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Dr.

Stefan Recksiegel

Mathematischer Vorkurs für Physiker 2020


Vorlesung 10: Taylorreihe
Taylorreihenentwicklung
Wir haben die lineare Approximation kennengelernt, die es gestattet, aus Kenntnis einer Funktion f (~x0 ) und der
ersten Ableitungen fxi (~x0 ) an der Stelle ~x0 den Wert der Funktion in der Umgebung von ~x0 zu berechnen. Man
kann aber durch Kenntnis aller Ableitungen der Funktion an ~x0 die Funktion f (~x) an beliebigen Punkten ~x im
Raum konstruieren, sofern die Funktion beliebig oft stetig differenzierbar ist. Dies leistet die sog. Taylor-Formel.
Für eine Funktion einer Variablen lautet sie

Satz (Taylor-Formel für 1 Variable):


Gegeben sei eine beliebig oft stetig differenzierbare Funktion und ihre Ableitungen an einem Punkt x0 . Dann
gilt für beliebige x ∈ R,
f 0 (x0 ) f (n) (x0 )
f (x) = f (x0 ) + (x − x0 ) + · · · + (x − x0 )n + O(|x − x0 |n+1 ).
1! n!

Beispiel 1:

Entwicklung von exp(x) um x0 = 0:


x2 x3 xn
ex = 1 + x + + + ··· + + ...
2! 3! n!
(Die Ziffern in der Figur geben die Ordnung der
jeweiligen Kurve an.)

Beispiel 2:
x2 x3 x2 x3 x2 x4
 
1 x −x 1
cosh x = (e +e ) = 1+x+ + + ··· + 1 − x + − + · · · = 1+ + +· · ·
2 2 2! 3! 2! 3! 2! 4!

Beispiel 3:
Entwicklung von 1/(1 − x) um x0 = 0:
f (x) = (1 − x)−1 , f 0 (x) = −(1 − x)−2 (−1), f 00 (x) = −2(1 − x)−3 (−1), . . .
Daher gilt 1
= 1 + x + x2 + x3 + . . .
1−x

Beispiel 4:
Entwicklung von 1/(1 + x) um x0 = 0:
f (x) = (1 + x)−1 , f 0 (x) = −(1 + x)−2 , f 00 (x) = 2(1 + x)−3 , ...
Daher gilt 1
= 1 − x + x2 − x3 + . . .
1+x

Taylor-Formel mit ε = x − x0
Manchmal ist es vorteilhafter, die Taylor-Entwicklung so zu schreiben, dass der Punkt, um den herum man die
Funktion in eine Reihe entwickeln möchte, deutlicher wird. Mit x = x0 + ε:
f 0 (x0 ) f (n) (x0 ) n
f (x0 + ε) = f (x0 ) + ε + ··· + ε + O(|ε|n+1 )
1! n!

1
Beispiel 5:
Man entwickle das Polynom f (x) = 5x2 + x + 2 um x0 = 2.

f 0 (x) = 10x + 1, f 00 (x) = 10


f 0 (2) f 00 (2) 2
f (2 + ε) = f (2) + ε+ ε = 24 + 21ε + 5ε2
1! 2!
Sei nun ε = 1, dann erhalten wir nach der Entwicklung f (2 + 1) = 24 + 21 + 5 = 50, was mit dem exakten
Ergebnis f (3) = 45 + 3 + 2 = 50 übereinstimmt. (Dies gilt hier sogar für alle ε, weil wir ein Polynom zweiter
Ordnung bis zur zweiten Ordnung entwickelt haben.)

Beispiel 6: Schwerefeld der Erde


Die Gravitationsenergie ist (vgl. Vorlesung/Übung 7, G ist die Gravitationskonstante):
mM
W (r) = −G
r
(Es ist hierbei egal, ob die Masse im Nullpunkt konzentriert ist oder radialsymmetrisch zwischen dem Nullpunkt
und r verteilt ist — Sie werden dies in der Mechanikvorlesung im zweiten Semester beweisen.) In der Nähe der
Erdoberfläche können wir mit r = R + h, R ist der Erdradius und h  R, schreiben:

G d2
   
mM d mM mM
W (R + h) = −G −G ·h− · h2 + O(h3 )
R dh R + h h=0 2 dh2 R + h h=0
   
mM mM G mM
· h2 + O(h3 )

= −G −G − 2
· h − 2 3

R (R + h)
h=0 2 (R + h)
h=0
GM GM GM h2
= −m +m 2 h−m 2 + O(h3 )
R R R R
Der erste Term beschreibt die Bindungsenergie im Gravitationsfeld der Erde (Fluchtgeschwindigkeit: 1/2 v22 =
GM/R), der zweite Term beschreibt mit g = GM/R2 die bekannte potentielle Energie, der dritte Term ist ein
Korrekturterm für größere Höhen.

Beispiel 7: ∗ Finanzmathematik
Ein Studienfreund aus Karlsruhe hat gesagt, dass er seinen Job bei der Deutschen Bank bekommen hat, weil
er (im Gegensatz zu den Wirtschaftswissenschaftlern) den Effekt einer Änderung des Marktzinses auf den Wert
einer festverzinslichen Anleihe in zweiter Ordnung ausrechnen konnte. . .
Der Barwert einer (z.B. Staats-)anleihe mit Kupon (also was pro Jahr an Zinsen gezahlt wird) p bei Marktzins
(der mit einer alternativen Anlage zu erzielen wäre) p0 , q = 1 + p0 , ist bei einer Laufzeit von n Perioden (Jahren)
und einer Rückzahlung von T (normalerweise T = 1):
 n 
1 q −1
B= n p +T
q q−1

(Siehe z.B. https://www-user.tu-chemnitz.de/~mtau/Lehre/2015_Investment/Formelsammlung.pdf)

Bei kompletter Rückzahlung T = 1 und Kupon = Marktzins (z.B. Kupon = 1%, p = 0.01, Marktzins = 1%,
q = 1.01, ist der Marktwert der Anleihe immer gleich dem Nennwert:
B = 1/q^n (p ( q^n - 1)/(q - 1) + T);
Block[{T=1,q=1.01,p=0.01},Table[B,{n,0,5}]] ergibt {1.,1.,1.,1.,1.,1.}.

Ist der Marktzins verschieden vom Kupon, verändert


sich der Wert: Ist der Marktzins höher als der Kupon,
ist die Anleihe weniger wert (weil es ja am Markt mehr
Zinsen gäbe) — und umgekehrt. Für 1 Jahr: Wenn
der Marktzins 0 ist, ist der Wert der Anleihe 1.01,
bei Marktzins 2% (also q = 1.02) liegt er knapp über
0.99:
Block[{T=1,p=0.01,n=1}, Plot[B, {q,1,1.02}]]
Das sieht zwar linear aus, ist es aber nicht, wie man
besonders bei längeren Zeitspannen und höheren Zin-
sen sieht:

2
Block[{T=1,p=0.1,n=10}, Plot[B, {q,1,1.2}]]

Sei d die Differenz zwischen Marktzins und Kupon,


q = 1 + p + d, dann ist die Wertänderung:
diff=Block[{T=1,q=1+p+d}, B-1] //Simplify,
das ergibt -((d-d (1+d+p)^-n)/(d+p))
Das können wir auch als Taylorreihe schreiben:
diffseries=Series[%,{d,0,3}]
-(((1-(1+p)^-n) d)/p)+(-((n (1+p)^(-1-n))/p)+
(1-(1+p)^-n)/p^2) d^2+((n (1+n) (1+p)^(-2-n))/
(2 p)+(n (1+p)^(-1-n))/p^2-(1-(1+p)^-n)/p^3) d^3+O[d]^4
D.h. für ein Jahr: Block[{n=1},diffseries]//Simplify, ist -(d/(1+p))+d^2/(1+p)^2-d^3/(1+p)^3+O[d]^4
Mit 1% Kupon: Block[{p=.01},%], ergibt -0.990099 d + 0.980296 d^2 - 0.97059 d^3+O[d]^4
Und für 10 Jahre: Block[{n=10},diffseries]//Simplify, ergibt
-(((1-1/(1+p)^10) d)/p)+((-1-11 p+(1+p)^11) d^2)/(p^2 (1+p)^11)+((-1+(55 p^2)/(1+p)^12
+(10 p)/(1+p)^11+1/(1+p)^10) d^3)/p^3+O[d]^4
Block[{p=.01},%] ergibt -9.4713 d + 50.8067 d^2 - 199.703 d^3+O[d]^4
Das ist doch eine Formel, die man einem Wirtschaftswissenschaftler geben kann: Bei dem angenommenen
Kupon von 1% und einer Laufzeit von 10 Jahren verändert sich der Wert der Anleihe 9,47 mal so schnell wie
der Marktzins von 1% abweicht, und zwar in die entgegengesetzte Richtung.

Beispiel 8: Relativistik
Die relativistische Energie eines mit der Geschwindigkeit v bewegten Teilchens der Masse m beträgt E = m c2 ,
wobei die Masse von der Geschwindigkeit abhängt:
m0
m= p
1 − (v/c)2

Hier ist m0 die Ruhemasse und c die Lichtgeschwindigkeit. Im Grenzfall kleiner Geschwindigkeiten (v  c)
geht die kinetische Energie T = m c2 − m0 c2 in den aus der newtonschen Mechanik bekannten Ausdruck über:
−1/2
v2

T (v)= m0 c2 1 − 2 − m0 c2 , T (0) = 0
c
−3/2
v2

0
T (v) = m0 v 1 − 2 , T 0 (0) = 0
c
−3/2 −5/2
v2 v2 v2
 
00
T (v) = m0 1 − 2 + 3m0 2 1 − 2 , T 00 (0) = m0
c c c
v v2 1
m0 v 2 +O(v 3 )

T (v) = 0 + 0 + m0 + · · · =
1 2 2
Dies ist die bekannte Formel für die kinetische Energie, die newtonsche Mechanik ist also der Grenzfall für
kleine Geschwindigkeiten der relativistischen Mechanik!

Beispiel 9: Gezeiten
Wir betrachten die Gravitationskraft, die
der Mond auf eine kleine Menge Wasser
mit Masse m auf der ihm zugewandten
bzw. abgewandten Seite der Erde ausübt:
M$ G
F$ = m
(r ∓ R)2

(Im Nenner steht ein − für Punkt A und


ein + für Punkt B). Achtung, hier ist r 
R, wir verwenden R für den Radius der

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Erde, weil das so üblich ist. Um die Taylor-Entwicklung aufstellen zu können, klammern wir r2 aus und
verwenden, dass (1 ∓ x)−2 = 1 ± 2x + 3x2 + O(x3 ):
 
M$ G 1 M$ G R
F$ = m 2 · ≈m 2 1±2
r (1 ∓ R/r)2 r r
Die Differenz zur Kraft auf den Erdmittelpunkt (wo sich die Mondkraft und die Zentrifugalkraft durch die
Rotation des Erde-Mond-Systems um den gemeinsamen Schwerpunkt S gerade aufheben) ist
∆F$ 2GM$ R
≈± = g0 ,
m r3
dies ist eine Fallbeschleunigung wie g, allerdings viel kleiner, g 0 ≈ 8 · 10−7 m/s2 , sie zeigt auf beiden Seiten der
Erde weg vom Erdmittelpunkt! Wir bekommen also sowohl auf der dem Mond zugewandten als auch auf der
dem Mond abgewandten Seiten einen Flutberg. (Daher kommen Ebbe und Flut je zweimal am Tag.)
Um die Höhe der Flut auszurechnen, müssten wir jetzt eigentlich Äquipotentialflächen bestimmen, aber wir
nehmen einfach mal ganz naiv an
g0 hFlut
≈ ,
g R
mit R = 6371km kommen wir auf hFlut ≈ 0, 52m und das passt erstaunlich gut! (Für den offenen Ozean. In
der Nordsee z.B. ist die Flut aufgrund von Resonanzeffekten deutlich höher.)

Wenn eine Funktion von mehreren Variablen abhängt, dann kann man auch in jeder dieser Variablen eine Taylor-
Entwicklung durchführen. Konzeptionell ist das nichts anderes als die Taylor-Entwicklung in einer Variablen,
aber die Notation wird etwas unübersichtlicher:
∗ Satz (Taylor-Formel für n Variablen):
1 2 1
f (~x0 + ~ε) = f (~x0 ) + ∂~ε f (~x)|~x0 + ∂ f (~x)|~x0 + · · · + ∂~εk f (~x)|~x0 + . . .
2! ~ε k!
n n
X ∂ X ∂ ∂
∂~ε = εi , ∂~ε2 (~x) = εi εj , ...
i=1
∂xi i,j=1
∂xi ∂xj

Beispiel:
f (x, y) = (x + y + 1)2 . Taylorentwicklung um ~x = (0, 0), ~ε = (εx , εy ):
2
X ∂f ∂f ∂f
∂~εf = εi = εx + εy
i=1
∂xi 0,0 ∂x 0,0 ∂y 0,0
2
∂ 2 f ∂2f ∂2f ∂2f

X
∂~ε2 f = εi εj = ε2x 2 + 2εx εy + ε2y 2
i,j=1
∂xi ∂xj 0,0
∂x ∂x∂y ∂y

∂ ∂
(x + y + 1)2 (x + y + 1)2

= 2(x + y + 1)|0,0 = 2 , = 2
∂x 0,0 ∂y 0,0
∂2 ∂2 ∂2
(x + y + 1)2 = 2, (x + y + 1)2 = 2 , (x + y + 1)2 = 2
∂x2 ∂y∂x ∂y 2
Das ergibt für f (x, y) in der Nähe von (0, 0):
1
f (x, y) = 1 + 2εx + 2εy + 2(ε2x + 2εx εy + ε2y ) + . . .
2
= 1 + 2εx + 2εy + ε2x + 2εx εy + ε2y + . . .
Da f nur quadratisch ist, stimmt dieser Ausdruck wiederum mit dem exakten f für alle Werte von εx , εy überein.
In der Praxis verwendet man die Taylorreihenentwicklung natürlich bei komplizierteren Funktionen und nicht
wie hier im Beispiel für Polynome.

Dies ist das Ende des Vorkurses, hoffentlich haben Sie Ihre Mathematikkenntnisse etwas auffrischen / erweitern
können. Bestimmt haben Sie aber auch schon einige Kommilitonen/-innen kennengelernt und einen kleinen
Eindruck von der Atmosphäre an der Universität bekommen, dies ist mindestens genau so wichtig. Ich wünsche
Ihnen für Ihr Studium Alles Gute! Stefan Recksiegel

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Dr. Stefan Recksiegel

Mathematischer Vorkurs für Physiker 2020


Übungsblatt 10
Wichtige Formeln aus der Vorlesung
Taylorreihe 1 Variable:

f 0 (x0 ) f (n) (x0 ) 


n+1

f (x) = f (x0 ) + (x − x0 ) + · · · + (x − x0 )n + O |x − x0 | .
1! n!
oder
f 0 (x0 ) f (n) (x0 ) n
f (x0 + ε) = f (x0 ) + ε + ··· + ε + O(|ε|n+1 )
1! n!

Taylorreihe n Variablen:
1 2 1
f (~x0 + ~v ) = f (~x0 ) + ∂~v f (~x)|x0 + ∂~v f (~x)|x0 + · · · + ∂~vk f (~x)|x0 + · · ·
2! k!
n n
X ∂ X ∂ ∂
∂~v = vi ∂~v2 (~x) = vi νj ,...
i=1
∂xi i,j=1
∂xi ∂xj

Basisaufgaben
Beispiel 1:
Entwickeln Sie die Funktion um x = 0 bis zum quadratischen Term in eine Taylor-Reihe:

f (x) = ln(1 + x2 )

Beispiel 2:
π
Entwickeln Sie die Funktion f (x) = cos(x) um x = in eine Taylor-Reihe bis zum Term dritter Ordnung.
√ 3
Hilfe: sin π3 = 3/2, cos π3 = 1/2

Beispiel 3:
Entwickeln Sie die Funktion um x = 1 bis zum dritten Term in eine Taylor-Reihe:
1 2
f (x) = −
x2 x

Beispiel 4:
Betrachten Sie die Funktion f (~x) = exp(−x2 − y 2 − z 2 ) und entwickeln Sie diese um den Punkt ~x0 = (1, 1, 1)
in eine Taylorreihe bis zu Termen 1. Ordnung.

Ergänzungsaufgaben
Beispiel 5:
Die relativistische
p Energie eines mit der Geschwindigkeit v bewegten Teilchens der Masse m beträgt E =
mc2 , m = m0 / 1 − (v/c)2 . Dabei ist m0 die Ruhemasse, und c die Lichtgeschwindigkeit. Zeigen Sie, dass
im Grenzfall kleiner Geschwindigkeiten die kinetische Energie T = mc2 − m0 c2 in den aus der newtonschen
Mechanik bekannten Ausdruck übergeht.

1
Beispiel 6:
Mit der Taylor-Reihe berechne man den Grenzwert
 
1 1
lim − x
x→0 sin x e −1

Beispiel 7:
Man gebe die Taylor-Reihe um x = 0 für den sogenannten Integralsinus an,
Z x
sin t
Si (x) = dt
0 t

Mathematica
Beispiel M.1:
Berechnen Sie das unbestimmte Integral

Z q
x + x dx

und führen Sie eine Taylorreihenentwicklung für x in einer Umgebung von Null bis zur Ordnung x2 durch.
Zeigen Sie, dass der erste Term proportional zu x5/4 ist.
Hinweis: ??Integrate, ??Series

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