Sie sind auf Seite 1von 92

Psychologie. Hirnforschung. Medizin.

Nr. 02/2018  € 7,90 · 15,40 sFr. · www.gehirn-und-geist.de

Schmerz
Typisch VR-Brille
statt Opioide

weibliches Gehirn?
Neuroforscher räumen mit einem Mythos auf

D 575 25

Planen Riechen
Ein Gedächtnis Der Mensch
für die Zukunft als Supernase
Ab 19. 1. 2018 bei Ihrem
Zeitschriftenhändler!

Print | 5,90 €
Download | 4,99 €
RYANJANE3 / STOCK.ADOBE.COM

www.spektrum.de/aktion/motivation
EDITORIAL

Blau? Rosa? Gestreift!


EXPERTINNEN UND EXPERTEN
I N D I E S E R AU S G A B E

Z
ugegeben: Ich kann nicht besonders gut einparken. Ich gehe
mal davon aus, dass das der mangelnden Übung geschuldet
ist – in den verwinkelten Straßen von Heidelberg komme ich
schneller mit dem Fahrrad voran. Doch wenn ich nach dem zweiten
Anlauf immer noch 30 Zentimeter von der Bordsteinkante entfernt
stehe, denkt sich der eine oder andere Passant sicher: typisch Frau!
Geschlechterklischees gehören wohl zu den hartnäckigsten Vorur-
teilen überhaupt. Und das, obwohl es natürlich ebenso viele Gegenbei- Kann »nichts« eine Ursache für etwas
spiele gibt, etwa rational denkende Frauen oder Männer, die stunden- sein? Der Düsseldorfer Philosoph David
lang über ihre Gefühle reden. Seit Jahrzehnten suchen Neurowissen- Hommen erläutert ab S. 20, was
schaftler nach dem berühmten kleinen Unterschied im Gehirn. Ende ­»nega­tive Kausalität« für uns im Alltag
2013 schien er endlich gefunden: Eine Gruppe von US-Forschern maß be­deutet.
im weiblichen Gehirn eine stärkere neuro-
nale Verknüpfung zwischen den beiden
Hirnhälften, bei Männern dafür eine engere
Vernetzung innerhalb der Hemisphären.
»Das Frauenhirn tickt wirklich anders« war
sogleich in den Nachrichten zu vernehmen.
Kritiker warfen der Studie methodische
Mängel vor – der Unterschied sei schlicht
durch die jeweilige Gehirngröße begründet.
Unsere Titelgeschichte ab S. 12 räumt mit
Anna von Hopffgarten dem Mythos vom »weiblichen Gehirn« auf. Die Therapeutinnen Uli Streib-Brzič
Redakteurin Laut neueren Studien gleicht unser Denk­ (links) und Sabine Zschüttig stellen ab
hopffgarten@spektrum.de organ einem bunten Mosaik aus sowohl S. 30 ein Präventionsprogramm für Eltern
männlichen als auch weiblichen Merkmalen, im Gefängnis vor, das die Beziehung der
die sich je nach Situation verändern und anpassen. Der Artikel bildet Teilnehmer mit ihren Kindern stärken soll.
zugleich den Auftakt zu einer dreiteiligen Serie zum Thema Mann und
Frau. In der nächsten Ausgabe erfahren Sie dann, wa­rum Frauen
häufiger von Depressionen und Ängsten betroffen sind und Männer
eher zu Alkoholmissbrauch neigen.

E
inen außergewöhnlichen Exkurs in diesem Heft wagt der Philo-
soph David Hommen. Seine Frage: Können wir dadurch, dass
wir nicht handeln, etwas verursachen? Sehen wir etwa tatenlos zu,
wie ein Mensch ertrinkt, sind wir zumindest moralisch für seinen Tod
verantwortlich. Aber auch kausal? Das kommt ganz darauf an, sagt
Hommen. Eine Unterlassung sei eine »latente Handlungsmöglichkeit«,
wir können also nur unterlassen, was wir prinzipiell tun können. Was Beeinträchtigen kosmische Strahlen
die Gehirnfunktion so sehr, dass längere
das wiederum für unsere Verantwortung bedeutet, lesen Sie ab S. 20.
Reisen ins All undenkbar sind?
Die Hintergründe erklärt der Neuro­
wissenschaftler und Strahlenbiologe
Eine gute Lektüre wünscht Charles L. Limoli ab S. 52.
Ihre

3
IN DIESER AUSGABE

LINKS: FRANCKREPORTER / GETTY IMAGES / ISTOCK


MITTE: GETTY IMAGES / LISBETH HJORT
RECHTS: KATARZYNABIALASIEWICZ / GETTY IMAGES / ISTOCK
(SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)
Psychologie Hirnforschung Medizin

Die Wirkung Nasentier Die Stecknadel


des Nichts Mensch im Genhaufen
20 Kann etwas, das ich nicht
tue, kausale Folgen in der
Welt haben? Und inwiefern dürfen
42 Wissenschaftler hielten den
menschlichen Geruchssinn
lange Zeit für unterentwickelt. Sie
62 Auch mit aufwändigen
genomweiten Assoziations-
studien ließ sich bislang kein
wir jemandem eine unterlassene haben sich getäuscht! Manche einzelner Erbfaktor für Schizophre-
Hilfeleistung moralisch vorwerfen? Gerüche erschnüffeln wir sogar nie ausmachen. Frühkindliche
Das sind philosophische Fragen mit besser als Hunde. und familiäre Umweltweltfaktoren
enormer Sprengkraft für unsere Von Frank Luerweg mischen offenbar stärker mit als
Alltagspsychologie. gedacht.
Von David Hommen 50 Gute Frage Von Michael Balter
Warum werden wir
26 Ein Gedächtnis oft wach, kurz bevor 70 Psychische Störung?
für die Zukunft der Wecker klingelt? Völlig normal!
Menschen vergessen häufig, etwas Der Psychologe und Schlafforscher Viele Studien unterschätzen die
zu erledigen, was sie sich eigentlich Hans-Günter Weeß erklärt, wie Verbreitung psychischer Leiden:
fest vorgenommen hatten. Schuld unsere innere Uhr funktioniert. Nur bei einem von fünf Menschen
ist das fehleranfällige prospektive bleibt die Seele ein Leben lang
Gedächtnis. 52 Gefahr im Weltall gesund.
Von Matthias Kliegel und Kosmische Strahlung schädigt das Von Jonathan Schaefer und ­
Nicola Ballhausen Gehirn und beeinträchtigt unter Aaron Reuben
Umständen die Denkleistung von
30  Eltern hinter Gittern Astronauten, wie Experimente 74 Virtuelle Therapie
Kinder, bei denen Vater oder Mut- an Tieren zeigten. Gefährdet das gegen Schmerzen
ter im Gefängnis sitzen, tragen ein künftige Marsmissionen? Ausflüge in virtuelle Welten sollen
hohes Risiko, später selbst straffäl- Von Charles L. Limoli Schmerzpatienten von ihrer chro-
lig zu werden. Ein Elterntraining in nischen Pein ablenken und ihnen
der Haft soll dem entgegenwirken. dabei helfen, Entspannungstechni-
Von Uli Streib-Brzič und Sabine Zschüttig ken zu erlernen. Auf diese Weise
wollen Ärzte eine Alternative zu
38 Größte Experimente Medikamenten schaffen, die viele
Armer kleiner Albert Betroffene abhängig machen.
Der Behaviorist John B. Watson Von Jo Marchant
wurde berühmt, indem er ein
Kleinkind das Fürchten lehrte.
Von Daniela Ovadia

4
Editorial  3
Geistesblitze
u. a. mit diesen Themen:
300 Neurone auf einen Blick /
Geisterhafte Gesichter / Der
Kern des Bösen / Bestrafung bei
Jugendlichen / Diagnose per
Kuscheltier / Was Kopfschmer-
zen besonders schlimm macht 6
T
 herapie kompakt
Teenager: Kein Bock auf Acht-
samkeit? / Schizophrenie:
Schweig, Avatar! / Psychothera-
pie: Gute Momente, schlechte
Momente60
Impressum73
Bücher und mehr
u. a. mit: Siddhartha Mukherjee:
PESHKOVA / GETTY IMAGES / ISTOCK; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

Das Gen / Raj Raghunathan:


Klug, erfolgreich und trotzdem
unglücklich / Martin Hautzinger,
Patrick Pössel: Kognitive Inter-
ventionen / Andreas Bernard:
Komplizen des Erkennungs-
dienstes 81
TV- & Radiotipps 87
Vorschau89

Titelthema
FRANK EIDEL; MIT FRDL. GEN. VON
ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Die Legende vom weiblichen Gehirn


12 Hartnäckig hält sich der Glaube, Männer und Frauen hätten
völlig verschiedene Gehirne, die ihnen jeweils ganz eigene
­Charakterzüge verleihen. Neue Studien legen jedoch nahe, dass jedes
Gehirn wie ein buntes Mosaik sowohl »männliche« als auch »weibliche« Hirschhausens Hirnschmalz
Merkmale aufweist, die sich je nach Situation verändern und anpassen. Errare humanum est90
Von Lydia Denworth

TITELBILD: PESHKOVA / GETTY IMAGES / ISTOCK

5
GEISTESBLITZE

HHMI, JANELIA RESEARCH CAMPUS, MOUSELIGHT PROJECT TEAM


In aufwändiger Klein-
arbeit ­verfolgten Forscher
den Verlauf von insgesamt
300 ­Nervenzellen im Mäusehirn
nach. Diese Rekonstruktion zeigt
­jedes Neuron in einer ­anderen Farbe.

Bildgebung
300 Neurone auf einen Blick

A
uf der Jahrestagung der Society for Neuro­ hauchdünnen Hirnschnitten unter einem speziellen
science im November 2017 haben Forscher Mikroskop nachverfolgt werden. Ein Computeralgo­
vom Janelia Research Campus in der Nähe von rithmus setzt die Unmengen an Bildern zusammen,
Ashburn, Virginia, eine Karte des Mäusehirns prä­ und ein siebenköpfiges Team sichtet die Daten. Jede
sentiert, anhand der sich der Verlauf von 300 Nerven­ der sieben Personen kann so etwa eine Nervenzelle pro
zellen bis ins kleinste Detail nachvollziehen lässt. Tag kartieren. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren hätte
Weil es enorm aufwändig ist, das Gehirn auf diese Art man für dieses Unterfangen noch ein bis zwei Wochen
und Weise zu kartieren, waren Wissenschaftler bei benötigt.
solchen Vorhaben bislang meist nur wenige Dutzend Die Bilder der Janelia-Wissenschaftler verdeutli­
Neurone weit gekommen. Für das Janelia-Team sind chen, dass Nervenzellen in Lehrbüchern typischer­
300 Zellen allerdings erst der Anfang, davon sind die weise sehr stark vereinfacht dargestellt werden.
Forscher felsenfest überzeugt. In einem Jahr wollen sie Tatsächlich erstrecken sich einzelne Neurone erheblich
die 1000-Neurone-Marke geknackt haben. weiter, als Forscher lange annahmen. Manche Zellen
Ermöglichen soll das ein hocheffizienter Ablauf, bei verzweigen sich derart in alle möglichen Regionen des
dem mit Hilfe eines Virus zunächst einige wenige Gehirns, dass sie wie kleine Feuerwerksexplosionen
Neurone im Gehirn von Mäusen eingefärbt und in aussehen.

6
Wahrnehmung aktiviert wurden, die sich im fusiformen Gesichtsareal
befanden, erblickte der Patient comicartige Gesichter –
Geisterhafte Gesichter ganz gleich, ob er gerade in das Antlitz der Mediziner
oder auf beliebige Objekte sah.

D
er Gyrus fusiformis im Gehirn, auch Spindel­ Laut den Aussagen des 26-jährigen Mannes
windung genannt, ist für uns von besonderer verzogen sich die Gesichter der Forscher völlig: Sie
Bedeutung: In ihm befindet sich das fusiforme sahen dann aus wie Comiczeichnungen und erin­
Gesichtsareal, das eine große Rolle bei der Wahrneh­ nerten den Probanden an japanische Animefiguren,
mung von Gesichtern spielt. Wegen seiner Lage lässt die sich unter anderem durch große Kulleraugen
sich das Areal allerdings nur schwer studieren. Deshalb und kleine Stupsnasen auszeichnen. Schalk und Co
waren Gerwin Schalk vom National Center for bezeichnen dieses Phänomen, das zuvor noch nie
Adaptive Neurotechnologies in New York und seine beobachtet worden sei, als »Facephenes«, geisterhafte
Kollegen an den Erfahrungen eines Patienten interes­ Gesichter.
siert, dem man auf Grund seiner Epilepsie 188 kleine Das Experiment zeigt eindrücklich, dass der Gyrus
Elektroden ins Gehirn gesetzt hatte. Wie die Mediziner fusiformis nicht nur für die Wahrnehmung von
berichten, sorgte das nicht nur für die gewünschte Gesichtern von Bedeutung ist – er scheint sie sogar
Stimulation, um die epileptischen Anfälle zu verhin­ selbst erzeugen zu können.
dern oder abzumildern. Immer wenn jene Sonden PNAS 114, S. 12285–12290, 2017

Persönlichkeit
Der Kern des Bösen

O
b aggressiv oder narzisstisch, machthungrig unsoziale Einstellungen und Eigenschaften. Damit
oder kriminell: Bei unangenehmen Zeitgenos­ erfassten die Forscher unter anderem die so genannte
sen findet man eine breite Palette von unbe­ Dunkle Triade: die drei Persönlichkeitsdimensionen
liebten Charakterzügen. Doch haben diese Persönlich­ Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus (das
keitseigenschaften einen gemeinsamen Kern? Dieser rücksichtslose Streben nach Macht).
Frage ist nun ein Team um David Marcus von der Per Netzwerkanalyse setzten die Psychologen nun
Washington State University nachgegangen. Dazu die Merkmale in all ihren Facetten zueinander in
analysierten die Wissenschaftler Daten aus zwei Beziehung. Um herauszufinden, welche von ihnen die
Stichproben von rund 2800 Studierenden sowie zirka zentralen Knotenpunkte im »Netzwerk des Bösen«
850 weiteren Probanden, die über die Onlineplattform bildeten, zogen sie verschiedene Kennwerte heran. Wie
»Mechanical Turk« rekrutiert wurden. Die Teilnehmer stark hängt ein Merkmal im Schnitt mit den übrigen
gaben Auskunft, ob sie zu kriminellen und aggressiven zusammen? Wie viele andere sind über dieses Merk­
Verhaltensweisen neigten, also zum Beispiel schon mal miteinander verbunden? Auf diese Weise entpupp­
einmal Geld von ihren Eltern gestohlen hatten. Des ten sich zwei von ihnen als besonders wichtig: die
Weiteren beurteilten sie sich selbst in Hinblick auf Gefühlskälte oder Gleichgültigkeit gegenüber Mitmen­
schen und die Bereitschaft, andere zum eigenen Vorteil
zu manipulieren.
Dieselben Eigenschaften hatten die Psychologen
Daniel Jones und Aurelio Figueredo schon 2013 als
»Herz« der Dunklen Triade ausgemacht. Marcus und
sein Team glauben ebenfalls: »Eine wirklich bösartige
Persönlichkeit muss sowohl gefühlskalt als auch
DUNDANIM / GETTY IMAGES / ISTOCK

manipulativ sein.« Wer seiner Umwelt gleichgültig


(SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)

begegne, jedoch nicht zu Manipulationen fähig sei,


werde sich sozial isolieren, aber niemandem schaden.
Und wer kein Herz aus Stein habe, werde seine
Manipulationskünste eher für gute Zwecke einsetzen.
J. Res. Pers. 73, S. 56–62, 2018

7
Hirnentwicklung
Härtere Strafen lassen Jugendliche kalt

E
rwachsene geben sich in aller Regel mehr Mühe Hirnscans, die die Forscher während des Experi­
bei der Bewältigung einer Aufgabe, wenn sie ments durchführten, offenbarten auch im Gehirn
sonst eine besonders harte Strafe – oder bei Unterschiede zwischen den Jugendlichen und den
Erfolg eine besonders große Belohnung – erwartet. jungen Erwachsenen: Bei den 19- und 20-Jährigen
Jugendliche ticken in dieser Hinsicht allerdings kommunizierten im Fall von hohen Geldsummen
offenbar anders. Darauf deutet nun eine Untersuchung Areale, die Belohnungen und Bestrafungen bewerten,
von Wissenschaftlern um Catherine Insel von der verstärkt mit solchen, die regulieren, wie viel kognitive
Harvard University in Cambridge, Massachusetts hin. Ressourcen für eine Aufgabe bereitgestellt werden. Je
Sie beauftragten knapp 90 Teenager und junge deutlicher dieses Muster ausgeprägt war, desto mehr
Erwachsene damit, Bilder von Planeten zu sortieren. konnten die Probanden ihre Leistung parallel zu den
Für jede richtige Zuordnung bekamen die 13- bis Anreizen steigern. Bei den Teenagern war die Kommu­
20-Jährigen einen größeren oder kleineren Geldbetrag nikation zwischen diesen Arealen dagegen nur
ausgezahlt oder aber für falsche Antworten von ihrem schwach ausgeprägt, und umso jünger sie waren, desto
bereits erzielten Gewinn abgezogen. Probanden im geringer fiel sie aus.
Alter von 19 und 20 Jahren zeigten dabei dasselbe Insel und ihre Kollegen glauben, dass das Gehirn
Verhalten wie ältere Erwachsene, die sich in anderen von Heranwachsenden auf Grund dieser fehlenden
Untersuchungen mit ähnlichen Aufgaben konfrontiert kortikostriatalen Konnektivität noch nicht dazu in
sahen: Sie legten sich vor allem ins Zeug und wurden der Lage ist, mehr geistige Ressourcen zu aktivieren,
besser, wenn es viel zu gewinnen oder zu verlieren gab. wenn es ums Ganze geht. Deshalb lassen große
Bei den jüngeren Teilnehmern ließ sich dieses Muster Belohnungen und harte Strafen die Teenies vergleichs­
nicht beobachten: Sie schnitten stets gleich gut ab, egal, weise kalt.
wie groß der Gewinn oder Verlust war. Nat. Comm. 10.1038/s41467-017-01369-8, 2017

Ernährung
Achtsam essen mindert spätere Lust auf Kekse

K
ekse, Kuchen, Schokolade: Besonders am war, und bekamen jeweils einen Teller mit Gebäck
Nachmittag überfällt so manchen die Lust auf angeboten.
Süßes. Den Heißhungerattacken lässt sich Bei jenen Probanden, deren Aufmerksamkeit man
jedoch vorbeugen, wie Lana Seguias und Katy Tapper auf die sinnlichen Qualitäten des Essens gelenkt hatte,
von der University of London schildern: Wer sich war die Lust auf Kekse deutlich gemindert. Sie nahmen
beim Mittagessen mit allen Sinnen auf die Speisen rund 110 süße Kilokalorien zu sich, die übrigen im
konzentriert, kann süßem Gebäck am Nachmittag Schnitt ganze 200 Kilokalorien. Die Gruppen unter­
besser widerstehen. schieden sich nicht darin, wie gut sie sich an das
Unter dem Vorwand, Geschmacksvorlieben zu Mittagessen erinnerten, etwa die Menge oder die Art
untersuchen, servierten die Psychologinnen rund 50 der Speisen. Und es machte auch keinen Unterschied,
Versuchspersonen zunächst ein Mittagsmahl: ein ob es sich bei den Versuchspersonen um Frauen oder
Vollkornkäsesandwich, Tomaten, Trauben, Cracker Männer handelte.
und kleine Kuchen. Zirka 800 Kilokalorien nahmen Mit allen Sinnen zu essen, hatte das spätere Bedürf­
die Probanden auf diese Weise zu sich. Die eine Hälfte nis nach einem Snack also nahezu halbiert. Das Experi­
speiste in Stille, die andere Hälfte hörte dabei eine ment gibt aber keinen Aufschluss darüber, wie der
Audioaufnahme, die ihre Aufmerksamkeit auf sensori­ Effekt genau zu Stande kommt. Außerdem kann man
sche Merkmale des Essens wie Aussehen, Konsistenz derzeit noch nicht erklären, warum sich das achtsame
und Geruch lenkte. Zwei Stunden später sollten alle Essen nicht schon direkt während des Mittagessens auf
Probanden Fragen unter anderem dazu beantworten, die Menge der verspeisten Nahrung auswirkte.
was ihnen vom Mittagessen in Erinnerung geblieben Appetite 121, S. 93–100, 2018

8
GEISTESBLITZE

CASARSA / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)


Gesundheit
Verheiratete erkranken seltener an Demenz

M
enschen mit Ehepartner sind offenbar eher oder geschieden waren. Bereits aus anderen Untersu­
vor Demenz gefeit. Das bestätigt jetzt eine chungen weiß man allerdings, dass Singles gesundheit­
große Metaanalyse von Forschern um lich oft im Nachteil sind. Das könnte zum einen damit
Andrew Sommerlad vom University College London. zusammenhängen, dass Menschen, die einen schlech­
Die Wissenschaftler trugen die Daten von 15 Studien ten Gesundheitszustand haben, eher allein bleiben. Auf
mit insgesamt mehr als 800 000 Probanden aus der anderen Seite unterscheiden sich Menschen mit
Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien zusam­ und ohne Partner aber auch im Hinblick auf ihr
men. Dabei ermittelten sie, dass Personen, die dauer­ Gesundheitsverhalten. So trinken Personen, die sich in
haft Single waren, mit einer um 42 Prozent höheren einer festen Beziehung befinden, seltener große
Wahrscheinlichkeit im Alter eine Demenzerkrankung Mengen Alkohol und ernähren sich gesünder – was
entwickelten als solche, die verheiratet waren. Teilneh­ wiederum das Demenzrisiko zu senken scheint.
mer, deren Ehepartner vorzeitig gestorben war, trugen Gleiches gilt für das Vorhandensein von Sozialkontak­
im Vergleich zu Verheirateten immerhin noch ein um ten, die Paare ebenfalls leichter knüpfen.
20 Prozent höheres Demenzrisiko. Einzig zwischen Sommerlad und seine Kollegen entdeckten jedoch
verheirateten und geschiedenen Probanden ließ sich auch, dass sich der Unterschied zwischen Verheirateten
insgesamt kein Unterschied feststellen. und Singles im Lauf der Zeit verkleinert zu haben
Da die Studien, die Sommerlad und seine Kollegen scheint. Nähme man lediglich die aktuellsten Studien
in ihre Untersuchung miteinbezogen, lediglich mit Teilnehmern, die allesamt nach 1927 geboren
statistische Zusammenhänge ermittelten, lassen sich wurden, käme man bei den Alleinstehenden nur auf
anhand der Daten keine Aussagen über Ursache und ein erhöhtes Demenzrisiko von 24 Prozent, so die
Wirkung treffen. Zudem erhoben die Wissenschaftler Forscher. Woran das liegt, ist noch unklar.
etwa nicht, wie lange die Probanden schon verwitwet J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry 10.1136/jnnp-2017-316274, 2017

Konsumverhalten Viele Menschen bevorzugen nach wie vor gedruckte


Bücher gegenüber E-Books. Das liegt auch daran, dass wir zu
digitalen Produkten schlechter ein Besitzverhältnis aufbauen. Können
wir einen Gegenstand anfassen, denken wir eher: meins!
J. Consum. Res. 10.1093/jcr/ucx102, 2017

9
Borderline
Diagnose per Kuscheltier

W
enn Papa oder Mama nicht in der Nähe
sind, können Kuscheltiere Kindern zumin­

IVANASTAR / GETTY IMAGES / ISTOCK


dest kurz Trost und Zuversicht vermitteln.
Doch dieser Effekt ist nicht nur auf die Kleinsten
beschränkt. Wie eine Studie von Markus Kiefer vom
Universitätsklinikum Ulm und seinem Team zeigt,
entwickeln auch Patientinnen mit Borderline-Persön­
lichkeitsstörung eine »intensive emotionale Bindung
zu Kuscheltieren«.
Den Betroffenen fällt es meist schwer, ihre Gefühle
zu regulieren – schon Nichtigkeiten rufen bei ihnen oder fremde Kuscheltiere betrachteten. Das Ergebnis
heftige Emotionen hervor, die sie als unkontrollierbar verglichen die Forscher dann mit dem von 16 gesunden
erleben. Solche Ausbrüche wechseln sich häufig mit Personen. Dabei entdeckten sie, dass bei den Patien­tin­
Phasen emotionaler Taubheit ab, in denen die Patien­ nen solche Hirnareale verstärkt aktiviert wurden, die
ten kaum noch etwas spüren. Nach außen hin kann mit der eigenen emotionalen Bedeutsamkeit in Verbin-
sich die Erkrankung in Form von heftigen Stimmungs­ dung gebracht werden, erläutert Kiefer. Der beobach­
schwankungen, Selbstverletzungen, Unsicherheit, tete Effekt war dabei umso stärker, je depressiver die
einem geringen Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten Person und je größer die Angst war, eine geliebte Bezugs-
im sozialen Umgang mit anderen bemerkbar machen. person zu verlieren. »Eine enge emotionale Bindung zu
Oft haben die Betroffenen Angst, verlassen zu werden. Stofftieren kann also ein diagnostischer Hinweis auf
Kiefer und seinen Kollegen zufolge deuteten schon eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sein«, meinen
frühere Untersuchungen darauf hin, dass Erwachsene, die Forscher. Darüber ließen sich dann vielleicht auch
die sich nicht von ihren Stofftieren lösen können, Behandlungsmethoden anpassen und deren Erfolg
tendenziell eher Defizite in der Verarbeitung von messen: Sinkt beispielsweise die Bindung zum Teddy,
Gefühlen sowie einen unsicheren Bindungsstil haben. verarbeiten die Betroffenen Gefühle womöglich besser
Im Rahmen ihrer Arbeit untersuchten die Wissen­ und binden sich nachhaltiger an Menschen. Das
schaftler deshalb 16 Patientinnen mit Borderline und müssen allerdings erst weitere Arbeiten bestätigen.
maßen deren Hirnströme, während diese ihre eigenen Sci. Rep. 10.1038/s41598-017-13508-8, 2017

Geschlechterstereotype gemacht!« sagte, hatte das auf weibliche Probanden


mehr Wirkung, als wenn eine Frau Anerkennung
Männliches Lob ist besser zollte. Bei Jungs fand sich dieser Unterschied nicht; für
sie war es offenbar nicht wichtig, ob Mann oder Frau

V
iele Frauen scheuen nach wie vor die so lobte – Hauptsache, sie erhielten überhaupt ein Lob.
­genannten MINT-Fächer (Mathematik, Infor­- Dieser Befund ist vor allem deshalb interessant, weil
matik, Naturwissenschaften und Technik). in der Vergangenheit viele Untersuchungen den Fokus
So konstatiert etwa der jüngste Bildungsbericht der auf die Rolle von Mentorinnen und Lehrerinnen gelegt
UNESCO: »Nur 17 Frauen haben seit Marie Curie 1903 hatten, die Mädchen als Vorbilder helfen können,
den Nobelpreis in Physik, Chemie oder Medizin gängige berufliche Geschlechterstereotype zu überwin­
erhalten, aber 572 Männer.« Letztere können jedoch den. Die Forscherinnen um die Psychologin Lora Park
durchaus einen Beitrag dazu leisten, diese Geschlech­ von der University of Buffalo glauben, die männliche
terkluft zu überbrücken, wie nun eine Metaanalyse Anerkennung sei für Mädchen deshalb so wichtig, weil
zeigt: Loben männliche Mentoren Mädchen für deren Männer in den betreffenden Disziplinen die »gate­
mathematische Fähigkeiten, hilft diesen das mehr als keeper« (zu Deutsch: Torwächter) darstellten. Mit einer
das positive Feedback von weiblichen Autoritäten. Ermutigung von Seiten dieser Autoritäten fiele es ihnen
Ob im Hinblick auf Selbstvertrauen oder das Inte- deshalb leichter, Vorurteile hinter sich zu lassen.
resse für Mathe und Technik: Wenn ein Mann »Gut Pers. Soc. Psychol. Bull. 10.1177/0146167217741312, 2017

10
GEISTESBLITZE

Neurologie
Warum wir unter Kopfschmerzen besonders leiden

E
gal ob Migräne, Augen-, Ohren- oder Zahn­ Hinsehen entdeckten die Forscher, dass jene sensori­
schmerzen – wenn es im Kopf- oder Gesichtsbe­ schen Neurone, die Schmerzreize aus dem Kopf- und
reich weh tut, dann empfinden wir das häufig Gesichtsbereich zum Gehirn schicken, einen direkten
als weitaus quälender und belastender als Schmerzen Draht zum Nucleus parabrachialis – und damit auch
in anderen Körperregionen. Ein Team um Erica zur Amygdala – zu haben scheinen. Aktivierten
Rodriguez von der Duke University in Durham hat Rodriguez und ihre Kollegen diesen Signalweg
nun womöglich herausgefunden, warum das so ist: künstlich, zeigten die Mäuse vermehrt Anzeichen von
Offenbar sind die Nervenzellen, welche die betreffen­ Schmerz und Stress. Legten sie ihn lahm, nahm die
den Schmerzreize melden, besser mit gefühlsverarbei­ Pein der Tiere ab. Sensorische Neurone, die für
tenden Zentren im Gehirn verknüpft. Umweltreize aus anderen Körperregionen zuständig
Nicht nur subjektiv kommen vielen Menschen sind, weisen hingegen nur indirekte Verbindungen
Kopf- oder Zahnschmerzen besonders unangenehm zum parabrachialen Kern auf, wie die Forscher
vor: Auch Untersuchungen im Hirnscanner bestätigen, berichten.
dass derlei Empfindungen zum Beispiel die Amygdala Die Untersuchung lässt vermuten, dass nicht etwa
stärker aktivieren als vergleichbare Schmerzen etwa an eine stärkere Intensität Schmerzen am Kopf und im
Armen oder Beinen. Die Amygdala spielt eine wichtige Gesicht so unangenehm macht, sondern vielmehr ihre
Rolle bei der emotionalen Bewertung von Situationen, emotionale Bewertung. Unser Gehirn scheint gewisser­
oft wird sie deshalb auch als das »Angstzentrum« im maßen darauf getrimmt zu sein, sie als schlimmer
Gehirn bezeichnet. und bedrohlicher einzustufen. Zu welchem Zweck sich
Auf der Suche nach einer Ursache für das Phäno­ die Verschaltung entwickelt hat, darüber gibt die Studie
men reizten Rodriguez und ihr Team Mäuse entweder von Rodriguez und ihrem Team keine Auskunft. Die
im Gesicht oder an den Pfoten und beobachteten, Forscher hoffen aber, dass sich aus der Erkenntnis
was sich dabei im Gehirn der Tiere abspielte. Dabei auf lange Sicht neue Therapiemethoden ableiten lassen.
bemerkten sie, dass sich bei unangenehmen Empfin­ Denn wenn es gelänge, die direkte Verarbeitung der
dungen im Gesicht auch der Nucleus parabrachialis Schmerzsignale zu hemmen, könnte das vielleicht
verstärkt regte: eine Region, die ebenfalls an der vielen Patienten mit Migräne oder chronischen Kopf-
Schmerzverarbeitung beteiligt ist und die Signale schmerzen Linderung verschaffen.
direkt an die Amygdala weiterleitet. Bei genauerem Nat. Neurosci. 20, S. 1734–1743, 2017

ANZEIGE

WANN ist es Zeit, einen


Neuanfang zu wagen, WENN
ALS
AUCH
NICHT JETZT? APP

DAS BEWEGT MICH!

PSYCHOLOGIE
HEUTE WWW.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE
11
TITELTHEMA

GESCHLECHTERFORSCHUNG Männer und


Frauen haben ­grundlegend verschiedene ­
Gehirne? Falsch. Das Gehirn gleicht eher
einem bunten Mosaik aus männlichen und
weiblichen Merkmalen.

Die Legende vom


weiblichen Gehirn
VO N LY D IA D E N WO RT H
PESHKOVA / GETTY IMAGES / ISTOCK

12
Die neue Serie »Frau und Mann«
im Überblick:
Teil 1: Die Legende vom weiblichen Gehirn (dieses Heft)
Teil 2: Leiden Männer anders als Frauen?
PESHKOVA / GETTY IMAGES / ISTOCK

(Gehirn&Geist 3/2018)
Teil 3: Die Geniefalle (Gehirn&Geist 4/2018)

13
Auf einen Blick: Sein Gehirn, ihr Gehirn?

1 2 3
Nach einer weit verbreiteten Studien legen jedoch nahe, Das hat unter Wissenschaftlern
Vorstellung unterscheiden sich dass die Gehirne der meisten eine hitzige Debatte darüber
nicht nur die Geschlechtsorgane, Menschen Mosaike aus weib­ entfacht, was Studien zu Ge-
sondern auch die Gehirne von lichen und männlichen Eigenschaf- schlechterunterschieden überhaupt
Männern und Frauen grundlegend. ten sind. erheben sollten und wie die Ergeb-
nisse zu deuten sind.

I
m Jahr 2009 beschloss die Neurowissenschaftle- wohl männlichen als auch weiblichen Merkmalen auf,
rin Daphna Joel von der Universität Tel Aviv, ei- die sich je nach Situation verändern und anpassen?
nen Kurs zum Thema »Gender-Psychologie« für Schließlich gebe es auch kein typisch männliches und
ihre Studenten anzubieten. Als Feministin inter- typisch weibliches Verhalten, so ihre Argumentation.
essierte sie sich schon lange für die Unterschiede Einige Frauen können genauso aggressiv sein wie man-
zwischen den Geschlechtern. Als Wissenschaft- che Männer, und von denen wiederum gibt es viele, die
lerin jedoch hatte sie vorwiegend die neuronalen Ursa- deutlich empathischer sind als die durchschnittliche
chen von Zwangsstörungen erforscht. Um sich auf den Frau. Diese Frage brannte ihr so unter den Nägeln, dass
Kurs vorzubereiten, sichtete sie die umfangreiche und Joel ab sofort begann, die einzelnen Elemente des Mosa-
ideologisch teils stark aufgeladene Literatur zu ge- iks zu erforschen.
schlechtsspezifischen Merkmalen im Gehirn. Die The- Im Jahr 2015 analysierte sie gemeinsam mit Kollegen
men waren bunt gemischt: Sie reichten von speziellen von der Universität Tel Aviv, vom Max-Planck-Institut
anatomischen Strukturen bei Ratten bis hin zu den für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig
möglichen Ursachen männlicher Aggression und weib- und von der Universität Zürich Hirnscans von mehr als
licher Empathie. Als sie mit ihren Vorbereitungen be- 1400 Personen. Dabei interessierte sie sich für zwei kon-
gann, glaubte Joel fest daran, dass sich Mann und Frau krete Fragen: Wie universell sind die Unterschiede zwi-
nicht nur in puncto Geschlechtsorgane und Körpersta- schen männlichem und weiblichem Gehirn? Und ist
tur voneinander unterscheiden, sondern auch, dass ihre das Gehirn überhaupt »in sich konsistent« – also sind
Gehirne verschieden ticken. alle seine Eigenschaften entweder durchweg »männ-
Während sie sich durch die Literatur wühlte, stieß sie lich« oder »weiblich«?
jedoch auf eine Studie von 2001, deren Ergebnisse dieser
Vorstellung widersprachen. Es ging um ein anatomi- Potpourri an Ausprägungen
sches Detail des Rattengehirns: winzige Fortsätze auf In den Daten ermittelte das Team um Daphna Joel die
den Nervenzellen, so genannte dendritische Spines, die zehn Hirnregionen, die sich anatomisch und in ihrer
für die Übertragung elektrischer Signale wesentlich Funktion am deutlichsten zwischen den Geschlechtern
sind. Tracey Shors und ihr Team an der Rutgers Univer- unterschieden. Zu den untersuchten Eigenschaften ge-
sity in New Jersey hatten sowohl bei weiblichen als auch hörte unter anderem das Gesamtvolumen der Zellkör-
bei männlichen Ratten künstlich den Östrogenspiegel per und ihrer dendritischen Ausläufer, der so genann-
erhöht. In der Folge bildete das weibliche Gehirn mehr ten grauen Substanz, sowie das Gesamtvolumen der sie
dendritische Spines als das männliche. Wenn die For- verbindenden Nervenfasern, also der weißen Substanz,
scher die Tiere stressten, indem sie ihnen Stromschläge die Kortex­dicke und die Konnektivität zwischen Hirn-
am Schwanz zufügten, drehte sich dieser Befund jedoch regionen.
um: Die Männchen bildeten mehr Spines, während bei Anschließend sahen sich die Forscher die zehn Hirn­
den Weibchen deren Zahl sogar abnahm. areale bei jeder einzelnen Versuchsperson an und über-
Daphna Joel entwickelte daraufhin eine gewagte Hy- prüften, ob sie eher die Eigenschaften des durchschnitt-
pothese. Weist jedes Gehirn ein buntes Mosaik aus so- lichen männlichen oder weiblichen Gehirns aufwiesen
oder aber eine Mischform (siehe »Das Gehirn als Mosa-
ik«, S. 16/17).
Wäre jedes Gehirn in sich konsistent, dürfte keines
Merkmale von beiden Enden des »Männlichkeits-« und
»Weiblichkeitsspektrums« aufweisen. Doch in Joels Stu-
die waren das, je nach untersuchter Eigenschaft, zwi-
U N S E R E AU TO R I N
LESLIE HASSLER

schen 23 und 53 Prozent der Gehirne. Völlig konsistente


Lydia Denworth ist Wissenschafts­ Gehirne fanden die Wissenschaftler jedoch nur in null
journalistin in New York. bis acht Prozent der Fälle. Die restlichen lagen irgendwo

14
TITELTHEMA / GESCHLECHTERFORSCHUNG

dazwischen, wiesen also vor allem Merkmale aus der M E H R W I S S E N AU F


Mitte des Spektrums auf. »SPEKTRUM.DE«
»Unsere Gesellschaftsstruktur fußt auf der Annah­ Mehr zu Geschlechterunterschieden
me, die sichtbaren Geschlechtsmerkmale teilten die lesen Sie in unserem digitalen
Menschheit in zwei Populationen, und zwar nicht nur, ­Spektrum Kompakt »Gender«:
was das Kinderkriegen angeht, sondern auch in Bezug www.spektrum.de/shop
auf Gehirn und Verhalten«, erklärt Joel. »Viele glauben,
diese Unterschiede seien zwangsläufig miteinander ver-
bunden: Ist eine Person in Bezug auf ein Merkmal weib-
lich, so wird sie es wohl auch in anderer Hinsicht sein.
Doch das ist ein Trugschluss!« Wissenschaftler, Frauen müssten entsprechend weniger
Als ihr Studienbericht schließlich in einer Fach­ intelligent sein.
zeitschrift erschien, erhielt sie die unterschiedlichsten Eine der Ersten, die diese Vorstellung in Frage stell-
Reaktionen. Die Neurobiologin Gina Rippon von der ten, war die Frauenrechtlerin Helen Hamilton Gardener
Aston University in Birmingham (UK) etwa lobte ihre (1853–1925): Für die Intelligenz müsse vielmehr das Ver-
Erkenntnisse als wissenschaftlichen Durchbruch: »Ich hältnis von Hirnmasse zum Körpergewicht oder zur
hoffe, dass sich die Ausrichtung der Forschung im Körpergröße bedeutsam sein; nicht die Hirnmasse an
21. Jahrhundert nun grundsätzlich ändern wird.« sich. »Sonst würden Elefanten uns alle mit ihrer Denk-
Andere Forscher, die sich schon lange mit ge- fähigkeit weit in den Schatten stellen«, merkte sie an.
schlechtsspezifischen Merkmalen beschäftigt hatten, Gardener stellte ihr eigenes Gehirn nach ihrem Tod
widersprachen hingegen heftig. Sie kritisierten sowohl der Wissenschaft zur Verfügung. Zwar war es 140
Joels Methodik als auch ihre Schlussfolgerungen und Gramm leichter als das eines Durchschnittsmannes.
nicht zuletzt ihre unverhohlen feministische Haltung. Doch es wog beispielsweise genauso viel wie das Gehirn
»Dieser Artikel verkauft Ideologie als Wissenschaft«, jenes Forschers, der die anatomische Sammlung an der
meint etwa der Neurobiologe Larry Cahill von der Uni- Cornell University begründet hatte, wo Gardeners Ge-
versity of California in Irvine. Er hält Joels statistische hirn seitdem aufbewahrt wird.
Methoden für »manipuliert« – wenngleich nicht unbe-
dingt bewusst. Andere Kritiker äußerten sich zurück- Eloquente Mädchen, mathebegabte Jungen?
haltender. »Natürlich ist jedes Gehirn anders. Jedoch Fast das ganze folgende Jahrhundert war die Erfor-
heißt das noch lange nicht, dass es keine Hirnregionen schung von Geschlechterunterschieden im Gehirn Do-
gibt, die sich im Mittel zwischen Frauen und Männern mäne der Endokrinologen, die alle möglichen Hormo-
unterscheiden«, kommentierte die Neurowissenschaft- ne und deren Einfluss auf das Paarungsverhalten analy-
lerin Margaret M. McCarthy, die an der Univer­sity of sierten. Die Weiche, ob sich ein Embryo zu Männlein
Maryland Geschlechterunterschiede bei Ratten unter- oder Weiblein entwickelt, wird schon bei der Befruch-
sucht. tung der Eizelle gestellt. Die alles entscheidende Frage
Joel bestreitet das nicht. Gene, Hormone und Um- lautet: Trägt das Spermium, das das Rennen macht, ein
welteinflüsse hinterließen in der Tat geschlechtsspezifi- X- oder ein Y-Chromosom? Das Zusammenspiel ver-
sche Spuren im Gehirn. Es sei sogar möglich, allein auf schiedener Gene bewirkt dann, dass der Embryo ent-
Grund bestimmter Eigenschaften eines Gehirns zu wis- sprechend weibliche oder männliche Eigenschaften
sen, welches Geschlecht sein Besitzer hat. Jedoch funk- ausbildet.
tioniere das nicht umgekehrt: Eine Frau oder einen Neben der körperlichen Entwicklung standen auch
Mann anzusehen und zu wissen, wie sein Gehirn aufge- immer wieder psychologische und kognitive Aspekte
baut ist – das sei unmöglich. im Fokus der Geschlechterforschung. Bei ihren Unter-
So kontrovers Joels Studie auch diskutiert würde, suchungen in den 1960er bis in die frühen 1980er Jahre
die Quintessenz ihrer Aussage sei richtig, sagt dazu die fand die Psychologin Eleanor Maccoby von der Stan-
­Molekularbiologin Catherine Dulac von der Harvard ford University jedoch nur marginale Unterschiede:
­University in Boston. Sie hatte nach Geschlechterunter- Mädchen waren im Durchschnitt sprachlich etwas ge-
schieden im Mäusegehirn gesucht und ist zu dem glei- wandter, Jungen hatten dafür ein bisschen besseres
chen Ergebnis gekommen wie Joel: »Die Vielfältigkeit räumliches Vorstellungsvermögen und waren den Mäd-
zwischen den Individuen ist enorm.« chen in Mathe überlegen.
Im späten 19. Jahrhundert, lange vor der Erfindung Wie zu erwarten, blieb diese Erkenntnis nicht unbe-
der Kernspintomografie, war das wichtigste messbare stritten. Die Psychologin Janet Hyde von der University
Merkmal männlicher und weiblicher Gehirne ihr Ge- of Wisconsin-Madison etwa wertete 2016 die Ergebnis-
wicht (das freilich erst nach dem Tod bestimmt werden se älterer Studien zum Thema in einer Metaanalyse aus.
konnte). Da das Gehirn von Frauen im Durchschnitt Und siehe da: Gemittelt über die einzelnen Experimen-
140 Gramm leichter ist als das von Männern, glaubten te waren Probandinnen in Mathematik genauso gut wie

15
männliche Probanden. »Auch in Hinsicht auf viele psy- gische und soziale Faktoren auf die Geschlechtsidenti­
chologische Eigenschaften sind sich Männer und Frau- tät ab.
en ziemlich ähnlich«, bemerkte Hyde, die daraufhin die »Die Tatsache, dass jemand als Mädchen oder Junge
»Hypothese der Geschlechterähnlichkeiten« formulier- erzogen wird, hat biologische Auswirkungen auf das
te. Demnach sind die Übereinstimmungen der psycho- Gehirn«, betont McCarthy. Das sieht auch die Neuro-
logischen Profile von Männern und Frauen größer als biologin Lise Eliot von der Rosalind Franklin Universi-
die Unterschiede. ty of Medicine and Science so: Plastizität, also die Ver-
Sobald der technologische Fortschritt es ermöglichte, änderung des Gehirns als Reaktion auf Erfahrungen,
in das lebende Gehirn hineinzuschauen, trat jedoch beeinflusse geschlechtsspezifische Verhaltensweisen
eine lange Liste von geschlechtsspezifischen Merkma- stärker als angeborene biologische Unterschiede.
len zu Tage, die nichts mit Paarung und Elternschaft zu Die aktuell heftigsten Debatten provoziert die Frage,
tun hatten. Die Fachzeitschriften wurden geflutet von wie sich geschlechtsspezifische Eigenschaften des Ge-
Studienberichten darüber, wie das Geschlecht zahlrei- hirns auf das Verhalten auswirken. Eine der bekanntes-
che Hirnfunktionen beeinflusst, darunter Emotionen, ten Studien, die von Kritikern als »neurosexistisch« ge-
Gedächtnis, Sinneswahrnehmung und Orientierung. brandmarkt wurde, veröffentlichten Ruben und Raquel
Margaret M. McCarthy von der University of Mary- Gur mit ihren Teams von der University of Pennsylva-
land wählte Ratten als Versuchsobjekte für ihre Ge- nia. Sie stellten mit Hilfe der so genannten Diffusions-
schlechterforschung aus. Bei den Tieren untersucht sie Tensor-Bildgebung die Verläufe von Nervenfasern in
diverse biologische Merkmale, von der Neu­ronengröße den Gehirnen von fast 1000 Menschen im Alter von
bis zur Anzahl der Astrozyten, die die Neurone unter 8 bis 22 Jahren dar.
anderem mit Nährstoffen versorgen, und Mikrogliazel- Dabei entdeckten sie, dass bei männlichen Proban-
len, die Abfallstoffe und Zellreste entfernen. den die Verbindungen innerhalb der einzelnen Hirn-
»Es gibt eindeutige Belege für biologische Geschlech- hälften stärker ausgeprägt sind, während Frauen eine
terunterschiede im Gehirn, und zwar nicht nur bei robustere Vernetzung zwischen den beiden Hemisphä-
­La­bortieren, sondern auch bei Menschen«, sagt Mc­ ren aufweisen. Die Vermutung der Forscher: Kurze
Carthy. Doch bei Letzteren sind sowohl die Ursachen Wege zwischen den Arealen innerhalb einer Hirnhälfte
als auch die Auswirkungen komplexer. Denn anders könnten es Männern erlauben, schnell und gezielt auf
als bei Tieren färben bei Menschen zudem psycholo­ Wahrnehmungsreize zu reagieren. Die neuronale Ver-

Das Gehirn als Mosaik

JEN CHRISTIANSEN, NACH JOEL, D. ET AL.: SEX BEYOND


THE GENITALIA: THE HUMAN BRAIN MOSAIC. IN:

SCIENCES USA, 112, S. 15468-15473, 2015, FIG. 1;


PROCEEDINGS OF THE NATIONAL ACADEMY OF
Die Entdeckung von Geschlechterunterschieden im Wissenschaftlern zufolge würden in einem konsistent

SCIENTIFIC AMERICAN SEPTEMBER 2017


menschlichen Gehirn führte zu der Annahme, dieses männlichen Gehirn alle Hirnareale ausschließlich
sei entweder rein männlich oder rein weiblich. Eine »männliche« Eigenschaften haben, während es in
Studie von Daphna Joel und ihren Kollegen von der einem inkonsistenten Gehirn sowohl »männliche« als
Universität Tel Aviv kommt jedoch zu einem anderen auch »weibliche« Bereiche gäbe. Den Grad der »Männ­
Ergebnis. Die Forscher analysierten Hirnscans von lichkeit« beziehungsweise »Weiblichkeit« einer Hirn­
mehr als 1400 Probanden daraufhin, wie konsistent region machten die Forscher unter anderem an dem
männlich beziehungsweise weiblich diese sind. Den Volumenanteil an grauer Substanz fest. Zuvor hatten

Verteilung der Teilnehmer mit »männlichem« Hirnregionen mit den


oder »weiblichem« Hippocampus (bezogen ­deutlichsten Geschlechter- Ergebnisse der Hirnscans
auf den Volumenanteil der grauen Substanz) unterschieden (bezogen (jede Spalte steht für eine Person)
in der Stichprobe auf die graue Substanz)

die 33 die 33 Vermis, Lobulus X


»männlichsten« »weib­lichsten« rechter Nucleus caudatus
Prozent Prozent linker Nucleus caudatus
rechter Hippocampus
linker Hippocampus
rechter Gyrus rectus
linker Gyrus rectus
linker Gyrus frontalis superior, pars orbitalis medialis
rechter Gyrus frontalis superior, pars orbitalis
linker Gyrus frontalis superior, pars orbitalis
»männlich« Mischform »weiblich«

16
TITELTHEMA / GESCHLECHTERFORSCHUNG

schaltung im weiblichen Gehirn wiederum begünstige die aber beweist, dass solche Annahmen vielleicht bezo-
das Wechselspiel zwischen analytischem Denken und gen auf den Gruppendurchschnitt richtig sein mögen,
Intuition. nicht jedoch für jeden einzelnen Schüler«, sagt Joel.
Mitten in diesen Meinungsstrudel geriet nun Daph- Deshalb mache es keinen Sinn, beispielsweise alle Jun-
na Joel. Viele ältere Studien hatten Unterschiede zwi- gen in eine Gruppe zu stecken, die besonders in Sport
schen einzelnen Gehirnen identifiziert und daraus Hy- und Mathematik gefördert werde.
pothesen über die Gesamtheit aller Frauen und Männer Die Diskussion über Joels Studie spitzt sich auf die
abgeleitet. Joel und ihre Kollegen taten das Gegenteil: Frage zu, was wesentlicher ist: der Durchschnitt einer
Sie suchten nach statistischen Differenzen in einer gro- untersuchten Population oder die Vielfalt der Individu-
ßen Stichprobe von Testpersonen und fragten sich, wel- en, aus der sie besteht? Wissenschaftler können aus ein
che Schlüsse sich daraus für das einzelne Individuum und demselben Indiz unterschiedliche Schlüsse ziehen.
ableiten lassen. »Das menschliche Gehirn könnte durchaus ein Mosaik
sein, jedoch eines mit vorhersagbaren Mustern«, schrie-
Ist getrennter Unterricht sinnvoll? ben Avram Holmes und seine Kollegen von der Yale
»Wir haben es mit unterschiedlichen Beschreibungen University als Replik auf Joels Darlegungen im Jahr 2015.
des gleichen Phänomens zu tun«, erläutert Joel. Doch Sie sind der Meinung, dass diese Muster mit statisti-
welcher Ansatz wird dem menschlichen Gehirn besser schen Methoden analysiert werden sollten.
gerecht? Der erste, in dem jeweils ein bestimmter Ge- Die emeritierte Biologieprofessorin Anne Fausto-
hirntyp kennzeichnend für Männer oder Frauen ist, Sterling von der Brown University in Providence ist
oder aber der zweite, der besagt, dass die meisten Ge- überzeugte Kritikerin von verallgemeinernden Ge-
hirne Mosaike aus männlichen und weiblichen Eigen- schlechterstudien. »Wenn wir nur die durchschnittli-
schaften sind? chen Unterschiede betrachten, übersehen wir etwas
Joel zieht gerne ein Beispiel aus dem Alltag heran: In Wichtiges«, meint sie. Schließlich sei das Gehirn kein
den letzten Jahren wird wieder zunehmend über die einheitliches Gebilde, das sich entweder männlich oder
Geschlechtertrennung im Schulunterricht diskutiert. weiblich verhält, noch dazu agiere es nicht in jedem
»Diese fußt auf der Annahme, Jungen hätten einen fes- Kontext gleichartig.
ten Satz an Eigenschaften, zum Beispiel körperlich akti- Die Auswirkungen dieser Kontroverse auf die Wis-
ver und ungeduldiger zu sein als Mädchen. Unsere Stu- senschaft und besonders auf die klinische Forschung
JEN CHRISTIANSEN, NACH JOEL, D. ET AL.: SEX BEYOND
THE GENITALIA: THE HUMAN BRAIN MOSAIC. IN:

SCIENCES USA, 112, S. 15468-15473, 2015, FIG. 1;


PROCEEDINGS OF THE NATIONAL ACADEMY OF

sie von 116 Hirnregionen diejenigen zehn ermittelt, in sowohl Areale mit einem typisch »männlichen« als
SCIENTIFIC AMERICAN SEPTEMBER 2017

denen sich der Anteil der grauen Substanz zwischen auch solche mit einem typisch »weiblichen« Volumen­
Frauen und Männern im Durchschnitt am deutlichsten anteil an grauer Substanz. Dagegen waren nur sehr
unterschied. In der Grafik unten stellen die orangen wenige Gehirne ausschließlich »männlich« oder »weib­
Punkte je nach Intensität die eher »männlichen« lich«. Der Rest lag irgendwo dazwischen, enthielt also
Hirnregionen dar und die grünen Punkte die eher vor allem Areale mit einem Anteil an grauer Substanz,
»weiblichen«. Mischformen sind in Weiß dargestellt. der zwischen dem durchschnittlich männlichem
Rund ein Drittel der untersuchten Gehirne enthielt beziehungsweise weiblichen lag.

Frauen (gezeigt sind 55 von 169 Probandinnen) Männer (37 von insgesamt 112 Probanden)

17
Wenn wir nur die durch- ­störungen dagegen, die sich meist im späteren Lebens-
alter entwickeln, sind wiederum bei Frauen häufiger
schnittlichen Unterschiede (mehr dazu in der nächsten Ausgabe).
betrachten, übersehen wir Doch Daphna Joel, Anne Fausto-Sterling und andere
Wissenschaftler sind besorgt, das Pendel könne hier zu
etwas Wichtiges weit ausschlagen. Ihrer Auffassung nach sollten klini-
sche Studien zwar das Geschlecht als Variable berück-
sichtigen, also Männer und Frauen zu gleichen Teilen
einschließen. Dennoch dürfe nicht aus dem Blick ge­
sind beträchtlich. Zwischen 1997 und 2000 wurden raten, dass die Kategorien »männlich« und »weiblich«
zehn Medikamente vom amerikanischen Markt genom- implizit Eigenschaften repräsentieren könnten, die mit
men, da sie gefährliche Nebenwirkungen verursachten, dem biologischen Geschlecht nichts zu tun haben.
die sogar tödlich sein konnten. Acht der zehn bargen Wenn die Forschung dazu beitragen soll, das Denken
größere Risiken für Frauen als für Männer. über Geschlecht und Gender in der Gesellschaft zu ver-
Im Jahr 2013 halbierte die US-amerikanische Arznei- ändern, könnte ein wichtiger erster Ansatz die Wort­
mittelbehörde FDA die zugelassene Dosierung des wahl betreffen. »Es ist an der Zeit, den Begriff des ›Di-
Schlafmittels Zolpidem (Handelsname Ambien) für morphismus‹ aufzugeben«, meint Lise Eliot. »Eierstock
Frauen. Patientinnen hatten über Schläfrigkeit auf dem und Hoden sind dimorphe Strukturen. Ein um wenige
morgendlichen Weg zur Arbeit geklagt, und Forscher Prozent abweichendes Verhältnis von weißer zu grauer
stellten daraufhin fest, dass sich das Medikament bei ei- Substanz ist nicht dimorph. Es handelt sich nur um ein
nigen Frauen noch nach dem Aufwachen im Körper Merkmal mit geschlechtsabhängiger Variabilität.«
nachweisen ließ. Catherine Dulac fordert daher eine differenziertere
Freilich gab es auch hier Einwände: Lise Eliot und die Definition dieser Unterschiede. Bei Mäusen fand sie die
Wissenschaftshistorikerin Sarah Richardson von der Neuronenschaltkreise, die das männliche Paarungsver-
Harvard University etwa gaben zu bedenken, die Ne- halten steuern, auch im Gehirn weiblicher Tiere, wäh-
benwirkungen von Zolpidem könnten schlicht auf das rend umgekehrt die Netzwerke für mütterliches Verhal-
geringere Körpergewicht zurückzuführen sein. Aber ten auch bei Männchen nachweisbar waren. »Daraus zu
das ist wohl nicht die alleinige Erklärung, denn der hö- schließen, es gäbe keine Unterschiede zwischen männ-
here Körperfettanteil bei Frauen sorgt dafür, dass be- lichem und weiblichem Gehirn, wäre natürlich falsch«,
stimmte Medikamente langsamer abgebaut werden. sagt Dulac. »Die interessanten Fragen sind also: Wie
Das US-amerikanische Gesundheitsministerium re­ kommen die Abweichungen zu Stande, und wie bedeut-
a­­gier­­te auf diese Probleme und ordnete im Januar 2016 sam sind sie?«
an, dass alle präklinischen Studien, in denen neue Me- McCarthy und Joel setzten sich Anfang 2017 zusam-
dikamente zunächst noch bei Tieren geprüft werden, men und erarbeiteten eine Art Leitlinie dafür, was Stu-
auch weibliche Tiere beteiligen müssen. Janine Clayton, dien zu Geschlechterunterschieden erheben sollten und
Direktorin des Office of Research on Women’s Health wie die Ergebnisse zu deuten sind. Sie schlagen vor, fol-
der National Institutes of Health, drückte sich eher vor- gende Fragen immer im Blick zu behalten: Tritt ein
sichtig aus, als sie die neuen Richtlinien erläuterte: Bei- Merkmal dauerhaft auf oder nur vorübergehend? Hängt
de Geschlechter in die präklinischen Tests mit einzube- es von einem bestimmten Kontext ab? Kann es lediglich
ziehen, bedeute nicht zwangsläufig, dass man aktiv nach in zwei Varianten auftreten oder ein ganzes Spektrum
Unterschieden suche. von Ausprägungen annehmen? Resultiert es direkt oder
Viele erachten diese neue Direktive als wichtigen indirekt aus dem Geschlecht seines Besitzers?
Schritt. Schließlich betreffen zahlreiche psychische und Diese Charakterisierung von Männlein und Weib-
neurologische Erkrankungen, die erstmals in jungem lein ist bei Weitem nicht so griffig wie das Bild von Mars
Alter auftreten, häufiger Männer, darunter die Auf- und Venus, doch vermutlich trifft sie die Realität besser.
merksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung sowie Au- Denn in der Regel geben komplexe Bilder eher wieder,
tismus-Spektrum-Störungen. Depressionen oder Angst­ was den einzelnen Menschen wirklich ausmacht.  H

QUELLEN

Joel, D. et al.: Sex beyond the Genitalia: The Human Brain Mosaic.
In: PNAS 112, S. 15468–15473, 2015
Joel, D., McCarthy, M. M.: Incorporating Sex as a Biological Variable in Neuropsychiatric Research:
Where Are We now and where Should We Be? In: Neuropsychopharmacology 42, S. 379–385, 2017
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1524887

18
Europäisches Rechercheportal führender Wissenschaftlerinnen

Sie möchten Lehrstühle oder Gremien Finden Sie die passende Kandidatin in AcademiaNet – das internationale
besetzen? Sie suchen weibliche unserer Datenbank mit über 2.500 Rechercheportal hoch qualifizierter
Experten, Gutachter oder Redner Profilen herausragender Forscherinnen Wissenschaftlerinnen
zum Thema? aller Disziplinen.

Die Partner

www.academia-net.de Folgen Sie uns:


PSYCHOLO GIE

Die
Wirkung
des

20
,
SCHUNG Können wir dadurch
URSACHENFOR
s w ir n icht h an d el n , etwas verursachen?
das Konzept der negativen
eg rü nd en m it d em
Philosophen b re V er antwor tu ng viel weiter
u nse
Kausalität, warum .
reicht, als wir glauben
OMMEN
V O N D AV I D H

TE
UNSER EXPER
movierter
David Hommen ist pro
nsc haftlicher
Philosoph und wisse
am ph ilo sop hischen
Mitarbeiter
t an de r He inr ich -Heine-
Institu
sse ldo rf.
Universität Dü

21
Auf einen Blick: Von nichts kommt nichts?

1 2 3
Ob das Unterlassen einer Hand- Wir müssen unser Verständnis Die Unterlassung als »latente
lung in der Welt kausal wirksam des Nichts und von Kausalität Handlungsmöglichkeit« zu
werden kann, ist sowohl philo- überdenken: Ersteres meint fassen, eröffnet zudem einen
sophisch als auch juristisch knifflig. nicht die Sache, die fehlt, sondern Ausweg aus dem Dilemma, dass
Denn wie kann etwas, das nicht ist, die Lücke, und Letztere erfordert Abwesendes (scheinbar) nicht
etwas verursachen? keine Übertragung von Energie. ursächlich wirksam werden kann.

A
ngenommen, Sie gehen in einem Park Wir messen menschlichem Unterlassen in vielen Fäl-
spazieren. Sie beobachten zufällig, wie len intuitiv Verantwortlichkeit bei, allerdings nicht im
ein Junge in den Teich fällt, um den sich selben Maß wie aktivem Handeln. Nehmen wir zum
die Grünanlage erstreckt. Der Kleine Beispiel die Debatte über Sterbehilfe: Diese wird von
droht zu ertrinken. Sie könnten ihm hel- vielen zwar in der aktiven Form, also als Eingreifen in
fen, doch Sie zögern, schließlich sind Sie den Sterbeprozess, um den Tod schneller herbeizufüh-
selbst kein besonders guter Schwimmer. Im Park ist au- ren, abgelehnt. Die meisten Befragten finden es aber
ßer Ihnen niemand zu sehen, und Ihr Handy haben Sie viel weniger bedenklich, Menschen sterben zu lassen,
auch daheim liegen gelassen. Angenommen, Sie erstar- indem man lebensverlängernde Maßnahmen nicht fort-
ren nun vor lauter Bedenken in Tatenlosigkeit – und das führt – obwohl die Folgen grundsätzlich dieselben sind.
Kind stirbt! Sind Sie für seinen Tod verantwortlich? Diese widersprüchliche Bewertung von Tun und Un-
»Ich war zwar dabei«, könnten Sie sagen, »aber ich terlassen beeinflusst auch die Rechtsprechung. Im All-
habe ja nichts gemacht! Der Junge ist völlig ohne mein gemeinen sanktioniert unser Strafrecht nur aktives
Zutun ins Wasser gefallen. Wäre ich nicht zufällig in Handeln, durch das andere zu Schaden kommen. Ver-
diesem Moment vorbeigekommen, wäre er schließlich einfacht gesagt: Wer etwas Verbotenes tut, erhält dafür
genauso ertrunken.« Ist das ein berechtigter Einwand eine bestimmte Strafe. Darüber hinaus sieht das Gesetz
oder nur Haarspalterei, um sich selbst aus der Affäre zu in bestimmten Fällen aber auch Strafen dafür vor, wenn
ziehen? wir etwas nicht tun. Allerdings macht es dabei eine be-
Eines scheint klar: Wenn wir jemanden für ein Ereig- merkenswerte Unterscheidung zwischen so genannten
nis verantwortlich machen, setzen wir normalerweise echten und unechten Unterlassungsdelikten.
voraus, dass er irgendeinen ursächlichen Beitrag zu des-
sen Zustandekommen geleistet hat. Aber worin könnte Nichtstun als Straftat
der im oben beschriebenen Fall bestehen? Als das Kind Ihr Verhalten im Park wäre ein typischer Fall von ech-
in den Teich fiel, haben Sie nichts getan. Es gab also gar tem Unterlassungsdelikt. Es wird unabhängig davon be-
keinen Beitrag von Ihrer Seite. Können Sie den Tod des straft, ob tatsächlich ein Schaden eintritt. Sie wären also
Jungen trotzdem verursacht haben? in jedem Fall straffällig geworden, sogar wenn der Jun-
Solche Überlegungen mögen ungewohnt sein, doch ge unbeschadet überlebt hätte. Ähnlich sieht es bei der
sie sind keineswegs trivial. Philosophen diskutieren sie »Nichtanzeige geplanter Straftaten« aus: Wer mitbe-
unter dem Stichwort der »negativen Kausalität«. Dabei kommt, dass jemand eine Straftat beabsichtigt, und dies
geht es um die Frage, inwieweit Unterlassungen als nicht meldet, wird in jedem Fall bestraft, auch wenn der
Ursachen von Ereignissen betrachtet werden können. Plan gar nicht in die Tat umgesetzt wird.
Wenn wir negative Kausalität akzeptieren, also Unter- Etwas verzwickter sind die unechten Unterlassungs-
lassungen ähnlich wie Handlungen als Ursachen verste- delikte. Davon sprechen Juristen, wenn ein Täter aus ei-
hen, hätte das schwer wiegende Konsequenzen für un- ner so genannten besonderen Garantenstellung heraus
sere Auffassung davon, wofür wir moralisch verant- einen Schaden hätte abwenden müssen. Garanten-
wortlich sind. pflichten haben zum Beispiel Ehepartner oder wer ver-
traglich eine solche Verpflichtung eingeht, wie etwa
Ärzte oder Bademeister, oder auch Eltern für ihre Kin-
M E H R W I S S E N AU F der. Liegt eine Garantenpflicht vor, kann ein Unterlas-
»SPEKTRUM.DE« sen prinzipiell zu jeder Straftat führen. So begeht bei-
Mehr über die ethischen Fragen spielsweise Mord, wer die in Obhut genommene, bettlä-
menschlichen Miteinanders gerige Erbtante verhungern lässt. Genauso ist es Betrug,
lesen Sie in unserem digitalen wenn einem Geschäftspartner wichtige Informationen
Spektrum Kompakt »Kooperation vorenthalten werden.
und Altruismus«: Interessanterweise sind unechte Unterlassungsdelik-
www.spektrum.de/shop te im Gegensatz zu den echten aber nur dann strafbar,

22
PSYCHOLO GIE / URSACHENFORSCHUNG

wenn tatsächlich ein Schaden ein- mitunter auch da besteht, wo eine


tritt; es sind so genannte Erfolgsde- Energieübertragung abgebrochen
likte. In beiden Fällen wird aber wird (etwa wenn eine Person einer
stillschweigend vorausgesetzt, dass anderen ein Signal gibt, indem sie
Nichtstun Schäden verursacht. Aber das Zimmerlicht löscht) oder wo
wie genau ist das zu verstehen? dem Gegenstand, auf den etwas ein-
Diese Frage sorgte für jahrzehn- wirkt, Energie entzogen wird – etwa
telangen Streit unter Rechtswissen- wenn der Wind das Wasser eines
schaftlern. Denn obwohl sie die Zu- Sees abkühlt. Ähnlich fiel die Kritik
schreibung strafrechtlicher Verant- am Übertragungsmodell der Kausa-

GETTY IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY


wortlichkeit für Unterlassungen lität bei Humes Landsmann John
bekräftigten, hielten die Meinungs- Stuart Mill (1806–1873) aus. Er hielt
führer unter ihnen – aller Kritik das, was wir Ursache und Wirkung
zum Trotz – an der Nichtkausalität nennen, für nichts anderes als die
von Unterlassungen fest. Aber wie naturgesetzmäßige Aufeinanderfol-
kann man dann gleichzeitig von ge oder das gleichzeitige Auftreten
deren »Folgen« sprechen, die dem zweier oder mehrerer Ereignisse.
Unterlassenden vorzuwerfen seien? An dieser Vorstellung von Kausa-
Wie kann eine Unterlassung jemals lität orientiert sich bis heute ein
schuldhaft sein, wenn kein kausaler »Nimmer ver-
Großteil der sozialwissenschaftli-
Zusammenhang zwischen ihr und chen Forschung. Dort stützen sich
dem jeweiligen Ereignis besteht? möchtest du zu
kausale Hypothesen in der Regel
Hier bedienen sich Juristen meist ver­stehen, Nicht-
nicht auf Messungen irgendwelcher
einer Hilfskonstruktion, der so ge- Wechselwirkungen oder Energie-
nannten hypothetischen Kausalität. seiendes sei«
transfers, sondern schlicht auf empi-
Die funktioniert etwa so: In einem Parmenides (um 520/515 – rische Regelmäßigkeiten: Welche
Gedankenexperiment wird hypo- 460/455 v. Chr.) Faktoren beeinflussen Arbeitslosig-
thetisch überprüft, ob der Taterfolg keit? Welche die Aggressivität von
durch die Handlung, die de facto Jugendlichen? In ihren statistischen
unterlassen wurde, verhindert wor- Analysen fahnden Forscher nach
den wäre. Ist das der Fall, gilt die Unterlassung als korrelativen Zusammenhängen: Wenn A, dann auch B.
»quasikausal« für den Taterfolg. Dieser Vorschlag ist je- Selbst in wissenschaftlichen Experimenten, bei denen
doch offensichtlich problematisch, denn hypothetische sie bestimmte Variablen systematisch variieren, um zu
Kausalität ist eben keine Kausalität, so wie Falschgeld prüfen, ob das auch andere gemessene Größen verän-
kein Geld ist, und eine vermeintliche Wahrheit keine dert, geht es letztlich nur darum, ob gewisse Ausgangs-
Wahrheit. bedingungen stabil mit einem bestimmten Ereignis ver-
Wäre es nicht viel einfacher, negative Kausalität ohne bunden sind. Dann gelten sie als (Teil-)Ursachen. Ob
Umschweife einfach anzuerkennen? Warum tun wir sie unserer Vorstellung von Ursachen entsprechen, die
uns überhaupt so schwer mit dem Gedanken, Unterlas- auf irgendeine Weise Wirkungen herbeiführen, und wie
sungen könnten etwas verursachen? Das hat zum Teil genau das vonstattengeht, bleibt dabei meist offen.
damit zu tun, dass wir uns im Alltagsdenken den Zu-
sammenhang von Ursache und Wirkung wie die Kolli- Was heißt eigentlich Kausalität?
sion zweier Billardkugeln vorstellen: So wie eine Kugel Doch es ist nicht nur die Idee, dass Ursachen ihre Wir-
die andere anstößt, gibt die Ursache einen Impuls weiter, kungen aktiv hervorbringen, die uns beim Thema nega-
der sich auf ihre Wirkung überträgt. Eine Ursache ist tive Kausalität zu schaffen macht. Es ist überhaupt unse-
demnach immer aktivisch, sie macht etwas, das eine re Überzeugung, dass Kausalität ein Zusammenhang
Wirkung hervorbringt. Unterlassungen sind dagegen zwischen real Existierendem ist. »Wirkendes« muss
passivisch, sie machen also nichts. Darum scheint es »wirklich« sein, so viel steckt schon in dem Wort. Ursa-
uns einleuchtend, dass von einem Unterlassen kein Im- chen und Wirkungen können daher kein reines Nichts
puls ausgehen kann. sein. Unterlassungen scheinen aber genau das zu sein:
Liegen wir mit unserer Alltagsvorstellung von Kau- ein Nichts. Wie sollte eine Unterlassung etwas bewirken,
salität vielleicht völlig daneben? Auf diese Idee kam wenn sie selbst gar nicht real existiert? Zwar reden wir
erstmals der englische Empirist David Hume (1711– von Unterlassungen manchmal auch in aktiver Form:
1776). Er stellte fest, dass eine Energieübertragung von Jemand schweigt oder jemand fehlt zum Beispiel. Die-
der Ursache auf die Wirkung oft gar nicht zu beobach- sen Redeweisen scheint aber keine Realität zu entspre-
ten ist. Hume wies zudem darauf hin, dass Kausalität chen: Wer schweigt, redet nicht; wer fehlt, ist nicht da.

23
Das führt zu einer Frage, die tief an das Fundament Das sind Eigenschaften, die Personen und Gegenständen
unseres Weltverständnisses rührt: Kann ein Nichts et- auch dann zugeschrieben werden können, wenn sie sich
was sein? »Nimmer vermöchtest du ja zu verstehen, nicht aktualisieren, sie sich also gerade nicht zeigen oder
Nichtseiendes sei ... von solcherlei Weg halt fern die er- nicht direkt beobachten lassen.
forschende Seele.« Diese Worte, die der griechische Phi- Was ist unter einer Möglichkeit genauer zu verste-
losoph Platon (zirka 428–348 v. Chr.) dem Parmenides hen? Das lässt sich am besten als Konstanz begreifen:
in den Mund legt, hallen bis heute in den Köpfen derer Wenn jemand oder etwas seine Möglichkeiten nicht
nach, die eine Realität von Unterlassungen schon aus lo- verwirklicht, bleibt er oder es hinsichtlich dieser Mög-
gischen Gründen ablehnen. Ihr Kernargument lautet: lichkeiten gleich. Der Ausgangszustand bleibt bestehen.
Eine Unterlassung kann nicht etwas sein, denn sonst Die Manifestation einer Möglichkeit ist dagegen immer
wäre sie zugleich Sein (die Unterlassung) und Nichtsein mit Veränderung verbunden: ein Sturm zieht auf, eine
(das Unterlassene) – ein offensichtlicher Widerspruch. Vase zerbricht, jemand beginnt, Klavier zu spielen. Ma-
Von Platon selbst ist ein berühmter Vorschlag überlie- nifestationen haben immer etwas Ereignishaftes und
fert, das Paradox der Negation aufzulösen: »Wenn wir Dynamisches, Möglichkeiten immer etwas Zuständli-
Nichtseiendes sagen«, schreibt er in seinem Spätwerk ches und Statisches an sich.
»Sophistes«, »so meinen wir nicht, wie es scheint, ein Wenn wir Unterlassungen als latente Möglichkeiten
entgegengesetztes des Seienden, sondern nur ein ver- auffassen, könnten wir das Problem der negativen Kau-
schiedenes.« salität womöglich lösen. Denn Möglichkeiten existieren
ohne Zweifel: Die Möglichkeit zu handeln ist eine ge-
Das Abwesende und seine Lücke in der Welt nauso reale Eigenschaft von Personen wie ihre Fähigkeit
Die Idee dahinter: Wenn wir von Abwesenheiten spre- zu sehen. Und latente Möglichkeiten sind einfach sol-
chen, meinen wir eigentlich nicht das Abwesende selbst, che, deren Existenz beim Erhalt des Status quo bestehen
dem wir damit eine gespenstische Form der Existenz bleibt. Wenn also jemand eine Handlung unterlässt,
unterstellen würden. Vielmehr beziehen wir uns auf ei- verbleibt er hinsichtlich seiner Möglichkeit, so zu han-
nen Aspekt der Wirklichkeit, den wir nicht darüber nä- deln, in dem Zustand, in dem er sich befindet.
her bestimmen, wie er ist, sondern darüber, wie er nicht Als kausale Faktoren sind solche Konstanzen – das
ist. Vereinfacht gesagt, meinen wir nicht das Abwesende Fortbestehen von Zuständen – unproblematisch. Zu-
selbst, sondern die Lücke, die das stände spielen in nahezu allen Kau-
Abwesende in der Welt hinterlässt. salbeziehungen eine Rolle, und sei
Und diese Lücke ist sehr wohl ein es als Rahmen- oder Nebenbedin-
Bestandteil der Wirklichkeit. Über- gungen, die zusätzlich zu den »aus-
tragen auf Unterlassungen kenn- lösenden« Veränderungen gegeben
zeichnen wir also den Zustand eines sein müssen, wenn die Wirkung
Akteurs nicht darüber, was er tut, herbeigeführt werden soll. Sobald
sondern darüber, was er nicht tut. wir Kausalität nicht mehr als etwas
GETTY IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY / G. DAGLI ORTI

Wenn aber Unterlassungen kein ansehen, bei dem die Ursache die
reines Nichts sind, wie müssen wir Wirkung aktiv hervorbringt, son-
sie uns dann vorstellen? Einige Theo- dern als eine auf Korrelation grün-
retiker, darunter die US-amerikani- dende Abfolge von Ereignissen,
sche Philosophin Sara Bernstein, der wird auch das passive Zulassen oder
deutsche Ethiker Dieter Birnbacher Ermöglichen eines Sachverhalts
und ich selbst, schlagen vor, die Un- durch eine latente Handlungsmög-
terlassungen von Akteuren als ihre lichkeit zum kausalen Faktor, der
latenten Handlungsmöglichkeiten nötig ist, damit der Sachverhalt ein-
aufzufassen. Denn anders als das tritt.
bloß Nichtvorhandende sind Mög- Was bedeutet unser Vorschlag
lichkeiten respektable Bestandteile nun für unser Ausgangsbeispiel?
der Realität und als solche in der Phi-
losophie spätestens seit Aristoteles
»Nichtseiendes ist
Eine Konsequenz ist, dass Akteure
immer nur das unterlassen können,
(384–322 v. Chr.) anerkannt. Die kein entgegenge-
was sie prinzipiell tun könnten. So-
Chance eines aufziehenden Sturms,
die Anfälligkeit einer Vase zu zerbre-
setztes des Seien-
lange Sie das Kind aus dem Teich
retten können und es dennoch nicht
chen oder jemandes Fähigkeit, Kla- den, sondern nur
tun, unterlassen Sie seine Rettung.
vier zu spielen, sind wirklich. Diese
werden in der Philosophie als Poten-
ein verschiedenes«
Wären Sie gefesselt oder gelähmt
oder könnten selbst nicht schwim-
ziale oder Dispositionen bezeichnet. Platon (zirka 428–348 v. Chr.) men, hätten Sie nicht die Möglich-

24
PSYCHOLO GIE / URSACHENFORSCHUNG

keit, es zu retten; folglich wäre es dass wir sie gerade unterlassen, und
unangemessen zu sagen, Sie unter- was wir damit unter Umständen be-
ließen seine Rettung. Unsere Unter- wirken. Zudem fällt es Handelnden
lassungen können also maximal nur in der Regel schwerer, etwas tun zu
soweit reichen wie unsere latenten müssen als es nicht tun zu dürfen.
Handlungsmöglichkeiten. Bleibt die Handlungspflichten gehen daher oft

GETTY IMAGES / HULTON ARCHIVE / LONDON STEREOSCOPIC COMPANY


Schwierigkeit einzuschätzen, wie mit größerer psychischer Belastung
weit sie nun tatsächlich reichen. einher als Unterlassungspflichten.
Der Ethiker Peter Singer meint, Sind Sie nun also für die Folgen
so wie man ein Kind vor dem Er- Ihres Unterlassens verantwortlich?
trinken retten könnte, indem man Wie wir gesehen haben, steht und
ins Wasser springt und es heraus- fällt die Antwort damit, ob es mög-
holt, könnten wir auch Menschen in lich ist, durch ein Unterlassen von
der Dritten Welt vor dem Hunger- Handlungen Schaden zu verursa-
tod bewahren, indem wir für die chen. Es kann offenbar nur dann als
Entwicklungshilfe spenden. Wer das kausal wirksam gelten, wenn wir
unterlässt, obwohl er es könnte und uns von der Vorstellung lösen, Ursa-
es ihm zuzumuten wäre, so Singer, chen müssten eine »Kraft aufwen-
ist nicht nur kausal am Tod vieler den«, um ihre Wirkungen zu »pro-
Menschen beteiligt, sondern trägt »Eine schlechte
duzieren«. Wir brauchen vielmehr
auch eine moralische Mitschuld. ein Modell von Verursachung, bei
Der Philosoph fordert deshalb eine Handlung führt zur
dem Wirkungen aus bestimmten,
individuelle Pflicht, Hilfe zu leisten, anderen, bei den
zeitlich vorangehenden Bedingun-
die weit über das hinausgeht, was gen resultieren, ohne durch diese
der Gesetzgeber derzeit vom Einzel- Tätern und bei den
notwendigerweise aktiv hervorge-
nen verlangt. Zuschauern«
bracht zu werden. Im Rahmen eines
Zwingt uns die Annahme negati- solchen Kausalitätsmodells müssen
ver Kausalität zu einer so drasti- John Stuart Mill (1806–1873) wir auch Unterlassungen Realität
schen Ausweitung von moralischer zubilligen. Das Konzept der latenten
Verantwortlichkeit und Pflichten? Handlungsmöglichkeiten bietet eine
Das ist eine schwierige Frage. Man muss dabei beden- Lösung: Mit ihrer Hilfe können wir Unterlassungen als
ken, dass aus kausaler Verantwortung nicht zwangsläu- reale Zustände von Akteuren begreifen, ohne sie als
fig auch moralische Verantwortung folgt. Wer ein Übel »negative Entitäten« verdinglichen zu müssen.
verursacht, ist nicht immer automatisch schuldig. Bei Nichtsdestotrotz hat dieser Vorschlag weit reichende
der Zuschreibung von Verantwortung und Schuld müs- Konsequenzen. Die Annahme negativer Kausalität er-
sen Gesetzgeber daher verschiedene Gesichtspunkte weitert die Zahl der Kausalrelationen ins schier Unend-
bedenken, und nicht alle haben mit Gerechtigkeit zu liche. Wann immer wir etwas unterlassen, was wir hät-
tun. Aus rein pragmatischen Gründen ist etwa darauf ten tun können, tragen wir eine kausale (Mit-)Verant-
zu achten, Akteuren nicht zu viel Verantwortung aufzu- wortung für das, was in der Folge eintritt (und was nicht
bürden. So wäre es beispielsweise von einem Durch- eingetreten wäre, hätten wir entsprechend gehandelt).
schnittsmenschen zu viel verlangt, wenn er sämtliche Eine moralische Verantwortung haben wir gleichwohl
Folgen seines Tuns und Nichtstuns im Blick behalten nur dann, wenn wir auch dazu verpflichtet waren, zu
müsste. Von vielen Dingen wissen wir auch gar nicht, handeln. H

QUELLEN

Bernstein, S.: Omissions as Possibilities. In: Philosophical Studies 167, S. 1–23, 2014
Birnbacher, D., Hommen, D.: Negative Kausalität. De Gruyter, Berlin 2013
Hommen, D.: Absences as Latent Potentialities. In: Philosophical Papers 45, S. 401–435, 2016
Moore, M. S.: Causation and Responsibility: An Essay in Law, Morals and Metaphysics.
University Press, Oxford 2009
Singer, P.: Praktische Ethik. Revidierte und erweiterte Neuauflage.
Reclam, Stuttgart 1994
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1524889

25
PSYCHOLO GIE

PROSPEKTIVES GEDÄCHTNIS Dank unseres Gedächtnisses


erinnern wir uns an Vergangenes. Doch wir
brauchen es auch, um neue Ideen in die Tat umzusetzen.

Ein Gedächtnis
für die Zukunft
VO N M AT T H IA S K L I E G E L U N D N I C O L A BA L L HAU S E N

D
ie Situation kennt wahrscheinlich je- ler und Psychologen sie erst seit rund 40 Jahren als ei-
der von uns: Beim Frühstück ver- genständigen Gedächtnisbereich.
braucht man den letzten Rest Butter Dieses so genannte prospektive Gedächtnis (auch
und nimmt sich fest vor, nach der Ar- ­Intentionsgedächtnis genannt) benötigen wir, um uns
beit beim Supermarkt vorbeizugehen. selbstständig an zukünftige Handlungen zu erinnern
Und spätestens am nächsten Morgen und diese rechtzeitig auszuführen. Darin unterscheidet
am Frühstückstisch fällt einem schlagartig ein, dass es sich von den anderen, seit vielen Jahrzehnten in der
man nicht einkaufen war. klassischen Gedächtnisforschung untersuchten Phäno-
Wann haben Sie das letzte Mal etwas vergessen? menen, die zusammenfassend als retrospektives Ge-
Wenn man sich diese Frage stellt, wird schnell klar, dass dächtnis bezeichnet werden. Sie ermöglichen es uns,
es oft ähnliche Situationen sind, in denen uns unser Ge- frühere Erlebnisse oder Wissen, das wir einst gelernt
dächtnis im Stich lässt: Wir haben vergessen, etwas ein- haben, abzurufen; mit dem prospektiven Gedächtnis
zukaufen, jemanden anzurufen, ein Medikament zu erinnern wir uns dagegen an unsere Absichten. Beim
nehmen, einen Brief einzuwerfen oder eine Datei an retrospektiven Gedächtnis versuchen wir für gewöhn-
eine E-Mail anzuhängen, bevor wir sie abschickt haben. lich auf eine explizite Aufforderung hin, einen zuvor
Was ist all diesen Situationen gemein? Jedes Mal ging es ­abgespeicherten Inhalt aus dem Gedächtnis abzurufen,
darum, etwas zu erledigen, was wir uns Sekunden, Mi- beispielsweise in einer Prüfung. Beim prospektiven
nuten, Stunden oder Tage zuvor vorgenommen hatten. ­Gedächtnis fehlt die Erinnerungsaufforderung dagegen
Obwohl uns diese Form des Erinnerns im Alltag so häu- häufig, denn im Alltag steht normalerweise niemand
fig Probleme bereitet, untersuchen Neurowissenschaft- neben uns, der uns darauf hinweist, dass wir auf dem

UNSERE EXPERTEN

Matthias Kliegel ist Professor für kognitive Alternsforschung an der Universität


Genf und Direktor des dort angesiedelten Interfakultären Forschungszentrums für
Gerontologie und Vulnerabilitätsforschung (CIGEV). Obwohl er seit 20 Jahren
über das prospektive Gedächtnis forscht, vergeht kein Tag, an dem er nicht etwas
zu erledigen vergisst. Nicola Ballhausen ist Psychologin und arbeitet sowohl am
­Lehrstuhl von Matthias Kliegel als auch am CIGEV. Sie leitet die Arbeitsgruppe zur
Erforschung kognitiver Kontrollprozesse und deren Entwicklung im Alter. Oft fragt sie sich, mit welchen Strategien
sich das prospektive Gedächtnis wohl trainieren lässt.

26
BBBRRN / GETTY IMAGES / ISTOCK

Menschen vergessen häufig, Vorhaben auch zu erledigen.


Schuld ist das fehleranfällige prospektive Gedächtnis.

Heimweg noch einkaufen wollten. Wir müssen  – und bei anderen Kurz- oder Langzeitgedächtnisaufgaben
das macht diese Art, sich zu erinnern, so schwierig – von nur aus dem Abspeichern und dem späteren Abruf der
selbst daran denken, dass der Supermarkt, an dem wir Einkaufsliste besteht. Das bloße Wissen um die Punkte
auf dem Heimweg vorbeikommen, uns heute darauf auf- auf der Liste reicht jedoch nicht aus. Man darf auch
merksam machen soll, dass wir noch Butter benötigen. nicht vergessen, überhaupt in den Supermarkt zu gehen.
Das prospektive Gedächtnis ist aus zwei Gründen
entscheidend. Erstens ist es der Gedächtnisbereich, der Jede Menge mögliche Fehlerquellen
uns im Alltag die meisten Probleme bereitet. Wie Stu­ Beim prospektiven Gedächtnis unterscheiden Wissen-
dien zeigen, sind bis zu zwei Drittel unserer täglichen schaftler daher zwei Komponenten: eine retrospektive,
Gedächtnisfehler auf ihn zurückzuführen. Gleichzeitig die dem traditionellen Gedächtnis sehr ähnelt und sich
benötigen wir ihn, um unseren Alltag selbstständig zu auf den Inhalt einer Absicht bezieht (sich erinnern, was
meistern: Rechtzeitig daran denken, Medikamente ein- man machen wollte), und eine prospektive (sich recht-
zunehmen, Freunden zum Geburtstag gratulieren, den zeitig erinnern, dass man etwas machen wollte). Bei bei-
Kuchen aus dem Ofen nehmen oder einen Termin mit den Komponenten kann es zu Problemen kommen. So
einem Kollegen nicht verschwitzen – für all das benöti- verpassen wir vielleicht den richtigen Moment, eine In-
gen wir das prospektive Gedächtnis. Uns selbst an sol- tention auszuführen, etwa wenn wir gerade in etwas an-
che Intentionen zu erinnern, stellt eine Voraussetzung deres vertieft sind und nicht an einen Termin mit e­ inem
dafür dar, dass wir autonom und unabhängig leben Kollegen denken (prospektive Komponente). Oder wir
können. Ist die Fähigkeit eingeschränkt, müssen wir bemerken während des Treffens, dass wir nicht mehr
Hilfe in Anspruch nehmen, denn solche Gedächtnisfeh- alle Punkte im Kopf haben, die wir eigentlich bespre-
ler sind mitunter gefährlich, etwa wenn wir das Essen chen wollten (retrospektive Komponente; siehe »In vier
auf dem Herd vergessen. Probleme in diesem Gedächt-
nisbereich erweisen sich daher häufig als Grund dafür,
dass Senioren oder Menschen mit einer psychischen Er-
krankung nicht mehr allein wohnen können. Die Serie »Gedächtnisforschung«
Doch warum rückte das prospektive Gedächtnis erst im Überblick:
so spät in den Fokus der Forscher, obwohl es so wichtig
für uns ist? Sie hielten prospektive Gedächtnissituatio- Teil 1: Der Stoff, aus dem Erinnerungen sind
nen lange Zeit bloß für Alltagsbeispiele anderer Ge- (Gehirn&Geist 12/2017)
dächtnisbereiche. Man dachte etwa, dass das Sichmer- Teil 2: Ein Netz von Erinnerungen (Heft 1/2018)
ken von Dingen, die man einkaufen muss, genauso wie Teil 3: Ein Gedächtnis für die Zukunft (dieses Heft)

27
Auf einen Blick: Bloß nichts vergessen!

1 2 3
Das prospektive Gedächtnis ist Vergessen wir im Alltag etwas, Gut erforscht ist das so ge­nann­
ein wichtiger und lange unter- ist der Fehler mit großer te Altersparadox: Während
schätzter Bereich unseres Ge- Wahrscheinlichkeit auf das ältere Probanden im Labor
dächtnisses, der es uns ermöglicht, prospektive Gedächtnissystem schlechter als jüngere dabei ab-
unsere Absichten umzusetzen, zurückzuführen. Es ist entschei- schneiden, ein Vorhaben zu erledi-
zum Beispiel einer Freundin zum dend dafür, dass wir selbstständig gen, zeigen sie in gewohnter Um­
Geburtstag zu gratulieren. leben können. gebung sogar bessere Leistungen.

Phasen von der Absicht zur Ausführung«, rechts). Inte- fischen Gedächtnis und beim Entdecken von visuellen,
ressanterweise erinnern sich zumindest Erwachsene re- zielrelevanten Reizen beteiligt sind.
lativ gut an ihre Vorhaben, vergessen aber im entschei- Gerade weil das prospektive Gedächtnis so wichtig
denden Moment leicht, sie auch in die Tat umzusetzen. dafür ist, den Alltag selbstständig bewältigen zu können,
Vor allem der prospektive Aspekt scheint also Probleme ist die Frage entscheidend, ob seine Leistung im Alter
zu bereiten, für den es bisher auch weniger Hilfestellun- abnimmt und falls ja, wann und warum. Das versuchen
gen gibt. Denn was nützt die beste Einkaufsliste, wenn wir in unserem Labor in Genf herauszufinden. Fergus
wir sie erst zu Hause in der Hosentasche entdecken! Craik, ein Pionier der kognitiven Gedächtnispsycho­
Psychologen um Mark McDaniel und Gilles Einstein logie, gab den Anstoß für diese Forschung. Er ging
gehen von zwei Möglichkeiten aus, wie Menschen Pläne ­davon aus, dass bei älteren Menschen insbesondere
in die Tat umsetzen: Zum einen können wir aktiv versu- das prospektive Gedächtnis fehleranfällig ist, da es viel
chen, uns zur rechten Zeit an etwas zu erinnern. Gerade Aufmerksamkeit benötigt. Zunächst bestätigte sich sei-
wenn uns eine Sache wichtig ist, werden wir alles daran- ne Vermutung in vielen Experimenten, in denen sich
setzen, den entscheidenden Moment nicht zu verpassen. die Probanden im Verlauf der Untersuchung an vorher
Wir kontrollieren etwa in regelmäßigen Abständen die festgelegte Aufgaben erinnern sollten (etwa daran, eine
Uhrzeit, wenn wir den Kuchen im Ofen nicht verbren- Antworttaste zu drücken, sobald sie ein bestimmtes
nen lassen oder ein relevantes Meeting nicht verpassen Wort bemerkten). In manchen Studien zeigten Jüngere
wollen. Es kann aber auch passieren, dass uns eine Ab- und Ältere indes die gleichen Leistungen – und mitun-
sicht ganz plötzlich wieder »in den Kopf schießt«, ob- ter waren die Älteren sogar besser. Auf Grund dieses
wohl wir zuvor gar nicht darüber nachgedacht haben. Widerspruchs begannen immer mehr Forscher, sich mit
Wie dieser zweite Mechanismus genau funktioniert, der Entwicklung des prospektiven Gedächtnisses im Al-
ist nach wie vor unklar. Wahrscheinlich hat uns jedoch ter zu beschäftigen. Und sie förderten ein ungewöhnli-
etwas in unserer Umgebung an unseren Plan erinnert, ches Phänomen zu Tage – das Altersparadox des pros-
was auf irgendeine Weise damit assoziiert ist, wie eine pektiven Gedächtnisses.
Bäckerei zum Beispiel mit Brötchen, Butterbrezeln und
Kaffee. Während dieser passive Weg ohne Aufwand Wenn die Älteren besser abschneiden
funktioniert, benötigt der erste, aktive Mechanismus Testet man die Probanden nämlich daheim mit alltägli-
Aufmerksamkeit, die uns dann nicht mehr uneinge- chen Aufgaben (indem sie etwa zweimal pro Tag daran
schränkt für andere Aufgaben zur Verfügung steht. denken sollen, jemanden anzurufen), dreht sich der Ef-
Dementsprechend ist er schwieriger und fehleranfälli- fekt um: Während die Älteren im Labor durchschnitt-
ger als der zweite. Viele Vorhaben sind allerdings so ent- lich schlechtere Leistungen erzielen als die Jüngeren,
scheidend, dass wir den ersten, sichereren Verarbei- sind sie zu Hause sogar besser. Der Befund wirft zwei
tungsweg einschlagen müssen. Das ist auch ein Grund wichtige Fragen auf, die unsere Arbeitsgruppe und For-
dafür, dass Menschen in Berufen mit hohen Anforde- scherkollegen weltweit beschäftigen: Wie kann man die
rungen an das prospektive Gedächtnis wie etwa Fluglot- verblüffende Diskrepanz zwischen Labor und Alltag er-
sen kurze Arbeitszeiten mit vielen Pausen haben. klären? Und lässt das prospektive Gedächtnis im Alter
Inzwischen haben Neurowissenschaftler die beiden nun nach oder nicht?
möglichen Verarbeitungswege von Intentionen im Ge- Labor- und Alltagsaufgaben unterscheiden sich in
hirn lokalisiert: Beim ersten, aktiven Weg sind Netz­ diversen Aspekten. Im Labor testet man die Er­in­ne­
werke des anterioren präfrontalen Kortex aktiv. Dieser rungs­­fähigkeit oft mit standardisierten Aufgaben, die
Bereich des Stirnhirns ist unter anderem dann invol- Multitasking erfordern und es kaum ermöglichen, Er­
viert, wenn wir ­unsere Aufmerksamkeit auf etwas Neu- innerungsstrategien und Hilfsmittel wie Küchentimer,
es lenken. Die zweite Route nutzt parietal und ventral Wecker, Handyerinnerungen oder To-do-Listen zu be-
gelegene Netzwerke, die unter anderem am autobiogra- nutzen. Beispielsweise sollen die Teilnehmer einen Film

28
PSYCHOLO GIE / PROSPEKTIVES GEDÄCHTNIS

In vier Phasen von der Absicht zur Ausführung


Das prospektive Gedächtnis beinhaltet
zwei Bereiche, in denen Probleme entstehen können.
DEVELOPMENTAL, AND APPLIED PERSPECTIVES. TAYLOR & FRANCIS, NEW YORK - LONDON, 2008
YOUSUN KOH, NACH: KLIEGEL, M. ET AL.: PROSPECTIVE MEMORY: COGNITIVE, NEUROSCIENCE,

»Ich muss heute


neue Butter kaufen.«

Ablauf Intentionsbildung Intentionsspeicherung Intentionsinitiierung Intentionsausführung Zeit

mögliche vergessen, was zu tun ist vergessen, dass etwas zu tun ist
Fehlerquellen (retrospektive Komponente) (prospektive Komponente)

schauen und alle fünf Minuten eine Taste drücken. Sol- ist die Lage klar: Auch dieser Gedächtnisbereich lässt
che Aufgaben haben für die Probanden in der Regel kei- im Alter nach. Erhebungen in der ­gewohnten Umge-
ne besondere Bedeutung, was dazu führen kann, dass bung haben hingegen gezeigt, dass die Fähigkeit, so wie
sie anders abschneiden als im echten Leben, in dem wir sie im täglichen Leben brauchen, während des ge-
man Prioritäten setzt und das Vergessen oft drastische sunden Alterns womöglich doch ­erhalten bleibt. Bisher
Konsequenzen nach sich zieht. Auch die Zeitspanne, in können wir die Frage nicht endgültig beantworten,
der die Versuchspersonen etwas im Gedächtnis behal- denn zu wenige Studien haben die Leistung verschiede-
ten sollen, ist deutlich kürzer als im Alltag. ner Altersgruppen im Alltag und die zu Grunde liegen-
Gleichzeitig ist der Tagesablauf von Jüngeren und den Mechanismen systematisch erhoben.
­Älteren nicht vergleichbar. Die einen stu­dieren häufig, In Zukunft muss sich die Erforschung des prospekti-
müssen diverse Aufgaben managen und treffen tagtäg- ven Gedächtnisses in mindestens drei Richtungen ent-
lich auf unerwartete Situationen; die anderen sind da­ wickeln: Erstens benötigen wir mehr Experimente im
gegen meist in einen vorhersehbaren und g­eregelten wirklichen Alltagsleben. Nur mit ausgeklügelten Metho­
Rhythmus eingebunden, bei dem es leichter fällt, seine den, die den Tagesablauf der Testpersonen nicht beein-
Vorhaben nicht zu vergessen. Zudem sind Jüngere flussen, lässt sich deren natürliche prospektive Gedächt-
Labor­tests möglicherweise eher gewohnt oder geraten nisleistung messen. Zweitens müssen wir stärker nicht-
dabei weniger in Stress. Allerdings könnte auch eine fal- kognitive Faktoren wie Motivation, Emotionen und
sche Selbsteinschätzung beim Altersparadox eine Rolle Stress in den Blick nehmen, um die Funktions­weise die-
spielen. Während beide Altersgruppen ihre prospekti- ses Gedächtnissystems zu verstehen. Und drittens ver-
ven Fähigkeiten im Labor unterschätzten, neigten nur birgt sich hinter dem Altersparadox die immense Chan-
die Jüngeren dazu, ihre Leistung in der gewohnten Um- ce, bestimmte kognitive Prozesse im Alter zu erhalten
gebung zu überschätzen. Das kann dazu geführt haben, oder sogar zu verbessern. Es spricht einiges dafür, dass
dass sie sich weniger gut auf die Aufgabe vorbereiteten. ein Perspektivenwechsel weg von den Defiziten des Al-
Nimmt das prospektive Gedächtnis im Lauf des Le- terns hin zu den intakten Fähigkeiten unser Bild vom
bens nun ab? Betrachtet man einzig Labor­experimente, Älterwerden erheblich verändern könnte. H

QUELLEN

Kliegel, M. et al.: Prospective Memory in Older Adults: Where We Are


now and what Is Next. In: Gerontology 62, S. 459–466, 2016
McDaniel, M. A. et al.: Dual Pathways to Prospective Remembering.
In: Frontiers in Human Neuroscience 9, 392, 2015
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1512021​

29
PSYCHOLO GIE

GEWALTPRÄVENTION Tim ist fünf Monate alt, als seine


Mutter ihre Haftstrafe antritt. Drei Jahre lang wird er sie nur
­sporadisch sehen. Kinder wie er tragen ein hohes Risiko,
später selbst im Gefängnis zu landen. Ein Elterncoaching soll helfen.

Eltern hinter
Gittern
VON ULI STREIB-BRZIČ UND SABINE ZSCHÜT TIG

E
s fällt Janina* nicht leicht, darüber zu spre- schmerzlich war es für die junge Frau, als Tim vor Kur-
chen, weshalb sie hier ist: in einem Ge- zem ein Jahr alt wurde – und sie nicht dabei sein konn-
fängnis in Brandenburg für dreieinhalb te. »Ich hab einfach wahnsinnige Angst, dass er mich
Jahre. Sie saß am Steuer des Fluchtwagens, vergisst«, sagt sie. »Und ich mache mir ununterbrochen
als zwei Freunde einen Bankautomaten Sorgen, weil ich nicht für ihn da sein kann.«
sprengten. »Eigentlich habe ich ja nichts Marcel ist 25 und hat einen dreijährigen Sohn, Leo.
gemacht, aber mitgehangen …«, sagt sie und lächelt Bis zu seiner Inhaftierung war er Mitglied einer rechts-
schief. Janina und ich (Uli Streib-Brzič) sitzen in einem extremen Kameradschaft. 2014 wurde er wegen der Ver-
Raum in der Justizvollzugsanstalt – durch das vergitter- breitung rassistischer Hetzschriften zu drei Jahren Haft
te Fenster sieht man einen Innenhof mit Grünfläche, verurteilt. Ihn führen Unsicherheit und Selbstzweifel
wenn man sich nach rechts wendet, den einstöckigen ins Elterncoaching: »Ich habe das Gefühl, dass mir das
Zellentrakt. Ihre Stimme wird leise, als sie über die ers- alles über den Kopf wächst, aber ich will auch hier im
ten Tage hier im Gefängnis erzählt: »Ich dachte, ich Knast für Leo da sein!« Sehen kann er seinen Sohn seit
werde verrückt. Es war einfach schwer, mich damit ab- zwei Jahren nur zu den wöchentlichen Besuchs­­­zeiten,
zufinden, dass ich meinen kleinen Sohn zurück­­­lassen wenn seine Freundin Jennifer mit Leo in die JVA kommt.
musste.« »Ich will eine gute Beziehung zu meinem Sohn, nicht so
Als Janina in Haft kam, war Tim noch nicht mal ein ein Verhältnis, wie es zwischen mir und meinem Vater
halbes Jahr alt, ihre Tochter Melina fünf Jahre. Die bei- war«, erzählt er mir. Der autoritäre, gewaltvolle Erzie-
den leben bei Janinas Eltern, die zum Glück zu ihrer hungsstil seines Vaters führte bei Marcel früh zu Ableh-
Tochter halten und für die Kinder sorgen. Besonders nung und Rebellion. Er begann seinen Vater zu hassen.

UNSERE EXPERTINNEN

Uli Streib-Brzič (links) ist Diplomsoziologin, Antigewalttrainerin


und Sys­te­mische Therapeutin. Sie leitet das Projekt Präfix R.
Sabine Zschüttig ist Diplompädagogin, Systemische Therapeutin
sowie Erziehungs- und Familienbe­raterin. Sie führt das
Elterncoaching mit inhaftierten Müttern und Vätern durch.

* alle Namen von der Redaktion geändert 30


Stefan ist sehr moti-
viert, an sich zu
arbeiten. Er fühlt sich
RAINER WEISFLOG

gegenüber seiner
ehemaligen Familie
schuldig.

31
Auf einen Blick: Straffällige Eltern, bestrafte Kinder

1 2 3
Bei rund 100 000 Kindern in Darüber hinaus tragen diese Ein Coaching in Haft soll
Deutschland sitzt ein Elternteil Kinder ein hohes Risiko, sich die Erziehungskompetenz der
im Gefängnis. Die Situation später selbst einer radikali- Eltern stärken und sie dazu
ist für sie oft sehr belastend und sierten Gruppierung anzuschließen anregen, die eigenen Normen und
äußert sich in psychischen und oder eine Straftat zu begehen. Werte zu hinterfragen.
körperlichen Problemen.

Marcel will daher auf keinen Fall »so werden wie er«, Die Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
wie er sagt. stehen im Mittelpunkt des Coachings. Etwa die, wie
Den 25-Jährigen beschäftigt vor allem eines: Wie soll man die Bindung zu seinem Kind aufrechterhalten und
er seinem Sohn erklären, warum er die ersten Jahre ihm zeigen kann, dass man auch im Gefängnis für es da
nicht für ihn da war? Und wann ist der richtige Zeit- ist. Außerdem schämen sich viele Eltern wie Marcel für
punkt für so ein Gespräch? Auf diese Fragen hat er noch die Inhaftierung und fragen sich, wie sie ihren Kindern
keine zufrieden stellende Antwort gefunden. Bisher ihre Straftat erklären können, ohne dass diese den Res-
glaubt Leo, dass sein Papa in dem Gebäude mit den ho- pekt vor ihnen verlieren oder gar denselben Weg ein-
hen Mauern arbeitet. In elf Monaten wird Marcel ent- schlagen wie sie. Und sie machen sich immer wieder
lassen. Bis dahin möchte er im Elterntraining lernen, Vorwürfe, als Vorbild versagt zu haben und keine gute
ein besserer Vater zu werden. Außerdem will er wissen, Mutter oder kein guter Vater zu sein. »Denn sonst wäre
wie er seine Freundin Jennifer besser unterstützen kann, ich ja nicht hier«, sagt Marcel.
die Leo momentan allein aufzieht. Er fühlt sich ihr ge- Angeboten wird das von der Bundesregierung, den
genüber schuldig. »Dabei müsste ich doch für meine Justizministerien von Sachsen und Brandenburg und
Familie da sein. Der Mann ist doch der Ernährer der Fa- der F. C. Flick Stiftung finanzierte Modellprojekt vom
milie, oder?« Berliner Institut für genderreflektierte Gewaltpräven­
tion. Gemeinsam mit der Organisation Violence Pre-
Kann ich die Zeit mit meinem Sohn nachholen? vention Network werden in fünf JVAs in Brandenburg
Jonny ist 23 und sitzt wegen eines Drogendelikts. Zwei und Sachsen Coachings für inhaftierte Mütter und Vä-
Jahre Jugendstrafe hat er noch vor sich. Sein Sohn Ben ter durchgeführt. Dadurch sollen die Teilnehmer in
ist in einer Pflegefamilie untergebracht. Mit dessen ihren Erziehungskompetenzen gestärkt werden und
Mutter hat er nichts mehr zu tun, und das will er auch gleichzeitig ihre eigenen Haltungen, Werte und Ideolo-
gar nicht. Denn im Gegensatz zu ihm hat sie den Ab- gien reflektieren. Fragt man Marcel, Janina und Jonny,
sprung vom Heroin nicht geschafft. »Jetzt hat Ben nur welche Werte ihnen besonders wichtig sind, antworten
noch mich«, sagt er. »Wenn ich draußen bin, hol ich ihn alle drei: »Respekt«. »Nur wer mich respektiert, kriegt
sofort zu mir. Er soll wissen, wo er hingehört.« Dann auch Respekt von mir«, erklärt Marcel. Aber diese Regel
zeigt er mir das Tattoo auf seinem Unterarm. »Ben gilt, das stellt sich im Gespräch heraus, nur für Men-
8. 6. 12« steht da. Erst auf Nachfrage erzählt Jonny, dass schen, die er als deutsch ansieht.
er seinen Sohn seit dreieinhalb Jahren nicht mehr gese- Wenn im Coaching rechtsextreme oder Menschen
hen hat. Doch seit er in Haft ist, schreibt er jeden Monat verachtende Einstellungen geäußert werden, urteilt der
an das Jugendamt, weil er ihn treffen möchte. Zwölf Coach diese nicht moralisch ab, positioniert sich gleich-
Briefe hat er schon geschrieben, aber noch keine Ant- zeitig jedoch klar. So gelingt es, mit dem Teilnehmer im
wort erhalten. Dialog zu bleiben und gemeinsam mit ihm zu über­
Janina, Marcel und Jonny sind Teilnehmer des El- legen, welche Bedürfnisse ein solches Denken befrie-
terncoachings »Präfix R«. In zehn Sitzungen (siehe auch digt und wie man diese anders als durch Selbsterhö-
»Die Phasen des Elterncoachings«, rechts) haben sie hung und der damit verbundenen Abwertung anderer
sich mit Themen auseinandergesetzt, die ihnen auf der erfüllen kann. Rechtsextreme Überzeugungen prägen
Seele brennen. Kann ich die Zeit mit meinem Kind oftmals die Familienatmosphäre der Teilnehmer und
nachholen? Diese Frage auf einem Plakat im Flur der werden an die Kinder – gezielt oder nebenbei – weiter­
Haftanstalt hat Janina nicht mehr losgelassen. Daher hat gegeben. Sich mit diesen auseinanderzusetzen, ist ein
sie sich angemeldet. Jonny will wissen, wie er Kontakt erster Schritt, die Eltern in die Lage zu versetzen, ihren
zum Jugendamt und zu den Pflegeeltern bekommen Kindern demokratische Werte vorzuleben und zu ver-
kann. Marcel dagegen beschäftigt, »wie man das mit mitteln.
dem Abschied besser hinkriegt«, denn sein Sohn lässt Bei schätzungsweise 100 000 Kindern in Deutsch-
sich nach einem Besuch nur unter Tränen von ihm land sitzt ein Elternteil im Gefängnis. Häufig ist es
trennen. der Vater, seltener die Mutter, denn insgesamt sind in

32
PSYCHOLO GIE / GEWALTPR ÄVENTION

Die Phasen des Elterncoachings


Das Modellprojekt Präfix R wird in fünf Justizvollzugsanstalten in Brandenburg und
Sachsen angeboten. Bisher haben 76 Väter und 14 Mütter am Coaching teilgenommen
(Stand: September 2017). In zehn Sitzungen, die im Einzel- oder Gruppensetting
stattfinden können, setzen sich die Teilnehmenden mit ihrer Rolle als Eltern, ihrer
eigenen Vergangenheit und ihren Werten auseinander.
Baustein 2:
Biografiearbeit
Baustein 1: Was hat mich in meinem
Ziele definieren Leben, meinem Aufwachsen
Was soll im Coaching geprägt? Welche Erlebnisse haben
erreicht werden? Auf welche mich gestärkt, welche waren schwer
Fragen möchte ich eine zu bewältigen? Was oder wer hat mir
Vorgespräch A
­ ntwort bekommen? Was geholfen, dies zu schaffen? Wer hat
In Einzelgesprächen mit mir Verlässlichkeit und Liebe vermit­
beschäftigt mich? Mit Beglei­
interessierten Müttern und telt? Welche Fähigkeiten und Res­
tung des Coaches formuliert
Vätern klären die Coaches die sourcen habe ich? In dieser Phase
der Teilnehmer Themen,
Motivation, die Erwartungen des Coachings schauen die Teil­
an denen er arbeiten
und die Eignung für ein nehmenden auf ihr Leben
möchte.
Coaching. Außerdem wird zurück, um dann den
besprochen, ob ein Einzel- Blick in die Zukunft
oder Gruppensetting zu richten.
bevorzugt wird.

Baustein 4:
Normen und Werte
Baustein 3:
GEHIRN&GEIST

Welche Werte habe ich?


Was ist mir wichtig – im Leben, Rolle als Vater oder Mutter
in Freundschaften, in Beziehun­ Welche Erwartungen habe ich an
gen, im gesellschaftlichen mich selbst in meiner Elternrolle?
Zusammenleben? Reflexion Welche Erwartungen werden an mich
von Überzeugungen, gestellt? Welche Werte möchte ich
tradierten Werten meinem Kind vermitteln? Was braucht
Baustein 5: ein Kind, um gut aufzuwachsen? Wel­
Familiensitzung und Normen
che Bedürfnisse hat es, und wie kann
Gemeinsame Sitzung, zu der ich als Mutter oder Vater angemessen
auch der Partner und die Kinder darauf reagieren? Es werden konkrete
und eventuell jemand aus dem Erziehungsfragen besprochen
Verwandtschafts- oder Freundes­ sowie Grenzen und Konflikte in
kreis oder vom Jugendamt einge­ der Erziehung
laden werden. Neben einem thematisiert.
Rückblick auf das, was schon er-
reicht wurde, werden gegenseiti­
ge Erwartungen und gegebenen­ Baustein 6:
falls weitere Maßnahmen zur Auswertung
Unterstützung und Abschluss
besprochen. Rückschau: Welche Ziele
wurden erreicht? Würdigung Nachsorge
der bisherigen Erfolge Ein bis zwei Nachtreffen,
und der initiierten die innerhalb der ersten
Veränderungen sechs Monate nach Ende des
Coachings stattfinden. Da­
durch soll der Teilnehmer
weiterhin unterstützt werden
und bei Fragen einen
Um den Erfolg von Präfix R zu evaluieren, werden die Ansprechpartner
Teilnehmer und Teilnehmerinnen in Interviews oder Gruppen- haben.
diskussionen befragt. Außerdem schätzen die Coaches sowie ver-
schiedene Fachkräfte in den Justizvollzugsanstalten unter anderem ein,
welche Veränderungen sich nach dem Training ergeben haben und ob das Coaching
die Bindung der Teilnehmer zu ihrem Kind verbessert hat. Außerdem sollen förderliche
und hemmende Faktoren für ein erfolgreiches Coaching identifiziert werden.

33
Die Situation in Zahlen

DEUTSCHLANDKARTE: CHRUPKA / GETTY IMAGES / ISTOCK; ICONS MENSCHEN: MICROVONE / GETTY IMAGES / ISTOCK; COMPOSING: GEHIRN&GEIST, NACH: KINDER VON INHAFTIERTEN,
2016 gab es in Negative Folgen aus
Deutschland Sicht der Kinder von
50 858 Strafgefangenen:

ERGEBNISSE UND EMPFEHLUNGEN DER COPING-STUDIE, 2013; STATISTISCHES BUNDESAMT, RECHTSPFLEGE STRAFVOLLZUG 2016, ARTIKELNR. 2100410167004, 2017
Strafgefangene.

Knapp 25 Prozent der


11- bis 17-jährigen
Kinder schätzten sich
als psychisch »grenz­-
­wertig auffällig« oder
»auffällig« ein.

94 % 6% Art der Belastung:


Männer Frauen
46 % emotionale
Probleme
29 % Hyperaktivität

Verhaltens-
27 % auffälligkeiten
Bei schätzungsweise
100 000 Kindern sitzt ein Probleme mit
21 % Gleichaltrigen
Elternteil im Gefängnis.
75 Prozent berichten von
negativen Folgen durch die
Inhaftierung (vor allem auf das
Familienklima, die finanzielle 70 Prozent
Situation sowie ihr Verhalten der Kinder werden
und ihre Gefühle). später selbst straffällig.

Kinder von Straftätern gehören zu den »tertiary victims«. Sie leiden


unter den Folgen der Inhaftierung und laufen Gefahr, für das Verhalten
des Elternteils mitbestraft zu werden.

Deutschland lediglich sechs Prozent der Inhaftierten liche Bezugsperson zu sein und ihnen liebevoll und
weiblich. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass wertschätzend zu begegnen, damit diese eine stabile
etwa 70 Prozent der betroffenen Kinder später in die und selbstbewusste Persönlichkeit entwickeln können,
Fußstapfen des Elternteils treten und selbst straffällig widerstandsfähiger werden und so weniger anfällig da-
werden (siehe »Die Situation in Zahlen«, oben). für, sich Anerkennung in einem radikalisierten Milieu
Ziel von Präfix R ist es daher, durch eine intensive zu suchen.
­pädagogisch-therapeutische Arbeit mit inhaftierten El- Dazu reicht es nicht, einfach nur Erziehungstipps zu
tern deren Kinder davor zu schützen, sich später einer vermitteln, wie manche Elternprogramme das tun. Oft-
radikalisierten Gruppe zuzuwenden oder eine Straftat mals müssen Väter und Mütter zunächst auf ihre eige-
zu begehen. Rechtsextreme Kameradschaften oder an- nen, in der Vergangenheit erlittenen Verletzungen und
dere extremistische Gruppierungen üben eine große Traumata schauen und in ihrem Selbstwert, aber auch
Anziehungskraft aus, weil sie das Gefühl vermitteln, da- in ihrer Selbstverantwortung gestärkt werden. Erst
zuzugehören und anerkannt zu sein. Sie geben Sinn dann können sie lernen, sensibler dafür zu werden, was
und Orientierung. Oftmals kennen die Teilnehmer das ihr Kind braucht – und wie sie ihm dies geben können.
von ihrem eigenen Elternhaus nicht. Im Coaching er- Häufig geben Eltern den autoritären und gewalttätigen
fahren sie, wie es möglich ist, den Kindern eine verläss- Erziehungsstil, den sie in ihrer eigenen Kindheit erlebt

34
PSYCHOLO GIE / GEWALTPR ÄVENTION

haben, an ihre Kinder weiter, obwohl sie selbst unter der


mangelnden Anerkennung und Liebe gelitten haben.
Janina wurde als Siebenjährige von der Mutter beauf-
tragt, den betrunkenen Vater aus der Kneipe abzuholen.
Jonny musste als Vierjähriger hinter dem Sofa versteckt
mitansehen, wie die Mutter mit einem Gürtel seinen äl-
teren Bruder so heftig verprügelte, dass dieser ins Kran-
kenhaus musste. Die Geschichte hat er bisher noch nie-

RAINER WEISFLOG
mandem erzählt, »weil das halt keinen etwas angeht,
was in unserer Familie war«.
Weil im Elterncoaching solche sehr persönlichen
Dinge zur Sprache kommen und es im Gefängnis vielen
Menschen schwerfällt, anderen zu vertrauen, findet das
Training meist in Einzelsitzungen statt. »In einer Grup-
pe würde ich gar nichts sagen«, stellte Janina im Vorge-
spräch klar. Auch Jonny wollte nicht vor anderen über
seinen Sohn Ben sprechen. »Weil man einfach nicht
weiß, wer was von dem, was ich sage, eines Tages gegen
mich verwendet«, sagt er. Schließlich sei es schon
schwierig, sich dem Coach zu öffnen.
Janina, Marcel und Jonny haben sich geschworen, bei
ihren Kindern »alles ganz anders« zu machen. Dass es
oft leider nicht ausreicht, sich das fest vorzunehmen,
sondern dass Eltern dabei professionelle Unterstützung
benötigen, haben Studien gezeigt. Im Gefängnis gibt es
solche Angebote für Eltern jedoch kaum.

Notlügen und sozialer Rückzug


Das mag daran liegen, dass Kinder, bei denen ein El-
ternteil eine Freiheitsstrafe verbüßt, bisher in der For-
schung und Praxis kaum Beachtung fanden. Eine der
wenigen größeren Untersuchungen, die so genannte
COPING-Studie, befragte Betroffene in Deutschland,
England, Rumänien und Schweden zwischen 2010 und
2012. Das Ergebnis: Die Kinder sprechen aus Angst vor
Stigmatisierung und Ausgrenzung oft nicht über den »Ich bin schon zu Recht hier«, sagt Benjamin.
inhaftierten Elternteil, sie ziehen sich eher zurück und Mit Hilfe des Coachings will er versuchen, in Zukunft
können damit in eine Außenseiterposition geraten. ein besseres Leben zu führen.
Oder sie erfinden Notlügen, beispielsweise dass der
­Vater auf Montage oder die Mutter in Kur sei, wobei es
auf die gefürchtete Nachfrage der anderen, warum Papa Kinder von Straftätern gehören somit zu den so ge-
nicht einmal zu Weihnachten nach Hause komme, nannten »tertiary victims«. Sie laufen Gefahr, für das
­natürlich keine Antwort gibt. Wird bekannt, dass ein Verhalten des Angehörigen mitbestraft zu werden.
­Elternteil in Wirklichkeit im Gefängnis sitzt, ist die Gleichzeitig erhalten sie wenig Hilfe von anderen. Da-
­Gefahr des Mobbings groß. her ist es wichtig, sie und ihre Eltern zu unterstützen,
Drei Viertel der Kinder berichten von negativen Fol- um den Teufelskreis der Delinquenz erfolgreich zu
gen durch die Inhaftierung des Elternteils, vor allem für durchbrechen.
das Familienklima und die finanzielle Situation. Außer- Am wichtigsten scheint es gemäß der COPING-Stu-
dem schildern sie deutlich mehr psychische und kör- die zu sein, dass Kinder einen Ansprechpartner für ihre
perliche Probleme (wie etwa Schlafstörungen und Sorgen und Nöte haben. Das kann der nicht inhaftierte
Bauchschmerzen) als eine Kontrollgruppe. Und sie zei- Elternteil sein, aber auch ein Verwandter, Freund, Nach-
gen häufiger Verhaltensauffälligkeiten, schwänzen zum bar, Psychologe oder Pädagoge. Dagegen ist es wenig
Beispiel die Schule oder reagieren aggressiv. Nahezu die hilfreich, wenn Kinder den wahren Aufenthaltsort des
Hälfte der Kinder beschreibt sich zudem zeitweise als Vaters oder der Mutter vor anderen verheimlichen.
traurig und verärgert. Besonders in der Zeit direkt nach Denn je offener und selbstbewusster sie mit der Situati-
der Verhaftung fühlen sie sich wütend und hilflos. on umgehen, desto besser kommen sie damit klar.

35
RAINER WEISFLOG
Gemeinsam mit der Familientherapeutin Sabine Zschüttig und dem Sozialpädagogen Guido Oldenburg
(oben und unten Mitte) erarbeiten die Teilnehmer, wie sie die Beziehung zu ihren Kindern stärken können.

RAINER WEISFLOG

36
PSYCHOLO GIE / GEWALTPR ÄVENTION

Der Psychologe Alain Bouregba vom European re vorkommen. Ob jemand jedoch tatsächlich interes-
­ etwork for Children of Imprisoned Parents betont,
N siert ist, sich mit seiner Elternrolle auseinanderzusetzen,
wie wichtig zudem ein guter Kontakt zum inhaftierten wird meist bereits im Vorgespräch klar.
Elternteil für die Kinder sei. Gerade in einer solchen Dass begangenes Unrecht bestraft werden muss,
Ausnahmesituation hält er eine stabile und verlässliche steht außer Frage. Gleichzeitig steht die Familie laut
Beziehung zu beiden Eltern für entscheidend, um ein ­unserem Grundgesetz aber unter einem besonderen
stabiles Selbstbild entwickeln zu können. Den Kindern Schutz. Wer den Straf- und Sicherungsaspekt vor dieses
müsse das Gefühl vermittelt werden, dass auch der El- Grundrecht stellt, ignoriert einen wichtigen Punkt:
ternteil im Gefängnis weiterhin für sie da sei. ­So­ziale Bindungen sind für die Resozialisierung von
Straftätern bedeutsam. »Wir wissen, dass die Beziehung
Wer in Haft eine gute Beziehung zur Familie der Insassen zur Familie einen entscheidenden Einfluss
aufrechterhalten kann, wird seltener rückfällig auf die Rückfallwahrscheinlichkeit hat«, sagt William
Um den Kontakt trotz der Haftstrafe zu bewahren, be- Rentz­mann, der ehemalige Leiter der dänischen Straf-
nötigen insbesondere jüngere Kinder jedoch Unterstüt- vollzugsbehörde. Auch Forschungsbefunde deuten dar-
zung. Sie brauchen jemanden, der sie in die JVA fährt auf hin. So werden Gefängnisinsassen, die Besuche von
und bei ihren Besuchen begleitet, etwa Freunde, Ver- Angehörigen erhalten, mit deutlich geringerer Wahr-
wandte – oder auch das Jugendamt. Zwar sah es Jonnys scheinlichkeit (52 Prozent) rückfällig als jene, die kei-
Sozialarbeiterin zunächst eher kritisch, dass der straf­ nen Besuch bekommen (70 Prozent).
fällig gewordene Vater Kontakt zu seinem Kind haben Die Evaluation des Coachings zeigt, dass die Teilneh-
wollte. Das Coaching hat ihn aber darin bestärkt, nicht mer von den zehn Sitzungen profitiert und Antworten
aufzugeben. »Weil ich als Vater für ihn da sein will und auf ihre Fragen erhalten haben. »Ich habe gelernt, mir
ihm zeigen möchte, dass ich mich geändert habe«, sagt nicht so viele Sorgen zu machen«, berichtet Janina. Sie
er. Das Jugendamt lässt sich schließlich davon über­ sei nun im Umgang mit ihren Kindern entspannter:
zeugen, dass Jonny sich nicht nur mit seiner Straftat »Die wollen ja keine Mutter, die immer weint. Das hilft
und seiner Drogenabhängigkeit auseinandergesetzt hat, ihnen ja nicht.« Marcel hat im Coaching gelernt, sich
sondern auch seine Vaterrolle ernst nimmt. Allerdings mit seinen ambivalenten Gefühlen zu seinem Vater und
war es im Coaching ein längerer Prozess, mit Jonny zu seiner eigenen Rolle als Vater auseinanderzusetzen. Er
erarbeiten, wo ein guter Platz für Ben ist. Jonny gesteht hat ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was Kin-
sich schließlich ein, unsicher zu sein, ob er seinem Sohn der brauchen, um gut aufzuwachsen. Gegen Ende des
einen verlässlichen und geregelten Alltag bieten kann. Coachings wird Marcel in den offenen Vollzug verlegt.
»Aber ich werde ihn einmal im Monat bei den Pflege­ Mit seiner Freundin Jennifer hat er entschieden, Leo mit
eltern besuchen«, sagt er und lächelt. Und ein Weih- fünf oder sechs Jahren zu erklären, dass und warum er
nachtsgeschenk für ihn hat er auch schon. im Gefängnis war, »damit es kein Familiengeheimnis
Nicht alle Haftanstalten reagieren offen darauf, An- wird«. Im Verlauf des Trainings kommen ihm immer
gebote für Eltern anzubieten. Bei der Straftat hätten sie wieder Zweifel an seinen ideologischen Überzeugungen.
ja auch nicht an die Kinder gedacht oder sie sogar für Viel wichtiger als die Kameradschaft ist es ihm jetzt, Zeit
ihre Zwecke instrumentalisiert, so zuweilen der Ein- mit seiner Familie zu verbringen. Jonny schließlich hat
wand. Andere mutmaßen, die Eltern schöben nur ihre in der Zwischenzeit einen Brief vom Jugendamt erhal-
Kinder vor, um sich begleitete Ausgänge zu erschlei- ten: Er bekommt nach seiner Entlassung ein vorläufiges,
chen. Zweifelsohne kann sowohl das eine wie das ande- regelmäßiges Besuchsrecht. Immerhin – ein Anfang. H

QUELLEN

Bieganski, J. et al.: Informationsbroschüre »Kinder von Inhaftierten«.


Auswirkungen, Risiken, Perspektiven. Ergebnisse und Empfehlungen der COPING-Studie, 2013.
PDF unter: www.treffpunkt-nbg.de/tl_files/PDF/Projekte/Coping/Broschuere.pdf
Bouregba, A.: Die Beziehung zwischen Kindern und ihren inhaftierten Eltern zu fördern, ist eine
Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens. In: BAG-S Informationsdienst Straffälligenhilfe 2/2013, S. 37–41
Roggenthin, K.: Kinder Inhaftierter – Vom Verschiebebahnhof aufs Präventionsgleis.
In: Kerner, H.-J., Marks, E (Hg.): Internetdokumentation des Deutschen Präventionstages, Hannover 2015
PDF unter: www.praeventionstag.de/dokumentation.cms/3209
Schützwohl, M.: Hilfebedarf und Hilfsangebote – Erste Ergebnisse aus dem COPING-Projekt.
In: BAG-S Informationsdienst Straffälligenhilfe 2/2013, S. 13–15
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1524891

37
PSYCHOLO GIE

DRAFTER123 / GETTY
IMAGES / ISTOCK
DIE GRÖSSTEN EXPERIMENTE

PHOBIE Wie man einem Kleinkind Ängste antrainiert, zeigte der


­Psychologe John B. Watson 1920 in einem umstrittenen Experiment.
Es wurde zu einem Meilenstein des jungen Behaviorismus.

Armer kleiner
Albert V O N D A N I E L A O VA D I A

D
a ist er, der »kleine Albert«, auf You- ein methodisch wie moralisch fragwürdiger Versuch,
Tube jederzeit in alten Filmaufnah- einem unschuldigen Kind Ängste einzuflößen, die es
men zu sehen: Zuerst spielt er fried- vermutlich nie wieder loswurde.
lich mit einer weißen Ratte, dann – Watson und seine Assistentin Rosalie Rayner, die
Schnitt – überkommt ihn auf einmal später seine zweite Ehefrau wurde, waren überzeugte
beim bloßen Anblick der Tiers große Behavioristen (siehe »Was ist der Behaviorismus?«,
Angst und er fängt an, kläglich zu weinen. Ein später be- S. 40). Nachdem der ehemalige Pädagoge und Schulrek-
rühmt gewordenes Foto zeigt Albert mit Pausbäckchen tor beobachtet hatte, wie furchtsam Kinder auf plötzlich
und in hübschen Kleidern, wie er ein Kaninchen strei- auftretenden Lärm reagierten, fragte er sich, ob solche
chelt, während eine Schattenhand hinter ihm bedroh- Ängste angeboren oder erlernt waren. Watson wollte be-
lich einen Hammer hält. weisen, dass vollkommen gesunde und emotional aus-
»Albert B.«, so das Pseudonym, das der US-amerika- geglichene Kinder eine Phobie entwickeln können  –
nische Psychologe John B. Watson (1878–1958) dem und zwar binnen kürzester Zeit. Alles, was er dafür
Jungen gab, war gerade neun Monate alt, als er zum brauchte, war ein Versuchskaninchen.
­unfreiwilligen Protagonisten eines der berühmtesten Man schrieb das Jahr 1920. Der 42-jährige Watson
Experimente der Psychologie wurde. Für die einen ein war bereits ein anerkannter Forscher. Sieben Jahre zu-
Meilenstein in der Verhaltensforschung, für die anderen vor hatte er mit seinem Artikel »Die Psychologie aus

Auf einen Blick: Per Hammerschlag auf Angst gepolt

1 2 3
Der ehemalige Pädagoge und Der Behaviorismus erklärte Heute stellen Forscher Watsons
überzeugte Behaviorist John B. jegliches Verhalten als das Bericht in Frage, da Albert
Watson bewies mit seiner Studie Produkt von erlernten Reiz- wohl an einer schweren Krank-
am »kleinen Albert«, dass man Reaktions-Schemata. Dieser Ansatz heit litt. Zudem wurde seine Angst
Kleinkindern die Furcht vor allem, hat die Psychologie stark befruchtet, nie wieder gelöscht, was mit ethi-
was Fell hat, antrainieren kann. gilt inzwischen aber als überholt. schen Maßstäben unvereinbar ist.

38
GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT
GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT

John B. Watson (1878–1958) arbeitete zunächst als Lehrer, bevor er sich der Verhaltensforschung
und Psychologie zuwandte. Seine berüchtigten ­Versuche mit dem knapp einjährigen
Albert (rechts), den er darauf konditionierte, sich vor niedlichen Nagern zu fürchten, machten
den Pionier des Behaviorismus einem breiten Publikum bekannt.

Sicht des Behaviorismus« eine Art Manifest der noch sprechend jedes Mal zu weinen, beruhigte sich jedoch
jungen Verhaltensforschung veröffentlicht. Für Watson schnell wieder. Nachdem die beide Reize  – die Ratte
stellte die Seelenkunde einen Zweig der Naturwissen- und das laute Scheppern  – mehrmals zugleich präsen-
schaften dar, an deren Regeln und Methoden sie sich zu tiert worden waren, löste schon allein der Anblick der
orientieren habe. Bis dahin hatten sich seine Forschun-Ratte bei Albert deutliche Furcht aus. Der Kleine wich
gen jedoch auf die Tierwelt beschränkt. Um seiner vor dem Tier zurück, quengelte und begann abermals
Sichtweise eine empirische Grundlage zu geben, brauch- zu weinen. Er hatte den zunächst neutralen Reiz offen-
te er einen Probanden, der jung genug war, um sich von bar mit dem Furcht erregenden Geräusch verknüpft.
dem geplanten Experiment formen zu lassen. Da kam Mehr noch: In Folgeexperimenten zeigte sich, dass
ihm der kleine Albert, vermutlich der Sohn einer alleindie Konditionierung leicht generalisiert wurde, der
erziehenden Amme, gerade recht. Kleine also eine allgemeine Phobie gegenüber Tieren
mit Fell entwickelte. Er weinte nun auch bei der Begeg-
Ein argloser Junge wird verängstigt nung mit dem Kaninchen, der haarigen Maske oder so-
Zunächst unterzog Watson den Kleinen einer Reihe von gar wenn man ihn in eine Wolldecke hüllte.
Tests, die dessen Gesundheit und geistigen sowie emo­ Am mutmaßlich letzten Tag des Experiments soll Al-
tio­nalen Entwicklungsstand prüften. Dann brachte er bert ein Jahr und 21 Tage alt gewesen sein. Watson be-
das Kind jeweils für kurze Zeit mit unterschiedlichen hauptete später, er habe den Jungen noch »desensibili-
Tieren und Gegenständen in Kontakt, darunter eine sieren« wollen, doch dann sei ihm das Kind weggenom-
weiße Maus, ein Kaninchen, eine Ratte, ein Hund, eine men worden. Vermutlich hatte es für den Rest seines
Maske mit und ohne Haare und sogar eine Schale voll
brennendem (!) Zeitungspapier. Nichts davon löste bei
Albert sonderlich große Angst aus.
Nachdem sichergestellt war, dass das Kind den dar-
gebotenen Reizen keine natürliche Scheu entgegen-
brachte, begann das eigentliche Experiment. Watson U N S E R E AU TO R I N
ließ den Jungen mit einer weißen Ratte spielen. Doch Daniela Ovadia ist Neuroethikerin
wann immer das Kind das Tier berührte, schlug er mit und Wissenschaftsjournalistin in Pavia
einem Hammer auf ein Metallrohr. Albert begann ent- (Italien).

39
PSYCHOLO GIE / PHOBIE

Was ist der Behavorismus? Die wahre Identität des kleinen Albert blieb lange
Zeit im Dunkeln. Erst 2009 vermeldete der Psychologe
»Das sichtbare Verhalten ist die einzige objektiv Hall Beck, er habe durch eingehende Studien von Wat-
messbare Äußerung der Psyche, die ein Wissen- sons Korrespondenz das Geheimnis gelüftet. Bei dem
schaftler studieren kann«, erklärte John B. Watson Jungen handelte sich vermutlich um Douglas Merritte,
in seinem »Manifest«, das 1913 erschien. Wie andere den Sohn einer Amme namens Arvilla Merritte, die zur
Forscher in den USA und Europa wandte er sich gleichen Zeit am Johns Hopkins Hospital arbeitete, als
gegen die aufstrebende Psychoanalyse, die er für auch Watson dort ein und aus ging. Der kleine Douglas
unwissenschaftlich hielt. Allein die Beobachtung war am 9.  März 1919 zur Welt gekommen und ent­
des Verhaltens und seiner Veränderungen könne wickelte im Alter von drei Jahren eine schwere Form des
Aufschluss über jene mysteriöse »Black Box« des Wasserkopfs, die weitere drei Jahre später zu seinem Tod
menschlichen Geistes geben. Es komme darauf an, führte. Wie Nachforschungen ergaben, litt Douglas wohl
das genaue Verhältnis von Umweltreizen und schon von Geburt an unter dieser Krankheit, was auch
Verhaltensreaktionen, die so genannten Reiz-Reak- der Grund für den langen Klinikaufenthalt gewesen
tions-Schemata (englisch: stimulus-response oder sein dürfte, während dessen Watson seine Experimente
SR) zu studieren. Damit baute der Behaviorismus durchführte. Von einem »vollkommen gesunden« Kind
auf den Forschungen des russischen Arztes Iwan konnte also keine Rede sein. Neurologen, die die histori-
Pawlow über die Mechanismen der Konditionie- schen Filmdokumente näher analysierten, führten man-
rung auf (siehe Gehirn&Geist 1/2018, S. 14). che Reaktionen des Kindes auf seine Krankheit zurück.
Womöglich hat Watsons eigene Lebensgeschichte
ihn auf die fixe Idee gebracht, das Verhalten des Indivi-
duums sei beinah beliebig »programmierbar«. Seine tief
kurzen Lebens  – Albert starb mit nur sechs Jahren  – religiöse Mutter war eine fanatische Befürworterin der
­ anische Angst vor allem, was Fell hatte.
p Prohibition, während sein Vater zunehmend dem Alko-
Watson hielt viele Vorträge, bei denen er oft Film­ hol verfiel, die Familie vernachlässigte und sie schließ-
aufnahmen von seinem Experiment mit dem kleinen lich verließ, als John zwölf Jahre alt war. Watson war
Albert zeigte. Zu einem davon kam auch eine junge Stu- von dieser Erfahrung gebeutelt worden, seine schuli-
dentin namens Mary Cover Jones, die später zu einer schen Leistungen sanken, und er büßte als Teenager so-
Pionierin der Verhaltenstherapie werden sollte. Sie un- gar zwei Gefängnisstrafen wegen Schlägereien ab.
ternahm, inspiriert von Watsons Arbeit, das genaue Ge- Später beschloss er, sein Leben umzukrempeln, und
genteil: Jones therapierte Kinder mit Tierphobie, indem schrieb sich an der University of Chicago für Philoso-
sie eine neue Verbindung zwischen dem Angstobjekt phie ein, wandte sich jedoch bald der Verhaltensfor-
und angenehmen Reizen zu knüpfen versuchte. schung und Neurophysiologie zu. 1903 war er der jüngs-
te Doktor in der Geschichte der Chicagoer Universität,
Zweifel an Watsons Bericht und Methodik ab 1908 bekleidete er an der Johns Hopkins University
Spätere Forscher zogen Watsons Bericht in Zweifel. Tat- in Baltimore den Lehrstuhl für experimentelle und ver-
sächlich gibt es keine Beweise, dass der kleine Albert gleichende Psychologie.
tatsächlich eine generelle Abneigung gegen fellige Ob- Watson sah in seinem eigenen Leben einen Beleg da-
jekte entwickelt hatte. Zudem könnten auch andere für, dass selbst unter ungünstigsten familiären Umstän-
Gründe wie Müdigkeit, das Geräusch an sich oder der den aus fast jedem ein erfolgreicher Mensch werden
Umstand, dass sich zwei fremde Erwachsene mit im kann. In seinem Buch »Behavorismus« von 1930 formu-
Raum befanden, die Irritation des Jungen erklären. Der lierte er das so: »Gebt mir ein Dutzend wohlgeformter,
Ablauf des Experiments war von Watson nicht genau gesunder Kinder und eine eigene, selbst entworfene
dokumentiert worden, und er hatte die Abfolge der Rei- Umwelt, in der ich sie großziehen kann, und ich garan-
ze auch nicht nach dem Zufallsprinzip variiert, was eine tiere euch, dass ich jedes von ihnen zufällig herausgrei-
saubere Auswertung erschwerte. fen und so trainieren kann, dass ein Arzt, ein Rechtsan-
Unstrittig ist, dass Watson einer Reihe wichtiger For- walt, ein Kaufmann oder aber ein Bettler oder Dieb aus
schungen den Weg ebnete und das Denken seiner Zeit ihm wird.«
stark beeinflusste. In dem Roman »Brave New World« Watsons steile akademische Laufbahn fand ein jähes
(deutsch: »Schöne neue Welt«) von 1932 trieb Aldous Ende, als seine Ehefrau die Affäre mit seiner Forschungs­
Huxley das »Little Albert«-Experiment gedanklich wei- assistentin Rosalie Rayner aufdeckte. Der Forscher ver-
ter. In der streng hierarchisch geordneten Gesellschaft, lor seinen Professorentitel an der Johns Hopkins Uni-
die Huxley entwarf, wurden Menschen darauf konditio- versity und verdingte sich fortan in der aufstrebenden
niert, Bücher und sogar Blumen zu meiden. So verhin- Werbeindustrie. Der Skandal und seine Folgen über-
derten die Herrschenden Proteste und Revolten, und schatteten auch seine Ehe mit Rosalie, die 15 Jahre später,
die niederen Klassen ergaben sich ihrem Schicksal. im Jahr 1935, starb. Watson überlebte sie um 23 Jahre.H

40
NEU!
+
DIE VORTEILSSEITE FÜR ABONNENTEN

Exklusive Vorteile und Zusatzangebote


für alle Abonnenten von Magazinen des
Verlags Spektrum der Wissenschaft

AKTUELLE ANGEBOTE UND TERMINE

Download des Monats im Februar:


Spektrum KOMPAKT »Insekten«

Redaktionsbesuch bei Spektrum der Wissenschaft


am 21. März 2018

Leser-Exkursionen zum DESY am 6. April 2018 und


zum Radioteleskop Effelsberg am 9. Juni 2018

Veranstaltungen der neuen Reihe


Spektrum LIVE zum Vorteilspreis

Weitere Informationen und Anmeldung:


Spektrum.de/plus
42
BLINDTEXTSPITZMARKE

GETTY IMAGES / ANDREAS POLLOK


HIRNFORSCHUNG
GETTY IMAGES / ANDREAS POLLOK

RIECHENDer menschliche Geruchssinn gilt vielen


als unterentwickelt. Zu Unrecht!

Nasentier
Mensch VON F R A N K LU E RW E G

U N S E R AU TO R

Frank Luerweg ist Wissenschaftsjournalist in Lüneburg.


In seiner Jugend hat er »Das Parfum« von Patrick
Süskind verschlungen. Die Recherchen zu diesem Text
fand er aber fast noch spannender.

43
D
en Passanten auf dem Universitäts- ten Freund des Menschen, der ja als wahres Riechwun-
campus in Berkeley, Kalifornien, bot der gilt, können wir es in manchen Punkten aufnehmen.
sich an einem Tag des Jahres 2005 ein Wer sich dafür interessiert, wie gut verschiedene
sehr merkwürdiges Bild: Eine Studen- Spezies riechen können, redet am besten mit Matthias
tin saß mit Knie- und Ellbogenschüt- Laska. Der gebürtige Deutsche ist Zoologieprofessor an
zern sowie Handschuhen bekleidet im der Universität im schwedischen Linköping – und ein
Gras. Auf dem Kopf trug sie überdimensionierte Kopf- Sammler der besonderen Art: Seit mehr als 25 Jahren
hörer, und ihre Augen waren hinter einer Skibrille ver- treibt ihn die Frage um, bis zu welcher Konzentration
borgen, deren Glas mit einem Stoff bezogen war. unterschiedliche Tierarten bestimmte Geruchsstoffe
Noch ungewöhnlicher als ihr Outfit war jedoch, was wahrnehmen können. Dazu hat er eine umfangreiche
nun folgte: Die junge Frau senkte ihren Kopf und Datenbank aufgebaut. Sie umfasst die Geruchsschwel-
schnüffelte an der Grasnarbe. Sie kroch ein kurzes Stück len von rund 200 Düften bei insgesamt 17 Säugetier­
vorwärts, witterte abermals und korrigierte ihre Rich- spezies. »Mehr als die Hälfte davon habe ich selbst er­
tung. Schnüffeln, kriechen, schnüffeln, kriechen – Me- hoben«, erklärt er.
ter für Meter ging es so voran, immer geradeaus. Nach
ein paar Minuten zögerte sie plötzlich. Sie ließ ihren Die Essenz eines halben Forscherlebens
Kopf von der einen Seite zur anderen pendeln und bog 17 Arten, 200 Substanzen – das klingt nicht wirklich be-
schließlich scharf nach rechts ab. eindruckend. Man sieht den Zahlen nicht an, wie viel
Die Performance war Teil einer Studie, die der Neu- Mühe und Akribie hinter ihnen steckt. Dennoch ist die
robiologe Noam Sobel zusammen mit seinem Kollegen Sammlung die Essenz eines halben Forscherlebens. Denn
Jess Porter ersonnen hatte. Die beiden wollten heraus- Kaninchen, Ratten oder Hunde können uns nicht mittei-
finden, ob Menschen einer Geruchsspur folgen können. len, ob sie einen bestimmten Geruch bemerkt haben oder
Im Gras hatten sie dazu eine dünne Schnur versteckt, nicht. Jeder Schwellenwertbestimmung geht daher eine
die sie zuvor in Schokoladenkonzentrat gebadet hatten. aufwändige Dressur voraus, eine Konditionierung.
Die 32 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten ihre Typischerweise müssen sich die Tiere dabei zwi­ -
Umgebung weder sehen noch erfühlen. Auch Geräu- schen zwei Behältern entscheiden, von denen einer den
sche waren weitgehend ausgeblendet. Der einzige Sinn, Geruchsstoff enthält. War ihre Wahl korrekt, erhalten sie
auf den sie sich verlassen konnten, war ihre Nase. eine Belohnung. Im Lauf des Experiments wird der Duft
Immerhin 21 von ihnen spürten der Schokofährte er- immer mehr verdünnt. Irgendwann steigt die Fehlerquo-
folgreich nach – langsam zwar, aber ähnlich wie ein te der Versuchstiere stark an: Die Konzentration ist nun
Hund, wie ein YouTube-Video des Experiments zeigt so gering, dass sie sie nicht mehr wahrnehmen können.
(»Human Sniffer« von Paolo Tagliaferri). So ganz über- Laska hat mit diesem mühsamen Verfahren Ge-
raschend ist das Ergebnis nicht: Die eingesetzten Aro- ruchsschwellenwerte bei einer ganzen Reihe von Arten
men waren relativ stark, ihre Konzentration weit über bestimmt. In einem Experiment verglich er das Riech-
der Wahrnehmungsschwelle. »Wir haben die Studie vermögen von Labormäusen mit dem des Menschen.
aber auch mit sehr schwachen Gerüchen wiederholt«, Als Testsubstanzen dienten ihm Gerüche von natür­
betont Sobel. »Viele Teilnehmer sagten uns, ›das ist alles lichen Fressfeinden der Maus, unter anderem von Wie-
Zeitverschwendung, ich rieche nichts‹. Wenn wir uns sel, Katze oder Fuchs. Überraschenderweise konnten
den von ihnen zurückgelegten Weg aber ansahen, war menschliche Probanden zwei der sechs Gerüche noch
der oft ziemlich gut.« in Verdünnungen erschnüffeln, bei denen die Mäuse­
Publiziert ist dieser Teil der Ergebnisse allerdings nasen längst versagten. Besonders empfindlich waren
nicht; Sobel selbst nennt ihn »anekdotisch«. Gut belegt Menschennasen gegenüber einem Bestandteil von Kat-
ist dagegen inzwischen, dass die menschliche Nase zu zenurin. Teilweise rochen sie noch ein einziges Molekül
erstaunlichen Leistungen fähig ist. Selbst mit dem bes- in einer Billiarde Luftmoleküle – das ist, also würde man

Auf einen Blick: Ein richtiger Riecher

1 2 3
Wissenschaftler und Laien Von Tieren ist schon lange Personen mit Depressionen
haben den menschlichen Ge- bekannt, dass sie bei der oder Autismus scheinen Ge­
ruchssinn lange Zeit unter- Partnersuche den Geruch des rüche anders zu verarbeiten als
schätzt. Für manche Gerüche ist Gegenübers berücksichtigen. Auch Gesunde. Zudem ist ein abneh­
unsere Nase sogar empfindli­- Menschen liefert dieser offenbar mendes Riechvermögen ein Warn-
cher als die von Hunden. Hinweise über die immunologische signal, das auf ein erhöhtes Risiko
Ausstattung oder Emotionen. für den baldigen Tod hinweist.

44
HIRNFORSCHUNG / RIECHEN

Wie wir Düfte wahrnehmen


Mit der Atemluft steigen uns Duftmoleküle in die Nase,
die von Rezeptorzellen in der Nasenhöhle registriert
und an den Riechkolben (Bulbus olfactorius) weiter-
geleitet werden. Von diesem aus gelangen die Signa-
le zu tieferen Hirnregionen, die man zusammen-
gefasst als primäre Riechrinde bezeichnet, sowie
zu verschiedenen sekundären Riecharealen wie
dem orbitofrontalen Kortex und Teilen des
limbischen Systems. Dort werden die
Ge­ruchsinformationen analysiert,
erkannt und inter-
pretiert. orbitofrontaler Kortex primäre Riechrinde
Riechkolben
Siebbein

Rezeptorzellen der
Nasenschleimhaut

Nasengänge Amygdala Hippocampus

Teile des limbischen


Systems
Duftmoleküle

YOUSUN KOH

ein Kilo Zucker im Bodensee auflösen, kräftig umrüh- Auffällig ist allerdings ein Punkt: Die fünf Gerüche,
ren, und könnte die Süße noch herausschmecken. die wir so meisterhaft riechen können, stammen alle-
Das bedeutet aber nicht, dass das menschliche Riech- samt von Früchten und Pflanzen. »Und die sind für ei-
organ generell besser ist als das der Maus, denn bei den nen Fleischfresser wie den Hund einfach nicht verhal-
restlichen vier Gerüchen schnitten die Nager besser ab, tensrelevant«, meint Laska. Bei Fettsäuren ist uns das
zum Teil sogar recht deutlich. Die Datenlage spricht Riechorgan von Hunden dagegen weit überlegen,
eher für ein Unentschieden: Man habe bislang 80 Subs- schließlich sind diese Bestandteil des Körpergeruchs
tanzen sowohl beim Menschen als auch bei der Maus seiner Beute. Dass Menschen einer Schokoladenspur
getestet, sagt Laska. Für 40 davon sei unsere Nase emp- folgen können, bedeutet also noch längst nicht, dass sie
findlicher, für den Rest die des Nagers. Beim Hund sind erfolgreich die Fährte eines ausgebrochenen Gefängnis-
bisher lediglich für 15 Düfte Schwellenwerte bestimmt. insassen aufnehmen könnten.
»Und unter diesen gibt es fünf, bei denen wir besser Von einem ist aber auch der Forscher aus Linköping
sind«, betont Laska. »In jedem Lehrbuch finden Sie die überzeugt: Die menschliche Nase ist längst nicht so
Aussage, Hunde seien die Supernasen des Universums. schlecht, wie man lange dachte. Sein Kollege, der US-
Ich möchte das auch gar nicht bestreiten. Die wissen- amerikanische Neurowissenschaftler John McGann,
schaftliche Basis dafür ist jedoch ausgesprochen dünn.« nannte diese These in einem 2017 veröffentlichten Bei-

45
M E H R W I S S E N AU F Margot, der beim Aromen- und Duftstoffproduzenten
»SPEKTRUM.DE« Firmenich eine Forschungsgruppe zur menschlichen
Überraschend und unterschätzt. Wahrnehmung leitet, teilt diese Meinung: »Die Menge
Wissenswertes über unsere Wahrneh- der Gerüche, zwischen denen wir differenzieren kön-
mung lesen Sie im digitalen Spektrum nen, ist potenziell unbegrenzt.«
Kompakt »Unsere Sinne«: »Die Zahl ›eine Billion‹ ist wahrscheinlich falsch«,
www.spektrum.de/shop meint dagegen Thomas Hummel, Leiter des Interdiszip-
linären Zentrums für Riechen und Schmecken am Uni-
versitätsklinikum Dresden. Genauso falsch wie der Wert
von 10 000 Düften, der häufig durch die Literatur geiste-
trag im renommierten Wissenschaftsmagazin »Science« re. »Wie viele es wirklich sind, weiß im Grunde keiner.«
gar einen »Mythos des 19. Jahrhunderts«. McGann hat Der grauhaarige Medizinprofessor mit dem auffälligen
die Ursprünge dieses Mythos bis zu dem französischen Schnauzbart beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der
Neuroanatomen Paul Broca zurückverfolgt. Dieser hatte menschlichen Nase, in letzter Zeit auch mit der Wir-
Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkt, dass Menschen über kung von Gerüchen auf das menschliche Verhalten. Der
einen relativ kleinen Riechkolben verfügen. Die Struk- Anatom Paul Broca ging seinerzeit noch davon aus, dass
tur, fachsprachlich Bulbus olfactorius, liegt im vorderen wir uns in unserem Tun kaum vom Riechorgan leiten
Hirnbereich der Wirbeltiere. In sie münden die Nerven, lassen. Aber auch gegen diese These hat sich in den letz-
die von den Riechsinneszellen in der Nasenschleimhaut ten Jahren deutlicher Widerstand formiert. So mehren
ausgehen (siehe Abbildung auf S. 45). sich etwa die Belege, dass Gerüche einen Einfluss auf die
Basierend auf Brocas Beobachtungen setzte sich in Wahl des Sexualpartners haben können.
den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr die Idee Ganz neu ist diese Idee nicht. Schon seit einiger Zeit
durch, der Geruchsapparat von Homo sapiens sei reich- wissen Zoologen, dass sich viele Tiere bei der Partner­
lich unterentwickelt. Vor allem der kleine Riechkolben suche auch von ihrem Geruchssinn leiten lassen. Dahin-
galt dabei immer wieder als schlagendes Argument, ter steckt eine Eigenart des Immunsystems. Um Krank-
schließlich macht dieser nur 0,01 Prozent des menschli- heitserreger wie Viren und Bakterien zu erkennen, ver-
chen Hirnvolumens aus. Bei der Maus sind es dagegen fügen Wirbeltiere über spezielle Rezeptoren. Deren Bau-
immerhin 2 Prozent. »Anfang des 20. Jahrhundert ha- anleitung ist in den so genannten MHC-Genen festge-
ben die Anatomen schlicht und einfach ohne Beleg be- schrieben. Mikroben sind sehr unterschiedlich; zudem
hauptet: Wenn eine Struktur größer ist, dann muss sie mutieren sie oft rasend schnell. Möglichst viele unter-
auch leistungsfähiger sein«, kritisiert Matthias Laska. schiedliche MHC-Gene können daher ein lebensretten-
»Dieses Dogma hat Eingang in die Lehrbücher gefun- der Vorteil sein, da das Immunsystem dadurch besser
den und sich fast bis zur Jahrtausendwende erhalten.« gegen eine große Vielfalt von Attacken geschützt ist.
Tiere suchen sich aus dem Grund vorzugsweise Ge-
Können Sie eine Billion Düfte unterscheiden? schlechtspartner, die andere MHC-Gene tragen als sie
Erst in den letzten 20 Jahren hat sich das Bild gewan­- selbst. Und diese finden sie mit ihrem Geruchssinn. Das
delt – auch auf Grund von technischen Neuerungen. ist bei uns Menschen augenscheinlich ganz ähnlich: Auch
Die Pioniere unter den Riechforschern kämpften noch uns scheint die Nase wichtige Erkenntnisse über die im-
mit der Schwierigkeit, Gerüche in definierter Menge munologische Ausstattung unseres Gegenübers zu lie-
und für eine genau bestimmte Zeit zu präsentieren. fern. Die entsprechenden Erbanlagen tragen beim Men-
Heute ist das dank moderner Olfaktometer deutlich ein- schen das Kürzel HLA, nicht MHC. Frauen finden Stu­
facher geworden. Die Hochachtung vor dem menschli- dien zufolge den Geruch von Männern attraktiver, deren
chen Riechorgan hat dadurch zumindest in Fachkreisen HLA-Gene sich von ihren eigenen stark unterscheiden.
deutlich zugenommen – nicht nur, was seine Empfind- Ähnliche Vorlieben stellte man bei Männern fest.
lichkeit anbelangt. Auch seine Fähigkeit, noch kleinste Doch wirkt sich dieser Zusammenhang auch abseits
Geruchsunterschiede wahrzunehmen, verblüfft. des Labors im wirklichen Leben aus? Hummels Mitar-
Eine Studie aus dem Jahr 2014 sprach gar von einer beiterin Jana Kromer ist dieser Frage in ihrer Doktor­
Billion Düften, die unsere Nase auflösen könne. For- arbeit nachgegangen. Die Datenbasis bildeten Inter-
scher der Rockefeller University in New York hatten views und genetische Untersuchungen bei 250 Paaren.
diese Zahl aus experimentellen Ergebnissen extrapo- Das Ergebnis: Die Befragten empfanden den Körper­
liert. Schon ein Jahr später jedoch wurde sie in Zweifel geruch ihres Partners als angenehmer, wenn dieser sich
gezogen: Die genutzte mathematische Methode basiere in den HLA-Genen deutlich von ihnen unterschied. In
auf falschen Annahmen und sei nicht geeignet, die Zahl diesem Fall waren sie sowohl allgemein mit ihrer Bezie-
der unterscheidbaren Gerüche zu taxieren. Dennoch hung als auch mit dem Sex zufriedener. Frauen mit ge-
findet etwa Matthias Laska die Schätzung durchaus netisch unähnlichen Partnern gaben zudem häufiger an,
plausibel, wenn nicht gar zu niedrig gegriffen. Christian mit diesen Kinder haben zu wollen.

46
HIRNFORSCHUNG / RIECHEN

Traurigkeit schlägt auf die Nase


Düfte rufen oft starke Gefühle in uns hervor. Wenn ren Konzentrationen wahr als Gesunde. Noch nicht
uns der Geruch von Sonnenmilch in die Nase steigt, endgültig geklärt ist, ob die Nase der Betroffenen auf
geraten wir in Urlaubsstimmung; das Aroma von Grund ihrer Erkrankung unempfindlicher ist. Eben-
Pfeifentabak macht uns dagegen traurig, weil er uns so könnte umgekehrt ein gestörter Geruchssinn ein
an den kürzlich verstorbenen Opa erinnert. Der Auslöser der Depression sein. In diese Richtung
Grund: Die Nase hat einen direkten Draht ins limbi- deuten zumindest Experimente mit Ratten: Wurde
sche System, den Bereich des Gehirns, der für die ihnen der Riechkolben operativ entfernt, entwickel-
Verarbeitung von Emotionen zuständig ist (siehe ten sie Symptome, die denen einer Depression
Grafik »Wie wir Düfte wahrnehmen«, S. 45). ähneln. Vom Riechkolben gehen Nervenbahnen aus,
Interessanterweise gibt es auch einen umgekehr- die die Amygdala hemmen – eine Hirnstruktur, die
ten Effekt. Studien zufolge kann unser Gemütszu- Angst und negative Emotionen verarbeitet. Mögli-
stand die Art und Weise beeinflussen, in der unser cherweise versetzt die Unterbrechung dieser Bahnen
Gehirn Gerüche verarbeitet. Das zeigt zum Beispiel die Nager in einen dauerhaften Angstzustand.
eine 2017 erschienene Arbeit der Dresdner Wissen- Auch bei Menschen mit Autismus scheinen As-
schaftlerin Elena Erwin. Sie spielte Versuchsperso- pekte des Riechens verändert zu sein, wie der Neuro-
nen eine traurige Filmszene vor und versetzte sie so biologe Liron Rozenkrantz vom israelischen Weiz-
in eine bedrückte Stimmung. Dann konfrontierte sie mann-Institute of Science und seine Kollegen 2015
ihre Probanden mit dem Gestank verdorbener Eier entdeckten. Während nicht betroffene Gleichaltrige
und zeichnete zugleich ihre Hirnströme auf. Die angenehme Gerüche stärker inhalierten als unange-
Daten weisen darauf hin, dass die Traurigkeit den nehme, war es Kindern mit Autismus egal, ob ihnen
Teilnehmern auf die Nase schlug: Sie verarbeiteten Rosenduft oder der Mief faulender Eier vor die Nase
den Geruch langsamer und weniger stark als eine gesetzt wurde – sie schnüffelten stets gleich stark.
Vergleichsgruppe. Nach Ansicht der Forscher ist diese Auffälligkeit
Auch Menschen mit einer Depression sind oft in möglicherweise für eines der Hauptsymptome der
ihrem Riechvermögen beeinträchtigt. In einer Störung verantwortlich: die eingeschränkte Sozial-
Studie der Düsseldorfer Psychologin Bettina Pause kompetenz der Betroffenen. Schließlich transportie-
nahmen Depressive Gerüche erst bei deutlich höhe- ren Gerüche wichtige soziale Signale.
Wenn der Geruchssinn deutlich nachlässt, ist das
auf jeden Fall ein Anlass zur Sorge: Einer US-ameri-
60 kanischen Erhebung zufolge haben ältere Menschen
GEHIRN&GEIST, NACH PINTO, J.M. ET AL.: OLFACTORY DYSFUNCTION PREDICTS 5-YEAR MORTALITY IN OLDER ADULTS.

mit Anosmie, die also nicht mehr riechen können,


Anosmie
(Fehlen des ein um den Faktor vier erhöhtes Risiko, innerhalb
innerhalb der nächsten fünf Jahre zu versterben

Geruchs­sinnes​) der nächsten fünf Jahre zu versterben. Warum ist


noch unklar. Ebenso war ein eingeschränktes Riech-
mittlere Wahrscheinlichkeit in Prozent,

vermögen einer der stärksten in der Studie erfassten


Hyposmie Prädiktoren für den baldigen Tod und sagte diesen
40 (vermindertes
Riechvermögen) besser vorher als etwa eine Krebserkrankung oder
ein Herzinfarkt. Daher bezeichnen die Autoren den
Geruchssinn als den »Kanarienvogel in der Kohlen-
mine der menschlichen Gesundheit«.

Flohr, E. L. et al.: Sad Man᾿s Nose: Emotion Induction and


Olfactory Perception. In: Emotion 17, S. 369–378, 2017
20
Pause, B. et al.: Reduced Olfactory Performance in Patients
IN: PLOS ONE 9, E107541, 2014, FIG. 3 A

with Major Depression. In: Journal of Psychiatric Research 35,


S. 271–277, 2001
Normosmie
(normales Pinto, J. M. et al.: Olfactory Dysfunction Predicts 5-Year
Riechvermögen) Mortality in Older Adults. In: PLoS One 9, e107541, 2014
Rozenkrantz, L. et al.: A Mechanistic Link between Olfac­-
tion and Autism Spectrum Disorder. In: Current Biology 25,
0
S. 1904–1910, 2015
57 61 65 69 73 77 81 85
Alter in Jahren

47
HIRNFORSCHUNG / RIECHEN

Wie bedeutend sind also die Körperausdünstungen Gesichter springen uns nun geradezu ins Auge, glückli-
für die Liebe? »Unsere Daten zeigen, dass Geruch vor che oder zufriedene Mienen übersehen wir dagegen.
allem für die Zufriedenheit in der Beziehung sehr wich- Unser Gehirn sucht also gewissermaßen nach Bestäti-
tig ist«, betont Hummel. »Bei der Partnerwahl spielt gung für die unterschwellig wahrgenommene Bedro-
er auch eine Rolle, aber wahrscheinlich keine große.« hung – ein kognitives Feintuning, das unter Umständen
Bettina Pause, Professorin für Experimentelle Psycholo- Leben retten kann. Denn so erkennen wir schneller po-
gie an der Universität Düsseldorf, sieht das ähnlich: tenzielle Gefahren und können entsprechend reagieren,
»Wir suchen unseren Lebensgefährten nicht aus, nur etwa indem wir fliehen. Eine Personengruppe scheint
weil er gut riecht. In der Regel entscheiden ganz andere davon allerdings ausgenommen zu sein: Schwangere re-
Dinge über Sympathie oder Antipathie: Aussehen, Hob- agieren so gut wie gar nicht auf olfaktorische Angstsig-
bys, Einstellungen.« Zwischen den meisten Menschen nale, wiesen die Düsseldorfer Forscher 2017 nach. »Sie
seien die Unterschiede in der HLA-Ausstattung näm- scheinen unbewusst alles auszublenden, was sie stres-
lich schlicht und einfach groß genug. Nur selten sei das sen könnte«, vermutet Pause. »Denn Stress hat negative
nicht so. Dann aber warnt uns unsere Nase tatsächlich: Auswirkungen auf das ungeborene Kind, etwa auf die
Die entsprechende Person riecht unangenehm. »In ei- Entwicklung des Gehirns oder des Immunsystems.«
nem solchen Fall ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir Befunde anderer Studien deuten inzwischen darauf
zu ihr eine intime Beziehung aufbauen – unabhängig hin, dass wir sogar Stress und Emotionen wie Aggres­
davon, wie gut sie sonst zu uns passen mag«, sagt Pause. sion erschnüffeln können. Selbst Persönlichkeitsmerk-
male wie Dominanz scheinen sich durch eine unter-
Duftmoleküle verändern das Verhalten schwellige Duftnote zu äußern. Das könnte auch den
Über unsere Nase nehmen wir eine Vielzahl chemischer Ursprung einer Verhaltensweise erklären, die in vielen
Signalmoleküle auf, deren Existenz uns gar nicht be- Kulturen der Welt zu Hause ist: das Händeschütteln.
wusst ist. Dennoch können auch diese unterschwelligen Möglicherweise dient es der Übertragung olfaktorischer
Reize unser Verhalten beeinflussen. Bettina Pause hat Signale. Das vermuten zumindest der Neurobiologe
schon vor einigen Jahren ein schönes Beispiel für dieses Noam Sobel (der die Studierenden auf die Schokoladen-
Phänomen publiziert: Sie sammelte zu zwei verschiede- spur ansetzte) und sein Kollege Idan Frumin. Eines ihrer
nen Zeitpunkten Schweißproben von Studenten – ein- Experimente scheint die Annahme zu stützen. Proban-
mal während eines wichtigen mündlichen Examens, den, die mit Handschlag begrüßt worden waren, schnup-
das zweite Mal, als die Probanden auf einem Ergometer perten danach häufiger an den Fingern ihrer rechten
strampelten. Zusätzlich mussten die Spender ihre Ge- Hand. Allerdings galt das nur für gleichgeschlechtliche
fühle notieren. Wie erwartet, gaben sie während der Kontakte – wenn also Männer einem Mann die Hand
Prüfung deutlich höhere Angstwerte zu Protokoll. geschüttelt hatten oder Frauen einer Frau. Das macht es
Anschließend gaben Pause und ihre Mitarbeiter jun- schwierig, die Ergebnisse zu interpretieren.
gen Frauen und Männern die Schweißproben zu rie- Solange weitere Belege ausstehen, ist die These von So-
chen. Die Teilnehmer trugen Kopfhörer, über die im bel und Frumin zumindest mit Vorsicht zu genießen.
Lauf des Experiments plötzlich ein lautes Geräusch er- Dass der Handschlag ausschließlich der Übertragung so-
tönte. Wer dabei den Angstschweiß in der Nase hatte, zialer Chemosignale dient, glauben auch die beiden nicht.
erschrak stärker. Die eingeatmeten Stoffe versetzten ihn Ebenso transportiert er Aspekte wie Macht und Domi-
offenbar in eine Art Alarmzustand, was Forscher »emo- nanz. Besonders deutlich wird das in einem kurzen Video,
tionale Ansteckung« nennen. Den Probanden war die- das vor einiger Zeit um die Welt ging und das bis heute
ser Effekt allerdings nicht bewusst. Sie hatten entweder auf YouTube mehr als 1,7 Millionen Mal aufgerufen wur-
überhaupt nichts gerochen oder aber keinerlei Unter- de (»Macron-Trump Handshake Under the Microscope«
schied zwischen Angst- und Sportschweiß bemerkt. von Bloomberg Politics). Es zeigt einen inzwischen legen-
Wenn uns Angstschweiß in die Nase steigt, verändert dären Händedruck beim NATO-Gipfel in Brüssel zwi-
sich zudem unsere soziale Wahrnehmung: Ängstliche schen Donald Trump und Emmanuel Macron. H

QUELLEN

McGann, J. P.: Poor Human Olfaction is a 19th-Century Myth. In: Science 356, 6338, 2017
Prehn, A. et al: Chemosensory Anxiety Signals Augment the Startle Reflex in Humans.
In: Neuroscience Letters 394, S. 127–130, 2006
Sarrafchi, A. et al.: Olfactory Sensitivity for Six Predator Odorants in CD-1 Mice, Human Subjects, and Spider Monkeys.
In: PLoS One 8, e80621, 2013
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/1524895

48
Ab 19. 1. 2018 bei Ihrem
Zeitschriftenhändler!

Print | 5,90 €
Download | 4,99 €
RYANJANE3 / STOCK.ADOBE.COM

www.spektrum.de/aktion/motivation
GU TE FRAGE

Warum werden wir


oft wach, kurz bevor der
Wecker klingelt?

ALTAYB / GETTY IMAGES / ISTOCK

Haben Sie auch eine Frage an unsere Experten?


Dann schreiben Sie mit dem Betreff »Gute Frage« an:
gehirn-und-geist@spektrum.de

50
UNSER EXPERTE
K E N N T D I E A N T W O R T.

Der Psychologe und Psychotherapeut Hans-Günter Weeß leitet das interdisziplinäre


­Schlafzentrum des Pfalzklinikums in Klingenmünster. Er beschäftigt sich mit
klinischen und wissenschaftlichen Fragen zur Insomnie, Schichtarbeit, Tagesschläfrigkeit
sowie seltenen Schlafstörungen wie der Narkolepsie.

D
er Wecker ist auf halb fünf gestellt, schließlich mehrt nach der inneren Uhr. Zu den zirkadian gesteu-
darf man das Flugzeug am nächsten Morgen erten Stoffwechselprozessen zählen unter anderem die
auf keinen Fall verpassen. Doch noch bevor der Produk­tion des Schlafbotenstoffs Melatonin, der Ver-
erbarmungslose Ton erklingt, sind die Augen offen. lauf der Körpertemperatur und die tiefschlafabhängige
Woher weiß der Körper, wann er aufzuwachen hat? Ausschüttung des Wachstumshormons.
Der Schlaf-wach-Rhythmus ist in unseren Genen Wenn wir nun von selbst aufwachen, bevor der We-
fest verankert und hilft uns schon seit Urzeiten zu über- cker schrillt, verdanken wir das dem Gleichklang unse-
leben: Während der Dunkelheit, wenn unser Sehvermö- rer körpereigenen Uhren. Eine besondere Rolle spielt
gen nachlässt und die Welt um uns herum gefährlicher dabei offenbar der Botenstoff Cortisol. In der zweiten
wird, ziehen wir uns vernünftigerweise an einen siche- Schlafhälfte, wenn die Zirbeldrüse die Melatoninpro-
ren Ort zurück – früher in Höhlen, heute in wohltem- duktion langsam einstellt, bildet die Hirnanhangdrüse
perierte Schlafzimmer. In dieser Zeit richtet der Körper das Stress- und Aufwachhormon vermehrt. Cortisol
seine Energie auf Reparatur- und Regenerationsprozes- setzt nicht nur Energiereserven frei, es aktiviert auch
se, um für den nächsten Tag gewappnet zu sein. Kurz: den Stoffwechsel und erhöht den Blutzuckerspiegel so-
Wir schlafen. Damit das reibungslos klappt, entwickelte wie den Eiweißumsatz.
der Mensch mehrere innere Uhren, die im Gleichklang Studien des Neurowissenschaftlers Jan Born vom
mit dem äußeren Hell-Dunkel-Rhythmus ticken. Diese Universitätsklinikum Tübingen haben gezeigt, dass die
können allerdings mitunter vom 24-Stunden-Tag ab- Cortisolausschüttung besonders in der Stunde vor dem
weichen. Aufwachen rasant ansteigt. In einem Schlafexperiment
Die Hauptuhr des Menschen sitzt im Gehirn: der teilte man den Probanden mit, dass sie am kommenden
Nucleus suprachiasmaticus, der die Information, ob es Morgen um Punkt sechs Uhr geweckt werden würden.
draußen gerade hell oder dunkel ist, über die Augen er- Am Tag darauf, so die Versuchsleiter, dürften sie dann
hält. Dieser winzige Nervenknoten über der Kreuzung bis um neun liegen bleiben. In Wahrheit wurden sie aber
der beiden Sehnerven ist unter anderem für den rhyth- erneut um die gleiche Uhrzeit aus dem Schlaf gerissen.
mischen Verlauf der Körperfunktionen verantwortlich. In der ersten Nacht, für die das Wecken um sechs
So gibt der Nucleus suprachiasmaticus Informationen Uhr angekündigt war, stieg der Cortisolspiegel pünkt-
über Tag und Nacht an die Zirbeldrüse weiter, die über lich eine Stunde vor der Zeit sprunghaft an. Waren die
die Produktion des Schlafhormons Melatonin den rest- Versuchspersonen jedoch nicht darauf vorbereitet, blieb
lichen Organismus auf den bevorstehenden Schlummer der Hormonschub aus. Cortisol wird also nicht nur von
vorbereitet. der inneren Uhr gesteuert, sondern auch unbewusst,
Alle Zellen unseres Körpers können tagesrhythmisch wenn wir etwa wissen, »Morgen muss ich um halb fünf
aktiv sein. Dann stellen sie sozusagen kleine Unter­ raus« – ein durchaus praktischer Mechanismus, falls der
uhren dar, die vom Nucleus suprachiasmaticus, der Wecker mal versagt. H
»master clock«, beeinflusst werden, aber nicht zwin-
gend von ihr abhängig sind. So hat jedes Organ eine ei-
gene Uhr, welche die zeitlichen Muster seiner Funktion
bestimmt. Uhren in der Bauchspeicheldrüse regulieren QUELLEN
beispielsweise die Insulinproduktion und solche im Born, J. et al.: Timing the End of Nocturnal Sleep.
Fettgewebe die Speicherung und den Abbau von Fetten. In: Nature 397, S. 29–30, 1999
Diese Taktgeber sind in der Lage, sich untereinander Cajochen, C. et al.: What Keeps us Awake? The Role of
und vor allem mit der Hauptuhr im Gehirn auszutau- Clocks and Hourglasses, Light, and Melatonin.
schen, und bringen sich auf diese Weise miteinander in In: International Review of Neurobiology 93, S. 57–90, 2010
Gleichklang. Weeß, H.-G.: Die schlaflose Gesellschaft: Wege zu
Einige Körperrhythmen richten sich eher nach die- erholsamem Schlaf und mehr Leistungsvermögen.
sen äußeren Reizen wie Tag und Nacht, andere ver- Schattauer, Stuttgart 2016

51
HIRNFORSCHUNG

Gefahr
im Weltall
RAUMFAHRT Studien an Mäusen zeigen, wie stark
kosmische ­Strahlung das Gehirn schädigen kann.
Rückt die Besiedlung des Mars nun in weite Ferne?

INHAUSCREATIVE / GETTY IMAGES / ISTOCK


VON CHARLES L. LIMOLI

I
m Weltraum sehen sich Astronauten mit zahlrei­ Strahlung ist tückisch. Wir sehen und fühlen sie
chen Gefahren konfrontiert. Um zu überleben, nicht, dennoch erfüllt sie jeden Kubikzentimeter des
müssen sie sich unter anderem vor Kälte und Raums und fügt menschlichem Gewebe erheblichen
Luftleere schützen und ihren Arbeitsalltag in Schaden zu. Für Astronauten ist die so genannte galak­
vollkommener Schwerelosigkeit bewältigen. tische kosmische Strahlung am gefährlichsten. Es han­
Doch das ist nicht alles: Wie mein Team von der delt sich um eine Partikelstrahlung aus ionisierten Ato­
University of California in Irvine und andere Arbeits­ men, die sich mit annähernder Lichtgeschwindigkeit
gruppen feststellten, schadet die erhöhte Strahlungslast bewegen. Sie entsteht unter anderem durch so genannte
im All dem Gehirn von Raumfahrern mehr als bisher Supernovae, also Sternexplosionen. Zum überwiegen­
angenommen. den Teil besteht sie aus den Kernen von Wasserstoff­

52
INHAUSCREATIVE / GETTY IMAGES / ISTOCK

atomen, den Protonen (siehe »Irdischer Schutzschild –


das Erdmagnetfeld«, S. 54).
Kosmische Strahlung durchsetzt den Weltraum als
relativ einheitliches Strahlungsfeld. Zusätzlich sendet UNSER EXPERTE
unsere Sonne ständig Protonen aus. An ihrer Oberflä­
che finden gelegentlich gewaltige Eruptionen statt, die Charles L. Limoli ist Strahlenbiologe und
Neurowissenschaftler an der School of
besonders viel Strahlung ins Weltall schicken. Geraten Medicine der University of California in
Astronauten in die Bahn eines solchen Sonnensturms, Irvine. Er untersucht, wie Krebstherapien
haben sie oft nicht einmal 30 Minuten Zeit, um sich vor und kosmische Strahlung die Hirnfunk­
seinen schlimmsten Folgen zu schützen. tion beeinträchtigen.

53
Auf einen Blick: Riskante Reisen

1 2 3
Die Raumfahrt ist mit vielerlei In Tests mit Mäusen demons­ Um tiefer in den Weltraum
Gefahren verbunden. Laut trierten Wissenschaftler, dass vorzudringen, benötigen wir
neueren Studien könnte kosmi­ simulierte kosmische Strah­ wirksamere Abschirmungen
sche Strahlung ein unterschätzter lung sowohl kognitive Defizite als für Raumschiffe beziehungsweise
Risikofaktor bei langen Aufenthal­ auch Defekte an den Neuronen Medikamente, die das Gehirn vor
ten im All sein. auslöst. Strahlenschäden schützen.

Sobald Partikel kosmischer Strahlung den mensch­ Kilogramm Körpergewicht. Verschiedene Strahlungs­
lichen Körper durchdringen, geben sie einen Teil ihrer arten unterscheiden sich bei gleicher Dosis darin, wie
Energie ab. Sie tun das, indem sie Atome im Gewebe be­ stark sie Gewebe ionisieren. Der lineare Energietransfer
schleunigen und ionisieren – also Elektronen aus ihrer (LET) beschreibt, wie viel Energie die Strahlung pro
Hülle herausschlagen und sie damit selbst zu geladenen ­zurückgelegter Strecke an das durchdrungene Material
Teilchen machen. Die entstehenden Ionen bewegen sich ­abgibt. Ein Gray einer Strahlung mit hohem LET ist
dann auf eigenen Bahnen im Gewebe weiter. Sie schla­ ­gefährlicher als dieselbe Dosis mit geringem LET. Erste­
gen Elektronen aus den Hüllen anderer Atome heraus, re überträgt nämlich mehr Energie an das Gewebe und
was eine Kettenreaktion in Gang setzt. Je schwerer die ionisiert mehr Atome. Für eine Körperzelle ist es dann
Strahlungspartikel, desto mehr Energie bringen sie mit schwieriger, entstandene Schäden zu reparieren. Viele
und desto mehr Atome ionisieren sie im Körper. der Strahlungsarten in der kosmischen Strahlung wei­
Verliert ein Molekül eines seiner Elektronen, wird es sen einen hohen LET auf. Besonders bei längeren
zum so genannten freien Radikal. Solche Substanzen Raumfahrtmissionen könnte das zum Problem werden.
sind hochreaktiv und streben danach, ihre freien Elek­
tronen mit denen von benachbarten Atomen oder Mo­ Schneise der Zerstörung
lekülen zusammenzulagern. Dabei entstehen neue che­ Wenn energiereiche schwere Partikel – Teilchen mit be­
mische Verbindungen, die ihren ursprünglichen Zweck sonders hohem LET  – den Körper durchdringen, hin­
nicht mehr erfüllen. Treffen freie Radikale beispielswei­ terlassen sie eine regelrechte Schneise, an der sich freie
se auf ein DNA-Molekül im Zellkern, können sie die Radikale und Ionen dicht gepackt aneinanderreihen.
Doppelhelix brechen oder den genetischen Kode lokal ­Jedes einschlagende Teilchen schädigt innerhalb eines
verändern. Ionisierende Strahlung beschädigt durch Bereichs von wenigen Nanometern Durchmesser zahl­
derartige Reaktionen Proteine, Lipide, Nukleinsäuren reiche Moleküle. Diese hohe lokale Dichte von Defekten
und andere Stoffe, die für Zellen und Gewebe lebens­ macht kosmische Strahlung gefährlicher als die meisten
notwendig sind. Strahlungsarten, denen wir auf der Erde ausgesetzt sind.
Wissenschaftler messen die Strahlenbelastung eines Während hochenergetische Teilchenstrahlen im
Organismus anhand der Energiedosis, die ein Körper Weltraum praktisch allgegenwärtig sind, ist es technisch
aufgenommen hat, gemessen in Gray (Gy). Ein Gray enorm schwierig, sie auf der Erde zu reproduzieren, um
entspricht dabei einem Joule absorbierter Energie pro ihre Effekte zu erforschen. Eine der wenigen Einrichtun­

Irdischer Schutzschild – das Erdmagnetfeld


Der Großteil der Partikelstrahlung im All besteht aus Magnetosphäre – dem Wirk­bereich des Erdmagnet­
Protonen. Die leichten, subatomaren Teilchen ent­ste­ felds – setzt sich ein Astronaut jedoch unweigerlich
hen, wenn ein Wasserstoffatom sich in seine Bestand­ dieser Strahlung und ihren Wirkungen auf den Orga­
teile (ein positiv geladenes Proton und ein negativ nismus aus. Raumfahrer auf der Internationalen
geladenes Elektron) aufspaltet. Protonenstrahlung Raumstation (ISS) sind noch vor einem Teil der kosmi­
schadet unserem Körper weniger als Partikelstrahlung schen Strahlung abgeschirmt: Die ISS kreist auf einer
aus schwereren Ionen. Allerdings bringt selbst sie relativ niedrigen Umlaufbahn von 400 Kilometern
genügend Energie mit, um die Hüllen von Raumschif­ über der Erdoberfläche. Sie befindet sich damit am
fen und die Körper der Astronauten zu durchdringen. äußeren Rand der Atmosphäre und so gerade noch im
Auf der Erde schützt uns das Erd­magnetfeld, indem es Wirkungsbereich der Magnetosphäre. Die Folgen der
die meisten kosmischen Partikel ablenkt und so von Strahlenbelastung bei Reisen zum Mars und ­darüber
der Erdoberfläche fernhält. Bei R­ eisen außerhalb der hinaus könnten jedoch schwer wiegend sein.

54
HIRNFORSCHUNG / R AUMFAHRT

Strahlenwirkung im Gehirn
Aufenthalte im All könnten das Gehirn von Astronauten stärker
schädigen als bisher angenommen. Wissenschaftler setzten medialer
Mäuse einer Partikelstrahlung aus, die kosmischer Strahlung präfrontaler
Kortex
ähnelt, und untersuchten die Auswirkungen auf das Verhalten
und das Hirngewebe der Tiere.

EMILY COOPER, NACH PARIHAR, V.K. ET AL.: WHAT HAPPENS TO YOUR BRAIN ON THE WAY TO MARS. IN: SCIENCE ADVANCES 1, E1400256, 2015, FIG.
Axon eines
verbundenen
Neurons
Die Strahlung schädigte den medialen präfrontalen
Kortex, der an Gedächtnisprozessen beteiligt ist. Zellkörper Synapse
In diesem Hirnareal gingen die Länge und die Anzahl eines Neurons
der dendritischen Spines zurück. Dendrit

vor Bestrahlung nach Bestrahlung

Dendriten agieren als »Empfangsstationen« von


Neuronen – hier treffen chemische Signale von ande­

2-3; SCIENTIFIC AMERICAN FEBRUAR 2017


ren Nervenzellen ein. Ihre verästelten Fortsätze, die
dendritischen Spines, spielen eine zentrale Rolle bei
Lernvorgängen und Gedächtnisbildung. Acht Wochen
nach Bestrahlung mit 0,3 Gray war die Anzahl dendri­
tischer Spines (gelb) im Gehirn der Mäuse um 20 bis
40 Prozent reduziert.

gen, in denen wir kosmische Strahlung simulieren kön­ Erkennung neuer Objekte) und »object in place« (Ob­
nen, ist das NASA Space Radiation Laboratory. Das jekt am Platz) bekannt sind.
Forschungszentrum wird seit 2003 gemeinsam von der Wir ließen Mäuse zunächst eine leere Kiste von etwa
NASA und dem Brookhaven National Laboratory auf 0,3 Quadratmeter Grundfläche erkunden. Dann legten
Long Island bei New York betreiben. Große Teilchen­ wir Legosteine, Gummienten und andere Spielzeuge in
beschleuniger bringen hier Ionen verschiedener Mas­ die Kiste und erlaubten es den Tieren, noch eine Weile
sen auf Geschwindigkeiten, die denen der kosmischen herumzustöbern. Später  – bei manchen Versuchen
Strahlung nahekommen. Wissenschaftler, darunter nach wenigen Minuten, bei anderen nach Stunden oder
auch ich selbst, untersuchen die Auswirkungen dieser Tagen  – tauschten wir die Objekte gegen andere aus
Strahlen auf Lebewesen. Mein Team führt dazu Versu­ oder veränderten die Position der Spielzeuge in der Kis­
che an Labormäusen durch. Mit ihnen wollen wir her­ te. Ein gesundes Tier sucht bevorzugt den veränderten
ausfinden, inwieweit kosmische Strahlung bestimmte Bereich seiner Umgebung auf und verbringt mehr Zeit
Hirnfunktionen und das Verhalten beeinträchtigt. bei dem neuen Gegenstand oder der neuen Position als
In einer unserer Studien setzten wir sechs Monate bei unveränderten Objekten. Eine Maus, deren Hirn­
alte Mäuse geringen Dosen (0,05 bis 0,3 Gy) an Strah­ funk­tion beeinträchtigt ist, hört hingegen früher auf,
lung unterschiedlicher geladener Partikel aus – wir ver­ die Neuerung auszukundschaften.
wendeten zum Beispiel Sauerstoff- oder Titan­ ionen. Solche Verhaltenstests weisen zuverlässig auf die
Dann untersuchten wir anhand von Verhaltenstests, Funktionsfähigkeit von Hippocampus (zuständig für
wie sich die Bestrahlung auf das Gedächtnis und andere Gedächtnis und Lernen) und Hirnrinde (Kognition)
kognitive Funktionen der Tiere ausgewirkt hatte. Dazu hin. Wir beziffern die Leistung jedes Tieres über den so
ließen wir sie Aufgaben bewältigen, die in der Verhal­ genannten Diskriminationsindex. Dies berechnet sich
tensforschung als »novel object recognition« (deutsch: aus der Zeit, die das Tier bei dem neuen Objekt oder am

55
Schwerelosigkeit verändert das Hirn
Strahlung ist nicht der einzige Faktor, der Mars­ derungen. Nach Rückkehr zur Erde waren die Zentral­
reisenden Kopfzerbrechen bereiten wird. Auch furchen bei fast allen vormaligen ISS-Bewohnern
längere Phasen von Schwerelosigkeit schaden dem verengt, während dies bei nur rund einem Fünftel der
Gehirn, wie ein deutsch-amerikanisches Forscher­ Spaceshuttle-Passagieren der Fall war. 3-D-Scans
team im November 2017 berichtete. offenbarten zudem, dass sich das Gehirn von Langzeit­
Für ihre Studie verglichen die Wissenschaftler astronauten nach oben, also in Richtung der Schädel­
Hirnscans von 34 NASA-Astronauten vor und nach decke, verschoben hatte und die flüssigkeitsgefüllten
deren Missionen. 16 der untersuchten Raumfahrer Räume im Schädel geschrumpft waren.
hatten an Bord eines Spaceshuttles nur kurze Zeit Ob und wie sich diese Veränderungen auf die
im Weltraum verbracht. Weitere 18 waren auf der ­kog­nitive Leistung der Astronauten auswirken, sollen
Internationalen Raumstation (ISS) stationiert weitere Langzeitstudien zeigen.
gewesen – sie hatten im Mittel etwa fünfeinhalb
Monate durchgehend im All verbracht. Roberts, D. R. et al.: Effects of Spaceflight on Astronaut
Besonders im Gehirn der Langzeitastronauten Brain Structure as Indicated on MRI. In: N. Engl. J. Med. 377,
entdeckten die Wissenschaftler ausgeprägte Verän­ S. 1746–1753, 2017

neuen Ort verbringt, geteilt durch die Erkundungszeit gen- und Gammastrahlung (Strahlung mit geringem
von neuen und alten Situationen zusammen. Mit Hilfe LET) die Länge, Dichte und den Verzweigungsgrad der
dieser Kennzahl können wir die Leistung der Versuchs­ Dendriten schon nach zehn Tagen deutlich beeinträch­
tiere miteinander vergleichen. tigte: Ihre »dendritische Komplexität« nahm ab.
Das Ergebnis: Strahleneinwirkung verschlechtert In einer neueren Studie zeigen wir, dass auch sehr ge­
den Diskriminationsindex der Mäuse deutlich. Binnen ringe Dosen von Partikelstrahlen die dendritische Kom­
sechs Wochen nach Bestrahlung mit 0,05 beziehungs­ plexität erheblich und anhaltend reduzieren. Entdeckt
weise 0,3 Gy sank ihre Leistung um bis zu 90 Prozent. haben wir die Veränderungen im medialen präfronta­
Ob die Tiere mit den höheren oder niedrigeren Dosen len Kortex, der maßgeblich an der Gedächtnisbildung
bestrahlt wurden, beeinflusste den Grad der Verschlech­ beteiligt ist. Ob auch andere Hirnareale oder neuronale
terung dabei erstaunlich wenig. Wie Folgetests ergaben, Netzwerke geschädigt werden, können wir bislang noch
blieben die Nager selbst nach 12, 24 und 52 Wochen nicht sagen.
­kognitiv beeinträchtigt. Das lässt uns befürchten, dass Mit Mikroskopen höherer optischer Auflösung fahn­
ähnlich dosierte kosmische Strahlung auch für Astro­ deten wir weiter nach strukturellen Veränderungen
nauten problematisch sein könnte. Im Rahmen ihrer an den dendritischen »Spines«, den mikrometerfeinen
Mission müssen sie immer wieder schwer wiegende Fort­sätzen der Dendriten, die Gedächtnisbildung und
Entscheidungen treffen, Probleme lösen oder andere Lernvorgänge ermöglichen. Betrachtet man die Den­
anspruchsvolle Tätigkeiten ausführen. Strahlungsschä­ driten als Äste eines Baums, so sind die dendritischen
den in diesem Ausmaß würden sie bei diesen Handlun­ Spines die Blätter an ihren Zweigen. Die Spines enthal­
gen wahrscheinlich wesentlich beeinträchtigen. ten die molekulare Maschinerie, die es Dendriten er­
laubt, neuronale Signale zu empfangen.
Fehlende Verzweigungen an den Neuronen Unsere früheren Studien mit Röntgen- und Protonen­
Im Anschluss an die Verhaltenstests untersuchten mei­ strahlen ebenso wie unsere aktuellen Untersuchungen
ne Kollegen und ich außerdem Gewebeschnitte von den mit Schwerionenstrahlen belegen, dass die dendriti­
Gehirnen der bestrahlten Mäuse nach physischen Ver­ schen Spines auf Strahlung höchst empfindlich reagie­
änderungen, die mit den beobachteten Verhaltensauf­ ren. Bereits zehn Tage nach der Bestrahlung nahm die
fälligkeiten einhergingen. Mit einem hochauflösenden Dichte der Spines – das heißt ihre Anzahl pro Längen­
Mikroskop fertigten wir Serien von Aufnahmen in ver­ einheit – stark ab. Selbst nach 15 Wochen war die Spine-
schiedener Tiefe des Hirngewebes an. Im Computer Dichte nicht wieder auf ihr Ursprungsniveau zurück­
setzten wir sie dann zu dreidimensionalen Darstellun­ gekehrt. Die Strahlung schwächt also die synaptischen
gen zusammen. Unsere Visualisierungen zeigten auffäl­ Verbindungen im Gehirn, was wiederum die Signal­
lige Veränderungen an Neuronen, und zwar an deren übertragung zwischen den Neuronen beeinträchtigt,
Dendriten. Diese bäumchenförmigen Fortsätze an den und das über einen langen Zeitraum.
Nervenzellkörpern empfangen chemische Signale von Um den Zusammenhang zwischen den Verhaltens­
anderen Hirnzellen. Frühere Studien in unserem Labor änderungen und den mikroskopisch nachweisbaren
hatten bereits gezeigt, dass schwach ionisierende Rönt­ Schäden an Neuronen herzustellen, fertigten wir ein

56
HIRNFORSCHUNG / R AUMFAHRT

Streudiagramm an. Für jedes Versuchstier trugen wir verschiedene Personengruppen  – Raumfahrer sind an­
die individuelle Leistung im Test gegen die Dichte sei­ deren Formen von Strahlung ausgesetzt, die zudem nur
ner dendritischen Spines auf. So entstand eine Punkt­ in geringerer Dosis auf sie einwirkt. Die typische Einzel­
wolke, die wir statistisch auswerten konnten. Das Er­ dosis einer Strahlentherapie (2 Gy) überschreitet bei
gebnis: Mit abnehmender Spine-Dichte ging im Mittel Weitem die Strahlenmenge, der ein Astronaut bei einer
auch die kognitive Leistungsfähigkeit zurück. Das heißt, Expedition mit längerem Aufenthalt auf dem Mars aus­
diejenigen Tiere, die besonders »desinteressiert« auf gesetzt wäre. Für eine etwa 180-tägige Reise zum Roten
neues Spielzeug reagierten, besaßen die geringste Spi­ Planeten liegen die erwarteten Strahlendosen bei unge­
ne-Dichte. Wir glauben daher, dass die beiden Merk­ fähr 0,48 mGy (Milligray) pro Tag. Auf dem Mars ist die
male in einem ursächlichen Zusammenhang stehen. Strahlenbelastung geringer, denn dieser schirmt mit sei­
Wir sind die ersten Forscher, die eine solche Verbin­ ner Atmosphäre etwa die Hälfte der kosmischen Strah­
dung herstellen. lung ab. Für jeden Tag auf dem Planeten rechnet man
mit weiteren 0,21 mGy. Im Lauf eines Trips zum Mars
Wie belastend ist eine Reise zum Mars? mit einjährigem Aufenthalt und Rückflug zur Erde wäre
Unsere Befunde stützen zudem eine Vermutung, die ein Mensch damit einer Belastung von etwa 250 mGy
Wissenschaftler der NASA bereits seit Jahren hegen: ausgesetzt – diese Dosis ist somit rund achtmal kleiner
nämlich, dass kosmische Strahlung die Denkleistung als jene, die ein Tumorpatient bei einer einzigen Be­
von Astronauten beeinträchtigt. Bisher beruhten solche strahlungssitzung erhält.
Befürchtungen lediglich auf klinischen Daten von Pati­ Zur Behandlung von Tumoren werden jedoch übli­
enten, deren Schädel zur Behandlung von Hirn­tumoren cherweise schwach ionisierende Röntgenstrahlen und
bestrahlt worden war. Die Betroffenen hatten im An­ Gammastrahlen mit geringem LET verwendet. Hingegen
schluss an die Therapie auch immer wieder unter kog­ wirken die Strahlen, denen die Astronauten im All ausge­
nitiven Einschränkungen gelitten. Wissenschaftler zö­ setzt sind, mit ihrem hohen LET stark ionisierend. Aus
gerten bislang, solche Befunde auf Astronauten zu über­ diesem Grund ließ sich die Bedeutung der Beobachtun­
tragen. Schließlich handelt es sich hier um völlig gen bei Tumorpatienten für die Raumfahrt nicht klar be­

Jährliche Strahlenbelastung an verschiedenen Orten im Sonnensystem


Wie viel kosmische Strahlung auf einen Menschen einwirkt, hängt von seinem Standort
ab. Auf der Erde schützt uns das Magnetfeld vor einem Großteil der gefährlichen Partikel­
strahlen aus dem All. Jährlich erreichen eine Person, die auf Höhe des Meeresspiegels
lebt, nur etwa 0,3 Milligray (mGy) kosmische Strahlen. Sie ist allerdings auch Bestrahlung
ausgesetzt, die von der Erde ausgeht; diese kann nochmals mehrere mGy pro Jahr betragen.
Astronauten auf der ISS nehmen mit ungefähr 90 mGy pro Jahr ein Vielfaches dieser
Mengen auf – und das, obwohl sie zumindest noch teilweise durch das Erdmagnetfeld
geschützt werden. Ähnliche Strahlendosen erwarten Raumfahrer auf dem Mars, denn der
Planet schirmt mit seiner Atmosphäre einen Teil der kosmischen Strahlung ab. Im Raum
zwischen den Planeten ist die Strahlenlast am größten: Hier wäre ein Mensch etwa 160 mGy
Strahlung pro Jahr ausgesetzt. Um Schäden am Gehirn von Astronauten zu vermeiden,
GEHIRN&GEIST, NACH DATEN AUS: NASA BRIEFING TO NAC HEO/SMD JOINT COMMITTEE

hat die NASA für schwere Teilchenstrahlung ein Jahreslimit von 100 mGy festgelegt. Zum
MEETING „MARS RADIATION ENVIRONMENT – WHAT HAVE WE LEARNED?“, 25.07.2017;

Vergleich: Bei einer Radiotherapie wird ein Krebsgeschwür mit insgesamt 40 bis 80 Gy
NASA TECHNICAL STANDARD NASA-STD-3001, VOLUME 1, REVISION A, 30.07.2014

bestrahlt.

Bestrahlung mit schweren


Ionen – Jahreslimit für
Astronauten

90 160 80 100 60 000


mGy mGy mGy mGy mGy

ISS Marsober- Radiotherapie


fläche (lokale Bestrahlung
Reise zum Mars eines Tumors)
und zurück

57
HIRNFORSCHUNG / R AUMFAHRT

urteilen. Unsere Arbeiten stützen nun erneut die An­ Forscher verfolgen mehrere Wege zur Lösung dieses
nahme, dass kosmische Strahlung dem Gehirn schadet. Problems. Sie arbeiten unter anderem an verbesserten
Dennoch müssen wir unsere Daten vorsichtig inter­ Abschirmungen, damit die Strahlung erst gar nicht
pretieren. Denn obwohl wir bei unseren Tierexperi­ bis zu den Astronauten vordringt. Dazu benötigen sie
menten ähnliche Strahlendosen verwenden, wie bei Stoffe, die Ionenstrahlen abwehren. Diese müss­ten ent­
Missionen im All zu erwarten wären, konnten wir die weder in die Hülle des Raumschiffs und des Habitats
Strahlenmenge nicht über einen längeren Zeitraum ver­ oder aber in die Raum­anzüge beziehungsweise die Klei­
abreichen. Astronauten wären der Strahlung viele Mo­ dung der Astronauten integriert werden. Wir kennen
nate oder gar Jahre ausgesetzt, und zwar in relativ kons­ nur wenige Materialien, die hierfür in Frage kämen. Die
tanten, niedrigen Dosen. Da wir den Teilchenbeschleu­ sind jedoch so schwer, dass sie sich für die praktische
niger für unsere Experimente nur für begrenzte Zeit Anwendung im All kaum eignen  – ihr Einsatz würde
nutzen konnten, mussten wir die Gesamtdosis aber in­ schon den Raketen­start wegen des enorm erhöhten
nerhalb von wenigen Minuten verabreichen. Man könn­ Treibstoffbedarfs praktisch unmöglich machen.
te argumentieren, die Nervenzellen der Astronauten Ingenieure versuchen deshalb, neue Materialien und
hätten viel mehr Zeit als die unserer Mäuse, entstande­ Techniken zu entwickeln, die Strahlen zumindest von
ne Schäden zu reparieren. bestimmten Bereichen eines Raumschiffs fernhalten.
Vermutlich ist dieser Unterschied allerdings relativ Dann hätten die Astronauten zum Beispiel in Phasen
unbedeutend, und zwar aus mehreren Gründen: Die erhöhter Sonnenaktivität die Möglichkeit, sich in stär­
Gesamtdosis ist in beiden Fällen gering, die Partikel ker abgeschirmte Zonen zurückzuziehen. Bei Tätig­
treffen das Gewebe also mit geringer Frequenz. Außer­ keiten außerhalb des Raumschiffs oder während des
dem besitzt die im Weltraum vorherrschende Partikel­ Schlafs würden spezielle Strahlenschutzhelme oder
strahlung einen hohen LET. Sie erzeugt folglich schwe­ -anzüge eine zusätzliche Barriere schaffen.
re Schäden an den betroffenen Zellen, die auch bei Neben der physischen Abschirmung untersuchen
­längerer Erholungszeit kaum reparabel sind. Darüber Wissenschaftler auch die Möglichkeit, die schädlichen
hinaus können die meisten Hirnregionen nicht einfach Effekte von Teilchenstrahlen auf das Gehirn mit Medi­
neue Nervenzellen produzieren, was die Genesung zu­ kamenten oder speziellen Nahrungsergänzungmitteln
sätzlich erschwert. Und obwohl unsere Beobachtungen zu reduzieren. Astronauten könnten diese Präparate
aus Tierexperimenten stammen, haben wir keinen An­ dann entweder regelmäßig oder auch nur kurzzeitig bei
lass anzunehmen, dass menschliche Neurone auf kos­ erhöhter Strahlenbelastung, etwa nach einem Sonnen­
mische Strahlung anders reagieren als die Zellen von sturm, zu sich nehmen.
Nagetieren. Wie beispielsweise Experimente mit Mäusen zeigten,
können Antioxidanzien die Schadwirkung von Strah­
Weitere Herausforderungen für die bemannte len verringern, die der kosmischen Partikelstrahlung
Raumfahrt ähneln. Wissenschaftler machen zudem Fortschritte
Mit dem Vorhaben, Menschen in fernere Regionen des bei der Entwicklung von anderen Wirkstoffen, die das
Sonnensystems zu schicken, stehen wir vor enormen Gehirn vor den Auswirkungen der Strahlung schützen
Hürden. Um den Mars und andere Himmelskörper in sollen.
unserer kosmischen Nachbarschaft zu erreichen, brau­ All diese Bemühungen stehen noch am Anfang.
chen Astronauten größere und stärkere Raketen als die, Höchstwahrscheinlich wird keine der erwogenen Maß­
die bisher verfügbar sind. Sobald sie auf dem fremden nahmen allein das Problem lösen. Im besten Fall wer­
Planeten ankommen, benötigen sie zum Überleben den wir Strahlenschäden zwar eindämmen, sie aber
künstlich angelegte Lebensräume. Sie werden die vor nicht komplett verhindern können. Bedeutet dies, dass
Ort verfügbaren Ressourcen nutzen müssen, um Was­ der Mensch allezeit an die Erde gebunden sein wird?
ser und Raketentreibstoff zu gewinnen. Im Hinblick auf Möglicherweise nicht. Letztlich handelt es sich nur um
unsere Resultate müssen wir nun auch einen effektiven eine von vielen Hürden, die wir überwinden müssen,
Strahlenschutz in die Liste der zu meisternden Heraus­ bevor wir uns zum wohl größten Abenteuer unserer
forderungen aufnehmen. Geschichte aufmachen werden.  H

QUELLEN

Parihar, V. K. et al.: Persistent Changes in Neuronal Structure and Synaptic Plasticity
Caused by Proton Irradiation. In: Brain Structure and Function 220, S. 1161–1171, 2015
Parihar, V. K. et al.: Cosmic Radiation Exposure and Persistent Cognitive Dysfunction.
In: Scientific Reports 10.1038/srep34774, 2016
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1524897

58
Spektrum LIVE
VERANSTALTUNGSREIHE ZUM
40-JÄHRIGEN JUBILÄUM DES VERLAGES
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

In unserem Jubiläumsjahr laden wir Sie zu


spannenden Vorträgen, lehrreichen Seminaren und
Workshops ein. Lernen Sie Wissenschaft mit
Spektrum in einem neuen Format kennen – live!
Auftakt der Veranstaltungsreihe mit
einem Vortrag des Geruchsforschers

Prof. Dr. Dr. Dr. habil. Hanns Hatt

Wann? 12. April 2018, 19.00 Uhr


Wo? Heidelberg Laureate Forum Foundation,
Kurfürstenanlage 52, 69115 Heidelberg

Jetzt Ticket sichern!


Spektrum.de/live
FLORIANA / GET T Y IMAGES / ISTOCK
THERAPIE KOMPAKT

Jeden Moment bewusst


wahrnehmen – für Jugendliche
offenbar weniger interessant.

KOZOROG / GETTY IMAGES / ISTOCK


Prävention
Teenager: Kein Bock auf Achtsamkeit?

O
b in Anti-Stress-Ratgebern, in Gesundheitskur- Achtsamkeit ihr Gehirn gegen psychischen Stress zu
sen oder in der Psychotherapie: Achtsamkeits- »impfen«.
meditation erscheint heute als Wundermittel Rund 550 Schülerinnen und Schüler, im Durch-
gegen viele psychische Beschwerden, darunter Burnout, schnitt knapp 13,5 Jahre alt, wurden in drei Gruppen
Angststörungen und Depressionen. Mittlerweile hat aufgeteilt. Ein Drittel erhielt die reguläre Schulung. Bei
Achtsamkeit auch weltweit Einzug in Schulen gehal- einem weiteren Drittel waren zusätzlich die Eltern
ten – in Form von Übungen im Unterricht oder eingebunden: Sie besuchten eine Informationsveran-
ganzen Trainingsprogrammen. Im Hier und Jetzt zu staltung und konnten anschließend per E-Mail
leben, soll aufgewühlte Teenagerseelen beruhigen und wöchentlich nachverfolgen, welche Übungen ihre
größeren Turbulenzen vorbeugen. Doch während die Kinder gerade lernten. Das letzte Drittel der Teilneh-
Wirksamkeit der Methode bei Erwachsenen gut belegt mer diente als Kontrollgruppe und besuchte während-
ist, fußt ihr Einsatz bei Jugendlichen auf einer dünnen dessen nur den regulären Unterricht.
wissenschaftlichen Grundlage, wie eine australische In keiner der Gruppen fanden Johnson und ihr
Studie zeigt. Team irgendwelche Effekte auf die Depressivität der
Die Forscherinnen um Catherine Johnson von Teilnehmer, ihre Ängstlichkeit, Sorgen in Bezug auf
der Flinders University in Adelaide untersuchten die ihr Äußeres oder das allgemeine Wohlbefinden. Bereits
Effektivität eines Programms, das in England und ein Jahr zuvor hatte dieselbe Forschungsgruppe in
Australien bereits zum Einsatz kommt. Die Teilnehmer einer ähnlichen Studie keine Wirkung des Programms
lernten darin in neun wöchentlichen Sitzungen von auf Jugendliche feststellen können. Frühere Überprü-
jeweils maximal einer Stunde eine Reihe von Achtsam- fungen des Trainings – wie auch ähnlicher Interven­
keitsübungen, darunter Atembeobachtungen, Anlei- tionen – hatten gemischte Resultate ergeben. Insgesamt
tungen zum bewussten Erleben des Alltags oder zur sei noch nicht ausreichend untersucht, welche Art
Wahrnehmung des eigenen Körpers. Mit Hilfe von von Achtsamkeitstraining ab welchem Alter sinnvoll
aufgezeichneten Anleitungen sollten sie auch zu Hause sei, schlussfolgern die Wissenschaftlerinnen. Es könne
täglich trainieren. Um die Motivation zu erhöhen, aber sein, dass pubertierende Jugendliche für das
wurde den Probanden unter anderem gesagt, dass sie Konzept generell schwer zu begeistern seien.
nun genau im richtigen Alter seien, um mittels Behav. Res. Ther. 99, S. 37–46, 2017

60
Autor dieser Rubrik: Joachim Retzbach

Schizophrenie
Schweig, Avatar!

R
und zwei Drittel der Patienten mit Schizophre- einer Software so verfremdet, dass sie für den Patien-
nie hören Stimmen. Oft empfinden sie die ten authentisch klang. Der vom Therapeuten gespielte
ungewollten Kommentare als bedrohlich oder Avatar sagte nun Dinge, wie sie die Patienten in ihren
beleidigend, was ihre Lebensqualität stark beeinträch- Halluzinationen typischerweise hörten. Die Probanden
tigt. Ein Viertel der Erkrankten spricht nicht auf eine sollten dem virtuellen Charakter entschieden ent­
medikamentöse Therapie des Symptoms an. Wie ein gegentreten, also ihm beispielsweise Kontra geben,
Forscherteam um Tom Craig vom King’s College wenn dieser sie beleidigte.
London nun demonstrierte, könnte in manchen Fällen Über den Verlauf von sechs Sitzungen gaben die
eine ungewöhnliche Behandlungsmethode helfen: Therapeuten sukzessive die Kontrolle über das Ge-
Unterhaltungen mit einem virtuellen Charakter. spräch an die Patienten ab. Anschließend hatte sich
75 Betroffene, die seit mindestens einem Jahr an deren Symptomatik gebessert: Sie hörten im Alltag
solchen akustischen Halluzinationen litten, erschufen weniger Stimmen als die Teilnehmer einer Kontroll-
zunächst zusammen mit einem speziell geschulten gruppe, die stattdessen eine psychologische Beratung
Therapeuten am Computer einen Avatar – ein Gesicht, erhalten hatten. Einige Monate nach Ende der Behand-
das so aussah, wie sich die Betroffenen den Sprecher lung war zwar auch in der Kontrollgruppe Besserung
ihrer wichtigsten Stimme vorstellten. Anschließend eingetreten. Die Avatar-Therapie hätte jedoch unge-
konnte der Therapeut von einem anderen Raum aus wöhnlich schnell Erfolge gezeitigt, schreiben die
den Avatar ähnlich wie eine digitale Handpuppe Autoren.
sprechen lassen. Dabei wurde der Tonfall mit Hilfe Lancet Psychiatry 10.1016/S2215-0366(17)30427-3, 2017

Therapieforschung
Gute Momente, schlechte Momente

W
elche Verhaltensweisen von Psychotherapeu- werteten sie als hilfreich, etwa wenn der Therapeut
ten sind am hilfreichsten für die Klienten? einfach aufmerksam zuhörte, Empathie zeigte oder
Das untersuchten Psychologen der Idaho eine positive Rückmeldung gab.
State University in einer Pilotstudie. Die Probanden In jeder Sitzung gab es allerdings Momente, welche
sahen sich darin die Videoaufzeichnung einer kürzlich die Klienten als negativ empfunden hatten. Zum
absolvierten Therapiestunde an und bewerteten in Beispiel, wenn sie das Gefühl hatten, dass der Thera-
Echtzeit, welche Situationen ihnen besonders geholfen peut über eigentlich unwichtige Dinge mit ihnen
hatten und welche ihnen für das Erreichen ihrer redete, oder wenn sie sich bevormundet fühlten.
Therapieziele hinderlich erschienen. Solche Erlebnisse würden zu jeder Therapie dazugehö-
Positiv beurteilten die Teilnehmer dabei zum einen ren, schreiben die Forscher um Joshua Swift von der
spezifische, also an eine bestimmte Therapie gebunde- Idaho State University. Entscheidend sei offenbar, dass
ne Angebote, etwa die Vermittlung von Wissen über man als Therapeut erkenne, wenn eine Handlung in
die Erkrankung oder das Trainieren sozialer Fertigkei- die falsche Richtung führe – und schnell gegensteuere.
ten. Doch auch allgemeine therapeutische Techniken J. Clin. Psychol. 73, S. 1543–1555, 2017

Traumatische Geburten Vier Prozent aller Frauen


SOLSTOCK / GETTY IMAGES / ISTOCK

entwickeln nach der Geburt eines Kindes eine


Posttraumatische Belastungsstörung. Bei Risiko-
schwangerschaften trifft es sogar rund 20 Prozent.
J. Affect. Disord. 208, S. 634–645, 2017

61
62
MEDIZIN

OSTILL / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)


MEDIZIN

SCHIZOPHRENIE Trotz aufwändiger Studien lässt


sich bislang kein einzelner Erbfaktor für ­
Schizophrenie ­ausmachen. Die Forscher müssen
ihre Suche ­entscheidend erweitern.

Die Stecknadel
im Genhaufen VO N M I C HA E L BA LT E R
OSTILL / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)

U N S E R AU TO R

Michael Balter ist Biologe und Wissenschafts­


journalist in San Francisco (USA). Er schreibt
unter anderem regelmäßig für »Scientific
­American«, das US-Schwestermagazin von
­»Spektrum der Wissenschaft«.

63
Auf einen Blick: Erbkrankheit Schizophrenie?

1 2 3
Mit aufwändigen so genannten Trotz einiger Erfolge sind die Neben erblichen Risikofakto­
genomweiten Assoziationsstudi­ bisherigen Ergebnisse ent­ ren müssen künftige Studien
en (GWAS) suchen Forscher täuschend. Ein einzelnes Gen auch schädigende Umweltein­
nach Erbfaktoren, die für den lässt sich für Schizophrenie offen­ flüsse einbeziehen, die bei der
Ausbruch psychischer Störungen bar nicht ausmachen; die auffäl­ Hirnentwicklung von Kindern und
wie Schizophrenie verantwortlich ligen Genversionen korrelieren nur Jugendlichen eine Rolle spielen.
sein könnten. schwach mit dem Erkrankungs­
risiko.

I
m Jahr 2016 meldeten US-Forscher, sie hätten sichts dieser Herausforderung gründeten Wissenschaft­
ein Gen entdeckt, das eng mit dem Risiko zu­ ler 2007 das Psychiatric Genomics Consortium (PGC),
sammenhänge, an Schizophrenie zu erkranken. das derzeit über mehr als 800 Mitarbeiter aus 38 Län­
Und wie so oft reagierte die Tagespresse mit vor­ dern verfügt und bereits statistische Daten von über
schnellem Enthusiasmus. Der Medienrummel 900 000 Personen gesammelt hat.
ist verständlich, gleicht doch die Geschichte der Mit einer so genannten genomweiten Assoziations­
Schizophrenieforschung einer langen Kette enttäusch­ studie (GWAS) erzielte die Schizophrenie-Arbeitsgrup­
ter Erwartungen. pe des PGC 2014 einen Durchbruch (siehe »Die Suche
Die biologische Grundlage dieses besonders rätsel­ nach dem richtigen Gen«, S. 66/67). Bei der Analyse
haften und komplexen seelischen Leidens ist seit Lan­ von rund 37 000 Schizophreniefällen und 113 000 Kon­
gem umstritten. Einigkeit besteht nur über das Ausmaß trollpersonen identifizierten die Wissenschaftler um
des Schadens, den es anrichtet: Berücksichtigt man so­ den Genetiker Michael O’Donovan von der britischen
wohl den unmittelbaren Betreuungsaufwand als auch Cardiff University 108 genetische Regionen, die mit der
die indirekten Verluste durch Arbeitsunfähigkeit und Krankheit zusammenhängen; darunter einige, die für
vorzeitigen Tod, so summieren sich etwa in den USA Signalsysteme im Gehirn zuständig sind, an denen gän­
die sozialen Kosten auf mehr als 60 Milliarden Dollar gige Antipsychotika angreifen.
pro Jahr. Allein dadurch käme jeder Forschungserfolg
einem enormen Fortschritt gleich. Ein lohnendes Ziel
Groß angelegte genetische Studien wecken seit mehr Die deutlichste Verbindung zur Schizophrenie zeigten
als einem Jahrzehnt die Hoffnung auf neue Erkenntnis­ DNA-Abschnitte, die für Proteine des Haupthistokom­
se und Therapien. Die wären auch dringend nötig: Die patibilitätkomplexes MHC (major histocompatibility
vorhandenen Psychopharmaka mildern bloß die offen­ complex) kodieren. Diese Eiweißverbindungen stellen
sichtlichsten Symptome wie Wahnvorstellungen und sicher, dass der Körper fremde Moleküle erkennt, und
Halluzinationen. Dabei verursachen sie aber oft schwe­ alarmieren das Immunsystem. Die MHC-Region er­
re Nebenwirkungen und helfen kaum gegen chronische wies sich somit als lohnendes Ziel, das die Arbeitsgrup­
Symptome wie Vereinsamung und kognitive Defizite. pe des Genetikers Steven McCarroll von der Harvard
Doch bisher enttäuschten all diese Studien die in sie Medical School in Boston daraufhin durchforstete. Die
gesetzten Erwartungen. Die Suche nach Genen für Schi­ Entdeckung der Forscher sorgte für die Schlagzeilen
zophrenie, Depression, Zwangserkrankungen und bi­ 2016: Eine Variante des MHC-Gens C4 erhöhte in den
polare Störung ergab, dass höchstwahrscheinlich in kei­ untersuchten Testgruppen das Schizophrenierisiko  –
nem Fall ein einzelner Erbfaktor allein für das jeweilige ­allerdings lediglich von 1 auf 1,27 Prozent.
Leiden verantwortlich ist. Die aufgespürten Variationen im C4-Gen betrafen
Das Fahnden nach den erblichen Ursachen seeli­ nicht bloß die Abfolge der DNA-Bausteine, sondern
scher Krankheiten ist an sich wohlbegründet. Seit Jahr­ auch die Länge sowie die Anzahl von Kopien dieses
zehnten legen Ergebnisse aus der Familien- und Zwil­ Gens. Frühere Untersuchungen ließen bereits vermuten,
lingsforschung eine starke genetische Komponente der dass bei Schizophrenie Abweichungen in der Genkopi­
Schizophrenie nahe. Dafür spricht schon das nahezu enzahl eine wichtige Rolle spielen könnten. Die neue
konstante Auftreten der Erkrankung: Ihre Häufigkeit Studie bestätigte den postulierten Zusammenhang zwi­
beträgt weltweit rund ein Prozent  – trotz der riesigen schen Kopienzahlvariation und Schizophrenie: Als das
sozioökonomischen und umweltbedingten Unterschie­ Team das Gehirn sowohl lebender als auch verstorbener
de, die auf dem Globus herrschen. Schizophreniepatienten mit dem von Kontrollpersonen
Um verdächtige Genversionen aufzuspüren, bedarf verglich, stießen sie bei den Erkrankten auf deutlich
es eines enormen statistischen Aufwands  – mit Zehn­ mehr C4-Protein, wahrscheinlich auf Grund der zusätz­
tausenden von Kranken und Kontrollprobanden. Ange­ lichen Exemplare des dafür zuständigen Gens.

64
MEDIZIN / SCHIZOPHRENIE

Welche molekularen Mechanismen stecken dahin­


ter? Wie weitere Experimente der Forscher mit Mäuse­ M E H R W I S S E N AU F
gehirnen zeigten, sorgt das C4-Protein für den Abbau »SPEKTRUM.DE«
von Nervenverbindungen, die im Lauf der Hirnentwick­
Weitere Informationen zu
lung nicht länger gebraucht werden (siehe Gehirn&Geist psychischen Störungen finden Sie im
6/2016, S. 11). Falls dieser an sich normale Hirnreifungs­ Gehirn&Geist-Dossier 2/2017
prozess ungebremst fortschreitet und dabei zu viele Sy­ »Wenn die Seele den Halt verliert«:
napsen gestutzt werden, könnte das die Ursache für www.spektrum.de/shop
manche Schizophreniesymptome sein. Tatsächlich wei­
sen Erkrankte eine dünnere Hirnrinde und weniger Sy­
napsen auf. Außerdem treten Schizophrenie und ande­ So gesehen könnte die C4-Studie vor allem dazu die­
re Psychosen meist erst im späten Jugend- und frühen nen, manchen Forschern allzu simple Vorstellungen
Erwachsenenalter auf, wenn die Hirnreifung im We­ über genetische Ursachen psychischer Krankheiten aus­
sentlichen abgeschlossen ist. zutreiben – zerstören doch alle bisherigen Befunde die
Die Ergebnisse schienen zunächst zu bestätigen, dass Hoffnung, Schizophrenie lasse sich auf einige wenige
sich aufwändige Assoziationsstudien lohnen. GWAS Mutationen zurückführen. Jeder der 108 mit der Krank­
hätten eine »erstaunliche und nie da gewesene Explosi­ heit in Zusammenhang gebrachten Genorte trägt ledig­
on unseres Wissens« über Geisteskrankheiten ausgelöst, lich einen Bruchteil zum Risiko bei. Und die wenigen
meint der Genetiker Patrick Sullivan von der University hochriskanten Gene sind nur für ein paar Fälle verant­
of North Carolina in Chapel Hill. Auch David Goldstein wortlich. Deshalb werden die neuen Erkenntnisse in
von der Columbia University in New York – eigentlich nächster Zeit kaum zu Therapien führen.
ein GWAS-Skeptiker – räumt ein, mit der Bostoner C4-
Studie »liefert eine GWAS zum ersten Mal das, was wir Methodische Schwächen
von ihr erwarten«. Andere führende Genetiker äußern Wie wichtig ist das C4-Gen überhaupt für die Krank­
sich allerdings weniger begeistert. »GWAS werden heit? In McCarrolls Studie trugen 27 Prozent der fast
nichts zur biologischen Erklärung der Schizophrenie 29 000 Schizophreniepatienten eine als riskant einge­
beitragen«, behauptet Mary-Claire King von der Uni­ stufte Variante des C4-Gens – aber auch 22 Prozent von
versity of Washington in Seattle, die 1990 das Gen 36 000 gesunden Kontrollpersonen! »Selbst wenn die
BRCA1 als Brustkrebs-Risikofaktor identifiziert hatte. C4-Geschichte stimmt, erklärt sie nur einen unbedeu­
Hinter den meisten Schizophreniefällen stecken ver­ tenden Anteil der Schizophreniefälle«, betont der Evo­
mutlich Hunderte oder gar Tausende von Genen. »Wie lutionsgenetiker Kenneth Weiss von der Pennsyl­vania
GWAS zeigen, ist Schizophrenie derart polygen, dass State University. »Der Nutzen ist fraglich.« Wie McCar­
sich vielleicht gar nichts finden lässt außer einem unde­ roll einräumt, beweist seine Studie nicht einen direkten
finierbaren genetischen Rauschen«, meint der Verhal­ Zusammenhang zwischen Synapsenabbau und Schizo­
tensgenetiker Eric Turkheimer von der University of phrenie, sondern zeigt nur mögliche biologische Me­
Virginia in Charlottesville. chanismen auf.

Fragwürdige Erblichkeit
Schizophrenie gilt als hochgradig erblich. Dabei mals – ob Körpergröße, Intelligenzquotient oder
wird Erblichkeit oft als Maß für die relative Rolle Schizophrenie – genetische Unterschiede in einer
der Gene interpretiert und in Prozent ausgedrückt. bestimmten Population widerspiegelt.
Vor allem Zwillingsstudien dienen dazu, die Erb­ Als Beispiel dafür, wie irreführend Erblichkeits­
lichkeit der Schizophrenie zu messen; entsprechen­ schätzungen sein können, verweist der Genetiker
de Schätzungen liegen bei rund 80 Prozent. Viele Eric Turkheimer von der University of Virginia auf
Forscher halten solche Aussagen jedoch für irrefüh­ die Eigenschaft der Zweiarmigkeit: Nahezu jeder
rend. Sie bezweifeln vor allem die Grundannahme, Mensch in einer beliebigen Population besitzt zwei
eineiige und zweieiige Zwillinge unterlägen densel­ Arme. Und diesbezüglich unterscheiden sich ein­
ben Umwelteinflüssen. eiige Zwillinge mit identischer DNA nicht von
Einige Forscher kritisieren den Erblichkeitsbe­ zweieiigen Zwillingen, die nur rund die Hälfte ihrer
griff noch grundsätzlicher. Ihrer Ansicht nach sagen Gene teilen. Nach den üblichen Kriterien ergäbe
die Berechnungen gar nichts über die relative Rolle das eine berechnete Erblichkeit von null Prozent –
von Genen und Umwelt aus. In Wahrheit messe die obwohl wir wissen, dass Zweiarmigkeit natürlich
Erblichkeit nur, inwieweit die Variation eines Merk­ fast ausschließlich genetisch bedingt ist.

65
Die Suche nach dem richtigen Gen
Das Humangenomprojekt lieferte im Jahr 2000 erste Genkarten des Menschen. Davon erhofften sich Wissen­
schaftler den Beginn einer Ära der personalisierten Medizin, die gezielte Gentherapien für viele körperliche
und seelische Leiden versprach – auch für Schizophrenie. Umfangreiche Untersuchungen identifizierten zwar
Genvariationen, die das Schizophrenierisiko erhöhen; neue Behandlungsformen stehen aber noch aus.

SNP

Chromosom

Zellkern
DNA
Zelle

Gen Nukelotidpaar Nukleotid

SCHIZOPHRENIA-ASSOCIATED GENETIC LOCI. IN: NATURE 511, S. 421-427, 2014; SCIENTIFIC AMERICAN MAI 2017
YOUSUN KOH, NACH: EMILY COOPER; DATEN NACH: RIPKE, S.: BIOLOGICAL INSIGHTS FROM 108
Der Zellkern des Menschen beherbergt 23 Chromosomen- In manchen Genvarianten ist nur ein einziges Nukleotid
paare, die aus langen DNA-Fäden bestehen. Die DNA- verändert. Treten diese Einzelnukleotidpolymorphismen oder
Bausteine, so genannte Nukleotide, bilden paarweise die kurz SNPs (von englisch: single-nucleotide polymorphisms;
Buchstaben des genetischen Kodes. Eine Nukleotidsequenz, rot) bei Erkrankten häufiger auf, können sie entweder selbst
die Informationen für die Herstellung eines Proteins liefert, das Krankheitsrisiko erhöhen, oder sie weisen auf benach-
heißt Gen; seine Varianten werden Allele genannt. barte mutierte Allele hin.

C4 GRM3 DRD2

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 X

Die GWAS-Methode weist zudem methodische Menschen, die als Teil eines Kontinuums am extremen
Schwächen auf: Um die notwendigen riesigen Stichpro­ Ende des Spektrums menschlicher Wahrnehmungen
bengrößen zu erreichen, unterscheiden die Genetiker stehen.« So weit möchte der Psychiater und Schizophre­
zwischen Kranken und Kontrollpersonen je nachdem, nie-Experte William Carpenter von der University of
ob der Betreffende formal als Schizophrener diagnos­ Maryland zwar nicht gehen, räumt aber ein, dass es sich
tiziert wurde oder nicht. Die Kriterien dafür sind aller­ nicht um eine klar umrissene Krankheit, sondern um
dings vage. Sowohl nach dem »Diagnostic and Statis­ eine Gruppe von Störungen oder Symptomen handelt.
tical Manual of Mental Disorders« der American Psy­ »Das macht sie zu einem schwer zu treffenden Ziel für
chiatric Association wie auch nach der »International die Suche nach Genen.«
Classification of Diseases« der Weltgesundheitsorganisa­
tion können ganz unterschiedliche Symptome – Wahn­ »Besessen von Symptombekämpfung«
vorstellungen, Halluzinationen oder kognitive Stö­run­ Besonders skeptisch äußern sich Psychiater, Patienten­
gen – zur Diagnose führen. vertreter sowie frühere Patienten. Der GWAS-Ansatz
Die Neurologin Hannelore Ehrenreich vom Max- setze einseitig auf die Entwicklung neuer Medikamente
Planck-Institut für Experimentelle Medizin in Göttin­ zur Symptomlinderung. »Die Besessenheit von der rei­
gen betrachtet Schizophrenie nicht als definierte Krank­ nen Symptombekämpfung deckt sich nicht mit den In­
heit, sondern als Oberbegriff für eine Reihe unter­ teressen der Patienten«, meint der Psychiater Jim van
schiedlicher Leiden. »Wir konzentrieren uns hier auf Os von der Universität Maastricht in den Niederlanden.

66
MEDIZIN / SCHIZOPHRENIE

Bei genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) durch­ Forscher besonders für SNPs – Genversionen mit einem
forsten Wissenschaftler die DNA von tausenden einzigen veränderten Baustein. Eine GWAS eignet
Personen, um mit aufwändigen statistischen Verfahren sich vor allem für komplexe Leiden, bei denen nicht eine
solche ­Genvarianten aufzuspüren, die bei Kranken einzelne Mutation, sondern viele verschiedene Gen­
etwas häufiger auftreten. Dabei interessieren sich die versionen zum Risiko beitragen.

individueller bei Erkrankten häufiger auftretende SNPs


Genomabschnitt

erkrankte Fallgruppe
SCHIZOPHRENIA-ASSOCIATED GENETIC LOCI. IN: NATURE 511, S. 421-427, 2014; SCIENTIFIC AMERICAN MAI 2017
YOUSUN KOH, NACH: EMILY COOPER; DATEN NACH: RIPKE, S.: BIOLOGICAL INSIGHTS FROM 108

gesunde Kontrollgruppe

Eine Schizophrenie-GWAS mit 37 000 Patienten und C4 auf Chromosom 6: hilft beim Kappen von nicht mehr
113 000 Kontrollpersonen identifizierte 108 SNPs, die mit benötigten Synapsen. Ist das zum Immunsystem gehörende
der Krankheit korrelierten – ein unmittelbares »Schizo- C4-Protein überaktiv, stutzt es zu viele Nervenverbindun-
phrenie-Gen« fanden die Forscher nicht. Doch einige gen – und trägt damit vielleicht zur Schizophrenie bei.
der Genorte kodieren für Proteine, welche die Signal-
übertragung im Gehirn beeinflussen und somit an der GRM3 auf Chromosom 7: beeinflusst die Signalübertragung
Ausprägung von Schizophreniesymptomen zu tun haben durch den Neurotransmitter Glutamat. Mehrere SNPs dieses
könnten. Drei Gene fielen besonders auf: Gens werden mit Schizophrenie und anderen psychischen
Störungen assoziiert.

DRD2 auf Chromosom 11: interagiert mit dem Neurotrans-


mitter Dopamin. Am Dopaminrezeptor DRD2 setzen antipsy-
chotische Medikamente an.

Die Betroffenen wünschten sich vor allem ein produkti­ sen wir dafür sorgen, dass ihre Umwelt so etwas nicht
ves, sozial integriertes Leben – und das erfordere nicht auslöst«, betont Jacqui Dillon, die das britische Hearing
unbedingt mehr Medikamente. Voices Network leitet. Die Aktivistin, bei der als Jugend­
Van Os sowie immer mehr Patientenvertreter halten liche Schizophrenie diagnostiziert wurde und die noch
den Begriff »Schizophrenie« selbst für einen Teil des heute Stimmen hört, ist überzeugt, die Schizophrenie­
Problems; stigmatisiere er doch die Patienten, ohne genetik »ändert nichts an dem, was wir tun müssen, um
richtig anzugeben, was ihnen fehlt. Tatsächlich haben zu verhindern, dass Menschen verrückt werden«.
mehrere asiatische Länder, darunter Japan, Südkorea, Einige Forscher halten die Suche nach Genen über­
Hongkong und Singapur, die traditionelle Klassifikation haupt für einen Irrweg, da sie den Anteil der Umwelt
ganz abgeschafft. Der japanische Ausdruck »Geistspal­ sowie persönlicher und familiärer Risikofaktoren igno­
tungskrankheit« für Schizophrenie wurde 2002 durch riere. Gelegentlich wird sogar die vorwiegend aus Fami­
»Integrationsstörung« ersetzt; in Korea spricht man in­ lien- und Zwillingsstudien abgeleitete Grundidee in
zwischen von »Abstimmungsstörung«. Frage gestellt, Schizophrenie sei weitgehend »erblich«.
Etliche Forscher und Interessenvertreter kritisieren, Dabei liefert der komplexe Begriff Vererbung gar kein
die gängige Nomenklatur  – sowie die Suche nach Ge­ direktes Maß dafür, wie »genetisch« eine bestimmte
nen – beschränke das Leiden auf eine Hirnerkrankung. ­Eigenschaft  – etwa eine formal diagnostizierte Schi­
»Wenn manche Menschen durch genetische Variatio­ zophrenie  – wirklich ist (siehe »Fragwürdige Erblich­
nen dazu neigen, diese Erlebnisse zu haben, dann müs­ keit«, S. 65).

67
So ergab eine 2012 von Jim van Os und seinen Mit­
arbeitern veröffentlichte Metastudie, dass an psychoti­
schen Symptomen leidende Patienten mit fast dreifach
erhöhter Wahrscheinlichkeit traumatische Kindheits­
erlebnisse durchgestanden hatten. Mit solchen Zahlen

OSTILL / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELLEN)


kann kein bisher per GWAS identifiziertes genetisch be­
dingtes Risiko auch nur entfernt mithalten.
2014 zeigten Hannelore Ehrenreich und ihre Kolle­
gen, wie die Kombination genetischer und umweltbe­
dingter Daten neue Erkenntnisse zu liefern vermag. Das
Team berichtete über 750 männliche Schizophrenie­
patienten in Deutschland, bei denen ausnahmsweise so­
wohl GWAS-Resultate als auch detaillierte Daten zur
sozialen Umwelt vorlagen. Bei Schizophrenie entschei­
det bekanntlich das Alter, in dem die Krankheit aus­
bricht, über deren weiteren Verlauf: Je früher sie be­
ginnt, desto schlimmer wird sie. Wie die Forscher nun
herausfanden, korrelierten Umweltfaktoren wie frühe
»Es ist eine Schande, wie Hirnschädigung, Kindheitstrauma, städtische Umge­
bung, Migrationshintergrund und vor allem Cannabis­
genetische Studien Umwelt- konsum signifikant mit einem frühen Krankheitsbe­
daten vernachlässigen« ginn: Patienten, auf die vier oder mehr dieser Faktoren
zutrafen, erkrankten fast zehn Jahre früher als die von
Rudolf Uher (Dalhousie University) Umweltrisiken verschonten Fälle. Hingegen zeigten die
aus den GWAS-Daten berechneten polygenen Risiko­
werte keinen erkennbaren Zusammenhang mit dem
Die soziale Umwelt verursacht nach Überzeugung Zeitpunkt des Krankheitsbeginns.
mancher Wissenschaftler ein deutlich größeres Schizo­ Ehrenreich schließt daraus keineswegs, Gene seien
phrenierisiko als die meisten der bisher identifizierten irrelevant. Vielmehr scheinen »genetische Faktoren von
Gene. Epidemiologischen Studien zufolge reichen die einem Menschen zum nächsten so stark zu variieren,
Risikofaktoren vom Leben in städtischer Umgebung dass jeder aus einem anderen Grund krank wird«. Un­
über Immigrantenstatus und Armut bis hin zu sexuel­ terdessen untersuchen weitere Forscher im Rahmen
lem Missbrauch (siehe Gehirn&Geist 6/2016, S. 12). der so genannten Epigenetik, ob Umweltstress Gene ein-
2016 stellte ein israelisches Team fest, dass Holo­ und auszuschalten vermag.
caust-Überlebende häufiger an Schizophrenie leiden.
Andere Forscher fanden ein erhöhtes Risiko bei Men­ Der Weg zu neuen Therapien
schen, welche die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Die GWAS-Forscher sollten nach Meinung von Ehren­
Nordirland durchlitten hatten. Wie all diese Umweltfak­ reich und anderen Wissenschaftlern endlich beginnen,
toren zum Erkrankungsrisiko beitragen, bleibt aller­ in ihre Studien möglichst viele Informationen einzube­
dings unklar. ziehen, um daraus ein statistisches Modell für das Zu­
Offenbar müssen die Forscher ein breites Ursachen­ sammenwirken von Genen und Umwelt bei Schizo­
spektrum in Betracht ziehen. Manche Menschen sind phrenie zu entwickeln. »Es ist eine Schande, wie einige
wohl genetisch bedingt anfällig für geistige Störungen, der finanziell und technisch aufwändigsten genetischen
aber vermutlich stoßen erst familiäre oder andere sozi­ Studien Umweltdaten vernachlässigen«, meint der Psy­
ale Faktoren eine labile Person über die Schwelle zur chiater Rudolf Uher von der kanadischen Dalhousie
ersten psychotischen Episode. Es gilt also herauszufin­ University.
den, wie genetische und umweltbedingte Einflüsse da­ Leider ist das Kombinieren von Epidemiologie und
bei zusammenwirken. Genetik leichter gesagt als getan. »Umweltdaten zu sam­
Selbst hartnäckige Verfechter der reinen Vererbungs­ meln, ist ungeheuer kostspielig, und über die Definition
lehre geben zu, dass Umweltfaktoren eine gewisse Rolle dieser Umweltvariablen besteht keineswegs Einigkeit«,
spielen müssen. »Gene sind kein Schicksal«, gesteht mahnt Genetiker O’Donovan.
McCarroll ein und verweist auf Zwillingsstudien: Wenn Die große Frage bleibt freilich, ob die Gensuche
bei einem eineiigen Zwilling Schizophrenie vorliegt, lei­ selbst unter Berücksichtigung der Umwelt letztlich zu
det der andere nur in der Hälfte aller Fälle ebenfalls da­ neuen Therapien führen wird. Nach Meinung der meis­
ran. Das ist ein deutliches Indiz dafür, wie wichtig nicht­ ten Experten dürfte das noch etliche Jahre dauern. Die
genetische Einflüsse sein müssen. Genetik habe »erste belastbare biologische Hinweise

68
MEDIZIN / SCHIZOPHRENIE

zum Verständnis der Schizophrenie geliefert«, erklärt gischer Forschung gegenüber psychosozialen Ansätzen
der australische Genetiker Peter Visscher von der Uni­ muss korrigiert werden«, fordert der Neurologe Brian
versity of Queensland. »Noch lässt sich nicht sagen, ob Koehler von der New York University.
diese Entdeckungen zu neuen Therapien führen – aber Wegen der Komplexität des Leidens bleiben umfas­
nichts spricht dagegen.« sende neue Therapien einstweilen Zukunftsmusik. Viel­
Parallel zu genetischen Studien verfolgen Schizo­ leicht erlauben es eines Tages Hirnscans oder andere
phrenieforscher viele andere Spuren. Sie suchen nach ­diagnostische Tests, ein Schizophrenierisiko schon bei
Biomarkern, also verräterischen Molekülen im Blut ­Jugendlichen zu erkennen. Dann könnten neue Medi­
oder Auffälligkeiten in Hirnscans, die auf ein Krank­ kamente und Psychotherapien den ersten psychoti­
heitsrisiko hindeuten. Das könnte zu einem früheren schen Ausbruch hinauszögern oder ganz verhindern.
Behandlungsbeginn führen – was zahlreichen Untersu­ Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Biologen und So­
chungen zufolge den langfristigen Therapieerfolg stei­ ziologen aber erst einmal gemeinsam ein interdiszipli­
gert. Und da Kinder, deren Mutter während der Schwan­ näres Profil der wohl kompliziertesten seelischen Er­
gerschaft an einer Infektion erkrankte, anscheinend krankung erarbeiten. H
häufiger schizophren werden (vermutlich weil das alar­
mierte mütterliche Immunsystem das Gehirn des Fötus
schädigt), gelten auch entzündungshemmende Medika­
mente als viel versprechend. QUELLEN
Mehrere klinische Studien legen nahe, dass kognitive Balter, M.: Talking back to Madness.
Verhaltenstherapie und andere psychosoziale Ansätze In: Science 343, S. 1190–1193, 2014
die Symptome und das Leiden der Patienten lindern. Schizophrenia Working Group of the Psychiatric Genomics
Obwohl diese Forschungsrichtung umstritten ist und Consortium: Biological Insights from 108 Schizophrenia-
bisher nur bescheidene Erfolge vorweisen kann, werden Associated Genetic Loci. In: Nature 511, S. 421–427, 2014
ihre Anhänger in Europa und den USA zunehmend Sekar, A. et al.: Schizophrenia Risk from
­anerkannt. In Großbritannien beispielsweise empfehlen Complex Variation of Complement Component 4.
die Gesundheitsbehörden die kognitive Verhaltens­ In: Nature 530, S. 177–183, 2016
therapie generell bei neu auftretenden Psychosen. »Die Weitere Quellen im Internet:
finanzielle Bevorzugung genetischer und pharmakolo­ www.spektrum.de/artikel/1524899

LIEFERBARE »GEHIRN&GEIST«-AUSGABEN

Gehirn&Geist 01/2018: Gehirn&Geist 12/2017: Gehirn&Geist 11/2017: Gehirn&Geist 10/2017:


Die größten Experimente der Oliver Sacks: Das kreative Resilienz: Was die Psyche Die Denkfehler der Homöo-
Psychologie • Kopf-Trans- Selbst • Islands Erfolgsrezept wachsen lässt • Andropause: pathie • Psychotests per
plantation • Wie Hirnscans gegen Drogensucht • Burn- Gibt es männliche Wechsel- Ferndiagnose? • Intersexua-
zu Stande kommen und was out: Eltern am Ende ihrer jahre? • Neue ALS-Therapie: lität: Leben zwischen den
sie aussagen • Deuten Selbst- Kräfte • Ehrfurcht: Wunder Cocktail statt Wunderdroge • Geschlechtern • Babygehirn:
verletzungen auf Suizidab- des Alltags • Teil 1: Serie Infografi k: Psychologie Neue Einblicke ins erwachen-
sicht? • € 7,90 Gedächtnisforschung • € 7,90 im Gerichtssaal • € 7,90 de Denken • € 7,90

A L L E L I E F E R BA R E N AU S G A B E N VON
» G E H I R N & G E I ST « F I N DE N SI E I M I N T E R N E T:
www.gehirn-und-geist.de/archiv
69
MEDIZIN

EPIDEMIOLOGIE Retrospektive Studien unterschätzen die


Verbreitung psychischer Leiden: Nur bei einem von fünf Menschen
bleibt die Seele ein Leben lang gesund.

Psychische Störung?
Völlig normal!
VO N J O NAT HA N S C HA E F E R U N D A A R O N R E U B E N

P
sychische Erkrankungen werden oft als Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte zurückliegen konn­
­ ngewöhnlich und sogar als beschämend
u ten. Es ist fraglich, wie zuverlässig solche retrospektiven
angesehen. Neue Befunde aus aller Welt, Auskünfte sind, denn wenn man Menschen nach ihrer
darunter auch unserer Forschungsgruppe, psychischen Verfassung fragt, machen sie oft wechseln­
legen jedoch nahe, dass die Mehrheit der de oder widersprüchliche Angaben. Noch dazu verwei­
Menschen mindestens einmal im Leben gert jeder Dritte, der zu solchen Studien eingeladen
eine diagnostizierbare psychische Störung entwickelt. wird, seine Teilnahme. Und wie weitere Erhebungen
Seit Langem ist bekannt, dass zu einem gegebenen ­nahelegen, verfügen letztere Personen im Schnitt eher
Zeitpunkt ungefähr 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung über eine schlechtere psychische Gesundheit.
akut unter einer psychischen Erkrankung leiden. Sie Deshalb verfolgte eine Analyse, die einer von uns
sind psychisch so schwer belastet, dass ihr Privatleben (Jonathan Schaefer) 2017 veröffentlichte, einen anderen
sowie ihre Leistungen in der Schule oder bei der Arbeit Ansatz. Die Daten stammen aus der bekannten Dune­
beeinträchtigt sind. Ab Mitte der 1990er Jahre ließen din-Studie, in der eine Generation von Neuseeländern
zudem umfangreiche Studien in den USA vermuten, aus derselben Stadt von der Geburt bis ins mittlere Le­
dass fast jeder Zweite zu irgendeinem Zeitpunkt in sei­ bensalter alle paar Jahre Auskunft gab über ihr Befin­
nem Leben betroffen ist. Diese Untersuchungen umfass­ den und etwaige Hinweise auf eine psychische Erkran­
ten Tausende von Teilnehmern, die in Hinblick auf ihr kung. Wenn man diese regelmäßigen Screenings zu
Alter, ihr Geschlecht sowie ihre soziale und ethnische Grunde legt, steigt der Anteil jener, die zumindest kurz­
Herkunft repräsentativ für die gesamten USA waren. zeitig unter einer psychischen Störung leiden, auf mehr
Allerdings beruhten sie auf der Erinnerung der Pro­ als vier Fünftel. In der neuseeländischen Kohorte blie­
banden an eigene Gefühle und Verhaltensweisen, die ben bis ins mittlere Lebensalter nur 17 Prozent ver­

UNSERE EXPERTEN

Jonathan Schaefer (links) und Aaron Reuben sind Psychologen und


forschen auf dem Gebiet der klinischen Psychologie und Epidemiologie
an der Duke University in Durham, North Carolina.

70
FCSCAFEINE / GETTY IMAGES / ISTOCK

71
MEDIZIN / EPIDEMIOLO GIE

Auf einen Blick: Seelenleid als Volkskrankheit

1 2 3
Rund vier von fünf Menschen Gerade die verbreitetsten Ein regelmäßiges Screening
erkranken bis ins mittlere psychischen Erkrankungen sollte deshalb bei Kindern und
Lebensalter mindestens einmal sind zwar nicht von Dauer, Erwachsenen so selbstver­
an einer psychischen Störung wie doch selbst kurzzeitige Beschwer­ ständlich sein, wie den Blutdruck
etwa einer Depression. den können nachhaltige Schäden zu prüfen.
hinterlassen.

schont. Weil wir nicht sicher sein konnten, dass diese verhalten sich Menschen mitfühlender und hilfsberei­
Teilnehmer in den Jahren zwischen den Screenings ter, wenn sie glauben, dass die gesundheitlichen Proble­
auch gesund waren, könnte der Anteil sogar noch nied­ me eines Freundes oder eines Kollegen vorübergehen.
riger liegen. Und genau das brauchen Betroffene: Unterstützung.
Ähnliche Studien in der Schweiz und in den USA Denn selbst kurzzeitige Beschwerden können im Leben
­haben Schaefers Analyse bestätigt (siehe »Die Züricher eines Menschen verheerende Schäden anrichten. Um
Kohortenstudie«, unten). Sie zeigen ebenfalls, dass die als psychisch krank diagnostiziert zu werden, sagt Hor­
meisten Menschen zumindest einmal im Leben eine wood, müsse man schon recht strenge Kriterien erfül­
psychische Störung entwickeln. Das ist wahrscheinli­ len. »Die Störung muss das Leben erheblich beeinträch­
cher, als beispielsweise Diabetes, eine Herzerkrankung tigen.«
oder Krebs zu bekommen. Manche Menschen haben den Eindruck, mit Mel­
dungen über die hohe Verbreitung psychischer Stö­
Einmal krank, immer krank? Stimmt nicht! rungen würden normale menschliche Erfahrungen
Eine solche Störung hält aber nicht zwangsläufig ein ­pathologisiert. Doch gerade aus den Reihen der Betrof­
­Leben lang an. »Psychische Erkrankungen sind oft von fenen kommt dagegen Widerspruch. »Die Zahlen über­
kurzer Dauer oder nicht so schwer wiegend«, sagt der raschen mich überhaupt nicht«, sagt Paul Gionfriddo,
Epidemiologe John Horwood, Direktor einer weiteren Präsident von Mental Health America, einer nationalen
großen Längsschnittstudie in Christchurch, Neuseeland. Interessenvertretung von Betroffenen. Die Organisation
Auch von seinen Probanden erkrankten fast 85 Prozent glaubt, dass psychische Erkrankungen verbreitet sind,
bis zur Lebensmitte mindestens einmal an einer psychi­ aber eben nicht unbedingt ein Leben lang andauern
schen Störung. müssen. Vor drei Jahren brachte Mental Health Ame­
Diese Erkenntnis könnte eine nützliche Botschaft rica Onlinetests heraus, mit denen Menschen eigen­
sein. Wie der Sozialpsychologe Jason Siegel feststellte, ständig überprüfen können, ob sie an einer psychischen
Erkrankung leiden und womöglich behandlungsbe­
dürftig sind. Seitdem wurden die Tests 1,5 Millionen
Mal genutzt, und jeden Tag kommen 3000 Abrufe dazu.
Aus der hohen Verbreitung psychischer Störungen
Die Züricher Kohortenstudie sollte man Konsequenzen ziehen, findet Betroffenen­
Eine Schweizer Langzeitstudie verfolgt seit dem vertreter Gionfriddo, dessen Sohn in der Kindheit un­
Jahr 1978 die Gesundheit von damals 19- und bemerkt an Schizophrenie erkrankte, schließlich auf der
20-­jährigen Männern und Frauen aus dem Kanton Straße lebte und im Gefängnis landete. »Die Gesell­
Zürich. Über einen Zeitraum von 30 Jahren fragten schaft würde von einem allgemeinen Screening der psy­
die Forscher die knapp 600 Männer und Frauen chischen Gesundheit enorm profitieren.« Präventions­
bisher sieben Mal per Fragebogen und in klinischen experten in den Vereinigten Staaten empfehlen derzeit
Interviews nach Symptomen der verbreitetsten ein solches Screening für jedes Kind ab dem Alter von
psychischen Erkrankungen. elf Jahren. Doch es zählt längst nicht zu den Routine­
Bis zum Alter von 50 Jahren erkrankten dem- untersuchungen. »Auch bei Erwachsenen sollte das so
nach fast drei Viertel der Teilnehmer mindestens üblich sein, wie den Blutdruck messen zu lassen«, sagt
einmal an einer psychischen Störung. Allein rund Gionfriddo.
jeder Dritte durchlebte eine depressive Episode. Und noch eine andere Schlussfolgerung liegt nahe:
Wie aus anderen Untersuchungen ebenfalls be- die Psyche jener widerstandsfähigen Menschen unter
kannt, litten Frauen häufiger an Depressionen und die Lupe zu nehmen, die nicht ein einziges Mal in ihrem
Angststörungen, und Männer neigten eher zu Leben psychisch erkranken. Denn ihre robuste Konsti­
Missbrauch und Abhängigkeit von Alkohol und tution zu studieren, könnte nützliche Erkenntnisse lie­
anderen Drogen. (red) fern und damit vielen anderen helfen.

72
M E H R W I S S E N AU F Impressum
»SPEKTRUM.DE«
Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A.
(verantwortlich)
Was Menschen mit Depressionen Artdirector: Karsten Kramarczik
hilft, lesen Sie in unserem Redaktionsleitung: Dr. Hartwig Hanser
Redaktion: Steve Ayan (stv. Redaktionsleitung, Ressortleitung Psycho-
digitalen Spektrum Kompakt logie), Dr. Katja Gaschler (Koordination Sonderhefte), Dr. Anna
»Wenn die Seele leidet«: von Hopffgarten (Ressortleitung Hirnforschung), Dr. Andreas Jahn
(Ressortleitung Medizin), Dipl.-Psych. Liesa Klotzbücher,
www.spektrum.de/shop B. A. Wiss.-Journ. Daniela Zeibig
Freie Mitarbeit: Dr. Joachim Retzbach
Assistentin des Chefredakteurs, Redaktionsassistenz: Lena Baunacke
Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Katharina Werle
Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
Layout: Karsten Kramarczik, Sibylle Franz, Oliver Gabriel,
Anke Heinzelmann, Claus Schäfer, Natalie Schäfer

In unserer neuseeländischen Kohorte fanden wir bei Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Manfred Cierpka, Institut für
Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie,
diesen Menschen zwei besondere Merkmale. Erstens Universität Heidelberg; Prof. Dr. Angela D. Friederici, Max-Planck-Institut
für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig; Prof. Dr. Jürgen
waren auch ihre Verwandten selten an einer psychi­ Margraf, Arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie,
Ruhr-Universität Bochum; Prof. Dr. Michael Pauen, Institut für
schen Störung erkrankt. Zweitens zeichneten sie sich Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin; Prof. Dr. Frank Rösler,
durch vorteilhafte Persönlichkeitseigenschaften aus: Institut für Psychologie, Universität Hamburg; Prof. Dr. Gerhard Roth,
Institut für Hirnforschung, Universität Bremen; Prof. Dr. Henning Scheich,
Schon mit fünf Jahren erlebten sie augenscheinlich we­ Leibniz-Institut für Neurobiologie, Magdeburg; Prof. Dr. Wolf Singer, ­
Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main;
niger negative Gefühle, kamen mit Gleichaltrigen bes­ Prof. Dr. Elsbeth Stern, Institut für Lehr- und Lernforschung, ETH Zürich
ser zurecht und verfügten über eine größere Selbstkon­ Übersetzung: Dr. Markus Fischer, Christiane Gelitz, Esther Hansen,
trolle. Dabei stammten sie weder aus wohlhabenderen Dr. Michael Springer
Herstellung: Natalie Schäfer
Familien noch waren sie klüger oder körperlich gesün­ Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel.: 06221 9126-741,
E-Mail: service@spektrum.de
der als ihre Altersgenossen. Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel.: 06221 9126-744
Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
Die wichtigste Erkenntnis lautet jedoch: Psychische Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Hausanschrift: Tiergartenstraße 15–17,
Erkrankungen sind nahezu universell. Der Gesetzgeber 69121 Heidelberg, Tel.: 06221 9126-600, Fax: 06221 9126-751,
Amtsgericht Mannheim, HRB 338114
sollte deshalb die nötigen Ressourcen für regelmäßige Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg,
Tel.: 06221 9126-712, Fax: 06221 9126-779,
Screenings, präventive Maßnahmen und für die nötigen E-Mail: gehirn-und-geist@spektrum.de

Behandlungen bereitstellen. Und die Gesellschaft sollte Geschäftsleitung: Markus Bossle, Thomas Bleck
psychische Leiden ebenso betrachten wie gebrochene Leser- und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser, Ute Park,
Tel.: 06221 9126-743, E-Mail: service@spektrum.de
Knochen, Nierensteine oder eine Grippe – als ganz nor­ Vertrieb und Abonnementsverwaltung: Spektrum der Wissenschaft
Verlagsgesellschaft mbH, c/o ZENIT Pressevertrieb GmbH,
males Auf und Ab des menschlichen Lebens. Das könn­ Postfach 81 06 80, 70523 Stuttgart, Tel.: 0711 7252-192, Fax: 0711 7252-366,
E-Mail: spektrum@zenit-presse.de, Vertretungsberechtigter: Uwe Bronn
te dazu beitragen, dass wir alle in schweren Zeiten nach­
Die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH ist Kooperations-
sichtiger mit uns selbst oder mit nahestehenden Betrof­ partner der Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation gGmbH
fenen umgehen. H (NaWik).

Bezugspreise: Einzelheft: € 7,90, sFr. 15,40, Jahresabonnement


Inland (12 Ausgaben): € 85,20, Jahresabonnement Ausland: € 93,60,
Jahresabonnement Studenten Inland (gegen Nachweis): € 68,40,
Jahresabonnement Studenten Ausland (gegen Nachweis): € 76,80.
Zahlung sofort nach Rechnungserhalt. Postbank Stuttgart,
IBAN: DE52 6001 0070 0022 7067 08, BIC: PBNKDEFF
QUELLEN
Die Mitglieder der DGPPN, des VBio, der GNP, der DGNC, der GfG,
Angst, J. et al.: The Epidemiology of Common Mental der DGPs, der DPG, des DPTV, des BDP, der GkeV, der DGPT, der DGSL,
der DGKJP, der Turm der Sinne gGmbH, der NOS (Neurofeedback Orga­
Disorders from Age 20 to 50: Results from the Prospective nisation Schweiz) sowie von Mensa in Deutschland erhalten die Zeitschrift
Zurich Cohort Study. In: Epidemiology and Psychiatric »Gehirn&Geist« zum gesonderten Mitgliedsbezugspreis.
Sciences 25, S. 24–32, 2016 Anzeigen/Druckunterlagen: Karin Schmidt, Tel.: 06826 5240-315,
Fax: 06826 5240-314, E-Mail: schmidt@spektrum.de
Reuben, A. et al.: Lest We Forget: Comparing Anzeigenpreise: Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 17 vom 1. 11. 2017.
Retrospective and Prospective Assessments of Gesamtherstellung: Vogel Druck und Medienservice GmbH, Höchberg
Adverse Childhood Experiences in the Prediction of Adult
Health. In: Journal of Child Psychology and Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei der
Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche Nutzung des
Psychiatry 57, S. 1103–1112, 2016 Werks, insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche
Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung, ist ohne die vorherige
Schaefer, J. D. et al.: Enduring Mental Health: schriftliche Einwilligung der Spektrum der Wissenschaft Verlags-
gesellschaft mbH unzulässig. Jegliche unautorisierte Nutzung des Werks
Prevalence and Prediction. ohne die Quellenangabe in der nachstehenden Form berechtigt den Verlag
In: Journal of Abnormal Psychology 126, S. 212–224, 2017 zum Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Bei jeder
autorisierten (oder gesetzlich gestatteten) Nutzung des Werks ist die
Weitere Quellen im Internet: folgende Quellenangabe an branchenüblicher Stelle vorzunehmen:
© 2018 (Autor), Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
www.spektrum.de/artikel/1524901 Heidelberg. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher
übernimmt die Redaktion keine Haftung; sie behält sich vor, Leserbriefe zu
WEBLINK kürzen.

Bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechteinhaber von


Englischsprachige Screening-Angebote ­Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem Verlag gegenüber dennoch der
der Betroffenenvertretung Mental Health America: Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchen-
übliche Honorar nachträglich gezahlt.
www.mentalhealthamerica.net/mental-health-
screening-tools ISSN 1618-8519

73
74
FRANCKREPORTER / GETTY IMAGES / ISTOCK
MEDIZIN

TECHNIKAusflüge in virtuelle Welten können helfen, chronische


Beschwerden zu lindern. Damit ließe sich auch der Missbrauch von
Opioiden eindämmen.

Virtuelle Therapie
gegen Schmerzen VON JO MARCHANT

J
udy* macht einen rastlosen Eindruck. Völlig au- machen. Auf Grund neuer, strengerer Vorschriften kün-
ßer Atem sitzt die 57-Jährige mit dem kurzen digte ihre Schmerzklinik dann vor einiger Zeit an, künf-
dunkelgrauen Haar auf einem Stuhl, ihr rechtes tig überhaupt keine Opioide mehr verschreiben zu wol-
Bein baumelt über ihrem Gehstock. Judy leidet len – und so landete sie schließlich bei den Pain Consul-
unter ständigen, zermürbenden Schmerzen: an tants of East Tennessee (PCET) in Knoxville.
den Gelenken, am Rücken, an wechselnden Stel- Ihr behandelnder Arzt Ted Jones bezeichnet Patien-
len im ganzen Körper. Zudem wird sie praktisch ten wie Judy als »Flüchtlinge«. Mit ihrem Schicksal ist
täglich von Migräneattacken geplagt. Bis 2008 sie längst nicht allein: Mehr als 100 Millionen Amerika-
war sie als Führungskraft in einem großen Elektronik- ner klagen über anhaltende Schmerzen. Damit befinden
unternehmen angestellt, inzwischen kann sie gar nicht sie sich mittlerweile im Spannungsfeld zwischen zwei
mehr arbeiten. Oft sind ihre Schmerzen so stark, dass scheinbar gegenläufigen Gesundheitsinteressen: der Be-
sie es nicht einmal aus dem Bett schafft. handlung chronischer Schmerzen und der Bekämpfung
Täglich nimmt sie rund 20 verschiedene Medika- der grassierenden Opioidabhängigkeit.
mente ein, darunter Schmerzmittel, Antidepressiva, Be- In den USA hat sich die Zahl der Opioidverordnun-
ruhigungsmittel sowie ein Pflaster, das eine hohe Dosis gen seit den 1990er Jahren verdreifacht. Obwohl in den
des Opioids Fentanyl abgibt. Da auch Letzteres ihre Vereinigten Staaten weniger als fünf Prozent der Welt-
Pein nicht zu lindern vermag, versucht sie nun, wieder bevölkerung leben, werden dort 80 Prozent der jährlich
davon wegzukommen. Über Monate hat ihr Arzt die verbrauchten Opioide eingesetzt, mit teils verheerenden
Fentanyldosis kontinuierlich verringert; trotzdem leidet Konsequenzen. Die Stoffe ähneln in ihren Eigenschaf-
sie nun auch noch unter Entzugssymptomen, die sich in ten Morphin und gehören der gleichen Substanzfami­lie
Form von Schüttelfrost und Angstzuständen bemerkbar an wie beispielsweise Heroin. Früher kamen opioid­
haltige Schmerzmittel nur in besonderen Fällen zum
Einsatz: zeitlich begrenzt nach Operationen oder bei
unheilbar kranken Krebspatienten. Doch im Anschluss
U N S E R E AU TO R I N an eine Kampagne der American Pain Society, die sich
für eine aggressivere Therapie von lang anhaltenden
Jo Marchant ist Genetikerin, Wissen-
schaftsjournalistin und Buchautorin in
Schmerzen stark machte, begannen Ärzte, sie deutlich
häufiger zu verschreiben. Bald schon stellte sich aller-
GARY SIMPSON

London. Sie arbeitete unter anderem


als Redakteurin bei »Nature« und beim dings heraus, dass die Medikamente bei solchen chroni-
»New Scientist«. schen Leiden weniger gut wirkten als erhofft und man-
* Die Namen der Patienten wurden von der Redaktion geändert.

75
Auf einen Blick: Willkommene Ablenkung

1 2 3
Rund 15 bis 20 Prozent aller Mediziner testen deshalb Mit Hilfe von modernem
Menschen in Industrienationen nun, ob Ausflüge in virtuelle Virtual-Reality-Equipment
leiden Schätzungen zufolge Welten auch die Pein von sollen die Betroffenen dabei
unter anhaltenden Schmerzen. In Patienten mit chronischen Be- nicht nur vorübergehend von ihren
den USA versuchten Ärzte, das schwerden lindern. Vorbild ist das Schmerzen abgelenkt werden,
Problem mit Opioiden in den Griff Spiel »Snow­World«, das für Perso- sondern ebenso langfristige Strate-
zu bekommen – mit verheerenden nen mit schweren Verbrennungen gien zur Entspannung erlernen.
Folgen. entwickelt wurde.

che Patienten abhängig machten. Allein im Jahr 2015 gen Abständen zu überprüfen, wie viele Tabletten ihre
starben in den USA mehr als 16 000 Menschen an einer Schützlinge noch besitzen. Wenden Patienten die
Überdosis nach der Einnahme verschreibungspflichti- Schmerzmittel missbräuchlich an, können die Medizi-
ger Schmerzmittel. Präsident Donald Trump sprach im ner dafür strafrechtlich belangt werden. Entsprechend
Oktober 2017 von der größten Drogenepidemie aller verwundert es nicht, dass einige Behandlungszentren
Zeiten und rief den Gesundheitsnotstand aus. inzwischen überhaupt keine Opioide mehr verordnen.
Gemessen an der Zahl der Verschreibungen und der Die Ärzte der PCET-Ambulanz verschreiben sie nach
Todesfälle gehört Tennessee zu den US-Bundesstaaten, wie vor, wenngleich unter strikten Auflagen. Ted Jones
die besonders schlimm betroffen sind. Ein Teil des Staa- beispielsweise bietet Kurse an, die den Betroffenen hel-
tes liegt in den Appalachen, einer wirtschaftlich eher fen sollen, ihre Medikamente verantwortlich einzuset-
schwachen Region mit vielen Arbeitslosen, die in einem zen und die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Neue
Kreislauf aus Abhängigkeit und Armut gefangen ist, Patienten wie Judy befragt Jones eingehend, um einzu-
meint Karen Pershing von der Metro Drug Coalition in schätzen, wie hoch die Gefahr ist, dass sie Schmerzmit-
Knoxville. »Die Leute konnten es sich nicht leisten, telmissbrauch betreiben.
Drogen bei Dealern auf der Straße zu kaufen.« Doch auf Solche Maßnahmen zeigen allmählich Wirkung.
einmal hatten sie Zugang zu verschreibungspflichtigen Zwischen 2012 und 2015 sank die Zahl der verschriebe-
Medikamenten, die es ihnen in gleicher Weise ermög- nen opioidhaltigen Schmerzmittel im gesamten Land
lichten, ihrem Alltag vorübergehend zu entfliehen. um 12 bis 18 Prozent. Das Problem der chronischen
Schmerzen ist jedoch geblieben. In Industrienationen
Die Stunde der Pillenfabriken sind schätzungsweise 15 bis 20 Prozent aller Erwach­
Explosionsartig entstanden zahlreiche Schmerzambu- senen davon betroffen. Die Patienten, die Jones heute
lanzen, die zwar legal betrieben wurden, aber weitge- behandelt, sind trotz ihres verantwortungsvollen Medi-
hend unkontrolliert Medikamente abgaben. Nur der kamentenumgangs in einer verzweifelten Lage. Hört
Lei­ter einer solchen als »pill mill« (auf Deutsch etwa Pil- man ihren Schilderungen zu, wird schnell klar, dass vie-
lenmühle oder Pillenfabrik) bezeichneten Praxis musste le von ihnen chronische Schmerzen nicht als rein kör-
approbierter Arzt sein. Die Angestellten konnten gegen perliche Beschwerden betrachten, die nach der Einnah-
Barzahlung Rezepte für opioidhaltige Schmerzmittel me von Tabletten einfach so verschwinden. Für diese
ausstellen. »Kaum drehte man sich um, hatte eine neue Menschen stellen sie vielmehr eine Art diffuses Leiden
Schmerzpraxis eröffnet«, sagt Pershing. Einige davon dar, das ­aller Medikamente zum Trotz immer schlim-
befanden sich in heruntergekommenen Gebäuden mit mer wird, sich im gesamten Körper ausbreitet und oft
handgeschriebenen Schildern. Viele Patienten verließen mit schwierigen Biografien und psychischen Problemen
die Zentren schon nach wenigen Minuten wieder und wie Angststörungen oder Depressionen verknüpft ist.
verkauften die soeben erworbenen Medikamente noch »Schmerz und Angst hängen miteinander zusam-
beim Rausgehen übers Telefon weiter. men«, bestätigt Jones. Manchmal sei es schwer zu beur-
In den vergangenen Jahren ergriffen die Behörden teilen, ob man gerade Schmerzen oder Angstzustände
verschiedene Maßnahmen, um die Verschreibungen therapiere. Wenn Ärzte ihre Patienten auffordern, ihre
und den Missbrauch von Opioiden einzudämmen. So Pein auf einer Skala von 1 bis 10 einzustufen, dann sei
dürfen Schmerzpraxen zum Beispiel inzwischen nur die Schmerzskala in Wirklichkeit oft eine Stressskala.
noch von zertifizierten Schmerztherapeuten betrieben Joe Browder, Arzt und Seniorpartner bei PCET, sagt, er
werden, und Anwohner können verdächtige Aktivitäten habe schon vor mehr als zehn Jahren ­erkannt, dass im-
um solche Einrichtungen per SMS melden. In manchen mer höhere Medikamentendosen keine Lösung seien.
Bundesstaaten – Tennessee zählt auch dazu – sind die Anstatt zu versuchen, das Leid der Patienten mit Tablet-
behandelnden Ärzte zudem verpflichtet, in regelmäßi- ten zu bekämpfen, entschieden Browder und seine Kol-

76
MEDIZIN / TECHNIK

legen, die Lebensqualität der Betroffenen in den Fokus woben sein, glaubt Rose. Schmerzmanagement sei dabei
zu rücken. »Es geht darum, den Patienten mit seinen nur ein Anfang.
Schmerzen wieder mehr am Leben teilhaben zu lassen«, Rose begann schon vor mehr als 20 Jahren, sich mit
erklärt der ärztliche Leiter der PCET-Schmerzambu- virtuellen Realitäten zu befassen, damals noch am Hu-
lanz, James Choo. »Wie schafft man es, ihn so zu mobi- man Interface Technology Lab der University of Wa-
lisieren, dass er wieder etwas mehr der Mensch wird, shington in Seattle. Dort erschuf er gemeinsam mit sei-
der er vor den Schmerzen war?« nen Kollegen ganze VR-Welten, deren Einsatzmöglich-
keiten von der Behandlung einer Spinnenphobie bis hin
Neue Ansätze zum Erlernen der japanischen Sprache reichten. Das
Die Ärzte begannen damit, die Mengen der verordneten wohl erfolgreichste Produkt aus diesem Labor heißt
Opioide zu reduzieren und dafür andere medizinische »SnowWorld«. Der Kognitionspsychologe Hunter Hoff-
Maßnahmen in den Vordergrund zu rücken, etwa Kor- man entwickelte es zur Therapie von Schmerzen bei Pa-
tisoninjektionen oder Nervenstimulation. Die Klinik tienten mit schweren Verbrennungen. Die Betroffenen
erweiterte ihr Angebot um Physiotherapie und Ergothe- müssen sich regelmäßiger Wundpflege unterziehen, die
rapie. Ein Team von Psychologen um Jones bietet inzwi- so unangenehm sein kann, dass selbst große Mengen an
schen eine soziale Beratung an sowie kognitive Verhal- Medikamenten nicht ausreichen, um die Prozedur er-
tenstherapie und Achtsamkeitstrainings. träglich zu machen. »SnowWorld« soll die Patienten mit
Im Winter 2016 kam Jones eines Tages zur Arbeit großem visuellem Aufwand von ihren Schmerzen ab-
und fand das Therapiezentrum leer vor. Wegen starken lenken. Angelehnt an Flugsimulatoren vermittelt das
Schneefalls waren viele Patienten zu Hause geblieben. Spiel dem Benutzer den Eindruck, er flöge durch einen
Er nutzte die freie Zeit, um im Internet zu surfen, und Eis-Canyon, während er Pinguinen und Schneemän-
stolperte über die Website des Start-up-Unternehmens nern Schneebälle zuwirft. In den vergangenen zehn Jah-
Firsthand Technology in San Francisco. Für den Leiter ren belegten Hoffman und seine Kollegen in verschiede-
der Firma, Howard Rose, ist Virtual Reality (VR) eine nen Studien, dass die Behandlung wirkt. Unter anderem
Art »Superkraft«, welche die Wahrnehmung unserer testeten sie »SnowWorld« bei Soldaten, die im Irak oder
selbst und der Welt um uns herum grundlegend verän- in Afghanistan durch Explosionen Brandverletzungen
dern könnte, wie auf der Internetseite des Unterneh- erlitten hatten. Patienten berichteten, dass das Spiel ihre
mens zu lesen ist. Innerhalb weniger Generationen wer- Schmerzen bei der Wundpflege um bis zu 50 Prozent
de VR mit jedem einzelnen Aspekt unseres Lebens ver- ­reduzierte  – ein deutlich besseres Ergebnis, als andere

Chronische Schmerzen – ein Volksleiden


Von chronischen Schmerzen rung) mit anhaltenden Beschwer- öfter betroffen als Jüngere, Frauen
sprechen Experten, wenn diese den zu kämpfen hatten. Der Trend eher als Männer. Am häufigsten
über mindestens drei bis sechs zeigt aber: Die Zahl der Schmerz- äußern sich chronische Schmerzen
Monate anhalten und die Betroffe- geplagten hat in den vergangenen als Rücken-, Nerven-, Kopf- und
nen im Alltag merklich einschrän- Jahren zugenommen. Ältere sind Tumorschmerzen.
ken. Fachgesellschaften gehen
davon aus, dass in Deutschland 5006
Betroffene je 100 000 (Stand Deutschland 2014)
insgesamt etwa 12 bis 15 Millionen 4512
Menschen – knapp 20 Prozent der 4036
Bevölkerung – unter länger andau- 3876 3961
3589 3749
GEHIRN&GEIST, NACH: BARMER GEK ARZTREPORT 2016, S. 170, ABB. 28

ernden oder wiederkehrenden 3373 3530


3136 3071
Schmerzen leiden. Vier bis fünf 2902
2627
Millionen sind stark beeinträch- 2435 2524
2301
tigt. Etwas niedriger liegen die 1915
2163
Zahlen der Barmer Ersatzkasse, 1589 1759
die 2016 erhob, wie viele Versi- ICD-Diagnose »Schmerz«
cherte mit Schmerzen zum Arzt ICD-Diagnosen »chronischer
gingen oder eine konkrete unbeeinflussbarer Schmerz« sowie
»sonstiger chronischer Schmerz«
Schmerzdiagnose erhielten. Das
Ergebnis legt nahe, dass im Jahr 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
2014 rund 3,25 Millionen Men-
schen (vier Prozent der Bevölke- Kalenderjahr

77
Ablenkungen wie Musikhören oder das Spielen her- reflexartig den Kopf ein. Fiel Schnee, konnte ich regel-
kömmlicher Videospiele erzielen konnten. Neurowis- recht spüren, wie sich die Luft abkühlte.
senschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass VR ist unstreitig erstklassig darin, die Aufmerk­
»SnowWorld« die Aktivität von Hirnarealen dämpft, die samkeit der Nutzer zu fesseln. In den Augen von Rose
an der Verarbeitung von Schmerz beteiligt sind. machen aber auch noch andere Aspekte die Technik at-
Wesentlich für die Wirkung von »SnowWorld« ist traktiv für die Therapie: »Wir wissen, dass Menschen,
wahrscheinlich das Gefühl, in der virtuellen Welt phy- die sich ängstlich oder hilflos fühlen, Schmerzen stärker
sisch präsent zu sein, vermuten die Forscher. »VR wirkt, empfinden.« Gelingt es, die Betroffenen mental an ei-
indem sie unsere Sinne glauben macht, die computerge- nen sicheren Ort zu versetzen, lindert das ihre Angst.
nerierte Welt sei real«, sagt Rose. »Die virtuelle Realität Die verschiedenen Interaktionsmöglichkeiten mit der
ist dann der Ort, an dem du bist, nicht nur eine Szene- virtuellen Welt geben ihnen gleichzeitig die Kontrolle
rie, die du von außen betrachtest.« zurück. Rose überlegte schon länger, ob VR damit eben-
Die Forschungsarbeit von Hunter Hoffman machte so Menschen mit chronischen Beschwerden wie anhal-
nicht nur »SnowWorld« weltweit bekannt, sondern tenden Schmerzen oder Angststörungen helfen kann.
weckte auch das Interesse vieler anderer Mediziner an Da erhielt er eine E-Mail von Jones aus Tennessee, der
Virtual Reality. Studien zeigen, dass das Abtauchen in bereit war, dieser Frage nachzugehen.
virtuelle Welten Stress und Schmerzen während einer
ganzen Reihe von medizinischen Prozeduren zu lindern Verblüffend real
vermag – sei es beim Zahnarzt, bei der Chemotherapie Christine* lächelt. »Mmmm, du kannst geradezu füh-
oder beim Blutabnehmen. Rose und sein Kollege Ari len, wie die Blütenblätter dich berühren.« Sie sitzt in
Hollander haben sich inzwischen aus der Forschung Jones’ grünem Ledersessel, ihre Augen von einem klo­
zurückgezogen. Nach »SnowWorld« wollen sie bei
­ bigen schwarzen Visier verborgen. Ein Computerbild-
Firsthand Technology nun kommerzielle Produkte ent- schirm zeigt, was Christine sieht, während sie den Fluss
wickeln. Sie kreierten »Cool!«, ein Spiel, das mehr Inter- hinuntertreibt. Ihr Blick wandert von den Ottern zu
aktivität ermöglicht und eine größere Vielfalt an Erleb- ­Kugeln aus tanzenden farbigen Flammen; plötzlich ver-
niswelten zu bieten hat. Es sei weniger zielorientiert als zieht sie das Gesicht, als sie die blütenbedeckten Äste
vielmehr »ein Spielplatz«, erläutert Rose. eines Kirschbaumwäldchens streift. Christine leitete
­
Im Therapiezentrum von PCET bekam ich die Gele- früher ein Reiseunternehmen in Mexiko, später war sie
genheit, »Cool!« selbst auszuprobieren. Wenige Sekun- Köchin in einer Synagoge. Doch trotz ihres erfüllten Le-
den nach dem Aufsetzen der VR-Brille trieb ich auf ei- bens fällt es ihr heute schwer, sich auf etwas anderes als
nem Fluss mit grasbewachsenen Ufern. In der Ferne sah ihre Beschwerden zu konzentrieren. Seit 2007 leidet sie
ich Berge vor einem blauen Himmel mit vereinzelten an einer Autoimmunerkrankung, die ihre Nerven an-
Wolken. Entlang des Ufers standen Otter auf ihren Hin- greift. Brennende Schmerzen an ihren Beinen strahlen
terläufen und winkten mir zu. Mit Hilfe meiner beiden bis in die Fußsohlen aus. Zudem muss sie sich von einer
Controller warf ich ihnen Fische zu, w ­ oraufhin sie sich Wirbelsäulenoperation erholen. Auf die Einnahme von
vor Freude kugelten und ihr Fell die Färbung von Zeb- Opioiden will sie lieber verzichten, und zwei andere
ras oder Flamingos annahm. Anschließend erschuf ich Medikamente, die ihre Denk- und Sprachfähigkeiten
riesige Seifenblasen, die anmutig in der Landschaft um- beeinträchtigten, hat sie ebenfalls abgesetzt. Heute
herhüpften. kommt sie mit Ibuprofen und Lidocain-Pflastern aus.
Die Grafik des Spiels war detailreich, wenn auch ein Trotzdem verschwinden die Schmerzen nie. »Sie sind
wenig zeichentrickartig. Was mich jedoch am meisten alles, woran ich denken kann«, sagt die 69-Jährige.
beeindruckte, war die Körperlichkeit der Erfahrung. Bei ihrer Ankunft in Jones’ Praxis stuft Christine ihre
Für mich war die Otterwelt nicht nur etwas, was ich be- Schmerzen auf einer Skala von 0 bis 10 bei 7 ein. Dann
trachtete: Ich befand mich mittendrin! Wenn ich mich setzt sie die VR-Brille samt Kopfhörern auf, um ihre
unter einer steinernen Brücke hindurchbewegte, zog ich dritte Sitzung mit der Technik zu starten. »Ich fange
schon an, mich zu entspannen«, sagt sie. Hinter den
Kirschbäumen folgt sie dem Flusslauf in eine Höhle,
­deren Wände mit fremdartigen Zeichnungen und Edel-
M E H R W I S S E N AU F steinen bedeckt sind. Ich frage sie, wie sich der Schmerz
»SPEKTRUM.DE« jetzt anfühlt. »Oh«, antwortet sie, fast überrascht, daran
erinnert zu werden. »Null. Er ist verschwunden.«
Noch mehr zu Schmerzen und
ihrer Therapie lesen Sie in
Jones führte vor Kurzem zwei kleine klinische Studi-
unserem digitalen Spektrum en mit »Cool!« durch, an denen insgesamt 40 Patienten
­Kompakt »Schmerz«: teilnahmen, die zusammengenommen rund 60 VR-­
www.spektrum.de/shop
Sessions absolvierten. Im Schnitt besserten sich die
Schmerzen der Probanden während der Sitzungen ih-

78
MEDIZIN / TECHNIK

Opioide und Drogenmissbrauch


Nicht nur in den USA, auch in Deutschland kommen keitssymptome entwickeln. Die Gefahr eines Ge-
Opioide immer häufiger als Schmerzmittel zum sundheitsnotstands wie in den USA sieht die DGS
Einsatz. Zwischen 2000 und 2010 stieg die Zahl der hier zu Lande momentan jedoch nicht gegeben: Man
Versicherten mit wenigstens einer Opioidverordnung habe wesentlich bessere und stringentere Behand-
von 3,3 auf 4,5 Prozent an. Mehr als drei Viertel der lungsregeln und Gesetze als in den USA, die eine
Betroffenen leiden unter chronischen, nicht tumor- solch fatale Entwicklung wirkungsvoll verhindern
bedingten Schmerzen. Parallel dazu nimmt die Zahl würden. Dennoch stehen manche Experten in
der Drogentoten in Europa zu – in rund 80 Prozent Deutschland dem zunehmenden Einsatz von opioid-
der Fälle trifft es Konsumenten von Kokain oder haltigen Schmerzmitteln bei Menschen mit chro­
Opioiden. Wie viele Schmerzpatienten in Deutsch- nischen Beschwerden kritisch gegenüber. Studien zei-
land ihre Medikamente missbräuchlich anwenden gen, dass die Mittel oftmals schnell in hohen Dosen
oder von ihnen abhängig werden, ist bislang noch verschrieben werden und auch dann, wenn Gegenan-
kaum untersucht worden. Die Deutsche Gesellschaft zeigen für eine Behandlung vorliegen, wie beispiels-
für Schmerzmedizin (DGS) geht davon aus, dass weise eine psychische Erkrankung, die ebenfalls mit
rund ein bis drei Prozent der Betroffenen Abhängig- dem Schmerz im Zusammenhang stehen könnte.

ren subjektiven Bewertungen zufolge um 60 bis 75 Pro- Weile anhält. Seine eigenen Studienteilnehmer berich-
zent. Unmittelbar nach dem Ende des virtuellen Aus- teten, auch 2 bis 48 Stunden nach der Sitzung noch eine
flugs berichteten sie immerhin noch von 30 bis 50 Pro- Besserung ihrer Schmerzen gespürt zu haben. Jones
zent Schmerzreduktion, nur ein Teilnehmer sprach vermutet, die VR-Erfahrung setze Endor­phine frei, kör-
überhaupt nicht auf die Behandlung an. Zum Vergleich: pereigene schmerzlindernde Substanzen, die nach dem
Eine Dosis Morphin lindert die Schmerzen bestenfalls Absetzen der VR-Brille noch nachwirken. Zudem be-
um bis zu 30 Prozent. merken die Patienten, dass sich ihre Schmerzen beein-
Zwar ist es noch zu früh, um definitive Aussagen zu flussen lassen, und schöpfen neue Hoffnung, glaubt
treffen, doch auch andere Untersuchungen an Proban- Browder.
den mit chronischen Schmerzen weisen in eine ähnli-
che Richtung. Anfang 2017 berichteten Diane Gromala Dem Schmerz entfliehen
von der Simon Fraser University in Kanada und ihre Das passt zu den Erfahrungen, die Jones’ Patienten bis-
Kollegen über eine VR-Welt namens »Cryoslide«, in der her gemacht haben. Die 54-jährige Cindy* leidet unter
die Spieler, inspiriert von »SnowWorld«, durch eine anderem an einer chronischen Bauchspeicheldrüsen-
­verschneite Landschaft und eine Eishöhle gleiten, wäh- entzündung, die heftige Schmerzen im Oberbauch
rend sie Schneebälle auf Fantasiegestalten werfen. Zehn ­verursacht. An der gleichen Erkrankung sind bereits
Minuten in der virtuellen Welt linderten das Leid von ihre beiden Geschwister gestorben. Sie nimmt insge-
Schmerzpatienten deutlich besser als beispielsweise samt 17 verschiedene Medikamente ein, manche davon
Meditation, Lesen oder Spiele-Apps auf dem Mobiltele- dreimal täglich. Nach der VR-Sitzung wirkt sie ruhiger,
fon. Auch Brenda Wiederhold und ihre Kollegen vom ihre Hände zittern weniger. Die virtuelle Welt ermögli-
Virtual Reality Medical Center in San Diego konnten che es ihr, den Schmerzen aus der Realität eine Zeit lang
beobachten, wie sich der Zustand von Schmerzpatien- zu entfliehen, sagt Cindy. Ihr Ehemann stimmt ihr zu:
ten, die in virtuellen Wäldern oder Berglandschaften »Im Anschluss ist sie besser gelaunt, sie betrachtet die
unterwegs waren, besserte. Ihre Herzschlagfrequenz Dinge optimistischer.«
verlangsamte sich, die Hauttemperatur stieg – Zeichen Inzwischen interessieren sich Forscher zunehmend
dafür, dass sie sich entspannten. dafür, ob es auch möglich ist, den Patienten per VR Be-
Ob VR langfristig gegen chronische Schmerzen hilft, wältigungsstrategien zu vermitteln, die ihnen den Um-
ist unklar. Natürlich ist es weder praktikabel noch wün- gang mit den Schmerzen im Alltag erleichtern. Das lässt
schenswert, Patienten über längere Zeit in die virtuelle sich womöglich bewerkstelligen, wenn man die Technik
Realität eintauchen zu lassen. Doch schon kurze Sitzun- an Biofeedback koppelt. Dabei passt sich die virtuelle
gen können eine willkommene Entlastung für Men- Umgebung dem Zustand des Nutzers an. Diane Groma-
schen mit anhaltenden Beschwerden sein. Und im Ge- la und ihre Kollegen haben eine VR-Welt entwickelt, in
gensatz zu Techniken wie Achtsamkeitsmeditation, die der Personen die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion
langfristiges Üben erfordern, »setzen die Patienten bei (MBSR, Mindfulness-Based Stress Reduction) erlernen.
der VR-Session einfach das Headset auf und sind drin«, Dass MBSR chronische Schmerzen lindert, ist inzwi-
sagt Jones. Er hofft, dass der Effekt zumindest für eine schen gut belegt; die Technik zu meistern, ist jedoch

79
MEDIZIN / TECHNIK

langwierig und anstrengend. Gromalas virtuelle Medi- Reality überträgt einen Teil der Verantwortung und
tation nimmt den Nutzer mit auf einen Waldspazier- der Kontrolle auf den Patienten.« Noch stehen der
gang, während er eine Anleitung zur Meditation hört. ­Umsetzung dieser Vision allerdings einige Hindernisse
Biosensoren messen sein Stressniveau und modifizieren im Weg. Viele Kliniken und Praxen zögern, die unge-
das Wetter in der künstlichen Umgebung: Ein leichter wohnte Technik einzusetzen. Selbst bei Patienten mit
Nebel zieht ab, wenn die betreffende Person sich ent- Verbrennungen, bei denen ihr Nutzen besonders gut
spannt, und wird dichter, wenn die Anspannung wächst. belegt ist, kommt sie nur selten zum Einsatz. Auch in ei-
Patienten, die dieses Prozedere durchliefen, berichteten nem örtlichen Kinderkrankenhaus, für das die PCET
in einer Untersuchung von weniger Schmerzen als sol- Gelder einwarben, zeigte man sich wenig beeindruckt,
che, die nur einer Audioanleitung lauschten. Als Nächs- als Jones und sein Team vorführten, wie VR Kindern
tes möchte Gromala herausfinden, ob regelmäßige Sit- dabei helfen könnte, unangenehme Behandlungen bes-
zungen den Patienten helfen, Stress und Schmerz im ser durchzustehen.
Alltag ebenfalls besser zu bewältigen. Sie wollen die Be- Damit Virtual Reality in Routinebehandlungen ei-
troffenen nicht nur von ihrem Leiden ablenken, son- nen Platz findet, braucht es zudem neue Finanzierungs-
dern sie mit der Fähigkeit ausstatten, es zu modulieren, modelle. Bislang zahlt Jones seine klinischen Studien
schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie. aus eigener Tasche. »Das ist mein Hobby«, sagt er. »Ich
habe eben kein Boot.« Obwohl er von dem Ansatz über-
Eine Revolution in der Medizin zeugt ist, bitte er seine Ärztekollegen jedoch, ihm keine
Jones und Rose denken derzeit darüber nach, eine vir- Patienten zur virtuellen Therapie zu überweisen. Er
tuelle Welt zu schaffen, in der Patienten mittels Stress­ kann die Behandlung nämlich derzeit nicht abrechnen.
abbau ein virtuelles Monster, das ihren Schmerz reprä- In seinen Augen braucht die Schmerztherapie mittels
sentiert, schrumpfen oder ganz verschwinden lassen VR eine Art Vorkämpfer, der weitere Forschung bezahlt
können. So sollen sie lernen, sich zu entspannen. Rose und die Versicherungen davon überzeugt, die Methode
und Gromala wollen solche VR-Umgebungen auf ver- ernst zu nehmen. »Da gibt es für die VR-Industrie noch
schiedenen Plattformen implementieren. Dann können einiges zu tun.«
die Patienten höchst realistische Virtual-Reality-Welten Die eine Methode, um chronische Schmerzen zu be-
in der Klinik erleben und zu Hause am Smartphone kämpfen, wird es vermutlich nie geben, glaubt Jones.
oder am Tablet weitermachen. Als sie »SnowWorld« in Virtuelle Realitäten könnten jedoch eine Alternative zur
den 1990er Jahren entwickelten, verwendeten Hoffman medikamentösen Schmerztherapie sein und Patienten
und seine Kollegen einen Supercomputer und einen helfen, von Opioiden wegzukommen. »Opioide nimmt
schweren Helm für insgesamt 90 000 US-Dollar. Heute man ein, und dann wartet man auf ihre Wirkung. Des-
sind leichte VR-Displays mit hoher Auflösung wie halb konsumieren viele Betroffene mehr davon, als ih-
»Oculus Rift« Massenware, die für rund 300 bis 450 nen guttut: Sie wollen aktiv etwas unternehmen, um ihr
Euro über die Ladentheke gehen. Noch günstigere Lö- Leid zu lindern.« H
sungen haben gar keine eigenen Displays mehr, sondern
nutzen Masken aus Karton oder Kunststoff, in die Tab- Von »Gehirn&Geist« übersetzte und bearbeitete Fassung
lets oder Smartphones eingeschoben werden. von Marchant, J.: How VR Could Break America’s
Laut Rose sind diese Gerätschaften die Basis für eine Opioid Addiction. In: Mosaic (https://mosaicscience.com/
story/vr-could-break-americas-opioid-addiction) /
regelrechte Revolution in der Medizin. »Das konven­ CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
tionelle Therapiemodell besteht darin, zum Arzt zu ge- legalcode). Mosaic ist eine Publikation der Wellcome-
hen und sich behandeln zu lassen«, erklärt er. »Virtual Stiftung (https://wellcome.ac.uk).

QUELLEN

Hoffman, H. G. et al.: Using FMRI to Study the Neural Correlates


of Virtual Reality Analgesia. In: CNS Spectrums 11, S. 45–51, 2006
Jin, W. et al.: A Virtual Reality Game for Chronic Pain Management: A Randomized, Controlled Clinical Study.
In: Studies in Health Technology and Informatics 220, S. 154–160, 2016
Jones, T. et al.: The Impact of Virtual Reality on Chronic Pain. In: PLoS One 11, e0167523, 2016
Maani, C. V. et al.: Virtual Reality Pain Control during Burn Wound Debridement of Combat-Related
Burn Injuries Using Robot-Like Arm Mounted VR Goggles.
In: Journal of Trauma-Injury Infection & Critical Care 71, S. 125–130, 2011
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1524903

80
BÜCHER UND MEHR

BLACKJACK3D / GETTY IMAGES / ISTOCK


Genforschung im Zeitraffer
TIPP
DES MONATS

Wie die Erbanlagen unser Leben beeinflussen

D
er indisch-amerikanische Schriftsteller Verstörend sind Mukherjees Schilderungen über
Siddhartha Mukherjee ist Arzt und Krebsfor- Eugenik und genetische Säuberungen, die mit Internie-
scher. Nicht nur deshalb, sondern auch aus rungslagern für genetisch »minderwertige« Personen
persönlichen Gründen interessiert er sich für Verer- und Zwangssterilisationen in den USA begannen und
bung. Zwei seiner vier Onkel und ein Cousin litten im im nationalsozialistischen Deutschland mit der Tötung
Lauf ihres Lebens an einer psychischen Störung – ein von hunderttausenden »lebensunwerten« Menschen
deutlicher Hinweis auf eine vererbbare Ursache. Nach einen grausigen Höhepunkt erreichten.
Beendigung seines preisgekrönten Erstlingswerks »Der Waren Mendel und seine wissenschaftlichen Erben
König aller Krankheiten« (2011) besuchte Mukherjee noch reine Gen-Anatomen, begann ab etwa 1970 das
den an Schizophrenie erkrankten Cousin in einer Zeitalter der Gen-Physiologie mit der Aufklärung
Psychiatrie in Indien. Dieser Besuch ist der Aufhänger wesentlicher Genfunktionen. Methoden zur DNA-
seines mehr als 700 Seiten umfassenden Meisterwerks Sequenzierung und Klonierung rückten den Traum der
über die Geschichte der Genforschung. Genetiker von einer gezielten Manipulation des
In sechs großen Kapiteln skizziert der Autor die Erbguts in greifbare Nähe – Bestrebungen, die 2003 in
Entdeckungsgeschichte der Vererbung und des Gens der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen
als deren informationstragender Einheit. Protagonisten Genoms gipfelten. Packend beschreibt Mukherjee die
des ersten Teils sind die beiden Antipoden Charles Anfänge der Biotechnologie sowie die methodischen
Darwin (1809–1882) und Gregor Mendel (1822–1884), Durchbrüche und Wettläufe zwischen Forschergrup-
die auf ihrem gemeinsamen Forschungsgebiet sehr pen, etwa bei der Entschlüsselung des Humangenoms.
unterschiedlichen Erfolg hatten. So war Darwin bald Nach Ausführungen zur Genetik der menschlichen
einer der berühmtesten Wissenschaftler Europas, Identität befasst sich der Bestsellerautor im letzten
während Mendels wegweisende Publikation zu seinen Kapitel mit dem »Post-Genom«, dem durch Menschen
Lebzeiten weitgehend ignoriert wurde. gezielt veränderten Erbgut. Dabei geht er auch auf die
Im darauf folgenden Kapitel dreht sich alles um Auswirkungen ein, die bessere diagnostische Methoden
die Entschlüsselung der Vererbung. Zwar wusste man bis hin zur Sequenzierung individueller Genome auf
inzwischen um das Gen als abstrakte Einheit der die Betroffenen haben, und schildert den Aufstieg und
In­formationsübertragung, doch war seine stoffliche Fall der ersten Gentherapien. Heute sieht Mukherjee
Grundlage weiterhin unbekannt. Dies änderte sich mit die Menschheit an einem kritischen Punkt des
dem Nachweis der DNA als Erbsubstanz durch Oswald beschleunigten Fortschritts hin zur Humangenomtech-
Avery (1877–1955) und ihrer Strukturaufklärung durch nik und liefert einen vorsichtigen Ausblick auf künftige
James Watson (* 1928) und Francis Crick (1916–2004). Entwicklungen.

81
BÜCHER UND MEHR

Auf die psychischen Erkrankungen seiner Verwand-


ten, vor allem die Schizophrenie, kommt der Forscher
im Lauf des Buchs immer wieder zurück. Er beschreibt,
HHHHH
wie sich die Krankheit auf seine Familie und Kindheit
ausgewirkt hat, und macht sich gemeinsam mit seinem Martin Hautzinger,
Vater auf die Spurensuche nach möglichen Ursachen. Patrick Pössel
In diesem Zusammenhang prägt Mukherjees Vater für KOGNITIVE
die Schizophrenie in seiner bengalischen Mutterspra- INTERVENTIONEN
che den Begriff »Identitätsschwäche«; eine Krankheit, Hogrefe, Göttingen 2017,
die untrennbar mit der Persönlichkeit des Betreffenden 158 S., € 24,95
verbunden ist. Außerdem berichtet Mukherjee, was wir
heute über die Vererbung der Schizophrenie wissen: Richtiges Denken,
Verschiedene Studien an eineiigen Zwillingen deuten
auf eine Konkordanz von 30 bis 60 Prozent hin.
falsches Denken
Vor dem Hintergrund seines persönlichen Krankheits­ Nachschlagewerk zur kognitiven Therapie mit
risikos zieht er die Möglichkeit eines Gentests in Kopiervorlagen für die Praxis
Erwägung und stellt sich die Frage, ob das Leben seiner

H
Onkel heutzutage (wegen besserer Medikamente und aben Sie schon einmal einen Blick in das
eines anderen Krankheitsverständnisses) anders Bücherregal eines Verhaltenstherapeuten
verlaufen würde. geworfen? Mit großer Wahrscheinlichkeit
Mukherjees Buch ist uneingeschränkt allen zu stoßen Sie dabei auf ein Werk aus der Feder Martin
empfehlen, die sich für die Mechanismen der Verer- Hautzingers. Die Bücher des Tübinger Psychologiepro-
bung, die Geschichte der Biotechnologie und die fessors zur kognitiven Verhaltenstherapie und zur
Zukunft der Medizin interessieren. Es fasst übersicht- Behandlung von Depressionen sind in den vergange-
lich und zugleich umfassend zusammen, was wir heute nen Jahren echte Klassiker geworden. Gemeinsam mit
über Gene wissen, und präsentiert es in einem seinem Kollegen Patrick Pössel (aktuell tätig als
spannenden, hervorragend recherchierten und Professor an der University of Louisville, USA) steuert
kurzweiligen Text, der den Lesern auch die Forscher er nun den ersten Band zu einer neuen Lehrbuchreihe
hinter den Entdeckungen näherbringt. Bei aller des Hogrefe-Verlags bei. »Standards der Psychothera-
Begeisterung für die neuen diagnostischen und pie« nennt sie sich, und Hautzinger selbst ist einer der
therapeutischen Möglichkeiten schwingt ein mahnen- Herausgeber. In den Bänden wollen die Experten nicht
der Unterton mit. So warnt der Autor eindringlich weniger als den Goldstandard »erfolgreicher Psycho-
davor, die negative Eugenik des letzten Jahrhunderts therapie« zu Papier bringen: »Jede Psychotherapeutin
fraglos durch eine positive Eugenik der Genomchirur- und jeder Psychotherapeut«, so Hautzinger, »sollte
gie zu ersetzen. Seine persönliche Geschichte macht diese ›Standards‹ beherrschen und anwenden können.«
Mukherjee als Betroffenen und Fachmann glaubwür- Im ersten Band widmen sich Hautzinger und Pössel
dig. Er beendet »Das Gen« mit dem Manifest für eine auf knapp 160 Seiten der Macht der Gedanken sowie
postgenomische Welt und äußert die Hoffnung, dass »kognitiven Interventionen«, die vom Leser störungs-
die Menschlichkeit ein Teil dieser Welt bleibt. übergreifend angewendet werden können. Welche
Larissa Tetsch ist promovierte Molekularbiologin und Wissenschafts- Möglichkeiten stehen Patienten offen, »ausgetrampel-
autorin bei München. te« und krank machende Gedankenpfade zu verlassen
und neue, gesündere Denkweisen zu erlernen? Der
Aufbau des Buchs ähnelt vielen gängigen Therapiema-
nualen: Nach Kapiteln zur Theorie und Diagnostik
geben die Autoren den üblichen kognitiven Interven­
tionen Raum, etwa Gedanken-Stopp-Techniken und
HHHHH Realitätstests. Der Anhang bietet Kopiervorlagen für
Siddhartha Mukherjee die praktische Arbeit. Dem therapeutisch vorerfahre-
nen Leser laufen schon im ersten Kapitel viele alte
DAS GEN Bekannte über den Weg: Ellis, Beck, Lazarus, Selig-
Eine sehr persönliche man – im »Who’s who« der kognitiven Therapie lassen
G
­ eschichte die Autoren keinen wichtigen Namen und kein
Fischer, Frankfurt am Main 2017, wichtiges Erklärungsmodell ungenannt. Prima also,
768 S., € 26,– wenn der Leser gerade für seine Therapieausbildung

82
Bestseller
Die aktuellen Spitzentitel aus den Bereichen
lernt oder nach einigen Jahren Berufspraxis sein Psychologie, Hirnforschung ­und Gesellschaft
Grundwissen auffrischen will. In die Tiefe können die
Autoren ob der Menge der Namen und Modelle kaum
gehen; stattdessen verweisen sie auf Quellen zum
Weiterstöbern. Positiv fällt auf, dass Hautzinger und
1 MARION KIECHLE, JULIE GORKOW
 ag für Tag jünger: Alles über die
T
erstaunlichen Fähigkeiten unserer Zellen,
Pössel deutlich mehr leisten als ein bloßes Wieder­ den Alterungsprozess rückgängig zu machen
käuen: Sie gehen immer wieder auch auf aktuelle Heyne, München 2017, 224 S., € 18,99
Entwicklungen und Überarbeitungen altbekannter
Modelle ein und geben auch im praktischen Teil
aktuellen Ansätzen Platz. So diskutieren sie Verfahren
aus der meta­kognitiven Theorie sowie der Akzeptanz-
2 FERDINAND VON SCHIRACH,
ALEXANDER KLUGE
Die Herzlichkeit der Vernunft
und Weisheitstherapie. Darüber hinaus widmen die Luchterhand, München 2017, 192 S., € 10,–
Autoren ein eigenes (wenn auch kurzes) Kapitel der
Evidenzlage einiger Methoden.
Der Leser kann in verschiedener Hinsicht von
diesem Buch profitieren: Es eignet sich als detailliertes
3 KARSTEN BRENSING
Das Mysterium der Tiere: Was sie denken,
was sie fühlen
Nachschlagewerk, als Planungshilfe für die nächste Aufbau, Berlin 2017, 384 S., € 22,–
Therapiesitzung und kann als Update Lehrbücher
ergänzen, die schon im Regal stehen. Wer einen
knappen, aber umfassenden Überblick, eine Lernstütze
oder Auffrischung zu den wichtigsten Ideengebern
4  HRISTIAN PETER DOGS,
C
NINA POELCHAU
Gefühle sind keine Krankheit: Warum wir sie
und Methoden kognitiver Therapie braucht, ist mit brauchen und wie sie uns zufrieden machen
diesem Buch sehr gut beraten. Denn die Autoren Ullstein, Berlin 2017, 230 S., € 20,–
haben hier, um mit den Worten Bill Brysons zu
sprechen, tatsächlich »eine kurze Geschichte von fast
allem« zusammengetragen. Wer Wert auf Vertiefung,
störungsspezifische Besonderheiten und ausführliche
5 PETRA GERSTER,
CHRISTIAN NÜRNBERGER
Martin Luther und Katharina von Bora
Fallbeispiele legt, sollte jedoch etwas anderes lesen. Insel, Berlin 2017, 213 S., € 10,–
Die Psychologin Sarah Zimmermann arbeitet in einer

6
­psychotherapeutischen Praxis sowie an der Universität Siegen. YAEL ADLER
Haut nah. Alles über unser größtes Organ
Droemer Knaur, München 2016, 384 S., € 16,99

HHHHH
Andreas Bernard 7 JOE NAVARRO
Menschen lesen. Ein FBI-Agent erklärt,
wie man Körpersprache entschlüsselt
KOMPLIZEN DES MVG, München 2010, 272 S., € 16,95
ERKENNUNGSDIENSTES
Das Selbst in der digitalen
Kultur 8 OLIVER SACKS
Der Strom des Bewusstseins
Rowohlt, Reinbek 2017, 256 S., € 22,–
Fischer, Frankfurt am Main 2017,
240 S., € 24,–

Wir sind Daten


9 C ATHERINE COLLIN, NIGEL BENSON,
JOANNAH GINSBURG, VOULA GRAND,
MERRIN LAZYAN
Was elektronische Fußfessel und Geocaching Das Psychologie-Buch. Wichtige Theorien
gemeinsam haben einfach erklärt
Dorling Kindersley, München 2012, 356 S., € 22,–

W
ährend noch vor 30 Jahren Hunderttausende
in Deutschland gegen die Volkszählung
protestierten, stellt ein Großteil der Gesell-
schaft heute weitaus mehr persönliche Daten als
10 LARS AMEND, SVEN GOTTSCHLING
Schmerz Los Werden: Warum so viele Men-
schen unnötig leiden und was wirklich hilft
damals gefordert über soziale Netzwerke zur Verfü- Fischer, Frankfurt am Main, 6. Auflage 2016, 272 S., € 16,99
gung. Das Internet, in dem man anonym bleiben
Nach Verkaufszahlen von media control
gelistet (Zeitraum: 9. 11.–5. 12. 2017)

83
BÜCHER UND MEHR

konnte, war gestern. Die Angst vor staatlicher Überwa- vor einem.« So solle man es daher nicht machen, sagt
chung ist dem Drang zur Selbstdarstellung gewichen, Beppo.
so die These von Andreas Bernard. Andererseits ist es Aber wie dann? Das versucht Maximilian Moser,
kaum noch möglich, ohne Präsenz im Netz beruflich Professor für Physiologie und Chronobiologie an der
erfolgreich zu sein. Profiteure hinter den Kulissen seien Medizinischen Universität Graz, im vorliegenden
Weltkonzerne, die damit Werbeströme steuern, und Ratgeber zu beantworten. Im ersten Teil des Buchs
nicht mehr totalitäre Staaten. Der Professor für stellt er sehr anschaulich vor, welche Erkenntnisse er
Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität und andere Forscher zur inneren Uhr gewonnen
Lüneburg erklärt, dass viele Techniken rund um das haben. Unter anderem erklärt er, weshalb Licht mit
»smarte« Leben aus der Feder der Justiz, der Geheim- einem großen Blau-Grün-Anteil uns abends schlechter
dienste und des Militärs stammen: das Profil in schlafen lässt, während rötliches unseren Schlummer
sozialen Netzwerken aus der Kriminalistik, das nicht negativ beeinflusst. Zudem erläutert Moser, was
GPS-System von der elektronischen Fußfessel. es mit den Lerchen (Morgenmenschen) und den Eulen
Diese Erkenntnisse sind nicht neu – aber sie (Abendmenschen) auf sich hat, und stellt interessante
verdeutlichen, wie sehr sich unser Kommunikations- Zusammenhänge zwischen der inneren Uhr und der
verhalten verändert hat. Während früher ein Lügende- Darmflora vor.
tektor Blutdruck und Puls maß, um Verbrecher zu Im Zentrum des Werks steht für den Autor der
identifizieren, werden diese Methoden heute von der Begriff Rhythmus: »Im praktischen Leben bedeutet
»Quantified Self«-Bewegung zur Selbstoptimierung Rhythmus Regelmäßigkeit im Tagesverlauf, beim
genutzt. Augenzwinkernd bemerkt der Autor, dass auf Aufstehen, bei den Essenszeiten, beim Schlafengehen
Grund des Schrittzählers im iPhone viele Menschen und so weiter. Auch Musik oder Trommeln ist Rhyth-
unwissentlich dazu gehören. Vielleicht auch Sie? Das mus, das Feiern von Jahresfesten, von Geburts- und
unterhaltsam geschriebene Buch eignet sich zur Namenstagen. Atmen ist Rhythmus.« Komme der
Reflexion über den eigenen Umgang mit einer digita- Körperrhythmus durcheinander, etwa durch Jetlag
len Welt. Diese sei laut Bernard in Zeiten des kollekti- oder Schichtarbeit, könne das in Unwohlsein oder
ven Selbstdarstellungsdrangs vonnöten. Krankheiten resultieren. Das Buch enthält deshalb
Elisabeth Stachura ist promovierte Soziologin und Journalistin. viele Tipps für eine rhythmische Lebensgestaltung und
auch einige Übungen, die der Leser direkt ausprobie-
ren kann, unter anderem die Aufgabe, Texte von
Goethe und Schiller im Versmaß vorzutragen.
Außerdem weißt der Physiologieprofessor darauf
HHHHH hin, dass viele Smartphones einen »Night-Shift-Modus«
haben, der abends den Blauanteil im Licht des Bild-
Maximilian Moser
schirms reduziert, so dass ein nächtlicher Blick auf das
VOM RICHTIGEN Gerät den Schlaf nicht stört. Passend dazu empfiehlt
UMGANG MIT DER ZEIT er eine Website, von der man sich Programme mit den
Die heilende Kraft entsprechenden Funktionen herunterladen kann.
der Chronobiologie Alles in allem ist das Buch leicht verständlich und
Allegria, Berlin 2017, 224 S., € 18,– gut lesbar. Der Autor argumentiert fachlich fundiert,
im Vordergrund steht aber der Ratgebercharakter, der
oft auf subjektiven Erfahrungen und Erkenntnissen
Im Rhythmus der inneren Uhr Mosers beruht. Wer nach wissenschaftlich begründeten,
Ein Ratgeber zur Chronobiologie kreativen Tipps zur eigenen Zeitgestaltung sucht, ist
hier richtig. Wem der Sinn dagegen eher nach einem

I
n dem Roman »Momo« von Michael Ende erklärt Fachbuch steht, der greift besser zu einem anderen
der Straßenkehrer Beppo, welches Verhältnis zur Titel. Der Straßenkehrer Beppo jedenfalls hatte seine
Arbeitszeit er hat. Manchmal, meint er, habe man Antwort gefunden: »Man darf nie an die ganze Straße
eine sehr lange Straße vor sich. »Und dann fängt man auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den
an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den
Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den
weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man nächsten. (…) Dann macht es Freude; das ist wichtig,
strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.«
zu tun, und zum Schluss ist man ganz aus der Puste Miriam Plappert ist Biologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin
und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch in Tübingen.

84
HHHHH Max Pugh und Marc Francis haben das Leben der
WALK WITH ME Mönche dort mit der Kamera begleitet. Die Aufnah-
men gleichen selbst einer Achtsamkeitsmeditation: Die
Eine Reise zur Achtsamkeit
mit Thich Nhat Hanh Regisseure legen viel Wert darauf, nur zu beobachten
und die Bilder für sich sprechen zu lassen. Dabei
Ein Dokumentarfilm von Max entsteht eine besondere Ruhe beim Zuschauer, die gut
Pugh, Marc J. Francis (Regie
und Produktion), Benedict durch einige Voice-over-Sequenzen ergänzt wird.
Cumberbatch (Sprecher) Gelesen von dem britischen Schauspieler Benedict
dcm, Berlin 2017, 94 Minuten Cumberbatch, werden so Tagebucheinträge von Thich
Nhat Hanh in den Film eingeflochten. Der Mönch
und bekannte Friedensaktivist hat 2014 im Alter von
Meister der Meditation 88 Jahren einen Schlaganfall erlitten und sich seitdem
Eindrückliche Filmaufnahmen aus dem Alltag weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
buddhistischer Mönche Wer sich für die Lebensweise buddhistischer
Mönche sowie ihre Kunst, Achtsamkeit zu praktizieren,

M
it allen Sinnen im Hier und Jetzt leben und interessiert und sich von der Poesie eines großen
jede innere und äußere Regung wahrnehmen, Zen-Meisters inspirieren lassen möchte, wird diesen
ohne darüber zu urteilen – das ist der Dokumentarfilm mögen. Wer allerdings auf der Suche
Grundgedanke der buddhistischen Achtsamkeitsmedi- nach konkreten Anleitungen zur Achtsamkeitsmedita-
tation. In der Nähe von Bordeaux steht das buddhis­ tion ist oder mehr über die empirische Evidenz dieser
tische Zentrum Plum Village, in dem man sich ganz Methode erfahren möchte, könnte dagegen enttäuscht
diesem besonderen Bewusstseinszustand verschrieben werden. Denn auf die nachweislich vielen positiven
hat. Es ist das größte Zentrum seiner Art in Europa. Effekte des Verfahrens auf die Gesundheit sowie seinen
Gegründet hat es 1982 der vietnamesische Mönch, Einsatz in der Psychotherapie geht der Film nicht ein.
Zen-Meister und Poet Thich Nhat Hanh (* 1926). Judith Merkelt-Jedamzik ist Wissenschaftsjournalistin im Ruhrgebiet.

Gehirn&Geist gibt es auch in digitaler Form!


Bestellen Sie jetzt
Ihr Digitalabonnement
und verpassen
Sie keine Ausgabe!
Das Digitalabo
von Gehirn&Geist
kostet im Jahr € 60,–
(ermäßigt € 48,–).
(Angebotspreise nur
SURASAKI / GETTY IMAGES / ISTOCK

für Privatkunden)

QR-Code per Smartphone


scannen und Angebot sichern!

www.gehirn-und-geist.de/digitalabo
BÜCHER UND MEHR

beispielsweise das erfolgreiche Geschäftsmodell des


Restaurants »Karma Kitchen« im kalifornischen
HHHHH Berkeley, in dem Gäste im Grunde genommen gar
Raj Raghunathan nichts bezahlen müssen, sondern nur gebeten werden,
KLUG, ERFOLGREICH genug Geld für die Rechnung des nächsten dazulassen.
UND TROTZDEM Das entgegengebrachte Vertrauen – das essenziell sei
­UNGLÜCKLICH für das eigene Glück – erzeugt im Gegenzug vertrau-
enswürdiges Verhalten.
Goldmann, München 2017, 432 S.,
€ 10,– Jedes Kapitel enthält außerdem Fragebögen, die
den Lesern einen besseren Einblick in ihr Innenleben
gewähren sollen: Welchen Bindungstyp haben Sie?
Zufrieden sein ist eine Kunst Wie groß ist Ihr Kontrollbedürfnis? Wie einsam fühlen
Sieben Rezepte gegen Glücksfehltritte Sie sich? Dieses Wissen soll dabei helfen, sich selbst
vor Augen zu führen, wie anfällig man für bestimmte

S
tellen Sie sich vor, Ihnen erscheint ein Flaschen- Glücksfehltritte ist.
geist, der Ihnen drei Wünsche gewährt. Was Den Abschluss jedes Kapitels bilden schließlich
stände auf Ihrer Liste? Wenn Sie wie die meisten praktische Glücksübungen für den Alltag. Sie erfor-
Menschen sind, beinhaltet sie wahrscheinlich ewige dern allesamt viel Zeit und oftmals auch den Willen,
Schönheit, unendlichen Reichtum und Macht. Doch sich mit negativen Ereignissen im Leben auseinander-
warum wünschen Sie sich nicht einfach Glück? Denn zusetzen. Zum Beispiel soll der Leser sich ein schlim-
sind Schönheit, Reichtum und Macht nicht schlicht
dazu da, Ihnen Zufriedenheit und Erfüllung zu
schenken? Raj Raghunathan, Professor an der Univer- Ein besonderes Buch
sity of Texas in Austin, ging diese Frage nicht aus dem im a­ ktuellen Dschungel an
Kopf. Er beschloss, sich in unbekannte Gewässer zu
begeben und sich der Glücksforschung zu widmen. Glücksratgebern
Dabei wurde er sich eines Paradoxons bewusst: Das
größte Ziel der meisten Menschen ist zwar ein glückli- mes Erlebnis ins Gedächtnis rufen und möglichst
ches Leben – ihr tatsächliches Verhalten steht ihnen detailgetreu aufschreiben. Dadurch erlebt er die
dabei jedoch oft im Weg. Viele intelligente und negativen Gefühle erneut. Mit der nötigen Distanz ist
erfolgreiche Menschen begingen solche »Glücksfehl- es nun aber möglich zu entdecken, ob sich daraus nicht
tritte«, wie der Autor sie nennt. Für sie hat er dieses auch etwas Gutes ergeben hat. Anschließend soll der
Buch geschrieben. Er möchte ihnen zeigen, wie sich Leser jeden Tag drei unangenehme Erlebnisse notieren
Glück und Gelassenheit mit hohem Status und IQ und aufmerksam beobachten, ob sie etwas Positives
vereinbaren lassen. nach sich ziehen.
Dafür beleuchtet er nach und nach sieben dieser Raghunathan betrachtet das Glück oft aus ökonomi-
Glücksfehltritte. So mache etwa das krampfhafte scher Perspektive: Macht es nicht faul? Ist ein gütiger
Streben nach Überlegenheit unglücklich, genauso wie Chef weniger erfolgreich? Führt emotionale Gelassen-
Misstrauen, ein übermäßiges Kontrollbedürfnis oder heit dazu, dass andere auf einem herumtrampeln?
die verzweifelte Suche nach Liebe. Anhand von Diese Perspektive macht sein Buch zu etwas Besonde-
Befunden aus der Psychologie, der kognitiven Neuro- rem im aktuellen Dschungel an Glücksratgebern:
forschung sowie den Wirtschaftswissenschaften erklärt Selten gelingt es einem Werk über Glück, die Spiritua-
Raghunathan zunächst, warum Menschen so leicht den lität fast gänzlich auszulassen und dafür mit realitäts-
jeweiligen Fehler begehen. Klug und beschwingt nahen Alltagsbeispielen zu punkten.
schildert er nicht nur die Ergebnisse diverser Studien, Katharina Müller ist Journalistin in Amsterdam und arbeitet bei
sondern ordnet diese auch ein und thematisiert der niederländischen Organisation VHTO, die sich für Frauen in den
Naturwissenschaften einsetzt.
mögliche Schwachpunkte. Die Forschungserkenntnisse
untermalt er mit Anekdoten über seine eigenen
Glücksfehltritte. Die Offenheit, Selbstironie und Spektrum der Wissenschaft und Springer Science+Business
Ehrlichkeit, die er dem Leser entgegenbringt, machen Media gehören beide zur Verlagsgruppe Springer Nature.
den Reiz des Buchs aus. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Auswahl der bespro-
chenen Bücher oder die Inhalte der Rezensionen. Wir
Jedem Fehltritt folgt ein »Glücksrezept«, das auf behandeln Titel aus dem Springer-Verlag mit demselben
wissenschaftlichen Erkenntnissen oder Fallbeispielen Anspruch und nach denselben Kriterien wie Titel aus
aus der Ökonomie fußt. Raghunathan illustriert anderen Verlagen.

86
T V- & RADIOTIPPS

TIPP
DES MONATS

DPA / DAS KOLLEKTIV / ALAMODE FILM


Yalom’s Cure
Eine Anleitung zum Glücklichsein
Dienstag, 9. Januar
Dokumentarfilm, 3sat, 22.25 Uhr

Mit Büchern wie »Der Panama-Hut oder was einen Herangehensweise. Der Film zeigt neben Filmsequen-
guten Therapeuten ausmacht« begeisterte der Psycho- zen, in denen Yalom über existenzielle Fragen sinniert,
analytiker Irvin D. Yalom (im Bild mit seiner Frau) auch nachgestellte Sitzungen, welche die von ihm pro-
Fachleute ebenso wie Laien für seine therapeutische pagierte Gruppentherapie veranschaulichen.

TV wie vor sehr gefragt. Wa-


rum sind wir so unzufrie-
Selbstporträts Dinge über
uns, die wir gar nicht
Hintergründen von
Amokläufen.
den mit dem Ist-Zustand preisgeben wollten. Zu
Samstag, 6. Januar unseres Körpers? Gast im Studio ist die Lebenselixier Licht:
Operation Bikini – Philosophin und Psycho- Wie Farben unseren
Schlachtfelder der Sonntag, 7. Januar login Elsa Godart. Körper steuern
Schönheit Me, my selfie and I Treffpunkt Medizin,
Dokumentation, arte, Philosophie-Magazin, arte, Mittwoch, 10. Januar Magazin, ORF3, 21.05 Uhr
5 Uhr 0.30 Uhr (Nacht von Warum Menschen Das Sonnenlicht beein-
Allein in Deutschland Samstag auf Sonntag) Amok laufen flusst unseren Biorhyth-
werden jährlich mindes- Sind Selfies bloß eine Planet Wissen, Magazin, mus maßgeblich. Moder-
tens 170 Millionen Euro Modeerscheinung oder WDR, 13 Uhr ne Leuchtmittel mit
für medikamentöse Ausdruck einer zuneh- Die Gießener Jurapro­ sonnenähnlicher Spek­
Schlankmacher ausgege- menden Egozentriertheit fessorin Britta Bannen- tralzusammensetzung
ben, und auch Schön- der Gesellschaft? Parado- berg beschäftigt sich seit können ihn daher
heitschirurgen sind nach xerweise offenbaren die 15 Jahren mit den durcheinanderbringen.

87
T V- & R ADIOTIPPS

Leben wir alle gegen Es kann befreien, sich war es, die Betroffenen Dienstag, 16. Januar
die innere Uhr? etwas von der Seele zu in allen wichtigen Wirklich nicht mehr
Meryns Sprechzimmer, reden. Aber wer immer Alltags­bereichen von verdient?
Magazin, ORF3, 21.55 Uhr nur jammert, schadet fremder Hilfe unabhängig Geschichten vom gerechten
Morgenmuffel oder Früh- nicht nur seinen Sozial­ zu machen. Lohn, radioWissen
aufsteher? Müssen wir uns beziehungen, sondern am Nachmittag, Bayern2,
dauerhaft einem unpas- auch seiner Gesundheit. 15.05 Uhr
senden Lebensrhythmus Radio Viele Arbeitnehmer
anpassen, leiden Körper Zukunft der Liebe leiden unter Stress am
und Psyche. Mit der Scobel, Gespräch, 3sat, Sonntag, 7. Januar Arbeitsplatz, weil sie
inneren Uhr beschäftigen 21 Uhr Heilung? Geschenkt! sich nicht wertgeschätzt
sich der Chronobiologe Ist die traditionelle Evangelische Perspektiven, fühlen. In einer aktu­ellen
Maximilian Moser, die Mann-Frau-Paarbezie- Bayern2, 8.30 Uhr Umfrage gab jeder Vierte
Psychiaterin Edda hung überhaupt noch Genesung ist bei etlichen an, innerlich bereits
Winkler-Pjrek und der zeitgemäß? Gert Scobel Erkrankungen erst gekündigt zu haben. Eine
Zeitforscher Franz spricht mit der Paar­ möglich, wenn Körper positive, offene Kommu-
Schweifer aus Österreich. beraterin Ann-Marlene und Geist als Einheit nikation im Unternehmen
Henning und dem begriffen werden. Seit den dagegen erhöht die
Donnerstag, 11. Januar Psychologen und Sexual- 1980er Jahren treffen Leistungs­bereitschaft
Glücklich ohne wissenschaftler Ulrich sich im Kloster Heilig- nach­weislich.
­Partner? Clement über die Zukunft kreuztal Theologen,
Nachtcafé, Talkshow, 3sat, der romantischen Liebe in Seelsorger sowie Men- Freitag, 26. Januar
10.15 Uhr unserer Gesellschaft. schen aus Heilberufen, Schwieriges Erbe
Jeder dritte Haushalt ist um sich über die Krank- Vom unterschiedlichen
ein Single-Haushalt. Die Samstag, 20. Januar heit als Wegweiser für Umgang mit den Nazi-
Psychologin Astrid Schütz Katzen und Menschen – ganzheitliches Wachstum Euthanasiemorden,
von der Universität eine ganz besondere auszutauschen. Deutschlandfunk Kultur,
Bamberg erforscht, wie Beziehung 13.05 Uhr
Menschen ohne Partner Planet Wissen, Magazin, Die Lust auf Rausch Grafeneck auf der
von ihrem Umfeld hr fernsehen, 6.15 Uhr Gott und die Welt, RBB Schwäbischen Alb,
wahrgenommen werden. Mehr als 13 Millionen Kulturradio, 9.04 Uhr Bernburg in Sachsen-
Katzen leben in deutschen Bewusstseinserweiternde Anhalt, Hadamar in
Donnerstag, 18. Januar Haushalten. Was lieben Drogen sind Bestandteil Hessen – drei Orte in
Mitteldeutschland Menschen an Katzen? zahlloser religiöser Kulte, Deutschland, an denen
bewaffnet sich Und umgekehrt: Lieben die dem Wunsch nach die Nazis ihr Euthanasie-
Dokumentation, 3sat, die Tiere auch ihre Verschmelzung mit dem Programm umsetzten.
0 Uhr (Nacht von Mitt- Besitzer? Göttlichen dienen. Warum gehen die drei
woch auf Donnerstag) Städte heute so unter-
Rund 450 000 kleine Freitag, 26. Januar Mittwoch, 10. Januar schiedlich mit diesem
Waffenscheine gab es Pető-Therapie – Was Fantasiewesen schrecklichen Erbe um?
Ende 2016 in Deutsch- Mit jedem Schritt mehr bedeuten
land; das sind rund 60 Freiheit radioWissen, Bayern2,
Prozent mehr als im Jahr Dokumentation, 3sat, 9.05 Uhr
davor. Psychologen und 12.30 Uhr Psychologen des 20. Jahr- Kurzfristige Programm­
Risikoforscher diskutieren Der ungarische Neuro­ hunderts wie C. G. Jung änderungen sind möglich.
über die Ursachen und loge, Psychiater und und Karl Kerényi kamen Zum Zeitpunkt der
Konsequenzen der Pädagoge András Pető zu dem Schluss, Mythen Drucklegung lagen uns
zunehmenden Selbstbe- entwickelte vor rund fungierten als eine Art keine späteren Sende­
waffnung. 100 Jahren eine neue Lebenshilfe. Ähnlich termine vor. Diese finden
Methode der individuel- sollen Naturgeister die Sie ab dem 9. 2. 2018 in
Jammern schadet dem len motorischen För­ elementaren Erfahrungen der neuesten Ausgabe,
Gehirn derung für bewegungs­ des Lebens verkörpern: kostenlos abzurufen unter:
Alles Wissen, Magazin, behinderte Kinder und Angst, Hoffnung, Liebe, www.spektrum.de/
hr fernsehen, 20.15 Uhr Erwachsene. Sein Ziel Sex und Tod. magazin/gehirn-und-geist

88
VORSCHAU

Heft 3/2018 erscheint am 9. Februar

Konversation
im Kopf
Selbstgespräche sind
deutlich vielschichtiger als
lange angenommen: In
Gedanken können wir mit
uns diskutieren, uns Mut
machen oder uns an
Vorhaben erinnern. Die
Unterhaltungen mit sich
selbst liefern Einblicke in
unser Denken und die
Arbeitsweise des Gehirns.
Wenn sie nur nicht so
schwer zu erfassen wären!

Eine Frage des


Geschlechts
GETTY IMAGES / STEVE CRAFT

Obwohl Krankheitsbilder
wie die Hysterie inzwi­
schen weitgehend aus den
Diagnosehandbüchern
verschwunden sind, gelten
manche psychischen
Placeboforschung – der Schein heilt mit! Erkrankungen nach wie
vor als typisch männlich
Sie gehören heute zum anerkannten Wissen in der Medizin und Psychotherapie:
oder typisch weiblich.
die oft erstaunlichen Heilwirkungen von Scheinbehandlungen und Zuckerpillen.
Doch inwieweit kann man
Wie kommen solche Effekte genau zu Stande? Beruhen sie auf Einbildungen,
wirklich von »Männer­
oder kann man sie an handfesten, physiologischen Veränderungen festmachen?
störungen« und »Frauen­
Psychologen und Mediziner erkennen jetzt immer besser, was beim Placebo­
störungen« sprechen?
effekt im Gehirn passiert.

Ein Maß für


­Bewusstsein Newsletter
Immer wieder stehen Ärzte vor der
schwierigen Frage, ob ein Patient, der Lassen Sie sich jeden
teilnahmslos daliegt, bei Bewusstsein Monat über Themen
ist oder aber keinerlei Gedanken und und Autoren des neuen
Gefühle mehr hegt. Das herauszufin­ Hefts informieren! Wir
den, war bislang in vielen Fällen kaum halten Sie gern per E-Mail
GETTY IMAGES / BILL DIODATO

möglich. Mit einem neuen Messverfah­ auf dem Laufenden –


ren ist es Forschern jedoch kürzlich natürlich kostenlos.
gelungen, den Grad des Bewusstseins Registrierung unter:
erstaunlich zuverlässig zu erfassen. www.spektrum.de/
gug-newsletter

89
HIRSCHHAUSENS HIRNSCHMALZ
FRANK EIDEL; MIT FRDL. GEN. VON ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Psychotest:
hilft …
Wenn dein Partner auf 180 ist,
A) aus dem Weg gehen.
B) zuhören.
C) 08/15.
D) 220.

Errare humanum est


D R . E C K A RT VO N H I R S C H HAU S E N Paare, die vorher miteinander im Clinch lagen, profi-
ist Mediziner und Moderator – und entdeckt, dass psycholo- tierten am ehesten; den bereits zufriedenen half das
gisches Wissen auch Risiken und Nebenwirkungen hat. Einüben von Konfliktgesprächen dagegen wenig bis gar
nicht. Und: Von den anfangs rekrutierten Paaren ka-
men 41 Prozent schon deshalb nicht zum Zug, weil sich

I rren ist menschlich. Noch menschlicher ist es, dem


anderen den Irrtum in die Schuhe zu schieben. Und
die Abkürzung fürs lateinische »Errare humanum est«
entweder nur einer von beiden für das Angebot interes-
sierte oder man sich nach der Anmeldung trennte.
Der Teufel steckt im Detail. So löblich es scheint, den
lautet auch noch EHE! Leben verheiratete Menschen Menschen mehr Empathie und Konfliktkompetenz an-
wirklich länger – oder kommt es ihnen nur so vor? Es gedeihen zu lassen, die Ergebnisse offenbarten auch ein
gibt wohl keine Schublade, die so voll ist wie die mit Dilemma, in dem ich selbst als Jungspund im Arztkittel
Gags über schlechte Langzeitbeziehungen. Beispiel: oft steckte. Wie soll ein 23-Jähriger Paare oder Eltern
»Schatz, was wünscht du dir zu Weihnachten?« »Wenn beraten, die 20 Jahre älter sind und deren Situation er
ich ehrlich sein soll, die Scheidung.« »Wenn ich ehrlich nur aus Manualen oder vom Hörensagen kennt? Wenn
sein soll: So viel wollte ich nicht ausgeben!« die Leute in der Studie im Schnitt Mitte 40 und elf Jah-
In jedem Witz steckt ja ein Funken Wahrheit. Tren- re liiert waren, frage ich mich ganz konkret: Möchte ich
nungen tun meist weh, sind menschlich, finanziell und mit meiner Frau vor einem Bachelorstudenten Probe
für das Umfeld ein Desaster. Und jeder fünfte meint im streiten? Sie ist Mediatorin, ich »Glücksexperte« – was
Nachhinein »Mensch, wir hätten doch mehr an uns wir uns gern lauthals gegenseitig vorwerfen.
­arbeiten können«. Deshalb hier eine gute Nachricht aus Immerhin habe ich von ihr gelernt, dass hinter fast
der psychologischen Forschung: Mit ein paar Grund- jedem Konflikt ein Mangel an Wertschätzung steckt.
kenntnissen über einen schonenden Umgang miteinan- Und bei solchen, die schon eskaliert sind, gibt es oft kei-
der hält die Beziehung länger. Es sei denn, die Partner ne gute Lösung mehr für irgendwen. Was mir öfter hilft,
sind sowieso schon happy. ist die Einsicht, dass morgen auch noch ein Tag ist. Viel-
Der Arbeitsgruppe um Ann-Katrin Job und Kurt leicht war beim EPL deshalb das Zwei-Tage-Training ef-
Hahlweg von der Universität Braunschweig ist es zu ver- fektiver als die Wochenstunden. Was auch hilft: ältere
danken, dass jetzt erstmals in Deutschland eine große Paare fragen, wie sie es miteinander aushalten! Das ist
Zahl von Paaren mit »Ein Partnerschaftliches Lernpro- zwar meistens weniger verhaltenstherapeutisch, aber le-
gramm – EPL« trainiert und über 15 Monate begleitet benspraktisch. So antwortete eine Frau auf die Frage, ob
wurde. EPL ist das am besten untersuchte Präventions- sie in 50 Ehejahren nicht manchmal an Trennung ge-
training für Paare hier zu Lande. Laut Studien aus den dacht habe: »An Trennung nicht – aber an Mord!«  H
letzten Jahren lassen sich Trennungen auf diesem Weg
teilweise abwenden. Aber wie kommt das hilfreiche psy-
chologische Wissen dorthin, wo es gebraucht wird? QUELLE
Antwort: 104 Psychologiestudierende führten nach Job, A.-K. et al.: Who Benefits from Couple
einem Crashkurs die Trainings durch, die entweder an ­Relationship Education? In: Journal of Couple &
zwei Tagen intensiv oder über eine Woche verteilt liefen. Relationship Therapy 16, S. 79–101, 2017

90
Verpassen Sie keine Ausgabe
von Gehirn&Geist
Bestellen Sie jetzt Ihr persönliches Abonnement,
und sichern Sie sich Ihr Geschenk!

ERSPARNIS:
12 x im Jahr Gehirn&Geist für nur € 85,20
(ermäßigt auf Nachweis € 68,40),
über 10 % günstiger als im Einzelkauf.
KEINE MINDESTLAUFZEIT:
Sie können das Abonnement jederzeit kündigen.
AUCH ALS KOMBIABO:
Für nur € 6,–/Jahr Aufpreis erhalten Sie
Zugriff auf die digitale Ausgabe des Magazins
(PDF-Format; Preise nur für Privatkunden).
WUNSCHGESCHENK:
Wählen Sie Ihren persönlichen Favoriten.

Buch »Männerschnupfen«
Augenzwinkernd und charmant
erklären die Autoren, wie und
warum das starke Geschlecht so
sehr nach Aufmerksamkeit schreit,
wenn es kränkelt. Leidensszenarien,
entsprechende Hausmittel und
Therapievorschläge sind dabei
natürlich inbegriffen.

Wählen Sie
DIN-A5-Notizbuch
Ihr Geschenk »Marie&Isaac&Albert&Stephen.«
Unser hauseigenes Notizbuch mit
edlem Leineneinband, folienka-
schierter Blindprägung, Farbschnitt
sowie schwarzem Gummi- und
Lesezeichenband. Mit dezentem
Punktraster auf 160 Innenseiten
90-g-Premiumpapier gedruckt.

So können Sie bestellen: Telefon: 06221 9126-743


service@spektrum.de www.gehirn-und-geist.de/abo
DIE WOCHE DAS WÖCHENTLICHE WISSENSCHAFTSMAGAZIN

Das Kombipaket im
Abo: App und PDF
Jeden Donnerstag neu! Mit News, Hinter-
gründen, Kommentaren und Bildern aus
der Forschung sowie exklusiven Artikeln
aus »nature« in deutscher Übersetzung.
Im Abonnement nur € 0,92 pro Ausgabe
(monatlich kündbar), für Schüler, Studen-
ten und Abonnenten unserer Magazine
sogar nur € 0,69. (Angebotspreise nur für Privatkunden)

KANGAH / GETTY IMAGES / ISTOCK

www.spektrum.de/abonnieren

Das könnte Ihnen auch gefallen