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Psychologie. Hirnforschung. Medizin.

Nr. 06/2017  € 7,90 · 15,40 sFr. · www.gehirn-und-geist.de

Gehirn&Geist
Stress
Schlaue
Schweine
Dürfen wir
Tiere essen?

Wie er das Gehirn verändert


Die 7 besten Anti-Stress-Methoden

D 5752 5

Kopf schlägt Körper Borderline-Störung Spielplatz Natur


Die unglaubliche Geschichte Leben im emotionalen Schickt die Kinder
eines Gedächtnisweltmeisters ­Ausnahmezustand nach draußen!
DIE WOCHE DAS WÖCHENTLICHE WISSENSCHAFTSMAGAZIN

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ISTOCK / LUISMMOLINA

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EDITORIAL

Akzeptieren, EXPERTINNEN UND EXPERTEN


I N D I E S E R AU S G A B E

ändern, ausgleichen
D
er zweite Interviewpartner zum Thema »Stress« erschien
nicht – er hatte Stress. Ein dringender Termin war ihm plötz-
lich in die Quere gekommen, woraufhin wir unser Gespräch
allein mit dem Philosophen Ralf Konersmann führten. Der Kieler
Gelehrte und erfolgreiche Sachbuchautor beschreibt die unsere Zeit
prägende angespannte Rastlosigkeit gern mit dem älteren Begriff
»Unruhe«. Akribisch hat er deren Konjunktur
über die Jahrhunderte analysiert. Sein Fazit:
Ralf Konersmann von der Universität
Einst machten wir die permanente Verände- Kiel schildert, wie die Ruhelosigkeit zum
rung zur Norm unseres Daseins – jetzt zahlen Ideal unseres Lebens aufstieg. »Unruhe
wir den Preis dafür. In dieser Lesart sind auch ist die Norm«, erklärt der Philosoph im
stressbedingte Erkrankungen, für deren Interview ab S. 24.
Behandlung wir Jahr für Jahr Milliarden
aufwenden, die Konsequenzen eines Zeit-
geistes, den wir selbst schufen (ab S. 24).
Die neurowissenschaftliche Perspektive,
Carsten Könneker die der spontan verhinderte zweite Experte in
Chefredakteur unser Interview einbringen sollte, finden
koenneker@spektrum.de Sie nun in einem gesonderten Beitrag. Autor
Christian Wolf erklärt darin, was dauerhafte
psychische Anspannung im Gehirn anrichtet. Bei seinen Recherchen
stieß er darauf, dass Stress auch eine positive Seite haben kann. Zu-
mindest kurzfristig treibt er unsere Geisteskraft zu Höchstleistungen
Armin Lude hält es für wichtig, dass
an (S. 12).
Kinder viel im Grünen spielen. Ab S. 30
Umfragen zufolge fühlen wir uns immer mehr gehetzt, als Gesell- erläutert der Bildungsforscher von der
schaft wie als Einzelne. Die Konsequenzen können dramatisch sein, Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg,
von Depressionen über Tinnitus bis zur tödlichen Herzattacke. Wie wie Naturerfahrungen die kindliche
also gegensteuern? Antworten hierauf gibt der wohl praxisnaheste Entwicklung fördern.
Artikel unseres dreiteiligen Titelthemas. Der Psychologe und Journalist
Joachim Retzbach sichtete dafür die Forschungsliteratur, befragte
Experten und trug die sieben besten Strategien zusammen, dem Stress
den Stachel zu nehmen (S. 18). Drei von ihnen lassen sich auf eine
Faustformel bringen: Akzeptieren, was ist. Ändern, was sich ändern
lässt. Ausgleichen, was belastet.

A
ußerdem möchte ich Sie auf die verblüffende Geschichte
von Johannes Mallow aufmerksam machen. Der 35-Jährige
leidet seit seiner Jugend an einer genetisch verursachten
Muskel­erkrankung, die ihn körperlich immer stärker einschränkt.
2003 wurde er durch eine Fernsehsendung auf Gedächtnissport auf-
Inga Niedtfeld und Christian Schmahl
merksam, 2012 errang er in London den Weltmeistertitel in dieser vom Zentralinstitut für Seelische Gesund-
Disziplin (S. 64)! heit in Mannheim stellen ab S. 74 dar,
warum Menschen mit einer Borderline-
Eine entspannte Lektüre wünscht Ihr Persönlichkeitsstörung so häufig mit
anderen in Konflikt geraten.

GEHIRN&GEIST 3 06_2017
IN DIESER AUSGABE

LINKS: PHOTOCASE / GREAT BARRIER THIEF;


MITTE: ISTOCK / DGLIMAGES;
RECHTS: PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY
Psychologie Hirnforschung Medizin

Abenteuer­ Im Baby- Kopf schlägt


spielplatz Natur Modus Körper
30 Laut Forschern fördert es
die Entwicklung, wenn
Kinder viel Zeit im Grünen ver-
50 Das Leben frischgebackener
Eltern dreht sich vollstän-
dig um den Säugling: füttern,
64 Johannes Mallow leidet an
einem unheilbaren Muskel-
schwund, der fazio-skapulo-hume-
bringen. wickeln, wiegen. Der Antrieb für ralen Muskeldystrophie (FSHD).
Von Armin Lude diese bedingungslose Fürsorge Die Krankheit hätte ihn auch psy-
beruht auf bestimmten Verände- chisch fast zerstört. Doch dann fand
38 Neugierige Schweine, rungen im Gehirn. er einen Weg, sich mit anderen zu
mitfühlende Hühner Von Anna von Hopffgarten messen: Heute gilt Johannes Mallow
Nutztiere sind lernfähig, sensibel als einer der besten Gedächtnis-
und haben oft ein komplexes 56 Gute Frage sportler der Welt.
Sozialleben. Ist es deshalb falsch, Schaden Handystrahlen Von Nele Langosch (Text) und Philipp
sie zu essen? dem Gehirn? Sann (Fotos)
Von Joachim Retzbach Was ist dran an den oft vermuteten
Gefahren durch Smartphones? Der 74 Emotionaler
44 Infografik Psychologe Christoph Böhmert klärt A
­ usnahmezustand
Der Gefühlsnavigator darüber auf, ob Mobilfunk krank Alltägliche Konflikte prägen das
Wie man Gefühle von Gesichtern macht. Leben von Menschen mit Border-
abliest. line-Persönlichkeitsstörung. Diese
58 Signale des Herzens können ihre intensiven Emotionen
Unser Ich-Gefühl entspringt einem nur schlecht kontrollieren, und ihr
neuronalen Netzwerk, das auch Gehirn reagiert besonders sensibel
Körperfunktionen wie den Herz- auf mögliche Ausgrenzung.
schlag registriert. Von Inga Niedtfeld und
Von Guillaume Jacquement Christian Schmahl

46 Seltsam unheimlich
Warum lassen uns Clowns und
andere eher harmlos wirkende Ge-
stalten häufig schaudern? Einblicke
in die Psychologie des Gruselns.
Von Daniela Zeibig

GEHIRN&GEIST 4 06_2017
Editorial  3
Geistesblitze
u. a. mit diesen Themen: Obst
fördert Hirnevolution / Kinohits
im EEG-Muster / Brille verbes-
sert Farbensehen / Attraktivität
und Beziehungsdauer 6
Impressum9
Blickfang
Rankende Riesenneurone11
Leserbriefe  28
Kopfnuss37
Therapie kompakt
Überaktiver Gefahrensensor bei
Zwängen / Therapietreue gegen
Bezahlung / Depressionsbehand-
lung per Hirnscan wählen62
Bücher und mehr
Robert Rossa, Julia Rossa: Wenn
du ein Bonbon wärst … / Luke
ISTOCK / PEOPLEIMAGES
Dittrich: Patient H. M. / Nikil
Mukerji: Die 10 Gebote des
gesunden Menschenverstands /
Michael Lewis: Aus der Welt 80
TV- & Radiotipps 86
Vorschau89

Titelthema: Stress

Hirn unter Druck


12 Psychische Beanspruchung ist nicht unbedingt schlecht – es
kommt auf die Umstände an, sagen Psychologen und Neuro­
forscher. Wann genau Stress zum Problem wird und wie chronische
FRANK EIDEL; MIT FRDL. GEN. VON
ECKART VON HIRSCHHAUSEN

­Überlastung das Gehirn verändert, zeigen zahlreiche neue Studien.


Von Christian Wolf

18 S
 tress, lass nach!
Wenn Zeitnot und Hektik überhandnehmen, ist Handeln angesagt: Hirschhausens Hirnschmalz
7 bewährte Strategien helfen Studien zufolge gegen Stress. Asche zu Asche90
Von Joachim Retzbach

24 Interview
»Unruhe ist die Norm«
Der Philosoph Ralf Konersmann betrachtet den heutigen Appell zur
Rastlosigkeit aus kulturhistorischer Sicht. Gehirn&Geist
Verpassen Sie keine Ausgabe!
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TITELBILD: ISTOCK / BOWIE15; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

GEHIRN&GEIST 5 06_2017
GEISTESBLITZE
ISTOCK / GLAFLAMME

Intelligenz dreimal so viele Arten wie die bislang größte Untersu-


chung. Zudem verglichen die Forscher Hirne, Ernäh-
Obst als Triebfeder rung und Sozialverhalten innerhalb einzelner Abstam-

der Hirnevolution mungslinien, um Verzerrungen zu vermeiden.


Der Auswertung zufolge korreliert das Volumen
des Affenhirns nicht mit der Gruppengröße, wie es die

W
as war die treibende Kraft bei der Entwick- Theorie vom sozialen Gehirn erfordert. Vielmehr
lung der menschlichen Intelligenz? Seit den weisen Primaten, die Früchte verspeisen, größere
1990er Jahren favorisierten viele Anthropo- Gehirne auf als Laubfresser. Denn es sei kognitiv
logen die »Theorie vom sozialen Gehirn«. Demnach anspruchsvoller, reifes Obst zu finden, das es nur zu
seien die komplexen Beziehungen von Primaten bestimmten Zeiten an bestimmten Orten gibt. Diese
untereinander der wichtigste evolutionäre Antrieb hin komplexe Anforderung habe die Hirnentwicklung
zu mehr Intelligenz gewesen. Nun bringen drei vorangetrieben.
Forscher der New York University dieses Modell ins Allerdings betrachtet auch die neue Studie wie viele
Wanken. Ihre Alternativerklärung basiert auf Obst. ihrer Vorgänger geistige Fähigkeiten und soziale
Laut Alex DeCasien, Scott Williams und James Komplexität bei Primaten nicht direkt, sondern per
Higham hängt die Hirngröße bei Affen von der Umweg über die leichter zu messende Hirn- und
Ernährung ab. Genauer gesagt hätten Primaten ein Gruppengröße. Ein enger Zusammenhang zwischen
umso größeres Denkorgan, je mehr Früchte statt diesen Parametern und dem, wofür sie mutmaßlich
Blätter auf ihrem Speiseplan stehen. Die neue Analyse stehen, ist bislang nicht belegt. (lf)
berücksichtigte mit mehr als 140 Primatenspezies Nat. Ecol. Evol. 10.1038/s41559-017-0112, 2017

GEHIRN&GEIST 6 06_2017
Partnerschaft Im nächsten Schritt rekrutierten die Forscher
134 Probanden, von denen etwa die Hälfte in einer
Attraktive Menschen festen Beziehung lebte. Nachdem Ma-Kellams und ihre

machen eher Schluss Kollegen die Attraktivität der Teilnehmer von neutra-
len Beurteilern hatten bewerten lassen, befragten sie
ihre Probanden, wie stark sie sich zu einer gut ausse-

S
chöne Menschen haben kürzere Liebesbeziehun- henden Person des anderen Geschlechts hingezogen
gen als weniger attraktive. Das berichten fühlten, deren Bild sie ihnen präsentierten. Attraktive
Forscher der Harvard University um Christine Teilnehmer fanden die Person auf dem Foto besonders
Ma-Kellams. Sie baten zunächst Frauen, das Aussehen anziehend, auch wenn sie selbst bereits »in festen
von 238 jungen Männern anhand von Fotos in College- Händen« waren. Wie ein weiterer Versuch zeigte, ist
Jahrbüchern zu beurteilen. Anschließend recherchier- diese Tendenz noch ausgeprägter, wenn die Betreffen-
ten die Wissenschaftler, wie es um das Liebesleben der den unzufrieden mit ihrer aktuellen Partnerschaft sind.
Männer in den Folgejahren bestellt war. Siehe da: Wer Dann neigen schöne Menschen offenbar eher dazu,
als besonders attraktiv bewertet wurde, hatte sich sich nach Alternativen umzusehen.
häufiger scheiden lassen, und die Ehen der Betreffen- Ob allein das Aussehen dafür verantwortlich ist,
den waren von kürzerer Dauer. Denselben Trend bleibt unklar. Das Vermögen der Untersuchten – ob
entdeckte das Team um Ma-Kellams auch bei Holly- Promis oder Normalos – beeinflusste den Zusammen-
woodstars sowie unter den 100 einflussreichsten hang zwischen Attraktivität und Beziehungsdauer
Persönlichkeiten der Welt, die das »Forbes«-Magazin zumindest nicht. (dz)
regelmäßig kürt. Pers. Relatsh. 24, S. 146–161, 2017

Wahrnehmung zu einem homogenen Gesamteindruck. Durch die


Frequenzteilung führen zwei metamere Töne nun unter
Brille für besseres Umständen zu jeweils anderen Farbpaarungen rechts

Farbensehen und links – und werden entsprechend als unterschied-


lich wahrgenommen.
Prinzipiell sei es laut den Forschern auch möglich,

W
issenschaftler der University of Wisconsin die beiden anderen Farbrezeptoren in der Retina
entwickelten eine Brille, die übermenschli- auf diese Weise »aufzuspalten«, was dem Betrachter
ches Farbensehen erlaubt. Durch die Gläser effektiv sechs Rezeptoren verleihen würde. Ob das
lassen sich Nuancen unterscheiden, die der Mensch Gehirn so widersprüchliche Informationen beider
normalerweise nicht auseinanderhalten kann. Der Augen noch sinnvoll verarbeiten könnte, ist allerdings
Trick: Mittels Filtern wird den drei Rezeptortypen des offen. (jd)
Auges quasi ein vierter, virtueller hinzugefügt. arXiv, 1703.04392, 2017
An sich wollten Mikhail Kats und Brad Gundlach
das Problem der Metamerie lösen. Es entsteht, wenn Mittels spezieller Brillengläser machten Forscher
zwei Farben zwar eindeutig unterschiedliche Spektren blaue Farbnuancen sichtbar, die wir normalerweise
aufweisen, aber auf Grund der begrenzten Auflösung nicht unterscheiden können.
unseres Sehsinns den gleichen Wahrnehmungsein-
druck hervorrufen.
Um die Auflösung unseres Farbensehens, zunächst
BRAD GUNDLACH UND MIKHAIL KATS, UNIVERSITY

nur im blauen Bereich, zu verbessern, nutzten Kats


und Gundlach zwei spezielle Filter – einen für jedes
Auge –, die das einfallende Licht im Spektralbereich
des Blaurezeptors aufteilen. So gelangte eine Hälfte der
OF WISCONSIN-MADISON

Frequenzen nur noch zum linken Auge, die andere


Hälfte nur noch zum rechten. Der Farbeindruck links
und rechts wird dadurch jeweils leicht unterschiedlich,
doch das Gehirn verrechnet die Signale beider Augen

GEHIRN&GEIST 7 06_2017
GEISTESBLITZE

Kinder
Schlafmangel schwächt
die geistige Entwicklung

W
ie wichtig Schlaf im frühen Kindesalter ist,
verdeutlicht die Studie von Forschern um
Elsie Taveras vom Massachusetts General
Hospital for Children. In einer Untersuchung an 1046
Kinder entdeckten sie: Zu kurze Schlafenszeiten im
Alter von drei bis sieben Jahren gehen mit Problemen
in Denkvermögen und Sozialverhalten einher.

ISTOCK / LISA5201
Forscher empfehlen für Kinder im Alter von sechs
Monaten bis zwei Jahren mindestens zwölf Stunden
Nachtruhe. Drei- bis Vierjährige sollten am besten
mindestens elf Stunden schlafen, Fünf- bis Siebenjähri- Der Effekt blieb auch bestehen, als man das Familien­
ge immerhin noch zehn Stunden. einkommen und den Bildungsgrad der Eltern statis-
Für die Studie gaben Mütter in regelmäßigen Ab- tisch herausrechnete. Bei Kleinkindern bis zwei Jahren
ständen an, wie lange ihr Nachwuchs schlief. Als die fanden die Forscher zwar keinen so eindeutigen
Kinder aus der Versuchsgruppe sieben Jahre alt waren, Zusammenhang – allerdings deuten ihre Ergebnisse
ließen Taveras und ihr Team sowohl die Eltern als auch darauf hin, dass ungünstige Schlafmuster oft über lange
die Lehrer die geistigen und sozialen Fähigkeiten der Zeit hinweg bestehen bleiben. Deshalb sei es besonders
Kleinen einschätzen. Dabei erfassten sie unter ande- wichtig, schon im frühen Kindesalter auf ausreichend
rem, wie gut die Schüler planen und sich organisieren Schlaf zu achten.
konnten, ihre Gefühle im Griff hatten, Rücksicht auf Ältere Studien hatten bereits einen Zusammenhang
andere nahmen oder Schwierigkeiten im Umgang mit zwischen kindlichem Schlafmangel und Fettleibigkeit
Altersgenossen zeigten. Hyperaktivität, Ängste und aufgezeigt. Möglicherweise, so Taveras und ihre
Depressionen standen ebenfalls auf der Checkliste. Kollegen, hängen diese Ergebnisse zusammen: Kinder,
Resultat: Hatten Kinder im Alter von drei bis sieben die zu wenig schlafen, könnten auf Grund ihrer
Jahren weniger geschlafen als empfohlen, waren ihre verminderten Selbstkontrolle eher Probleme haben,
kognitiven Fähigkeiten und ihr Sozialverhalten im ihren Appetit zu zügeln. (mtf)
Schnitt etwas schlechter als die anderer Siebenjähriger. Acad. Pediatr. 10.1016/j.acap.2017.02.001, 2017

Neurone team, dass die zuvor nur sporadisch beobachteten


Impulse der Zellfortsätze bei frei laufenden Ratten
Graue Zellen überaus häufig auftreten.

aktiver als gedacht Wie schon länger bekannt war, spiegeln Aktions­
potenziale, die vom Zellkörper ausgehen, nur einen
Teil der Nervenaktivität wider. In isolierten Neuronen

W
enn Nervenzellen kommunizieren, schien und Hirnpräparaten hatte man festgestellt, dass auch
die Aufgabenverteilung bislang klar: Der Dendriten solche Signale erzeugen. Diese in lebenden
Zellkörper erzeugt die elektrischen Tieren zu messen, ist jedoch schwierig. Moores Team
Impulse, Aktionspotenziale genannt, das Axon leitet gelang das mittels so genannter Tetroden. Hierbei
sie weiter, und an den Dendriten treffen die Signale müssen Dendriten in den schmalen Spalt zwischen
anderer Neurone ein. Wie nun eine Arbeitsgruppe zwei Elektroden geraten. Sollten sich die Ergebnisse
um Jason Moore von der University of California in erhärten, würde das die Hypothese stützen, wonach
Los Angeles zeigte, erzeugen Dendriten jedoch auch neuronale Signale spontan an verschiedenen Stellen
selbst Aktionspotenziale – womöglich sogar weit der Nervenzelle entstehen können. (lf)
öfter als der Zellkörper. So entdeckte das Forscher- Science 10.1126/science.aaj1497, 2017

GEHIRN&GEIST 8 06_2017
Gehirn&Geist
Neuromarketing Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A.

Synchrone Blockbuster
(verantwortlich)
Artdirector: Karsten Kramarczik
Redaktionsleitung: Dr. Hartwig Hanser
Redaktion: Steve Ayan (Ressortleitung Psychologie), Dr. Katja Gaschler
(Koordination Sonderhefte), Dr. Anna von Hopffgarten (Ressortleitung

E
inen Film zu produzieren, kostet Studios in Hirnforschung), Dr. Andreas Jahn (Ressortleitung Medizin), Dipl.-Psych.
Liesa Klotzbücher, B. A. Wiss.-Journ. Daniela Zeibig
Hollywood und anderswo oft viele Millionen. Freie Mitarbeit: Dr. Joachim Retzbach
Assistentin des Chefredakteurs, Redaktionsassistenz: Lena Baunacke
Um zu verhindern, dass der Streifen an der Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Katharina Werle
Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
Kinokasse floppt, wird häufig schon vor der Produkti- Layout: Karsten Kramarczik, Sibylle Franz, Oliver Gabriel,
Anke Heinzelmann, Claus Schäfer, Natalie Schäfer
on in Fokusgruppen geprüft, ob der Film genug
Markt­potenzial hat. Zwei Neuroforscher der North­ Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Manfred Cierpka, Institut für
Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie,
western University schlugen nun einen innovativen Universität Heidelberg; Prof. Dr. Angela D. Friederici, Max-Planck-Institut
für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig; Prof. Dr. Jürgen
Weg ein: Sie versuchten anhand der Hirnaktivität Margraf, Arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie,
Ruhr-Universität Bochum; Prof. Dr. Michael Pauen, Institut für
der Zuschauer vorauszusagen, ob ein Film zum Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin; Prof. Dr. Frank Rösler,
Blockbuster taugt. Dazu zeigten sie 122 Probanden Institut für Psychologie, Universität Hamburg; Prof. Dr. Gerhard Roth,
Institut für Hirnforschung, Universität Bremen; Prof. Dr. Henning Scheich,
insgesamt 13 Trailer von Filmen wie »X-Men« oder Leibniz-Institut für Neurobiologie, Magdeburg; Prof. Dr. Wolf Singer, ­
Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main;
»22 Jump Street«. Knapp die Hälfte der Versuchsper- Prof. Dr. Elsbeth Stern, Institut für Lehr- und Lernforschung, ETH Zürich

sonen trug dabei Elektrodenhauben, mit deren Hilfe Übersetzung: Anja Nattefort
Herstellung: Natalie Schäfer
man ihre Hirnströme registrierte. Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel.: 06221 9126-741,
Samuel Barnett und Moran Cerf verwendeten für E-Mail: service@spektrum.de
Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel.: 06221 9126-744
ihre Untersuchung die Methode der »cross-brain Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Hausanschrift: Tiergartenstraße 15–17,
correlation« (CBC). Diese beruht auf der Annahme, 69121 Heidelberg, Tel.: 06221 9126-600, Fax: 06221 9126-751,
Amtsgericht Mannheim, HRB 338114
dass fesselnde Filme das Gehirn der Zuschauer jeweils Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg,
in ähnlicher Weise stimulieren. CBC misst also, Tel.: 06221 9126-712, Fax: 06221 9126-779,
E-Mail: gehirn-und-geist@spektrum.de
wie stark sich die neuronale Aktivität verschiedener Geschäftsleitung: Markus Bossle, Thomas Bleck
Kinobesucher über den Kortex hinweg gleicht. Leser- und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser, Ute Park,
Tel.: 06221 9126-743, E-Mail: service@spektrum.de
Der berechnete Wert schwankt zwischen 0 und 1. Vertrieb und Abonnementsverwaltung: Spektrum der Wissenschaft
Verlagsgesellschaft mbH, c/o ZENIT Pressevertrieb GmbH,
Mit einer Ausnahme spielten alle Filme, die einen Postfach 81 06 80, 70523 Stuttgart, Tel.: 0711 7252-192, Fax: 0711 7252-366,
CBC unter 0,5 produzierten, im Schnitt weniger als E-Mail: spektrum@zenit-presse.de, Vertretungsberechtigter: Uwe Bronn

zehn Millionen US-Dollar pro Woche ein. Die drei Die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH ist Kooperations-
partner der Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation gGmbH
Filme mit den besten CBC-Werten waren dagegen (NaWik).

auch an der Kinokasse am erfolgreichsten: »Spider- Bezugspreise: Einzelheft: € 7,90, sFr. 15,40, Jahresabonnement
Man 2«, »Noah« und »X-Men: Zukunft ist Vergangen- Inland (12 Ausgaben): € 85,20, Jahresabonnement Ausland: € 93,60,
Jahresabonnement Studenten Inland (gegen Nachweis): € 68,40,
heit«. Barnett und Cerf geben gleichwohl zu beden- Jahresabonnement Studenten Ausland (gegen Nachweis): € 76,80.
Zahlung sofort nach Rechnungserhalt. Postbank Stuttgart,
ken: Synchrone Hirnaktivität könne ebenso gut IBAN: DE52 6001 0070 0022 7067 08, BIC: PBNKDEFF

auftreten, wenn alle Zuschauer eine Filmsequenz Die Mitglieder der DGPPN, des VBio, der GNP, der DGNC, der GfG,
der DGPs, der DPG, des DPTV, des BDP, der GkeV, der DGPT, der DGSL,
gleichermaßen abstoßend finden. (mtf) der DGKJP, der Turm der Sinne gGmbH, der NOS (Neurofeedback Orga­
nisation Schweiz) sowie von Mensa in Deutschland erhalten die Zeitschrift
J. Consum. Res. 10.1093/jcr/ucw083, 2017 »Gehirn&Geist« zum gesonderten Mitgliedsbezugspreis.

Anzeigen/Druckunterlagen: Karin Schmidt, Tel.: 06826 5240-315,


Fax: 06826 5240-314, E-Mail: schmidt@spektrum.de
Verrät die neuronale Forschung, wie gut Anzeigenpreise: Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 16 vom 1. 11. 2016.

der Film beim Publikum ankommt? Gesamtherstellung: Vogel Druck und Medienservice GmbH, Höchberg

Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei der


Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche Nutzung des
Werks, insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche
Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung, ist ohne die vorherige
schriftliche Einwilligung der Spektrum der Wissenschaft Verlags-
gesellschaft mbH unzulässig. Jegliche unautorisierte Nutzung des Werks
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zum Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Bei jeder
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© 2017 (Autor), Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
Heidelberg. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher
übernimmt die Redaktion keine Haftung; sie behält sich vor, Leserbriefe zu
KEDDY / STOCK.ADOBE.COM

kürzen.

Bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechteinhaber von


­Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem Verlag gegenüber dennoch der
Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchen-
übliche Honorar nachträglich gezahlt.

ISSN 1618-8519

GEHIRN&GEIST 9 06_2017
GEISTESBLITZE

Psychologie
Namen raten leicht gemacht

K
önnen Sie Fremden an der Nase ablesen, ob sie Außerdem hatten sie sich Menschen, die manche der
Barbara oder Stefanie, Tim oder Kevin heißen? Namen tatsächlich trugen, ins Labor einbestellt, um
Sonderlich gut sind wir darin nicht – aber wir sie für den Versuch abzulichten. Auch hier bewiesen
treffen wohl mit größerer Wahrscheinlichkeit ins die Versuchsteilnehmer in etwa 40 Prozent der Fälle
Schwarze, als der Zufall erlaubt. Zu diesem erstaunli- ein Gespür für den korrekten Namen – bei wahllosem
chen Ergebnis kam ein Team um Yonat Zwebner von Raten hätten sie nur bei rund einem Viertel der
der Universität in Jerusalem nach einer Serie von acht Gesichter richtigliegen dürfen.
Experimenten. Die neuen Studienresultate deuten darauf hin, dass
Die Forscher präsentierten zunächst 120 israeli- das Aussehen einer Person mit ihrem Namen durchaus
schen Studierenden insgesamt 20 Profilfotos von etwas zu tun hat. Zwebner und seine Kollegen machen
unbekannten Nutzern eines sozialen Netzwerks. Die dafür kulturspezifische Stereotype verantwortlich, die
Abgebildeten waren zwischen 20 und 30 Jahre alt und wir mit bestimmten Vornamen assoziieren – und an
stammten ebenfalls aus Israel. Zu jedem Bild hatten die sich die Träger womöglich mit der Zeit anpassen.
die Teilnehmer fünf Vornamen zur Auswahl: den So habe in der Vorstellung vieler Menschen jemand
echten sowie vier weitere, welche die Forscher per namens Bob eher rundliche Züge als ein Tim. »Solche
Zufall aus einem Namensregister wählten. Die Proban- Stereotype können auf Dauer das Gesicht einer Person
den errieten den richtigen Vornamen in rund 28 in die entsprechende Richtung verändern«, spekuliert
Prozent aller Fälle – häufiger, als es durch Zufall zu Zwebner.
erwarten gewesen wäre. Dass die Kultur in jedem Fall eine Rolle spielt,
Zwebner und sein Team wiederholten den Versuch offenbarte ein anderes Experiment der Forscher:
in mehreren Varianten. Dabei testeten sie unter Ließen sie israelische Studenten Gesichter von Franzo-
anderem französische Studenten, denen sie verschiede- sen bestimmten Namen zuordnen, so scheiterten die
ne Vornamen zu jedem präsentierten Gesicht anboten. Probanden. Offenbar erstreckt sich das Gespür für
Die Namen hatten die Wissenschaftler diesmal Namen nur auf Menschen aus dem eigenen Kultur-
absichtlich so ausgewählt, dass sie unter Franzosen kreis. (dz)
entsprechenden Alters etwa gleich oft vorkamen. J. Pers. Soc. Psychol. 10.1037/pspa0000076, 2017
ISTOCK / PJMALSBURY

Genügsame Dickhäuter Elefanten schlafen im Schnitt nur


zwei Stunden pro Tag. Und das nicht einmal durchgängig, sondern
­verteilt auf vier bis fünf Phasen. Sie sind damit ­Rekordhalter
im Kurzschlaf, gefolgt von Pferden mit drei Stunden und Giraffen, die
vier bis fünf Stunden schlafen.
PLoS One 10.1371/journal.pone.0171903, 2017

GEHIRN&GEIST 10 0 6 _ 2 0 1 7
BLICKFANG

Rankende
Riesenneurone
Sämtliche Verzweigun-
gen einzelner Neurone
nachzuverfolgen, ist
immer noch eine Heraus-
forderung für Forscher.
US-amerikanischen
Neurowissenschaftlern
um Christof Koch vom
Allen Institute for Brain
Science in Seattle gelang
dies nun mit einer neuen
Technik.
Mit ihrer Hilfe mach-
ten sie drei überraschend
weit verzweigte Neurone
im Mäusehirn sichtbar.
Eins davon (im Bild
türkis) umrankt die
gesamte äußere Rinde des
Denkorgans. Die Zellen
sitzen im so genannten
Claustrum, einem
Hirnteil, der laut Koch
und seinen Kollegen an
der Entstehung von
Bewusstsein beteiligt ist.
Zuvor hatten die Wissen-
schaftler Mäuse gezüchtet,
in denen ein bestimmter
Wirkstoff gezielt Gene in
den Neuronen des Claus­-
trums aktiviert. Sie
fütterten die Tiere mit
dieser Substanz, worauf-
hin die Nervenzellen
entlang ihrer gesamten
Ausdehnung ein fluores-
zierendes Protein pro­-
duzierten. So ließ sich
der Verlauf der Neurone
anhand von 10 000 Quer-
schnittbildern nachvoll-
ziehen und mit einem
ALLEN INSTITUTE FOR BRAIN SCIENCE

Computerprogramm
diese 3-D-Rekonstruktion
erstellen.

NIH BRAIN Initiative Multi-


Council Working Group Meeting,
2017

GEHIRN&GEIST 11 0 6 _ 2 0 1 7
TITELTHEMA

PHOTOCASE / DAVID-W-

GEHIRN&GEIST 12 0 6 _ 2 0 1 7
TITELTHEMA

STRESS Psychische Belastung ist nicht immer schädlich –


kurzfristig kann sie unseren Geist sogar beflügeln. Doch wo
verläuft die Grenze zwischen gutem und bösem Stress?

Hirn
unter Druck VON CHRISTIAN WOLF
PHOTOCASE / DAVID-W-

GEHIRN&GEIST 13 0 6 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Wie Stress aufs Gehirn schlägt

1 2 3
Besonders starke, unkontrollier- Kurzzeitig kann Stress die In der Gedächtniszentrale,
bare und dauerhafte psychische geistige Leistung fördern. dem Hippocampus, lässt
Belastung lässt uns in vielen Erst wenn er überhandnimmt, chronischer Stress zudem
Fällen schlechtere Entscheidungen dämpft das den präfrontalen Neurone schrumpfen und hemmt
treffen. ­Kortex, die Kontroll­instanz im so ihre Aktivität.
Stirnhirn.

S
tress hat heutzutage ein Imageproblem. Er gleich einen Vortrag über ihre geistigen Fähigkeiten
schade nicht nur der Gesundheit, sondern halten. Zwei Experten, so hieß es, würden die Selbstein-
zehre auch an den mentalen Kräften. Konzen- schätzung anschließend mit dem Abschneiden der Pro-
tration, Denk- und Urteilsvermögen würden banden bei einer Reihe von Aufgaben aus einem Intelli-
bei Stress enorm leiden. Doch entgegen dieser genztest vergleichen.
verbreiteten Ansicht sind die Folgen psychi- Dann testeten Starcke und ihre Kollegen jedoch nur
scher Beanspruchung keineswegs so eindeutig. Je mehr die Fähigkeit, bei einem Würfelspiel sinnvoll zu ent-
Puzzleteile Forscher zusammentragen, desto klarer wird: scheiden. Die Freiwilligen konnten in einzelnen Run-
Stress kann manche geistigen Leistungen sogar fördern. den entweder auf hohe Gewinnchancen bei kleinem
Zunächst einmal ist die natürliche Stressreaktion des Geldeinsatz setzen oder aber schlechte Erfolgsaussich-
Körpers eine sehr sinnvolle Erfindung der Evolution. ten bei höherem Einsatz wählen. Nach jedem Durch-
Geraten wir in eine brenzlige Lage, reagiert der Orga- gang folgte ein Feedback zum aktuellen Spielstand.
nismus mit zwei bewährten Programmen. Zum einen
setzt die Nebenniere, angeregt durch das sympathische Zu viel Cortisol im Blut macht risikofreudig
Nervensystem, vermehrt Adrenalin und Noradrenalin Tatsächlich verstärkte die Aussicht, gleich einen Vortrag
in die Blutbahn frei. Zum anderen kurbelt mit kurzer halten zu müssen, die Anspannung der Betreffenden.
zeitlicher Verzögerung die so genannte Stresshormon­ Das war an deutlich erhöhten Cortisolwerten ablesbar.
achse – bestehend aus dem Hypothalamus, der Hypo- Im Vergleich zu Kontrollpersonen fällten so gestresste
physe und der Nebennierenrinde – die Ausschüttung Probanden gleichzeitig schlechtere Urteile: Sie entschie-
von Glucocorticoiden wie dem Stresshormon Cortisol den sich häufiger für risikante, unterm Strich aber
an. In der Folge steigen Herzfrequenz und Blutdruck, nachtei­lige Spielstrategien. Die Unterschiede zwischen
so dass mehr Nährstoffe zu den Muskeln gelangen. Auf den einzelnen Probanden je Gruppe waren zwar groß,
diese Weise gewinnen wir Energie für den Kampf oder dennoch konnten die Forscher einen klaren Trend aus-
für die Flucht. machen: je mehr Cortisol im Blut, desto schlechter die
Diese archaischen Programme laufen immer noch Entscheidung.
genauso im menschlichen Organismus ab wie vor Tau- Mehrere Studien der letzten Jahre kamen zu ähnli-
senden von Jahren, auch wenn uns inzwischen meist chen Ergebnissen. Unter psychischer Anspannung fällt
keine echte Lebensgefahr mehr droht. Der Säbelzahn­ es Menschen offenbar schwerer, klug und zielgerichtet
tiger von einst ist dem cholerischen Chef oder dem zu agieren. Wie Starcke und ihr Kollege Matthias Brand
dringend zu erledigenden Aktenberg gewichen. in einer Übersichtsarbeit von 2012 vermuten, hängt das
Wenn Forscher ihre Probanden im Labor unter mit einer Schwächung der so genannten exekutiven
Stress setzen, präsentieren sie ihnen meist auch keine Funktionen zusammen. Zu diesen gehören die Fähig-
Schlange oder Spinne. Vielmehr zielen sie auf eine keiten, Optionen gegeneinander abzuwägen, Impulse
Angst, die ebenfalls tief in uns wurzelt: die vor dem zu kontrollieren und strategisch zu handeln.
­Urteil der a­ nderen. Oft verwenden Psychologen dazu Stress kann außerdem das Arbeitsgedächtnis beein-
den Trier-­ Sozial-Stress-Test. Der Versuchsteilnehmer trächtigen. Das bewies ein Forscherteam um den Psy­
muss dabei etwa einen freien Vortrag halten, der zudem chiater James Olver von der University of Melbourne in
per Kamera mitgeschnitten wird. »Bitte schildern Sie
uns Ihre persönlichen Eigenschaften«, lautet beispiels-
weise der Auftrag. Der Kandidat steht dabei einer Riege
von Interviewern mit gestrengen Mienen gegenüber.
Eine ähnliche Drucksituation machten sich Katrin U N S E R AU TO R
Starcke und ihr Team an der Universität Bielefeld zu Christian Wolf ist Wissenschaftsjournalist
Nutze. Die Psychologen wollten wissen, wie sich akuter und lebt in Berlin. Seit der Recherche
Stress auf die Entscheidungsfindung auswirkt. Dabei für diesen Artikel versucht er nach Feier-
­taten sie allerdings nur so, als sollten die Teilnehmer abend noch bewusster zu entspannen.

GEHIRN&GEIST 14 0 6 _ 2 0 1 7
TITELTHEMA / STRESS

einer Studie von 2015. Bei einer Art Memory-Spiel, in Stress sie sogar verbessern. Somit hängt die Stresswir-
dem man sich die Position verschiedener Karten mer- kung auch von der Persönlichkeit des Einzelnen ab.
ken musste, schnitten angespannte Personen schlechter Beim Thema Gedächtnis ergibt sich bei näherem
ab als relaxte. Schlägt Stress also doch aufs Gehirn? Hinsehen ein ähnlich facettenreiches Bild. Hier hat
Wie er unsere geistigen Leistungen genau beeinflusst, Stress ebenfalls mitunter sein Gutes, wie Forscher um
ist eine komplexe Frage. Viele Hirnregionen sind daran den Bochumer Psychologen Oliver Wolf 2012 berichte-
beteiligt. Vereinfacht kann man das Geschehen auf vier ten. Sowohl Stress als auch die Gabe von Cortisol kurz
Hauptakteure eingrenzen. Da wäre zunächst der präfron­ nach dem Lernen erleichterten in Tests das nachfolgen-
tale Kortex (PFC), direkt hinter der Stirn gelegen. Er ver- de Erinnern – besonders von aufwühlenden Erfahrun-
setzt uns in die Lage, uns längere Zeit auf etwas zu kon- gen. Probanden, die man nach dem Betrachten von Bil-
zentrieren und an einer Aufgabe dranzubleiben. Die hier dern emotionalen Inhalts mit einer Testaufgabe ge-
angesiedelten Netzwerke sind zudem für das abstrakte stresst hatte, konnten sich danach häufiger an das
Denkvermögen und das Arbeitsgedächtnis wichtig. Gezeigte erinnern, als es einer Kontrollgruppe gelang.
Mit dem präfrontalen Kortex eng verknüpft ist die Neutrale Bilder merkten sie sich unter psychischem
Amygdala, auch Mandelkern genannt. Diese tief im Ge- Druck dagegen nicht besser. Allerdings scheint Stress
hirn gelegene Struktur versieht Erinnerungen und Um- den Abruf von bereits länger bestehenden Gedächtnis-
weltreize mit einer emotionalen Bewertung. Der prä­ inhalten zu erschweren. Man kann sich also leichter an
frontale Kortex kann über Faserverbindungen die rasch das erinnern, was mit der aktuellen oder soeben erleb-

Wer schwere Notlagen erlebte, zum Beispiel


den Tod einer nahestehenden Person,
ISTOCK / AJKKAFE

besitzt im Schnitt einen etwas kleineren


­präfrontalen Kortex
überschießenden Gefühlsreaktionen, die der Mandel- ten Situation zusammenhing – und zwar umso besser,
kern vermittelt, zügeln, etwa wenn eine Situation ge- je emotionaler es dabei zuging. Frühere Erlebnisse las-
nauer betrachtet doch nicht so bedrohlich ist. sen sich hingegen nicht so leicht wiederbeleben.
Die Amygdala sorgt bei starkem Stress für eine ver- Warum ist das so? Laut Wolf und seinen Kollegen
mehrte Produktion von Noradrenalin und Dopamin im spielt hier die Amygdala eine große Rolle. Unter dem
Hirnstamm. Wie Amy Arnsten von der Yale Medical Einfluss von Adrenalin und Cortisol herrscht in dieser
School 2015 berichtete, dämpfen diese Neurotransmitter Hirnregion Hochbetrieb – wie auch im Hippocampus,
wiederum den präfrontalen Kortex: Noradrenalin und dem Gedächtniszentrum im Schläfenlappen, der den
Dopamin docken hier an hemmende Rezeptoren von dritten Protagonisten des Stressgeschehens darstellt.
Nervenzellen an, was die Signalübertragung zwischen Beide Areale sind nun vermehrt damit beschäftigt, die
den Neuronen erschwert. So kann der prä­fron­tale Kor- Details der Stresssituation zu erfassen und zu speichern.
tex seiner Aufgabe als oberste Kontrollinstanz nicht Schließlich lässt sich so eher vermeiden, bald wieder in
mehr so gut nachkommen. eine ähnlich prekäre Lage zu geraten. Im Gegenzug wer-
Das dürfte erklären, warum uns Stress oft schlechter den andere kognitive Leistungen, die kostbare Energie
entscheiden und Informationen nicht so sicher behal- verbrauchen, heruntergefahren: etwa der Abruf früherer
ten lässt. Im Wesentlichen, so die Neuroforscherin Erinnerungen. Offenbar dominieren unter Stress evolu-
Arnsten, verlagere sich der Schwerpunkt der Hirnaktivi- tionär alte Hirnteile, die dafür sorgen, dass wir womög-
tät vom präfrontalen Kortex hin zu »primitiveren« Are- lich überlebenswichtige Informationen besser behalten.
alen. Sobald diese dominieren, verspüren wir lähmende Wie Amy Arnsten resümiert, fällt es uns unter Stress
Angst oder erliegen Impulsen, die wir normalerweise zwar deutlich schwerer, flexibel zu denken und zu ent-
locker beherrschen. Außerdem neigen Menschen bei scheiden. Dafür lassen sich jedoch einfache, gut geübte
negativem Stress dazu, automatisierte Reaktionen abzu- Routinen eher abrufen. Bei diesem »Autopiloten«
rufen, erklären Starcke und Brand. Jenes Maß an Refle- kommt der vierte Hauptakteur ins Spiel: die Basalgang-
xion, das nötig ist, um Entscheidungen flexibel den Ge- lien. Dieses Bündel subkortikaler, also unterhalb der
gebenheiten anzupassen, bringen sie nicht mehr auf. Großhirnrinde gelegener Bereiche ist vor allem am Aus-
Zentral ist dabei allerdings, wie der Betreffende die führen automatisierter Bewegungen beteiligt.
Situation bewertet. Nimmt er sie als Bedrohung wahr, »Unter Stress werden die Energieressourcen des Kör-
verschlechtern sich die Entscheidungen; erscheint der pers umverteilt«, erklärt Mathias Schmidt vom Max-
gleiche Kontext jedoch eher herausfordernd, kann Planck-Institut für Psychiatrie in München. Stress sei

GEHIRN&GEIST 15 0 6 _ 2 0 1 7
TITELTHEMA / STRESS

somit nicht grundsätzlich schlecht. »Solange die Belas- Während die Amygdala unter dauerhafter Anspan-
tung nur kurz anhält und die Situation relativ kon­ nung die Stressreaktion immer weiter ankurbelt, schwä-
trollier­
bar ist – etwa während eines Vorstellungsge- chelt der Hippocampus. Er verfügt über reichlich Re-
sprächs –, kann uns Stress helfen, leistungsfähiger zu zeptoren für Cortisol. Dockt das Stresshormon hier
sein.« Kritisch wird es, wenn der Stress lange Zeit anhält. ­vermehrt an, wird die Ausschüttung von Cortisol nor-
Wer über Wochen oder Monate an der Leistungsgren­ malerweise gedrosselt. Doch bei chronischem Stress
ze arbeitet, gemobbt wird oder traumatische Erlebnisse büßt der Hippocampus an Masse ein. Seine Neurone
durchmacht, erfährt laut zahlreichen Untersuchungen schrumpfen und können sogar absterben.
einen massiven Umbau im Gehirn. In Experimenten Das setzt womöglich einen Teufelskreis in Gang: Der
mit Nagern ließ chronischer Stress Nervenzellfortsätze geschwächte Hippocampus drückt weniger auf die
im präfrontalen Kortex der Tiere verkümmern. Diese Stressbremse, womit die hormonelle Antwort zunimmt,
behielten in der Folge Neues schlechter im Gedächtnis was wiederum den Hippocampus weiter schädigt.
und konnten ihre Aufmerksamkeit nicht mehr so gut Angststörungen hat man sowohl mit einer überaktiven
steuern. In der Amygdala hingegen regte Dauerstress Amygdala als auch mit einem geschwächten Hippocam-
sogar ein vermehrtes Wachstum neuronaler Fortsätze pus in Verbindung gebracht.
an. Vereinfachend gesagt: »Rationale« Schaltkreise Wie und ab wann genau ein Übermaß an Stresshor-
schrumpfen, »emotionale« werden gestärkt. monen die Neurone schrumpfen lässt, ist noch unklar.
Studien zeigen, dass die Produktion des Wachstumsfak-
Die Spuren psychischer Notlagen tors BDNF (brain-derived neurotrophic factor) unter
Das geht Homo sapiens nicht anders. Wer schwere Not- anderem im präfrontalen Kortex von gestressten Ver-
lagen erlebte – sei es der Tod eines Nahestehenden, se- suchsmäusen sinkt. BDNF ist wichtig, um neuronale
xueller Missbrauch oder finanzielle Krisen –, besitzt Fortsätze, die Dendriten, sprießen zu lassen, und erfüllt
laut einer Studie von 2012 im Schnitt einen etwas klei- eine Schutzfunktion für Nervenzellen.
neren präfrontalen Kortex. Ähnliches beobachteten Dass diese Substanz Stresseffekte im Gehirn vermit-
Forscher um Pilyoung Kim von der University of Den- telt, zeigt sich auch am Gehirn verstorbener Schizo-
ver bei Menschen, die in ihrer Kindheit unter häuslicher phreniepatienten. Die psychotische Denkstörung geht
Gewalt und Armut gelitten hatten. Die Probanden soll- zumeist mit erhöhtem Stresserleben einher. Im präfron-
ten negative Gefühle beim Anblick emotional aufwüh- talen Kortex sowie in der Hirnflüssigkeit von Spender-
lender Fotos unterdrücken. Hierbei war ihr präfrontaler gehirnen fanden Forscher nicht nur mehr Cortisol als
Kortex, verglichen mit dem von Kontrollpersonen, im im Gewebe von Kontrollpersonen, sondern auch nied-
Schnitt weniger aktiv und konnte die Erregung der rigere BDNF-Werte.
Amygdala schlechter zügeln. Welches Fazit lässt sich aus alldem ziehen? Einerseits
Eine andere Studie wies nach, dass Probanden nach hilft es wenig, den Stress im Arbeitsleben oder im Priva-
monatelanger Vorbereitung auf eine Prüfung größere ten zu dämonisieren. Denn wer ihn fürchtet, leidet erst
Schwierigkeiten hatten, ihre Aufmerksamkeit zu kont- recht darunter. Andererseits gibt es eine Fülle von Bele-
rollieren. Sie sollten bei einer Aufgabe am Bildschirm gen dafür, dass psychische Belastungen, vor allem wenn
abwechselnd auf verschiedene Reize achten. Das gelang sie sehr stark, unkontrollierbar und von Dauer sind, die
ihnen schlechter, weil ein neuronales Netzwerk, darun- körperliche und geistige Gesundheit beeinträchtigen.
ter der PFC, offenbar nicht so gut zusammenarbeitete. Ein mittleres Maß an Herausforderungen, die sich mit
Nach Ende der Stressbelastung lief das Konzentrations- regelmäßigen Ruhephasen abwechseln, bietet somit die
vermögen aber wieder zu alter Form auf. beste Chance auf ein rundum zufriedenes Leben.  H

QUELLEN

Ansell, E. B. et al.: Cumulative Adversity and Smaller Gray Matter Volume in
Medial Prefrontal, Anterior Cingulate, and Insula Regions. In: Biological Psychiatry 72, S. 57–64, 2012
Arnsten, A. F.: Stress Weakens Prefrontal Networks: Molecular Insults to Higher
Cognition. In: Nature Neuroscience 18, S. 1376–1385, 2015
Kim, P. et al.: Effects of Childhood Poverty and Chronic Stress on Emotion Regulatory Brain
Function in Adulthood. In: Proceedings of the National Academy of Sciences USA 110, S. 18442–18447, 2013
Schwabe, L. et al.: Stress Effects on Memory: An Update and Integration.
In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews 36, S. 1740–1749, 2012
Starcke, K., Brand, M.: Decision Making under Stress: A Selective Review.
In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews 36, S. 1228–1248, 2012
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1442767

GEHIRN&GEIST 16 0 6 _ 2 0 1 7
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TITELTHEMA

GESUNDHEITArbeits-, Beziehungs-, sogar Freizeitstress:


Psychische Überlastung scheint für viele Menschen der
Normalzustand zu sein. Sieben Tipps für mehr Entspannung.

Stress,
lass nach! VON JOACHIM RETZBACH

A
ls der Betreiber eines Fast-Food-Res- Stress ist heute allgegenwärtig. Dabei handelt es sich
taurants der in Japan sehr beliebten um ein vergleichsweise neues Konzept. Der österrei-
»Mister Donut«-Kette noch eine zwei- chisch-kanadische Psychologe Hans Selye (1907–1982)
te Fi­lia­
le zusätzlich übernahm, stieg führte den Begriff in seiner heutigen Bedeutung erst in
seine Arbeitsbelastung sprunghaft an. den 1950er Jahren in die Wissenschaft ein. Mittlerweile
Der Job hielt ihn im Schnitt 66 Stun- kennen wir nicht nur Arbeitsstress, sondern auch Be-
den pro Woche auf Trab, zu Spitzenzeiten sogar länger. ziehungsstress, Prüfungsstress und sogar Freizeitstress.
Nach neun Monaten brach der Manager im Auto auf Schon Grundschüler haben zuweilen volle Terminka-
dem Weg zur Arbeit zusammen. Diagnose: plötzlicher lender und verspüren Leistungsdruck, wie eine Studie
Herztod. Im Januar 2017 stellte ein Gericht fest, dass es der Universität Bielefeld im Jahr 2015 ergab.
sich bei dem Unglück um einen Fall von »Karoshi« ge- »Umfragen belegen, dass sich die Menschen immer
handelt hatte, zu Deutsch: Tod durch Überarbeitung. stärker gestresst fühlen«, sagt der Psychologe Gert
Der Konzern wurde dazu verurteilt, der Familie des ­Kaluza. Er leitet in Marburg ein Institut für Gesund-
Opfers eine Entschädigung von umgerechnet rund
­ heitspsychologie und gilt hier zu Lande als Stresspapst.
400 000 Euro zu zahlen. Kaluza führt die dauernde Überbeanspruchung vor al-
In Japan ist es bereits seit den 1980er Jahren möglich, lem auf den großen Stellenwert zurück, die Arbeit für
Firmen zu verklagen, wenn Mitarbeiter offenbar wegen viele Menschen heutzutage hat. Berufstätige könnten
zu hoher Arbeitsbelastung gestorben sind. Dass zu viele schlechter Grenzen zum Privatleben setzen als früher,
Überstunden im Extremfall tödlich sein können, belegt gleichzeitig seien viele Jobs unsicherer geworden. Und
eine Vielzahl internationaler Studien. Eine 2015 ver­ traditionelle Strukturen, die Halt geben – Großfamilie,
öffentlichte Zusammenfassung zeigt: Wer mehr als Nachbarschaft oder die Dorfgemeinschaft –, spielen
55 Stun­den pro Woche arbeitet, hat ein um 33 Prozent meist keine so große Rolle mehr. »Vielen bleibt da nur
höheres Risiko, an einem Schlaganfall zu sterben. Die
Wahrscheinlichkeit einer tödlichen Herzattacke steigt
um 13 Prozent. Von den vielen psychischen Leiden, die
durch andauernde Überlastung begünstigt werden, U N S E R AU TO R
ganz zu schweigen. Dabei sind lange Arbeitszeiten nicht
Joachim Retzbach ist promovierter
per se schädlich. Sie erhöhen lediglich das Risiko dafür, Psychologe und Wissenschaftsjournalist.
dass Arbeitnehmer in Stress geraten, also das Gefühl Von stressigen Artikel-Deadlines lenkt
haben, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu er sich am besten durch Lego-Bauen mit
sein (siehe »Belastung und Beanspruchung«, S. 21). seiner Tochter ab.

GEHIRN&GEIST 18 0 6 _ 2 0 1 7
PHOTOCASE / AXELBUECKERT

Wenn Hektik und Nervosität zu


­Dauerbegleitern werden, gilt es laut
Psychologen den eigenen Umgang
mit Belastungen zu hinterfragen.

GEHIRN&GEIST 19 0 6 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Gesunde Flexibilität

1 2 3
Psychische Beanspruchung Instrumentelle Methoden Die Forschung zeigt, dass
schadet auf Dauer der mentalen zielen darauf ab, die Rahmen- offenbar der flexible Einsatz
und körperlichen Gesundheit. bedingungen zu verändern, verschiedener Strategien – je
Zur Minderung von Stress gibt es die Stress auslösen. Daneben sind nach Situation – die besten Resul­
verschiedene empirisch unter­ Akzeptanz, Erholung und Entspan- tate für das Wohlbefinden bringt.
suchte Vorgehensweisen. nung wichtig.

die Arbeit als identitätsstiftendes Element«, erklärt Ka- Oftmals fördert es die Akzeptanz, wenn man Situa­
luza. Und so bestimme berufliche Anspannung oft das tionen und Vorkommnisse aus einem neuen Blick­
ganze Leben. winkel betrachtet. In der therapeutischen Arbeit fällt
Aber wir sind Stress nicht schutzlos ausgeliefert, auch das unter den Begriff kognitive Umstrukturierung. »Die
das zeigt die Forschung. 2012 untersuchten Gesund- Frage lautet: Sehe ich erst einmal alles, was schiefgehen
heitswissenschaftler der University of Wisconsin-Madi- könnte, und male mir das intensiv aus?«, sagt Gert Ka-
son eine repräsentative Stichprobe von fast 30 000 US- luza. Das sei eine zuverlässige Methode, um jeden Stress
Amerikanern. Teilnehmer, die angaben, großen Stress noch zu verschärfen. Perfektionismus oder die Neigung,
zu haben, hatten in den folgenden neun Jahren ein um es allen recht machen zu wollen, sind ebenfalls Stress-
43 Prozent erhöhtes Sterberisiko – allerdings nur, wenn verstärker, die es zu hinterfragen gilt. Warum etwa soll-
sie zugleich davon überzeugt waren, dass Stress ihrer te man allen Menschen gefallen wollen – selbst jenen,
Gesundheit schade! Wer hingegen nicht dieser Mei- die einen nicht mögen? »Fordern Sie sich selbst immer
nung war, lebte selbst bei starker Beanspruchung nicht wieder bewusst dazu auf, eine andere Perspektive einzu-
kürzer. Entscheidend sei, wie wir über Stress denken nehmen«, empfiehlt der Experte.
und mit ihm umgehen, so das Fazit. Die folgenden sie-
ben Strategien sind Wissenschaftlern zufolge dazu am
besten geeignet:
2 Ändern, was sich
ändern lässt
Wenn sich Stresssituationen häufen, wird es Zeit, die

1 Akzeptieren,
was ist
Der Stapel unerledigter Papiere türmt sich immer hö-
zu Grunde liegenden Auslöser anzugehen. Psychologen
sprechen von »instrumenteller Stressbewältigung«. Da­
zu gehört etwa ein gutes Zeitmanagement – das kann
her? Ein heikles Gespräch mit der Chefin steht an? Eine man lernen. Dass man Prioritäten setzen muss, hat
naheliegende Reaktion ist nun, die eigene Anspannung wohl jeder schon mal gehört. Aber auch Grenzen zu zie-
zu verleugnen und sich in Ablenkung oder Vermeidung hen, ist wichtig. Also beispielsweise Aufgaben durchaus
zu flüchten. Besser ist es laut Forschern, akut belastende einmal abzulehnen, wenn man schon bis über beide
Situationen bewusst wahrzunehmen. Denn nur das er- Ohren mit Arbeit eingedeckt ist, oder nach Feierabend
möglicht es uns, langfristig jene Rahmenbedingungen das Geschäftshandy auszuschalten. Inwieweit das mög-
zu ändern, die dazu geführt haben (siehe Punkt 2). Statt lich ist, hängt häufig von der Unternehmenskultur ab
sich zu ärgern und zu hadern – also »Stress wegen (siehe Punkt 7). An den meisten Arbeitsplätzen kann
Stress« zu empfinden –, sollte man in solchen Momen- man sich jedoch gewisse Freiheiten erkämpfen.
ten zunächst einmal akzeptieren, dass die Dinge eben Eine bedeutende Belastung ist heute der Umgang
so drängend oder so schwierig sind, wie sie sind. mit E-Mails. Wie viele Studien der vergangenen Jahre
Eine solche annehmende Haltung ist nicht nur das zeigen, fühlen sich immer mehr Beschäftigte von ihrem
wesentliche Element von Achtsamkeit (siehe Punkt 3), ­digitalen Postfach gestresst. Laut einer britischen Befra-
sondern findet sich auch in der Akzeptanz- und Com- gung von 2015 gilt das insbesondere für jene Berufs­
mitmenttherapie wieder, einer Weiterentwicklung der tätige, die den so genannten »Push«-Service nutzen
kognitiven Verhaltenstherapie. Darin lernen die Patien- (also neue Mails ohne Zeitverzögerung erhalten statt in
ten etwa, unangenehme Gedanken und Gefühle zuzu- festgelegten Intervallen), die ihr Mailprogramm den
lassen sowie stärker im Hier und Jetzt zu leben, anstatt ganzen Tag geöffnet lassen und die früh am Morgen
ihre Gedanken immer in die Vergangenheit oder auf die oder spät abends noch ihre Nachrichten lesen. Sofern es
Zukunft zu richten. Die Wirksamkeit dieser Therapie- der Job zulässt, sollte man daher nur in bestimmten
form ist für eine Reihe psychischer Beschwerden belegt, Zeit­abständen den Posteingang kontrollieren und neu
darunter Angststörungen, Depression und somatofor- angekommene E-Mails am besten direkt nach Priorität
me Erkrankungen. sortieren.

GEHIRN&GEIST 20 0 6 _ 2 0 1 7
TITELTHEMA / GESUNDHEIT

Ein weiterer Stressfaktor ist das Pendeln. Fast zwei M E H R W I S S E N AU F


Drittel aller Arbeitnehmer in Deutschland wohnen und »SPEKTRUM.DE«
arbeiten in unterschiedlichen Gemeinden. Vor allem Alles über die biologischen Effekte
die Bewohner von Ballungsräumen und gut ausgebil­ von Stress und die besten Erholungs-
dete Menschen legen oft lange Arbeitswege zurück. Stu- strategien lesen Sie in unserem
digitalen Spektrum Kompakt:
dien zufolge hängt die Dauer des täglichen Pendelns
­negativ mit der Lebenszufriedenheit zusammen. www.spektrum.de/shop
Um die Anzahl langer Anfahrtswege zu reduzieren,
erfreuen sich Homeoffice-Tage wachsender Beliebtheit.
Allerdings ist zu häufiges Arbeiten von zu Hause laut
Wissenschaftlern ebenfalls nicht empfehlenswert. Nicht
nur, dass Heimarbeiter in vielen Firmen notorisch unter
Schlendrianverdacht stehen, sie haben auch mit ganz
anderen Problemen zu kämpfen als Kollegen im Büro.
3 Gelassenheit
trainieren
»Setzen Sie sich bequem hin, schließen Sie die Augen,
»Im Homeoffice muss man sich stärker selbst diszipli- und konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem …« Etliche
nieren und hat es schwerer, Arbeits- und Privatleben zu Techniken wurden schon entwickelt, um körperliche
trennen«, sagt Carmen Binnewies von der Universität und seelische Anspannung zu reduzieren. Solche Übun-
Münster. »Selbst wenn das gut klappt, fühlen sich Mit- gen müssen in einer ruhigen Situation eingeübt werden
arbeiter, die überwiegend von zu Hause arbeiten, oft und können anschließend in akuten Stressphasen hel-
weniger als Teil des Teams«, so die Psychologin. fen, gelassener zu bleiben. Eines der bekanntesten Ver-
Ähnliches ergab eine 2017 von der EU und der Inter- fahren ist die progressive Muskelentspannung. Dabei
nationalen Arbeitsorganisation veröffentlichte Studie: trainiert man gezielt das An- und Entspannen verschie-
Telearbeiter waren darin psychisch stärker belastet als dener Muskelgruppen, so lange, bis der Prozess automa-
Kollegen, die stets in der Firma tätig waren. Das betraf tisiert ist. In Stresssituationen reicht es dann, seine Mus-
vor allem Angestellte, die ausschließlich zu Hause oder keln bewusst zu straffen und wieder zu lockern, um da-
an häufig wechselnden Standorten ihrem Job nachgin- rüber die Entspannung zu fördern.
gen; zu einem geringeren Teil jedoch selbst jene, die Fir- Momentan groß in Mode sind Verfahren, die mit
menarbeitsplatz und Homeoffice kombinierten. dem Schlagwort »Achtsamkeit« beworben werden. Die-
Ob in Bezug auf die Arbeitszeiten, die Erreichbarkeit ses Konzept lehrt, im Hier und Jetzt zu leben sowie
per Mail oder den Einsatzort: Generell wirkt es Wunder ­innere oder äußere Erfahrungen aufmerksam, ohne je-
gegen Stress, wenn Mitarbeiter bei der Arbeitsorganisa- doch eine gedankliche Bewertung wahrzunehmen. Die
tion mitreden dürfen. Was man sich selbst ausgesucht Beobachtung des eigenen Atems etwa ist eine klassische
hat, lässt sich leichter ertragen – ein Mangel an Autono- Einstiegsübung. Ganz neu ist die Idee einer annehmen-
mie dagegen belastet auf Dauer die Gesundheit. In letz- den, bewussten Grundhaltung natürlich nicht. Über
ter Konsequenz kann instrumentelles Stressmanage- US-amerikanische Psychotherapeuten, die sich zumeist
ment auch bedeuten, Arbeitszeit zu reduzieren oder auf buddhistische Traditionen beriefen, schwappte das
sich nach einem neuen Job umzusehen. Konzept aber in den 1980er Jahren wieder verstärkt
nach Deutschland.
»Man sollte sich informieren, wie viel Achtsamkeit
Hintergrund: wirklich drinsteckt, wenn jemand entsprechende Trai-
nings anbietet«, rät Carmen Binnewies. »Manche wol-
Belastung und Beanspruchung len auf den Zug aufspringen und mit d ­ iesem Etikett das
Es gibt keine einheitliche Definition von Stress. Die verkaufen, was sie schon immer gemacht haben.« Prin-
meisten Forscher meinen heute aber mit Stress zipiell sei die Methode zwar sinn­voll, allerdings nicht
einen eindeutig als negativ erlebten Gefühlszustand für jeden geeignet. Denn häufig gehe es darum, sich
samt erhöhter körperlicher Aktivierung. Dieser selbst – seine Gedanken und seinen Körper – intensiv
entsteht, wenn die Belastungen, denen eine Person zu beobachten, wie etwa bei der Atemübung. »Manche
ausgesetzt ist, ihre subjektiv wahrgenommenen haben Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen, denn
Ressourcen übersteigen. Dann spricht man auch von nicht jedem behagt so viel Selbstaufmerksamkeit«, gibt
Beanspruchung. Belastungen können dabei klassi- die Psychologin zu bedenken. Vor allem fortgeschrit­
sche Gefahrensituationen sein, doch genauso Ar- tene Achtsamkeitsmeditationen ließen sich außerdem
beits- und Termindruck oder zwischenmenschliche gar nicht so leicht erlernen, die Methode sei daher
Verstimmungen. Zu den Ressourcen gehören das nichts für Ungeduldige.
Wissen und die Fähigkeiten der Person, bestimmte Bei »guided imagery« schließlich, auf Deutsch meist
Einstellungen und Denkmuster sowie soziale Unter- »Fantasiereisen« genannt, stellt man sich mit geschlos-
stützung. senen Augen möglichst anschaulich eine angenehme Si-

GEHIRN&GEIST 21 0 6 _ 2 0 1 7
Spontane Aktivitäten
genießen wir mehr
Zeit mit Freunden zu verbringen, wirkt Wunder
gegen Stress. Für notorisch gehetzte Menschen hat
die Wirtschaftswissenschaftlerin Selin Malkoc von
der Ohio State University jedoch eine Warnung
parat: Zusammen mit ihrer Doktorandin Gabriela
Tonietto fand sie in Studien heraus, dass wir Verab-
redungen zum Eisessen und andere Freizeitaktivi­
täten weniger genießen, wenn wir sie vorab planen
und im Kalender festhalten. Dann nämlich fühlen
ISTOCK / JACOBLUND

sie sich weniger wie Müßiggang an und stärker wie


eine Verpflichtung. Spontane Treffen lassen uns
offenbar besser abschalten.

tuation vor, geleitet von der Stimme eines Therapeuten: of Surrey in einer Reihe von Studien herausfand, ist da-
etwa am Strand zu liegen oder durch einen Wald zu spa- bei maßgeblich, ob wir beim Grübeln über die Arbeit
zieren. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass diese negative Gefühle wie Wut oder Angst erleben. Dann
Übungen, genau wie Achtsamkeitsmeditation, progres- nämlich bleibt die erhöhte physiologische Aktivierung,
sive Muskelentspannung und andere Verfahren, lang- die sich während des Arbeitstags aufbaut, auch abends
fristig Stress und Anspannung reduzieren. Sie lindern bestehen. Mögliche Folge: Stresshormone und hoher
zudem Schmerzen und Ängste, können Depressionen Blutdruck lassen uns schlecht schlafen. Eine wenig er-
vorbeugen und sind sogar gut fürs Immunsystem und holsame Nachtruhe mindert wiederum nicht nur die
das Herz-Kreislauf-System. Stressresistenz am nächsten Tag, sondern drückt lang-
fristig auf die Lebensqualität und erhöht das Risiko für
viele körperliche und seelische Erkrankungen. Bei län-

4 Für Ausgleich
sorgen
Dass wir in stressigen Zeiten immer wieder Pausen ein-
ger andauernden Schlafstörungen sollte man sich unbe-
dingt professionelle Hilfe suchen.

legen sollten, um durchzuatmen und Kraft zu tanken,


leuchtet intuitiv ein. Und doch vernachlässigen wir das
nur allzu gerne. Etliche Studien belegen, wie wichtig
Zeit für Erholung ist, damit uns Stress nicht auf Dauer
5 Soziale
pflegen
Beziehungen
Ein einfacher, wissenschaftlich bestätigter Stresskiller
krank macht. Es muss dabei nicht gleich ein dreiwöchi- ist: sich umarmen lassen! 2015 untersuchten Psycholo-
ger Urlaub auf den Malediven sein. Wissenschaftler gen und Mediziner um Sheldon Cohen von der Carne-
kennen auch die so genannte Mikro-Erholung, etwa gie Mellon University in Pittsburgh, wie Stress und ver-
eine kurze Kaffeepause mit Kollegen oder das in aller schiedene Arten von sozialer Unterstützung das Risiko
Ruhe eingenommene Mittagessen. Ein besonderer beeinflussen, sich eine Erkältung einzufangen. Ergeb-
­Stellenwert kommt Psychologen zufolge dem täglichen nis: Probanden, die einen geringeren sozialen Rückhalt
­Feierabend zu. Über längere Zeit gesehen stellt er den verspürten als andere, waren unter Stress empfänglicher
wichtigsten Quell der Regeneration dar. für Schnupfenviren, die ihnen die Forscher verabreich-
Auf welche Weise man seine Batterien auflädt, ist da- ten – sie steckten sich öfter an und hatten eine stärker
bei zweitrangig. »Manche gucken Serien, andere gehen verstopfte Nase. Wer sich dagegen von seinen Mitmen-
klettern, joggen oder ins Restaurant«, sagt Carmen Bin- schen unterstützt fühlte, infizierte sich selbst dann nicht
newies. »Hauptsache, es gelingt, belastende Gedanken häufiger, wenn er viele Spannungen und Konflikte er-
beiseitezuschieben.« Dass es sich dabei um reinen Eska- lebte. Einen bedeutenden Anteil daran hatte die Zahl
pismus handelt, sieht die Stressforscherin nicht so: »Das der Umarmungen, welche die Teilnehmer durchschnitt-
Ziel von Erholung ist ja, die Stimmung zu regulieren. lich pro Tag erhielten.
Und dabei kann Ablenkung helfen.« »Es wird oft unterschätzt, wie wichtig zwischen-
Vor allem die Fähigkeit, sich nach Arbeitsschluss ge- menschliche Beziehungen bei psychischer Anspannung
danklich und emotional vom Job zu distanzieren, ist es- sind«, bestätigt Gert Kaluza. Freunde, Familie, Partner
senziell für unser Wohlbefinden. Wie der Gesundheits- und Nachbarn können etwa ihre Erfahrung mit uns tei-
psychologe Mark Cropley von der britischen University len, uns bei Problemen zur Hand gehen, Nähe, Vertrau-

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TITELTHEMA / GESUNDHEIT

en und Trost spenden. Sie lästern mit uns über andere, ten Fragen besser auseinandersetzen, anstatt sich vor
teilen unsere Werte, Normen oder politischen Ansich- ihnen zu drücken. Mittlerweile habe sich diese Ein-
ten. Dass all dies Stress reduzieren kann, gilt unter Wis- schätzung ein Stück weit geändert, erklärt Binnewies.
senschaftlern mittlerweile als sicher. »Wenn man akut mit einer Angelegenheit überfordert
Aber sind dafür möglichst viele Freunde hilfreich, ist, kann es helfen, das Problem erst mal Problem sein
oder reichen einige wenige gute? Eine Vielzahl von Stu- zu lassen und sich einfach abzulenken – um irgend-
dienergebnissen belegt: Objektive Merkmale wie die wann wieder mit neuer Kraft dranzugehen.«
reine Anzahl der Freunde und Sozialkontakte spielen
kaum eine Rolle. Entscheidend ist vielmehr, ob wir uns
subjektiv gut unterstützt fühlen und selbst mit unserem
Netzwerk zufrieden sind. Auch die eher abstrakte Iden-
tifikation mit gesellschaftlichen Gruppierungen – seien
7 Verantwortung
übernehmen
Gerade Entscheidungsträger betrachten die Stressbe-
es Sportklubs, Parteien oder Religionsgemeinschaften – wältigung von Mitarbeitern oft als deren persönliche
wirkt sich günstig auf das seelische Wohlbefinden aus. Aufgabe – quasi als wei­teren Baustein der Selbstopti-
»Wer psychisch belastet ist, sollte sich fragen: Habe ich mierung. Arbeitnehmer sollen nicht mehr nur flexibel,
ausreichend tief gehende und angenehme soziale Bezie- fachlich und sozial kompetent sein, sondern auch
hungen?«, so Kaluza. »Falls nein: Welche kann ich pfle- stressresistent. Die gesellschaftlichen und organisatio-
gen oder ausbauen, und wie kann ich neue knüpfen?« nalen Rahmenbedingungen kämen dabei oft zu kurz,
meint Binnewies: »Wenn Unternehmen Stressmanage-
ment-Seminare anbieten, geben sie damit ein Stück weit

6 Flexibel
bleiben
Das eine Patentrezept gegen Stress gibt es nicht. Am
die Verantwortung dafür, ob die Mitarbeiter überlastet
sind oder nicht, an diese weiter.« Irgendwann stoße
man damit an Grenzen, so die Stressforscherin.
günstigsten ist es, wenn man verschiedene Strategien Wer also in der Position ist, um selbst etwas an Stress
zur Stressvermeidung beherrscht und diese je nach Si- auslösenden Bedingungen zu ändern, sollte seine Ver-
tuation passend einsetzt. Tatsächlich erklärt genau die- antwortung nutzen. »Unternehmen und Politik könn-
se Flexibilität einen Großteil der positiven Effekte von ten mehr dafür tun, die grassierende psychische Über-
Stresstrainings. Meist attestieren Wissenschaftlern sol- lastung zu bekämpfen«, findet auch Kaluza. Insbeson-
chen Schulungen nämlich eine gute Wirksamkeit, und dere Führungskräften komme dabei eine Schlüsselrolle
zwar unabhängig davon, welche Inhalte darin genau zu. Denn Vorgesetzte können nicht nur leicht das Be-
vermittelt werden. Der entscheidende Faktor dürfte triebsklima ruinieren und die Belegschaft unter Druck
demnach sein, dass die Teilnehmer ihr Repertoire an setzen – sondern genauso das Gegenteil erreichen. Etwa,
Methoden erweitern. indem sie ein offenes Ohr für ihre Mitarbeiter haben,
Doch wie entscheidet man, welche Strategie in wel- Mobbing Einhalt gebieten und keine permanente Er-
cher Situation angeraten ist? »Wenn man immer wieder reichbarkeit oder unbezahlte Überstunden erwarten.
Ärger mit dem Vorgesetzten oder den Kollegen hat, ist Und wer nicht in der Lage ist, kraft seiner beruflichen
es auf lange Sicht wichtig, aktiv etwas dagegen zu tun«, Stellung Veränderungen zum Positiven herbeizuführen?
sagt Binnewies. »Aber abends zu Hause die ganze Zeit Der könnte politisch für bessere Arbeitsbedingungen
darüber nachzugrübeln, ist nicht zielführend.« Lange oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eintreten –
hätten Psychologen geglaubt, das so genannte problem- oder gleich für die Einführung des bedingungs­losen
orientierte Coping sei emotionsorientierten Strategien Grundeinkommens. Falls derlei Aktivismus nicht zu
generell überlegen – sprich, man solle sich mit ungelös- noch mehr Stress führt, versteht sich. H

QUELLEN

Kaluza, G.: Gelassen und sicher im Stress.


Das Stresskompetenzbuch: Stress erkennen, verstehen, bewältigen.
Springer, Heidelberg, 6. Auflage 2015
Koch, A. R., Binnewies, C.: Setting a Good Example:
Supervisors as Work-Life-Friendly Role Models within the Context of Boundary Management.
In: Journal of Occupational Health Psychology 20, S. 82–92, 2015
Messenger, J. et al.: Working anytime, anywhere: The Effects on the World of Work.
Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg /
Internationale Arbeitsorganisation, Genf, 2017
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1446693

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TITELTHEMA

KULTURGESCHICHTE Seit die Rastlosigkeit zum Muss wurde, gibt


es für uns kein Entrinnen mehr vor dem Stress, erklärt der
Philosoph Ralf Konersmann. Es sei denn, wir denken Muße ganz neu.

»Unruhe
ist die Norm«
Herr Professor Konersmann, Sie definieren schen heute und früher liegt in der Haltung zur Unruhe.
die Moderne als ein Zeitalter der permanenten Ursprünglich war sie auf Krisen, Schicksalsschläge oder
Veränderung. Warum? Katastrophen beschränkt, die in den Alltag einbrachen.
Unruhe ist unsere selbstverständliche Lebensweise ge- In diesen Momenten stellte sich die Frage: Wie sollen
worden. Motive wie Beweglichkeit, Dynamik und Ver- wir damit umgehen, was können wir jetzt tun? Der Ge-
änderung haben in unserer Gesellschaft einen extrem danke, dass man auch jenseits solcher Krisen selbst ge-
hohen Stellenwert und tauchen in allen Lebensberei- staltend tätig werden muss, in dem Sinne, das eigene
chen auf – als Wachstum in der Wirtschaft, als Reform Leben in die Hand zu nehmen und etwas daraus zu ma-
in der Politik, als lebenslanges Lernen im Beruf oder alschen, hat sich erst im Lauf der Jahrhunderte etabliert:
Fitness in der Freizeit. Unsere Kultur lebt vom Kompa- Die Menschen machen ihre Geschichte. Den Zeitgenos-
rativ, von der Optimierung, der Überbietung. Die Leute sen der Antike wäre das nie in den Sinn gekommen.
sollen sich reinhängen und ständig an sich arbeiten. In Und auch in der christlichen Überlieferung ist Unruhe
Sportsendungen oder Castingshows wird diese Wahr- negativ besetzt, ein Zeichen des Verhängnisses, ja der
nehmung des Lebens als Normalität ausgegeben. Sünde. Adam und Eva werden aus dem Paradies, dem
Ort absoluter Ruhe, vertrieben und müssen in einer
Ist das ein Problem? Welt leben, in der nichts mehr vorhersehbar und mit al-
Es ist zumindest ein Zwiespalt. Auf der einen Seite lie- lem zu rechnen ist. Als dann noch ihr Sohn Kain seinen
ben wir die Unruhe. Wir verbinden sie mit Idealen wie Bruder Abel erschlägt, ist die Menschheit schlechthin
Fortschritt, Intensität und Abenteuer. Auf der anderen zur Rastlosigkeit verdammt. Meine These ist, dass die
Seite erleben wir heute eine Enthemmung der Unruhe, Unruhe im Verlauf der Geschichte immer mehr ins Po-
die den Menschen zunehmend Unbehagen bereitet. Sie sitive gewendet wurde. Unser Wertesystem hat sich um-
empfinden sich als Getriebene, die in eine Lebensweise gekehrt, und die Unruhe wurde zur Norm.
hineingeraten sind, die sie so nicht gewollt haben. Die-
ses Unbehagen wird weiter wachsen. Die Kehrseite der Wann hat diese Umdeutung angefangen?
Unruhe ist der Zwang und die diffuse Angst, das eigene Vermutlich im frühen Christentum. Der Kirchenlehrer
Leben und das Zusammenleben nicht mehr organisie- Augustinus kam darauf, dass Unruhe kein ausschließ-
ren zu können. lich diabolisches Motiv sein könne, weil es laut bibli-
scher Überlieferung schon in den frühen Tagen der
Aber Unruhe ist keine Erfindung der Moderne, oder? Schöpfung auftaucht. Er deutete sie zu einem Mittel um,
Natürlich haben Menschen schon immer Unruheerfah- sich der Gnade Gottes als würdig zu erweisen. Darin
rungen gemacht. Der wesentliche Unterschied zwi- steckt schon die Idee, sich bereit zu machen, an sich zu

GEHIRN&GEIST 24 0 6 _ 2 0 1 7
RALF KONERSMANN

wurde 1955 in Düsseldorf geboren. Nach seiner Pro-


motion 1987 war er zunächst an der Fernuniversität in
Hagen tätig. Von 1993 bis 1996 lehrte er als Professor
für Kulturtheorie und Kulturphilosophie an der
Universität Leipzig. Heute bekleidet Konersmann den
Lehrstuhl für Philosophie und ihre Didaktik an der
Universität Kiel.
AXEL STEPHAN

arbeiten, modern ausgedrückt: sich selbst zu optimie- Irgendwann im 17. Jahrhundert tauchte plötzlich der
ren. Das war der erste Schritt, die Unruhe zu rehabilitie- ­Begriff der Langeweile auf. Er zerstörte das bis dahin
ren. Nach der Reformation entbrannte ein langer Streit, bestehende Bündnis zwischen Ruhe und Glück. Fortan
im Grunde ein Verhandeln über Unruhe: Ist der Mensch musste ständig etwas passieren. Man wollte nicht in
dazu auserwählt, ins Paradies zurückzugelangen, kann die Taten- oder Ereignislosigkeit abrutschen, nicht in
er sich das ewige Leben durch gute Werke verdienen? einem ewigen Einerlei festhängen. Glück wurde zum
Letzteres wurde im Calvinismus nachhaltig bestritten, Erlebnis. Im 19. Jahrhundert drängten immer mehr
das war ein unglaublicher Verstärker: arbeiten ohne die Men­schen in die großen Städte, in denen schneller ge-
Gewissheit des Heils. Der nächste große Schritt war die gangen, schneller gesprochen und schneller entschieden
Aufklärung. Francis Bacon deutete die Unruhe als Trieb- wurde – der Soziologe Georg Simmel hat das eindrucks-
feder von Forschung und Innovation und ebnete so der voll beschrieben. Das Lebenstempo nahm spürbar zu,
empirischen Wissenschaft den Weg. was viele Zeitgenossen bis heute zu überfordern scheint.

Ist Unruhe eine Nebenwirkung des Fortschritts­ Wie hat sich unsere Einstellung zur Unruhe seitdem
glaubens, der damals aufkam? verändert?
Ja, ich würde sogar sagen, die Naturwissenschaften sind Ich glaube, die Unruhe hat eine neue Qualität angenom-
bis heute Motoren der Unruhe, weil sie es zu ihrem men. Ging es vor 100 Jahren noch darum, ein Auskom-
Prinzip gemacht haben, niemals stehen zu bleiben bei men mit ihr zu finden und sie in gewissen Dosen zuzu-
dem, was man schon weiß. Sie führten zum allmähli- lassen, so erleben wir heute eine völlige Entfesselung.
chen Bedeutungsverlust der theologischen Welterklä- Das Alltagsgeschehen hat sich beschleunigt, die Unruhe
rung, die auf Zeitlosigkeit bedacht war. Überdies wurde wurde zum Dauermodus. Zudem sind Gegengewichte
die Selbstbestimmung des Menschen immer wichtiger, verloren gegangen, die einmal wichtig waren: zum Bei-
er sollte sich nun entfalten und bewähren. Zuvor hatten spiel der Sonntagsgottesdienst oder überhaupt Sonn-
sowohl die Religion als auch die antike Philosophie ver- und Feiertage als Zeiten der Stille und Einkehr.
sprochen, dass die Welt im Tiefsten in Ordnung ist. Al-
les, was den Menschen darin an Unruhe begegnete, wa- Heute leiden immer mehr Menschen an stressbe­
ren lediglich Prüfungen, also Teil des göttlichen Plans. dingten Erkrankungen. Ist eine Therapie der Unruhe,
Das änderte sich nun schlagartig. wie Sie sie beschreiben, überhaupt möglich?
Mediziner und Psychologen begegnen dem Problem,
Ab wann war eine in sich ruhende Welt kein Ort des indem sie es erst pathologisieren und dann therapieren
Glücks mehr? wollen. Für mich sind diese Krankheitsbilder aber nur

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TITELTHEMA / KULTURGESCHICHTE

gesichtspunkten reorganisiert. Wenn man zum Beispiel


beim Fußballspielen schon im Hinterkopf hat, dass man
um 17 Uhr weiter zum nächsten und dann noch zu ei-
nem weiteren Termin muss, kommt das, was man Flow
nennt, nicht mehr auf. Die Möglichkeit, etwas einfach
laufen zu lassen, ist weitgehend verloren gegangen.
Wenn das nicht nur in der Schule so ist, sondern auch
auf die Freizeit übergreift, verdichtet sich ein Regula­
tions- und Zwangssystem. Irgendwann gibt es keinen
Ausstieg mehr, keine Gegenräume.

Können wir dem Stress wirklich nicht entrinnen?


Dazu bräuchten wir eine Idee davon, was ein solcher
AXEL STEPHAN

Ausstieg bedeutet und wohin wir überhaupt aussteigen


wollen. Wir müssen Fantasien entwickeln, um etwas
neu zu besetzen, was einmal die Ruhe oder Muße gewe-
»Wir müssen Fantasien ent­ sen ist. Die Unruhe wurzelt so tief in unserem Denken,
wickeln, um neu zu besetzen, sie hat es so gründlich durchdrungen, dass wir auf sie
nur mit neuen Aktivitäten reagieren können und einen
was einmal Muße war« Ratgeber zur Entschleunigung lesen, einen Yogakurs
Ralf Konersmann oder Wellnessurlaub buchen. Das zielt auf Regeneration
ab und ist somit selbst wieder eine Unruhestrategie: Wir
atmen kurz durch, um dann wieder fit zu sein. Um aus
der Unruhekultur auszubrechen, ist eine ganz andere
die Oberfläche eines Phänomens, das viel tiefer reicht. Anstrengung nötig. Spielen wäre vielleicht ein solcher
Wir können das Problem durch Therapie allein nicht lö- Weg – etwas, was man allein um seiner selbst willen tut.
sen. Aus der Zunahme von Diagnosen wie Burnout und
ADHS könnte man schließen, dass viele Menschen die Warum sprechen Sie von Unruhe statt von Stress?
Ermunterung zur Unruhe, die in unserer Kultur grün- Das Wort Stress ist ja erstaunlich jung. Es tauchte erst-
det, allzu wörtlich nehmen. Das ist kein Vorwurf an die mals in den 1930er Jahren auf. In Deutschland hat es
Adresse der Mediziner und Therapeuten. Selbstverständ­ sich sogar erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchge-
lich sollen sie Leid lindern, wenn die Mittel zur Verfü- setzt. Eigentlich ist Stress ein Begriff aus den Ingenieur-
gung stehen. Vielfach wird ja auch sozialmedizinisch wissenschaften. Dort beschreibt er die Belastbarkeit von
nachgeholfen, zum Beispiel indem man den Alltag der Materialien. Diese Metapher passt auf den Menschen
Betroffenen umstrukturiert. nur bedingt. Mit dem Begriff der Unruhe lassen sich
­gesellschaftliche, kulturelle und politische Phänomene
Gab es vor 50 Jahren nicht bereits chronisch eher aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen.
unruhige Kinder, die in der Schule hibbelig waren
und den Unterricht störten? Wie gehen Sie selbst mit Unruhe um?
Natürlich. Der gängige Begriff dafür war Zappelphi­lipp. Als Philosoph habe ich es etwas leichter. Das Schreiben
Man wäre damals aber kaum auf die Idee gekommen, ermöglicht es mir, die Dinge zu ordnen. Damit rücken
das auf den Zeitgeist zu schieben. Seitdem hat sich un- sie auf Distanz und verlieren das unkontrollierbar Dä-
ser Alltag erheblich beschleunigt. Einer der häufigsten monische. Darin liegt meiner Ansicht nach die Aufgabe
Sätze in Film und Fernsehen der letzten 20 Jahre ist: der Philosophie: die Dinge beschreiben, wie sie sind.
»Ich muss los.« Das hätte meine Großmutter noch als Das hat, als Nebeneffekt, etwas sehr Beruhigendes.  H
schlechtes Benehmen empfunden. Heute heißen wir das
gut: Klar, die Leute haben eben noch was Wichtiges zu Die Fragen stellten »Gehirn&Geist«-Chefredakteur
tun. Wer beschäftigt ist, darf schnell verschwinden, die Carsten Könneker und der Wissenschaftsjournalist
Unruhe hat Priorität. Dahinter steckt eine ganze Ethik, Bernhard Fleischer.
die neue Idee eines eher flüchtigen Zusammen­lebens.

Hat das Primat der Unruhe heute auch Erziehung L I T E R AT U RT I P P


und Schule ergriffen?
Konersmann, R.: Das Wörterbuch der Unruhe.
Ich beobachte, dass wir unsere Kinder inzwischen sys­ S. Fischer, Frankfurt am Main 2017
tematisch dem Stress ausliefern. Phasen der Ruhe, die Erhellende Essays zu der Frage, warum uns das Getriebensein
einmal vorgesehen waren, werden unter Effektivitäts­ als »normalste Sache der Welt« erscheint

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Herausgegeben von Wulf Bertram
Herausgegeben von Wulf Bertram

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Die Psychologen Sara Pluviano und Sergio Della Sala sind willkommen! Schicken Sie uns Ihren
erklärten, welchen irrationalen Ängsten und Denk­ Kommentar unter der Angabe, auf welches
fehlern Impfskeptiker häufig erliegen (»Gefährliche Heft und welchen Artikel Sie sich beziehen,
einfach per E-Mail an:
Selbsttäuschung«, Heft 5/2017, S. 64). gug-leserbriefe@spektrum.de
Oder kommentieren Sie im Internet auf Spektrum.de
Gero Knittel, Köln: Während ich mit dem Artikel direkt unter dem zugehörigen Artikel. Die individuelle
grundsätzlich einverstanden bin, missfällt mir der Webadresse finden Sie im Heft jeweils am Ende eines
Absatz über Linus Pauling doch so sehr. Artikels in Rot abgedruckt.
Ich bin in der Krebsforschung tätig, und obwohl Folgen Sie uns auch auf Facebook und Twitter und
oxidativer Stress keiner meiner Schwerpunkte ist, sind diskutieren Sie mit:
mir trotzdem zwei Publikationen in renommierten facebook.com/gehirnundgeist
Magazinen bekannt, die einen Effekt von Vitamin C in twitter.com/gundg
vitro (Yun et al., Science, 2015) und in vivo (Ma et al.,
Science Translational Medicine, 2014) auf Tumorzellen
zeigen.
Paulings Idee, dass Vitamin C als Zusatz in der berater, Rechtsanwälte, Informatiker). Der Autor
Krebstherapie Verwendung finden könnte, wird wieder nimmt nur diejenigen ins Visier, die schlecht bezahlt
diskutiert. Die antitumorale Wirkung hoch dosierter werden.
Ascorbinsäure scheint im präklinischen Szenario belegt Bartmann attackiert wegen der Entstehung solcher
und sollte nicht als »Spinnerei« in den gleichen Topf Jobs eine gesamte Gesellschaft, ohne zu definieren,
wie dieses Impfgegnertum geworfen werden. unter welchem Lohnniveau ein Dienstleistender zu
einem sklavenähnlichen Diener wird. Das finde ich
sehr naiv. Sich nur über einen Zustand zu ärgern oder
Kaum nachvollziehbare Pauschalkritik zu empören, hilft den betreffenden Menschen nicht
Laut dem Buchautor Christoph Bartmann ist in weiter.
unserer Gesellschaft eine neue Klasse von Untergebenen Soll ich meine Haushälterin entlassen und selbst
entstanden, die vor allem schlecht bezahlte häusliche bügeln, staubsaugen und aufräumen, statt mich wie
Tätigkeiten übernehmen (»Auf dem Rücken der ande­ jetzt gerade am PC zu informieren, mich weiterzubil-
ren«, Rezensionen, Heft 5/2017, S. 82). den, Ideen zu entwickeln oder mich mit anderen
auszutauschen?
Luisa Josa, Bremen: An die Gedanken des Buches
»Die Rückkehr der Diener« kann ich anknüpfen, Jedem das Seine
schließlich gibt es ständig negative Berichte über die Unabhängig von den Fähigkeiten jedes Einzelnen
Mitarbeiter von Firmen wie zum Beispiel Amazon. haben Menschen auch unterschiedliche Interessen,
Trotzdem kann ich diese pauschale Kritik der Dienst- Ambitionen, Prioritäten. Viele Menschen freuen
leistungen kaum nachvollziehen. Es gibt viele Ar­ sich über Tätigkeiten, die andere ungern machen –
beitskräfte in Dienstleistungsunternehmen, die zu den und umgekehrt. Meine Haushälterin freut sich auf die
bestbezahlten in der Welt gehören (Banker, Steuer­ Garten­arbeit, wenn die Sonne scheint, während ich
lieber ein neues Buch aufschlage. Warum dürfen wir
uns nicht einigen, um eine Win-win-Situation zu
nutzen?
Zuletzt erschienen:
Selbstverständlich ist es am Ende eine Frage der
Entlohnung. Aber gerade die Existenz solcher Jobs
motiviert Menschen, sich um bessere Bildung zu
bemühen, um Aufstiegsmöglichkeiten für sich zu
schaffen. Wenn sie dann aufsteigen, werden Jobs frei
für Menschen, die früher unter erheblich schlechteren
Bedingungen gelebt haben.
Es bleibt schließlich die Frage: Was geschieht mit
Leuten, denen eine Weiterbildung trotz großer Mühe
Gehirn&Geist 03/2017 Gehirn&Geist 04/2017 Gehirn&Geist 05/2017
nicht gelingt? Und dafür gibt es in Deutschland
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GEHIRN&GEIST 28 0 6 _ 2 0 1 7
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TITELTHEMA

STRESS Psychische Belastung ist nicht immer schädlich –


kurzfristig kann sie unseren Geist sogar beflügeln. Doch wo
verläuft die Grenze zwischen gutem und bösem Stress?

Hirn
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ARMIN LUDE

U N S E R AU TO R

Armin Lude ist Professor für Biologie und ihre


Didaktik an der Pädagogischen Hochschule
Ludwigsburg am Institut für Naturwissenschaften
und Technik. Er erforscht und entwickelt unter
anderem Praxismaterialien im Bereich Umweltbil-
dung und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

GEHIRN&GEIST 30 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE

ENTWICKLUNG Wenn Kinder Baumwipfel oder Bachläufe


erkunden, sind sie ganz bei der Sache. Vom Spiel in der Natur
­profitieren sie auf vielfältige Weise.

Abenteuer­
spielplatz Natur VON ARMIN LUDE
ARMIN LUDE

GEHIRN&GEIST 31 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / NATURERFAHRUNG

Fähigkeiten, Konflikte zu lösen, als Kinder einer Kon­


Auf einen Blick: trollgruppe, die noch nicht am Camp teilgenommen
hatte. Einen solchen Unterschied könnte allerdings
­
Die Begeisterung wecken auch allein der Aufenthalt im Schullandheim bewirken.

1
Zeit im Grünen kann das Wohlbefinden, das In Studien an taiwanischen Schulen verhängten Lehrer
Selbstwertgefühl und die Konzentrationsfähig- in einer Klasse, in deren Zimmer große Topfpflanzen
keit von Kindern verbessern. standen, weniger Disziplinarmaßnahmen als in einem
Raum ohne Pflanzen. Schüler, die sich um die Gewäch-

2
Allerdings birgt die Erforschung viele methodi- se kümmerten, berichteten davon, sich eher von Stress
sche Probleme. So weisen etwa Kinder, die viel zu erholen als jene in Klassen ohne diese Aufgabe. Und
im Grünen spielen, ein besseres Sozialverhalten in allen Klassenzimmern mit Pflanzen fühlten sich die
auf. Ob aber die Zeit in der Natur die Ursache dafür Kinder wohler als in unbegrünten.
ist oder ob sich soziale Kinder lieber in der Natur Laut einer repräsentativen EMNID-Befragung von
aufhalten, ist unklar. 2015 ist nur etwa die Hälfte der Vier- bis Zwölfjährigen
in Deutschland schon einmal ohne fremde Hilfe auf

3
Wissenschaftler widmen sich auch der Frage, ­einen Baum geklettert. Untersuchungen deuten zudem
wie man per Smartphone Heranwachsende für darauf hin, dass Eltern ihre Kinder heute viel seltener
die Natur gewinnen kann. Sie entwickeln als früher unbeaufsichtigt die Natur erkunden lassen.
Spiele, die ähnlich wie Pokémon GO mit Hilfe der Oft sprechen sie in diesem Zusammenhang von Gefahr,
virtuellen Welt in die Natur führen. Risiko und Wagnis. Natürlich kann sich ein Kind verlet-
zen, wenn es Wipfel oder Bachläufe erkundet. Geht es

A
dieses Wagnis jedoch ein und meistert die Aufgabe er-
folgreich, schüttet sein Gehirn körpereigene Opiate aus,
urora will hoch hinaus. Sie steht vor ei- die ein Hochgefühl erzeugen.
nem Baum in unserem Vorgarten. Ich Solche Lernerfahrungen scheinen für Kinder beson-
gebe meiner Tochter Tipps, wie sie ihn ders wichtig zu sein. Dieter Breithecker, Leiter der Bun-
am besten erklimmen kann: dass man desarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungs-
möglichst nah am Stamm auf die Äste förderung, hält Verletzungen von Prellungen bis hin zu
tritt. Dass dürre Zweige ohne Blätter Knochenbrüchen beim Klettern oder anderen sportli-
keinen verlässlichen Halt bieten und sie mit einer Hand chen Herausforderungen daher für vertretbar. Gefah-
immer einen stabilen Ast umfassen soll, sozusagen als ren, die langfristig schädigen oder lebensgefährlich sein
»Notanker«. Dann klettert sie los. können, sollten Kinder natürlich vermeiden. Besonders
Ich bin stolz, wie die Fünfjährige höher und höher auf verborgene oder schwer erkennbare Gefahren soll-
steigt. Da kommt eine Nachbarin vorbei. Sie sieht das ten die Eltern sie daher hinweisen, wie zum Beispiel auf
Mädchen oben im Baum und ruft entgeistert: »Komm nur teilweise gefrorene Teiche beim Schlittschuhlaufen
runter, Kleine, du fällst noch …!« oder auf brüchiges Totholz beim Klettern.
Natur kann begeistern, körperlich herausfordern, zur
Erholung und Genesung beitragen und vieles mehr. Sie Warum klettern unsere Kinder nicht mehr?
wirkt auf Heranwachsende und Erwachsene beeindru- Der Kabarettist Dieter Nuhr spottet hingegen, Kinder
ckend vielfältig. Um das systematisch zu ergründen, würden deshalb nicht mehr auf Bäume klettern, weil sie
durchforsteten mein Doktorand Andreas Raith und ich auf Grund ihres Bauchumfangs gar nicht an den Stamm
wissenschaftliche Datenbanken nach Studien, die sich herankämen. Tatsächlich sind in Deutschland rund
in den letzten 15 Jahren mit der Wirkung der Natur auf 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig,
die kindliche Entwicklung beschäftigt hatten. Die Be- wie eine 2014 veröffentliche Untersuchung des Robert
funde zeigen: Natur steigert die Gesundheit, das Wohl- Koch-Instituts zeigt. S. Jay Olshansky, Professor an der
befinden, das Selbstwertgefühl, das Umweltwissen und University of Illinois in Chicago, postuliert sogar, dass
die Konzentrationsfähigkeit. So konnten sich beispiels- die heutige Generation in den USA wegen ihres Bewe-
weise Kinder mit ADHS nach einem 20-minütigen Spa- gungs- und Naturmangels die erste sei, die eine geringe-
ziergang durch den Stadtpark deutlich besser konzent- re Lebenserwartung habe als die ihrer Eltern.
rieren als nach einem Spaziergang durch die Innenstadt Wissenschaftler um Jennifer Wolch von der Univer-
oder ein Wohngebiet. Der Ausflug ins Grüne half (zu- sity of California in Berkeley erfassten acht Jahre lang
mindest kurzfristig) sogar ähnlich gut wie Ritalin. den Gesundheitszustand und das Gewicht von über
Ebenso weisen Kinder, die sich viel in der Natur auf- 3000 Kindern sowie deren Wohnsituation, etwa wie
halten, verschiedenen Erhebungen zufolge ein ausge- weit entfernt der nächste Park lag oder ob es Freizeit­
prägteres Sozialverhalten auf: Nach einem einwöchigen angebote in der Nähe gab. Außerdem erhoben sie viele
Naturcamp verfügten die Teilnehmer etwa über bessere weitere Daten über die Familie der Kinder und die Um-

GEHIRN&GEIST 32 0 6 _ 2 0 1 7
von Kindern, die in betonlastigen Gegenden aufwach-
sen, können eventuelle Unterschiede auch von anderen
Faktoren abhängen, etwa von der Ernährung oder dem
sozioökonomischen Status der Eltern. Um bei diesem
Problem Abhilfe zu schaffen, kann man wie in der Stu-
die von Jennifer Wolch viele zusätzliche Daten erheben,
um deren Einfluss zu prüfen. Das ist allerdings sehr auf-
wändig.
Wir Menschen sind nun einmal keine Versuchstiere,
die Forscher unter kontrollierten Bedingungen beob-
ARMIN LUDE
achten. Doch auch wir leben manchmal in Umgebun-
gen, die einem Labor ähneln. Man muss sie nur entde-
Die Natur bietet Kindern unzählige Möglichkeiten, cken. Die Architekturprofessoren Roger S. Ulrich und
Pflanzen und Tiere zu erkunden. Ernest O. Moore wurden fündig: in Krankenhäusern
und Gefängnissen. Ihre Studien sind inzwischen zu
Klassikern avanciert.
gebung (etwa die Verkehrsdichte), um den Einfluss die- Roger S. Ulrich, heute an der Technischen Hoch-
ser Variablen statistisch zu kontrollieren. schule Chalmers in Göteborg, untersuchte von 1972 bis
Das Ergebnis: Kinder aus Stadtvierteln, die Zugang 1981 Patienten in einem Vorstadtkrankenhaus im Bun-
zur Natur ermöglichten, waren seltener adipös und wie- desstaat Pennsylvania. Alle hatten eine Gallenoperation
sen auch ein geringeres Risiko auf, im Alter von 18 Jah- hinter sich und wurden zufällig auf die freien Kranken-
ren übergewichtig zu sein. Selbst nachdem die Wissen- zimmer verteilt. In manchen Räumen bot sich den Pati-
schaftler mögliche Störfaktoren wie die Armut des enten vom Bett aus der Blick auf Laubbäume, in ande-
Stadtteils herausgerechnet hatten, blieb der Zusammen- ren auf eine Ziegelsteinmauer. Patienten, die ins Grüne
hang bestehen. schauten, benötigten in den Tagen nach der Operation
Meine Kollegen und ich sind seit Langem der An- seltener starke Schmerzmitteln als jene mit Sicht auf die
sicht, dass sich Kinder mehr in der Natur bewegen soll- Mauer. Außerdem beklagten sie sich laut den Aufzeich-
ten, dass sie ihnen guttut und ihre Entwicklung fördert. nungen der Krankenschwestern weniger über ihren Ge-
Das ist jedoch gar nicht einfach zu belegen. Eine Viel- sundheitszustand.
zahl von Einflussfaktoren macht es schwer, die Wirkung Ernest O. Moores Untersuchung im Gefängnis kam
der Natur auf die kindliche Entwicklung zu untersu- 1981 zu einem ähnlichen Ergebnis: Insassen, die von ih-
chen. Vergleicht man zum Beispiel die Gesundheit von rer Zelle aus ins Grüne blickten, fühlten sich deutlich
Kindern, die in begrünten Stadtvierteln leben, mit der wohler als ihre Mithäftlinge. Selbst Fototapeten oder Na-

Natur erleben in der Pause: Ein Promotionsprojekt


Auf Schulhöfen verbringen Kinder über Jahre hinweg wachsende die Natur selbstständig entdecken können.
viel Zeit. Daher sind diese eigentlich ideale Orte für Die Erhebungen zeigen jedoch auch, dass die Kinder
Heranwachsende, um die Natur zu erleben. In meiner altersabhängig unterschiedliche Gestaltungen bevorzu-
Doktorarbeit an der Pädagogischen Hochschule gen: Jüngere untersuchen und beobachten die Natur
Ludwigsburg habe ich untersucht, wer naturnah eher oder spielen mit Blättern, Ästen oder Steinen
gestaltete Bereiche des Pausenhofs nutzt: Es sind vor dort, wo sie Wege, Wasser, Gelegenheiten zu klettern
allem jüngere Kinder, die dort mit Freunden spielen oder ähnliche aktivitätsfördernde Elemente finden. Im
und herumtoben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Gegensatz dazu mögen ältere Kinder lieber ruhige
ein Erst- oder Zweitklässler in einem so gestalteten Bereiche, die Rückzugsmöglichkeiten bieten, zum
Bereich aufhält, ist neunmal größer als bei Neunt- Beispiel natürliche Verstecke.
oder Zehntklässlern. Außerdem beschäftigen sich die
Kinder der ersten beiden Klassen sogar 44-mal häufi- Andreas Raith ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und
ger mit der Natur als Neunt- oder Zehntklässler, etwa Doktorand an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.
indem sie Blätter pflücken. Fragt man sie, weswegen
sie dort ihre Pause verbringen, bezeichnen sie die
Raith, A.: Contact to Nature on Green Schoolyards. In Revision
Umgebung oft als schön und erholsam. bei: Environment & Behaviour, 2017; Raith, A.: Children on
Vor allem an Grundschulen scheinen grüne Pau- Green Schoolyards: Nature Experience, Preferences and Behavi-
senhöfe daher sinnvoll und geeignet, damit Heran- our. In Revision bei: Children, Youth & Environments, 2017

GEHIRN&GEIST 33 0 6 _ 2 0 1 7
Ein Spiel für Neugierige
Kann ich Löwenzahn wirklich essen? Und warum sind
Gänseblümchen manchmal rosa? Solchen Fragen
gehen Kinder und Eltern beim Spiel »Der Grüne
Schatz« auf den Grund. Die Teilnehmer suchen in der
Natur nach Pflanzen mit besonderen Eigenschaften,
fotografieren sie mit dem Smartphone und erhalten
dafür eine virtuelle Sammelkarte. Diese ordnen sie
einer passenden Kategorie zu, einer so genannten

ARMIN LUDE
Schatzkiste, zum Beispiel der »Essbar-Kiste«. Ziel ist
es, die verschiedenen Schatzkisten zu füllen.
Jeder Fund wirft die Frage auf: In welcher Hinsicht
ist diese Pflanze besonders wertvoll? Anders als bei Das Fotosammelspiel lässt sich deutschlandweit
den meisten Sammelkartenspielen steht der Wert eines während eines Spaziergangs spielen und ist kostenlos
Funds nicht von vornherein fest. Es kommt auf die auf www.finde-vielfalt.de verfügbar. Es entstand in
Perspektive an. So ist der Fingerhut eine wertvolle einer Zusammenarbeit der Pädagogischen Hochschule
Heilpflanze und bringt in dieser Kategorie viele Punk- Ludwigsburg, der Universität Bamberg und des Deut-
te. Er ist jedoch auch giftig und daher in der Essbar- schen Jugendherbergswerks und wird im Bundespro-
Kiste falsch aufgehoben. gramm Biologische Vielfalt gefördert.

turmotive auf einem Monitor konnten in verschiedenen Peter Pagels vom schwedischen Karolinska-Institut
Experimenten die Leistung bei Büroaufgaben steigern – hat gemeinsam mit Sportwissenschaftlern aus Stock-
wenn auch weniger stark als der Blick in echtes Grün. holm und Göteborg in einer 2016 veröffentlichten Stu-
Die Entwicklungspsychologin Andrea Faber Taylor die schwedische Schülerinnen und Schüler der 2., 5. und
und ihre Kollegen von der University of Illinois in Urba- 8. Klasse mit speziellen Armbändern ausgestattet. Diese
na untersuchten 2002, inwiefern die Sicht aus der elter- registrierten mit Hilfe von Sensoren, wie viel sich die
lichen Wohnung mit der Selbstdisziplin von Kindern Kinder bewegten und ob sie sich dabei drinnen oder
zusammenhängt. Die Teilnehmer der Studie, 174 Fami- draußen aufhielten.
lien, lebten alle in einem von 28 identischen, 16-stöcki-
gen Gebäuden in einem sozialen Brennpunkt von Chi- Entdecken, Toben, Lernen
cago, hatten jedoch je nach Lage einen unterschiedli- An Schultagen verbrachten die Kinder mehr als zwei
chen Blick aus den Fenstern ihrer Wohnung. Drittel der Zeit in Gebäuden. Zweitklässler hielten sich
Die Selbstdisziplin der jungen Probanden erfassten noch am längsten im Freien auf, nämlich je nach Jahres-
die Wissenschaftler unter anderem mit einem klassi- zeit und Wetter 17 bis 129 Minuten. Fünft- und Acht-
schen Test: Sie zeigten den Sieben- bis Zwölfjährigen klässler waren nicht einmal halb so lange draußen.
eine große und eine sehr kleine Packung von deren Überraschenderweise bewegten sich die Kinder nicht
Lieblingssüßigkeit. Die kleine Tüte konnten die Kinder am meisten (und schnellsten) beim Sportunterricht,
sofort haben, die große aber erst, wenn sie sich eine Zeit sondern bei der freien Bewegung draußen – das galt für
lang geduldeten. Das gelang Mädchen, die von ihrem alle Jahrgangsstufen und Jahreszeiten.
Zuhause aus in die Natur schauen konnten, deutlich Naturbelassene Flächen sind oft komplexer als von
besser als Mädchen ohne so eine Aussicht. Bei Jungen Menschen geschaffene Räume: Hervorstehende Steine,
gab es dagegen keinen Unterschied. Die Vermutung der Baumwurzeln oder tief hängende Äste laden zum Klet-
Forscher: Diese spielten weiter weg von der Wohnung tern oder Erkunden ein und bieten viele motorische
und hätten daher eine schwächere Bindung zu dem Herausforderungen. Der Landschaftsarchitekt und
durch das Fenster zu sehenden Umfeld. Stadtplaner Hans Joachim Schemel und seine Kollegen
Neben der Selbstdisziplin bietet das Spiel draußen beobachteten 96 Tage lang insgesamt 823 Kinder beim
noch weitere Vorteile: Zum einen werden alle Sinne an- Spiel auf konventionellen Spielplätzen und in so ge-
gesprochen – Sehen, Riechen, Fühlen, Hören, Schme- nannten Naturerfahrungsräumen. Das sind Spielplätze
cken. Zum anderen ist die Lichtintensität im Freien ohne Spielgeräte, auf denen sich auf mindestens der
stärker. Das fördert die Bildung von Vitamin D, was Im- Hälfte der Fläche die Tier- und Pflanzenwelt frei entwi-
munsystem und Knochenmineralisation stärkt. Eine ckeln kann. Außerdem befragten sie 174 der Kinder.
geringe Lichtexposition halten einige Forscher inzwi- In Naturerfahrungsräumen spielten die Kinder so-
schen zudem für die Hauptursache von Kurzsichtigkeit. wohl kreativer und komplexer als auch häufiger mit an-

GEHIRN&GEIST 34 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / NATURERFAHRUNG

deren oder in großen Gruppen, sie blieben länger bei die Sprachfähigkeiten von Heranwachsenden verbes-
der Sache, und es gefiel ihnen dort besser. Sie erzählten sert. In der Natur treffen Kinder auf vielfältigere und
oft begeistert von ihren Spielen, während Kinder auf weniger vorhersehbare Situationen als drinnen, und sie
klassischen Spielplätzen einsilbiger berichteten. spielen häufiger gemeinsam mit anderen. Eventuell ent-
Forscher um den schwedischen Biologen Patrik wickeln sie deshalb ein größeres Vokabular und geben
Grahn verglichen bereits im Jahr 1997 das Spiel von Kin- unbekannten Dingen neue Namen.
dern in einem Waldkindergarten mit dem von Kindern Obwohl Wissenschaftler zunehmend besser verste-
in einem Regelkindergarten. Im Wald wechselten sich hen, dass es die Entwicklung von Kindern fördert, wenn
lautes Spielen, Kreischen und Toben mit fast geräusch- sie sich viel im Freien aufhalten, verbringen immer we-
losem Verhalten ab. Die Kleinen spielten dort fantasie- niger Heranwachsende ihre Zeit auf Wiesen, in Wäldern,
voller und vielfältiger: Mal war der Wald Schlachtfeld, Parks oder an Bachläufen. Der amerikanische Journalist
mal der Weltraum oder ein Einkaufszentrum. Denn je Richard Louv zitiert in seinem Buch »Das letzte Kind
unbestimmter ein Gegenstand ist, desto kreativer ist der im Wald?« einen Viertklässler, der sagte: »Ich spiele lie-
Umgang mit ihm. Ein Stock kann eine Gehhilfe sein, ber drinnen, weil da Steckdosen sind.« Louv spricht von
eine Waffe, ein Zepter, eine Schranke, ein Krokodil und einer neuen »elektronischen Bindungslosigkeit« zur
vieles mehr. Eine Plastikfigur aus dem neuesten Kino- Natur und prägte den Begriff »nature deficit disorder«.
film ist hingegen nur das und sonst nichts. Natur sei heute nicht mehr zugänglich; das führe zu
Im Außenbereich des Regelkindergartens spielten Mangelerscheinungen. Ob es sich hierbei um ein Krank-
die Kinder dagegen selten so lange mit ihren Kamera- heitsbild handelt, darüber streiten Fachleuten jedoch.
den, dass sie verschiedene Rollen entwickelten. Statt- Ebenso ist die Frage, warum Natur uns Menschen
dessen wurden sie oft von anderen unterbrochen, oder guttut, schwer zu beantworten. Vertreter einer evolutio-
die Erzieherinnen mussten wegen Streitereien eingrei- nären Perspektive betonen, wie wichtig Landschaften in
fen. Am liebsten fuhren sie Dreirad. der Menschheitsgeschichte für das Überleben waren.
Verschiedene Fallstudien zu Waldschulen oder Na- Der Mensch brauchte Wasser, Nahrung, Schutz – und
turerfahrungsprogrammen liefern zudem Hinweise da- war gleichzeitig neugierig, wollte verstehen und entde-
rauf, dass der Aufenthalt im Grünen möglicherweise cken. Nach der Biophilie-Hypothese des Biologen Ed-

Biologie Medizin Hirnforschung

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GEHIRN&GEIST 35 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / NATURERFAHRUNG

In der Natur nen. Forscher um Maxine Crawford von der University


of British Columbia in Vancouver schickten im Jahr
spielen Kinder 2016 drei Gruppen von Kindern ins Ge­lände. Eine da-
kreativer, von zog mit einem Pädagogen los, eine andere hatte
eine Karte und Anweisungen bei sich, eine dritte erhielt
­komplexer und dieselben Informationen per Smartphone. Nach dem
häufiger mit Ausflug fühlten sich alle Teilnehmer stärker mit der Na-
tur verbunden. Wer mit Smartphone unterwegs war,
­anderen hatte jedoch mehr gelernt und laut eigenen Angaben
ARMIN LUDE

auch mehr Freude daran.


Zudem ermöglichen diese Geräte neue Funktionen.
Meine Doktorandin Sonja Schaal hat ein so genanntes
Geogame untersucht. Dabei sollen die Spieler einer vir-
ward O. Wilson von der Harvard University haben wir tuellen Figur auf dem Smartphone helfen, eine Streu-
Menschen eine angeborene Affinität zu Lebendigem obstwiese zu bewirtschaften. Um erfolgreich zu sein,
und Naturprozessen. Der Ornithologe Gordon H. Ori- müssen sie allerdings tatsächlich in die Natur, zum Bei-
ans hält beispielsweise die Savanne für die von uns als spiel um auf einer bestimmten Wiese die Pflanz­abstände
ideal empfundene Landschaft. Sie war unser ursprüng- der Obstbäume zu messen. Anschließend können sie
licher Lebensraum. Orians ist der Ansicht, diese Präfe- diese in einer Simulation verändern und sollen den
renz sei über das kollektive Gedächtnis über die Gene- wirtschaftlichen Gewinn und die biologische Vielfalt
rationen hinweg weitergegeben worden. Deshalb emp- ausbalancieren. Den Spielern gefiel die Abwechslung
fänden wir Gegenden mit einzelnen Bäumen als schön. zwischen Realität und virtueller Welt. Das Geogame
Vertreter soziokultureller Erklärungsansätze gehen machte ihnen Spaß, sie lernten etwas Neues dabei, und
hingegen davon aus, dass die Präferenz für bestimmte sie fühlten sich danach auch stärker mit der Natur ver-
Landschaften nicht vererbt, sondern erlernt wird. Sie sei bunden.
subjektiv und kulturabhängig. Laut dem Umweltpsy- Viele Pädagogen halten Freude und Spaß an der Na-
chologen Harold M. Proshansky (1920–1990) besitzen tur für entscheidend. Sie bewirkt eine so genannte in-
Menschen eine individuelle Ortsidentität, die auf ihren trinsische Motivation, bei der wir aus eigenem Antrieb
jeweiligen Erfahrungen mit den Orten beruht, an denen heraus entdecken und Wissen erwerben. Neue Zugänge,
sie gelebt haben. Sie bestimme das Selbstkonzept. etwa technischer Art, können das unterstützen.
Wie können wir Menschen für die Natur begeistern? Ich erinnere mich noch, wie ich vor fast 25 Jahren
Immer mehr Kinder und Jugendliche besitzen laut Be- ­Kanutouren für Jugendliche veranstaltet habe. Abends
fragungen des Medienpädagogischen Forschungsver- sollten die Teilnehmer die Erlebnisse in einem Tage-
bunds Südwest technische Geräte. Wissenschaftler be- buch festhalten. Das war nicht gerade beliebt. Doch ei-
schäftigt daher zunehmend die Frage, ob und wie etwa nes Tages hatten wir ein Notebook dabei – und plötzlich
Smartphones Heranwachsende wieder in die Natur füh- wollte jeder schreiben. Heute würde das nicht funktio-
ren können. Pokémon GO ist dieser Transfer der virtu- nieren, denn Notebooks sind nichts Besonderes mehr.
ellen Welt in die Kulisse der Realität im Sommer 2016 Es kommt darauf an, in Zukunft gute pädagogische
erfolgreich gelungen – zumindest zeitweise. Konzepte zu entwickeln. Sinnvoll eingesetzt, können
Studien deuten darauf hin, dass technische Geräte technische Geräte ein Mittel darstellen, um die Natur
durchaus den Umgang mit der Natur verbessern kön- für Heranwachsende zugänglicher zu machen.  H

L I T E R AT U RT I P P

Raith, A., Lude, A.: Startkapital Natur: Wie Naturerfahrung die kindliche Entwicklung fördert. Oekom, München 2014
Literaturübersicht über alle Studien der letzten 15 Jahre zum Thema
QUELLEN

Crawford, M. R. et. al.: Using Mobile Technology to Engage Children with Nature.
In: Environment and Behavior, S. 1–26, 2016
Faber Taylor, A. et al.: Views of Nature and Self-Discipline: Evidence from Inner City Children.
In: Journal of Environmental Psychology 22, S. 49–63, 2002
Pagels, P. et al.: Compulsory School In- and Outdoors – Implications for School Children’s Physical Activity and Health during
one Academic Year. In: International Journal of Environmental Research and Public Health 13, 699, 2016
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1446695

GEHIRN&GEIST 36 0 6 _ 2 0 1 7
KOPFNUSS

Hätten Sie’s gewusst? Die Antworten auf die folgenden Fragen finden Sie in dieser
Ausgabe von »Gehirn&Geist«. Wenn Sie an unserem Gewinnspiel teilnehmen
möchten, schicken Sie die Lösungen bitte mit dem Betreff »Juni« per E-Mail an:
kopfnuss@spektrum.de

1. Warum entscheiden wir unter akutem Stress Unter allen richtigen Einsendungen
schlechter? verlosen wir drei Exemplare von:
a) weil die Kontrollinstanz im Stirnhirn gehemmt wird
b) weil uns nicht alle Informationen zur Verfügung Robert Rossa, Julia Rossa
stehen
c) weil zu wenig Sauerstoff das Gehirn erreicht WENN DU EIN
BONBON WÄRST …
2. Im Allgemeinen finden wir Fantasiewesen 120 verrückte Fragekarten
besonders gruselig, wenn sie uns stark, aber nicht für den Einstieg in die Kinder-
perfekt ähneln. Forscher nennen das Phänomen … psychotherapie
a) unheimliches Tal. Beltz, Weinheim und Basel 2017,
120 Fragekarten, € 24,95
b) gruseliger Gipfel.
c) Gänsehaut-Plateau.

3. Welche Hirnareale werden bei homosexuellen


Vätern verstärkt aktiv, wenn sie sich Filme ihrer Einsendeschluss ist der 15. 06. 2017. Die Auflösung
eigenen Babys ansehen? finden Sie in Gehirn&Geist 8/2017. Zusätzlich nimmt
a) die gleichen wie bei Müttern jede richtige Einsendung an der Weihnachtsverlosung
b) die gleichen wie bei heterosexuellen Vätern eines Jahresabonnements für 2018 teil.
c) typisch »mütterliche« und typisch »väterliche« Name und Wohnort der Gewinner werden an
Hirnareale dieser Stelle veröffentlicht. Ihre persönlichen Daten
werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Bar­
4. Das »Default-Mode-Netzwerk« des Gehirns regt auszahlung der Preise ist nicht möglich. Der Rechts-
sich vor allem beim … weg ist ausgeschlossen.
a) konzentrierten Nachdenken.
b) Tagträumen.
c) Schlafen.

5. Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung Auflösung der Kopfnuss 4/2017: 1b, 2b, 3a, 4b, 5a
fühlen sich leicht von ihren Mitmenschen ausge- Je ein Exemplar von »Denken wird überschätzt.
grenzt. Das geht einher mit einer Überaktivierung ... Warum unser Gehirn die Leere liebt« von Niels
a) des dorsalen anterioren Zingulums. Birbaumer und Jörg Zittlau geht an:
b) der Amygdala. Cornelia Baumgart (Wien), Heide Holi (Bremen),
c) der linken Insula. Susann Ullrich (Berlin)

Testen Sie Ihr Wissen rund um Gehirn&Geist!


Auf unserer Onlineseite finden Sie die Kopfnüsse vergangener Ausgaben.
www.spektrum.de/quiz/psychologie-hirnforschung/

GEHIRN&GEIST 37 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE

VERHALTENSFORSCHUNG Immer mehr Studien belegen:


Lernvermögen und Sozialverhalten von Nutztieren wurden bislang grob
unterschätzt. Was bedeutet das für unseren Umgang mit ihnen?

Neugierige Schweine,
mitfühlende Hühner
VON JOACHIM RETZBACH

W
enn Nicolle Müller mit ihrem Besonders beeindruckt ist sie davon, wie schnell das
tierischen Mitbewohner Moritz Schwein neue Tricks lernt. »Als Moritz ein Puzzle mit
über die Straße geht, gucken die geometrischen Formen lösen sollte, hat er das innerhalb
Autofahrer ziemlich verdutzt. einer Woche kapiert«, erzählt Müller. »Jeder Hund ist
Zumindest jene, die im Dorf dagegen ein Sonderschüler.« Moritz kann Farben unter-
Mahlow am Südrand Berlins nur scheiden, Gegenstände aus dem Wasser apportieren,
auf der Durchreise sind und den Anblick noch nicht versteht Worte wie »Ball« oder »Pferd«. Mittlerweile
kennen. Denn Moritz ist zwar ähnlich groß wie eine hilft er sogar im Haushalt, und zwar bei der Mülltren-
englische Bulldogge, aber er hat hellrosa Haut mit wei- nung. Mit seiner äußerst sensiblen Rüsselscheibe ertas-
ßen Borsten. Er ist ein ausgewachsenes Minischwein. tet der Eber, ob es sich um Papier oder Plastik handelt,
Viele Fernsehzuschauer dürften Moritz schon einmal und trägt den Abfall zur richtigen Tonne. Am liebsten,
gesehen haben: Er war bei »TV Total«, sang im ZDF- sagt Müller, wolle Moritz jeden Tag etwas Neues beige-
Sommergarten zusammen mit Florian Silbereisen, bracht bekommen. Eine solche Lernbereitschaft habe
spielte in Werbespots, bei »Wissen vor acht« und sie bislang nur an Schweinen beobachtet. »Die Tiere
»Alarm für Kobra 11«. Zusammen mit Ferkel Paul ist er werden unglaublich unterschätzt«, ist sie überzeugt.
eines von zwei Schweinen, die bei Tiertrainerin Nicolle Selbst wenn das pfiffige Filmschwein ein besonders
Müller zu Hause leben – und ihr ganzer Stolz. Müller hoch begabter Vertreter seiner Spezies sein sollte, gibt
hat schon mit unzähligen Spezies gearbeitet und viele die moderne Verhaltensbiologie der Tiertrainerin Recht.
als Haustiere gehalten, darunter Hunde, Nasen­bären Etwa seit der Jahrtausendwende boomt die Untersu-
und selbst Kapuzineraffen, kleine, als intelligent gelten- chung der Intelligenz und des Sozialverhaltens jener
de Primaten. Dennoch sagt sie: »Moritz ist das schlaus- Arten, die wir als Nutztiere halten – meist mit eindeuti-
te Tier, das ich bisher erlebt habe.« gem Ergebnis: Schweinen haftet genau wie Hühnern,
Rindern und Ziegen zu Unrecht der Ruf an, stumpfsin-
nig und träge zu sein. Und je genauer die Forscher hin-
schauen, desto verblüffender erscheinen die Fähigkei-
U N S E R AU TO R ten der Tiere. Was wiederum ethische Fragen aufwirft,
insbesondere unseren Umgang mit ihnen betreffend.
Joachim Retzbach ist promovierter
Psychologe und Wissenschaftsjournalist.
Auch Sandra Düpjan beschäftigt sich mit diesem
PAT SCHEIDEMANN

Das »Fleisch-Paradoxon« (siehe S. 43) hat Thema. Ihr Arbeitsplatz in Dummerstorf, unweit der
er für sich noch nicht zufrieden stellend mecklenburgischen Ostseeküste, ist selbst für eine Ver-
gelöst. haltensforscherin nicht alltäglich. Aus einem großen

GEHIRN&GEIST 38 0 6 _ 2 0 1 7
Verspielt, lernfähig –
und stets in Fress­
laune: ein junger
­Proband am
­Leibniz-­Institut für
Nutztier­biologie in
Dummerstorf.
PAT SCHEIDEMANN

GEHIRN&GEIST 39 0 6 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Von wegen »dumme Ziege«!

1 2 3
Erst seit Kurzem interessieren Bei der »kognitiven Umwelt­ Aus ethischer Sicht erscheint es
sich Forscher verstärkt dafür, zu anreicherung« werden Stall­ inzwischen unstrittig, dass die
welchen kognitiven Leistungen tiere geistig gefordert, etwa Lern- und Empfindungsfähig-
Nutztiere fähig sind. Vor allem indem sie sich ihr Futter selbst keit vieler Tiere uns dazu verpflich-
Schweine, Hühner und Ziegen erarbeiten müssen. Das wirkt Stress tet, sorgsamer als bisher mit ihnen
zeigen sich dabei äußerst gelehrig. und Verhaltensstörungen entgegen. umzugehen.

Stall weht der scharfe Geruch von Ammoniak. Hier, am Um die Stallbewohner nicht zu unterfordern, greift
Leibniz-Institut für Nutztierbiologie, wollen Düpjan man zur so genannten Umweltanreicherung. In Deutsch-
und andere Wissenschaftler herausfinden, wie Schwei- land etwa ist selbst in der konventionellen Schweine-
ne ticken. Grob gesagt tüftelt die Biologin an Methoden, mast vorgeschrieben, dass die Tiere Zugang zu Spielzeug
um objektiv messen zu können, ob das Borstenvieh haben müssen. Von vielen Produkten, die auf dem
glücklich ist. Dabei macht sie sich die Gelehrigkeit der Markt sind, ist Düpjan allerdings nicht überzeugt. Laut
Tiere zu Nutze. Verordnung müssten diese nicht nur beweglich, sondern
In ihren Experimenten lernen junge Mastferkel bei- auch veränderbar sein: »Schweine machen nun mal ger-
spielsweise, dass sich in einem Kasten ein köstlicher ne Dinge kaputt«, sagt die Biologin. Verbreitet seien aber
Klecks Apfelbrei verbirgt, wenn dieser in einer be- Kugeln aus Hartplastik, die an einer Kette hingen und
stimmten Ecke der Versuchsarena aufgestellt ist. Steht nahezu unverwüstlich seien. Ihren natürlichen Erkun-
er jedoch auf der anderen Seite, ist die Belohnung uner- dungsdrang könnten die Tiere damit nur schlecht be-
reichbar; zudem wird das Tier mit einer raschelnden friedigen. Perfekt ist dagegen frisches Stroh. Die Schwei-
Plastiktüte erschreckt. Die Ferkel durchschauen das ne wühlen darin, ziehen einzelne Halme heraus und
schnell und nähern sich dem Kasten nur noch, wenn er kauen darauf herum. Doch das verursache eben höhere
an der richtigen Stelle steht. Dann aber positioniert Kosten, sagt Düpjan, und sei auf Spaltenböden wenig
Düpjan die Futterbox genau in der Mitte und beobach- praktikabel. Zudem wachse der Reinigungsaufwand.
tet, was passiert. Ferkel, denen es gut geht, verhalten Die Forscher in Dummerstorf untersuchen daher
sich »optimistischer« als betrübte Artgenossen: Sie eine weitere Möglichkeit, Stallbewohner bei Laune zu
trauen sich eher, den Kasten zu untersuchen, und sind halten: die »kognitive Umweltanreicherung«. Dabei
dabei weniger zögerlich. Das fanden die Forscher etwa müssen sich die Tiere Belohnungen, etwa in Form von
heraus, indem sie das Serotoninsystem der Tiere mani- Futter, selbst erarbeiten – und dafür ihren Grips an-
pulierten. Schweine mit einem niedrigeren Niveau des strengen. Der Biologe Birger Puppe, Professor für Ver-
als »Glückshormon« bekannten Botenstoffs im Gehirn haltenswissenschaften an der Universität Rostock, und
mieden den potenziell bedrohlichen Futterkasten. der Agrarwissenschaftler Christian Manteuffel arbeiten
derzeit an Systemen zur »Aufruffütterung« von Sauen.
Wühlen, hüpfen, rennen – Fehlanzeige In großen Ställen mit einem Futterautomaten tragen
Doch wann sind Ferkel glücklich? Natürlich müssen die Tiere bereits häufig einen Chip in der Ohrmarke,
zunächst ihre Grundbedürfnisse gedeckt sein: Sie benö- der sie eindeutig identifiziert. Betreten sie den Futter-
tigen genug Futter und Wasser und sollten frei von stand, erkennt das System sie automatisch und schüttet
Krankheiten sein. Diese wohl über Jahrtausende drän- Nahrung aus – so oft, bis sie ihre Tagesration verputzt
gendsten Probleme der Nutztierhaltung haben die mo- haben. Bei der Aufruffütterung wird dagegen jedes
derne Landwirtschaft und Tiermedizin weitgehend im Schwein namentlich zum Trog gerufen. Ertönt etwa
Griff. Aber Biologen und Bauern wissen, dass Schweine »Beate« über den Lautsprecher, muss das entsprechende
eigentlich noch mehr brauchen: Sie sind sehr verspielt, Tier zum Automaten trotten. Denn nur wer aufgerufen
möchten sich austoben und ihre Umgebung erkunden. ist, bekommt Futter.
Denn das Hausschwein hat eine ausgezeichnete räumli- Nach einer kurzen Lernphase kapieren die Schweine,
che Orientierung und führt ein intensives Sozialleben. welcher Name zu ihnen gehört. Und sie fühlen sich of-
Wenn man es lässt, durchwühlt es Erde und Schlamm, fenbar wohler als Artgenossen, die ohne den Einsatz
trägt Dinge herum, hüpft und rennt. All das ist dem von Hirnschmalz an ihr Futter gelangen. Sie zeigen we-
Durchschnittsmastschwein nur eingeschränkt bis gar niger Stresssymptome, bewühlen ihre Artgenossen sel-
nicht möglich. Die Folge sind häufig Verhaltensstörun- tener mit dem Rüssel und fechten vor dem Automaten
gen. Ferkel saugen dann etwa zwanghaft die Bauchseite keine Rangkämpfe mehr aus. Sogar die Fleischqualität
ihrer Artgenossen ab, kauen an Ringelschwanz und Oh- der Tiere ist besser. In großen Ställen, die bereits über
ren der anderen herum, was zu offenen Wunden führt, die richtigen Futterautomaten verfügen, verursache die
oder beißen immerzu auf ihre Gitterstangen. Umstellung nur wenig Mehrkosten, sagen die Forscher.

GEHIRN&GEIST 40 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / VERHALTENSFORSCHUNG

Wenn Schweine lernen können, auf ihren Namen zu Als niederländische Neurowissenschaftler um Elise
hören, besitzen sie dann vielleicht sogar eine Art Be- Gieling von der Universität Utrecht dieses Ergebnis
wusstsein? Aufsehen erregte eine Studie, die der Zoolo- 2014 replizieren wollten, gelang ihnen dies allerdings
ge Donald Broom von der University of Cambridge nicht: Nur 3 von 22 Ferkeln lernten, den Spiegel zu nut-
2009 veröffentlichte. Mehrere Medien meldeten fälsch- zen. Zu verstehen, wie sich ein Spiegelbild zur realen
licherweise, Broom habe gezeigt, dass Schweine den Umgebung verhalte, sei daher wohl am oberen Ende
»Spiegeltest« bestehen, sich also selbst im Spiegel erken- dessen, was Schweine leisten könnten, zumindest im
nen – wozu Kinder erst ab zirka anderthalb Jahren fähig jungen Alter von etwa vier bis sechs Wochen, schluss-
sind und nur wenige Tiere, etwa Menschenaffen, Delfi- folgern Gieling und ihre Kollegen. Damit befinden sich
ne und Elstern. Tatsächlich jedoch lernten die Ferkel, Ferkel allerdings in guter Gesellschaft mit Hunden.
mit Hilfe eines Spiegels an verstecktes Futter zu gelan- Auch bei diesen scheinen nur manche Individuen und
gen. Auch diese Leistung beherrscht längst nicht jede nur unter bestimmten Umständen zu verstehen, was die
Spezies, aber zum Beispiel kleinere Primaten und Papa- visuellen Informationen in einem Spiegel bedeuten.
geien. Broom und Kollegen stellten einen Fressnapf so
hinter einer Barriere auf, dass er nur im Spiegel sichtbar Freude am Lernen
war. Schweine, die schon Erfahrung mit dem Spiegel ge- Über das Innenleben von Rindern, Schafen und Ziegen
sammelt hatten, konnten diese Information nutzen und wurde bisher nur wenig geforscht, aber auch sie zeigten
liefen direkt um die Barriere herum, statt in den Spiegel sich bereits in Lernexperimenten erfolgreich. Tatsäch-
zu rennen oder das Futter dahinter zu suchen. lich sind beispielsweise Zwergziegen so neugierig, dass
PAT SCHEIDEMANN

PAT SCHEIDEMANN

Die Ferkel lernen


schnell, wo sie eine
leckere Belohnung
finden (oben links)
und wo sie stattdes­
sen von der Forsche­
rin erschreckt werden
(oben rechts). Die
Versuchstiere werden
unter ähnlichen
Bedingungen gehal­
ten wie echte Mast­
schweine (links).
PAT SCHEIDEMANN

GEHIRN&GEIST 41 0 6 _ 2 0 1 7
Was denkt das Huhn?
Zumindest verfügt
es Forschern zufolge
über einen Sinn für
Zahlen und hat ein
ausgeprägtes Sozial­
leben.

PHOTOCASE / DIRK70
sie aktiv kognitive Herausforderungen suchen. Das nach dem ersten Verstecken noch Kapseln von einem
fand der Verhaltenswissenschaftler Jan Langbein am Ort zum anderen transferierten, ließen sich die Hühner
Leibniz-Institut in Dummerstorf heraus. Vor die Wahl davon nicht täuschen. Sie wählten trotzdem die Ab-
gestellt, ihr Wasser an einer Tränke nach Belieben zu schirmung, hinter der sich mehr Plastikeier befanden –
konsumieren oder sich das kühle Nass selbst zu erarbei- unabhängig davon, wo zunächst die größere Menge ge-
ten, indem sie auf einem Bildschirm mit der Schnauze legen hatte. Dafür aber, meinen die Forscher, müssen
das richtige von vier Symbolen anstupsen, entscheiden die Tiere eine rudimentäre Form von Addition und
sich die Tiere zum Teil freiwillig für die Aufgabe am Subtraktion beherrschen.
Lernautomaten. Offenbar seien erfolgreich bewältigte Tatsächlich sei bei Hühnern vor allem erstaunlich,
kognitive Herausforderungen für die Tiere belohnend, wie viel wir noch nicht über sie wüssten, sagt Tobias
schlussfolgert der Forscher. Krause. Mit geschätzten 22 Milliarden Exemplaren ist
Vorurteile und tatsächliche Fähigkeiten klaffen auch das Haushuhn das wohl am häufigsten vorkommende
beim Haushuhn weit auseinander. »Hühner sind bei Wirbeltier auf diesem Planeten. Dennoch fehlen uns
Weitem nicht so dumm, wie ihr Ruf vermuten ließe«, bislang Kenntnisse über elementare Verhaltensweisen
sagt Tobias Krause vom Friedrich-Loeffler-Institut in des Geflügels. »Bis vor Kurzem noch wusste man nahe-
Celle. Dort erforschen Biologen das Wohlbefinden zu nichts über den Geruchssinn von Hühnern«, so
landwirtschaftlicher Nutztiere. »Die Wildform des Krause. Bis in die 1990er Jahre hinein sei man davon
Haushuhns, das Bankiva-Huhn, lebt in komplexen sozi- ausgegangen, dass das Federvieh zwar ausgezeichnet se-
alen Gruppen. Experimente zeigen, dass auch unsere hen und hören, aber kaum riechen könne. Das stellt
Lege- und Masthühner ihre Artgenossen bis zu einer sich jedoch mehr und mehr als Irrtum heraus. Hühner
Zahl von etwa 30 Tieren auseinanderhalten können.« In erkennen den Geruch ihres Geburtsnests ein Leben
klassischen Gedächtnistests lernen Küken zügig, be- lang wieder, können Raubtiere riechen und nutzen den
stimmte Objekte mit einer Belohnung zu verknüpfen. Sinn zur Unterstützung bei der Futtersuche.
Zudem scheinen die Tiere ein Zeitempfinden zu haben, Krause glaubt, der Geruchssinn könne ebenso eine
und sie sind sogar zur Selbstkontrolle fähig: Vor die entscheidende Rolle bei der Partnerwahl des Haus-
Wahl gestellt, sofort Zugang zu wenig Futter zu erhalten huhns spielen. Zumindest spreche vieles dafür: Zum ei-
oder einige Sekunden zu warten, dafür aber mehr zu nen lebten die Tiere sozial; zum anderen zeigten For-
fressen zu bekommen, entscheiden sich viele Hennen schungsarbeiten seit dem Jahr 2012, dass andere Vögel
für die zweite Variante. mit Hilfe des Geruchs ihre Artgenossen betören, darun-
ter manche Finken- und Ammernarten.
Wenn Küken bis fünf zählen Beim Haushuhn jedoch hat sich bislang noch nie-
Laut den Ergebnissen italienischer Psychologen können mand die Mühe gemacht, das näher zu untersuchen.
Hühnerküken sogar bis fünf zählen. Die Forscher um Biologen und Verhaltensforscher scheinen damit unbe-
Giorgio Vallortigara von der Università di Trento zogen wusst derselben kognitiven Fehlleistung aufzusitzen wie
die Tiere in Käfigen auf, in denen sich neben Futter und die meisten anderen Menschen auch. Denn psychologi-
Wasser auch fünf Überraschungs­eier-Kapseln befanden. schen Studien zufolge gestehen wir Tieren, die uns als
Im Alter von wenigen Tagen versteckten sie vor den Nahrung dienen, nur geringe geistige Kapazitäten und
­Augen der Küken jeweils unterschiedliche Mengen der Empfindungsfähigkeit zu. Die australischen Psycholo-
Plastikeier hinter zwei Pappwänden. Die Tiere liefen gen Steve Loughnan und Brock Bastian demonstrierten
­daraufhin zuverlässig zur Abschirmung, hinter der sich in einer Reihe von Untersuchungen, dass das nicht nur
die größere Anzahl befand. Wenn nun die Forscher für Spezies gilt, die in westlichen Ländern traditionell

GEHIRN&GEIST 42 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / VERHALTENSFORSCHUNG

zur Fleischproduktion gehalten werden. Sondern auch dition, die meisten hingegen hinterfragen diese Unter-
für Tiere in fremden Ländern, sobald die Probanden er- scheidung gar nicht weiter.
fuhren, dass diese von der einheimischen Bevölkerung Für Ach jedenfalls bedeuten die Erkenntnisse zu den
verzehrt werden. Mit einer solchen Kategorisierung Geistesleistungen von Nutztieren, dass aus ethischer
schützen wir uns offenbar vor dem, was die beiden For- Sicht am Vegetarismus gar kein Weg vorbeiführe – vor
scher als »Fleisch-Paradoxon« bezeichnen: Die meisten allem unter den Bedingungen, unter denen Fleisch der-
Menschen mögen zwar Tiere und wollen ihnen kein zeit produziert werde. »Wir können uns gerne mit der
Leid zufügen – essen sie aber trotzdem. Vorstellung trösten, dass alle Tiere wie Schweinchen
Babe glücklich auf grünen Wiesen aufwachsen. Aber
Wer gehört zur moralischen Gemeinschaft? wir alle wissen natürlich, dass das nicht stimmt.« Aus
Insbesondere die Leidensfähigkeit von Tieren ist aus pragmatischer Sicht gelte es daher zumindest, die Pra-
moralischer Sicht maßgeblich. Nachdem viele Forscher xis des Umgangs mit den Tieren zu verbessern.
sie jahrhundertelang als geistlose Automaten angesehen
haben, gehen nun die meisten Wissenschaftler davon
aus, dass zumindest Säugetiere, aber auch viele andere
Spezies beispielsweise Schmerz empfinden können. Da-
Wie begründet man, dass
für spricht nicht nur ihr Verhalten, sondern auch die unsere kulinarischen
Neurobiologie der Schmerzwahrnehmung, die bei vie-
len Tieren erstaunlich ähnlich funktioniert. Es gibt so-
­Vorlieben wichtiger sind als
gar Belege dafür, dass etwa Hühner bis zu einem gewis- die Interessen der Tiere?
sen Grad empathisch sind. So reagieren sie physiolo-
gisch stark darauf, wenn sie sehen, wie ihre Küken mit
einem Luftstoß erschreckt werden. Das jedoch scheitert vor allem aus wirtschaftlichen
»Der Kreis der Lebewesen, die wir in die so genannte Gründen. Ob sich 20 oder 15 Masthühner einen Quad-
moralische Gemeinschaft miteinbeziehen müssen, wird ratmeter Stallfläche teilen, macht aus tierethischer Sicht
seit einer Weile eher weiter als enger«, sagt der Bioethi- vielleicht keinen großen Unterschied. Die Landwirte
ker Johann Ach von der Universität Münster. »Dass dagegen kommt jede noch so kleine Verbesserung des
sämtliche Nutztierrassen dazugehören, ist mittlerweile Tierschutzes teuer zu stehen – und kann im Zweifelsfall
relativ unstrittig.« Nach allem, was wir wüssten, müss- für kleinere Betriebe das Aus bedeuten, die sich ent-
ten wir den Tieren ein Interesse daran unterstellen, sprechende Investitionen nicht leisten können. Zudem
nicht zu leiden oder geschlachtet zu werden. Dem steht rechnet sich mehr Tierwohl nur, wenn Zwischenhandel
auf menschlicher Seite nur das Interesse gegenüber, ein und Verbraucher dann mehr fürs Fleisch bezahlen.
leckeres Schnitzel zu essen statt eines Gemüseeintopfs. Aus Sicht der Tiere wäre es natürlich am besten,
Wie also begründet man, dass unsere kulinarischen wenn der enorme Hunger auf Fleisch in unserer Gesell-
Vorlieben wichtiger sind? schaft nachließe. Ob es dabei hälfe, wenn die Menschen
Manche denken, menschliche Interessen hätten prin- mehr Kontakt zu Nutztieren hätten und mehr über de-
zipiell Vorrang vor denen der Tiere. Dafür gebe es aus ren kognitive Leistungen wüssten? Davon ist jedenfalls
seiner Sicht jedoch kein überzeugendes Argument, Tiertrainerin Nicolle Müller überzeugt. Tatsächlich
meint Ach. Auch nicht, dass der Mensch dem Tier intel- liegt die Haltung von Minischweinen derzeit im Trend –
lektuell haushoch überlegen sei. »Das trifft ja beispiels- was Müller allerdings kritisch sieht. Ein Schwein sei
weise nicht auf Säuglinge oder Personen mit schwerer nicht für jedermann eine Alternative zu Hund oder
Demenz zu. Die würden wir aber nur ungern aus dem ­Katze, was allein schon beim Bedarf nach viel Auslauf
Schutzbereich der Moral ausschließen«, erläutert der im Freien anfange. Müller selbst aber ist sich sicher: Ein
Philosoph. Die Grenze wird also zwischen den Arten ge- Leben ohne Schweine im Haus kann sie sich nicht mehr
zogen. Manche begründen das religiös, andere mit Tra- vorstellen. H

QUELLEN

Düpjan, S., Puppe, B.: Abnormales Verhalten mit dem Schwerpunkt Stereotypien –
Indikator für Leiden und beeinträchtigtes Wohlbefinden? In: Berliner und Münchener
Tierärztliche Wochenschrift 129, S. 93–102, 2016
Horback, K.: Nosing Around: Play in Pigs. In: Animal Behavior and Cognition 1, S. 186–196, 2014
Marino, L.: Thinking Chickens: A Review of Cognition, Emotion, and Behavior in the Domestic Chicken.
In: Animal Cognition 20, S. 127–147, 2017
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1446697

GEHIRN&GEIST 43 0 6 _ 2 0 1 7
DIE GEHIRN&GEIST-INFOGRAFIK

Der Gefühlsnavigator
Emotionale Ausdrücke im Gesicht unseres Gegenübers zu lesen, erscheint kinderleicht. Doch
es ist eine höchst komplexe Dechiffrierleistung des Gehirns. Das von den Psychologen
Paul Ekman und Wallace Friesen entwickelte Facial Action Coding System (FACS) unterteilt
das mimische Geschehen in 46 Aktionseinheiten wie »Zusammenziehen der Brauen« oder
»Heben der Mundwinkel«. Jede der sieben Grundemotionen des Menschen weist eine eigene
Kombination davon auf – und zwar über (fast) alle Kulturen hinweg.
Text: Steve Ayan, Anna von Hopffgarten / Grafik: Yousun Koh

Musculus zygomaticus major, der große


Jochbeinmuskel, heißt der Garant
eines echten Lächelns. Er lässt sich
willentlich nur schwer steuern, weshalb
der Versuch, ein fröhliches Gesicht
zu machen, oft in erstarrtem Grinsen
endet. Kennzeichen der Glücksmimik
sind zudem gehobene Augenbrauen
ekstatisch begeistert erfreut sowie durch das Hochrutschen der
Mundwinkel und Wangen verengte
Augen. Bei starker Freude
entblößen wir zudem
die Zähne.

FREUDE
lachend amüsiert zufrieden

neutral
Hier sind die aufgerissenen Augen dominierend,
perplex die womöglich den Zweck haben, den Grund
der Verblüffung besser erspähen zu können. Ein
leicht geöffneter Mund, gehobene Brauen und
horizontale Stirnfalten verstärken den Eindruck.

ÜBERRASCHUNG
beeindruckt erstaunt
Zusammengezogene Augen-
­brauen drücken Furcht
aus. Die Stirn wird in Falten
gelegt, die – anders als bei
Überraschung – parallel zu
den Brauen verlaufen. Bei
Verlegenheit kommt häufig ein
verlegen schüchtern
Biss auf die Unterlippe hinzu.

ANGST

panisch verängstigt besorgt

GEHIRN&GEIST 44   0 6 _ 2 0 1 7
Im Gegensatz zur Freudemimik sacken die
Gesichtszüge bei trüber Stimmung nach
unten. Man macht buchstäblich ein langes
Gesicht. Entsprechend heißt der Hauptakteur
dieses Trauerspiels Musculus depressor
niedergeschlagen
anguli oris. Augenpartie, Mund und Kinn
werden bei stärkeren Emotionen angespannt
oder beginnen zu zittern. Beim Weinen tritt
der Musculus orbicularis oculi in Aktion
und bringt die Tränenflüssigkeit in Wallung.

TRAUER
betrübt verzweifelt weinend

Ein leicht gesenkter Kopf, die durch Heben der


mürrisch eingeschnappt
Oberlippe »gefletschten« Zähne sowie eine
verkniffene Stirnpartie sollen bedeuten: Nimm
dich in Acht! Zudem läuft der Musculus
corrugator supercilii, der Augenbrauenrunzler,
zur Hochform auf.

WUT
verärgert wütend zornig

Die Brauen beschreiben ein Wellenmuster,


die Lippen werden teils geschürzt (Musculus
orbicula­ris oris), teils seitlich gehoben (Musculus
levator labii superioris). Das leicht angehobene
Kinn lässt uns »von oben herab« blicken, und die
geblähten Nasenflügel, ähnlich wie bei Wut,
skeptisch abschätzig
signalisieren Kampfbereitschaft.

VERACHTUNG

Der gekräuselte Nasenrücken und der geöffnete


Mund, teils mit herausgestreckter Zunge, zeigen
stolz arrogant
an: Da ekelt sich jemand. Verengte Atemwege,
Ausspucken sowie das Anspannen des Halses
dienen dazu, möglichst nichts von dem potenziel-
len Gift hereinzulassen. Zuständig für die Nasen-
akrobatik ist der Muskel mit dem wohlklingenden
Namen levator labii superioris alaeque nasi.

EKEL
angewidert
YOUSUN KOH

QUELLE
Ekman, P., Friesen, W. V.: Facial Action Coding System. Consulting Psychologists Press, Palo Alto, CA 1978
PSYCHOLO GIE

ANGST Nicht nur klassische Horrorfiguren jagen uns einen Schauer


über den Rücken. Manchen Menschen flößen auch Clowns und andere
eigentlich harmlos wirkende Gestalten Furcht ein. Warum ist das so?

Seltsam
unheimlich VON DANIELA ZEIBIG

I
n Stephen Kings berühmtem Horrorklassiker ben, bieten nicht nur einen Einblick in die menschliche
»Es« hat das Grauen viele Gesichter. In einer Ge­ Psyche, in manchen Gebieten wie der Robotik können
stalt begegnet es den Protagonisten jedoch be­ sie sogar von praktischer Relevanz sein.
sonders häufig: als bunt geschminkter Clown Im Gegensatz zur echten Angst, die Wissenschaftler
Pennywise, der mit Luftballons in der Hand sei­ inzwischen in allen Facetten untersucht haben, ist über
ne Opfer zu sich lockt und anschließend ermor­ das Gruseln im Speziellen noch wenig bekannt. Es re­
det. King spielt dabei gekonnt mit den ambivalenten präsentiert vermutlich eine abgeschwächte Form der
Gefühlen, die Clowns bei manchen auslösen. Denn Furcht: Wir gruseln uns nicht in akuten Gefahren­
schon vor dem Erfolg von »Es« fanden viele Menschen situationen, in denen ein Räuber mit gezogener Waffe
diese eher unheimlich als lustig. Selbst Kinder scheinen vor uns steht und unser Geld verlangt (solche Situatio­
sie oft nicht sonderlich zu mögen und gruseln sich nen versetzen die meisten wohl eher in blanke Panik),
manchmal vor ihnen, wie Wissenschaftler der Univer­ sondern in Momenten, in denen wir nicht ganz sicher
sity of Sheffield 2008 berichteten. Sie hatten untersucht, sind, ob wirklich eine Bedrohung besteht, glauben die
wie Patienten verschiedener Altersgruppen auf Clowns­ Psychologen Francis McAndrew und Sara Koehnke
gesichter reagieren, welche die Wände von Kinderkran­ vom Knox College in Galesburg (USA).
kenstationen zieren. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir nachts durch
Die Frage, warum manche Gestalten offenbar beson­ die verlassenen Straßen einer Stadt gehen und rechts
ders prädestiniert dafür sind, eine Gänsehaut bei uns von uns in einer dunklen Gasse plötzlich ein Rascheln
auszulösen, beschäftigt Psychologen seit geraumer Zeit. hören. Es könnte jemand sein, der uns überfallen will –
Die Antworten, die sie inzwischen darauf gefunden ha­ oder bloß eine streunende Katze, die gleich aus einem
Gebüsch hervorspringen wird. Da wir nicht wissen, was
wirklich zutrifft, fühlen wir uns unwohl und bleiben in­
nerlich in Habachtstellung, bis wir erkennen können,
U N S E R E AU TO R I N ob tatsächlich Gefahr im Verzug ist.
McAndrew und Koehnke wollten 2016 im Rahmen
Daniela Zeibig ist Wissenschaftsjournalis­
tin und Redakteurin bei »Gehirn&Geist«.
ihrer Arbeit »On the Nature of Creepiness« herausfin­
Sie gruselt sich so leicht, dass sie privat um den: Welche Eigenschaften sind dafür verantwortlich,
die meisten Horrorgeschichten und -filme dass eine Person ganz allgemein besonders unheimlich
einen weiten Bogen macht. auf uns wirkt? Dazu befragten sie im Internet 1341 Pro­

GEHIRN&GEIST 46 0 6 _ 2 0 1 7
PICTURE ALLIANCE / UNITED ARCHIVES

In Stephen Kings »Es«


lehrt ein Gruselclown mit
Namen Pennywise
seine Opfer das Fürchten.

GEHIRN&GEIST 47 0 6 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Das Geheimnis der Gruselgestalten

1 2 3
Wenn wir etwas gruselig finden, Unheimlich wirken unter Typische Horrorfiguren profi­
dann meinen wir damit zumeist anderem solche Personen, die tieren zudem von ihrer großen,
eine abgeschwächte Form von soziale Regeln brechen und aber nicht vollständigen Ähn­
Angst, die vor allem in ambivalen­ deren Verhalten wir nicht voraus­ lichkeit mit echten Menschen, die
ten, schwer zu durchschauenden ahnen können. bisweilen Gänsehaut verursacht.
Situationen entsteht. Forscher nennen dieses Phänomen
den Uncanny-Valley-Effekt.

banden im Alter von 18 bis 77 Jahren. 95 Prozent der leiterin nicht nachgeahmt worden waren, häufiger be­
Teilnehmer, so das Ergebnis der Onlinestudie, dachten richteten, ihnen sei ein wenig kalt. Das inkonsistente
bei einer gruseligen Gestalt eher an einen Mann Verhalten hatte ihnen also wortwörtlich einen kalten
als an eine Frau. Das galt für männliche wie weibliche Schauer über den Rücken gejagt, obwohl wir es eigent­
Befragte gleichermaßen. Als »creepy« stuften viele Pro­ lich selten bewusst wahrnehmen, wenn uns jemand
banden zudem Menschen ein, die soziale Regeln miss­ subtil imitiert. In einer Kontrollsituation, in der sich die
achten, also etwa Augenkontakt meiden, keine oder Versuchsleiterin den Probanden gegenüber sehr formell
aber besonders überschwängliche Emotionen zeigen, und distanziert verhielt, fröstelte es die Teilnehmer da­
das Gespräch immer wieder auf Sex lenken, nach ver­ gegen wiederum mehr, wenn sie gleichzeitig durch Ges­
dächtig vielen Details aus dem Privatleben fragen, uns tik und Mimik ein freundschaftliches Verhältnis sugge­
beobachten oder plötzlich fotografieren wollen. riert bekamen.
Gänsehaut verursachte eine Person den Teilnehmern
vor allem dann, wenn diese nicht einschätzen konnten, Im »unheimlichen Tal«
was sie als Nächstes tun würde. Das unterstreicht McAn­ Neben dem Verhalten einer Person können außerdem
drews und Koehnkes These, wonach Gruselgefühle of­ optische Faktoren bestimmen, ob wir jemanden – oder
fenbar vor allem in ambivalenten Situationen entstehen. etwas – besonders unheimlich finden. Dieser Aspekt
Dass man durch einen Bruch mit den unausgespro­ kommt vor allem bei den zahlreichen Fantasiegestalten
chenen Regeln der nonverbalen Kommunikation zum Tragen, die sich heute in Horrorfilmen tummeln.
schnell von seinem Umfeld als unheimlich eingestuft Das liegt überraschenderweise auch an ihrer mitunter
starken Ähnlichkeit, aber eben nicht kompletten Über­
einstimmung mit echten Menschen.
Auf dieses zunächst vollkommen widersprüchlich er­
Gänsehaut verursacht uns scheinende Phänomen stieß erstmals der japanische
­jemand vor allem dann, wenn Robo­tiker Masahiro Mori. Er ging im Jahr 1970 zu­
nächst ­davon aus, dass wir Roboter umso mehr mögen,
wir nicht einschätzen können, je menschlicher diese uns erscheinen. Allerdings trifft
was er als Nächstes tun wird das nur bis zu einem gewissen Punkt zu, wie er entdeck­
te: Sind sie zwar sehr menschenähnlich, aber eben doch
noch nicht zu verwechseln, finden wir sie plötzlich eher
gruselig. Mori bezeichnete diesen Knick in der sonst
wird, lässt auch eine Studie von Wissenschaftlern um ­relativ linear verlaufenden Kurve zwischen Menschen­
Pontus Leander von der Universität Groningen vermu­ ähnlichkeit und Akzeptanz als »uncanny valley«, als un­
ten. Die Forscher stellten ihren Teilnehmern während heimliches Tal (siehe »Der Uncanny-Valley-Effekt«,
eines Experiments eine nette Versuchsleiterin zur Seite, rechts).
die sich diesen gegenüber sehr freundschaftlich verhielt. Inzwischen gibt es einige Studien, die Moris Annah­
Bei einem Teil der Probanden imitierte sie zudem subtil me stützen. Der Uncanny-Valley-Effekt bereitet vielen
deren Mimik und Gestik, wie es die meisten Menschen Robotikforschern Kopfzerbrechen. Er ist aller Wahr­
unbewusst tun, wenn sie mit einem Freund oder einer scheinlichkeit nach einer der Gründe dafür, dass sich
anderen vertrauten Person zusammen sind. Bei der viele Menschen schon heute gern von Maschinen, die
zweiten Gruppe verzichtete sie dagegen komplett auf eher aussehen wie kleine Personenwaagen, die Woh­
diese Imitation. nung reinigen lassen, humanoiden Robotern aber
Nach dem Versuch stellten die Forscher allen Pro­ grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen. Zugleich lie­
banden mehrere Fragen zu deren Wohlbefinden. Dabei fert er eine mögliche Erklärung dafür, warum wir
entdeckten sie, dass Teilnehmer, die von der Versuchs­ Clowns nicht so recht über den Weg trauen: Sie sind

GEHIRN&GEIST 48 0 6 _ 2 0 1 7
PSYCHOLO GIE / ANGST

Der Uncanny-Valley-
bewegt
uncanny valley
Effekt
gesunder
unbewegt Dem japanischen Robotiker Masahiro
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, NACH MASAHIRO MORI: THE UNCANNY VALLEY. IN: ENERGY 7,

Mensch
Bunraku-Puppe
Mori zufolge mögen wir Roboter
S. 33-35, 1970, FIG. 1, VEREINFACHT VON: KARL F. MACDORMAN UND TAKASHI MINATO

humanoider Roboter
zunächst umso mehr, je ähnlicher sie
einem echten Menschen sind. Ist aber
ein gewisser Grad an Ähnlichkeit
erreicht, finden wie sie plötzlich eher
Vertrautheit

Tierpräparat unheimlich. Mori nannte diesen


Industrieroboter Knick in der Kurve das »unheimliche
Tal« (»uncanny valley«). Das Prinzip
lässt sich auch auf Gruselgestalten
wie Zombies oder Bunraku-Figuren
Ähnlichkeit zum Menschen 50 % 100% aus dem japanischen Puppentheater
Leichnam Handprothese anwenden.

Zombie

zwar kostümierte Menschen, fallen durch ihre dicke Allerdings sind nicht alle Wissenschaftler vom un­
rote Nase, das aufgemalte Grinsen, die bunten Haare heimlichen Tal überzeugt. Ein Team um Tyler Burleigh
und die überproportional großen Schuhe jedoch deut­ an der kanadischen University of Guelph konnte bei­
lich aus dem Rahmen des Normalen. Ähnliches gilt für spielsweise keinen empirischen Beleg für den Effekt fin­
klassische Horrorgestalten wie Zombies oder Skelette, den. Die Forscher zeigten Probanden das Gesicht einer
die sehr menschenähnlich sind, in entscheidenden Art menschlichen Computerspielfigur, das sie stufen­
Punkten jedoch optisch von dem abweichen, was wir weise immer realistischer aussehen ließen. Am Ende
gewohnt sind. fanden die Teilnehmer das Antlitz nicht gruseliger als
Warum wir eine gewisse Ähnlichkeit mit uns schät­ zuvor – zumindest auf dieser Ebene scheint der
zen, eine zu große allerdings gruselig finden, wissen Uncanny-Valley-Effekt also nicht zu funktionieren.
­
Forscher nach wie vor nicht so genau. Doch es gibt ver­ Burleigh und seine Kollegen glauben, dass erst eindeu­
schiedene Theorien: So glauben manche Experten, dass tig nichtmenschliche Züge hinzukommen müssen, da­
hinter dem Uncanny-Valley-Effekt ein angeborener mit das Gesamtbild uns stark irritiert und wir es un­
Schutzmechanismus steckt, der dafür sorgt, dass wir heimlich finden.
seltsam anmutenden Artgenossen instinktiv aus dem Zu guter Letzt tragen sicher auch Werke wie Stephen
Weg gehen. Es könnte ja zum Beispiel eine ansteckende Kings »Es« selbst dazu bei, dass uns bei manchen Wesen
Krankheit der Grund für das untypische Aussehen des instinktiv ein Schauer über den Rücken läuft. Mit dem
Gegenübers sein. Im Einklang mit dieser Hypothese Gruselclown Pennywise ist ab 1986 eine ganze Generati­
wollen Forscher so etwas wie den Uncanny-Valley-Ef­ on von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufge­
fekt bereits bei Affen ausgemacht haben. Eine andere wachsen. Im Herbst 2017 soll eine Neuverfilmung des
These geht wiederum davon aus, dass ab einem be­ Horrorklassikers in die deutschen Kinos kommen. Gut
stimmten Grad an Ähnlichkeit Unterschiede einfach möglich, dass dann noch mehr Menschen Clowns un­
besonders stark ins Gewicht fallen. heimlich finden.  H

QUELLEN

Burleigh, T. J. et al.: Does the Uncanny Valley Exist? An Empirical Test of the Relationship
between Eeriness and the Human Likeness of Digitally Created Faces.
In: Computers in Human Behavior 29, S. 759–771, 2013
Leander, N. P. et al.: You Give Me the Chills: Embodied Reactions to Inappropriate Amounts
of Behavioral Mimicry. In: Psychological Science 23, S. 772–779, 2012
McAndrew, F. T., Koehnke, S. S.: On the Nature of Creepiness.
In: New Ideas in Psychology 43, S. 10–15, 2016
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1446699

GEHIRN&GEIST 49 0 6 _ 2 0 1 7
HIRNFORSCHUNG

PLASTIZITÄT Mit der Geburt des ersten Kindes ändert sich das
Leben schlagartig: schlaflose Nächte, Nachmittage im Pyjama
und kaum Verschnaufpausen. Dass Eltern damit zurechtkommen,
verdanken sie so mancher Umbaumaßnahme in ihrem Gehirn.

Im Baby-Modus VON ANNA VON HOPFFGARTEN

Träum süß! Allein der Anblick des schlafenden Babys


stimuliert das Belohnungssystem im ­mütterlichen
Gehirn so sehr, dass die anstrengenden Nächte schnell
vergessen sind.
ISTOCK / SOLSTOCK

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ISTOCK / SOLSTOCK

GEHIRN&GEIST 51 0 6 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Mission Baby

1 2 3
In der Zeit nach der Geburt Das Nervengewebe wandelt sich Laut Tierstudien bilden sich im
stellt sich das mütterliche auch strukturell: So schrumpft männlichen Elterngehirn
Gehirn ganz auf die Pflege des während der Schwangerschaft solche Nervenstränge verstärkt
Säuglings ein. Das Hormon die graue Substanz in Bereichen des aus, die auf Oxytozin sowie Vaso-
­Oxy­tozin sensibilisiert dabei die Stirnhirns und des Schläfenlappens. pressin reagieren. Das macht Väter
M
­ otivations- und Emotions­- Möglicherweise werden dort über- besonders fürsorglich.
zentren für die Signale des Kindes. flüssige Synapsen gekappt.

W
enige Wochen nach der Geburt gen. Schließlich ist dieser in den ersten Jahren völlig
meines ersten Sohnes erwischte hilflos und würde ohne den motivierten Einsatz seiner
ich mich dabei, wie ich an der Eltern nicht lange überleben.
Supermarktkasse ein Stück But- Der Wandel zur selbstlosen Vollzeitmama vollzieht
ter in den Schlaf schaukelte. In sich bereits in der Schwangerschaft und den ersten Wo-
sanften Bewegungen schob ich chen nach der Geburt. In dieser Zeit wird der Körper
den Einkaufswagen vor und zurück, bis ich irgendwann der Mutter von einem Cocktail aus Hormonen geflutet,
beschämt innehielt – in der Hoffnung, von niemandem darunter das Vertrauens- und Bindungshormon Oxyto-
beobachtet worden zu sein. zin, Östrogen sowie Prolaktin, das die Milchbildung in
Mein Sohn gehörte zu den Kindern, die bei jeder Ge- der Brust anregt. Bestimmte Hirnareale verfügen über
legenheit aus dem Schlaf hochschrecken, etwa, wenn Rezeptoren für diese Hormone, beispielsweise Regio-
der Kinderwagen plötzlich stehen bleibt. Deshalb hatte nen, die Stress verarbeiten. Eine davon ist der Hypotha-
ich es mir angewöhnt, ihn ständig vor und zurück zu lamus im Zwischenhirn, der wichtige vegetative Funk­
schieben, an jeder roten Ampel oder eben beim Warten tionen wie Schlaf und Hunger steuert. Ein Unterbereich,
an der Kasse. Diese Bewegung war mir quasi in Fleisch das mediale präoptische Areal (mPOA), dürfte ent-
und Blut übergegangen. scheidend an der elterlichen Fürsorge beteiligt sein.
Die meisten Eltern befinden sich in den ersten Wo- Entfernt man es etwa bei Rattenmüttern, vernachlässi-
chen und Monaten nach der Geburt in einer Art Baby- gen sie plötzlich ihren Nachwuchs.
Modus: Der Tagesablauf richtet sich nach dem Säugling,
die Gedanken kreisen um ihn, und Mama und Papa tun Der neuronale Motor des Mutterinstinkts
alles, um ihn satt und glücklich zu machen. Während der Schwangerschaft verändern sich die Ner-
Dabei kennen Neugeborene noch keinen Tag-Nacht- venzellen in dieser Region. Forscher beobachteten bei
Rhythmus, wollen alle zwei bis drei Stunden trinken trächtigen Ratten, dass die Zellkörper wuchsen und die
und akzeptieren keinerlei Aufschub. Ihre schrillen Zahl und Länge der Dendriten, über die Signale von an-
Schreie lassen selbst die erschöpftesten Eltern aus dem deren Neuronen eintreffen, ebenfalls zunahmen. Den
Tiefschlaf aufschrecken. gleichen Effekt erzielten die Wissenschaftler, indem sie
Aus wundersamen Gründen macht es vielen Eltern jungfräulichen Tieren eine Mixtur aus diversen Schwan-
jedoch gar nicht so viel aus, nachts aufzustehen, Brust gerschaftshormonen verabreichten. Wahrscheinlich be-
oder Flasche zu reichen und Windeln zu wechseln. Spä- reiten die Botenstoffe das mPOA auf Geburt und Mut-
testens am nächsten Morgen, beim Anblick ihres fried- terschaft vor.
lich schlafenden Kindes, sind die Strapazen der Nacht Doch wer schon einmal einen quengelnden Säugling
schon wieder vergessen. Wie ist das möglich? auf dem Arm hatte, weiß: Es ist gar nicht so einfach he-
Offenbar passt sich das Gehirn den neuen Herausfor- rauszufinden, was genau ihn so unzufrieden macht. Ist
derungen an. Die Natur hat es so eingerichtet, dass er müde oder hungrig? Verlangt er nach Zuwendung,
frischgebackene Eltern sich stets um das Wohl des oder möchte er lieber seine Ruhe haben? Manche Müt-
Nachwuchses bemühen – so erschöpft sie auch sein mö- ter haben ein bemerkenswertes Gespür dafür, wo gera-
de das Problem liegt. Sie deuten treffsicher den Ge-
sichtsausdruck ihres Babys und treten ihm intuitiv
im richtigen Abstand gegenüber, so dass es sie trotz sei-
nes noch nicht ausgereiften Sehvermögens gut erken-
nen kann.
U N S E R E AU TO R I N Dieses Verhalten ist das Ergebnis von zahlreichen
Anna von Hopffgarten ist Umbaumaßnahmen im Gehirn. Sie betreffen unter an-
promovierte Biologin derem Areale, die uns die Kontrolle über unsere Auf-
und Redakteurin bei »Gehirn&Geist«. merksamkeit ermöglichen, sowie Netzwerke des Beloh-

GEHIRN&GEIST 52 0 6 _ 2 0 1 7
HIRNFORSCHUNG / PL ASTIZITÄT

nungssystems. Zwei wichtige Protagonisten sind hier M E H R W I S S E N AU F


das antriebsteigernde Dopamin sowie das Oxytozin. Al- »SPEKTRUM.DE«
lein die Interaktion mit dem Kind stimuliert bereits die Weitere Infos rund ums Kinderkrie-
Freisetzung der beiden Botenstoffe und verstärkt somit gen finden Sie in unserem digitalen
das fürsorgliche Verhalten. Spektrum Kompakt »Schwanger-
schaft und Geburt«.
Laut Studien reagieren Frauen mit einer hohen Oxy-
tozinkonzentration in der Schwangerschaft und den www.spektrum.de/shop
ersten Monaten nach der Geburt besonders empathisch
auf ihre Kinder. Blickdauer, Stimmlage, Lächeln – alles
passt. Wenig Oxytozin im Blut der Mutter geht dagegen
häufiger mit einem aufdringlichen, wenig einfühlsamen Und bei Menschen? Tatsächlich deuten Studien per
Verhalten einher. funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) dar-
Wie Experimente zeigten, haben schon ganz subtile auf hin, dass Oxytozin auch bei Frauen Hirnschaltkrei-
Signale, etwa ein Glucksen des Babys oder der Anblick se sensibilisiert, die Emotionen verarbeiten sowie Moti-
seines Gesichts, eine belohnende und damit motivie- vation und Empathie ankurbeln, allen voran das limbi-
rende Wirkung auf das mütterliche Gehirn. Wie mäch- sche System.
tig das Hochgefühl sein kann, demonstrierte die Neuro- Nun ist bekannt, dass Frauen während einer vagi­
wissenschaftlerin Joan Morell mit ihrem Team von der nalen Geburt besonders viel Oxytozin freisetzen. Das
Rutgers University in Newark mit einem kuriosen Ex- Hormon bewirkt eine Kontraktion der Gebärmutter-
periment. Sie stellte Rattenmütter kurz nach der Ent- muskulatur und löst damit Wehen aus. Das brachte das
bindung vor die Wahl: Bevorzugten sie die Anwesen- Team um den Psychiater James Swain von der Univer­
heit von drei Jungtieren oder eine Dosis Kokain? Zur sity of Michigan auf eine Idee. Es spielte Müttern im
Überraschung der Forscher entschied sich acht Tage Hirnscanner das Weinen ihres eigenen Babys sowie das
nach der Geburt die Mehrzahl der Mütter für die Babys. von einem fremden Säugling vor. Die Hälfte der Frauen
Später jedoch kehrte sich die Vorliebe um. Nach 16 Ta- hatte ihr Kind wenige Wochen zuvor »natürlich« zur
gen verfielen fast alle Tiere der Droge. Die belohnende Welt gebracht, die andere Hälfte per Kaiserschnitt. Das
Wirkung der Babys nimmt offenbar mit der Zeit ab – Ergebnis: Die natürlich entbundenen Mütter reagierten
zumindest bei Ratten. auf das Schreien ihres eigenen Babys mit deutlich akti-
Stillen dagegen stabilisiert die Mutter-Kind-Bindung, veren Emotions- und Motivationsnetzwerken als die
denn der Körper der Mutter setzt währenddessen große Frauen nach Kaiserschnitt.
Mengen an Oxytozin frei. Der Physiologe Craig Ferris
und seine Kollegen von der Northeastern University in Babyblues nach Kaiserschnitt
Boston wollten wissen, was genau der Botenstoff im Ge- Wie Forscher vermuten, ist der Mangel an Oxytozin
hirn bewirkt. Sie legten Rattenmütter in den Hirnscan- auch mit dafür verantwortlich, dass Mütter nach einer
ner, während diese ihre Jungen säugten. Einer anderen Schnittentbindung eher eine Wochenbettdepression
Gruppe von Muttertieren verabreichten sie stattdessen entwickeln. Die Betroffenen sind oft niedergeschlagen,
eine Dosis Oxytozin. reizbar und zeigen vergleichsweise wenig Interesse an
Die Hirnaktivierung der Nager ähnelte sich erstaun- ihren Babys.
lich: Sowohl das Riechsystem als auch Emotions- und Wer nun befürchtet, ein Kaiserschnitt würde die
Belohnungszentren wie der Nucleus accumbens, die Mutter-Kind-Beziehung nachhaltig schädigen, kann
­Insula, die Amygdala und verschiedene Kerngebiete ­ jedoch beruhigt sein. James Swain wiederholte den
­
des Hypothalamus regten sich infolge des Säugens ­Babyschrei-Versuch nach drei bis vier Monaten mit
­beziehungsweise der Oxytozingabe. Verabreichten die denselben Müttern, und siehe da: Der Effekt war ver-
Wissenschaftler den Versuchstieren jedoch zuvor eine schwunden. Das Gehirn reagierte in beiden Gruppen
Substanz, welche die Bindestellen für Oxytozin blo- gleichermaßen auf das Weinen der Babys. Offenbar
ckiert, fiel die Aktivität in diesen Arealen deutlich nimmt der anfängliche Unterschied in der Oxytozin-
schwächer aus. freisetzung allmählich wieder ab.
Ein ähnliches Experiment führten Pilyoung Kim
und sein Team von der University of Denver durch. Die
Probandinnen hatten ihre Kinder allesamt natürlich zur
Die Gehirn&Geist-Serie »Eltern werden« Welt gebracht, jedoch unterschieden sie sich darin, wie
im Überblick: sie sie versorgten. Die eine Hälfte stillte ihr Baby, die
­andere fütterte es mit der Flasche. Wie zu erwarten, sen-
Teil 1: Wenn plötzlich alles mieft (Heft 4/2017) sibilisierte das beim Stillen freigesetzte Oxytozin die
Teil 2: Trauma im Kreißsaal (Heft 5/2017) Motivations- und Emotionszentren des Gehirns für die
Teil 3: Im Baby-Modus (Heft 6/2017) Schreie des eigenen Kindes.

GEHIRN&GEIST 53 0 6 _ 2 0 1 7
Das Brutpflege-Netzwerk

mediales präoptisches
Areal (mPOA)

Hypothalamus
Hirnanhangsdrüse

Östrogen
und
Progesteron

Prolaktin
und
medialer Oxytozin
präfrontaler Amygdala
Kortex
Nucleus accumbens Plazenta

Hypothalamus

Bereits während der Schwangerschaft stellen verschiedene


Hormone das mütterliche Gehirn auf die Pflege des Nach- Eierstock
wuchses ein. Von Eierstöcken und Plazenta gebildetes Östro-
gen und Progesteron regen die Nervenzellen im medialen
präoptischen Areal zum Wachstum an. Laut Tierversuchen
fördert diese Region im Hypothalamus das fürsorgliche
Verhalten. Das Wehenhormon Oxytozin sorgt nicht nur für
die Kontraktion der Gebärmutter bei der Geburt, sondern
sensibilisiert auch Motivations- und Emotionszentren wie

YOUSUN KOH
den Nucleus accumbens und die Amygdala für die Signale
des Säuglings.

Allerdings verändert sich mit der Zeit die neuronale zeigt sich auch am Verhalten der Mutter: Sie wird selbst-
Reaktion auf das Weinen der Säuglinge. Insbesondere sicherer und reagiert flexibler auf die Bedürfnisse ihres
direkt nach der Geburt des ersten Kindes gerät manche Nachwuchses.
Mutter bereits durch das leiseste Wimmern ins Schwit- Doch nicht nur die neuronale Aktivität wandelt sich
zen. Habe ich etwas falsch gemacht? Geht es meinem mit Schwangerschaft und Geburt. Auch die »Hardware«
Baby schlecht? Wie kann ich es beruhigen? Solche Fra- im mütterlichen Gehirn passt sich den neuen Heraus-
gen gingen wahrscheinlich jeder Mutter schon einmal forderungen an. Die Psychologin Benedetta Leuner von
durch den Kopf. Diese anfängliche Unsicherheit spie- der Ohio State University zählte 2010 die dendritischen
gelt sich auch in der Hirnaktivität wider. Wie James »Dornen« in einem Abschnitt des präfrontalen Kortex
­Swain in seinen Studien bemerkte, reagieren in den ers- von Ratten. Diese kleinen Ausstülpungen in den Memb-
ten zwei bis vier Wochen nach der Geburt vor allem die ranen der Nervenzellfortsätze verbessern den Signalaus-
Amygdala und die Insula auf das Weinen der Babys – tausch an den neuronalen Verknüpfungen. Tatsächlich
wichtige Angstzentren im Gehirn. wiesen junge Rattenmütter deutlich mehr Dornen auf
Nach drei bis vier Monaten verlagert sich die Aktivi- als jungfräuliche Tiere. Wie genau sich das auf das Ver-
tät jedoch in Regionen des Hypothalamus und des me- halten auswirkt, ist noch unklar. Jedoch deuten Verhal-
dialen präfrontalen Kortex. Letzterer reguliert beson- tensexperimente darauf hin, dass Muttertiere kognitiv
ders negative Emotionen, indem er die Reaktion der flexibler und weniger ablenkbar sind – möglicherweise
Amygdala auf unangenehme Reize unterdrückt. Das wegen eines leistungsfähigeren präfrontalen Kortex.

GEHIRN&GEIST 54 0 6 _ 2 0 1 7
HIRNFORSCHUNG / PL ASTIZITÄT

Freilich ist es nicht möglich, einzelne Zellen oder gar der Geburt abgesenkt. Forscher können über die Grün-
dendritische Dornen im lebenden menschlichen Ge- de bislang nur spekulieren: Durch den niedrigen Testos­
hirn zu zählen. Deshalb müssen Forscher hier auf grö- teronspiegel würden die Väter wahrscheinlich sanfter
ber auflösende Methoden zurückgreifen, etwa die Mag- und legten weniger riskantes Verhalten an den Tag.
netresonanztomografie. Das taten Elseline Hoekzema Wie Studien an Mäusen zeigten, sind bei den Vater-
von der Universität Leiden und Kollegen in einer 2017 tieren solche Nervenstränge im Gehirn besonders stark
veröffentlichen Studie. Die Forscher bestimmten das ausgebildet, die auf Oxytozin sowie Vasopressin reagie-
Volumen der »grauen Substanz« von kinderlosen Frau- ren. Letzteres Hormon fördert auch bei weiblichen Na-
en – jener Hirnstruktur, in der sich die Zellkörper der getieren fürsorgliches Verhalten. Blockieren Forscher
Neurone befinden. Als 25 der Probandinnen im Lauf das Vasopressin-System, kümmern sich die Tiere weni-
des folgenden Jahres ein Baby bekamen, wurde ihr Ge- ger um ihren Nachwuchs. Diese Nervenstränge emp-
hirn erneut gescannt. fangen unter anderem Berührungssignale von der Haut.
Eine Kuschelrunde mit den Kindern könne so das Ge-
Schrumpfkur im Kopf hirn in den Pflegemodus versetzen, vermuten die Wis-
Zur Überraschung der Wissenschaftler war während senschaftler.
der Schwangerschaft die graue Substanz in einigen Be- 2014 untersuchte Ruth Feldman von der Bar-Ilan
reichen des Stirnhirns und des Schläfenlappens ge- University in Israel mit ihrem Team, was nach der Ge-
schrumpft. Dabei handelt es sich um Areale, mit denen burt im Gehirn von menschlichen Vätern vor sich geht.
wir die Gefühle, Erwartungen und Absichten anderer Die Neurowissenschaftler zeigten den Probanden – he-
entschlüsseln. Bei den Vätern sowie einer kinderlosen terosexuellen Vätern, den dazugehörigen Frauen sowie
Kontrollgruppe stellten die Forscher dagegen keinerlei Vätern aus einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft –
Veränderungen fest. Offenbar entstehen diese durch die im Hirn­scanner Filmsequenzen von ihrem Säugling.
Schwangerschaft selbst und nicht etwa durch die An- Dabei regten sich im Gehirn der Mütter verstärkt typi-
passung an die Elternrolle. sche Emotionszentren wie die Amygdala und die Insula.
Laut Hoekzema bedeutet dieser Volumenrückgang Bei den heterosexuellen Vätern waren dagegen solche
nicht zwangsläufig, dass sich Zahl und Größe der Hirn- Regionen in der Hirnrinde besonders aktiv, mit denen
zellen reduziert haben. Wahrscheinlicher sei eine Neu- wir unser Verhalten planen und uns in andere hinein-
ordnung der neuronalen Verbindungen. Die Neurowis- versetzen.
senschaftlerin vergleicht das mit dem so genannten Das Erstaunliche: Waren beide Elternteile Männer,
Pruning in der Pubertät, bei dem überflüssige Synapsen feuerten bei den Vätern, die den größeren Part der Kin-
gekappt werden. Auf diese Weise könne die neuronale derbetreuung übernommen hatten, zusätzlich noch die
Kommunikation über die verbleibenden Verknüpfun- »mütterlichen« Hirnregionen. Bezogen auf die Hirnakti­
gen effizienter werden. vität waren sie demnach Vater und Mutter zugleich.
So viel zu den Müttern. Doch passt sich auch das vä- Je mehr Zeit die heterosexuellen Väter in den Mona-
terliche Gehirn an die neue Rolle an? Die Antwort lau- ten vor der Messung allein mit ihren Kindern verbracht
tet: Ja! Die Veränderungen beginnen schon während hatten, also ohne Partnerin, desto stärker rekrutierte
der Schwangerschaft der Partnerin. Wie bei den Frauen auch ihr Gehirn den typisch weiblichen Part des neuro-
steigt die Menge an Prolaktin und Östrogen in ihrem nalen Fürsorgenetzwerks – die Amygdala. Laut der For-
Blut deutlich an – natürlich auf insgesamt viel niedrige- scherin schaltet das Emotionszentrum des Vaters auf
rem Niveau (siehe auch Gehirn&Geist 12/2014, S. 28). Standby, wenn die Mutter ständig anwesend ist; er über-
Der Spiegel des Sexualhormons Testosteron hingegen lasse ihr die Sorgen. Ist er häufiger allein verantwortlich,
ist bei werdenden Vätern etwas niedriger als bei kinder- übernehme sein Gehirn zunehmend diese Funktion.
losen Männern. Insbesondere bei jenen, die viel Zeit Und was lernen wir daraus? Liebe Väter, lasst eure Frau-
mit ihren Kindern verbringen, bleibt er auch noch nach en ruhig öfter mal ins Kino gehen!  H

QUELLEN

Abraham, E. et al.: Father’s Brain is Sensitive to Childcare Experiences.


In: Proceedings of the National Academies of Sciences of the USA 111, S. 9792–9797, 2014
Hoekzema, E. et al.: Pregnancy Leads to Long-Lasting Changes in Human Brain Structure.
In: Nature Neuroscience 20, S. 287–296, 2017
Kim, P. et al.: The Maternal Brain and its Plasticity in Humans. In: Hormones and Bahavior 77, S. 113–123, 2016
Swain, J. E. et al.: Approaching the Biology of Human Parental Attachment: Brain Imaging, Oxytocin
and Coordinated Assessments of Mothers and Fathers. In: Brain Research 10.1016/j.brainres.2014.03.007, 2014
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1446701

GEHIRN&GEIST 55 0 6 _ 2 0 1 7
GU TE FRAGE

Schaden Handystrahlen
dem Gehirn?

ISTOCK / BENSTEVENS

Haben auch Sie eine Frage an unsere Experten? Dann schreiben Sie mit dem Betreff »Gute Frage« an:
gehirn-und-geist@spektrum.de

GEHIRN&GEIST 56 06_2017
UNSER EXPERTE
K E N N T D I E A N T W O R T.

Christoph Böhmert ist Psychologe am Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation und


Wissenschaftsforschung des Karlsruher Instituts für Technologie. Dort untersucht er, wie
sich Gesundheitsrisiken am besten vermitteln lassen.

W
eltweit haben mehr Menschen ein Mobil­ Probanden, die über zehn Jahre hinweg täglich mehr als
telefon als Zugang zu einer funktionieren­ eine halbe Stunde mit dem Handy telefoniert hatten,
den Toilette. Zudem halten viele Nutzer ihr leicht erhöht. Dieselbe Untersuchung zeigte anderer­
Handy oft mehrere Stunden täglich ans Ohr. Wie beun­ seits auch, dass Leute, die täglich zwischen 15 und
ruhigend ist da die Vorstellung, die von den Geräten ab­ 30 Minuten telefonierten, sogar weniger Gliome entwi­
gegebene Strahlung könnte das Gehirn beeinflussen ckelten als solche, die das Mobiltelefon gar nicht nutz­
oder gar Tumoren verursachen! Solche Ängste halten ten. Ein höchst unklarer Befund also, der sehr leicht zu­
sich hartnäckig und werden gelegentlich sogar durch fällig zu Stande gekommen sein könnte. Eine lineare
wissenschaftliche Studien befeuert. Doch die haben zu­ Beziehung zwischen Dosis und vermeintlicher Wir­
meist gravierende methodische Mängel. kung war in den Daten jedenfalls nicht zu erkennen.
Mobilfunk verwendet hochfrequente elektromagne­
tische Wellen, die sich sehr schnell ausbreiten. Diese
nichtionisierende Art von Strahlung besitzt, anders als
etwa radioaktive, zu wenig Energie, um Elektronen von Studien zur Wirkung
Molekülen zu trennen oder das Erbgut zu schädigen.
Welche Gesundheitsrisiken sind dann denkbar? Beim von Mobilfunkstrahlen
Telefonieren absorbiert der Kopf einen Teil der Energie,
wodurch sich das Gewebe erwärmt. Das betrifft aber le­ haben meist
diglich die Haut und nicht tiefer liegende Strukturen
wie das Gehirn. Über diesen thermischen Oberflächen­ ­methodische Mängel
effekt hinaus haben Wissenschaftler trotz intensiver
Forschung bislang keinen Wirkmechanismus von Mo­
bilfunkstrahlen auf den Körper feststellen können. Ein weiterer Grund zum Zweifeln: Würde Handynut­
Sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch zung tatsächlich die Entstehung von Gehirntumoren
das Bundesamt für Strahlenschutz geben Entwarnung: fördern, müssten diese seit einigen Jahren vermehrt
International festgelegte Höchstwerte reichten völlig auftreten – das ist allerdings nicht der Fall.
aus, um etwaige Gesundheitsgefahren auszuschließen. Forscher haben zudem mögliche Auswirkungen von
Die Internationale Krebsforschungsorganisation in Handystrahlen auf die Schlafqualität, die Konzentrati­
Diensten der WHO, die IARC, stuft Handystrahlung onsfähigkeit und das Gedächtnis untersucht. Auch hier
allerdings als »möglicherweise Krebs erregend« ein.
­ ließen sich keine eindeutigen Effekte festmachen. Man­
Insbesondere Gliome, die häufigste Art von Hirntumo­ chen Studien zufolge konnten sich Probanden bei Vor­
ren, könnten ihr zufolge vielleicht durch Funkwellen handensein eines elektromagnetischen Felds schlechter
entstehen. konzentrieren – in anderen Untersuchungen jedoch
Worauf fußt dieses Urteil? Maßgebend für die Ein­ besser!
stufung der Handystrahlung war die in verschiedenen Warum werden solche möglicherweise positiven Ef­
Ländern durchgeführte »Interphone«-Studie. In dieser fekte oft ausgeblendet? Das liegt wohl an einer besonde­
Untersuchung fand man zwar keinen generellen Zu­ ren Eigenschaft der Strahlung selbst. Wir können sie
sammenhang zwischen Mobilfunk und Gliomen. Je­ mit unseren Sinnen nicht erfassen, und dennoch kom­
doch war die Rate an Krebserkrankungen unter jenen men Anrufe, Nachrichten und immense Datenmengen
auf unserem Gerät an. Wegen dieser Kombination ent­
wickeln wir eine Art Grundskepsis, wie zum Beispiel
QUELLEN auch gegenüber gentechnisch modifizierten Nahrungs­
Baan, R. et al.: Carcinogenicity of Radiofrequency mitteln oder Nanomaterialien.
­Electromagnetic Fields. Dennoch gilt: Exzessive Smartphone-Nutzung be­
In: Lancet Oncology 12, S. 624–626, 2011 schert uns zwar durchaus mal einen steifen Nacken,
Weitere Quellen im Internet: aber mit ziemlicher Sicherheit keine strahlungsbeding­
www.spektrum.de/artikel/1448119 ten Hirnerkrankungen. H

GEHIRN&GEIST 57 06_2017
HIRNFORSCHUNG

SELBSTWAHRNEHMUNG Was hat unser Selbstgefühl mit dem


­ erzschlag zu tun? Womöglich mehr, als wir gemeinhin annehmen!
H

Signale
des Herzens VO N G U I L L AUM E JAC Q U E M O N T

W
ie entsteht aus einem Haufen U N S E R AU TO R
Nervenzellen ein Gefühl für das Guillaume Jacquement ist Wissenschafts-
eigene Ich? Wissenschaftler wie journalist und Redakteur bei »Pour la
der portugiesische Neurologe Science« und »Cerveau & Psycho«, den
António Damásio betrachten als französischen Schwestermagazinen von
Grundlage für diese Selbstwahr- »Spektrum der Wissenschaft« und
nehmung ein bestimmtes Netzwerk des Gehirns, das »Gehirn&Geist«.
ununterbrochen die inneren Organe des Körpers über-
wacht. Falls sie damit richtigliegen, dann sollte sich das
Netzwerk ­regen, sobald wir unsere Gedanken verstärkt
auf uns selbst richten. »Der Lärm stört mich« beträfe Das Gehirn empfängt freilich nicht nur Signale vom
mich beispielsweise mehr als der Gedanke »Es ist laut«. Herzen, sondern von sämtlichen inneren Organen. So
Erste experimentelle Belege für diese These stellte registriert es unaufhörlich die Konzentration zahlrei-
2016 eine französische Arbeitsgruppe vor. Wie Mariana cher chemischer Komponenten in unserem Magen-
Babo-Rebelo, Craig Richter und Catherine Tallon-Bau- Darm-Trakt. All diese wahrgenommenen inneren Para-
dry vom Laboratoire de Neurosciences Cognitives der meter bilden vermutlich die Grundlage für den Ein-
École Normale Supérieure in Paris berichten, drehen druck von Kontinuität in unserem Selbstgefühl.
sich unsere spontanen Gedanken umso mehr um uns Die rhythmisch auftretenden Herzschläge lassen sich
selbst, je stärker das Gehirn auf eine bestimmte Körper- leicht mit messbaren Hirnaktivitäten korrelieren: Eini-
funktion reagiert: den Herzschlag. ge hundert Millisekunden nach jedem Zusammenzie-

Auf einen Blick: Das Ich-Netzwerk

1 2 3
Das Gehirn empfängt per­ma­ Unter anderem registriert es Die HERs verändern sich,
nent Signale von den inneren auch die Kontraktionen des wenn sich die spontanen Ge-
Organen, um so deren Funkti- Herzmuskels durch charakte- danken um das Selbst drehen.
onsfähigkeit zu überwachen. ristische Änderungen der Hirn­ Diese Veränderungen treten in
aktivität, so genannte herz­evozierte Hirnregionen auf, die zum Default-
Reaktionen (HERs). Mode-Netzwerk gehören.

GEHIRN&GEIST 58 0 6 _ 2 0 1 7
Der menschliche Körper mit
seinen inneren Organen
bildet die Grundlage für das
Gefühl, ein eigenständiges
Individuum zu sein.
ISTOCK / SHVILI

GEHIRN&GEIST 59 0 6 _ 2 0 1 7
Tagträumen im Rhythmus des Herzens
Der Herzschlag löst in bestimmten Hirnregionen Hat der Proband an sich selbst als Akteur ge-
Magnetfeldänderungen aus. Anhand dieser herz­ dacht (hoher »Ich«-Wert), macht sich das als negati-
evozierten Reaktionen (HERs) lässt sich unterschei- ver Ausschlag bei den HERs bemerkbar (Mitte
den, in welchem Grad die Gedanken eines vor sich links). Diese Magnetfeldänderungen resultieren vor
hin dösenden Probanden das eigene Ich als Subjekt allem aus Nervenzellaktivitäten im linken Praecu-
oder Objekt betrafen. Auf den oberen Zeichnungen neus (unten links). Dagegen erzeugen Gedanken, die
erkennt man die auf der Schädeldecke registrierten auf der »Mich«-Skala hoch rangieren, positive
Magnetfeldänderungen; in der Mitte sind Zeitver- Ausschläge im Magnetfeld, die hauptsächlich auf
läufe der HERs dargestellt, jeweils gemessen an der erhöhten Aktivitäten im linken ventromedialen
auf den Kopf oben mit dem weißen Stern gekenn- präfrontalen Kortex beruhen (Mitte und unten
zeichneten Stelle. Die Hirngrafiken unten zeigen, wo rechts). Beide Hirnareale gehören zum Default-­
sich die Nervenzellaktivitäten lokalisieren ließen. Mode-Netzwerk, das beim Tagträumen aktiv ist.

ENCODE THE SELF IN SPONTANEOUS THOUGHTS. IN: THE JOURNAL OF NEUROSCIENCE 36, S.
BABO-REBELO, M. ET AL.: NEURAL RESPONSES TO HEARTBEATS IN THE DEFAULT NETWORK

LINKS: FIG. 2A+B, RECHTS: FIG. 3A+B; ABDRUCK GENEHMIGT VON DER SOCIETY FOR
hoher »Ich«-Wert hoher »Mich«-Wert
niedriger »Ich«-Wert niedriger »Mich«-Wert
Magnetfeldänderung

Magnetfeldänderung

40
10
(Femtotesla)

(Femtotesla)

20

NEUROSCIENCE / CCC
0 0

7829–7840, 2016,
–20
–10
0 100 200 300 0 100 200 300
Zeit (Millisekunden) Zeit (Millisekunden)
Herzschlag Herzschlag

Praecuneus
YOUSUN KOH, NACH : CERVEAU&PSYCHO MÄRZ
2017

ventromedialer
präfrontaler Kortex

GEHIRN&GEIST 60 0 6 _ 2 0 1 7
HIRNFORSCHUNG / SELBST WAHRNEHMUNG

Ich denk an mich


Ich habe
GEHIRN&GEIST, NACH BABO-REBELO, M. ET AL.: NEURAL RESPONSES

SPONTANEOUS THOUGHTS. IN: THE JOURNAL OF NEUROSCIENCE 36,

Er mag mich. Durst. Die Wissenschaftler um Catherine Tallon-Baudry


TO HEARTBEATS IN THE DEFAULT NETWORK ENCODE THE SELF IN

wiesen Probanden an, den eigenen Gedanken


freien Lauf zu lassen. Zu bestimmten Zeitpunkten
sollten die Versuchsteilnehmer jedoch angeben, ob
»Mich« sie gerade an sich selbst gedacht hatten. Dabei
Er kommt
mich morgen Ich muss
mussten sie zusätzlich benennen, inwieweit sie sich
besuchen. ihn anrufen. als Akteur (»Ich«-Skala) oder als Objekt einer
Handlung (»Mich«-Skala) gesehen hatten.
S. 7829–7840, 2016, FIG. 1A

Es regnet.

»Ich«

hen des Herzmuskels erscheinen an verschiedenen Stel- urteilen: Hatten sich ihre Gedanken eher um das »Ich«
len des Großhirns charakteristische Aktivitätsschübe, gedreht oder um »mich«? Bei einem Satz wie »Ich muss
die Neurologen als herzevozierte Reaktionen oder ihn anrufen« sind wir Akteur der gedachten Handlun-
HERs (heartbeat-evoked responses) bezeichnen. gen, während wir bei »Er mag mich« Objekt der Aussa-
Die Pariser Forscher forderten 16 Probanden auf, ih- ge sind. Wie sich in dem Versuch herausstellte, regte
ren Geist so frei wie möglich umherschweifen zu lassen. sich der linke Praecuneus bei Gedanken an das »Ich«
Dabei verfällt das Gehirn in eine Art Ruhemodus, bei als Subjekt. Dagegen wurde beim Nachdenken über
dem verschiedene Hirnregionen zum Default-Mode- »mich« als Objekt verstärkt der linke ventromediale
Netzwerk zusammengeschlossen sind (siehe Gehirn& präfrontale Kortex aktiv (siehe »Tagträumen im Rhyth-
Geist 4/2016, S. 12). Der ungesteuerte Gedankenstrom mus des Herzens«, links).
der Versuchsteilnehmer wurde jedoch wiederholt durch Diese prinzipielle Unterscheidung zwischen den Di-
ein Lichtsignal unterbrochen. Die Probanden sollten mensionen »mich« und »ich« ist nicht neu. Bereits Ende
dann jeweils beurteilen, wie stark sie just in diesem Mo- des 19. Jahrhunderts schlug der amerikanische Psycho-
ment an sich selbst gedacht hatten. So rangiert ein Satz loge William James (1842–1910) vor, zu unterscheiden,
wie »Ich habe Durst« ganz oben, während »Er kommt ob man sich selbst passiv wahrnimmt oder ob man sich
mich morgen besuchen« uns etwas weniger betrifft; als aktives Wesen in der Welt sieht. Jetzt aber konnte
»Es regnet« steht dagegen ganz unten auf der Ich-mich- zum ersten Mal nachgewiesen werden, wie die unter-
Skala (siehe »Ich denk an mich«, oben). schiedlichen Dimensionen des Selbstgefühls im Gehirn
Gleichzeitig zeichneten die Wissenschaftler die Hirn- verankert sind.
tätigkeit der Versuchsteilnehmer per Magnetenzepha- Bislang handelt es sich bei den Beobachtungen der
lografie (MEG) auf. Hierbei messen rings um den Kopf Forscher um Tallon-Baudry lediglich um eine einfache
angebrachte Sensoren die winzigen Magnetfelder, die Korrelation: Das Gehirn reagiert auf den Herzschlag
durch die elektrische Aktivität der Neurone entstehen. anders, wenn sich die Gedanken um die eigene Person
Diese Technik ermöglicht es binnen Millisekunden, drehen. Ein möglicher Kausalzusammenhang bleibt
Schwankungen der Hirntätigkeit zu registrieren, so dass noch zu beweisen. Dennoch liegt nun ein experimentel-
sich die durch das Herz evozierten Nervenreaktionen les Argument für die These vor, dass die Herzmuskel-
objektiv ermitteln lassen. kontraktionen die Netzwerke des Selbstgefühls im Ge-
Das Ergebnis: Je stärker die Hirnzellen auf den Herz- hirn aktivieren könnten – auch wenn wir das nicht be-
schlag reagierten, desto deutlicher hatten sich die Ge- wusst wahrnehmen. H
danken der Teilnehmer auf sich selbst gerichtet. Das
galt insbesondere für zwei Hirnregionen, die beide zum
Default-Mode-Netzwerk gehören: den ventralen Prae-
cuneus, der sich laut früheren bildgebenden Studien bei QUELLE
autobiografischen Erinnerungen regt, sowie den vent- Babo-Rebelo, M. et al.: Neural Responses
romedialen präfrontalen Kortex, der etwa dann aktiv to Heartbeats in the Default Network Encode the
wird, wenn wir uns fragen, ob ein Charakterzug auf uns Self in Spontaneous Thoughts.
zutrifft. In: Journal of Neuroscience 36, S. 7829–7840, 2016
Die Wissenschaftler analysierten ihre Beobachtun- Dieser Artikel im Internet:
gen aber noch etwas genauer. Die Probanden sollten be- www.spektrum.de/artikel/1446703

GEHIRN&GEIST 61 0 6 _ 2 0 1 7
THERAPIE KOMPAKT

Egal, wie sauber die Hände sind:


Viele Patienten mit Zwangsstörung
müssen sie trotzdem immer wieder
waschen.

PHOTOCASE / DESIGNRITTER
Zwänge Stimulus keine Gefahr mehr ausging. Den Patienten
dagegen gelang das bis zum Ende des Experiments
Der Ursprung nicht, beurteilt anhand der Schweißproduktion.

des Misstrauens Personen mit einer Zwangsstörung würden zwar gut


abspeichern, welche Hinweisreize bedrohlich sind,
schlussfolgern die Forscher – zu erkennen, wann ein

D
as Fenster ist zu, der Wasserhahn abgedreht – Stimulus harmlos ist, falle ihnen aber offenbar schwer.
den meisten reicht jeweils ein kurzer Blick, um Die Ursache dafür könnte in der neuronalen Verarbei-
beruhigt die Wohnung zu verlassen. Doch tung von Sinneseindrücken liegen. Denn die Daten aus
Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden, müssen dem Scanner zeigten, dass bei den Zwangspatienten
solche Dinge immer wieder kontrollieren. Einer neuen der ventromediale präfrontale Kortex beim Lernen
Studie zufolge können die Betroffenen weniger gut übermäßig aktiv war. Dieser Hirnteil spielt beim emo-
erkennen, wann ein Hinweisreiz Sicherheit signalisiert. tionalen Bewerten von Reizen sowie bei Angststörun-
Die Forscher um die Psychologin Annemieke gen eine wichtige Rolle. Je höher seine Aktivität, desto
Apergis-Schoute von der University of Cambridge schlechter konnten die Probanden später zwischen
untersuchten 43 Patienten mit einer Zwangsstörung gefährlichem und harmlosem Reiz unterscheiden.
und 35 gesunde Kontrollpersonen. Zunächst sollten Zwangsstörungen werden meist durch eine Exposi-
die Probanden lernen, dass von einem Stimulus Gefahr tionstherapie behandelt, bei der die Betroffenen zum
ausgeht. Dazu lagen sie im Magnetresonanztomogra- Beispiel immer wieder Türklinken anfassen müssen,
fen und sahen auf einem Bildschirm im Wechsel zwei ohne sich danach die Hände zu waschen. Das stelle
wütend blickende Gesichter. Bei einem davon setzte es viele Patienten vor eine ungeheure Herausforderung,
hin und wieder einen leichten Stromschlag am meint Apergis-Schoute. Statt solche Zwangshandlun-
Handgelenk. Alle Versuchsteilnehmer lernten schnell, gen zu unterbinden, solle man künftig eher versuchen,
von welchem Antlitz Gefahr drohte, was sich an etwa mit Hilfe positiver Verstärkung das Sicherheitsler-
vermehrtem Schwitzen an den Fingern zeigte. nen zu fördern. Auch gebe es viel versprechende erste
Nach einer Weile jedoch änderte sich das Prozedere: Versuche, per Tiefenhirnstimulation die Aktivität des
Nun kamen die Stromstöße nur noch beim anderen ventromedialen präfrontalen Kortex zu normalisieren,
Gesicht. Die gesunden Teilnehmer lernten wiederum was ebenfalls Symptome der Erkrankung verringere.
mühelos, dass jetzt vom ursprünglich bedrohlichen Proc. Natl. Acad. Sci. USA 114, S. 3216–3221, 2017

GEHIRN&GEIST 62 0 6 _ 2 0 1 7
Autoren dieser Rubrik: Joachim Retzbach, Daniela Zeibig

Antipsychotika
Kooperation gegen Bares

N
ur rund die Hälfte aller Patienten, die an einer lediglich auf zwei Drittel der Teilnehmer zu. Sechs
Psychose erkrankt sind, nehmen Schätzungen Monate später war der Anteil der therapietreuen
zufolge ihre Medikamente wie verschrieben Teilnehmer in der Interventionsgruppe zwar wieder
ein. Forscher aus den Niederlanden erprobten nun gesunken, lag aber immer noch deutlich höher als in
einen ungewöhnlichen Weg, um die Therapietreue zu der Kontrollgruppe.
erhöhen: Sie zahlten den Probanden Geld dafür. Eine solche Intervention würde von Ärzten meist
Die Versuchsteilnehmer litten alle an einer psychoti- wegen ethischer Bedenken verurteilt, räumen die
schen Erkrankung, hauptsächlich an paranoider Psychiater um Ernst Noordraven von der Erasmus-
Schizophrenie oder einer schizoaffektiven Störung, Universitätsklinik in Rotterdam ein. So erkranken
und wurden ambulant behandelt. Als Arznei erhielten arme Menschen überdurchschnittlich häufig an
sie Neuroleptika, die nur zwischen einmal pro Woche Psychosen und könnten sich aus finanzieller Not dazu
und einmal pro Monat injiziert werden müssen. Die gedrängt sehen, Medikamente einzunehmen, auch
Hälfte der Probanden bekam ein Jahr lang nach jeder wenn sie diese eigentlich ablehnten. Zudem leide die
Spritze Bargeld in die Hand gedrückt. Nahmen sie alle Beziehung zum Therapeuten. Dem halten die Autoren
Termine wahr, kassierten sie monatlich bis zu 30 Euro. entgegen, dass die Maßnahme vergleichsweise günstig
Am Ende dieses Zeitraums hielten sich 95 Prozent aller und effektiv das Risiko für Rückfälle senken könne.
Patienten in dieser Gruppe vergleichsweise gut an Diese zögen wiederum oft eine Zwangsbehandlung
die Verschreibungen – sie versäumten höchstens jede nach sich, die ethisch ebenfalls problematisch sei.
fünfte Injektion. In der Kontrollgruppe traf das Lancet Psychiatry 4, S. 199–207, 2017

Depression
Hirnscan verrät die beste Therapie

M
edikamente oder Psychotherapie? Ein Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist, mit
Hirnsignal verrät laut US-Forschern, von dem Erfolg der Therapie zusammenhingen: Teilneh-
welchem Behandlungsansatz Patienten mit mer, bei denen die verschiedenen Areale dieses
Depression individuell am meisten profitieren. Die Netzwerks im Ruhezustand besonders gut zusammen-
Wissenschaftler um Helen Mayberg von der Emory arbeiteten, profitierten eher von einer Verhaltens­
University in Atlanta rekrutierten 122 Patienten mit therapie als von Antidepressiva. Wiesen Probanden
einer schweren Depression, die noch keine Therapie dagegen keine ausgeprägte neuronale Kooperation in
erhalten hatten. Per Zufall erhielten die Probanden dem Netzwerk auf, sprachen sie besser auf Medika-
entweder eine zwölfwöchige Behandlung mit einem mente an als auf Psychotherapie.
Antidepressivum oder eine ebenso lang andauernde Das Hirnsignal kündigte den Erfolg oder Misserfolg
kognitive Verhaltenstherapie. Zuvor untersuchten die der Therapie dabei zuverlässiger an als andere Fakto-
Forscher das Gehirn der Probanden mit funktioneller ren wie Alter und Geschlecht der Probanden. Auch die
Magnetresonanztomografie. Frage, welche Behandlungsmethode die Patienten
Dabei entdeckten sie, dass bestimmte Aktivitäts- persönlich bevorzugten, spielte keine Rolle.
muster in einem Netzwerk, das unter anderem für die Am. J. Psychiatry 10.1176/appi.ajp.2016.16050518, 2017

Realitätssinn Menschen mit Depressionen verwenden im Vergleich zu


Gesunden weniger Zeit auf Aufgaben, die gar nicht lösbar sind. ­Offenbar
fällt es ihnen leichter, sich von unerreichbaren Zielen zu verabschieden.
J. Behav. Ther. Exp. Psychiatry 54, S. 278–284, 2017

GEHIRN&GEIST 63 0 6 _ 2 0 1 7
PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY

GEHIRN&GEIST 64 0 6 _ 2 0 1 7
MEDIZIN
PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY

GEDÄCHTNISSPORT Die Muskeln von Johannes Mallow


werden immer schwächer. Seine unheilbare Krankheit hätte ihn auch
­psychisch fast zerstört – bis er einen Weg fand, sich mit anderen zu
messen. Mallow ist heute eines der besten Gedächtnis-Asse der Welt.

Kopf schlägt
Körper
VON NELE LANGOSCH (TEXT) UND PHILIPP SANN (FOTOS)

GEHIRN&GEIST 65 0 6 _ 2 0 1 7
Auf einen Blick: Der Gedächtnisakrobat

1 2 3
Johannes Mallow leidet an einer Körperlich eingeschränkt, hat Wie viele Gedächtniskünstler
seltenen, unheilbaren Muskel- Mallow eine geistige Heraus- arbeitet er mit der Loci-
krankheit, der fazio-skapulo- forderung angenommen: Er ist Methode, bei der abstrakte
humeralen Muskeldystrophie, die mehrfacher Weltmeister im Ge- Informationen wie Ziffern
ihn zunehmend lähmt. dächtnissport. bildlich abgespeichert werden.

A
uf einem schlichten Regal im Schlaf- mehr kontrollieren konnte. »Die Ärzte sagten nur: Ma-
zimmer sammelt Johannes Mallow Po- chen Sie mal eine Physiotherapie«, erzählt er. Aber die
kale: große und kleine, goldene und sil- Übungen können den Muskelabbau höchstens verlang-
berne oder solche aus Kristall, bislang samen, nicht stoppen.
mehr als ein Dutzend. Daneben liegt »Wenn der Körper die Muskeln in Bindegewebe um-
ein ­Stapel Medaillen. Einige weitere Er- gewandelt hat, kommen sie nicht mehr wieder«, erklärt
innerungen haben einen besonderen Platz auf einem die Ergotherapeutin Diana Altrichter. Johannes Mallow
kleineren Bord in der Wohnküche gefunden. »Deutsche sitzt vor ihr auf einer breiten Liege. Ein- bis zweimal
Meisterschaft 2013, 1. Platz« steht dort auf einer Trophäe, pro Woche kommt er inzwischen zu ihr in die Praxis,
»World Memory Championship 2012« auf einer ande- zusätzlich zu mehreren Physiotherapieterminen. Zu
ren. Dahinter lehnt das »Guinnessbuch der Rekorde«. sehr darf er sich bei den Übungen nicht anstrengen,
Mit Auszeichnungen und Rekorden hat Mallow Er- denn bekommt er danach Muskelkater, weiß er, dass
fahrung. Denn der 35-Jährige ist ein erfolgreicher Ge- wieder einige Muskelfasern zerstört wurden. Unwieder-
dächtniskünstler: Er kann sich die Reihenfolge von 52 bringlich.
Karten eines Spielkartensets in weniger als 20 Sekunden
einprägen, merkt sich in fünf Minuten die Abfolge von Innerlich am Boden zerstört
mehr als 1000 Nullen und Einsen oder in der gleichen Die Ergotherapeutin schiebt Mallows Oberkörper in
Zeit über 130 historische Daten. Seit gut zehn Jahren eine Richtung, während er dagegenhält. Seine Schulter-
tritt er bei Meisterschaften an, wurde erst der beste blätter zeichnen sich deutlich unter dem T-Shirt ab.
­Gedächtnissportler Norddeutschlands, dann der beste Auch jene Muskeln, die sie in Position halten, sind ge-
Deutschlands und 2012 schließlich der beste der Welt. schwächt. Dadurch rollen die Knochen nach außen –
Bevor er ganz oben ankam, fiel er tief. Der Absturz ein typisches Symptom der FSHD. Früher habe er sich
begann im Jugendalter: Beim Laufen im Sportunterricht oft nicht zur Therapie motivieren können, erzählt Mal-
knickten dem damals 14-Jährigen die Beine immer wie- low, während er im Liegen ein Bein gegen den Wider-
der ein. Der Lehrer schickte ihn zum Arzt – und gab da- stand der Ergotherapeutin durchstreckt. Denn: »Erfolg
mit den Startschuss für einen Marathon von Kranken- ist, wenn sich meine Muskeln weniger abbauen. Das ist
haus zu Krankenhaus mit unzähligen Untersuchungen, aber schwer messbar.«
bei denen die Muskulatur und ihre Leistungsfähigkeit ge- Am Ende der Therapiestunde setzt er sich selbststän-
testet wurden. Lange Zeit tappten die Ärzte im Dunkeln; dig von der Liege zurück in seinen elektrischen Roll-
kein Medikament half. Erst als Mallow 17 Jahre alt war, stuhl. Diana Altrichter hilft ihm in die schwarze Jacke,
stand die Diagnose fest: fazio-skapulo-humerale Muskel- weil er seine dünnen Arme nur noch begrenzt anheben
dystrophie, kurz FSHD – eine unheilbare Krankheit, bei kann. Draußen fährt er mit seinem Rollstuhl mühelos
der die Muskeln auf Grund eines Gendefekts nach und über das Kopfsteinpflaster in Magdeburg.
nach verschwinden (siehe »Was ist FSHD?«, rechts). Als 20-Jähriger zog er in die Stadt an der Elbe, um
Damals spielte Mallow noch Tischtennis im Verein. Informationstechnologie zu studieren. Während der
­
Doch immer öfter schlug er sich dabei den Schläger aus Studienzeit nahmen die Beschwerden jedoch weiter zu.
Versehen ins Gesicht, weil er seine Bewegungen nicht Im Hörsaal schleppte sich Mallow mühsam die Treppen

U N S E R E AU TO R E N
FOTORAUM REINHOLD

Nele Langosch ist Psychologin und Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Nach der


Reportage wird sie die richtige Reihenfolge der Bundespräsidenten so schnell nicht
vergessen. Philipp Sann ist Fotojournalist in Hannover und hat Johannes Mallow auf
seinen Reisen begleitet.

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Was ist FSHD?
Die unheilbare fazio-skapulo-humerale Muskeldystro-
phie (FSHD) tritt bei etwa einem von 20 000 Menschen
auf. Ursache ist eine Genveränderung, die zu einem
Überschuss des Proteins DUX4 führt. Dadurch
können sich Vorläuferzellen nicht zu funktionsfähigen
Muskelzellen differenzieren. Fast immer sind die
Muskeln im Gesicht (lateinisch facies), in den Schul-
tern (scapula = Schulterblatt) und in den Oberarmen
(humerus = Oberarmknochen) am stärksten betrof-
fen – daher der Name. Auch die Muskulatur in
der Hüfte und zum Heben der Füße sind häufig ge-
schwächt.
Typischerweise fallen die Einschränkungen erst im
Jugend- oder jungen Erwachsenenalter auf. Bis zu
einem Fünftel der Betroffenen ist im Verlauf der
Krankheit irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen.
Die Patienten haben in der Regel eine normale Lebens-
erwartung, da Herz- und Atemmuskulatur unbeein-
trächtigt bleiben. Bisher gibt es keine Medikamente,
die das Fortschreiten der Erkrankung wirksam aufhal-
ten können.
PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY

Auf Grund seines Muskelschwunds sitzt Johannes


Mallow inzwischen im Rollstuhl. Bei den
täglichen Dingen des Alltags wie Einkauf oder im
Haushalt unterstützt ihn Pflegerin Sabine.

GEHIRN&GEIST 67 0 6 _ 2 0 1 7
Johannes Mallow ist ein gefragter Gedächtnistrainer.
An der Volkshochschule Magdeburg bringt er
Kindern Tricks bei, mit denen sie sich etwa Vokabel­
listen einprägen können.

PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY


lieber zu Hause – aus Angst, umgeweht zu werden. Er
habe sich damals »ein Riesentheater im Kopf« gemacht.
Immer seltener zeigte er sich auf der Straße. Und
wenn überhaupt, dann hangelte er sich von Laterne zu
Laterne. Er spürte die Blicke der Passanten auf seinem
geschwächten Körper, schämte sich, wenn er vor ande-
ren stürzte. Irgendwann lag er auch innerlich am Bo-
den: »Ich war ziemlich depressiv, hatte Zukunftsängste
und habe mich selbst beschimpft.«
Zufällig sah er sich 2003 eine Fernsehshow an, in der
ein Gedächtnistrainer Verona Feldbusch spontan eine
20-stellige Zahl beibrachte. Das faszinierte Mallow.
»Wenn die das kann, kann ich das auch«, dachte er. Im
Internet fand er die dafür nötigen Tipps und Techniken
des Gedächtnissports – und schaffte es kurz darauf be-
hoch. In der Disko klappte er auf der Tanzfläche zusam- reits, sich eine beliebige Reihenfolge der 52 Spielkarten
men. Und auf Partys setzte er sich sofort auf einen Stuhl in einem Kartenstapel zu merken. »Das fand ich total
an der Wand, um sich später beim Aufstehen an ihr ab- absurd – und richtig cool.«
stützen zu können, und verließ seinen Platz erst wieder, Seitdem trainiert er sein Gedächtnis gezielt und
wenn er sich verabschieden wollte. Jeden Weg plante er prägt sich alles in Bildern ein – auch abstrakte Informa-
gedanklich stundenlang voraus: Wie komme ich da hin? tionen wie Zahlen oder Spielkartenwerte. Die Ziffer 9
Wie viele Stufen gibt es? Wie stark weht der Wind? Pfiff zum Beispiel wird vor seinem inneren Auge zu einem
er kräftiger als mit Stärke 5 um die Ecken, blieb Mallow Luftballon, die 0 zu einem Ei und die 2 zu einem Schwan.

GEHIRN&GEIST 68 0 6 _ 2 0 1 7
MEDIZIN / GEDÄCHTNISSPORT

Wie sich ein Gedächtniskünstler die zwölf Bundespräsidenten merkt


Gedächtnissportler Johannes Mallow nutzt die ■ I n der Brust schlägt das Herz – Roman Herzog.
Loci-Methode, um Informationen in Form von ■D  er Bauch fühlt sich in seiner Vorstellung ganz
Bildern vor seinem inneren Auge an verschiedenen rau an – Johannes Rau.
Orten »abzulegen« – zum Beispiel an zwölf Punkten ■A  m Gürtel rund um seine Hüfte trägt er eine
am Körper vom Scheitel bis zu den Füßen. So merkt Menge Kohle mit sich herum – Horst Köhler.
er sich die deutschen Bundespräsidenten in der ■ In den Po beißt ihn ein Wolf – Christian Wulff.
Reihenfolge ihres Amtsantritts: ■ Auf dem Knie tanzt ein munterer Gaukler –
■ Auf dem Scheitel stellt er sich »Heu« vor: In den J­ oachim Gauck.
Haaren steckt viel davon. »Heu« klingt wie ■ Und mit dem Fuß kickt er einen Stein weg –
»Heuss« – und schon hat er den Namen des ersten damit kommt er zum zwölften Bundespräsidenten
Bundespräsidenten, Theodor Heuss, gespeichert. Frank-Walter Steinmeier.
■ An den Augen merkt er sich das Bild einer
­»Lücke«, die sich mental dazwischen auftut. Der Die zwölf Bilder sollte man sich in Verbindung mit
Begriff »Lücke« passt zum Präsidenten Heinrich den Marken auf seinem eigenen Körper einprägen
Lübke. und nach einer Stunde, einem Tag, einer Woche und
■ Rund um die Nase tummelt sich ein Hai und einem Monat wiederholen, empfiehlt der Gedächt-
jagt einen Mann. Diese Vorstellung bringt ihn auf niskünstler. Der Clou an der Methode: Man kann
Gustav Heinemann. die Abfolge der Präsidenten nicht nur vorwärts,
■D  er Mund wird mit einem Schal zugebunden. sondern auch rückwärts wiedergeben und sogar
»Schal« klingt ähnlich wie Walter Scheel. problemlos beantworten, welcher Bundespräsident
■A  m Kinn hängt ein großer Kasten – Karl Carstens. zum Beispiel als Dritter an die Reihe kam. Dazu
■ Auf der Schulter balanciert er ein Weizenbier – geht man die Route an seinem Körper mental ab
R ­ ichard von Weizsäcker. und zählt die Positionen durch.

Auch längere Zahlen lernt er bildhaft: Um sich 33 zu in seinem Kopf (siehe »Wie sich ein Gedächtniskünstler
merken, kippt er beide Dreien gedanklich so, dass sie die zwölf Bundespräsidenten merkt«, oben).
aussehen wie die Buchstaben mm. Dann ergänzt er sie Mit Hilfe der Loci-Methode verbesserte sich sein Ge-
mit anderen Buchstaben: So wird aus »mm« das Wort dächtnis zunehmend. Bereits rund ein Jahr nach der
»Mama« – und in seinem Kopf entsteht das Bild einer Fernsehshow nahm er an der Norddeutschen Gedächt-
Mutter. Auf ähnliche Weise bildet Mallow Assoziatio- nismeisterschaft teil. Um diesen Schritt zu wagen, muss-
nen zu den verschiedenen Spielkarten eines Sets. Das te er sich überwinden, wieder unter Menschen zu ge-
Pik Ass zum Beispiel sieht für ihn aus wie ein Weih- hen. Doch sein Mut wurde belohnt: Auf Anhieb wurde
nachtsbaum. er Dritter. Das motivierte ihn: »Ich habe erkannt, dass
der Gedächtnissport eine Möglichkeit ist, mich mit an-
»Ich will Weltmeister werden« deren zu messen.«
Um sich mehrere Bilder in einer bestimmten Reihenfol- Während seine Muskelkraft weiter abnahm, wurde
ge zu merken, verbindet er sie mit Orten entlang eines sein Gehirn immer stärker. Er trainierte mehrmals die
ihm bekannten Wegs. Diese Loci-Methode (lateinisch: Woche, stoppte seine Zeit und forderte sich dabei stän-
locus = Ort) ist bereits seit der Antike bekannt und un- dig selbst heraus. »Du musst ganz weit über deine Gren-
ter Gedächtnissportlern weit verbreitet. Allein in seiner zen gehen«, erklärt er. »Wenn du dir 100 Zahlen mer-
Wohnung hat Mallow etwa 30 Punkte festgelegt, die er ken willst, versuche es mit 150. Dann erscheinen dir 100
mental abgehen kann, um dort seine Bilder »abzule- bald sehr einfach.« 2005 fuhr er das erste Mal zur Ge-
gen«. Dann sitzt der Schwan (also die Ziffer 2) beispiels- dächtnisweltmeisterschaft, den »World Memory Cham-
weise auf dem Regal, die Mutter (33) auf der Couch, und pionships«, nach Oxford; 2007 stellte er in Bahrain sei-
der Ballon (9) ist am Balkongeländer festgebunden. Rei- nen ersten Weltrekord auf. Und plötzlich war da ein
chen die Punkte in der Wohnung nicht aus, geht er geis- Wunsch: »Ich will Weltmeister werden.«
tig weiter durch Magdeburg und andere Städte, die er Dafür allerdings muss das Gedächtnis drei Tage lang
zum Beispiel auf seinen Reisen kennen gelernt hat. »Ins- Höchstleistungen vollbringen. Die Teilnehmer einer
gesamt habe ich 2500 Punkte im Kopf, an denen ich mir Weltmeisterschaft treten in zehn Runden gegeneinan-
etwas merken kann«, erzählt er. Will er sich an die In- der an und sollen sich jeweils unter Zeitdruck Informa-
formationen später erinnern, läuft er in Gedanken ein- tionen wie Wörter, Zahlen oder Spielkarten merken.
fach wieder seinen Weg ab – und die Bilder erscheinen Nach jeder Runde werden die Punkte addiert. »Die letz-

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te Aufgabe ist die Königsdisziplin«, erklärt Mallow. Da- Blick auf einen Punkt vor ihm auf dem Tisch fokussiert.
bei haben die Gedächtnissportler maximal fünf Minu- Eine Woche vor einer Meisterschaft legt Mallow zudem
ten Zeit, um sich die Reihenfolge eines Kartensets ein- eine Trainingspause ein, um übungshalber eingeprägte
zuprägen, und dann wieder fünf Minuten, um ein Informationen wieder zu vergessen. So werden die
anderes Set identisch zu sortieren. Ein Fehler – und es mentalen Orte, an denen er sich etwas merkt, frei für
gibt keine Punkte. »Du darfst dich eigentlich nicht ab- neues Wissen.

PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY


lenken lassen«, sagt Mallow. »Doch auch bei einer WM Trotz seines intensiven Trainings verfehlte er 2009 in
schweifen meine Gedanken mal ab, gerade weil ich mir London sein Ziel knapp. Auch ein Jahr später in China
alles bildhaft vorstelle.« Um wenigstens Störungen aus ärgerte er sich über den zweiten Platz. Damals waren
der Umgebung zu minimieren, benutzt der Gedächtnis- seine Muskeln bereits so schwach, dass er seinen Ruck-
künstler Ohrstöpsel und eine Spezialbrille, die seinen sack nicht mehr allein tragen konnte. FSHD verläuft

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MEDIZIN / GEDÄCHTNISSPORT

sehr unterschiedlich; Mallow ist besonders stark betrof- Zurück in Magdeburg, schrieb er seine Dissertation
fen. Er sah ein: Ohne Rollstuhl würde sein Traum vom über die Spulen eines Magnetresonanztomografen und
Weltmeistertitel platzen. führte eine Studie durch, in der er die Hirnaktivität von
So reiste er 2012 das erste Mal mit Rollstuhl zu einer Gedächtnissportlern aufzeichnete (siehe »Was passiert
Weltmeisterschaft nach London. Und endlich gewann beim Gedächtnissport im Gehirn?«, S. 72). Im Dezem-
er – ein Schlüsselmoment. »Der Beste der Welt zu sein, ber 2016 holte Mallow sich die Doktorurkunde ab. In-
PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY

hat mir gezeigt: Ich kann doch etwas«, sagt er. Etwa zur zwischen arbeitet er als selbstständiger Gedächtnistrai-
gleichen Zeit beendete er eine Psychotherapie, da er sie ner, hält Vorträge und gibt Kurse, in denen er anderen
zur Bewältigung seiner Krankheit nicht mehr brauchte. seine Techniken beibringt. Zu seinen Kunden gehören
Erleichterung machte sich in ihm breit: »Plötzlich fühl- Kindergruppen, Studenten, aber auch Manager. »Mit
te ich mich innerlich viel ­ruhiger.« der Loci-Methode kann man sich ebenso gut die Stich-

»Das Superhirn« gehört zu den größten Fernsehshows


Chinas. Etwa 80 Millionen Menschen verfolgten eine
im Januar 2016 in Nanking aufgezeichnete Sendung, in
der sich Johannes Mallow dem chinesischen Gedächt­
niskünstler Li Wei knapp geschlagen geben musste.
Was passiert beim Gedächtnissport punkte einer Rede wie die Argumente für eine Ver-

PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY


handlung merken«, erklärt Mallow.
im Gehirn? Er selbst büffelt Vokabeln in Mandarin, natürlich mit
2003 verglichen Forscher um Eleanor Maguire vom Hilfe seiner eigenen Gedächtnistricks. Die Sprache wird
University College London Gedächtnissportler mit ihm auf seinen Reisen helfen, denn in China ist der Ge-
Menschen, die ihr Gehirn nicht regelmäßig trainier- dächtnissport extrem populär. Als er 2015 zur Weltmeis-
ten. Wie erwartet, konnten sich die Experten weit terschaft in die chinesische Metropole Chengdu reiste,
mehr dreistellige Zahlen merken als die Vergleichs- habe er sich »wie ein Filmstar« gefühlt: »Ununterbro-
gruppe. Auch im Einprägen von Gesichtern erwie- chen musste ich Autogramme geben und Fotos mit
sen sie sich als überlegen. Bilder von Schneekristal- Fans machen. Skurril!« Er wurde Vierter und nahm im
len konnten beide Gruppen dagegen ähnlich gut Anschluss noch an einem Duell mit einem Gedächtnis-
wieder abrufen. In ihrer Intelligenz oder ihrer sportler im chinesischen Fernsehen teil, das landesweit
Hirnstruktur unterschieden sie sich ebenfalls nicht. 80 Millionen Menschen verfolgten. Bei uns war er be-
Allerdings zeigten die Gedächtnissportler wäh- reits in der TV-Show »Deutschlands Superhirn« zu se-
rend der Aufgaben mehr Aktivität in Hirnarealen, hen. Und seit einigen Jahren nimmt er an dem neuen
die mit dem räumlichen Gedächtnis und dem Wettbewerb »Extreme Memory Tournament« teil, bei
Lernen von Assoziationen zusammenhängen. Diese dem 24 Gedächtnissportler in einem K.-o.-System ge-
Areale sind besonders für die Loci-Methode wichtig, geneinander antreten. Auch diese Meisterschaft hat er
mit deren Hilfe sich die Gedächtnissportler die schon gewonnen.
Informationen mental an bestimmten Orten ein- Die Muskelkrankheit schreitet indes fort. Inzwischen
prägten. 2015 bestätigte eine weitere Untersuchung benötigt Mallow Unterstützung im Haushalt. Und ir-
des Gedächtniskünstlers und Bioinformatikers gendwann werde er noch mehr Hilfe in Anspruch neh-
Johannes Mallow zusammen mit Forschern aus men müssen, meint er. Das stört ihn heute jedoch viel
Magdeburg im Wesentlichen diese Ergebnisse. weniger als früher. »Ich bin stolz auf das, was ich er-
Nat. Neurosci. 6, S. 90–95, 2003; Front. Syst. Neurosci. 9, reicht habe«, sagt er. Er reist weiterhin viel – durch die
128, 2015 Welt, aber auch durch Deutschland mit seinem für ihn

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MEDIZIN / GEDÄCHTNISSPORT

Im Dezember 2015 nahm Johannes Mal­


low in der chinesischen Millionenstadt
Chengdu an den Gedächtnisweltmeister­
schaften teil und wurde Vierter. Den
Weltmeistertitel hatte er sich 2012 in
London geholt.

umgebauten Auto oder mit der Bahn, zum Beispiel zu


PHILIPP SANN PHOTOGRAPHY

seiner Freundin in Würzburg.


Außerdem engagiert er sich für Betroffene der FSHD.
Optimistische Meldungen von Forschern, die versu-
chen, ein Heilmittel gegen den Muskelabbau zu finden,
geben ihm keine allzu große Hoffnung. »Ich muss mit
dem klarkommen, was ich jetzt kann«, betont er. Eine
verlässliche Prognose vermögen die Ärzte ihm bislang
nicht zu geben.
Entgegen allen körperlichen Hindernissen treibt Jo-
hannes Mallow die Leidenschaft für die Wunder des
Gedächtnisses an. Besonders begeistern ihn seine Kurse
mit Kindern. Er wünscht sich, dass Gedächtnissport in
der Schule unterrichtet wird. »Denn wenn man die
richtigen Techniken kennt, kann man sich auch alles
andere besser merken«, meint er. Und noch ein weiterer
Traum hat sich tief in seinem trainierten Gehirn festge-
setzt: »Noch einmal Gedächtnisweltmeister werden –
das wäre toll.« H

WEBTIPP

Johannes Mallow stellt sich und seine Gedächtnistechniken vor: Mit seiner Freundin Julia verbringt
https://johannes-mallow.com Johannes Mallow viel Zeit. Hier bummeln
Weitere Webtipps im Internet: sie durch Hamburg.
www.spektrum.de/artikel/1446705

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MEDIZIN

SOZIALE WAHRNEHMUNG Das Leben von Menschen mit Borderline-


Persönlichkeitsstörung ist von Stimmungsschwankungen,
Konflikten und Krisen geprägt. Oft nehmen die Betroffenen auch
­Alltagssituationen anders wahr als Gesunde.

Emotionaler
Ausnahmezustand
VON INGA NIEDTFELD UND CHRISTIAN SCHMAHL

M
enschen mit Borderline-Persön- sehr intensive Gefühle erleben: Schon Kleinigkeiten
lichkeitsstörung haben häufig eine können bei ihnen große Angst, Schuld, Scham, Wut,
lange Geschichte von unglückli- Traurigkeit oder ausgeprägten Selbsthass hervorrufen.
chen Liebesbeziehungen, Tren- Solche Emotionsausbrüche treten mehrmals täglich auf
nungen und Versöhnungen hinter und wechseln sich oft sehr schnell ab. Sie sind nicht nur
sich. Auch ihre Freundschaften stärker als die von gesunden Menschen, sondern halten
laufen nach einem ähnlichen Muster ab: Mal stehen sie auch länger an, weswegen sie sich mitunter überlagern
einer bestimmten Person sehr nahe, verbringen viel Zeit und aufaddieren. Dadurch gelangen die Betroffenen in
mit ihr und idealisieren sie, dann wiederum verkrachen einen höchst unangenehmen Zustand diffuser Anspan-
sie sich so sehr, dass die Freundschaft in die Brüche geht. nung, den sie keinem bestimmten Gefühl mehr zuord-
Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen nen können – und so schnell wie möglich beenden
sind das hartnäckigste Symptom der Borderline-Per- möchten.
sönlichkeitsstörung (BPS). Laut einer Längsschnittstu- In einer 2016 veröffentlichten Metaanalyse gingen
die von John Gunderson und seinen Kollegen von der wir der Frage nach, inwiefern das Gehirn von Men-
Harvard University erfüllten nach zehn Jahren 85 Pro- schen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung emotio-
zent der Patienten die Diagnose nicht mehr. Wirklich nale Reize anders verarbeitet als das von Gesunden. Ge-
gesund waren sie leider trotzdem nicht: Die Mehrheit meinsam mit Lars Schulze von der Freien Universität
hatte immer noch große Probleme in Partnerschaften, Berlin werteten wir 19 Studien mit funktioneller Mag-
Freundschaften, mit der Familie oder Kollegen. netresonanztomografie aus. Das Ergebnis: Die linke
Die Beziehungsprobleme hängen damit zusammen, Amygdala der Patienten reagiert stärker auf negative
dass Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung Bilder, Wörter und Gesichter als die von gesunden Pro-

UNSERE EXPERTEN

Inga Niedtfeld ist promovierte Psychologin sowie Psychologische Psychotherapeutin. Sie


forscht am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Dort leitet sie
die Arbeitsgruppe »Emotionsregulation und Soziale Kognition«. Christian Schmahl ist Profes-
sor für Experimentelle Psychopathologie und Direktor der Klinik für Psychosomatik und
Psychotherapeutische Medizin am ZI. Er ist Sprecher der Klinischen Forschergruppe »Mecha-
nismen der gestörten Emotionsverarbeitung bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung«.

GEHIRN&GEIST 74 0 6 _ 2 0 1 7
Umarme mich,
berühr mich nicht
komm her, geh weg
du willst mich nicht.
Halt mich fest,
doch halt mich nicht
sonst schreie ich
stumm, nicht vor dir.
Ich hasse mich,
PHOTOCASE / NICOLASBERLIN

ich hasse dich


verlass mich nicht
ich liebe dich.
Gedicht einer Patientin
mit Borderline-
Persönlichkeitsstörung

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Auf einen Blick: Im Strudel der Gefühle

1 2 3
Menschen mit einer Borderline- Bildgebende Studien zeigen, In der Dialektisch-Behaviora-
Persönlichkeitsstörung erleben dass ihr Gehirn auf soziale Situ- len Therapie lernen die Patien-
intensive und wechselhafte ationen oft besonders sensibel ten, ihre Gefühle zu regulieren.
Emotionen, die sie nicht gut kon­ reagiert – beispielsweise überemp- Methoden wie das Neurofeedback
trollieren können. Das führt zu findlich auf Ausgrenzung. setzen daran an, die Übererregung
großen Problemen in Beziehungen. bestimmter Hirnareale zu dämpfen.

banden. Diese Hirnregion arbeitet entscheidend an der ten oder von diesen zurückgewiesen wurden, was wie-
Entstehung von Gefühlen mit. Zusätzlich weisen die derum ihre negativen Emotionen verstärkte.
Betroffenen im Vergleich zu Gesunden einen weniger Ebenso sitzt die Angst, abgelehnt oder ausgeschlos-
aktiven dorsolateralen präfrontalen Kortex auf, der bei sen zu werden, tief in den Köpfen der Patienten. Sie ha-
der Regulation von Gefühlen eine Schlüsselrolle ein- ben oft das Gefühl, nicht dazuzugehören und »anders«
nimmt. Das könnte erklären, weshalb es ihnen nur zu sein. Daher erwarten sie regelrecht, ausgegrenzt zu
schlecht gelingt, adäquat mit ihrer Anspannung und ih- werden, wie eine Studie von Babette Renneberg und ih-
ren starken Emotionen umzugehen. ren Kollegen von der Freien Universität Berlin ergab.
Oft dämpfen die Patienten ihre heftigen Emotionen Experimente der Arbeitsgruppe mit einem virtuellen
auf ungesunde Weise: Zum Beispiel verletzen sie sich Ballspiel machen deutlich, dass sich Menschen mit Bor-
selbst, konsumieren exzessiv Alkohol oder andere Dro- derline-Persönlichkeitsstörung schneller ausgeschlos-
gen, fahren riskant Auto, geben unkontrolliert Geld aus sen fühlen als Gesunde. Bei diesem Spiel namens »Cy-
oder essen übermäßig viel. Ein solches Verhalten kann berball« werfen sich der Versuchsteilnehmer und zwei
die innere Anspannung tatsächlich kurzzeitig abmil- Mitspieler einen Ball zu. Dabei manipulieren die Wis-
dern. Langfristig schadet es jedoch dem Körper, der fi- senschaftler, wie häufig der Proband den Ball erhält.
nanziellen Situation oder dem Berufserfolg. Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung fühl-
Durch die intensiven Gefühle der Patienten einer- ten sich selbst dann ungerecht behandelt, wenn sie ob-
seits sowie die fehlenden Fertigkeiten, diesen angemes- jektiv ebenso häufig zum Zuge kamen wie die anderen
sen zu begegnen, andererseits entsteht eine permanente Teilnehmer. Eine Analyse ihrer Gesichtsmuskeln offen-
emotionale Instabilität. Sie kann Beziehungen belasten, barte zudem, dass sie während der Partie seltener lä-
manchmal aber auch bereichern. In der Therapie reden chelten und häufiger einen uneindeutigen Gesichtsaus-
wir zwar meist über die Schattenseiten, die diese »Ach- druck zeigten als Gesunde. Das könnte im realen Leben
terbahn der Gefühle« mit sich bringt. Gleichzeitig emp- zu Missverständnissen führen und Konflikte begünsti-
finden jedoch viele, die mit einem Betroffenen zusam- gen oder verschärfen.
menarbeiten oder zusammenleben, die Verbindung als
sehr tief und lebendig. Fehlalarm in Gehirn
Wenn wir mit unseren Mitmenschen interagieren, ist Bildgebende Untersuchungen während des Cyberball-
es besonders wichtig, die eigenen Gefühle benennen Spiels deuten darauf hin, dass das Gehirn von Men-
und beeinflussen zu können. Wir äußern unsere Emp- schen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung beson-
findungen, Bedürfnisse und Wünsche, damit andere ders empfindlich auf Ausgrenzung reagiert. Wurden die
uns verstehen. Ebenso schätzen wir ein, was das Gegen- Probanden von ihren Mitspielern übergangen, war ihr
über fühlt, denkt und möchte. Wir steuern, wie nah uns präfrontaler Kortex stärker aktiv als der von gesunden
jemand kommen soll, und wissen, wann wir Distanz Personen. Doch selbst wenn die anderen sie fair behan-
brauchen. Wir müssen Konflikte austragen und mit delten, feuerten die Neurone in dieser Hirnregion sowie
Enttäuschung und Zurückweisung umgehen. All diese im dorsalen anterioren Zingulum übermäßig. Das Ge-
Situationen überfordern Borderline-Patienten. Sie re- hirn der Patienten ist offenbar außerordentlich wach-
agieren dann beispielsweise gereizt und wütend oder sam gegenüber sozialem Ausschluss – und schlägt auch
ziehen sich zurück. Johanna Hepp vom Zentralinstitut dann Alarm, wenn eigentlich alles gerecht abläuft. Re-
für Seelische Gesundheit in Mannheim und Kollegen agieren die Betroffenen auf die gefühlte Zurückweisung
erfassten in einer 2017 veröffentlichten Studie mit Hilfe dann wütend oder abweisend, mündet das oft in gegen-
einer Smartphone-App 27 Tage lang mehrmals täglich seitigen Beschuldigungen und Streit, weil die Mitmen-
das Befinden von Betroffenen. Die Ergebnisse machen schen die Reaktion nicht verstehen können.
den Teufelskreis deutlich, aus dem die Patienten nur Eine Therapeutin berichtete uns einmal, wie sie eine
schwer aussteigen können: So gaben viele Befragte an, Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung an der
sich momentan wütend oder traurig zu fühlen. Das Tür begrüßt und diese noch beim Eintreten gesagt habe:
führte dazu, dass sie häufig in Streit mit anderen gerie- »Sie sind aber mies drauf heute. Sind Sie sauer auf

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MEDIZIN / SOZIALE WAHRNEHMUNG

mich?« Die Therapeutin war an dem Tag tatsächlich Probanden mit und ohne BPS kurze Videosequenzen, in
schlecht gelaunt, jedoch hatte das überhaupt nichts mit denen eine Person ein dramatisches Ereignis schilderte,
der Klientin zu tun. Wir waren damals verblüfft, wie die etwa einen Autounfall. Ihre Emotionen konnte man da-
Patientin innerhalb von Sekunden bemerken konnte, bei sowohl an ihrer Mimik und Stimme als auch am In-
dass etwas nicht stimmte – und es dann direkt auf sich halt des Gesagten erkennen. Im Vergleich zu Gesunden
bezog. Sind Menschen mit Borderline-Persönlichkeits- fiel es den Patienten schwerer, korrekt einzuschätzen,
störung also ausgesprochen gut darin, die Emotionen was die Person im Video empfand. Dementsprechend
anderer wahrzunehmen? Nein. Verschiedene Experi- fühlten sie nach eigenen Angaben auch weniger mit ihr
mente haben gezeigt, dass sie sogar mehr Fehler ma- mit. Berichtete jemand hingegen über ein neutrales
chen, wenn sie die Gefühle und Beweggründe ihrer Thema (beispielsweise Spagettikochen), wobei Gesichts-
Mitmenschen einschätzen sollen. Beispielsweise deuten ausdruck und Tonfall allerdings auf ein Gefühl hindeu-
sie neutrale oder fröhliche Gesichtsausdrücke im Ver- teten, konnten die Patientinnen das Gefühl stärker
gleich zu Gesunden eher als wütend oder traurig. Da- nachempfinden. Das bedeutet: Die emotionale Tönung,
durch sind Missverständnisse vorprogrammiert. Au- also wie etwas gesagt wurde, hat den Inhalt überschattet.
ßerdem interpretieren sie manchmal zu viel in die Ge- Ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten in Bezie-
fühlsäußerungen von anderen hinein, so wie die oben hungen ist die übermäßige Sorge der Betroffenen, ver-
erwähnte Patientin die schlechte Laune ihrer Therapeu- lassen zu werden. Wird die Angst sehr groß, unterneh-
tin auf sich bezog. men sie alles Mögliche, um eine Trennung zu verhin-
Gleichzeitig lassen sich die Betroffenen unter be- dern. Ein Beispiel: Der Partner einer Patientin arbeitet
stimmten Bedingungen leichter von den negativen Ge- ein paar Abende länger als gewöhnlich. Daher befürch-
fühlen ihrer Mitmenschen anstecken. Wir präsentierten tet sie, er könne eine Affäre haben. Sie versucht darauf-

Kennzeichen der Borderline-Persönlichkeitsstörung


Etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind betroffen, nach Einschätzung von Experten ebenso
viele Männer wie Frauen. Allerdings wenden sich Letztere weit häufiger an einen Arzt. Männer ohne
Behandlung werden möglicherweise eher straffällig.

Zwischen-
menschliche Betroffene
Beziehungen sind Die haben eine ge-
intensiv und gleichzeitig Patienten störte Selbstwahr-
sehr instabil. Betroffene können den Ge- nehmung und Identi-
wechseln häufig zwi- danken, allein zu sein tät. Sie wissen oft nicht,
schen der Idealisie- oder verlassen zu wer sie wirklich sind,
rung und Entwer- werden, nicht ertragen und fühlen sich
tung anderer. und wollen Trennun- »anders als die
gen um jeden Preis anderen«.
Die Patienten sind vermeiden.
emotional sehr insta-
bil: mal eher ängstlich
oder reizbar, dann wie- Wut kön-
der niedergeschlagen Das Das Gefühl
nen sie nur einer »inneren
und bedrückt. Die oft sehr schwer bis Verhaltensmus-
intensiven Stimmun- ter beginnt in der Leere« begleitet
gar nicht unter- sie und ist für sie
gen können schnell drücken. Jugend und verfestigt sich
wechseln. im Erwachsenenalter. Der schwer zu
Verlauf ist chronisch; der Be- ertragen.
troffene und/oder seine Umge-
bung leiden unter der Sympto-
matik. Menschen mit einer sol-
Betroffene Viele Patienten chen Persönlichkeitsstörung fällt
verletzen sich pflegen einen impul- Unter
es besonders schwer, ihr starkem
selbst, begehen siven und selbstschädi- Verhalten zu ändern und
Suizidversuche genden Lebensstil. Stress misstrauen
neuen Situationen die Patienten ande-
oder drohen ­Beispiele: exzessives Geld- anzupassen.
anderen ausgeben, riskantes Sexu- ren oder nehmen die
damit. alverhalten, Substanz- Welt und den eigenen
missbrauch, rücksichts- Körper als unwirk-
loses Fahren, lich wahr.
Glücksspiel,
Essanfälle.
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MEDIZIN / SOZIALE WAHRNEHMUNG

linke Hemisphäre rechte Hemisphäre

MIT FRDL. GEN. VON LARS SCHULZE, FREIE UNIVERSITÄT BERLIN


Die linke Amygdala von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung reagiert stärker (rot) auf negative
Bilder als die von gesunden Probanden. Der dorsolaterale präfrontale Kortex ist bei den Betroffenen dage-
gen beidseitig weniger aktiviert (blau) als bei Kontrollpersonen. Die Grafik zeigt beide Hemi­sphären jeweils
von außen (obere Abbildungen), von der Mitte (unten) sowie von vorne (Mitte).

hin, seine Handynachrichten zu kontrollieren oder da- BPS-Diagnose war dieses Hirnareal hingegen durchge-
für zu sorgen, dass er die Wohnung in seiner Freizeit hend übermäßig aktiv, unabhängig vom Vorschlag des
nur noch selten verlässt. Reagiert er sauer, weil er sich in Gegenübers. Die Autoren der Studie gehen davon aus,
seiner Freiheit eingeschränkt fühlt, sieht die Patientin dass die Betroffenen dadurch nicht gut zwischen fairen
das als Bestätigung, dass er wirklich etwas zu verbergen oder unfairen Angeboten unterscheiden konnten – und
hat. Das führt zu Streit. Trennt sich deshalb der Partner sich durchweg schlecht behandelt fühlten. In einer ähn-
von ihr, bestärkt das die Überzeugung der Patientin: lichen Untersuchung unserer Arbeitsgruppe reagierten
»Menschen sind unzuverlässig, und ich bin ständig in Personen mit borderlinetypischen Persönlichkeitsei-
Gefahr, verlassen zu werden.« In die nächste Beziehung genschaften (die sich selbst etwa als besonders emotio-
geht sie möglicherweise noch misstrauischer. nal und impulsiv beschrieben) bereits sehr empfindlich,
Auch die Befunde eines Strategiespiels aus der Ver- wenn der andere nur ein einziges Mal ein unfaires An-
haltensökonomie weisen darauf hin, dass es Borderline- gebot machte. Während die meisten Menschen so einen
Patienten schwerfällt, Mitmenschen dauerhaft zu ver- Fehltritt schnell verzeihen, blieben sie misstrauisch,
trauen. In diesem Spiel darf zunächst einer von zwei auch wenn der Mitspieler danach wieder gerecht teilte.
Spielern vorschlagen, wie ein Geldbetrag unter den bei-
den aufgeteilt werden soll. Der Partner kann das Ange- Die eigenen Gefühle erkennen und regulieren
bot annehmen oder ablehnen. Stimmt er zu, erhalten Das verzerrte Bild, das Borderline-Patienten häufig von
beide die entsprechende Summe. Schlägt er es aus, ge- sich selbst und der Welt haben, kommt nicht von unge-
hen beide leer aus. Im Verlauf des Spiels lernen die Teil- fähr. Laut verschiedenen Studien haben etwa 70 Prozent
nehmer in der Regel, dass es sinnvoll ist zusammenzu- der Betroffenen in ihrer Kindheit emotionalen, körper-
arbeiten. lichen oder sexuellen Missbrauch erlebt. Ebenso haben
Neurowissenschaftler um Brooks King-Casas, der ihnen ihre Bezugspersonen oft wenig Wertschätzung
heute am Virginia Tech Carilion Research Institute entgegengebracht, sondern ihnen immer wieder das
forscht, führten ein solches Strategiespiel in einem Mag­ Gefühl vermittelt, ihre Empfindungen und Bedürfnisse
netresonanztomografen durch. Menschen mit Border- seien falsch oder böse. Daher haben die Patienten nicht
line-Persönlichkeitsstörung erhielten ihre Kooperation gelernt, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren
mit dem anderen nicht lange aufrecht, zudem schienen sowie Vertrauen in sich selbst und andere zu entwickeln.
sie nicht gut darin, verletztes Vertrauen des Partners Aber auch die Gene spielen eine Rolle. Eine Neigung zu
hin und wieder durch großzügige Gesten zu »kitten«. Impulsivität und emotionaler Sensitivität scheint die
Je unfairer das Angebot des ersten Spielers war, umso Störung zu begünstigen.
stärker reagierte bei gesunden Probanden die Inselrin- In den letzten Jahren haben verschiedene Experten
de. Sie spielt bei der Verarbeitung von Emotionen und spezielle Therapieprogramme für Borderline-Patienten
Körperempfindungen eine Rolle. Bei Teilnehmern mit entwickelt, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt

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ist. Die wichtigsten sind die Dialektisch-Behaviorale
Therapie (DBT) nach Marsha Linehan und die Mentali- M E H R W I S S E N AU F
sierungsbasierte Therapie nach Anthony Bateman und »SPEKTRUM.DE«
Peter Fonagy. Welche ein Therapeut im konkreten Fall
Das Gehirn&Geist-Dossier »Wenn die
bevorzugen sollte, hängt von den dominierenden Sym-
Seele den Halt verliert« enthält Artikel
ptomen ab. Am besten belegt und in Deutschland am über ausgewählte psychische Störungen
weitesten verbreitet ist die DBT. Sie ist vor allem für und ihre Behandlung.
­Patienten zu empfehlen, die Probleme mit starken Emo- www.spektrum.de/shop
tionen und innerer Anspannung haben und zu Selbst-
verletzung, Risikoverhalten, Alkohol- oder Drogen-
missbrauch oder Suizidalität neigen. Für Patienten mit ten, 2016 veröffentlichten Studie trainierten wir Patien-
BPS bei gleichzeitiger Posttraumatischer Belastungsstö- tinnen darin, ihre Hirnaktivität per Gedankenkraft zu
rung wurde eigens die DBT-PTSD entwickelt. Die DBT steuern. Während sie in einem Magnetresonanztomo-
basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, umfasst grafen lagen und abstoßende Bilder (zum Beispiel Un-
aber zusätzliche Elemente wie etwa Akzeptanz- und fälle oder Gewaltszenen) sahen, meldeten wir ihnen zu-
Achtsamkeitsübungen. Außerdem erlernen die Patien- rück, wie stark ihre Amygdala reagierte. Bereits inner-
ten verschiedene Strategien, um auf gesunde Weise mit halb von vier Sitzungen lernten die Teilnehmerinnen,
ihrer inneren Anspannung umzugehen und sie zu regu- die Aktivität dieser Hirnregion zu beeinflussen. Sie be-
lieren. richteten zudem davon, sich seltener angespannt zu füh-
Gemeinsam mit der Klinik für Allgemeine Psychiat- len und sich mehr über die eigenen Gefühle klar zu sein.
rie des Universitätsklinikums Heidelberg untersuchten Eine neue Initiative, die Betroffene, Angehörige und
wir, ob eine zwölfwöchige stationäre Behandlung mit Therapeuten an einen Tisch holt, ist der so genannte
der DBT auch die neuronale Verarbeitung unangeneh- Borderline-Trialog. In regelmäßigen Treffen können
mer Reize verändert. Dafür erfassten wir die Hirnakti- sich alle Beteiligten mit anderen austauschen, um von
vität der Probanden, während diese negative Bilder be- deren Erfahrungen zu profitieren und neue Sichtweisen
trachteten. Patienten, die von der Therapie profitiert kennen zu lernen. Zusätzlich erweitern Vorträge und
hatten, gelang es besser, dabei ihre Gefühle zu regulie- Fortbildungen das Wissen über die Störung. Wir glau-
ren. Ebenso reagierte ihre Amygdala, das Gefühlszent- ben, dass solche Initiativen neben einer Psychotherapie
rum, weniger stark. die Beziehungsfähigkeit von Menschen mit Borderline-
Außerdem entwickeln wir in unserer Abteilung wei- Persönlichkeitsstörung nachhaltig verbessern können.
tere Methoden, die für Menschen mit Borderline-Per- Denn ein stärkeres gegenseitiges Verständnis ist ein
sönlichkeitsstörung hilfreich sein könnten. In einer ers- Schlüssel zur Veränderung. H

L I T E R AT U RT I P P

Bohus, M., Reicherzer, M.: Ratgeber Borderline-Störung: Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe, 2012
Wissenswertes über die Borderline-Persönlichkeitsstörung und ihre Behandlung für Patienten und ihr Umfeld
QUELLEN

King-Casas, B. et al.: The Rupture and Repair of Cooperation


in Borderline Personality Disorder. In: Science 321, S. 806–810, 2008
Paret, C. et al.: Alterations of Amygdala-Prefrontal Connectivity with Real-Time fMRI Neurofeedback in BPD Patients.
In: Social Cognitive and Affective Neuroscience 11, S. 952–960, 2016
Schulze, L. et al.: Neural Correlates of Disturbed Emotion Processing in Borderline
Personality Disorder: A Multimodal Meta-Analysis. In: Biological Psychiatry 79, S. 97–106, 2016
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1446707
WEBTIPPS

Informationen für Betroffene und Angehörige:


www.blumenwiesen.org
Der Dachverband der Dialektisch-Behavioralen Therapie bietet Patienten unter anderem
eine Therapeutensuche und ihren Mitgliedern Zugriff auf verschiedene Materialien:
www.dachverband-dbt.de
Die Klinische Forschergruppe untersucht die Mechanismen der gestörten Emotionsverarbeitung
bei Borderline-Patienten. Teilnahmemöglichkeit an laufenden Studien sowie aktuelle Publikationen:
www.kfo256.de

GEHIRN&GEIST 79 0 6 _ 2 0 1 7
BÜCHER UND MEHR

ISTOCK / IMGORTHAND
»Wie häufig müsste sich deine helfen, Themen anzusprechen, über die der Patient
Mannschaft waschen?« vielleicht nicht von sich aus berichtet, etwa »Welchen
Moment möchtest du ab jetzt und für immer verges-
Kreative Fragekarten für die therapeutische sen?« Um die gewonnenen Informationen sowie eigene
Arbeit mit Kindern Notizen festzuhalten, steht online ein Dokumentati-
onsbogen zur Verfügung.

W
ill man aufschlussreiche Antworten erhalten, Die Autoren halten es für sinnvoll, wenn das Kind
muss man die richtigen Fragen stellen – in die Karten selbst vorliest, notfalls mit Unterstützung.
der Psychotherapie wie im sonstigen Leben. Denn dadurch falle es ihm leichter, schwierige Fragen
Vor allem in den ersten Sitzungen versucht der auf später zu verschieben, ohne dass dies die Bezie-
Therapeut, sich ein umfassendes Bild vom Patienten, hung zwischen Patient und Therapeut beeinträchtige.
dessen Problemen und Situation zu machen; gleichzei- Lediglich die Angabe »für die Kinderpsychotherapie
tig möchte er eine vertrauensvolle Atmosphäre und beraterische oder pädagogische Arbeit mit
schaffen und seinen Klienten nicht verschrecken. Kindern bis zu zehn Jahren« irritiert. Warum sollten
Der Kinder- und Jugendtherapeut Robert Rossa und die Fragen für ältere nicht geeignet sein? Im Gegenteil,
die Sozialpädagogin Julia Rossa haben zu diesem sie sind auch für die Therapie mit Erwachsenen
Zweck ein Kartenset entwickelt, das sie als »Breitband- sinnvoll. Das Kartenset unterstützt nicht nur Thera-
diagnostikum« bezeichnen. Es soll den Einstieg in die peuten, Fragen zu stellen, auf die sie vielleicht nicht
therapeutische Arbeit mit Kindern erleichtern und gekommen wären. Es hilft ebenso Patienten, sich selbst
gleichzeitig verhindern, dass der Therapeut bestimmte besser darüber klar zu werden, wer man eigentlich ist,
Themen vernachlässigt und dadurch möglicherweise was man mag und was man sich wünscht.
Entscheidendes übersieht. Es enthält 120 Karten mit Liesa Klotzbücher ist Psychologin und Redakteurin bei »Gehirn&Geist«.
Fragen, etwa: »Wenn du Kapitän auf einem Piraten-
schiff wärst, wie häufig würdest du deiner Mannschaft
befehlen, sich zu waschen? Warum?«
Die Karten teilen Rossa und Rossa in fünf Kategori-
en ein: Kreativität und Fähigkeiten, Wünsche und HHHHH
TIPP
DES MONATS

Beziehungen, Erfahrungen und Wissen, Emotionen Robert Rossa, Julia Rossa


und Gedanken, Alltag und Motivation. Teils erfordern
sie Fantasie (zum Beispiel: »Wenn du ein Bonbon WENN DU EIN BONBON
wärst, wie würdest du schmecken?«), teils stimmen sie WÄRST …
nachdenklich (zum Beispiel: »Was darf sich in deinem 120 verrückte Fragekarten für den
Leben nicht verändern?«). Aber alle bieten die Chance, Einstieg in die Kinderpsychotherapie
das Kind und seine Ängste, Ansichten und Erfahrun- Beltz, Weinheim und Basel 2017,
gen kennen zu lernen. Die Fragen können auch dabei 120 Fragekarten, € 24,95

GEHIRN&GEIST 80 0 6 _ 2 0 1 7
Autor ausführlich geschilderte Kontroverse zwischen
den beteiligten Forschern.
HHHHH Das Buch lebt von den beschriebenen Intrigen und
Luke Dittrich Machtkämpfen. So sind beispielsweise sieben Kapitel
mit »Secret Wars« betitelt. Leidtragender ist H. M., der
PATIENT H. M.
als von Wissenschaftlern ausgebeuteter Patient
A Study of Memory, Madness dargestellt wird. Selbst von angeblichen Hautverbren-
and Family Secrets nungen zu Forschungszwecken ist die Rede.
Penguin, London 2016, 464 S., Im Zentrum stehen Dittrichs Großvater Scoville
€ 22,99
und die 2016 verstorbene Neuropsychologin Suzanne
Corkin. Diese untersuchte H. M. gemeinsam mit dem
Chirurgen. Sie soll, so Dittrich, zunächst versucht
Lehrstück der Medizingeschichte haben, die Veröffentlichung von Anneses Befunden zu
verhindern.
Die Machtspiele der Forscher um einen Der Autor charakterisiert sowohl Scoville als auch
berühmten Patienten Corkin als skrupellos und machtbesessen. Seinen
Großvater, der in der Publikation von 1957 sein

E
in Buch über H. M., den vielleicht berühmtesten Vorgehen als »freiheraus experimentell« bezeichnete,
Patienten der Hirnforschung, noch dazu ge- beschreibt er als wenig theoriegeleitet, oder anders
schrieben von einem Enkel des Chirurgen ausgedrückt, als wild herumoperierenden Chirurgen.
William Scoville, der dem jungen Epileptiker im Jahr Scovilles Spitzname unter Kollegen lautete »Wild Bill«.
1953 die Hirnareale entfernte, in denen die Anfälle zu Tatsächlich fand er gar keinen epileptischen Herd bei
beginnen schienen. Das weckt allein durch diese H. M. Laut Dittrich soll er wohl auch das Gehirn seiner
Konstellation Interesse. an Schizophrenie erkrankten Frau lobotomiert haben,
Nach Meinung mancher Experten verstümmelte bevor er sich scheiden ließ und eine jüngere heiratete.
Scoville H. M., weil er ihm durch den Eingriff unwider- Die Psychochirurgie – eine besonders in der Mitte
ruflich die Fähigkeit nahm, neue Erinnerungen zu des letzten Jahrhunderts, vor der Einführung von
speichern. Anderen zufolge rettete er ihm das Leben, Psychopharmaka, verwendete Behandlungsform in der
indem er dessen zunehmende und medikamentös Psychiatrie – diskutiert Dittrich ausführlich. Bei
nicht kontrollierbare Anfälle reduzierte. H. M., der solchen Eingriffen trennte man meist Teile des Stirn-
eigentlich Henry Gustav Molaison hieß, lebte nach der hirns vom restlichen Großhirn ab oder entfernte sie.
Operation bis zu seinem Tod am 2. Dezember 2008 Die Idee dazu kam dem Neurochirurgen Egas Moniz
mehr als ein halbes Jahrhundert lang für die Wissen- (1874–1955), als er 1935 den Internationalen Kongress
schaft – in »ewiger Gegenwart«. Er glaubte auch für Neurologie besuchte. Am Eingang schüttelten die
Jahrzehnte später, es sei das Jahr 1953 und er selbst Schimpansen Becky und Lucy den Besuchern die
27 Jahre alt. Hielten ihm die Forscher einen Spiegel vor, Hände. Ihre Zahmheit wurde mit einer Stirnhirn­
realisierte er für einen Moment, dass er in Wirklichkeit ablation begründet, einer Entfernung von Hirngewebe.
viel älter war, um das kurze Zeit später wieder zu Moniz übertrug die Methode auf psychiatrische
vergessen. Patienten (nachdem er zunächst versucht hatte, ein
Jedes neurowissenschaftliche Lehrbuch verweist auf Loch in den Schädel zu bohren und Alkohol hineinzu-
H. M., um die Bedeutung des Hippocampus für die schütten). Er bekam für seine Idee 1949 den Nobelpreis
Gedächtnisbildung herauszustreichen. Die erste für Physiologie oder Medizin. Tatsächlich hatte der
Veröffentlichung des Chirurgen Scoville (1906–1984) Schweizer Arzt Gottlieb Burckhardt solche Eingriffe
über ihn und einige weitere Patienten erschien 1957. bereits 1891, also lange vor Moniz, bei psychiatrischen
Gemeinsam mit der Neuropsychologin Brenda Milner Patienten durchgeführt, worauf Dittrich hinweist. Er
stellte er in dieser Arbeit Ort und Ausdehnung der stellte sie allerdings ein, nachdem ein Patient verstarb.
entfernten Teile der medialen Schläfenlappen gemäß Der Autor nennt H. M.s Operation eine Lobotomie,
seinen Aufzeichnungen dar. Erst bei einer Untersu- was in mehrfacher Sicht falsch ist: Erstens entfernte
chung im Magnetresonanztomografen 1997 stellte man Scoville nicht den ganzen Schläfenlappen, sondern nur
fest, dass die Läsion etwas anders aussah, als Scoville dessen innere Teile. Zweitens durchtrennte er nicht das
das beschrieben hatte. Post mortem entdeckte der Gewebe, sondern entfernte es, und drittens wird der
Anatom Jacopo Annese auch eine Schädigung inner- Ausdruck meist nur für Eingriffe im Bereich des
halb des linken Stirnlappens. Damit begann eine vom Stirnhirns verwendet. Zwar erhalten auch heutzutage

GEHIRN&GEIST 81 0 6 _ 2 0 1 7
manche Patienten, die unter einer schweren und Gedächtnisforscher Endel Tulving durfte sein Gespräch
medikamentös nicht einstellbaren Epilepsie leiden, mit H. M. nicht aufzeichnen, was er später mit »Das ist
diese Art von Behandlung. Die Operation von H. M. einfach albern« kommentierte. Dittrich führt aus,
bleibt aber nahezu einzigartig, da sie in beiden Hemi- Corkin habe ihm in einem Interview gesagt, sie werde
sphären vorgenommen wurde. Heute beschränkt man die von ihr im Institut erhobenen Daten zu H. M.
sich auf eine, um komplette Amnesien zu vermeiden schreddern lassen. Nachdem Mitglieder der Memory
(die Ärzte bereits um 1900 bei Menschen mit beidseiti- Disorders Research Society die Aussage anzweifelten,
ger Schädigung des Hippocampus beschrieben hatten). belegte er sie mit einer Tonbandaufnahme.
Bis heute beruht die Bedeutung des Falls H. M. auf Das englischsprachige Buch, an dem Dittrich nach
der von Scoville und Milner formulierten Behauptung, eigenen Angaben sechs Jahre lang geschrieben hat, ist
die Entfernung des Hippocampus sei Ursache der chro- kurzweilig verfasst und charakterisiert eine Vielzahl
nischen Amnesie – und somit sei dieses Hirnareal die bekannter Neurowissenschaftler. Neben vielem bislang
Gedächtnisstruktur par excellence. Obwohl die Unbekanntem zu H. M.s Leben und Umfeld enthält es
Bedeutung des Hippocampus für die Gedächtnisbil- allerdings auch einige Abschweifungen, etwa dass in
dung sicher zentral ist, treten ganz ähnliche Amnesien Milners Kindheitsgarten Rittersporn gewachsen sei.
jedoch ebenso nach Schädigungen im Zwischenhirn Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig: Steven Rose
auf. Darüber hinaus haben schon frühere Neurowis- beschrieb ihn als »blumigen amerikanischen Stil, der
senschaftler darauf hingewiesen, dass es nicht zulässig für strenge englische Ohren unangenehm klingt«. Aber
ist, von einem Funktionsausfall nach der Schädigung vielleicht sind es auch die unerwarteten Machtspiele
einer Hirnstruktur auf die Aufgabe dieses Bereichs im der Forscher um H. M., die manchen Lesern Magen-
gesunden Gehirn zu schließen. Eine so großflächige schmerzen bereiten.
Entfernung, wie sie bei H. M. vorgenommen wurde, Hans Markowitsch ist emeritierter Professor für Physiologische
schädigt etwa auch eine Vielzahl von hin- und wegfüh- Psychologie an der Universität Bielefeld. Angelica Staniloiu hat eine
Assistenzprofessur an der University of Toronto inne.
renden Fasern.
Zudem war H. M.s Hirngewebe durch die Epilepsie
vermutlich bereits vor der Operation geschädigt, und
er benötigte zeitlebens Antiepileptika und andere Medi-
kamente, die das Gehirn ebenfalls beeinträchtigt haben
können. Darüber hinaus ist es nach dem Motto »Wer HHHHH
rastet, der rostet« vorstellbar, dass H. M.s geistige Leis- Nikil Mukerji
tungsfähigkeit im Lauf seines Lebens abnahm, lernte er
doch über 50 Jahre hinweg praktisch nichts dazu. Ein DIE 10 GEBOTE DES
Intelligenztest einige Jahre vor seinem Tod ergab einen GESUNDEN MENSCHEN-
IQ von 83; das ist deutlich unterdurchschnittlich. VERSTANDS
Dittrichs detaillierte Ausführungen über H. M.s Springer, Berlin und Heidelberg
Anatomie machen klar, dass möglicherweise zu viel in 2017, 329 S., € 16,99
den Fall hineingelesen wurde. Diese Ansicht teilt auch
der Neurowissenschaftler Steven Rose, der in Kompendium
der britischen Tageszeitung »Guardian« schrieb, man
könne wohl nicht mehr aus H. M.s Hirnschnitten
des klaren Denkens
herauslesen, als man dies aus denen von Lenin oder Vernünftig werden und bleiben
Albert Einstein konnte. Es sei deswegen an der Zeit,

L
ihm und seinem Gehirn ein würdiges Begräbnis ogisch, geordnet, effizient – wer würde nicht gern
zuteilwerden zu lassen. so denken. Und vor allem entscheiden. Sich nicht
Statt sanfter Ruhe gab es jedoch viel Gezänk um blenden oder ablenken lassen, nicht im Gestrüpp
H. M. und die Forschungsergebnisse, wie Dittrich der Scheinargumente und Vorurteile den Durchblick
schildert. Corkin – eine Kindheitsfreundin von H. M.s verlieren: Das erscheint gerade in »postfaktischen«
Mutter – soll diesen wie eine Glucke bewacht und nach Zeiten wichtiger denn je. Sehr lobenswert ist daher der
dem Tod seiner Eltern dafür gesorgt haben, dass ein ihr Versuch des Philosophen und Ökonomen Nikil
genehmer Mensch, der alle Experimente bewilligte, die Mukerji von der Ludwig-Maximilians-Universität
Vormundschaft erhielt. Video- und Audioaufnahmen München, dem richtigen und klaren Denken zu seinem
von H. M. ließ sie nicht zu. Selbst der berühmte Recht zu verhelfen.

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BÜCHER UND MEHR

Er tut dies mit einer Mischung aus Logikkurs, sie mitunter in so kleinteilige Appelle und Tipps, dass
Beispielen für typische Denkfallen, etwa aus der man als Leser leicht den Überblick verliert. Und
Homöopathie, sowie daraus abgeleiteten Anweisungen. spätestens bei Tipp »26.2.1. Erkunden Sie die Heuris-
Pauschale Aufforderungen wie »Denken Sie lückenlos« tik-Forschung« denkt man sich vielleicht, dass man
oder »Prüfen Sie Ihr Denken auf widersprüchliche seine Lebenszeit auch noch mit anderem füllen möchte
Annahmen« mögen zwar schwer zu erfüllen sein. Doch als mit der Prüfung möglicher Kurzschlüsse des
was zählt, ist der Wille und ein geschärfter Blick dafür, Denkens. Fakt ist: Wir denken oft gar nicht deshalb
nicht gleich jedem Unsinn auf den Leim zu gehen. falsch, weil wir es nicht besser können, sondern weil
Damit wäre angesichts des Erfolgs pseudowissenschaft- uns die Zeit, die Daten oder einfach die Notwendigkeit
licher Theorien oder Legenden schon viel gewonnen. abgehen. Über ein elftes Gebot hätte man somit gern
Wie Mukerji selbst einräumt, können wir allerdings gelesen: »Weniger ist manchmal mehr!« Dennoch ist
häufig gar nicht alle nötigen Informationen einholen das Buch eine gelungene Fundgrube der kognitiven
und jedes Detail zu Ende denken. Umso wichtiger ist Fehlleistungen und wie man sie vermeidet.
es, zumindest jene Mindeststandards zu beachten, die Steve Ayan ist Psychologe und Redakteur bei »Gehirn&Geist«.
der Autor klug und präzise vorstellt. Darunter etwa
Ockhams Rasiermesser: das Primat einfacher Erklä-
rungen, die mit möglichst wenigen Vorannahmen »Gehirn&Geist« und Springer Science+Business Media gehören
auskommen. beide zur Verlagsgruppe Springer Nature. Dies hat jedoch
keinen Einfluss auf die Auswahl der besprochenen Bücher oder
Mukerjis 10 Gebote – von »Bringen Sie Ordnung in die Inhalte der Rezensionen. »Gehirn&Geist« behandelt Titel
Ihr Denken« bis »Lassen Sie sich keinen Bären aus dem Springer-Verlag mit demselben Anspruch und nach
aufbinden« – sind gut und richtig. Nur zergliedert er denselben Kriterien wie Titel aus anderen Verlagen.

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Denkens entwirrte

4 W
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der Selbsthypnose sein symbiotisches Verhältnis zu Amos
Piper, München und Berlin 2015, 336 S., € 14,99 Tversky (1937–1996). Aus ihrem gemeinsamen Interesse
für systematische Denk- und Urteilsfehler entwickelten

5 SVEN GOTTSCHLING, LARS AMEND


Leben bis zuletzt. Was wir für ein gutes Sterben
tun können
die beiden bedeutenden Psychologen über Jahre hin-
weg ihre »Prospect Theory«, welche die Verzerrungen
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durch unsere Psyche und ihre Erkrankungen
Lewis das Leben und wissenschaftliche Schaffen der
beiden ungleichen Freunde.
Die Kahnemans flohen vor den Nazis aus Paris
C.H.Beck, München 2017, 207 S., € 16,95 zunächst nach Südfrankreich und schließlich weiter
nach Jerusalem. Auch für die Familie von Tversky, der

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Wie du kriegst, was du brauchst, wenn du weißt,
was du willst
in Haifa zur Welt kam, wird der junge Staat Israel zur
neuen Heimat. Beide sind nach dem Studium zunächst
im Militärdienst aktiv: der besonnene Kahneman als
Ullstein, Berlin 2017, 312 S., € 16,99 Berater bei der Offiziersauswahl, der Draufgänger Tver-
sky bei den Fallschirmjägern. Ende der 1960er Jahre

8 FRIEDEMANN KARIG
Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie
Blumenbar, Berlin 2017, 303 S., € 20,–
laufen sie sich dann zufällig an der Hebräischen
Universität in Jerusalem über den Weg – und fangen
sofort für ein bis dahin kaum beachtetes Thema Feuer:
jene erstaunlichen Denkfallen, in die wir beim Umgang

9 KLAUS BERNHARDT
Panikattacken und andere Angststörungen
loswerden! Wie die Hirnforschung hilft, Angst
mit Unsicherheit tappen.
Über die bahnbrechende Forschung von Tversky
und Kahneman erfährt man in Lewis’ Mischung aus
und Panik für immer zu besiegen Doppelbiografie und Sachbuch enorm viel. Allein die
Think And Change, 2016, 156 S., 24,90 € Ausführungen zum ersten gemeinsamen Fachartikel
des Duos, ihrer Studie zum »Gesetz der kleinen Zahl«

10 CATHERINE COLLIN, NIGEL BENSON,


JOANNAH GINSBURG, VOULA GRAND,
MERRIN LAZYAN
von 1971, nehmen gut 20 Seiten ein. Tversky und
Kahneman begründeten darin, warum selbst gewiefte
Statistiker der Illusion erliegen, kleine Stichproben (ob
Das Psychologie-Buch von Ereignissen oder Probanden in einem Experiment)
Dorling Kindersley, München 2012, 352 S., € 24,95 seien genauso zufallsverteilt wie große. In Wahrheit ist
dies gar nicht so wahrscheinlich: Absolvieren beispiels-
Nach Verkaufszahlen von media control
gelistet (Zeitraum: 1. 3.–4. 4. 2017)

GEHIRN&GEIST 84 0 6 _ 2 0 1 7
BÜCHER UND MEHR

weise fünf beliebige Menschen einen Intelligenztest, so Licht wären die Züge der beiden Forscher vielleicht
fallen die Werte sehr leicht unter- oder überdurch- differenzierter, menschlicher hervorgetreten. Auch ein
schnittlich aus. Bildteil mit dokumentarischen Fotos hätte dem Buch
Dieser und viele andere Irrtümer beruhen auf mehr Realitätsnähe verliehen.
psychologischen Voreinstellungen, die Tversky und Am meisten irritiert aber das lange, mit zahllosen
Kahneman als Erste detailliert untersuchten und Details zum Profi-Spielerscouting im US-Basketball
beschrieben. Begriffe wie etwa Verfügbarkeits- oder und -Baseball gespickte Eingangskapitel. Es ist letztlich
Repräsentativitätsbias, Framing oder Ankereffekt sind nur eine Reminiszenz an Lewis’ früheren Erfolg
heute aus der Kognitionsforschung nicht mehr »Moneyball« (mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt).
wegzudenken. Doch von der Tatsache, dass die genaue statistische
Lewis’ Bericht liest sich wie ein romanhaftes Analyse von Spielerdaten oft die intuitiven Urteile
Remake von Kahnemans Bestseller »Schnelles Denken, vermeintlicher Sportexperten schlägt, ist es ein weiter
langsames Denken«. Viele Anekdoten im Buch sind so Bogen zur Arbeit von Tversky und Kahneman über
persönlich, dass man über die Recherchequellen des Denk- und Urteilsfehler.
Autors staunt. Sein Stil ist mitreißend, wenn auch nicht Amos Tversky starb bereits 1996, im Alter von 59
frei von Redundanzen und Überhöhungen. So zeichnet Jahren, an Krebs. Sechs Jahre später nahm Daniel
er Tverskys und Kahnemans Charaktere in den Kahneman (gemeinsam mit dem US-amerikanischen
schillerndsten Farben: den einen als sprücheklopfen- Ökonomen Vernon Smith) in Stockholm den Nobel-
den Exzentriker und Partylöwen, den anderen als preis für Wirtschaftswissenschaften entgegen. Verdient
stillen Selbstzweifler, der lange im Schatten des haben ihn alle drei.
genialen Kollegen stand. In etwas weniger grellem Steve Ayan ist Psychologe und Redakteur bei »Gehirn&Geist«.

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Alternative Heilmethoden, Dokumentation, 3sat, 20.15 Uhr

Mit Hypnose die Entzündungen bei Morbus-Crohn- macher Kurt Langbein dokumentiert teils erstaunliche
Patienten behandeln? Den Krebs eindämmen durch Heilungserfolge und spricht mit Wissenschaftlern,
Meditation? Selbst schulmedizinisch ausgerichtete die das Phänomen zu erklären versuchen. Die »Psycho-
Kliniken setzen ergänzend auf solche alternativen neuroimmunologie« liefert dazu überraschend klare
Methoden. Der Wissenschaftsjournalist und Filme­ Antworten.

TV Leben –
­Gebrauchsanleitung
Donnerstag, 11. Mai
Familienaufstellung:
Samstag, 13. Mai
Forever young – Die
Dokumentation, SWR, Wege aus der Psycho- verunsicherten Alten
Mittwoch, 10. Mai 23.30 Uhr krise Dokumentationsreihe
Rolf Pfeifer, Robotiker Der Trend zur Selbstopti- Reportage, SWR, 1 Uhr »Deutschland unter
Science suisse, Die mierung hat eine Fülle (Nacht auf Donnerstag) Druck«, Teil 3, tages-
Intelligenz des Körpers, kommerzieller Angebote Laut den Verfechtern der schau24, 21.30 Uhr
Magazin, Schweizer hervorgebracht. Die Film- umstrittenen Familien- Wer körperlich oder
Fernsehen, SRF 1, 11.15 Uhr regisseure begeben sich aufstellung wurzeln viele geistig nicht mehr fit ist,
Im Labor von Rolf Pfeifer auf eine Reise durch psychische Probleme in fällt anderen zur Last,
springt ein Hunderoboter Deutschland, wo mittler- gestörten familiären muss gepflegt werden und
herum und es tummeln weile mehr als 50 000 Beziehungen. Die Kamera verursacht Kosten – davor
sich mechanische Fische. Coaches ihre Hilfe anbie- begleitet drei Teilnehmer, fürchten sich viele ältere
Mit Hilfe seiner KI-Ge- ten. So bilden die Lebens- die sich über »Stellvertre- Menschen. Immer lauter
schöpfe will der Informa- berater Hebammen aus, ter« zum Beispiel mit wird der Ruf, passive oder
tikprofessor von der schulen Bundeswehrsol- ihren Vätern, Müttern gar aktive Sterbehilfe
Universität Zürich daten und unterstützen oder Geschwistern zu legalisieren. Können
untersuchen, wie sich Stripperinnen. Profitieren konfrontieren, um sich Senioren heutzutage
Körper und Denken die Teilnehmer wirklich ihrer »Verstrickun­gen« überhaupt noch in Würde
gegenseitig beeinflussen. davon? bewusst zu werden. alt werden?

GEHIRN&GEIST 86 0 6 _ 2 0 1 7
Dienstag, 16. Mai Donnerstag, 18. Mai Dienstag, 16. Mai Donnerstag, 25. Mai
Gesunder Darm Manipuliert Egoismus: Bereue Last mit der Lust: Was
Visite, Gesundheits­ Magazin, ZDFneo, nichts! ist aus der sexuellen
magazin, NDR, 20.15 Uhr 23 Uhr Streetphilosophy, Jugend- Revolution geworden?
Darm und Gehirn Über die digitalen sozi- magazin, arte, 23.45 Uhr Feature, Deutschlandfunk,
arbeiten eng zusammen. alen Netzwerke werden Jonas will herausfinden, 20.05 Uhr
So vermag eine Diät posi- auf den Nutzer zuge- wie egoistisch er sein muss: Wie bewerten Sexualwis-
tive Gefühle auszulösen, schnittene Botschaften Hat derjenige am meisten senschaftler, Psychologen
und diese wiederum könn- transportiert und Erfolg, der keine Schwä- und Zeitzeugen die
ten Entzündungen im vermeintliche Mehrheits- che zulässt? Oder kommt »sexuelle Revolution« der
Verdauungssystem heilen. meinungen generiert; man im Leben weiter, 1960er und 1970er Jahre
mit Hasstiraden wird wenn man empathisch ist aus heutiger Sicht?
Virtual Reality – Revolu- gezielt die Stimmung und kooperiert?
tion im Wohnzimmer vergiftet. Wie kann man Samstag, 27. Mai
Quarks & Caspers, sich gegen die Manipula- Ein trans-lesbisches
Wissenschaftsmagazin, tionsversuche im Netz Radio Familienglück oder:
WDR, 21 Uhr wappnen? Das aufgeklärteste Kind
Psychologen kurieren Montag, 8. Mai der Welt
Angstpatienten per Samstag, 20. Mai Trauer und Erinnerung Feature, Deutschland­
Virtual-Reality-Brille, Alkoholsucht: Über den gesellschaft- radio, 18.05 Uhr
und Chirurgen üben ­Wundermittel Baclofen? lichen Umgang mit dem Eine wahrhaft ungewöhn-
schwierige Operationen Dokumentation, arte, ­Nationalsozialismus, liche Kleinfamilie: Die
zuerst in computergene- 22.40 Uhr Radiokolleg, Ö1, 9.30 Uhr Autorin begleitete drei
rierten Simulationen. Die Noch ist Baclofen heftig 1967 erschien das viel Jahre lang eine lesbische
Sendung beschäftigt sich umstritten: Das Medika- diskutierte Buch »Die Frau, ihre transsexuelle
mit den Gefahren, aber ment aus der Gruppe der Unfähigkeit zu trauern« Partnerin sowie deren
auch mit den Chancen, Muskelrelaxanzien der Psychoanalytiker gemeinsames Kind.
die den Siegeszug der soll – möglicherweise – Alexander und Margarete
Technik begleiten. auch Alkoholkranken Mitscherlich. Ihnen Eine Sprache der
dabei helfen, ihre zerstö- zufolge erlebten viele Verbindung
Mittwoch, 17. Mai rerische Sucht zu über- Deutsche durch ihre Lange Nacht »Gewaltfreie
Erreichbar rund um winden. Ein Kamerateam Identifikation mit Hitler Kommunikation«, ­Deutsch­-
die Uhr: Was treibt uns? begleitete ein Jahr lang die Niederlage des landfunk, 23.05 Uhr
Stationen, Magazin, drei von insgesamt Nationalsozialismus als In den 1970ern entwickel-
Bayerisches Fernsehen, 320 Patienten während totalen Verlust ihres te der US-Psychologe
19 Uhr der ersten großen klini- Selbst. Marshall Rosenberg die
Das Gefühl, immer schen Baclofen-Studie. »Gewaltfreie Kommuni-
erreichbar sein zu Mittwoch, 24. Mai kation« zur Konfliktlö-
müssen, soll mit verant- Sonntag, 21. Mai Was ist schon sung. Im deutschsprachi-
wortlich sein für die Die Suche nach einer ­»normal«? gen Raum verbreitet sich
Zunahme an Depressio- anderen Welt radioWissen am Nachmit- der Ansatz derzeit als
nen, Burnout und Sendereihe »Im Rausch – tag, Bayern2, 15.05 Uhr »Sprache des Herzens«.
Panikattacken. Wie lässt Eine etwas andere Der Begriff »normal«
sich ihm entkommen? Kulturgeschichte«, arte, tauchte zuerst im 18. Jahr­ Kurzfristige Programm­
1.50 Uhr (Nacht auf hundert im Zuge indust- änderungen sind möglich.
Droge Geld Sonntag) rieller Massenproduktion Zum Zeitpunkt der
Alles Wissen, Magazin, Steigern Rauschmittel die und statistischer Analysen Drucklegung lagen uns
hessen fernsehen, Kreativität? Die Doku- auf. Heute wollen Men­- keine späteren Sende­
21 Uhr mentation unternimmt schen lieber einzigartig termine vor. Diese finden
Geld ist für die meisten einen Streifzug durch die sein. Und doch gilt als Sie ab dem 9. 6. 2017 in der
von uns weit mehr als ein Weltliteratur von Lord psychisch gesund, wessen neuesten Ausgabe,
Zahlungsmittel. Laut Byron, Oscar Wilde, Verhalten dem der kostenlos abzurufen unter:
Psychologen kann es wie Charles Baudelaire bis zu Mehrheit und damit der www.spektrum.de/
eine Droge wirken. William S. Burroughs. Normalität entspricht. magazin/gehirn-und-geist/

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G EH IRN& G EIS T 39 11_2015


VORSCHAU

Gehirn&Geist 7/2017 erscheint am 9. Juni

Hilfe für
IS-Opfer
Der Psychologe Jan Ilhan
Kizilhan behandelt schwer
traumatisierte Jesidinnen,
die sich aus der Gefangen-
schaft des so genannten
Islamischen Staats befrei-
en konnten. Im Interview
berichtet er über das Pro-
jekt und seine Gespräche
mit Tätern.

Neue Serie: Ist


Bewusstsein
erklärbar?
Unsere neue, dreiteilige
Serie zur Neurophiloso-
phie behandelt eine
Kernfrage der Hirnfor-
GETTY IMAGES / FLASHPOP

schung: Ist Bewusstsein


mit empirisch-naturwis-
senschaftlichen Mitteln
erklärbar? Begründete
Zweifel daran präsentiert

Die Wurzeln der Persönlichkeit im ersten Teil der Philo-


soph Tobias Schlicht von
Ob extrovertiert, gewissenhaft oder ängstlich: Gene und frühkindliche der Ruhr-Universität
Erlebnisse, aber auch das spätere Umfeld machen uns zu dem, was wir sind. Bochum.
Doch wo im Gehirn »sitzt« eigentlich die Persönlichkeit? Wie können
­Erfahrungen auf Nervenzellen und Botenstoffe einwirken, und wie prägen
sie unser Temperament? Hirnforscher ergründen, in welchen Lebensphasen
jene neuronalen Zentren reifen, die uns unseren individuellen Charakter
verleihen.

Der Fall
Robin Williams
Als der Schauspieler Robin Williams Newsletter
2014 Suizid begeht, wird über die Lassen Sie sich jeden
Gründe wild spekuliert. An Depres­ Monat über Themen
sionen soll er gelitten haben, zudem und Autoren des neuen
an Parkinson. Durch die Autopsie Hefts informieren! Wir
stellt sich heraus: In Wahrheit rief halten Sie gern per E-Mail
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die relativ häufige, aber kaum be- auf dem Laufenden –


kannte Lewy-Körper-­Demenz seine natürlich kostenlos.
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psychiatri­schen Symptome hervor. www.spektrum.de/
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GEHIRN&GEIST 89 0 6 _ 2 0 1 7
HIRSCHHAUSENS HIRNSCHMALZ
FRANK EIDEL; MIT FRDL. GEN. VON ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Psychotest:
nnt,
Wird man nach dem Tod verbra
ist man hauptsächlich …
A) in der Urne.
B) in Gedanken.
C) CO2.
D) woanders.

Asche zu Asche
D R . E C K A RT VO N H I R S C H HAU S E N lich ungebunden, um nicht zu sagen mobil. Nur irgend­
ist Mediziner, Moderator und geht ab Herbst mit seinem neuen
wie muss ja ein Ort, eine Zeit und ein Ritual gefunden
Kabarett-Programm »ENDLICH!« live auf Tour. Er möchte werden, damit umzugehen. In den Niederlanden sind
nicht im ­Gedenken weiterleben, sondern in seiner Wohnung. die Vorschriften lockerer als in Deutschland, so dass
man die Asche auch mit nach Hause nehmen darf und
zum Beispiel Kunst daraus basteln kann. Es gibt Firmen,

F ür alle Leserinnen und Leser der Generation X, Y


und Z – eine Frage vorab: Wisst ihr noch, was Tele­
fonbücher waren? Es gab eine Zeit, kurz nach dem
die aus der Asche einen Diamanten pressen, den man
dann als Ring oder Kette trägt, je nachdem, was sich
richtig anfühlt: den Verstorbenen noch mal um den
Krieg, da gab es kein Internet. Nein, nicht weil das Finger wickeln oder für immer am Hals haben.
WLAN nicht funktionierte, es gab das komplett noch In der symbolischen Beziehung zur Asche wird Nähe
nicht. Nix WLAN. Auch Computer hielt man damals und Distanz neu ausgehandelt: Wohnzimmer oder das
mehrheitlich für verzichtbar. Es galt das gedruckte Wort, weite Meer? Oft wird sie verstreut, gerne an einem für
und wenn man wissen wollte, wie man jemanden errei­ den Toten wichtigen Ort. Segler auf See, Wanderer in
chen konnte, musste man in ein großes Buch schauen, den Bergen, Blumenfreunde als Dünger im Beet mit
wo alle Namen drinstanden. Chance auf eine blühende »Wiedergeburt«. Wie immer
Der Schöpfer dieser mächtigen Verzeichnisse war bei angstbesetzten Themen sprießen auch die respekt­
nicht Gott, sondern die Deutsche Post, die damals noch losen Witze. »Ich will, dass meine Asche auf dem Aldi-
keine AG war und keine Konkurrenz kannte, also doch Parkplatz verstreut wird.« »Warum das?« »Damit meine
ein bisschen wie Gott war. Auf den Telefonbüchern gab Kinder wenigstens einmal die Woche vorbeikommen.«
es Werbeanzeigen, und die fettesten hatten in vielen In einem anderen Witz packt die Witwe die Asche ihres
Städten die Bestatter. In Berlin war das jahrzehntelang Gatten in eine Sanduhr: »Der kommt in die Küche, da
die Firma Grieneisen, was ja schon ein bisschen nach kann er endlich was Sinnvolles tun!« Ob Raucher nach
­einem fies lachenden Gevatter Tod klingt. Und auf den ihrem Ableben von den passivgeräucherten Angehöri­
Telefonzellen stand »Fasse dich kurz!«. So war man sich gen in einen Aschenbecher gesteckt werden?
der Vergänglichkeit der Sprechzeiten hier auf Erden Zeit, sich über das Zeitliche Gedanken zu machen,
­damals bewusster als heute, wo wir denken, das Leben sonst machen es andere. Auch du von der Generation
sei eine Flatrate und wir hätten immer und ewig Emp­ Y! Ein Nebeneffekt von Telefonbüchern war, dass jeder
fang. Telefonbücher sind ausgestorben, die meisten wur­ das Alphabet vorwärts und rückwärts draufhatte. Apro­
den wohl verbrannt. Aber was wurde aus ihrer Asche? pos: Geht es nach der Generation Z eigentlich wieder
Religionsforscher aus den Niederlanden beschreiben bei A los? Alles ein großer Kreislauf … H
in einer aktuellen Studie den höchst unterschiedlichen
Umgang mit der Asche von Verstorbenen. Seit gut
50 Jahren wird die Kremation immer gebräuchlicher QUELLE
und in Zeiten schwindender konfessioneller Bindungen Mathijssen, B.: The Ambiguity of Human Ashes:
immer beliebter. Asche ist trocken und »flüssig« zu­ Exploring Encounters with Cremated Remains in the
gleich; ein Gegenstand und doch dematerialisiert, ört­ Netherlands. In: Death Studies 41, S. 34–41, 2017

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