungeheures anarchisches Poten-
nem größeren, weltumspannenden, ja weltübergreifenden zial. Es erleichtert – so es nicht blockiert oder zensiert
Ganzen aufgehoben und geborgen zu sein. Im Internet wird – Widerstand in Diktaturen. Internetbasierte Kam-
erfüllen sich Fantasien der Körpergrenzüberschreitung, pagnen-Netzwerke mobilisieren innerhalb kürzester Zeit
der Gegenwart an mehreren Orten und der augenblick- Millionen von Menschen, um soziale oder ökologische
lichen Überwindung beliebiger terrestrischer Entfernun- Missstände anzuprangern – mit Erfolg.
gen zumindest ansatzweise. Wer im Netz unterwegs ist Auch die Reformation hat sich zur Kommunikation
und gleichzeitig zu Hause sitzt, macht Erfahrungen von ihrer theologisch revolutionären Ideen des technisch avan- 3
Abgegrenztheit und Verbundenheit, von Nähe und Fer- ciertesten Mediums des 16. Jahrhunderts bedient: des
ne, von Dasein und Fortsein. Und er macht die eigen- Buchdrucks. Aus der Sicht einer emanzipatorischen An- www.ekd.de/url/
lesebuch14-aufklaerung
tümliche Erfahrung der Trennung von Leib und Geist. thropologie und einer theologischen Ethik der Befreiung
bietet das Internet tatsächlich eine „epochale Chance für
Christus war kein Avatar die Demokratie“, wie es Ranga Yogeshwar formulierte.3
Dieses Phänomen weckt Anklänge an die theologische Doch damit Menschen das Internet als Ressource von
Vorstellung der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die Bildung und Aufklärung verantwortlich nutzen können,
An- und Abwesende, Nahe und Ferne verbindet. Das In- müssen sie bereits aufgeklärt und gebildet sein oder wer-
ternet weist – bei aller Differenz – säkulare Analogien zur den. Solche Aufklärung im Sinne der Befreiung aus selbst
Idee des Geistes Gottes als Kommunikationsmedium, zur verschuldeter Unmündigkeit ist Aufgabe einer evangeli-
Idee eines kollektiven „Spirit“ und zur Idee einer Teilhabe schen Bildung, die ihre anthropologischen Grundlagen,
unabhängig von körperlicher Nähe auf. nicht zuletzt die Gottebenbildlichkeit des Menschen, Mehr dazu

In einer älter werdenden Gesellschaft könnte das nicht aus den Augen verliert und dafür eintritt, dass die in den Texten über
Internet Menschen helfen, Mobilität, Partizipation und Würde nicht nur der leib-seelischen, sondern auch der Medienkompetenz ab Seite 65
30 / kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online / artikel der mensch in der digitalen epoche

Internetperson nicht angetastet und der Mensch niemals Wie werde ich schön und heil?
nur als Mittel zum Zweck funktionalisiert oder im Schat- Im Netz verwirklicht sich der Traum, ein anderes Bild
ten der Anonymität und Rechtsfreiheit des Internets un- von sich zu zeigen, als dies in der körperlichen Welt
würdig behandelt wird. Evangelische Medienethik muss möglich ist; in ein Anderssein zu entfliehen. Die Theo-
die Freiheit und Würde der individuellen Internetperson logie gibt gegenüber diesem Bedürfnis mit ihren eschato­
gegen die heimliche oder offene Instrumentalisierung logischen Überlegungen ihre ganz spezifische Antwort.
durch jene Mächte verteidigen, die im Internet ihr men- Wenn aus dem Andersseinwollen jedoch ein Anderssein-
schenfeindliches Unwesen treiben. müssen wird und die Unzufriedenheit mit der eige-
nen Existenz zur Selbstablehnung führt, weil man dem
Sehnsucht nach Anerkennung ­medial auf­oktroyierten Ideal nicht genügen kann, wird
Im Netz scheint sich das tiefe menschliche Bedürfnis zu in säkularer Gestalt die von Martin Luther existenziell
erfüllen, wahrgenommen und anerkannt zu werden. Das durchlittene und theologisch reflektierte Verzweiflung
Konzept von Facebook mit seinen „Likes“ und „Friends“ des Menschen unter dem Gesetz sichtbar. Den religiösen
reagiert auf diese anthropologische Grundstruktur. Die Menschen Luther trieb die Frage nach dem gnädigen Gott
spezifische Gestalt öffentlicher Anerkennung im Internet um. Der säkulare Mensch fragt sich, was er tun kann und
Glossar lässt sich als moderne Bearbeitung der uralten Mensch- wie er sein muss, um schön und heil und von der Net-­
heitsfrage decodieren, ob wir letztlich wichtig, anerkannt Community akzeptiert zu werden.
Facebook / Seite 144
und geliebt sind. Auch Martin Luthers Entdeckung der Es ist anthropologisch aufschlussreich zu sehen, in-
Rechtfertigung allein aus Glauben wiefern das Netz Erfahrungen
war ja eine Bearbeitung dieser Fra- von Akzeptanz und Rechtferti-
ge. Sich im Internet in vielfältiger gung zugleich ermöglicht und
Weise zu zeigen, mag auch Zeichen Die radikale Akzeptanz verhindert. Es eröffnet die Chance
einer fragwürdigen Verschiebung des Menschen in Christus des Identitätswechsels. Es fungiert
von Schamgrenzen und eines in der als Zufluchtsort, an dem man un-
Sucht nach Veröffentlichung des sichtbar werden, anonym agieren
Intimsten mündenden Schwindens und sich als anderer oder andere
des Bedürfnisses nach Privatheit sein. Vielleicht ist es aber ausleben kann. Es gewährt ungeahnte Begegnungs- und
schlicht Ausdruck des legitimen Wunsches, als Individuum spielerische Identitätserschaffungs- und -maskierungs-
gewürdigt und wertgeschätzt zu werden. möglichkeiten und bearbeitet so die Frage, was authenti-
Eine evangelische Medienanthropologie sollte diese sches Leben bedeuten könnte. Zugleich steht das Indivi-
Sehnsucht im Licht der Rechtfertigungslehre reflektie- duum unter dem Dauerdruck des Imperativs „Du musst
ren und ernst nehmen und nicht einfach als obszönen dein Leben ändern! Du musst anders werden, als du
Ex­hibitionismus diskreditieren. Dabei kann deutlich bist!“. Die Aufgabe evangelischer Verkündigung besteht
gemacht werden, wie das Gesehenwerden durch Gott angesichts dessen darin, Worte und Bilder zu finden, in
eine neue Freiheit gegenüber dem permanenten Gesehen­ denen das Evangelium von der radikalen Akzeptanz des
werden-Müssen durch Menschen geben kann. Menschen in Christus neu sichtbar und hörbar wird.
kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online / artikel der mensch in der digitalen epoche / 31

Martin Luther beschreibt in seiner Freiheitsschrift den chen sich Indifferenz, Resignation und Ohnmacht breit.
„fröhlichen Wechsel“: Christus nimmt unsere Sünde und Was Theodor W. Adorno als generelle anthropologische
gibt uns dafür seine Gerechtigkeit. Das gibt eine Freiheit, Heraus­forderung ausgemacht hat, gilt auch hier: „Die fast
die keine Selbstinszenierung geben kann. Authentisches unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht
Leben in dieser Freiheit – darum geht es im christlichen der anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm
Glauben. Und die Kraft eines solches Lebens deutlich zu machen zu lassen.“5 5
machen und selbst auszustrahlen, das ist der Auftrag der Damit ist bereits die Frage nach der angemessenen Theodor W. Adorno,
Kirche. evangelischen Haltung gegenüber dem Internet intoniert. Gesammelte Schriften,
Sollen wir eine prophetische Hermeneutik des Verdachts Bd. 4, Frankfurt a.  M.
Geiseln, die ihren Geiselnehmer lieben walten lassen und die Gefahren und Schattenseiten des 1997.
Im Zeitalter des Internets geht es um die Frage, ob die Web betonen? Sollten wir uns der Sonnenseiten des
Würde des Menschen geschützt wird oder ob er zur Ware ­Netzes erfreuen und gelassen die Chancen zu Kommu-
degeneriert. Barth hat die Trägheit des Menschen als eine nikation und Information nutzen, statt das Netz zu ver-
wesentliche Erscheinungsform der Sünde ausgemacht. teufeln? Oder sollten wir hinnehmen, dass wir, sobald wir
Der träge Mensch will von seiner kritischen Intelligenz das Internet nutzen, bereits die Kontrolle über uns und
im Netz nichts wissen. Wider besseres Wissen gibt er sei- unsere Spuren im Netz verloren haben?
ne Daten preis, weil er nur die Annehmlichkeiten und
Komfortgewinne des Internets sehen will. Und weil un­ Wir sind mehr als die Summe
seligerweise Geiz geil ist, macht der Bürger in Gestalt unserer Datenspuren
seines Internetverhaltens gemeinsame Sache mit jenen, In jedem Fall sollte eine evangelische Medienanthropo-
die ihn gläsern und beliebig kontrollierbar sehen möch- logie, die von der Sünde weiß, nicht verharmlosen, dass
ten. Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Par- der Mensch, wie alle Systeme und Technologien, die er
laments, meint, dass dies dazu führen könnte, „dass wir erschafft, ambivalent ist. Skepsis ist angesichts des Netzes
nur noch über jene Kaufangebote informiert werden, die ebenso sinnvoll wie die Wahrnehmung seiner Möglich-
vermeintlich zu uns passen. Und der Schritt, dass wir keiten. In jedem Falle kann als medienanthropologische
dann auch nur noch die politischen und kulturellen In- Konsequenz des Glaubens an den fleischgewordenen Gott
formationen erhalten, die unseren vermuteten Interessen ja festgehalten werden, dass wir als fleischliche Wesen
4 entsprechen, ist ein kleiner.“4 mehr sind als die Summe unserer Daten und Datenspu-
www.ekd.de/url/ Diese Zusammenhänge zu durchschauen, setzt Wis- ren. Es gibt ein analoges Leben im digitalen. Und dieses
lesebuch14-schulz sen und Willen voraus. Doch Letzterer beginnt in un- Leben darf gelebt werden im Horizont einer Freiheit, in
serer Gesellschaft zu schwinden, was dazu führt, dass der wir unsere Sucht nach Anerkennung überwinden kön-
der Big Brother schulterzuckend hingenommen oder nen, weil wir schon anerkannt sind, in der wir anderen ge-
schlicht ignoriert wird. Wir sind, wie der amerikanische genüber Liebe üben können, weil unser eigenes Herz von
Kulturjournalist David Gelernter es ausgedrückt hat, Gott so viel davon bekommt, dass es überfließt, in der wir
Geiseln, die ihre Geiselnehmer lieben. Daran zerschellt die Angst vor der Zukunft überwinden können, weil wir
jeg­
licher medienkritische Moralismus. Außerdem ma- wissen, dass Gott die Welt in seiner Hand hält. <
32 / kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online / artikel „gefühl der verbundenheit“

„Gefühl der Verbundenheit“


entstammen einer Epoche, die seit der Aufklärung stark
von dem Gedanken des Individuums geprägt ist. Zuge-
spitzt führt das zum „Homo oeconomicus“, der sich stän-
Im Internet treffe ich unterschiedliche Menschen, bekomme dig gegenüber seinem Mitmenschen behaupten muss. Es
Tipps – und keiner sieht, ob ich Übergewicht habe. wäre natürlich naiv anzunehmen, dass im Internet ökono-
mische Gesetzmäßigkeiten keine Rolle spielten. Aber das
Macht das Netz uns zu besseren Menschen? Der Theologe und Netz setzt von seiner Struktur her nicht beim Einzelnen an,
Medienwissenschaftler Thomas Zeilinger im Gespräch sondern ist von seinem Wesen her sozial. Im Netz hängt al-
les mit allem zusammen. Am Anfang des Internets steht ein
Gefühl der Verbundenheit, nicht der Isolation. Das Inter-
net erinnert die Menschen daran, dass sie als soziale Wesen
EKD-Lesebuch: Über das Internet lerne ich viele Men- geschaffen sind, das finde ich auch theologisch bedeutsam.
schen kennen, denen ich in meinem direkten Umfeld Körperlich ist man im Netz nicht anwesend, es gibt in
vielleicht nie begegnet wäre. Macht das Internet die der Regel keine Face-to-Face-Kommunikation. Wie
Menschen toleranter? wirkt sich das auf die menschlichen Kontakte in der
Dr. Thomas Zeilinger: Auch das Internet schafft keine digitalen Welt aus?
neuen Menschen. Neid und Missgunst, sich selbst da- Ich glaube, dass die körperliche Anwesenheit eine Hemm-
PD Dr. Thomas Zeilinger durch aufzubauen, dass man andere abwertet – solche schwelle in der Kommunikation ist. Einerseits hemmt sie
ist Privatdozent Mechanismen finden sich im Netz genauso wie auch negatives Verhalten. Daher gibt es im Netz Shitstorms
für Medienethik an der sonst überall. Aber wenn man sich zum Beispiel in ei- und Cybermobbing und Flamewars, und Foren müssen Glossar
Friedrich-Alexander- nem Internetforum mit anderen austauscht – ob das schließen, weil sie von rechter Propaganda überschwemmt Shitstorm / Seite 145
Universität Erlangen- zu Gerechtigkeitsfragen ist oder zu einer ausgefallenen werden. Andererseits hat es auch positive Auswirkungen, Cybermobbing / Seite 143
Nürnberg. Hunderasse –, kann man tatsächlich neue Horizonte ent­ dass die körperliche Hemmschwelle im Netz fehlt. Zum Flamewar / Seite 144
decken und Menschen kennenlernen, die man sonst nie Beispiel ist jemand mit einem von einem Unfall entstell-
getroffen hätte. Das bietet einem die Chance, toleranter ten Gesicht oder einer Neigung zu Körpergeruch doch
zu werden. Umgekehrt besteht die Gefahr, dass man sich im direkten Kontakt von vornherein diskriminiert – im
im Netz nur in einem kleinen Kreis Gleichgesinnter be- Netz spielt das erst einmal keine Rolle. Das Ganze hat
wegt. Insofern ist die Frage der Toleranz eine schwierige. also auch einen egalitären Zug.
Viele Menschen erleben das Internet als einen Ort, Rasse, Behinderung oder materielle Machtmittel wie
an dem sie Wertschätzung erfahren, zum Beispiel in Schmuck oder Waffenbesitz sind erst einmal nicht
Glossar Form von Likes bei Facebook, oder als einen Ort, an notwendigerweise zu erkennen. Das ist doch toll!
dem sie Rat und Unterstützung finden. Werden die Klar, stimmt, traditionelle Unterscheidungsmerkmale
Foto: Simon Malik

Forum / Seite 144


Menschen durch das Internet sozialer? fallen erst einmal weg. Aber im Internet gibt es andere
Auch da kann man nicht einfach Ja oder Nein sagen. Aller- Diskriminierungsmerkmale. Wenn ich mir zum Beispiel
dings glaube ich schon, dass die vernetzte Kommunikation anschaue, wie Kommunikation im Netz bewertet und
dabei hilft, soziale Verbundenheit neu zu entdecken. Wir geliket wird, sieht man: Man muss kurzweilig sein und
kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online / artikel „gefühl der verbundenheit“ / 33

humorvoll. Bestimmte Unterscheidungen und Diskrimi- wir klären müssten, würden mir sicherlich Ihre Stimme,
nierungen fallen weg, neue entstehen. Ihr Gesichtsausdruck zusätzliche Informationen liefern,
Glauben Sie, dass sich langfristig die Bedeutung des die ich nicht hätte, wenn wir uns nur bei Facebook schrei-
Körpers verändern wird, wenn Statussymbole im Netz ben würden. Aber mit Videokonferenzen, Apps, die auch Glossar
eher nicht körperlich sind und man häufiger digital Berührungen übermitteln können etc., wird sich ja vieles Chat / Seite 143
oder mit einem Avatar anderen Menschen begegnet? entwickeln, wodurch auch digitale Kommunikation noch App / Seite 143
Natürlich ist uns die kulturelle Domestizierung des Kör- mehr Informationen übertragen kann.
pers durch Kleidung und Mode über die Jahrhunderte Ein anderer Vorwurf lautet: Im Netz seien die Men-
immer näher auf die Haut gerückt, das sieht man auch schen nicht „authentisch“. Wie beurteilen Sie das?
­heute an der Kultur von Piercings und Tattoos. Man könn- Das ist in der Tat ein schwieriges Thema. Gerade theolo-
te sagen, vielleicht bietet das Internet hier Freiräume, dem gisch sollte man gegenüber dem Begriff der Authentizität
Zwang zur Perfektionierung des Leibes zu entgehen. Aber skeptisch sein, weil die Theologie auch sagt, dass die Iden-
die Entwicklung lässt eher befürchten, dass der Avatar im- tität des Menschen keine ist, über die der Mensch selbst
mer stärker perfektioniert wird und dass das den Druck auf verfügt, sondern eine ist, die dem Menschen von Gott zu-
den Körper aus Fleisch und Blut noch erhöht. Außerdem gefügt, geschenkt, eröffnet wird. Insofern kann ich selbst
funktioniert digitale Kommunikation heute ja nicht mehr letztlich nicht sagen, wo und wie ich authentisch bin. Das
nur über Text. Ich kann durch die technische Entwicklung Problem im Netz ist eher, wie glaubwürdig und verlässlich
zum Beispiel auch videochatten, wo man das Gesicht des Informationen über ein Ereignis oder über einen Men-
anderen oder seinen Körper auch wieder sehen kann. schen sind. Wie echt ist ein Foto aus dem Gaza-Krieg, wie
Ich wundere mich, dass in protestantischen Kreisen überprüfbar die Information über mich? Deswegen ist es
immer so auf der „Leiblichkeit“ beharrt wird: Man wichtig, dass die Nutzer Medien- und Urteilskompetenz
muss körperlich anwesend sein, sonst ist es falsch. entwickeln, um Informationen auf ihre Kongruenz hin zu
Warum ist nach theologischem Verständnis die leib­ überprüfen: Das heißt: Ist etwas stimmig?
liche Anwesenheit für Kommunikation so wichtig? Ist denn Selbstinszenierung im Netz aus theologischer
Der Leib ist in der biblischen Tradition zu Recht hochge- Sicht nur negativ zu beurteilen?
schätzt. Es nimmt die materiellen Bedingungen als Teil Also das würde ich gerade nicht sagen vor dem Hinter-
der Schöpfung ernst, insofern hat es etwas von Ganzheit. grund: Wer ich wirklich bin, kann ich mir nicht selbst
Aber das sagt nichts darüber aus, wie echt oder unecht ­sagen. Von daher bin ich immer auf das Urteil anderer, auf
Kommunikation ist. Für den digitalen Austausch gibt es ja das Urteil Gottes angewiesen. Es gilt: Ich komme nicht
Begriffe wie „Fernanwesenheit“ oder „Telepräsenz“. Diese umhin, mich selbst darzustellen im Sinne von: mich ins
Art der Kommunikation kann man genauso biblisch be- Verhältnis zu Gott und der Welt zu setzen. Und wenn man
gründen: Wir brauchen bloß an die paulinischen Briefe es biblisch noch mal kontextualisieren will: Wie hat sich
zu denken. Paulus war mit seinen Briefen fernanwesend Paulus denn stilisiert in seinen Briefen, als der Schwache?
bei seinen Gemeinden. Das war keine unechte oder min- Wenn ich es bei ihm nicht kritisch sehe, warum sollte ich
derwertige Kommunikation, nur weil er nicht körperlich es dann beim Internet per se kritisch sehen?
da war. Wenn wir beide jetzt einen Konflikt hätten, den <  Interview: Dorothea Siegle  >
34 / kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online / artikel niemals zeigt man sich ganz

Niemals zeigt man sich ganz


Christina Ernst beschreibt, was die Selbstdarstellung bei Facebook mit einem Haupt-
motiv protestantischer Theologie gemein hat – ein Abstract ihrer Thesen

M
Christina Ernst, enschen wollen wahrgenommen werden. Das Freunde verschiedene Gruppen wie Arbeitskollegen
Sichtbar entzogen. ist ein Grundbedürfnis, für das jede Kultur und private Kontakte mischen, vor denen man sich
Medienwissenschaftliche und Zeit eigene Mittel bereitstellt, von der nicht auf die gleiche Weise zeigen möchte. Man greift
und theologische Deutung Beichte über die Autobiografie hin zu Weblogs, Twitter daher auf Bilder oder Ausdrücke zurück, die nur Einge-
von Selbstdarstellungs- oder Facebook. Dr. Christina Ernst, Vikarin in Celle, weihte verstehen. Bei jedem Profil bleiben Fragen offen,
praktiken auf Facebook,
schreibt in ihrem Aufsatz zur theologischen Deutung so- die sich nur persönlich beantworten lassen.
in: ­
Christina Costanza/
zialer Medien über einen Aspekt von Selbstdarstellung, • Ernst leitet damit über zur Unverfügbarkeit Gottes, die
Christina Ernst (Hg.),
der leicht übersehen wird, aber konstitutiv dazugehört in der protestantischen Theologie ein wichtiges Motiv
Personen im Web 2.0.
Kommunikationswissen­
und genauso ein Bedürfnis ist: die Entzogenheit. ist. Da Gott an kein Bild gebunden ist, kann er sich
schaftliche, ethische und • Ernst stellt fest, dass es keine zwei getrennten Bereiche überall und durch jedes Medium seiner Wahl mittei-
anthropologische Zugänge „Öffentlichkeit“ und „Privatsphäre“ mehr gibt, denen len. Er offenbart sich und begegnet den Menschen und
zu einer Theologie man „Sichtbarkeit“ und „Entzogenheit“ einfach zuord- bleibt ihnen dennoch entzogen, das bestimmt die Be-
der Social Media, nen könnte. Mit dem Smartphone kann man im eige- ziehung der Menschen zu ihm.
Göttingen 2012, S. 32–47. nen Badezimmer arbeiten oder in der Menschenmenge • Die Gottebenbildlichkeit des Menschen ist etwas, das
ein privates Gespräch führen. nur Gott schaffen kann. Der Mensch ist mehr als die
• Öffentlichkeit und Privatsphäre werden nun von den Summe seiner Selbstdarstellungen. Seine wahre Identi-
Akteuren selbst erzeugt. Durch Selbstdarstellungen auf tät wird ihm von Gott gegeben und ist ihm selbst nicht
Facebook etwa produzieren sie „persönliche Öffent- zugänglich.
lichkeiten“, bei denen sie sich selbst einem bestimmten • Die Pluralität der Selbstdarstellungen durch neue Medi-
­Publikum präsentieren. en kann gerade da ansetzen, wo sich Menschen in den Glossar
• Auf Facebook stellt man sich aber nicht nur dar; man Social Media entziehen, und darauf hinweisen, dass die
Glossar Social Media / Seite 145
verbirgt mit jeder Form der Darstellung auch etwas von Profilseite einer Person nur einen Teil ihrer Persönlich-
Twitter / Seite 145 sich – so wie man sich auch im beruflichen Lebenslauf keit zeigt. Die Entzogenheit, die darin besteht, dass man
Smartphone / Seite 145 anders präsentiert als beim ersten Date. Jede Selbst­ nur Ausschnitte von sich zeigt, aber nie alles, verweist
darstellung macht sichtbar und verhüllt zugleich. darauf, dass das eigene Bild in den Medien nur eine In-
• Auf Facebook kommt hinzu, dass sich in der Liste der szenierung ist. < Abstract: Friederike Lübke>
kapitel 02 der digitale mensch / thema gottes ebenbild ist online / weiterlesen und fragen / 35

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Gottes Ebenbild ist online“ „Gottes Ebenbild ist online“
Bischof Heinrich Bedford-Strohm hat eine Seite bei Facebook:
www.facebook.com/landesbischof

Der These von einer Ethik der Verbundenheit im Netz Gilt die Gottebenbildlichkeit des Menschen
geht Thomas Zeilinger hier nach: Thomas Zeilinger, Auf dem Weg
zu einer Ethik der Verbundenheit. Kommunikationstheoretische, auch für seine digitale(n) Identität(en)?
ethische und anthropologische Hinweise zum Personsein im Web 2.0, in:
Christina Costanza / Christina Ernst (Hg.), Personen im Web 2.0.
Kommunikationswissenschaftliche, ethische und anthropologische Zugänge
zu einer Theologie der Social Media, Göttingen 2012, S. 188–199.
Verwirklicht das Internet eine
Darin (S. 127–145) auch zum Begriff der Fernanwesenheit: Christina Costanza,
Fernanwesenheit. Personsein im Social Web im Lichte der Theologie.
protestantische Idee, indem es Individualität und
Anne-Kathrin Lück promovierte über Sichtbarkeit, Leiblichkeit und Personalität
Verbundenheit gleichzeitig ermöglicht?
im Netz: Anne-Kathrin Lück, Der gläserne Mensch im Internet.
Ethische Reflexionen zur Sichtbarkeit, Leiblichkeit und Personalität
in der Online-Kommunikation, Stuttgart 2013.
Ein kluger Sammelband über Authentizität im Netz: Martin Emmer /
Der Mensch schafft digitale Avatare von sich,
Alexander Filipović/Jan-Hinrik Schmidt/Ingrid Stapf (Hg.), die seine eigene körperliche Existenz überdauern
Echtheit, Wahrheit, Ehrlichkeit. Authentizität in der Online-Kommunikation,
Weinheim und Basel 2013. Darin auch: Kerstin Thummes, Die Notwendigkeit können. Werden wir uns zukünftig anders
schützender Täuschungen in der Online-Kommunikation, S. 121–134.
an Menschen erinnern?
Wie digitale Dienste das Vertrauen zwischen den Menschen fördern können:
www.ekd.de/url/lesebuch14-trust
36 / kapitel 02 der digitale mensch / thema big data / artikel big data in den medien
36 / kapitel 02 der digitale mensch / thema big data
big data

Big Data in den Medien


„Das Internet ist kaputt“, „Warum wir Google fürchten müssen“,
„Recht auf Vergessenwerden“:
So wurde das Thema „Big Data“ 2014 diskutiert
< Von Christian Bartels>

I
n seiner 188. „Mensch-Maschine“-Kolumne beim @saschalobo geantwortet. Damit bewiesen: Internet ist
deutschen Online-Leitmedium „Spiegel Online“ NICHT kaputt, sondern vollendet.“3
beklagte der Blogger und Internetexperte Sascha Tatsächlich kam die „Digitaldebatte“ der FAZ, deren Website
Lobo im August ironisch, dass sein „Relevanzkom- Beiträge unter roter Überschrift meist die erste Feuille- www.ekd.de/url/
pass“ „sich von dem des Publikums entfernt hat“.1 ton-Seite füllen und auch online erscheinen, 2014 auf lesebuch14-faz
In den 61 Wochen, seitdem Edward Snowden und der Hochtouren. Damit ist dem im Juni gestorbenen Her-
Christian Bartels britische „Guardian“ 2013 das Ausmaß des Ausspähens ausgeber Frank Schirrmacher gelungen, was in der zer-
ist Medienjournalist durch die NSA publik machten, habe er 61 Mal über die splitternden Öffentlichkeit immer schwieriger wird: un-
aus Berlin und schreibt „Totalüberwachung“ des Netzes geschrieben. Ansonsten terschiedliche Milieus so miteinander ins Gespräch zu
u. a. für die werk­ wurde das Thema im deutschen Internet bei weitem nicht bringen, dass Vertreter gegenläufiger Meinungen argu-
tägliche Medienkolumne als so brisant empfunden. mentierend aufeinander reagieren.
„Altpapier“ bei Mehr dazu
Über ein Jahr nach der ersten Enthüllung durch Noch mehr Reaktionen zog ein Artikel von ­Mathias
evangelisch.de. Pro / Contra Google-Urteil
Snowden ließ sich konstatieren, dass die globale Über- Döpfner im April nach sich. Der Vorstandvorsitzende
wachungsaffäre zwar auch in den größeren Schlagzeilen der Springer AG hatte auf einen Beitrag des Google-­ ab Seite 40
regelmäßig auftaucht. Doch weder wurden Massen mo- Vorstands Eric Schmidt („Google nützt der Kultur, den
bilisiert noch Wahlen beeinflusst. Verlagen und dem Journalismus“4) reagiert. „Warum wir
Oft blieben die gleichgesinnten Kritiker der Überwa- Google fürchten“5, lautete die Überschrift des offenen
chung im Internet unter sich. Dabei versteht es Sascha Briefs von Döpfner. „Zum ersten Mal bekennt hier ein
Lobo, Wirkung zu entfalten. Vor allem seine These „Das deutscher Manager die totale Abhängigkeit seines Un-
Internet ist kaputt“, im Januar in der „Frankfurter All- ternehmens von Google“, warb die FAZ dafür – wahr- Glossar

gemeinen Sonntagszeitung“ geäußert, wirkte.2 Ein Twit- lich überraschend für den Chef eines Konzerns, dessen Google / Seite 144
terer scherzte daraufhin: „Alle deutschen Blogger haben „Bild“-Zeitung selbst gefürchtet wird. Darauf reagierten Suchmaschine / Seite 145
kapitel 02 der digitale mensch / thema big data / artikel big data in den medien / 37

unter anderem der amerikanische Informatik-Pionier mehr oder weniger freiwillig mit der NSA kooperiert, das 1 Sascha Lobo, Wie es bei Sascha Lobo

­Jaron Lanier6, der EU-Wettbewerbskommissar Joaquín ist bekannt und wird gelegentlich thematisiert. Wenn die weitergehen soll, aus „S.P.O.N. -
Almunia7 sowie Sigmar Gabriel8. Wenn festgestellt wer- Konzerne aber neue Produkte vorstellen, berichten viele Die Mensch-Maschine – wöchentliche Kolumne“,
de, dass Google seine Marktmacht als Suchmaschine Nachrichtenmedien gerne ausführlich und vielfältig. Ob www.ekd.de/url/lesebuch14-lobo

missbraucht, solle für diese „wesentliche Infrastruktur“ neue Smartphones oder Betriebssystem-Versionen nicht
2 Sascha Lobo, Die digitale Kränkung
der digitalen Welt „eine Entflechtung, wie sie bei Strom- auch neue Möglichkeiten des Zugriffs auf Nutzerdaten
des Menschen – Abschied von der Utopie,
und Gasnetzen durchgesetzt wurde, ( . . . ) ernsthaft erwo- enthalten, wird wenn, dann separat behandet. Daten­
www.ekd.de/url/lesebuch14-abschied
gen werden“, forderte der Wirtschaftsminister. sicherheit spielt bei der Bewertung leistungsstarker neuer
Darauf, dass Gabriel lange schon erhobene Forde- Smartphones, Apps und Netzwerke nur selten eine Rolle. 3 www.ekd.de/url/lesebuch14-gurow
rungen vieler Politiker wiederhole, ohne eine „digitalen Und noch eine Instanz begann 2014, im Themen-
Gesamtstrategie“ erkennen zu lassen, wies netzpolitik.org komplex die Schlagzeilen zu bestimmen. Der Euro­ 4 Eric Schmidt, Die Chancen des Wachstums,
hin.9 Der netzpolitik.org-Blog schätzt die Dinge ähnlich päische Gerichtshof setzte nicht nur die lange umstrittene www.ekd.de/url/lesebuch14-ericschmidt
ein wie Lobo, sammelt aber täglich all die vielen, oft für Vorratsdatenspeicherung außer Kraft, sondern zeigte mit
sich unspektakulären Meldungen zu Themenfeldern wie seinem überraschenden Urteil für das „Recht auf Ver- 5 Mathias Döpfner, Offener Brief an Eric
dem mühsamen Ringen um eine Europäische Daten- gessenwerden“ und gegen Google, dass Europa durchaus Schmidt,
schutz-Grundverordnung und den nationalen und inter- Maßstäbe setzen kann, die amerikanische Konzerne ein- www.ekd.de/url/lesebuch14-doepfner
nationalen Formen der Internetzensur und Aktivitäten schränken. Die Diskussionen um das Urteils sind nicht
dagegen, anstatt regelmäßig grundsätzlich den Stand des abgeschlossen und aufschlussreich: Vielen Nutzern etwa 6 Jaron Lanier, Wer die Daten hat, bestimmt

Internets zu klären. ist nicht bewusst, dass Texte, auf die europäische Goog- unser Schicksal – Googles Datenmacht,
Im Jahr eins nach Snowden lässt sich sagen, dass die le-Suchen nicht mehr verweisen, sowohl über die globale www.ekd.de/url/lesebuch14-lanier

Debatte in der breiten Öffentlichkeit kaum von Aktivis- Google-Suche als auch über andere Suchmaschinen und
7 Joaquín Almunia, Ich diszipliniere Google,
ten, Netzpolitikern oder der fast immer mit dem Attribut direkt im Archiv des jeweiligen Mediums dennoch zu fin-
www.ekd.de/url/lesebuch14-almunia
„sogenannt“ bezeichneten „Netzgemeinde“ geprägt wird. den sind.
Punktuelle Ereignisse wie weitere „Spiegel“-Enthüllun- Nötig bleiben Debatten also unbedingt. Und span- 8 Sigmar Gabriel, Die Demokratie im digitalen
gen anhand von Snowden-Material oder solche des Re- nend bleibt es auch: Über die Klage der Studentengruppe Zeitalter, www.ekd.de/url/lesebuch14-gabriel
chercheverbunds von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und „Europe versus Facebook“um Max Schrems wird eben-
WDR verschaffen der Digitaldebatte immer mal wieder falls der EuGH entscheiden.10 Thema: die Datenschutz- 9 Markus Beckedahl, Bundesregierung sucht die
prominente Positionen auf Titel- und Startseiten. Regie- bestimmungen von Facebook, die zwar dem niedrigen Politik eines neuen Betriebssystems (Update!),
rungshandeln wie die Ausweisung des amerikanischen Standard in Irland, dem europäischen Hauptsitz des www.ekd.de/url/lesebuch14-betriebssystem
Geheimdienstzuständigen im Juli setzt Themen. Und US-Netzwerks, entsprechen, nach Schrems’ Ansicht aber
Konzerne tun es. Google, Apple und Microsoft haben nicht der Grundrechte-Charta der EU. <  10 www.ekd.de/url/lesebuch14-beschwerde
38 / kapitel 02 der digitale mensch / thema big data / artikel vertreibung aus dem paradies

Wenn Sie am anderen Ende der Wäscheleine angekom-


men sind und kein Paar gefunden haben, legen Sie die
Vertreibung Socke in die Bastelkiste.
Fahren Sie fort mit 2). Und so weiter.

aus dem Paradies Das raubt dem Algorithmus die Magie.


Die Algorithmen in einem Computer sind sogar noch
einfacher als im Sockenbeispiel. Die Computer-Algorith-
Google bestimmt, welche Suchergebnisse oben stehen. men sind lediglich in einem speziellen Code geschrieben
Amazon weiß, was ich kaufen möchte. Das gäbe es und in der Ausführung so unheimlich schnell, dass die
nicht ohne die Algorithmen der Informationstechnik. Sache magisch erscheint.
Und ein Algorithmus macht keine Fehler?
Der Informatiker und Philosoph Stefan Ullrich erklärt, was Er muss eindeutig beschrieben werden. Darauf kommt es
Algorithmen sind, was sie können – und was nicht an. Wer strikt nach einem Rezept kocht, weiß, dass eini-
ge Fertigkeiten vorausgesetzt werden. Da steht dann, dass
Sie Tomatenviertel benötigen, aber nicht, wie man eine
Tomate viertelt. Ein Roboter wüsste ohne genaue Anlei-
tung nicht, wie diese Viertel aussehen sollten.
EKD-Lesebuch : Was ist ein Algorithmus eigentlich? Wo sind Algorithmen hilfreich?
Stefan Ullrich: Ein Algorithmus sind mehrere mathema- Frühe Suchmaschinen waren wie eine Art Bibliothek or- Glossar
tische Gleichungen zur Lösung eines Problems. Also eine ganisiert. Google hat das Suchen und Finden im World
Internet / Seite 144
Art Anleitung an den Rechner, diese Lösung zu berechnen. Wide Web erheblich verbessert. Googles sogenannter Page-
Wie muss man sich das als Laie vorstellen? Rank-Algorithmus findet Seiten nicht einfach nur, sondern
Ein Beispiel aus dem Alltag: Nach der Wäsche müssen die bewertet und gewichtet sie nach speziellen Kriterien. Auch
Stefan Ullrich einzelnen Socken zu Paaren zusammengesteckt werden. der Algorithmus bei Amazon funktioniert im Wesentlichen
ist Sprecher der Der „Sockenpaar-Algorithmus“ löst das Problem mit ein durch das Prinzip der Masse: Andere Leute finden das Pro-
Fachgruppe paar einfachen Gleichungen. Er gibt folgende Anleitung dukt gut, also könnte das auch für mich interessant sein.
„Informatik und vor, Schritt für Schritt: Was aber nichts über die wirkliche Qualität des Pro-
Ethik“ der 1) Reihen Sie alle Socken auf eine Wäscheleine. dukts aussagt.
Gesellschaft für 2) Nehmen Sie die erste Socke links. Genau, Popularität ersetzt hier Richtigkeit oder gar Wahr-
Foto: (cc-by) Frl. v. Phön

Informatik. 3) Nehmen Sie nun die Nachbarsocke in die Hand und heit. Auf der Suche nach Wahrheit über aktuelle Konflikte
4) vergleichen Sie beide. in Krisengebieten kann man es schwer haben. Nachrich-
5) Sind die Socken gleich, stülpen Sie sie ineinander. ten, die sich gut verbreiten lassen, sind „erfolgreicher“.
Fahren Sie fort mit 2). Software-Algorithmen an sich sind aber weder gut
Sind die Socken nicht gleich, legen Sie die Nachbar­ noch böse?
socke ab und wählen Sie die Socke rechts von ihr. Algorithmen können nur berechnen, was berechenbar ist.
Fahren Sie fort mit 4). Gefährlich wird es dann, wenn der Mensch sie einsetzt,
kapitel 02 der digitale mensch / thema big data / artikel vertreibung aus dem paradies / 39

als ob sich der Mensch berechnen ließe. Nehmen wir das Wie lässt sich verhindern, dass Software missbraucht
Beispiel der Sockenpaare: Vergleichen Sie einmal zwei wird?
Menschen! Das geht prinzipiell nicht – die Software stört Es gibt ganz einfache Wege. Der Entwickler eines Soft-
sich daran nicht weiter, sie begreift die Ungeheuerlichkeit waresystems könnte eine Zivilklausel in die Nutzungs-
dieses Vorgangs nicht. Für den Versicherungscomputer lizenz schreiben, so dass die Software nicht mehr mili-
sind Sie als Versicherter nur eine Ansammlung von Zah- tärisch genutzt werden darf. Ingenieure und Techniker
len, die berechnet, verglichen und angepasst werden kön- besitzen die Macht, die Welt zum Besseren zu gestalten
nen. In der von Informationstechnik durchdrungenen – oder aber das Töten von Menschen und ganzen Völ-
Welt glauben wir aber viel zu stark daran, dass sämtliche kern zu unterstützen. Techniker besitzen die Macht, die
Probleme algorithmisch lösbar sind, nicht nur mathema- Selbstbestimmung des Menschen zu unterstützen – oder
tisch-technische, sondern auch politische und moralische. ihn in die totale Lethargie zu treiben. Diese Verantwor-
Kann man Maschinen oder Software nicht einfach tung kann gar nicht überschätzt werden.
Moral einprogrammieren? Können wir die Informationstechnik überhaupt noch
Nein, Ethik und Moral kann nicht in feste Algorithmen begreifen? Ist Resignation der einzige Ausweg?
gepresst werden. Es kann nur Leitlinien zum ethisch-­ Sie dürfen nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die
moralischen Handeln geben. sich gern in die süße Unmündigkeit begeben. Die Ge-
Sollten Ethik und Moral dann fester Bestandteil der schichten vom Schlaraffenland, aber auch die vom christ-
Ausbildung eines Informatikers sein? lichen Paradies nennen deutlich ihre Eintritts­ preise:
Die universitäre Informatik versteht sich als eine techni- Erkenntnisfähigkeit und der Gebrauch des Verstands
sche Wissenschaft, die sich ihrer sozialen Wirksamkeit sind bei Androhung der Vertreibung verboten. „Jemand
durchaus bewusst ist. Aber die Herausbildung der Ur- wacht über mich“ ist ein Satz, der manchen Menschen
teilskraft soll dann der Professor auf dem Gang gegen- Hoffnung gibt und andere zutiefst verängstigt. Ich maße
über übernehmen. Die Informatik hat vergessen, dass sie mir nicht an zu entscheiden, ob Überwachung gut oder
einen gesellschaftlichen Auftrag hat. Wer die Einführung schlecht für den Menschen ist. Ich möchte nur, dass es
in Datenbanksysteme lehrt, muss nicht nur Datensicher- eine freie Entscheidung ist. Mit der Benutzung von In-
heit, sondern auch Datenschutz lehren. Wer mit dem formationstechnik, die ich nicht verstehe, kann ich mich
Glossar Modewort „Big Data“ um sich schmeißt, soll auch auf nicht frei entscheiden. Wenn ich früher ein Buch gelesen
Big Data / Seite 143 die von Edward Snowden aufgezeigten Datensammel­ habe, wusste niemand, auf welcher Seite ich wie lange
programme der Geheimdienste zeigen. etwas gelesen habe; im Digitalen wird genau dies erfasst.
Informatiker sollten also den möglichen Missbrauch Das digitale Buch liest quasi den Leser. Teilnehmer auf
der Technik frühzeitig mitdenken? Demonstrationen werden mit Hilfe der eigenen Mobil­
Sie müssen sich Gedanken darüber machen, was ihre Ar- telefone identifiziert, ein klarer Grundrechtsverstoß. Und
beit anrichten könnte. Es geht dabei aber nicht nur um nun? Resignation ist der bequeme Weg, ­unbequemer
Missbrauch, sondern auch um die intendierte Nutzung der wäre freilich die intensive Beschäftigung mit Informa­
Technik. Niemand hinterfragt zum Beispiel, dass wir mehr tionstechnik.
und mehr zu Nummern werden, dass wir zählbar werden.  < Interview: Boris Hänßler / Manon Priebe>
40 / kapitel 02 der digitale mensch / thema big data / artikel das google-urteil

PRO
Stärkung der Persönlichkeitsrechte
Das Google-Urteil C ON T R A
Das Recht auf Löschung kann zur Aufbesserung
und des Datenschutzes. Als „Recht auf Vergessenwerden“ des eigenen Images ausgenutzt werden.

Usern bleibt es erspart, für Fehler in der und „Google-Urteil“ wurde ein Richterspruch Nur Personen können ihre Suchergebnisse
Vergangenheit für immer an den Pranger des Europäischen Gerichtshofs bekannt. entfernen lassen. Firmen und Konzerne müssen
gestellt zu werden. Von den einen wird das Urteil als Triumph gegen mit den Ergebnissen leben.

Recht der informationellen


den Internetkonzern gefeiert, von anderen  ie Medien-, Meinungs- und Informations-
D
Selbstbestimmung wird gewahrt. heftig kritisiert. Pro und Contra freiheit wird eingeschränkt, da der Zugang zu
Informationen systematisch erschwert wird.
< Von Michael Güthlein>
Verhindert, dass Suchende bereits bei
oberflächlicher Suche auf unerwünschte Suchergebnisse werden quasi manipuliert und

A
Ergebnisse in Zusammenhang mit geben nicht die vollständige Information wieder.
m 13. Mai 2014 hat der Europäische Gerichts- Da es keine Widerspruchsfunktion gibt,
einer Person stoßen, selbst wenn sie danach
hof in einem Grundsatzurteil entschieden, dass können sich etwa Zeitungen nicht effektiv gegen
nicht explizit gesucht haben.
der Internetkonzern Google dazu verpflichtet eine Löschung wehren (Medienzensur).
Verhindert, dass detaillierte Profile von Personen werden kann, bestimmte personenbezogene Inhalte bei der
durch die Suchergebnisse generiert werden. Suche nicht als Ergebnisse anzuzeigen. Dabei handelt es Großzügige Löschung durch Google ist
sich vor allem um nachweisbar falsche oder sensible Daten, wahrscheinlich, um Klagen zu vermeiden.
Stellt Persönlichkeitsrechte über deren Preisgabe die Persönlichkeitsrechte verletzt. Geklagt
Geschäftsinteressen. hatte ein Spanier. Bei der Eingabe seines Namens zeigte Durch das Bekanntwerden von Einzelfällen wird
Google Links zu einer Tageszeitung von 1998, die ihn im häufig das Gegenteil erreicht und Suchende werden
Stellt als Grundsatzurteil klar, dass bei Zusammenhang mit der Zwangspfändung einer Immobilie erst recht auf ein Ergebnis aufmerksam gemacht.
außer­europäischen Firmen, die Geschäfte nennt. Dem Kläger zufolge war die Angelegenheit längst
erledigt. Daher forderte er, die seiner Ansicht nach rufschä- Beanstandete Inhalte werden nicht komplett
auf europäischem Boden betreiben, auch
digende Verlinkung zu entfernen. Seit dem 30. Mai kann aus dem Suchindex entfernt, sondern nur
europäisches Datenschutzrecht gilt.
die Entfernung eines Links beantragt werden. in Kombination mit spezifischen Suchanfragen.
Macht Suchmaschinen für ihre ­Ergebnisse
Über andere Suchbegriffe sind die Seiten
mitverantwortlich. Suchergebnisse zu
weiterhin auffindbar.
präsentieren, bedeutet nicht nur „ohnehin
Verfügbares technisch zusammenzufassen“, Die weltweit erreichbare US-Version von
sondern generiert auch neue Informationen. Google indiziert die Ergebnisse nicht.
Daher dürfen auch Suchmaschinen Websites

strafrechtlich Relevantes durch Auflistung als www.ekd.de/url/lesebuch14-curia Existenzgefährdend für kleinere


Ergebnisse nicht direkt weiterverbreiten. www.ekd.de/url/lesebuch14-loeschen Suchmaschinenanbieter.
kapitel 02 der digitale mensch / thema big data / artikel verschlüsseln macht verdächtig / 41

Verschlüsseln macht verdächtig machen, was sie oder er tatsächlich will und ausführen
wird. Die US-Regierung habe „ein riesiges System geschaf-
fen, das auf der unbewiesenen und fehlerhaften Annahme
beruht, es sei möglich, künftige Terrorakte vorherzusagen“,
sagte die amerikanische Bürgerrechtlerin Hina Shamsi.2
Seit den Enthüllungen Edward Snowdens ist bekannt,
dass persönliche Angelegenheiten und intimste Gedanken Mit Luther widerstehen PD Dr. Anne Käfer
überwacht werden. Eine Interpretation vor dem Hintergrund Staatliches Handeln, das darauf zielt, Gesinnungen zu er- vertritt derzeit
forschen, gar zu be- und verurteilen, muss den Widerspruch den Lehrstuhl
von Luthers „Zwei-Regimenten-Lehre“
aller Protestantinnen und Protestanten hervor­rufen. Denn für Systematische
< Von Anne Käfer> Martin Luther hat 1523 in seiner Schrift „Von weltlicher Theologie / 
Oberkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ (WA Dogmatik an der
11, 229–281)3 die genuin reformatorische Einsicht fest- Universität

N
Leipzig.
Dieser Text ist eine ach Medienberichten werden Gedankenkom- gehalten, Gewissen und Gedanken müssten frei gehalten
gekürzte Fassung des munikation und Meinungsaustausch vor allem werden von staatlicher Überwachung und obrigkeitlicher
folgenden Beitrags: dann ins Visier genommen, wenn sie verschlüs- Gewalt. Es dürfe und könne „uber seele niemandt [ . . . ]
Anne Käfer, Vom Sinn selt sind. Das Verschlüsseln und sogar schon die Suche gewallt haben denn Gott“ (WA 11, 265). Vom weltlichen 2
und Nutzen der politischen nach Software, die dazu dienen soll, die eigenen Gedan- Bereich, in dem die Staatsmacht mit Gewalt für Frieden
Ethik Luthers für die Zitat Hina Shamsi aus:
ken geheim zu halten, reichen aus, um ins Raster des und Ordnung sorge, unterscheidet Luther den Bereich der Leitlinien geleakt:
Beurteilung des „Falles
amerikanischen Geheimdiensts zu geraten. „Ironischer- Gedanken- und Gewissensfreiheit. Die Kommunikation So leicht landen Sie in
Edward Snowden“. Freiheit
oder Sicherheit?, in:
weise sind es ( . . . ) ausgerechnet Personen mit dem Wunsch von Gesinnungen und Gedanken müsse frei sein – insbe- der US-Terrordatenbank,
Deutsches Pfarrerblatt 4
nach Anonymisierung, die zum Ziel der NSA werden. In den sondere diejenige der christlichen Gemeinde. Luther hält www.ekd.de/url/
(2014), www.ekd.de/url/ Augen des Geheimdienstes: Extremisten. ( . . . ) Extremisten? fest: „Gedancken sind zoll frey“ (WA 11, 264). Er hält es lesebuch14-leitlinien
lesebuch14-snowden Das Gegenteil ist der Fall ( . . . ). Die deutschen Opfer sind für unzulässige Anmaßung, wenn etwa vor Gericht ange-
politisch keinesfalls am äußeren Rand zu finden. Extrem sind nommen werde, „der seelen gedancken und synnen“ eines
sie allein in einem Punkt: Sie sind besorgt um die Sicherheit einer Straftat verdächtigten Menschen könnten wahrhaft
ihrer Daten. ( . . . )“, halten NDR-Journalisten fest.1 erkannt werden (WA 11, 264).
Gegenwärtig scheinen Geheimdienste niemanden 3
Taten kann man nicht voraussagen für unverdächtig zu halten, sondern sie sind daran inte- Weimarer Ausgabe der
1 Der Geheimdienst scheint davon auszugehen, dass er an- ressiert, Gedanken und Gesinnungen aller zu erfahren. Schriften Luthers,
hand des Gebrauchs bestimmter Wörter sowie der Such- Genau dadurch ist nach Luther die öffentliche Ordnung Abteilung 11, Predigten
Lena Kampf / Jacob
vorgänge im Internet beurteilen kann, ob eine Person eine gefährdet und außer Kraft gesetzt. Indem die weltliche und Schriften 1523.
Appelbaum / John Goetz,
Von der NSA als Extremist Frieden, Ordnung und öffentliche Sicherheit gefährdende Obrigkeit Gedanken ausspäht und auswertet, überschrei-
gebrandmarkt, NDR, Tat nicht nur erwägt, sondern tatsächlich auch ausfüh- tet sie ihre Zuständigkeitsgrenze. Ihr muss nach Luther
www.ekd.de/url/ ren wird. Dazu aber müsste der Geheimdienst fähig sein, widerstanden werden. Denn: „Es gepürtt Lucifer nicht,
lesebuch14-extremist über Äußerungen und Internetverkehr einer Person auszu­ neben Gott zu sitzen“ (WA 11, 267). < 
42 / kapitel 02 der digitale mensch / thema big data / weiterlesen und fragen

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Big Data“ „Big Data“
Datenschutz, Urheberrecht, Vielfalt im Netz: In kurzen Aufsätzen gibt das Kapitel
„Freiraum ­Internet“ hierzu einen Überblick in: Marc Jan Eumann / Frauke Gerlach / Tabea Rößner / 
Martin Stadelmaier, Medien, Netz und Öffentlichkeit. Impluse für die digitale Gesellschaft, Was muss die evangelische Kirche tun,
Essen 2013, S. 145–250.
damit sie in der Diskussion um Datensicherheit
Eine Einschätzung der „Google-Entscheidung“ des EuGH von Bundesverfassungsrichter Johannes als qualifizierte Stimme wahrgenommen wird?
Masing: www.ekd.de/url/lesebuch14-eugh
Wie Twitter mit seinen Algorithmen Inhalte verteilt: Mark Dang-Anh / Jessica Einspänner /
Caja Thimm, Die Macht der Algorithmen – Selektive Distribution in Twitter, in: Martin Emmer /
Alexander Filipović / Jan-Hinrik Schmidt / Ingrid Stapf (Hg.), Echtheit, Wahrheit, Ehrlichkeit.
Sollte die evangelische Kirche ihren Mitgliedern
Authentizität in der Online-Kommunikation, Weinheim und Basel 2013, S. 74–87. Zertifikate zur E-Mail-Verschlüsselung ausstellen,
um damit ein Zufluchtsort für ein Stück Schutz
Eine Begegnung zum Thema Datenschutz im evangelischen Monatsmagazin chrismon:
www.ekd.de/url/lesebuch14-datenschutz
und Freiheit im Netz zu sein?
Warum es noch lange dauern wird, bis Facebook unsere Gefühle beeinflussen kann und
bis Computer wirklich verstehen, wie es uns geht: www.ekd.de/url/lesebuch14-gefuehle
Angesichts von Abhörskandalen und digitaler
„Predictive policing“, voraussehende Polizeiarbeit, in Chicago mit Hilfe von Twitter:
www.ekd.de/url/lesebuch14-kriminalitaet
Überwachung: Sollten wirklich
wichtige Seelsorge-Gespräche ausschließlich
Die Schufa muss nach einem BGH-Urteil offenlegen, welche Daten in ihr Scoring-Verfahren
im direkten Kontakt – also nicht medial
einfließen, aber nicht, wie sie gewichtet werden: www.ekd.de/url/lesebuch14-scoring
vermittelt – stattfinden?
So arbeitet der Streaming-Dienst Netflix mit Algorithmen:
www.ekd.de/url/lesebuch14-netflix

Wie das Unternehmen Google sekündlich mit jedem User wächst – live zu sehen auf der Seite:
www.ekd.de/url/lesebuch14-sekunden

Die Stiftung Warentest hat Messenger auf deren Datensicherheit hin getestet:
www.ekd.de/url/lesebuch14-test

Werden regionale Netzwerke das Internet ersetzen?


www.ekd.de/url/lesebuch14-regional
kapitel 02 der digitale mensch / thema eine neue dimension des menschseins? / artikel die andere raum-erfahrung / 43
kapitel 02 der digitale mensch / thema eine neue dimension des menschseins? / 43
eine neue dimension des menschseins?

Die andere Raum-Erfahrung es gab kaum theoretische Auseinandersetzungen um den


Raumbegriff.1 Aber auch vorher, mindestens seit den kul- 1
turzerstörerischen Konsequenzen des Ersten Weltkriegs, Vgl. Martina Löw,
sah man die Zeit als die bedeutendere Kategorie an.2 Raumsoziologie,
Auszugehen ist zumindest in der jüngsten soziologi- Frankfurt a. M. 2001.
Die Idee von Raum als Territorium verändert sich: Mit dem Cyberspace schen Diskussion von Verständnissen, die Räume sozial
rückt die soziale Konstruktion von Räumen in den Fokus. Gleichzeitig konstruiert sehen und die durch materielle und symboli- 2
sche bzw. zeichenhafte Komponenten gekennzeichnet sind.
sind Ängste vor dem Machtgewinn virtueller Räume entstanden Aus der Diskussion um den Gottesdienst ist dieser Fokus
Loss of History? Remarks
on Jesus as the Christ -
< 
Von Ilona Nord> ebenfalls bekannt. Ist es doch insbesondere für die evan- Centre of History in View
gelische Tradition klar, dass Gottesdienste nicht auf klar of the Changing Relation
signierte Kirchengebäude angewiesen sind, sondern die Between Time and Space

H
erkömmliche Raumerfahrungen, wie der Eintritt Liturgie einen sozialen Kommunikationsraum in religiöser in the Cybernetic Turn,
in einen Bahnhof oder das Öffnen der Woh- Dimension eröffnet. Auch das Beispiel von Sprachräumen in: Peter Haigis / Gert
nungstür, unterscheiden sich von den Raum- zeigt, dass die Konstruktion sozialer Räume Tradition hat. Hummel / Doris Lax (Hg.),
erfahrungen im Cyberspace insbesondere in folgender Eine Konsequenz dieser Veränderung in der Sicht auf Christus Jesus - Mitte der
Geschichte!? Christ Jesus
Hinsicht: Der Cyberspace ist elektronisch konstruiert, er Räume ist, dass deren Sinn für den Einzelnen sowie für
- the Center of History!?,
entsteht mit dem Eintritt in virtuelle Realitäten. Diese Gruppen eingehender thematisiert und gezielt auf deren
Frankfurt a. M. 2004,
Prof. Dr. Ilona Nord ist sind computervermittelte Kommunikationsräume, die an Nutzung hin ausgerichtet wird. In der Reflexion auf die
Münster 2007, S. 354-364.
Juniorprofessorin für Apparate wie auch an Software und deren Gebrauch ge- sozialen Netzwerke und die Räume, die sie zur Kommuni-
Praktische Theologie bunden sind. Sie verändern sich ständig mit der Bewegung kation öffnen, wird dies ebenso deutlich wie im Blick auf
an der Universität derer, die sie betreten, und ermöglichen grenzenlose Über- Computerspiele als soziale Räume. Die Präsenz in Face­
Hamburg und Pfarrerin gänge in weitere virtuelle Räume bzw. deren Realitäten. book etwa vermittelt Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit
der Evangelischen Raum als materielles Substrat, Territorium oder Ort zu ent- und fließende Ströme des kommunikativen Austauschs
Kirche in Hessen und werfen, trifft immer weniger das, was Menschen erfahren, mit einer Gruppe Menschen, die sich selbstständig und
Nassau.
wenn sie im Cyberspace kommunizieren. Vielmehr weisen ohne unmittelbaren Zwang dort zusammengefunden
computervermittelte Kommunikationsräume ­darauf hin, haben. Computerspiele wie „Lego Star Wars“ oder „Two
wie und dass Räume sozial konstruiert werden. Dots“ unterhalten, indem sie zu Interaktionen heraus­
An der massenhaften Entwicklung und Nutzung elek- fordern, die eigene Fähigkeiten erproben. Auch hier gibt
tronisch genutzter Kommunikationsräume liegt es auch, es Angebote, die zur Community-Bildung führen.
Glossar dass der Raum in der kulturwissenschaftlichen und über- In dieser Perspektive wird deutlich, dass für kirchliche
haupt in der öffentlichen Diskussion eine veränderte, eine und religiöse Raumangebote vielfach noch kein Umstel-
Cyberspace / Seite 143
wachsende Bedeutung erhält. So tritt das Thema auch aus lungsprozess von einem physikalischen zu einem sozialen
dem Schatten einer geschichtlich bedingten Tabuisierung Raumverständnis vollzogen wurde. Einen gewichtigen
heraus. Das Wort Raum hatte z. B. in der Soziologie nach Einfluss hierauf nimmt sicher auch das Verständnis religi-
Faschismus und Zweitem Weltkrieg keinen guten Klang, öser Räume als „anderer Räume“. Der Kirchenraum steht
44 / kapitel 02 der digitale mensch / thema eine neue dimension des menschseins? / artikel die andere raum-erfahrung

für den anderen Raum, der religiöse Erfahrungen ermög- ständnis des Raums als Container- und Speichermedium
3
licht und kaum explizit sozial gedeutet wird. Es wird viel- vor allem als Ordnungsmodul ausgearbeitet wurde:
Vgl. Ilona Nord / Swantje mehr mit dem Pfund gewuchert, dass die Dimension des
Luthe (Hg.), Social Media,
„Als der christlich-abendländische spacio, espacio, space
Sozialen unterbrochen wird, um in die Stille und zu sich den aristotelischen topos und die platonische chora im
christliche Religiosität
zu kommen. Die Dynamisierung von Kommunikations- ausgehenden Mittelalter ablösten, war dies ein Schritt,
und Kirche. Studien zur
prozessen in computergestützten Welten zeigt deutlich, Ordnung lokal, räumlich und institutionell anwesend
Praktischen Theologie mit
dass Räume, die Entschleunigung und Stille ermöglichen, und sichtbar zu machen ( . . . ). Raum wurde Ordnungs-
religionspädagogischem
Schwerpunkt, Jena 2014.
gebraucht werden. Doch wenn Kirche und Theologie sich modul. Gebäude und Figuren, feste Siedlungsräume,
nicht ausschließlich auf die Raumfunktion der Kontem- unverrückbare Wege und Lichtungen, gerodete Felder,
plation festlegen lassen wollen, müssen sie ihr Verständnis Grenz- und Marksteine fügten sich zur Bodenhaftung
der religiösen Signatur von (Kommunikations-)Räumen von Raum zusammen. Die Wachtürme der Repräsen-
überdenken und pluralisieren.3
4 tation (Kirchtürme, Schlosstürme) berührten den legiti-
mationsfreien Raum göttlicher Unendlichkeit, und die
Vgl. zu den politischen Umbau von Machtstrukturen
Implikationen des Gebrauchs
Grenzsteine festgelegter Territorialmacht markierten
Der Terminus „globale Netzwerkgesellschaft“ hat in popu-
des Terminus als Selbst-
lären wie wissenschaftlichen Diskussionen seit Jahrzehn-
Herrschaft über die euklidischen, also irdischen Maß- 5
beschreibung von Gesell- stäbe ( . . . ). Michel Foucault schrieb in Überwachen
ten einen festen Platz.4 Soziologinnen und Medienwissen- Michel Foucault,
schaften den prominentesten und Strafen zur ‚Kunst der Verteilung‘: ‚Die Disziplin
schaftler liefern mit diesem verbunden Beschreibungen, in Überwachen und Strafen.
Vertreter, Manuel Castells, macht sich zunächst an die Verteilung der Individuen Die Geburt des
Das Informationszeit­
denen sie den Einfluss computergestützter Kommunika- im Raum.‘ Das Raum-Modul wurde in der Sichtbar- Gefängnisses,
alter, Opladen 2001-2003; tionen, die sich weltumspannend ausdehnen, für riskant keit repräsentativen Raumes der Kirche, des Doms, des Frankfurt a. M. 2008
im ­ deutschen Kontext Niels halten. Es wird befürchtet, dass die materielle Kultur mit Palastes, des Reiches bekräftigt. Raum wurde als An­ (9. Auflage 1991).
Werber, Die Geo-Semantik einem Netz virtueller Strukturen überzogen und durch wesenheitsraum konstruiert, ausgestattet mit Insignien
der Netzwerkgesellschaft, eine computergesteuerte Sozialordnung sozusagen eine der Repräsentation. Mit diesem Schritt wird die Idee von
in: Jörg Döring / Tristan restlose Raumnahme vollzogen würde. Als Folge hätte Raum als unstrukturierte Leere, als Behältnis überlagert
Thielmann (Hg.), Spatial
Turn, Bielefeld 2009
man den Globus mit einem Geocode ausgestattet, der die von der Funktion des Speichers ( . . . ).“6 6
Bedeutung von Räumen festlegte und damit auch Räu-
(2. Auflage), S. 165-184; Manfred Fassler,
men Bedeutung entzöge. In dieser Dynamik läge es auch, Dieser Blick auf die Tiefendimension, die das Konzept
vgl. Christian Stegbauer /  Cybernetic Localism:
dass ganze Raumkonstellationen mit ihren Bevölkerungen Raum seit Jahrhunderten aufweist, zeigt, dass die Angst
Roger Häußling (Hg.), Hand- Space Reloaded, in:
ins Abseits der Ströme der globalen Netzwerkgesellschaft vor dem Cyberspace und seiner unbegrenzten Ausdehnung
buch Netzwerk­forschung, Jörg Döring / Tristan
gedrängt würden. auf ein idyllisches Bild von der bisherigen Be­deutung der Thielmann, Spatial Turn,
Wiesbaden 2011. Vgl. zur
­
­Rezeption inner­halb der
Die globale Netzwerkgesellschaft führt de facto zum Kategorie aufbaut. Doch Räume sind als Lebens­räume Bielefeld 2008,
Theologie I ­lona Nord, Umbau von Machtstrukturen, die als ambivalent zu be- immer umstritten und umkämpft gewesen; sie wurden S. 185-218, S. 186-187.
­Realitäten des ­Glaubens. zeichnen sind. Doch sollte kein medienkritischer Kultur­ militärisch erobert und besetzt, ihre Grenzen wurden
Zur ­ virtuellen Dimension pessimismus Einzug halten. Dies jedenfalls lehrt eine befestigt. Der weltumspannende Umgang mit Raum-
christlicher ­Religiosität. Relektüre der Geschichte von Raumverständnissen.5 Für nahmen ist kein Kennzeichen der Moderne; ­K irchen und
Berlin / New York 2008. die Moderne kann verdeutlicht werden, dass das Ver- Theologien haben an ihr mitgewirkt. < 
kapitel 02 der digitale mensch / thema eine neue dimension des menschseins? / artikel nach dem menschen: cyborgs und die unsterblichkeit / 45

den Ersatz und die Verschmelzung des Menschen mit


diesen technischen Wesenheiten zum Cyborg. Vom anti-

Nach dem Menschen: ken Pygmalion über E.T.A. Hoffmanns Olimpia aus der
Erzählung „Der Sandmann“ (1816) bis hin zu den Ge-
schöpfen des Dr. Frankenstein (Mary Shelley, 1818) – die
­Cyborgs und die Unsterblichkeit Belebung des Unbelebten bildete jahrhundertelang ein
festes Motiv der fiktionalen Literatur.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist Die Transformation


eine Idee mit langer Tradition. Einst eine literarische Vision, zum Maschinenmenschen
scheint sie heute in greifbare Nähe zu rücken Diese späteren Erzählungen standen in enger Wechselwir-
kung zu der seit dem 17. Jahrhundert einsetzenden Ent-
< Von Oliver Krüger> wicklung der mechanischen Automatenmenschen. Im
20. Jahrhundert wurden dann in dem Drama „R.U.R.–
­Rossum’s Universal Robots“ (1920) von Karel Čapek die
literarischen Roboter eingeführt – in Anlehnung an das
a lttschechische Wort für Fronarbeit/
­

D
er biologisch basierte Mensch ist überfällig. Knechtsdienst („robota“). Wurden in
Überfällig für sein mehr oder weniger sanftes den folgenden zwei Jahrzehnten Robo-
Ausscheiden aus der Evolutionsgeschichte. Es ter in den neu entstehenden Pulp-Maga- Von Pygmalion
hat nach unserer hominiden Urmutter Lucy rund 3,2 Mil- zinen vor allem als mechanische Helfer
lionen Jahre gedauert, bis ebensolche Hominiden auf den des Menschen charakterisiert, so wurde bis Frankenstein –
Gedanken verfielen, der Mensch sei an die Grenzen seiner implizit häufig das alte Motiv der Ver- der künstliche
Oliver Krüger ist biologisch bedingten Leistungsfähigkeit gelangt. Diese menschlichung bzw. der Wunsch der
Professor für überraschende Einsicht verkünden heute nicht nur die Menschwerdung der künstlichen Ge- Mensch fasziniert
Religionswissenschaft an Vertreter des sogenannten Posthumanismus und Trans- schöpfe wiederholt. Besondere Bedeu-
der Universität Freiburg humanismus, sondern auch die populäre Presse stellt den tung für spätere Utopien hat sicher die
in der Schweiz. Tod des Menschen und die Schranken seiner Geistes­ Kurzgeschichte „Automata“ (1929) von
gaben als ein weiteres kleines Forschungsproblem dar, das Sidney Fowler Wright, in der die Roboter bereits als
in w
­ enigen Jahren zu lösen sei (wie in GeoWissen 05/2013, mögliche intelligente Nachfahren einer aussterbenden
­
Wired 02/2013). Menschheit präsentiert werden. Erst im Jahr 1955 kam
Die Idee, dass Menschen durch Maschinen ersetzt, dann tatsächlich der erste Industrieroboter zum Einsatz.
mit diesen verschmelzen oder von diesen simuliert werden Der zweite Aspekt behandelt die Transformation
könnten, ist sehr alt. Der entsprechende Diskurs gliedert existierender Menschen zu Maschinenmenschen. In der
sich in zwei Aspekte, nämlich erstens die Erschaffung Literatur setzt dieses Motiv parallel zur Erfindung der ers-
künstlicher, menschenähnlicher Geschöpfe und zweitens ten technischen Medien Grammophon und Kinemato­
46 / kapitel 02 der digitale mensch / thema eine neue dimension des menschseins? / artikel nach dem menschen: cyborgs und die unsterblichkeit

graph Ende des 19. Jahrhunderts ein. Jules Verne lässt im sterblichen und unveränderbaren Körper mit der Vision,
„Karpathen­schloss“ („Le Château des Carpathes“, 1892) den menschlichen Geist in den Speicher eines Computers
eine verstorbene Opernsängerin mit Hilfe von Schall­ zu transferieren, wo er als Informationsmuster unendlich
platten und beweglichen Bildprojektionen wiederauf­ fortdauern könne.
erstehen. Ein halbes Jahrhundert später erdachte Arthur Der Trick, den alle diese Visionen nutzen, ist der Ver-
C. Clarke in „Die sieben Sonnen“ („The City and the gleich. Durch den Vergleich von Menschen mit Robotern
Stars“, 1956) eine Gesellschaft, in der in einem Zentral­ und Computern wird der Mensch per definitionem schon
computer „gespeicherte“ Individuen immer wieder aufs zur Maschine. Denn was wird hier verglichen? Leben
Neue in reale Körper transferiert werden. Parallel zu wird als Informationsverarbeitung verstanden, also Re-
Clarke spielt Stanisław Lem die Möglichkeiten einer chenschritte pro Sekunde und Speicherkapazität in Bytes Glossar
technischen Immortalisierung und Maschinisierung – oder noch einfacher: Arbeit und Wissen. Wird der Sinn Bit / Seite 143
des Menschen durch („Dialoge“ und „Gibt es Sie, Mr. von Leben auf Arbeit und Wissen sowie deren unbegrenz-
­Jones?“, beide 1957). te Steigerung reduziert, dann sind Mensch und Maschine
„kompatibel“.
Die „Steinzeit-Biologie“
des heutigen Menschen Was macht den Menschen aus?
Diese Ideen treten nicht zufällig Ende der 1950er Jahre in So radikal die Vorstellungen auch erscheinen mögen, so
Erscheinung – Lem und Clarke nehmen die Einsichten sind die Visionen des Post- und Transhumanismus doch
der neu entstandenen Kybernetik als Wissenschaft der nicht unvermittelt aufgetreten, sondern bilden den bishe-
Steuerung von Systemen auf. In diesem Zusammenhang rigen Gipfelpunkt des abendländischen Vervollkomm-
hatten Manfred E. Clynes und Nathan S. Kline den Be- nungsstrebens und Fortschrittsdenkens, die auf einer
griff „Cyborg“ aus den Worten „Cybernetic Organism“ unaufhörlichen Steigerung der Arbeitsleistung und rati-
gebildet – als Bezeichnung für ein sich selbst regulierendes onalen Wissensvermehrung fußen. Dies wirft die Frage
Mensch-Maschine-System, das im Weltraum lebensfähig nach unserem Menschenbild auf. Was ist Leben eigent-
1 wäre.1 Einen Schritt weiter ging Daniel Stephen Halacy lich? Was macht den Menschen als Menschen aus? Der
Manfred E. Clynes/ in seinem 1965 erschienenen Buch „Cyborg – Evolution Mensch und seine Gesellschaft werden sich in den kom-
Nathan S. Kline, of the Superman“, der die Entwicklung des Homo sapiens menden Jahrzehnten stark verändern, aber welche Rich-
Cyborgs and Space, in: zum „homo machina“ als Loslösung aus der Herrschaft tung ist aus protestantischer Perspektive wünschenswert?
Astronautics (9) 1960, der natürlichen Evolution und Verwirklichung des Über- Dass es Alternativen zu dem rationalistisch-ökonomisier-
ab S. 26. menschen normativ propagierte. Ab den 1980er Jahren ten Menschenbild gibt, hat der Dichter Novalis treffend
führten Vertreter des sogenannten Posthumanismus und formuliert:
Transhumanismus wie Hans Moravec, Ray Kurzweil
und Frank Tipler diese Ideen fort. Sie vergleichen expli- Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
zit die Rechen- und Speicherleistung des menschlichen Sind Schlüssel aller Kreaturen
Gehirns mit denen von Computern. Sie begegnen der Wenn die, so singen oder küssen,
„Steinzeit-Biologie“ des heutigen Menschen mit seinem Mehr als die Tiefgelehrten wissen . . . <
kapitel 02 der digitale mensch / thema eine neue dimension des menschseins? / weiterlesen und fragen / 47

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Eine neue Dimension des Menschseins?“ „Eine neue Dimension des Menschseins?“
Mehr zur These der Überwindung des biologischen Menschen durch
seine post-biologischen Erben: Oliver Krüger, Virtualität und Unsterblichkeit.
Die Visionen des Posthumanismus, Freiburg 2004. Digitale Hörimplantate, Internet-Brillen mit Kamera
Wie durch das digitale Leben Grenzen verschwinden, die wir aus dem und Display, „smarte“ Armbanduhren voller Sensoren:
industriellen Zeitalter kennen: Zwischen Autor und Publikum, Wie steht die evangelische Kirche zu technischen
zwischen Geschichte und Spiel, zwischen Unterhaltung und Marketing,
zwischen Fiktion und Realität: Frank Rose, The Art of Immersion.
Modifikationen des menschlichen Körpers und was
Entertainment in a Connected World, New York 2011. akzeptiert sie nicht mehr?
Das elektronische Zeitalter als „Morgenröte der Zukunft über
dem Friedhof der abendländischen Buchstaben“:
ein guter Text über den Medientheoretiker Marshall McLuhan: Das amerikanische Technologie-Magazin „Wired“
www.ekd.de/url/lesebuch14-diezeit schreibt (s. Linktipp), dass das Smartphone
Das Internet: Raum oder Werkzeug? Teil von uns ist und Schnittpunkt unserer Kreativität.
www.ekd.de/url/lesebuch14-space Gehen solche Aufrufe wie „das Handy einfach
Das Smartphone gehöre enger zum Menschen als jedes technische Gerät mal abschalten“ nicht an der Lebensrealität
zuvor, es präge uns auf einer tiefen Ebene und sei ein Outlet für unsere Kreativität, der Menschen vorbei?
sagt dieser Schwerpunkt im amerikanischen Technologie-Magazin Wired:
www.ekd.de/url/lesebuch14-smartphone

Wie verändern digitale Medien unser Leben? Ein Blog in Verbindung Sind Sie mit anderen Menschen regelmäßig online
mit einer Tagung an der Evangelischen Akademie im Rheinland:
im Gespräch? Vielleicht sogar zu Glaubensthemen?
www.ekd.de/url/lesebuch14-stimmungsbilder
Tauschen Sie sich per Video oder E-Mail, Text-Chat oder
Die Informationstechnologien haben das Leben beschleunigt. Telefon anders aus als „vor Ort“?
Ein Slow-Media-Manifest wirbt für einen bewussten Umgang:
www.ekd.de/url/lesebuch14-slowmedia

Christina Costanza, Beschleunigung oder Slow Media? Zeiterfahrung und


Zeitgestaltung im Social Web, in: Deutsches Pfarrerblatt, 7 (2013):
www.ekd.de/url/lesebuch14-pfarrerverband
48 / kapitel 02 der digitale mensch / thema vorurteile über das internet / artikel das internet macht dumm
48 / kapitel 02 der digitale mensch / thema vorurteile über das internet
vorurteile über das internet

Das Internet macht dumm


Der Vorwurf so der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braun- Doch die Würzburger Psychologin Astrid Carolus
„Meiden Sie digitale Medien. Sie machen ( . . . ) dick, schweig.4 Für die Älteren sei es „Training fürs Gehirn,“ merkt an, dass es „die Angst vor technischen Neuerun-
dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich“, warnt sich „in E-Mail-Programme und Chat-Funktionen ein- gen“ schon immer gegeben habe. „Ein Medium selbst
der Psychiater Manfred Spitzer in seinem Buch „Digitale zufuchsen“.5 Laut australischen Wissenschaftlern könne kann nicht dumm machen, höchstens dessen falsche
Demenz“.1 Seine Thesen: Die digitalen Medien läuten ei- durch eine regelmäßige Computernutzung bei älteren ­Nutzung.“13 < Anne Schüßler / Manon Priebe>
nen geistigen Verfall ein, das Internet ist eine Gefahr für Männern das Demenzrisiko verringert werden.6 Und
das menschliche Gehirn und man verlernt das Denken, Tablets eignen sich laut US-Ärzten sehr gut für die The- Lesetipp:
weil Computer dem Menschen geistige Arbeit abnehmen. rapie von Kindern mit neuronaler und psychologischer Martin Korte, Was soll nur aus unseren Gehirnen
Störung. Autisten könnten über Bildschirmübungen Ge- werden? www.ekd.de/url/lesebuch14-gehirne
Was ist dran? fühle ausdrücken und lernen zu kommunizieren.7
In der „Zeit“ warf Medienpsychologe Peter Vorderer Spit- Der Neurobiologe Korte fand jedoch auch heraus, 1 Manfred Spitzer, Digitale Demenz.
zer eine unwissenschaftliche Arbeitsweise vor. Spitzer po- dass sich Denkstrukturen der Jungen durch Computer
Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand
lemisiere und schüre Ängste: „Sie sind für mich der Sarra- und Internet ändern.8 Die Psychologen Sparrow, Liu und bringen, München 2012.
zin der Computerkritik.“2 Wegner bestätigten 2011 den „Google-Effekt“9, welcher
Auch die M ­ edienpsychologen Markus Appel und besagt, dass wir, wenn wir davon ausgehen, dass eine In- 2 www.ekd.de/url/lesebuch14-medienkonsum

Constanze Schreiner nahmen sich Spitzers Thesen vor. formation auch in Zukunft verfügbar ist, uns eher mer- 3 www.ekd.de/url/lesebuch14-mythen
In einer Metastudie von 2014 ent- ken, wo wir sie finden können, als die
larvten sie den Vorwurf „Das Inter- Information an sich. Kein Grund 4 www.ekd.de/url/lesebuch14-korte
net macht dumm“ als eine Legende. zur Beunruhigung für Korte, denn
Vielmehr könnten Computer und Dick, dumm, aggressiv neue Entwicklungen änderten seit 5 8 10 13 www.ekd.de/url/lesebuch14-computerallein

Internet den Wissenserwerb unter­


stützen, wenn sie ergänzend zu
und unglücklich jeher die Denkstrukturen.
Kritisch sehe er eher, dass die
6 www.ekd.de/url/lesebuch14-demenz

­Face-­to-Face-Anweisungen einge- Jüngeren die Inhalte aus dem Netz 7


www.ekd.de/url/lesebuch14-tablets
setzt würden. Es zeigte sich auch, weniger hinterfragten und reflektier-
9 www.ekd.de/url/lesebuch14-effekt
dass der Lernerfolg bei interaktiven Computerlernspie- ten.10 Zudem könne sich Internetkonsum negativ auf die
len höher ist als bei rein traditionellen Methoden.3 Eine Gehirnbereiche für Problemlösungen, Emotionskontrolle 11 www.ekd.de/url/lesebuch14-lernen
regel­mäßige PC-Nutzung verbessere sowohl die Hand-­ und Konzentrationsfähigkeit auswirken.11 Vor allem die
Augen-Koordination als auch das räumliche Denken, Fähigkeit zur Empathie leide.12 12 www.ekd.de/url/lesebuch14-gehirn
kapitel 02 der digitale mensch / thema vorurteile über das internet / artikel online macht einsam / 49

Lesetipps:

Online macht einsam


Gemeinsam einsam,
www.ekd.de/url/lesebuch14-alleinsein

Faszination Offlinesein – „ebenso nervig wie


veraltet“, www.ekd.de/url/lesebuch14-offline

1 Franziska Kühne, Keine E-Mail für Dich. Warum


wir trotz Facebook & Co. vereinsamen, Köln 2012.
Der Vorwurf sich online kennenlernen, treffen sich auch offline. Der
„Digitale Geräte entfernen uns Menschen voneinander“, Internet-Unternehmer Brain Chesky nennt dies „getting 2 Robert Kraut / Michael Patterson / Vicki Lundmark /
sagt die Psychotherapeutin Franziska Kühne.1 Der Vor- online, getting together online, getting together offline“ Sara Kiesler / Tridas Mukopadhyay / William Scherlis,
wurf, die Nutzung des Internets schade sozialen Kontakten („online gehen, online zusammenkommen, offline zusam- Internet Paradox, in: American Psychologist,
und mache einsam, ist nicht neu. Bei Probanden des So- menkommen“).5 Internet-Erklärer Sascha Lobo spricht 53 (9), 1998, S. 1017–1031,
zialpsychologen Robert E. Kraut, die zum ersten Mal mit vom „Glück, im Netz interessanten und wertvollen Men- www.ekd.de/url/lesebuch14-paradox
dem Internet in Berührung kamen, zeigte sich bereits 1998 schen zu begegnen“, die ihm „näher als die meisten in der 3 Stefan Bauernschuster / Oliver Falck / Ludger
ein Rückgang der sozialen Interaktionen außerhalb des In- Offline-Welt“ seien.6 Peter Sunde, ein skandinavischer Wößmann, Surfing Alone? CESifo Working Papers 3469,
ternets und eine Verschlechterung des Befindens.2 IT-Experte auf die Frage, wann er jemanden zum ersten Mai 2011, www.ekd.de/url/lesebuch14-socialcapital
Mal im echten Leben getroffen habe: „Ich glaube, das In-
Was ist dran? ternet ist auch echt.“7 4 Shelley Boulianne, Does Internet Use Affect

„Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass das Internet ein- Trotz aller Vorteile kommt es auf das Maß an. Eine Engagement?, Political Communication 26 (2), 2009,
S. 193–211, www.ekd.de/url/lesebuch14-engagement
sam macht“, sagt hingegen Ludger Wößmann.3 Er fand Studie der Uni Mainz machte 2012 bei 0,9 Prozent der
heraus, dass das Internet die sozialen Aktivitäten von 14- bis 17-Jährigen in Deutschland ein internetsüchtiges 5 www.ekd.de/url/lesebuch14-grenzen
Kindern und Jugendlichen fördert. Die jungen Leute Surfverhalten aus, 9,7 Prozent seien gefährdet.8 Die be-
6 www.ekd.de/url/lesebuch14-internetheimat
seien zwar mehrere Stunden am Tag online, nutzten das troffenen Jugendlichen seien häufig intensive Nutzer von
Internet aber vor allem interaktiv – im Gegensatz zum sozialen Netzwerken und Onlinespielen, in der Schule 7 www.ekd.de/url/lesebuch14-real
Fernseher. Durch das Internet falle es leichter, Kontakt schlechter und im Umgang mit anderen Menschen we-
mit anderen aufrechtzuerhalten und sich „in der realen niger gewandt. Als Folge vernachlässigten sie soziale Kon- 8 Michael Dreier / Eva Duven / Kai W. Müller / Manfred

Welt zu verabreden“. Zudem könnten sich die Nutzer über takte und isolierten sich zunehmend. Hierbei handelt es E. Beutel / Peter Behrens / Sebastian Holtz / Klaus Wölf-
„Freizeit- und Kulturangebote sowie über (lokale) Politik sich jedoch um den Bereich der Sucht, nicht um das Kom- ling und das EU NET ADB Konsortium (Hg.), Studie über
und ehrenamtliches Engagement“ informieren, so Wöß- munikationsverhalten der breiten Masse der Netznutzer. das Internetsuchtverhalten von europäischen Jugend-
lichen, Mainz 2012, www.ekd.de/url/lesebuch14-jugend
mann. Auch die Soziologin Shelley Boulianne ermittelte Vier Jahre nach seiner ersten Studie wiederholte Ro-
in einer Meta-Anaylse einen geringfügig positiven Effekt bert E. Kraut die Untersuchung und sah seine ursprüng- 9 Robert Kraut / Sara Kiesler / Bonka Boneva /
des Internets auf soziales und politisches Engagement.4 liche These aus dem Jahr 1998, wonach die Offline-­ Jonathon Cummings / Vicki Helgeson / Anne Crawford,
Der Vorwurf, wer viel online ist, sei einsam, wird Interaktionen und das eigene Wohlbefinden durch das Internet Paradox Revisited, in:
durch einen weiteren Grund entkräftet: Online- und Internet abnähmen, auf lange Sicht nicht mehr belegt.9 Journal of Social Issues, 58 (1), 2002, S. 49–74,
Offlinewelt verschmelzen immer mehr. Menschen, die  < Anne Schüßler/Manon Priebe> www.ekd.de/url/lesebuch14-internet-paradox
50 / kapitel 02 der digitale mensch / thema vorurteile über das internet / artikel freischein zum schweinsein?

Freischein zum Schweinsein


Der Vorwurf der Diskussionsplattform Disqus stellten sogar fest, dass ­ ideos, selten. Die häufigste Form sind beleidigende Nach-
V
Die Anonymität im Netz ermöglicht Entgleisungen. Nutzer, die unter Pseudonym schreiben, die Debatten richten und das Streuen von Gerüchten. Zweitens sind
Egal, ob es um den Konflikt in der Ukraine oder im Na- am stärksten voranbringen, durch viele, auch inhaltlich viele Opfer auch gleichzeitig Täter – offenbar eigne sich
hen Osten geht: Im Internet wird in Kommentaren auf hochwertige Beiträge. Dazu hat Disqus Hunderttausende das Netz besonders gut für Racheakte, schlussfolgern die
Nachrichtenseiten, in sozialen Netzwerken oder Blogs Kommentare analysiert.4 Forscher. Auch Erwachsene sind im Übrigen von solchen
heftig polemisiert und rüde geschimpft, meist unter „Klarnamenzwang ist Machtmissbrauch“, schreibt Angriffen betroffen, das ist das Ergebnis einer Studie des
­Pseudonym. Manchen Politikern sind diese Beiträge da- die US-amerikanische Wissenschaftlerin Danah Boyd „Bündnisses gegen Cybermobbing“ von 2014.8 Für Opfer
her ein Dorn im Auge. So forderte der Vorsitzende der und beleuchtet damit einen anderen Aspekt.5 Nicht nur von Cybermobbing ist die Klarnamendebatte allerdings
Enquete-Kommission Internet und Dissidenten in autoritären Staaten wenig relevant; die Vorfälle ereignen sich eher im sozialen
digitale Gesellschaft des Bundestags, profitierten von der Anonymität, son- Umfeld, in der Regel kennen die Opfer die Menschen, die
Axel E. Fischer, 2010 eine Klarna- dern auch Minderheiten in westlichen sie attackieren.  < Angela Gruber / Manon Priebe> 
menpflicht im Netz, um das Debat- Viele Opfer sind Staaten. Pseudonyme verhinderten
Lesetipp:
tenniveau zu heben.1 Ein weiteres, oft gleichzeitig Täter Diskriminierung.
Catarina Katzer, Cybermobbing. Wenn das Inter-
genanntes Problem: ­ Cybermobbing. Zudem ist das Netz Teil unseres Le-
net zur W@ffe wird, Berlin, Heidelberg 2014.
Immer wieder hört man von Jugend­ bens, seine Probleme lassen sich nicht
lichen, die im Netz Mitschüler ver- von einem „realen Leben“ abgrenzen.
höhnen und fertigmachen, durch beleidigende Nachrich- Der Journalist und Autor Dirk von Gehlen meint daher: 1 www.ekd.de/url/lesebuch14-vermummung

ten, Verbreiten von Videos oder Fotos. Opferverbände „Es fehlt online wie offline an einer Diskussionskultur, 2 www.ekd.de/url/lesebuch14-opferverband
wie der Weiße Ring sehen Cybermobbing als derart gro- die dem Wettstreit der Ideen gerecht wird, der Politik aus-
ßes Problem, dass sie neue Gesetze fordern.2 machen soll. Dieses Land muss streiten lernen!“6 3 www.ekd.de/url/lesebuch14-verbesserung
Dass indes Cybermobbing tatsächlich ein um sich grei-
Was ist dran? fendes Problem darstellt, zeigt ein aktuelles Forschungs­
4 www.ekd.de/url/lesebuch14-pseudonyme

Klarnamenpflicht in Netzdebatten führt nicht zu einer projekt der Universitäten Münster und ­ Hohenheim.7 5 www.ekd.de/url/lesebuch14-boyd
besseren Debattenkultur – das zeigt ein Beispiel aus Süd- Rund ein Drittel von rund 5600 befragten Schülern ist
6 www.ekd.de/url/lesebuch14-diskussionskultur
korea. Dort wurde 2007 die Pflicht, unter dem eigenen davon betroffen, das zeigen erste Ergebnisse des noch bis
Namen zu kommentieren, für Nutzer großer Websites 2015 laufenden Projekts. Auffällig sind dabei zwei ­­Dinge: 7 www.ekd.de/url/lesebuch14-rache
eingeführt. Studien ergaben, dass die Zahl ausfälliger Äu- Erstens sind besonders verletzende Formen des Cyber­­-
ßerungen danach um nur 0,9 Prozent sank.3 Die Macher mobbings, wie das Onlinestellen peinlicher Fotos und 8 www.ekd.de/url/lesebuch14-cybermobbing
kapitel 02 der digitale mensch / thema vorurteile über das internet / artikel „killerspiele“ machen aggressiv / 51

„Killerspiele“ machen aggressiv


Der Vorwurf aggressiver veranlagte Jugendliche sich häufiger gewalt- mitteln, die sie gegebenenfalls auch mit Verboten durch-
„Killerspiele animieren Jugendliche, andere Menschen haltige Spiele aussuchten oder familiäre Probleme einen setzen sollten – vielleicht ist das die wichtigste praktische
zu töten“, sagte der frühere bayerische Ministerpräsident Einfluss hätten, schlossen die Wissenschaftler aus. Konsequenz, die sich aus unserer Untersuchung ergibt.“8
­Edmund Stoiber.1 Die Angst: Kinder ahmen nach, was Eine Studie der FU Berlin sah jedoch genau dies  < Angela Gruber/Manon Priebe> 
die Spiele zeigen, verrohen, laufen Amok. 2006 bei Schülern zwischen acht und 13 Jahren bestätigt:
„Gewalttätige Computerspiele machen die Kinder nicht
Was ist dran? aggressiver, sondern aggressive Kinder tendieren zu ge-
1 www.ekd.de/url/lesebuch14-stoiber
Zunächst: Schon der Begriff „Killerspiel“ ist umstritten. walttätigen Computerspielen“, so Caroline Oppl.4 Ähn-
Nicht nur Medienwissenschaftler halten ihn für polemisch. lich sah das auch C. J. Ferguson 2007:5 Ein auffälliger 2 www.ekd.de/url/lesebuch14-uneindeutig
Sie sprechen – wie Dorothee Bär, Staatssekretärin beim Medien­konsum sei oft nicht Ursache für Aggressivität,
3 Teena Willoughby / Paul J. C. Adachi / Marie
Bundesminister für Verkehr und digi- sondern der Hinweis, dass es im Um-
Good, A longitudinal study of the association
tale Infrastruktur – von „gewalthalti- feld des Kindes andere Probleme gebe.
between violent video game play and aggression
gen Computerspielen“. Es sei fraglich, Wie also umgehen mit gewalt­
ob die Wissenschaft die Frage, ob „Wir brauchen haltigen Computerspielen? Nach dem
among adolescents, Developmental Psychology 48
(4), Juli 2012, S. 1044-1057,
Computerspiele aggressiv machten,
jemals eindeutig beantworten könne,
Frühwarnsysteme“ Amoklauf in Emsdetten forderte der
SPD-Innenexperte Dieter Wiefels-
www.ekd.de/url/lesebuch14-aggressionen

sagte Forscher Michael R. Ward der pütz: „Wir brauchen Frühwarnsys- 4 Zwei Studien dazu: www.ekd.de/url/lesebuch14-

New York Times.2 Tatsächlich gibt es teme, und nicht diese vordergrün- maedchen, www.ekd.de/url/lesebuch14-jungen
Studien, die unmittelbar nach dem Spielen von gewalt- dige Diskussion um das Verbot von Killerspielen.“6 Die 5 Christopher J. Ferguson, Evidence for
haltigen Computerspielen kurzzeitige, flüchtige Erre- „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ (USK)7 gibt publication bias in video game violence effects
gungszustände festgestellt haben. Altersempfehlungen heraus, die auf jeder Spieleverpa- literature, in: Aggression and Violent Behavior
Wie die nachhaltigen Folgen ausfallen, hat eine Stu- ckung stehen. Die Motivationspsychologen Rita Steckel 12 (4), July-August 2007, S. 470-482,
die der kanadischen Brock University 2012 erforscht:3 und Clemens Trudewind wiesen nach, „dass eine sichere www.ekd.de/url/lesebuch14-videogame
Die Wissenschaftler befragten und testeten über Jahre Eltern-Kind-Bindung sowohl die unmittelbaren Auswir-
6 www.ekd.de/url/lesebuch14-debattekillerspiele
hinweg 1500 Highschool-Schüler. Ergebnis: Die Jugend- kungen als auch langfristige Folgen von Gewalt in Com-
lichen, die regelmäßig gewalthaltige Spiele spielten, sei- puterspielen mildert. Dass Eltern wissen, mit welchen 7 www.usk.de
en deutlich aggressiver als ihre Altersgenossen, die keine Spielen ihre Kinder umgehen, dass sie mit den Kindern
Videospiele oder nur solche ohne Gewalt spielten. Dass über die Spiele reden und Werte bezüglich Gewalt ver- 8 www.ekd.de/url/lesebuch14-vorliebe
52 / kapitel 02 der digitale mensch / thema vorurteile über das internet / artikel das internet führt zum burnout

Das Internet führt zum Burnout


Der Vorwurf nur als Chance, sondern auch als Gefahr, dass es „keine Videotipp:
„Es gibt unbestritten einen Zusammenhang zwischen natürliche Grenze mehr zwischen Arbeit und Freizeit“ Benedikt Köhler erklärt
Dauer­erreichbarkeit und der Zunahme von psychischen gibt.5 Eine Studie des Branchenverbands Bitkom stellte das Slow-Media-Manifest:
Erkrankungen“, sagte Arbeitsministerin Andrea Nah- 2013 fest, dass 77 Prozent aller Berufstätigen auch nach www.ekd.de/url/lesebuch14-koehler

les Ende August der „Rheinischen Post“.1 Zu der Dauer­ Dienstschluss per Handy oder E-Mail zu erreichen ­seien.6
erreichbarkeit im Job und nach Feierabend komme das Matthias Burisch, Professor für Psychologie und Lei-
ständige Senden und Empfangen von Neuigkeiten durch ter des Burnout-Instituts Norddeutschland, widerspricht 1 www.ekd.de/url/lesebuch14-nahles-antistress
soziale Netzwerke: stündlich Facebook checken, beim ­Essen der These „Erreichbarkeit = Burnout“. Im Interview mit
2 www.ekd.de/url/lesebuch14-psychologe
ein Foto auf Instagram teilen, mit mehreren Freunden par- „Spiegel Online“ sagte er: „Burnouts drohen immer
allel auf WhatsApp plaudern – ein „Social-­Media-Burnout“ dann, wenn einem die Arbeitsweise generell gegen den 3 www.ekd.de/url/lesebuch14-twittersucht
könne die Folge sein, konstatieren manche E­ xperten.2 Strich geht“, die Erreichbarkeit allein sei keine Erklärung.
4 Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Solange man Dinge für den Job freiwillig von zu Hause
Was ist dran? erledige, könne das sogar entlasten. „Schwierig wird es, und Bundesanstalt für Arbeitsschutz und
Arbeitsmedizin, Sicherheit und Gesundheit
Social Media können tatsächlich Stress auslösen und zu wenn man sich stattdessen lieber um die Familie küm-
bei der Arbeit 2012, Berlin 2013,
Erschöpfung führen, fand die Universität von Chicago mern würde.“ Burisch sieht auch klare Vorteile durch
www.ekd.de/url/lesebuch14-psyche
heraus.3 Das Suchtpotenzial sozialer Netzwerke sei sogar neue Medien: Die Menschen seien deutlich produktiver.
höher als das von Zigaretten und Alkohol, wohl weil die In der Zeit, in der man früher einen Brief getippt habe, 5 Video, Prof. Mohr ab 3:16 Min.
Netzwerke sehr leicht zu erreichen seien und scheinbar schreibe man heute drei E-Mails.7 www.ekd.de/url/lesebuch14-arbeitsplatz
„wenig kosten“. Einzig Schlaf und Sex waren den Pro- Entscheidend sei, wie man Social Media einsetze,
6 www.ekd.de/url/lesebuch14-berufstaetige
banden wichtiger als Facebook und Twitter. Belast­bare heißt es im „Slow Media Manifest“.8 Die Ideengeber wol-
Zahlen zu Burnout-Erkrankungen, die durch Social-­ len, dass die Menschen mehr über ihr Nutzungsverhalten
­ 7 9 www.ekd.de/url/lesebuch14-mailsperren
Media-Nutzung ausgelöst werden, gibt es jedoch nicht. nachdenken. Wie wenden wir die Technik sinnvoll an,
8 Das Slow-Media-Manifest:
Doch insgesamt nehmen die psychischen Erkrankun- so dass unser Leben bereichert wird? Burnout-Professor
www.ekd.de/url/lesebuch14-manifest
gen zu, ein Grund hierfür: mehr Stress im Arbeits­a lltag.4 Burisch sagte auf die Frage, ob das ständige Mail- und
Und gearbeitet werden muss dank E-Mail, Internet, Internet-Checken wirklich notwendig sei: „Wenn man
Clouds und Videokonferenzen nicht mehr nur im Büro. nicht gerade Börsenhändler ist: nein.“9
Professor Gisela Mohr von der Uni Leipzig sieht es nicht  < Angela Gruber /Manon Priebe>  
kapitel 02 der digitale mensch / thema vorurteile über das internet / artikel das internet stürzt diktaturen / 53

Das Internet stürzt Diktaturen


Die Annahme Plattformen“, die ihre eigenen „Plattformpolitiken“ hät- Linus Neumann, Für Umstürze ungeeignet.
„Der neue Alptraum der Tyrannei: Twitter“, titelte die ten, abhängen. Diese Plattformpolitiken dienten j­edoch Der Mythos der Facebook-Revolution ist nicht
„Los Angeles Times“ zu den Protesten im Iran nach den „nicht nur den Interessen individueller Nutzer“, sondern nur falsch, sondern auch gefährlich.
gefälschten Wahlen im Juni 2009.1 Auch deutsche Politi- würden „auch und vor allem für die Belange der kom- Zeitzeichen, 3 (2012), S. 28–30, www.ekd.de/url/
lesebuch14-revolutionsmythen (kostenpflichtig)
ker wie Heiner Geißler waren sich sicher: „Das Internet merziellen Betreiber“ eingesetzt. Von Unabhängigkeit
hat den entscheidenden Anteil an dieser demokratischen und Objektivität könne also kaum ausgegangen wer-
Revolution“, sagte der CDU-Politiker damals dem „Spie- den, denn Algorithmen beurteilten die Relevanz von
1 www.ekd.de/url/lesebuch14-latimes
gel“.2 Soziale Medien galten auch während der 18-­tägigen ­Beiträgen und Themen, unterschieden „zwischen ange-
Revolution 2011 in Ägypten, die mit dem Sturz H ­ osni messenen und unangemessenen Aktionen“ und „kalku- 2 Markus Brauck 
/ Martin U. Müller/Hilmar Schmundt,
Mubaraks endete, als wichtige Multiplikatoren der lieren und prognostizieren Nutzerverhalten und -bezie- Die digitale Revolution. Der Spiegel,
Regime­gegner. hungen“. 26 (2009), www.ekd.de/url/lesebuch14-revolution
So frei und ungezähmt, wie Heiner Geißler das an-
3 Sadaf R. Ali 
Was ist dran? lässlich der Aufstände im Iran proklamiert hat, ist das / Shahira Fahmy, Gatekeeping and
citizen journalism. The use of social media
Sadaf Ali und Shahira Fahmy relativieren die Rolle von Netz also nicht. China setzt zum Beispiel eine umfas-
during the recent uprisings in Iran, Egypt and
Facebook für die ägyptische Revolution: „Das soziale Netz- sende Filter- und Zensursoftware ein. Mit der „Great Fi- Libya. Media, War & Conflict, 6 (1), 2013, S. 55–69,
werk war nur ein weiteres Tool, das die Bürger benutzt rewall“ werden effektiv Meinungsäußerungen, die soziale www.ekd.de/url/lesebuch14-gatekeeping
haben, um ihr Anliegen im Westen und in internationa- Mobilisierung begünstigen könnten, unterdrückt, beleg-
len Medien bekanntzumachen.“3 Die Aktivisten Ahmed te Gary King 2013.7 Auch der Iran, im Jahr 2009 noch 4 www.ekd.de/url/lesebuch14-globalpost

Maher, Ramy Raoof und Gigi Ibrahim betonen, dass der Schauplatz von Protesten, versucht seit Jahren, eine Art 5 Merlyna Lim, Clicks, Cabs, and Coffee Houses:
Umbruch in Ägypten „keine Facebook-Revolution“ ge- nationales Netz aufzubauen und westliche Angebote aus- Social Media and Oppositional Movements in Egypt,
wesen sei.4 Auch die Medienforscherin Merlyna Lim fand zuschließen.8  < Angela Gruber / Manon Priebe>   2004–2011, in: Journal of Communication, 62 (2012),
heraus: „Die arabischen Aufstände fußen auf jahrelangem S. 231–248, www.ekd.de/url/lesebuch14-clicks
zivilgesellschaftlichem Engagement innerhalb der Region – Lesetipps:
6 www.ekd.de/url/lesebuch14-zeitgeschichte
online wie offline.“5 Amr Osman / Marwa Abdel Samei, The Media and
Christian Pentzold, Christian Katzenbach und Clau- the Making of the 2011 Egyptian Revolution. 7 www.ekd.de/url/lesebuch14-zensur
dia Fraas6 stellen fest, dass Debatten im Netz „wesentlich Global Media Journal, 2 (1), 2012, S. 1-19.
von der technischen und rechtlichen Ausgestaltung der www.ekd.de/url/lesebuch14-making 8 www.ekd.de/url/lesebuch14-iran
54 / kapitel 02 der digitale mensch / thema ein gerechtes netz / artikel zugangsgerechtigkeit in Deutschland
54 / kapitel 02 der digitale mensch / thema ein gerechtes netz
ein gerechtes netz

Zugangsgerechtigkeit in Deutschland
Digitale Kompetenzen sind in der Bevölkerung ungleich verteilt. Um das zu ändern,
braucht es passende Bildungsangebote und die Motivation zum Lernen in allen Bevölkerungsgruppen
< Von Jutta Croll>

D
ie unterschiedlichen Möglichkeiten des 2013 als „smarte Mobilisten“, Menschen, die mit allen di-
Zugangs zu digitalen Medien, insbeson- gitalen Medien vertraut sind und diese rund um die Uhr
dere dem Internet, werden in Deutsch- überwiegend mittels mobiler Endgeräte nutzen.
land seit knapp zwanzig Jahren unter 15,0 Prozent werden als „passionierte Onliner“ be-
dem Begriff der sogenannten digitalen zeichnet, für die das Internet im beruflichen wie im pri-
Spaltung erörtert1. Auch heute noch gibt es Unterschiede vaten Leben eine unverzichtbare Rolle einnimmt. Einen
1 im Nutzungsverhalten hinsichtlich des Alters, des Ge- etwa gleich hohen Anteil an der Bevölkerung stellen mit Jutta Croll ist
Analog zu „Digital schlechts, des Bildungsniveaus und des sozialen Status. 15,4 Prozent die „reflektierten Profis“, die das Internet Geschäftsführerin
Divide“, in den Die Studie Digital Index 2 ermittelte im Jahr 2013 für vorwiegend zur Informationsrecherche nutzen und regel­ des Zentrums für
1990er Jahren in den USA die Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland eine Inter- mäßig vor allem Online-Shopping betreiben. Die In- Kinderschutz im
geprägter Begriff. netnutzerrate von 76,5 Prozent. 20,4 Prozent werden als ternetnutzung der 9,5 Prozent überwiegend weiblichen Internet, I-KiZ, und
Offliner bezeichnet und 3,1 Prozent der Bevölkerung ha- „vorsichtigen Pragmatiker“ ist durch einen sorgsamen Vorstandsvorsitzende
der Stiftung
ben in der Befragung die Absicht bekundet, innerhalb der Umgang mit eigenen Daten und einen geringeren digi-
2 Digitale Chancen.
nächsten zwölf Monate das Internet erstmalig zu nutzen. talen Aktionsradius gekennzeichnet. Auch der Gruppe
D21 (2013): D21 Anhand der jährlichen Erhebungen seit dem Jahr 2001 der 27,9 Prozent „häuslicher Gelegenheitsnutzer“ gehören
Digital Index, ist allerdings ersichtlich, dass dieses Steigerungspotenzial mehr Frauen als Männer an, sie sind kaum mit neuen
www.d21-digital-index.de
der Nutzerrate regelmäßig nicht realisiert werden konnte. ­digitalen Technologien vertraut und nutzen das Internet
allenfalls selten für Recherchen. Die 28,9 Prozent „außen-
Digitale Gesellschaft stehende Skeptiker“, von denen insgesamt nur ein Fünftel
Die Teilhabe an der digitalen Gesellschaft allein an der das Internet überhaupt nutzt, sind formal wenig gebildet,
Anzahl der Nutzer zu messen, reicht nicht. Auch die Art eher weiblich als männlich und mit durchschnittlich 63
der Nutzung und die Kompetenz im Umgang mit digi- Jahren die älteste der sechs identifizierten Bevölkerungs-
talen Medien sind als Indikatoren hinzuzuziehen. Der gruppen. Sie verfügen kaum über Erfahrungen im Um-
Digital Index unterscheidet sechs verschiedene Nutzer­ gang mit digitalen Medien, und der Nutzen des Internets
typen. Nur 3,2 Prozent der Bevölkerung galten dabei erschließt sich ihnen nicht.
kapitel 02 der digitale mensch / thema ein gerechtes netz / artikel sehnsucht nach dem netz / 55

Die digitalen Kompetenzen sind in der deutschen Bevöl-


kerung also ungleich stark ausgeprägt und in Teilen we- Sehnsucht nach
dem Netz
nig ausgereift.

Kompetente Nutzung
Maßnahmen zur Überwindung der digitalen Spaltung
müssen daher vor allem auf die Förderung einer kom-
petenten Nutzung digitaler Medien fokussieren und der Bislang hat nur eine
Heterogenität der jeweils unterversorgten gesellschaft­ Minderheit der Menschen in armen
lichen Gruppen Rechnung tragen. Mitarbeitende in sozi- Ländern Zugang zum Internet.
alen und kirchlichen Einrichtungen, die in ihre jeweilige
Zielgruppe hineinwirken und deren Gewohnheiten und
Doch Smartphones könnten den Anschluss
Bedürfnisse kennen, können hierbei eine wichtige Rolle ans globale Dorf voranbringen
spielen.
< Von Niko Wald>
Von einem großen Teil der Bevölkerung wird die
Digitalisierung von Gegenständen in unserem Lebens-

E
umfeld heute als eine Selbstverständlichkeit wahrgenom- chte Hilfsbereitschaft oder nur Entwicklungs-
men. Die Durchdringung von Alltagsprozessen mit di- hilfe fürs eigene Geschäft? Im August kündigte
gitalen Medien ist Realität. Soziale Beziehungen werden Facebook an, in Sambia einen kostenlosen Inter-
nicht mehr nur in digitalen Medien abgebildet, sondern netzugang zu ermöglichen. Ausgewählte Internetdienste
sie finden dort statt. lassen sich nutzen, darunter selbstverständlich Facebook.
Die Spaltung in Nutzer und Nichtnutzer des Internets Microsoft geht einen ähnlichen Weg und initiierte in
scheint in weiten Teilen überwunden, aber die digitale Kenia ein Pilotprojekt: „4Afrika“ will das Netz in entle- Niko Wald ist
Entwicklung stellt die Gesellschaft vor neue Herausforde- gene Regionen bringen. Facebook und Microsoft wollen als „Referent Neue
rungen. Es gilt, einen permanenten Lernprozess zu initi- helfen, die Digital Divide – die digitale Kluft – zu über- Medien“ und
ieren und in Gang zu halten, weil nur so zu gewährleisten winden. Haben dadurch arme Menschen Zugang zum Redakteur bei Brot
ist, dass die Bevölkerung mit der schnellen technologi- Internet und können sie von mehr Teilhabe, mehr Kom- für die Welt für
schen Entwicklung Schritt halten kann. munikation und mehr Information profitieren? Website und Social
Media verantwortlich.
Mit der wachsenden Verfügbarkeit von mobilen End-
geräten und Breitbandinfrastrukturen ist das Internet Ein Drittel des Einkommens
praktisch überall, ständig für jede und jeden nutzbar ge- für den DSL-Anschluss
worden. Passende Bildungsangebote und die Förderung Manche sehen das kritisch. Doch in Afrika, Asien und
der Motivation und Lernbereitschaft sind die Vorausset- Lateinamerika blicken die meisten optimistisch auf solche
zung dafür, dass die Digitale Spaltung, die heute zwi- Projekte. Sie warten sehnlichst auf bessere und günstigere
schen den Medienkompetenten und den „Unwissenden“ Zugangsmöglichkeiten. In Nigeria haben nur 42 Prozent
verläuft, weiter überwunden werden kann. <  der Menschen Zugang zum Internet. Die Mehrheit der
56 / kapitel 02 der digitale mensch / thema ein gerechtes netz / artikel sehnsucht nach dem netz

177 Millionen Einwohner bleibt außen vor. Ein DSL-An- eine Hürde: Die technische Verbindung fehlt – und oft
schluss ist teuer – eine Familie muss ein Drittel ihres Ein- auch das Geld. Doch in den Köpfen von Digital Divide
kommens dafür ausgeben. Online zu sein, ist aber mehr keine Spur. In Afrika, Asien und Lateinamerika sind die
als eine persönliche Sache; die nigerianische Regierung Menschen auf dem besten Weg ins Internetzeitalter. < 
rechnete aus: Haben zehn Prozent der Einwohner einen
Zugang, steigt die Wirtschaftsleistung um 1,3 Prozent.
Beim Internet kann Afrika wiederholen, was es mit Nach der Lektüre des Beitrags von Niko Wald hat die Redaktion dieses Lesebuchs sich
dem Mobilfunk schaffte – den rasanten Aufbau neuer In- gewundert: Sie hatte mit mehr und tieferen Nutzungsklüften gerechnet. Wir haben daher
frastruktur. 2000 besaß nur ein Prozent der Afrikaner ein beim Autor nachgefragt: „Ihr Text liest sich recht positiv, so als ob viele Entwicklungsländer
Handy. Ende 2014 werden etwa 56 Prozent der Afrika- durch Smartphones bald keine Probleme mehr haben würden und die ,Digital Divide‘ bald
ner – 600 Millionen Menschen – eines besitzen. Über das der Vergangenheit angehören würde. Stimmt das?“ Hier seine Antwort-E-Mail in Auszügen:
Handynetz kommt auch das Internet voran. Gerade für
arme Länder ist das ideal: Der Ausbau rechnet sich auch in Beim Netzzugang ist es weltweit sehr ungleich. Das Angebot ist teils schlecht (langsam,
dünn besiedelten Gebieten, und Smartphones lassen sich nur in Zentren verfügbar), die Kosten teils erschreckend hoch, entsprechend ist die Nach-
an Autobatterien oder per Solarzelle laden. Wer ein Handy frage gering (und damit sind die Anreize für weitere Unternehmen, zu investieren und
hat und online ist, integriert das schnell in den Alltag: Wis- den Markt zu betreten, niedrig). Es fehlen Computer, Telefonleitungen, PC-Wissen sowie
senschaftler in Südafrika kommunizieren über Facebook Alphabetisierung.
und bauen virtuelle Arbeitsgruppen auf. Bei Menschen- Das wandelt sich nach meiner Beobachtung seit einigen Jahren rasant. Der Mobil-
rechtlern in Brasilien sind Blogs und Social Media auf dem funk bringt diesen Wandel voran. Ein Funkmast kann Tausende Menschen mit Telefon
neuesten Stand. In einer abgelegenen Region im Südsudan und Internet versorgen. Die Geräte sind relativ günstig und teils gebraucht zu haben.
gab es lange kein Telefon. Heute fließen die Informationen Standard sind Prepaid-Systeme – die Kunden können ihr Handy-Guthabenkonto auch
über Mobilfunk. Ihre neue Souveränität in der Kommuni- mit Kleinstbeträgen aufladen.
kation wollen die meisten nie wieder hergeben. Mobilfunk ist die Technik für ärmere Länder. „Entwicklungshilfe“ ist nötig, wenn
etwa der Anschluss an weltweite Netzknoten, Glasfasernetze, Unterseekabel und Satelli-
Das Geschenk der Freiheit und der Würde tenverbindungen fehlt. Oder wenn es sich für Unternehmen nicht lohnt, in Infrastruktur
Eigenständigkeit ist auch ein Aspekt bei einem 2007 in zu investieren. Wir haben diese Debatte auch in Deutschland.
Kenia eingeführten Mobil-Bezahlsystem. „M-Pesa“ nut- Im Großen und Ganzen funktioniert der Anschluss aber immer besser. Es fasziniert
zen viele, die kein Bankkonto haben. Mehr als neun Mil- mich, wenn ich erlebe, welchen Wandel der Zugang zu Mobilfunk und Internet bringt.
Mehr dazu
liarden Euro bewegt die Plattform jährlich. 18 Millionen Ich habe in Afrika schon Interview- und Automechanikertermine nur per SMS ausge-
auf Seite 15, Karte über Menschen weltweit nutzen allein diesen Dienst, um Geld macht (einschließlich Briefing bzw. Auspuffberatung und Kostenvoranschlag). Ein Ehe-
Zugangsgeschwindigkeiten per SMS zu übermitteln. „Entwicklungsländer“ machen paar im Südsudan – beide hatten nie die Chance, lesen und schreiben zu lernen – kann
in Deutschland ihrem Namen so alle Ehre: In Lagos, Accra und Johan- dank Handy eigenständig Kontakt zu seinen Kindern, die in der Hauptstadt und in Berlin
nesburg entwickeln junge Firmen Smartphone-Apps für leben, halten. Sie müssen niemanden mehr bitten, Briefe zu schreiben oder vorzulesen.
den afrikanischen Markt. Von den Freunden und kirchlichen Partnern in Afrika, Asien und Lateinamerika habe
Es ist das Geschenk der Freiheit und Würde, das der ich gelernt, für Kommunikationswege dankbar zu sein und ihnen mit Offenheit zu begeg-
Anschluss ans globale Dorf bringt. Die digitale Kluft ist nen. Das beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. < 
kapitel 02 der digitale mensch / thema ein gerechtes netz / artikel geistiges eigentum? / 57

gestalten. Es gibt aber auch viele Bereiche, in denen das


Mitmachen schlicht verboten ist: Remixe und Mashups,
1

Geistiges Eigentum? bei denen mehrere Werke – also z. B. Filme oder Musik Das Urheberrecht regelt
– kreativ ineinandergemischt werden. Am Ende entsteht den Umgang mit Werken wie
Film, Text oder Bild.
ein neues Werk – möglicherweise ein spektakuläres und
Im Kern des Urheberrechts
Durch das Internet stellen sich Fragen des Urheberrechts geniales Werk, das alle sehen und hören sollten –, doch
steht das Verhältnis des
der neue Urheber und Zusammenmischer hat eine ganze
neu und anders. Über spektakuläre Werke und ein Reihe an Rechtsverletzungen begangen. Aus meiner Sicht
Urhebers zu seinem Werk.
Was darf er damit machen
vordigitales Rechtssystem – ein Gespräch mit Philipp ein untragbarer Zustand, da auch eine solche Kreativität und wie wird dies
Otto von iRights.info, einer Informationsplattform zum geschützt werden muss. beispielsweise durch
digitalen Urheberrecht Ein weiteres Problem tut sich bei der Bezahlung von Verwertungsgesellschaften
Online-Inhalten auf. vergütet? Wie kann er auf
Durch das Internet gibt es heute so viele Möglichkeiten unterschiedlichen Wegen
wie noch nie: Mit wenigen Klicks hat der Nutzer in vielen mit seinem Werk Geld
Fällen das Werk und kann es kaufen. Es fehlen aber ausge- verdienen? Wie können
Ist das Urheberrecht in seiner heutigen Form noch reifte Geschäftsmodelle und Systeme, bei denen das Geld Werke heute veröffentlicht
und genutzt werden?
zeitgemäß? effektiv beim Urheber ankommt. Das meiste landet bei
Dies erfordert zahlreiche
Philipp Otto: Das Internet stellt beim Urheberrecht1 in Zwischenhändlern wie Verlagen, Plattformen oder Agen-
Regelungen – zu viele
vielerlei Hinsicht die Systemfrage. Heute wird versucht, ten. Hier brauchen wir neue Konzepte.
und auch zu komplizierte,
mit einem komplett veralteten und vordigitalen Rechts- „Das gestohlene Fahrrad fehlt dem Besitzer, geistige wie viele kritisieren.
system Antworten auf revolutionäre Fortschritte in der Inhalte sind nicht weg.“2 Wo ist das Problem?
Technik wie auch in den alltäglichen Nutzungsgewohn- Das Original einer Datei unterscheidet sich nicht von ih-
heiten zu reagieren. Das muss schiefgehen. rer Kopie. Die eine Datei als Original zu bezeichnen, die
Was hat sich konkret durch das Internet geändert? andere nicht, geht fehl. Das Internet beruht auf dem Ko-
Philipp Otto
Früher konnte nur das Urheberrecht verletzen, wer bei- pieren und Weitergeben von Dateien. Ob ich über eine 2
ist Redaktionsleiter
von iRights.info spielsweise eine riesige Druckmaschine im Keller hatte Datei verfügen kann, hängt damit zusammen, ob ich Zu- www.ekd.de/url/
und professionell Kopien von Büchern anfertigte. Heu- gang zu ihr habe, und nicht, ob sie mein Eigentum ist. lesebuch14-sz
te kann jeder Nutzer mit wenigen Klicks Texte kopieren Argumentiert man mit dem Begriff des „geistigen Eigen-
und ins Netz stellen oder mit einem Laptop-Schneide­ tums“, so vermischt man den praktischen Lösungsversuch
programm urheberrechtlich geschützte Musik hinter sein mit Ideologie und Propaganda. Praktische Lösungen sollen
Urlaubsvideo legen und veröffentlichen – jedes Mal wird sicherstellen, dass einerseits Geld beim Urheber ankommt,
das Urheberrecht verletzt. andererseits aber der Nutzer genügend eigene Rechte hat.
Wird durch den Urheberschutz nicht die tolle, essen- Jeder, der mit Konstrukten wie „geistigem Eigentum“ oder
zielle Mitmach-Idee hinter dem Netz vereitelt? „Hoch­kultur“ argumentiert, macht sich aus meiner Sicht
In vielen Fällen nicht, denn man kann auch, ohne das Ur- verdächtig, nicht an der Suche nach Lösungen interessiert
heberrecht zu verletzen im Netz mitmachen und sehr viel zu sein.  < Interview: Manon Priebe >
58 / kapitel 02 der digitale mensch / thema ein gerechtes netz / weiterlesen und fragen

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Ein gerechtes Netz“ „Ein gerechtes Netz“
Daten und Fakten zur Internetnutzung in den USA:
www.ntia.doc.gov/data

Zahlen zur deutschen Nutzung und Verteilung: Welchen Einfluss hat die ungleiche Teilhabe
www.d21-digital-index.de
an digitaler Technik und Kommunikation
Über Medienkompetenz im Alter, eine gute Kurzzusammenfassung
im Newsletter der Katholischen Hochschule Mainz: auf unser soziales Miteinander
www.ekd.de/url/lesebuch14-alter
und gesamtgesellschaftliches Gefüge?
Die Forderungen der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend
in Deutschland e. V. (aej) für eine jugendgerechte Netzpolitik:
www.ekd.de/url/lesebuch14-forderungen

Die Digitalisierung verdeutlicht Probleme des Urheberrechts, In jedem Gemeindehaus zwei Rechner
die bereits in seiner Konzeption angelegt sind:
www.ekd.de/url/lesebuch14-urheber
mit Breitbandanschluss, für jeden zugänglich.
Eine sinnvolle Hilfe für die Ausgegrenzten?

Wenn die Menschen durch das Internet


mehr vom weltweiten Elend erfahren,
steigt dadurch die Spendenbereitschaft und müssen
Fundraising-Tools angepasst werden?
kapitel 02 der digitale mensch / thema brauchen wir eine neue ethik? / artikel katholische impulse zur medienethik / 59
kapitel 02 der digitale mensch / thema brauchen wir eine neue ethik? / 59
brauchen wir eine neue ethik?

Katholische Impulse
zur Medienethik
„Wird es für gute oder für schlechte Zwecke benutzt?“,
lautet eine zentrale Frage der katholischen Kirche
zur Bewertung des Internets. Die wichtigsten Thesen
zum Thema „Medienethik im Netz“ aus zwei
katholischen Grundsatztexten

Dieser Text wurde im Päpstlicher Rat für die roristen zu hindern? Wie kann man Urheberrechte und 1
Jahr 2002 vom Päpstlichen Sozialen Kommunikationsmittel: Rechte über das geistige Eigentum schützen, ohne den
Rat für die Sozialen Päpstlicher Rat für die
Ethik im Internet /  Zugang zu den im Gemeingut befindlichen Materia-
Kommunikationsmittel Sozialen Kommunikations-
Kirche im Internet (2002) lien zu beschränken ( . . . )? Wie kann man auf breiter
herausgegeben, um „eine mittel, Ethik im Internet/
Basis Internet-Speicher mit Informationen, die für alle
katholische Sicht des Kirche im Internet,
Internets“ darzustellen,
• Neue Technologien wie das Internet können mensch- Nutzer in vielen Sprachen unentgeltlich zugänglich
hrsg. v. Sekretariat der
„als Ausgangspunkt für liche Probleme lösen, eine umfassende Entfaltung der sind, einrichten und aufrechterhalten? Wie kann man Deutschen Bischofskonfe-
die Beteiligung der Kirche Personen fördern und zu einer Welt beitragen, die von die Rechte der Frauen in Bezug auf den Zugang zum renz, Bonn 2002, S. 18.
am Dialog (...) bezüglich der Gerechtigkeit, Frieden und Liebe beherrscht ist. Doch Internet ( . . . ) schützen?“1
Entwicklung und Verwendung diese Vorzüge des Internets können erst realisiert wer- • Supranationale Einrichtungen wie die Vereinten Nati-
dieses großartigen den, wenn offene Fragen geklärt sind: „Wie kann man onen sowie nichtstaatliche Organisationen haben dafür
technologischen Werkzeugs“, die Privatsphäre gesetzestreuer Menschen ( . . . ) wahren, Sorge zu tragen, dass das Internet guten Zwecken dient.
www.ekd.de/url/ ohne die für Sicherheit ( . . . ) zuständigen Personen an • Weil aber auch alle Nutzer gefragt sind, das Internet
lesebuch14-rat der Ausübung ihrer Kontrolle über Straftäter und Ter- zu guten Zwecken einzusetzen, ist eine „Computer­
60 / kapitel 02 der digitale mensch / thema brauchen wir eine neue ethik? / artikel katholische impulse zur medienethik

alphabetisierung“ nötig – also die Fähigkeit, Inhalte Die deutschen Bischöfe – Diesen Text hat die
informiert und differenziert zu bewerten. Eltern sollen Publizistische Kommission, Nr. 35, Publizistische Kommission
ihre Kinder anleiten und beaufsichtigen. Schulen sol- Virtualität und Inszenierung (2011) der Deutschen Bischofs-
konferenz 2011 als
len Kinder (bzw. Bildungseinrichtungen Erwachsene)
Debattenbeitrag zu Chancen
einen kritischen Internet-Gebrauch l­ehren. Virtualität – ein Kennzeichen
und Risiken neuer Medien-
• Menschen, die mit ihren Entscheidungen und Hand- der digitalen Mediengesellschaft
technologien erarbeitet.
2 lungen zu Struktur und Inhalt des Internets beitragen, • Virtualität: In virtuellen Welten wie Computerspielen www.ekd.de/url/
Päpstlicher Rat für die
„haben einen besonders ernsthaften Auftrag, Solidari- kann der Nutzer seine eigentliche Identität verbergen lesebuch14-virtualitaet
Sozialen Kommunikations- tät im Dienste des Gemeinwohls zu üben“.2 und andere Rollen einnehmen. Das übt eine große Fas-
mittel, Ethik im Internet/ • Kriminelles Verhalten bleibt kriminelles Verhalten, zination aus, ist aber bezüglich des Jugendschutzes und
Kirche im Internet, auch im Cyberspace, also müssen im Internet diesel- des Suchtpotenzials problematisch.
hrsg. v. Sekretariat der ben Gesetze gegen Hassparolen, Verleumdung, Be- • „Technotheologie“: Theorien über digitale Medien nei-
Deutschen Bischofskonfe- trug, (Kinder-)Pornographie etc. gelten, wie in allen gen zu religiöser Symbolik. Weil pseudorealistische Mehr dazu
renz, Bonn 2002, S. 16. anderen Medien. Wenn es sich um spezielle „Internet-­ Wirklichkeitsentwürfe möglich sind, ist man höchst auch in dem Text über
Straftaten“ handelt, müssen die Regierungen neue empfänglich für utopische, ästhetische, verheißungsge- religiöse Erlebniswelten in
Regelungen beschließen. Nur im äußersten Notfall
­ ladene und selbstüberschreitende sowie dem Religiösen Computerspielen ab Seite 99
dürfen R ­ egierungen jedoch vorherige Zensur üben. nahestehende Elemente.
• Das Internet sollte sich durch die Ethikregeln der Wirt- • Web 2.0: Kommunikation ist „die Substanz des Le-
schaft möglichst selbst regulieren, wenn diese Regeln bens“4, doch die digitalen Medien weisen einige Nach-
seriös geplant, öffentlich ausgearbeitet und durchge- teile auf: das faktische Monopol von Google auf die 4
setzt werden, wenn sie verantwortliche Medienunter- Informationssuche. Bei Blogs besteht trotz hohen Die deutschen Bischöfe –
nehmen ermutigen und bei Verletzung angemessene Informationsgehalts die Gefahr der bloßen Selbst­ Publizistische ­Kommission,
Strafen vorsehen. Beratende Ethikkommissionen sind darstellung. Denn statt der Wirklichkeit steht vielmehr Nr. 35, Virtualität
eine zusätzliche Option. im Vordergrund, „wie sie entworfen wird und wie sie und Inszenierung.
• Sowohl der öffentliche als auch der private Sektor jeweils erscheint“. Unterwegs in der digitalen
Mediengesellschaft.
müssen dazu beitragen, die digitale Kluft zu überwin-
Ein medien­ethisches
den. Vor allem öffentliche Einrichtungen müssen allen Inszenierung – ein Imperativ
Impuls­papier, hrsg. v.
Menschen Websites mit umfassender Information in der digitalen Mediengesellschaft
Sekretariat der Deutschen
verschiedenen Sprachen unentgeltlich zur Verfügung • Inszenierung: Auch die Kirche muss sich immer wieder Bischofs­konferenz,
stellen. die Frage stellen: Wann sind Medien wahrhaftig und au- Bonn 2011, S. 24.
• Das Internet kann den Menschen bei „ihrer ewigen Su- thentisch, wann nicht? Bilder sind durch die Digitalisie-
3 che nach dem Verständnis des eigenen Ich behilflich rung manipulierbar geworden. Auch Personen können
sein“. Und so wurde „die Medienwelt, einschließlich des sich gezielt inszenieren. Etwa Politiker in Talkshows oder
Ethik im Internet,
Internets, rudimentär, aber doch wirklich von Christus Unbekannte in Castingshows. Kann man diesen Perso-
S. 19.
in die Grenzen des Reiches Gottes aufgenommen und nen Heuchelei vorwerfen, wenn der Zuschauer solche
in den Dienst des Heilswortes gestellt“3. Formate sowieso als „unecht“ und Inszenierung erkennt?
kapitel 02 der digitale mensch / thema brauchen wir eine neue ethik? / artikel katholische impulse zur medienethik / 61

• Medienphänomene: Durch die neue Technik kann deren weltweite Veröffentlichung. Dies muss „in ganz 7
jeder Zeuge von „tatsächlichen“ Ereignissen (z. B. 11. neuer Dringlichkeit gesellschaftlich bewusst werden“7;
September 2001, Tsunami 2004, Love-Parade-Unglück ebenso das Erstellen von Online-Profilen: Jede Bewe- Virtualität und
Inszenierung, S. 51.
2010 in Duisburg) sein, ohne wirklich vor Ort zu sein. gung im Netz kann nachverfolgt und Mails mitgelesen
Diese Sekundärerfahrungen sind in der medialen Welt werden – auch wenn man sich selbst nicht im Inter-
qualitativ nicht minderwertiger als Primärerfahrun- net inszeniert. Eltern und Schule müssen Kindern hier
gen, denn „jedes der sogenannten Medienphänomene Kompetenzen mit auf den Weg geben sowie vor Daten-
hat konkrete (reale, primäre) Erlebnisse hervorgerufen“ missbrauch und dem fahrlässigen Gebrauch besonders
5 und Menschen zu konkreten Handlungen motiviert. der sozialen Netzwerke warnen.
Virtualität und • Web 2.0: Das „emanzipatorisch-kritische Potenzial“5
Inszenierung, S. 35. führt dazu, dass Blogger auch mit dem, „was offiziellen Ausgewählte Handlungsempfehlungen
Lesarten entgegensteht oder ( . . . ) unterdrückt wird“6,
weltweite Aufmerksamkeit finden können. • Die Leitidee für Internetnutzer muss sein: sich authen-
6 tisch verhalten und die Rechte anderer nicht nur res-
Ethische Herausforderungen pektieren, sondern auch für sie eintreten.
Ebd.
• Formen von Gewalt (Cybermobbing, Stalking, Bloß-
stellung, Mitfilmen von Schlägereien und Veröffentli- • Meinungsfreiheit und Zugang zu Informationen sind
chung des Filmmaterials zur Erniedrigung des Opfers): Grundrechte. Um sie zu gewährleisten, müssen die
Die Nutzer haben die wichtige Verantwortung, kritisch Medien, in denen diese Informationen stehen, allen
zu sein, der Verteilung von Gewaltdarstellungen coura- zugänglich sein, und die Nutzer müssen ausreichend
giert zu widersprechen und sich zu weigern, diese an- gebildet sein und die Medien reflektiert konsumieren.
zusehen. Bei jungen Nutzern sind Eltern und Lehrer in
der Pflicht, sie zu einem sinnvollen Umgang mit Medi- • Zugangsgerechtigkeit sowie Medien- und Kommuni-
en zu befähigen kationskompetenz sind zentrale Bildungsfragen.
• Datenschutz: Hier treffen staatliche Überwachungs­
bestrebungen auf einen sorglosen Umgang mit persönli- • Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen fortwäh-
chen Daten seitens der Nutzer. Dennoch darf ein gestei- rend überpüft und bei Bedarf durch den Gesetzgeber
gertes Sicherheitsbedürfnis nicht dazu führen, dass die an technische Entwicklungen angepasst werden, um
Freiheit ungerechtfertigterweise beschnitten wird. Es sicher­zustellen, dass die digitalen Medien positiv ge-
ist problematisch, wenn der Staat flächendeckend aus nutzt und Risiken minimiert werden.
Sicherheitsgründen Daten zur Terroristenjagd erhebt.
Deshalb sind Datenschutzbeauftragte der Parlamente • „Aufgrund der besonderen Bedeutung der digita-
als Gegengewichte zu den staatlichen Sicherheitsinter- len Kommunikationsmedien wird dafür plädiert, die
essen nötig. Netzpolitik zu einem politischen Querschnittsthema 8
• Freiwillige Informationspreisgabe: Jegliche Informa- zu machen“8. Virtualität und
tion, die ins Netz gestellt wird, bedeutet im Prinzip  < Abstract: Manon Priebe > Inszenierung, S. 77.
62 / kapitel 02 der digitale mensch / thema brauchen wir eine neue ethik? / artikel neue medien, alte fragen

Neue Medien, alte Fragen


Für die digitale Welt ist keine neue Ethik nötig.
Dieselben Fragen, die uns schon immer bewegten, stellen sich auch hier – ein Kommentar
< Von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach>

S
talking, Aufforderung zur Lynch­ vom Verhältnis von Freiheit und Verantwor- könnten. Auch ihre Anfragen an Wahrheit, Nachvollzieh-
justiz, Mobbing durch Identitäts- tung; von Recht und Rücksicht; von Eigen- barkeit, Wahrhaftigkeit, Medienkompetenz – alles ethi-
klau, illegales Kopieren von Filmen tum und Verpflichtung; von Egoismus und sche Fragestellungen – sind faszinierenderweise fast wört-
und Musik – die Digitalisierung unserer Altruismus. Um nur einige zu nennen. lich die gleichen, die sich heute, bei der dritten großen
Lebenswelten hat bei weitem nicht nur Wie bei jeder Technologie, die Wissen − Medienrevolution, stellen. Vor allem die Frage, welcher
­positive Auswirkungen. Immer wieder be- was auch Daten meint − und Kommunika­ Information, welchen Daten wir trauen können, ist heute
gegnet mir daher bei Eltern und Menschen, Wolfgang Lünen­ tion besser verfügbar macht, ergeben sich auf ähnlich wie damals hochaktuell.
die sich mit ethischen Fragen beschäftigen, bürger-Reidenbach einmal für mehr Menschen Fragen, die vor- Was neu ist, auch in den ethischen Fragestellungen,
eine große Unsicherheit: Wie sollen wir da- ist Theologe und her eine Minderheit oder Elite berührten. So ist der Personenkreis, der für sich diese Fragen beant-
mit umgehen? Mit all den völlig neuen seit mehr als 15 wie die Digitalisierung „Skalierungseffekte“ worten muss. Medienethik ist nicht mehr ausschließlich
Frage­stellungen, die uns überrollen? Jahren Berater für in fast allen Bereichen Thema professioneller Medienschaffen-
Als jemand, der aktiv die Digitalisierung digitale Strategie bringt, bringt sie auch „Ska- der. Umgang mit Persönlichkeitsrechten
seiner Lebens- und Kommunikationsum- und Kommunikation. lierungseffekte“ in der Ethik betrifft jede Person, die ein Smartphone,
gebung vorantreibt und gestaltet, habe ich – also die Herausforderung, Die Schrift, also einen Fotoapparat mit Internet­
zunächst ebenfalls vermutet, dass die Veränderungen so ra- dass mehr ethische Fragestellungen in
dikal sind, dass auch neue ethische Fragen entstehen (müs- kürzerem Abstand für immer mehr Men-
der Buchdruck, anschluss, besitzt. Ethische Fragen rund
um die Vervielfältigung von Inhalten
sen). Und war dann überrascht, dass das nicht der Fall ist. schen aktuell und relevant werden. das Internet – die sind für alle relevant geworden. Und so
Sowenig das Internet ein „rechtsfreier Raum“ ist, so Es ist auffällig, dass Platons Polemik
wenig sind Prozesse, die sich durch die Digitalisierung gegen das Schreiben und Erasmus’ Pole-
Kritik ähnelt sich gehtHaben es weiter.
sich durch die Erfindung und
verändert haben und verändern, „ethikfrei“. Bei den mik gegen das Drucken fast wörtlich die die Etablierung des Buchdrucks neue
meisten Themen helfen die Fragen und sogar die Ant- Vorbehalte gegen die Veröffentlichun- ethische Fragen ergeben? Nur wer das
worten, die die (evangelische) Ethik sich erarbeitet hat, gen im Internet wiedergeben. Und zugleich beide das, mit Ja beantworten kann, wird auch gute Argumente auf
weiter. Sinnfällig wird das schon daran, dass die großen was sie kritisierten, sehr fleißig und erfolgreich für sich seiner Seite haben für die These, dass die Digitalisierung
Fragen rund um die Digitalisierung exakt die gleichen selbst nutzten. Sie hatten einfach große Probleme mit der neue ethische Fragen aufwirft. Und nicht „nur“ ein neues
sind, die immer die großen Fragen der Ethik waren: die Vorstellung, dass weniger Gebildete als sie dies auch tun Nachdenken über die Antworten erfordert. < 
kapitel 02 der digitale mensch / thema brauchen wir eine neue ethik? / artikel moral fürs netz / 63

gehören zum täglich Brot der User“, schreibt Möller.


Dies seien jedoch keine abstrakten, rein medienethi-

Moral fürs Netz schen Debatten, meist seien es „eigene Erlebnisse, die
beschrieben und diskutiert werden“. Wichtige Themen
dabei sind etwa der Schutz der Privatsphäre, die Kenn-
Welche Verhaltensregeln gelten im Internet? Die Nutzer sollten zeichnung von Werbung und PR sowie der Schutz der
diese auch selbst aushandeln, sagt der Medienwissenschaftler Meinungsfreiheit.
• Im Vergleich zu traditionellen Medien würden Blog-
Christian Möller – eine Kurzzusammenfassung seiner Thesen ger dabei stärker an die Eigenverantwortung aller
Beteiligten appellieren. So wurde auch der Vorschlag
eines Bloggerkodexes des Internetunternehmers Tim
­O’Reilly 2007 größtenteils von ihnen abgelehnt. „Blog-

D
Den vollständigen as Internet bestimme, wie wir die Welt sehen, ger sehen sich stärker einer Individual- als einer Profes-
Beitrag finden Sie hier: schreibt der Medienwissenschaftler Christian sionsethik verpflichtet“, schreibt Möller.
Christian Möller, Möller in einem Artikel zur Medienethik in so- • Gleichwohl funktioniere auch im Internet eine sozi-
User Generated Ethics? zialen Netzwerken. Er stellt fest, dass unsere Kommuni- ale Selbstkontrolle, etablierten sich zunehmend ge-
Medienethik und Qualität kation sich immer schneller wandelt, und geht der Frage sellschaftliche Konventionen. Onlinedienste, wie bei-
in Online-Medien, in:
nach, welche Auswirkungen das auf unsere Gesellschaft spielsweise die Fotocommunity Flickr, stellen Regeln Glossar
Ingrid Stapf / Achim Lauber /
und die Medienerfahrung von Kindern und Jugendli- für ihre Mitglieder auf. Somit würden Umgangsformen
Burkhard Fuhs / Roland Wiki / Seite 146
chen hat. Gibt es eine Medienethik im Internet? Geraten von der Alltagswelt ins Netz übertragen. Auch haben
Rosenstock (Hg.), Kinder
im Social Web. Qualität
gesellschaftliche Normen dort in den Hintergrund oder Internet­user Kontrollinstanzen geschaffen, die Seiten
in der KinderMedienKultur, verhalten sich Internetnutzer ähnlich moralisch wie in der auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Das Portal „Wiki
Baden-Baden 2012, Offline-Welt? Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Text Watch“ setzt sich beispielsweise kritisch mit Wikipedia
S. 187–200. im Überblick. auseinander.
• Im Web 2.0, wo jeder Inhalte über soziale Netzwerke • Der Autor appelliert an alle Internetnutzer, eigene Ko-
„teilt“, über Privates und Politisches bloggt und kom- dizes über das soziale Verhalten im Netz zu entwickeln.
mentiert, werden die Nutzer und Rezipienten zuneh- So solle der User-generated Content, also der nutzer-
mend selbst zu Produzenten. Während die Journalisten generierte Inhalt, durch User-generated Ethics ergänzt
der klassischen Medien sich aber an einer Medienethik werden.
orientierten, die in Deutschland in einem Pressekodex • Jugendmedienschutz sollte über Medienkompetenz
ausformuliert ist, gebe es im Netz keine vergleichbare erreicht werden. Zumal für junge Menschen „online“
„Theorie der Moral“ für die Veröffentlichung von In- und „offline“ nicht mehr sinnvoll getrennt werden
halten. Es existiere keine „institutionalisierte Reflexion“ kann. Medienkompetenz sollte von Schulen ebenso wie
über die „Moral des Handelns“ der Internetnutzer. von anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugend­
• Dennoch werden medienethische Themen unter Blog- bildung vermittelt werden.
gern diskutiert. Mehr noch: „Medienethische Diskurse  < Abstract: Saara von Alten >
64 / kapitel 02 der digitale mensch / thema brauchen wir eine neue ethik? / weiterlesen und fragen

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Brauchen wir eine neue Ethik?“ „Brauchen wir eine neue Ethik?“
Eine gute Dissertation über Medienethik aus theologischer Sicht aus dem
Jahr 2006 (ohne vertieftes Eingehen auf Web-2.0-Entwicklungen): Andrea König,
Medienethik aus theologischer Perspektive. Medien und Protestantismus –
Chancen, Risiken, Herausforderungen und Handlungskonzepte, Marburg 2006. Ist die evangelische Kirche im Netz sichtbar,
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken über Partizipationsmöglichkeiten wenn über Ethik diskutiert wird?
und Beteiligungsgerechtigkeit in der vernetzten Gesellschaft:
www.ekd.de/url/lesebuch14-partizipation
Gibt es genügend Christinnen und Christen,
Christian Schicha/Carsten Brosda (Hg.), Handbuch Medienethik,
die dort evangelische Positionen vertreten?
Wiesbaden 2010. Darin u. a. ein Aufsatz von Johanna Haberer und Roland
Rosenstock über theologische Perspektiven, S. 107–123.
Das Netzwerk Medienethik bündelt medienethische Debatten.
Sehr informative PDFs mit Abstracts von den Beiträgen der Jahrestagungen:
Führt die Anonymität im Netz dazu,
www.ekd.de/url/lesebuch14-netzwerk dass wir uns weniger verantwortlich fühlen?
Mit allen Ausgaben und vollständigen PDFs online – eine sehr gute Quelle: Und wird das die ethische Debatte
„IRIE“, die Zeitschrift des „International Center for Information Ethics“,
mit Schwerpunktthemen wie „The Digital Future of Education“, langfristig beeinflussen?
„The Ethics of E-Games“ oder „Ethics of Sharing“:
www.ekd.de/url/lesebuch14-irie

Der Artikel in der „Stanford Encyclopedia of Philosophy“


zu „Social Networking and Ethics“ erläutert ethische Themenfelder wie Welche Konsequenzen sind aus
Identität und Gemeinschaft, Privatheit, Freiheit und gutes Leben:
www.ekd.de/url/lesebuch14-stanford
den ethischen Debatten zu ziehen?
Krieg in Bild und Ton sind über Dienste wie YouTube, Facebook und Twitter
Braucht es mehr Regulierung, um die Freiheit
verfügbar. Terroristen nutzen digitale Medien. Ob es angesichts dieser Umbrüche des Menschen in der digitalen Gesellschaft
neue Normen für den Journalismus braucht, haben BR-Intendant Ulrich Wilhelm,
der ehemalige ZDF-Intendant Markus Schächter und Medienethiker Alexander zu bewahren?
Filipović diskutiert – dokumentiert beim ARD-Bildungskanal alpha.
www.ekd.de/url/lesebuch14-denkzeit
kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / artikel kritisch nutzen statt verteufeln / 65
kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / 65
medienkompetenz und medienpädagogik

Kritisch nutzen statt verteufeln


Die Ambivalenzen der digitalen Medienkultur als ethische und pädagogische
Herausforderung: Hinweise für eine evangelische Medienbildung
< Von Manfred L. Pirner>

H
äufig krankt die Diskussion um digitale zwischen­
menschlicher, insbesondere interkultureller
Medien, gerade auch im kirchlichen Kommunikation; durch Zugänglichkeit und Verfügbar-
Raum, an einer zu wenig ausgewogenen keit von Informationen und Bildungsgehalten wie auch
und differenzierten Wahrnehmung der anregenden Lernumwelten. Selbstbestimmtes Leben, Ler-
Chancen und Probleme. Medien- nen und Arbeiten wird gefördert, ebenso wie Demokratie
euphoriker stehen Medienkritikern gegenüber. Erstere und Mitbestimmung. Positiv ist auch die Überwindung
Prof. Dr. Manfred L. halten die digitalen Medien tendenziell für die Lösung persönlicher Benachteiligungen, etwa für Behinderte und
Pirner ist Professor ­aller Menschheits- und Bildungsprobleme. Pauschalisie- alte Menschen.
für Religionspädagogik rende Medienkritiker machen die Medien für negative Demgegenüber stehen Probleme wie einseitige, über-
und Didaktik des gesellschaftliche Entwicklungen (mit)verantwortlich – mäßige und selbstisolierende Mediennutzung oder die
­
evangelischen etwa für Aggressivität unter Heran- Dominanz oberflächlicher „Un-
Religionsunterrichts wachsenden −, ohne nach den terhaltung“. Die Verstärkung
an der Friedrich- gesellschaftlich-strukturellen Hin­ sozialer und bildungsbezogener
Alexander-Universität
tergründen sowie sozial- und ju- Medien als Mittel der Unterschiede sowie das Risiko
Erlangen-Nürnberg.
gendpolitischen Versäumnissen zu der Entwicklung suchtähnlicher
fragen. Studien zufolge stehen im
Kommunikation verstehen Nutzungsweisen sind weitere Ge-
internationalen Vergleich deutsche fährdungen, ebenso wie der freie
Lehrer und Lehrerinnen digitalen Zugang Heranwachsender zu pro-
Medien besonders kritisch bis ablehnend gegenüber und blematischen Inhalten oder der Datenmissbrauch.
beschwören häufig, ebenso wie viele Kirchennahe, die Um die digitale Medienkultur aus evangelischer Sicht
„­direkte“ sinnliche Begegnung mit der Wirklichkeit sowie fundiert beurteilen und angemessene Konsequenzen für
die „unmittelbare“ Face-to-Face-Kommunikation. Erziehung und Bildung ziehen zu können, braucht es
Betrachtet man die digitalen Medien auf ihre Ambi­ ein grundlegendes Verständnis dafür, was Medien für
valenz hin, so zeigen sich etwa Chancen im Bereich den Menschen bedeuten, sowie für die Zusammenhänge
66 / kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / artikel kritisch nutzen statt verteufeln

zwischen Religion und Medien, gesicherte Erkenntnisse mit Medien und der Vielschichtigkeit von Wirklichkeit
darüber, wie digitale Medien auf Menschen wirken, und verweisen, die sich für eine ethische Orientierung hinsicht-
ethische Maßstäbe, an denen sich Urteile orientieren lich der digitalen Medienkultur fruchtbar machen lässt.
­können. In jüngerer Zeit ist das Bewusstsein dafür gewachsen,
Die grundlegende Bedeutung von Medien für den dass die Überlieferung der christlichen Tradition nicht
Menschen wird deutlich, wenn man den Begriff weit fasst, nur innerhalb der Kirche stattgefunden hat, sondern dass
nämlich als Mittel der Kom- auch andere Kulturbereiche
munikation. Mit den ersten wie Kunst, Literatur oder The-
Werkzeugen hat der Homo ater dazu beigetragen haben.
sapiens bereits Zeichnungen
­ Moderne Medienkultur erfüllt Auch in der aktuellen populä-
und Symbole auf Höhlen­ quasireligiöse Funktionen ren Medienkultur finden sich
wände, Steine und Holzstücke christliche Traditionselemente
geritzt und damit eine „medi­ – manchmal bruchstückhaft,
ale Wirklichkeit“ geschaffen. transformiert oder verzerrt.
Vor allem mit der Entwicklung der Sprache verfügte der Aus evangelischer Sicht ist eine solche „Freisetzung“ der
Mensch über ein Medium, das ihm erlaubte, die Wirk- christlichen Tradition in die allgemeine Kultur hinein
lichkeit zu gestalten. Der Mensch ist, so gesehen, von An- grundsätzlich zu bejahen. Dies schließt allerdings die kri-
fang an und grundsätzlich ein „homo medialis“. tische Auseinandersetzung mit verzerrenden Darstellun-
gen ein. Hier bieten jedoch kritische Diskussionen und
Kirchliche Angebote neu profilieren gemeinschaftliche Aktionen in der Regel bessere Chan-
Für den christlichen Glauben spielen persönliche Be­ cen als Verbotsforderungen.
ziehungen, direkte Face-to-Face-Gespräche und leib- Andererseits erfüllt die moderne Medienkultur für
haftige Gemeinschaft eine herausragende Rolle. Doch viele Menschen heute Funktionen, die traditioneller­
gilt auch: Weil Gott nicht zur wahrnehmbaren Welt- weise der Religion zugeschrieben wurden, wie Sinnver-
wirklichkeit gehört, ist seine Existenz grundsätzlich nur gewisserung, Transzendierungen der Alltagswirklichkeit,
durch Medien (wie Erzählungen oder Bilder) vermittel- moralische Orientierung, Auseinandersetzung mit den
bar. Und die Entstehung und Verbreitung des Christen- großen Fragen des Menschseins. Die Medien geraten so
tums ist ohne die Medien der biblischen Schriften nicht in Konkurrenz zu den traditionellen Religionen, zumal
denkbar; über die Jahrhunderte kam eine Vielfalt weite- sie im Gegensatz zu diesen einen hohen Grad an Frei-
rer Medien hinzu. heit, Selbstbestimmung und Unverbindlichkeit zulassen.
In diesem doppelten Sinn kann man das Christentum Kirchliche Angebote müssen daher in ihrer Einmaligkeit,
als Medienreligion bezeichnen. In besonderer Weise sind ihren Vorzügen und ihrer Bedeutsamkeit neu profiliert
Medien, angefangen von der deutschen Bibelübersetzung werden. Zudem wäre über (ergänzende) kirchliche Ange-
Luthers, für den Protestantismus bedeutsam geworden. bote nachzudenken, die stärker dem Freiheits- und Selbst-
Daher können evangelische Christen auf eine reiche Tradi- bestimmungsgefühl heutiger Menschen entsprechen. Des
tion und ausgeprägte Kompetenz im reflektierten Umgang Weiteren sollte die Medienkultur auch positiv in ihren
kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / artikel kritisch nutzen statt verteufeln / 67

Anknüpfungspunkten zur kirchlichen Religionskultur selbst Gewalt in ihrem sozialen Umfeld erleben, in
und zum christlichen Glauben wahrgenommen werden. kaputten oder schwierigen Verhältnissen leben und ins-
Schließlich können und sollten die Medien verstärkt, aber gesamt weniger reflektieren.
auch theologisch verantwortet zur „Kommunikation des • Kinder und Jugendliche sehen Medien und ihre Inhalte
Evangeliums“ genutzt werden. mit zunehmendem Alter kritisch, vielleicht kritischer,
als Erwachsene ihnen das häufig zutrauen.
Wie Medien wirken • Die Medienkultur verändert in umfassender und
Aktuelle Forschungen zeigen: manchmal unterschwelliger Weise unser Selbst- und
• Medienrezeption ist kein passiver Prozess. Rezipienten Weltverständnis, etwa das von „Gemeinschaft“, „Iden-
nehmen Medien sehr unterschiedlich wahr und kons- tität“ oder „Wirklichkeit“.
truieren aktiv die Bedeutung dessen, was sie wahrneh-
men. Besonders die Nutzung von Computer und Inter- Orientierung schaffen
net ist in der Regel von aktiverem Charakter. Eine evangelische Medienethik gewinnt ihre Perspektiven
• Das soziale Umfeld hat nach wie vor einen wichtige- aus der reichen Erfahrung mit Medien in der christlichen
ren Einfluss auf Kinder und Jugendliche als die Medi- Tradition, grundlegenden anthropologischen Perspekti-
en, insbesondere was die religiös-weltanschauliche ven sowie einer sorgfältigen Analyse medialer Phänomene.
und moralische Orientierung betrifft. Was in der Bereits das alttestamentliche Medienverbot beschäf-
­Familie oder in den Freundschaftsbeziehungen läuft, tigt sich kritisch mit der problematischen Gleichsetzung
beeinflusst, welche Medien
­ von medialer und realer Wirk-
aus­gewählt und wie deren In- lichkeit bzw. mit der religiösen
halte ver­arbeitet werden. Für Überhöhung von Medien: Das
die Frage der Medienbildung Auch christliche Kunst Bilderverbot wendet sich gegen
heißt das: Der erste und zen- enthält Gewaltdarstellungen die Identifikation von bildlichen
trale Ort dafür ist die Fami- Darstellungen mit Gott. Im
lie, für ältere Kinder und Ju- mittelalterlichen und im refor-
gendliche ist die Peergroup matorischen Bilderstreit wurde
bedeutsam. Dennoch dürfen die Einflüsse der Medien um die Art der Gegenwart Gottes in Bildern und Zeichen
auf die Orien­ tierung von Heranwachsenden nicht – realiter oder virtualiter – gerungen. Auch die jahrhun-
vernach­lässigt werden. dertelangen theologischen Auseinandersetzungen um das
• Hinsichtlich der Frage der Mediengewalt kann man angemessene Verständnis der biblischen Texte lassen sich
davon ausgehen, dass Medien zwar durchaus eine unter der Perspektive eines reflektierten Umgangs mit
Wirkung haben. Falsch ist aber, dass das Sehen von dem Medium Schrift lesen, der Impulse geben kann: Es
Medien­ gewalt automatisch zu mehr Gewaltbereit- kommt nicht nur darauf an, „was da steht“, sondern auch
schaft und Aggressivität führt. Es gibt ein Risiko, dass darauf, mit welcher Hermeneutik es gelesen und gedeutet
Medien­gewalt die Gewaltbereitschaft bei solchen, vor wird. Schließlich enthalten die Bibel und viele klassische
allem männlichen Heranwachsenden verstärkt, die Werke der christlichen Kunst zahlreiche Gewaltdarstel-
68 / kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / artikel kritisch nutzen statt verteufeln

lungen. Aus dem theologischen Umgang mit ihnen las- deutung der Medien für Mensch, Kultur und Religion
sen sich Aufschlüsse auch für den Umgang mit Gewalt in sowie in der (medien)ethischen Orientierung. In kirch-
­digitalen Medien gewinnen. lichen Kontexten liegt eine besondere Chance, solche
Erschließungs- und Orientierungsprozesse zusammen-
Aufgaben der Medienbildung zubringen und einen Rahmen für das Erproben medi-
1. Heranwachsende sollten kritisch-pädagogisch beglei- enbezogener Aktivitäten zur Verfügung zu stellen.
tet werden, um sie dabei zu unterstützen, freiheits­ 6. In der religionspädagogischen Arbeit sollte Medienbil-
fördernd, selbstbestimmt und verantwortungsbewusst dung immer mitberücksichtigt werden. Wie deutlich
mit Medien umzugehen. Dazu gehört, nichtmediale wurde, führt die Auseinandersetzung mit der digita-
Alternativen aufzuzeigen sowie innerhalb der Medien- len Medienkultur häufig zu zentralen Fragen, die für
welt auf „wertvolle“ Alternativen zu wenig qualitäts- religiöse Bildung relevant sind: Was ist Wirklichkeit?
vollen Angeboten aufmerksam zu machen. Was ist der Mensch? Wie gelingen zwischenmensch-
2. Die digitalen Medien ermöglichen Heranwachsenden liche Beziehungen? Wie lässt sich eine an humanen
große Spielräume von Freiheit und Selbstbestimmung, Grundwerten, Menschenrechten und demokratischen
zudem sind Kinder und Jugendliche den Erwachsenen Freiheiten orientierte Gesellschaft fördern?
in puncto Medienbeherrschung häufig voraus. Dem 7. Die Kirche als Institution sollte sich verstärkt einsetzen
gilt es Rechnung zu tragen, etwa mit möglichst selbst- für
bestimmten Lernformen. a) eine systematische Integration von Medienbildung
3. Gerade aus evangelischer Sicht ist zu betonen, dass Me- in Schulen, Hochschulen und anderen Bildungsein-
dienbildung nicht lediglich auf die Förderung kompe- richtungen;
tenten Medienumgangs enggeführt werden sollte. Me- b) die Förderung medienpädagogischer Schulprofile
dienbildung sollte in den Kontext einer umfassenden (insbesondere bei Schulen in evangelischer Träger- Websites
Persönlichkeits- und kulturellen Bildung gestellt wer- schaft, z. B. Firstwaldgymnasium Mössingen); www.ekd.de/url/
den: Die Heranwachsenden sollen starke Persönlich- c) eine bessere Profilierung, Vernetzung, Koordinati- lesebuch14-firstwald
keiten werden, die sich gegenüber Medienangeboten on und Kooperation zwischen den medienpädago-
www.rpi-virtuell.net
selbstbestimmt verhalten sowie die vielfältigen Dimen- gischen Angeboten der evangelischen Kirchen;
sionen der Medien durchschauen können. d) ein breites, qualitätsvolles und gut vernetztes An- www.ekd.de/url/
4. Dem entspricht eine Medienkompetenz, wie sie Die- gebot digitaler und crossmedialer Medien für die lesebuch14-angebote
ter Baacke bereits in den 1980er Jahren skizziert hat. Bildungsarbeit; www.izi.de
Demnach umfasst sie Medienkunde, -nutzung, -kritik e) eine stärkere Präsenz medienpädagogischer Ange-
www.erfurter-netcode.de
und -gestaltung. Es besteht heute weitgehend Konsens bote in der Medienkultur selbst;
darüber, dass Medienbildung sich nicht in der Vermitt- f) eine sinnvolle Weiterentwicklung und Stärkung des www.ekd.de/webfish
lung von Kompetenzen erschöpft. Heranwachsende Jugendmedienschutzes;
sollen sich selbst bilden und darin unterstützt werden. g) die Qualitätsentwicklung von Medienangeboten für
5. Die besonderen Potenziale einer evangelisch orientier- Kinder und Jugendliche. Vorbildlich sind hier z.  B.
ten Medienbildung liegen in der Erschließung der Be- der Erfurter Netcode oder der WebFish der EKD.  <
kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / artikel das internet und ich / 69

Hipster-Kumpels, aber nur noch so wenige von dem alten


Freund, der politisch anders eingestellt ist als ich? Warum

Das Internet und ich kann ich auf vielen Plattformen nur „Daumen hoch“ kli-
cken, muss für Missfallen aber eigene Worte finden? Im
Alltag stelle ich mir solche Fragen nicht. Denn Dinge, die
Warum Digitalkompetenz zentral ist für ein ich täglich nutze, hinterfrage ich irgendwann nicht mehr.
selbstbestimmtes Leben in der digitalen Gesellschaft Das muss nicht so bleiben. Denn ich bin keiner
Technologie ausgeliefert. Ich kann meinen Umgang mit
< Von Ingo Dachwitz> ihr und ihren Einfluss überdenken und mein Verhalten
ändern. Manchmal kann man Technologie auch modi-
fizieren. Doch das geschieht nicht von allein. Howard
Rheingold prägt in seinem Buch „Net Smart“ deshalb

I
ch bin ein Kind der Digitalisierung. Die Zeit, in der den Begriff der „Digital Literacies“1: ein Set an Fähigkei- 1
ich leben gelernt habe, war die Zeit, in der Kommu- ten, das den selbstbestimmten und reflektierten Umgang Howard Rheingold,
nikation allgegenwärtig und Vernetzung grenzenlos mit der Digitalisierung ermöglicht. Das muss man ebenso Net Smart. How to Thrive
wurde. Vom Wecken durch mein Smartphone bis zur lernen, wie man lernt zu lesen. Online, Cambridge 2012.
Gute-Nacht-Nachricht an meine 500 Kilometer entfernte
Freundin bildet Informationstechnologie die Infrastruk- Wissen muss man auch finden
Ingo Dachwitz tur meines Lebens. Ich arbeite und studiere (über weite Wie wichtig Digital Literacies sind, wird noch deutlicher,
ist Jugenddelegierter Strecken) digital. Ich informiere mich (fast ausschließlich) wenn man einen Blick auf das emanzipatorische Poten-
in der Synode der digital. Ich kommuniziere (häufig) digital. Ich lasse mich zial des Netzes wirft. Den „Digital Divide“ erlebe ich in Mehr dazu
EKD und Masterstudent (oft) digital unterhalten, forme meine Identität (auch) in der Arbeit mit Jugendlichen regelmäßig: Während man- in den Texten über
der politischen digitalen Räumen und nehme die Welt (teilweise) digital che mit Hilfe von Texten, Videos oder Foren zu Exper- ein gerechtes Netz
Kommunikation. vermittelt wahr. Ich tue das überall: am Schreibtisch, in ten bestimmter Fachgebiete werden, sind viele kaum in ab Seite 54
der Uni, in der Bahn, im Bett, am See. In der Kirche – der Lage, zielführende Begriffe in die Google-Such­maske
z. B. vor dem Gottesdienst. einzugeben. Einige wenige finden Möglichkeiten des
Ich bin abhängig und geprägt von der digitalen Infra- Selbstausdrucks, indem sie Videos bearbeiten und Web-
struktur, weiß aber, wie die meisten meiner Generation, seiten programmieren. Für den Großteil jedoch bleibt das
nicht, wie sie funktioniert. Was passiert, wenn ich mich Internet ohne Gestaltungsspielraum.
Glossar in ein ungesichertes WLAN-Netzwerk einwähle? Welche Digitale Kompetenzen sind die Voraussetzung für
WLAN / Seite 146
Rechte an meinen personenbezogenen Daten gewähre ich mündige Bürger und einer auf Teilhabe ausgerichteten
Anbietern im Gegenzug für die unentgeltliche Nutzung Demokratie. In der Schule habe ich früh Fremdsprachen
ihrer Dienste? Warum erhalte ich bei der Google-Suche gelernt, um in einer globalisierten Welt zurechtzukom-
zum Begriff „Finanzkrise“ andere Ergebnisse als mein men. Heute wünsche ich, ich hätte auch Programmier-
Bruder, der Banker ist? Wieso erscheinen in meinem sprachen gelernt, um auch meine digitale Umwelt zu ver-
Facebook-Feed so viele „Gefällt mir“-Angaben meines stehen und mitzugestalten.  < 
70 / kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / artikel das peinliche foto des mit-konfis

D
as Internet und vor allem soziale Me- Die Nutzung moderner Kommunikationsmittel in der
dien halten Einzug in die außerschu- evangelischen Bildungsarbeit benötigt jedoch ein soli-

Das ­peinliche lische Bildungsarbeit. Auf der Suche


nach dem passenden Konfirmationsspruch fra-
gen die Konfirmandinnen und Konfirmanden
des Fundament in Form von Medienkompetenz, sowohl
bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als auch bei
den Jugendlichen selbst. Bei all der Nutzung müssen
Glossar

E-Mail / Seite 144

Foto des nicht zuerst den Pfarrer, sondern Google. Bei der
Planung von Jugendgottesdiensten, Freizeiten
ethische und rechtliche Aspekte berücksichtigt werden:
„Welches Bild kann ich auf Facebook posten?“, „Wenn ich
WhatsApp / Seite 146
Podcast / Seite 145
Sexting / Seite 145

Mit-Konfis und anderen Ereignissen, bei denen vor allem Ju-


gendliche mitwirken, nutze ich – neben E-Mail
etwas über WhatsApp versende, wer erhält meine Daten
noch?“, „Möchte ich das peinliche Foto eines Mit-Konfis
– auch Facebook-Gruppen. Diese sind praktisch, weiterleiten?“
In der evangelischen Jugend- da fast alle Jugendlichen dort angemeldet sind Praktisch kann dies in der direkten Arbeit mit Jugend-
arbeit können soziale Medien und Facebook Funktionen bietet, die mir bei der lichen z. B. in Form eines Medienprojekts (Filmdreh, Fo-
das Leben einfacher und bunter Planung helfen: Möchte ich einen Termin oder towettbewerb oder Erstellung eines Podcasts) geschehen.
1
machen. Aber man muss mit den einen Treffpunkt abstimmen, so erstelle ich eine Medien werden so – in ein Thema eingebettet – in den
Umfrage. Der Gesehen-Status zeigt mir, wer Blick genommen. Auf einer Metaebene ist eine Beschäfti- Philippe Wampfler,
Jugendlichen auch die problema- meinen Beitrag gelesen hat. Ich kann Dateien mit gung mit modernen Kommunikationsformen in der Aus- Facebook, Blogs und Wikis
tischen Dinge ansprechen den Jugendlichen teilen, wir können kommentie- bildung Ehrenamtlicher möglich. So habe ich im Januar in der Schule. Ein
ren und über das „Liken“ Dinge bestätigen. Das 2014 in einer JuLeiCa-Schulung eine Einheit zu „Sucht Social-Media-Leitfaden,
< Von Jens Palkowitsch-Kühl> Göttingen 2013, S. 110 f.
erleichtert so manchen Gesprächsfluss enorm. und soziale Medien“ durchgeführt und mit den Jugendli-
Und auch für die inhaltliche Arbeit ergeben sich chen über Themen wie die eigene Smartphone-Nutzung,
neue Möglichkeiten: Durch Facebook oder den Sexting, Datenschutz und das Recht am eigenen Bild ge-
Messenger WhatsApp können wir Inhalte, z. B. des Kon- sprochen. Besonders wichtig ist dabei die Fähigkeit des
firmandenunterrichts, vertiefen. Zudem haben diejenigen gegenseitigen Lehrens und Lernens. Der Hauptamtliche
eine Möglichkeit zur Teilhabe, die sich in der direkten wird sich oft nicht so gut mit den einzelnen Anwendun- Websites
Kommunikation in der Gruppe kaum zu Wort melden.1 gen auskennen wie die Jugendlichen und sollte daher
offen zuhören und mit ihnen gemeinsam Prozesse und www.ekd.de/url/
Von den Jugendlichen lernen Phänomene reflektieren. Ein Bespiel ist die Aussage einer lesebuch14-indien
Foto: Alteravista, Hanno Herzler

Jens Palkowitsch-Kühl Doch nicht nur soziale Netzwerkdienste wie der Markt- Jugendlichen in einem meiner JuLeiCa-Kurse zum Thema www.ekd.de/url/
ist Religionspädagoge führer Facebook, sondern auch andere Formate der ­Social- „Mediennutzung“: „Seitdem ich mein Smartphone habe, lesebuch14-kenia14
und wissenschaftlicher Media-Landschaft können sinnvoll in der Jugendarbeit bleibe ich abends zwei Stunden länger auf.“ Hier gilt es, www.juleica.de
Mitarbeiter im Fachgebiet eingesetzt werden: So bloggt z. B. eine Jugendgruppe des gemeinsam zu schauen, welche Auswirkungen die Kom-
Religionspädagogik der Dekanats Wetterau über ihren Indienaufenthalt und eine munikationsformen auf unser Leben haben können. Die
Johann Wolfgang Goethe- Jugendliche berichtet über ihren Freiwilligendienst in Ke- heutige Jugend wächst in einer immer mehr durch Medi-
Universität Frankfurt. nia. Andere Gemeindeglieder können so an diesen Erfah- en verbundenen Welt auf. Diese mediatisierte Lebens­welt
rungen teilhaben, und es ergeben sich Möglichkeiten eines gilt es zu erforschen und im Miteinander Chancen und
interkulturellen und interreligiösen Dialogs. Risiken auszuloten. < 
kapitel 02 der digitale mensch / thema medienkompetenz und medienpädagogik / weiterlesen und fragen / 71

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Medienkompetenz und Medienpädagogik“ „Medienkompetenz und Medienpädagogik“
Zehn Thesen zu einem zeitgemäßen Informatikunterricht:
www.ekd.de/url/lesebuch14-informatik

Und: Algorithmen in der Grundschule – ein Kommentar: Wie finden Religionslehrer,


www.ekd.de/url/lesebuch14-algorithmen
Religionspädagoginnen etc. eine gemeinsame
Ein guter Sammelband zum Thema Kinder und Social Media: Ingrid Stapf /
Achim Lauber / Burkhard Fuhs / Roland Rosenstock, Kinder im Social Web. Sprache mit „Digital Natives“?
Qualität in der KinderMedienKultur, Baden-Baden 2012.
Zur Rolle von Social Media im Religionsunterricht: Das Kapitel
„Social Media in religionspädagogischer und religions­didaktischer Perspektive“,
in: Ilona Nord / Swantje Luthe (Hg.), Social Media, christliche Religiosität Ist Cybermobbing „nur“ Mobbing
und Kirche. Studien zur Praktischen Theologie mit religionspädagogischem
Schwerpunkt, Jena 2014, S. 225–300.
mit anderen Werkzeugen oder hat es eine
Zur Medienanthropologie: Manfred L. Pirner / Matthias Rath (Hg.), ganz neue Qualität?
Homo medialis. Perspektiven und Probleme einer Anthropologie der Medien
(= Medienpädagogik interdisziplinär 1), München 2003.
Medien und Religion: Oliver Krüger, Die mediale Religion. Probleme
und Perspektiven der religionswissenschaftlichen und wissenssoziologischen Digitale Pioniere, YouTuber im Krisengebiet,
Medienforschung, Bielefeld 2012. der Blogger mit dem größten Herz:
Wie prägen Medien das religiöse Empfinden von Kindern? Welche Rolle könnten digitale Vorbilder
Manfred L. Pirner, Religiöse Mediensozialisation. Wie die Medien die
Religiosität von Kindern und Jugendlichen beeinflussen, in: in der evangelischen Medienpädagogik spielen?
Rudolf Englert / Helga Kohler-Spiegel / Elisabeth Naurath / Bernd Schröder /
Friedrich Schweitzer (Hg.), Gott googeln? Multimedia und Religion,
Neukirchen-Vluyn 2012, S. 59–69.
Medienbildung in Schulen: Manfred L. Pirner / Wolfgang Pfeiffer / 
Rainer Uphues (Hg.), Medienbildung in schulischen Kontexten.
Erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven, München 2013.
galerie zwei
72 / galerie

Praxistipps für Gemeinde-


menschen, stilvolle Grafiken und
freche Cartoons zur Frohen
Botschaft – es gibt zahllose
gelungene Beispiele, wie Glaube
und Religion im Netz gelebt
werden.
Auf den folgenden Seiten haben
wir eine bunte Sammlung
zusammengestellt von Kirche,
Glaube und Religion in der
digitalen Welt – ohne Anspruch Digital Bible
auf Vollständigkeit. Zum Blättern, www.facebook.com/DigitalBible

Freuen, Inspirierenlassen Der Facebook-Auftritt des Weltbunds der Bibelgesellschaften


(United Bible Societies) – dem auch die Deutsche
Bibelgesellschaft angehört – mit mehr als neun Millionen Likes!
Psalm-Posting: Aus der BasisBibel gibt es hier
www.facebook.com/basisbibel.de täglich einen Vers
der Psalmen.
galerie / 73

Pastor Sandy Kirchentag im Social Web


www.pastorsandy.de socialmedia.kirchentag.de

Hier bloggt Pastorin Sandra Bils. Ein Tumblr zum Deutschen Evangelischen
Mehr zu lesen gibt es von ihr auf Twitter Kirchentag in Hamburg 2013
als @PastorSandy und per RSS-Feed: mit Videos, Tweets, Fotos und Texten.
www.pastorsandy.de/?feed=rss2 Der kommende Kirchentag
Welche Musik sie mag, findet man hier: ist Thema auf Facebook unter
www.lastfm.de/user/jeldax Kulturkirchen
www.facebook.com/kirchentag, bei
Noch ein Pfarrer-Blog: Auch Pfarrer Knut www.kulturkirchen.org
Twitter: @Kirchentag2015, mit Fotos auf
Dahl-Ruddies sendet auf mehreren Kanälen, Instagram: www.instagram.com/kirchentag Die App des EKD-Kulturbüros zeigt
u. a. bloggt er unter www.pastorenstueckchen.de und mit Videos unter Kulturkirchen mit Karte,
und ist bei Twitter als @knuuut www.vimeo.com/kirchentag
Veranstaltungstipps und Lexikon.
74 / galerie

Geistreich e-wie-evangelisch Medienportal


www.geistreich.de www.e-wie-evangelisch.de www.medienzentralen.de

Die EKD-Praxisplattform ist als e-wie-evangelisch ist ein Projekt der Ob es um den Spielfilm „Luther“
Wissens- und Vernetzungsportal für Evangelisch-Lutherischen Kirche in mit Joseph Fiennes geht oder eine
beruflich und ehrenamtlich Mitarbeitende Bayern und der Evangelisch-lutherischen Dokumentation über Kindersoldaten:
in der Kirche etabliert. Die Plattform Landeskirche Hannovers. Hier finden Im Medienportal der Evangelischen
wird auch europäischen Nachbarkirchen als sich Videos, Audios und Texte zu und Katholischen Medienzentralen finden
Service angeboten. Genutzt wird unzähligen Begriffen – von A wie Abend Religionslehrkräfte und Mitarbeitende
das System bereits in der Schweiz und bis Z wie Zwickmühle. in Kirche und Gemeinde digitale Medien
in Österreich. Die Erklärvideos „e-wie-evangelisch“ zum Download, als Online-Video
sind auch auf YouTube zu finden. oder Web-DVD.
galerie / 75

Theomag Evangelisch im Facebook


www.theomag.de www.facebook.com/
Evangelisch?ref=profile
Themen wie
Kirchenräume, Sünde Täglich gibt es Links,
oder „Wozu geht der Videos, Kurioses,
Theologe ins Kino?“ – Aktionen oder Cartoons
viele kluge, kritische auf diesem Facebook-
Artikel in dem digitalen Auftritt mit mehr als 7500
Magazin für Kunst, Likes. Hervorgegangen
Kultur, Theologie aus der Evangelischen
und Ästhetik. Studentengemeinde
Online seit 1998. Stuttgart.

Godnews Brot für die Welt


www.godnews.de www.youtube.com/
brotfuerdieweltvideo
Viel zu gucken:
tolle Grafiken Der YouTube-Kanal
zu religiösen Themen, von Brot für die Welt
zum Teilen, Verlinken macht Programm
und Verschicken. mit eigenen Clips und
Eine Seite von vier Empfehlungen.
Menschen, die Design
und Gott mögen.
„Spread the word!“ ist
das Motto.
76 / galerie

Online-Gemeinde Die Reformation in Lego-Szenen


www.extravaganceucc.org www.ekd.de/url/lesebuch14-lego

Eine Online-Gemeinde der United Church of Christ (UCC) Der US-Amerikaner Chris Wunz hat Szenen der
aus den USA – die UCC ist mit der UEK in einer Reformationsgeschichte aus Lego-Steinen gebaut und Fotos
Kirchengemeinschaft verbunden. Hier gibt es Bibelstudien davon auf Flickr veröffentlicht. Der Thesenanschlag,
in Videokonferenzen, Livestream-Gottesdienste und Luthers Rede vor demWormser Reichstag und sein Versteck
-Lesungen, einen Blog und mehr. auf der Wartburg wurden mit Liebe zum Detail aus den
bunten Plastiksteinen konstruiert.
kapitel 03
wie kann evangelische kirche digital
kommunizieren? / seite 78

aufbruch in die digitale welt / seite 78


im schnittpunkt der welten / seite 82
nur weil es im internet ist, muss es nicht

die
schlecht sein / seite 84

entsteht eine neue kirche durch


das netz? / seite 86

digitale
(k)eine neue kirche im netz / seite 86

gottesdienst und abendmahl


­online / seite 90

kirche
der avatar beim abendmahl / seite 90
„alle predigen mit“ / seite 93

die bibel online / seite 95

mehr als ein buch! / seite 95


Wie das Internet die Kommunikation
des Evangeliums und
die evangelische Kirche verändert religion in computerspielen / seite 99

die taufe in „bioshock infinite“ / seite 99


78 / kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kom munizieren?
wie kann evangelische kirche digital kom munizieren?

Aufbruch
in die digitale Welt
Wie kann die evangelische Kirche digital kommunizieren? Soll sie es
überhaupt tun? Zu den Herausforderungen der christlichen Verkündigung
in Zeiten der Digitalisierung einige grundsätzliche Überlegungen
< Von Ralf Meister>

S
eit 1995 ist die hannoversche Landeskirche mit In den sozialen Medien sind die Kirchen, die Ge-

Foto: Jens Schulze, Hannover


einer Homepage im Internet präsent. Seitdem meinden und die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und
Glossar hat sich die Netzwelt in einem Ausmaß ent- Mitarbeiter stark unterrepräsentiert, auch wenn durchaus
Homepage / Seite 144 wickelt, das niemand vorhersehen konnte. Die Einrichtungen, Gemeinden, Gruppen oder Initiativen
Internet / Seite 144 Internetpräsenzen unserer Kirchengemeinden, bereits dort vorkommen. In der hannoverschen Landes­
Online / Seite 144 Kirchenkreise, Sprengel, des Landeskirchenamts, des kirche sind circa 200 von insgesamt weit über 2000
Facebook / Seite 144 Landesbischofs, die Chatseelsorge, Online-Glaubens­ Gemeinden und Einrichtungen auf Facebook vertreten. Ralf Meister
Google / Seite 144 kurse und viele andere Websites sind anerkannt, und nie- Manche dieser Präsenzen lassen erkennen, dass der nötige ist Landesbischof
WhatsApp / Seite 146 mand zweifelt an ihrer Notwendigkeit. Diese Form der kontinuierliche Input kaum gelingt. Social-Media-Exper- der Evangelisch-
Twitter / Seite 145 Nutzung digitaler Medien ist jedoch inzwischen nur ein ten weisen deshalb stets darauf hin, dass erfolgreiche Auf- lutherischen Landes-
YouTube / Seite 146 Teil der Möglichkeiten, die das Netz bietet. Anbieter wie tritte in diesen Medien nicht nur ein Konzept, sondern kirche Hannovers.
Social Media / Seite 145
Facebook, Google+, WhatsApp, Twitter, YouTube und auch erhebliche personelle Ressourcen erfordern.
andere haben die Herrschaft übernommen. Sie werden
als „soziale Medien“ (Social Media) bezeichnet, weil sich Europäisches Medienrecht fehlt
in ihnen die Nutzerinnen und Nutzer untereinander aus- Es gibt jedoch die Diskussion, ob kirchlich-religiöse Ange-
Mehr dazu tauschen und gemeinsam Inhalte erstellen können. Allein bote überhaupt in dieses Umfeld gehören. Die Vorbehalte
im Interview über die bei Facebook loggen sich 829 Millionen Menschen min- sind zum einen die kommerzielle Ausrichtung der An­
Chatseelsorge auf Seite 132 destens einmal am Tag ein. bieter, die sich vor allem in der ständig mitlaufenden Wer-
kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / artikel aufbruch in die digitale welt / 79

bung zeigt. Zum anderen wird die Frage des Datenschut- – so wie sie sich mit den massenhaft verbreiteten Flug­
zes intensiv diskutiert, da die Anbieter die persönlichen blättern in der Reformationszeit, dem Aufkommen des
Mehr dazu Daten der Nutzer sammeln, um beispielsweise personali- Rundfunks und Fernsehens auseinandersetzen musste.
in den Texten zu siert werben zu können. Nach wie vor fehlt ein allgemeines Und sie muss – sofern noch nicht geschehen – aufhören,
„Big Data“ ab Seite 36 europäisches Medienrecht. Dazu kommt, die digitalen Medien als andere Realität
dass die sozialen Medien durch zahlreiche und damit als einen Sonderfall für Spezia-
Fälle von Cybermobbing – insbesondere listen zu betrachten. Denn die Generation
bei Schülerinnen und Schülern – in Ver- Digitale der „Digital Natives“ – Jugendliche und
ruf geraten sind. Die Komplexität der so-
zialen Medien zeigt sich auch darin, dass
Kommunikation junge Erwachsene, die mit dem Internet
groß geworden sind – unterscheidet nicht
mehrere Landeskirchen inzwischen prak- ist so wirklich, mehr zwischen analogen und virtuellen
tisch orientierte Leitfäden für die Nut-
zung der sozialen Medien herausgegeben
wie ein Gedanke Räumen. Die Orte für religiöse Kommu-
nikation haben sich erweitert und Men-
haben, um Gemeinden und Einrichtun- wirklich ist schen jeden Alters kommunizieren heute
gen bei ihrem Auftritt zu unterstützen. auch in Chats und sozialen Netzen über
Ein Beispiel: Ein Pastor oder eine Diako- religiöse und seelsorgerliche Themen. Die
nin muss sich überlegen, in welcher Rolle Kirchen stehen vor der Aufgabe, sich mit
er oder sie auftritt – beruflich oder privat – und ob sich allen Orten religiöser Kommunikation vertraut zu machen.
Glossar familiäre mit dienstlichen Kontakten vermischen dürfen. Dabei gilt für eine auf Gemeinschaft ausgerichtete Insti-
Cybermobbing / Seite 143 tution wie die Kirche selbstverständlich, dass die digitale
Cyberspace / Seite 143 Digital ist real Kommunikation die Face-to-Face-Kommunikation nicht
Viele sogenannte Digital Immigrants – Personen, die nicht vollständig ersetzen kann. Das Abendmahl, um nur ein Mehr dazu
mit dem Internet aufgewachsen sind – unterscheiden im- Beispiel zu nennen, funktioniert nicht digital. in dem Text über
mer noch analoge und digitale Räume. Seit Jahrzehnten Online-Gottes­
denken wir das Internet als „virtuelle Realität“ oder als Paulus im Shitstorm dienste und die
„Cyberspace“ – beide Begriffe sind von Romanautoren in Die christliche Religion wird medial verbreitet. Selbst­ Frage nach dem
1 den 1980er Jahren geprägt worden.1 Diese Begriffe sugge- verständlich gehört zu einer christlichen Gemeinde die ­Online-Abendmahl
Vgl. William Gibson, rieren, man könne den Cyberspace bzw. die virtuelle Reali- Gemeinschaft und gehören zu den Verkündigungs­ ab Seite 90
Neuromancer, München 1987.
­ tät als isolierte Räume betrachten, in denen etwas passiert, inhalten die Menschen, die sie bezeugen und leben. Aber
das von der „eigentlichen“ analogen Realität unterschieden schon Paulus hat zu einem wesentlichen Teil medial
sei. Diese Unterscheidung von Realitäten mag einen heu- gewirkt, und zwar durch Briefe. Wir vertrauen darauf,
ristischen Wert haben, um die Eigenarten der Netzwelt zu dass religiöse Inhalte eine Wirkung entfalten, die wir
charakterisieren. Die computergenerierte Kommunikation dem Heiligen Geist zuschreiben. Theologisch gesehen
ist jedoch genauso wirklich, wie ein Gedanke wirklich ist. gibt es keinen Grund, nicht auch auf die Wirkung reli-
Die Kommunikation der Kirche muss sich mit den giöser Inhalte in sozialen Medien zu vertrauen. Dies gilt
Charakteristika der digitalen Medien auseinandersetzen zum Beispiel für die Seelsorge im Internet, die als Chat-
80 / kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / artikel aufbruch in die digitale welt

seelsorge inzwischen mehr als zehn Jahre lang Erfahrung und Co. – schrieb John Perry Barlow, Autor, Bürgerrecht-
gesammelt hat. Neu ist auch, dass bei der Verkündigung ler und einer der Gründer der „Electronic Frontier Foun- 2
im Internet die Grenzen zwischen hauptamtlich und pri- dation“2 in seiner „Unabhängigkeitserklärung des Cyber-
www.eff.org
vat verschwimmen, wenn zum Beispiel ein Jugendlicher space“3: „Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des
einen religiösen Blog publiziert. Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein
Religiöse Texte, Predigten und seelsorgerliche An- als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.“
sprache dürfen und sollen sich auch in unbekannte und Dies war eine Reaktion auf den Versuch einer Internet- 3
gefährliche Gebiete wagen. Eine Schlüsselszene hierfür ist zensur durch den „Telecommunication Reform Act“ der Das englische Original
die Rede des Paulus auf dem Areopag, die in der Apostel­ amerikanischen Regierung. Der Cyberspace, „die neue unter www.ekd.de/url/
geschichte berichtet wird. In dem mit Götzenbildern Heimat des Geistes“, so Barlow, „besteht aus Beziehun- lesebuch14-unabhaengigkeit
reichlich ausgestatteten Athen, also in einem feindlichen gen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert
Umfeld, verkündigt Paulus aus Wut über die Götzen­ wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation.
bilder „das Evangelium von Jesus und von der Auferste- Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht
hung“ (Apostelgeschichte 17,18). Die Reaktion war so, dort, wo Körper leben. Wir erschaffen eine Welt, die alle
wie sie heute in einem sozialen Netzwerk auch sein könn- betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil be-
te: „Als sie von der Auferstehung der To- züglich Rasse, Wohlstand, militärischer
ten hörten, begannen die einen zu spot- Macht und Herkunft. Wir erschaffen
ten; die anderen aber sprachen: Wir eine Welt, in der jeder Einzelne an je-
wollen dich darüber ein andermal weiter- Religion soll dem Ort seine oder ihre Überzeugungen
hören!“ (Apostelgeschichte 17,32). sich auch ausdrücken darf, wie individuell sie auch
4
So wie sich Paulus auf die fremde sind, ohne Angst davor, im Schweigen
Glossar Kultur einlassen und einen „Shitstorm“ in gefährliche der Konformität aufgehen zu müssen.“4 In der deutschen
Shitstorm / Seite 145 über sich ergehen lassen musste, so müs-
sen die Kirchen die neuen Medien als
Gebiete wagen Diese hochidealisierte Erklärung
zeigt angesichts der Bedrohung durch die
Übersetzung zitiert nach
www.ekd.de/url/
kulturelle Herausforderung begreifen. heutigen Internetgiganten eine verblüf- lesebuch14-barlow
Die mediale Welt kann für die Kirchen fende Aktualität. Zwei aktuelle Veröf-
nicht bei Telefonseelsorge, Rundfunkandachten und fentlichungen untermalen das: Der Google-Chef Eric
Gottesdienstübertragungen im Fernsehen enden. Die Schmidt und sein Mitarbeiter Jared Cohen haben ein
5
Herausforderung der neuen Medien ist, Kulturtechniken Buch mit dem Titel „Die Vernetzung der Welt“ geschrie-
für den Umgang mit ihnen zu entwickeln. ben: „Es beschreibt eine politische Utopie“, in der nur Die Zeit, Nr. 33/2014,
S. 11, www.ekd.de/url/
noch Technik eine Rolle spiele, so die Rezensenten der
„Wir erschaffen eine neue Welt“ „Zeit“.5 Google will mehr als Umsatzsteigerung: „Google
lesebuch14-google

Das Netz spielt eine beherrschende Rolle. Damit rücken will eine Ideologie verbreiten.“ In dem zweiten Buch hat
die Agenten des Netzes in den Fokus und die Frage, wer der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers „den Ro-
eigentlich das Netz beherrscht und ob es eine Kontrolle man unserer Zeit geschrieben: ,Der Circle‘ zeigt die Welt
der Netzagenten gibt. 1996 – lange vor Google, Facebook im Griff der Internetindustrie“, schreibt die „Frankfurter
kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / artikel aufbruch in die digitale welt / 81

6 Allgemeine Sonntagszeitung“.6 In dem Roman sind aktu- Übergriffe von Internetkonzernen sind gute Strategien,
elle Tendenzen auf die Spitze getrieben. So herrscht etwa um eine sinnvolle Nutzung der sozialen Netzwerke zu
FAS, 10. 8. 2014, S. 29,
ein absolutes Transparenzgebot, und Privatsphäre gibt es gewährleisten. Gleichzeitig müssen die Kirchen die beste-
www.ekd.de/url/
nicht mehr. Dave Eggers sagte, angesprochen darauf, henden Organisationen, die sich gegen menschenverach-
lesebuch14-circle
ob er noch Hoffnung habe: „Ich bin zum Beispiel sehr tende und rassistische Ausschreitungen im Netz wehren,
ermutigt durch das, was in Deutschland geschieht, die unterstützen (etwa das jugendschutz.net).
7 Proteste, die Klagen gegen die Internetkonzerne.“7 Er for- Die christlich-religiöse Interpretation der Wirklich- 8
Ebd. dert „eine neue Erklärung der Menschenrechte, über die keit ist aber nicht nur eine Frage der Präsenz in den so-
Erweiterung der Realitäts-
Rechte von Individuen im digitalen Zeit- zialen Netzwerken. Sie ist auch eine Fra- wahrnehmung, häufig durch
alter und über den Schutz unserer Privat- ge nach den Machtstrukturen, die der Einblendung von virtuellen
sphäre“. Dieser Forderung nach einer er- Verteilung von Informationen zugrunde optischen Elementen.
weiterten Erklärung der Menschenrechte Die Kirchen liegen. Dazu ein Gedankenspiel: Neh-
im Blick auf digitale Identität können sollten Internet- men wir an, dass immer mehr Menschen
sich die Kirchen prinzipiell anschließen. die sogenannte Augmented Reality8, die
Gleichzeitig sollten die Kirchen In- Kompetenzzentren erweiterte Realität, nutzen, wie sie z. B.
ternet-Kompetenzzentren errichten. In
Schulungen würden diese den individu-
errichten durch Google Glass bereitgestellt wird.
Via Internet werden Informationen ins Glossar
ellen Umgang mit Suchmaschinen und Blickfeld eingespielt. Was passiert in
Google / Seite 144
sozialen Netzwerken, mit Datenschutz Zukunft, wenn jemand an einer Kirche
und digitalen Identitäten vermitteln. Sie könnten Fach- vorbeigeht? Welche Informationen werden in die perma-
leute dafür ausbilden, theologische und religionspädago- nente Verbindung eingespielt? Werden die nächsten Got-
gische Inhalte mediengerecht in die Netze zu übertragen. tesdienste angezeigt, taucht das Bild der Pastorin auf, gibt
Und es sollten Orte sein, an denen über Medienethik in es Informationen über die Landeskirche oder sind viel-
den Netzen nachgedacht wird. leicht kirchenkritische Texte im Angebot? Was passiert
in Zukunft, wenn jemand an einem Friedhof vorbeigeht?
Und Google Glass zeigt die Stehen Informationen darüber bereit, wie verschiedene
Gottesdienstzeiten? Religionen das Leben nach dem Tod sehen?
Der christliche Glaube beansprucht die religiöse Interpre- Die Frage nach dem Zugang zu Informationen und
tation der Wirklichkeit ohne Ausnahme. Die Kommu- ihrer Verteilung wird für die Kirchen wichtig werden. Sie
nikation der Kirche in den digitalen Medien ist deshalb müssen sich für eine Struktur einsetzen, bei der gewähr-
keine Sonderform, sondern eine Erweiterung der kom- leistet ist, dass die Inhalte aller gesellschaftlichen Kräfte
munikativen Möglichkeiten und eine dringend notwen- gleichberechtigt behandelt und Informationsmonopole
dige Stimme gegen religiös überhöhte Heilsversprechen vermieden werden. Gleichzeitig müssen sich die Kirchen
von Netzwerkbetreibern. Die Forderung nach einer Er- intensiv um die Inhalte kümmern, die in der Augmented
klärung der Menschenrechte für das digitale Zeitalter, die Reality präsent sein sollen, und dafür erhebliche Ressour-
Aufklärung und Stärkung der User und Proteste gegen cen bereitstellen. < 
82 / kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / artikel im schnittpunkt der welten

zu beschreiben, die das Lokale überschreiten: Die neuen


Formen der digitalen Kommunikation sorgen dafür, dass
auch die lokal verankerte religiöse Kommunikation in
Im Schnittpunkt translokalen Horizonten artikuliert sein will. Anders aus-
gedrückt: Die globale Vernetzung erfordert eine Kontex-

der Welten tualisierung der Inhalte, der Botschaft des Evangeliums,


eine Inkulturation christlich-religiöser Kommunikation Dr. Kristin Merle ist
in die Weiten des Internets hinein. Assistentin am Lehrstuhl
Religiöse Kommunikation ist lokal verankert und global für Praktische Theologie III
vernetzt. Die Integration der Welten leistet der Mensch Jeder ist Produzent religiöser Inhalte der Eberhard Karls
Dieser Vorgang ist komplex – denn das Internet lebt Universität Tübingen
< Von Kristin Merle> von veränderten Kommunikationsbedingungen, die den und Pfarrerin der
aktiven Nutzer, die Nutzerin kennen, die über religiöse Evangelischen Landeskirche
Vorstellung diskutieren und für sich entscheiden wollen, in Württemberg.
und das auch öffentlich machen, ob ein religiöses Deu-
tungsangebot für sie plausibel ist oder nicht. Wie stark,

D
as Internet ist ein Ort religiöser Selbstverstän- engagiert und konträr Themen in den sozialen Netzwer-
digung. Das Social Web vernetzt Menschen ken in religiöser Perspektive erörtert werden, haben etwa
an unterschiedlichen Orten miteinander und die Diskussionen zum Familienpapier der EKD, der Ori- 2
wird zu einem „Raum“ religiöser Kommunikation und entierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesen- Zum Begriff der Trans­ -
Erfahrung.1 Dabei werden die spezifischen Eigenschaf- heit“, im Jahr 2013 gezeigt.3 lokalität vgl. Andreas Hepp,
Glossar
ten digitaler Kommunikation wirksam, insbesondere die Das Internet ist nicht einfach ein weiterer neuer Ka- Trans­kulturalität als
Social Media / Seite 145 Beschleunigung und Entgrenzung von Kommunikati- nal, über den die „üblichen“ Inhalte vermittelt oder „ge- Perspektive: Überlegungen
on. Auch religiöse Kommunikation ist so zunehmend in sendet“ werden wollen. Die interaktive Partizipation, zu einer vergleichenden
translokale Zusammenhänge eingezeichnet. Wird Kir- die das Netz ermöglicht, erfordert eine grundsätzliche empirischen Erforschung von
che also digital? Ja und nein. Ja, weil Kirche dort ist, wo Dialogbereitschaft. Wenn die verfasste Kirche etwas zu Medien­ kulturen, in: Forum

1 Christinnen und Christen miteinander kommunizieren, online stattfindenden Prozessen subjektiver Selbstverge- Qualitative Sozialforschung /
Forum: Qualitative
also auch im Netz. Nein, weil die verfasste Kirche nicht wisserung und religiöser Suche beitragen möchte, dann
Vgl. Kristin Merle, Social Research, Vol. 10,
im Netz aufgehen wird. muss sie sich auf die neuen Kommunikationswege einlas-
Religion im Internet. Art. 26, 1 (2009),
Der Begriff der Translokalität beinhaltet insofern sen. Eine Chance für die Entwicklung kirchlich-religiöser
Von neuen Erfahrungsräumen www.ekd.de/url/
und Hybrid-Identitäten,
Wesentliches, als er die Referenzpunkte mediatisierter Kommunikationskulturen im Zusammenhang des Social
lesebuch14-medienkultur
in: Ilona Nord / Swantje Kulturen aufzeigt:2 Das Lokale behält seine notwendige Webs liegt dabei in der Sichtbarkeit der Interaktionen:
Luthe (Hg.), Social Existenz – der Mensch als physisches Wesen hat ja seinen Das Social Web macht Argumentationsgänge und Po-
Media, christliche Standpunkt in Raum und Zeit, mit Bedürfnissen, die sich sitionierungen mitunter dort auf Seiten der Nutzer und 3
Religiosität und Kirche, im sozialen Zusammenleben manifestieren. Davon aus- Nutzerinnen erkennbar, wo in klassischen Handlungszu- Vgl. Merle, Religion im
Jena 2014, S. 115 – 143. gehend sind dann im Zuge der Globalisierung Prozesse sammenhängen offline nicht sicht- und hörbar wird, was Internet, S. 128 ff.
kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / artikel im schnittpunkt der welten / 83

Gemeindemitglied X oder Y zur Sache denkt, glaubt und serungsarbeit quasi die Schnittstelle, das Zentrum der
fühlt. verschiedenen Welten online und offline. Wer in der
Dabei beherbergt das Internet eine unüberschaubare U-Bahn in einer Facebook-Gruppendiskussion über ein Glossar
Fülle an religiösen Angeboten. Da jeder zum P­ roduzenten kirchenpolitisches Thema seinen Beitrag postet, wer in Smartphone / Seite 145
religiöser Inhalte werden kann, die weite Verbreitung fin- der Arbeitspause über sein Smartphone eine Gebetsapp App / Seite 143
den können, treten in gewisser Weise startet, mit anderen Usern chattet und
religiöse Organisationen – wie die bei- betet, der vernetzt sich einerseits trans-
den Großkirchen in Deutschland – in lokal und erzeugt mit anderen Usern
Konkurrenz zu religiösen Angeboten Was ist eigentlich kulturelle Verdichtungen im virtuellen
von Privatpersonen. Man findet etwa Raum. Über diese Praktiken verändert
neben Glaubenskursen online und
Gemeinde, sich jedoch auch die Kommunikation
Glossar Gottesdiensten in virtuellen Welten wenn kein lokaler vor Ort: Erfahrungen und Interpretati-
Gebetsportale, Internetfriedhöfe und onen, die die Nutzer online gewonnen
Forum / Seite 144
Meditationsübungen. Nicht zu verges- Bezugspunkt haben, tragen sie in die Offline-Welt.
Blog / Seite 143
Chat / Seite 143 sen Foren, Facebook-Gruppen oder gegeben ist? Eine Person, die am Nachtgebet der
Blogs, wo Menschen sich über religiöse „London Internet Church“ teilgenom-
Fragen austauschen und Antworten men hat, schreibt etwa im Forum: „Ich
4 suchen. Es bilden sich im Netz religiö- fühle mich so friedlich und der Liebe
se Gemeinschaften, die mitunter eigene Rituale ausprä- Gottes versichert. Ich fühle mich gesegnet und bin bereit,
Vgl. Ralf Peter Reimann, gen und eine neue Frage aufbringen: Was ist eigentlich unter dem Schutz seiner Flügel zu schlafen.“
evangelisch.de:
Gemeinde, nicht zuletzt in einem kirchenrechtlichen Sin- Gespräche mit anderen Nutzern im Netz können
Internet-Community oder
ne, wenn kein lokaler Bezugspunkt gegeben ist?4 Ein Bei- Menschen offline ermutigen, in einem positiven Sinn
Online-Kirche?, in:
Praktische Theologie 47
spiel ist die Community, die sich auf evangelisch.de über bisher wenig beachtete Facetten ihrer Persönlichkeit zu
(2012), S. 95 - 99.
Chatandachten in den Jahren 2009 bis 2011 bildete; die leben. Beispiele dafür findet man in Selbsthilfeforen im
„London Internet Church“5 hingegen ist Teil der anglika- Internet. Die Dimensionen online/offline sind in der ge-
5 nischen Diözese London und richtet sich gleichzeitig mit genwärtigen Alltagspraxis vieler Menschen miteinander
ihren Angeboten (wie Andachten, Feier der Eucharistie) verschränkt. Religiöse Kommunikation im Social Web
www.ekd.de/url/ online an Interessierte weltweit.6 bedeutet eben nicht (mehr): Leben in einer Art „Second
lesebuch14-london
Life“. Religiöse Interaktion im Social Web ist eine zusätz-
Mit dem digitalen Nachtgebet liche Handlungsoption im Zusammenhang unterschied-
6 in den Schlaf licher Verständigungspraktiken in der mediatisierten
Unabhängig davon, ob sich Menschen Online-Commu- Gesellschaft – für die modernen Subjekte eine sehr at-
Vgl. Ralf Peter Reimann, nitys mit lokalem oder ohne lokalen Bezug anschließen: traktive Handlungsoption, die letztendlich das protes-
~o~ heißt: „Friede sei
Über die Subjekte selbst findet eine Transformation des tantische Prinzip stärken könnte, nämlich die (sicht­bare)
mit dir“ – Gottesdienste im
Lokalen wie des Translokalen statt. Die Subjekte bilden Unvertretbarkeit der eigenen Person in der religiösen
Internet, www.ekd.de/url/
lesebuch14-gottesdienste
mit ihrer permanenten Identitäts- und Selbstvergewis- Suchbewegung. < 
84 / kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / artikel nur weil es im internet ist, muss es nicht schlecht sein

Nur weil es im Internet ist, derwertig verurteilt. Das liegt daran, dass „Künstlich-
muss es nicht schlecht sein keit“ und „Echtheit“ falsch verstanden werden und zu
viel von körperlicher Präsenz erwartet wird.
• Es ist richtig, dass die Kirche auf die persönliche Kom-
Social Media, Blogs oder Second Life – wie kann Religion in munikation setzt. Das muss aber im Umkehrschluss
virtuellen Welten aussehen? Drei Aufsätze zeigen, dass Virtualität nicht bedeuten, dass medial vermittelte Kommunikati-
aus theologischer Perspektive weder schlecht noch neu ist on ungeeignet ist, um Glauben zu vermitteln. Wenn die
Kirche nur noch von Angesicht zu Angesicht kommu-
niziert, verliert sie den Anschluss an die Gesellschaft.
• Theologen erzeugen und pflegen virtuelle Welten

I
Ilona Nord, Face your Fear. lona Nord, Juniorprofessorin für Praktische Theo- selbst: Jedes Abendmahl ist eine virtuelle Erfahrung,
Accept your war. logie an der Universität Hamburg, untersucht den da es auf der Erinnerung, auf dem Medium Text und
Ein Blog einer Jugendlichen Blog einer krebskranken jungen Frau. Nords Thesen: den Medien Brot und Wein basiert. Gerade Theologen
und seine Relevanz • Das Bloggen weist Aspekte von Religion und Reli- sollten deshalb Virtualität als solche nicht verurteilen.
für die Erforschung von giosität auf. Obwohl die junge Frau nicht über Gott Virtuelle Realitäten ersetzen keine Realität, sie machen
religiösen Sozialisations-
oder den Glauben schreibt, finden sie sich im Blog – nur deutlich, was Christen schon lange wissen: Diese
prozessen, in: Ilona Nord /
fasst man Religion mit einem weiten Begriff als „Welt­ Welt ist nicht alles.
Swantje Luthe (Hg.),
deutung“, die sich in allen Interaktionen äußern kann
Social Media, christliche
Religiosität und Kirche,
– auch in Social Media. Christina Costanza, Pastorin und Studienleiterin des Christina Costanza,

Jena 2014, S. 101–114. • Das Bloggen stiftet Sinn, es ermöglicht den Austausch Theologischen Studienseminars in Pullach, untersucht Fernanwesenheit.
mit anderen und erhält der Kranken die Souveränität die Kommunikation zwischen Menschen bei Chats oder Personen im Social Web
über die Deutung ihres Lebens. Da man auch kom- in sozialen Netzwerken. im Lichte der Theologie,
in: Christina Costanza /
mentieren kann, wird der Blog eine Erzählgemein- • Dieser Kommunikation wird vorgeworfen, dass sie
Christina Ernst (Hg.),
schaft und ein Erinnerungsraum. schlechter sei als andere, weil sich das Gegenüber da-
Personen im Web 2.0,
• Man sollte Religion und Medien folglich nicht in Kon- bei verbergen könne. Costanza argumentiert dagegen
Göttingen 2012, S. 127–145.
kurrenz zueinander sehen, bei der die Medien immer mit einem Personenbegriff, der eine Person darüber
verlieren. Aus christlicher Sicht übernimmt das Blog- definiert, dass sie prinzipiell gerade nicht vollständig
gen inhaltlich wie strukturell religiöse Funktionen. durchschaubar ist. Es ist also nicht der Tod der Ge-
Praktische Theologie und Religionspädagogik müssen sellschaft, wenn Menschen in der Fernanwesenheit zu-
Bernd-Michael Haese,
sich damit auseinandersetzen. gleich anwesend und abwesend sind.
Der heilsame Fake. Von
• Im Gegenteil: Es macht das Gegenüber unverfügbar
Träumen, Täuschungen und
Virtualitäten, in:
Der Theologe Bernd-Michael Haese wendet sich in sei- und damit zur Person. Und es liefert einen Vergleich
Praktische Theologie. nem Aufsatz gegen die Abwertung technischer Medien: für den Kontakt zwischen Beter und Gott, denn Gott
Zeitschrift für Praxis in • Die Beurteilung eines Mediums wird auf seine Inhalte redet ebenfalls, ohne dass man ihn sehen kann, und
Kirche, Gesellschaft und übertragen. Was sich an Text orientiert, wird als Kunst offenbart sich, ohne sich vollständig zu zeigen.
Kultur, 2 (2012), S. 73–78. gesehen. Was aus technischen Medien kommt, als min-  < Abstract: Friederike Lübke >
kapitel 03 die digitale kirche / thema wie kann evangelische kirche digital kommunizieren? / weiterlesen und fragen / 85

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Wie kann die evangelische Kirche digital „Wie kann die evangelische Kirche digital
kommunizieren?“ kommunizieren“?

Wie kann die Kirche mit „Digital Natives“ kommunizieren?


Die katholische Theologin Andrea Mayer-Edoloeyi aus Österreich zum Thema:
Kommunikationsräume der Kirchen mit Digital Natives eröffnen, in: Sollte die evangelische Kirche Internet-Kompetenzzentren
Christina Costanza / Christina Ernst (Hg.), Personen im Web 2.0. einrichten, die u. a. den Umgang mit Datenschutz,
Kommunikationswissenschaftliche, ethische und anthropologische Zugänge zu
einer Theologie der Social Media, Göttingen 2012, S. 166–187.
mit Suchmaschinen und sozialen Netzwerken vermitteln?
Wie viel Ressourcen müssten hierfür bereitgestellt werden
Thomas Zeilinger hat sich dazu habilitiert, wie die Kirche als Institution
und woher könnten sie kommen?
im Netz kommunizieren kann: Thomas Zeilinger, netz.macht.kirche.
Möglichkeiten institutioneller Kommunikation des Glaubens im Internet,
Erlangen 2011.

In seinem Buch „Hinter den Spiegeln“ untersucht Bernd-Michael Haese


Im Social Web produzieren Nutzerinnen und Nutzer
die Chancen des Netzes für die Kirche und zeigt die Potenziale wie Virtualität, unzählige, auch religiöse Inhalte. Wie erkennt man dann
Spiel, Erzählung und eine veränderte Bedeutung von Raum und Zeit auf: die Stimme der evangelischen Kirche?
Bernd-Michael Haese, Hinter den Spiegeln – Kirche im virtuellen Zeitalter
des Internet, Stuttgart 2006.

Ein guter Vortrag über Religion im Internet und die Religion des Internets: Müsste sich die Kommunikationsstrategie der Kirche
Bernd-Michael Haese, Religion im Netz. Das Internet als Religion, verändern, wenn Datenbrillen zum Alltag
religiöse Diskurse und religiöse Praxis im Internet. Vortrag auf der Jahrestagung
2012 der Konferenz der Bildungseinrichtungen der Evang. Landeskirche
der Menschen gehören? Wenn ja, wie kann man einen
in Württemberg, www.ekd.de/url/lesebuch14-diskurse solchen Schritt jetzt schon mit bedenken?
Über Predigten im Internet: Ulrich Nembach, Internetpredigt, in:
Ulrich Nembach (Hg.), Internetpredigten. Zur Sprache der Predigt in der
globalisierten Welt, Frankfurt a.  M. 2013, S. 9–40.
86 / kapitel 03 die digitale kirche / thema entsteht eine neue kirche durch das netz?
entsteht eine neue kirche durch das netz?

(K)Eine neue Kirche im Netz


Vermutungen, das Internet könne eine neue Kirche hervorbringen, sind schon aus
theologischen Erwägungen heraus unbegründet. Bisher haben die neuen Kommunikationsmöglichkeiten
keine großen Spuren in der Kirche hinterlassen
< Von Bernd-Michael Haese>

K
onnte man vor zehn Jahren noch begrün- se Trennung ist auch eine zwischen urbanen Ballungszen-
1
det feststellen, das Internet sei nach wie tren und strukturschwächeren ländlichen Räumen. Dazu
Vgl. Birgit van Eimeren / vor im Aufbau begriffen und seine Chan- kommt die sich verändernde Struktur des Internets: Ob-
Beate Frees, Ergebnisse cen, Risiken und die Auswirkungen der gleich nach wie vor dezentral und über gleichberechtigte
der ARD/ZDF-Onlinestudie
typischen Kommunikationsformen seien Knotenpunkte organisiert, bilden sich doch zunehmend
2013: Rasanter Anstieg
daher offen und gestaltungsfähig, so kann diese Auf- zentralere Hauptverbindungen, welche die Informations-
des Internetkonsums –
bruchsphase nun als weitgehend abgeschlossen gelten. ströme bündeln und hierarchisieren. Dies öffnet einem Dr. Bernd-Michael Haese
Onliner fast drei Stunden
täglich im Netz,
Das Internet ist zum Alltagsmedium Nummer eins ge- Zwei-Klassen-Netzwerk mit Hochleistungsverbindungen ist Dezernent für kirchliche
www.ekd.de/url/ worden. Betrachtet man die Nutzungsstatistik1, orientiert für potente Zahler neben dem „Bummel-Netzwerk“ für Handlungsfelder im
lesebuch14-anstieg an einer zumindest gelegentlichen Onlinenutzung, so jedermann Tür und Tor. Landeskirchenamt der
sind die Zuwächse nach den gigantischen Steigerungs­ Evangelisch-Lutherischen
raten nach der Jahrtausendwende im Bereich von zwei Das „Überall-Internet“ Kirche in Norddeutschland und
Prozent jährlich angekommen. Man kann davon ausge- Für einen neuerlichen Sprung in der Nutzungsdauer des außerplanmäßiger Professor
am Institut für Praktische
hen, dass die „Sättigungsgrenze“ von knapp vier Fünftel Internets sorgte in jüngster Zeit der mobile Datenzugriff,
Theologie der Christian-
Mehr dazu der Bevölkerung hauptsächlich durch Nichtnutzer gebil- etwa durch Smartphones oder Tablets. Das „Überall-­
Albrechts-Universität zu Kiel.
in den Infografiken zur
det wird, die entweder aus prinzipiellen Gründen nicht Internet“ verändert die Nutzungsgewohnheiten und damit
Internetnutzung in
online gehen oder keinen Internetzugang haben. die Bewertung der reinen Nutzungsdauer: In vielen Fällen
Deutschland ab Seite 11 Der Digital Divide verläuft heute zumindest in ist das Internet keine exklusive Beschäftigung an einem
Deutschland nicht mehr zwischen Nutzern und Nicht- PC-Arbeitsplatz, sondern wird parallel zu anderen Beschäf-
Mehr dazu
nutzern, sondern zwischen Menschen, die über schnel- tigungen genutzt – jede Fahrt mit öffentlichen Verkehrs- Glossar
in den Texten über ein le Breitbandanschlüsse verfügen, und solchen mit nur mitteln führt das eindringlich vor Augen. Daher belastet
gerechtes Netz ab Seite 54 Tablet / Seite 145
mäßig schneller Anbindung. Je nach Bandbreite stehen die hohe Nutzungsdauer, insbesondere bei Jugendlichen
Nutzern bestimmte Möglichkeiten (wie audiovisuelle bzw. jungen Erwachsenen (im Schnitt 218 Minuten Nut-
Kommunikation, Online-TV) nicht zur Verfügung. Die- zungsdauer täglich bei 14- bis 29-Jährigen), andere Anteile
kapitel 03 die digitale kirche / thema entsteht eine neue kirche durch das netz? / artikel (k)eine neue kirche im netz / 87

des Zeitbudgets überraschend wenig. Gleichzeitig bestätigt Bolz. In den Foren und Newsgroups des Web 2.0 musste
diese Zahl, dass zumindest in dieser Alterskohorte das In- man noch selbst den Anfang machen, suchen oder fragen.
ternet zum wichtigsten Medium geworden ist. In den Social Networks bekommt man einen Fertigmix Glossar
Zudem ist eine tiefgreifende Veränderung der Nut- von Informationen und Tweets vorgesetzt, die man gut
Web 2.0 / Seite 146
zungsgewohnheiten und des medialen Charakters des finden muss, weil alle anderen, die so sind wie man selbst,
Internets festzustellen. Gerade in der Anfangszeit war es auch gut finden. Kirchliches Handeln hat auch die Bil-
es durch die Chance geprägt, dass die Nutzer selbst die dungsaufgabe, dieser Verengung eines gesellschaftlichen
Kommunikation gestalten und steuern; insbesonde- Bewusstseinshorizonts entgegenzuwirken.
re durch die Vielfalt der Kommunikationsstile: Intime
Zweierkommunikation ist ebenso möglich wie Gruppen- Kein Vertrauen im Netz?
chats, Informationen von Einzelnen können einen rie- Die Frage, wie sich Kirche im Netz zeigt und organi-
sigen Adressatenkreis erreichen, die Adressaten auf den siert, ist gegenwärtig also weniger unter dem Vorzeichen
Einzelnen reagieren. der unbegrenzten neuen Möglichkeiten als vielmehr in
­deren kritischer Auswahl zu beantworten. Auch wenn es
Nur wenige sind sichtbar scheint, als wären die sogenannten sozialen Netzwerke
Alle Kommunikationsformen standen prinzipiell allen fast identisch mit dem Internet, gibt es noch immer die
Teilnehmern zur Verfügung. Der Informationsfluss war Möglichkeit der begrenzten, zielgruppenorientierten klei- 3
nicht länger an Medien im Sinne von Vermittlungsinstitu- nen und mittleren Foren. Diese kommen den kirchlichen Evangelische Kirche
tionen wie Redaktionen, Verlage oder Rundfunkanstalten Bezügen weitaus näher als die wenigstens theoretisch in Deutschland (Hg.),
gebunden. So erklärt sich die Zuschreibung, das Internet mögliche weltweite Kommunikation mit 800 Millionen Engagement und
sei das ideale demokratische Medium. Im kirchlichen, Nutzerinnen und Nutzern. Indifferenz. Kirchen­
zumal protestantischen Zusammenhang gilt das Internet Doch die Kirche hat sich in der Vergangenheit mitgliedschaft als soziale
prinzipiell zu Recht als ausgesprochen kompatibel zu einer schwergetan mit den Möglichkeiten des Internets: Auch Praxis. V. EKD-Erhebung
Form religiöser Kommunikation, die weniger die instituti- aus kirchlichen Zusammenhängen ist das Medium nicht über Kirchenmitglied-
schaft, Hannover 2014,
2 onelle als die individuelle religiöse Expression fördert. mehr fortzudenken, aber es wird als ein – nicht einmal
www.ekd.de/kmu
Doch mehr und mehr ähnelt das Web, zumindest sonderlich prominent gehandeltes – Mittel der Öffent-
Zum Internet als Massen- auf der Oberfläche, dem typischen Massenmedium einer lichkeitsarbeit genutzt. In diesem Bereich ist eine hohe
medium vgl. Norbert Bolz,
„exposure culture“: „Alle können sich heute im Netz ar- Professionalität erreicht, wie insbesondere die Website
Verknüpft oder nicht ver-
tikulieren, aber nur von wenigen wird Notiz genommen, „evangelisch.de“ zeigt. Doch Versuche, neben dem infor-
knüpft. Die unbarmherzige
nur wenige werden sichtbar“, beschreibt es Norbert Bolz.2 mationellen Aspekt auch den kommunikativen zu ver-
Trennung durch das Netz,
in: Jochen Hörisch / Uwe
Dazu gehört, dass die ursprünglich eher von Individu- wirklichen, also mit den Menschen zu sprechen, wurden
Kammann (Hg.), Organisierte en und kleinen bis mittleren Gruppen geprägte Vielfalt kaum verwirklicht, genauso wie nachhaltige Angebote,
nun von wenigen großen Konzernen ge(maß)regelt wird: religiöse Praxis im Internet zu kultivieren. Wenn die ak- Mehr dazu
Phantasie. Medienwelten
im 21. Jahrhundert – Google, Facebook, Microsoft, Yahoo und Co. Statt des tuelle Untersuchung zur Kirchenmitgliedschaft3 konsta- in dem Interview
30 Positionen, Paderborn globalen Freiraums für die eigene Bewusstseinsbildung tiert, „dass bei einem privaten und von wechselseitigem zur Kirchenmitgliedschafts-
2014, S. 32–41, hier: S. 37. regiert die „Wirkungsmacht der Kaskadeneffekte“, so Vertrauen geprägten Austausch Medien gegenwärtig kei- erhebung, Seiten 20 – 21
88 / kapitel 03 die digitale kirche / thema entsteht eine neue kirche durch das netz? / artikel (k)eine neue kirche im netz

ne große Rolle spielen“, impliziert das, das Internet kom- austauschen, aber vielleicht gerade nicht auf religionsinsti-
me dafür grundsätzlich nicht infrage, etwa weil privates tutionellen Seiten. Religiöse Kommunikation findet auch
und wechselseitiges Vertrauen dort nicht möglich sind. im Internet mitten im Alltäglichen statt, also vielleicht in
Dies ist durch Beispiele und Untersuchungen widerlegt. einem Forum wie „gute-frage.net“, direkt neben der Re-
Hingegen haben Menschen, die religiöse Kommunikati- paraturanleitung für die Bohrmaschine. Das kann man
on im Netz suchen, wenig Auswahl. durchaus positiv sehen, wenn man sein Kirchenbild nicht
Dabei gibt es Nischen, die zu stärken sich lohnen allein an der Amtskirche, sondern an der Idee des allgemei-
würde. Insbesondere Online-Communitys, die nicht nen Priestertums ausrichtet: Möglicherweise geschieht der
dem Facebook-Ideal folgen, sondern ein stärkeres eigenes Austausch nicht mit „Kirche“ – aber durchaus als „kirch-
Kommunikationsengagement erfordern, leben wie andere liche Kommunikation“ im Sinne einer ungeregelten, ver-
Gemeinschaften nicht ohne einen „Spirit“, der die Men- mutlich nicht die üblichen Sprachformen benutzenden, ja
schen über den Zweck hinaus motiviert. Dieser Geist kann sie vielleicht sogar bewusst verletzenden Ausdrucksweise.5 5
4 als „Logik der Gabe“4 beschrieben werden. Eben­diese Hal- Lebensrelevante Religiosität ist nicht auf spezielle Räume So die zentrale These
Christian Eigner /  tung des Gebens ohne erwartete Gegengabe macht das begrenzt, sondern geschieht authentisch im „Handgemen- von Tom Beaudoin, Virtual
Peter Nausner, Willkommen, Einladende einer Community aus und führt mit hoher ge des Alltags“6. Dies nicht nur auszuhalten, sondern als Faith. The irreverent
„Social Learning“!, in: Wahrscheinlichkeit dazu, dass man tatsächlich eine Gabe Chance kirchen- und bildungstheoretisch zu gestalten, ist Spiritual Quest
Christian Eigner / Helmut zurückerstattet. Online-Communitys können in ihrer eine noch ausstehende Aufgabe. of Generation X,
Leitner / Peter Nausner / Handlungslogik eine Form des menschlichen Zusammen- Zudem muss betont werden, dass Formen religiöser San Francisco 1998.
Ursula Schneider (Hg.), lebens sein, die dem christlichen Ideal entgegenkommt. Kommunikation im Internet nie in Konkurrenz zu ihren
Online-Communities, ­Weblogs Sucht man nach Chancen für religiöse Kommunikati- Pendants im „Real Life“ stehen. Nach den Regeln der Me- 6
und die soziale Rück­
on, die über bekannte Muster hinausgehen, ist das Inter- dienentwicklung lösen neue Medien die alten nicht spon- Dieser Ausdruck von Eberhard
eroberung des Netzes,
net auf seine Nähe zu Spiel und Erzählung hin zu prüfen. tan ab, sondern führen zu einer veränderten funktionalen Buck bezieht sich auf
Graz 2003, S. 52–94.
Beides sind Grundverhaltensweisen, die dem christ­ Ausdifferenzierung. Jedes Medium bietet seine spezifischen die säkularisierte Gesell-
lichen Leben nahestehen. Sie lassen sich mit der Lust an Stärken und Schwächen in bestimmten kommunikativen schaft der neuen Bundes-
der Kommunikation, wie sie sich im Internet trotz aller Situationen und Aufgaben. In dieser Passung können sie länder, gilt aber ebenso
Verfestigung in neoinstitutionellen Strukturen ausleben nicht beliebig ersetzt werden. Daher sind Befürchtungen, für die säkularisierte
lässt, fruchtbar verbinden. Online-Gottesdienste oder Seelsorgechats könnten das Internetcommunity.
Eberhard Buck, Volkskirche
Erlebnis eines Kirchraums, eines Face-to-Face-Gesprächs
Religion im „Handgemenge des Alltags“ aus ostdeutscher Sicht.
oder einer Gruppenstunde im Gemeindehaus ersetzen,
Anmerkungen aus der Praxis,
Zwei Faktoren sind für kirchliches Engagement im Inter­ unbegründet. Zudem sind sie derzeit alle nur in homöo-
in: Bernd-Michael Haese /
net zu beachten. Zum einen begegnet Kirche als Insti- pathischen Dosen verfügbar. Die Angebote im analogen Uta Pohl-Patalong (Hg.),
tution dort der internettypischen nichtinstitutionellen und im virtuellen Raum zusammengenommen, könnten Volkskirche weiterdenken.
Prägung – jedenfalls da, wo nicht das massenmediale jedoch, bei mutiger Weitergestaltung, eine Option sein, Zukunftsperspektiven der
Informationsparadigma vorherrscht. Mit anderen Wor-
­ wie künftig immer weniger Pastorinnen und Pastoren mit Kirche in einer religiös
ten: Es ist anzunehmen, dass sich Menschen im Netz den schwindenden Mitgliedern und anderen interessierten pluralen Welt, Stuttgart
ernsthaft über ihre religiösen Ansichten und Sehnsüchte Menschen gemeinsam Kirche sein können. < 2010, S. 133–146.
kapitel 03 die digitale kirche / thema entsteht eine neue kirche durch das netz? / weiterlesen und fragen / 89

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Entsteht eine neue Kirche durch das Netz?“ „Entsteht eine neue Kirche durch das Netz?“

Ernst Langes Kommunikation des Evangeliums, angewandt auf soziale


Medien: Karsten Kopjahr, Kirche 2.0 – zwischen physischer, virtueller und
geistlicher Gemeinschaft, in: Christina Costanza / Christina Ernst (Hg.), Personen Wird der religiöse Moderator im Chatroom
im Web 2.0. Kommunikationswissenschaftliche, ethische langfristig genauso eine Pfarrstelle
und anthropologische Zugänge zu einer Theologie der Social Media,
Göttingen 2012, S. 146–165.
haben wie der Gemeindepfarrer vor Ort
oder eine Krankenhausseelsorgerin?
Zentrale Fragen dazu, wie sich das Internet auf die Kommunikation
des Glaubens auswirkt, stellt Günter Thomas, Professor für Systematische
Theologie, hier: Günter Thomas, Wie wirkt das mediale Umfeld auf
die Inhalte religiöser Kommunikation und ihre Reflexion in protestantischer Wie verändert die digitale Kommunikation
„Dogmatik“ und „Ethik“?, in: Rudolf Englert / Helga Kohler-Spiegel / religiöser Themen die Kirche vor Ort?
Elisabeth Naurath / Bernd Schröder / Friedrich Schweitzer (Hg.),
Gott googeln? Multimedia und Religion, Neukirchen-Vluyn 2012, S. 70–81.

„Warum sind Christen so . . . gemein?“ Was Google als Ergänzung vorschlägt, Demokratisierung und Vernetzung
wenn man verschiedene Religionen eingibt (bezogen auf die USA):
entsprechen sehr der Idee einer protestantischen
www.ekd.de/url/lesebuch14-stereotypen
Glaubensgemeinschaft. Wie könnte man
Dreißig prägnante medientheoretische Perspektiven auf die sich rasant Menschen in der evangelischen Kirche mehr für
verändernde Internetgesellschaft, die genauso für den kirchlichen
das Internet begeistern?
Kommunikations­raum gelten: Jochen Hörisch / Uwe Kammann (Hg.), Organisierte
Phantasie. Medienwelten im 21. Jahrhundert – 30 Positionen, Paderborn 2014.

Die Medienkultur, welche die großen Internetkonzerne schaffen,


beschreibt pointiert: Ralf Lankau, Das Ich ist eine Datenspur.
Identität als Realität im digitalen Kokon, in: Klaus-Dieter Felsmann (Hg.),
Mein Avatar und ich. Die Interaktion von Realität und Virtualität in
der Mediengesellschaft, München 2011, S. 57–69.
90 / kapitel 03 die digitale kirche / thema gottesdienst und abend mahl ­
o nline
gottesdienst und abend mahl ­
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Der Avatar
beim Abendmahl
Kann im Internet Gottesdienst gefeiert werden?
Dieser Frage ist die Autorin in ihrer Masterarbeit in
evangelischer Theologie nachgegangen.
Hier stellt sie ihre Erkenntnisse vor
< Von Anne Kampf>

D
ie Frage, ob im Internet Gottesdienst gefeiert Internet und Interaktivität
werden kann, stellt sich, weil die Feiernden Gegenstand dieser Untersuchung sind Gottesdienste,
nicht körperlich an einem Ort anwesend, also in denen die besonderen Möglichkeiten des Internets Websites
leiblich kopräsent, sind. Direkte persönliche Kommu- genutzt werden, nämlich synchrone und wechselseitige www.i-church.org
nikation fällt damit weg. Insbesondere für die Feier der (interaktive) Kommunikation. Livestreams von Gottes- www.kirche.funcity.de
Sakramente wirft das Schwierigkeiten auf. Bei den fol- diensten ohne Rückkanal (wie etwa Fernsehgottesdiens- www.slangcath.
genden Überlegungen zur Problematik sind drei Thesen te) oder Gottesdienst-Videos on demand gelten für die wordpress.com/about
Anne Kampf ist
leitend: Fragestellung dieses Aufsatzes nicht als „Gottesdienste im www.online-andacht.at
Redakteurin bei
evangelisch.de Internet“. Mögliche interaktive Formen sind:
1. Eine Gottesdienstversammlung kann sich ohne leib­ • Chat: getipptes Gespräch, wie etwa bei i-church und St.
liche Kopräsenz bilden. Bonifatius in funcity.
2. Das Kommunikationsgeschehen, das einen evange­ • Virtuelle Welt/Grafik-Chat: Die Mitfeiernden nehmen
lischen Gottesdienst ausmacht, kann computervermit- die Gestalt von Avataren an, wie zum Beispiel bei Ang-
telt verwirklicht werden. lican Cathedral of Second Life. Glossar
3. Das Abendmahl kann im Internet nicht gefeiert wer- • Real-Life-Gottesdienst mit Livestream und Rück­
Streaming / Seite 145
den, weil die leibliche Kopräsenz der Teilnehmenden kanal: Während der Gottesdienst ins Internet über-
Avatar / Seite 143
für das Sakrament eine wesentliche Bedingung ist. tragen wird, geben online Teilnehmende Kommenta-
kapitel 03 die digitale kirche / thema gottesdienst und abendmahl ­
o nline / artikel der avatar beim abendmahl / 91

re und Gebete ein, auf die idealerweise in der Kirche „Es kann ( . . .) von einem ekklesialen Miteinander in der unser Gebet und Lobgesang“8. Das Predigen und das Zu-
reagiert wird. Beispiele hierfür sind katholisch.de1 und Versammlung im Internet gesprochen werden selbst dann, hören, Singen, Bekennen und Beten sind nicht voneinan-
online-andacht.at. wenn die einzelnen Teilnehmer der Versammlung nicht in der zu trennen, Wort und Antwort gehören zusammen.
• Real-Life-Gottesdienst ohne Livestream mit Rück- einem raum-zeitlichen Sinne füreinander präsent sind“6, „Die Kommunikation in Sachen Religion vollzieht sich
kanal: Der gesprochene Text des Gottesdienstes wird lautet seine Folgerung. nicht mehr rituell, sondern diskursiv. Religion ist nicht
synchron gebloggt. Online Teilnehmende geben Kom- Ingolf U. Dalferth vertritt dagegen die Auffassung, da, wo geheimnisvolle Rituale und Formeln ihren Platz
mentare ein und die dabei entstehende Twitterwall, dass eine Gottesdienstversammlung sich haben, sondern da, wo man sich ver-
eine Bildschirmseite, auf der alle Beiträge zum Thema nicht medial vermittelt konstituieren ständigt“9, so erläutert Michael Meyer-
angezeigt werden, wird in der Kirche auf eine Lein- kann. Mit Verweis auf CA 7 schreibt er, Blanck Luthers Reform. Dieser Verstän-
wand projiziert. Beispiel: Twittergottesdienst2. es müsse „auch der bloße Wortgottes- Versammlung digungsprozess ist nicht von leiblicher
• Livestream ohne Real-Life-Gottesdienst mit Rück­ dienst jederzeit so beschaffen sein, daß er Kopräsenz abhängig. Für das Prinzip
kanal: Die Mitarbeiter gestalten eine Gottesdienstprä- Sakramentsfeier sein könnte. ( . . .) Ist die
nicht als von Wort und Antwort ist es irrelevant,
sentation nur für die online Teilnehmenden, die per Möglichkeit von Taufe und Abendmahl körperliches ob es durch Stimme und Ohren oder
Chatfenster, Mail oder soziale Netzwerke ihre Beiträge aber konstitutiv für christlichen Gottes- durch weitere mediale Vermittlung wie
einsenden. Das bietet etwa sankt peter, Frankfurt3. dienst, dann erfordert dessen Vollzug die Zusammensein Kamera, Bildschirm, Chatrooms oder
lokale Kopräsenz von Menschen ( . . .)“ 7
verstehen Social Media zustande kommt. Damit
Versammlung, Predigt, Sakramente CA 7 kann jedoch auch so verstanden sind Predigtgottesdienste im Internet
Das evangelische Gottesdienstverständnis wird in Ar­ werden, dass allgemein für das Bestehen möglich. Um die Interaktionsmög-
tikel 7 der Confessio Augustana (CA) formuliert. Die der Kirche Evangeliumsverkündigung lichkeiten allen zu öffnen, bieten sich
Kirche ist demnach die „Versammlung aller Gläubigen, und Sakramentsverwaltung gewährleistet sein müssen, Predigt­gespräche oder Bibliologe11 an, in denen die Teil-
10

bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen aber nicht zwingend in jedem Gottesdienst. nehmenden ihre Kommentare oder Empfindungen zum
Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden“4. Ideal wäre es also, wenn Online-Gottesdienste von Predigttext eintippen.
Kann diese Versammlung ohne Kopräsenz der Feiern- einer Real-Life-Gemeinde veranstaltet würden, in der die
den zustande kommen? Nach dem Modell der sozialen Teilnehmenden Kontakte pflegen und am Abendmahl Abendmahl und Gemeinde
Präsenz von Sabine Rüggenberg kann „Präsenz“ in einem teilnehmen. Gottesdienste im Internet sollten ein ergän- Ein Abendmahl im Internet könnte folgendermaßen ge-
gemeinsamen „Raum“ ohne reales körperliches Zusam- zendes Angebot sein. Die Erfahrung von Gemeinschaft staltet werden: Der Pfarrer oder die Pfarrerin hält Brot
mensein erlebt werden5, indem gemeinsam gehandelt ist dabei ebenso möglich wie das Verkündigen und Hören und Wein in die Kamera, um sie der Online-Gemeinde
wird – und Handeln ist auch sprachliche Interaktion per des Evangeliums, wie im Folgenden gezeigt wird. zu „geben“. Die am Bildschirm Teilnehmenden haben
Chat oder soziale Netzwerke. Das Gefühl, miteinander zuvor je für sich Brot und Wein bereitgelegt und ver-
etwas zu tun, beispielsweise zu beten, ist für das Empfin- Wort und Antwort zehren beides gleichzeitig mit der Real-Life-Gemeinde.12
den der sozialen Präsenz laut Rüggenberg wichtiger als Das Kommunikationsgeschehen im evangelischen Got- Bei einem Abendmahl im „Second Life“ könnten „vir-
visuelle Repräsentationen per Video oder Avatar. Stefan tesdienst hat Martin Luther in seiner Kirchweihpredigt in tuelles“ Brot und Wein den Avataren „gereicht“ werden.
Böntert geht in eine ähnliche Richtung und schlägt vor, Torgau 1544 so definiert, „ . . . dass dieses neue Haus da- Zusätzlich könnten die an ihren Computern sitzenden
die kirchliche Versammlung nicht als reales körperliches hin gerichtet werde, dass nichts anderes darin geschehe, Menschen tatsächlich essen und trinken. Abendmahl im
Zusammensein zu verstehen, sondern als Relationsbe- als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein Internet ist also in einem technisch-funktionalen Sinn
griff – also die Beziehung in den Vordergrund zu stellen. heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch möglich. Es lässt sich als zeichenhafte Handlung gestal-
92 / kapitel 03 die digitale kirche / thema gottesdienst und abendmahl ­
o nline / artikel der avatar beim abendmahl

ten, bei der Gemeinschaft mit anderen und mit Christus 1 Gottesdienst vom 1.4.2012 dokumentiert auf YouTube, 10 Predigtgespräch bei: R. Gelholt / N. Lübke / G.

besteht (1. Korinther 10,16-17) und durch die Christi Tod www.ekd.de/url/lesebuch14-youtube Weinz (Hg.), Per Mausklick in die Kirche.
und Auferstehung vergegenwärtigt werden (1. Korinther Reale Seelsorge in der virtuellen Welt,
2 Zum Twittergottesdienst von evangelisch.de und
11,26). Das Mahl kann online der Vergewisserung der Düsseldorf 2008, S. 85ff.
der Gemeinde Frieden und Versöhnung in Frankfurt
Sündenvergebung (Matthäus 26,28) und der Stärkung
am Main am 13.5.2012 vgl. Hanno Terbuyken, 11 Bibliologe sind gemeinsame interaktive
des Glaubens (CA 13) dienen.
Twittergottesdienst: „Die sitzen alle mit Laptops Bibelauslegungen.
Zwei Argumente sprechen jedoch gegen die Feier des da“, in: evangelisch.de, Frankfurt 2012,
Abendmahls im Internet. Erstens: Zum Symbolgehalt www.ekd.de/url/lesebuch14-laptop 12 So wurde es am 7.9.2012 in Eppertshausen,
des Sakraments gehören Brot, Wein und die versammelte
Hessen, gestaltet. Nicht bekannt, ob Teilnehmer
Gemeinde selbst. Karl-Heinrich Bieritz stellt heraus: „Es 3 Gottesdienst vom 6.10.2013 dokumentiert auf YouTube,
im Internet das Abendmahl mitgefeiert haben.
geht um die Essgemeinschaft als Heilsgemeinschaft, um www.ekd.de/url/lesebuch14-sublan
den Vorgang des gemeinsamen Essens und Trinkens.“13 13 Karl-Heinrich Bieritz, Liturgik, Berlin 
/ 
4 Günther Gassmann (Hg.), Das Augsburger Bekenntnis
Weil Essen und Trinken körperliche Handlungen sind New York 2004, S. 288.
und dadurch die Tischgemeinschaft mit dem Herrn14 Deutsch. 1530–1980, Göttingen 1988, S. 
26.

symbolisch und sinnlich wahrnehmbar vollzogen wird, 14 Vgl. Jens Schröter, Die Anfänge christlicher
5 Sabine Rüggenberg, „So nah und doch so fern“.
muss das Abendmahl unter leiblich kopräsenten Men- Kirche nach dem Neuen Testament, in:
Soziale Präsenz und Vertrauen in der computer­ Christian Albrecht (Hg.), Kirche, Tübingen 2011,
schen gefeiert werden.15 Darin sieht Gordon Mikoski
vermittelten Kommunikation, Köln 2007, S. 37–80, hier: S. 52f.
nicht weniger als „the core identity of what it means to www.ekd.de/url/lesebuch14-praesenz
be church“16. 15 Versammeln sich am Bildschirm zwei oder mehr
Wilfried Härle nennt das zweite Argument: „Das ver- 6 Stefan Böntert, Gottesdienste im Internet.
Menschen und teilen das Abendmahl, ist leib­
liche
bum visibile, also das nichtsprachliche Zeichen, hat sein ­erspektiven eines Dialogs zwischen Internet und
P Kopräsenz gegeben und die Feier möglich.
Spezifikum gegenüber dem gesprochenen Wort darin, Liturgie, Stuttgart 2005, S. 157.
daß es jeweils dem einzelnen in unverwechselbarer Weise 16 G. S. 
Mikoski, Bringing the Body to the Table,
7 Ingolf U. Dalferth, Kirche in der Mediengesell-
gegeben wird und ihn in seiner Leiblichkeit unüberseh- in: Theology Today 67 (3), 2010, S. 255–259,
schaft, in: Praktische Theologie 20 (1985), hier: S. 257.
bar einbezieht.“17 Die persönliche Ansprache eines Einzel-
S. 183–194, hier: S. 192.
nen funktioniert nicht durch eine Kamera, sondern nur
17 Wilfried Härle, Art. Kirche VII. Dogmatisch,
Face-to-Face, wie Sigrid Glockzin-Bever feststellt: „Die 8 Martin Luther, Kirchweihtag. Luk. 14, 1-6, 1544,
in: Theol. Realenzykl. XVIII, hg. v. G. Krause, G.
Anrede ,für dich gegeben‘, ,für dich vergossen‘ macht das in: Kurt Aland (Hg.), Luther Deutsch. Die Werke Müller, Berlin / New York 1989, S. 277–317, hier: S. 282.
personale Geschehen deutlich, in dem der einzelne unver- Luthers in Auswahl, Bd. 8, Die Predigten, Göttingen
wechselbar leibhafte Person ist.“18 1991, S. 440–444, hier: S. 440. 18 Sigrid Glockzin-Bever, Der Fernsehgottesdienst –
Bei der Feier der Sakramente, so lässt sich also zu- ein „offenes Kunstwerk“? Die Bedeutung von Liturgie
sammenfassend sagen, kommen die Kommunikations­ 9 Michael Meyer-Blanck, Liturgie und Liturgik.
im Medium des Fernsehens, in: Universität Marburg / 
möglichkeiten des Internets an ihre Grenzen. Predigt­ Der evangelische Gottesdienst aus Quellentexten Fachgebiet Praktische Theologie (Hg.), Gemeinde
gottesdienste können aber ohne leibliche Kopräsenz erklärt, Göttingen 2009, S. 
37. als Publikum? Berichte, Analysen, Reflexionen zu
gefeiert werden und stellen eine zeitgemäße Ergänzung einem Marburger Fernsehgottesdienst, Marburg 1995,
zum Real-Life-Gemeindeleben dar.  < S. 23–32, hier: S. 25.
kapitel 03 die digitale kirche / thema gottesdienst und abendmahl ­
o nline / artikel „alle predigen mit“ / 93

„Alle predigen mit“ Kreisen erfahren über die Mund-zu-Mund-­Propaganda


davon.
Den interaktiven Internet-Gottesdienst der Frankfurter Wie unterscheidet sich der interaktive Gottesdienst
von einem herkömmlichen?
jugend-kultur-kirche sankt peter kann jede und jeder
Der Aufbau und die Teile des Gottesdiensts sind sich sehr
zu Hause mitfeiern. Wie das funktioniert, ähnlich. Aber die Art und Weise unseres Miteinanders ist
erläutert Pfarrer Rasmus Bertram im Interview völlig anders. So hält niemand eine vorbereitete Rede. Wir
glauben, dass Gott mit jedem Menschen in Kontakt steht
und dass deshalb auch jeder etwas sagen kann, egal ob er
Theologie studiert hat, Pastorin ist oder gerade im Inter-
net surft und zufällig unseren Gottesdienst besucht. Auch
evangelisch.de:  Was ist das Besondere an dem sub- bieten wir einen barrierefreien Zugang, weil jeder von zu
lan1-Gottesdienst? Hause aus an unserem Gottesdienst teilnehmen kann. 1
Rasmus Bertram: Das interaktive Geschehen ist beson- Wird auch miteinander gesungen? Der Name „sublan“ setzt
ders. Die Besucher werden zu aktiven Teilnehmern un- Wir haben eine Liveband, man erlebt Musik, aber ich glau- sich aus den Wörtern
seres Gottesdiensts, der ein Thema umfasst. Zu Beginn be, es wird ähnlich sein wie bei einem Fernsehgottesdienst „Sub“ (für Subkultur) und
des Gottesdiensts bringen mein Kollege und ich zwei auch, dass nur wenige Menschen zu Hause mitsingen. „Lan“ (für Verbindung)
Rasmus Bertram ist oder drei Thesen ein. Wie es weitergeht, bestimmen dann Wie oft feiern Sie den sublan-Gottesdienst im Jahr? zusammen.
Jugendpfarrer in aber die Teilnehmer, indem sie ihre Fragen in den Mit- Im Moment feiern wir zweimal im Jahr. Mehr schaffen
sankt peter in Frank- telpunkt der Predigtzeit stellen, von ihren Erfahrungen, wir aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht. Lang-
furt a. M. und Pfarrer Sehnsüchten und Schwierigkeiten berichten. Es gibt aber fristig ist es unser Ziel, dass die sublan-Gottesdienste
des interaktiven noch weitere Möglichkeiten der Beteiligung: So kann wie TV- und Radio-Gottesdienste die Gemeindegottes-
sublan-Gottesdiensts man während des Gottesdiensts für konkrete Anliegen dienste vor Ort ergänzen. Wir wollen Module bauen, mit
www.sublan.tv
beten lassen. Wer mit jemandem persönlich über etwas deren Hilfe jede interessierte Gemeinde einen eigenen
reden möchte, ohne dass die ganze Welt zuhört, kann sich sublan-Gottesdienst gestalten kann. Dann würden wir
über einen Chat mit unseren Seelsorgern unterhalten. auch wöchentlich im Netz feiern können. Wir würden
Das Interview ist
Wie kann man am Gottesdienst teilnehmen? die Technik etc. stellen, und das Gebetsteam würde von
ursprünglich auf Sie müssen online sein, brauchen dafür aber nicht einmal den Gemeindegliedern vor Ort gebildet werden.
evangelisch.de in einer einen Computer, sondern können auch mit dem Smart- Wird der interaktive Gottesdienst den herkömmli-
Langfassung erschienen: phone von überallher am Gottesdienst teilnehmen. chen Gottesdienst irgendwann ersetzen?
www.ekd.de/url/ Wer nimmt am Gottesdienst teil? Das als Ziel zu haben wäre dumm. Er hat sich über die
lesebuch14-tuefteln Beim letzten Gottesdienst gab es Teilnehmer von Nor- Jahrhunderte hinweg bewährt und ist nicht zu ersetzen.
wegen bis Österreich. Einer kam aus den USA. Auf Face­ Doch unsere Gottesdienste bieten die Möglichkeit, Men-
book machen wir Werbung für unseren Gottesdienst und schen zu erreichen, die schon lange keine Kirche mehr
sprechen dort vor allem kirchenferne Menschen zwischen besuchen.
16 und 28 Jahren an. Unsere Freunde aus den christ­lichen  < Interview: Markus Bechtold  >
94 / kapitel 03 die digitale kirche / thema gottesdienst und abendmahl ­
o nline / weiterlesen und fragen

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Gottesdienst und Abendmahl online“ „Gottesdienst und Abendmahl online“

Theoretische Überlegungen und Projektbeispiele zu Kommunikation und


„Gemeinde“ im Internet (Stand April 2007): Tom O. Brok / Ralf Peter
Reimann, Gottesdienst und Gemeinde im Internet? Eine Zwischenbilanz, Zu einem Gottesdienst gehört in der Regel
in: Arbeitsstelle Gottesdienst 21 (2007), S. 14–25, die leibliche Erfahrbarkeit der versammelten Gemeinde.
www.ekd.de/url/lesebuch14-gemeinde
Lässt sich auch gemeinsam Gottesdienst feiern an
Eine ausführliche Projektbeschreibung und theoretische Reflexion verschiedenen Orten oder zu verschiedenen Zeiten?
von „St. Bonifatius“ in www.funcity.de: Rainer Gelholt / Norbert Lübke / 
Gabi Weinz (Hg.), Per Mausklick in die Kirche. Reale Seelsorge
in der virtuellen Welt, Düsseldorf 2008, S. 61–110.
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind . . .“:
Ein klar strukturierter Aufsatz mit medientheoretischem und theologischem Teil
und Projektbeispielen (ohne das Thema Abendmahl zu diskutieren):
Doch an welchen digitalen Orten können sich unsere
Sabine Bobert-Stützel, „The medium ist the message“? Zum medialen Wandel der Gemeindeglieder zu Andacht und Gottesdienst versammeln?
Predigt im Internet, in: Magazin für Theologie und Ästhetik 7 (2000):
www.ekd.de/url/lesebuch14-magazin

Eine lesenswerte inkarnationstheologische Argumentation gegen Abendmahl Vater unser, Dank und Einsetzung, Austeilen und
im Internet: Gordon S. Mikoski, Bringing the Body to the Table, in: Empfangen: die liturgische Abendmahlspraxis bietet einen
Theology Today 67 (3), 2010, S. 255–259. reichen Schatz unterschiedlicher Formen –
Spannende These: Virtualität ist nicht „irreal“, sondern eröffnet höchst zeitversetzt im Krankenhaus, an vielen Abendmahlstischen
„reale“ Möglichkeiten, gerade für religiöse Kommunikation: im Stadion, mit Einzelkelchen am Sonntagmorgen.
Ilona Nord, Experiment with freedom every day. Regarding the virtual dimension Was bleibt unverzichtbar?
of Homiletics, in: Homiletic 36 (2011), S. 32–38:
www.ekd.de/url/lesebuch14-experiment
Ist Abendmahl online dann ausgeschlossen?
kapitel 03 die digitale kirche / thema die bibel online / 95
die bibel online

Mehr als ein Buch!


In der Welt von Bits und Bytes verändert sich die Bibelkultur. Der Leser wird
im Netz zum Mitgestalter, die Texte werden kreativ und subversiv verändert,
durch Bilder, Video- und Audiodateien oder Links zu Blogs und Foren ergänzt.
Das belebt den Umgang mit der Bibel – birgt aber auch Gefahren
< Von Stefan Scholz>

W
ie und was wir glauben, fällt nicht geht. Zunächst wurde die Frohe Botschaft, das Evan-
einfach vom Himmel, sondern ist gelium, mündlich kommuniziert, später erst schriftlich
zutiefst von kulturellen Einflüssen fixiert, sei es auf vergänglichen Wachstafeln und Papyri,
abhängig: Jesus lebte und dachte sei es auf beständigen Buchrollen und Kodizes aus Per-
als Jude im Palästina seiner Zeit. gament und endlich mit Gutenberg als gedrucktes und
Martin Luthers reformatorische Entdeckung wäre ohne schnell reproduzierbares Bibelbuch. Und heute, nach 500
Dr. habil. Stefan Scholz
die Erfindung des Buchdrucks kaum erfolgreich gewe- Jahren relativer Konstanz, wird die Gutenberg-Galaxis
ist Pfarrer im sen. Und gegenwärtig ist die digitale Kultur, also das In- durch die digitale Kultur abgelöst, und auch die Bibel
Schuldienst an der ternet und die neuen elektronischen Medien insgesamt, wandert als elektronischer Fließtext auf den Bildschirm
Staatlichen Berufsschule der Hotspot im Blick auf markante Trends und weitrei- des Computers, des Handys usw.
Erlangen und Dozent chende globale Veränderungen. Der Informationsethiker
für Evangelische Rainer Kuhlen bringt es auf den Punkt: „Das Ethos der Vom Leser zum User
Religionspädagogik. Informationsgesellschaft ist das Internet.“1 Demnach ist Die Bibel wird dabei bunter und vielgestaltig, Illustrati-
das Internet mit seinen Vorgaben und charakteristischen onen (einst schon im Mittelalter das Rückgrat der Bibel­
Möglichkeiten der entscheidende Handlungsraum, in kommunikation) und informatives Zusatzmaterial kön-
dem sich neue Vorstellungen und Verhaltensweisen he- nen nahezu beliebig eingefügt werden. Vor allem aber
1 rausbilden, die auch den Alltag im Offline-Modus mit werden Bibelleser zu Usern, d. h. zu aktiv Mitgestalten- Glossar

Rainer Kuhlen, beeinflussen. Unser Umgang mit der Bibel bleibt davon den bei Erstellung und Pflege von Bibelwebsites. Denn Open Source / Seite 144
Informationsethik. Umgang kaum unberührt. als Open-Source-Produkt sind diese veränderlich statt
mit Wissen und Infor- Bei der Bibel denken wir zumeist an ein Buch mit statisch, sie sind Text in Bewegung, heute vielleicht an-
mationen in elektronischen Dünndruckpapier. Tatsächlich jedoch ist der Bibeltext ders als gestern und morgen. Die digitalisierte Bibel erlebt
Räumen, Konstanz 2004. äußerst flexibel, was seine bisherigen Trägermedien an- somit bei weitem mehr als nur ein oberflächliches Face-
96 / kapitel 03 die digitale kirche / thema die bibel online / artikel mehr als ein buch!

lifting, die Auswirkungen bleiben nicht auf die äußere ein wenig an Garfield und hebeln das engbehütete Milieu
Gestalt der Bibel beschränkt. Denn es besteht ein innerer einer Hauskatzenästhetik aus. Die „LOLCat Bible“ nun
Glossar Zusammenhang zwischen Inhalt und Medium, so dass ist als interaktives Netzwerk nach dem Vorbild von Wiki­ Glossar

Bit / Seite 143 sich Verständnis und Umgang mit der Bibel durch die pedia organisiert, dies wird bereits durch die grafische Wiki / Seite 146
Digitalisierung ganz grundlegend verändern können. Gestaltung deutlich. Nutzerinnen und Nutzer können
An nur zwei Beispielen möchte ich das Potenzial und wiederum ebenso zu Übersetzern werden wie sich in Blogs
die Dynamik sowie Chancen und Gefahren des Über- und Foren austauschen. Damit stellt dieses Projekt eine
gangs der Bibel in die Ära von Bits und Bytes veranschau- umfassende Kommunikationsplattform dar, in der die
lichen. Weitere Online-Bibeln, wie die Volxbibel oder die „eigentliche“ Bibelübersetzung gar nicht im Vordergrund
BasisBibel sind im Netz schnell auffindbar. stehen muss. Mit LOLCats als vermeintlichen Protago-
Websites
nisten des biblischen Stoffs und Erstadressaten verändert
wiki.volxbibel.com Bibelgezwitscher sich hier God zu Ceiling Cat, Blessing zu Cheezburgrz
www.basisbibel.de Twitterbibel: Sie entstand während des Evangelischen oder Angel zu Birdcat/BirdKat u. v. m. Die sprachlichen
Kirchentags 2009 und versetzte mit über 3000 beteilig- Eigenheiten und vor allem die erhebliche Umformungs-
www.rekordversuch.
ten Nutzerinnen und Nutzern den gesamten Bibeltext in dynamik der LOLCat Bible zeige ich anhand der Wieder-
evangelisch.de
nur wenigen Tagen in die Twitter-Sprache, eine internet- gabe der Taufe Jesu in Matthäus 3,13–17:
www.lolcatbible.com gestützte Kommunikationsform, bei der Kurznachrichten Happy Cat gets Water Baf!
mit maximal 140 Zeichen per Handy, Computer etc. ver- 13 Den Happy Cat caem from Garary,
schickt werden. Durch Twittern wird der Text der Bibel to has water baf from John.
erheblich komprimiert. Ich zitiere (vollständig!) Psalm 23: 14 But John was all “Ur doin it rong,
„So ist Gott: er schaut nach mir, sorgt, nährt, erfrischt, j00 needz to water baf me”
orientiert, rettet, tröstet, nimmt Angst, verwöhnt. Bei 15 And Happy Cat sayed “STFU
2 ihm ist Party ohne Ende.“ 2 and gib to me water baf n00b” and John did.
Und Gott chillte. 16 Wen he was gived water baf he gtfo of teh water
Der gesamte Psalter kommt in der gedruckten Ausgabe and, ZOMG, teh ceilinz opened up and Hover Cat
Die Bibel in
der Twitter-Bibel gerade einmal mit 19 Seiten aus, wäh- caem down liek a duv and landeded on him
Kurznachrichten,
Frankfurt a.  M. 2009.
rend die Lutherbibel je nach Edition bei deutlich dichte- 17 And, ZOMFGWTF, a voice from heven sayed
rem Druckbild hierfür circa 70 Seiten veranschlagt! “Hai guise, dis my son, and I tink he teh 1337”.
LOLCat Bible Translation Project: Mein zweites
Beispiel blickt über den deutschsprachigen Kontext hi- Der LOL-Slang changiert zwischen (fehlerhaftem) Eng-
naus und stellt die Veränderungsdynamik digitaler Kul- lisch und Nonsens, Jesus wird hier zur Happy Cat, der
tur noch viel drastischer vor Augen. Der Internetslang Geist Gottes zur Hover Cat und die Stimme im Himmel
„LOL“, zusammengesetzt aus „laughing out loud“, ist lässt man in etwa sagen: „Na Jungs, dies ist mein Sohn
humorvoll bis komisch und umfasst ebenso kritische wie und ich denke, er ist die Elite“ (1337 ist Leetspeak, ein
auch bisweilen subversive Momente. „LOLCats“ sind die originelles Schriftsystem im Netz, bei dem Buchstaben
Identifikationsfiguren der LOL-Community, sie erinnern durch ähnlich aussehende Zahlen ersetzt werden, hier:
kapitel 03 die digitale kirche / thema die bibel online / artikel mehr als ein buch! / 97

1 = l, 3 = E, 7 = T). Die Auflösung beständiger Bedeu- Theologie und Kirchen sollten angesichts dieser He-
tungen führt zu einer enorm kreativen Fortschreibung, rausforderungen freilich nicht in einen reflexartigen
welche für übliche christliche Glaubenskulturen freilich Rollback verfallen, die Lutherbibel etwa zum ausschließ-
kaum noch Anknüpfungspunkte bietet. lichen Bibeltext erklären und das Internet verteufeln. Die
Die beiden Beispiele können vielleicht einen kleinen Lutherbibel hat aus Identitätsgründen einen besonderen
Eindruck davon geben, wie die digitale Kultur bisheri- Stellenwert, ihre kommunikativen Chancen allerdings
ge, relativ stabile Bibelidentitäten auflösen kann und die sind begrenzt. Die Zusammenschau von Bibel und digi-
Bibel zu etwas völlig anderem werden lässt. Dies hat po- taler Kultur drängt vielmehr nach Differenzierung, ein
sitive Effekte, es entstehen attraktive Bibelversionen, ver- Schlüsselbegriff hierzu ist Medienkompetenz. Neben der
sehen mit Bildern, Video- und Audiodateien sowie Links Kenntnis digitaler Bibelprojekte und deren Möglichkei-
zu weiteren Informationen oder auch zu kommunikati- ten im Netz umfasst Medienkompetenz an dieser Stelle
ven Foren und vieles mehr. Sie finden schnell Eingang in aber auch das Bewusstsein für die Veränderung der Bibel
Schule und Gemeinde, beleben die Beschäftigung mit der durch die digitale Technik und die kritische Reflexion
Bibel und können das Image vom verstaubten alten Buch dieses Wandels anhand einzelner digitaler Bibelversionen.
gut durchkreuzen. Und nicht immer sind die Bibelumbauten so extrem wie
Daneben drängen sich zweifelsohne auch Herausfor- in diesen beiden Fällen.
derungen und Probleme auf, ich beschränke mich auf
den meines Erachtens zentralen Punkt, die Auflösung Demokratisierung der Bibellektüre
der Bibel als dauerhaft-konstante Größe. Aufgrund der Die digitale Kultur macht aus der Bibel mehr als nur ein
digitalen Kultur und ihrer Beschleunigung von Verände- Buch zum Lesen und Beten. Die Bibel wird zur interakti-
rungen wird noch weit mehr als bisher die Bibel zur terra ven, beweglichen und äußerst abwechslungsreichen Soft-
incognita, zur unbekannten, weil ständig neu formierten ware! Sie wird zur erweiterten Bibliothek, zum Unterhal-
und weiter veränderlichen Textgröße. tungsprogramm und zur Kommunikationsplattform in
einem. Und ich meine, gerade so kann sie auch als Glau-
Wer legt fest, bens- und Lebensbuch wiederentdeckt, neu aufgesucht
was als Bibel gilt? und aufrichtig wertgeschätzt werden, eben heiliger Text
Die Irritation hinsichtlich der Vielfalt von Bibelversionen in digitalen Zeiten sein. Freilich ist die Bibel im digitalen
war sicherlich noch nie so groß wie heute. Eigenschaf- Raum eine andere als in der Welt des Buchdrucks. Sie
ten wie „bibelfest“ und „bibeltreu“ werden innerhalb der ist hier weniger unverrückbare Tradition und konstante
digitalen Veränderungslogik nahezu bedeutungslos. Und Glaubensgrundlage, sondern Prozess und Entwicklung,
weiter: Gilt die Twitter-Bibel überhaupt als Bibel, ebenso mit der Beteiligung ganz vieler und sehr unterschiedlicher
die LOLCat Bible, wenn Jesus zur Happy Cat wird? Wer Menschen. Der Wandel der Bibel im digitalen Raum be-
darf so etwas festlegen? Muss die Bibel immer Not wen- wirkt also auch ein Stück mehr an Demokratisierung der
dend und trosthaft, wahrhaftig und sinnvoll sein? Wie Bibellektüre und Mündigkeit der einzelnen Menschen,
viel Spaß verträgt der „heilige“ Charakter des Alten und die mit der Bibel Umgang haben (wollen). Vielleicht ist
Neuen Testaments? gerade dies Evangelium in heutigen Zeiten. < 
98 / kapitel 03 die digitale kirche / thema die bibel online / weiterlesen und fragen

Weiterlesen zum Thema Crossmediale Bibelausgabe BasisBibel: www.basisbibel.de


„Die Bibel online“
Diverse Übersetzungen, von American Standard Version bis Vietnamese Bible,
Weiterführende Literatur zum Download: www.ekd.de/url/lesebuch14-schriften

Beschreibung der Prägung Jugendlicher und deren Glauben durch The Brick Testament, die Bibel dargestellt in Lego-Szenarien:
die digitale Kultur: Astrid Dinter, Identität, Religion und neue Medien. www.bricktestament.com/home.html

Formen verflüssigter Religion in der Jugendkultur, in: Zeitschrift Allerlei Spielereien mit Bibeldaten, Darstellung nach geografischen Schauplätzen,
für Erziehungswissenschaften 7 (2004), S. 344–358. in grafischen Umsetzungen, Echtzeit-Anzeige getwitterter Bibelzitate etc. auf:
Historischer Durchgang zur Vielfalt von Kinderbibeln: Gottfried Adam / www.openbible.info

Rainer Lachmann / Regine Schindler (Hg.), Illustrationen in Kinderbibeln. Ökumenisches Open-Source-Übersetzungsprojekt Offene Bibel:
Von Luther bis zum Internet, Jena 2005. www.offene-bibel.de

Knappe Information zum Thema Religion in den Neuen Medien:


Reiner Andreas Neuschäfer, Elektronische Medien mit religiösem Inhalt, in:
Matthias Spenn / Doris Beneke / Frieder Harz / Friedrich Schweitzer (Hg.),
Handbuch Arbeit mit Kindern – Evangelische Perspektiven,
Gütersloh 2007, S. 334 – 340. Fragen zum Thema
„Die Bibel online“
Zusammenschau von Bibel und Hypertext: Stefan Scholz / Volker Eisenlauer,
Hypertextualität als Interpretament der Bibel und ihrer Auslegung, in:
Stefan Scholz / Oda Wischmeyer (Hg.), Die Bibel als Text. Beiträge zu einer
textbezogenen Bibelhermeneutik. Tübingen 2008, S. 69 – 96. Die Digitalisierung könnte den Umgang mit der Bibel
Einblick in die komplexen Interessen beim Übersetzen biblischer Texte: grundlegend verändern. Welchen Einfluss hat dies auf den Glauben?
Stefan Scholz, Die Bibel richtig übersetzen?, in: zeitzeichen 1 (2008), S. 54 f.

Einführung in die Vorteile internetgestützter Bibeldidaktik: Daniel Schüttlöffel,


Bibeldidaktik online. Wie IuK-Technologien das Verstehen der Bibel unterstützen, Verändert die Geschwindigkeit von Interaktionen
in: Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 9 (2010), H. 1, S. 52 – 77. im Netz die Auslegung der Schrift?

Bibel online
Online-Bibeln der Deutschen Bibelgesellschaft, hebräische, griechische Inwiefern kann die jeweilige Form den
und lateinische Urtexte: www.ekd.de/url/lesebuch14-urtexte Offenbarungscharakter der Bibel beeinflussen?
kapitel 03 die digitale kirche / thema religion in computerspielen / 99
religion in computerspielen

Die Taufe in „Bioshock Infinite“


Explizit religiöse Computerspiele haben es schwer.
Dabei sind viele Spiele durchzogen von religiösen Bezügen, Ritualen und Verweisen
< Von Michael Waltemathe>

C
omputerspiele sind aus der Jugendkultur schaffen eigene Regeln. Aus dem Actionspiel „Deus Ex“
nicht mehr wegzudenken. Was Verkaufs- haben die Spieler beispielsweise eine Art Sportwett­bewerb
zahlen und Produktionsbudgets angeht, bzw. ein Erkundungsspiel gemacht. Sie nutzen die Haft-
sind Computerspiele in derselben Liga minen, die eigentlich zum Töten von Gegnern gedacht
wie Kinofilme und Musikalben angekom- sind, als Kletteranker, um Fassaden von Gebäuden zu er-
men. Im Alltag von Kindern und Jugendlichen spielen sie klettern und Zugang hinter die Kulissen der Spielewelt
eine herausragende Rolle: 2013 spielten 45 Prozent der zu erlangen. Dr. Michael Waltemathe
12 bis 18-Jährigen mehrmals pro Woche Computer­spiele, Wie sind religiöse Inhalte innerhalb dieser symbo- ist Akademischer Oberrat am
1 knapp die Hälfte von ihnen sogar täglich1. Computer- lischen Universen vermittelbar, wenn diese Computer-­ Lehrstuhl für Praktische
spiele sind bei männlichen Jugendlichen wichtiger als Welten einen spielerischen Zugang erfordern, ermöglichen Theologie (Religions­pädagogik)
JIM-Studie 2013.
an der Evangelisch-­
Jugend, Information, fernsehen, Bücher lesen und Radio hören. Die Alltagsbe- oder eventuell sogar erzwingen? Wenn religiöse Vorstel-
Theologischen Fakultät der
(Multi-)Media, schäftigung mit dem Computerspiel dürfte weitaus höher lungen oder religiöses Wissen auf spielerische ­Weise kom-
Ruhr-Universität Bochum.
www.ekd.de/url/ liegen als die reine Spielzeit. muniziert werden: Wie wandelt sich dann der Umgang
lesebuch14-jimstudie Analysiert man die Inhalte, so kann man Computer- mit der religiösen Autorität, die sie repräsentieren? Die
spiele als symbolische Universen beschreiben, die durch Erforschung dieser Zusammenhänge ist noch am An-
eine Maschine vermittelt und erreichbar sind. Die Spieler fang. Belegbar sind die religiösen Inhalte der erzählten
tauchen in diese Welten ein und erschließen sich spiele- Geschichten. Diese sind jedoch meist Transformationen
risch Varianten jenes symbolischen Universums. Sie ge- historischer religiöser Inhalte, angepasst an eine vorge-
hen auch mit den Regeln spielerisch um und erschaffen gebene Spielewelt. Das Spiel „Bioshock Infinite“2 spielt 2
so individuelle Varianten des symbolischen Universums. mit der Taufszene: Am Anfang wird sie als Persiflage www.bioshockinfinite.com
Während die Regeln eines Computerspiels nicht grund- des christlichen Ritus dargestellt, im Spiel kehrt sie aber
sätzlich veränderbar sind, gehen Spieler regelmäßig über auch in einer ursprünglicheren Form wieder. Diese Sze-
die vorgegebenen Möglichkeiten des Spiels hinaus und nen sind in die Spielgeschichte so eingebettet, dass jedem
100 / kapitel 03 die digitale kirche / thema religion in computerspielen / artikel die taufe in „bioshock infinite“

Spieler auch bei der Persiflage der religiöse Charakter mor und Religion. Sie erproben und machen so alles
sofort deutlich wird, auch wenn die Szene befremdlich (selbst ihre eigene Regelstruktur) verhandelbar. Alle In-
und verstörend wirkt. Diese Verfremdung und Persiflage halte des Computerspiels – auch die religiösen – werden
etablierter Religion bereitet den Spieler auf den Eintritt als Teil einer manipulierbaren, virtuellen Fantasiewelt
in eine Gesellschaft voller persiflierter, verstörend ver- wahrgenommen. Ob und wieweit diese Inhalte dabei die
fremdeter Werte und Normen vor. Das transformierte Bedeutung behalten bzw. erlangen, die sie in der Alltags-
religiöse Ritual setzt also den Kontext des zu erwartenden welt haben, ist fraglich. Das Computerspiel stellt also
Spiels. eine Parallelwelt zur Bedeutungswelt der Alltagswelt dar.
Während die Spieleinhalte und deren religiöse Kon- Damit hat es eine direkte Parallele zur Transzendenz, die
notationen relativ leicht zu erforschen sind, steht die auch darauf verweist, dass alles anders sein könnte, als
Erforschung der Rezeption noch am Anfang. Com­ es erscheint. Religiöse Inhalte in Computerspielen sind
­
puterspiele verhandeln re- also prinzipiell dem Medi-
gelmäßig ethisch-religiöse um Computerspiel mehr
Motive und stellen sie spie- als angemessen.

3
lerisch auf den Prüfstand. Das Computerspiel hat eine Religiöse Inhalte als
Das Spiel „Walking Dead“ 3
unabhängiger Spieleinhalt
www.ekd.de/url/ verlangt vom Spieler eine Parallele zur Transzendenz – sind eher die Ausnahme.
lesebuch14-games Entscheidung: sich selbst alles könnte auch anders sein, Greg Perreault von der
opfern oder ein kleines University of Missouri
Mädchen in Lebensgefahr als es erscheint konnte zeigen, dass Reli-
bringen. Dieses „Opfer“ gion in Computerspielen
muss allerdings durch das häufig im Kontext von
Mädchen selbst vollzogen Gewalt thematisiert wird.5 5
werden. Die Spieler diskutieren das in den Online-Foren Perreault untersuchte Spiele, in deren Geschichte Reli- Präsentation von Greg
4 kontrovers, ebenso wie beim Spiel „The Last of Us“4, in gion vorkommt. Das Motiv des Kreuzfahrers und Tem- Perreault, Text, Image,
www.ekd.de/url/
dem durch die Tötung eines Mädchens die Menschheit pelritters nimmt eine herausragende Rolle ein. Auch Violent Games and God.
lesebuch14-lastofus gerettet werden könnte, der Spielecharakter sich aber be- muss der Spieler religiös konnotierte Schuld bzw. Sünde A Concept Explication of
wusst dagegen ausspricht. Es ist wichtig, herauszufinden, überwinden und gegen religiöse Eiferer kämpfen. Ob Depiction, International
ob Spieler diese Inhalte eigentlich als religiös wahrneh- dieser Zusammenhang seinem Ursprung in der The- Communication Association,
men und wie sie damit umgehen. matisierung von Gewalt im Computerspiel und einer so London 2013,
Andere Spiele thematisieren das Leben nach dem bedingten Kontextualisierung von Religion geschuldet www.ekd.de/url/
lesebuch14-konzept
Tod oder erfragen die Rechtfertigung von Gewalthand- ist oder ob Religion selbst als Auslöser von Gewalt wahr-
lungen. Ergebnisse einer Rezeptionsforschung zum genommen wird, ist bislang nicht geklärt.
Thema Religion im Computerspiel wären daher sehr Das Christentum als explizite Religion spielt eher
interessant. Denn Computerspiele bewegen sich sozial­ eine untergeordnete Rolle im Computerspiel. Dies mag
phänomenologisch betrachtet zwischen Fantasie, Hu- daran liegen, dass Computerspiele auf einen globalen
kapitel 03 die digitale kirche / thema religion in computerspielen / artikel die taufe in „bioshock infinite“ / 101

Markt zielen. Ein Spiel muss kulturell kompatibel und Handwerkszeug zur Identifikation religiöser Symbol-
der Inhalt global verständlich und akzeptabel sein, damit sprachen in der Popularkultur an die Hand geben kann.
es hohe Verkaufszahlen erreicht. Das ist gerade bei reli­ Auf der anderen Seite scheint ein Blick auf die impliziten
giösen Inhalten nur schwer zu bewerkstelligen. Ein ex­ Ausdrucksmöglichkeiten der Spielerkultur angebracht. In
plizit christliches Spiel würde also auf einen relativ kleinen jüngster Zeit halten mehr und mehr Computerspieler und
Markt zielen. Da die Produktionskosten von Computer- -spielerinnen auf Videoportalen wie YouTube ihr Spielen
spielen extrem hoch sind, lohnt eine solche Produktion visuell fest, kommentieren es und machen es dann einem
nur eingeschränkt. Gleichzeitig stellen Computerspieler breiten Publikum online zugänglich. Diese Videopräsen-
und -spielerinnen hohe Anforderungen an die technische tationen zu erforschen, scheint eine Möglichkeit für bes-
Qualität. Ein religiöses oder religionsaffines Spiel kann sere Erkenntnisse über die Rezeption religiöser Inhalte in
in dieser Beziehung aus Budgetgründen meist qualitativ Computerspielen zu sein.
nicht mithalten und macht so schnell einen veralteten Eine weitere Ausdrucksmöglichkeit bietet ein ungleich
Eindruck. Wenn dann auch noch religiöse Inhalte, die ja größeres Potenzial. Auf der Website „gamessavedmylife“ Website
ihre Autorität oft aus Traditionszusammenhängen ziehen, berichten Menschen mit chronischen Krankheiten oder
www.gamessavedmylife.
das Spiel ausmachen, ist ein solches Produkt schwer zu anderen gesundheitlichen und sozialen Problemen darü- tumblr.com
vermarkten. ber, wie das Computerspiel für sie ein Werkzeug im Um-
Trotzdem finden sich in kommerziellen Spielen im- gang mit diesen Problemen ist und ihr Leben verbessert
mer wieder religiöse Motive bzw. werden diese von Spie- hat. Die veröffentlichten Berichte lesen sich auf den ersten
lerinnen und Spielern eingebracht. In Online-Spielen, in Blick wie religiöse Konversionserzählungen. Ein aktuel-
denen Gruppen von Spielern gemeinsam das Leben in ei- les Forschungsprojekt von Greg Perreault und Michael
ner Fantasiewelt simulieren, werden religiöse Rituale wie Waltemathe geht zurzeit dieser Parallele nach und unter-
Trauungen und Beerdigungen inszeniert. So gibt es zum sucht die Überschneidungen von religiöser Konversion
Beispiel Hochzeiten in „World of Warcraft“ oder Trauer- und lebensrettenden Potenzialen von Computer­spielen.
rituale für den endgültigen Abschied eines Spielers aus Untersucht wird die These, ob das Computerspiel als
6 einer Online-Welt.6 virtuelle Welt neben der Alltagswelt und anderen Aspek-
Da der „bloße“ Tod der Weiterhin finden sich in Computerspielen Motive ten der Lebenswelt durch seinen interaktiven Charakter
Spielerfigur in der Regel wie Selbstaufopferung („Star Wars“, „The Last of Us“, Handlungsmöglichkeiten bietet, die die Überwindung
innerhalb eines Spieles „Walking Dead“), Leben nach dem Tod, religiöse Mo- lebensfeindlicher Angewohnheiten ermöglicht. Dieser
reversibel und damit ohne tivation für moralische Entscheidungen („Fallout“) und interaktive Charakter lässt sich sozialphänomenologisch
Konsequenzen bleibt, die Transformation etablierter religiöser Praxis in einer ähnlich wie eine religiöse Weltanschauung beschreiben.
nimmt die Löschung des Spielewelt (Taufe in „Bioshock Infinite“). Diese sind ein- Diese These kann also anhand der Analyse religiöser und
Spielerkontos die Stellung fach als religiöse Motive zu identifizieren. Die Frage, ob „computerspielerischer“ Konversionserzählungen über-
des Todes ein und diese Motive auch von den Spielern als solche erkannt prüft werden.
fordert so zur religiösen
werden, bleibt offen. Hier könnte auf der einen Seite die Während christliche oder kirchliche Spiele – wie oben
Rahmung auf.
praktische Theologie, insbesondere die Religionspädago- beschrieben – vermutlich mehrheitlich technisch hinter
gik, gefragt sein, die den Spielerinnen und Spielern das den großen kommerziellen Produkten der Branche hin-
102 / kapitel 03 die digitale kirche / thema religion in computerspielen / weiterlesen

terherhinken werden, ist die Interpretation solcher Spiele


und das Aufdecken des religiösen Potenzials ein Feld, in
dem kirchliches Engagement lohnenswert scheint. Das Weiterlesen zum Thema
explizit nichtreligiöse Portal „gamessavedmylife“ kann „Religion in Computerspielen“
hier wegweisend sein, denn es zeigt die positiven Wir-
kungen von Computerspielen und deren Inhalten anhand Eine Abhandlung über Computerspiele
persönlicher Berichte. Werden religiöse Inhalte wahrge- aus explizit christlicher Perspektive:
nommen – und Diskussionen von Spielern über Inhalte Kevin Schut, Of Games and God. A Christian Exploration
wie Selbstaufopferung etc. legen dies nahe –, dann sollte of Video Games, Grand Rapids 2013.
dies kommuniziert werden und die Kirche kann darauf
reagieren. Ein Sammelband mit Perspektiven internationaler Forscher
Religiöse Interpretationen von Spielen könnten eini- auf das Feld Religion und Computerspiele:
ge überraschende Überschneidungen mit der christlichen Heidi Campbell und Gregory Price Grieve, Playing with Religion
Botschaft zeigen. Aber auch Engagement in der Veröf- in Digital Games, Bloomington 2014.
fentlichung von Spielvideos mit explizit religiösen Inter- Michael Waltemathe, Religion spielen. Zur Konstruktion
pretationen kann den vorhandenen Markt der Spielvideos von virtuellen Lernumgebungen, in: Gerhard Büttner (Hg.),
erweitern und die religiöse Perspektive dort effizient ins Lernwege im Religionsunterricht.
Website
Gespräch bringen, ohne altbacken zu wirken. Es gibt in Konstruktivistische Perspektiven, Stuttgart 2006, S. 145–159.
www.gamechurch.com diesem Bereich schon einige Initiativen im englischspra-
chigen Bereich, z. B. „gamechurch“. Diese sind zwar nicht Dissertationen zum Thema Computerspiele und Religionsunterricht:
direkt auf den deutschen Kontext übertragbar, geben aber Michael Waltemathe, Computer-Welten und Religion: Aspekte angemessenen
interessante Hinweise, was möglich ist und von Spielern Computergebrauchs in religiösen Lernprozessen, Hamburg 2011;
7 wahrgenommen wird.7 Astrid Haack, Computerspiele als Teil der Jugendkultur. Herausforderungen
Auf der Seite
Ein solcher konstruktiver Umgang mit den positiven für den Religionsunterricht, Erlangen 2010.
www.christian-gaming.com Potenzialen von kommerziellen Computerspielen würde
gibt es einige dem Medium Rechnung tragen, ohne in eine bewahr-
Spiele­rezensionen und pädagogische Haltung zu verfallen. So wäre es möglich,
Spielevideos mit Kritik an menschenverachtenden Gewaltdarstellungen
christlichem Fokus. in Computerspielen zu üben, ohne das Computerspiel
an sich zu verdammen. Gleichzeitig würden die Dis-
kussionen, die die Spieler unter sich online führen, auf-
genommen und wertgeschätzt. Kirchliches Engagement
würde nicht neben, sondern mit der Spieler-Community
stattfinden. Dabei wären dann kirchliche Interpretations­
angebote zwar immer noch in der Tradition verankert,
aber am aktuellen Diskurs der Spieler orientiert. < 
galerie drei
galerie / 103

Ein Online-Glaubenskurs,
ein virtuelles religionspädagogisches
Institut und die Kirchen-App
auf dem Smartphone – es gibt
zahllose gelungene Beispiele,
wie Glaube und Religion im Netz
gelebt werden.
Auf den folgenden Seiten haben
wir eine bunte Sammlung
zusammengestellt von Kirche,
Glaube und Religion in der
digitalen Welt – ohne Anspruch
Taufspruch
auf Vollständigkeit. Zum Blättern, www.taufspruch.de

Freuen, Inspirierenlassen In drei Klicks zum passenden Bibelvers:


Auf den Seiten von evangelisch.de und der Evangelisch-
Lutherischen Kirche in Bayern kann man einen
Taufspruch, Trauspruch (www.trauspruch.de)
oder Konfirmationsspruch (www.konfispruch.de) ganz
persönlich auswählen.
104 / galerie

Konfirmanden-Kanal Sacred Space Bilder aus der schwedischen Kirche


www.youtube.com/smendling de.sacredspace.ie www.instagram.com/svenskakyrkan

Stefan Mendling, Pfarrer in Wiesbach (Pfalz), Die Website lädt dazu ein, täglich zehn Mit einem Instagram-Auftritt bietet die
arbeitet mit seinen Konfirmanden Minuten innezuhalten, um zu beten. „svenska kyrkan“, die evangelisch-lutherische
zu Themen wie Toleranz, Schuld oder Helden Das Angebot der irischen Jesuiten in Kirche von Schweden, Einblicke in ihr
in Video-Workshops. Auf seinem YouTube- 20 Sprachen führt durch ein tägliches Gebet Leben und Wirken: Fotos von Ausstellungen,
Kanal sind die Ergebnisse zu sehen: und die Bibelstelle des Tages. Gottesdiensten, Ausflügen, Konzerten
tolle Stop-Motion-Videos, deren und mehr. Jede Woche übernimmt
Gebete auf Facebook:
Making-ofs und Straßenumfragen mit eine andere Person den Account und kann
Auch auf dem Facebook-Auftritt von
dem „Pinken Mikrofon“. sein(e) Bild(er) der Kirche posten.
evangelisch.de gibt es ein tägliches
Morgengebet zum Mitbeten,
Teilen und Liken:
www.facebook.com/evangelischde
galerie / 105

rpi virtuell Gebete online


www.rpi-virtuell.net gebet.bayern-evangelisch.de

Das virtuelle religionspädagogische Institut Mit einer digitalen Gebetszettelwand


ist die überkonfessionelle Plattform für will die Evangelisch-Lutherische Kirche in
Religionspädagogik und Religionsunterricht. Bayern eine Gebetsgemeinschaft pflegen
Im umfangreichen Materialpool kann und fördern. Hier kann jeder ein eigenes
man sein eigenes Profil anlegen, Material Gebet anpinnen oder auch für die Anliegen
herunterladen und einstellen, verwalten anderer mitbeten. Außerdem gibt es App zur Hamburger Kirchennacht
und empfehlen. Der Austausch in Informationen rund ums Beten und Texte apps.appmachine.com/nachtderkirchenhamburg
Gruppen und ein kostenloser Online- und für alle Anlässe.
Kirchen, Künstler, Alsterschiffe, Orte,
Telefonsupport ergänzen das Angebot,
Pläne und Programme zur Hamburger
das im Auftrag der EKD betrieben wird.
Kirchennacht gibt es in dieser App.
106 / galerie

Veranstaltungsregeln Gemeindemenschen
www.twitter.com/ www.gemeindemenschen.de
Veranst͟Regel
Wissen und Beratung
Frei nach Murphys für Ehrenamtliche
Gesetz „Alles, was in Gemeinde und
schiefgehen kann, wird Diakonie: vom aktiven
schiefgehen“ sammelte Zuhören bis zu
Pfarrer Heiko Kuschel Urheberrechtsthemen.
auf Twitter kirchliche Themenpaten beantworten
Veranstaltungsregeln. Auf darüber hinaus
evangelisch.de bloggt er: die Fragen der User.
www.weblogs.evangelisch.de/
weblogs/stilvoll-glauben

i-Church Kirchengeschichten
www.i-church.org www.kirchengeschichten.
blogspot.de
Eine Community der
Diözese von Oxford in Unter dem Motto
benediktinischer Tradition. „Der Blick von der
Man kommt regelmäßig Kanzel“ bloggt
in der virtuellen Kapelle ein rheinischer Pfarrer und
für Gebete zusammen, Assistent am Lehrstuhl
tauscht sich aus in Foren für Kirchengeschichte
und begleitet einander „Gedanken, die sich ein
im Glauben. Pfarrer so macht“.
galerie / 107

Online Glauben Kirche und Social Media


www.online-glauben.de www.facebook.com/groups/110032705759320

Ein Online-Glaubenskurs in acht Stationen von der Eine Facebook-Gruppe rund ums Thema Social Media
Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste und der und Kirche (der Gruppe muss man beitreten).
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: lesen – mitreden.
Liturgie: Diskussionen zu liturgischen Fragen unter
Ganz offen über den Glauben sprechen kann man auch www.facebook.com/groups/jahrdesgottesdienstes
unter www.glauben2017.de, einem Projekt der Evangelischen (auch dieser Gruppe muss man beitreten, um zu
Landeskirche in Baden. posten und zu kommentieren).
108 / galerie

Kirchen entdecken VThK chrismon als App


www.kirchen-app.de www.vthk.de www.chrismon.de/ueber-uns/chrismon-app

Die im Aufbau befindliche Kirchen-App Der „Virtuelle Katalog Theologie und Das evangelische Monatsmagazin chrismon
der EKD ermöglicht es Interessierten, Kirche“ verlinkt Medien von rund als kostenlose Tablet-App, aufbereitet
auf Smartphones Kirchen und Luther- 120 Online-Katalogen kirchlich- mit multimedialen Inhalten wie Videos,
Orte in ihrer Umgebung zu finden. wissenschaftlicher Bibliotheken des Bildergalerien, Animationen und Podcasts.
Basisinformationen wie Öffnungs- und deutschsprachigen Raums – nach eigenen
Gottesdienstzeiten sowie Telefonnummern Angaben mehr als sechs Millionen.
und Internetadressen erlauben eine
Virtuelle Fachbibliothek: Auf www.ixtheo.de,
Kontaktaufnahme.
einer Website der Eberhard Karls Universität
Der Prototyp ist im App-Store erhältlich.
Tübingen, kann man in mehr als 600
theologischen Zeitschriften, Festschriften und
Kongresspublikationen nach Artikeln suchen.
kapitel 04
glauben und social media / seite 110

jenseits der parochie / seite 110


besucht die blogs! / seite 113

der „iconic turn” / seite 116

die
rückkehr zu den bildern / seite 116

beten im netz / seite 120

online statt in der kammer beten / seite 120

digitale
trauerkultur im netz / seite 122

das internet als ort des gedenkens / seite 122

zeigen, was man glaubt / seite 125

bekennt euch! / seite 125

praxis
dein smartphone sagt, was du glaubst / seite 126

glaubensexperten online / seite 127

hallo, herr pfarrer! / seite 127

die gemeinde-homepage / seite 129

das fenster zur welt / seite 129


Die Kommunikation
seelsorge online / seite 132
des Evangeliums konkret willkommen im chat / seite 132

kirchlicher datenschutz / seite 134

„menschen schützen, nicht daten“ / seite 134


110 / kapitel 04 die digitale praxis / thema glauben und social media / artikel jenseits der parochie
110 / kapitel 04 die digitale praxis / thema glauben und social media
glauben und social media

Jenseits der Parochie


Haben die sozialen Medien eine Relevanz für die Tätigkeit des Pfarrers?
Und wie verändern sie Verkündigung und Gemeindearbeit? Die Theologen und
Internetkenner Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Ralf Peter Reimann
und Alexander Ebel stellen in einem Aufsatz im Deutschen Pfarrerblatt aus
dem Jahr 2013 eine evangelische Social-Media-Strategie vor.
Ihre wichtigsten Thesen zusammengefasst

Wolfgang Lünenbürger- 1. Im sozialen Netz kommunizieren keine Kommentarfunktionen bieten, auch wenn sie „gut
Reidenbach/Ralf Peter Menschen, nicht Institutionen gestaltete Service-Bereiche“ und Nachrichten böten. Es
Reimann/Alexander Ebel, Glossar
Um die Präsenz der Kirche in sozialen Netzwerken sicht- gebe aber kein Gespräch, keine Interaktion. Auch im so-
Jenseits der Parochie.
Kirche und Social Media,
bar werden zu lassen, muss sie auf Einzelpersonen setzen, zialen Netz werde als Institution kommuniziert, da für Social Media / Seite 145
in: Deutsches
„die als Individuen für die Institution kommunizieren“. Social Media in der Regel (noch) keine Ressourcen zur Internet / Seite 144
Pfarrerblatt, 2 (2013), Je profilierter diese Personen seien, desto stärker würden Verfügung ständen. Online / Seite 144
www.ekd.de/url/ sie als Vertreter einer Institution in den Hintergrund tre- Blog / Seite 143
lesebuch14-parochie ten, schreiben die Autoren. Bisher versuche die Kirche 3. Privates und Dienstliches verschmilzt Twitter / Seite 145
als Institution im Internet zu kommunizieren: „Es gibt Aus der „Personalisierung von Social-Media-Auftritten“ Facebook / Seite 144

offizielle Websites der EKD, der Landeskirchen, von Kir- – womit gemeint ist, dass Einzelpersonen (und nicht die
chenkreisen, Ämtern, Werken und Einrichtungen.“ Diese Institution) bloggen, twittern oder eine Facebook-Seite
Websites zeichneten sich zwar durch Professionalität in betreiben – „ergibt sich die Herausforderung ( . . . ), wie
der Erstellung aus, es fehle jedoch eine am Dialog orien- die private und die berufliche Rolle in Einklang gebracht
tierte, plurale evangelische Plattform. werden kann“, schreiben die Autoren, „denn wer mit ei-
nem Kommunikationsauftrag betraut ist, kann diesen
2. Interaktion ausbauen nicht vollständig von seiner Person trennen“. Auf Face­
Die Autoren sehen einen Nachteil darin, dass die On- book bedeute das in der Regel, dass sich private und
line-Präsenzen von EKD und Landeskirchen in der ­Regel berufliche Kontakte nicht überall sauber unterscheiden
kapitel 04 die digitale praxis / thema glauben und social media / artikel jenseits der parochie / 111

ließen, aber auch auf Twitter und in einem Blog sei „eine Einwände gegen eine Nutzung von Facebook aus Daten-
Differenzierung nach privaten und beruflichen Rollen schutzgründen. Insbesondere für Seelsorgekommunika-
nicht trivial“. tion sei Facebook aus datenschutzrechtlicher Sicht nicht
Allerdings erleichtere die evangelische Auffassung geeignet.
vom Dienst in der Kirche hier die Situation sehr: „Wo
Privatleben und Beruf ohnehin weit weniger getrennt 5. Zur Nutzung von Facebook
werden als in vielen anderen Berufen, bieten Lokalisie- Für Pfarrerinnen und Pfarrer sei es wichtig, dass ihr
rung und Personalisierung im Gegenteil die Chance, Umgang mit Kontakten ihrem Amt und ihrem Amtsver-
die Einheit von Lebensführung und Beruf(ung) zu un- ständnis entspräche. Die Autoren empfehlen ihnen hier-
terstreichen und damit einen weiteren Baustein zu einer zu, jede Kontaktanfrage aus der Gemeinde anzunehmen,
personalen Glaubwürdigkeit zu liefern.“ Hierbei seien aber selbst keine Kontaktanfragen zu stellen, „die sich
nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrer angesprochen, son- nicht aus der Intensität der Beziehung in der ,Kohlen-
dern auch Jugendleiter und alle anderen kirchennahen stoffwelt‘ ergeben“. Mit der Privatsphäre von Minderjäh-
Personen. rigen sei besonders sorgsam umzugehen. „Jeder Anschein
möglichen Missbrauchs ist zu vermeiden.“ Vorschläge für
4. Facebook in der Gemeindearbeit den Umgang mit Facebook sind:
Kern der von Lünenbürger-Reidenbach, Reimann und • „Öffentliche Einträge (Posts) eignen sich für Gedanken
Ebel entwickelten Social-Media-Strategie ist die Ermuti- und Fragen an die Gemeinde“, neben Texten können
gung von Pfarrerinnen und Pfarrern im Gemeindedienst, auch Bilder oder Videos veröffentlicht werden, ebenso
ein persönliches Profil auf Facebook zu führen. Sie argu- Hinweise auf andere Internetseiten.
mentieren: • Für die Konfirmandenarbeit kann eine Facebook-Grup-
„Wenn rund 50 Prozent der Erwachsenen in Deutsch- pe eingerichtet werden; hier können kurze Nachrichten,
land einen Facebook-Zugang nutzen und fast 100 Pro- Aufgaben oder Terminabsprachen eingetragen werden.
zent der Jugendlichen darüber Verabredungen treffen, • Auf Facebook ist die Pfarrerin oder der Pfarrer genauso
ist es nur für wenige Pfarrerinnen und Pfarrer eine verbindlich und zuverlässig wie auf anderen Kanälen
ernsthafte Option, diesen Kanal nicht für die Kommu- wie Telefon oder E-Mail.
nikation mit ihrer Gemeinde zu nutzen – so wie es heute • Kirchenintern können „Social-Media-Guidelines“ fest-
im Pfarrdienst niemanden mehr geben wird, der nicht gelegt werden, die „ausbuchstabieren, wie man sich an-
das Telefon nutzt, und nur sehr wenige, die nicht per gemessen in sozialen Netzen verhält“.
E-Mail angesprochen werden können.“
6. Weitere Formen von Social Media
Facebook solle dabei nicht das persönliche Gespräch bzw. In Blogs können etwa Pfarrer oder Gemeindemitglieder
die Präsenz auf kommunalen Veranstaltungen ersetzen. über Ereignisse der Kirchengemeinde berichten, oder
Es sei vielmehr eine Erweiterung des Repertoires. Die auch das lokal- bis weltpolitische Tagesgeschehen „reflek- 1
Entscheidung, Facebook zu nutzen, müsse jedoch eigen- tierend kommentieren und aus christlicher Perspektive Vgl. http://pfarrer.
verantwortlich getroffen werden, denn es gebe berechtigte einordnen“1. Großveranstaltungen (z.  B. Kirchentage, herzblut.fm
112 / kapitel 04 die digitale praxis / thema glauben und social media / artikel jenseits der parochie

Kirchenwahlen und Ähnliches) können von den Teilneh- kleine Veranstaltungen zeigen, auf denen sich Menschen
2 menden auch via Twitter begleitet werden.2 Für Personen treffen, die sich zuvor nur durch das Internet kannten. Zu-
des öffentlichen Lebens („Public Figures“) können auf gespitzt ließe sich formulieren: Ein ­Social-Media-Pfarrer ist
Vgl. www.twitter.com/
Facebook außerdem Fanpages eingerichtet werden3; diese also durchaus ein Gemeinde­pfarrer. Und ein Gemeinde­
pastorsandy
unterscheiden sich von persönlichen Facebook-Konten pfarrer ist auch ein Social-­Media-Pfarrer. Eventuell wirft
(Profilen). Eine weitere Möglichkeit ist, Predigten oder das für Kirche neue Fragen auf. Für diejenigen, die sich
Ansprachen als Video bei YouTube zu veröffentlichen diese Gemeindeform aussuchen, ist es hingegen selbst­
3 und über andere Netzwerke zu verbreiten. Die Termine verständlich.
Vgl. die Fanpage des eines Bischofs, einer Kirchenpräsidentin oder eines Präses
bayerischen Landesbischofs könnten mittels eines öffentlichen Terminkalenders be- 8. Pfarrerzentriertheit
Bedford-Strohm,
kanntgegeben werden, der von Internetnutzern abonniert oder Gemeindeaktivität?
www.facebook.com/
werden kann. Dass sich Kirchenkommunikation auf Pfarrer zentriert,
landesbischof
ist zwar sinnvoll, stellt aber besonders Gemeinden refor-
7. Neue Gemeinschaftsformen mierter Prägung vor neue Herausforderungen. So kann
Ein Problem könnte auftauchen, wenn der Pfarrer die jede Landeskirche Jugendleiter, Kirchenmusiker und ein-
Gemeinde wechselt, die Kontakte aber nicht an der zelne Mitglieder dazu einladen, ihren Glauben und Kir-
Glossar Ortsgemeinde, sondern an ihm und che in sozialen Netzwerken sichtbar zu
YouTube / Seite 146 seinen Social-Media-Kanälen hängen. kommunizieren.
Allerdings besteht dieses Risiko sowie-
so, unabhängig vom Netz. Wichtiger Es können auch 9. Crossmediale Verzahnung
visibler Personen
sei die Chance, Menschen einen Ge- „Gemeinden“ von
sprächspartner in Glaubens- und Kir- Im Rahmen einer evangelisch-kirch-
chenfragen anzubieten. Wichtig ist es kirchenfernen lichen Social-Media-Strategie könn-
dann, den Kontakt mit den Menschen
aus der ehemaligen (nicht personali-
Kirchenmitgliedern ten medial präsente Personen in einen
Dialog- und Kommunikationszu-
sierten) Ortsgemeinde zu halten, auch oder Interessierten sammenhang in sozialen Netzwer-
indem der Pfarrer sein Facebook-Profil ken eingebunden werden. Autoren
weiterhin pflegt.
entstehen und Sprecher kirchlicher Radio- und
Spannend zu beobachten wird sein, TV-Beiträge könnten beispielsweise
dass – neben den Parochien – auch eine persönliche Website, ihren You-
„Gemeinden“ von kirchenfernen Kirchenmitgliedern oder Tube-Kanal oder ihre Facebook-Seite zur kontinuierli-
4 Interessierten entstehen können, die sich um einen Pfar- chen Verkündigung nutzen. Diese Menschen wären dann
Sascha Lobo rer, dem sie vertrauen, und dessen Facebook-Profil drehen. als kommunikative Marke in sozialen Netzwerken unter-
Meine Heimat Internet, Besonders für Menschen, die das Internet als eine Heimat wegs, um Menschen ohne direkten Kirchenkontakt eine
www.ekd.de/url/ empfinden,4 kann diese Form von Gemeinde eine räum- Projektionsfläche zu bieten.
lesebuch14-internetheimat liche Dimension entwickeln, wie zahlreiche große und  < Abstract: Saara von Alten >
kapitel 04 die digitale praxis / thema glauben und social media / artikel besucht die blogs! / 113

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außerhalb der Kirche, nämlich im Netz statt. Werbung und PR sind dabei
nicht gefragt. Dafür wird die Privatperson zur Autorität, schreibt
die Bloggerin und Redakteurin Antje Schrupp – hier eine Kurzform
ihres Beitrags aus dem Deutschen Pfarrerblatt

W
Den Artikel finden Sie in er etwas veröffentlichen wollte, der brauch- nommen, die bestimmte Menschen, speziell Pfarrerinnen
seiner Langfassung hier: te, bevor es das Internet gab, Zugang zu und Pfarrer, mit der Verkündigung ihrer Glaubensinhalte
Antje Schrupp, Bloggen Ressourcen und gesellschaftlichen Macht- und der Repräsentation nach außen beauftragt. Die ein-
über den Glauben? positionen: zu Papier und Druckmaschinen, Radiostatio- fachen Kirchenmitglieder halten ihren Glauben größten-
Erfahrungen, Analysen,
nen, Fernsehsendern. In den Redaktionen wurde darüber teils für ihre Privatsache.
Konzepte für die Zukunft,
entschieden, was wichtig genug war, um gedruckt oder
in: Deutsches
gesendet zu werden. Mit dem Internet ist nun erstmals Hingehen, wo die Nutzer sind
Pfarrerblatt, 7 (2013),
www.ekd.de/url/
unbegrenzter Raum für jede erdenkliche Art der Publika- Doch diese Aufgabenteilung ist im Internet kaum auf-
lesebuch14-bloggen tion vorhanden. Was das Internet für die Kirche bedeutet, rechtzuerhalten. Es ist falsch zu glauben, die Zurückhal-
ist derzeit aber kaum Thema. Das liegt auch daran, dass tung kirchlicher Akteure in puncto Internet bedeute, dass
Menschen, die der Kirche eng verbunden sind, das Inter- es dort keinen Diskurs über religiöse Themen gäbe, ganz
net noch sehr viel zurückhaltender nutzen als der Durch- im Gegenteil: Vor allem kirchenkritische Stimmen sind
schnitt der Bevölkerung. Hier wirkt sich zum einen im Netz gut vertreten, es wird rege über Glaubensdin-
der im Vergleich zur Gesamtbevölkerung hohe Alters­ ge, über Gott und über das Christentum diskutiert – nur
durchschnitt der Kirchenmitglieder aus, andererseits die dass sich eben die offiziellen kirchlichen Funktionsträger
Mehr dazu
kirchliche Milieuverengung, die sich auch in unterschied- an diesem Diskurs kaum beteiligen. Wenn überhaupt,
in Kapitel 1 dieses lichem Kommunikationsverhalten niederschlägt. sind sie auf eigenen Homepages und Plattformen aktiv,
Lesebuchs ab Seite 11 Dabei liegt es auf der Hand, dass das evangelische jedoch nur selten an den Orten im Netz zu finden, wo
Diktum vom Priestertum aller Gläubigen geradezu prä- andere über solche Fragen diskutieren. Anders als bei
destiniert dafür wäre, die neuen Kommunikationsmög- Postsendungen oder Plakaten werden Inhalte im Internet Website

lichkeiten aktiv zu nutzen. Doch faktisch wird auch die nur relevant, wenn User sie aktiv aufsuchen oder in ihren www.ekd.de/url/
evangelische Kirche weitgehend als Institution wahrge- eigenen Netzwerken weiterverbreiten. lesebuch14-twitter
114 / kapitel 04 die digitale praxis / thema glauben und social media / artikel besucht die blogs!

So wird kaum jemand, der nicht stark kirchenverbunden ihrem Alltagsgeschäft stark ausgelastet. Hier müssen sich
ist, einen dezidiert theologischen oder gemeindebezoge- alle zuständig fühlen, denen am Christentum und seinen
nen Blog abonnieren. Es ist also notwendig, die eigenen Inhalten etwas liegt.
Botschaften auch dort ins Gespräch zu bringen, wo die
Adressaten sich aufhalten. Ein theologischer Beitrag, der Berichte aus dem Alltag als Christ
sich aus christlicher Perspektive kritisch mit der heutigen So etwas wie „evangelische Kirche“ ist als inhaltliches Label
Leistungsideologie beschäftigt, wird kaum gelesen wer- für einen Internetauftritt überhaupt nicht geeignet, denn
den, wenn er lediglich auf der Homepage einer Gemein- kaum jemand wird sich gleichzeitig für Kirchenkonzerte,
de veröffentlicht wird. Er kann aber durchaus als Kom- Krabbelstuben, Obdachlosenarbeit, Bibelkreise oder psy-
mentar in einem Blog zum Thema „Armut“ Reichweite chologische Beratungsstellen interessieren. Wenn allerdings
er­zielen oder in einem Forum, in dem über das bedin- diejenigen, die sich in einem dieser Bereiche engagieren,
gungslose Grundeinkommen diskutiert wird. selbst mit ihrer jeweiligen Kompetenz im Netz präsent und
ansprechbar sind, also der Organist, die Diakoniepfarrerin,
Glossar Erstmals interaktive der Berater oder die Hauskreisleiterin, dann können sie da-
Forum / Seite 144
Massenkommunikation bei sichtbar machen, dass das, was sie tun und sagen, ein
Christliche Verkündigung im Internet macht es erfor- Fundament im christlichen Glauben hat.
derlich, „zu den Menschen zu gehen“, und das bedeutet Gerade an diesem Punkt beobachte ich zudem eine
auch: auf die Blogs und Seiten der anderen. Das heißt tendenzielle Umkehrung von Autorität. Während außer-
nicht, dass man ausschließlich dort publizieren sollte und halb des Internets das Wort offizieller Amtsträgerinnen
keine eigene Seite braucht. Im und Amtsträger in „Glaubensdin-
Gegenteil: Wenn ich gute Inhalte gen“ besonders gehört wird, so ist
auf meinen eigenen Seiten habe, es im Internet eher umgekehrt.
kann ich in Gesprächen mit an- Im Netz sind Privatpersonen Was „Kirchenoffizielle“ sagen,
deren per Link darauf hinweisen. steht leicht unter dem Verdacht,
Das Internet ermöglicht
die Autoritäten bloße Propaganda zu sein. Wenn
erstmals in der Geschichte der hingegen Privatpersonen von ih-
Menschheit eine interaktive Mas- rer religiösen Alltagspraxis erzäh-
senkommunikation. Unter jedem Blog-Text etwa können len, nimmt man ihnen das eher ab. Wobei das Entschei-
Website Leserinnen und Leser in aller Regel eigene Gedanken dende bei all dem die Authentizität und Wahrhaftigkeit
www.ekd.de/url/
beisteuern. Im Netz reagieren die Menschen dagegen al- ist. Die Kirche als Institution mit ihren Professionellen
lesebuch14-verstehen lergisch auf alles, was nach Werbung oder PR aussieht. kann diesen Prozess weder verordnen noch verhindern,
Bevorzugt wird der persönliche Austausch. Für die klassi- aber sie kann ihn immerhin bewusst begleiten und ihren
sche kirchliche PR wirft das natürlich Fragen auf. Wie soll Mitgliedern – zum Beispiel in Form von Fortbildungen
es praktisch möglich sein in allen möglichen Blogs und und Gelegenheiten zum Austausch und zur Vernetzung –
Foren aktiv zu sein? Öffentlichkeitsabteilungen ebenso dabei hilfreich zur Seite stehen.
wie Pfarrerinnen und Pfarrer sind schließlich schon mit  < Abstract: Saara von Alten >
kapitel 04 die digitale praxis / thema glauben und social media / weiterlesen und fragen / 115

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Glauben und Social Media“ „Glauben und Social Media“
Ein empfehlenswertes Handbuch zum Thema vom Verlag des Medienverbands
der Evangelischen Kirche im Rheinland: Mechthild Werner / Ralf Peter Reimann (Hg.),
Social Media in der Gemeinde, Düsseldorf 2013. Was bedeutet es für die Kirche, wenn Pfarrer beim
Eine Übersicht über kirchliche Social-Media-Guidelines (Stand Juli 2013): Gemeindewechsel ihre Facebook-Freunde mitnehmen
www.ekd.de/url/lesebuch14-socialmedia und sich so eine eigene digitale Gemeinde
Social Media gibt es schon seit über 2000 Jahren, zeigt dieses Buch: Tom Standage, um einen Pfarrer herum bildet?
Writing on the Wall. Social Media – The First 2000 Years, London 2013.

Hier sagen viele Ehren- und Hauptamtliche


aus Kirche und Diakonie, wie sie mit Social Media umgehen: Welche Sorgen haben Sie im Umgang mit
www.socialmedia.wir-e.de/aktuelles sozialen Medien (Vermischung von privat und öffentlich,
Das Konzept der Inkulturation ins Web 2.0 als Aufgabe von Kirche im Netz: Simon de Sichtbarkeit im Netz, Aufwand . . . )? Und welche
Vries, www.verWEBt.de. Perspektiven für Kirchengemeinden im Zeitalter des Web 2.0, in: Bildungsangebote würden Sie sich speziell
Deutsches Pfarrerblatt, 6 (2010), www.ekd.de/url/lesebuch14-inkulturation für Gemeindeglieder, ehrenamtlich und beruflich
Wie sinnvoll sind Social Media für eine Institution wie die evangelische Kirche Mitarbeitende wünschen?
überhaupt? Lars Harden / Anna Heidenreich / Lisa Carstensen, Sinn und Unsinn
von Social Media im Feld von Kirche, in: Ilona Nord/Swantje Luthe (Hg.), Social Media,
christliche Religiosität und Kirche. Studien zur Praktischen Theologie mit Muss es eine spezielle Kommunikations-
religionspädagogischem Schwerpunkt, Jena 2014, S. 375–396.
strategie für die nicht im Netz präsenten
Interessante Überlegungen dazu, inwieweit die Blog-Welt eine Art Gegenwelt Gemeindeglieder geben?
darstellen kann: Paul Emerson Teusner, Formation of a religious Technorati.
Negotiations of authority among Australian emerging church blogs, in:
Heidi A. Campell, Digital Religion. Understanding Religious Practice in New Media
Worlds, Abingdon 2013, S. 182–189.
116 / kapitel 04 die digitale praxis / thema der „iconic turn” / artikel rückkehr zu den bildern
116 / kapitel 04 die digitale praxis / thema der „iconic turn”
der „iconic turn”

Rückkehr
zu den Bildern
Digitale Bildformate wie Instagram oder YouTube werden millionenfach genutzt.
Sie sind interaktiv und wirken über Emotionen.
Will die „Kirche des Wortes“ junge Menschen erreichen, muss sie umdenken
< Von Karsten Kopjar >

D
ie protestantischen Kirchen sind „Kir- und Erfahrungen zu transportieren: Naturschauspiele,
chen des Wortes“. Unter Rückgriff auf Tanz, Lieder und dramatische Bildreden im Alten Tes-
1
die Reformatoren basieren sie auf Jesu tament. Später fixieren Schriftrollen und Kodizes diese Im Linguistic Turn des
Worten und dem gedruckten Bibelwort. Erlebnisse. Im Neuen Testament dienen Gleichnisse, 20. Jahrhunderts wurde die
Gegen den Bilderreichtum der katholi- Briefe, Lebensberichte und in der Kirchengeschichte li- Sprache in den Geistes-
und Sozialwissenschaften
schen Kirchen hat sich der Protestantismus abgegrenzt. turgische Gesänge, Kirchenfenster, Gemälde und Pro-
von ihrer Funktion als
Dr. Karsten Kopjar ist Es ist seine Stärke, den Glauben in  Worte zu fassen. zessionen als Medium. Noch im Mittelalter wird das
mediales Hilfswerkzeug
Theologe und Dozent, Wenn analog zum „Linguistic Turn“1 seit den 1990er Jah- Evangelium oft mündlich und in einfach zu verstehen-
zur elementaren Grundlage
Autor und Berater für ren im „Iconic Turn“, wie Gottfried Boehm das Phäno- den Bildern von Mensch zu Mensch weitergegeben. Die jeglichen philosophischen
Medienprojekte. men bezeichnete2, eine neue Hinwendung zu Bildern und geschriebene Bibel ist eine Quelle für den Klerus, der die Denkens erhoben.
Bildvorstellungen als Maßstab für Wissensvermittlung Hoheit über Auslegung und Umsetzung des Kirchen­
propagiert wird, fordert das zum Umdenken auf. lebens hat.
Schon in den biblischen Schriften findet man kei- Der Paradigmenwechsel hin zum gedruckten Text
neswegs eine Reduzierung auf ein bestimmtes Medium. scheint daher in der Zeit der Reformation sinnvoll und 2
Mehr dazu Wenn Gott und Mensch miteinander in Kontakt treten, notwendig. So wechselt der Wahrnehmungsfokus vom Gottfried Boehm,
in dem Text über digitale ist das immer schon ein medialer Vorgang gewesen. Ver- Ritus auf das persönliche Bibelstudium. Glaube wird ra- Die Wiederkehr der Bilder,
Bibeln ab Seite 95 schiedene Kanäle dienen dazu, Information, Emotion tionaler und privater. München 1994.
kapitel 04 die digitale praxis / thema der „iconic turn” / artikel rückkehr zu den bildern / 117

Bilder prägen unser Leben Diese „geteilte Gemeinschaftserfahrung“ kann über den
Heute sind Digitalfotografie und computergestützte Bild- lokalen Radius hinausgehen, weil man gleichzeitig den-
bearbeitung für jeden verfügbar. Unsere Schriftkultur selben Inhalt kommuniziert und so kollektive Erfahrun-
wandelt sich zur Bildkultur. Bilder prägen unser Leben, gen kreiert, über die man sich später austauschen kann.
von den Kindertagen bis zur Beerdigung. Das Smartpho- Und damit ist die Medienjugend gar nicht so weit weg
ne fängt alles ein. Selfie ist laut Oxford English Dictio- von den Eigenschaften des Gottesdienstes. Auch dort
nary das „Wort des Jahres 2013“. Auf YouTube werden proklamieren wir die „Gemeinschaft der Heiligen“ und
pro Minute über 100 Stunden Videomaterial hochgela- fühlen uns mit Christen aller Zeiten und Orte im Glau-
den. Jugendliche des 21. Jahrhunderts können sich ein ben verbunden. Auch dort beten wir miteinander, für-
Glossar Leben ohne digitale Bilder nicht mehr vorstellen. einander und denken an abwesende Menschen, die uns
Hier sind wir bei der zentralen Fragestellung: Wenn nahestehen. So sprengt die geistliche Gemeinschaft den
Smartphone / Seite 145
Selfie / Seite 145
gute Redner über Jahrtausende ihrem Publikum durch physischen Raum des Kirchengebäudes.
Second Screen / Seite 145 Worte ein Bild vor Augen stellen konnten, warum sollten Ebenso integriert die grafikaffine Generation Grund-
Instagram / Seite 144 wir uns dann vom Wort abwenden? Weil gute Redner züge kirchlicher Interaktion. Schon Jesus hat seinen Jün-
sich immer an ihrem Publikum orientiert haben. Wenn gern vorgelebt und sie ausprobieren lassen. Letztlich hat
er sie zu eigenständigen Multiplikatoren gemacht. Heute
lernen Menschen am Computer ebenso durch interakti-
ves Nachahmen: sehen, ausprobieren und weitergeben.
Unsere Schriftkultur Das Wissen wird von der Basis weiterverbreitet. User-­
generated Content füllt die Speicher von YouTube mit
wandelt sich zur Bildkultur interaktiven Tutorialvideos. Dialog statt massenmedialer
Berieselung macht die ehemals passiven Medien-Konsu-
menten zu aktiven Prosumenten. Menschen haben nach
dem „Lesen“ auch das „Schreiben“ gelernt und wollen
das Publikum ein fiktives Streitgespräch erwartet hat, hat gleichberechtigt kommunizieren. Sie tun das mit Fotos,
Sokrates ihm eines gegeben, um seine Einstellungen zu Bildcollagen, Videos, Kurznachrichten, Zitaten, durch
hinterfragen. Wollte das Publikum Gleichnisse aus sei- Kommentare, Likes und Shares. Bei den millionenfach
nem Lebensumfeld hören, hat Jesus sie erzählt, um das geklickten YouTube-Highlights geht es eher um ein ge-
Reich Gottes daran zu erklären. Und wenn Teenager heu- meinsames Gefühl als um Wissensvermittlung, und die
te digitale Bilder erwarten, sollten wir sie ihnen geben, so beliebtesten Instagram-Bilder zeigen keine philosophi-
dass sie die damit verbundenen Inhalte annehmen. schen Wahrheiten, sondern fesselnde Atmosphären.
Instagram- oder YouTube-Beiträge werden zusätz-
Gottesdienst als virtuelle Gemeinschaft lich über Facebook oder Twitter geteilt, um darüber ins
Spätestens seit Public Viewing und Second-Screen-Er- Gespräch zu kommen. So wird deutlich, dass der Iconic
fahrungen prägt die Mediengesellschaft nicht mehr nur Turn nicht zur Auflösung der Sprachkommunikation
individualistisch, sondern vermittelt Shared Experiences. führt, sondern zu einem Medienmix: Texte bleiben er-
118 / kapitel 04 die digitale praxis / thema der „iconic turn” / artikel rückkehr zu den bildern

halten, wo ihr Einsatz sinnvoll erscheint. Wikipedia, Ro- den Menschen Bilder vor Augen stellen. Vielleicht sogar
mane, Messenger, Online-Journalismus sind wohl auch digitale Bilder auf einer Datenbrille oder einer Video-
Glossar in 20 Jahren noch prädestiniert für geschriebene Infor- leinwand. Und Menschen werden durch Musik, Licht,
Wiki / Seite 146 mation. Aber Texte mischen sich überall da mit Bildern, Atmosphäre und Gemeinschaft emotional angesprochen
Instant-Messaging / Seite 144 wo Bilder ihre Stärke ausspielen können. Gerade in der sein. Nicht um sie zu manipulieren, sondern um sie zu
spontanen emotionalen Kommunikation im Mobile Web begeistern. Sowohl digital wie auch weiter gefasst: Der
werden Bilder oft überwiegen. Sonntagsgottesdienst kann als gemeinschaftsstiftende
Vor-Ort-Veranstaltung mit digitaler Kommunikation
Kirche der Zukunft und Partizipation in Online-Medien kombiniert werden.
Und genau das ist die Chance für die Kirche der Zukunft.
Authentische Freude über das Evangelium muss sich Neuer Stil
nicht in trockenen Texten und klassischer Musik aus­ So kann Kirche ihrer eigenen Historie treu bleiben
drücken, sondern darf auch mittels impulsiver Bilder und und gleichzeitig aktuelle Medienkommunikation ernst
lustiger Videos gezeigt werden. Wenn die Überzeugun- nehmen. Zum Beispiel mit dem „Wort zum Sonntag“
− seit 60 Jahren ein medialer Beitrag der Kirchen zum
wöchent­lichen Fernsehprogramm. Damals war das inno­
vativ. 2014 öffnete sich das Format für neue Formen.
Auch Luther hat die Medien Mit dem interaktiven Wettbewerb: „Dein Wort zum Websites
Sonntag“ wurde zum einen die junge Generation ange-
seiner Zeit genutzt sprochen, über geistliche Themen nachzudenken. Zum
www.dein-wort-zum-
sonntag.de
anderen wurden Medien produziert, die nicht am Pro-
www.instagram.com/
grammschema der „alten TV-Medien“ kleben, sondern
danksekunde
jederzeit und überall im Internet abrufbar sind. Geist-
gen Luthers in unserem Herzen verankert sind, darf unse- liche ­YouTube-Videos und Bildercollagen mit guten Ge-
re Predigt nicht bei seinen Medien stehenbleiben. Luther danken können dem alten Format einen neuen Stil geben
hat die Medien seiner Zeit genutzt, damit möglichst viele und einer alten Kirche viele junge Gesichter.
Menschen von Gottes Gnade erfahren. Und wenn Men- Unter dem Motto „Segen ist keine Glückssache. Aber
schen in den neuen Medien des 21. Jahrhunderts von zum Glück gibt’s den Segen!“ hat die EKHN eine On-
Gottes Liebe berührt werden, werden sie auch Kontakt zu line-Kampagne gestartet. Seit März 2014 werden regel-
anderen aufbauen wollen, die ihnen diese Liebe erklären mäßig Segenssprüche als Grafikdatei gestaltet und auf
und mit ihnen feiern wollen. Instagram hochgeladen. Diese Bilder sind im Internet
Daher wird die Kirche der Zukunft gar nicht so anders öffentlich sichtbar und können geteilt werden. So kann
sein. Interaktive Elemente in der Liturgie werden stärker ich den Segen abonnieren wie auch passende Sprüche aus-
zutage treten und One-Way-Kommunikation durch dia- suchen und an Freunde weiterleiten. Der Segen kommt
logisches Interesse ergänzt werden. Die Predigten könnten dabei weiterhin von Gott, aber die Nachricht aus dem
wieder mehr an den Gleichnissen Jesu orientiert sein und Internet. < 
kapitel 04 die digitale praxis / thema Das Internet als Ort des Gedenkens / weiterlesen und fragen / 119

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Iconic Turn“ „Iconic Turn“
Die Website des Autors Karsten Kopjar: www.medientheologe.de

Über den Iconic Turn: Gottfried Boehm, Die Wiederkehr der Bilder, in:
Gottfried Boehm (Hg.): Was ist ein Bild? München 1994, S. 11–38. Verliert der Protestantismus seine Identität
Gehört Bildgebrauch zu den Schlüsselmerkmalen des Menschen? als Kirche des Wortes angesichts
Ein Sammelband: Klaus Sachs-Hombach (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und
kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn, Frankfurt a. M. 2009. des gesellschaftlichen Trends zum Bild?
Instagram als neues Leitmedium bei Jugendlichen:
www.ekd.de/url/lesebuch14-instagram

Wie ein Video Menschen bewegen kann, zeigt die Popularität des Halleluja Wie kann man Schrift digital
singenden irischen Priesters – das Video wurde bislang über 36 Millionen Mal geklickt:
www.ekd.de/url/lesebuch14-hallelujah
so künstlerisch und vielfältig gestalten,
Zu Shared Experiences: Shane Hipps, Flickering Pixels.
dass das Wort auch als Bildbotschaft
How Technology Shapes Your Faith, Grand Rapids 2009. wirkt?
Andreas Rickmann, Wie wir ignorieren, was junge Menschen bei Facebook, Twitter
und Youtube interessiert: www.ekd.de/url/lesebuch14-rickmann

Über Medienrevolutionen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert:


Barbara Stollberg-Rilinger u. a., Medienrevolution,
Wie können evangelische Inhalte
www.ekd.de/url/lesebuch14-medienrevolution digital in Bildern erzählt werden? Welche
Wie Make-up und Photoshop ein Model verändern und damit unser Konzept von Schönheit, Rolle können YouTube und Instagram
zeigt dieses Werbe-Video von Dove: www.ekd.de/url/lesebuch14-schoen
in Gemeinden, in der Konfirmandengruppe,
Virale Propaganda: Wie IS-Terroristen Videos über soziale Medien verbreiten –
und was man dagegen tun kann: www.ekd.de/url/lesebuch14-Filter
im Altersheim spielen?
Das EKD-Magazin zum Themenjahr 2015 der Lutherdekade:
www.reformation-bild-und-bibel.de
120 / kapitel 04 die digitale praxis / thema beten im netz / artikel online statt in der kammer beten
120 / kapitel 04 die digitale praxis / thema beten im netz
beten im netz

Online statt in der Kammer beten


Im Internet gibt es unterschiedliche Möglichkeiten zu beten.
Die Theologin Anna-Katharina Lienau hat über Gebete im Internet promoviert,
hat Gebete und Gebetsanliegen im Netz analysiert und
Online-Beter interviewt. Einige ihrer Erkenntnisse sind hier zusammengefasst

D
Grundlage dieses Texts: er Wunsch nach spirituellen Erfahrungen wortet und in ihre eigene Fürbitte aufgenommen werden
Anna-Katharina Lienau, zur Stärkung des persönlichen Glaubens können. So „zünden“ sie virtuelle Kerzen für andere Nut-
„ . 
. . da kann ich dann auch für und als mangelhaft erlebte Lebenssitua- zer an, verfassen Kommentare zu deren Gebetsanliegen
die anderen beten  . 
. .“. Das tionen bringen Menschen dazu, auch im oder nehmen diese Anliegen in ihre eigenen Gebete auf.
persönliche Gebet im Internet,
Internet nach Möglichkeiten des Betens In der konkreten Umsetzung zeigt sich, dass die beim
in: Praktische Theologie,
zu suchen. Dabei versuchen die Befragten etwa, aus einer Beten „in der Kammer“ (Matthäus 6,5 f.) häufig in An-
(2) 2012, S. 79–84. Ihre
als isoliert empfundenen Lebenssituation auszubrechen, spruch genommene Handlung des Händefaltens nach
Promotion: Gebete im Internet.
Eine praktisch-theologische
und nutzen die Anonymität des Internets. Häufig sind sie Aussage der Befragten beim Beten im Internet zumeist ent-
Untersuchung, Erlangen 2009. nicht nur auf der Suche nach der Möglichkeit zu beten, fällt, da es als hinderlich empfunden wird. Doch kann z. B.
sondern ihre Gebete auch in einer – wenn auch virtuellen das Tippen selbst als eine ähnlich meditative Handlung 3
und apersonalen1 – Gemeinschaft praktizieren zu können. empfunden werden, wenn es als ein zeitgleich mit dem
Vgl. z. B. www.wie-kann-
1 Möglich sind dabei synchrones und asynchrones Beten Tippen ablaufendes innerliches Gebet verstanden wird. ich-beten.de und
­sowie das Hinterlassen von Gebetsanliegen.2 Hervorzuheben ist, dass nicht alle Befragten das Schreiben www.kirche-in-not.de/
Vgl. Christian Grethlein,
Kommunikation des
von Gebetsanliegen und Gebeten im Internet mit „Beten“ wie-sie-helfen/beten/
Evangeliums in der Medien­
Real und virtuell sind kaum getrennt gleichsetzen. Sie beten außerhalb des Internets „in ihrer virtuelle-kapelle
gesellschaft, Leipzig 2003. Die Schilderungen der Online-Beter zeigen, dass Men- Kammer“ und erst im Anschluss hinterlassen sie ihre Ge-
schen, die eine von christlich-religiösen Erfahrungen ge- bete im Web. Das Internet hat bei diesen Betern lediglich
2 prägte Weltsicht haben, ihren Glauben auch im Internet eine Dokumentations- und Kommunikationsfunktion.3
Als Gebetsanliegen werden
ganzheitlich leben wollen – teilweise sogar eine Erweite-
hier Anliegen beschrieben, rung ihrer religiösen Erfahrungen wünschen und erwarten. Akzeptanz und Offenheit Glossar

die ein Mensch äußert, damit Für sie besteht offensichtlich kaum eine Trennung zwischen Die Befragten zeigen ein habitualisiertes Nutzungsver- Chat / Seite 143
andere Menschen mit ihm oder realen und virtuellen religiös-spirituellen Erfahrungen. Da- halten von Gebets-Chats oder -Foren, indem sie ihnen
für ihn beten. Diese sind bei ist es den Befragten wichtig, dass die Gebetsanliegen vertraute Internetseiten immer wieder aufsuchen und
abzugrenzen gegen Gebete. selbst sichtbar sind und von den anderen gelesen, beant- deren Nutzung in ihrem Tagesablauf eine bestimmte
kapitel 04 die digitale praxis / thema beten im netz / artikel online statt in der kammer beten / 121

Rolle zuschreiben. Offenbar machen sie besondere (posi- Als störend werden daher die Angriffe auf Gebetsangebo-
tive) Erfahrungen beim Beten im Internet, die sie immer te verstanden, die durch Missbrauch hervorgerufen wer-
wiederkehren lassen. Als herausragende Eigenschaft des den. Insbesondere Verunglimpfungen und der Versuch,
Netzes nannten fast alle Befragten die besondere Akzep- die Menschen mit Beschimpfungen aus ihren Gebets-­
tanz und Offenheit, die ihnen dort, teilweise hervorgeru- Foren und -Chats zu vertreiben, rufen Verunsicherung
fen durch die bestehende Anonymität, entgegengebracht und Vertrauensverlust bei denen hervor, die sich als Teil
werde. Durch diese Anonymität sei es leichter, sich ohne einer (virtuellen) Gemeinde empfinden. Trotz dieser Er-
Angst den anderen zu öffnen. Ebenso könne das Internet fahrungen stellt für die Befragten die besondere öffent­
dadurch als „aufrichtiger“ empfunden werden: Die Men- liche Situation, in die sie ihr Gebet bzw. Gebetsanliegen
schen stünden sich nicht so nahe, dass sie sich Gedanken stellen, nicht solch ein großes Problem dar, dass das einen
darum machen müssten, ob sie die anderen ­Online-Beter Abbruch der Nutzung nach sich ziehen müsste.
mit ihrer Bitte um Fürbitte belasteten oder gar überfor- Die Befragten gaben an, den Grad ihrer Anonymität
derten. Als ebenso „aufrichtig“ wird empfunden, dass selbst bestimmen zu können und so einen je eigenen Weg
aufgrund der Anonymität bei den Nutzern kein Inter- zu finden, mit den besonderen Umständen des Betens im
esse an einer besonderen Selbstdarstellung bestehe, die Netz umzugehen. Dennoch betonten sie, dass das Gebet
das Gebet und den Adressaten des Gebets in den Hinter- selbst, ob virtuell oder real praktiziert, das gleiche sei,
grund treten ließe. da es lediglich durch die persönliche Beziehung zu Gott
Zudem schrieben fast alle Befragten dem Internet bestimmt werde, die in beiden Formen erfahrbar sei. So
einen „praktischen“ und „effizienten“ Aspekt zu, zum wurde das Beten im Internet häufig als Ergänzung ange-
einen zeitlich, d. h. durch die Möglichkeit, eine schnelle sehen, die ein Offline-Beten in der Gemeinde nicht voll-
Antwort (durch andere Nutzer) zu bekommen, aber auch ständig ersetzen könne.
­dadurch, dass sie wenig Aufwand betreiben müssen.
Keine Ausnahmeerscheinung
Virtuelle Gemeinde Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das digitale Be-
Die Befragten äußerten trotz ihrer positiven Einstel- ten von den Befragten als sehr ernsthafte Art des Betens
lung zum Beten im Netz selbst erlebte bzw. beobachtete empfunden wird und kein einmaliges Ausprobieren dar-
Schwierigkeiten: So berichteten sie über erfahrbare Me- stellt.4 Beten im Internet ist die konsequente Weiterfüh- 4
dienbrüche und Überforderungssituationen, die dadurch rung der mit den neuen Medien erst möglich gewordenen
Kritische Anmerkungen
auftreten könnten. Beide Erfahrungen seien nicht gravie- Kommunikationsweisen und muss daher als religiöse
zur Ernsthaftigkeit
rend und durch Gewöhnung abzustellen. Dem Vorwurf Handlungsform ernst genommen werden. Die Befragten
bietet Bernd-Michael
der Realitätsflucht, der von Kritikern in Bezug auf das stellten deutlich heraus, dass Gebetsangebote im Netz Haese, Gebet im Internet.
Internet vorgebracht werde, widersprachen Einzelne: Ih- zum Erlernen eines „Gebetsvokabulars“ und der wesent­ Ein kritischer Gang
rer Meinung nach handele es sich beim Beten im Internet lichen Aspekte des Betens dienlich sein können. Und ihre durch das Online-Angebot,
nicht um „Flucht“ oder die Verwendung einer bestimmten Antworten legen nahe, dass religiöse Erfahrungen nicht in: Arbeitsstelle
„Gebetsmethodik“, sondern vielmehr um eine Gemeinde, nur durch personale Medien kommunizierbar sind. Gottesdienst 21 (2007),
in der, wenn auch virtuell, gemeinsam gebetet werde.  < Zusammenfassung: Michael Güthlein > S. 38–46.
122 / kapitel 04 die digitale praxis / thema trauerkultur im netz / artikel das internet als ort des gedenkens
122 / kapitel 04 die digitale praxis / thema trauerkultur im netz
trauerkultur im netz

Das Internet als
Ort des Gedenkens
Insbesondere Eltern, die ein Kind verloren haben,
nutzen das Internet für Gedenkseiten.
Dort finden sie einen Ort, ihre Trauer auszudrücken
und an die Verstorbenen zu erinnern
< Von Carmen Berger-Zell>

A
uf der Startseite von ben-sternenkind.de werden Immer wirst Du in unserem Herzen sein, nie vergessen
die Besucherinnen und Besucher mit den Wor- und immer geliebt. Deine Mama und Dein Papa.“
ten begrüßt: „Herzlich willkommen bei Ben Website

Schneider!“ Unter einem Foto des kleinen Ben schreiben Gedenkseiten sind keine Seltenheit www.ben-sternenkind.de
seine Eltern an ihn: „Geliebter Engel, Dein Leben ist Schon bald nach seiner Geburt zeichnete sich für Bens
Dir nicht geschenkt worden, sondern Du musstest sehr Eltern ab, dass etwas mit ihrem Sohn nicht stimmte. Er
Pfarrerin Dr. schwer kämpfen. Wir waren überglücklich, dass es Dich litt an der seltenen Krankheit „Morbus Alexander“1, wie 1
Carmen Berger-Zell gab, doch unser Glück sollte nicht lange anhalten. Du sich einige Monate später herausstellen sollte. Nach Bens Verantwortlich für die
ist Mitherausgeberin hast nach 12 Monaten in meinen Armen aufgehört zu at- Tod richtete seine Mutter für ihn eine Gedenkseite im In- Krankheit ist ein sehr
der Internetseite men. Nichts ist mehr, wie es war. Du fehlst uns so sehr. ternet ein. Zu lesen ist hier, wie sein kurzes Leben aussah, seltener Gendefekt.
www.trauernetz.de Die Tränen um Dich werden nie trocknen. Du solltest wie er immer schwächer wurde und was er seinen Eltern Nur etwa zehn Fälle sind
doch noch so viel vom Leben sehen. Du gabst uns Liebe bedeutet. in Deutschland bislang
und eine neue Lebenseinstellung. Du hast uns gezeigt, Private Gedenkseiten für verstorbene Kinder, so wie bekannt.
worauf es im Leben ankommt. Danke, dass es Dich gab. die für Ben, sind keine Seltenheit im Netz. Seit über
kapitel 04 die digitale praxis / thema trauerkultur im netz / artikel das internet als ort des gedenkens / 123

2 zwanzig Jahren nutzen trauernde Eltern das Internet für bieten wir zum Beispiel seit 2009 am Ewigkeitssonntag
sich als Trauer- und Gedenkort2. Viele dieser Gedenksei- eine Chatandacht − dann, wenn in den Ortsgemeinden
Vgl. Carmen Berger-Zell,
Abwesend und doch präsent.
ten werden nach ihrer Erstellung drei bis vier Jahre lang der Verstorbenen gedacht wird und namentlich derer, die
Wandlungen der Trauer- mit Fotos vom Grab und anderen Gedenkorten (z. B. am im zurückliegenden Jahr beerdigt wurden. Auch in der
kultur in Deutschland, Unfallort) sowie Briefen an die Verstorbenen erweitert. Chatandacht besteht die Möglichkeit, der Verstorbenen
Neukirchen-Vluyn 2013; Ein großer Teil der Websites bleibt danach unverändert namentlich zu gedenken. Im Jahr 2012 waren es knapp
Carmen Berger-Zell, im Netz, einige verschwinden irgendwann. 400 Menschen, deren an diesem Tag gedacht wurde. Bei
Engels-, Schmetterlings- weniger als einem Viertel von ihnen lag der Todestag im
und Sternenkinder. Verbindung zu Toten erhalten zurückliegenden Jahr; etwa die Hälfte waren zwei bis acht
Privates Totengedenken im Der amerikanische Psychologe William J. Worden arbeitet Jahre tot. Es wurde in der Mehrzahl Kindern, die im ersten
Internet, in: Deutsches seit über vierzig Jahren in der Trauerforschung, in seinem Lebensjahr, und Menschen, die zwischen dem 60. und 90.
Pfarrerblatt, 11 (2009),
Buch „Beratung und Therapie in Trauerfällen“, erstmals Lebensjahr verstorben waren, gedacht. Diese Zahlen legen
www.ekd.de/url/
erschienen im Jahr 1982, ging er noch davon aus, dass eine nahe, dass überwiegend trauernde Eltern und Menschen,
lesebuch14-kinder
der Aufgaben, die Trauernde bewältigen müssten, sei, sich die um ihre Eltern und Großeltern trauern, das Internet als
emotional von der verstorbenen Person zurückzuziehen Gedenk- und Erinnerungsort nutzen. < 
und die frei gewordene emotionale Energie in andere Be-
ziehungen neu zu investieren. Inzwischen, drei Auflagen
und fünfundzwanzig Jahre später, hat er seine Annahme
revidiert. Mittlerweile nimmt er an, dass die Trauernden
inmitten des Aufbruchs in ein neues Leben eine dauerhaf-
te Verbindung mit der verstorbenen Person finden müssen. Trauernetz.de
Sich der Toten zu erinnern und ihrer zu gedenken, hilft
vielen trauernden Menschen, mit dem Verlust der für sie ist eine Kooperation der Evangelisch-Lutherischen Kir-
bedeutsamen Person weiterleben zu können. Während das che in Bayern, der Evangelisch-lutherischen Landes­k irche
Leben um sie herum weitergeht und sie versuchen, so gut Hannovers, der Evangelischen Kirche im Rheinland
es geht zu funktionieren, suchen und brauchen gerade die- und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche
jenigen, die besonders schwer leiden, eine neue Form der Deutschlands. Auf der Website finden sich Informatio-
Beziehung zu dem Menschen, der nicht mehr leiblich un- nen, wie man sich auf das Sterben vorbereiten oder mit
3 ter ihnen ist.3 Manche fühlen sich ihren Verstorbenen am der Trauer leben kann, es gibt einen virtuellen Trauerort
Grab oder am Ort des Sterbens nahe, andere in der Natur mit Gebeten, L­ yrik und M­ editationen zu verschiedenen
Bis zur Reformation
wurde das Bedürfnis der
oder aber sie haben das Gefühl, sie sind immer bei ihnen Gefühlszuständen („Ich fühle mich traurig“, „Ich lebe
Hinterbliebenen durch in ihren Herzen und Erinnerungen. mit Angst“), es finden sich Musik-, Buch- und Filmtipps
den Glauben an eine zum Thema Trauer sowie Links, Adressen und Kontakt-
Gemeinschaft von lebenden Chatandacht zum Ewigkeitssonntag daten, wo man Hilfe erhält.
und toten Christen Hier stellt sich die Frage, welche kirchlichen Angebote
getragen. Trauernde darin unterstützen könnten. Auf ­trauernetz.de
124 / kapitel 04 die digitale praxis / thema trauerkultur im netz / weiterlesen und fragen

Weiterlesen zum Thema Fragen zum Thema


„Trauerkultur im Netz“ „Trauerkultur im Netz“
Seite für trauernde Eltern: www.schmetterlingskinder.de

Über todkranke Kinder, am Beispiel Ben:


www.ekd.de/url/lesebuch14-ben Welche Möglichkeiten hat die Kirche,
Website für trauernde Kinder und Jugendliche: www.trauerland.org Trauernde im Internet zu unterstützen?
Internetseite des Bundesverbands Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in
Deutschland e. V.: www.veid.de

Trauerportal: www.wirtrauern.de
Könnte durch vielfältige Formen
Gedenkseiten erstellen und ansehen: www.gedenkseiten.de digitaler Gedächtniskultur gerade
Weiterführende Literatur: jüngeren Menschen nicht nur das Thema
Carmen Berger-Zell, Abwesend und doch präsent. Wandlungen der Trauerkultur Sterben, sondern auch das Thema Tod
in Deutschland, Neukirchen-Vluyn 2013.
nähergebracht werden?
Carmen Berger-Zell, Trauerleibsorge in Social Media,
in: Ilona Nord / Swantje Luthe (Hg.), Social Media, christliche Religiosität
und Kirche. Studien zur Praktischen Theologie mit religionspädagogischem
Schwerpunkt, Jena 2014, S. 363–374.
Wie wird die Trauerkultur im Jahr 2030
William J. Worden, Beratung und Therapie in Trauerfällen. Ein Handbuch,
Bern 2011 (4. überarbeitete und erweiterte Auflage).
aussehen?
Ralf Peter Reimann, @ChristInnen:
Gehet in die sozialen Netze. Kirche, Theologie, Social Media und mehr.
Ausgewählte Blogposts aus TheoNet.de, Norderstedt 2013.

Kerstin Lammer, Den Tod begreifen. Neue Wege in der Trauerbegleitung,


Neukirchen-Vluyn 2010 (6. Auflage).
kapitel 04 die digitale praxis / thema zeigen, was man glaubt / artikel bekennt euch! / 125
kapitel 04 die digitale praxis / thema zeigen, was man glaubt / 125
zeigen, was man glaubt

Z
u oft nehmen wir es einfach hin, dass deutlicher wird, wie viele wir tatsächlich sind. Die schrillen
wir getauft sind. Wer im Alltag von Stimmen werden leiser, wenn der Chor größer wird.

Bekennt Jesus redet, wird gern direkt in die


Extremisten-Ecke gesteckt. Religion ist in-
zwischen so sehr Privatsache geworden, dass
Facebook selbst fragt sogar danach. Unter „religiöse
Ansichten“ christlich-evangelisch einzutragen, kann jeder
von uns tun. Wir alle sind Beispiele für die Christenheit.

euch!
die öffentliche Rede von Glaube und Jesus au- Wenn wir freundlich auf Menschen zugehen und Christ-
ßerhalb der Kirchenräume für schiefe Blicke sein dabei ein Teil unserer Identität ist, prägen wir ein Hanno Terbuyken
sorgt. positives Bild von Kirche und Glauben. Meistens wird ist Portalleiter von
Das gilt auch für soziale Medien. Die das wohlwollend angenommen. Wenn es stattdessen die evangelisch.de

Was Glaube jenseits extremer lauten Stimmen der Christen auf Twitter, Kirchengegner anlockt, dann kann das zwar nerven. Aber
Facebook und YouTube sind oft die, denen in solchen Diskussionen gibt es genug Getaufte, die uns
Standpunkte heißt, wird man auch als Protestant nicht immer zu- dabei zur Seite stehen – wenn sie sich zeigen.
nicht oft genug gezeigt – stimmen will. Wenn es um die Auferstehung Denn wir sind nicht allein! Schön zu sehen war
gerade in sozialen Medien. Es ­Christi geht, um Schöpfung und Evolution, das, als sich im Juli 2014 die Solidaritätsaktion für die
tut not, den schrillen Stimmen um Kirchen­steuer oder die Wirksamkeit von Christen im Irak auf Facebook und Twitter verbreitete.
Gebeten, stehen sich oft die Christen, die an Christen waren aufgerufen, das arabische „n“ (nun) als
nicht das Feld zu überlassen
nichts zweifeln, und die radikalen Humanis- Profilbild einzusetzen, mit dem in Mossul die Häuser von
< Von Hanno Terbuyken> ten, die sämtliche Kirchen zu Blumenläden Christen zur Vertreibung markiert wurden. Auf einmal
machen wollen, unversöhnlich gegenüber. konnte man sehen, wie viele Christen in den sozialen
Diese Diskussionen, in denen sich radikale Netzwerken tatsächlich bereit sind, Solidarität mit ihren
Stimmen gegenseitig anschreien, formen das Glaubens­geschwistern zu zeigen.
Bild von Christen in der Öffentlichkeit. Das ist auch ohne Und es muss nicht bei Facebook bleiben. Wer Mor-
Internet so. Wer schon einmal erklären musste, dass er zwar gen- und Abendgebete spricht, kann das per ­ Twitter
gläubig ist, aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur mitteilen. Das ist schließlich weniger banal, als das
Evolution trotzdem nicht in Bausch und Bogen verdammt, Frühstücks­ rührei zu instagrammen. Wer regelmäßig
der kennt das. YouTube-Videos dreht, kann sie mit Segensgrüßen be-
enden statt mit einem simplen „bis zum nächsten Mal“.
Das Frühstücksrührei instagrammen Fast jede Seite im Netz, auf der wir ein Profil einrichten
Dabei wäre es im Netz so einfach, viel stärker zu zeigen: können, bietet uns Platz zur Selbstbeschreibung. So kann
Christen sind nicht nur die, die alles und jeden mit der sich das Bekenntnis zur eigenen Taufe an vielen Stellen in
Bibel erklären und überzeugen wollen. Die meisten Chris- den Alltag einfügen.
ten stehen wie jeder andere auch in der Welt. Sie leben, la- Das Schöne daran: Dieses Bekenntnis ist kein aus-
chen, lieben, zweifeln, hadern und finden manchmal, aber schließendes. Es dient nicht dazu, sich selbst von anderen
nicht immer, ihren Trost und ihre Stärke im Wort Gottes. abzugrenzen, sondern sich anderen anzuschließen. Wir
Je mehr Getaufte und Gläubige ganz selbstverständlich zei- sind nicht nur mit Gottes Hilfe stark, sondern auch mit-
gen, dass sie zur Gemeinschaft der Heiligen gehören, umso einander. Zeigen wir das – bekennen wir uns! <
126 / kapitel 04 die digitale praxis / thema zeigen, was man glaubt / artikel dein smartphone sagt, was du glaubst

Dein Smartphone sagt,


was du glaubst
Die amerikanische Wissenschaftlerin Rachel Wagner
hat untersucht, was unsere Smartphone-Apps
über unsere Religiosität verraten

W
Der vollständige Text ie drückt sich unsere Religiosität aus? lichem Bibelspruch, Klingelton zum privaten und
findet sich hier: Rachel Durch unsere Aussagen, Meinungen und öffentliche Ausdruck des Glaubens), Konzentrations-
Wagner, You are, what you Handlungen, unser Verhalten sowie durch und Meditations-Apps.
install: Religious
Zeichen und Symbole. Doch diese Zeichen wandeln und • Auswahl und Sammlung von verschiedenen Apps ba-
authenticity and identity
erweitern sich mit der Zeit. Auch der Ausdruck des ei- sieren auf der aktuellen religiösen Selbstwahrnehmung
in mobile apps, in: Heidi
genen Glaubens findet in digitalen Formen eine Umset- eines Menschen.
Campell (Hg.), Digital
Religion: Understanding
zung. Trägt ein Mensch eine Kette mit einem Kreuz um • Das Smartphone eines Nutzers spiegelt seine Vorlieben
Religous Pracitce in New den Hals, so lässt sich in den meisten Fällen auf seine und Aktivitäten wider. Er installiert nur die Apps, die
Media Worlds, Abingdon Zugehörigkeit zum Christentum schließen. Doch auch seinen religiösen Vorstellungen entsprechen und seinen
2013, S. 199–206. andere Zeichen geben Aufschluss über die religiöse Iden- persönlichen Glauben repräsentieren.
tität. Rachel Wagner, Privatdozentin am Lehrstuhl für • Gläubige können ihre Religiosität individueller aus­
Philosophie und Religion des Ithaca College, hat unter- leben und sind weniger von institutionellen Glaubens-
sucht, ob die Apps, die sich gläubige Menschen auf ihren lehren abhängig.
Smartphones installieren, Rückschlüsse auf ihre Religio- • Nutzer setzen sich mit der Weltanschauung, die die
sität zulassen. Apps vermitteln, auseinander.
Glossar
• Wagner betrachtete sechs unterschiedliche Typen von • Es entsteht ein digitales Abbild des eigenen spirituellen
App / Seite 143 Apps: Gebets-Apps, rituelle Apps (z. B. Beicht-Apps), Ichs.
Heilige-Schrift-Apps, religiöse Social-Media-Apps, • Apps fördern eine offene und vielfältige Auslegung von
Selbst-Ausdrucks-Apps (z. B. per Wallpaper, persön­ Religiosität. < Abstract: Michael Güthlein>
kapitel 04 die digitale praxis / thema glaubensexperten online / artikel hallo, herr pfarrer! / 127
kapitel 04 die digitale praxis / thema glaubensexperten online / 127
glaubensexperten online

Hallo, Herr Pfarrer!


Wenn eine Katastrophe geschieht, ein Thema kontrovers diskutiert wird oder man einfach eine Frage
zu Glaube oder Religion hat – dann gibt es Experten im Netz, an die man sich wenden kann
< Von Frank Muchlinsky>

A
m Morgen des 14. Dezember 2012 er- Bild zu machen, das irgendwie Sinn ergibt. Wir sind ge-
schießt der zwanzigjährige Adam Lanza wohnt, unsere Welt dadurch im Griff zu haben, dass wir
seine Mutter und fährt dann in die sie möglichst gut verstehen. Das entspricht unserem na-
­Sandy-Hook-Grundschule in Newtown, turwissenschaftlichen Weltbild. Eine Katastrophe ist das
USA. Dort tötet er 26 weitere Menschen, Einfallstor für das Chaos. Diese Verunsicherung führt
darunter 20 Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren. in sämtlichen Medien dazu, dass Experten versuchen,
Pastor Frank Muchlinsky Dann erschießt er sich selbst. Am nächsten Tag bekom- ­wenigstens ein paar Aspekte des Unglücks zu erläutern.
ist Redakteur me ich die Frage gestellt: „Wo war Gott in Newtown?“
bei evangelisch.de Sie erreichte mich über die Internetseite „Einfach fragen“ Wo war Gott?
auf www.evangelisch.de. Ich beantworte dort Fragen, die Der Fragesteller könnte auch zu seiner Ortsgemeinde gehen
Menschen zu den Themen Glaube, Religion oder Kirche und dort die Pfarrerin oder den Pfarrer bitten, mit ihm über
stellen. Ein kleines Formular genügt, und man kann dort dieses schreckliche Ereignis zu reden. In diesem Fall hat er
erfahren, ob man nicht Weihwasserbecken in evangeli- sich für das Internet entschieden. Es geht ihm ja auch nicht
Websites
schen Kirchen aufstellen könne, ob man an die Hölle glau- um ein seelsorgliches Gespräch, sondern darum, eine Frage
www.ekd.de/url/ ben müsse oder ob man Psalmen in Mundarten übersetzen beantwortet zu bekommen, und dafür ist der Weg zum In-
lesebuch14-newtown dürfe. Oder eben auch, warum Gott bei dem Massaker in ternet-Pfarrer ein sehr viel einfacherer als der zum Pfarrer
www.fragen.evangelisch.de der amerikanischen Grundschule nicht eingegriffen hat. vor Ort. Der Fragesteller kann hier auch anonym bleiben.
In Presse, Rundfunk und Fernsehen werden nach ei- Viele Leute haben religiöse Fragen, von denen sie aber mei-
www.ekd.de/url/
nem Drama wie dem von Newtown stets Experten zurate nen, sie seien vielleicht zu banal oder gar dumm. Die Ano-
lesebuch14-weihwasser
gezogen. So sollen zum Beispiel Psychologen erläutern, nymität senkt die Schwelle, eine Frage zu stellen, erheblich.
www.ekd.de/url/ was im Kopf eines Amokläufers vor sich geht, oder Ame- Hinzu kommt: fragen.evangelisch.de beantwortet
lesebuch14-gericht rikaexperten werden zu den dortigen Waffengesetzen nicht nur Fragen von Nutzern, die Antworten werden
www.ekd.de/url/ befragt. Ein solches Ereignis ist im wahrsten Sinne des auch zusammen mit den Fragen auf der Website veröf-
lesebuch14-mundart Wortes unfassbar. Es übersteigt unser Vermögen, uns ein fentlicht. Auf diese Weise können Besucher der Seite,
128 / kapitel 04 die digitale praxis / thema glaubensexperten online / artikel hallo, herr pfarrer!

die ähnliche Fragen haben, einerseits sehen, ob ihnen reflektierte und freundlich-offene kirchliche Haltung
die Antwort weiterhilft, andererseits können sie durch und sind die erste Ansprechperson. Der Experte erklärt
eine Kommentarfunktion eigene Antworten geben oder und macht Vorschläge. Er macht deutlich, warum ein
anfangen zu diskutieren. Leuchtet die Antwort des Ex- Massaker wie das in Newtown nicht der Weihnachtsbot-
perten ein oder gibt es aus der eigenen Erfahrung, dem schaft, sondern allenfalls der vorweihnachtlichen Stim-
eigenen Glauben heraus auch andere Möglichkeiten, auf mung Abbruch tut. Er schreibt: „Weihnachten muss wer-
die Frage „Wo war Gott?“ zu antworten? den – gerade wegen Newtown, denn das ist es, was wir
feiern: Die Welt braucht Christus, und er kommt!“ Der
Ratschläge, die in einem Glaubensexperte ruft dazu auf, gemeinsam zu beten, und
Websites
Seelsorge-Gespräch tabu wären macht Vorschläge, wie solche Gebete lauten können.
So fragt „Anonym“, wie man im Leiden an Gott festhalten Viele Menschen nehmen mittlerweile Nachrichten www.ekd.de/url/
lesebuch14-trotznewtown
könne: „Was bietet eigentlich das Christentum als Hilfe vorwiegend durch das Internet wahr. Es ist gut, wenn
an, wie ist das mit dem Gottvertrauen? ( . . . ) Wie funkti- genau dort auch Glaubensexperten zu finden sind, mit www.ekd.de/url/
oniert also Gott, wenn es mir abgrundtief schlecht geht?“ denen man diese Nachrichten besprechen kann. Das gilt lesebuch14-Paten

Websites
Meine Antwort ist wiederum so gewählt, dass möglichst nicht nur im Fall von Katastrophen, sondern auch, wenn www.ekd.de/url/
auch andere Leserinnen und Leser davon profitieren kön- es sich um kirchliche Ereignisse handelt. Als die EKD lesebuch14-thomas
www.ekd.de/url/ nen. Ich tue etwas, das in einem seelsorglichen Gespräch ihre Orientierungshilfe zur Familie herausgab, war der
lesebuch14-festhalten
ein Tabu ist: Ich gebe Ratschläge, mache Vorschläge, und Diskussionsbedarf groß, und vor allem Fragen zur Ho-
www.chatseelsorge.de das, ohne länger nachfragen zu können, um noch genauer mosexualität wurden gestellt. Auf der „Fragen-Seite“ von
www.trauernetz.de
zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht. Wieder ist evangelisch.de konnte ich als Glaubensexperte Stellung
der Glaubensexperte gefragt, und als der antworte ich, beziehen und gleichzeitig um Verständnis werben. Ich
www.seelsorge.net dass es mir hilft, dass wir die Tradition der Klagepsalmen war aber auch als „offizieller“ Vertreter der kirchlichen
haben, die es uns möglich machen, auch im schlimmsten Veröffentlichung Zielscheibe für den Ärger vieler. Das ist
Unglück dieses Leid unserem Gott entgegenzuschleu- gut und angemessen, denn auch hier steckt eine Verun-
dern, ihn an sein Versprechen zu erinnern, für uns da zu sicherung hinter den Fragen, und hinter dem Ärger steht
sein. Die Zweifel sind nicht unser Vergehen, es liegt in ein ins Wanken geratenes Weltbild.
Gottes Verpflichtung, mir wieder näherzukommen. Ich Die nächsten Fragen, die bei mir eingehen, sind dann
habe diese Haltung der Klagepsalmen als hilfreich und wieder anderer Natur. Dann antworte ich darauf, ob man
tröstend erlebt, ich weiß, dass ich zudem den aktuellen seine Patenschaft niederlegen kann, wenn einem nicht ge-
Forschungsstand wiedergegeben habe, und ich biete diese fällt, wie das Kind mit seinen Eltern umgeht, oder warum
Erfahrung nun dem Fragesteller an. das Thomasevangelium nicht im Kanon der biblischen
Glaubensexperten arbeiten auf ganz verschiedenen Schriften gelandet ist. Es ist der kurze Weg, die Leich-
Ebenen im Internet: Chatseelsorge und Trauernetz, die tigkeit des Zugangs zum Glaubensexperten, der es vielen
schweizerische E-Mail- und SMS-Seelsorge – alle Ange- Menschen ermöglicht, sich an den Pfarrer im Internet zu
bote helfen dabei, dass in Krisensituationen Glaubens­ wenden. Der wird den Gemeindepfarrer niemals ersetzen,
experten direkt zur Verfügung stehen. Sie stehen für eine aber er freut sich, wenn er als Experte angefragt wird. < 
kapitel 04 die digitale praxis / thema die gemeinde-homepage / artikel das fenster zur welt / 129
kapitel 04 die digitale praxis / thema die gemeinde-homepage / 129
die gemeinde-homepage

Das Fenster
zur Welt
Veranstaltungen bewerben, Service für Mitglieder bieten:
Es gibt viele Gründe für Kirchengemeinden,
eine eigene Website zu haben. Dabei sollte man aber
ein paar Dinge beachten
< Von Matthias Pape>

1. Das Zielpublikum – müssen aktuelle Informationen für Interessenten bereit-


an wen richtet sich die Homepage? stellen. Ihre Homepages haben einen eigenen Charakter,
Diese Frage sollte vorab geklärt werden. Soll die Home- zumal sie sich häufig im Wettbewerb um Aufmerksam-
page das Schaufenster der Kirchengemeinde sein oder das keit mit anderen, z. B. Kulturanbietern, befinden. Zudem
Nachrichtenmedium für Mitarbeiter und Insider? Soll werden sie oft von Interessenten besucht, die die kirchli-
sie für Kirchenmitglieder – und Nichtmitglieder! – eine chen Strukturen nicht kennen (und auch nicht un­bedingt
Matthias Pape ist Möglichkeit zum Andocken bieten, wird sie eine andere kennenlernen möchten), sondern beispielweise nur ein
in der Kirchen- Ästhetik und Sprache nutzen, als wenn sie sich an Ehren- Konzert besuchen wollen.
verwaltung der EKHN amtliche und andere Insider wendet. Für Mitteilungen an Stadtkirchen und Kirchen mit überregionalen Besu-
für Fundraising und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bietet es sich an, einen chern müssen einen guten Service bieten: Öffnungszeiten Websites
Mitgliederorientierung
eigenen internen Zugangsbereich zu schaffen. Bitte immer der Kirche, Angebote von Führungen, Kontakte usw. Die www.stadtkirche-darmstadt.de
zuständig.
bedenken: Die Homepage kann wirklich weltweit von Angaben sollten zu hundert Prozent verlässlich sein. Beispie-
www.marktkirche-wiesbaden.de
­jedem angeklickt werden! le für gute Serviceorientierung bieten etwa die Websites der
Stadtkirche Darmstadt und der Marktkirche Wiesbaden. www.evangelisch-in-aachen.de
2. Mehr als Kirche –
www.evangelisch-in-eller.de
Gemeinden mit besonderen Angeboten 3. Einheitlich oder individuell?
Glossar
Kirchengemeinden mit übergemeindlichen Angeboten Kirchengemeinden präsentieren sich mit ihrer Homepage
Homepage / Seite 144 und solche, die gerne von Touristen besucht werden, wie ganz unterschiedlich und als eigene individuelle Größe.
auch Kirchen mit besonderen kulturellen Programmen Dabei hat die Homepage häufig auch ein individuelles
130 / kapitel 04 die digitale praxis / thema die gemeinde-homepage / artikel das fenster zur welt

Design, das von den Vorlieben der Verantwortlichen ab- den platziert. Dabei ist darauf zu achten: Eine Homepage
zuhängen scheint und keinen einheitlichen Vorgaben, ist kein Gemeindebrief! Diesen kann man aber häufig
etwa für die Kirchengemeinden eines Kirchenkreises / im PDF-Format herunterladen. Ein rechtlicher Hinweis:
Dekanats, folgt. Wird der Gemeindebrief als PDF angeboten, ist darauf zu
Für Menschen, die dem kirchlichen Leben nicht sehr achten, dass Personendaten (z. B. von Taufen, Trauungen
nahestehen, ist es allerdings sinnvoll, auf einer Website usw.) nicht ohne Einverständniserklärung der Betroffe-
erkennen zu können, dass die Gemeinde Teil von etwas nen im Internet veröffentlicht werden dürfen.
Größerem ist. Haben die Gemeinden eines Dekanats / Auf vielen Homepages findet man ausführliche Texte
Kirchenkreises einheitliche Elemente oder einen ein- – oft zu viele, so dass die Übersichtlichkeit verloren geht.
heitlichen Rahmen für ihre Homepages (etwa Logo der Auf einer Homepage wird – wenn überhaupt – nicht lan-
Landeskirche, Seitenaufbau) kann dies die Identität einer ge gelesen, sondern herumgeklickt und -gescrollt, auch
kirchlichen Region verstärken bzw. betonen. Auf vielen wenn dies der protestantischen Seele vielleicht wehtut!
Homepages verweisen Gemeinden mit einem Link auf Noch viel zu selten sind Videoclips, also kurze Fil-
die Landeskirche oder das Diakonische Werk. me, z. B. im YouTube-Format. Warum eine kirchliche
Möglicherweise wählen Nutzerinnen und Nutzer Trauung mit (vielen) Worten erklären, wenn man einen
die Homepage, weil es „was von der Kirche“ ist − ohne kurzen Clip oder eine witzige Bildidee von einer Trauung
zu wissen, ob es sich um eine evangelische oder andere zeigen kann. Ein Beispiel zeigt die Website der Evange-
Kirchengemeinde handelt. Daher sollte auf der Startseite lisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
„evangelisch“ deutlich erkennbar sein.
Websites
Ein Beispiel für gleiches Design auf verschiedenen 5. Du sollst dir keine Fotogalerie machen!
www.dekanat-kronberg.de Ebenen zeigt die Homepage des Dekanats Kronberg. Kirchengemeinden nutzen ihre Homepages auch, um
www.ekhn.de
Das Dekanat hat deren Design dem der Website der auf Veranstaltungen oder besondere Ereignisse zurück- Websites
Gesamtkirche der EKHN angepasst und somit Wieder­ zublicken. Dabei entstehen häufig Fotogalerien mit ei-
www.badsoden-evangelisch.de www.ekd.de/url/
erkennbarkeit geschaffen. Einzelne Gemeinden des De- nem eigenen Menüpunkt. Wer schaut diese Bilder an?
lesebuch14-bayern
www.evangelischeshattersheim.de kanats haben ihre Homepages zumindest annäherungs- Wahrscheinlich diejenigen, die an der Veranstaltung teil-
weise auch diesem Design angepasst. genommen haben (hier sind wir wieder bei Punkt 1). Die www.andreasgemeinde-
Damit ist eine gute Zusammengehörigkeit von Ge- Fotogalerien sind vielfach eine Sammlung von Schnapp- giessen.de

samtkirche, Dekanat und Kirchengemeinden visualisiert schüssen, die für Menschen, die nicht dabei waren, wenig www.paulusgemeinde-
worden. aussagen. Sie können eine gut geführte Kirchen­chronik darmstadt.de
nicht ersetzen. Statt einer Fotogalerie lieber ein oder zwei
4. Kirche des Wortes? sehr gute, aussagekräftige (sprich: professionelle) Auf-
Eine Kirchengemeinde möchte mit ihrer Homepage in- nahmen hochladen, die auf der Startseite den Rückblick
formieren. Folglich finden sich Informationen über bei- gut visualisieren.
spielsweise Veranstaltungen, Angebote, Rückblicke, das Dass es auch ohne Fotogalerie geht, zeigen die
Kirchengebäude oder die Geschichte der Gemeinde. Aber Andreasgemeinde in Gießen und die Paulusgemeinde in
auch sogenannte Geistliche Worte, also Andachten, wer- Darmstadt.
kapitel 04 die digitale praxis / thema die gemeinde-homepage / artikel das fenster zur welt / 131

Bei Veröffentlichung von Fotos muss immer an die Bild­ sorgfältig zu bedenken und zu planen, wer die Web­
rechte und Einverständniserklärungen gedacht werden site erstellt und sie pflegt, also ständig auf dem neues-
(auch bei Konfi-Freizeiten usw.)! ten Stand hält. Das kann nicht von einer Person abhän-
gig sein. Wegen Urlauben, Krankheit und aus anderen
6. Guter Service Gründen sollten mindestens zwei bis drei Menschen in
Glossar Gut dargestellte Kontaktdaten sind für User wichtig, die der Lage sein, die Homepage zu pflegen. Desgleichen ist
sich durch den „Kirchendschungel“ bewegen, um zu er- es ratsam, auch die Kosten von Erstellung und Betrieb
E-Mail / Seite 144
fahren, wo man z. B. einen Patenschein erhält. Viele Men- vorab realistisch zu berechnen. Vor der Einrichtung der
schen kommunizieren per E-Mail – daher ist es sinnvoll, Website ist es sinnvoll, sich den Rat von kompetenten
bei den Kontakten eine E-Mail-Adresse anzugeben oder Mitarbeitern aus der Öffentlichkeitsarbeit eines Deka-
ein Kontaktformular einzurichten. Ein Beispiel ist bei der nats/Kirchenkreises einzuholen. Vielleicht gibt es gewis-
Luthergemeinde Frankfurt zu finden. se Standards und Vorgaben (das sogenannte Corporate
Unter Service wird meist auf Taufe, Trauung, Kon­ ­Design).
firmation und Bestattung hingewiesen. Manche Kir- Mit Blick auf die Ressourcen sollte auch gründlich
Websites chengemeinden informieren unter einem eigenen Menü- überlegt werden, ob auf der Homepage ein Forum zum
punkt über die Möglichkeit, Mitglied der evangelischen Austausch und für Diskussionen angeboten werden soll.
www.ekd.de/url/
Kirche zu werden. Auch wird auf örtliche Beratungsstel- Dieses benötigt ständige Administration und Begleitung.
lesebuch14-frankfurt
len und seelsorgerliche Angebote verwiesen. Natürlich Auch hier erst einmal die Frage: Wer macht das? Und
www.talkirche.de gehören Gottesdienstzeiten und -orte zu den Kerninfor- zwar kontinuierlich!
mationen. Ein besonderer Service ist es, wenn Neuzu- Landeskirchen und evangelische Medienhäuser bie-
gezogene schnell und auf einen Blick Informationen zu ten teilweise auch sogenannte Baukästen für Kirchen­
ihrem neuen Wohnort und der neuen Kirchengemeinde gemeinden an.
bekommen. Ein Beispiel hierfür zeigt die Talkirche Epp-
stein. 9. Kommt die Homepage an?
Das erfährt man, indem man etwa überprüft, wie oft sie
7. Up to date bleiben! aufgerufen wird. Dabei sind die Betreiber der Homepage
Eine Homepage bietet die Möglichkeit, auf aktuelle The- behilflich. Interessant ist es auch, einmal die Nutzerinnen
men sehr schnell zu reagieren. Das können örtliche und und Nutzer direkt zu fragen, z. B. durch eine Umfrage auf
regionale Themen sein, aber auch wichtige Informati- der Homepage.
onen, z. B. zur Kirchensteuer. Dabei sollten die Verant-
wortlichen darauf achten, dass diese Informationen nicht 10. Bekannt machen
allzu lange auf der Startseite stehen und zum „Laden­ Eine gut gemachte Homepage kann gerne intensiv bewor-
hüter“ werden. ben werden: Ist in der Signatur der E-Mail-Korrespondenz
ein Hinweis darauf vorhanden? Wird bei ­Publikationen
8. Und wer macht das alles? der Gemeinde auf die Homepage hingewiesen? Kommt
Motivation allein reicht nicht! Es ist von Beginn an sehr man über soziale Medien auf die Homepage? <
132 / kapitel 04 die digitale praxis / thema seelsorge online / artikel willkommen im chat
132 / kapitel 04 die digitale praxis / thema seelsorge online
seelsorge online

Gast1: Wie oft kommen die Nutzer zu Ihnen?


J.-Stephan Lorenz: Es gibt, wie in der Telefonseelsorge

Willkommen
auch, Dauernutzer. Manche bleiben Jahre. Das sind etwa
30 Prozent. Andere kommen mehrmals, bis sie das Ge-
fühl haben, sie können mit dem Problem alleine weiter-

im Chat
arbeiten. Und dann gibt es etwa 30 Prozent, die einmal
kommen; die haben ein konkretes Problem und wollen
das in einem Einzelgespräch klären.
Gast1: Nehmen wir an, ich habe ein Anliegen, möchte
darüber sprechen und komme zum ersten Mal zur Chat-
Die Chatseelsorge gibt es schon seit über zehn Jahren. seelsorge. Was erwartet mich?
Wer wendet sich an sie, mit welchen Sorgen? J.-Stephan Lorenz: Dann kommen Sie zuerst mal in den
Und: Wie wird das Seelsorge-Geheimnis gewahrt? offenen Chat. Dort schauen Sie, wer anwesend ist und
Ein Chat-Interview mit dem Leiter worüber die sprechen. Da sagen Sie vielleicht: Ich habe
ein Problem. Und dann kommt die Antwort vom Mode-
der Chatseelsorge, J.-Stephan Lorenz
rator oder einem Teilnehmer: Erzähl mal! Anschließend
können Sie entscheiden, ob Sie es im offenen Chat wei-
tererzählen oder lieber ein Privatgespräch führen wollen.
Das Privatgespräch läuft im Prinzip ab wie das Seelsorge-
gespräch im Zimmer eines Pastors. Im offenen Chat eher
wie in einer Selbsthilfegruppe, weil Sie damit rechnen
Hallo Gast1. Willkommen im Chat. können, dass einige User ähnliche Erfahrungen haben.
J.-Stephan Lorenz hat den Chat betreten. Gast1: Gibt es auch schweigende Mitleser?
Glossar
Gast1: Guten Morgen, Herr Lorenz. Mit welchen An- J.-Stephan Lorenz flüstert zu Gast1: Ja, die gibt es auch.
liegen kommen die Nutzer am häufigsten in den Seel­ Oder die Gäste kommunizieren im Flüstermodus. Diese Chat / Seite 143
sorgechat? Mitteilung können die anderen im offenen Chat nicht le-
J.-Stephan Lorenz: Das sind eigentlich alle Probleme, sen.
Pastor J.-Stephan wie sie auch in realen Beratungssituationen vorkommen: J.-Stephan Lorenz zu Gast1: Man kann sich im offenen
Lorenz ist Referent Trauer, familiäre Probleme, Beziehungsprobleme, selbst Chat auch direkt ansprechen. So sind Gesprächsgruppen
für Chatseelsorge beim verletzendes Verhalten und Missbrauchserfahrungen, die zu verschiedenen Themen gleichzeitig möglich.
Evangelischen im Übrigen oftmals hier im anonymen Chat erzählt Gast1: Haben Sie denn ab und zu Störenfriede im offe-
MedienServiceZentrum
werden. Unser Ziel ist es, auf andere Beratungsangebote nen Chat?
der Evangelisch-
hinzuweisen und Mut zu machen, dort hinzugehen. Aber J.-Stephan Lorenz: Störenfriede haben wir eigentlich
lutherischen Landes­
viele unserer Gäste sind bereits in einer Beratung und nicht. Dass sich mal Gäste missverstehen, ist eine andere
kirche Hannovers.
nutzen die Möglichkeit, sich hier im Chat noch mal zu Sache. Die Gruppe der Teilnehmenden wirkt hier ganz
sortieren. ordnend.
kapitel 04 die digitale praxis / thema seelsorge online / artikel willkommen im chat / 133

Gast1: Haben manche User denn einen festen Seelsorger? als Seelsorger in Supervision sind, dann wird nur münd-
Also jemanden, an den man sich immer wenden kann, lich berichtet. Außerdem ist unser Chat auf einem ver-
ohne die ganze Geschichte von neuem zu erzählen? schlüsselten kirchlichen Server. Das sind im Übrigen
J.-Stephan Lorenz: Ja, diese Möglichkeit nutzen einige Standards für seriöse Chats – deshalb geht ja Seelsorge in
Gäste durchaus. Es wird ja immer vorher angekündigt, sozialen Medien wie Facebook schon mal gar nicht.
welche Seelsorger im Chat sein werden. Manche haben Gast1: Sie haben auch eine Chatiquette. Können Sie kurz
aber auch mehrere Ansprechpartner. Das ist eben der die wichtigsten Punkte nennen?
Vorteil des Chats.
Gast1: Was sind weitere Vorteile gegenüber anderen For-
J.-Stephan Lorenz: Die ist in den Nutzungsbedingungen
niedergelegt. Also keine rassistischen oder beleidigenden
Seelsorge im Netz
men der Seelsorge? Äußerungen, wer eine Straftat ankündigt, muss mit einer Kirchliche Angebote sind u. a.:
J.-Stephan Lorenz: Ich denke, prinzipiell ergänzen sich Anzeige rechnen etc. Das hatten wir einmal, da hat eine www.chatseelsorge.de:
die Angebote. Für Menschen, die eine hohe Schamgren- Nutzerin die Polizei verständigt und der Gast wurde dann Ein Angebot der Evangelisch-
ze haben, ist es zunächst jedoch einfacher, in den Chat von einem Einsatzkommando besucht. Das ist aber nur lutherischen Landeskirche
zu gehen. Ein weiterer Vorteil der Chatseelsorge ist, dass einmal in zehn Jahren vorgekommen. Der hatte aus Scherz, Hannovers in Kooperation mit
der Gast das Gespräch, wenn es ihm zu heikel wird, so- wie er hinterher sagte, einen Amoklauf angekündigt. der Evangelischen Kirche im
fort wegklicken kann. Stellen Sie sich vor, Sie wollen als Der öffentliche Chat endet in 5 Min. Rheinland. Mit regelmäßigen
Frau über einen Missbrauch reden und rufen bei der Te- J.-Stephan Lorenz: Das ist übrigens die Ankündigung, Zeiten für Live-Gruppen-
lefonseelsorge an, und dort meldet sich eine männliche dass der Chat bald endet. Das macht er automatisch. chats, Einzelchats und einer
Stimme . . ., das kann schon ein Nachteil sein. Das Glei- Gast1: Schließt sich das Fenster dann von alleine? E-Mail-Beratung
che könnte auch in einem Seelsorgegespräch beim Pastor Der öffentliche Chat endet in 3 Min. www.telefonseelsorge.de:
vor Ort passieren. In der Chatseelsorge sehen die User J.-Stephan Lorenz: Ja, der Chat ist gnadenlos ;-) Das Ein ökumenisches Angebot
vorher auf der Seite, wem sie an diesem Abend schreiben wissen und akzeptieren auch alle. Wenn wir weiterreden mit Mail-Beratung und Chat
können. wollen, müssen wir in den Privatchat wechseln, dort kann mit Terminvereinbarung
Gast1: Sind immer ein Seelsorger und eine Seelsorgerin man über die Zeit hinaus reden. Also loggen Sie sich mal
www.netseelsorge.de:
online? ein, indem Sie auf mein Bildchen klicken.
Ein Online-Seelsorge-Angebot
J.-Stephan Lorenz: Nein, leider nicht, obwohl wir uns da- Sie haben in einen privaten Chat gewechselt.
der Evangelischen Landeskirche
rum bemühen. Denn wir wissen, dass sich manche Gäste Der öffentliche Chat endet in 1 Min.
in Baden in Kooperation
auch danach richten, ob eine Frau im Chat als Seelsorgerin Gast1: Befinden wir uns jetzt schon im privaten Chat?
mit der Arbeitsgemeinschaft
ist oder nicht. Also, die Gäste entscheiden sich schon sehr J.-Stephan Lorenz: Ja, jetzt sind Sie im Privatchat. Für
Christ­liche Onlineberatung
bewusst, zu wem sie gehen. Wenn man unter psychischem den Seelsorger öffnet sich ein eigenes Fenster, was hier
Druck steht, sieht das aber auch noch mal anders aus. geschrieben steht, können die anderen nicht sehen. Bei www.seelsorge.net:
Gast1: Wie können Sie die Vertraulichkeit des Chats ga- Ihnen ist der Text dann farblich unterlegt. Ein ökumenisches Internet-
rantieren, Stichwort: Seelsorgegeheimnis? Der öffentliche Chat endet in 30 Sek. und SMS-Seelsorgeangebot
J.-Stephan Lorenz: Als Seelsorger unterliegen wir alle Der öffentliche Chat ist beendet. in der Schweiz
dem Seelsorgegeheimnis, der Chat zeichnet keine Kon- Gast1: Herr Lorenz, vielen Dank für das Gespräch.
versation auf, wir machen keine Screenshots. Wenn wir  < Interview: Michael Güthlein>
134 / kapitel 04 die digitale praxis / thema kirchlicher datenschutz / artikel willkommen im chat
134 / kapitel 04 die digitale praxis / thema kirchlicher datenschutz
kirchlicher datenschutz

Wo liegen diese personenbezogenen Daten denn?


Michael Jacob: Zum Beispiel liegt die Hoheit über die

„Menschen schützen, Meldewesendaten bei den Landeskirchen. Weil sie so sen-


sibel sind, gibt es dort seit Jahren schon einen hohen IT-­
Sicherheitsstandard. Nur einige wenige Mitarbeitende in
nicht Daten“ einer Gemeinde und in den Verwaltungen können darauf
zugreifen.
Nun gibt es Kirchengemeinden, die sich Facebook-Sei-
Der Beauftragte für den Datenschutz der EKD (BfD EKD),
ten angelegt haben. Da stehen die Server nicht in den
Michael Jacob, und sein Stellvertreter Landeskirchen, sondern in Irland und den USA. Auch
Sascha Tönnies, über sensible Daten in kirchlichen dort geben die Nutzer personenbezogene Daten an –
Einrichtungen und Strategien, diese zu schützen allein, um sich anzumelden.
Michael Jacob: Wir wollen den Einsatz von Social Media
nicht grundsätzlich verbieten, sondern die Nutzung dem
kirchlichen Auftrag entsprechend ermöglichen. Natür-
lich können Social Media nützlich für Gemeinden sein.
Glossar
Aber die Regeln des Datenschutzes müssen berücksich-
tigt werden. Social-Media-Guidelines können bei der IT / Seite 144
EKD-Lesebuch: Herr Jacob, Herr Tönnies: Sie sind praktischen Arbeit helfen. Server / Seite 145
für die Datenschutzaufsicht in der evangelischen Kir- Sascha Tönnies: Wir müssen zudem an einem techni-
che zuständig. Was beschützen Sie da eigentlich? schen Bewusstsein arbeiten. Bei der Nutzung von Social
Michael Jacob: Juristisch ausgedrückt: personenbezo- Media fallen massiv Daten an, von denen wir zunächst
gene Daten. In der Kirche werden zum Beispiel Daten nichts wissen. Wenn ein Pastor zum Beispiel bei Face-
der Beschäftigten erfasst. In kirchlichen Krankenhäusern book postet, sollte ihm bewusst sein, dass dort Meta-
Michael Jacob ist müssen Patientendaten verarbeitet werden. Die Kirche er- daten, also unterschiedliche „unsichtbare“ Daten aufge-
Jurist und seit Januar hält von den kommunalen Stellen Name, Adresse, Alter, zeichnet werden: Standort, Zugriffsdauer, was vorher und
Mehr dazu
2014 Beauftragter für den Geschlecht ihrer Gemeindeglieder und ergänzt diese um im Anschluss angesehen wurde. Von Vertraulichkeit für
Datenschutz der EKD. eigene kirchliche Daten – Taufe, Trauung, Jubiläen. So Seelsorge kann da keine Rede sein. auch in den Texten über
Big Data ab Seite 36
Sein Stellvertreter, entsteht das kirchliche Meldewesen. Der Umgang mit Für eine evangelische Kirchengemeinde ist es zentral,
Dr. Sascha Tönnies, diesen Daten bedeutet eine große Verantwortung. die christliche Botschaft so weit wie möglich zu ver-
ist Informatiker. Sascha Tönnies: Denn aus der Kombination der Daten breiten. Ist der Datenschutz nicht eine Hürde dabei?
mit anderen können Profile über die Menschen hinter Michael Jacob: Die christliche Botschaft im Netz zu
diesen Daten erstellt werden. Und genau das ist nicht in verbreiten, ist ja überhaupt kein datenschutzrechtliches
unserem Interesse. Problem. Uns geht es um den Schutz von personenbezo-
Michael Jacob: Wir wollen nämlich Menschen schützen, genen Daten der Gemeindemitglieder und vertraulicher
nicht Daten als solches. Informationen zum Beispiel aus der Seelsorge. Wir wol-
kapitel 04 die digitale praxis / thema kirchlicher datenschutz / artikel „menschen schützen, nicht daten“ / 135

len Gemeinden nicht verbieten, Online-Plattformen für Michael Jacob: Vor dem Hintergrund der Rechtspre-
christliche Inhalte und Diskussionen zu nutzen. Wir wol- chung in der Europäischen Union haben sich die An-
len sie aber dafür sensibilisieren, diese so zu nutzen, dass forderungen an den Datenschutz in den letzten Jahren
sensible Nutzerdaten dabei geschützt werden. deutlich verändert. Insbesondere muss die Datenschutz­
Was können Sie tun, wenn Sie bemerken, dass sensible aufsicht eine größtmögliche Unabhängigkeit und Selbst-
Daten doch in unsichere Kanäle geraten? ständigkeit aufweisen. Darum bauen wir auch in der
Michael Jacob: Zunächst machen wir die betreffende EKD die Datenschutzaufsicht entsprechend um. Das
Stelle auf das Datenschutzproblem aufmerksam und su- Ziel ist, diese Aufgabe noch stärker als bisher gemein-
chen nach Lösungen. Als schärfstes Mittel können wir sam wahrzunehmen. Bisher haben zwölf Gliedkirchen
eine förmliche Beanstandung aussprechen. Gebraucht die Datenschutzaufsicht an die EKD übertragen. Weite-
haben wir dieses Instrument bislang ganz selten. re werden folgen. Wir sind zudem für die Datenschut-
Wird denn unsensibel mit Daten umgegangen? zaufsicht in einigen diakonischen Werken zuständig, die
Michael Jacob: Ein ganz klassischer Fall ist das Einstel- durch ihre Beratungsstellen, Krankenhäuser und andere
len von Gemeindebriefen ins Internet. Im Gemeindebrief Einrichtungen hochsensible Daten haben. Daher gibt es
stehen häufig personenbezogene Daten wie Geburtstage, für die Datenschutzaufsicht EKD-weit Außenstellen und
Jubiläen, Taufen, Todesfälle. Ohne das Einverständnis die Dienststelle in Hannover. Trotzdem brauchen wir für
der Betroffenen darf man diese Daten nicht online stellen guten Datenschutz flächendeckend auch Betriebsbeauf-
– es geschieht trotzdem, dass der Gemeindebrief eins zu tragte und örtlich Beauftragte mit klaren Aufgaben – das
Mehr dazu eins als PDF-Dokument im Internet zu finden ist. Urhe- heißt zunächst auch: viel Aus- und Weiterbildung.
auch in dem Text über ber- und Persönlichkeitsrechte sind ebenfalls zu beachten. Wo sehen Sie zukünftige Aufgabenfelder?
die Homepages von Gemeinden Fotos dürfen nicht einfach so ins Netz gestellt werden. Sascha Tönnies: Im IT-Bereich gibt es ständig Neuhei-
ab Seite 129 Die abgebildete Person muss einverstanden sein, bei Kin- ten, die auch hinsichtlich des Datenschutzes durchdacht
dern müssen die Eltern ihr Einverständnis erklären, die werden müssen. Die sichere Nutzung von Daten-Clouds
Einwilligung des Fotografen muss vorliegen. wird uns als Thema begleiten. Und die Möglichkeit, Glossar
Im Teenageralter wird vor allem über WhatsApp kom- E-Mails so zu verschlüsseln, dass ihre Inhalte nur die Ab- Cloud / Seite 143
muniziert. Worauf müssen Jugendleiter hier achten? sender und Empfänger lesen können, ist wichtig für die
Sascha Tönnies: Auch hier gilt es wieder, die personen- Kirche.  < Interview: Miriam Bunjes  >
bezogenen Daten so gut wie möglich zu schützen: Die
Teilnehmerliste mit Adressen darf nicht verschickt wer-
den. Die Betreuer einer Freizeit müssen dafür sensibili-
siert werden, wie problematisch Gespräche über private
oder gar intime Details von Lebensgewohnheiten und Lesetipp:
Verhalten über ein Medium wie WhatsApp sind und wel- Das Datenschutzgesetz der Evangelischen
che Folgen sie für Jugendliche haben können. Kirche in Deutschland in seiner Neufassung
Was sind im Moment die dringendsten Aufgaben für vom 1. Januar 2013:
Sie? www.ekd.de/url/lesebuch14-datenschutzgesetz
galerie vier
136 / galerie

Bibellektüre per Smartphone,


Losungen als RSS-Feed und
ein virtuelles Museum des
Protestantismus – es gibt zahllose
gelungene Beispiele, wie
Glaube und Religion im Netz
gelebt werden.
Auf den folgenden Seiten haben
wir eine bunte Sammlung
zusammengestellt von Kirche,
Glaube und Religion in der Evangelischer Widerstand
www.evangelischer-widerstand.de
digitalen Welt – ohne Anspruch
Eine interaktive Ausstellung über den Widerstand gegen
auf Vollständigkeit. Zum Blättern, den Nationalsozialismus mit dem Fokus auf Protestantinnen
Freuen, Inspirierenlassen und Protestanten. Die Porträts werden zugeordnet nach
Regionen und anhand einer Zeitleiste. Eine Materialsammlung
und ein Forum ergänzen das Angebot der Evangelischen
Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte.
galerie / 137

Dinge, die ein evangelischer Nacht der offenen Kirchen Theologiestudierende


Pfarrer nicht sagt www.rebelmouse.com/nok2014 www.theologiestudierende.de
www.facebook.com/
Alle zwei Jahre öffnen in der Evangelischen Als Austauschplattform für Theologie­
Das.sagt.kein.evangelischer.Pfarrer
Kirche von Westfalen für die Nacht von studierende gestartet, hat sich
Eine humorvolle Sammlung an Stilblüten, Pfingstsonntag auf Pfingstmontag die der Blog mittlerweile zum Informations-
Pannen und Peinlichkeiten rund ums Kirchen ihre Türen. Die vielfältigen Aktionen und Weiterbildungsportal entwickelt.
Pfarramt: Cartoons, Sprüche, Videos, Fotos und Angebote der „Nacht der offenen Die Seite bietet Tipps zu Lernmethoden,
und Erlebnisse der Follower. Kirchen“ werden auf Social-Media-Kanälen Leseempfehlungen, aber auch
Mehr aus der Praxis: „Was mir im begleitet und hier dokumentiert. Schwerpunktthemen, Meinung und
Predigtseminar keiner sagte“ – was in der Besinnliches. Betrieben von Theologie­
Praxis aber doch passierte –, bespricht studierenden für Theologie­-
diese Gruppe (hier muss man beitreten): studierende.
www.facebook.com/groups/179415722219194
138 / galerie

Homilia Online-Andacht Meine kleine Bibel


www.homilia.de www.online-andacht.at www.ekd.de/url/lesebuch14-kleinebibel

Pfarrer Karsten Dittmann bloggt auf Eine österreichische Gemeinde in 20 Bibelgeschichten aus dem Alten und dem
homilia.de übers Schreiben im Allgemeinen Wien-Ottakring feiert regelmäßig Neuen Testament enthält die multimediale
und das Predigtschreiben im Besonderen. Online-Andachten. Es gibt einen Livestream, Kinderbibel-App der Deutschen
ein Online-Gebetbuch, und die Tweets Bibelgesellschaft: zum Vorlesen, als Audio,
Aus Pfarramt und Gemeinde:
zur Andacht werden gesammelt: erweitert um farbenfrohe Illustrationen,
Blog einer evangelischen Gemeinde im
http://twijector.com/go/evmakir Animationen und Geräusche. Weitere
Uckerland (Brandenburg):
Aufzeichnungen der Gottesdienste auf digitale Bibelausgaben bietet die Deutsche
www.uckerlandkirchenblog.wordpress.com
YouTube: www.youtube.com/user/evmakir Bibelgesellschaft als App für unterschiedliche
Schöne Alltagsbegegnungen und auch mal
Betriebssysteme. Das Angebot reicht
ein Gedicht unter www.der-pastor.blog.de. Gottesdienste online: Auch die ZDF-
von der Lutherbibel bis zur BasisBibel
Ein literarischer, sehr persönlicher Fernsehgottesdienste kann man zeitversetzt
und dem Bibelleseplan der Ökumenischen
Landpfarrer-Blog: www.ev-kirche-langenargen.de/ im Netz schauen: www.zdf.de/ZDFmediathek/
Tagebuch-eines-Landpfarrers.tel.0.html kanaluebersicht/348#/kanaluebersicht/348
Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen.
galerie / 139

Ebiblog theology
www.thomas-ebinger.de www.theology.de

Thomas Ebinger Die Website bietet Texte,


ist Dozent für Tipps und Nützliches:
Konfirmandenarbeit Bibelausgaben zum
der Evangelischen Download, Computer-
Landeskirche in programme für die
Württemberg. In Gemeindearbeit oder
seinem Blog gibt er u. a. Jobangebote. Auf Twitter
Tipps und Infos zum als @theology _ de
Konfirmandenunterricht. zu finden.

Podcast Die Losungen


http://pfarrer.herzblut.fm www.losungen.de/download/
download.php
Wenn Pfarrer Hans
Spiegl spricht, lauschen Die Herrnhuter Losungen
seinem Podcast seit Jahren gibt es kostenlos
Tausende Zuhörer. zum Download, als
Der Österreicher führt RSS-Feed oder tägliche
sein Audio-Tagebuch Mail, zur Einbindung
– in Dialekt – über auf eigenen Websites
alles,„was mich und als App. Weitere
berührt – durchdacht Informationen unter
oder einfach so“. www.losungen.de
140 / galerie

Radwegekirchen Museum des Protestantismus


www.radwegekirchen.de www.museeprotestant.org/de

Die Seite im Auftrag des EKD-Netzwerkes „Kirche in Die Seite ist ein virtuelles Museum des Protestantismus
Freizeit und Tourismus“ verortet und präsentiert evangelische mit internationalem Profil. Mehrere Ausstellungen
Radwegekirchen in Deutschland. Zudem kann man und Rundgänge erschließen den historischen Stoff auf
sich hier über rund 100 Radwanderwege informieren. Deutsch, Englisch und Französisch.
galerie / 141

Bischofs-Blog United Church of Christ


www.nickbaines.wordpress.com (UCC) im Bild
www.pinterest.com/
Der anglikanische Bischof
unitedchurch
schreibt über alles, was
ihn interessiert. Nick Auf dem Pinterest-Account
Baines hat in Deutschland sammelt die UCC Fotos,
gearbeitet, schreibt z. B. von Tattoos mit
aber auf Englisch. Und christlichen Symbolen
möchte dabei ausdrücklich oder Sinnsprüchen. Videos
nicht das letzte Wort zeigt die UCC auf Vimeo:
haben. www.vimeo.com/uccvideos

Theopop Lieder vom Glauben


www.theopop.de www.lieder-vom-glauben.de

Der Theologe Fabian Das Portal der


Maysenhölder Evangelischen Landes-
dokumentiert auf dem kirche in Württemberg
Themenblog seine sammelt Videos
Spurensuche nach dem zum Wochenlied,
Religiösen im Alltag. Das von Chören eingesungen,
findet er nicht nur explizit, und dazu verwandte
sondern auch ganz subtil Lieder aus allen Epochen.
im Verborgenen. Zum Hören, Sehen
und Singen.
glossar
142 / glossar

 e-mail 
 facebook 

 streaming 
 instant-messaging 

Die wichtigsten Begriffe  chat 


 wiki   google glass 
der digitalen Welt kurz erklärt
 microblogging 

 social web   avatar 


 app   bit   livestream 

 cyberspace   wlan   selfie 


 video-on-demand   open source 
 youtube 
 server 
 twitter   chip 
 videochat 
 blogger 
 podcast 
 it   cloud-speicher 
 sexting   internet 
 www   tablet 

 big data   suchmaschine   tweet 


 google+   cybermobbing 
 online 
 instagram 
 second screen   social media   blog 

 shitstorm 
 cloud   timeline   smartphone 
 flamewar 
 whatsapp 
 chatiquette   web 2.0 
 cloud-computing 
 forum 
 soziale netzwerke 
 google   homepage 
glossar / 143

zurück

einheit und kann nur die Werte 0 oder 1 haben. 0 mehreren Personen. Ursprünglich auf den Austausch
kann physikalisch bedeuten, dass kein Strom fließt von Textnachrichten beschränkt, ist mittlerweile auch
App  Kurzform von Applikation, ist ein kleines (Aus), oder dass keine Spannung anliegt; bei 1 fließt der Chat per Video (Videochat) möglich. Chatiquette
Computerprogramm, das der User kostenlos oder für Strom (An) bzw. liegt eine Spannung an. Ein Com- sind die für User geltenden „Anstandsregeln“ in Chats.
ein geringes Entgelt erwerben kann. Apps erweitern puter speichert Informationen lediglich über die Zu-
den Funktionsumfang eines Geräts, sind aber nicht stände An und Aus. Um mehr als zwei Zeichen dar- Chip  Aus dem Englischen für elektronischer Bau-
notwendig dafür, dass das System selbst funktioniert. stellen zu können, fasst man acht Bits zu einer Einheit, stein. In der Umgangssprache ein sehr dünnes und
Im deutschen Sprachraum gleichgesetzt mit „mobiler einem Byte, zusammen. Ein Byte kann also 2 hoch kleines Plättchen, auf dem sich Schaltkreise oder an-
App“ für → Smartphone und → Tablet. Die An- 8 = 256 Zeichen darstellen. Diese Zeichen sind die dere wichtige Computersystemkomponenten befin-
wendungsbeispiele reichen von einfachen Werkzeugen Codes für Buchstaben, Satz- und Sonderzeichen oder den. Ein Schaltkreis kann aus mehreren Millionen
wie Taschenlampe über ­Spiele und Wecker bis hin zu eine Ziffer, die dann auf dem Computerbildschirm Elementen wie Transistoren und Widerständen be-
Nachrichtenangeboten und Bibel­ausgaben. Auch für abgebildet werden. stehen. Ein Chip speichert Informationen oder bildet
Computer mit Windows8 oder Apple-Betriebssystem Die Bits, mit denen ein Computer arbeitet, müs- den Schaltkreis für Mikroprozessoren.
gibt es Apps (Windows Apps / Mac Apps), ebenso für sen beispielsweise auf Festplatten, DVDs, Speicher-
Webbrowser (Web Apps). karten oder USB-Sticks bereitstehen. Übertragungs- Cloud / Cloud-Speicher / Cloud-Compu-
geschwindigkeiten werden in Bits pro Sekunde (bit/s) ting  Als Cloud (engl. für Wolke) bezeichnet man
Avatar  Ist ein grafischer Stellvertreter, als der sich angegeben. In Bytes wird die Größe eines Speichers einen Ort zum Speichern von Daten in einem Re-
der Nutzer in virtuellen Welten wie Computerspielen angegeben. chenzentrum (im Gegensatz zur lokalen Festplatte
bewegt. Auch das Foto eines Nutzers in → Sozialen und dem eigenen, externen Datenträger). Das Ausfüh-
Netzwerken wird Avatar genannt. Das Wort leitet Blog / Blogger  Ist entstanden aus der Verkür- ren von Programmen, die dort gespeichert sind, nennt
sich aus dem Sanskrit (Avatāra) für „Abstieg“ ab, im zung des englischen Begriffs „weblog“ (Netztage- man Cloud-Computing. Dadurch ist man bei der
Sinne von Herabsteigen einer Gottheit auf die Erde. buch). Ein Blog ist ein Internetmagazin, das meist Anwendung von Programmen und dem Abrufen der
von Privat­leuten geschrieben wird und chronologisch Daten nicht auf ein Endgerät beschränkt. Rechenleis-
aufgebaut ist. Mit kostenlosen Diensten wie z. B. tung, Speicherplatz und Software können ausgelagert
Wordpress kann jeder einen Blog anlegen. Zentrales und nach Bedarf genutzt werden, sofern eine funk-
Big Data  Bezeichnet die Auswertung von großen Element sind die Leserkommentare, in denen Autor tionierende Internetverbindung besteht. Der Zugriff
Mengen an Daten, die erst durch enorme Rechen- und Leser miteinander kommunizieren. Seitdem das auf die entfernte Cloud erfolgt meist über das Internet
kapazitäten möglich wurde. Durch die Analyse von → Internet durch die Benutzer (User) selbst mitge- oder ein firmeninternes Intranet.
genügend Rohdaten können Rechner mittels Algo- staltet wird, spricht man vom → Web 2.0.
rithmen neue Zusammenhänge aufzeigen. Seitdem Cybermobbing  Ist das Diffamieren und Schika-
bekannt ist, dass der US-Geheimdienst NSA und an- nieren einer Person über das → Internet.
dere das Internet überwachen, ist der Begriff aufgrund
von Datenschutzbedenken negativ konnotiert. Chat / Chatten / Videochat / Chatiquette  Cyberspace  Das Wort ist geprägt von den
Kommt vom Englischen „to chat“ für plaudern. Es Science-Fiction-Romanen der 1980er Jahre, es be-
­
Bit  Abkürzung von „binary digit“ für „binäre Zif- bezeichnet jede Form von direkter Kommunikation zeichnet den Ort, der durch die Vernetzung von Com-
fer“. Ein Bit ist die kleinste elektronische Speicher­ über das → Internet in Echtzeit zwischen zwei oder putern entsteht und in dem die → Online-Kommu-
144 / glossar

zurück

nikation stattfindet. Umgangssprachlich umfasst der erfahrenen Usern Hilfe im Umgang mit der Informa- den, also ohne Zeitverzögerung, wie dies etwa im
Begriff eher soziale Interaktionen, die im Internet tionstechnik. → Forum der Fall ist. Je nach Anbieter können neben
stattfinden, weniger deren technische Umsetzung. Texten auch Dateien wie Fotos und Videos übermit-
telt werden. Bekannte Instant-Messaging-Dienste sind
→ Facebook Messenger, → WhatsApp, Skype und
Google / Google  Glass / Google+ US-Unter­ → Twitter.
E-Mail  Kurzform des englischen Worts „electro- nehmen, das Internetdienstleistungen anbietet, die meist
nic mail“ für „elektronische Post“ bzw. den elektroni- durch Werbung finanziert und somit für den Nutzer Internet / WWW  Das Internet ist das eigentliche
schen Austausch von Daten und Nachrichten. kostenlos sind. Bekannteste Dienstleistungen sind die Netzwerk von Rechnern, in dem Informationen ge-
gleichnamige Suchmaschine, das Videoportal → You- speichert und Daten ausgetauscht werden. Das World
Tube sowie der → E-Mail-Dienst Gmail, Google Wide Web, kurz WWW, ist einer der Dienste des In-
Maps, Browser Chrome und Betriebssysteme wie And- ternets. WWW und Internet sind nicht dasselbe: Das
Facebook  Wurde 2004 gegründet und ist mit cir- roid. Google Glass ist ein Mini-Computer, der auf einen WWW besteht aus Websites, die mit einem Webbrow-
ca 1,3 Milliarden Nutzern (Usern) weltweit das größte Brillengestell montiert ist und Informationen aus der ser aufgesucht werden können. Zum Internet gehören
→ soziale Netzwerk. Nutzer erstellen ein per- → Cloud in das Sichtfeld des Trägers projiziert. Google+ außer dem WWW zum Beispiel noch → E-Mail,
sönliches Profil, auf dem sie Statusmeldungen, Links, ist das seit Juni 2011 betriebene →
­  soziale Netz- Usenet (weltweites Netzwerk mit fachlichen Diskussi-
Fotos und Videos veröffentlichen, die von anderen werk mit gegenwärtig 540 Millionen aktiven Nutzern. onsforen in Textform) und Telnet (Netzwerkprotokoll
Mitgliedern gelesen, angesehen und kommentiert zum Austausch von Daten zwischen Computern). In
werden können. Außerdem bietet Facebook bei jedem der Alltagssprache werden WWW und Internet oft
Inhalt die Möglichkeit, eine „Gefällt mir“-Schaltflä- synonym verwendet.
che („Like“) oder eine „Teilen“-Schaltfläche („Share“) Homepage  Bezeichnet die Startseite eines Internet­
zu klicken. Diese Buttons können auch auf externen auftritts / einer Website. IT  Ist das Kurzwort für „Information Technology“
Websites auftauchen. und der Überbegriff für die Informations- und Daten-
verarbeitung mit Computern.
Flamewar  Unsachliche Diskussion in virtuellen
Räumen wie dem → Forum zwischen aggressiven Instagram Kostenlose → App, mit der Fotos und
Nutzern, die sich gegenseitig anstacheln und ohne kurze Videos durch Filter entfremdet und dann mit
­Bezug zur Sache beleidigen. der Community in einem → Sozialen Netzwer- Online  Bezeichnung für den Status, wenn Geräte
ken geteilt werden können. Ein besonderes Merkmal mit dem → Internet verbunden sind. Früher muss-
Forum  Virtueller Ort im Internet, an dem User mit- ist das quadratische Format der Fotos. Eine weitere te man sich mit speziellen Geräten erst in das Internet
einander kommunizieren, allerdings – im Unterschied ­Foto-Community ist Flickr. einwählen, heute sind die Geräte meist „always on“,
zum → Chat – asynchron, die Antwort auf einen also stets online. Dies stellt den Datenschutz vor neue
Beitrag erfolgt also zeitversetzt. Es gibt Foren für die Instant-Messaging  Heißt so viel wie „soforti- Herausforderungen.
unterschiedlichsten Spezialthemen, von der Straußen- ger Nachrichtenversand“. Unterhaltung zwischen zwei
zucht in Brandenburg bis zur Asylpolitik der Bundes- oder mehreren Teilnehmern per SMS oder → Chat, Open Source Englisches Wort für „quellof-
republik. In einem Support-Forum bekommt man von bei der die Nachrichten synchron beantwortet wer- fen“ und eine Form der Software-Lizensierung. Eine
glossar / 145

zurück

Open-Source-Lizenz garantiert, dass der Quellcode Rechner eines Netzwerks. Ein Server kann dabei meh- ten Sozialen Medien zählen → Blogs, → Facebook,
frei zugänglich ist und unter Umständen verändert rere Kunden (Clients) bedienen. → Twitter und → YouTube.
oder kopiert werden darf. Open-Source-Software ist
in der Regel frei, im Sinne von Freiheit und nicht im Sexting  Schachtelwort aus Sex und texting (engl. Streaming / Livestream / Video-on-de-
Sinne von Freibier, auch wenn sie zumeist kostenlos für Nachrichten austauschen). Umfasst sowohl das mand  Streamen bezeichnet die Übertragung von
erhältlich ist. Freie Software und Open-Source-Soft- → Chatten über sexuelle Themen als auch das Ver- Audios oder Videos über das → Internet. Ein Lives-
ware werden oft synonym verwendet. Zu den bekann- senden von erotischen Selbstaufnahmen, hauptsäch- tream überträgt Bild und Ton in Echtzeit. Video „on
testen Open-Source-Software-Projekten gehört der lich über mobile Endgeräte. In den USA ist Sexting demand“ (auf Abruf) ist eine im Nachhinein abrufba-
Browser Mozilla Firefox, das Schreibprogramm Apa- für Minderjährige unter dem Vorwurf der Kinder­ re Aufzeichnung, beispielsweise in den Mediatheken
che OpenOffice sowie das Betriebssystem Linux. pornografie verboten. In Deutschland ist die Rechts- der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
lage zu diesem relativ neuen Phänomen noch unklar.
Kritiker verweisen auf die Gefahr der sexuellen Be- Suchmaschine  Programm zur Dokumentenre-
lästigung durch solche Fotos und darauf, dass die ab- cherche. Eine Suchmaschine strukturiert Informati-
Podcast  Schachtelwort aus dem Eigennamen gebildeten Personen durch die kompromittierenden onen über die Dokumente. Die Suche übernehmen
„iPod“ für tragbare Musikabspieler und „(broad)cast“ Fotos unter Druck gesetzt werden können. im → WWW sogenannte Webcrawler. Dabei handelt es
für Rundfunk. Ein Podcast ist eine Reihe von Audio­ sich um beinahe autonome Computerprogramme, die
beiträgen, die im mp3-Format über einen RSS-Feed Shitstorm  Basiert auf dem englischen Ausspruch Dokumente im WWW nach Schlüsselwörtern durch-
abonniert und im → Internet heruntergeladen wer- „the shit is in the fan“ (etwa: „Die Kacke ist am Damp- suchen. Die Suchmaschine analysiert die Ergebnisse
den können. fen“). Ein Shitstorm ist eine beleidigende Welle der und ordnet die Treffer nach bestimmten, passenden
Entrüstung im → Internet. User äußern in → So- Algorithmen. Die bekannteste Schmaschine ist die von
zialen Netzwerken unsachliche Kritik an einer → Google.
Einzelperon, einem Produkt oder einem Konzern.
Second Screen  Englisch für zweiter Bildschirm.
Gemeint ist die Nutzung eines zweiten Bildschirms, Smartphone  Internetfähiges, „schlaues“ Telefon
meist eines internetfähigen → Smartphones oder mit Touchscreen und vielen Zusatzfunktionen wie Tablet  Ein tastaturloser, tragbarer Computer mit
→ Tablets parallel zum Fernsehprogramm. GPS und der Möglichkeit, → Apps zu installieren. Touchscreen.
Ein Smartphone ist ein vollwertiger Universalcompu-
Selfie  Selbstporträt einer oder mehrerer Personen, ter in einem Telefongehäuse. Timeline  Englisches Wort für Zeitstrahl. Eine
meist spontan aufgenommen mit der Digitalkamera Timeline ist die lineare grafische Darstellung einer
­eines → Smartphones oder → Tablets oder mit Social Media / Social Web / Soziale Netz­­- Sequenz von Ereignissen. Bei → Twitter ist dies die
der Webcam und meist via → Social Media ver- werke Social Media wird zumeist mit „Soziale Seite des Nutzers, auf der er chronologisch geordnet
breitet. Medien“ übersetzt, obwohl „gesellige Medien“ eine alle eingehenden → Tweets sieht; bei → Facebook
passendere Übersetzung wäre. Die User besitzen seit die Liste an Posts.
Server  Computerprogramm oder Computer, der Anfang des Jahrtausends mit Hilfe des → Web 2.0
den Kunden „dient“ (engl. „to serve“). Als zentrale die Möglichkeit, eigene Inhalte zu veröffentlichen und Twitter / Tweet / Microblogging  Twit-
Basis verwaltet er Daten und hält Software bereit für sich untereinander auszutauschen. Zu den wichtigs- ter ist der bekannteste Dienst für Microblogging, eine
146 / glossar

zurück

Form des Bloggens, bei der die Länge der einzelnen WLAN  Kurzwort für „Wireless Local Area Network“
Beiträge stark begrenzt ist. Bei Twitter ist die Beitrags- (drahtloses lokales Netzwerk). Lokales Computer-
länge eines Tweets auf 140 Zeichen begrenzt. Twitter netzwerk, in der Umgangssprache mit kabellosem
wird zu den → Social Media gezählt. ­Internetzugriff gleichgesetzt.

Web 2.0  Bezeichnet die Elemente des → WWW, die es YouTube  Ist die beliebteste Videoplattform im­
dem Nutzer ermöglichen, nicht nur zu konsumieren, → Internet. Ob Privatpersonen, Unternehmen,
sondern auch eigene Inhalte zu erstellen und zu veröf- Parteien oder Fernsehsender – jeder kann Video­
fentlichen. Der Begriff wurde 2003 zum Schlagwort: material hochladen. Wenn die Videos eines Nutzers
Zu dieser Zeit waren die meisten Angebote darauf sehr oft angeklickt werden, zahlt YouTube diesem
ausgerichtet, dass Nutzer die Inhalte nur konsumier- Nutzer einen Teil der Werbeeinnahmen seiner Seite.
ten, also lediglich Artikel oder Videos schauten, ohne
die Möglichkeit zu kommentieren. Web 2.0 stand für
das Vorhaben, mehr Interaktivität zuzulassen und den
Dialog zwischen Website-Betreiber und Nutzer sowie
der Nutzer untereinander zu fördern. Verwirklicht
wird dieses Vorhaben in den → Social Media.

Wiki  Ist eine Website, die es Nutzern erlaubt, Inhal-


te nicht nur zu lesen, sondern selbst über ihren Browser
zu erstellen oder zu verändern. Dies wird durch eine auf
dem → Server installierte Wiki-Software ermöglicht.
Bekanntestes Beispiel für ein Wiki ist Wikipedia, das
→ Online-Lexikon, an dem jeder mitarbeiten kann.

WhatsApp  Ist ein populärer Dienst für → In-


stant-Messaging. User senden sich von
→ Smartphones Textnachrichten oder Bild-, Vi-
deo- und Tondateien. Zur Registrierung der → App
muss die Telefonnummer angegeben werden. Da das
Unternehmen die Adressbucheinträge der Nutzer
standardmäßig ausliest, sind dem Unternehmen auch
Personen bekannt, die diesen Dienst nicht nutzen, was
Datenschützer mit Sorge verfolgen.
impressum
Herausgegeber
Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
im Auftrag des Präsidiums der 11. Synode der EKD
Herrenhäuser Str. 12, 30419 Hannover, www.ekd.de

Verlag
Unternehmensgruppe Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) gGmbH
Emil-von-Behring-Str. 3, 60439 Frankfurt, 069-58098-0

Redaktion
Verantwortlich (Kirchenamt der EKD): Sven Waske
Projektleitung (GEP): Dorothea Siegle

Redaktionelle Mitarbeit: Manon Priebe, Michael Güthlein, Andrea-Maria Streb


Artdirektion: Dirk Artes
Gestaltungskonzept und Titelillustration: Elisabeth Keßler
Satz: Bettina Reichelt
Bildredaktion: Caterina Pohl-Heuser
Produktion: Kristin Kamprad

Druck: DZA Druckerei zu Altenburg GmbH, Gutenbergstr. 1, 04600 Altenburg

Oktober 2014

www.ekd.de/synode2014-lesebuch
F OTO: CH RI S T I A N A N SL INGER  /  BO BS A IRP O R T
Unsere Botschaft: die Gute Nachricht.
Unser Weg: Kompetenz in Kommunikation.

Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen P ­ ublizistik (GEP)


ist das zentrale Medienunternehmen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ­ihrer angeschlossenen Unternehmen und Organisationen. Wir sind in allen unseren Tätigkeiten
den Werten und dem Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland verpflichtet. Das GEP vereint dabei die Bereiche Printpublizistik, Nachrichtenagentur, Medienethik, Medien­
pädagogik, Hörfunk, Fern­sehen, Film und Online. In anderen Worten: alles, was es in einer modernen Gesellschaft braucht, um auf einer breiten Basis relevante Themen zu vermitteln.

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