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llit der Bildung des Kessel von Falai e in

ordfrankreich und der Landung alliierter In­


va ion treitkräfte an der provenzalis hen Kü-
te stand das deut ehe Westheer im ugust
1944 vor der ernichtung.
Der hier er tmal anhand der Akten aufgear­
beitete »Fall von Paris« am 25. Augu t 1944
chien der Weltöffentlichkeit die baldige end­
gültige iederlage de Reiches anzukündigen.
Doch war es wider Erwarten noch nicht o­
weit: ängel in der al1iierten Operation füh­
rung und die Lei tungen der deut chen Trup­
pen und Stäbe verhinderten daß der Krieg in
We teuropa chon 1944 zu Ende ging.

Mitte September konnten die großen Rück­


zugsbewegungen au ord- Mittel- und Süd­
frankreich insge amt erfolgreich zum Ab-
chluß gebracht werden. Die We tfront konso-
lidierte i h in der ähe der Reich grenzen
entlang der sogenannten Weststellung.

uf den eit dern Durchbruch von vranches


ein etz nden Bewegung feldzug der lliierten
folgte nun eine Pha e de Stellung kampfes mit
relativ festgefügten Fronten. In ihrem Schutz
bereitete Hitler or, wa ihm Mitte September
»au der Rückzugsbewegung heraus« mißlun­
gen war, eine ent cheidungssuchende Angriffs­
operation die spätere Ardennenoffen ive.
Joachim Ludewig

Der deutsche Rückzug


aus Frankreich 1944
Einzelschriften zur Militärgeschichte

39

Herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt


Joachim Ludewig

Der deutsche
Rückzug aus
Frankreich 1944

Verlag Rombach Freiburg


Die Abbildung auf dem Umschlag zeigt ein amerikanisches Warnschild
an der deutschen Grenze, entnommen aus: Adolf Hohenstein/Wolfgang
Trees, Hölle im Hürtgenwald, Aachen 1981, S. 55

Die Deut ehe Bibliothek - CIP-Einheit aufnahrnc


Ludewig, J oachim:
Der deut ehe Rückzug au Frankreich 1944/ Joachirn Ludewig.
- 2. Aufl. - Freiburg im Brei gau: Rombach 1995
(Einzel chriften zur Militärge chichte 39)
·

ISB 3-7930-0696-4
E: GT

© 1995 Rombach GmbH Druck- und Verlag hau


Freiburg im Brei gau
2. Auflage. Alle Rechte vorbehalten
atz: Militärge chichtliche For chung amt Freiburg in1 Brei gau
Her tellung: Ro1nbach GmbH Druck- und Verlag hau
Freiburg im Brei gau
Printed in Germany
I B 3-7930-0696-4
Inhalt

Vorwort des Herausgebers ................... ....................................... 11

Dank des Autors . .. ... .. . . .. . ..


.... ...................................................... 13

Einführung ...... ................................... ........................................


. 15

Teil A
Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944- die Situa­
tion in Nordfrankreich und die alliierte Landung an der Mittel-
meerküste ......... ........................................................................... . 21

I. Die Militärisch-politische Situation des Deutschen Reiches:


Entwicklung der Rahmenbedingungen bis zum Sommer 1944 21

II. Ausgangslage auf alliierter Seite ......................................... . 26


1. Zum globalstrategischen Kontext ................................... 26
2. Die militärische Planung der Invasion in Nordfrankreich .. . 30
3. Alliierte Unterstützungskräfte ....................................... . 35
a) Die Luftwaffen ............................................................ 35
b) Die Resistance ............................................................ 39

III. Die Lageentwicklung bis Mitte August ............................. . 44


1. Die Entwicklung bis Ende Juli 1944 im Überblick ..... 44
2. Die deutsche Führung und die militärische Situation um
die Monatswende Juli/August 1944: Hitler und die Krise
im w�st�Il ........................................................................ 47
3. Verschärfung der Lage in Nordfrankreich und die Bedeu-
tung des 15. August für das Westheer ............................ 53

IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich ..................................... 61


1. Planungen und Erwartungen ......................................... . 61
a) Die deutsche Führung und das Problem einer Landung
tm s··d
· u en .................................................................... . 61
b) Die Operation DRAGOON in der Sicht alliierter Mili-
tärs .. ...........................................................................
. 66
2. Voraussetzungen auf deutscher Seite ...........................
... 69
a) Die Situation an der Atlantikküste ............ .. ........... . . 69
b) Die Lage an der Mittelmeerküste . ........ ..................... 71
6 Inhalt

3. Die Situation auf alliierter Seite ................... .................. 76


a) Militärische Vorbereitungen und Ziele ..................... 76
b) Reguläre alliierte Unterstützungskräfte ..................... 78
c) Die Rolle des französischen W iderstands .................. 79
4. Vom Invasionsbeginn bis zur Freigabe des Rückzugs ... 81
a) Der Verlauf des 15. August im Süden ....................... 81
b) Die Entwicklung des Kampfgeschehens im Küstenraum
bis zum Eintreffen von Hitlers (erstem) Rückzugsbefehl 87
c) Der endgültige Rückzugsbefehl für die Armeegruppe G
und seine Problematik . . .. ....................................
.. . .. . . 95

V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich ............................ ...... 99


1. Der Führungswechsel: Model im Westen (17. August) ... 99
2. Der Auftrag des OB West und die Situation der Heeres-
gruppe B .........................................................................
. 102
3. Die alliierte Kampfführung ............................................ 113
a) Abweichungen von der OVERLORD-Planung ........ 113
b) Die Resistance in Nordfrankreich ......... .................... 120

Teil B
Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise. Das
Kampfgeschehen vom 20. August bis zum 4. September 1944 ... 121

I. Der Beginn des Rückzugs im Westen ................................. 121


1. Die ersten Maßnahmen Models und die Führerweisung
vom 20. August ................................... ............................ 121
2. Die Absetzbewegung im Süden Frankreichs .
.. .... .......... 124
a) Rückzugsvorbereitungen der Stäbe .............
............... 124
b) Rückzugsbeginn der 19. Armee ............................... .. 128
c) Die Bedeutung der FFI in der Sicht der deutschen Füh-
rung ............................................................................. 131
d) Die Entwicklung in Südwestfrankreich (LXIV. Armee-
ltorl's) .......................................................................... 134
3. Das Kampfgeschehen bei der Heeresgruppe B bis zum Fall
von Paris ........................... ...... .....................................
.... 138
a) Der Rückzug der 7. Armee über die Seine ............... 138
b) Die Situation bei der 1. Armee südlich von Paris . .. . 145

II. Die Ereignisse um Paris .. . . . .


................................ . .. .. ... ... ..... 150
1. Die Bedeutung der Stadt im Rahmen deutscher und alli-
ierter Planungen . . ... .
................................ .. . .................... . 150
2. v. Choltitz, die deutsche Führung im Westen und die Lage-
entwicklung in Paris bis zum 23. August .. . . .. .... ... ......... 157
3. Betrachtungen zum »Fall von Paris« {25. August) ......... 167
Inhalt 7

III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf bis zum


Höhepunkt der Krise ............................. ............................. 175
1. Die erste große Lagebeurteilung des OB West .............. 175
2. Die Situationsanalyse auf alliierter Seite ........................ 178
a) Die Strategiedebatte und Eisenhowers Entscheidung
vom 24. August ........................................................... 178
b) Die Perzeption der Nachschubsituation in der alliier-
ten Führung ...............................................................
. 182
3. Die Zuspitzung der Situation im Bereich der Heeres-
gruppe B .........................................................................
. 184
a) Die Räumung des Brückenkopfs westlich der Seine ... 184
b) Der amerikanische Durchbruch ostwärts von Paris ... 187
c) Feldmarschall Model und die »Lücke bei Reims« ... . 190
d) Die Weststellung ............... .........................................
. 199
4. Von der Krise bei Montelimar bis zur ersten Festigung des
linken Flügels der Westfront .......................................... 203
a) Der Durchbruch der 19. Armee durch das Rhonetal... 203
b) Der Aufbau eines Brückenkopfes um Dijon ............. 208
c) Die Errichtung einer Verteidigungslinie an der Mosel... 215
5. Der Höhepunkt der Krise im Westen . . . .
... .. ..... ............. 219
a) Der Kessel von Mons ................................................
. 219
b) Der Fall Antwerpens .................................................. 228
c) »Auffangmaßnahmen« im Westen und die Lagebeurtei-
lung Models vom 4. September ................................. 229

IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung .................... 232


1. Lagebeurteilung und Entscheidungen auf alliierter Seite ... 232
2. Der Offensivplan Hitlers .................................... .... ........ 238
3. Feldmarschall v. Rundstedt und die Kräftesituation im
Westen . .. .... .... ..... .... ..... .... .... .... ..... .... ..... .... .... ..................
. 244

Teil C
Die Entwicklung vom Höhepunkt der Krise bis zum Übergang
zum Stellungskrieg im Westen- Das Kampfgeschehen im Sep-
tember 1944 .. ............ ......................... .................... ..................... 249

I. Vom Höhepunkt der Krise bis zu den ersten Anzeichen einer


Stabilisierung der Westfront ................... .....................
........ 249
1. Die Entwicklung am Nordflügel .. . ............. . . ... . .
. .. ......... 249
a) Der Einsatz der 1. Fallschirmarmee zwischen Antwer-
pen und Maastricht ................... ..............................
... 249
b) Der Beginn des Rückzugs der 15. Armee über die
Westerschelde ... ..... .... .... ..... .... .... ..... .... ......... .... ..... .... .. 25 3
8 Inhalt

2. Das Geschehen im Zentrum der Westfront .. ................ . 259


a) Der Rückzug der 7. Armee auf den Westwall .......... 259
b) Die ersten Kämpfe an der Moselfront (1. Armee) .... 267

li. Die Lagebeurteilungen der Führungsstäbe und das Scheitern


des Konzepts einer deutschen »Gegenoffensive aus der Bewe-
gung« ............... ........................................................... .......... 275
1. Lagebeurteilungen und Entscheidungen gegen Ende der
ersten Septemberdekade ...... ........................ .................... 275
a) Die Alliierten und die »Endphase« des Kampfes gegen
das Deutsche Reich .......... .......................................... 275
b) Der Beginn deutscher Offensivvorbereitungen ...... ... 280
2. Die Lage am Südflügel . .. .. .... . .. . ... .. .... . . . ... ......... . ... .
.. .. . . . .. . 283
a) Der Kampf um den Brockenkopf Dijon: die Beendi­
gung des Rückmarsches aus Südwestfrankreich und die
Voraussetzungen für eine Gegenoffensive .............. ... 283
b) Das Scheitern des Offensivkonzepts: die Niederlage bei
Dompaire und ihre Folgen . .... .
..... ............................. 290

III. Das Ende der Rückzugsoperationen im Westen und der Über-


gang zum Stellungskrieg ...................................................... 298
1. Der Abwehrkampf des Westheeres zwischen Aachen und
Nancy .............................................................................
. 298
2. Das Ende des Rückzugs: Der Erfolg der Absetzoperatio-
nen an den äußeren Flügeln der Westfront .... .. . ...... . . ... . 317
3. Das Scheitern der Operation MARKET-GARDEN .. . . . 324

Schlußbetrachtung ..................... ................................................. 333

Abkürzungsverzeichnis .... ........................................................... 345

Kartenverzeichnis
1. Gliederung im Bereich Ob. West, Stand 5. 6.1944 ... nach S. 48
2. Frontverlauf am 31. 7.1944 ........................................... 56/57
3. Frontverlauf am 15. 8.1944 . . ......... nach S. 64
................ .............

4. Lage Armeegruppe G am 14. 8.1944 . . . .. . . . nach S. 80 ........ .. . .. . . .

5. Lage AOK 19 am 15. 8.1944 ......................................... 88/89


6. Frontverlauf am 10. 8.1944 ........................................... 108/109
7. Frontverlauf am 16. und 21. 8.1944 .............................. 118/119
8. Marschwege der Armeegruppe G ........................... nach S. 128
9. Lage AOK19 am 24./25. 8.1944 ................................... 132
10. Frontgliederung Heeresgruppe B am 21.8.1944 .......... 140/141
11. Lage West am 21. 8.1944 . ................................... ...... nach S. 144
12. Lage West am 25. 8.1944 . .. . . ... . nach S. 176
............... ... . ........ .. . ...

13. Lage Heeresgruppe B am 30. 8.1944 ............................. 196/197


Inhalt 9

14. Lage Südfrankreich am 27. 8. 1944 ................ ....... ......... 206


15. Lage AOK 19 am 6.9.1944 ........................................... 212/213
16. Lage AOK 1 am 6. 9.1944 ............................................. 220/221
17. Lage AOK 15 am 4. 9. 1944 ........................................... 226/227
18. Lage West am 4. 9.1944 . .... . .. .. . . . .. .. .. ................... . .... nach S. 240
19. Heeresgruppe B, Nordabschnitt am 10. 9.1944 abends 254/255
20. Der »Offensivplan« September 1944 . ............. ... .. .. nach S. 256
. .

21. Lage AOK 1 am 10./11. 9.1944 ..................................... 272


22. Lage AOK 19 am 14. 9.1944 ......................................... 294
23. Lage 7. Armee am 15. 9.1944 ........................................ 302
24. Entwicklung der Lage bei 7. und 1. Armee vom 15.-
22. 9.1944 ....................................................................... 306
25. Frontverlauf 25. 7.-31.10.1944 .. ........... ... . . . . . . . .... . . nach S. 336
..

Legende .. ........................................ ...................................... 348

Quellen- und Literaturverzeichnis . .... ..................... ................... 351

Personenregister . ..
. ........... . .
.. ............... ......................... ...........
.... 365
Vorwort

Die Invasion der Alliierten vom 6. Juni 1944 in der Normandie mar­
kiert einen dramatischen Wendepunkt im Kriegsgeschehen des Zwei­
ten Weltkrieges. Ähnlich der »Wende vor Moskau« im Winter 1941
veränderte sich die politische und militärische Lage grundlegend. Die
über drei Jahre sorgfältig vorbereitete und von der Wehrmachtführung
erwartete Landung an der Atlantikküste Frankreichs ließ den Alptraum
Adolf Hitlers, Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, zur folgenschweren
Realität werden: Diese »zweite Front« im Rücken des verzweifelt rin­
genden deutschen Ostheeres veränderte in unterschiedlicher Weise und
Gewichtung das politische und militärstrategische Kalkül der Kriegs­
koalition ebenso wie das der deutschen Reichsleitung. Die bis heute
größte triphibische Landung in der Kriegsgeschichte mit ��n Opera­
tionen »Overlord« und »Neptun«, gestützt auf eine totale Uberlegen­
heit bei den Luft- und Seestreitkräften, sowie eines nie dagewesenen,
riesigen logistischen Apparates, entlastete zunächst die Rote Armee,
indem 59 Divisionen unter Generalfeldmarschall v. Rundstedt, darun­
ter die Heeresgruppe B mit der 7. und 15. Armee unter Generalfeld­
marschall Rommel, im Westen gefesselt wurden.
Die z. T. personell aufgefrischten und mit den modernen Panzertypen
»Panther« und »Tiger« ausgestatteten Panzerdivisionen fehlten dem deut­
schen Ostheer für eine großräumige, defensive, bewegliche Operations­
führung großen Stils. An Stelle eines operativen »Schlagens aus der
Nachhand« wurde das »Halten<< zur Methode Hitlerscher Kriegfüh­
rung. Diese Lage erhöhte das politische und militärische Gewicht der
Sowjetunion gegenüber ihren Kriegsverbündeten wie auch dem Deut­
schen Reich entscheidend. Dem deutschen Ostheer wurde das Gesetz
des Handeins aufgezwungen.
Die deutsche Führung sah sich vor die Entscheidung gestellt, auf wel­
chen Kriegsschauplatz sie den militärischen Schwerpunkt legen sollte,
damit die politischen und militärischen Ziele erreicht werden konn­
ten, um doch noch ein akzeptables Kriegsende zu erwirken, das nicht
einer bedingungslosen Kapitulation gleichkam. Das Kalkül eines »Son­
derfriedens<< der beiden Diktatoren Hitler und Stalin, oder eine »West­
lösung«, durch die den Westalliierten der schnelle Vorstoß auf das
Reichsgebiet ermöglicht werden sollte, beherrschte die handelnden poli­
tischen und historischen Figuren Churchill, Roosevelt, Stalin und Hitler
wie deren Generalstäbe.
12 Vorwort

Vor dem Hintergrund dieses sehr diffizilen und unterschiedlich motivier­


ten Beziehungsgeflechts entbrannte ein Wettlauf beim »Endkampf um das
Reich«, wer als Erster und als Sieger in der Reichshauptstadt Berlin seine
Flagge auf dem Reichstag aufziehen konnte.
Die hier vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebene Arbeit,
die als Dissertation noch von Andreas Hillgruber angeregt und sodann
von Jost Dülffer an der Universität Köln betreut wurde, schildert in äußerst
anschaulicher Weise die sich an den >)D-Day« anschließenden Operatio­
nen: die Bildung des Kessels von Falaise in Nordfrankreich, die durch die
weitere Landung alliierter Invasionsstreitkräfte an der provenzalischen Küste
eingeleitete )>Schlacht um Frankreich« und ihren Höhepunkt, den Fall von
Paris am 25. August 1944.
Durch Ludewig wird erstmals die militärische Lage an der Westfront in
den kriegsentscheidenden Monaten August/September 1944 minutiös aus
den deutschen und alliierten Akten aufgearbeitet. Geboten wird ein aus­
gewogenes Bild des operativen Geschehens, der jeweiligen militärischen
Lagebeurteilungen, Möglichkeiten und Fehlentscheidungen sowohl der
deutschen als auch der alliierten Seite. Der Rückzug im Westen zwischen
dem 20. August und dem 4. September sowie die Übergabe von Paris, das
entgegen eines F ührerbefehls nicht zerstört wurde, sowie der Fall von
Antwerpen und die schließliehe Errichtung einer deutschen Auffangstel­
le bei Dijon stehen im Mittelpunkt der differenzierenden Darstellung.
Dabei wird untersucht, wie es trotz beträchtlicher alliierter Übermacht,
zumal bei den Luftstreitkräften, dem deutschen Westheer gelingen konn­
te, die Westfront im September noch einmal zu stabilisieren, so daß damit
die Voraussetzungen für die nachfolgende Ardennen-Offensive im Dezem­
ber 1944 geschaffen werden konnten.
Ludewig vermag somit den Zeitraum, den die Studien von Dieter Ose und
Hermann Jung ausgespart haben, abzudecken und Grundlagen zu schaf­
fen für das Verständnis der Bedingungen des Endkampfes um das Reich.

Dr. Günter Roth


Brigadegeneral und Amtschef des
Militärgeschichtlichen Forschungsamtes
Dank des Autors

Dieses Buch ist die überarbeitete Fassung einer Dissertation, die im Win­
tersemester 1989/90 von der Philosophischen Fakultät der Universität zu
Köln angenommen wurde.
Erster Referent -war Prof. Dr. Jost Dülffer, zweiter Referent Prof. Dr. Günter
Kahle. Der mündliche Teil der Doktorprüfung fand am 3. Februar 1990
statt.
Der Verfasser weiß sich der Hanns-Seidel-Stiftung, München, verpflich­
tet, die das Promotionsvorhaben zw ischen 1987 und 1990 finanziell unter­
stützte.
Voller Dankbarkeit erinnert sich der Autor an Prof. Dr. Andreas Hillgru­
ber, der die Arbeit bis zu seinem Tode geduldig und mit großem Interesse
gefördert hat. Auch in schwierigen Situationen stand er dem Verfasser oft
richtungweisend, stets aber ermutigend zur Seite.
Ohne die spontane Bereitschaft von Prof. Dr. Jost Dülffer, die Betreuung
des Autors - vor allem im Promotionsverfahren - zu übernehmen, wäre
die Publikation in der vorliegenden Form ebenfalls nicht möglich gewe­
sen. Hierfür gebührt ihm besonderer Dank.
Für den großzügig gewährten Einblick in wichtige Unterlagen, viele detail­
lierte Informationen, praktische Hinweise, ständige Diskussionsbereitschaft
und Kritik möchte der Verfasser den seinerzeit zu Rate gezogenen Mitar­
beitern des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und des Bundesarchivs­
Militärarchivs in Freiburg, erwähnt seien nur Oberregierungsrat Dr. Die­
ter Ose und Archivamtsrat Brün Meyer, ebenso danken wie Brigadegene­
ral a. D. Hansgeorg Model und Ministerialrat Dr. Hubertus Deßloch, die
dem Autor darüber hinaus noch ihre Privatzeit zur Verfügung stellten.
Letzteres gilt vor allem auch für Oberstleutnant a. D. Klaus-Jürgen T hies,
dem der Verfasser die rasch und mit großer Akribie erfolgte Anfertigung
der Karten zu verdanken hat.
Last but not least habe ich meiner Frau Birgit für die Reinschrift des Manu­
skripts, aufgebrachte Geduld und manche Opfer, meinem Vater Ehrhard
und meiner Schwester Kirsten für Kor rekturlesen, Frau Marianne Göhre
für die Eingabe der Korrekturen und meinem Freund Heinrich Riggert
für Rat und Tat in EDV-technischer Hinsicht herzliehst zu danken.

Köln, im November 1991 Joachim Ludewig


Einführung

Die deutsche militärhistorische Forschung konzentrierte sich bisher bei


der Analyse der Landkriegsoperationen im Westen 1944 im wesentlichen
auf zwei T hemenkomplexe. W ährend die Invasion im Juni und der Abwehr­
kampf in der Normandie1 sowie Vorbereitung und Verlauf der Ardennen­
offensive im Herbst und W inter 19442 Gegenstand wissenschaftlicher
Untersuchungen wurden, fehlt noch eine entsprechende Studie über den
in des Wortes doppelter Bedeutung »atemraubenden« Bewegungsfeldzug
und das Umschlagen der sich überstürzenden Kampfereignisse in einen
mehr oder weniger in festgefügten Linien geführten Stellungskrieg.
Innerhalb des die Monate August und September 1944 umfassenden zeit­
lichen Rahmens dieser Arbeit verlagerten sich die Brennpunkte militäri­
schen Geschehens in nur wenigen Tagen über Entfernungen von bis zu
1000 Kilometern: von der Normandie, der französischen Atlantik- und
Mittelmeerküste in den Raum der Niederlande, der deutschen Westgren­
ze und der Voges�en.
Der Rückzug der Wehrmacht aus den seit 1940 besetzten Teilen Westeuro­
pas3 stellt einen wichtigen, hinsichtlich seines Verlaufs und seiner Folgen
beachtenswerten Teilaspekt der Endphase des Zweiten Weltkriegs dar. Mit
Frankreich ging die Position der kontinentalen Rückenfreiheit, von Hit­
Jer als wesentlich für ein erfolgreiches Ausgreifen nach Osten betrachtet,
verloren. Die Formen, die dieser Rückzug annahm - insbesondere der
nach dem Ausbruch aus dem Normandiebriickenkopf (Anfang August)
enorm rasche Fortgang der Operationen - nährten bei den alliierten Ober­
befehlshabern die Hoffnung, den Krieg in Europa noch 1944 beenden zu
können, eine Einschätzung, die auch von führenden deutschen Soldaten
geteilt wurde4• Der Fall von Paris (25. August) schien der Weltöffentlich-

1 Ose, Entscheidung.
2 Jung, Ardennenoffensive.

3 Der deutsche Einmarsch in den 1940 nicht besetzten Teil Frankreichs (Unter­

nehmen »Anton«) erfolgte erst ab dem 11. 11.1942. Die Gebiete ostwärts der
Rhone wurden nach dem italienischen Waffenstillstand (8.9.1943} besetzt. Einige
»Festungen« an den französischen Küsten und die Kanalinseln blieben bis Kriegs­
ende in deutscher Hand.
4 So teilte beispielsweise der Chief of Staff to the US-Army, General Marshall,

noch am 13.9.1944 seinen Senior Commanders mit, bis zum November 1944
sei mit der Beendigung des Krieges in Europa zu rechnen, vgl.: Papers of Eisen-
16 Einführung

keit in symbolhafterWeise den nahen Untergang des Dritten Reiches anzu­


kündigen. Statt dessen aber kam es nach den katastrophalen Niederlagen
und verlu treichen Rückzugskämpfen schon wenige Tage später noch ein­
mal zur Bildung einer zusammenhängenden Front, dann sogar zu einer
relativen Konsolidierung der Lage im Westen.
Das Anliegen der Arbeit besteht darin, dieses damals überraschende und
heute noch zu kontroversen Vermutungen Anlaß gebende Phänomen einer
detaillierten Untersuchung zu unterziehen. Dies erscheint schon deshalb
notwendig, da der erwähnte Situationsumschwung nicht nur im Kampf­
geschehen selbst eine Zäsur bedeutete: Mit der Stabilisierung der Front
konkretisierten sich nämlich, ohne daß die Befehlshaber im Westen es ahn­
ten, Hitlers Pläne für die Ardennenoffensive, jener letzten deutschen Groß­
offensive des Zweiten Weltkrieges, deren mittelbare Auswirkungen für das
Ostheer und die ostdeutsche Bevölkerung fatal waren und sicherlich auch
die politische Verhandlungsposition 'der Briten und Amerikaner in Jalta
nicht erleichterten.
Im verstärkten Bemühen der neueren deutschen Militärhistoriographie um
Perspektivenpluralität hat sich, auch was die Erforschung des ZweitenWelt­
krieges betrifft, eine Akzentverschiebung in Richtung eher sozialgeschicht­
lich orientierter Fragestellungen ergeben5•
Demgegenüber sieht sich der Verfasser einem aufgrund der Themenstel­
lung naheliegenden >>traditionelleren« Ansatz verpflichtet. Dabei kann er
sich auf die Worte Wolfgang v. Grootes stützen, wonach es für den Mili­
tärhistoriker grundlegende Aufgabe bleibt, »als erstes unsere Kenntnis­
lücken über den Ablaufmilitärischen Geschehens[ .. ] durch sorgfältige, kri­
.

tische und sachverständige Auswertung der Quellen zu schließen«6• Hier­


nach verfahrend, ist es Ziel dieser Studie, Planungen und Kampfereignisse
innerhalb des gegebenen zeitlichen und geographischen Rahmens zunächst
aus deutscher Sicht - von der Ebene des Oberbefehlshabers West her -
darzustellen und zu analysieren.
Bei der Beschäftigung mit dem Thema ergab es sich jedoch, daß eine zurei­
chende Klärung der erwähnten Problemstellung allein anhand der deut­
schen Militärakten nicht möglich ist. Um einer zu starken Einseitigkeit
der Studie und damit verzerrenden Beurteilungen vorzubeugen, werden
deshalb zusätzlich in synoptischer Betrachtungsweise die Operationsziele
der Alliierten und besonders die hier zutage tretenden Probleme der Koa­
litionskriegführung erörtert.
Demgegenüber mußte auf die Untersuchung einiger im Rahmen des
Gesamtkriegsgeschehens interessanter Fragestellungen verzichtet werden.

hower, IV, S. 2117. Für die deutsche Seite etwa: Generaloberst Jodls Äußerung
in Nürnberg, in: Der Prozeß, XV, S. 441 f., und die Äußerung Albert Speer ebd.,
XVI, S. 533 ff.
5 Klein, Militärge chichte, S. 193.
6 Groote, Militärgcschichte, S. 18.
Einführung 17

Die wechselseitigen Abhängigkeiten von West- und Ostfront, die Situa-


10n innerhalb des Reiches, die Operationen von Kriegsmarine und Luft­
\vaffe werden nicht oder nur am Rande behandelt.
Obwohl das allgemeine Interesse am Zweiten Weltkrieg nach wie vor anhält
und hierzu mittlerweile mehr als 100000 Veröffentlichungen erschienen
sind7 zeigt die generelle Forschungssituation für die Zeit von 1943-1945
11so noch offene Untersuchungsfelder. Im Vergleich zum Geschehen an der
Ostfront in diesen Jahren ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit der
Landkriegführung gegen die westlichen Alliierten - zumindest aus deut­
scher Sicht - bislang, wie Dennis E. Showalter formulierte, eine »intellec­
tual sideshow«8 geblieben. Für den im folgenden zu untersuchenden Zeit­
raum liegt zunächst die Darstellung Werner Haupts vor, die allerdings, da
Haupt schon in der Einführung auf die fehlenden amtlichen Unterlagen
hinweist, nicht den Anspruch einer w issenschaftlichen Arbeit erhebt9•
Diesen Charakter weist demgegenüber die Studie von Rainer Mennel: Die
Schlußphase des Zweiten Weltkrieges im Westen 1944/45 (Osnabrück 1981)
clUf die aber eine andere Problemstellung gewählt hat, wie der Untertitel
zeigt. Sie ist eine »Studie zur politischen Geographie«. Mehrere andere
Arbeiten befassen sich zwar mit thematisch relevanten Einzelproblemen
und -ereignissen, haben jedoch insofern auch einen anderen Betrachtungs­
winkel. eben den zahlreichen Divisionsgeschichten seien hier nur ge­
nannt: Alan F. W ilt: French Riviera Campaign of August 1944 (Illinois
1981) und Joerg Staiger: Rückzug durchs Rhonetal. Abwehr- und Verzö­
gerungskampf der 19. Armee im Herbst (sie) 1944 unter besonderer Berück­
sichtigung des Einsatzes der 11. Panzerdivision (Neckargemünd 1965).
Vor allem im letzten Jahrzehnt sind darüber hinaus einige Studien publi­
�.iert worden, die unter regionalgeschichtlich begrenzter Perspektive das
Ubergreifen des Kriegsgeschehens auf westliches Reichsgebiet thematisie­
ren 10•
Die weitaus wichtigste Basis der vorliegenden Untersuchung bilden die im
Bundesarchiv-Militärarchiv (Freiburg im Breisgau) vorhandenen unveröf­
fentlichten Quellen11• Die Auswertung stützt sich in erster Linie auf die

7 chreiber, Der Zweite Weltkrieg, S. 453.


\ Showalter, German Military History 1648-1982, S. 239.
9 Haupt Rückzug.
10
So etwa: Johannes Nosbüsch Bis zum bitteren Ende - Der Zweite Weltkrieg
im Kreis Bitburg-Prüm, Bitburg 1978; ders., Damit es nicht vergessen wird. Pfäl­
zer Land im Zweiten Weltkrieg, Landau 1982; Adolf Hohenstein, Wolfgang Trees,
Hölle im Hürtgenwald, Aachen 1981; Manfred Groß, Der Westwall zwischen
iederrhein und Schnee-Eifel, Köln 1982; Rolf Dieter Müller, Gerd R. Ueber­
schär, Wolfram Wette, Wer zurückweicht, wird erschossen, Freiburg 1985.
11
Die in der Arbeit zitierten ungedruckten Quellen entstammen in der Regel dem
Bundesarchiv-Militärarchiv bzw. dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Nur
wenn dies nicht zutraf, wurde deshalb der Herkunftsort der Dokumente geson­
dert angegeben.
18 Einführung

nahezu komplett erhaltenen Akten des Oberbefehlshabers West. Zur Ver­


vollständigung des Bildes wurde dariiber hinaus das zur Verfügung stehende
Material der unterstellten Kommandobehörden, wie der Heeresgruppe B,
der Armeegruppe G, der Armeen und teilweise auch der Armeekorps her­
angezogen. Die Berücksichtigung einzelner Bestände aus dem Bereich des
Oberkommandos der Wehrmacht, des Oberkommandos des Heeres und
der Militärverwaltung im Westen sowie von den hier führenden Stäben
der Luftwaffe und Kriegsmarine dienten demselben Zweck. Neben die­
sen Quellen boten die persönlichen Aufzeichnungen von Generaloberst
JodP2 und Generaloberst Deßloch (zeitweiliger Oberbefehlshaber der
Luftflotte 3) sowie die in Freiburg und im Institut für Zeitgeschichte in
München vorhandenen Unterlagen zum Lebenslauf von Generaloberst
Blaskowitz wertvolle Ergänzungen.
Interviews mit Herrn Brigadegeneral Hansgeorg Model und die Benutzung
seines Privatarchivs (im folgenden zitiert als: Privatarchiv Model) trugen
dazu bei, das Persönlichkeitsbild seines Vaters, des Generalfeldmarschalls
Model, über die im Militärarchiv lagernden Nachlaßsplitter hinaus abzu­
runden13• Bei der Klärung von Einzelfragen erwiesen sich die im Militär­
geschichtlichen Forschungsamt aufbewahrten >>Foreign Military Studies«14
als durchaus hilfreich, wenn auch für sie die gleichen Vorbehalte wie für
die hier im einzelnen nicht weiter erörterte umfangreiche Memoirenlite­
ratur gelten müssen. Zum Fragenkomplex der alliierten Operationsfüh­
rung w urde im wesentlichen auf die amerikanischen und britischen offi­
ziellen Reihenwerke zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges zurückge­
griffen15• Ergänzend w urde versucht, soweit wie möglich die Rolle der
alliierten Funkaufklärung - Stichwort »Ultra«16 - für den Verlauf der

t2 RW 4/v. 34.
13 Vgl. hierzu u. a. Joachim Ludewig, Stationen eines Soldatenschicksals: Gene­

ralfeldmarschall Walter Model, in: Militärgeschichtliche Beiträge, 5 (1991),


s. 69-75.
14 Das sind von deutschen Offizieren nach 1945 im Auftrag der »Historical Divi­
sion« meist ohne Quelleneinsicht aus der Erinnerung heraus verfaßte Arbei­
ten. Sie sind je nach Eignung und Interesse des jeweiligen Verfassers von unter­
schiedlichem qualitativem Niveau und werden im folgenden mit dem Verfas­
sernamen und der entsprechenden »MS«-Kenn-Nummer zitiert.
ts
United States Army in World War II, Office of the Chief of Military History,
Dept. of the Army, \Vashington 1947 ff.; History of the Second World War. Uni­
ted Kingdom Military Series, London 1952 ff. Die Einzelwerke dieser Reihen
werden im folgenden nur unter den Namen der Autoren zitiert. Nähere Hin­
weise enthält das Literaturverzeichnis.
t6 Dabei handelte es sich um die laufende Entzifferung der geheimen deutschen

Funkschlüssel durch britische Kry ptologen. »Ultra« war ursprünglich der


Geheimhaltungsgrad für Funksprüche oder Fernschrciben, mit denen aus die­
sen Quellen gewonnene Erkenntnisse an alliierte operative Führungsstäbe über­
mittelt wurden.
Einführung 19

Kampfhandlungen anband der veröffentlichten Literatur in dieses Unter­


"uchungsfeld miteinzubeziehen 17•
Vorab sei noch auf eine Gefahr hingewiesen, die wohl grundsätzlich für
auf dem Aktenmaterial höherer Kommandobehörden basierende Studien
besteht und der kaum gänzlich zu entgehen ist: die Gefahr, den Krieg nicht
in ganzer Dimension zu erfassen, ihn aufgrund der gewählten Betrachtungs­
ebene nicht primär als das darstellen zu können, »was er gewesen ist, näm­
lich erbärmliches Leiden«18•

17 Hierb ei venvendete L iteratur: Ralph Bennctt, Ultra in the West - The Nor­
mandy Campaign 1944/45, London 21980; Ronald Lewin, Entschied Ultra den
Krieg?, Koblenz Bonn 1981; F. H. Hinsley with E. E. Thomas, C. F. G. Ransom,
R. C. Knight, British lntelligcnce in the Second World War, 3, Part I, London
1984.
chrciber, Der Zweite Weltkrieg, S. 473.
Teil A
Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944 -

die Situation in Nordfrankreich und die alliierte Landung


an der Mittelmeerküste

I. Die militärisch-politische Situation des Deutschen Reiches: Ent­


wicklung der Rahmenbedingungen bis zum Sommer 1944

Spätestens mit dem Steckenbleiben der deutschen Offensive vor Moskau


f. nde 1941 war nicht nur das >> Uneernehmen Barbarossa« in seiner Zeit­
planung, sondern auch bereits Hitlers Vorstellung vom »Weltblitzkrieg«
gescheitert. Es zeichnete sich damit schon ab, daß der Kampf nicht, wie
von Hitler erstrebt, aus einer nach Niederwerfung der UdSSR konsoli­
dierten europäischen Weltmachtposition heraus fortgeführt werden konnte.
Der Jahreswechsel 1942/43 brachte dann die endgültige Kriegswende
sowohl gegen das Deutsche Reich (Landung der Alliierten in Französisch-
& ordwestafrika, britische Offensive gegen die Heeresgruppe Afrika, Sta­
lingrad) als auch gegen das im Pazifik geschlagene Japan {Midway, Gua­
dalcanal). Die militärjsche Initiative verlagerte sich auf die Seite der »Anti­
Hider-Koalition«, die deutsche Kriegführung geriet mehr und mehr in die
Defensive. Als Großadmiral Dönitz im Frühjahr 1943 die Geleitzugbe­
kämpfung durch U-Boote im Nordatlantik abbrechen mußte, hatten die
Alliierten nicht nur die Verbindungslinien zwischen alter und neuer Welt
gesichert, sondern mit dem sich abzeichnenden Sieg in der Atlantikschlacht
war auch eine Vorbedingung für Großoperationen gegen das deutschbe­
setzte Europa erfüllt. Die >>überseeische Stufe« (Ziel dieser Stufe wä.ren Kolo­
nien und Stützpunktsysteme für eine über Europa hinausgreifende Welt­
politik gewesen) in Hitlers Programm wurde aufgegeben. Alle Anstrengun­
gen konzentrierten sich deutscherseits nun auf das Halten der sogenann­
ten >>Festung Europa«. Die bei Deutschlands geographischer Mittellage
ohnehin stets gegebene Gefahr des Zweifrontenkrieges wirkte sich im Juli
1943 erstmals direkt auf die militärischen Operationen aus: Die begrenz­
te Offensive im Kursker Frontbogen mußte \.vegen der Landung der Alli­
ier ten auf Sizilien abgebrochen werden. Die durch das Eindringen in die,
südliche Peripherie der »Festung Europa« gewonnenen strategischen Flug­
basen trugen zur Festigung der alliierten Luftüberlegenheit ab dem Som­
tner 1943 bei. Der sogenannten Festung fehlte das schützende Dach, der
22 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

potentielle Vorteil der >>inneren Linie« für den Verteidiger konnte somit
nicht zur Geltung kommen. Mit der See- und Luftüberlegenheit waren be­
reits die ent scheidenden Voraussetzungen für das Gelingen der für 1944
geplanten Invasion in Frankreich gegeben. Die mit dem Übergang zur
Defensive praktizierte, den Lehren Clausewitz' diametral entgegenstehen­
de starre Haltestrategie wurde von Hitler im November 1943 dahingehend
interpretiert, daß nun - zur Abwehr der erwarteten Landung - der
Schwerpunkt wieder im Westen gebildet werden sollte. Abgesehen davon,
daß eine geglückte Invasion aufgrund der geringen räumlichen Entfernung
zum Zentrum der deutschen Schwerindustrie schneller den >>Lebensnerv«
der Rüstung bedrohen konnte als russische Offensiven im Osten, war nur
im Westen mit den noch verfügbaren Mitteln ein durchschlagender militä­
rischer Erfolg zu erzielen, der auch, so Hitlers Auffassung, Möglichkeiten
gesamtstrategischer Ausnutzung bot. Anders als im Osten würde - zumin­
dest anfangs - die entstehende Invasionsfront einen geographisch relativ
begrenzten Kampfraum umfassen, und die deutsche Seite hatte nicht sofort
mit einer erdrückenden zahlenmäßigen Überlegenheit gegnerischer Ver­
bände zu rechnen. Gelang es, wie in der sogenannten »Führerweisung 51«
vom 3. November 19431 niedergelegt, die alliierte Invasion durch »die ent­
scheidende Landungsschlacht« abzuwehren oder - nach gegnerischen An­
fangserfolgen - »den Feind« »durch Gegenangriff[ ..] ins Meer zurück­
.

[zu]werfen«, so verband sich damit die sich allmählich zu fester Überzeu­


gung verdichtende Hoffnung Hitlers, den Zerfall der alliierten Koalition
auslösen und seine bündnispolitische Grundidee eines Arrangements mit
Großbritannien- zumindest aber dessen Ausscheiden aus dem Krieg -
doch noch realisieren zu können. Der in dieser Weisung an hervorgeho­
bener Stelle angekündigte »Fernkampf gegen England«, mit dem die Bri­
ten durch die »V-Waffen« zermürbt und schließlich friedensbereit gebombt
werden sollten - eine angesichts der diesbezüglich wenig erfolgreichen
alliierten Angriffe auf deutsche Großstädte abstruse Vorstellung- verfolgte
dasselbe Ziel.
Die letzte Chance für einen Umschwung des Krieges sah Hitler in einem
militärischen Erfolg im Westen. Auf jeden Fall aber hoffte er, dem Reich,
das seit Anfang 1943 mit der Forderung nach »Unconditional Surrender«
konfrontiert und das nur noch Verhandlungsgegenstand, nicht aber Ver­
handlungspartner für die Alliierten war, hierdurch erneut Bewegungsspiel­
raum zu verschaffen. Die tiefere Absicht der »Führer weisung 51« ist aus
der Kontinuität seiner programmatischen, im Kern rassenideologisch moti­
vierten Vorstellungen zu entnehmen. Es ging darum, die 1940 erreichte
Situation de,r kontinentalen Rückenfreiheit und damit die Grundlage für
ein erneutes Ausgreifen nach Osten aufrechtzuerhalten bzw. wiederher­
stellen zu können. Diese strategische Leitvorstellung- in gewisser Hin-

• KTB OKW, IV/2, S. 1530ff.


I. Die militärisch-politische Situation des Deutschen Reiches 23

sieht also eine Reminiszenz an die Zeit vor dem Sieg über Frankreich -
cha rakte risierte die letzte große Phase in Hitlers militärischem Denken.
Entscheidend aber in diesem Zusammenhang blieb, daß diese Konzeption
auch dann noch Gültigkeit behielt, als sich die Gesamtlage des Reiches
im Laufe des Jahres 1944 so rapide verschlechterte, daß »im Vergleich zu
1940 der Abstand von L<.itvorstellung und realen Gegebenheiten fast ins
Unermeßliche«2 gewachsen war. Abgesehen von den Ereignissen in Frank­
reich wurde diese - im Sommer 1944 schließlich schier hoffnungslos
erscheinende- Gesamtsituation durch ein beständiges Zurückweichen der
Fronten und den allmählichen Abfall der Verbündeten des Dritten Rei­
ches, beginnend mit Italien im September 1943, gekennzeichnet. W ährend
die Lage auf dem italienischen Schauplatz allerdings im wesentlichen sta­
bilisiert werden konnte - die Verbände des Oberbefehlshabers Südwest
setzten sich bis September 1944 schrittweise auf die Apenninstellung ab-
erlitt die Wehrmacht im Kampf gegen die Sowjetunion die bisher schwer­
sten Rückschläge.
Die Ostfront, die aufgrund der Schwerpunktbildung im Westen vor allem
dadurch geschwächt war, »daß sie Kräfte nicht mehr bekam, die sie sonst
hätte erwarten können«3, wurde in den Sommermonaten durch mit wech­
selnden Schwerpunkten geführte russische Großoffensiven schwer erschüt­
tert. Dabei wirkte sich der am 22. Juni 1944 beginnende Zangenangriff,
der den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte auslöste, zur entschei­
denden Niederlage des deutschen Heeres im Ostkrieg aus. Diese Offensi­
ve, die neben ungeheuren Menschenverlusten - 28 Divisionen mit 350000
Mann wurden zerschlagen- auch zur Folge hatte, daß bereits Ende Juli
die deutschen Ostgrenzen als bedroht angesehen werden mußten, dehnte
sich in den nächsten Wochen auf die Frontabschnitte der Heeresgruppen
ord, ord- und Südukraine aus. Die sich hieraus entwickelnden deut­
schen Niederlagen und Rückzüge ließen die Stellung bisheriger Verbün­
deter unhaltbar werden. Um die Monatswende August/September sagten
sich Rumänien, Bulgarien und Finnland vom Deutschen Reich los, das
damit außenpolitisch fast völlig isoliert war. Ungarn, das nur noch müh­
sam an der deutschen Seite gehalten werden konnte und Japan, mit dem
bisher nie eine sinnvolle Koordination der militärischen Operationen gelun­
gen war, blieben die letzten bedeutenderen Verbündeten des Reiches.
Je mehr der von Deutschen beherrschte »Wehrraum«, der die Kriegfüh­
rung mit materiellen Ressourcen und Arbeitskräften versorgte, schrumpf­
te, um so stärker traten auch die Mangelerscheinungen an der Rohstoffba­
sis der Rüstungsindustrie hervor. Zwar hatte vor allem auch Albert Speer4

2 Hillgruber, Der Zweite Weltkrieg, S. 128.


'KTB OKW, IV/1, S. 12.
4 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition, seit 1943 Reichsminister für

Rüstung und Kriegsproduktion.


24 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

die deutsche Wehrwirtschaft entsprechend dem Prinzip weitestmöglicher


ökonomischer Selbstverwaltung seit 1942 so umstrukturiert, daß sie auch
während des Ermattungskrieges nicht zusammengebrochen war und die
Rüstungsindustrie noch im Sommer 1944 in vielen Zweigen ihren Kulmi­
nationspunkt erreichen konnte, doch machten allein die Engpässe im Mine­
ralölsektor deutlich, daß bald das Ende jeglicher militärischen Bewegungs­
fähigkeit - zumindest nach den Gesichtspunkten moderner Kampffüh­
rung- bevorstand. Mit den Bombenangriffen auf die Werke synthetischer
Treibstoffherstellung seit dem 12. Mai 1944, spätestens aber mit der Ein­
nahme des rumänischen Erdölgebietes um Ploesti (30. August), gleichbe­
deutend mit dem Verlust des Krieges unter wehrwirtschaftlichem Aspekt,
schien das Ende in greifbare Nähe gerückt.
Solange Hitler aber von der zwanghaften Vorstellung beherrscht blieb, die
gegnerische Koalition müsse auseinanderbrechen, stellte er sich den Reali­
täten des Sommers 1944, der katastrophalen Lageentwicklung im Osten,
der Etablierung der »Zweiten Front« in Frankreich und vor allem den hier­
aus zu ziehenden einzig gebotenen Folgerungen nicht. Für ihn, der in sei­
nem Buch »Mein Kampf« geschrieben hatte, »Deutschland wird entwe­
der Weltmacht oder überhaupt nicht sein«5, mußte der Krieg bis zur rest­
losen Ausschöpfung des zur Verfügung stehenden Potentials durchgefochten
werden. Ganz seiner Maxime des »Alles oder Nichts« folgend, kam damit
für Hitler eine Kapitulation nicht in Frage, zumal er sich ja an die Über­
zeugung klammerte, durch einen demonstrativen Schlag im Westen das
Blatt doch noch \venden zu können. Der angesichts dieser »Alternative«
ohnehin äußerst begrenzte potentielle Raum für politische Lösungsversu­
che war durch die alliierte Forderung nach der »Unconditional Surren­
der«6, das heißt nach dem völkerrechtlichen Novum einer >>Staatlich-poli­
tischen Totalkapitulation«7, praktisch nicht mehr existent. Da gerade
durch diese alliierte Formel klar vor Augen geführt wurde, daß ein Abbruch
des Krieges oder die Niederlage nicht nur den Uneergang des Hitlerrei­
ches, sondern auch das Ende der deutschen Großmachtstellung traditio­
neller An bedeuten mußte, konnte die zumindest partiell bestehende Inter­
essenidentität zwischen Hitlers Regime und den »alten Führungsgruppen
in Staatsbürokratie, W irtschaft, Militär und Diplomatie«8 noch einmal
bekräftigt werden. Dieser Umstand trug sicherlich zur Standhaftigkeit des
deutschen Abwehrkampfes an allen Fronten - selbst nachdem die Ent­
scheidung im großen längst gefallen war - bei.
Ebenso wie die Forderung nach der bedingungslosen Kapitulation erleich­
terten die später bekanntwerdenden, das Nachkriegs-Deutschland betref-

s Hitler, Mein Kampf, S. 741 f.


6 Von den Westalliierten auf der Konferenz von Casablanca im Januar 1943 pro­
klamiert. Stalin schloß sich dem im Mai 1943 an.
7 Hansen, Außenpolitik, S. 118.

8 Hillgruber Der Zweite Weltkrieg, S. 166.


I. Die militärisch-politische Situation des Deutschen Reiches 25

fenden Planungen der Alliierten - von »Zerstückelung« {Teheran Ende


1943) über »Besatzungszonen« (Frühjahr 1944) zum >>Morgenthau-Plan«
(Se ptember 1944) - die Aufgabe der deutschen Propaganda, die in den
Händen des am 25. Juli 1944 auch zum ))Reichsbevollmächtigten für den
totalen Kriegseinsatz« ernannten Dr. Goebbels lag.
Die Mehrheit der Bevölkerung sah sich gekettet an das Regime, dessen Pro­
paganda die Ängste vor einer ungewissen Zukunft, die Furcht vor der Roten
rmee im Osten und die aus der militärisch sinnlosen Bombardierung
deutscher Großstädte entspringende ohnmächtige Wut für ihre Zwecke aus­
zuschlachten und den Widerstandswillen, gestützt auf in der Retrospektive
völlig irrational anmutende Endsieghoffnungen anzufachen wußte. Ebenso
\Vie die Propaganda wirkte auch das Machtmittel des seit 1943 verstärk­
ten S�errors gegenüber der Bevölkerung »in einem nicht zu unterschät­
zenden Maße kriegsverlängernd«9• Die Ideologisierung erfaßte nach der
Kriegswende fast alle Lebensbereiche. Sichtbare Zeichen hierfür waren
im Rahmen der Wehrmacht z. B. die Einführung des ))NS-Führungsoffi­
ziers« (am 22. Dezember 1943) und des sogenannten >>Deutschen Grußes«
(23. Juli 1944). Das Vordringen des Einflusses von Partei und SS mag
dadurch gekennzeichnet werden, daß, nachdem die Gauleiter das Amt der
»Reichsverteidigungskommissare« erhalten hatten (16. November 1942),
der »Reichsführer SS« Himmler (seit 1943 bereits Reichsinnenminister)
nach dem Attentat vom 20. Juli nun auch zum Befehlshaber des Ersatz­
heeres avancierte.
Die Bevölkerung, »in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 fester als je zuvor
0
[ ...] [unter] Kontrolle der nationalsozialistischen Führung« 1 , blieb aber
über die »rassenpolitischen« Untaten des Regimes weitgehend im unge­
wissen. Das trug mit dazu bei, daß die Mehrheit der Deutschen »damals
nicht mit der Klarheit zu sehen [vermochte], was wir heute wissen, daß
nämlich der alle Rechtsnormen[ ...] zerstörende Unrechtsstaat keinen legi­
timen Anspruch auf Gehorsam mehr erheben konnte und Widerstand
längst zur moralischen Pflicht geworden war<< 11•

9 Hildebrand, Dritte Reich, S. 96.


10
Ebd., S. 105.
11
Ebd.
II. Ausgangslage auf alliierter Seite

1. Zum globalstrategischen Kontext

Die strategis,che Konzeption der Alliierten zur Niederwerfung des Deut­


schen Reiches lag nach dem Treffen der »großen Drei« (Roosevelt, Chur­
chill, Stalin) in Teheran (EUREKA, 28. November-1. Dezember 1943) und
der zweiten Konferenz von Kairo {SEXTANT, 3. Dezember-6. Dezember
1943) weitgehend fest. Zu ihren Resultaten gehörte vor allem die »endgül­
tige« Terminierung der Invasion in Nordwestfrankreich ( OVERLORD).
Dieses Unternehmen, so wurde beschlossen, sollte durch eine Landung an
der südfranzösischen Küste (ANVIL) unterstützt werden. Mit der Erklärung
der »Combined Chiefs of Staff«12, die den Operationen OVERLORD
und ANVIL den Rang der »supreme Operations for 1944« zuwiesen, war
der Pazifikkrieg- zumindest prinzipiell- dem Geschehen auf dem euro­
päischen Schauplatz untergeordnet13• Das für 1944 geplante Prozedere ver­
hieß die Realisierung der bereits lange zuvor getroffenen Fundamentalent­
scheidung des »Germany first«, die beabsichtigte Schwerpunktbildung in
Frankreich bedeutete, daß der mediterrane und fernöstliche Kampfraum
von seiten der Westalliierten »holding theaters«, also relativ statisch blei­
ben würden .... Die Ergebnisse der Konferenz von Teheran spiegelten die
verschobene Gewichtung innerhalb der »Anti-Hitler-Koalition« wider.
W ährend bi Mitte 1943 britische Vorstellungen die Strategie maßgeblich
beeinflußt hatten, übernahmen nun die USA - die militärisch-ökonomi­
schen Machtmittel Großbritanniens waren bereits bis zum Äußersten ange­
spannt - mehr und mehr die Führungsrolle. Stalin, der in Teheran nach­
drücklich auf die zeitliche Festlegung der Operation OVERLORD drängte
und deren Unterstützung durch eine Landung in Südfrankreich pronon­
ciert vertrat, hatte insbesondere dadurch, daß er die von britischer Seite
vorgeschlagenen Alternativen im Mittelmeerraum als nebensächlich abqua­
lifizierte, die OS-Konzeption eines »Decisive War« unterstützt. Die dezidier­
te Befürwortung von ANVIL, die Stalin selbst dann noch als wertvoll an­
sah, wenn sie erst nach der Invasion im orden durchgeführt werden konn­
te15, deutete auf zwei inhaltlich miteinander verwobene sowjetische Ziel­
richtungen in mittel- bzw. langfristiger Perspektive hin: Zum einen erschien
die erwähnte Unter tützungsoperation Stalin nach eigenen militärischen
Erfahrungen (»Zangenbewegung«) bester Garant für die erfolgreiche Errich-

12 Verbindun� der wc talliierten Generalstäbe, seit 1942 in Washington. Die Com­


bincd Chiefs of Staff (im folgenden abgekürzt al : CCS) setzten sich aus den
U -Joint Chiefs of taff (im folgenden: JCS), die durch Verbindungs offiziere
der britischen Chiefs of Staff (im folgenden: COS) verstärkt wurden, zusammen.
13 Leighton, Overlord, S. 208.
"' Matloff, Planning, S. 475.
tS Ehrman trategy V, S. 180.
li. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 27

rung der lange hinausgezögerten »Zweiten Front« zu sein, zum anderen


war mit der Festlegung der Westalliierten in Frankreich der »Gefahr« ihres
potentiellen - in machtpolitischer Hinsicht unerwünschten - Eingrei­
fens in Südosteuropa - etwa auf dem Balkan - der Boden entzogen.
Die Tatsache, daß die Sowjets entscheidend zur Fixierung der militärstra­
tegischen Beschlüsse in Teheran beitragen konnten, dokumentierte die
grundlegend gewandelte Perzeption des Faktors »Sowjetunion« in der Sicht
der westlichen Alliierten. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung
der US-Strategie zu betrachten.
Um die Jahreswende 1942/43, etwa mit »Stalingrad«, hatte sich auf ameri­
kanischer Seite die Erkenntnis durchgesetzt, daß das russische Kräftepo­
tential bislang unterschätzt worden war. An die Stelle der 1941/42 vor­
herrschenden Erwartung, die Sowjetunion würde unter dem Angriff der
Wehrmacht zusammenbrechen, trat nun die Überzeugung, daß sie auch
weiterhin die Hauptlast des Landkrieges gegen das Reich zu tragen imstande
wäre. Eine grundlegende Neuorientierung der US-Kriegswirtschaft und
damit im weiteren Sinne auch der strategischen Konzeption schien gebo­
ten, da nun die Notwendigkeit, ein US-Heer von - wie 1941 geplant -
215 Divisionen aufzustellen, entfiel16• Statt dessen wurde nun das Schwer­
gewicht auf die Luftwaffen- und Marinerüstung gelegt und das Heer auf eine
Stärke von 90 Divisionen 17 begrenzt. Auf der einen Seite glaubte die OS­
Führung mit dem »90-Divisionen-Programm« eine realistische Balance zwi­
schen militärischen und ökonomischen Erfor�ernissen im Sinne der »guns­
and-butter-policy« gefunden zu haben, die die wirtschaftliche Produktion
nicht beeinträchtigte und den hohen amerikanischen Lebensstandard auf­
recht erhalten konnte18• Andererseits aber implizierte diese selbstauferlegte
Beschränkung eine Limitierung zukünftiger strategischer Optionen. Schon
aufgrund der begrenzten US-Landstreitmacht mußte das Konzept des >>Deci­
sive War«, also das Konzept, Deutschland auf möglichst direktem Wege zu
bedrohen und der Hitlerschen >>Kr iegsmaschine« durch die Konzentration
der verfügbaren militärischen Machtmittel mit einem Minimum an Verlu­
sten, Kosten und Zeit die entscheidene Niederlage beizubringen19, gegen­
über einer peripheren - nicht unmittelbar auf das Zentrum der »Festung
Europa« zielenden - Strategie an Durchschlagskraft gewinnen. Eine Fort­
setzung dieser - britischen Vorstellungen entsprechenden - Vorgehens­
weise, wonach zunächst die Anstrengungen im Mittelmeerraum, dem für
Großbritannien im Blick auf seine imperiale Stellung traditionsgemäß be­
sondere Bedeutung zukam, mittels eines hier inszenierten groß angeleg­
ten Abnutzungskrieges forciert werden sollten, bevor man letztlich dem

16
Matloff, Planning, S. 179ff.
17
Die tatsächliche Stärke belief sich bis Kriegsende jedoch auf nur 89 Divisio­
nen, iehe ebd., S. 183, Anm. 56.
IS
Ebd., s. 522.
19 Matloff, Anvil, S. 286 ff.
28 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Reich mit der Invasion den »Fangstoß« geben konnte20, war angesichts der
noch ungelösten Japan-Problematik vor der US-Öffentlichkeit schon wegen
seiner langfristigen Perspektiven nur schwer vertretbar-11•
Wenn Roosevelt sich in Teheran gegen eine Verzögerung der Invasion, wie
sie Churchill zur Intensivierung der Kampfführung in Italien bzw. im öst­
lichen Mittelmeer vorschlug, zur Wehr setzte und demgegenüber auf die
Errichtung der von Stalin schon seit 1941 geforderten »Zweiten Front«
in Westeuropa drängte, so trug hierzu die 'fatsache bei, daß die amerikani­
sche Seite den Faktor Sowjetunion nunmehr gewaltig überschätzte.
Ausgehend von einer als zwangsläufig betrachteten Vorherrschaft der Sow­
jetunion im achkriegs-Europa hatten die US-Joint Chiefs of Staff dem
Präsidenten im August 1943 empfohlen, ihr gegenüber einen eindeutigen
Kooperationskurs einzuschlagen. Nach diesem für Roosevelt bis 1945 maß­
geblichen Gutachten war die Entwicklung und Festigung »freundschaftli­
cher Beziehungen« zu Rußland im vitalen Interesse der Vereinigten Staa­
ten22. Diese Beurteilung lag der amerikanischen Position in der bis August
1944 geführten Diskussion um die Operation ANVIL zugrunde, die schließ­
lich zur schärfsten Kriegsdebatte zwischen den Westalliierten wurde23•
Mit den Resultaten von Teheran waren die Weichen zwar gestellt, die Ver­
knüpfung der Operation OVERLORD mit dem Prozedere im Mittelmeer­
raum zu einer Gesamtstrategie aber blieb eine Quelle von Friktionen, deren
Ursache in den unterschiedlichen strategisch-politischen Prioritäten der
USA und Großbritanniens begründet lag. Die Argumentation Churchills,
der weiterhin als Verfechter der alten Empire.:Yradition den unter briti­
schen Oberbefehl (General Sir Henry Maitland Wilson) stehenden medi­
terranen Kampfraum verstärkt sehen und hier -vor allem in Italien -die
entscheidende Entlastungsfront zugunsren von OVERLORD aufgebaut
wissen wollte -in diesem Fall wäre ANVIL gänzlich überflüssig gewor­
den -, bekam einen immer deutlicher werdenden machtpolitischen Ak­
zent. Dafür sprachen auch die im Mai 1944 begonnenen Verhandlungen
Churchills mit der sowjetischen Führung über die Abgrenzung von »Ope­
rationszonen« in Südosteuropa, mit Hilfe derer er die russische Expan­
sion in die britische Interessensphäre in zumindest vertraglich geregelte
Schranken zu weisen hoffte24• Der Absicht Churchills, in die militärische
Strategie gegen Deutschland auch die politischen Vorbehalte gegenüber
sowjetischen Ambitionen zu integrieren, lief die Operation ANVIL zuwi-

20 Diese Konzeption hatte der Chef de Empire-Generalstabes Feldmarschall Sir


Alan Brooke, entworfen. Churchill erwog 1943 darüber hinaus sogar die Errich­
tung einer großen Balkanfront als Ersatz für die Frankreichinvasion, vgl. Hill­
gruber, Problem der »Zweiten Front«, S. 339 ff.
21 Matloff, Anvil, S. 298 f.
22
Hillgrubcr, Problem der »Zweiten Front« S. 348 ff.
2
3 Matloff, Anv.il, S. 285.
24 Ehrman, tra.tegy, V, S. 368.
11. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 29

der da mit ihr eine Einschränkung eigener Optionen im Mittelmeerraum


verbunden war. Doch auch Churchills Appell an Roosevelt vom 1. Juli
1944, die Landung in Südfrankreich werde den ersten großen strategischen
und politischen Irrtum bedeuten, den sie beide zu verantworten hätten,
vermochte den Präsidenten nicht umzustimmen, ebensowenig wie der Hin­
weis, durch ANVIL und die weitgehende Fixierung der Westalliierten auf
Frank reich würde den Sowjets langfristig die »Kontrolle über Ost-, Mittel­
und Südeuropa« ermöglicht25.
Mit Roosevelts Kooperatiop.skurs gegenüber der Sowjetunion und dem ame­
rikanischen Bestreben nach Offenhaltung der Regelung territorialer Fragen
in Europa bis Kriegsende ließen sich Churchills potentiell Komplikatio­
nen mit der dritten Macht der »Strange Alliance«26 hervorrufende Alter­
nativen nicht vereinbaren. Für Roosevelt, der die Amerikaner in den Krieg
geführt hatte, war es- schon aus Gründen seiner angegriffenen Gesundheit
und aus innenpolitischen Erwägungen heraus- entscheidend, diesen selbst
noch möglichst .rasch und ohne das Risiko neuer militärischer oder poli­
tischer Verwicklungen beenden zu können27• Im Lichte des >>Quick and
Decisive War«-Konzepts war die in Teheran gegebene Zusage Stalins, nach
der iederlage des Deutschen Reiches in den Krieg gegen Japan einzutre­
ten, ein weiteres gewichtiges Motiv für die OS-Führung, an den gemeinsa­
men Konferenzbeschlüssen, also auch an der Operation ANVIL, unver­
rückbar festzuhalten. Daß die Amerikaner schließlich damit durchdran­
gen, verdeutlichte noch einmal die Führungsrolle, die ihnen gegenüber dem
britischen Verbündeten zugefallen war. Churchill kommentierte dies am
9. August 1944 mit den bitteren, an Eisenhower gerichteten Worten, die
Vereinigten Staaten seien der »big, strong and dominating partner«28. Im
Gegensatz zum Premierminister ging es Roosevelt nicht um eine Restau­
ration des »Balance-of-Power«-Systems, was ja angesichts der begrenzten
Heeresstärke kaum mehr durchsetzbar erschien, sondern in erster Linie um ·

eine baldige militärische Beendigung des Krieges. Um dies nicht zu gefähr­


den sollten einer OS-Tradition der möglichst geringen Involvierung in die
»internal european affairs« folgend, konfliktträchtige politische Probleme
nach der »Policy of Postponement« weitgehend ausgespart und der Rege­
lung in der Nachkriegszeit vorbehalten bleiben. Strategisches Ziel dieser,
wie es schien durch eine Gemengelage von Idealismus und Praktikabilität,
von Optimismus und Realitätssinn gekennzeichneten Bestrebungen Roose­
velt s29 war lediglich die weiträumige Sicherung der Vereinigten Staaten
durch einen von der Sowjetunion zu akzeptierenden breiten »Brückenkopf

2 Schreiben Churchills an Roosevelt vom 1.7.1944, in: Ehrman, Strategy, V, S. 355f.


5
26 So der Titel eines Buchs des damaligen Chefs der US-Militärmission in Mos-
kau, Gen. Maj. John R . Deane.
27 Matloff, Planning, S. 532 f.
28 Pogue, Supreme Command, S. 225.
29 Mad<?ff, Planning, S. 532.
30 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

für die See-Luft-Macht USA im Westen des Kontinents« (und an der ost­
asiatischen Gegenküste des Pazifiks)30• Bei aller in vorsichtige, von über­
großer Risikoscheu getragene Planungen mündende Überschätzung der
deutschen W iderstandskraft im Lager der Westmächte31 blieb der ameri­
kanische Generalstabschef des Heeres, General Marshall32, doch davon
überzeugt, daß dieses Ziel mit dem sog. »90-Divisionen-Programm«- spä­
ter als eine der kühnsten Kalkulationen des Krieges bezeichnet33 - er­
reichbar sei. Gegenüber den Einwänden des Kriegsministers Stimson, die
Unerfahrenheit der US-Verbände mache aus taktischen und psychologi­
schen Gründen eine auch in numerischer Hinsicht erdrückende Überle­
genheit im Kampf gegen die Wehrmacht erforderlich, betonte Marshall
nochmals, worin man die eigenen Erfolgserwartungen begründet sah: In
der eigenen Luftüberlegenheit, der zahlenmäßigen Übermacht der Sowjets
zu Lande und in der Qualität der materiell hervorragend ausgerüsteten,
gegenüber ihren Gegnern durch stärkste Artillerie- und Luftnahunterstüt­
zung bevorteilten US... Heeresdivisionen34•

2. Die militärische Planung der Invasion in Nordfrankreich

Vor diesem Hintergrund entw ickelte sich die militärische Planung der
Invasion in Nordwestfrankreich. Der hiermit beauftragte Stab unter Lei­
tung des britischen Generals Morgan35 ( COSSAC = Chief of Staff to
Supreme Allied Commander) hatte bereits auf der Konferenz von Que­
bec (QUADRANT, August 1943) den Delegationen der Westalliierten erste
Entwürfe unterbreitet. Doch erst mit den Entscheidungen von Teheran und
Kairo war sich Morgan sicher, daß OVERLORD auch tatsächlich reali­
siert werden sollte36• Die bis zum Beginn der Invasion noch mehrfach im
einzelnen revidierten Planungen sahen mehrere Phasen vor, die dem eigent­
lichen Landeunternehmen in der Normandie (Operation NEPT UNE) fol­
gen sollten.
Das Ziel der auf eine Dauer von 90 Kampftagen veranschlagten Opera­
tion OVERLORD bestand darin, den alliierten Streitkräften einen genü­
gend großen Aufmarschraum (Lodgment Area) auf dem Kontinent zu
sichern, von dem aus dann später die entscheidungssuchenden Offensi­
ven in Richtung Reich entwickelt werden konnten37•

JO Hillgruber, Problem der »Zweiten Front«, S. 348.


.H Ebd., s. 346.
32 George Catlett Marshall hatte von 1939 bis 1945 diese Funktion inne.
3J Matloff, Planning, S. 412.
34 Ebd., S.410f.
35 Gen. Lt. Sir Frederick Morgan.
36 Ruppenthal, Support, I, S. 178.
37 Mit D + 90 sollte OVERLORD beendet sein. D + 90 entsprach beim 6.6.1944 als
D-Day (Decision-Day) dem 4. 9.1944. Die sich auf die folgenden Operationen be­
ziehenden alliierten Unterlagen firmieren unter »Post-OVERLORD-Planning«.
II. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 31

Die Tatsache, daß die US-Army einen gegenüber den europäischen Hee­
ren wesendich höheren materiellen Standard aufwies, erklärt - neben dem
ausgeprägten Sicherheitsdenken und dem anderen »Anspruchsniveau« -
den großen Stellenwert des Bereichs Logistik im Rahmen der militärischen
Planungen. So benötigte eine US-Division täglich circa 600-700 Tonnen
achschubgüter38, während ein deutscher Verband - bei vergleichbarer
Stärke - mit circa 200 Tonnen auskam39•

Vergleich der Sollstärken40

Personal Kam pf-/Kraftfahrz. Sonst. Fahrz.

US-Inf. Div. ca. 14 300 ca. 2 100


GB-Inf.Div. ca. 18400 ca. 3 300
Deutsche Heeres- ca. 12 800 615 1 450
Inf.Div. (pferdebespannt)
US-Pz. Div. ca. 11-14 000 ca. 3 700, davon
ca. 270 Panzer
GB-Pz.Div. ca. 15000 ca. 3 400, davon
ca. 290 Panzer
Deutsche Heeres- ca. 11-16000 ca. 3 000, davon
Pz. und ca. 170 Panzer/
Pz. Gren .Div. Sturmgeschütze
SS-Pz.- und bis zu 21000 bei zahlenmäßig etwa
Pz. Gren.Div. gleicher Materialausstat-
tung wie die Heeres-
Pz.- und Pz. Gren.Div.

Wie der in Kairo 1943 zum Supreme Commander, zum Oberbefehlsha­


ber aller Invasionsstreitkräfte41, bestimmte US-General D wight D. Eisen-

lS Eisenhower, Kreuzzug, S. 343; Ruppenthal, Support, II, S. 173, nennt 840 t, davon
280 für Reserven. Wilmot, Kampf, S. 564, weist darauf hin, daß diese dem »Offi­
cers Field Manual« entnommene Größe zu hoch gegriffen sei. Eine alliierte Divi­
sion hätte mit 500 t in Kampf und Vormarsch, in der Defensive mit der Hälfte,
auskommen können. Die zu hohe Zahl enthielte alle »normalerweise« vorhan­
denen Güter, die aber nicht unbedingt erforderlich seien. Entscheidender ist
jedoch, \vie die an diese »normale« Rate gewöhnten alliierten Befehlshaber die
Aktionsfähigkeit der eigenen Verbände beurteilten, wenn weniger achsehub
bereitstand.
39 Liddeli Hart, Geschichte, S. 700.

�0 Angaben für die alliierte Seite nach: Ellis, Victory, I, S. 535-541; Leighton, Coak­

ley, Logistics, S. 724. Angaben für die deutsche Seite nach: Mueller-Hillebrand,
Heer, 111, S. 138; Ose, Entscheidung, S. 67 ff.; Ellis, V ictory, I, S. 553 ff.; RH
10/141, RH 10/148, RH 10/149, RH 10/163, RH 10/172, RH 10/178 (Stärke­
meldungen der Panzer- und Panzergrenadierdivisionen).
41 Der Oberbefehl umfaßte Luft-, Boden- und Marineverbände. Eisenhowers Stell­

v�rtreter wurde Luftmarschall Sir Arthur W. Tedder. Auf die Erläuterung der
32 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

hower42 später formulierte, ging es darum, eine breite »Eingangsstraße« zu


schaffen, um jeden nur möglichen Soldaten auf den Kontinent bringen
und ihn dort auch versorgen zu können43• Gemäß den 1943 getroffenen
Vereinbarungen würde zunächst der britische General Bernard L. Mont­
gomery das Kommando über die Landtruppen übernehmen. Bis zum Inva­
sionsbeginn waren 37 Divisionen auf den britischen Inseln versammelt44•
Weitere 40 Divisionen standen in den USA bereit, die bei Erfolg des Lan­
dungsuntennehmens nachgeführt werden konnten. Als wichtigstes Ziel nach
der »Sturmphase« wurde die Einnahme und Nutzbarmachung größerer
Häfen betrachtet. Zunächst sollte Cherbourg so schnell wie möglich, man
rechnete etwa mit zwei Wochen ( = D + 14)45, in Besitz genommen wer­
den. Sodann war geplant, den Brockenkopf nach Osten in Richtung Seine
und Süden in Richtung Loire auszuweiten. Zur gleichen Zeit hatten sich un­
ter diesem Schutz zwei bis vier US-Corps46 der Eroberung der Bretagne
zuzuwenden. Den bretonischen Häfen bis herunter zur Loiremündung
( antes, St. azaire) kam insofern große Bedeutung zu, als über sie später
die Versorgung der amerikanischen Verbände unmittelbar aus den USA er­
folgen sollte. Die Briten dagegen konnten ihren Nachschub am bequemsten
über die Kanalhäfen umschlagen. Im Hinblick darauf war auch die Dislo­
zierung der Kräfte erfolgt: Die Amerikaner griffen auf dem rechten (west­
lichen), die Briten und Kanadier auf dem linken (ostwärtigen) Flügel an.
Eisenhowers Aussage:
»We must not only havc the Brittany Peninsula- we must have it quickly«,47

unterstrich die Bedeutung, die der Bretagne im Rahmen der alliierten Vorstel­
lungen zukam. Da man damit rechnete, daß zumindest die bedeutenderen
Häfen verteidigt, ihre Anlagen vermutlich zerstört werden würden, planten
die Amerikaner, in der Bucht von Quiberon zusätzlich einen Hafenkomplex
gänzlich neu zu errichten48• Bereits ein bis zwei Monate nach der Landung
erwartete man erste Nachschubtransporte über St. Malo (ab D + 27), Brest
(ab D +53), die Bucht von Quiberon (ab D + 54) und Lorient (ab D + 57)49•

Marinekriegführung wird hier wie im folgenden, da für das Thema nicht rele­
vant, verzichtet.
42 Der Planungsstab COSSAC bildete den Kern von Eisenhowers Stab SHAEF
(Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Forces). Sein Stabschef wurde
General Walter Bedell Smith.
43 Schreiben Eisenhowers an Montgomery vom 10. 7. 1944, in: Blumenson, Break-
out, S. 346.
44 23 lnf.-, 10 Panzer- und 4 Luftlandeverbände.
4S Matloff, Planning, S. 170.
46 Blumenson Breakout, S. 348.
47 Schreiben Eisenhowers an Montgomery von Anfang Juni 1944, in: Ruppenthal,
Support [ S. 474.
4 Blumenson, Breakout, S. 346 f.
49 Ruppenthal, Support, I, S. 288.
II. Die Ausgangslage auf alliierterSeite 33

In der Zwischenzeit mußte der logistische Umschlag größtenteils - bis


Cherbourg »arbeitete«, sogar völlig - über die offenen Strände im Brücken­
kopf erfolgen. Zwei künstliche Häfen, die sogenannten »Mulberries«50,
ollten hier Schutz vor Stürmen bieten. Nach den alliierten Berechnun­
gen stellten sie bis D + 90 einen wichtigen Faktor im logistischen System
dar der darüber hinaus geeignet schien, im Bedarfsfall die Verwendbar­
keit der Strände bis in die herbstliche Schlechtwetterphase hinein zu ver­
längern. Da man auf alliierter Seite davon ausging, daß die Deutschen sich
nicht in Nordwestfrankreich einer Entscheidungsschlacht stellen, sondern
ich nach dem Fall von Cherbourg zunächst auf die Verteidigung der Linie
eine-Paris-Loire konzentrieren würden51, waren darüber hinaus wäh­
rend der 90tägigen OVERLORD-Phase weitere nachschubtechnische Vor­
au etzungen für einen Angriff auf und über diese Linie zu schaffen. Neben
der Frage der Hafenkapazitäten spielte der Zeitbedarf, den die Ent�vick­
lung von Versorgungslinien beanspruchte, eine entscheidende Rolle.
Die Inbetriebnahme von Flugplätzen, Wiederherstellung des Straßen- und
Ei enbahnnetzes und die Errichtung von Zwischendepots zwischen Küste
und Front fiel in diesen Problemkomplex. Hierzu gehörte auch der Bau
eine Pipelinesystems, das, von kleineren Häfen im Landekopf, ja z. T. so­
gar von Großbritannien aus52, gespeist, die transporttechnischen Aufga­
ben - Treib- und Schmierstoffe bildeten allein ein V iertel der zu beför­
dernden Gesamttonnage53 - erleichtern sollte. Grundlage aller logisti­
schen Vorbereitungen \Var die der operativen Planung zugrundeliegende
Annahme eines gleichmäßigen alliierten Vorrückens, das nicht vor dem
4. eptember, dem D + 90..Tag, die Linie Seinemündung-Rouen-Verlauf
der Eure bis Dreux-Chartres-Orleans-Loire erreichen würde. Die Logi­
stiker gingen davon aus, daß nach Einnahme dieser Linie eine Operations­
pau e von einem Monat zur Konsolidierung der sogenannten »Lodgment
Area« und für einen geordneten personellen und materiellen »Build-Up«
nötig sei, bevor die Offensive über die Seine in großem Rahmen eingelei­
tet \Verden konnte5.;. Selbst die dreimonatige Operation OVERLORD
schien einer Studie der SHAEF-G-4-Abteilung zufolge nur unter bestimm­
ten Bedingungen logistisch gesichert. Hierzu gehörte unter anderem, daß
die Front zunächst nicht über die Seine-Loire-Linie hinaus vorgescho­
ben wurde, um eine Überdehnung der alliierten Verbindungslinien zu ver-

.
$0 In Großbritannien vorgefertigt, sollten sie über den Kanal geschleppt und dann
an den normannischenStränden von Arromanches undSt. Laurent installiert
werden und hier die fehlenden Großhafendocks ersetzen.
51 Matloff, Planning S. 170.

52 Von Port en Bessin (nördlich Bayeux) bzw. von der Isle of Wight aus, mit Hilfe

von PLUTO (Pipeline under the Ocean) über Cherbourg siehe: Ruppcnthal
upport I S. 322 f.
5' Ebd. S. 319.

54 �bd.,S.189.
34 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

hindern. Des weiteren mußte der »Build-Up« streng auf die Zuführung
der für die geplanten Operationen unbedingt erforderlichen Verbände be­
schränkt bleiben55•
Auch die Grundzüge der nach der auf ca. einen Monat veranschlagten
Konsolidierungs- und Aufmarschphase geplanten »Post-OVERLORD«­
Offensiven lagen weitgehend schon mit dem Beginn der Invasion fest56•
Sie waren im Endeffekt auf die Ausschaltung des Ruhrgebiets gerichtet.
Berlin wurde zwar als >)ultimate allied goal« erkannt, die Reichshauptstadt
lag aber nach Meinung des Planungsstabs zu weit ostwärts, um als Ziel
für die Invasionsstreitkräfte dienen zu können57•
Nach der zu diesem Zeitpunkt de facto bereits entschiedenen Frage der
späteren »Demarkationslinie zwischen Ost und West« lag Berlin ohnehin
- wenn auch als Enklave - in der sowjetischen Besatzungszone. Die von
britischer Seite, vor allem vom COSSAC-Chef General Morgan seit Juli
1943 vorangetriebenen Überlegungen zu diesem Thema hatten schließ­
lich in dem die Linie Lübeck-Helmstedt-Eisenach-Hof beinhaltenden
Vorschlag vom 15. Januar 1944 Ausdruck gefunden58• Wenn es auch noch
nicht zur Unterzeichnung des Zonenaufteilungsprotokolls kam, so hat­
ten zuerst die Sowjets {18. Februar 1944) und dann auch Roosevelt (3. April
1944) diesem Entwurf zugestimmt. Die die Sowjets »angenehm überra­
schende<< Initiative59 erschien auch der britischen Seite als günstige Lö­
sung. Diese Auffassung fand in der Kriegslage um die Wende 1943/44 und
der bereits oben erwähnten Überschätzung des Faktors Sowjetunion ihren
Grund. Hinzu kam die Ungewißheit bezüglich des eigenen Landeunter­
nehmens, dessen Scheitern Eisenhower noch im Frühjahr 1944 für mög­
lich hielt60• Da vor dem Hintergrund dieser Einschätzungen ein militäri­
sches Vordringen der Sowjets tief in den Westen - etwa bis an den Rhein­
wahrscheinlicher war, als umgekehrt ein Stoß der Invasionsstreitkräfte in
den Osten Deutschlands - schon die ersten Studien ließen einen eher zeit­
raubenden Vormarsch erwarten -, mußte der erwähnte Linienverlauf den
Angelsachsen vorteilhaft erscheinen.
Standen bei der Konzeption der Operation OVERLORD selbst logisti­
sche Faktoren im Vordergrund61, so wurde die Herstellung und Sicherung
der Luftüberlegenheit von Beginn der Planungen im Sommer 1943 an als
>>overriding factor«, als Voraussetzung für den Erfolg, angesehen62•

S5 Ebd., s. 327.
56 Ruppenthal, Support, I, S. 485.
57 Pogue, Supreme Command, S. 249.
ss Vgl. hierzu und zum folgenden: Caspar, Kriegslage, S. 173-183.
59 Abgesehen von Ostpreußen umfaßte ihre Zone so 40°/o der Fläche, 36°/o der
Einwohner und 33 °/o der W irtschaftskapazität Deutschlands.
60 Hillgruber, Problem der »Zweiten Front« S. 346.
6t Ruppenthal, Support, I, S. 178.
62 Matloff, Planning, S. 170.
11. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 35

3. Alliierte Unterstützungskräfte

a} Die Luftwaffen
Ohne im einzelnen auf die Luftkriegführung und insbesondere die hoff­
nungslose Unterlegenheit der Deutschen auf diesem Sektor eingehen zu
\vollen, sollen im folgenden die Grundlinien des alliierten Luftwaffenein­
satzes skizziert werden. Die im Januar 1943 in Casablanca gefallene Ent­
scheidung, eine »Combined Bomber Offensive« gegen die Lebenszentren
de deutschen Volkes zu führen63, fand in der Operation POINTBLANK
ihren Ausdruck. Allgemeine Ziele dieser mit wechselnden Schwerpunk­
ten geführten Operation waren die fortschreitende Vernichtung bzw. Stö­
rung des deutschen militärischen und wirtschaftlichen Systems, die Unter­
brechung lebenswichtiger infrastruktureller Verbindungslinien und die wei-
estmögliche Ausschaltung der deutschen Luftwaffe64• Im Zusammenhang
mit den Invasionsvorbereitungen wurden nach langen Diskussionen im
März 1944 die Prioritäten neu festgelegt.
In erster Linie sollten die Einsätze der in Großbritannien stationierten stra­
tegischen Bomber die deutsche Luftwaffe niederhalten und dieJagdflugzeug­
Industrie im Reich treffen. Ein weiteres Hauptziel bildete das Verkehrsnetz
in ordwesteuropa. Hierdurch sollte vor allem erreicht werden, das nord­
französisch-belgische Eisenbahnsystem zu lähmen, um die rasche Heranfüh­
rung deutscher Reserven in Richtung >>Lodgment Area« zu verhindern. Nach
dem »Transportation Plan« lag der Schwerpunkt der Angriffe im Raum
zwischen der französisch-belgischen K üste, einer Linie über Reims-Paris­
Tours und der Loire. Vorrangige Ziele bildeten hier Hauptknotenpunkte,
Verschiebebahnhöfe und bahntechnische Einrichtungen wie Eisenbahnde­
pots, Produktions- und Instandsetzungsbetriebe für rollendes Material65.
Zur taktischen Vorbereitung von OVERLORD unterstanden Eisenhower
2 Luftflotten (unter dem Kommando von Luftmarschall Sir Trafford Leigh­
Mallory): die 9. US Army Air Force (Gen. Lt. Brereton) und die 2. (bri­
tische) Tactical Air Force (Luftmarschall Coningham) mit zusammen rund
8000 Flugzeugen66• In.Frankreich befanden sich ihnen gegenüber nur 900
deutsche Flugzeuge der Luftflotte 3 unter Generalfeldmarschall Hugo Sperr­
le. Von diesen Maschinen waren AnfangJuni ca. 500, davon etwa 100Jäger
einsatzbereit.
Die generelle zahlenmäßige alliierte Überlegenheit gegenüber den Deut­
schen - an diesem Mißverhältnis sollte sich auch in der Folgezeit nichts
mehr ändern - betrug etwa 16: 1 bis 20: 167•

63 Greenfield, Hauptentscheidungen, S. 273.


64 Ehrman, Strategy, VI, S. 8.
65 Ebd., V, S. 291 ff., und Wilmot, Kampf, S. 221.
66 Hinzu kamen die Maschinen der beiden strategischen Bomberflotten, so daß

etwa 12 800 Flugzeuge bereitstanden, siehe: Galland, Die Ersten, S. 299.


67 Ose, Entscheidung, S. 119, und Galland, Die Ersten, S. 301.
36 Teil A : Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Zudem hatte e Eisenhower gegen erheblichen W iderstand durchsetzen


können, daß auch die strategischen Bomber der 8. USAAF (Gen. Doolittle)
und des britischen Bomber Command (Luftmarschall Sir Arthur Harris),
die, wie erwähnt, direkt in die Invasionsvorbereitungen eingeschaltet waren,
unter seine Kontrolle68 kamen. Diese Regelung sollte Bestand haben, bis
die »Lodgment Area« gesichert und OVERLORD als gelungen betrachtet
werden konnte. Ab April traten die »Round-the-Clock«-Angriffe der vier­
motorigen Bomber auf das Reich hinter den eingangs genannten Zielen
zurück.
Diese waren bis zum Invasionsbeginn bereits weitgehend erreicht: Allein
auf Verkehrsobjekte wurden 7 1 000 Tonnen Bomben durch Flugzeuge der
vier beteiligten Luftflotten abgeworfen. Von den durch alliierte Eisenbahn­
fachleute ausgewählten 80 Schlüsselzielen waren nur vier unbeschädigt
geblieben, wichtige Seine- und Loirebrücken und etwa 475 Lokomotiven
in Frankreich zerstört. Der Pariser Eisenbahnring war ausgefallen und die
Verkehrsfrequenz in ganz Frankreich schließlich um 70 Prozent gesun­
ken69. Die gegen die deutsche Luftwaffe gerichteten Einsätze - so wur­
den die rund 100 Flugplätze im Umkreis von 500 km um die lnvasions­
su-ände wiederholt gründlich zerstört - hatten nach deutscher Einschät­
zung schon während der ersten Invasionstage nicht nur eine alliierte Luft­
überlegenheit, ondern die absolute Luftherrschaft herbeigeführt70• Die
Folgen waren u. a. eine enorme Erschwerung des Nachschub- und Versor­
gungsverkehrs und eine allgegenwärtige Gefahr für marschierende Kolon­
nen durch Bomben- und Bord\vaffenangriffe. Da sogar einzelne Fahrzeu­
ge aus der Luft bekämpft wurden, ließen sich deutscherseits größere Trup­
penbewegungen bei Tage nur noch unter Iokaufnahme größter Risiken
durchführen71• Ebenfalls im Rahmen der Invasionsvorbereitungen geflo­
gene Angriffe auf Küstenbefestigungen des Atlantikwalls und erkannte Stel­
lungen der V-Waffen waren weniger effizient.
Die rund 23 000 Tonnen über den Betonbunkern am Atlantik und Kanal ab­
geworfenen Bomben erzielten keine im Vergleich zum Aufwand stehenden
Ergebnisse72, die Befestigungen blieben weitgehend intakt, Personalverluste
gering. Da man auf alliierter Seite - fälschlicherweise73 - von den V-Waf­
fen eine Gefährdung der Invasionsvorbereitungen befürchtete, billigte Eisen­
hower ihrer Bekämpfung im April 1944 besondere Bedeutung zu.

6 Luftmar chall Sir Arthur Tedder als Eisenhower Stellvertreter nahm die schwie-
rige Koordinationsfunktion wahr.
69 W ilmot, Kampf, S. 221 f., und Galland, Die Ersten, S. 29Sf.
7o Vgl. hierzu die Angaben bei Wegmüller, Die Konzeption, S. 236 f.
7' Ose, Entscheidung, S. 115.
72 Ebd., S. 84 und Galland, Die Ersten, S. 299.
n Die V-Waffen 'varen nicht zum Einsatz gegen militärische Ziele geeignet, son­
dern wegen ihrer großen Streuung lediglich als »Terrorwaffen«, iehe: Hölsken,
V-\'(/affen, . 206 f.
li. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 37

Mit großem Materialeinsatz-bis Mitte Juni wurden ca. 32 000 Tonnen Bom­
ben abgeworfen - konnten im Rahmen der sogenannten CROSSBOW­
Luftoperation zwar fast alle der 93 erkannten Startbasen vernichtet wer­
den. Dennoch stellte dieses Unternehmen insofern einen Fehlschlag dar,
als es sich bei den angegriffenen, wegen ihrer Form so genannten »Ski­
Sire « nur um von den Deutschen zu T äuschungszwecken aufrechterhal­
tene Scheinstellungen für die V-1 handelte74. Schon die ersten Bombardie­
rung en der »Ski-Stellungen« hatten die deutsche Seite Anfang 1944 dazu
veranlaßt, ein völlig neues, einfacher zu errichtendes und gegen Luftsicht
bes er getarntes Abschußrampensystem aufzubauen75. Im Endeffekt tru­
gen die alliierten Luftangriffe also lediglich mit zur zeitlichen Verzöge­
rung des V-1-Einsatzes bei, der aber im wesentlichen auch durch techni­
·che Probleme dieser Waffenentwicklung verursacht wurde.
Die Tatsache, daß sich der Einsatz der alliierten Luftwaffen trotz der für
OVERLORD als überragend eingestuften Unterstützungsfunktion keines­
\vegs konsequent an einem völlig einheitlichen Operationsplan ausrich­
tete76, sondern daß Raum für die unterschiedlichen Konzeptionen der
>)Bombergenerale« blieb, verdeutlicht in gewisser Hinsicht das Ausmaß des
7Ur Verfügung stehenden Potentials. Ohne die Invasionsvorbereitungen
zu beeinträchtigen, konnte vor allem Harris seine Flächenbombardements
gegen deutsche Städte - wenn auch im Vergleich zu den Vormonaten in
�eringerem Umfang - fortführen77•
Als militärisch bedeutsamer sollte sich erweisen, daß auch Gen. Lt. Carl
Spaatz (Oberbefehlshaber der OS-Strategie Air Forces in Europa), der im
\liärz mit seinem Vorschlag, der Treibstoffindustrie oberste Priorität im
Zielkatalog zuzuerkennen, nicht durchgedrungen war, seine Vorstellun­
gen wenigstens teilweise umsetzen konnte: Am 12. Mai 1944 begannen syste­
matische Angriffe gegen die deutschen Hydrierwerke78. Da diese Werke
1m Gegensatz zu anderen Industriezweigen als nicht dezentralisierbar und
omit besonders »luftgefährdet« galten, hatte das bisherige Ausbleiben von
Bombenangriffen die deutsche Seite mit Verwunderung erfüllc19• Diese,
gemessen an den alliierten Möglichkeiten begrenzte Luftoffensive80 - mit
zunächst nur circa 5 200 Tonnen Bomben81 - zeitigte sehr schnell nach-

7,. Ebd. S. 181 ff.


7s Ebd., S. 120 f.
76 Ehrman, Strategy, VI, S. 9 ff., und Wilmot, Kampf, S. 220.
77 Trotz der »Invasion diversions« habe er, so Harris am 1. 11. 1944, noch monat­
lich etwa »zweieinhalb deutsche Städte zerstören« können, siehe: Papers of Eiscn­
hower, IV, S. 2248.
711 Er te Angriffe auf Ölraffinerien und Hydrierwerke in Ploesti, Wien und ßuda-
pe t O\vie Ober chlesien h·atten bereits im April stattgefunden.
79 KTB OKW, IV/1, S. 942 ff.
�<c Ehrman, Strategy, VI S. 12.
�1 Galland, Die Ersten, S. 299.
38 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

haltige Wirkungen: Schon Ende Mai bezifferte der Wehrmachtführungsstab


den Produktionsausfall bei Kraftstoffen in Rumänien grob mit 50 Prozent,
den in Deutschland mit circa 33 Prozent82•
Die potentiell katastrophalen Folgen der Angriffe auf die Kraftstofferzeu­
gung für die deutsche Kriegführung beschrieb Speer in seinen an Hitler
gerichteten sog. »Hydrierdenkschriften« des Sommers 1944 damit, daß
bereits im September eine »unüberbrückbare Lücke« in der Treibstoff­
versorgung der Wehrmacht auftreten, ab »Oktober oder November keine
operative Bewegung der Truppe mehr möglich sein könne«83. Zu ähnli­
chen Folgerungen gelangten zur gleichen Zeit auch alliierte »Intelligence«­
Fachleute: Am 20. Juli stellte das British Joint lntelligence Committee fest,
»Germany's shortage of oil has become the major factor limiting Ger­
man strategy and operational efficiency<<, und einen Monat später tauchte
in der Lagebeurteilung gar die Möglichkeit eines deutschen Zusammen­
bruchs aufgrund von Treibstoffmangel auf84• W ährend die alliierten Luft­
waffen der ihnen von der Planung zugewiesenen Rolle bei der Vorberei­
tung von OVERLORD entsprochen hatten und ihr bei der Unterstützung
der Landstreitkräfte auch weiterhin entsprechen sollten, so blieb doch ab­
zuwarten, ob die darüber hinaus gehenden, insgesamt gesehen bedeuten­
deren Chancen genutzt werden konnten. Spätestens in dem Moment, wo
die OVERLORD-»Lodgment Area« gesichert war und somit für die stra­
tegischen Bomber neue Schwerpunkte in Frage kamen, bestand die Mög­
lichkeit, die deutsche Treibstoffindustrie auszuschalten und so die deut­
sche W iderstandsfähigkeit in entscheidender Weise zu lähmen. Ob Erfol­
ge solcher, der Größe des alliierten Luftpotentials entsprechender Bedeu­
tung erzielt werden konnten, hing vom Zustandekommen eines neue Prio­
ritäten definierenden, dann noch von den »Bombergeneralen« zu akzep­
tierenden und exakt durchzuführenden Operationsplan ab. Es darf vor­
weggenommen werden, daß ein solcher zudem noch wenig präziser Plan
erst Ende September entworfen wurde, zu einem Zeitpunkt also, als die
großen operativen Gelegenheiten des Bewegungsfeldzuges bereits vertan
waren85•

s2 KTB OKW, IV/1, S. 955.


83 Die erste Denkschrift datierte vom 30. 6. 1944, eine weitere vom 28. 7. 1944, siehe
Hillgruber, Hümmelchen, Chronik, S. 225. Vgl. hierzu auch die Aussagen Speers
in: Der Prozeß, XVI, S. 534 f., und Speer, Erinnerungen, S. 360 ff.
84 Ehrman, Strategy, V, S. 396, und VI, S. 9.
s Am 25.9.1944 wurden neue »Priorities« festgesetzt. Aber auch dieser Plan ließ
den »Bombergeneralen« Freiheiten und war wenig »comprehensive«, vgl. Ehr­
man, Strategy VI, S. 6ff.· Ellis, V ictory, II, S. 150ff.
li. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 39

b) DieResistance
Oie »Resistance«-Bewegung und ihre Aktionen,denen vor allem im fran­
zösi chen Schrifttum breiter Raum eingeräumt worden ist86, verdienen es,
im Zusammenhang mit den alliierten Unterstützungskräften behandelt zu
\verden. Ist die sekundierende Funktion der Partisanen auch unumstrit­
ten, so trifft dies nicht auf den Grad, die Bedeutung ihrer »irregulären
Kampfführung« im großen Rahmen zu: Waren sie, wie Ose für die Nor­
mandie feststellte, auch beim Fortgang der Kämpfe im deutsch besetzten
We ten Europas »für den Ausgang der[...] Schlacht nicht entscheidend«87,
erfüllten sie eher die Rolle eines zwar »nützlichen Bundesgenossen« der
:·egulären Truppen, mit dem jedoch eine »Zusammenarbeit im größeren
t(lktischen Rahmen nicht zustande[kam] [ ... ],da hierzu die Voraussetzun­
gen [...] sowohl führungs- wie[...] ausrüstungsmäßig fehlten«88? Oder aber
:>teilten sie, wie Eisenhower im Mai 1944 behauptete, eine »Strategie wea­
pon« dar89, die, wie er nach dem Krieg konstatierte, dem Äquivalent von
15 Kampfdivisionen entsprochen habe90?
\Xfie der Partisanenkrieg sich tatsächlich im Rahmen des Kampfgeschehens
bis zum Herbst 1944 auswirkte,soll in den folgenden Kapiteln »fallweise«
untersucht werden. Zunächst sollen einige für diese Problematik grundle­
gende Voraussetzungen geklärt werden.
Zumindest der erfolgreiche Partisanenkrieg bleibt abhängig von einer
tärkeren »Anlehnungsmacht«91. »An der W iege des französischen W ider­
<;tands« stand die Hoffnung auf das überlegene anglo-amerikanische Poten-
6al92. Großbritannien und die USA wurden zu den Anlehnungsmächten,
die dem W iderstand Waffen, Finanzmittel und Kommunikationsmöglich­
keiten boten. Da mit der 1943 deutlich spürbaren Kriegswende die Befrei­
ung Frankreichs in absehbarer Zukunft bevorstand, konkretisierten sich
1m Lager der Resistance hierauf bezogene Konzeptionen. Im Frühjahr 1944
gelang es,die paramilitärischen Verbände im Innern Frankreichs zusammen­
zufassen93. Die »Armee secrete«, hervorgegangen aus den nach Organisa-

6 Dies ist bei der »l'importance de la Liberation de la France pour les Fran�ais
euxmemes«, bei der Bedeutung der Resistance für das achkriegsselbstver­
ständnis der Franzosen, wie Henri Michel 1974 ausführte, nur zu verständlich.
Siehe Henri Michel, Sur la Resistance (Kolloquium Oktober 1974 in Paris), in:
RHDGM 99, (1975), S. 101 ff. Im folgenden soll aber lediglich die militäri­
sche Effizienz des Widerstands und sein Einfluß auf die Operationen behan­
delt werden.
0 e, Entscheidung, S. 118.
1il) Staiger, Rückzug, S. 38.
9 Eisenhower an 21. Heeresgruppe vom 24. 5. 1944, zit. nach Pogue, Supreme Com-
mand, S. 154.
9C Beaufre, Revolutionierung, S: 147.
'J Hahlweg, Typologie, S. 29 f. und 47.
CJ! Knipping, Konzeptionen, S. 127.
9' Vgl. hierzu Goyet, Unification, RHA 4/1974, S. 104-121.
40 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

tion, Programm und Gründerpersönlichkeit unterschiedlich konturierten


sog. »Mouvements«94, die rein militärisch geprägte, aus der ehemaligen
französischen Waffenstillstandsarmee entstandene ORA (Organisation de
Resistance de l'Armee)95 und die kommunistischen FTP (Francs-Tireurs
et Parcisans Fran�ais) bildeten fortan die »Forces Fran�aises de !'Interieur«
(im folgenden: FFI). Die zahlenmäßige Stärke der FFI - nach alliierten
Schätzungen vor Invasionsbeginn rund 250 000 Menschen, darunter aber
nur etwa 100 000 Bewaffnete96 - ließ aber keine direkte Schlußfolgerung
auf ihre militärische Bedeutung zu. Zum einen wies diese »Armee« des
Widerstands. - ihrer Entstehung entsprechend - einen uneinheitlichen
Organisationsgrad auf, ihre Angehörigen waren in unterschiedlichem Maße
militärisch ausgebildet und bewaffnet97, zum anderen war das Problem
des Oberbefehls und damit auch das der gültigen Konzeption bezüglich
Art und Zielsetzung des Kampfes nur vordergründig gelöst. Der in Algier
residierende General de Gaulle - bei von den Franzosen außerhalb des
Landes unumstrittener Führungsposition war er im lnnern zumindest zen­
trales Bezugssymbol des Widerstands9 - beabsichtigte eine straff kontrol­
lierte militärische Mitwirkung der FFI an der Befreiung Frankreichs. Ihm
ging es letztlich darum, Frankreich noch einen vorweisbaren Anteil an
der Niederlage des Reiches durch die Sicherung von »Unterpfändern« zu
verschaffen99, um es nach der notwendigen Sanierung des nationalen An­
sehens wieder in den Kreis der Großmächte zurückzuführen. Seiner Ab­
sicht, auf dem Wege der schlagkräftigen militärischen Unterstützung der
Invasionsstreitkräfte zunächst auch die Anerkennung der eigenen politi­
schen Legitimation im alliierten Lager zu fördern, standen - zumindest
bis Juli 1944- die Überzeugungen Roosevelts entgegen. Der US-Präsident,
der noch im November 1943 seine Auffassung zum Ausdruck gebracht
hatte, Frankreich würde »for at least 25 years« keine Großmacht mehr wer­
100
den , war nicht bereit, das »Comite Fran�ais de la Liberation Nationale«
(CFLN) des unverschleiert französische Ansprüche anmeldenden Gene­
1
rals als »Provisorische Regierung« anzuerkennen 01• Ohnehin die demo­
kratische Legitimation de Gaulles anzweifelnd, hätte ein solcher Schritt

94 Knipping, Konzeptionen, S. 129 ff.


95 Vgl. hierzu de Dainville, ORA, in: RHA 3/1974, S. 11-36.
96 Knipping, Konzeptionen, S. 137; Pogue, Supreme Command, S. 156; Ehrman,

Strategy, V, S. 326.
97 Sehr anschaulich hierzu das Beispiel der FFI:fruppen vor Lorient und St. Na­

zaire (August-Dezember 1944) bei: Mordal, Bastionen, S. 82 ff.


9 Ehrman, Strategy, V, S. 321; Knipping, Konzeptionen, S. 128.
99 de Gaulle, Memoiren, S. 238 f.
100 Roosevelt gegenüber den Joint Chiefs of Staff am 15. 11. 43, in: Matloff, Plan­

ning, S. 339.
101 Am 11. 7. 1944 erkannte Roosevelt das CFLN an, allerdings nur als »De-fac­

to«-Autorität. Die Anerkennung der »Provisorjschen Regierung« erfolgte erst


im Oktober 1944.
II. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 41

einer Politik einer generellen Offenhaltung europäischer Probleme wider­


prochen. De Gaulle wurde, und so lautete auch die Anweisung an Eisen­
hower, vorerst lediglich als militärische Autorität akzeptiert.
Dem Versuch, seinen politisch-militärischen Führungsanspruch in Frank­
reich durchzusetzen - die Ernennung General Koenigs in London zum
Oberbefehlshaber der FFI und die Entsendung von » Delegues militaires«
(unter Leitung von Jacques Chaban-Delmas) sollte der Kontrolle der Wider-
tandsbewegung dienen -, standen die Vorstellungen der unter maßgebli­
chem kommunistischem Einfluß stehenden »Resistance interieure« gegen­
über. Den Kommunisten, die es wohl aus taktischen Gründen zwar nie
zum Bruch mit der Identifikationsfigur de Gaulle hatten kommen lassen,
sich aber dennoch eigene Optionen freihielten102 , ging es nicht nur dar­
um, durch die »nationale Erhebung« die alliierten Operationen zu erleich­
tern. Sie strebten über das militärische Geschehen hinaus - wenn nicht
auf einen revolutionären Übergang zu einem »neuen Frankreich« hin, so
doch im Blick auf eine günstige politische Ausgangsposition in der Nach­
kriegszeit - eine andere Art des Partisanenkrieges an. Die FFI sollten
danach eine Vorreiter-Rolle einnehmen, die Basis für spontane Massenauf-
tände besonders in den Großstädten schaffen und so letzlieh den »Volks­
krieg« auslösen103• Diese autonomes Handeln und vor allem Unabhängig­
keit von Weisungen aus London bzw. Algier propagierenden Vorstellun­
gen fanden auch in nichtkommunistisch orientierten Kreisen Anklang,
die auf die besondere Legitimation der nach 1940 in Frankreich verblie­
benen W iderstandskräfte pochten.
Die Frage, wie und nach welcher Maßgabe die »Basis« tatsächlich handeln
würde, war weder mit der Einbindung General Koenigs in die Befehlsstruk­
tur der lnvasionsstreitkräfte104 noch durch die Proklamation der »Provi-
orischen Regierung« vom 9. Juni 1944105, wonach die FFI zum Bestand­
teil der regulären französischen Armee erklärt wurden, endgültig ent-
chieden.
Die Wehrmacht erkannte den einseitig postulierten Kombattantenstatus
vorerst ohnehin nicht an, FFI-Angehörige wurden weiterhin nach Ziffer
10 des Waffenstillstandvertrages als »Freischärler« betrachtet, ihre Einsät­
ze unter »Banden-« bzw. »Terroristenaktivitäten« subsumiert106•
Im Rahmen der alliierten Invasionsplanungen wurde der Resistance jeden­
falls - aufgrund der mit einer »Guerilla-Armee« verbundenen Unwägbar-

tOl Knipping, Konzeptionen, S. 135.


to3 Ebd., S. 135 ff.

10• Schreiben Eisenhowers an die CCS vom 4. 6. 1944, in: Papers of Eisenhower,
III, S. 1906 f.
tos Pogue, Supreme Command, S. 236.

to6 Reaktion auf die Rundfunkerklärung de Gaulies und eine Anfrage beim OKW,

hatte zu keiner Änderung der bisherigen deutschen Haltung geführt, siehe:


Der Prozeß, XXI, S. 36.
42 TeiJ A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

keiten - keine vorrangige Bedeutung beigemessen. Man betrachtete sie,


wie der Stab General Morgans, C OSSAC, im Juni 1943 formuliert hatte,
eher als »Bonus« denn als essentiellen Teil von OVERLORD, eine Ein­
schätzung, an der sich vor der Invasion im wesentlichen nichts mehr ändern
sollte 107• Daß die Westalliierten bis zum letzten Moment zögerten, die
Franzosen über Details der Operationsplanung zu informieren108, kenn­
zeichnet ebenso wie die Tatsache, daß der Resistance niemals erste Priori­
tät unter den zu unterstützenden W iderstandsbewegungen in Europa ein­
geräumt wurdel09, in gewisser Weise auch die begrenzte Rolle, die ihr im
Rahmen der Kampfführung zugedacht war.
Die Äußerungen Eisenhowers vom Frühjahr 1944 lassen jedoch, wie ein­
gangs erwähnt, auf eine größere Bedeutung der Resistance schließen. Wenn
Eisenhower gegenüber dem Vorgänger Koenigs, dem General d'Astier, ihren
»great value<< im Rahmen der OVERLORD-Vorbereitungen hervorhob1 10,
so ist dabei allerdings zu berücksichtigen, daß er politische Komplikatio­
nen zu entschärfen und die sich gegen Amerikaner richtende Mißstim­
mung im französischen Lager mit ihrem möglicherweise negativen Ein­
fluß auf die militärischen Operationen abzumildern bestrebt war. Darüber
hinaus wird es angesichts der Schwierigkeit der vor ihm liegenden Aufga­
be wie aus der Überschätzung des Gegners heraus"' verständlich, daß der
vom Sicherheitsdenken geleitete Oberbefehlshaber der Invasionsstreitkräfte
jede Form potentieller Unterstützung hoch wertete und der Rolle der FFI
insofern besondere Bedeutung beimaß.
Nach den alliierten Planungen wurden die Aktionen der Resistance zwar
keineswegs als notwendige Vorbedingung für den Erfolg von OVERLORD
angesehen, dennoch konnten sie in bestimmtem Rahmen durchaus wich­
tige Aufgaben erfüllen "2• Das Hauptziel für die FFI sah SHAEF zunächst
darin, die Zuführung gegnerischer Verstärkungen in Richtung Landungs­
raum zu verzögern113• Die Bewegungen deutscher Reserven sollten gestört,
Kommunikations- und Versorgungslinien unterbrochen werden. Darüber
hinaus war es Ziel, starke Kräfte der Deutschen im rückwärtigen Raum
zu fesseln114•

101 Ehrman, Stategy, V, S. 324 f.


tos Schreiben Eisenhowers an die CCS vom 11. 5. 1944, in: Papers of Eisenhower,
111, s. 1857 f.
t 09 Ehrman, Strategy, V, S. 321.
uo Schreiben Eisenhowers an d'Astier vom 17. 3. 1944, in: Papers of Eisenhower,
III, S. 1771 f.
111 Am 5. 6.1944 schrieb Eisenhower bereits vorsorglich eine Bekanntmachung
für die Öffentlichkeit, die im Falle des Scheiterns der Invasion gesendet wer­
den sollte, siehe: ebd., S. 1908.
112 Ehrman, Strategy, V, S. 325.
H.l Pogue, Supreme Command, S. 156.
114
SHAEF-Direktive an Koenig vom 17. 6. 1944, ebd., S. 236 f.
II. Die Ausgangslage auf alliierter Seite 43

Sowohl der OVERLORD-Planungsstab als auch französische Militärs waren


sich darin einig, daß nicht größere eigenständige Operationen, sondern
nur Subversion und Sabotagen die den Umständen entsprechende Einsatz­
art sein konnten115• Hierbei mußten die für die Partisanenkriegführung
erforderlichen geographischen Bedingungen berücksichtigt werden. In der
Kampfzone selbst waren allenfalls kleinere isolierte Angriffe möglich,
der Schwerpunkt der FFI-Aktionen lag im Hinterland 116• Dort, wo die
Besatzungsmacht die Überlegenheit einer regulären Armee in waffen- und
ausrüstungstechnischer Hinsicht nicht ausspielen konnte, in »unzugängli­
chen<< Gebieten, wie in Wald- und Gebirgsregionen - aber auch Groß­
städten - waren diese Voraussetzungen besonders günstig117. Die Resul­
tate der neben Informationsbeschaffung vorwiegend auf Lähmung des
Verkehrs- und Stören des Nachrichtennetzes ausgerichteten Sabotageakte
übertrafen zwar »bei weitem« die Erwartungen der Invasionsplaner118,
doch ist diese Wertung von Ende Juni 1944 auch vor dem Hintergrund
einer anfangs doch recht skeptischen Grundhaltung zur W irksamkeit der
FFI zu sehen. Zumindest von deutscher Seite aus betrachtet, bot sich ein
anderes Bild: Die Aktivitäten des W iderstands führten zwar zum Teil zu
erheblichen Zeitverzögerungen für in Richtung Front marschierende Trup­
pen, doch hatten sie keine entscheidende Bedeutung für den Ausgang der
ormandieschlacht119• Am 13. Juni meldete der OB West in seiner Lage­
beurteilung, die Sabotage im Innern sei angestiegen, »aber doch nicht in
dem Ausmaß, mit dem gerechnet wurde«120; »im altbesetzten Frankreich«,
so die Meldung vom 20. Juni, sei »es zu keinen ernsthaften Störungen ge­
kommen«121 . Gerade vor dem Hintergrund der enormen Probleme an der
eigentlichen Kampffront war die W irkung der FFI doch eher die von
»Nadelstichen«122•

us Ehrman, Strategy, V, S. 325.


116 Schreiben Eisenhowers an d'Astier vom 17.3.1944, in: Papers of Eisenhower,
III, S. 1771 f.
117
de Jong, Kollaboration, S. 256 ff.
us
Pogue, Supreme Command, S. 237 f.
119 Ose, Entscheidung, S. 117 f.
·

12o
KTB OKW, IV/1, S. 315.
121
Ebd., S. 318.
122 Umbreit, Strategie, S. 136.
III. Die Lageentwicklung bis Mitte August

1. Die Entwicklung bis Ende Juli 1944 im Überblick

Zum Zeitpunkt der alliierten Landung waren im Bereich des Oberbefehls­


habers West 48 Infanterie- und zehn Panzerdivisionen in Frankreich ein­
gesetzt.
Generalfeldmarschall Gerd v. Rundstedt unterstand als OB West nicht dem
OKH, sondern formal dem OKW/Wehrmachtführungsstab. Frankreich
und die besetzten Westgebiete firmierten als sogenannte »OKW-Schauplät­
ze«. De facto hatte dies jedoch keine bedeutenden Auswirkungen auf den
Befehlsweg, da die verschiedenen Zuständigkeiten sich in Hitler als unmit­
telbarem Oberbefehlshaber der Wehrmacht (seit 1938) und Oberbefehls­
haber des Heeres (seit 1941) trafen.
Dem OB West unterstanden zur Führung der deutschen Verbände im
R aum nördlich der Loire der Stab der Heeresgruppe B und für den südli­
chen Bereich der Stab der Armeegruppe G (Karte 1 ) .
Darüber hinaus konnte Rundstedt auf die Sicherungseinheiten des Mili­
tärbefehlshabers, des obersten Chefs der Militärverwaltung in Frankreich,
zurückgreifen. Als OB West war er »in allen Fragen der Sicherung des Lan­
des« 123 dessen Vorgesetzter.
Der Militärbefehlshaber, General d. Inf. Carl-Heinrich v. Stülpnagel (ab
dem 23. Juli 1944 Gen. d. Fl. Karl Kitzinger ), hatte als Inhaber der vollzie­
henden Gewalt (außer im Operationsgebiet des Heeres) in den besetzten
Gebieten Sicherung und Verwaltung zu besorgen, wozu ihm ein General­
stab für die militärischen und ein Verwaltungsstab für die administrati­
ven Belange unterstand.
Er verfügte in seinen vier (fünf) Bezirken 124 über 19 Sicherungsregimen­
ter mit circa 100 Bataillonen 125• Deren Kampfkraft war jedoch nicht be­
deutend, da hier vorwiegend ältere oder ehemals verwundete Soldaten ein-

12.lOB West Ia Nr. 5991/44 vom 18.10.43, RH 19 IV/145, S. 350.


124 Ihm unterstanden die Befehlshaber ordostfrankreich (Gen. Lt. W ilhelm Hede­
rich), Nord·westfrankreich (Gen. d. Inf. Erwin V ierow), Südwestfrankreich
(Gen. d. Kav. Kurt Feldt) und (ab August) Gen. d. Inf. Dietrich v. Choltitz als
Wehrmachtbefehlshaber von Groß-Paris. Nach der Besetzung Südfrankreichs
durch deutsche Truppen war als »5. Bezirk« der Bereich des »Kommandanten
des Heeresgebietes Südfrankreich« hinzugekommen, der dem Militärbefehls­
haber - zumindest intern - ebenfalls unterstellt \vurde.
125 U mbreit, Militärbefehlshaber, S. 50 ff. In dieser Zahl sind die 325. Sich. Div.
(mit 4 Regimentern) des Kommandanten von Paris und die als schneller
Verband mit Polizeibereitschaftswagen aufgestellte Sicherungsbrigade 74 (mit
2 Regimentern) enthalten. Hinzu aber kamen im Westen noch 2 Regimen­
ter und 2 Landesschützenbataillone der Wehrmachtbefehlshaber Belgien/Nord­
frankreich (SS-GrFhr. und Gen. Lt. d. Pol. Richard Jungclaus) und der ieder­
lande.
III. Die Lageentwicklung bis Mitte August 45

ge etzt und die Einheiten nur leicht infanteristisch - oft mit »Beutewaf­
fen« - ausgestattet wurden.
eben den Heeresverbänden waren die in Frankreich stationierten Luft­
waffenfeld- und Fallschirmjäger-Divisionen sowie die Truppen der Waf­
fen-55 dem OB West wenigstens einsatzmäßig unterstellt126• Bei allen über
die Heeresebene hinausgreifenden Maßnahmen blieb der OB West auf die
Zusammenarbeit mit der Luftflotte 3 unter Generalfeldmarschall Hugo
perrle und der Marinegruppe West des Admirals T heodor Krancke ange-
.
wtesen.
In der Normandie, die dem Befehlsabschnitt der Heeresgruppe B unter
Generalfeldmarschall Erwin Rommel zugehörte, waren am 6. Juni nur
ieben deutsche Divisionen eingesetzt127• An diesem Tage gelang es hier
einer ersten, etwa acht Divisionen starken Welle alliierter Streitkräfte im
Rahmen eines »triphibischen Unternehmens«128, Brückenköpfe an der
Calvadosküste zu bilden. Der Vorteil einer dreidimensionalen Kriegfüh­
rung konnte sich eindrucksvoll manifestieren, ein Faktor, der sich bis
Kriegsende zugunsren der Alliierten auf dem westlichen Schauplatz aus­
"virken sollte.
eit dem 11. Juni, als es zur Verbindung der Brückenköpfe gekommen war,
mußte die Landungsoperation als gelungen bezeichnet werden. Obwohl
mit dem Verlust dieser vorher als entscheidend propagierten Schlacht die
einer eits erwartete, andererseits befürchtete »Zweite Front« zur Realität
und der Krieg nun endgültig zum Allfrontenkampf ge\vorden war, konn­
ten mit Hitler die spätestens jetzt nötigen Konsequenzen nicht gezogen
werden, im Gegenteil, man hatte »weiterzumachen«.
Die geschah im Juni 1944 durch das Bemühen, einen »offensiven Abwehr­
kampf« zu führen. Hierbei kam Rundstedt auf seine, vor der Landung
im Verein mit General Geyr v. Schweppenburg in der sogenannten »Pan­
zerkontroverse« gegen Rommcl vertretene Auffassung zurück, nach der
eine den Alliierten zu liefernde große Panzerschlacht im Landesinnern das
cheitern des Invasionsunternehmens bewirken sollte. Doch wie schon vor
der Invasion, als es im Rahmen der obengenannten Kontroverse um die
Dislozierung der Panzerverbände ging und Hitler einen sich im militä­
risch-operativen Sektor meist verhängnisvoll auswirkenden Kompromiß
wählte, fällte er auch diesmal keine ganze Entscheidung, so daß eine wich­
tige Voraussetzung für Rundstedes Lösungsversuch nicht gegeben war.
Andererseits ermangelte es noch anderer zum Gelingen dieses Planes not­
wendiger Grundbedingungen, deren Fehlen die Kämpfe des Westheeres
auch in der Folgezeit schicksalhaft begleiten sollte: Die gegnerische Luft­
herrschaft vermochte man nicht einzuschränken, eigene Offensivopera-

l26 Zu den Einzelheiten des »Befehl chaos«: Ose Entscheidung, S. 60ff.


127
Ebd. S. 159.
12) Mennel Schlußphase S. 74.
46 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

tionen waren deshalb nur in Schlechtwetterperioden oder in den Nacht­


stunden durchzuführen. Eigene Verbände kamen - auch infolge des
herrschenden >>Befehlswirrwarrs«129 - entweder zu spät heran oder wa­
ren nicht verfügbar weil man, irregeleitet durch alliierte T äuschungsma­
növer, noch bis Anfang August mit dem gegnerischen Hauptstoß am
Pas de Calais, der dem Befehlsbereich der 15. Armee zugehörte, rechnete,
»wodurch erhebliche Truppenkontingente der Kampffront vorenthalten
wurden«00. Deshalb und wegen der Angriffserfolge der alliierten Seite
- am 18. Juni war die Cotentin-Halbinsel abgeschnitten, am Ende des
Monats fiel der erste Großhafen Cherbourg- wurde der geplante Angriff
solange verschoben, bis sein ursprüngliches Ziel ohnehin illusorisch gewor­
den war.
Nachdem die beiden Apologeten des Panzerschlachtgedankens, Rundstedt
und Schweppenburg, ihrer Posten enthoben waren, der erstere hatte »sofor­
tige Genehmigung freier Hand«, der letztere eine »elastische Kampffüh­
rung«131 verlangt, übernahm Generalfeldmarschall v. Kluge am 3. Juli das
Kommando als OB West. Mit seinem Namen verbindet sich der Über­
gang zur »defensiven Abwehr«, das heißt er hatte den Alliierten eine Abnut­
zungsschlacht zu liefern. Die >>improvisierte deutsche Front quer durch
die Normandie« glich zu diesem Zeitpunkt aber bereits einem »Draht,
der zerspringt, wenn man an einer Stelle kräftig draufschlägt« 1 32.
Die Alliierten hatten den Vorteil, mit doppelter Hebelwirkung arbeiten
zu können: Die britischen Kräfte griffen bei Caen an, die Amerikaner
attackierten den Raum um St. Lo. Obwohl Caen schon am 9., St. Lo am
18. Juli für die Wehrmacht verloren ging, gelang es noch circa 14 Tage lang,
zumindest eine zusammenhängende Verteidigungslinie zu bewahren und
die Alliierten auf der Halbinsel umschlossen zu halten. Doch blieb die
Dauer dieses Zustandes angesichts der obengenannten Faktoren und der
Tatsache, daß auch jetzt der Bereich des AOK 15 nicht geschwächt wer­
den durfte (hier verharrten bis Ende Juli 17 deutsche Divisionen), nur noch
eine Frage der Zeit. Da zudem auch von der durch die russische Sommer­
offensive zerrütteten Ostfront keine Zuführungen mehr in Aussicht stan­
den, ging die Phase eines in festen Linien geführten Abnutzungskampfes
unweigerlich ihrem Ende entgegen.

129 Schweppenburg nannte es »Negerpalaver{<, vgl. Geschichte der Panzergruppe


West, MS-B-258, S. 18.
t.lt> Ose, Entscheidung, S. 270.
131
Ebd., S. 152.
132 KTB OKW, IV/1, S. 19.
Ill. Die Lageentwicklung bis Mitte August 47

2. Die deutsche Führung und die militärische Situation um die Monats­


wende Juli/August 1944: Hitler und die Krise im Westen

Während der für diese Fragestellung bedeutsamen nächtlichen Besprechung


vom 31. Juli (auf den 1. August) in der Wolfsschanze beschäftigte sich Hitler
- von Jod! gedrängt - erstmals ausführlich mit Vorbereitungen für eine
Operation, die zwar bereits Mitte Juni von Rundstedt und Rommel als
notwendig erkannt133, deren Erörterung für ihn aber bisher außerhalb jeg­
licher Diskussion gestanden hatte: die Rückzugsoperation des Westheeres
auf eine neue »Großverteidigungslinie«.
Hitler billigte nun wenigstens zu, daß eine solche Absetzbewegung erfor­
derlich werden könnte, allerdings erst dann, wenn ihm eine Fortsetzung
der Abnutzungsschlacht aufgrund des Zerreißens der Normandiefront oder
einer erneuten alliierten Landung vollends unmöglich erschien. Gleich­
zeitig klang jedoch aus seinen Äußerungen heraus, daß er, selbst wenn sich
alle Voraussetzungen für einen Abwehrerfolg in der Normandie doch end­
gültig zerschlagen sollten (hiervon war Hitler immer noch nicht überzeugt),
inhaltlich nicht von seiner in der »Führerweisung 51« niedergelegten
gesamtstrategischen Konzeption abrückte. Zu Beginn der nächtlichen
Unterredung schien es sogar so, als ob Hitler überhaupt nicht auf Jodls
Vorstellungen eingehen würde. In einer kaum unterbrochenen Tour d' hori­
zon monologisierte er zunächst, hierbei realistische Erkenntnisse und Hoff­
nungen vermengend, über die Entwicklungsmöglichkeiten auf den ein­
zelnen Kriegsschauplätzen.
Die Lage in Rußland war seiner »heiligsten Überzeugung nach«134 vor
allem mit Hilfe der 15 neuen »Grenadier-Divisionen«135 zu stabilisieren.
Damit sah Hitler gleichzeitig auch die Hauptgefahrenquelle für ein »Ren­
versement des Alliances<< im Südosten, im Balkangebiet, ausgeschaltet136•
W ährend die italienische Apenninfront seiner Ansicht nach vor allem des­
halb gehalten werden mußte, um »sehr viele Kräfte<< der Alliierten zu bin­
den, »die im anderen Fall irgendwo operativ auftreten könnten«137, maß
er dem Geschehen im Westen fundamentalere Bedeutung zu. Hier würde
nach seinen Worten »das deutsche Schicksal entschieden«138• Zu Jodls
Überraschung glaubte Hitler aber, diese Entscheidung vorerst nur durch
die Fortsetzung der bisher praktizierten starren Haltestrategie günstig be-

133 Ose, Entscheidung, S. 132.


IH
Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung mit Jodl, Warlimont et al. vom
31.7.1944, S. 584ff., hier: S. 585.
135 Diese gehörten zur 29. Welle (Aufstellungsbefehl: 10.7.1944). Die Divisionen
befanden sich z. T. noch in der Aufstellung, andere waren schon auf dem Weg
zur Ostfront. Siehe Tessin, Verbande, 1, S. 87.
1 36 Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31. 7.1944, S. 588 ff.
137 Ebd., S. 590.
13 Ebd., S. 593.
48 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

einflussen zu können. Zum einen verlöre man bei einer Räumung Frank­
reichs »den Ausgangspunkt des U-Boot-K.rieges« und einen wichtigen Rah­
stofflieferanten (Wolfram, Bauxit etc.), zum anderen sei den Divisionen
des Westheeres »ein Operieren[...] völlig unmöglich«. Zu diesem Resultat
gelangte Hitler durch eine erstaunlich realistisch anmutende Analyse der
düsteren Rahmenbedingungen in der Normandie:
»die Verbände ind weder in ihrer Bewaffnu�g noch ihrer sonstigen Ausrüstung
nach überhaupt zu einer beweglichen Kampfführung geeignet [ ...] die Gesamt-
summe der Kräfte[ ... ] kann überhaupt nicht gemessen werden nach der Zahl der
Divisionen, die 'vir [...]hier haben, sondern wirklich nur nach der geringen Zahl
der Verbände, die tatsächlich bewegungsfähig sind. Das ist nur ein ganz kleiner
Bruchteil139.«

Weder Mobilitätsgrad noch Kräftesituation erlaubten in Hitlers Augen zum


damaligen Zeitpunkt eine Rückzugsoperation aus Nordfrankreich. Da die
verfügbaren Verbände kaum die ormandiefront zu halten vermochten,
erschien es ihm »völlig aussichtslos«, eine notwendigerweise längere rück­
wärtige Linie, »ganz egal, wo ich [Hitler, Anm. d. Verf.] sie anlege«, bezie­
hen zu lassen 140• In diesem Fall, so betonte er, würde »ein absoluter Zu­
sammenbruch eintreten«. Seine Forderung, man müsse »der Heeresgrup­
pe [B, Anm. d. Verf.] klarmachen, daß sie hier [in den bisherigen Stellun­
gen, Anm. d. Verf.] unter allen Umständen den Kampf mit dem äußer­
sten Fanatismus zu führen« habeH1, zerstörte Jodls Hoffnung auf einen
sofortigen Absetzbefehl endgültig. Entbehrten Hiders Argumente ex nega­
tive zugunsren der Haltestrategie auch nicht völlig der Stringenz, so unter­
schätzte er doch die mit dem >>Festnageln« der Heeresgruppe B verbunde­
nen potentiellen Auswirkungen. Er hatte augenscheinlich noch nicht das
ganze Ausmaß der bedrohlichen Situation erkannt, das täglich dazu füh­
ren konnte, daß von der Alternative »Halten« oder »Absetzen<< nur noch
Optionen übrig blieben, die entweder die Vernichtung eines fanatisch um
jeden Meter ringenden Westheeres an Ort und Stelle oder die Einleitung
des verspäteten und damit verlustreichen Rückzuges zur Folge haben muß­
te. Trotz dieser Auspizien erhielt der bisher kaum zu Wort gekommene
Jod) noch die Chance, mit Hitler zwar keine operativen Richtlinien, aber
zumindest gewisse Rahmenmaßnahmen für den Fall einer eben doch not­
wendigen Loslösung aus der Normandie festzulegen.
Der Weg hierzu war frei, als Hitler begann, über die Auswirkungen eines
Durchbruchs durch die Invasionsfront oder einer weiteren Anlandung alli­
ierter Kräfte zu spekulieren, einer Situation, die er bagatellisierend als »Ent­
wicklung einer Krise« bezeichnete.,.2• Nach dem Vorangegangenen konnte
sich der nun häufiger in den Monolog einschaltende Chef des Wehrmacht-

139 Ebd., $. 585.


HO
Ebd., s. 586.
141
Ebd., S. 592.
142
Ebd., S. 591.
Karte 1
Gliederung im Bereich Ob. West, Stand 5. 6.1944
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IIL Die Lageentwicklung bis Mitte August 49

führungsstabes feststellen, daß Hitler unter dieser Voraussetzung endlich


zu weitreichenden Entschlüssen bereit schien: Die Verbände der Armee­
gruppe G sollten dann »sofort [ . .] aus der südlichen Front« heraufgezo­
.

gen, Süd- und Südwestfrankreich also geräumt werden. Hitlers Entschei­


dung, im Krisenfall »verlagert sich das Schwergewicht der gesamten Füh­
rung w ieder nach dem Westen, so wie es einst war«143, zeigte sich in
zweifacher Hinsicht bedeutungsvoll. Zum einen wurde die Stellung des
OB West - wenigstens solange Kluge sie innehatte - noch mehr als bis­
her zum reinen »Befehlsempfänger« degradiert. Hierbei war vor allem
Hitlers Auffassung maßgeblich, aufgrund der V ielzahl neu auftretender
Probleme könne man die Verantwortung nicht dem OB West überlas­
sen, denn vom »Westfeldzug« >>hängt alles ab«144• Deshalb plante er, das
Führerhauptquartier in den Schwarzwald oder die Vogesen zu verlegen
(im Gespräch war ein Komplex in »Diedenhofen«, d. i. Thionville), von
wo aus ein eigens zu schaffender »kleiner Operationsstab« Kluge, der so
aus den großen Führungsfragen ausgeschaltet war, »laufend klare Weisun­
gen [ ...] erteilen« sollte145• Diese Absicht - von Hitler auf die Kurzfor­
mel gebracht:
»ÜB West braucht nicht mehr zu wissen, als er wissen muß« und zwar in erster
Linie, »daß er hier zu kämpfen hat unter allen Umständen« und »daß die Idee
eines freien Operierens ein Quatsch ist146«

-fand ihre Ursache auch in seinem Mißtrauen gegenüber dem als »Saula­
den« diffamierten Stab in Frankreich 147• »Was hier an operativen Absich­
ten sofort durchsickert und den Engländern bekannt wird, wissen wir
nicht«148• Daher, und das wiederholte er im Laufe der Besprechung mehr­
fach, hatten die für notwendig befundenen Maßnahmen und Befehle zwar
einem Plan zu folgen, der im Westen jedoch nicht bekannt werden durfte.
Zum anderen verriet Hiders W ille, den Führungsschwerpunkt »wieder
nach Westen« zu verlagern, insbesondere mit dem Nachsatz: »SO wie es
einst war«, mit der angesichts der völlig gewandelten Rahmenbedingun­
gen deplacierten Reminiszenz an den »sechswöchigen glorreichen Sieg [sie]«
von 1940149 andeutungsweise, unter welchen Vorzeichen er die bevorste­
hende Kampfphase begriff: Es ging ihm letztlich nur um Zeitgewinn, Zeit,
die man benötigte, um die Initiative selbst wieder ergreifen und »eine Wen­
de«150 herbeiführen zu können. Diesem Zweck hatte auch sein »Plan« zu
dienen, der auf der grundlegenden Erkenntnis basierte, man könne zwar

143 Ebd., S. 599.


144 Ebd., S. 601.
14 5 Ebd., S. 597.
6
14 Ebd., S. 598 f.
147 Ebd., S. 602.
14 Ebd., S. 591.
149 Ebd., S. 603.
150
Ebd., S. 586.
50 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

»nicht selber operieren, aber [...] dem Gegner [...] das Operieren in die
T iefe des Raumes kolossal erschweren«151•
Hider formulierte damit das, worin zumindest bis in den September hin­
ein die verzweifelten Bemühungen des Westheeres bestehen sollten: im
Versuch, das Vordringen des Gegners irgendwie zu verlangsamen und
dadurch kostbare Zeit zu gewinnen. Als probates Mittel, ja als »einzige
Bremse« der sonst »uferlosen Möglichkeiten« der Alliierten 152 erschien
Hitler die von ihm an erster Stelle genannte bedingungslose Verteidigung
oder gegebenenfalls Zerstörung der größeren Seehäfen 153• Anderenfalls,
damit unterstrich er seine Forderung, müsse man »den Gedanken aufge­
ben, daß wir uns auch nur mit wesentlichen Kräften [...] zurückziehen
könnten.« Gelang es aber, den Alliierten diese Nachschubumschlageplät­
ze bis zur Schlechtwetterperiode, also, wie Hitler ausführte, für etwa sechs
bis zehn Wochen, vorzuenthalten, so bedeutete das in dem Ringen um
Zeit sehr viel. Dafür mußte man in seinen Augen auch bereit sein, die
als »Festungsbesatzungen« der Häfen »bestimmte[n] Truppen einfach zu
opfern« 154• Konkret sollten zunächst nochmals die unter allen Umstän­
den zu haltenden Häfen festgelegt (schon am 19. Januar 1944 waren Ijmui­
den, Hoek, Dünkirchen, Boulogne, Le Havre, Cherbourg, St. Malo, Brest,
Lorient , St. Nazaire, Gironde-Mündung-Nord und -Süd als Festungen
befohlen worden. Zu dieser Liste kamen später noch die Kanalinseln, La
Rochelle, Marseille und Toulon hinzu155) und deren Festungskomman­
danten in Anbetracht der »Schande von Cherbourg«156 schärfstens über­
prüft werden. Darüber hinaus hoffte Hitler, durch Anwendung des Prin­
zips der »versengten Erde« in Frankreich mit umfangreichsten Zerstörun­
gen die überlegene Operationsfähigkeit alliierter Verbände hemmen zu
können 157•
Obwohl er eben selbst noch das Beziehen einer rückwärtigen Linie als aus­
sichtsloses U neerfangen abqualifiziert und Jodl schon Mitte Juni vorher­
gesagt hatte, nach dem Bruch der Invasionsfront sei >)ganz Frankreich ver­
loren«, die nächste Verteidigungsmöglichkeit böten allenfalls ))Maginodi­
nie bzw. alter Westwall«158, bildete die Frage einer quer durch Frankreich
verlaufenden Stellung dann doch einen zentralen Punkt dieser Lagebespre­
chung. W ährend Jodl sicherlich erleichtert war, Hider auf diesem Wege
die Rückzugsproblematik an sich näher bringen zu können, so setzte man

151 Ebd., S. 594.


152 Ebd., S. 593.
153 Ebd., S. 593 und 598.
lS� Ebd. s. 594.

ISS OB West I a r. 553/44 vorn 20. 1. 1944, RH 19 IV/26, S. 65 ff.


IS6 Der hier verantwortliche Gen. Lt. v. Schlieben hatte nach kurzer Zeit kapituliert.

157 Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31. 7. 1944 S. 594 und 606.
158 Seekriegsleitung, 1. SKL I b Nr. 1750/44 vom 13. 6. 1944, in: Lagevorträge Kriegs-

marine, S. 589.
111. Die Lageentwicklung bis Mitte August 51

nun im Führerhauptquartier auf Möglichkeiten, die bereits vorher bei nüch­


terner Betrachtung als hoffnungslos verworfen worden waren. Selbst wenn
es nach Hitlers Kalkül gelang, durch Sperrung der Häfen und umfangrei­
che Zerstörungen die alliierten Optionen einzuschränken, mußte es doch
äußerst fraglich sein, ob die provisorisch >>beweglich gemachten« Verbän­
de der Heeresgruppe B und die Divisionen der Armeegruppe G, die ja
erst nach Eintritt des »Krisenfalls« aus dem Süden heraufgezogen werden
durften, überhaupt rechtzeitig verfügbar waren, um eine neue, noch in
Frankreich verlaufende Front zu errichten. Wenigstens konnte Jodl den
>>Führer« davon überzeugen, daß die sogenannte »Seinelinie« nicht für eine
nachhaltige Verteidigung in Frage kam159• Hinsichtlich der bereits 1943
erkundeten sog. »Somme-Marne-Saone-Jura-Linie«160 (vgl. Karte 8)
hegte man jedoch übertriebene Erwartungen. In völliger Verkennung der
noch zur Verfügung stehenden Zeit ordnete Hitler an, diese bisher nur
kartenmäßig festgelegte Linie mit allen Mitteln auszubauen. Da er ihr »in
der späteren Zukunft [...] größte Bedeutung« zumaß, mußte der Ausbau
»solide« und zwar >>mit Betonbunkern [!]«161 erfolgen. Ansonsten, so sei­
ne bedrückende, aber wie sich zeigen sollte, realistische Erkenntnis, käme
diesem Konstrukt allenfalls die Funktion einer »ganz kurzen Verzögerungs­
linie« zu und ein >.>ernster W iderstand[...] erst« im Rahmen von Westwall
und Vogesen in Frage.
War damit der Westwall, dessen Verteidigungswert Jodl schon im Juni skep­
tisch von Qualität und »Zahl der zurückgeführten Truppen abhängig« 162
gemacht hatte, wieder in Hitlers Blickfeld geraten, so blieb es vorerst bei
dieser verbalen Reminiszenz. Da ohnehin, wie Hitler fälschlicherweise ver­
mutete, »beim Westwall [...] nicht viel gemacht zu werden<< brauchte16\
konzentrierten sich seine Abwehrvorstellungen schwerpunktmäßig auf die
Somme-Marne-Saone-Jura-Linie.
Sollte es tatsächlich zur Krise und damit zum Rückzug kommen, wovon
er zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht überzeugt war, so hing desse� erfolg­
reicher bzw. glimpflicher Verlauf, wie er gegen Ende der Besprechung ein­
gestand, weniger von einer planerischen, als von einer »intelligenten«, das
heißt improvisato.rischen Leistung ab. Die späteren Ereignisse, als Befehls­
haber bis hinab in den taktischen Bereich oft unter chaotischen Verhält­
nissen auf ihre Eigeninitiative angewiesen blieben, vorwegnehmend,
erkannte Hitler, daß unter diesen Bedingungen »ganz unformalistisch und

'59 Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31.7 .1944, S. 592.


160
Diese Linie war auf Hitlers Befehl vom 31. 10.43 von Gen. d. Inf. Fischer v.
Weikersthal erkundet worden, vgl. KTB OKW, III/2, S. 1235.
1 61
Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31. 7.1944, S. 595.
16
2 Seekriegsleitung, 1. SKL Ib Nr. 1750/44 vom 13.6.1944, in: Lagevorträge Kriegs­
marine, S. 589.
16
3 Allerdings sollten die Vogesenstellungen sofort erkundet werden, Hitlers Lage­
besprechungen, Besprechung vom 31. 7. 1944, S. 596 und 606.
52 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

beweglich geführt werden« müßte, sonst sei »die Sache verloren«164• Der
im gleichen Atemzuge formulierte Satz: »Ich muß( ... ] die Luftwaffe trei­
ben, daß diese 12 oder 15 Gruppen165 fertiggemacht werden«166, verdeut­
licht dem nachlebenden Betrachter, daß schon in dieser Nacht trotz der
düsteren Rückzugsperspektiven Hitlers Offensivwille wieder zum Vor­
schein kam. Mit dieser Bemerkung schlug er den Bogen zum Beginn der
Unterredung, zu seiner Äußerung, eine Wende im Westen sei erst dann
zu erwarten, wenn »man die Luftwaffe halbwegs wieder hinkriegt«. Die
noch in Aufstellung befindlichen Luftv.raffenverbände wolle er dann dort­
hin werfen, »WO die letzten W ürfel fallen«167•
Diese Wende setzte implizit bereits eine Gegenoffensive im Westen vor­
aus. Wenn auch im Verlaufe der Besprechung nicht expressis verbis erwähnt,
so war sie doch erforderlich, um die »kontinentale Rückenfreiheit« wie­
der herzustellen und damit die Voraussetzung für das zu schaffen, was Hitler
dann genau einen Monat später nochmals ausformulierte: nämlich für einen
))auch das Leben der kommenden Geschlechter sichernden [ . . ]« Frieden168,
.

der aber in seiner ideologischen Verhaftung eben nur mit dem »Lebens­
raum im Osten« denkbar war. Dieser Leitlinie seiner Strategischen Konzep­
tion folgend, mußte zunächst Zeit gewonnen werden, bis die neuen Flug­
zeugtypen im Westen in genügender Quantität eintrafen bzw. die Wetter­
lage eigene Aktionen »begünstigte« (wegen der alliierten Luftüberlegenheit
hieß das: eine Schlechtwetterperiode) und die Alliierten logistische Proble­
me bekamen, weil sie über »keine leistungsfähigen Häfen« verfügten169.
Die eben anlaufenden, auf Freimachung eines >)Höchstmaßes von Kräften
für Wehrmacht und Rüstung«170 abzielenden Maßnahmen Goebbels', die
in ))V-Waffen-Krieg« und »Rüstungsboom«171 gesetzten unrealistischen
Erwartungen mochten derartige Hoffnungen Hitlers stützen. Sein W ille
zur »offensiven Bereinigung« der Lage im Westen war aber so übermächtig,
daß er in der Folgezeit auch die geringsten Chancen - meist unter Ver­
kennung der militärischen Realitäten - in diesem Sinne zu nutzen suchte.

1M
Ebd., s. 607.
165 Dabei handelte es sich um das neue Strahlflugzeug Messerschmitt Me 262. Jede
Gruppe um faßte 68 Maschinen dieses Typs, vgl. RW 4/v. 34, $. 57, und Kom­
mentare Gen. d. Art. Walter Warlimonts hierzu in: Warlimont, Kommentare,
MS-P-215, S. 314 f.
166 Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31.7. 1944, $. 607.
167 Ebd., S. 586.
l68 Ebd., Besprechung mit Gen. Lt. Westphal und Gen. Lt. Krebs vom 31. 8. 1944,
$. 616.
169 Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31.7. 1944, $. 595.
170 Völkischer Beobachter vom 26.7. 1944.
171
So etwa das neue Jägerprogramm, mit dem Hitler bis etwa November 1944
die Luftherrschaft der Alliierten brechen wollte, siehe KT B OKW, IV/1, S. 60;
oder die Hoffnungen auf den »neuen U-Boot-Krieg«, siehe: Salewski, Seekriegs­
leitung, 2, S. 483 ff.
lll. Die Lageentwicklung bis Mitte August 53

Obwohl mit dem an diesem 31. Juli erfolgenden Durchbruch von Avranches
die »Krise« eintrat, die auch seiner während der Besprechung geäußerten
uffassung nach sofort die Rückzugsoperation - vor allem aus Süd- und
Südwestfrankreich - hätte auslösen müssen, sanken alle derartigen Erwä­
gungen und vorbereitenden Befehle172 zu sekundärer Bedeutung herab.
Der Grund dafür lag darin, daß Hitler alles auf eine Karte, auf einen sofor­
tigen Gegenangriff zur Schließung des Durchbruchs setzte. Noch einmal
wurde der längst notwendige Rückzug - um etwa zwei Wochen - »ver­
drängt« und damit wertvolle Zeit verloren.

3. Verschärfung der Lage in Nordfrankreich und die Bedeutung des


15. August für das Westheer

Gegenüber den abgekämpften Verbänden des OB West hatten sich die Alli­
ierten im Landekopf weiter verstärkt. Die Heeresgruppe B, deren Ober­
befehl Kluge nach der Verwundung Rommels (17. Juli) übernommen hat­
te verfügte um die Monatswende im Kampfraum über etwa 25 Divisio­
nen (hinzu kam noch die 15. Armee Generaloberst Hans v. Salmuths, die
aber befehlsgemäß weiter »Untätig« an der Kanalküste verharrte). Von die-
en, durch die Stäbe der 7. Armee unter Oberstgruppenführer und Gene­
raloberst der Waffen-$$ Paul Hausser und der Panzergruppe West (am 5. Au­
gust umbenannt in 5. Panzerarmee) des Generals d. Pz. Tr. Heinrich Eber­
bach geführten Verbänden (gegliedert in 8 Armeekorps) waren allerdings
zumindest elf nicht mehr voll kampfkräftig. Sie firmierten auf den L age­
karten im Westen nur noch als »Reste« oder »Kampfgruppen«173•
uf der anderen Seite der Front standen am 1. August ca. 31 Divisionen
bereit. Nach der an diesem Tage in Kraft tretenden Gliederung wurde neben
Montgomer ys 21. Heeresgruppe mit der 1. Kanadischen Armee Gen. Lt.
H. D. G. Crerars und der 2. Britischen Armee Gen. Lt. M. Dempseys (mit
zusammen fünf Armeekorps) nun ein OS-Heeresgruppenstab zur Führung
der amerikanischen Verbände aktiviert174• Der 12. Heeresgruppe des Gen.
Lt. Omar N. Bradley unterstanden fortan die 1. US-Army Gen. Lt. Courtney

172 Bzgl. Ausbau der Somme-Marne-Saone-Jura-Stellung: gez. Keitel OKW/


\XIFSt/Op (H) Nr. 772719/44 vom 3.8.1944, zit. nach: OB West Ia Nr. 657/44,
RH 19 IV/52, S. 143 f.; bzgl. der Festungen: gez. Keitel OKW/WFSt/Op(H)
Nr. 772752/44 vom 5. 8.1944, zit. nach: OB West Ia Nr. 668/44, RH 19 IV/52,
S. 207 ff.; bzgl. der Sicherung der französisch-italienischen Grenze: OKW/
WFSt/Op (H) Nr. 009377/44 vom 4.8.1944, zit. nach: OB \XIest Ia Nr. 6393/44,
RH 19 IV/52, S. 165 ff.
173 Ose, Entscheidung, S. 202 ff. und 260ff.
174 Die herausgehobene Stellung Montgomer:ys blieb dennoch bestehen: Bis zu
dem Zeitpunkt, an dem Eisenhower sein Hauptquartier auf den Kontinent ver­
legte und persönlich den Oberbefehl übernahm, sollte Montgomery weiter­
hin die Führung der Landstreitkräfte ausüben.
54 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

H. Hodges' und die ebenfalls neu eingesetzte 3. US-Army Gen. Lt. George
S. Patton {mit zusammen sieben Armeekorps)175•
In den ersten Augusttagen gelang es Pattons 3. US-Army, den Durchbruch
durch die Front der Heeresgruppe B am Südwestzipfel des Cotentin
(Avranche ) auszunutzen und ins Freie, nämlich ins Innere Frankreichs
vorzustoßen {Karte 2).
Damit begann ein neuer Abschnitt im Kampfgeschehen, der Bewegungs­
feldzug. Die Initiative lag nun völlig auf seiten der Alliierten. Die deut­
sche Führung, auch Kluge, richtete in der ersten Augusthälfte ihr Haupt­
augenmerk darauf, den entstandenen Durchbruch zu schließen, ohne der
gegnerischen Kräfteentwicklung zw ischen Seine und Loire die gebühren­
de Beachtung zu schenken. achdem Rennes und am 11. August Nantes
geräumt und somit die Bretagne von den Amerikanern umschlossen war,
blieb den hier stehenden sechs Divisionen des XXV. Armeekorps keine
andere Wahl, als sich auf die bis zum letzten zu verteidigenden Festungen
St. Malo, Brest, Lorient und St. Nazaire zurückzuziehen und dort ihres
Schicksals zu harren. Sie fielen damit für das Kampfgeschehen an der
Hauptfront ebenso aus, wie die ca. 31 000 auf den Kanalinseln stationier­
ten Soldaten, die hier bis zum Kriegsende verblieben176• Obwohl der lin­
ke Flügel der 7. Armee, infolge des Durchbruchs »total zerschmettert«177
in der Luft hing und der eigene Gegenstoß auf Avranches am 8. August
vor allem auf:grund des alliierten Luftwaffeneinsatzes scheiterte, hielt Hit­
ler daran fest, den Durchbruch doch noch mittels eines eigenen Gegenan­
griffes zu schließen. Dabei blieb es auch, als Le Mans gefallen war und
die US�ruppen nicht nur bereits in den Raum Orleans an der Loire vor­
fühlten, sondern auch mit Teilen des XV. US-Corps nach Norden auf
Falaise und Caen einschwenkten.
Obwohl schon der erste mißlungene deutsche Angriff auf Avranches die
Fragwürdigkeit von Panzerangriffen bei totaler feindlicher Luftüberlegen­
heit bewiesen hatte, gab auch der OB West diesen Grundgedanken noch
nicht auf und hielt seine Verbände in ihrer exponierten Position fest. Erst
kurz bevor die Kanadier im Raum Caen eine Großoffensive in Richtung
der ihnen von Süden entgegenkommenden US-Verbände gegen die 5. Pan­
zerarmee begannen, resignierte Kluge. Er bat am 13. August »Um eine wei­
tere Weisung für die Kampfführung«17 und drang einen Tag später ver­
geblich darauf, den »großen Entschluß« zu fassen, um noch zu verhin­
dern, daß »die gesamte H. Gr. B verlorengehe«179•
Damit zeichnete sich bereits ab, daß das erste schwerwiegende Resultat
des Bewegungsfeldzuges in die Umfassung deutscher Krät
f e durch die Alli-

17S
Pogue, Supreme Command S. 262 ff.
176
OB West I a r. 6297I44 vom 2. 8. 1944, RH 19 IV/52, S. 89.
1 77
Ose, Entscheidung, S. 221.
11 RH 19 IX/8, S. 124 f.
179 KTB Pz. AOK 5 vom 14. 8. 1944, RH 21-5/52, S. 13.
111. Die Lageentwicklung bis Mitte August 55

ier ten, nicht aber in die längst erforderlich gewordene Absetzbewegung


nach Osten mündete. Die Bildung des »Kessels von Falaise«, die erste gro­
ße Katastrophe der Heeresgruppe B, hatte begonnen.
Die Auswirkungen des Bewegungskrieges ließen auch die südlich der Loire
eingesetzte Armeegruppe G unter Generaloberst Johannes Blaskowitz in
eine zunehmend prekärer werdende Situation geraten. Die Gefahr für sie
drohte von Norden im Bereich der Grenze zur Heeresgruppe B, wo US­
Truppen ungehindert im fast vollständig von deutschen Kräften entblöß­
ten Raum in Richtung auf Chartres und Orleans vorgingen. Um in die-
cm Gebiet zwischen Paris und der Loire, dessen D�rcheilung dem Geg­
ner alle operativen Möglichkeiten bot, wenigstens notdürftig eine Siche­
rungslinie errichten zu können, war am 12. August das AOK 1 unter
General d. Inf. v. d. Chevallerie aus seinem bisherigen Aufgabengebiet (Sper­
rung der Loireübergänge und Abschirmung der Atlantikküste im Befehls­
bereich der Armeegruppe G) herausgelöst und der Heeresgruppe B neu
unterstellt worden180•
Boten die Kämpfe im Raume der Normandie und das weitere Vordrin­
gen amerikanischer Truppen z wischen Seine und Loire Generalfeldmar­
schall v. Kluge Anlaß zu ernster Sorge, so zeichnete sich darüber hinaus
schon seit einiger Zeit im Mittelmeerraum ein weiterer Schwerpunkt der
lliierten ab.
Hier begann an der provenzalischen Küste in den frühen Morgenstunden
de 15. August die Landung der 7. US-Army des Gen. Lt. Patch.
Die Möglichkeit, die Kräfte der Armeegruppe G »ungedrängt vom Gegner
zurückzuführen«181 und mit ihnen zum Aufbau einer neuen Front hin­
ter der bereits schwer ringenden Heeresgruppe B beizutragen, hatte man
verschenkt. Statt dessen war am 14. August der einen Tag zuvor erteilte
Führerbefehl beim Stabe des OB West eingegangen, der den bestehenden
uftrag wiederholte: »Verteidigung der Küste im Bereich der 19. Armee
gegen die bevorstehenden Landungen 182.«
So stand das Westheer am 15. August durch die militärische Entw icklung
im Norden bei der Heeresgruppe B, wo sich die die deutschen Kräfte ein­
schließenden alliierten Angriffsspitzen bis auf 18 km einander genähert
hatten 183, und das Geschehen im Süden unter einer doppelten Bedrohung
(Karte 3).
Hinzu trat nun ein dritter Faktor, der das Geschehen dieses Tages wie den
Höhepunkt eines Dramas erscheinen läßt: Die Verbindung zum verant­
\vortlichen OB West, Generalfeldmarschall v. Kluge, der sich am 14. August

1 ·o OKW/WFSt/Op(H) r. 772801/44 vom 9.8.1944, zit. nach: RH 19 IV/52,


. 355.
1 1 Zimmermann, Bericht, MS-B-308, IV, S. 89.
182
WFSt/Op Nr. 772864/44 vom 13.8.1944, zit. nach: RH 19 IV/53, S. 110f.
IKl Tagesmeldung HGr. B vom 15.8.1944, RH 19 IX/9 Teil2, S. 1089f.
56 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

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58 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

auf eine Frontreise in Richtung des Kessels begeben hatte, riß am folgen­
den Tag gegen 9.30 Uhr184 ab. Kluge blieb für seine Stäbe, für das OKW
und Hitler mehrere Stunden unerreichbar, sein Aufenthaltsort war unbe­
kannt 185.
Der Feldmarschall war zwar nicht aktiv in das Attentat auf Hitler invol­
viert, dennoch rechnete er damit, selbst Opfer der sofort einsetzenden Ver­
folgungen werden zu können: er hatte über seinen ehemaligen Ia in Ruß­
land, Henning v. Tresckow, einige Male Verbindung zu Männern des 20. Juli
gehabt.
Zu dieser psychischen Belastung, von der Blumentritt später sagte, »man
kann nicht in schwersten Lagen sich für sein Volk einsetzen und an der
Front kämpfen, wenn zugleich von rückwärts stets die Bedrohung durch
Kriegs- und sonstige Gerichte in der Luft hängt«186, kam noch hinzu, daß
Hitler ihm die Schuld an der verfahrenen Situation bei der Heeresgruppe
B zuschob. Das mag dazu beigetragen haben, daß der OB West durch häu­
fige Reisen in die vorderste Linie sich nun persönlich den Gefahren sei­
ner Truppen aussetzte und sein eigenes Schicksal mit der drohenden Kata­
strophe der Heeresgruppe B zu verknüpfen suchte. Damit zeichnete sich
die Tragödie Feldmarschall v. Kluges ab, der noch Anfang Juli voller Zuver­
sicht den Oberbefehl im Westen übernommen hatte. Mit der ihm gestell­
ten Aufgabe, die Diskrepanz zwischen den Befehlen Hiders und dem mili­
tärisch Durchführbaren und otwendigen zu vereinen, war er offensicht­
lich überfordert.
Die Ereignisse des 15. August ließen ein weiteres, militärischer Effizienz
widersprechendes Moment deutlich hervortreten, das bereits seit dem Zeit­
punkt, an dem Kluge zusätzlich zum Oberbefehl auch noch die Führung
der Heeresgruppe Rommels übernehmen mußte, latent vorhanden war:
die fehlerhafte Führungskonstruktion im Westen.
Als sich die alliierte Landung an der provenzalischen Küste entwickelte
und der Kampf nun an zwei französischen Fronten geführt werden muß­
te, war der hierfür vorgesehene Koordinator auf deutscher Seite, der OB
West, im Raume des Kessels von Falaise verschwunden und blieb in den
nächsten Stunden unauffindbar. Die Krise bei der Heeresgruppe B nahm
ihn so in Anspruch, daß sein »ganzes Denken und Handeln [ ...] von der
unmittelbaren Gefahr an diesem Schwerpunkt diktiert war«187 und er sich
trotz bereits vorliegender Meldungen, die auf den 15. August als Invasions-

1 4 Vgl. hierzu und zum folgenden: Ose, Entscheidung, S. 242 ff.


1 s Obgleich der OB West wohl nicht in der Zwischenzeit Kontakt zu den Alli­
ierten gesucht hatte, wie e Hider, der schon seit einigen Tagen über Verbin­
dungen Kluges mit den Ereignissen des 20. Juli informiert war, vermutete, hing
diese erneute Frontreise in indirekter Hinsicht auch mit dem Attentat auf Hitler
zusammen. Vgl. ebd. und lrving, Hitler, S. 626, Anm. 6.
186 Zimmermann, OB West, MS:f-121, B IV, S. 1571.
1s1 Ebd., S. 1545.
Ill. Die Lageentwicklung bis Mitte August 59

tag im Süden hinwiesen 188, auf die erwähnte Frontreise begab. Daß bei­
de Aufgaben von ihm aber faktisch nicht zu bewältigen waren, verdeut­
lichte der Inhalt des Ferngesprächs, mit dem sich der OB West bei seinem
Stabschef Gen. d. Inf. Blumentritt am nächsten Tag dann zurückmelde­
te189: Kluge war offensichtlich noch durch die niederdrückenden Erleb­
nisse der Frontreise {sein Funkwagen wurde von Jagdbombern zerschos-
en, wobei vier Soldaten fielen) gefesselt und stand der Entwicklung in
Südfrankreich ziemlich ratlos gegenüber.
Aufgrund der sich verschärfenden Lage im Rücken der Normandiefront
war die Situation am 15. August für General Blumentritt, der in Abwe­
senheit Kluges die Führungsarbeit beim Stabe des OB West übernommen
hatte, immer unangenehmer geworden. Nachdem der Feldmarschall sich
seit 9 Stunden nicht mehr gemeldet hatte, rief Blumentritt den Chef des
Wehrmachtführungsstabes, Generaloberst Jodl an, unterrichtete ihn über
das Verschwinden Kluges, bat um Ernennung eines kommissarischen Ober­
befehlshabers und forderte, wie er es ausdrückte, endlich den »großen Ent­
schluß«, wohinter sich nichts anderes als der Befehl zum Rückzug, zur
Absetzbewegung, vor allem zur noch möglichen Räumung des Falaise-Kes­
sels verbarg190.
Für Hider, der sich durch das anscheinend unerklärbare Verschwinden
Kluges in seinen Verdachtsmomenten bestärkt sah, konnte es nun keine
andere Entscheidung mehr geben, als den OB West zu ersetzen.
Der 15. August, der Tag, den Hider zwei Wochen später als den schlimm­
sten seines Lebens bezeichnen sollte191, verlief nicht nur bei den Füh­
rungsstäben im Westen, sondern auch im Führerhauptquartier wegen der
Koinzidenz einer Führungs- und Lagekrise in größter Aufregung192.
achdem er sich entschlossen hatte, Kluge seines Postens zu entheben,
mußte die Frage der Nachfolge gelöst werden. Zunächst aber wurde, wie
von Blumentritt gefordert, ein Offizier kommissarisch mit der Führung
der Verbände der Heeresgruppe B beauftragt: Paul Hausser, bislang Ober­
befehlshaber der 7. Armee, übernahm für die Zeit der Abwesenheit Klu­
ges auch die Führung der 5. Panzerarmee und der Gruppe Eberbach193•
Auch für Hausser blieb trotz des Drängens Blumentritts nach einem Ent­
schluß im großen und damit nach Aufgabe des Offensivgedankens194 der
Auftrag Hitlers bestehen, angriffsweise vorzugehen und einen Stoß in süd-

18 Lagebeurteilung Armeegruppe G vom 12. 8. 1944, zit. nach: OB West Ia


r. 706/44, RH 19 IV/53, S. 60.
1 9 Ferngespr. Kluge -Blumentritt vom 16. 8., 11.55-12.07 h, RH 19 IV/53, S. 208 ff.

19o RH 19 IV/53, S. 171 f.

19 1 Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31. 8. 1944, S. 612.

l92 Zimmerma n n , OB West, MS-T-121, B IV, $._1555.

193 WFSt/Op Nr. 772887/44 vom 15.8. 1944, zit. nach Obkdo HGr. B Ia
Nr. 6073/44, RH 19 IX/7, S. 27 f.
194 Ferngespr. Blumentritt-Jodl vom 15. 8. 1944 RH 19 IV/53, S. 170ff.
60 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

ostwärtiger Richtung gegen das XV. US-Korps zu führen. Doch nach An­
sicht Hitlers konnte die Befehlsführung durch Hausser nur eine Über­
gangslösung195 darstellen.
Um die drohende Katastrophe im Westen abzuwenden, suchte er einen
Mann, der über ausreichende Erfahrungen im Meistern solcher Situatio­
nen verfügte. Zwei Feldmarschälle, Kesselring und Model, beide noch am
selben Tage ins Führerhauptquartier befohlen196, hatte Hitler hierzu in
die engere Wahl gezogen.
Kesselring, seit 1943 Oberbefehlshaber Südwest in Italien, hatte hier die
Angriffe bis zum August noch südlich der sogenannten »Grünen Linie«
( = Gotenlinie: La Spezia-Apennin-Pesaro) zum Stehen bringen und so
den Alliierten einen langwierigen, verlustreichen Kampf aufnötigen
können.
Model, der erst Ende März (mit W irkung vom 1. März 1944) zum Gene­
ralfeldnlarschall befördert worden war197, hatte, nachdem er 1939 als
Generalstabschef des IV. Armeekorps in Polen und im Westfeldzug in glei­
cher Funktion bei der 16. Armee eingesetzt worden war, den weiteren
Kriegsverlauf ausschließlich an der Ostfront in verschiedenen Verwendun­
gen als Truppenführer miterlebt. Für die Einsetzung Kesselrings im Westen
sprach, daß er als Oberbefehlshaber des Nachbarkriegsschauplatzes Ita­
lien mit der Kampfführung der Westalliierten und den durch die Landung
in Südfrankreich entstehenden Problemen an der Naht beider Fronten
bereits vertraut war. Model hingegen hatte sich die Hochschätzung Hit­
lers als Oberbefehlshaber an nahezu allen Abschnitten der Ostfront erwor­
ben. Zunächst schien es am späten Abend des 15. August im Führerhaupt­
quartier, als ob Kesselring zum neuen OB West ernannt würde, da Model
wieder zu seiner Heeresgruppe an der nicht mehr weit von Rastenburg
entfernten Ostfront abgereist war.
Für Model entschied sich Hitler jedoch wohl noch in der Nacht vom
15./16. August: Denn um 23.00 Uhr wurde der Stab des OB Südwest dar­
über unterrichtet, daß Kesselring nicht wegen einer anderweitigen Verwen­
dung, sondern zu einer Besprechung in die »Wolfsschanze« gerufen wor­
den sei 198. Der Oberbefehlshaber der H. Gr. Mitte wurde für den folgen­
den Tag erneut ins Führerhauptquartier befohlen: Die hier eingegangene
Meldung, der Verbleib Kluges sei mittlerweile geklärt, war nun nicht mehr
von Belang. Doch bevor der sich abzeichnende Kommandowechsel im
Westen in Kraft trat, trieben die Ereignisse in Südfrankreich einem ersten
Höhepunkt zu.

195 Hausser hatte mit seinem II. SS-Panzerkorps am 15. 2. 43 gegen Hitlcrs Befehl
Charkow eigenmächtig geräumt, siehe: Hillgruber/Hümmelchen, Chronik,
s. 162.
196 KTB OKW, IV/ 1, S. 345.
197 Keilig, Generale, S. 228.
19 KTB OKW, IV/1, S. 466.
IV. Die Aus gan gslage in Südfrankreich

1. Planungen und Erwartungen

a) Die deutsche Führung und das Problem einer Landung im Süden


Bereits im Juni 1943 hatte ein Feindlagebericht des Wehrmachtführungs­
stabes die Aufstellung eines »französischen Expeditionskorps<< als einen
Hinweis auf eine gegen Südfrankreich gerichtete gegnerische Offensive
gewertet199• Konkrete Befürchtungen wegen einer alliierten Landung an
der französischen Riviera traten allerdings bei der deutschen Führung erst
seit August 1943 auf, als im Gebiet ostwärts der Rhonemündung Trup­
pen des OB West die 4. italienische Armee ablösten200.
Zwar verlief die Übernahme der Küstenverteidigung durch die Deutschen
ungestört, doch entw ickelte sich aus der anfangs noch recht vage erschei­
nenden Möglichkeit einer gegnerischen Landung nach der notgedrunge­
nen Räumung Sardiniens und Korsikas recht bald eine ernstzunehmende
Sorge. Diesem Problem trug auch der OB West in seiner Lagebeurteilung
vom Oktober 1943 Rechnung: »Die Angriffsmöglichkeiten der Anglo­
Amerikaner sehe ich«, so Rundstedt, »in erster Linie am Kanal, wahrschein­
lich im Zusammenhang mit einem Angriff [ ... ] gegen die französische Mit­
telmeerküste«201. Auch die bisher weitgehend unbeachtete Biskaya-Front
der 1. Armee erkannte Rundstedt als mögliches Ziel einer mit Angriffen
im Raum der Rhonemündung kombinierten »Anlandung großen Ausma­
ßes«. Dem Grad der Gefährdung entsprach die Abwehrkraft in keiner Wei­
se. Nach Rundstedt konnten die Deutschen am Atlantik lediglich »ver­
stärkte Beobachtung« leisten. Dies stand im krassen Mißverhältnis zu den
lohnenden Zielen, die Invasionen an beiden Küsten finden konnten. Eine
Landung an der Mittelmeerfront hielt Rundstedt schon wegen der Bedeu­
tung Toulons und Marseilles für möglich. Dem Rhonetal kam dann als
>>natürliche[r] Einfallspforte nach Norden« die Funktion der »entschei­
dend wichtige[n] Stoßrichtung für den Feind und für uns«202 zu. Nach
Lagebeurteilung des OB West würde die Südküste jedoch nur Schauplatz
einer Nebenoperation zur Hauptoffensive im Norden Frankreichs sein.
Jedenfalls erlangte der Süden nach der Führerweisung 51, die in dieser Hin­
sicht den Auffassungen Rundstedts im wesentlichen gefolgt war und eine
Verstärkung des Westraums zum Ziele hatte, mehr Beachtung.
Anfang 1944 erwarteten Jodl wie auch Hitler alliierte Landeoperationen
an der Peripherie der »Festung Europa«, die ihrer Ansicht nach zur Zer­
splitterung der eigenen Kräfte dienen und dann den entscheidenden Schlag

199 KTB OKW, III/2 vom 10. 6. 43, S. 1442 ff.


200
Ebd., S. 1025 f.
201 Lagebeurteilung vom 25.10. 43, OB West I a Nr. 550/43, RH 19 IV/1, S. 71 ff.
202
Ebd.
62 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

am Kanal erleichtern sollten. Seit der Jahreswende hatten sich Nachrich­


ten über den Aufbau einer starken alliierten Reserve in Nordafrika ver­
mehrt. Aufgrund der Beteiligung französischer Truppen und der Erkennt­
nis, daß diese Reserve nicht zur Nährung der Landung bei Anzio-Nettuno
diente, owie des Ausbaus Korsikas zu einem »festen Flugzeugträger« der
Alliierten, mußte die deutsche Führung die südfranzösische wie auch die
ligurische Küste als besonders bedroht ansehen. Am 17. Februar 1944 äu­
ßerte Jodl die Ansicht, daß »die nächste größere Feindoperation im west­
lichen Mittelmeer, und zwar gegen die französische Mittelmeerküste geplant
sei«203• Hitler genehmigte daraufhin die Verstärkung dieses Raumes. Da
die Aufstellung einer »Heeresgruppe<< , wie von Rundstedt erwünscht204,
entsprechend der Kriegsstärke-Nachweisung angeblich nicht möglich war,
wurde zunächst: nur eine »Armeegruppe« aktiviert205•
Die Armeegruppe G umfaßte am 6. Juni zwei Armeen mit sieben Korps
und 16 Divisionen, davon acht im bedrohten Mittelmeerabschnitt. Nach
Auffassung des �Oberbefehlshabers, Generaloberst Blaskowitz, bestand zu
diesem Zeitpunkt Aussicht, mit der 19. Armee an der Riviera »Landun­
gen [ ... ] abzuwehren, oder - falls sie geglückt sein sollten - den Gegner
im Gegenangriff wieder ins Wasser zu werfen«206•
Doch der verlustreiche Kampf an der Invasionsfront im Norden ließ auch
die Kräfte der Armeegruppe nicht unbeeinträchtigt. Obwohl eine geg­
nerische Großoperation im Mittelmeerraum - Landungsübungen waren
bereits erkannt worden - als sicher bevorstehend galt207, wurden meh­
rere Verbände208 aus dem Bereich der durch eine »zweite Invasion« po­
tentiell bedrohten Armeegruppe abgezogen. Schon dies waren deutliche
Anzeichen für die personelle Bedrängnis der Deutschen in Frankreich. Den­
noch durfte auch nach dieser Schwächung der Armeegruppe nicht das
vollzogen werden, was die Feldmarschälle v. Rundstedt und Rommel schon
im Juni versucht hatten durchzusetzen: die völlige, vom Gegner unge­
drängte Räumung des Südens und Südwestens, um mit den freiwerdenden
Kräften rechtzeitig eine neue Front quer durch Frankreich aufzubauen209•
Die offensichtlichen Vorteile einer solchen Lösung, die auch eine erhebli­
che Kürzung der Nachschublinien bewirkt hätte, konnten nicht genutzt
werden.

2o3 Ebd., S. 287.


204 Ebd., S. 300 f.
205 Hinzu kamen die Vorbehalte an höchster Stelle gegen Generaloberst Blasko­
\Vitz, der mit ihrer Führung betraut werden sollte.
206 Gez. Blaskow itz, Obkdo AGr. G I a Nr. 1598/44 vom 4. 8.1944, in: Staiger,
Rückzug, S. 19 ff.
2o1 KT B OKW III/2 . 508.
20 Im Juni 3 und dann bis Mitte August noch einmal 4, darunter 2 Panzerdivi­
SlOnen.
209 Zimmermann Operationen, MS-B-308, IV, S. 89.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 63

Hitler bestand darauf, diesen Raum zu halten. Blaskowitz blieb nichts anderes
übrig, als zu melden, »daß infolge des Abzuges an Menschen und Waffen die
Verteidigungskraft der [ 19.] Armee derart geschwächt ist, daß eine erfolgrei­
che Verteidigung der Küste bereits jetzt kaum mehr gewährleistet«210 sei.
Innerhalb der deutschen Führung war man sich allerdings nicht mehr
sicher, ob die alliierte Landung in Blaskowitz' Mittelmeerabschnitt erfol­
gen würde. Nach einer Kurzbeurteilung des Wehrmachtführungsstabes vom
27. Juli rechnete man nun eher mit einer Operation gegen die ligurische
Küste211. Etwa eine Woche später erfuhr Feldmarschall Kluge, daß nach
neuesten Erkenntnissen >)eine unmittelbare Bedrohung der französischen
üdküste z. Zt. nicht mehr als gegeben« angesehen wurde und er deshalb
Überlegungen wegen eines weiteren Kräfteabzuges aus diesem Raum anzu-
tellen habe. Daraufhin forderte Kluge, ein Generalkommando, drei Infan­
teriedivisionen und vor allem die letzte mobile Reserve der Armeegrup­
pe, die 11. Panzerdivision, sofort in die Normandie zu verlegen212. Wohl
\vissend, daß die Erfüllung dieses Antrages dem endgültigen Abbruch
ernsthafter Verteidigungsanstrengungen im Süden gleichkommen würde,
fügte er hinzu: >)Die Entscheidung dieses Feldzuges liegt in Nordfrank­
reich213.« Doch wiederum entschloß sich Hitler nur zu einem unbefrie­
digenden Kompromiß: Einerseits beließ er der Armeegruppe G mit der
Panzerdivision den einzigen zu beweglicher Kampfführung geeigneten Ver­
band und lehnte damit die von den Oberbefehlshabern im Westen seit Juni
wiederholt gestellten Anträge auf Verlegung dieser Division zur Heeres­
gruppe B ab21"'. Auf der anderen Seite genehmigte er, von der bereits stark
geschwächten 19. Armee eine weitere Infanteriedivision (338.) sowie Pan­
zerjägerkompanien215 von drei in der Küstenverteidigung eingesetzten Ver­
bänden (242., 244., 198. Inf. Div.), die dadurch erheblich an Feuerkraft ein­
büßten, nach Norden abzuziehen216.
Derweil ging innerhalb der Stäbe das Rätselraten um den Zielraum der
alliierten Mittelmeeroperation weiter, die mehreren Anzeichen zufolge nun
unmittelbar bevorstand: Nach einer Meldung aus Madrid vom 10. August
war das Auslaufen von Truppentransporten aus Nordafrika beobachtet
worden217. Einen Tag später orientierte der OB West den Wehrmachtfüh-

210
Gez. Blaskowitz, Obkdo. AGr. G Ia r. 1598/44 vom 4. 8.1944, in: Staiger,
Rückzug, S. 19 ff.
lll
Die Wahrscheinlichkeit einer Landung in Ligurien-Südfrankreich-Adriaraum
wurde mit 5:4: 1 »berechnet«, KTB OK\XI, IV/1, S. 349.
212
Ferngespr. Maj. Friede! (WFSt}-la OB West vom 5. 8.1944 21.00h, RH 19 IV/52,
s. 186.
213
K TB OB \XIest vom 5. 8. 1944, RH 19 IV/45, S. 40.
lH
Befehl vom 11. 8. 1944, RH 19 IV/ 45, S. 90.
lts
Eine Inf. Div. verfügte 1944 über 4-5 Pan�rjägerkompanien mit je 12 Pak,
Mueller-Hillebrand, Heer, III, S. 225.
216
OB West Ia Nr. 6726/44 vom 10. 8.1944, RH 19 IV/52, S. 381.
217
KTB OKW, IV/1, S. 512.
64 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

rungsstab über systematische Luftangriffe auf Ortungsgeräte an der süd­


französischen Küste218• Am 12. August schließlich entdeckten Aufklärer
der 2. Fliegerdivision »südlich Ajaccio 2 große Geleite von 50-100 Handels­
und Kriegsschiffen, dabei 2 Flugzeugträger«219• Im Wehrmachtführungs­
stab war es jedoch nach wie vor unklar, ob sich diese Operation gegen
Ligurien oder Südfrankreich richtete. »Für beide Auffassungen konnten
Begründungen vorgelegt werden, doch hielten sie sich bis zum letzten
Augenblick die Waage220.« Zwar sprachen nach dem alliierten Durchbruch
durch die Normandiefront »Strategische Überlegungen dafür, daß die Lan­
dung in Südfrankreich und nicht in Italien [ . . . ], das im Augenblick nur
einen Nebenkriegsschauplatz darstellte«, erfolgen würde, aber »solange kei­
ne Gewißheit bestand, wurde angestrebt, beide Küsten gleichzeitig nach Mög­
lichkeit abzustützen<<221• General Warlimont, der stellvertretende Chef des
Wehrmachtführungsstabes, teilte dem Kriegstagebuchführer am 12. August
mit, daß seiner Ansicht nach ein Angriff an der französischen Riviera
unwahrscheinlich und die Anzeichen eher für eine Stoßrichtung gegen
Ligurien sprechen würden222•
Bisher hatten auch die vor Ort Führenden diese Lageeinschätzung im
wesentlichen geteilt: Nach späteren Äußerungen Blaskowitz' wie auch
seines Stabschefs, Generalmajor v. Gyldenfeldt, rechnete man, insbeson­
dere nach den alliierten Erfolgen in Nordfrankreich, eher mit einer Inva­
sion in der Bucht von Genua223• Nach Gyldenfeldts Ansicht mußte die
alliierte Führung über den mangelnden Kampfwert und die Unbeweglich­
keit der Armeegruppe G, die daher kaum eine Gefahr bildete, informiert
sein. Eine Offensive im Raum Genua dagegen konnte die deutsche Ita­
lienfront zum Einsturz bringen und sich so als die effektivere A lternative
anbieten224•
Doch die Ereignisse der vorangegangenen Tage, die Zerstörung der Brücken
über Rhone und Var, die wiederholten Luftangriffe auf Funkmeßgeräte
und BatterieS'tellungen ost wärts der Rhone und die in der Bevölkerung
kursierenden Gerüchte, wonach am »Napoleonstag«225, dem 15. August,
die alliierte Landung erfolgen würde, führten im Oberkommando der
Armeegruppe zu einer anders akzentuierten Beurteilung: Am 12. August
meldete man an den OB West, daß die erste Phase der Vorbereitungen einer
»bald bevorstehenden Landung zwischen Rhone und Var« abgeschlossen
sei. Deshalb hatte Blaskowitz auch sofort die Auslösung der »Alarmstufe Il«

218 A nruf Marinegruppe West vom 11.8.1944, 2 2.40h, RH 19 IV/53, S. 23.


219 Meldung 2. Fliegerdivision vom 12. 8.1944, 7.20h, RH 19 IV/45 , S. 93.
22o KTB OKW, IV/1, S. 512.

221
Ebd., S. 350.
222 Mitteilungen Gen. Warlimonts vom 12.8.1944, 10.00h, KTB OKW, IV/1, S. 465.

223 Blaskowitz, Lagebeurteilung, MS-B- 421, S. 2.

224 Gyldenfeldt in: Zimmermann, OB West, MS:r-121, B V, S. 1676.

22s Geburtstag Bonapartes: 15. 8.1769.


Karte 3
Frontverlauf am 15. 8.1944
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FD!X •
IV. Die Ausgangslage in Südfran kreich 65

für die 19. Armee angeordnet, außerdem dringend beantragt, die Verlegung
der 338. Infanteriedivision zur Heeresgruppe B abzustoppen226• Doch
hierz u konnte man sich im Wehrmachtführungsstab noch nicht entschlie­
ßen obwohl Hitler am 13. August nochmals befohlen hatte, die Front der
9. Armee gegen Landungsunternehmen zu verteidigen227• Das Zögern, die
fortgesetzte Schwächung der 19. Armee zumindest jetzt aufgrund der dro­
henden Gefahr zu unterbinden, lag auch darin begründet, daß nach wie •

,or über die alliierten Absichten keine Klarheit herrschte. Auch aus den
Luftangriffen, deren Häufigkeit im Bereich der 19. Armee das dreifache
der Vorwoche erreichte, war die Richtung der gegnerischen Operation bis
zum letzten Augenblick nicht zu erkennen. Sowohl Ziele in Ligurien wie
auch die Rhonebrücken, Eisenbahnanlagen und Flugplätze in Südfrank­
reich wurden bombardiert228•
rst nach einer weiteren Lagezuspitzung - die Armeegruppe hatte am
4. August die gründliche Zerstörung des Verkehrsnetzes zwischen Rhone
und Var-229 und der OB West zusammenfassend gemeldet, »daß zahlreiche
lomente auf eine Landung an der französischen Mittelmeerküste«230 hin­
deuten würden - genehmigte das OKW, die Verlegung der 338. Infante­
nedivision abzubrechen und die noch nicht abgefahrenen Teile dieses Ver­
bandes bei der 19. Armee zu belassen.
Über Zeit und Ort der erwarteten Mittelmeeroperation herrschte, das ist
htermit zu konstatieren, innerhalb der deutschen Führung bis zum letz­
ten Moment Ungewißheit. Die Bildung eines Abwehrschwerpunktes wurde
cadurch vereitelt.
J)aneben bleibt in diesem Rahmen ein weiterer Problemkreis untersu­
chungswürdig:
Warum widersetzte sich Hitler auch Mitte August noch der von Rund­
stedt und Rommel vorgeschlagenen »VOm Feinde ungedrängten« Räumung
Süd- und Südwestfrankreichs? Dagegen sprach wohl, daß in Hitlers Sicht
1 eine freiwillige Räumung dem Eingeständnis militärischer Schwäche
gleichkam,
2. beim Absetzen auf eine rückwärtige Linie die Gefahr einer unkontrol­
lierbaren sogartigen Fluchtbewegung entstand231,
3. wichtige Rohstoffvorkommen »früher als nötig« preisgegeben wurden232,

216 Lagebeurteilung Obkdo. AGr.G Ia Nr. 1800/44 vom 12.8.1944, RH 19 XIV7,


S. 145.
2• Gez. Hitler, WFSt/Op Nr. 772864, zit. nach: OB West Ia Nr. 712/44, RH 19
IV/53, S. 110f.
22 KTB OKW, IV/1, S. 511f.
229 Lagebeurteilung Obkdo AGr. G Ia Nr. 1859/44 vom 14.8.1944, RH 19 XII/7,
S. 177 f.
2" OB West la Nr. 6872/44 vom 14.8.1944, RH . 19 IV/53, S. 122.
2' Ose, Entscheidung, S. 134.
2' Die Versorgung mit Bauxit und Wolfram war allerdings für 1944 noch gesi­
chert , KTB OKW, IV/1, S. 23.
66 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

4. in diesem Fall eine (kampflose) alliierte Landung geradezu provoziert


werden konnte, die mit La Rochelle, der Girondemündung und Bor­
deaux, Marseille und Toulon bzw. im Stoß in den Rücken der Italien­
front lohnende Ziele finden würde233•
Entscheidender war aber sicherlich, daß Hitler noch davon ausging, die
Lage in der ormandie offensiv »bereinigen<< zu können. Gelang dies
- Hitler schien daran nicht zu zweifeln -, dann war eine Preisgabe des
üdlichen Frankreich unnötig bzw. noch verfrüht. Konnte ein Absetzen
der Armeegruppe G nicht erst die erwartete Mittelmeeroperation an die
dann unverteidigte Küste der Riviera ziehen? So oder ähnlich mögen Hit­
lers Überlegungen gewesen sein234• Sein nicht auf den Tatsachen fußen­
der Optimismus, mit dem Befehl zum Angriff in der Normandie >>in
gewohnter Überschätzung der eigenen Lage bereits den Erfolg dieser Ak­
tion«235 zu erwarten, war zugleich das entscheidende Hemmnis, das einer
frühzeitigen Räumung des Südens im Wege stand.

b) Die Opera'tion DRAGOON in der Sicht alliierter Militärs


Obwohl im politischen Rahmen die Entscheidung de facto bereits gefal­
len war, entwickelte sich eine nahezu acht Monate währende heftige Kon­
troverse um die Operation ANVIL bzw. DRAGOON236, die erst weni­
ge Tage vor Beginn der Landung beigelegt wurde. Die militärische Füh­
rung der Vereinigten Staaten, die im Verlauf dieser Auseinandersetzung
von der grundsätzlichen Bedeutung DRAGOONS als Unterstützungsof­
fensive überzeugt blieb, sah sich mit einer doppelschichtigen Problema­
tik konfrontiert: Einerseits war DRAGOON in zeitlicher und kräftemä­
ßiger Hinsicht so auf die Invasion in der Normandie abzustimmen, daß
weder die Haupt- noch die Nebenoperation in ihrem Erfolg gefährdet wur­
den. Andererseits mußten die Erfordernisse der bereits laufenden Kämpfe
in Italien mit den Planungen für DRAGOON in Übereinstimmung
gebracht werden. Interferenzen waren hier schon deshalb vorherzusehen,
da der italienische Kriegsschauplatz einem Briten unterstand, der stellver­
tretend für die politische und militärische Führung seines Landes die
Zweckmäßigkeit von DRAGOON in Zweifel zog.
Das ursprüngliche Ziel der Operation, die im August 1943 vom US-Gene­
ralstab erstmals vorgeschlagen worden war, bestand zunächst in der Er­
kämpfung eines Brückenkopfes im Raum Marseille, um durch Fesselung
deutscher Kräfte in diesem Gebiet die Landung in der Normandie zu er-

233 Zimmermann, OB West MS.:Y..121 B V, S. 1715f.


234 Gen. Maj. Treusch v. Buttlar-Brandenfels in: Zimrnermann, OB West MS+121
B V, S. 1721 ff.
n5 Ose, Entscheidung, S. 224.
236 Im Juli wurde die Operation wohl deshalb in DRAGOO umbenannt, da
Churchill sich zur Landung in Südfrankreich »dragooned« (gezwungen) fühl­
te, siehe: Papers of Eisenhower, IV, S. 2056.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 67

leichte rn237• Als die Kontroverse im Januar 1944 begann, betonte Eisen­
hower in einem Schreiben an Marshall den hohen Stellenwert dieses Vor­
teils23 . Dariiber hinaus sah er zwei weitere Argumente, die für die Durch­
führung von DRAGOON sprachen:
1. die Einhaltung der den Sowjets in Teheran gegebenen Zusicherung und
2. die bestmögliche Verwendung der von den Amerikanern ausgerüste­
ten französischen Divisionen, die nach dem Wunsch de Gaulies vor
allem im Süden Frankreichs eingesetzt werden sollten239•
Die notwendige Bereitstellung von Landungsschiffsraum für OVERLORD
und die sich gleichzeitig verschlechternde L age in Italien, die das Heraus­
ziehen von Truppen aus der Frontlinie nicht zuließ, machte jedoch eine
\\resentliche Änderung des DRAGOON-Konzeptes erforderlich. Am
21. März 1944 kam es zwischen den Generalstäben der Westalliierten zu
einem Kompromiß, nach welchem man dem italienischen Kriegsschau­
platz so lange den Vorrang einräumte, bis hier die Offensive erfolgreich
\\'ieder angelaufen war. Hierdurch wurde die L andung in Südfrankreich
zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben240• Damit war DRAGOON
zwar nicht, wie von britischer Seite erhofft, gänzlich verschwunden, aber
als Simultanoperation zu OVERLORD aufgehoben. Ein Argument sei­
ner Befürworter, durch die Fesselung deutscher Kräfte zur Entlastung von
OVERLORD beitragen zu können, büßte so an Durchschlagskraft ein.
Es bestand aus amerikanischer Sicht die Gefahr, daß das verlorenging,
woran Churchill ohnehin nicht glaubte: die strategische Kopplung zwi­
schen OVERLORD und DRAGOON241•
achdem im Mai 1944 die Front in Italien wieder in Bewegung geraten,
Monte Cassino genommen und der Brückenkopf Anzio in die alliierten
Linien integriert war, entflammte auch die Diskussion um die L andung in
Südfrankreich aufs neue. Die Argumentation auf amerikanischer Seite be­
wegte sich zunächst im Rahmen des schon Bekannten und oft W iederhol­
ten, so wie die nachteiligen Auswirkungen eines Verzichts auf DRAGOON
darin gesehen w urden, daß politische Schwierigkeiten mit den Franzosen
entstehen könnten, oder daß OVERLORD zehn Kampfdivisionen vor­
enthalten blieben und die kräftezehrende Alternative über Italien letztlich
nach Südosteuropa führen würde242• Erst Mitte Juni - die Normandie­
invasion war bereits angelaufen, der Termin für die L andung im Süden
dagegen immer noch nicht geklärt - gewann im Rahmen der Debatte ein
anderes Argument an Gewicht, das für die Amerikaner nun von überra­
gender Bedeutung zu sein schien.

23
7 CCS vom 16. 8. 43, in: Wilt, Riviera, S. 5, Anm. 1.
238
Pogue, Supreme Command, S. 111.
n9 de Gaulle, Memoiren, S. 130.
240 Matloff, Planning, S. 422 f.
241
Pogue, Supreme Command, S. 112.
242 Matloff Planning, S. 425.
68 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

In einem Treffen am 17. Juni vertrat General Marshall gegenüber dem bri­
tischen Oberbefehlshaber des Mittelmeerraums, W ilson, die Auffassung,
daß DRAGOO schon deshalb stattfinden müsse, um in den Besitz der
Häfen der Riviera, Marseille und Toulon zu gelangen. Nur so sei es mög­
lich, die in den USA \Vartenden 30-40 Divisionen243 schnell nach Frank­
reich zu bringen. W ilson schien beeindruckt und befürwortete zwei Tage
später unter der Voraussetzung, daß auch die Combined Chiefs of Staff
der Einnahme der Großhäfen Priorität zuerkennen würden, DRAGOON.
Wenn der Höhepunkt der Kontroverse, ein mehrtägiger Telegrammwech­
sel zwischen Churchill und Roosevelt auch noch bevorstand, so war damit
doch ein erster Einbruch in die zuvor geschlossene militärische Opposi­
tion Großbritanniens gelungen. Wenige Tage später verlieh Eisenhower
dem Argument Marshalls besonderen Nachdruck: In seinem Schreiben
an die CCS hob er hervor, daß DRAGOON nicht nur deutsche Truppen
binden, sondern auch den »lebenswichtigen« Besitz eines Hafens ermög­
lichen würde244•
Für Eisenhower wurde dieses Problem immer drückender, da Cherbourg
zu dieser Zeit noch nicht erobert war und den alliierten Truppen in der
ormandie keine größeren Nachschubumschlagplätze zur Verfügung stan­
den. Hinzu kamen die Schwierigkeiten, die der Oberbefehlshaber der
OVERLORD-Streitkräfte kurz zuvor >>hautnah« erlebt hatte: Am 21. Juni
wurden die beiden künstlichen Häfen {Mulberries), über die zu dieser Zeit
der gesamte achschubumschlag lief, durch Stürme an der normannischen
Küste erheblich beschädigt und vorobergehend außer Betrieb gesetzt.
Funktionsfähige Hochseehäfen und ihre ungehinderte Zugänglichkeit stell­
ten ein Problem dar, das im Laufe der Debatte zunehmend an Bedeutung
gewonnen hatte und das mit zu der Entscheidung vom 2. Juli beitrug, den
Beginn der Operation DRAGOON endgültig auf den 15. August festzu­
legen245. Neun Tage bevor das Unternehmen anlief, trug Churchill beim
letzten Versuch, DRAGOON zu verhindern, dem Hafenproblem auf sei­
ne Weise Rechnung: Er schlug vor, die Landung wegen der größeren Bedeu­
tung der Atlantikhäfen Brest, Lorient und St. Nazaire vom Mittelmeer an
die bretonische Küste zu verlagern246• Auch dieser Alternativplan, wegen
der fortgeschrittenen Vorbereitungen für DRAGOON trotz einiger deut­
licher Vorzüge praktisch kaum noch durchführbar, wies damit, wenn auch
indirekt, auf einen der neuralgischen Punkte im komplizierten logistischen
System hin. Die aus diesem Bereich resultierenden Schwierigkeiten beein­
trächtigten zumindest noch bis zum Ende des Jahres 1944 die Kampffüh­
rung der Westalliierten.

243 Schreiben W ilsons an Eisenhower vom 19. 6. 1944, in: Matloff, Planning, S. 470,
und Pogue, Supreme Command, S. 220.
2·44 Schreiben vom 24. 6.1944, Pogue, Supreme Command, S. 219 ff.
2"s Ebd., S. 222.
246 Ehrman, Strategy, V, S. 362 ff.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 69

Grundsätzlich waren die Faktoren, die den Ausgang der Debatte um die
Operation DRAGOON - auf höchster, wie auf militärischer Ebene -
maßgeblich beeinflußten, von der deutschen Führung schon früh zutref­
fend analysiert worden. In der »Führerweisung 40« vom 23. März 1942
hatte Hitler betont, daß Zeitpunkt und Ort von » Landeunternehmungen
nicht allein von operativen Gesichtspunkten«, sondern auch durch »Miß­
erfolge auf anderen Kriegsschauplätzen, Verpflichtungen gegenüber Verbün­
deten und politische Erwägungen« bestimmt werden könnten247•
Rundstedt, der als OB West Ende 1943 eine Landung am Kanal, verknüpft
>>mit einem Angriff[ ...] gegen die französische Mittelmeerküste«, als wahr­
scheinlichste Möglichkeit bezeichnet hatte, begründete diesen Zusammen­
hang u. a. logistisch: »Abgesehen von politischen Rücksichten ist für den
Feind die Gewinnung von Toulon und Marseille [ ...] wichtig248.«
Der deutschen Führung gelang es jedoch nicht, zum rechten Zeitpunkt
entscheidende Gegenmaßnahmen zu treffen. Im Sommer 1944 waren die
Voraussetzungen hierfür wegen des kräftezehrenden Kampfes in der N or­
mandie und der Ungewißheit über die alliierten Absichten im Mitreimeer­
raum nicht mehr gegeben.

2. Voraussetzungen auf deutscher Seite

a) Die Situation an der Atlantikküste


Mitte August 1944 standen Generaloberst Blaskowitz folgende Kräfte in
seinem Befehlsbereich zur Verfügung: Im westlichen Raum, der Atlantik­
küste zwischen Loiremündung und Pyrenäen, sollte nach Weisung des OB
West nur noch ein »System bloßer [sie] Sicherung« aufrecht erhalten wer­
den. Ausdrücklich ausgenommen von dieser Regelung blieben die Gironde­
Festungen und der »Verteidigungsbereich La Rochelle«249• Mehr als einen
dünnen Sicherungsschleier an den allein 857 km Küstenfront konnte der
hier verantwortliche General der Pioniere Karl Sachs, dessen LXIV. Armee­
korps zwei Infanteriedivisionen umfaßte, ohnehin nicht aufbauen. Zudem
befand sich der Sachs zur Verfügung stehende Stab, mit dem er am 11. Au­
gust abends den Befehl übernommen hatte, selbst noch in der Umgliede­
rung vom Generalkommando eines Reservekorps zu dem eines Armee­
korps des Feldheeres. Der Stab war mit der Aufgabe, die vorher durch ein
Armeeoberkommando mit der dazu gehörenden personellen und mate­
riellen Ausstattung erfüllt worden war, vor allem in technischer Hinsicht
überfordert. So wurde die Befehlsführung in dem weiten Raum insbeson­
dere durch unzureichende Fernmeldemittel erheblich erschwert250• Auch
der Zustand de·r beiden unterstellten Verbände war bedenklich:

247 Hitlers Weisungen S. 176. .


248 Lagebeurteilung OB West vom 25.10.43, RH 19 IV/1, S. 71 ff.
249 KTB OB West vom 5.8.1944, RH 19 IV/52, S. 186.
250 Das Armeekorps verfügte nur über eine Nachrichtenkompanie, während im
70 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Die nördlich der Gironde eingesetzte 16. Infanteriedivision (Gen. Lt. Ernst
Haeckel) war erst kurz zuvor aus Restteilen der in der Normandie zer­
schlagenen 16. Luftwaffenfelddivision und der 158. Reservedivision gebil­
det worden. Bis dahin in erster Linie Ausbildungsverband, wies sie einen
geringen Mobilitätsgrad auf und wurde nur als >)bedingt zur Verteidigung
geeignet« eingestuft251• Eine vergleichbare Situation bestand südlich der
Gironde: Die hier führende 159. Reservedivision (Gen. Lt. Albin Nake),
ebenfalls nur »bedingt zur Abwehr geeignet<< , verfügte wie die 16. Infan­
teriedivision über drei Regimenter mit sieben Infanteriebataillonen. Das
im gesamten Bereich des Westheeres nun verstärkt zu Tage tretende Feh­
len von gut ausgebildeten deutschen Soldaten wurde an der Atlantikküste
durch den vermehrten Einsatz »fremdvölkischer Freiwilliger« erkennbar:
So bildete das indische Grenadierregiment 950 mit seinen drei Bataillonen
eben o einen Teil der Küstenverteidigung wie die zum Schutze der Insel
oirmoutier eingesetzten italienischen Soldaten252•
Im Bereich des LXIV. Armeekorps standen neben den rund 24 000 deut­
schen Heeressoldaten etwa 8 500 Mann anderer Nationalitäten. Davon wa­
ren 1 500 Italiener, 4 000 gehörten dem Kosakenregiment 360 und 3 000
dem indischen Regiment an253• Ob sie bereit waren, ihr Leben weiterhin
für eine fremde, noch dazu nun eindeutig unterlegene Seite einzusetzen,
blieb zurnindest fraglich. Der Einsatz dieses »V ölkcrgemischs« zur Küsten­
sicherung war notwendig, um, wie Rundstedt es 1943 formuliert hatte,
»überhaupt Menschen an den dünnen Fronten [...] zeigen«25� zu können.
Die Küstensicherung, ohnehin beim Stabe des OB West als reine »Karten­
angelegenheit ohne praktischen Wert«255 erkannt, war seit Anfang August
zudem nicht mehr die Hauptaufgabe des LXIV Armeekorps. Mit dem nach
dem Durchbruch bei der Heeresgruppe B erfolgten Vordringen der Ame­
rikaner nach Süden sah Blaskowitz nicht nur die von Paris über Orleans
und Tour in Richtung Bordeaux laufende Hauptnachschubstrecke der Ver­
bände des Armeekorps gefährdet, sondern befürchtete weitaus Schlimme­
res: Überquerten die Amerikaner die Loirelinie nach Süden, so konnten sie
nahezu ungehindert in den Rücken seiner Armeegruppe stoßen256• Bereits
jetzt standen die Amerikaner im Raum nördlich der Loire weniger als halb
soweit entfernt von den Vogesen \vie die in Südfrankreich eingesetzten deut­
schen Verbände. Schon aus diesem Grunde war, wie sein Stabschef Gen.

» ormalfaJI« zu den Korp truppen eine Nachrichtenabteilung (mit bis zu 4


Kompanien) gehörte, vgl. Tessin, Verbände, 5, S. 258.
2s1 W ilutzky, Heeresgruppe G, MS-A-882, Anlage 3 c.

252 Te sin, Verbände, 7, S. 113 ff., und Wegmüller, Die Konzeption, S. 199.
253 OB We t Ia r. 7317/44 vom 24.8.1944, RH 19 IV/54, S. 141, und OB West
Ia r. 7396/44 vom 25.8. 1944, RH 19 IV/54, S. 217.
25.. Lagebeurteilung OB We t vom 25.10. 1943, RH 19 IV/1 S. 71 ff.

2ss Zimmermann, OB \XIest, MS-T-121, B V, S. 1670ff.

256 ßlaskowitz Armeegruppe G, MS-B-800, S. 9 f.


IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 71

�lajor v. Gyldenfeldt es formulierte, der »Besitz der Loirelinie« »lebenswich­


tig<< für die Armeegruppe G257• Auch der OB West hatte die Verlegung
de Schwerpunkts des Armeekorps als notwendig erkannt25 • Bis zum 14.
J\ugust waren bereits Teile der 16. Infanteriedivision ohne ausdrückliche
Genehmigung, des OKW aus ihrem Küstenabschnitt herausgelöst und an die
Loire verlegt worden. DetJnoch bestand Klarheit darüber, daß der so gebil-
1ete »Sperrverband Haeckel« einen ernsthaften Versuch der Alliierten, die
Loire zu überqueren, kaum verhindern konnte259. Obwohl es sich bei den
�r ten Feindberührungen an der Loire nur um US-Aufklärungsvorstöße ge­
handelt hatte, führte dies sofort zur Aufgabe der Stellungen auf dem nörd­
lichen Ufer und zu Brückensprengungen wie in Angers und Nantes260•

1;) Die Lage an der Mittelmeerküste


Oie Führung im bedrohten Südteil des Befehlsbereichs der Armeegruppe G
lag in den Händen des Gen. d. Inf. Friedrich Wiese. Dessen 19. Armee ver-
ügte für die Verteidigung der 650 km langen Mittelmeerfront von der fran­
IÖ i eh-italienischen bis französisch-spanischen Grenze zunächst über drei
.l\rmeekorps mit sieben Divisionen, die direkt an der Küste stationiert
'"aren.
Hierzu gehörte das westlich der Rhone eingesetzte, nur »beschränkt einsatz­
.ähige«261 Generalkommando des IV. Luftwaffenfeldkorps des Gen. d. Fl.
Erich Petersen. Ihm unterstanden im Raum zwischen Montpellier und
der spanischen Grenze drei Divisionen mit einer Kampfstärke von zusam­
men 19 000 Mann262. Die Kräfte des Korps waren nach den Abgaben an
die ormandie erschreckend abgesunken: Nur eine Division, die 198. ln­
fanteriedivision (Gen. Lt. Otto Richter), galt als »bedingt zum Angriff geeig­
nct«263. Die beiden anderen wiesen erhebliche Schwächen auf: Bei der am
rechten Korpsflügel eingesetzten 716. Infanteriedivision (Gen.Maj. Wilhelm
Richter) handelte es sich um einen in· der Normandie zerschlagenen, in
der Auffrischung befindlichen und völlig unbeweglichen Verband, dessen
Mannschaftsbestand durch zwei Ost-Bataillone264 ergänzt worden war.
Die am linken Flügel verwendete, nur etwa regimentsstarke 189. Reserve­
divisio n (Gen. Lt. Richard v. Schwerin) war aufgrund ihrer Ausbildungs­
und Sicherungsaufgaben nur »behelfsmäßig beweglich«265.

157 Zimmermann, OB West, MS.:f-121, B V, S. 1678.


158 Lagebeurteilung vom 7.8.1944, OB West I a Nr. 6584/44, RH 19 IV/52, S. 261ff.
59 Zirnmermann, OB West, MS-T-121, B V, S. 1758 f.
2 60 Lagebeurteilung AGr. G vom 14. 8.1944, RH 19 XII/7, S. 177f.
261
W ilutzky, Heeresgruppe G, MS-A-882, Anl. 3 c.
262
Staiger, Rückzug, S. 13 f.
26
3 Schulz, 19. Armee, MS-B-5 14, S. 6.
264
Im W inter 1943/44 wurden die meisten dieser Bataillone entgegen ihrem ur­
prünglichen Sinn: »Kampf gegen· Stalin« nach Frankreich verlegt, vgl. Tessin,
Verbände, 1, S. 140 f.
26
5 Schulz, 19. Armee, MS-B-514, S. 7.
72 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Der Abschnitt des LXXXV. Armeekorps z.B. V.266 {Gen.d.Inf. Baptist


Kniess) war mit zusammen ca. 19000 Soldaten der 338. (Gen. Lt. Rene de
l'Homme de Courbiere) und 244. Infanteriedivision {Gen. Lt. Hans Schae­
fer) besetzt. Bei beiden Verbänden handelte es sich um sogenannte »boden­
> erteidigung geeignete« Divisionen. Auch die
ständige«, ebenfalls nur zur )V
Kampfkraft in diesem Küstenabschnitt mußte Wiese mit Sorge erfüllen.
Der zunächst erteilte, dann aber aufgehobene Verlegungsbefehl für die
338. Infanteriedivision hatte zur Folge gehabt, daß schon rund ein Drittel
des Verbandes, darunter ein Infanterieregiment, eine Artillerieabteilung
und eine Panzerjägerkompanie in die Normandie unterwegs waren. Die
linke Nachbardivision, die 244., ursprunglieh nur zum Schutz des »Ver­
teidigungsbereiches Marseille«267 vorgesehen, mußte nun einen Teil des
Abschnitts an der Rhonemündung mit übernehmen. Einen weiteren Unsi­
cherheitsfaktor für General Kniess bildeten die ironisch als »Russen in
Frankreich für Deutschland gegen Amerika« bezeichneten Soldaten der
4 Ost-Bataillone, deren Kampfwille verständlicherweise völlig dahingestellt
blieb. Sie stelllen aber immerhin ein V iertel der in der Küstenverteidigung
des LXXXV. Armeekorps eingesetzten Infanterieeinheiten268•
Zwischen Toulon und der italienischen Grenze führte Gen.d.Inf. Ferdi­
nand Neuling mit seinem LXll. Armeekorps, dem die 148. (Gen.Maj. Otto
Fretter-Pico) und die 242. Infanteriedivision (Gen. Maj. Johannes Baess­
ler) mit rund 21000 Soldaten unterstanden. Beide Verbände, die 242. soll­
te die Verteidigung Toulons übernehmen, waren nur begrenzt zu mobiler
Kampfführung in der Lage. Des weiteren lagen auch in diesem Abschnitt
»fremdvölkische Einheiten«: Von den zwölf Infanteriebataillonen der 242.
Infanteriedivision bestanden drei aus armenischen bzw. aserbaidschani­
schen Soldaten269•
Konnte man an der Südfront der Armeegruppe noch eher als am Atlan­
tik von einer »Küstenverteidigung« sprechen, so zeigten sich doch entschei­
dende Mängel, die Blaskowitz zu seiner pessimistischen Lagebeurteilung
veranlaßt hatten:
1. Die kümmerliche materielle Ausstattung, die zunächst in der mangeln­
den Motorisierung erkennbar war. Hinzu kamen:
- Die in manchen Abschnitten völlig fehlenden PanzerabwehrmitteP70•
- Die artilleristischen Unzulänglichkeiten, die sich z.B. in unterschied-
licher Geschützausstattung der Heeresküsten-Artillerieregimenter und
den daraus resultierenden Munitionsproblemen äußetten. So verfügten

266 Te in, Verbände, 6, S. 80.


267 Mar eille und Toulon waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu »Festungen«
erklärt worden. Ihre Kommandanten erhielten erst am 21. 8. 1944 die Befug­
nisse von Festungskommandanten, RH 19 IV/54, S. 36.
26 Te sin, Verbände, 8, S. 190, und 9, S. 211.
269 Ebd., 8, S. 183.
270 33 Geschütze, davon 9 der 338. Inf. Div., waren unterweg in die ormandie.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 73

53 der 60 Küstenbatterien über Beutewaffen russischer, französischer


oder italienischer Provenienz. Darüber hinaus bestanden einige Batte­
rien nur zu rund 30 Prozent aus deutschen Soldaten, der Rest wurde
durch italienische Freiwillige gestellt271• Schwerwiegender war jedoch,
daß es nicht möglich war, die Küste mit überlagerndem Feuer abzu­
decken. Wie eine Artillerie-Übung im Juli gezeigt hatte, trat dieser Man­
gel besonders deutlich im Abschnitt zwischen Toulon und der italieni­
schen Grenze zutage272•
- Ein bedeutender Schwachpunkt im gesamten Befehlsbereich lag auf
dem Gebiet des Fernmeldewesens273• Das Fernsprechnetz der 19. Armee
basierte fast ausschließlich auf den Anlagen der französischen Post. Die
Hauptstränge der Fernmeldekabel verliefen durch sogenannte »Terro­
ristengebiete« im Rhonetal. Sie wurden immer wieder durch Sabotage
zerstört, was bis Mitte August zu einem allmählichen Versiegen der
Fernschreib- und -sprechmöglichkeiten führte274• Das Funknetz konnte
ein nur unzulänglicher Behelf sein: Eine hinreichende, für große Ent­
fernungen taugliche Funkausstattung fehlte (die Armeegruppe besaß
nur ein Funkfernschreibgerät). Funkmeldungen wurden auch immer
wieder durch starke atmosphärische Störungen beeinträchtigt.
2. Die personell schwierige Situation im Armeegruppenbereich wurde
dadurch verschärft, daß innerhalb der Verbände viele versehrte, nicht
»front- bzw. ostverwendungsfähige« Soldaten und Offiziere Dienst tun
mußten275• Das Kernproblem Blaskowitz' blieb die völlig unzureichen­
de Kampfstärke. So wiesen die Abschnitte der zur Küstenverteidigung
im Bereich des AOK 19 eingesetzten Divisionen Breiten von 60 bis
130 km auf.
Da auf Befehl Hiders die Küste Hauptkampflinie zu sein hatte, konnte
angesichts der materiellen und personellen Engpässe nur eine schwache
lineare Verteidigung ohne genügende taktische Eingreifreserven errichtet
werden; Nachteile also, wie sie ganz ähnlich zwei Monate zuvor in der
Normandie bestanden hatten. Aufgrund der großen Abschnittsbreiten fehl­
te die T iefengliederung völlig, die Divisionen der 19. Armee konnten nur
einzelne Kompanien als Reserven herausziehen276•
Außerhalb der Küstenverteidigung existierten in Blaskowitz' Bereich noch
drei Heeresverbände, von denen aber nur einem, der 11. Panzerdivision,
die Funktion einer mobilen und schlagkräftigen Reserve zukam. Doch
auch die beiden anderen wurden bitter benötigt: Die 157. Infanteriedivision

271 W ilt, Riviera, S. 41, und Schulz, 19. Armee, MS-B-514 S. 9ff.
272 Staiger, Rückzug, S. 14 ff.
273 Siehe hierzu Gen. Lt. Oberhäuser in: Zimmermann OB West, MS�T-121, B IV,
s. 1768ff.
27.. Obkdo AGr.G lc, Nr. 636/44, RH 19 XII/31, S. 1.
275 Schulz, 19. Armee, MS-B-514, S. 9.
6
27 Ebd., S. 11.
74 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

(Gen. Lt. Kar! Pflaum), einsatzmäßig dem Militärbefehlshaber unterstellt,


war hinter der linken Armeeflanke im französisch-italienischen Grenz­
raum um Grenoble, einem Schwerpunkt von Resistance-Aktivitäten ein­
gesetzt. Selbst die >>Freiwilligen-Stammdivision«, die den Ersatz für alle
»OSt- und tur kvölkischen Einheiten« ausbildete, wurde in die Abwehrpla­
nungen mit eingebaut: Gyldenfeldt teilte dem OB West am 10. August
mit, daß es infolge des ständigen Kräfteabzugs notwendig geworden sei,
»einen Teil der Freiw.-Verbände an entblößte, aber dringend zu sichern­
de Stellen zu verlegen«, »Obwohl eine volle Sicherheitsgarantie nicht ge­
geben ist«. Dies sei immer noch besser, >>als ganze Landstriche völlig
ohne Besatzung zu lassen«277• Der einzige auch für Angriffsunternehmen
geeignete Verband, die 11. Panzerdivision, hatte nach monatelangem Tau­
ziehen zwischen dem OB West und der Armeegruppe gemäß Hitlers
Entschluß nun endgültig im Süden zu bleiben. Dennoch, auch diese Ent­
scheidung des »Führers« war keine ganze gewesen: Wohl im Hinblick auf
den deutschen Gegenangriff bei der Heeresgruppe B sollte die Division
eine Panzerabteilung abgeben278• Nachdem am 11. August diese Abtei­
lung mit 61 Panzern IV imBereich der HeeresgruppeB eingetroffen war,
verfügte die Division nur noch über etwa 60 Prozent (101 Panzer und
Sturmgeschü tze279) der nach der gültigen »Kriegs-Stärke-Nachweisung<<
vorgesehenen Panzerausstattung (78 P IV, 73 P V, 21 Sturmgeschütze). Fol­
gen chwerer als diese Schwächung mußte sich die unentschlossene, zum
Teil widersprüchliche Befehlsgebung der deutschen Führung auswirken,
als es um die Dislozierung der Panzerdivision ging: Hitler hatte am 9.
August nochmals den OB West-Antrag auf Heranziehung des Verbandes
nach orden abgelehnt2 0. Die Division sollte stattdessen aus dem Raum
Toulouse 300 km ostwärts zur Stützung hinter die Front der 19. Armee
verschoben werden. Kluge jedoch ließ dieseBewegung vorsorglich schon
zwei Tage später wieder anhalten, da er darauf hoffte, die Panzer doch
noch nach Norden ziehen zu können: Der Transport der Division zur
HeeresgruppeB war schneller über die EisenbahnlinieBordeaux-Tours,
als über die im Raum Lyon ständig zerstörte Strecke des Rhonetals281 ab­
zuwickeln.
Erst nach abermaliger Ablehnung dieses Vorhabens mußte Kluge sich ent­
schließen, den Verband freizugeben. Doch damit waren die W irrnisse noch
nicht beendet. Zunächst wurde als neues Marschziel der Raum Nlmes-

277 Gez. v. Gyldenfeldt, Obkdo AGr.G Ia r. 1769/44 vom 10.8.1944, RH 19


XII/7, S. 123.
278 KTB OB West vom 6. 8.1944, RH 19 IV/52, S. 215.
279 Berechnet nach: »Meldung über den Stand der Neuaufstellung der 11. Pz. Div.«,
Stand 1. 8. 1944 RH 19 IV/52, S. 135 ff.
2 o Gez. Adolf Hider, WFSt/Op Nr. 772801/44 vom 9.8. 1944, zit. nach: OB West
Ia r. 682/44 vom 10. 8. 1944, RH 19 IV/52, S. 355.
2s1 OB West Ia r. 687/44 vom 11.8.1944, RH 19 lV/52, S. 392.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 75

Ales-Millau - westlich der Rhone - befohlen. Wohl aufgrund der Lage­


beurteilung Blaskowitz', wonach die gegnerische Landung ostwärts des Flus­
se zu erwarten war282, änderte Kluge den Befehl abermals ab. Nun soll­
te der Schwerpunkt östlich der Rhone und zwar in Küstennähe liegen,
um »schnellstes Eingreifen bei Feindlandung<< zu gewährleisten283• Durch
diesen Zeitverlust war die Division noch »unterwegs«, als die Landung im
Süden begann.
Inzwischen hatten Blaskowitz und W iese das wenige, was zur Stärkung
der Mittelmeerfront möglich war, befohlen oder eingeleitet:
- Die letzten Armeegruppenreserven, zwei Heerespionierbataillone (668,
669) waren der 19. Armee unterstellt worden.
- Wesdich der Rhone erfolgte unter Requirierung aller verfügbaren Fahr­
zeuge die behelfsmäßige Mobilisierung der drei Divisionen des IV.
Luftwaffenfeldkorps, um ein schnelles Verschieben von Kräften in das
bedrohte Gebiet zu ermöglichen. Erste Teile der 198., der einzigen
»brauchbaren« Division des Korps, wurden bereits aus der Küstenver­
teidigung herausgelöst und in Richtung Rhonemündung in Marsch
gesetzt28...
- In der Nacht zum 15. August stimmte der Wehrmachtführungsstab end­
lich zu, die Verlegung der noch nicht abgefahrenen Teile der 338. In­
fanteriedivision und der Panzerjägerkompanien abzubrechen285•
- W iese hatte seine Kommandierenden Generale in den vorangegange­
nen Wochen mit Planspielen auf eine Invasion vorzubereiten gesucht.
Als Ergebnis der letzten Übung vom 8. August war General Neuling
empfohlen worden, den Verteidigungsabschnitt seines LXII. Armeekorps
zwischen Toulon und der italienischen Grenze neu zu organisieren.
Insbesondere den Bereich der 242. Infanteriedivision hatte W iese dabei
im Auge gehabt: Neuling sollte darauf achten, daß deutsche Kompa­
nien als »Korsettstangen« zwischen die »fremdvölkischen« Einheiten
gelegt wurden. Zur weiteren Verstärkung war geplant, ein Regiment
aus dem Raum Nizza (148. Inf.Div.) hinter diesen Abschnitt als Korps­
reserve zu führen286•
Bis zum 15. August war dies jedoch nur zum Teil in die Praxis umgesetzt:
Vor allem die Versammlung der Korpsreserve im Raum Le Muy war noch
nicht erfolgt287 (Karte 4).

282 Obkdo AGr. G Ia Nr. 1800/44 vom 12.8.1944 , RH 19 XIV7, S. 145.


283 ObkdoAGr. G Ia Nr.l833/44 vom 13. 8.1944, ebd., 5. 161.
2
4 ObkdoAGr. G Ia Nr. 1800/44 vom 12.8.1944, ebd., S. 145.
.
28> ObkdoAGr.G Ia Nr. 1869/44 vom 14.8.1944, ebd., S. 181.
286 Wiese, 19.Armee, MS-B-787, S. 10.
287 E bd., S. 12.
76 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

3. Die Situation auf alliierter Seite

a) Militärische Vorbereitungen und Ziele


Während sich die »ANVIL/DRAGOON-Debatte« noch im vollen Gan­
ge befand, waren die militärischen Vorbereitungen bereits abgeschlossen:
De.r endgültige DRAGOON-Plan vom 29. Juli sah vor, daß die zunächst
noch dem alliierten Oberbefehlshaber des Mittelmeerschauplatzes, Wil­
son, unterstehenden Landungskräfte am 15. August ab 8.00 Uhr ostwärts
Toulon mit der Invasion beginnen sollten. Der etwa 70 km breite Küsten­
abschnitt zwischen Cavalaire sur Mer und Agay am Golf von Frejus er­
schien der alliierten Planungsgruppe unter Gen. Lt. Alexander M. Patch
besonders geeignet:
1. Von dort aus bot sich die Möglichkeit, die Häfen Toulon und Marseille
von der Landseite her »im Rücken« anzugreifen. Dies war besonders
wichtig, da eine Direktlandung in diesem Raum wegen der hier mas­
sierten deutschen Küstenartillerie nicht in Frage kam288.
2. Das Straßennetz ermöglichte einerseits die Überquerung des Mauren­
massivs ins Landesinnere und versprach andererseits eine gute Anbin­
dung an das westlich gelegene Rhonetal.
3. Auch die geographischen Gegebenheiten standen einer Landeoperation
zwischen Cavalaire und Agay nicht entgegen: Es gab zwar nur an eini­
gen Stellen gute, flache Sandstrände in meist kleinen Buchten, diese wur­
den jedoch bis zur Eroberung eines Hafens als zunächst ausreichend
für das Nachführen weiterer Truppen und Versorgungsgüter angesehen.
Neben weiteren Einzelphänomenen, wie dem marinetechnischen Problem
der entsprechenden Wassertiefe oder des Vorhandenseins von Abmarsch­
wegen für Kettenfahrzeuge aus den Landebuchten, sprach für den gewähl­
ten Abschnitt vor allem, daß - wie im Juni in der Normandie - die
Resistance genaue Unterlagen über die deutsche Küstenverteidigung lie­
fern konnte289•
Gen. Maj. Lucian K. Truscott, ein Veteran verschiedener amphibischer Un­
ternehmen, hatte mit seinem VI. US-Korps die Offensive der 7. US-Army
Patchs zu eröffnen290• Während der Sturmphase sollten drei US-Divisio­
nen {3., 36., 45.) an drei Küstenabschnitten landen: im westlich gelege­
nen »Alpha-Sektor« im Raum Cavalaire und St. Tropez die 3. (Gen. Maj.
O'Daniel), im »Delta-Sektor« um St. Maxime die 45. (Gen. Maj. Eagles) und
auf dem rechten Flügel, dem »Camel<<-Abschnitt im Raum St. Raphael­
Frejus die 36. Inf. Div. (Gen. Maj. Dahlquist). Ihr Ziel sollte sein, am ersten
Tag die Landeköpfe zu vereinigen und dann bis zu 30 km zur sogenann­
ten »Blauen Linie« ins Landesinnere vorzustoßen.

28 Wilt, Riviera, S. 82.


289 Ebd., S. 21 und 74f.; Staiger, Rückzug, S. 30.
290 Zur Planung vgl. im einzelnen: W ilt, Riviera S. 64 ff. und 82 ff.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 77

W ie in der Normandie sollte die Hauptlandung durch den Einsatz von


Kommandoeinheiten flankiert werden: Die »Romeo-Force« (ca. 1 000 Fran­
zosen) hatte den Auftrag, im Raum Cap Negre die Küstenstraße westlich
des Landeabschnitts zu blockieren. Auf die ebenfalls westlich des Invasions­
ortes liegenden, der Küste vorgelagerten Inseln von H yeres war die >>Sitka­
Force« mit rund 2 000 Amerikanern und Kanadiern angesetzt. Ihr wich­
tigster Auftrag bestand in der Ausschaltung der dortigen 16,4 cm-Küsten­
batterie, die die Landung im »Alpha-Abschnitt« hätte beeinträchtigen kön­
nen. Ostwärts der Hauptlandung- aus dieser Richtung drohte den Inva­
sionstruppen weniger Gefahr - sollte lediglich ein zahlenmäßig schwaches
französisches Marinekommando (»Rosie-Force« mit 67 Mann) im Raum
T heoule an Land gehen.
Die mit 9 000 Soldaten stärkste Spezialeinheit (>>Rugby -Force«), darunter
die einzigen in Südfrankreich landenden Briten, stellte die Luftlandekampf­
gruppe Gen. Maj. Fredericks. Ihr fiel die Aufgabe zu, den Straßen- und
Eisenbahnknoten Le Muy, etwa 15 km flußaufwärts des Argens gelegen,
zu nehmen und bis zum Herankommen der Hauptlandungskräfte zu hal­
ten. Die vorbereitenden Sonderunternehmen sollten schon in der Nacht
vom 14./15., bzw. in den frühen Morgenstunden des 15. August stattfin­
den. Bis zum Abend dieses ersten Invasionstages hoffte die alliierte Füh­
rung, 50 000-60 000 Soldaten und 6 500 Fahrzeuge an Land gebracht zu ha­
ben291. Die drei US-Infanteriedivisionen der ersten Welle waren hinsicht­
lich ihrer personellen und materiellen Ausstattung in keiner Weise den
an der Südküste eingesetzten deutschen Verbänden vergleichbar: Sie ver­
fügten über eine Stärke von je 16 000 Mann. Darüber hinaus waren den
Divisionen je ein »Tank battalion« mit 60 Panzern und ein »Tank destroyer
battalion« mit 60 Panzerabwehrkanonen zugeteilt292.
ach der Landung der amerikanischen Verbände sollte ab dem 16. August
die Ausladung der beiden französischen Korps mit zusammen 7 Divisio­
nen unter General Jean de Lattre de Tassigny beginnen. Ihnen fiel die Auf­
gabe zu, zwischen D + 15 und D + 20 (30. August-4. September 1944),
Toulon und- gemäß Plan - rund drei Wochen später, zwischen D + 35
und D + 40 (19.-24. September 1944), Marseille zu erobern.
Mit der Einschiffung der US-Divisionen in Neapel seit dem 9. August und
dem Verladen der französischen Verbände in Tarent, Brindisi und Oran
begannen die letzten Vorbereitungen des Unternehmens DRAGOON. Den
zur T äuschung der deutschen Führung zunächst eingeschlagenen Kurs auf
Genua wechselte die Landungsflotte erst am 14. August um 22.18 Uhr293•

291 Zum Vergleich: Am 6. Juni wurden in der Normandie 5 Inf.- und 3 Luftlande­
divisionen mit rund 130000 Soldaten abgesetzt. Innerhalb der ersten beiden
Tage waren 185000 Soldaten und 19000 Fahrzeuge angelandet, vgl. Ehrman,
Strategy, V, S. 284.
292 Wilt, Riviera, S. 84 f.
29.3
Staiger Rückzug, S. 36.
78 TeiJ A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

In dieser acht fanden weitere Ablenkungsmanöver statt: So wurden zum


Beispiel 500 Fallschir mpuppen zwischen Marseille und Toulon abgesetzt.
War die Landephase, die durch diese Aktionen erleichtert werden sollte,
abgeschlossen, konnten die Hauptaufgaben von DRAGOON in Angriff
genommen werden: neben der Sicherung ausreichender Hafenkapazität
und dem Aufbau eigener Nachschublinien von der Südküste nach Nor­
den vor allem die Ausschaltung möglichst starker deutscher Kräfte, um
schließlich - über Lyon entlang des Rhonetals vorstoßend- die Verbin­
dung mit den OVERLORD-Verbänden zu erreichen294• Nach dem erfolg­
ten »Link-Up« sollten die DRAGOON-Kräfte führungsmäßig vom Mit­
telmeerkriegsschauplatz »entlassen« und, dann in der 6. Heeresgruppe des
Gen. Lt. Jacob L. Devers zusammengefaßt, unter den Befehl Eisenhowers
treten.

b) Reguläre alliierte Unt�rstützungskräfte


W ie schon bei der Invasion in der Normandie verfügten die Alliierten im
Gegensatz zu ihren Gegnern über eine äußerst wirkungsvolle Unterstüt­
zung durch Marine und Luft waffe. Die »Western Task Force« unter Admi­
ral H. Kent Hewitt umfaßte rund 880 Schiffe, darunter fünf Schlachtschiffe,
24 Kreuzer, 111 Zerstörer und etwa 100 Minenräumfahrzeuge sowie 1370
kleinere (hauptsächlich Landungs-) Boote295• Diese mächtige Landungs­
flotte wurde am 12. August noch durch eine von Malta kommende Trä­
gerkampfgruppe mit neun Flugzeugträgern verstärkt296• Neben der Trans­
portfunktion fiel dem Schiffsverband Hewitts vor allem die Aufgabe zu,
die landenden Truppen artilleristisch zu unterstützen.
Am friihen Morgen des 15. August begann das Bombardement der deut­
schen Stellungen mit zum Teil schwersten Kalibern. Nach anderthalb Stun­
den, gegen 7.30 Uhr, verstummte das Schiffsartilleriefeuer. Nachdem rund
16000 Granaten im Küstenraum eingeschlagen waren, begann die Minen­
räumung der Zufahrtswege für die Landungsboote.
Die DRAGOON-Vorbereitungen der alliierten Luftv.raffe hatten bereits
wesentlich früher begonnen: Gen. Lt. lra C. Eaker297 konnte hierzu 4056
Flugzeuge, also etwa die Hälfte der für OVERLORD zur Verfügung ste­
henden Maschinen einsetzen298• Die in drei Phasen erfolgende Luftoffen­
sive hatte schon im April mit einem Schlag gegen Toulon begonnen. In
der ersten- bis zum 10. August dauernden- Phase waren Straßen- und
Eisenbahnknoten, Briicken sowie deutsche Flugplätze Ziele alliierter An-

294 Eisenho,ver an Wilson vom 6. 7.1944, in: Pogue, Supreme Command, S. 223.
295 Zum Vergleich: Am 6. 6. 1944 waren 8 Schlachtschiffe, 22 Kreuzer, 93 Zerstö­
rer, 800 kleinere Schiffe und etwa 4 200 Landungsfahrzeuge beteiligt .
29 6 Wilt, Riviera, S. 70 f. und 83 f.
297 Oberbefehlshaber der Meditcrranean Allied Air Forccs, sein Stellvertreter war
Luftmarschall Sir John Slessor.
29 8 Wilt, Riviera, S. 71 ff.
I

IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 79

griffe. Um den Landeraum isolieren zu können, wurden vor allem die


Rhonebriicken erfolgreich bombardier t. Bis zum 9. August waren von
sechs großen Übergängen zwischen Lyon und dem Mittelmeer fünf unbe­
nutzbar geworden. Den Abschluß der ersten Phase {6000 Flüge mit 12500
Tonnen Bomben) bildeten Angriffe gegen die deutschen Feldflugplätze.
Zwischen dem 10. und dem 15. August (zweite Phase) wurden 7 500 Ton­
nen Bomben auf Küstenbatterien, Funkmeßstationen usw. an der Mittel­
meerküste abgeworfen. Um die deutsche Führung über den Invasions­
ort weiter im unklaren zu lassen, hatten sich die alliierten Einsätze nicht
allein auf den späteren Landeraum konzentriert. Die letzte die Invasion
vorbereitende Phase begann am 15. August morgens. Bombenteppiche
auf die Landesektoren sollten die Besatzungen der Küstenverteidigungs-
tellungen zermürben. Bis 7.30 Uhr fielen noch einmal800 Tonnen Bom­
ben herab. Die deutsche Luftwaffe hatte dies nicht verhindern können.
Bei mehr als 1 000 alliierten Einflügen zwischen dem 10. und dem 15. Au­
gust kehrten insgesamt nur 50 Maschinen nicht zu ihren Horsten zuriick.
Luftmarschall Slessors Feststellung, die deutsche Luftwaffe könne »im
Grunde genommen ignoriert werden«299, fand so ihre eindrucksvolle Be-
.. .
taugung.

c) Die Rolle des französischen Widerstands


Möglichkeiten, größere Bedeutung als bisher zu erlangen, bestanden für
die Resistance in der ehemals nicht besetzten Zone Frankreichs, in der
sie sich schon vor Invasionsbeginn verstärkt bemerkbar gemacht hatte.
eben den in weiten Landstrichen günstigen geographischen Gegeben­
heiten war vor allem mit der geringen, sich infolge der Kämpfe in der Nor­
mandie ständig vermindernden Präsenz deutscher Truppen eine entschei­
dende Voraussetzung für das sprunghafte Ansteigen sogenannter ))Ban­
denaktivitäten« gegeben300. Während sich die Bevölkerung in den Armee­
bereichen selbst auch hier, wie in Nordfrankreich301, noch bis in den
August hinein passiv-ruhig, zum Teil sogar »hilfsbereit« erwies302, kri­
stallisierten sich im riesigen, bis etwa zur Loire reichenden Hinterland
der Armeegruppe G bestimmte Schwerpunktregionen aktiven Widerstands
heraus, wie etwa das Zentralmassiv, der Raum vom Rhonetal bis zu den
Alpen und das Gebiet um Nevers-Auxerre-Troyes zwischen Seine und
l.oire.
Die Widerstandsbewegung, die nach alliierten Schätzungen im Juli 1944
bereits 70000 Bewaffnete in Südfrankreich umfaßte303, bewirkte mit ihren

299 Ebd., S. 74.


300 Blaskowitz, Reaction, MS-A-868, S. 5.
30t Lagebeurteilung OB West vom 24. 7.1944, in: KTB OKW, IV/1, S. 327.
302 W iese, 19. Armee, MS-B-787, S. 5, und Seiz, 159. Inf. Div., MS-A-960, S. 3.
303 Pogue, Supreme Command, S. 238.
80 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

teilweise bis in Bataillonsstärke durchgeführten Aktionen304, daß Einzel­


reisen im rückwärtigen Raum nur noch unter starkem Geleitschutz mög­
lich waren305 und schließlich auch die Hauptverkehrsstraßen und Bahn­
linien infolge zunehmender Sabotagetätigkeit als nicht mehr sicher gel­
ten konnten30t,. Die Sabotageakte führten vor allem aber zur »laufende[n]
Unterbrechung fast aller« Fernmeldekabelverbindungen im Bereich der
Armeegruppe G307•
Das Hinterland war nicht mehr unter Kontrolle, Ruhe herrschte nur noch,
wo sich deutsche Truppen befanden. Dieser, die deutsche Führung im
Süden beunruhigende Zustand barg zwar Gefahren operativen Ausmaßes
in sich, doch war die Lage noch keineswegs unhaltbar geworden. Wegen
des Kräftemangels konzentrierte sich die Wehrmacht notgedrungen auf den
Schutz '\veniger Hau ptverbindungslinien308• »Unwichtigere« Gebiete, in
denen »Banden« gemeldet wurden, blieben weitgehend sich selbst bzw. den
überforderten Sicherungseinheiten überlassen, zur längerfristigen Bindung
deutscher Divisionen durch die FFI im Hinterland kam es aber nicht
mehr309• W ie auch auf deutscher Seite bekannt, stand der Höhepunkt erst
bevor: Für den 15. August wurde die »Totalmobilmachung« der Resistance
erwartet310• Waren in Süd- und Südwestfrankreich am ehesten die Voraus­
setzungen dafür gegeben, daß die FFI entscheidenden Einfluß auf die mili­
tärischen Operationen gewinnen konnten, so galt dies um so mehr für
den Fall eines, deutschen Rückzuges von den Küsten, der über hunderte
von Kilometern durch Gebiete führen würde, deren Kontrolle man bereits
zuvor weitgehend verloren hatte. Vor allem in Südwestfrankreich - hier
war kein Einsatz regulärer alliierter Truppen beabsichtigt - mußte sich
erweisen, ob Organisationsgrad und militärischer Ausbildungsstand der
FFI es zuließen, über die bisher mit Mitteln des »Kleinkrieges« erzielten
Ergebnisse hinaus wirksam zu werden, oder anders formuliert, ob der im
Juni erhobene Anspruch, organischer Bestandteil der französischen Armee
zu sein, bereits erfüllt wurde.

304 Erstmals traten am 2. 6.1944 600 »Terroristen« geschlossen bei Figeac (nörd­
lich Toulouse) auf, KTB OKW, IV/1, S. 310.
305 Monatsbericht r. 15 der Kontrollinspektion der Deutschen Waffenstillstands­
kommission vom 7. 7.1944, Nr. 890/44, zit. nach: Wilt, Atlantic Wall, S. 152.
306 Lagebeurteilung Obkdo AGr.G, Ia Nr. 1859/44 vom 14.8.1944, RH 19 Xll/7,
s. 177 f.
307 Tätigkeitsbericht I c AGr. G für den 1. 8.-31.8.1944, I c Nr. 636/44, RH 19
XII/31, S. L
3° Wilutzky Heeresgruppe G, MS-A-882, S. 7ff.
309 Lagebeurteilung OB West la Nr. 6872/44 vom 14. 8.1944, RH 19 IV/53,

s. 122 f.
310 Lagebeurteilung OB West Ia Nr. 6584/44 vom 7.8.1944, RH 19 IV/52, S. 261 ff.
Karte 4

Lage Armeegruppe G am 14. 8.1944



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IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 81

4. Vom Invasionsbeginn bis zur Freigabe des Rückzugs

a) Der Verlauf des 15. August im Süden


Mit wachsender Sorge waren von deutscher Seite die alliierten Landungs­
vorbereitungen registriert worden. Weiterhin herrschte über den genauen
Invasionsort allgemeine Ungewißheit. Am Nachmittag des 14. August hat­
ten Generalstabsoffiziere des AOK 19 versucht, aus Position und Kurs des
durch eigene Flugzeuge bei Ajaccio festgestellten Geleits nähere Aufschlüsse
zu erhalten. Die Berechnungen ergaben, daß der alliierte Schiffsverband,
,var sein Ziel tatsächlich die Küste im Bereich der 19. Armee, in den frü­
hen Morgenstunden vor der Riviera oder mit Tagesanbruch vor Marseille
tehen konnte. Ein Unternehmen westlich der Rhone war nach diesen
Ergebnissen wenig wahrscheinlich, da eine Landung hier in den hellen Vor­
mittag fallen mußte311.
och in der Nacht zum 15. August schien sich das Bild zu verdeutlichen:
1 ach dem (Täuschungs-) Angriff auf Marseille beantragte das Oberkomman­
do der 19. Armee, mit der Zerstörung des Hafens zu beginnen, um einem
raschen alliierten Angriffserfolg hier zuvorzukommen. Nach längerem Hin
und Her - vor allem Admiral Krancke widersetzte sich diesem Wunsch -
\vurde vom Stabe des OB West entschieden, die Hafenzerstörung dürfe aus­
schließlich bei erkannter Angriffsabsicht auf Marseille durchgeführt wer­
den und sei auf nicht zu verteidigende Anlagen zu beschränken.
Gegen die flankierenden Aktionen der Alliierten, wie die seit 3.25 Uhr
erkannte Landung auf den lies d'Hyeres312 und die irrtümlich bereits als
abgeschlagen bezeichneten Landeversuche des französischen Commandos
wesdich Cap Negre313, konnte dagegen nichts unternommen werden.
Das erste Ereignis, das General Wiese (OB 19. Armee) zu einer schnellen
Entscheidung zwang, war der Einsatz von Fallschirmjägern im Raum Le
Muy-Draguignan.
Der um 5.20 Uhr gemeldete Absprungort Le Muy ist ein größerer Straßen­
und Bahnknotenpunkt an der im Hinterland in Ost-West-Richtung ver­
laufenden Route Nationale Nr. 7, die Frejus und Aix en Provence mit dem
Rhonetal bei Avignon verbindet. Der hier luftgelandete Gegner mußte
nach Möglichkeit sofort angegriffen werden, da dem von ihm besetzten
Gelände nicht nur verkehrsgeographisch die Bedeutung einer »Schlüssel­
stellung«314 zukam. Le Muy liegt im Argens-Tal, das zwischen Mauren­
massiv und Esterei-Bergland hindurchführend und sich zur Meerseite in

311 Tagebuchnotizen Gen. Lt. Walter Botsch (Chef des GenSt. AOK 19), RH 20-
19/85, s. 1.
312
KTB AOK 19, RH 20-19/88, S. 40.
313
Meldung Marinegruppe West vom 15.8. 1944, 3.15h, OB West I a Nr. 6742/44,
RH IV/53, S. 143.
314
achtragzur Tagesmeldung für den 15.8.1944, O bkdo. AGr. G Ia Nr. 1909/44
vom 16.8. 1944, RH 19 XII/7, S. 193.
82 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Richtung Frejus hin öffnend, die Möglichkeit bot, durch einen hier ge­
führten Vor roß die Küstenverteidigung auszuflankieren. Die potentielle
Gefährdung dieses Raumes hatte das AOK 19 auch rechtzeitig erkannt.
Der Empfehlung, dieses Gebiet zusätzlich durch Kräfte eines verstärkten
Regiments315 sichern zu lassen, war nicht umgesetzt worden.
So standen den mehr als 5000 Fallschirmjägern der ersten Welle nur etwa
drei deutsche Kompanien und Teile des Trosses der 242. Infanteriedivi­
sion316 gegenüber. Mit diesen Kräften konnte die typische Schwächeperio­
de jeder Luftlandung, die Zeit zwischen Absprung und Sammlung der Ein­
heiten auf der Erde, nicht ausgenutzt werden. Während sich infolgedessen
die Luftlandung relativ ungefährdet entwickelte- schon um 9.20 Uhr flog
die zweite Welle mit Lastenseglern ein -, begann bei der 19. Armee die
verzweifelte Suche nach Reserven, um diese »Eiterbeule« hinter der Front
zu bekämpfen317.
Um 7.00 Uhr hatte Wiese Befehle erteilt, die Infanteriekräfte in Stärke von
etwa einer Division freimachen sollten. Darunter befanden sich auch Trup­
pen, die ursprünglich zur Verteidigung Marseilles bestimmt waren. Doch
Wiese blieb nichts anderes übrig, als >>eine Schwächung der Küstenvertei­
digung [... ]im Interesse einer Schwerpunktbildung an der angegriffenen
Front«318 in Kauf zu nehmen und damit den BefehP19, Marseille und Tou­
lon durch je eine Division besetzt zu halten, zumindest vorübergehend außer
acht zu lassen. Das Grenadierregiment 932 unter Oberst Bründel und eine
Artillerieabteilung {244. Inf. Div.) wurden nach Brignoles in Marsch gesetzt.
Gen. Lt. v. Schwerin (Kdr. 189. Res. Div.) sollte hier den Befehl über die zum
Gegenangriff zusammengekratzten Einheiten übernehmen. Neben den Sol­
daten aus dem »Verteidigungsbereich Marseille« {244.) wurden in Brignoles
je ein Bataillon der 338. und 189. Division und zwei Panzerjägerkompanien
erwartet, so daß Schwerin letztendlich über einen aus vier Divisionen zu­
sammengewürfelten »Verband« verfügen würde. Darüber hinaus wurde die
11. Panzerdivision sofort heranbefohlen. Zur gleichen Zeit hatte die 148. In­
fanteriedivision nach dem Plan Wieses »mit starken Kräften« aus der ande­
ren Himmelsrichtung gegen die Fallschirmtruppen vorzustoßen320•
Noch bevor überhaupt die ersten Einheiten nach Brignoles abmarschiert
waren, begann die alliierte Hauptlandung an einem Abschnitt, der im we­
sentlichen nur von einem einzigen deutschen Regiment (Gren. Rgt. 765)
derjenigen Division {242.) verteidigt wurde, die sich im Rücken durch den
Einsatz der Fallschirmjäger bedroht sah.

315 RH 20-19/85, S. 2.
316 Ebd. und KTB AOK 19, RH 20-19/88, S. 40f.

317 RH 20-19/85, S. 2.

318 KTB AOK 19, RH 20-19/88, S. 40.

319 Gez. Kcitcl, OK\V/WFSt Op (H) West Nr. 772752/44 vom 5.8.1944 zit. nach:

OB West I a Nr. 668/44, RH 19 IV/52, S. 207 ff.


l2o KTB AOK 19 RH 20-19/88 S. 42.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 83

Die Anlandungen der links eingesetzten 3. US-Division im Alpha-Sek­


tor (bei Cavalaire) und die der 45. US-Division im Delta-Bereich (bei St.
1\tlaxime) erfolgten ab 8.00 Uhr ohne größere P robleme. Schon rund eine
Stunde, nachdem sie französischen Boden betreten hatten, meldeten die
Kam pfgruppen der ersten Welle die Ausschaltung des deutschen Wider­
stands an den Stränden, so daß der Vorstoß ins Landesinnere sofort begin­
nen konnte.
Die er schnelle Erfolg war der alliierten Seite in erster Linie durch die vor­
bereitenden Einsätze von Luftwaffe321 und schwerer Schiffsartillerie er­
möglicht worden. Insbesondere die Einheiten anderer Nationalitäten, wie
die am Cap egre und bei St. Tropez eingesetzten Armenier und Aser­
baid chaner hielten dem durch Trommelfeuer verursachten psychischen
Druck nicht stand322, leisteten kaum Widerstand und liefen zum Teil
sogar überl23• Eine entscheidendere Rolle spielte jedoch die nur stütz­
punktartige Besetzung dieser Küstenabschnitte. Die US.:fruppen gingen
z,vi chen den einzelnen Widerstandsnestern vor und rollten sie dann mit
Panzerunterstützung von der Landseite her auP24• Hierbei machte sich für
die eigene »tapfer kämpfende Truppe« vor allem der kurz vor der Lan­
dung erfolgte Abzug der Panzerabwehrgeschütze besonders nachteilig be­
merkbar325.
Etwa anders und für die US-Truppen verlustreicher entwickelte sich das
Ge chehen am rechten Landeabschnitt, dem Camel-Sektor: So w urden
beim ersten Regiment der 36. US-Division, das bei St. Raphael an Land ge­
hen sollte, gleich drei von 14 Landungsbooten durch deutsche Panzerab­
wehrkanonen versenkt326• Im übrigen verlief aber auch hier alles nach
Plan und die deutsche Küstenverteidigung konnte rasch ausgeschaltet wer­
den. Lediglich in der Bucht von Frejus erreichte die 36. US-Division die
ge teckten Ziele nicht: Hier, an der Mündung des Argens sollte ab 14.00
Uhr eines ihrer Regimenter abgesetzt werden. Doch schon die Versuche,
Fahrtkanäle für die Landungsboote von Minen zu befreien, scheiterten
im deutschen Artilleriebeschuß. Nachdem weder ein erneuter Luftangriff
noch ein mit ungeheurem Munitionsaufwand verlaufendes Schiffsartille­
riebombardement die deutschen Geschütze hatten zum Schweigen brin­
gen können, verzichtete die alliierte Führung auf die Anlandung in die­
sem Abschnitt. Unterstützt von einer »Artillerie, die in Ordnung war«3v,
blieb dies der einzige »Abwehrerfolg« an diesem Tag.

1
32 Die alliierte Lufrwaffe ve rmeldete am 15. Augu t 3 936, diedeutehe 21 Einsätze.
322 Schulz, 19. A rmee, MS-B-514, S. 18.

323 KTB AOK 19, RH 20-19/88, S. 41 f.


1 4
2 Ebd.

325 Gez. Bla ko,vitz, Obkdo AGr. G I a /Id r. 13102/44 vom 16 .8.1944, RH 19
.
XII/7, S. 203 f.
326 Rob ichon, Invasion, S. 109.

327 RH 20-19/85, S. 3.
84 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Vor allem wegen der weitgehend zusammengebrochenen Fernmeldeverbin­


dungen328 waren bis zum Nachmittag weder die Armeegruppe noch der
Stab des OB West ausreichend über die Entwicklung orientiert und somit
Lageanalysen hier unmöglich.
Erst um 11.50 Uhr hatte der Stab Blaskowitz' eine Meldung der 19. Armee
an den OB West weiterleiten können, die über das Fallschirmunterneh­
men bei Le Muy und die Landung auf den Iles d'Hyeres informierte. Ȇber
die Strandlandung zwischen Toulon und Cannes« hingegen, so die Mel­
dung >)besteht noch kein klares Bild«329•
Es war völlig offen, ob die festgestellte Landung schon das Hauptunter­
nehmen war, oder ob man mit weiteren Angriffen von See her zu rech­
nen hatte. Diese Zweifel werden eindrucksvoll durch von der Ic-Abteilung
des OB West geführte Ferngespräche verdeutlicht. Danach hielt man es
noch um 12.50 Uhr für möglich, daß die alliierte Landung lediglich die
Verbindung zwischen französischem und italienischem Kriegsschauplatz
unterbrechen solle »und das eigentliche Unternehmen doch im Raum
Genua kommt.« Nachdem die lc-Abteilung um 13.55 Uhr durch die
Armeegruppe G darüber unterrichtet worden war, daß dort keine weite­
ren Erkenntnisse vorlägen, erfolgte dieAnweisung, »Nachrichten auf allen
möglichen Wegen [über Kradmelder und Feldkommandanturen]« beizu­
schaffen, denn: »Wir müssen unbedingt wissen, ob es sich um eine große
Landung oder um ein Commando-Unternehmen handeltn°.«
Zu der ohnehin bestehendenUngewißheit über das weitere Vorgehen der
Alliierten (Hauptstoß gegen Südfrankreich oder doch gegen Ligurien) kam
beim Stabe des OB West die Sorge um den als unmittelbar bedroht ange­
sehenen Raum um Marseille hinzu331. Diesem Gebiet galt auch die ein­
zige Führungsentscheidung, die Blumentritt (Kluge war ja noch bei Falaise
verschollen) an diesem 15. August wegen der Invasion im Süden traf: Die
zum Angriff gegen die Luftlandung aus Marseille abgezogenen Einheiten
sollten sofort ersetzt werden332.
Solche Vorbehalte hinderten auch das AOK 19, die allerdings sowieso nur
dünn besetzten Verteidigungsabschnitte sofort radikal zugunsten des Kamp­
fes an der Landungsfront zu entblößen333.
Unter diesen Bedingungen, vor allem des Nachrichtenvakuums und der
auch hieraus resultierenden Unsicherheit innerhalb der deutschen Füh­
rung, mußte die von Blaskowitz bereits am 4. August wegen der Schwä-

32 Die Armeegruppe G erhielt die ersten Meldungen von der Landung über den
OB West, Ferngespräch lc OB West-Obkdo AGr. G vom 15. 8. 1944, 13.55 h,
RH 19 IV/142, $.158.
J29 Obkdo AGr. G Ia r. 1879/44 vom 15. 8. 1944, RH 19 XII/7, S. 188.
330 RH 19 IV/142, S. 158.
J3t Zimmermann, OB West, MS-T-121, B V, S. 1690.

332 KTB OB West, RH 19 IV/45, S. 112.


333 KTB AOK 19, RH 20-19/88, S. 45.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 85

ehe der 19. Armee geäußerte Befürchtung: »eine erfolgreiche Verteidigung


der Küste[... ] [sei] kaum mehr gewährleistet«33\ zur Gewißheit werden.
Ob jedoch überhaupt eine schnelle »offensive Abwehr« des alliierten Unter­
nehmens, selbst unter der Voraussetzung vorhandener Reserven gelungen
wäre, darf aus dem Obenerwähnten heraus in Zweifel gezogen werden.
Die deutsche Führung im Süden konzentrierte sich jedenfalls gar nicht
erst hierauf. Für den Oberbefehlshaber der 19. Armee war ein direktes
angriffsweises Vorgehen gegen die Landeköpfe an der Küste von nachge­
ordneter Bedeutung. Um 13.25 Uhr erhielt das Gen. Kdo. des LXIT. Armee­
korps von ihm den Befehl, daß zuerst die Fallschirmjäger bei Le Muy durch
die Teile der 242. und 148. Infanteriedivision sowie der Kampfgruppe
Schwerin angegriffen und vernichtet werden müßten.
Erst nach »Bereinigung Luftlandung ist an der Küste gelandeter Gegner
anzugreifen und alte HKL[... ] wiederherzustellen«335• Bei schneller Her­
anführung der Reserven rechnete sich Wiese gegen die Fallschirmjäger
wenigstens eine Chance aus, zumal ihre Stärke anfangs nur auf ein Batail­
lon geschätzt und ihre rasche Verstärkung (bis zum Abend des 15. August
waren fast alle 9 000 Soldaten gelandet336) zunächst auf deutscher Seite
nicht zur Kenntnis genommen wurde. Die Aussichten der Verteidiger auf
zumindest einen Teilerfolg hingen davon ab, ob es gelang, die Divisions­
kampfgruppe Schwerin schnellstmöglich im Raum Brignoles zu versam­
meln. Bis zum Nachmittag war hier allerdings erst ein Bataillon einge­
troffen (vom Gren. Rgt. 932 der 244. Inf. Div.), der Rest wurde frühestens
in der Nacht erwartet337• Die Ursache dieser Verzögerungen lag in der Zer­
störung auch der restlichen, z. T. kleineren Rhonebrücken zwischen der
Mündung und dem rund 120 km nördlich hiervon gelegenen Donzere338,
die der alliierten Luftwaffe im Laufe des Tages gelungen war. Die ange­
strebte Isolierung des Kampfgebietes zeitigte jetzt ihren ersten größeren
Erfolg: Fünf deutsche Bataillone, die vom IV. Luftwaffenfeldkorps zuge­
führt werden sollten, und die ersten Teile der 11. Panzerdivision lagen
an der Rhone fest339• Der Kommandeur dieses Verbandes, Gen. Lt. Wend
v. Wietersheim, rechnete mit einer Verzögerung von sechs bis sieben Tagen,
bevor die Panzerdivision in die Kämpfe jenseits der Rhone eingreifen konn­
te. Damit war klar, daß in den entscheidenden Stunden kein wirklich
kampfkräftiger Verband zur Verfügung stand340.

334 Gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G Ia Nr. 1598/44 vom 4. 8.1944, in: Staiger,
Rückzug, S. 19 ff.
3Js KTB AOK 19, RH 20-19/88, S. 42.
.
336 1 t, R'•v•era, S. 9 1.
W'l
337 KTB AOK 19, RH 20-19/88, S. 43.
338 Gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G Ia/Id Nr. 13102/44 vom 16.8.1944, RH 19
Xll/7, S. 203 f.
339 RH 20-19/85, S. 3.
·Ho
Seit dem 1. 8. 1944 zur Front befohlen: 48., 49., 89., 344. Inf., 6. Fsj., 17., 18.
Lwfeld. Div.
86 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Wiese gab die Hoffnung auf, mit Hilfe der heranbefohlenen Einheiten die
Luftlandung im Rücken schnell »bereinigen« zu können. Aus diesem Grun­
de verzichtete das AOK - wohl schon mit Blick auf den Fortgang der
Kämpfe - darauf, das letzte, nur noch für die Errichtung einer einzigen
Brücke ausreiche-nde Ponton-MateriaP41 zu riskieren. Man entschloß sich
statt dessen zum langwierigeren Fährenbau342•
Um endlich über die Lageentwicklung aus erster Hand unterrichtet zu
werden, waren Blaskowitz und sein Stabschef Gyldenfeldt um 17.00 Uhr
von Rouffiac (bei Toulouse) in Richtung Av ignon zum Hauptquartier der
19. Armee aufgebrochen. Unterwegs suchte Blaskowitz General Petersen
(IV. Luftwaffenfeldkorps) in Capendu (bei Carcassonne) auf, aber auch hier
waren keine neuen Nachrichten bekannt. Während dieser Besprechung
traf gegen 21.00 Uhr ein Stabsoffizier des AOK 19 ein, der Blaskowitz über
den Kampfverlauf orientieren konnte343• Er wurde von der Absicht in
Kenntnis gesetzt, den Angriffsbefehl - zuerst Vorgehen gegen die Luft­
landung, dann, was allerdings bereits utopisch anmutete, »Zurückwerfen
des Gegners ins Meer«344 - aufrechtzuerhalten. Wenn auch die Intentio­
nen dieses Befehls gewesen sein mögen, die Bewegungsfreiheit des Geg­
ners im wichtigen Argenstal zumindest einzuschränken und das in Dra­
guignan eingeschlossene Generalkommando des LXII. Armeekorps345 zu
befreien, so standen ihm die Realitäten entgegen: Der Kommandeur der
242. Infanteriedivision, Gen. Maj. Baeßler, dem anstelle General Neulings
die Koordination des Unternehmens übertragen worden war, hatte inzwi­
schen erfahren, daß die Fallschirmjäger sich auf drei Regimenter verstärkt
hatten346• Auch aus diesem Grunde kam es am 15. August nicht mehr zur
Durchführung des befohlenen Angriffs, der letztlich - kurz vor Mitter­
nacht waren �erst zwei Bataillone bei Brignoles versammelt - hinsichtlich
der befohlenen Ziele (Vernichtung des Luftlandegegners und dann Durch­
stoß auf St. R aphaeP41) ohne jede Chance gewesen wäre.
Der erste Tag von DRAGOON ging so mit einem vollen Erfolg der Alliier­
ten zu Ende. An den drei Strandsektoren waren insgesamt 60 150 Soldaten
und 6 737 Fahrzeuge an Land gesetzt worden. An einzelnen sich noch- zum
Teil hartnäckig - verteidigenden Stützpunkten wie in Frejus und St. Ra­
phael vorbeistoßend, gelang es den Spitzen der US-Divisionen, bis zu 16 km
ins Landesinnere vorzudringen. Zu regelrechten Schlachten um die Lande-

Ht Eine dieser Brücken war gerade durch Bomben zerstört worden, RH 20-19/85,
s. 4.
342 RH 20-19/85, S. 4.
H3 Zimmermann, OB West, MS:f-121, B V, S. 1700ff.
344 Befehl AOK 19 vom 15. 8. 1944, 24.00 h, RH 20- 19/88, S. 44.
H5 Es bestand allerdings noch Ferns rechverbindung, KTB AOK 19, RH 20-
p
19/88, s. 54.
346 KTB AOK 19 vom 15. 8. 1944, RH 20-19/88, S. 54.
J47 Ebd., S. 44.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 87

köpfe wie in der Normandie kam es nicht. Vorausabteilungen konnten schon


um 21.00 Uhr Kontakt zwischen der 3. und 45. US-Division herstellen.
Das erste Ziel der Amerikaner, so vermutete man beim AOK 19, würde
es sein, durch einen Vorstoß nach Norden und Nordwesten die Verbin­
dung zu den Fallschirmjägern herzustellen und die Ausgänge aus dem Mau­
renmassiv in Besitz zu nehmen3,.8 (Karte 5).
Beim Stabe des OB West war Blumentritt am Nachmittag durch das
OK 19 über die ungünstige Entwicklung an der Mittelmeerfront unter­
richtet wordenH9• Er war sich darüber im klaren, daß die Situation hier
schnell kritisch werden mußte, wurde nicht doch noch ein Abwehrerfolg
erzielt. Neben Marseille und Toulon bot vor allem das Rhonetal die besten
operativen Möglichkeiten für die Alliierten. Gelang ihnen die Sperrung
des Tals, so waren Nachschublinien und auch der einzig mögliche Rück­
zugsweg der 19. Armee abgeschnitten. Unter diesen Umständen aber, so
folgerte Blumentritt, mußte der Gesamtzusammenhang der Westfront aufs
äußerste gefährdet sein350• Wegen der gleichzeitigen Lagekrise bei der Hee­
resgruppe B konnte der OB West bzw. Blumentritt Blaskowitz jedoch kei­
nerlei materielle Hilfe anbieten. Auch ein führungsmäßiges Eingreifen war
wegen der katastrophalen Ausfallserscheinungen im Fernmeldebereich
unmöglich. Es blieb also nichts anderes übrig, als sich »auf die Seihsttätig­
keit der Armeegruppe G« zu verlassen351•
Wenn auch das Augenmerk Blumentritts an diesem Tage hauptsächlich
im Norden lag, so trugen die lückenhaften, nichts Positives verheißenden
achrichten von der Südküste mit dazu bei, um 18.30 Uhr von Jodl end­
lich den »Entschluß im großen« zu erbitten352• Doch mit Hitler konnte
dieser Entschluß immer noch nicht gefaßt werden. Im Hinblick auf eine
»etwaige ungünstige Lage bei der 19. Armee<< erteilte er an diesem Tag zwar
Richtlinien, die schon wesentliche Momente eines Rückzuges aus Süd- und
Südwestfrankreich beinhalteten353, doch durften diese noch nicht in Befeh­
le umgesetzt werden. Der Grund hierfür war, daß Hitler den rechten
Augenblick für Rückzüge im Westen noch nicht gekommen sah, da er auf
eine Stabilisierung der Lage bei der Heeresgruppe B hoffte.

b) Die Entwicklung des Kampfgeschehens im Küstenraum bis zum Eintref


Jen von Hitlers (erstem) Rückzugsbefehl
Als Blaskowitz am 16. August frühmorgens in Avignon beim AOK 19 mit
den Generalen W iese und Botsch zusammentraf35,., hatte sich die Situation

34s KTB AOK 19 vom 15. 8. 1944, RH 20-19/88, S. 43.


349 Meldung AOK 19 vom 15. 8. 1944, 13.40 h, RH 19 IV/53, S. 156.
35° Zimmermann, OB West, MS.:Y.121, B V, S. 1691 ff.
351 Ebd., S. 1554.
352 Ferngespr. Jodl-Blumentritt vom 15. 8. 1944, 18.30 h, RH 19 IV/53, S. 171 f.
353 KTB OKW, IV/1, S. 346 und 470.
35" KTB AOK 19 vom 16. 8.1944, 6.20h, RH 20-19/88, S. 60.
88 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

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IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 89

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Karte 5
90 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

im Küstenraum weiter verschärft: Die achrichtenverbindungen zum LXII.


Armeekorps waren in der Nacht abgerissen. Den letzten Meldungen zu­
folge hatte sich General euling mit seinem Stab aufgrund weiterer Luft­
landungen in der ähe seines Gefechtsstandes nach Vernichtung der Ver­
schlußsachen bereits zur Selbstverteidigung eingerichtet355. Schlug der
eigene Entlastungsangriff nicht durch, dann war es nur eine Frage der Zeit,
bis die Fallschirmjäger eulings Stab außer Gefecht gesetzt hatten356• Die
Erfolgsaussichten für den Angriff Schwerins waren inzwischen jedoch nicht
gestiegen. Immer noch lag ein Großteil der heranbefohlenen Einheiten,
mittlerweile sechs Bataillone357 (ohne die 11. Pz. Div.), an der Rhone fest,
da der Fährbetrieb trotz fieberhafter Anstrengungen noch nicht begon­
nen hatte. ach der Einschätzung von Wieses Stabschef, Botsch, würde
es Mittag werden, bevor die Verstärkungen den Sammelraum erreichen
konnten358•
Insgesamt gesehen, darüber waren sich Blaskowitz und Wiese einig, ging
es jetzt in erster Linie darum, die notwendige Zeit für die Heranführung
eigener Kräfte - insbesondere der 11. Panzerdivision - zu gewinnen359•
Die zur Verfügung stehenden Mittel hatten aber allenfalls den Charakter
taktischer Aushilfsmaßnahmen. Zum einen sollte Schwerin nun sofort,
ohne weiter abzuwarten, den Versuch unternehmen, wenigstens Draguignan
und den Stab des LXII. Armeekorps freizukämpfen. Zum anderen muß­
ten die wichtigsten Straßen, die aus dem Küstenbereich nach Norden und
Nordwesten führten, von deutschen Einheiten abgeriegelt werden. Dadurch
hofften die beiden Oberbefehlshaber, das alliierte Vordringen wenigstens
vorübergehend eindämmen zu können.
Auf diese Art der Kampfführung waren Blaskowitz wie auch das AOK 19
bereits seit einiger Zeit gedanklich vorbereitet. Schon Anfang 1944 (damals
war die Kräftesituation der Armeegruppe G in etwa mit der des August
vergleichbar) hatten die Stabschefs der 1. und 19. Armee (Feyerabend bzw.
Botsch) aus der Erkenntnis heraus, daß an beiden Küsten »jeder große Lan­
dungsversuch des Gegners [ ...] gelingen muß«, folgende Grundsätze für
die Führung des Abwehrkampfes postuliert360: Voraussetzung sei es, daß
Befehlsträger und eingesetzte Truppe die Nerven besäßen, »ZU warten, bis

355 Meldung I a LXII. AK vom 16.8.1944, 1.15h, KTB AOK 19, RH 20-19/88,
S. 58 und 88.
356 General euling konnte zunächst entkommen und geriet am 18.8.1944 wei-
ter nördlich in Gefangenschaft.
357 Meldung AOK 19 vom 16.8.1944, 9.30h, RH 19 XII/7, S. 164.
358 KTB AOK 19 vom 16.8.1944, RH 20-19/88, S. 55.
.359 Blaskowitz, Armeegruppe G, MS-B-800, S. 12 f.
360 Blumentritt hatte die Stabschefs der im Westen führenden Armeen im Januar
1944 aufgefordert, sich angesichts der drohenden Invasion zur Frage des Ein­
satzes der schnellen Verbände zu äußern. Die hier angeführten Zitate entstam­
men den Antwortschreiben Feyerabends vom 4. 2.1944 und Botschs vom
29.1.1944, RH 19 IV/ 1 , S. 26ff.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 91

die mot. Verbände zum geschlossenen Gegenangriff versammelt[ . . . ] sind«.


Die hierzu erforderliche Zeit sollte gewonnen werden, indem zunächst der
Kampf an der Küste aufgenommen, dann ein Gegenstoß mit »örtlichen
Reserven« unternommen und schließlich der gelandete »Feind in einer für
den Verteidiger geeigneten Linie« gehalten wurde, »um dahinter den Auf­
marsch der OB West-Reserven vollziehen zu können.« Insoweit barg der
tatsächliche Ablauf bisher keinerlei Überraschungsmomente in sich. »ÜB
West-Reserven<< , auf denen die Planungen letztlich beruhten, standen jedoch
nicht zur Verfügung. Somit stellte sich für Blaskowitz und Wiese zunächst
die Frage, ob überhaupt eine Abriegelungsfront aufgebaut werden und so
lange standhalten konnte, bis die 11. Panzerdivision eintraf. Dann war zu
entscheiden, ob ein Frontalangriff zu diesem späteren Zeitpunkt - bei
fortgesetzten alliierten Verstärkungen - noch riskiert werden sollte. Die
Division war immerhin der einzig schlagkräftige Verband der 19. Armee.
Bereits der Abriegelungsversuch stieß auf ernste Schwierigkeiten. Der um
6.30 Uhr mit nur zwei Bataillonen und einer Artillerieabteilung angelaufe­
ne Angriff Schwerins361 kam zwar zunächst gut voran, stieß aber schon
auf halbem Wege bei Le Luc auf stärkeren Widerstand und wurde schließ­
lich zerschlagen, nachdem weitere Luftlandungen mitten in die angreifen­
den Einheiten hinein erfolgten362• Mitverursachend für diesen Fehlschlag
erwies sich auch hier die totale Luftherrschaft der Alliierten. Ihre Jagd­
bomber konnten sich ungehindert »mit aller Wucht auf diesen Angriff«
stürzen363• Damit war der Versuch gescheitert, General Neuling und sei­
nen Stab aus der mißlichen Situation zu befreien und außerdem die Front
durch Kontaktaufnahme zur 148. Infanteriedivision bei Draguignan zu
schließen. Da in diesem Raum nun keinerlei Kräfte mehr für Gegenan­
griffe zur Disposition standen, erhielt Gen. Maj. Fretter-Pico den Befehl,
von sich aus mit seiner 148. Infanteriedivision den Anschluß an Draguignan
zu suchen und vor allem die von hier nach Digne führende Staße zu sper­
ren, um den Alliierten nicht den Weg nach Norden freizugeben364• In
der Zwischenzeit waren die nur schwachen Alarmeinheiten der 242. In­
fanteriedivision von den Übergängen über das Maurenmassiv bereits abge­
drängt worden. Wiese setzte seine Hoffnung nun auf den Aufbau einer
weiter nordwestlich - zwischen der Landfront von Toulon und dem Raum
Draguignan - gelegenen Abriegelungslinie. Doch die hierfür vorgesehe­
nen Kräfte standen infolge des zeitraubenden Übersetzverkehrs über die
Rhone bis zum Mittag immer noch nicht zur Verfügung365• Der Not des
Augenblicks gehorchend, entschloß sich Wiese, den Verteidigungsbereich

361
Vor Ort führte Oberst Bründel.
362 AOK 19 Ia Nr. 8505/44 vom 16.8.1944, RH20-19/88, S. 68.
J63 RH20-19/85, S. 7.
364 KTB AOK 19 vom 16. 8.1944, RH20-19/88, S. 93.
365 Meldung vorgeschobener Gefechtsstand AGr.G vom 16. 8.1944, zit. nach:
Obkdo AGr. G Ia Nr. 1922/44 vom 17.8.1944, RH19 XII/7, S. 165.
92 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Marseille erneut zu schwächen und ein weiteres Regiment der 244. Infan­
teriedivision (Gren. Rgt. 933) heranzuziehen. Dieser Entschluß war W ie­
se durch die »Feindlagebeurteilung« des AOK 19 erleichtert worden, wo­
nach nun »mit einer weiteren Anlandung, insbesondere im Raum Mar­
seille [ ...] nicht mehr gerechnet zu werden braucht«366•
Mittlerweile hatte sich die Situation an der Rhone drastisch zugespitzt:
An den drei Fährstellen Arles, Vallabregues (nördlich von Tarascon), Avi­
gnon und an der zumindest für leichte Lasten wieder passierbaren Briicke
von Roquemaure (nördlich von Avignon) entstanden im Laufe des Tages
regelrechte Staus von Einheiten, die auf das Übersetzen warteten. Zudem
litt der in den Morgenstunden aufgenommene Fährbetrieb unter perma­
nenten T ieffliegerangriffen. Der Schwerpunkt der alliierten Luftwaffe lag
am 16. August eindeutig über dem Rhonedelta367• Insbesondere die von
den Flugzeugträgern startenden Jagdbomber zwangen zeitweilig dazu, den
Übersetzverkehr völlig einzustellen368• An dem nur SO km langen Rhone­
abschnitt zwischen Arles und Roquemaure hatten sich inzwischen folgende
Truppenteile versammelt: Die 11. Panzerdivision3 69, ein Regiment der
198., ein Regiment der 338. Infanteriedivision, sowie drei weitere Batail­
lone (von der 189. und 338. Div. sowie das Heerespionierbataillon 669). Die
damit wohl seit langer Zeit stärkste Konzentration deutscher Truppen in
Südfrankreich umfaßte - nach vollständiger Versammlung - immerhin
fast drei Divisionen. Hierdurch war die Kapazität der Fähren restlos über­
fordert. Auch der Armeegruppenstab370 geriet am Morgen in einen der
entstehenden Staus und mußte seine Verlegung nach Pierrelatte unterbre­
chen, da die Fähre bei Av ignon bereits völlig durch Einheiten der 11. Pan­
zerdivision ausgelastet war371• Das Übersetzen der Truppen erfolgte des­
halb zu langsam, »die[...] herangeführten Reserven« konnten im Kampf­
gebiet »nur tropfenweise zum Einsatz kommen«. Blaskowitz meldete an
den OB West: >Non seiten der Führung wird alles getan372, um Kräfte[...]
über die Rhone zu bringen; dieses ist augenblicklich der entscheidende Fak­
tor für den gesamten Ablauf der Kampfhandlungen373.«

366 KTB AOK 19 vom 16.8.1944, 11.40h, RH 20-19/88, S. 89.


367 w·11 t, R.1v1era,
· s. 10 7 .
368 KTB AOK 19 vom 16.8. 1944, RH 20-19/88, S. 90.

J69 Die »Panther« des Pz.Rgt. 15 lagen zum Großteil noch bei Toulouse fest,

RH 20-19/85, S. 7.
370 Blaskowitz und Gyldenfeldt waren jedoch auf dem vorgeschobenen Gefechts­

stand beim A�OK 19 in Avignon.


J7t KTB AGr. G vom 16.8.1944, RH 19 Xll/5, S. 119.

372 Er war allerdings damit einverstanden, daß W iese sein Pontonmaterial, das für

die weitere Entwicklung noch entscheidend sein konnte, zurückhielt. Er ließ des­
halb Brückenkolonnen aus dem übrigen Armeegruppenbereich heranbefehlen,
Obkdo AGr. G Ia Nr. 1913 und 1914/44 vom 16.8.1944, RH 19 Xll/7, S. 201 f.
Jn Gez. Blasko\vitz, Lagebeurteilung Obkdo AGr. G. Ia/Id Nr. 13102/44 vom

16.8.1944, RH 19 XII/7, S. 203f.


IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 93

Bis zum Abend des 16. August hatte aber lediglich das Regiment der 338. In­
fanteriedivision das Ostufer erreicht, die Mehrzahl der anderen Einhei­
ten sollte erst in der Nacht übersetzen.
Inzwischen bauten die Alliierten relativ ungestört ihren Brückenkopf aus
und nahmen die Ausschaltung einzelner noch haltender W iderstandsnester
in Angriff. Das AOK 19 rechnete damit, daß der gegnerische Landekopf zwi-
chen Cap Negre und St. Raphael mittlerweile konsolidiert war. Nach den
beobachteten weiteren Anlandungen schätzte man die Stärke der Invasions­
truppen nun bereits auf vier Divisionen mit Panzereinheiten und einem
Lufdandeverband374• Tatsächlich waren an diesem Tage die ersten Kampf­
gruppen des 11. Französischen Corps unter General de Lattre de Tassigny375
gelandet, dem die Befreiung von Marseille und Toulon zufallen sollte.
In seiner Lagebeurteilung für den OB West hatte Blaskowitz dieses erste
Operationsziel der Alliierten auch zweifelsfrei erkannt. Unklar erschien
ihm jedoch noch, ob die Fortführung der Operation nach der Abschnürung
der Großhäfen direkt in Richtung Rhonetal beabsichtigt war. Die andere
Möglichkeit, die nun erstmals erwogen wurde, bestand seiner Ansicht nach
darin, über Digne direkt nach Norden Richtung Grenoble vorzugehen.
Blaskowitz war vermutlich durch die Luftlandung bei Draguignan auf diese
Möglichkeit aufmerksam geworden. Dafür sprach auch, daß gerade in die­
sem Raum -an der Naht zwischen der 242. und 148. Infanteriedivision376
-der Aufbau der Abriegelungsfront noch völlig in Frage stand. Die Vor­
teile dieser Lösung für die Alliierten sah Blaskowitz in der Kontaktauf­
nahme zum »Starken Bandengebiet« in den Westalpen. W ichtiger jedoch
war die sich hier bietende Chance, durch schnellen Vorstoß nach Westen
ungehindert in das mittlere Rhonetal zu gelangen. Ohne es auszuformu­
lieren, hatte Blaskowitz damit bereits die »überholende Verfolgung« erahnt,
die zu einer tödlichen Gefahr für die 19. Armee werden sollte.
Am 16. August fielen in Rastenburg Entscheidungen, mit denen die deut­
sche Führung in Südfrankreich wohl schon nicht mehr zu rechnen wagte.
Anscheinend auf Drängen Blumentritts3n trat nun Jodl nochmals mit der
Bitte um eine neue »Weisung für die Kampfführung« an Hitler heran. Doch
auch jetzt faßte der » Führer« keinen ganzen Entschluß. Wenn überhaupt, so
kam für ihn ein Rückzug der Armeegruppe nur in zwei deutlich voneinan­
der getrennten Phasen in Betracht37 Das erste Resultat dieser Halbheiten

fand seinen Ausdruck in einem vom Chef des OK W, Feldmarschall Keitel,


am gleichen Tag erteilten Befehl. Hiernach waren »alle im Bereich der Armee­
gruppe G westlich der Linie Orleans-Clermont-Ferrand-Montpellier«

l74 Ebd.
175 Er übernahm am 21. 8. 1944 das Kommando über die »Französische Armee B«,
am 15. 9. 1944 um benannt in: 1. Französische Armee.
l76
KTB AOK 19 vom 16. 8. 1944, RH 20-19/88, S. 93.
Jn Zimmermann, OB West, MS.:f-121, B V, S. 1716.
J71> Ebd., S. 1721 ff.
94 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

befindlichen deutschen Soldaten und Angehörigen sonstiger Organisatio­


nen ab ofort »hinter die Seine-Yonne-Bourgogne-Linie zu verlegen«. W ie
nicht anders zu erwarten, blieben die Besatzungen der Festungen und Vertei­
digungsbereiche am Atlantik hiervon ausdrücklich ausgenommen. Die west­
lich Montpellier freiwerdenden Kräfte sollten von der 19. Armee »zur Berei­
nigung der Lage im Raum Toulon« eingesetzt werden379• Neben der Räu­
mung Südwestfrankreichs war es augenscheinlich Ziel dieses Befehls, eine
Fortsetzung des Kampfes um die Mittelmeerküste zu ermöglichen. Gleich­
zeitig wäre dadurch der Rücken der Italienfront, der dem OKW nach wie vor
besonders bedroht erschien, weiterhin gedeckt worden380• Der Befehl, den
Blaskowitz erst am Abend des 17. August - rund 24 Stunden nachdem er er­
teilt worden war-381 -erhielt, steckte voller Unzulänglichkeiten: Zwar war
es prinzipiell richtig, die südwestfranzösische Küste zugunsren des Kampf­
raums zu entblößen, jedoch erschien dies nur sinnvoll, wenn dadurch eine ra­
sche Besserung der Lage eintreten konnte. Dies aber war unter den gegebenen
Umständen unmöglich382• Eine weitere Ungereimtheit fand sich in der an­
scheinend willkürlich aus der Karte herausgegriffenen Linie Orleans-Cler­
mont-Ferrand-Montpellier, der nahezu alle Eigenschaften einer geeigneten
Frontlinie fehlten383• In keiner Weise ausgebaut oder vorbereitet, verlief sie
mitten durch eines der regionalen Partisanenzentren (Zentralmassiv).
Der I a des OB West, Zimmermann, betrachtete den Befehl später als »erneu­
ten Beweis dafür, daß die oberste Führung mit Zeit, Kraft und Raum über­
haupt nicht« rechnete384•
Blaskowitz und sein Stab versuchten jedoch, das Beste daraus zu machen.
Wenigstens die Räumung Südwestfrankreichs konnte beginnen. Blumen­
tritt hatte dazu mit den Worten »Maßnahmen seitens OB West sind nicht
abzuwarten -es ist zu handeln« freie Hand gegeben385• Doch der hierauf
entworfene und in Befehle umgesetzte Rückzugsplan für das LXIV. Armee­
korps war, ohne daß Blaskowitz es ahnte, bereits wieder überholt. Schon
.

379
Gez. Keitel, OK\XI/WFSt Op (H) Nr. 009944/44 vom 17. 8.1944, zit. nach OB
West I a Nr. 6945/44 vom 17. 8. 1944, 3.20h, RH 19 IV/53, S. 252. Bei der Da­
tumsangabe des Bezugsbefehls muß es sich um einen Irrtum handeln. Der Befehl
wurde am 16. 8.1944 erteilt, vgl. Mitteilungen Warlimont vom 18. 8. 1944,
20.00h, KTB OKW, IV/1, S.466, und RH 19 IV/53, S. 276.
380 Zimmermann, OB West, MS:r-121, B V, S. 1715 und 1736 ff.
381 Beim Stab der Armeegruppe G in Rouffiac traf der Befehl am 17. 8. 1944, 11.15 h
ein, KTB AGr. G, RH 19 XII/5, S. 121. Blasko\vit z und Gyldenfeldt waren zu
dieser Zeit in Avignon. Da von Rouffiac aus wieder einmal die Fernmeldever­
bindungen zusammengebrochen waren, erreichte der Befehl Blaskowitz erst
am Abend, vgl. W ilutzky, Heeresgruppe G, MS-A-882, S. 16.
382 Die 16. und 159. Inf. Div. am Atlantik waren viel zu weit entfernt, die '\Vestl.
Montpellier stehende 716. Inf. Div. galt als unbeweglich.
383 Gyldenfeldt, Armeegruppe 4, MS-B-488, S. 1.
384
Zimmermann, OB West, MS:r-121, B V, S. 1739.
385 Gez. Blumentritt, OB West Ia Nr. 6945/44 vom 17.8.1944, 3.20h, RH 19 IV/53,
s. 252.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 95

anderthalb Tage zuvor hatte Hitler eine diesmal umfassendere, aber noch
nicht bis zum Stab der Armeegruppe vorgedrungene Entscheidung gefällt.

c) Der endgültige Rückzugsbefehl für die Armeegruppe G und seine Pro-


blematik
Der ausschlaggebende Grund für den raschen Sinneswandel des »Führers«
lag in der dramatischen Lageverschärfung in Nordfrankreich. Da zudem
nach den letzten Meldungen von der Mittelmeerküste der alliierte Schwer­
punkt sich auf die Großhäfen und das Rhonetal zu richten, der Rücken
der Italienfront also nicht Primärziel zu sein schien386, konnte jetzt end­
lich die schon vor mehr als zwei Wochen von Hitler selbst formulierte
theoretische Erkenntnis in die Praxis umgesetzt werden.
och am 16. August, nur wenige Stunden, nachdem Keitel die Räumung
Südwestfrankreichs genehmigt hatte, unterschrieb Hitler den Rückzugs­
befehl für die im Kampf stehende 19. Armee387.
Das Eintreffen diesesBefehls wurde vom Stab der Armeegruppe mit einem
Gefühl der Erleichterung aufgenommen388• Die Kernsätze lauteten:
>>Da die Entwicklung der Lage bei der HeeresgruppeB ein Abschneiden
der 19. Armee[. ..] möglich erscheinen läßt, befehle ich[ . ..] Armeegruppe G
löst sich[ .. ] vom Feinde und gewinnt Anschluß an den Südflügel der Hee­
.

resgruppe B389.«
Beim AOK 19 in Avignon löste die Freigabe des Rückzugs sogar Überra­
schung aus390, weil bis dahin jeder Gedanke an ein Absetzen verboten
war. Aufgrund der zuvor stereotyp wiederholten Weisungen der obersten
Führung, die Küste sei zu verteidigen, hatte man sich hier bereits damit
abgefunden, daß das Schicksal der 19. Armee sich in Südfrankreich vollen­
den werde391• Ausgeschlossen war diese Möglichkeit nach wie vor nicht,
da Hitler mit seiner Rückzugsfreigabe eine Reihe von bis in den takti­
schenBereich hinabführenden, der Lage nicht mehr ent sprechenden Ein­
zelbestimmungen verbunden hatte.
Grundsätzlich bestand ja die Frage, ob die Armeegruppe überhaupt in der
Lage war, rechtzeitig die befohlene Aufnahmelinie »Sens-Dijon-Schwei­
zer Grenze« zu erreichen und dort dann auch noch Anschluß an die Heeres­
gruppeB zu finden. Das wiederum hing zum einen davon ab, mit welcher

386 Ferngespr. v. Kluge-Blumentritt vom 16. 8. 1944, 11.55-12.07h, RH 19 IV/53,


s. 209.
387 KTB OKW, IV/1, S. 352 und 471.
38 Gyldenfeldt in: Zimmermann, OB West, MS-T-121, ßd ß V, S. 1745ff.
389 Gez. Adolf Hitler, WFSt Nr. 772916/44 vom 18. 8. 1944, zit. nach: OB West
I a Nr. 730/44 vom 18. 8. 1944, RH 19 IV/53, S. 276. Die Datumsangabe von
Hiders Befehl beruht auf einem Irrtum, da er bereits am 16. 8. unterzeichnet
und schon am 17. 8., 8.30h von de.r Heeresgruppe B aufgenommen wurde, KTB
HGr. B vom 17. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 18.
39o KTB AOK 19 vom 18. 8. 1944, 15.15 h, RH 20-19/88, S. 185.
391 Schulz, 19. Armee, MS-B-514, S. 21.
96 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Geschwindigkeit diese große Rückzugsoperation durchgeführt werden konn­


te. Zum anderen, das aber entzog sich der Einflußnahme von Blaskowitz,
würde der wohl in erster Linie von Operationszielen und Stoßkraft der
3. US-Army diktierte Kampfverlauf am schwachen Südflügel der Heeres­
gruppe B eine entscheidende Rolle spielen. Sollte der Zusammenschluß zu
einer neuen Westfront gelingen, dann war für die Armeegruppe höchste
Eile geboten. ach Hiders Vorstellungen jedoch hatten die Verbände sich
nicht nur einfach abzusetzen, sondern auch eine breite Spur der Verwüstung
zu hinterlassen: »Keine Lokomotive, keine Brücke, kein Kraftwerk, keine
Reparaturwerkstätte« dürfe, so befahl er, »dem Gegner unzerstört in die
Hände fallen«392• Diese realitätsferne, da zeit- und kräftemäßige Voraus­
setzungen verkennende Anordnung wurde später sogar in grotesk anmuten­
der Weise verschärft: Jodl befahl, daß auch die Landesbewohner im wehr­
pflichtigen Alter bei der Rückzugsbewegung mitzuführen seien393•
Nicht weniger problematisch, aber dennoch für die deutsche Führung in
Südfrankreich kaum überraschend war Hitlers zusätzliche Einschränkung,
wonach »Festungen und Verteidigungsbereiche an der[ ...] West- und Süd­
küste« bis zum letzten Mann zu halten seien, und zwar »Marseille und
Toulon durch je 1 Division«394• Die hierfür erforderlichen Kräfte mußte
wohl oder übel die ohnehin schwache 19. Armee stellen. Schon als der
Befehl von Hitler unterzeichnet wurde, stand es um die Erfolgsaussichten
dieses Unterfangens schlecht. Alles deutete darauf hin, daß die »Landfron­
ten« der Häfen Hauptziele der Alliierten darstellen würden. Diese Abschnit­
te waren aber von deutscher Seite noch nicht fertig ausgebaut. Wegen des
Mangels an Minen und Sprengstoff hatten weder die geplante 15 km brei­
te »Zerstörungszone« im Vorfeld der Verteidigungsbereiche noch eine soge­
nannte »lückenlose Panzersicherheit« durch Schaffung von Minengürteln
etc. hergestellt werden können395•
Hitlers Rückzugsbefehl spiegelte bis in die Einzelheiten die während der
Besprechung vom 31. Juli bereits formulierten Grundsätze wider. Damals
hatte Hitler geäußert, man müsse sich entschließen, »bestimmte Truppen
einfach zu opfern«, um dem Gegner die Nutzung der Häfen vorzuenthal­
ten und so Zeit für eigene Maßnahmen zu gewinnen. Diesem Zweck soll­
te auch der bereits erwähnte, von den deutschen Truppen »rücksichtslos«
zu führende Krieg der »versengten Erde« dienen396• Zeitgewinn war sicher­
lich nötig, um den Kampf im Westen überhaupt fortführen zu können.
Es blieb jedoch fraglich, ob die hierzu befohlenen Maßnahmen - schon
angesichts ihrer viel zu späten Auslösung - ihr Ziel erreichen oder ob sie

392 Gez. Adolf Hitler, WFSt Nr. 772916/44 vom 18.8.1944, in: RH 19 IV/53, S. 276.
393 Gez. Jodl, WFSt Qu 1 r. 009986/44 vom 19.8.1944, zit. nach: OB \'V'est Ia
r. 7023/44 vom 19.8.1944, ebd., S. 315.
394 Gez. Adolf Hitler, WFSt Nr. 772916/44 vom 18. 8.1944, ebd., S. 276.
395 Obkdo AGr.G Ia Nr. 42(?)/44 vom 12.8.1944, RH 19 XII/9, S. 19f.
396 Hitler Lagebesprechungen, Besprechung vom 31.7.1944, S. 593 ff.
IV. Die Ausgangslage in Südfrankreich 97

nicht vielmehr sogar »kontraproduktiv« enden konnten; kontraproduk­


tiv in dem Sinne, daß zwar zwei Divisionen in Marseille und Toulon fest­
gehalten und damit ))geopfert« w urden, sie aber aufgrund des mangelhaf­
ten fortifikatorischen Schutzes der Häfen ihren Auftrag kaum in der erhoff­
ten Weise würden erfüllen können.
Den gegenüber JodlEnde Juli geäußerten Rahmenbedingungen eines Rück­
zuges aus Südfrankreich entsprach es auch, in diesem Fall die französisch­
italienische Grenze besetzen zu lassen. Folgerichtig, wohl auch aufgrund
von Interventionen Kesselrings (OB Südwest in Italien), enthielt der Rück­
zugsbefehl den Passus, das LXII. Armeekorps mit der 148. und 157. Divi­
sion werde dem OB Südwest unterstellt und habe ))vom Feinde gedrängt,
in die (... ) Alpenstellung«397 zurückzugehen. Gerade dieser Abschnitt ver­
rät deutlich, daß die Grundlagen dieses Befehls nicht auf einer aktuellen
nalyse, sondern auf wohl zwei Wochen alten und damit überholten Vor­
stellungen beruhten. Denn weder die Tatsache, daß infolge der Luftlan­
dungen keine Verbindung n1ehr zum Stab des LXII. Armeekorps bei Dra­
guignan bestand, war darin berücksichtigt noch die Möglichkeit einer geg­
nerischen, aus diesem Raum direkt nach Norden weisenden Offensivrich­
tung, wie es Blaskowitz angedeutet hatte.
Zog der OB Süd\vest die beiden Divisionen zu früh an die Alpenpässe
zurück dann wurde den Alliierten der Weg über Digne nach Grenoble
geradezu freigetnacht39 • Die Armeegruppe verlor also nicht nur zwei wei­
tere Divisionen, sondern es entstand in diesem Fall auch noch eine opera­
tive Gefahr für den Rückzug im Rhonetal.
och einmal wirkte sich die nicht unbegründete Sorge der obersten Füh­
rung um die Italienfront nachteilig für die in Südfrankreich stehenden deut­
schen Truppen aus. Der Ia des OB West, Zimmermann, bezeichnete die
Anordnung Hitlers später als »unlogisch, da gerade die im Kampf stehen­
de Armee geschwächt wurde«399•
Bei einer Rückzugsoperation dieses Ausmaßes kam es unter Umständen auf
jede Stunde an. Wertvolle Zeit ging jedoch schon bei der Übermittlung des
Befehls verloren. Noch am 16. August von Hitler unterzeichnet, war er
schon am nächsten Morgen bei den Stäben des OB West und der Heeres­
gruppe B bekannt"'00• Jedoch erst nach weiteren rund 24 Stunden traf der
Befehl am 18. August morgens401 bei Blaskowitz in Avignon ein. Bis die
direkt betroffene 19. Armee aber die Rückzugsgenehmigung erhielt, wurde
es chließlich sogar Nachmittag402• Seit der Unterschrift Hitlers waren
also mittlerweile rund 48 Stunden vergangen.

397 Gez.AdolfHitler,WFSt r.772916/44vom 18.8.1944,in:RH 19 IV/53 5. 276.


19s Blasko\vitz, Armeegr uppe G, MS-B-800, S. 15.
199 Zimmermann, OB West, MS:r-121, B V, S. 1753.
40° KTB HGr. ß vom 17.8. 1944, 8.30 h, RH 19 IX/88, S. 18.
'01
KTB AGr. G vom 18.8.1944, 11.00 h, RH 19 XII/5, S. 125.
'02
RH 20-19/85, S. 11.
98 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

V öllig ergebnislos verlief dagegen der Versuch der Armeegruppe, den Stab
des LXIV. Armeekorps an der Atlantikküste zu informieren403• Weder
Fernsprech- noch Funkverbindung kamen zustande. Schließlich wurde
sogar versucht, den Befehl auf dem Straßenweg zu übermitteln404.
Blaskowitz' knapper Kommentar, eine »neuzeitliche Führung war unmög­
lich«405, traf den Kern. Die hinsichtlich der Bedeutung des Befehls enor­
men Verzögerungen konnten im operativen Rahmen folgenschwere Aus­
wirkungen haben. Dies galt um so mehr, als die Alliierten mit Hilfe von
ULTRA genauestens über die deutschen Absichten im Bilde waren. Der
entscheidende Rückzugsbefehl wurde schon am frühen Nachmittag des
18. August entschlüsselt mit höchster Dringlichkeit an die im Felde füh­
renden Stäbe übermittelt406• Damit konnte die »überholende Verfolgung«
bereits eingeleitet werden, bevor die deutsche Führung vor Ort überhaupt
in der Lage war, erste praktische Maßnahmen zu treffen.
Seit dem 16. August standen- nun auch von Hitler erkannt- die Zei­
chen im Westen auf Rückzug. Der »wieder aufgetauchte« Kluge hatte die
notwendige Absetzbewegung der Heeresgruppe B immer dringlicher- mit
»beschwörenden Worten«407 - gefordert und schließlich erregt ausgeru­
fen, »VOn einem Angriff der Gruppe Eberbach kann keine Rede mehr sein«,
man könne befehlen, was man wolle, die vorhandenen Kräfte brächten »es
nicht fertig, sie können es nicht«408.
Erst jetzt rückte Hitler von seinem bisherigen »Konzept« ab, die Lage bei
der Heeresgruppe B doch noch durch Offensivstöße zu bereinigen. Am
Nachmittag wurde die Genehmigung erteilt, wonach der Rückzug im Nor­
den wenigstens eingeleitet werden konnte409.
Hitler verschloß sich jetzt den damit verbundenen Erfordernissen nicht
mehr. Der beginnende Rückzug der Heeresgruppe B mußte, das war zwin­
gend, mit einer Absetzbewegung aus dem Süden zeitlich und räumlich
koordiniert werden. Nur so blieb die Hoffnung, jemals wieder eine zusam­
menhängende Frontlinie im Westen aufbauen zu können.
Der damit nun auch von der obersten Führung akzeptierte, längst über­
fällige Übergang zu einer neuen Kampfphase im Westen fand seine sinn­
fällige Bestätigung in dem personellen Revirement, das den Abwehrexperten
der Ostfront, Feldmarschall Model, zum Nachfolger Kluges bestimmte.

403 Gen. Sachs erhielt ehließlieh über die Marinedienststelle de Admirals Atlan­
tik in Royan Kenntnis vom Rückzug befehl, Zimmermann, OB West, MS.:f-121,
B V, S. 1749 f.
40.. W ilutzky, Heeresgruppe G, MS-A-882, S. 17.

405 Blaskowitz, Armeegruppe G MS-B-800, S. 14.

-4C6 Bennett, Ultra ormandy, S. 152.


407 0 c Ent cheidung, S. 245.

4° Ferngespr. Kluge-Jodl vom 16.8. 1944 12.4Sh, KT B Pz.AOK 5, RH 21-5/53,

Anl. 24.
409 OB West Ia r. 726/44 vom 16.8. 1944, RH 19 IV/53, S. 217.
V Die Ausgangslage in Nordfrankreich

1. Der Führungswechsel: Model im Westen (17. August)

Obwohl Feldmarschall Model sich zunächst gegen eine Verwendung in


Frankreich gesträubt harte, wurde er bereits am 16. August abends in
Rastenburg über die Lage und die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten
im Westen informiert'uo.
Unterdessen war Kluge, der inzwischen vom Gefechtsstand des Pz.AOK 5
aus Kontakt zu seinen beiden Führungsstäben und zu Jodl aufgenommen
hatte411, mit den Problemen des Rückzuges aus der Umfassung bei Falaise
beschäftigt. Noch bevor die schriftliche Genehmigung Hitlers412 eintraf,
hatte er schon Befehlsentwürfe für die Absetzbewegung der 7. Armee und
5. Panzerarmee durch den Chef des Generalstabes der Heeresgruppe B,
Gen. Lt. Speidel, erstellen und diese schließlich auch in Kraft treten las­
sen413. Abgesehen von dieser Entwicklung waren die letzten Maßnahmen
Kluges als OB West von der Sorge um die Situation in Paris geprägt, da
die französische Metropole nun schon in unmittelbarer Nähe des Kampf­
geschehens lag..14.
Auch die in und um Paris stationierten deutschen Stäbe waren damit
bedroht. Auf die hieraus resultierende Gefahr hatte General Blumentritt
bereits an dem an Krisensituationen und -meldungen so reichen 15. August
aufmerksam gemacht. Er wies deshalb in seinem Antrag auf Verlegung der
Gefechtsstände darauf hin, daß es im Falle einer schnellen Lageverschlech­
terung zum Verlust jeglicher Führungsmöglichkeiten im gesamten �ereich
des OB West kommen könnte415. Doch auch bei der Lösung dieses Pro­
blems, das die Führung des Westheeres nicht zum letzten Male beeinträch­
tigen sollte, war der OB West von der Entscheidung Hitlers abhängig. Erst
nach der Genehmigung des OKW416 konnte er in der Nacht vom 16./17.
August die Verlegung des Gefechtsstandes des OB West von St. Germain
nach Verzy (Hauptgefechtsstand: Metz) befehlen. Der Ortswechsel des Sta­
bes der Heeresgruppe B von La Roche-Guyon nach Margival (bei Soissons),
wo der ehemals als Hauptquartier Hitlers417 errichtete, aber {außer am
17. Juni 1944) nie benutzte Gefechtsstand »Wolfsschlucht 11« bezogen wer-

.;to
KTB OKW, IV/2, S. 466 f.
-411
KTB HGr. B vom 16. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 4 ff.
"'2 OB We t I a r. 726/44 vom 16. 8.1944, RH 19 IV/53, S. 217.
4t3 RH 19 IX/88, S. 7 f.

4 14 Besprechung de OB \Vest mit Gen.d.Inf. v. Choltitz (Kommandierender Gene­

ral und Wehrmachtbefehlshaber von Groß-Paris), Gen. d. Fl. Kitzinger (Mili­


tärbefehlshaber in Frankreich) vom 17. 8.1944, 9.00h, RH 19 IX/88, S. 18.
4ts RH 19 IV/53, S. 153 f.

416 Fcrngcspr. Blumentritt-Speidel vom 16. 8. 1944 16.30 h RH 19 IX/88 S. 10.


417 Für das geplante, aber nie durchgeführte »Unternehmen Seelöwe« gegen Eng-

land 1940.
100 Teil A : Die Au gangslagc für den OB We t Mitte August 1944

den ollte konnte dagegen vorerst nicht durchgeführt werden, da sich das
OKW die Freigabe des neuen Quartier noch vorbehielt418•
In g amt ge ehen, lassen die e Tatsachen deutlich erkennen, daß Kluge
in den letzten Tagen vor einer Ablösung, abgesehen von seiner ohnehin
pürbaren Re ignation, auch faktisch als eigenständig handelnder Befehls­
träger im Westen au geschaltet wurde. Ob der so hervorgerufene Bedeu­
tung verlust der Position des OB West im Gefüge der militärischen Füh­
rung nach einem personellen Wechsel ruckgängig gemacht werden konn­
te, hing auch von der Persönlichkeit des achfolgers ab.
Am Abend des 17. August erschien der hierzu ausersehene Feldmarschall
Model beim Stab der Heeresgruppe B in La Roche-Guyon zur Übernah­
me des Oberbefehls im Westen419• Er überreichte dem bis zu diesem Zeit­
punkt über die fast zwei Tage vorher gefallene Entscheidung im unklaren
gelassenen Kluge ein Handschreiben Hitlers, woraus dieser entnehmen
konnte daß er »infolge der Belastung in den vorangegangenen Wochen
den Anforderungen der Führung gesundheitlich nicht mehr gewachsen
[sei]«420 und deshalb in die Führerreserve versetzt werde.
Wenn auch die Ablösung Kluges durch Model gewisse Parallelen zu der ein­
einhalb Monate zuvor vollzogenen Entlassung Rundstedes aufweist, so blieb
Rundstedt auch nachher in der Gunst Hiders und wurde im September 1944
erneut mit dem Posten des OB West betraut. Für Kluge hingegen mußte
es aufgrund der vorangegangenen Ereignisse und vor allem des letzten Sat­
zes in Hider Handschreiben: »Feldmarschall von Kluge hat zu melden,
nach welcher Gegend Deutschlands er zu gehen gedenkt«421, klar werden,
daß sich die Verdachtsmomente gegen ihn erhärtet hatten. Somit zeichnete
sich eine zeitliche Verknüpfung zwischen dem mit der Kommandoübernah­
me Models beginnenden neuen Abschnitt in der Befehlsführung, der Orga­
nisation der Absetzbewegung im Westen und der persönlichen Katastrophe
Kluges ab: Er gab sich im Bewußtsein, daß die schwere Krise des Westhee­
resauf sein Versagen zurückgeführt werden würde und das ihm Bevorstehen­
de ahnend422, am 19. August auf dem Weg nach Deutschland den Tod423•
Der zum OB West ernannte Feldmarschall Model kam, hierin seinem Vor­
gänger ähnelnd, mit einer vorgefaßten Meinung nach Frankreich424• Noch

41 Die Folge der dadurch hervorgerufenen Verzögerung war, daß dieser Stab erst
am 19. August - im gegnerischen Feuer - verlegen k9nnte, Tagesmeldung
HGr. B vom 19.8., RH 19 IX/88, S. 37f.
4t9 KTB HGr. B vom 17.8. 1944, 18.15h, RH 19 IX/88, S. 23.
420 Domaru , Hitler, II, S. 2141.

421
Liddeli Hart Jetzt dürfen, S. 503.
422
Kluge wäre ohnehin sofort verhaftet worden, siehe: Hitlers Lagebesprechun­
gen Besprechung vom 31.8., S. 610 f .
423 0 e, Ent cheidung, S. 247 ff. 0 c interpretiert auch den von Kluge an Hitlcr
adressierten Abschiedsbrief vom 18. 8. 1944. Der Text des Briefes selbst: RH 19
IV/226.
424 So hatte Kluge bereit an seinem ersten Tag im \Y/e ten eine schwere persönli-
V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich 101

cvor er persönlich die Lage durch einen Frontbesuch hatte in Augehschein


nehmen können, äußerte Model gegenüber seinen beiden Chefs Blumen­
rritt und Speidel425, daß seiner Auffassung nach »im Westen [ ...]zu wenig
�etan worden [sei]«. Seine Absicht, hier »aufzuräumen und eine starke
lügelführung«426 zu ergreifen, bekam auch der Kommandeur der Panzer-
�ehr-Division, Gen. Lt. Bayerlein zu spüren, als er sich beim Stabe der
Heeresgruppe B zur bereits genehmigten Auffrischung seines Verbandes
,1bmelden wollte. Model, der ihm hierbei begegnete, bemerkte nur: »Im
Osten werden die Divisionen an der Front aufgefrischt und so wird es
tn Zukunft auch hier gehalten. Sie bleiben ( ...], wo Sie sind427.«
Da hier kurz skizzierte Auftreten Models in den ersten Stunden als OB
\Xfest läßt sich wohl aus dem Zusammenwirken dreier Faktoren erklären:
Model hatte, wie sein Vorgänger, zuletzt ein Kommando an der Ostfront
innegehabt und seine militärischen Meriten hier in scheinbar aussichtslo­
sen Lagen erworben. Es ist anzunehmen, daß er- die grundsätzlich ande­
ren - Kampfbedingungen im Westen noch nicht aus eigener Erfahrung
kennend, den Ernst der Situation in Frankreich zunächst nicht richtig ein-
ehätzte und, wie zuvor Kluge, noch in einer Art »Ost-West-Vorurteil«
(wechselseitige Geringschätzung der Ost- bzw. Westfrontkommandeure
bzgl. ihrer jeweiligen Gegner) befangen war. W ie seine Äußerungen erken­
nen lassen, hatte diese Haltung auch nicht durch die »flüchtige« Lageein­
\veisung im Führerhauptquartier korrigiert werden können428•
In Rastenburg stand an dem Abend des 16. August die personelle Proble­
matik (Entlassung Kluges) wohl gegenüber den Sachfragen im Vorder­
grund429, so daß Model nicht im erforderlichen Maße über das ihn tat­
sächlich Erwartende informiert wurde.
Den dritten Faktor stellt ein von verschiedener Seite überlieferter Zug im
Führungsstil Models dar. Hiernach war es eine Eigenart des neuen Ober­
befehlshabers, besonders gegenüber Generalen und Stabsoffizieren oftmals
eine sarkastische, bisweilen verletzende Tonart zu wählen430 und Unmög­
liches »ZU verlangen, um das Größtmögliche [...]erreichen zu können«431•

ehe Auseinandersetzung mit Rommel, siehe: Ruge, Rommel, S. 276.


-425 Auch Model führte zunächst in Personalunion den Oberbefehl im Westen und
die Heeresgruppe B.
426 Zimmermann, OB West, MS-T-121, B IV, S. 1596.
4 27 R itgen, Panzer-Lehr-Division, S. 185.
"2 Warlimont, Hauptquartier, S. 485. Im KTB OKW, IV/1, S. 466, wird dagegen
von »eingehender Lageunterrichtung« gesprochen. Warlimont (Stellv. Chef des
Wehrmachtführungsstabes) erklärt solche Abweichungen mit seinem Zeitman­
gel, den Kriegstagebuchführer immer eingehend zu unterrichten, vgl. \XIarli­
mont, Hauptquartier, S. 481 Anm. 34.
"29 Stellungnahme Generaloberst v. Salmuths in: BA-MA, N 6/1 Model, S. 253.
Ho
Teske, Silberne Spiegel, S. 216f.; Speidcl, Invasion, S. 162; Zimmermann, OB
West, MS.:f-121, B IV, S. 1594 f.
Hl
KT B OKW, JV/2 s. 1711.
102 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

2. Der Auftrag des OB West und die Situation der Heeresgruppe B

Der Auftrag, den Model im Führerhauptquartier erhalten hatte, lautete,


unter Einbeziehung der Armeegruppe G »möglichst weit vor der Seine­
Yonne-Linie eine neue Front aufzubauen«432. Hitler mußte sich bewußt
sein, daß auch Model, in dem er den potentiellen »Retter der Westfront«
sah, diese Aufgabe kaum lösen konnte.
Am 31. Juli hatte der »Führer«, umJodls Drängen auf ein freiwilliges Abset­
zen zu bremsen, die Verteidigungsmöglichkeit in einer wo immer auch
verlaufenden rückwärtigen Linie als >>völlig aussichtslos« abgetan. Falls aber
ein Ausweichen erzwungen würde, so meinte er damals, käme die »Seine­
linie« allenfalls als Provisorium »nur für den ersten Moment« in Be­
tracht'03. Eine nachhaltige Abwehr erschien ihm erst an der »Somme­
Marne-Saone-Linie« möglich.
Hinzu kam, daß die von Hitler selbst als notwendig erachteten Vorausset­
zungen eines »glimpflichen« Rückzuges nicht gegeben waren. Die Maß­
nahmen, von denen er Erleichterung für die eigene Kampfführung erwar­
tete, wie z. B. die Sperrung der Häfen, hatten sich bisher nicht ausgewirkt.
Von einer Beeinträchtigung der Alliierten war jedenfalls nichts zu spü­
ren, im Gegenteil, ihr Vormarsch hatte sich beschleunigt.
W ichtiger aber war, daß Hitler es - im Gegensatz zu seinen Äußerungen
vom 31. Juli - unterlassen bzw. sogar bewußt unterbunden hatte, die
Armeegruppe G sofort nach Eintritt der Krise zur Errichtung einer neuen
Front nach Mittelfrankreich heraufzuziehen. Die Krise begann mit dem
Durchbruch von Avranches. Nach dem Prinzip des »Alles oder Nichts«
hatte der »Führer« - und der OB West war ihm darin zu lange gefolgt -
die Lage der Heeresgruppe B durch Offensivstöße zu meistern gesucht und
deshalb die Armeegruppe G im Süden festgehalten. Mittlerweile waren
zwei Wochen vergangen. Nun konnte eine rasche Verlegung der Armee­
gruppe nicht mehr gelingen, denn inzwischen war das Gros von Blasko­
witz' Verbänden, die 19. Armee, im Kampf gebunden.
Trotz dieser Fakten wurde Model auf eine zunächst unhaltbare Linien­
führung fixiert, ein Problem, mit dem er sich noch öfter konfrontiert sehen
sollte. Hider, der weiter an seinem Grundsatz, der ȆB West braucht nicht
mehr zu wissen, als er wissen muß«, festhielt434, erwartete von Model vor
allem, daß er auf »Stimmung und[ ...] Zusammenhalt des Westheeres« gün­
stigen Einfluß nehmen und, wofür der Feldmarschall bekannt war, mit
rastlosem persönlichem Einsatz den für die spätere Reorganisation im
Westen dringend benötigten >>Zeitgewinn [ .. . ] herausholen würde«435•

432 Mitteilungen Warlimonts vom 26. 8. 1944, 22.00h, KTB OKW, IV/2, S. 467.
433 Hitlers Lagebesprechungen, Besprechung vom 31. 7. 1944, S. 586 ff.

434 Ebd., S. 598.

43> Gen.Maj. Treusch v. Buttlar-Brandenfels, in: Zimmermann, OB West, MS+121,

B IV, S. 1574 f.
V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich 103

Welch e Lage fand Model bei der Heeresgruppe B vor? Hier war bisher
l edig lich ein Abschnitt von Kampfhandlungen verschont geblieben: Die
Kanalküste, an der die Verbände der 15. Armee (Generaloberst Hans v. Sal­
muth) und des Wehrmachtbefehlshabers der Niederlande (Gen.d.Fl. Fried­
rich Christiansen) stationiert waren. Das AOK 15 führte im Raum zwi-
chen der Seine und der Scheldemündung. Dieser Abschnitt umfaßte mit
dem Pas de Calais also den Teil der Küste, der vor der Invasion als am
ehesten gefährdet gegolten hatte.
Auch nach dem 6. Juni hatten die Alliierten durch ein groß angelegtes
Funktäuschungsmanöver (FORTIT UDE), das den Deutschen die Ab­
sprungbereitschaft einer in Südostengland stationierten OS-Heeresgrup­
pe (FUSAG436 unter General Patton) in Richtung Pas de Calais vorspie­
gelte, die deutsche Führung in ihrer vor der Invasion vertretenen Ansicht
weiterhin bestärken können. Der OB West befürchtete einen zweiten, ent­
scheidenden Hauptstoß am Pas de Calais. Erst nachdem Kräfte dieser ver­
meintlich unter Pattons Oberbefehl stehenden Army Group in der Nor­
mandie identifiziert worden waren, erschien Kluge eine »Großlandung an
[der] Kanalküste [... ] nicht mehr so wahrscheinlich«437• Deshalb began­
nen ab Anfang August die Truppenabzüge von der 15. Armee438 zur
Front. Bei Models Befehlsübernahme verfügte Salmuth noch über acht
Infanterieverbände439• Der Rest war bereits im Kampfgebiet oder auf dem
Weg zur Front440•
Obwohl sich die Beurteilung der gegnerischen Absichten gewandelt hat­
te blieb der Hauptauftrag der 15. Armee- Schutz der Kanalküste- bis
Ende August 1944 bestehen441• Ihr wurden sogar zu diesem Zweck die
restlichen zwei der im Reich neu aufgestellten und für die Westfront
bestimmten Divisionen der 27. Aufstellungswelle zugeführt442•
Grund hierfür war die Ansicht des Wehrmachtführungsstabes, daß der
»Schutz der tiefen Nordflanke [ ... ] und der Fernkampfanlagen« vor­
dringlich sei443• Da die alliierten Luftlandeverbände längere Zeit nicht
mehr in Erscheinung getreten waren, rechnete man, wenn auch nicht

436 First US-Army Group.


H? Lagebeurteilung OB West vom 30.7. 1944, RH 19 IV/51, S. 274ff.
438 Am 1. 8.1944 verfügte Salmuth noch über 14 Verbände.
'439 47., 70., 136. z. b. V. (bestand nur aus 8 Kompanien Magenkranker), 182., 245.,
348., 712., die 226. Inf.Div. traf soeben im Armeebereich ein, Meldungen über
den Stand der Eisenbahnbewegungen vom 15. 8.-20. 8. 1944, RH 19 IV/53,
S. 189 ff.
·Ho
Seit dem 1. 8. 1944 zur Front befohlen: 48., 49., 89., 344. Inf., 6. Fsj., 17.,
18. Lwfeld.Div.
Hl
Zangen, 15. Armee, MS-B-249, S. 9.
....2
eben der 226. (siehe oben) die 59. und 64. Inf. Div., die bis Ende August im
Westen eintrafen. Aufstellungsbefehl vom 22. 6. 1944, Tessin, Verbände, 5, S. 226,
259, und 8, S. 123.
443 Zimmermann, OB West, MS-T-121, B IV, S. 1607 ff.
104 Teil A: Die Ausgangslage für den OB We t Mitte August 1944

mehr mit einer zweiten Großlandung so doch mit der Möglichkeit eines
begrenzten Unternehmen am Kanal, etwa zur Ausschaltung der V-1-
Ba en4H.
Damit behielt die in der »Führerweisung 51« vertretene Einschätzung,
wonach be ondcr im Einsatzraum der V-1 die alliierte Invasion zu erwar­
ten ei, noch Mitte August in abgewandelter Form Geltungskraft. F rei­
lich, nun mit umgekehrtem Vorzeichen: War damals noch »gehofft« wor­
den, daß den Fernkampfbasen eine ))Köderfunktion« zukommen und die
erwartete Landung in den Bereich des AOK 15 »gezogen« werden könne,
so band Mitte August im Gegenteil der seit zwei Monaten laufende »Ver­
geltung waffeneinsatz« in erster Linie deutsche Divisionen, die zu seinem
Schutz an der Kanalküste verharren mußten und auf diese Weise der Front
vorenthalten blieben.
Die Verwendung der V-1 hatte damit zu diesem Zeitpunkt keinerlei posi­
tiven Einfluß auf die deutsche militärische Lage. Das mit ihrem-zunächst
nur auf London be chränkten - Einsatz verbundene Ziel, die Bevölke­
rung »frieden bereit zu bomben«, blieb, abgesehen davon, ob es überhaupt
zu erreichen gewesen wäre, mit täglich etwa 100 Schuß ohnehin illuso­
risch'445. Von daher war- zumindest retrospektiv betrachtet- das Fest­
halten am Auftrag des AOK 15 nicht gerechtfertigt-146•
Aus der Sicht Hitlers mußten Verbände der 15. Armee aber noch aus einem
anderen Grunde an der Kanalküste verbleiben. Mit Dünkirchen, Boulogne
und Le Havre lagen drei Häfen, die ihrer Kapazität nach nur mit dem
bereit gefallenen Cherbourg, mit Brest sowie im südlichen Frankreich
mit Bordeaux und Marseille vergleichbar waren, in Salmuths Befehlsbe­
reich. Da mit Cherbourg den Alliierten jedoch nur eine dieser »Festun­
gen« offenstand447, kam es für die deutsche Seite nun um so mehr darauf
an, ihnen die anderen Orte potentiellen logistischen Umschlags vorzu­
enthalten. Daher war auch Salmuth gezwungen, einen Teil seiner Trup­
pen44 als Besatzungen der drei Großhäfen zu binden, der damit für ande­
re Einsatzmöglichkeiten ausfiel.
Als Feldmarschall Model den Oberbefehl übernahm, standen ihm im
Nordabschnitt der Heeresgruppe B noch zehn Divisionen {unter vier Gene­
ralkommandos)449 zur Verfügung, und zwar:

-4H Ebd.
H5 Walter, V-Waffen MS-B-689, S. 57 ff.
446Zudem \vurden eit dem 12.8.1944 die V-1-Basen in ordfrankreich aufgege­
ben und ihr Schwerpunkt in den belgischen Raum verlegt.
H7 In St. Malo endete der K ampf zwar am 18. 8. die Be atzung der Batterie auf
der vorgelagerten Ile de Cezembre ergab sich jedoch er t am 2.9.1944.
H Kopfzahlmäßig in Stärke von etwa 2 Divisionen, OB \V/e t Ia r. 7201/44 vom
23. 8.1944, RH 19 IV/54 S. 108.
H9
eben den 8 Verbänden de AOK 15: 347., 719. Inf. Div. des Wehrmachtbe­
fehlshaber der Niederlande.
V. Die Ausgangslage in ordfrankreich 105

Im Bereich
\XIehrmachtbefehlshaber der Niederlande
LXXXV III. AK mit:
347., 719. Inf. Div.
15. Armee
LXV II., LXXXII., LXXXIX. AK mit:
47., 70., 136. z. b. V., 182., 226., 245., 348., 712. Inf. Div.
(59., 64. waren noch in Zuführung).
Es zeichnete sich ab, daß die 15. Armee ihrer zusätzlichen, seit der Monats­
\vende wahrgenommenen Funktion, ein Truppenreservoir für die Norman­
dieschlacht zu bilden, zukünftig nur noch begrenzt nachkommen konnte.
n der eigentlichen Kampffront der Heeresgruppe führten drei AOKs
{5. Pz.-, 7. und 1. Armee) mit insgesamt zehn Armeekorps nominell44 Divi­
sionen. Model fand dort folgende Stäbe und Verbände vor:
Im Bereich
1. 5. Panzer- und 7. Armee mit:
XXV., LXXIV., LXXXI., LXXXIV., LXXXV I. AK, I.SS-, II.
SS-, XLV II., LV III. PzK, II. FsjK
(die Generalkommandos LXV I. und LXXX. AK unterstanden
dem Militärbefehlshaber zum Ausbau der »Kitzingerlinie«)
.
mtt: 48., 49., 77., 84., 85., 89., 243., 265., 266., 271., 272., 275., 276.,
277., 319., 326., 331., 338. (Masse bei A. Gr. G), 343., 344., 346.,
352., 353., 363., 708., 711. lnf.Div.,
91. Luftlandediv.,
17., 18. Lw felddiv.,
2.., 3., 5., 6. Fsj. Div.,
1., 2., 9., 10., 12. SS-Pz. Div.,
(in Zuführung: 26., 27. SS-Pz. Div.; beide hatten nur Brigade­
stärke und wurden später der 17. SS-Pz. Gren.Div. unterstellt)
2., 9., 21., 116. Pz., Panzer-Lehr-Div.,
17. SS-Pz. Gren. Div.
(in Zuführung: 3., 15. Pz. Gren. Div. aus Italien; die 29.,
30. Waffen-Gren.Div. SS [russ. Nr. 1 und 2] waren auch unter­
wegs, kamen aber wegen Unzuverlässigkeit nicht zum Einsatz).
Ein großer Teil dieser Verbände war jedoch bereits schwer angeschlagen
und wenn überhaupt, dann nur unzureichend materiell und personell wie­
deraufgefrisch( worden, so daß Model von einer weitaus geringeren Kampf­
kraft ausgehen mußte.
Ein Blick auf die Frondagekarte450 veranschaulichte die prekäre Situation:
An das AOK 15 (Trennungslinie: Seine) schloß sich in südwestlicher Rich­
tung der Befehlsbereich der 5. Panzerarmee unter SS- Oberstgruppenfüh­
rer und Generaloberst der Waffen-55 Dietrich an. Die Frondinie dieser

_.�RH 19 IV/68K, Karte 8 vom 16.8.1944.


106 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Armee verlief von der Kanalküste bei Cabourg dem Lauf der Dives fol­
gend 45 km in grob südlicher Richtung. An diesen Abschnitt (LXXXVI.
AK unter Gen. d. Inf. Hans von Obstfelder) schloß sich an der Naht zweier
Armeekorps (LXXXVI. AK-1. SS-PzK) ein weit nach Westen bis über die
Orne reichender Frontbogen an, der durch alliierte Kräfte konzentrisch
zusammengepreßt wurde. In diesem Raum befand sich die Masse von Diet­
richs Verbänden, sowie -südlich anschließend -die gesamte 7. Armee
mit ihrem Oberbefehlshaber, SS- Oberstgruppenführer und Generaloberst
der Waffen- SS Paul Hausser451• Die Ursache für diese mißliche Lage im
Zentrum der Heeresgruppe war, wie erwähnt, daß Hitler und auch Kluge
zu lange auf die Möglichkeit gesetzt hatten, durch einen Panzerstoß vom
linken Flügel der 7. Armee (hierzu war am 10. August die Gruppe Eber­
bach gebildet worden) die Front zur Küste hin w ieder zu schließen und
gleichzeitig die bereits ins Innere Frankreichs vorgedrungenen OS-Kräfte
von ihren rückwärtigen Verbindungen abzuschneiden. Um den hierfür be­
nötigten Bereitstellungsraum zu sichern, mußten die Verbände der 7. Armee
und der Gruppe Eberbach weit westlich exponiert festgehalten werden.
Mittlerweile aber war der linke Flügel der 7. Armee nach Osten zurückge­
drückt und schließlich so weit nach Norden abgedrängt worden, daß sich
aus dem noch offenen Bogen endgültig eine Einschließung zu entw ickeln
schien. Bis zum 17. August hatte sich die Lage weiter verschärft. Der seit
Tagen rollende Großangriff der 1. Kanadischen Armee durchstieß die
ordfront des Bogens, während gleichzeitig im Süden OS-Verbänden ein­
zelne Einbrüche in die deutsche Linie (bei Domfront und Argentan) gelan­
gen. Deshalb, die alliierten Angriffsspitzen standen nur noch wenige Kilo­
meter voneinander entfernt, war das erst kurz zuvor genehmigte Abset­
zen der deutschen Armeen kaum noch durchführbar.
Model konnte nicht mehr viel für die in einem Kessel von nur noch
20-30 km Durchmesser eingezwängten Verbände tun. Es kam jetzt alles
darauf an, die noch von seinem Vorgänger befohlenen Rückzugsbewegun­
gen in kürzeste·r Frist durchzuführen. Dabei zeigte die Entwicklung schon
am Abend des 17. August, daß die noch von Kluge angestrebte neue Linie
(Küste-Dives-Abschnitt-Morteaux-Couliboeuf-Trun-Gace-L'Aigle
unter Befehl des AOK 7, von hier: L'Aigle-Paris West unter Pz. AOK 5..52)
bereits von den Kanadiern überschritten war. Sie hatten auch die Front
des von der Küste bis zum Kessel haltenden LXXXVI. Armeekorps mehr­
fach durchbrochen und die Verbände über den Dives-Abschnitt nach Osten
zurückgedrückt453•
Aus diesem Grund hatte Model bereits jetzt die potentiellen Auswirkun­
gen dieser Katastrophe zu kalkulieren: Im Zentrum der Heeresgruppe B

4S1
Zusammen mit der unterstellten Gruppe Eberbach.
4S2 Obkdo HGr. B Ia r. 6078/44 vom 17.8.1944, RH 19 IX/4, S. 322f.
-lS3 Tagesmeldung OB West für den 17. 8.1944, RH 19 IV/53, S. 266.
V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich 107

waren die Reste von 14 Divisionen mit rund 100 000 Mann, den Stäben
von vier Armeekorps und zwei Armeen454 eingeschlossen. Sie fielen damit
zunächst für weitere Kampfaufgaben aus (Karte 6).
Die Lage der Heeresgruppe B war aber nicht »nur« wegen des Kessels von
Falaise so bedrohlich: Im weiten Raum zwischen diesem Gebiet und der
Loire im Süden bildete sich mittlerweile ein neuer akuter Schwerpunkt.
Die Amerikaner hatten zwischen der L inie Dreux-L'Aigle und der Loire
neue Divisionen zum Einsatz gebracht455• Auf alliierte Offensivabsichten
in diesem Gebiet machte auch Gen. Lt. Gause (Generalstabschef Pz. AOK 5)
aufmerksam, als er Speidei darüber unterrichtete, daß erbeuteten Karten
zufolge eine US-Panzerdivision die Gegend Dreux-Evreux (50-70 km
nordwestlich von Paris) erreichen sollte456• Zum gleichen Zeitpunkt waren
die deutschen Truppen im Kessel noch etwa 180 km von Paris entfernt.
Angriffsziel würde demnach der Südflügel der Heeresgruppe sein, an dem
Model nur schwache Kräfte vorfand. Das LXXXI. Armeekorps General
d. Pz. Tr. Kuntzens schirmte den gefährdeten Raum zwischen dem »Rük­
ken« des Kessels und Paris ab. Für die Verteidigung dieser 90 km langen
L inie standen Kuntzen aber nur drei Divisionen457 zur Verfügung. Bereits
am 8. August hatte der damalige OB West das OKW auf die hier drohen­
den Gefahren hingewiesen und schließlich die Zuführung des AOK 1 unter
General d. Inf. Kurt v. d. Chevallerie erwirkr�5 •
Der neue Auftrag des AOK 1 ging dahin, eine Sicherungslinie zwischen
den Verbänden Kuntzens und der Grenze zur Armeegruppe G im Raum
Chartres-Odeans aufzubauen. Durch die Zuführung von drei Infante­
riedivisionen sollte es, so Hitler, möglich sein, >>Paris und den Rücken der
Heeresgruppe B zu decken«459•
Bislang hatte Chevallerie aber nur eine lockere Kette von wenig kampf­
kräftigen Stützpunkten errichten können, da die in Aussicht gestellten Ver­
bände noch nicht eingetroffen waren. Er blieb vorerst der Oberbefehlsha­
ber einer »Armee«, in deren Bereich nur ein Sturmbataillon und zwei Kom­
panien des AOK 1, zehn Heeresstreifen und Einheiten von drei Sicherungs­
regimentern (Nr. 1, 6, 10 10) des Militärbefehlshabers bereitstanden460• Mit
zusammengekratzten Kräften verschiedenster P rovenienz461 und unter-

454 AOK 7 und der Stab der AOK-ähnliche Funktionen ausübenden Panzergrup-
pe Eberbach.
455 Tagesmeldung OB West für den 16.8. 1944, RH 19 IV/53, S. 228 ff.
456 Ferngespr. Gause-Speidei vom 15. 8. 1944, 12.40 h, RH 19 IX/87, S. 241.
457 So zum Beispiel 331., 344. lnf., 17. Lwfeld. Div. und einige Splittertcile, z.B.
von der 352. Inf. Div.
45 OB West Ia r. 6598/44 vom 8. 8.1944, RH 19/4 S. 254.
459 Gez. Adolf Hitler WFSt/Op. Nr. 772830/44 vom 11. 8. 1944, zit. nach: Obkdo
HGr. B Ia Nr. 5951/44 vom 12.8.1944, RH 19 IX/8 S. 119f.
460 Emmerich, 1. Armee, MS-B-728, S. 3.
461 Vgl. hierzu: Meldung an OB West, Stand: 19. 8. 1944, RH 19 IV/53, S. 362 f.
108 Teil A: Die Ausgangslage für den OB We t Mitte August 1944

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V. Die Ausgangslage in ordfrankreich 109

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110 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

schiedlichster Ausstattung462 konnte der Auftrag kaum erfüllt werden. Es


blieb allenfalls die Möglichkeit, das Vorgehen der Amerikaner durch Stra­
ßensperren etc. zu verzögern, um so die Zeit bis zum Eintreffen von Ver­
stärkungen zu überbrücken.
Kennzeichnend für all diese improvisatorischen Versuche war die Anwei­
sung des OB West an Oberst Oehmichen, der von Hitler den Auftrag zur
Bildung einer »Panzersperrzone« vor Paris erhalten hatte. Hiernach sollte
der Oberst dafür sorgen, daß »alle deutschen Waffenträger[...]ohne Rück­
sicht auf Rang, Dienststellung und Waffengattung[...] unverzüglich zu har­
ten, entschlossenen Panzernahkämpfern« - denen nichts außer Panzerfäu­
sten zur Verfügung stand - wurden463• Doch weder das notwendig gewor­
dene Heranziehen von Einheiten des Militärbefehlshabers, das den perso­
nellen Mangel recht deutlich werden ließ, noch solche Aufträge nach der
Devise »Moral gegen Material« konnten die Entwicklung am Südflügel der
Heeresgruppe entscheidend beeinflussen.
Vom 10.-14. August waren die Amerikaner in diesem Raum relativ ruhig ge­
blieben. Einen Tag später begann an verschiedenen Stellen der vom LXXXI.
Armeekorps gebildeten Sicherungslinie ein offensiveres Vorgehen.
Als sich Model in die Lage einweisen ließ, war die Front des Armeekorps
zwischen Dreux und Chartres schon in nordostwärtiger Richtung zurück­
gedrückt oder durchdrungen. Die US-Angriffsspitzen standen nordwest­
lich von Paris, nur noch rund 15 km von der Seine entfernt.
Auch die Stützpunktkette des AOK 1 war bereits von OS-Verbänden über­
rollt oder einfach umgangen: Chateaudun und Orleans wurden aufgege­
ben, ihre Verteidiger zogen sich nach Osten zurück"64• In Chanres dage­
gen dauerten die Kämpfe noch an: W ährend mit dem Sturmbataillon
AOK 1 und den ersten von der Kanalküste eingetroffenen Teilen der 48. In­
fanteriedivision der vergebliche Versuch unternommen wurde, das in der
Stadt eingeschlossene Sicherungsregiment 6 freizukämpfen465, waren ame­
rikanische Aufklärungsabteilungen nach Osten weitergerollt und hatten sich
im Raum Fontainebleau auch südlich von Paris der Seine genähert466•
General v. d. Chevallerie war aufgrund erbeuteter Unterlagen über weite­
re Angriffsabsichten in diesem Raum orientiert. Er »verschob« die Siche­
rungslinie weiter nach Osten, da von den erwarteten Zuführungen bisher
erst ein Bataillon den Armeebereich erreicht hatte.
Durch das erzwungene Ausweichen- die am 17. August angestrebte Siche­
rungslinie lag bereits im Raume südlich von Paris - war jedoch die Ver­
bindung zum LXXXI. Armeekorps abgerissen. Dennoch traten die Ame-

46 2 Die Soldaten de Sich.Rgt. 1010 hatten \veder Stahlhelme noch Schanzzeug,


vgl. Emmerich, 1. Armee, MS-B-728, S. 7.
-t6J KTB OB West Anlage für den 12. 8.1944, RH 19 IV/53, S. 52 ff.
464 Tagesmeldung OB \XIest für den 17. 8. 1944, ebd., S. 265.
6s KTB HGr. B vom 17. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 19.
4

466 Tagesmeldung OB West für den 18. 8.1944, RH 19 IV/53, S. 299.


V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich 111

rikaner nicht direkt, wie es Blumentritt in einem Gespräch mit Speidei


für möglich erachtet hatte..67, auf die frei vor ihnen liegende französische
Metropole an, sondern behielten die Richtung ihrer Angriffsachsen bei.
us diesem Grunde konnten die deutschen Verteidigungsmaßnahmen vor
Paris zunächst ungestört weiterlaufen. Der schon bestehende »Flakring« vor
der Stadt sollte zu einem Sperrgürtel468 ausgebaut werden. Da weder Zeit
noch genügend Kräfte zur Verfügung standen, war jedoch nicht mehr
als ein auf Sicherung der Ausfallstraßen beruhendes Provisorium zu er­
reichen.
eben den Ereignissen um Falaise- Model mußte im schlechtesten Fall
mit dem Verlust von 14 Divisionen rechnen- entwickelte sich durch den
Vorstoß der 3. US-Army gegen den Südflügel der Heeresgruppe der zwei­
te bedeutende Krisenherd in Nordfrankreich. Dabei kam den Angriffen
des XV. US-Korps aus dem Raum Dreux in nördlicher Richtung die unmit­
telbare operative Gefahr zu. Die Absicht der Amerikaner, sich durch » einen
Stoß auf die Seine abwärts[nordwestlich] von Paris[... ] einem Absetzen
der 5. Panzerarmee und 7. Armee vorzulegen«469, um so nach Falaise
gleich den nächsten Kessel bilden zu können, wurden im Stabe des OB
West auch sofort erkannt.
Die Situation in der Bretagne hingegen erforderte von Model keine beson­
dere Aufmerksamkeit mehr. Hier lagen die für die weitere Kampfführung
entscheidenden Rahmenbedingungen schon fest. Seitdem das VIII. US­
Korps mit tatkräftiger Unterstützung durch die FFI470 die Bretagne um­
schlossen (11. August) und die deutschen Truppen sich auf die vier bis
zum letzten zu verteidigenden Festungen St. Malo, Brest, Lorient und
St. Nazaire471 sowie zahlreiche kleinere Stützpunkte an der Küste zurück­
gezogen hatten, war dieser Teil der Verbände der Heeresgruppe isoliert.
Von seinem Bunker Keroman in Lorient aus führte General d. Art. W il­
helm Fahrmbacher472, der Kommandierende General des in der Bretagne
verbliebenen XXV. Armeekorps, alle auf der Halbinsel eingesetzten Sol­
daten. Lediglich der Fallschirmjägergeneral Ramcke hatte es erwirkt, als
Kommandant der Festung Brest der Heeresgruppe B direkt unterstellt zu
werden473• Als Model im Westen eintraf, ging der Kampf um St. Malo (die

467 Ferngespr. Blumentritt-Speidel vom 16. 8.1944, 15.40 h, RH 19 IX/88, S. 9.


46 Gen. d.Inf. V ierow sollte den Sp errgürtel ausbauen. Verlauf: Poissy-Aigre­
mont-St. Gemme-westl. St. Nom-Villepreux-Höhe 168-Troux-Saclay-Lc
Guichel-Palaiseau-Höhe 106-V igeux-Montgeron-Bonneuil-Marneschlei­
fe, KTB OB West, Anlagen, RH 19 IV/53 S. 253.
-469 Tagesmeldung OB West für den 15. 8. 1944, RH 19 IV/53, S. 184 ff.
"7° KTB OB West vom 8. 8.1944, RH 19 IV/45, S. 63.
471 OB West Ia Nr. 6335/44 vom 2. 8. 1944, RH 19 IV/52, S. 99.
472 Er verfügte über Wehrmachtbefugnisse, OB West I a Nr. 6335/44 vom 2.8. 1944,
ebd.
473 HGr. B Ia Nr. 5101/44 vom 16. 8.1944, RH 19 IX/88 S. 15.
112 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Fe tung fiel am 18. August474) bereits dem Ende entgegen. Vor den übri­
gen drei Festungen verhielten sich die Amerikaner - handstreichartige
Unternehmungen blieben erfolglos- ruhig. Sie beschränkten sich mit ein­
zelnen Aufklärungsvorstößen auf die Abriegelung.
Model konnte nur interessieren, was er bei seiner Kräfteberechnung >>abbu­
chen« mußte: In St. Malo gingen dem OB West zwei Divisionen475, in den
übrigen drei Festungen rund 92 000 Soldaten, darunter vier Felddivisio­
nen476, und der Stab eines Armeekorps verloren. Zwar konnten die Fe­
stungsbesatzungen eine ihrer Hauptaufgaben erfüllen, indem sie den Alli-

ierten die utzung der Häfen zunächst verwehrten (St. Malo wurde ja noch
durch die Besatzung der Ile de Cezembre gesperrt). Auf der anderen Seite
gelang es aber nicht, starke Kräfte des Gegners zu binden. Der alliierte
Oberbefehlshaber, General Eisenhower, hatte, obwohl er zusätzliche Häfen
benötigte, die Prioritäten anders gesetzt.
Für Model blieb daher unter dem Strich nur, daß zusammen mit der
319. Infaneriedivision (Kanalinseln) allein acht, zum Teil gut ausgebildete
und voll ausge.rüstete Verbände »ausfielen«. Demnach ergab sich am 17. Au­
gust folgendes Kräftebild der Heeresgruppe: Von den nominell 54 Verbän­
den drohte 14 die Einschließung bei Falaise477; sieben konnten in der Bre­
tagne bzw. auf den Kanalinseln als verloren betrachtet werden und elf wei­
tere waren - mehr oder weniger angeschlagen - nur noch als Kampf­
gruppen eingesetzt478. Von den verbleibenden 22 Divisionen standen zehn
noch an der Kanalküste, so daß Model in der F rontlinie nur über zwölf
kampfkräftige Verbände verfügte. Angesichts dieser Situation und der Tat­
sache, daß auf alliierter Seite mit der Liquidierung des Falaise-Kessels wei­
tere Verbände für die zum Teil schon eingeleiteten Operationen freiwer­
den würden, erschienen die Zweifel Kluges, die er in seinem Abschieds­
schreiben an Hitler zum Ausdruck brachte, nur zu berechtigt: >>Ich weiß
es nicht, ob der überall bewährte Generalfeldmarschall Model die Lage
noch meistern wird. Ich wünsche es ihm von ganzem Herzen479.«
Ob Model das gelingen würde, war um so fraglicher, als seinen geschwächten
Kräften in ordfrankreich - zwar nicht, wie von der Je-Abteilung der

474 ur die Batterie auf der Ile de Cezembre mit ca. 360 Mann und 3 Geschützen
käm pfte weiter.
475 Bzw. Restteile hiervon: 77. Inf. Div. und Splitterteile der 91. Luftlandediv. (sowie
Teile der 5. Fsj. Div.).
476 Brest: 266., 343. lnf., 2. Fsj. Div. Lorient: Teile 265. Inf. Div. St. Nazaire: Reste
265. Inf. Div.
477 84., 89., 271., 276., 277., 326., 353., 363. Inf., 3. Fsj., 2. und 116. Pz. Div., 1. SS-,
10. SS-, 12. SS-Pz. Div.
478 243., 275., 331., 338., 352. Inf., 5. und 6. Fsj., 9. und 21. Pz.-, Pz.-Lehr-, 17. SS­

Pz. Gren. Div., Schematische K.riegsgliederungen, GenSt. d. Heeres/Op. Abt. Ill


vom 15. 8. 1944, Dokumentationszentrum des MGFA .
.J79 Brief Kluges an Hitler vom 18. 8. 1944, RH 19 IV/226.
V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich 113

Heeresgruppe vermutet, 45-49480, aber immerhin 37 alliierte Divisio­


-

nen481 gegenüberstanden.
Die Verluste bis Mitte August bewegten sich auf beiden Seiten in vergleich­
bare r Höhe: Rund 160000 Soldaten auf deutscher und 180 000 Soldaten
auf alliierter Seite. Entscheidender war jedoch, daß die Alliierten ihre Aus­
fälle schnell auszugleichen vermochten, während die Verbände des OB West
allmählich »ausbluteten«. Der Ersatz für die deutschen Divisionen umfaßte
lediglich etwa 40000 Mann"82• Die Diskrepanz machte sich auch in der
Materialausstattung zunehmend bemerkbar: Waren bei Invasionsbeginn
rund 1700 deutsche Panzer und Sturmgeschütze eingesetzt, so betrug die
Zahl Ende Juli nur noch rund 750. Die Panzerstärke war um mehr als
SO Prozent zusammengeschrumpft. Die weitaus höheren Panzerverluste
auf alliierter Seite"83 änderten nichts daran, daß das Gesamtverhältnis sich
mehr und mehr zu Ungunsten der Deutschen veränderte.

3. Die alliierte Kampfführung

a) Abweichungen von der OVERLORD-Planung


Das bisherige Kampfgeschehen war auch für die Alliierten anders als ur­
sprünglich geplant verlaufen. Sieben Wochen lang, bis zum Durchbruch
von Avranches, blieb der Vormarsch der Invasionsstreitkräfte äußerst
begrenzt. EndeJuli hing er um fast »30 Tage« hinter den Planungsvorga­
ben zurück484• Das hatte zur Folge, daß einige logistische, zuvor als grund­
legend betrachtete Voraussetzungen für zukünftige Operationen nicht
erfüllt waren. Cherbourg, das schon EndeJuni täglich 5 000 Tonnen lie­
fern sollte, »arbeitete« erst seit dem 16.Juli, die bretonischen Häfen, vor
allem Brest, und die Bucht von Quiberon standen überhaupt noch nicht
zur Verfügung. EndeJuli liefen immer noch circa 90 Prozent des gesam­
ten Nachschubs über die offenen Strände485• Aber die fehlende Hafenka­
pazität wirkte sich noch nicht nachteilig aus: Der Nachschubumschlag
blieb zwar hinter dem Plansoll zurück, doch wurden die alliierten Trup­
pen logistisch noch ausreichend unterstützt. Die Umschlagsleistungen klei­
nerer Häfen und vor allem die der Strände übertrafen das erwartete Maß

480 Im Bereich der 21. Heeresgruppe: 21-23, im Bereich der 12. Heeresgruppe:
24-26 Divisionen, Vgl. RH 19 IV/68 K und 69 K sowie: Staubwasser, Feind­
bild, MS-B-825, S. 63 ff.
•st
20 US-, 12 britische und 3 kanadische Verbände sowie je 1 französische und
polnische Division, vgl. Ruppenthal, Support, I, S. 457, und Eisenhower, Kreuz­
zug, S. 342.
482 Für die deutsche Seite: Lagebeurteilung vom 14. 8.1944, OB West Ia Nr. 6872/
44, RH 19 IV/53, S. 122f. Für die alliierte Seite: Blumenson, Breakout, S. 516.
483
Nach deutschen Angaben bis 31.7. 1944: 2395 alliierte, 951 deutsche Panzer,
bis zum 13. 8. 1944: 3 370 alliierte Panzer, KTB OKW, IV/1, S. 329 f.
-484 Ruppenthal, Support, ll, S. 5.
485
Ebd., I, S. 465.
114 Teil A: Oie Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

weitem4 6• Hinzu kam, daß infolge des »Stellungskriegs<< der Treibstoff­


bedarf geringer als berechnet und die Versorgungswege von der Küste zur
Front kurz blieben.
Doch hatte bereits der verheerende 1uni-Sturm, durch den der künstliche
Hafen der Amerikaner zerstört wurde, gezeigt, daß solche »Aushilfslösun­
gen« nur für begrenzte Dauer funktionieren konnten. Spätestens mit Beginn
des Herbstes mußten »schlechtwettersichere« Häfen erobert sein.
Auch in den angesichts des nicht planmäßigen Verlaufs angestellen Über­
legungen im 1uli 1944 behielt die Bretagne weiterhin oberste Priorität. Man
rechnete nun damit, Anfang September (D + 85-D + 90) - nicht, wie ur­
sprünglich geplant, Anfang August - im Besitz der bretonischen Häfen
zu sein487•
Der Bretagne kam nach wie vor als logistischer »Depot Area« und auf­
grund ihrer geographischen Halbinsellage als >>sicherer Basis« für die US­
Truppen größte Bedeutung zu. Diese Vorteile hatte in den Augen der
G 4-Abteilung von SHAEF keine andere Alternative zu bieten488• Die
schon in der Planungsphase zu konstatierende Präponderanz logistischer
und in erster Linie auf »Sicherheit<< hin orientierter Maßgaben war so lan­
ge unangetast�et geblieben, wie die Schlagkraft der Wehrmacht überbewer­
tet wurde.
Nach dem Durchbruch von Avranches, mit dem einsetzenden Bewegungs­
feldzug, wandelte sich diese Einschätzung. Schon Anfang August traf Eisen­
hower in Übereinstimmung mit Montgomery und Bradley489 Entschei­
dungen, die eine erhebliche Abweichung von der OV ERLORD-Konzep­
tion bedeuteten. Der Schwerpunkt der Operationen lag zunächst nicht
mehr in der Eroberung zusätzlicher Häfen, sondern im Versuch, den Deut­
schen noch westlich der Seine den »Decisive Blow«490, die entscheidende
Niederlage beizubringen. Zu diesem Konzept, das nun an die Stelle der
ursprünglichen, von logistischen Faktoren dominierten Planung trat, gehör­
te auch bereits, Brückenköpfe auf dem Ostufer der Seine zu bilden, bevor
sich die Deutschen hier zur Verteidigung einrichten konnten.
Dieses Konzept Eisenhowers lag im Grunde schon am 7. August fest491•
Wenngleich er die Befreiung der Bretagne weiterhin stets als Hauptaufgabe
hervorhob, so ging aus seinen Äußerungen - und das war in gewisser Weise
typisch für seine oft unklaren, interpretierbaren Weisungen - doch her­
vor, daß sie nurmehr als nebengeordnetes Ziel galt, das man nun gleichzei­
tig mit dem ))Decisive Blow« erreichen wollte492•

86
4 Ebd., S. 413 und 465.
" 7 Ebd., S. 468 ff.
" Ebd., S. 470.
4 9 Blumenson, Breakout, S. 431 f.
490 Ruppenthal, Support, I, S. 483.
491 Eisenhower an Marshall vom 7. 8. 1944 Papers of Eisenhower, IV S. 2059 f.
492 Eisenhower an Marshall und CCS vom 2.8.1944, ebd., S. 2048 ff.
V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich 115

Aufgrund der sich wandelnden Feindbeurteilung der alliierten Oberbe­


fehlshaber und der- nicht nur zahlenmäßigen- Unterschätzung der deut­
schen W iderstandskraft auf der Halbinsel, wurde lediglich das VIII. OS­
Corps (Gen. Maj. Troy H. Middleton) - statt wie vorgesehen, bis zu vier
Korps- in der Bretagne eingesetzt. Dennoch gingen die Alliierten davon
aus, die Häfen in Monatsfrist erobern zu können493. Patton, dessen Armee
das Vlli. Corps unterstand, wettete gar mit Montgomery, daß Brest in einer
Woche in Händen der OS:fruppen sei494.
Einen schnellen, leichten Sieg vor Augen, fächerten die vier Divisionen
Middletons auf: St. Malo, Brest und Lorient wurden nahezu zur gleichen
Zeit erreicht. Doch die Erwartungen, lediglich eine Demonstration mili­
tärischer Macht - eine »Show of force«, wie es ein US-Divisionskomman­
deur-'95 ausdrückte - würde die Deutschen zur Übergabe veranlassen,
erfüllten sich nicht. Die Kapitulationsangebote an die Kommandanten von
St. Malo ( 4./5. August) und Brest (8. August496) blieben ebenso wirkungs­
los, wie die bei Patton am 6. August eintreffenden Meldungen, die Ein­
nahme Lorients und Brests sei nur noch eine Sache von Stunden, falsch
waren. Durch den wenig koordinierten, zersplitterten Einsatz der OS-Ver­
bände verstrichen die in den ersten Augusttagen bestehenden Chancen
ungenutzt.
Da die Amerikaner die Kampfentschlossenheit der Festungskommandan­
ten und die Stärke ihrer Besatzungen497 unterschätzten, wurden sie von
den deutschen Abwehrreaktionen überrascht und gingen nach ersten Schar­
mützeln - wie vor Lorient - dazu über, einen Einschließungsring zu bil­
den und sich mit Aufklärungsvorstößen zu begnügen. Die anfangs exi­
stierenden Schwächemomente der Festungen, wie zum Beispiel teilweise
noch unbesetzte Frontabschnitte, blieben den Angreifern verborgen. Bevor
die Amerikaner größere 0 nternehmen starteten, war die Kampfkraft der
Festungen durch Truppenteile verschiedener Divisionen, die sich hierhin
durchschlagen konnten, verstärkt worden498.
Obwohl sich die Operationen in der Bretagne nicht so reibungslos wie
er wartet entwickelten- St. Malo fiel erst am 18. August: statt einer >>Show
of force« bedurfte es harter Kämpfe und des Einsatzes von Napalmbom­
ben -, hielt Eisenhower an seinem Konzept fest. Weder er noch Mont­
gomery waren bereit, zusätzliche Verbände zu entsenden, nur um die Häfen

493 Blumcnson, Breakout, S. 431.


494 Ebd., S. 370.
-'95 Gen. Maj. Grow, 6. US-Pz. Div. (Brest), ebd., S. 380.
496 Ebd., S. 38 2 f. und 394 ff.
497 Anfang August befanden sich in Brest statt der angenommenen 3000 etwa
15000, in St. Malo statt 3000-5000 rund 12000, in Lorient rund 25000 Sol­
daten, ebd., S. 364, 380, 38 6 ff.
49 Teile der 266. Inf. Oiv. verstärkten die 77. Inf. Div. in St. Malo und die 343. Inf.
Div. in Brest. Brest nahm nach dem 9. 8. 1944 auch die 2. Fsj. Div. des Gen. Lt.
Hermann Ramcke auf, der hier dann Festungskommandant wurde.
116 Teil A : Die Ausgangslage für den O B West Mitte August 1944

»eine Woche früher« zu erobern499• Dies erschien insofern auch nicht


nötig, als auf alliierter Seite noch Mitte August die Überzeugung herrschte,
daß ein konzentrierter Angriff auf Brest schon nach kurzer Zeit zum Erfolg
führen würde500.
Zu diesem Zeitpunkt war klar geworden- ULTRA-Informationen vom
9. und 10. August gaben diese Gewißheit501 -, welch vernichtendes Aus­
maß der Schlag in der Normandie bei konsequenter Ausnutzung anneh­
men konnte. Die Chance, einen Großteil des Westheeres durch eine weite
Schwenkung des rechten- amerikanischen -Flügels zu umfassen, erhielt
nun absoluten Vorrang5°2• Um »Sicherzugehen«, plante Montgomery ei­
nen »kurzen Haken«- hieraus resultierte dann der Kessel von Falaise­
und daneben gleichzeitig eine weiträumigere Einkreisung an der Seine503.
Die Schlacht beiFalaise endete mit der bisher schwersten Niederlage der
Deutschen im Westen. Die Verluste waren katastrophal: 45 000-60 000 Sol­
daten504 sowie über SO Prozent der noch vorhandenen Panzer und Sturm­
geschütze, mindestens etwa 400505, gingen verloren. Die deutschen Pan­
zerverluste waren erstmals höher als die der Alliierten506.
Dennoch, der Sieg war nicht so überwältigend, wie von alliierter Seite er­
wartet507: Rund 40-50 Prozent der eingeschlossenen Soldaten, nach alli­
ierten Schätzungen nicht mehr als 40 OW08, die Stäbe von beiden Armee­
oberkommandos, von dreien der vier Generalkommandos und von fast
allen der 14 eingekreisten Divisionen konnten entkommen509 (Karte 7).
Neben den Leistungen der mit dem Mut der Verzweiflung kämpfenden
deutschen Truppen lagen die Ursachen hierfür auf alliierter Seite: Der Kessel
war erst am 19. August vollständig geschlossen worden. Um die Gefahr
eines Aufeinanderprallens der Zangenarme auszuschließen, hatte Bradley
schon sechs Tage zuvor das von Süden angreifende XV. US-Korps Gen. Maj.
Haislips an der von Montgomery gesteckten Heeresgruppengrenze ange­
halten, obwohl ein weiterer Vormarsch und damit eine frühere Umfassung

499 Schreiben Eisenhowers an Marshall vom 9. 8.1944, in: Papers of Eisenhower,


IV, S. 2062 f.
soo Blumenson, Breakout, S. 633.
sot
Bennett, Ultra ormandy, S. 117 ff.
so2
Schreiben Eisenhowers an Marshall vom 9. 8.1944, in: Papers of Eisenhower,
IV, S. 2062 f.
503 Montgomery, Normandie, S. 151.
So-4 Die Zahlenangaben schwanken: Ehrman, Strategy, V, S. 378; Blumenson, Bre­

akout, S. 557 f.
505 W ilmot, Kampf, S. 448.

506 Nach deutschen Schätzungen in der Woche vom 14.-20. 8. 1944: 300 alliierte

Panzer, Staubwasser, Feindbild, MS-B-825, S. 82.


507 Schreiben Eisenhowers an Marshall vom 17. 8.1944, in: Papers of Eisenhower,
IV, S. 2071 f.
so
Pogue, Supreme Command, S. 215; Blumenson, Breakout, S. 555.
509 Ose, Entscheidung, S. 255.
V. Die Ausgangslage in Nordfrankreich 117

möglich war510• Bradley gab dem Drängen Pattons, der weitermarschieren


und - großsprecherisch - »die Briten zu einem zweiten Dünkirchen in
die See zurückjagen«511 wollte, nicht nach. Diese Entscheidung wurde von
Eisenhower akzeptiert.
W ährend die Entschlüsse auf höchster Ebene im Grunde nicht der Größe
der frühzeitig erkannten Gelegenheit entsprachen und statt einem gewis­
sen Maß an Kühnheit doch eher einem vorsichtigen Operieren der Vor­
rang gegeben wurde, zeigten sich im taktischen Bereich Unzulänglichkei­
ten. Im Moment der Einschließung war die Befehlsführung im Bereich
des südlichen Zangenarms ungeklärt. Haislip widmete sich bereits seit dem
15. August seiner neuen Aufgabe, der Umfassung an der Seine512•
Dennoch, der Sieg bei Falaise gab der immer zuversichtlicheren Gesamt­
beurteilung auf alliierter Seite neue Nahrung. Damit stand die Neigung in
Zusammenhang, den OVERLORD-Plan zu modifizieren. Die Erwartung,
der logistischen Problematik quasi »nebenher« Herr zu werden (Brest),
schien sich auszuzahlen, auch wenn die erstrebte vollständige Vernichtungs-­
schlacht noch nicht gelungen war. Dieses Ziel wähnte man aber unmittel­
bar vor Augen: Durch den »langen Haken« der 3. US-Army entlang der
Seine waren nach alliierten Schätzungen nochmals etwa 75 000 Deutsche
mit rund 250 Panzern einzukesseln. Der Satz aus einer Weisung Mont­
gomerys: »Let us finish off the business in record time«513, beschreibt die
damalige Stimmungslage in der alliierten Führung.
Bilder einer zerfallenden deutschen Frontlinie untermauerten die hoch­
gesteckten Erwartungen: Die 79. US-Infanteriedivision traf an der Seine
bei La Roche-Guyon auf das Hauptquartier der Heeresgruppe B. Der Stab
konnte nur mit Mühe- im feindlichen Feuer- entkommen514• Am sel­
ben 19. August entschied Eisenhower, die Verfolgung des angeschlagenen
Gegners über die Seine hinaus fortzusetzen515•
Damit war klar, daß der Übergang zur »Post-OVERLORD«-Phase ohne
die geplante einmonatige Pause erfolgen würde. Erste Vorboten der Nach­
schubproblerne- immerhin mußten 37 Divisionen täglich mit circa 20000
Tonnen versorgt werden516 - zeichneten sich allerdings schon ab. Am

SIO
Pogue, Supreme Command, S. 214. Wenn Bradley nicht auf eine frühere Revi­
sion bei seinem britischen Vorgesetzten drang, so mag hierbei auch Rücksicht­
nahme auf die Empfindlichkeiten der Koalitionskriegführung ausschlaggebend
gewesen sein, vgl. Blumenson, Breakout, S. 508 f.
stt Zit. nach: W ilmot, Kampf, S. 443.

512 Blumenson, Breakout, S. 524 ff. Auch bei dem von Norden herankommenden

kanadischen Corps gab es Probleme. Jedenfalls wurde der Kommandeur der


4. Kanadischen Pz. Div. seines Postens enthoben.
su Weisung Montgomerys vom 20. 8. 1944, Blumenson, Breakout, S. 573 f.

s ... KTB HGr. B vom 19.8.1944 RH 19 IX/88, S. 3 7f.

sts Schreiben Eisenhowers an Montgomcry vom 19. 8. 1944, in: Papers of Eisen­

hower, IV, S. 2077f.


5 t6
Eisenhower, Kreuzzug, S. 343.
118 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

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V. Die Ausgangslage 1n Nordfrankreich 119

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120 Teil A: Die Ausgangslage für den OB West Mitte August 1944

Tage der Entscheidung Eisenhowers begann der sogenannte »Airlift«. Nur


mit Hilfe der Einschaltung von Transportflugzeugen konnte der Treib­
stoffbedarf der 3. US-Army noch gedeckt werden517•

b) Die Resistance in Nordfrankreich


Betrachtet man die Ereignisse in Nordfrankreich bis Mitte August 1944,
so kann man - mit Modifikationen - der T hese Henri Michels zustim­
men: »Ü hne die alliierte Invasion wäre die Resistance am Ende geschei­
tert, ohne das von den Alliierten gelieferte Material wäre sie ohnmächtig
geblieben. Aber ohne die Unterstützung durch die Resistance wäre die
Aufgabe der Alliierten unvergleichlich schwieriger gewesen, ihr Erfolg weni­
ger rasch eingetreten518.«
Es erscheint jedoch schwer, da nicht exakt zu belegen, eine Beschleuni­
gung der Ereignisse durch die FFI nachzuweisen. Hinsichtlich der ihnen
zugeschriebenen Erfolge ist festzustellen, daß diese neben der zweifellos
bedeutenden nachrichtendienstliehen Informationsbeschaffung doch eher
sekundärer Natur waren.
Allerdings maß Eisenhower den Aktionen der FFI in der Bretagne nach
dem Kriege »besondere Bedeutung« zu519• Die Besetzung der von deutschen
Verbänden (bis auf die Festungen) mehr oder weniger geräumten Gebiete,
die Bekämpfung zurückgebliebener Verwaltungsstellen oder versprengter
Einheiten spielte jedoch im großen Rahmen eine untergeordnete Rolle.
Die hier 20 000 Mann starken FFP20 säuberten - in enger Zusammenar­
beit mit US-Truppen- die Bretagne zwar rasch, doch wurde das operati­
ve militärische Ziel der Alliierten nicht erreicht. Die Häfen blieben in deut­
scher Hand. Um sie einzunehmen, bedurfte es regulärer Truppen.
Die ebenfalls von US-Seite hervorgehobene Flankendeckung nach Süden
für die in Richtung Seine vorstoßende 3. US-Army, die die FFI im Raum
der Loire bildeten521, war letztlich ein Schutz gegen eine gar nicht beste­
hende Gefahr. Denn wenn es Anfang August mehreren deutschen Pan­
zerverhänden nicht gelang, den Amerikanern erfolgreich- zur Schließung
des Durchbruchs - in die Flanke zu fallen, so stand dies kaum von den
zwei schwach motorisierten Infanteriedivisionen des LXIV. Armeekorps
zu erwarten, die sich im weiten Raum zwischen der Loire-Mündung und
der französisch-spanischen Grenze verloren. Wenn diese Schutzfunktion
der FFI dennoch als wichtig betont wurde, so handelte es sich wohl mehr
um einen »subjektiv« empfundenen Schirm vor einer theoretisch zwar mög­
lichen, nicht aber realen Bedrohung.

St7 Blumenson, Breakout, S. 572.


5ts Michel, Histoire, S. 118.
519 Vgl. Pogue, Supreme Command, S. 238.
520 Blumenson, Breakout, S. 354.
521
Pogue, Supreme Command, S. 238.
Teil B
Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise.
Das Kampfgeschehen vom 20. August bis zum 4. Septem­
ber 1944

I. Der Beginn des Rückzugs im Westen

1. Die ersten Maßnahmen Models und die Führerweisung vom 20. August

Am 18. August frühmorgens war Model von La Roche-Guyon zum Ge­


fechtsstand der 5. Panzerarmee aufgebrochen, um die Lage an der Front
in Augenschein zu nehmen. Schon die Eindrücke dieser ersten Frontfahrt,
die allgegenwärtige alliierte Luftwaffe und das erlebte Ausmaß der Zerstö­
rung ließen seine anfängliche Überzeugung schwinden, die Probleme quasi
im »kleinen Jagdgalopp«1 nehmen und der Situation bald Herr werden
zu können.
Nach Gesprächen mit dem Oberbefehlshaber der Panzerarmee, Dietrich,
und anderen führenden Offizieren kamen dem Feldmarschall Zweifel, ob
sein Auftrag überhaupt realisierbar sei. Model faßte zusammen: Zunächst
komme es darauf an, »Wieder eine zusammenhängende Front zu bilden«.
Ob das, wie ihm befohlen, vor oder erst »hinter der Seine [gelingt], hängt
von der Entwicklung der Lage ab«2•
Jedenfalls, so meldete er noch am gleichen Abend, seien von der »ausge­
brannten Truppe« keine Kampfleistungen mehr zu erwarten, wenn nicht
folgende Bedingungen erfüllt würden:
1. Die Einschränkung der »absoluten feindlichen Luftherrschaft [... ]schon
in den nächsten Tagen«.
2. Ersatz in Höhe von 25 Bataillonen »ohne Zeitverlust« und
3. »sofort« Zuführung von »mindestens« 270 Panzern und 288 Geschüt-
.
zen sowte
4. von »9000 Tonnen Großtransportraum«3•
Diese, an das OKW »ZUr unverzüglichen Vorlage beim Führer« gerichte­
ten »Mindestforderungen« verrieten ebenso wie die Tatsache, daß Model

1 Eindrücke Generaloberst v. Salmuths, in: N 6/1, Model, S. 253.


2 Besprechung mit Model vom 18. 8.1944, RH 21-5/53, S. 59, und KTB Pz. AOK 5
für den 18. 8. 1944, RH 21-5/52, S. 21.
3 Gez. Model vom 18. 8. 1944, RH 19 IX/4, S. 339 f.
122 Teil B: Der Rückzug des We theere bis zum Höhepunkt der Krise

sich nicht scheute-zwar crfolglo -die »sofortige Zuführung aller[. ..]


Strahljäger {Me 262)<<'* zu verlangen, die selbstbewußte »Handschrift<< des
neuen OB West. Er war sich darüber im klaren, daß dies alles in der von
ihm ge etzten Frist gar nicht erfüllt werden konnte5• Ohne umfangreiche
Stützungsmaßnahmen aber stand das Schlimmste zu befürchten: Abgese­
hen von den Folgen der Katastrophe bei Falaise6 drohten am Südflügel
der Heeresgruppe Gefahren operativen Ausmaßes.
Um die bereits eingeleitete zweite Einkesselung an der Seine noch abzu­
wenden, beabsichtigte der Feldmarschall, die verfügbaren Panzerkräfte an
den linken Flügel in den Raum Evreux-Mantes, also an die Naht zur
Armee Chevalleries zu ziehen. Ob das zur Abwehr des amerikanischen
Vorstoßes von Süden ausreichte, blieb fraglich, denn die Panzerdivisionen
hatten schwer gelitten: acht der elf Verbände im Bereich der Heeresgrup­
pe meldeten eine »vorläufige Kampfstärke« von zusammen nicht mehr als
70 Panzern7•
Die Situation der 1. Armee im Raum zwischen Paris und der Loire war
am problematischsten. Ihr kam zwar als Bindeglied für Models spätere
Hauptaufgabe, die Vereinigung seiner Heeresgruppe mit der Armeegrup­
pe G überragende Bedeutung zu, sie bestand aber kräftemäßig »nur auf
dem Papier«. Hier war gegen eine potentielle alliierte Offensive-entwe­
der zur weiträumigen Umfassung der Heeresgruppe B, zum Stoß in den
Rücken der 15. Armee, oder nach Südosten zum Abschneiden von Blas­
kowitz' Armeegruppe - kein Gegenmittel vorhanden.
Die von Model angeordnete Zuführung zweier Divisionen von der
15. Armee, zweier 55-Verbände in Brigadestärke und die Unterstellung der
»Restteile« weiterer Divisionen war nur ein Notbehelf8• Ob die Verstär­
kungen noch zur Auswirkung kamen, hing von der alliierten Operations­
führung ab.
Am 20. August erhielt der Feldmarschall Hitlers »Weisung für die weitere
Kampfführung«. Darin w urde es als »wichtigste Aufgabe« bezeichnet,
»einen Brückenkopf westl. Paris zu behaupten und südl. Paris ein Durch­
stoßen des Feindes[.. . ] Richtung Dijon zu verhindern«. Symptomatisch
für die falschen Vorstellungen im Führerhauptquartier war der Befehl, daß
die »l. Armee[...] beiderseits Monrargis den Rückmarsch der Kräfte[aus
dem Süden] [ ..] zu decken« habe.
.

4 Gez. Model Obkdo H.Gr. B Ia/IaL r. 1702744 vom 21.8.1944, RH 19 IX/7,


S. 42. Diese Maschinen durften auf Befehl Hiders nur als »Blitzbomber«, nicht
aber al Jagdflug7�uge eingesetzt werden.
5 So Blumentritt in: 6/1, Model, S. 239.
6 Für die deutsche Seite ausführlich behandelt bei: Ose, Entscheidung, S. 232 ff.
7 Meldung I a Pz. AOK 5 vom 21.8.1944, RH 19 IX/88, S. 64, ergänzt durch Gers·
dorff, 5. Panzerarmee, MS-B-726, S. 33 f.
47., 49. Inf. Div., 26. 27. SS-Pz.«Division« so·wie 352. Inf. und 9. Pz. Div., Obkdo
H.Gr. B Ia r. 6303/44 vom 19. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 40.
I. Der Beginn des Rückzugs im Wesren 123

Wenn nicht anders möglich, dann sollten die Verbände des Westheeres hin­
ter der zu verteidigenden Linie >>Seine-Yonne-Canal de Bourgogne­
Dijon-Dole-Schweizer Grenze« neu geordnet werden.
Immerhin wurde so wenigstens der Rückzug zunächst der Reste der 7. Ar­
mee über die Seine ins Auge gefaßt, allerdings mit Ausnahme des »Brücken­
kopfes westlich Paris« Auf die französische Metropole legte Hider beson­
deren Wert9. Von den weitergehenden Absichten im Führerhauptquartier
erfuhr Model noch nichts.
Am selben Tage, als er die Weisung erhielt, unterzeichnete Hider auch
den »Befehl über den Ausbau der deutschen Weststellung«10• Dies blieb
Model ebenso unbekannt wie die Tatsache, daß Hitler seine Absicht, im
Westen die Initiative zurückzugewinnen, erstmals konkretisierte. Er hatte
am 19. August geäußert, Jodl solle sich
»darauf einstellen, daß man im November offensiv wird, wenn der Feind nicht
fliegen kann« und gleichzeitig angeordnet,«in 1-2 Monaten« müßten »etwa 25
Divisionen [... ] nach dem Westen«ll.

Den Intentionen des »Führers<< entsprechend sollte sich Model, den Blick
nach vorn gewandt, ausschließlich der Front widmen.
Eine rasche grundlegende Besserung der Kräftesituation war hier nicht zu
erwarten. Neben den zwei aus Italien herankommenden Panzergrenadier­
verhänden (3., 15.) konnte der Feldmarschall erst in circa zwei Wochen,
um die Monatswende, mit nennenswerten Zuführungen rechnen. Für die­
sen Zeitraum waren drei Infanteriedivisionen und zwei Panzerbrigaden
angekündigt. Die bereits »im Zulauf« befindlichen 90 Feldhaubitzen und
88 Panzer12 ersetzten nur einen geringen Teil der Verluste der letzten Tage.
Model blieb vorerst auf sich selbst gestellt. Er befahl, durch »Auskämmak­
tionen« und Einsatz von Sonderstäben an der Somme-Marne-Saone-Linie
zur Erfassung Versprengter »20000 [ ... ]Kämpfer als Ersatz für die Front<<
zu gewinnen 13, um die entst andenen Löcher wenigstens notdürftig stop­
fen zu können. Die Kernfrage blieb für den OB West, ob solche Maßnah­
men und die Verstärkungen nicht schon zu spät kamen.
Die Probleme »Seiner« Heeresgruppe nahmen Model voll in Anspruch.
Die Organisation der Rückzugsoperation aus dem südlichen Frankreich
überließ der OB West dem ihm vertrauten »Blasko«1\ seinem ehemali­
gen Vorgesetzten aus Friedenszeiten.

9 Gez. Adolf Hitler WFSt/Op. r. 772956/44 vom 20. 8. 1944, zit. nach: Obkdo
H. Gr. B I a Nr. 6352/44, RH 19 IX/7, S. 30ff.
10
KTB OKW, IV/1, S. 379. Dieser Befehl wurde noch bis zum 24. August zurück­
gehalten.
11
Jodl-KTB vom 19. 8. 1944, S. 57 f.
12 OK
W/WFSt.Op/West Nr. 0010144/44 vom 21. 8.1944, zit. nach: H. Gr. B Ia
Nr. 6378/44, RH 19 IX/7, S. 36f.
u OB West I a Nr. 6883/44 vom 20. 8. 1944, RH 19 IV/53, S. 345 f .

... So Model in einem Brief an einen Sohn vom 26. 8. 1944, Privatarchiv Model.
124 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

2. Die Absetzbewegung im Süden Frankreichs

a) Rückzugsvorbereitungen der Stäbe


Nach Weisung Blaskowitz' vom 18. August sollte General Sachs mit dem
LXIV. Armeekorps die Atlantikküste (mit Ausnahme der Gironde-Festun­
gen und des Verteidigungsbereiches La Rochelle) räumen und seine Trup­
pen über Bourges in das Gebiet nordwestlich Dijon (Sens-Venarey les Lau­
mes) führen15•
Für die Verbände der 19. Armee waren das Rhonetal der Rückzugsweg
und der Raum zwischen Dijon und der Schweizer Grenze das Ziel. Blas­
kowitz kümmerte sich frühzeitig um das rückwärtige Gebiet, das seine
Truppen durchqueren mußten. Ihm ging es darum, zumindest die wich­
tigsten Marschstraßen sichern zu lassen16• Da er selbst über keine Einhei­
ten hierfür verfügte, griff er auf die nächstgelegenen Dienststellen des Mili­
tärbefehlshabers zurück. Der »Kommandant im Heeresgebiet Südfrank­
reich<< (Gen. d. Inf. Erich Dehner) und der >>Befehlshaber Nordostfrank­
reich« (Gen. Lt. Wilhelm Hederich) wurden noch am 18. August mit ihren
Sicherungseinheiten der Armeegruppe taktisch unterstellt 17•
Die Sorge des Generalobersten war aufgrund sprunghaft angestiegener Resi­
stance-Aktivitäten durchaus berechtigt. Beiderseits des Rückmarschweges
der 19. Armee im Rhonetal lagen mit den Cevennen im Westen und dem
Raum Grenoble im Osten Gebiete, die, wie man befürchtete, von »Ban­
den« regelrecht beherrscht wurden 18•
W ährend Blaskowitz sich schon mit der Koordination der Truppenbewe­
gungen im großen Rahmen befaßte, erhielt General Sachs in Poitiers erst
am 18. August abends über die Marinefunkstelle in Royan den - noch
dazu verstümmelten - Rückzugsbefehl19•
Sachs stand vor erheblichen Schwierigkeiten: Von den fast 90000 Deut­
schen in seinem Befehlsbereich waren die meisten - etwa zwei Drittel -
kampf- und marschungewohnte Soldaten oder Angehörige des sogenann­
ten Wehrmachtgefolges20• Hierunter befanden sich zum Beispiel 15 000

15 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia Nr. 67/44 vom 21.8.1944, RH 19 XII/9,


S. 28 ff., und Befehl AGr. G vom 18. 8. 1944, RH 19 XII/5, S. 125 f .
16
Ebd.
17 Obkdo AGr. G Ja r. 1960/44 vom 18.8.1944, RH 19 X.II /7, S. 223.
18 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ja Nr. 67/44 vom 21.8.1944, RH 19 XII/9,

s. 28 ff.
19 Die er Befehl war vom Stabe des OB West übermittelt worden. Vgl. gez. Sachs
Genkdo LXIV. AK Ia Nr. 1288/44 vom 27.8.1944, RH 19 Xll/7, S. 363ff., und
Schuster, LXIV. AK, MS-A-885, S. 5.
20 Das sind Pers,onen, die den Streitkräften in Ausübung einer T ätigkeit folgen,

ohne in sie eingegliedert zu sein. Sie stehen unter dem Schutz des 1.-lll. Gen­
fer Abkommens und sind danach in den Händen des Gegners als Kriegsgefan­
gene zu behandeln. Vgl. Karl Heinz Fuchs/Friedrich W ilhelm Kölper, Militä­
risches Taschenlexikon, Frankfurt 1961, S. 153.
I. D er Beginn des Rückzugs im Westen 125

Marineangehörige, 12 000 Luftwaffensoldaten, 5 000 Feldkommandanturor­


gane, 3 000 Eisenbahner, 2 000 Zöllner, 2 000 Angehörige des RAD und
auch 2 000 F rauen2 1• Aus diesem heterogenen Gemisch mußten zunächst
geeignete Marschgruppen jeweils um einen kampfkräftigen Kern von Hee­
reseinheiten formien werden. Wegen der groß eingeschätzten Partisanenge­
fahr sollte es vermieden werden, daß kleinere Trupps von Luftwaffen- oder
Marinesoldaten allein auf sich gestellt den Weg durch Südwestfrankreich
antraten. Da der Transponraum des LXIV. AK trotz der Requirierung auch
der letzten französischen Kraftfahrzeuge22 bei weitem nicht ausreichte,
waren schon bei der Bildung der Marschgruppen Verzögerungen unver­
meidlich. Ein Großteil der Betroffenen blieb auf Pferdefuhrwerke, Fahr­
räder oder den Fußmarsch angewiesen23• Auch die Eisenbahn fiel als Trans­
portmittel aufgrund von Sprengungen und Luftangriffen fast völlig aus.
Am 19. August morgens legte General Sachs in Poitiers das weitere Vorge­
hen fest. Um der Partisanengefahr im »gesamte[n] Gebiet jenseits der De­
markationslinie«24, also in jenem Teil des Südwestens, der zum ehemals
unbesetzten >>V ichy-Frankreich« gehörte, auszuweichen, plante Sachs, seine
Marschgruppen nicht die direkte Linie nehmen, sondern sie durch die am
Atlantik gelegenen Departements zunächst nach Norden marschieren und
den Umweg über Poitiers machen zu lassen, bevor dann nach Osten in
Richtung auf den Zielraum Sens-Dijon umgeschwenkt werden konnte.
Der General hoffte, auf diese Weise die ihm anvertrauten 87 000 Menschen
zurückbringen zu können25• Die Besatzungen der Gironde-Festungen26
und des Verteidigungsbereiches L a Rochelle ( 11 000 Mann27), zusammen
etwa 20 000 Soldaten, mußten dagegen an der Atlantikküste verbleiben und
hier ihres Schicksals harren.
Wegen der zusammengebrochenen Kommunikationslinien erfuhr Blasko­
witz jedoch vorerst nichts von den Problemen beim LXIV. Armeekorps.
Die Vorbereitungen an der Mittelmeerküste dagegen konnte er direkt mit
General W iese in Avignon besprechen. Schon die geographischen Gege­
benheiten des Rhonetals als Rückmarschweg bargen Gefahren in sich.
Sowohl von Westen als auch von Osten reichen Gebirgsausläufer bis dicht
an den Fluß heran. Auf dem Ostufer werden die z wischen 300 und 800 m

21 Meldung LXIV. AK vom 25. 8.1944, RH 19 IV/54, S. 217, und LXIV. AK Ia


Nr. 1200/44 vom 19.8.1944, RH 19 IV/54, S. 50.
22 Gez. Sachs LXIV. AK Ia Nr. 1288/44 vom 27.8.1944, RH 19 XII/7, S. 363ff.
23 Meldung LXIV. AK vom 25. 8.1944, RH 19 IV/54, S. 217, und Lagevorträge
Kriegsmarine, S. 609, Auszug aus den Meldungen des OB Marinegruppe West.
2
4 Gez. Sachs LXIV. AK Ia Nr. 1288/44 vom 27.8.1944, RH 19 Xll/7, S. 363ff.
2s AOK 19 Ia Nr. 9559/44 vom 20. 9.1944, RH 20-19/86, S. 46f.

26 Zunächst zusammen 7 000 Mann. Die Zahl erhöhte sich nach Aufgabe des Hafens

von Bordeaux auf ca. 9000. Vgl. OB West Ia Nr. 7191/44 vom 22. 8.1944, RH 19
IV/54, S. 53, und Hartwig Pohlman, Die Festung Gironde Nord (Royan) 1944/45,
in: Feldgrau, 8/1960, S. 14.
27 KTB H.Gr. B vom 31. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 211.
126 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

aufragenden Höhenzüge durch zahlreiche, aus den Alpen kommende Zu­


flüsse in markante Abschnitte unterteilt. Die größeren dieser Zuflüsse, die
Durance, die Drome und die lsere werden von guten Straßen, Querver­
bindungen zwischen dem Rhonetal und der weiter ostwärts von der Riviera
nach Grenoble verlaufenden Route ationale begleitet.
Die Alliierten chienen sich diese Situation zunutze zu machen. Blasko­
witz betrachtete den »Schwerpunkt des Feinddrucks« im Raum Dragui­
gnan (Frontlücke 242.-148. Inf. Div.) mit großer Sorge28• Gelang den
Amerikanern hier ein schneller Vorstoß auf der nach Grenoble führen­
den Straße, dann boten sich ihnen mehrere ausgezeichnete Möglichkeiten,
entlang der oben genannten Querverbindungen nach Westen vorzudrin­
gen und die deutsche Absetzbewegung im Rhonetal abzuschneiden.
Die von Blaskowitz bereits früh befürchtete »überholende Verfolgung« war

am 18. August deutlich erkennbarl9• Um das Verhalten des Gegners in der


Ostflanke der Armee wenigstens zu überwachen, bat Blaskowitz dringend
um den Einsatz einiger Flugzeuge30, da auf Luftaufklärung im Raum
»Draguignan- Digne-Valence [ ... ] nicht verzichtet werden« könne31• Die
Bitte blieb allerdings vergeblich.
Für ihn wie für W iese stand die Frage des Rückmarschtempos zunächst
im Vordergrund. Auch wegen der ungewissen Lageentwicklung bei der
Heeresgruppe B stimmten beide Oberbefehlshaber darin überein, den
Rückzug möglichst schnell abzuwickeln. Damit jedoch auch die in der
Nähe der spanischen Grenze stehenden Einheiten des IV. Luftwaffenfeld­
korps und des Hauptverbindungsstabes 564 (Toulouse) wenigstens die
Chance erhielten, das Rhonetal noch rechtzeitig zu erreichen, setzte Blas­
kowitz erst den 23. August als Ablauftermin im Raum Avignon fest32• Bis
dahin sollte eine Sperrstellung um die Stadt verteidigt werden.
Doch auch in dieser Frist schien es kaum möglich, alle Soldaten über Ent­
fernungen von bis zu 300 km ins Rhonetal zu führen. Der Oberbefehls­
haber der 19. Armee, General W iese, wollte deshalb sogar Schiffe zum
Transport entlang der Küste in Richtung Rhonedelta einsetzen33• Auf­
grund des großen Zeitdrucks begann noch am 19. August die hastige Räu­
mung im Westen des Flusses34 (Karte 8).

2 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia r. 1951/44 vom 17.8.1944, RH 19 Xll/7,


s. 169 f.
29 Eintrag Botschs für den 18. 8.1944, RH 20-19/85, S. 11.
Jo Gez. Blaskowi·tz Obkdo AGr. G Ia Nr. 2042/44 vom 20.8.1944, RH 19 Xll/7,
s. 243.
JJ Tagesmeldung 19.8.1944, Obkdo AGr. G Ia Nr. 1999/44 ebd., S. 237.
32 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia r. 1933/44 vom 18. 8.1944, RH 19 XII/9,
s. 21 f.
JJ Besprechung beim AOK 19 in Pont d,Avignon 19.8.1944, 8.00h, RH 20-19/89,
s. 32 ff.
.H Gez. Gyldenfeldt Obkdo AGr. G Ia Nr. 1970/44 vom 19.8.1944, RH 19 XII/7,
s. 232.
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 127

Die geringe Mobilität der Truppen war auch hierbei ein hemmender Fak­
tor. Erste Symptome sich auflösender Disziplin als Folge der überstürz­
ten Maßnahmen blieben nicht aus. So kam es vielfach zu Auseinanderset­
zungen zwischen Heeres- und Marinekommandeuren um die Requirie­
rung von Kraftfahrzeugen35•
Bevor die kämpfende Truppe sich absetzte, wurden nicht benötigte Tros-
e und alle Nichtkombattanten36 im Rhonetal nach Norden geschleust.
Diese >>Operation« konnte bis zum 21. August auch reibungslos abgeschlos­
sen werden.
General Wiese hatte Blaskowitz schon wenige Stunden nach Erhalt des
Rückzugsbefehls einen detaillierten Absetzplan vorgelegt, dem dieser sofort
zustimmte37:
1. Auf dem westlichen Rhoneufer sollte General Petersen (IV. Lwfeldkorps),
auf dem Ostufer General Kniess (LXXXV. AK), die Bewegungen koor­
dinieren. Beide erhielten Wehrmachtbefugnisse, das heißt volle Befehls­
ge\valt über die Soldaten aller drei Teilstreitkräfte.
2. Die 11. Panzerdivision hatte das LXXXV. Armeekorps gegen den von
Süden nachdrückenden Gegner zu unterstützen und Aufklärung in
Richtung der bedrohten Ostflanke vorzutreiben. Der Panzerdivision
kam nach Wieses Plan die »Feuerwehrfunktion« zu. Zu befürchten war
nur, daß sie durch die V ielzahl der Aufgaben zersplittert und letztlich
überfordert wurde.
3. Nach dem Hereinfließen aller Einheiten in das Rhonetal (bis zum
23. August) mußten tagsüber festgelegte Widerstandslinien verteidigt
werden. Wegen der alliierten Luftherrschaft und des klaren Sommer­
wetters sollten Marschbewegungen nur nachts -von Sperrlinie zu Sperr­
linie (25-30 km) - stattfinden.
4. Besondere Aufmerksamkeit widmete Wiese den Aufgaben seines Armee­
pionierführers, Gen.Maj. Kaliebe, der die Überquerung der zahlreichen
Flußläufe und darüber hinaus die Einrichtung eines ständigen Rhone­
fährverkehrs gewährleisten sollte. I hm wurden deshalb alle nur greif­
baren, geeignet erscheinenden Einheiten - auch der Marine und der
Organisation Todt - unterstellt.
Der Plan Wieses wurde als »Befehl für die Rückverlegung« bekanntge­
geben3 . Damit waren die Rückzugsvorbereitungen an der Mittelmeer­
küste beendet. Von den rund 196000 Mann im Bereich des AOK 19 tra-

35 Lagevorträge Kriegsmarine, S. 612 f., Auszug aus der Meldung des Seekdt. Langue-
doc.
36 Besprechung beim LXXXV. AK von1 18. 8. 1944, RH 20-19/88, S. 201.

37 W iese, 19. Armee, MS-B-787, S. 16ff.

JS AOK 19 Ia Nr. 8680/44 vom 20. 8. 1944. Der Befehl wurde jedoch schon am

19. 8. 8.00 h, in Pont d'Avignon bekanntgegeben, RH 20-19/89, S. 32 ff. und


78 ff.
128 Tell B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

ten 138000 den Weg durchs Rhonetal an39• 31 000 Soldaten blieben als
Be atzungen der Verteidigungsbereiche Marseille (13 000) und Toulon
(18000) zurück40• Auch die 148. Infanteriedivision und mehrere tausend
Hilfswillige, zusammen etwa 27 000 Mann41, waren von W ieses Planun­
gen ausgeschlossen.
ach Abschluß der Vorbereitungen begann der Rückmarsch aus Süd­
und Südwestfrankreich für insgesamt fast eine V iertelmillion Menschen42
über Entfernungen von bis zu 1000 Kilometern. 51000 Soldaten aus dem
Befehl bereich der Armeegruppe G mußten jedoch die Hoffnung, die Hei­
mat aus eigener Kraft zu erreichen, begraben. Sie blieben in den Festun­
gen und Verteidigungsbereichen an den Küsten von Mittelmeer und Atlan­
tik zurück.

b) Rückzugsbeginn der 19. Armee


Das Absetzen von der Landungsfront ostwärts der Rhone vollzog sich in
den ersten Tagen planmäßig. Relativ problemlos hatte das LXXXV. Armee­
korps zwischen der Küste und der Durance am 19. August eine Sperrstel­
lung im Anschluß an die Landfront von Marseille, einen Tag später eine
Linie um Aix en Provence bezogen�3•
Dies war bemerkenswert, da General Kniess nur über fünf einsatzbereite
Bataillone verfügte. Zunächst auch im Landungsraum eingesetzte Einhei­
ten der 24 4. Infanteriedivision wurden in den Verteidigungsbereich Mar­
seille zurückverlegt, damit dieser wieder die nach dem »Führerbefehl« ange­
ordnete Stärke von einer Division aufwies.
Die 198. Infanteriedivision und die 11. Panzerdivision waren noch immer
nicht vollständig über die Rhone gekommen. Das Übersetztempo vermin­
derte sich zeitweise sogar, da die Brücke von Roquemaure erneut Ziel alli­
ierter Bomben wurde und damit ausfiel44• Die Anmarschprobleme trafen
die wichtige 11. Panzerdivision besonders schwer: Partisanen hatten im
Raum Carcassonne die Bahnstrecken durch Sprengungen unterbrochen.
Dadurch mußten 40 »Panther« (Panzer P V), also etwa die Hälfte der
Kampfwagen, im Landmarsch in Richtung Kampfgebiet rollen45•

39 Hinzu kamen außerdem noch 7 300 Marinesoldaten, AOK 19 I a Nr. 9559/44


vom 20.9. 1944 RH 20-19/86, S. 46f.
•o AOK 19 Ia Nr. 8697/44 vom 20. 8. 1944, RH 19 XII/7, S. 242.

.. , Auch die 157. Inf.Div. blieb zurück, ist hier aber nicht mitberechnet, da sie
zunächst dem Militärbefehlshaber unterstand und deshalb nicht in der Verpfle­
gungsstärke des AOK 19 berücksichtigt ist.
42 87000 unter Führung des LXIV. AK, 145 000 unter Führung des AOK 19 sowie

12 000 dem Kommandanten im Heeresgebiet Südfrankreich unterstehende Sol­


daten, AOK 19 Ia Nr. 9559/44 vom 20.9.1944, RH 20-19/86, S. 46f.
4l Obkdo AGr. G I a Nr. 1934/44 vom 19. 8.1944 und Nr. 1999/44 vom 20. 8.1944,

RH 19 XII/7, S. 224 f. und 237.


44 Botsch, 19. Armee, MS-B-696, S. 20.

4s OB West Ia Nr. 7150/44, RH 19 IV/54, S. 45.


Karte 8

Marschwege der Armeegruppe G


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LXXXV.

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I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 129

Das zögernde alliierte Vorgehen war nicht zuletzt mit ausschlaggebend für
das bisher reibungslos verlaufende Absetzmanöver der Deutschen. Man
trebte drei Ziele gleichzeitig an: Das II. Französische Korps unter de Lattre
de Tassigny bereitete sich auf die Offensive gegen die Großhäfen vor, die
»Task Force Butler« und die 36. US-Infanteriedivision sollte nach Norden
und die zwei verbleibenden Verbände (3., 45. US-Inf. Div.) in Richtung
Rhonemündung angreifen46•
Obwohl die Bewegung der deutschen Truppen im F luß war - auch auf
dem Westufer hatte General Petersen (IV. Lwfeldkorps) das Zurückströmen
in geordnete Bahnen bringen können -, betrachteten W iese und Blasko­
witz die entstandene Lage mit Skepsis. Blaskowitz meldete an den OB West:
ur wenn »keine allzu weiten Umgehungsoperationen des Feindes«, weder
vom Norden in »Richtung Dijon« noch »in der Ostflanke« dazwischen
kämen, bestände die Chance, »die Absetzbewegungen planmäßig durch[zu}
führen«47• Wegen des »einwandfrei« erk annten alliierten Vorstoßes über
Digne auf Grenoble oder Valence mußte genau· dies jedoch befürchtet wer­
den4 . W iese resumierte bitter, daß durch das Festhalten der zwei Divisio­
nen ( 148., 157.) an der französisch-italienischen Alpengrenze >>die Straße
Grasse-Digne-Grenoble preisgegeben« und »dem Feind [ ...) der Stoß in
die eigene tiefe Flanke mühelos« ermöglicht würde49•
Um den völlig realitätsfernen OKW-Befehl, die 338. Infanteriedivision bald­
möglichst der Heeresgruppe B in den Raum Paris zuzuführen, kümmerte
sich Blaskowitz nicht weiter. In seiner Lagebeurteilung wies er knapp darauf
hin, es sei »jedenfalls zunächst nicht tragbar, daß noch weitere Kräfte aus
der Front gezogen werden<<50•
Vorrangig blieb für ihn die Sorge um das Geschehen in der Ostflanke. Da
von der deutschen Luftwaffe nichts mehr zu sehen war - eine Tatsache,
die sich auch psychologisch ungünstig auf die Truppe auswirkte51 -, hielt
er es für notwendig, umgehend kampfkräftige Aufklärung nach Norden
und Osten vorzutreiben. Erste Einheiten der 11. Panzerdivision gingen dar­
aufhin {21. August) zwischen Durance und Drome vor, um hier die aus
den Alpen kommenden Straßen zu sperren52•
Die deutschen Befehlshaber konnten nicht wissen, daß die Amerikaner
am Abend des 20. August Maßnahmen eingeleitet hatten, die ihre Befürch­
tungen bald zur Realität werden ließen. Um 20.45 Uhr befahl General

46 Armeebefehl Nr. 2 für die 7. US-Army vom 19.8.1944, vgl. \'XIilt, Riviera, S. 118.
47 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia Nr.67/44 vom 21.8.1944, RH 19 XII/9,
s. 28 ff.
" Ebd.
-49 Wochenbericht AOK 19 vom 20.8. 1944, RH 20-19/89, S. 54 f.
so Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia Nr. 67/44 vom 21.8.1944, RH 19 XII/9,
s. 28 ff.
SI
Ebd.
s2 AOK 19 Ia Nr. 8729/44 vom 21.8. 1944, RH 20-19/89, S. 117 f.
130 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Truscott (VI. US-Corps), mit einer Kampfgruppe von Osten in Richtung


Rhonetal - Raum Montelimar - vorzugehen53•
Vorerst trat jedoch keine fühlbare Verschlechterung der Lage ein. Auf dem
Westufer marschierte das Luftwaffenfeldkorps flüssig ab und im Osten
konnte die Sperrstellung um Avignon (LXXXV. AK) wie geplant bezogen
werden54• Nachdem eine Kampfgruppe der 11. Panzerdivision am 21. Au­
gust bei Aix en Provence zum ersten Mal in das Geschehen eingegriffen
hatte, wurde das Vorgehen der Amerikaner in Richtung Rhonedelta noch
zögernder55• Gyldenfeldt, der Stabschef der Armeegruppe, sah die Be­
gründung hierfür darin, daß sich »beim Gegner eine gewisse Unlust, nachts
zu fechten oder zu marschieren«, zeigte56•
Blaskowitz' Vermutung, daß die Alliierten die Entscheidung nicht durch
einen Stoß durch die Sperrfront von Süden, sondern durch »überholende
Verfolgung« herbeizuführen suchten, wurde am Nachmittag des 22. August
endgültig zur Gewißheit. Schon bei der Verlegung des Gefechtsstandes der
Armeegruppe nach Lyon am Tag zuvor war die Fahrzeugkolonne des Sta­
bes mit Blaskowitz und Gyldenfeldt bei Montelimar in heftiges MG- und
Granatwerferfeuer geraten. Man sah zunächst fälschlicherweise die FFI als
Urheber dieses Zwischenfalls an57• Andere Erkenntnisse dagegen lieferten
die Aufklärungsvorstöße der 11. Panzerdivision zwischen Durance und
Drome, die auf zähen gegnerischen W iderstand im Raum nordostwärts
Montelimar trafen.
Dieses Gebiet war insofern von großer Bedeutung, als von den hier jäh
aufragenden Höhenzügen das Gelände weit nach Süden und Norden ein­
zusehen ist. Für reguläre, mit Artillerie ausgerüstete Truppen ließ sich von
dort aus das Geschehen auf der Talstraße leicht kontrollieren.
Um 17.00 Uhr traf eine Meldung der 11. Panzerdivision ein, bei Montelimar
seien Angehörige der 36. OS-Infanteriedivision gefangen genommen wor­
den. Die Rhonetalstraße wurde hier bereits durch Artilleriefeuer gesperrt.
W iese handelte sofort. Die Kräfte der Panzerdivision mußten nun darauf
konzentriert werden, den Gegner an diesem Engpaß anzugreifen, um den
Marschweg, den »Lebensnerv der 19. Armee«, wieder freizubekommen58•
Daneben hatten sich auch im großen Rahmen die Aussichten für die
Armeegruppe G, Anschluß an die Westfront zu gewinnen, erheblich ver­
schlechtert. Blaskowitz war mittlerweile über den Vorstoß der 3. US-Army
am Südflügel der Heeresgruppe B bis in den Raum Troyes informiert wor-

53 Der Task Force Butler sollte dann die 36. Inf. Div. folgen, vgl. Wilt, Riviera, S. 135.
54 Vgl. dazu Tagesmeldung für den 22. 8. 1944, OB \'V'est I a r. 7212/44, RH 19
IV/54, S. 67.
55 Eintrag Botschs für den 22. 8. 1944, RH 20-19/85, S. 14.

56 Gyldenfeldt, Armeegr uppe G, MS-B-488, S. 16.

S7 Ebd., S. tOff.
58 Botschs Eintrag für den 22.8.1944 RH 20-19/85, S. 14, und Botsch 19. Armee,

MS-B-696, S. 24.
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 131

den. Wurde der Angriff in Richtung Dijon fortgeführt, dann war der
Armeegruppe G hier endgültig der Weg abgeschnitten59• Der Zeitfaktor
spielte nun die ent scheidende Rolle. Blaskowitz signalisierte der 19. Ar­
mee, »Lage südostwärts Paris [ ...] [er]fordert größtmögliche Beschleuni­
gung[...] Von der Truppe muß im Interesse des Ganzen das Äußerste ver­
langt werden60.«
Voraussetzung eines höheren Rückmarschtempos war jedoch, die Talstra­
ßen auf dem Ostufer der Rhone wieder zu öffnen. Am Vormittag des
23. August begann der Angriff der 11. Panzerdivision. Die eilig zusammen­
gestellte Kampfgruppe- zwei Bataillone und zehn Panzer - war jedoch
zu schwach, um den Gegner von den Höhen bei La Coucourde zu ver­
treiben. Auch ein erneuter Versuch in der Nacht schlug nicht durch. Wiese
befahl den sich bereits stark stauenden Kolonnen (LXXXV. AK), den
Marsch trotz des Artillerie- und Granatwerferfeuers nach Norden fortzu­
setzen. Doch am 24. August blieb der noch in der Nacht wieder angelau­
fene Verkehr an der Dromemündung erneut im amerikanischen Beschuß
liegen. Das Feuer konnte nach Tagesanbruch von den beherrschenden
Höhen aus zielsicher geleitet werden61•
General Wies�e lagen inzwischen erbeutete Unterlagen vor, wonach die
Amerikaner den Raum Montelimar-Valence nachhaltig zu sperren beab­
sichtigten62.
Folgten sie dem Prinzip der Schwerpunktbildung und nahmen die ent­
scheidenden Straßenabschnitte nicht »nur« unter Artilleriefeuer, sondern
tatsächlich in Besitz, dann wurde die Aufgabe der 11. Panzerdivision, die am
nächsten Morgen (25. August) abermals antreten sollte63, äußerst schwie­
rig. Ob es Wiecersheims Verband gelang, den Rückzugsweg freizukämp­
fen, wurde zur Schicksalsfrage für die 19. Armee {Karte 9).

c) Die Bedeutung der FFI in der Sicht der deutschen Führung


Da Blaskowitz die Führungsarbeit des AOK 19 bei Wiese in guten Hän­
den wußte, griff er - bewährter Generalstabstradition folgend - nicht
ein, sondern begab sich am 24. August nach Dijon. Von hier aus ließen
sich die Dinge im großen Rahmen besser steuern als von den häufig wech­
selnden Gefechtsständen der letzten Tage64• Blaskowitz machten vor allem
die zunehmenden Aktivitäten der FFI Sorgen.

59 Tagesmeldung für den 22.8.1944, OB \Vest Ia r. 7212/44, RH 19 IV/54,


s. 65 ff.
60 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia Nr. 2112/44 vom 23.8.1944, RH 19 XII/7,
S. 273.
61 Botsch, 19. Armee, MS-B-696, S. 25 ff.

62 W iese, 19. Armee, MS-B-787, S. 19ff.

63 AOK 19 Ia Nr. 8786/44 vom 24.8.1944, RH 20-19/90, S. 20.

M Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia Nr. 67/44 vom 21.8.1944, RH 19 XII/9,

s. 28 ff.
132 Teil B: Der Rückzug de Westheeres bi zum Höhepunkt der Krise

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I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 133

Die Zentren des W iderstands lagen im weitgehend von deutschen Trup­


pen entblößten Rücken der Front. Immer wieder wurden Gefechtshand­
lungen und »Terroristenunruhen« im Zentralmassiv und in den Alpen ge­
meldet. So kam es schon seit dem 17. August zu Kämpfen im Gebiet des
Genfer Sees65• Städte wie T honon, Evian und Annecy wurden von den
FFI besetzt, die hier stationierten deutschen Sicherungseinheiten zerschla­
gen oder vertrieben66• Im Alpengebiet bildete der Raum Grenoble einen
weiteren Brennpunkt ))starker Bandentätigkeit«67• Ziele der Angriffe im
Zentralmassiv waren beispielsweise die Garnisonen Tulle, Brive, Egletons
und Limoges68•
Auf deutscher Seite hatte man befürchtet, die FFI würden sich auch un­
mittelbar gegen die Marschsäulen der Armeegruppe wenden. Empfindli­
che Störungen waren ja bereits bei den Kämpfen im Landungsraum durch
die Unterbrechung der Fernmeldekabel und die Verzögerung des Antrans­
ports der 11. Panzerdivision eingetreten. Blaskowitz hatte in seiner Lage­
beurteilung vom 21. August betont, daß es sich bei den »Banden« mittler­
weile um »gut organisierte, starke Feindverbände handelt[e]«69• Der Stabs­
chef der 19. Armee, Gen. Maj. Botsch, sah vor allem das IV. Luftwaffen­
feldkorps, das das bergige Terrain westlich der Rhone durchqueren muß­
te, als gefährdet an70•
Tatsächlich aber überschätzten die deutschen Generale wohl den direkten
Einfluß der FFI auf den Operationsverlauf. Jedenfalls waren die Absetz­
bewegungen bislang nicht durch französische Aktionen aufgehalten wor­
den. Die Krise ostwärts der Rhone ging auf OS-Einheiten, vor allem auf
deren Artilleriefeuer zurück. General Petersens Luftwaffenfeldkorps dage­
gen konnte, trotz aller Befürchtungen, seinen Marsch auf dem anderen
Ufer planmäßig durchführen. Die letzten Einheiten des Korps überquer­
ten am 24. August den Fluß Gard nach Norden71•
Zur Überraschung der deutschen Führung stellte es sich heraus, daß, wie
Botsch später notierte, die FFI westlich der Rhone »sofort aus[wichen],
sobald sich eine kämpfende deutsche Truppe zeigt[e]«72•
Wenn es den FFI auch weiterhin nicht gelang, den Rückmarsch der deut­
schen Verbände zumindest zu verzögern, blieben ihre erfolgreichen Aktio­
nen im Hinterland im großen Rahmen letztlich bedeutungslos. Konnten

65 Tagesmeldung für den 23. 8.1944, OB West Ia Nr. 7259/44, RH 19 IV/54,


S. lOOff.
66 Tagesmeldung für den 21. 8.1944, OB West Ia r. 7149/44, ebd., S. 28 ff.
67 Tagesmeldung für den 23.8.1944, OB West Ia Nr. 7259/44, ebd., S. lOOff.
8
6 Ebd. und Tagesmeldung für den 25. 8.1944, OB West Ia Nr. 7360/44, RH 19
IV/54, S. 182 ff.
69 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G IaNr. 67I44 vom 21.8.1944, RH 19 XII/9, S. 30.
70 Tagebuchnotiz vom 22. 8.1944, RH 20-19/85, S. 14.
71 Tagesmeldung für den 24.8.1944, OB West la Nr. 7326/44, RH 19 IV/54, S. 151.
72 Botsch, 19. Armee, MS-B-696, S. 35 f.
134 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bi zum Höhepunkt der Krise

sie aber Geländeabschnitte, die für die Absetzbewegungen eminent wich­


tig waren, völlig unter ihre Kontrolle bringen, dann war der Schritt von
der »sekundierenden« Organisation zu einem für die Kampfhandlungen
entscheidenden Faktor getan. Chancen hierfür bestanden nach wie vor.
Im Raum Chateauroux73 und >>an den Rhonestraßen südlich Lyon«74, in
Gebieten also, die noch zu durchqueren waren, hatte die deutsche Füh­
rung >)Bandenansammlungen« entdeckt.
Blaskowitz konnte dieser Gefahr nur wenig entgegensetzen: Gen.Lt. W il­
helm Hederich (Befehlshaber Nordostfrankreich) sollte die Aufnahmeli­
nie im Raum 'Zwischen Sens und der Schweizer Grenze sichern und hier
Sammelräume einrichten lassen75, während General Dehner (Komman­
dant im Heeresgebiet Südfrankreich) damit beauftragt wurde, Lyon für die
19. Armee offenzuhalten. Beiden unterstanden aber nur einige Sicherungs­
einheiten mit unbedeutendem Kampfwert, so daß bei dem Mißverhältnis
zwischen Aufträgen und vorhandenen Kräften ein Erfolg fraglich blieb.
In Lyon, das die 19. Armee laut Planung erst Anfang September durch­
schreiten sollte, war es schon zu Schießereien gekommen, und mit einem
allgemeinen »Aufstand der Bevölkerung« wurde jederzeit gerechnerl6•

d) Die Entwicklung in Südwestfrankreich (LXIV. Armeekorps)


Blaskowitz gelang es auch am 24. August von Dijon aus nicht, Verbindung
zu General Sachs herzustellen. Beim Stab der Armeegruppe herrschte
immer noch, eine Woche nach den Rückzugsbefehlen, völlige Ungewiß­
heit über die hier eingeleiteten Maßnahmen.
Nach Sachs' Befehl vom 19. August sollten drei große Marschgruppen gebil­
det werden:
1. die Gruppe Nord (im Raum Loire-Poitiers) unter Gen. Lt. Haeckel.
Dessen 16. Infanteriedivision stellte den Kern der schließlich 20000-25000
Mann starken Gruppe dar77•
2. die Marschgruppe Mitte (südwestlich Poitiers) unter Gen. Maj. Hans
Täglichsbeck mit 12 000-13 000 Mann78• Ihm standen für Kampfaufgaben
lediglich ein Kosaken- (Nr. 360) und ein indisches Infanterieregiment
(Nr. 950)l9 zur Verfügung.

n Tagesmeldung für den 21.8.1944, OB \Vest Ia r. 7098/44, RH19 IV/53, S. 353 ff.
74 Tagesmeldung für den 23. 8. 1944, OB West Ia r. 7259/44, RH 19 IV/53,
S. 100ff.
75 Belfort, Besan�on, Vesoul Chaumont; gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G. Ia
Nr. 1962/44 vom 26.8.1944, RH19 XII/7, 5. 310.
76 Tagesmeldung für den 24.8.1944, Obkdo AGr. G. Ia Nr. 2102/44, RH19 XD/7,
S. 288, und KTB AGr. G. vom 24. 8.1944, RH19 XII/5, S. 147.
n Schuster, LXIV. AK, MS-A-885, Anlage C.
7 Täglichsbeck (ehern. Feldkommandant 651 iort), Süd westfrankreich, MS-A-
886, s. 4.
79 Ebd., S. 3 f.
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 135

3. die Gruppe Süd (Raum Bordeaux) unter Gen. Lt. Albin Nake. Das Rück­
grat dieses Marsch-«Verbandes« war die 159. Infanteriedivision Nakes. Er
hatte die schwierigste Aufgabe. Alle bis hinab zu den Pyrenäen stationier­
ten Dienststellen mußten zu einer schließlich etwa 50 000-60000 Men­
schen ° starken Gruppe zusammengefaßt werden (vgl. Karte 8).
Sachs hatte- angesichts der wegen ungeheurer organisatorischer Proble­
me zeitraubenden Versammlungsphase- den 27. August als eigentlichen
Rückzugsbeginn befohlen81• Er rechnete aber damit, daß wohl erst um
den 30. August auch tatsächlich alles in Bewegung sei82•
Diese Einschätzung erwies sich als durchaus berechtigt, da zudem noch un­
erwartete Schwierigkeiten auftraten: Beispielsweise mußte Sachs wegen zwei
reparaturbedürftigen U-Booten den Hafen von Bordeaux länger als geplant
schützen lassen. Die Marine hatte dies direkt beim OKW erwirkt83•
Schon zu Beginn der in der Nacht vom 19./20. August anlaufenden Ver­
sammlungsphase trat ein weiteres, allerdings kaum überraschendes Pro­
blem zutage. Die meisten über Jahre hinweg fast friedensmäßige Zustände
gewöhnten Soldaten und Nichtkombattanten ließen kein normales Marsch­
tempo zu. Es zeigten sich, wie Sachs später knapp kommentierte, »gerade­
zu erschütternde Bilder«84•
Panik und eine >)Sauve qui peut«-Mentalität mußten bei der heterogenen
Zusammensetzung der Marschgruppen schnell zu einer Katastrophe füh­
ren. Sachs suchte nach psychologischen Abhilfen. Marschbefehle enthiel­
ten deshalb nur noch das jeweils nächste Etappenziel, um das Ausmaß des
Rückzugs und der damit verbundenen Strapazen zu verschleiern85• Ver­
bindungsoffiziere verteilten Propaganda- und Nachrichtenblätter, von
denen man sich eine beruhigende W irkung versprach.
Sachs mußte also in stärkerem Maße als W iese in Südfrankreich seine Auf­
merksamkeit der Problematik des inneren Zusammenhalts widmen. Wohl
auch aus diesem Grund, um die Moral nicht durch sofortige Eilmärsche zu
überfordern, gingen die einleitenden Bewegungen recht schleppend voran.
So räumten die Soldaten der Feldkommandantur 541 des Gen.Maj. Botho
Elster, vor denen der weiteste Weg lag, die Orte Mont de Marsan und Dax
im südlichen Zipfel des Korpsbereiches erst am 22./23. August86•

so
Schuster, LXIV. AK, MS-A-885, Anlage C.
• Täglichsbeck, Südwestfrankreich, MS-A-886 S. 5 f., und Gen. Lt. Ernst Haeckel,
16. Inf.Div., MS-B--245, S. 14.
82 Meldung LXIV. AK. vom 19.8.1944, zit. nach: OB West Ia Nr. 7189/44 vom
22.8.1944, RH 19 IV/54, S. 50.
SJ Es handelte sich um U-534 und 857. Vgl. OB West Ia Nr. 741/44 vom 19.8.1944,
RH 19 IV/53, S. 312.
84 Gez. Sachs, GenKdo LXIV. AK Ia Nr. 1288/44 vom 27.8.1944, RH 19 XII/7,

s. 363 ff.
ss Schuster, LXIV. AK, MS-A-885, S. 6.
86 N anteuil/Levy, Elster, S. 70.
136 Teil B: Der Rückzug de Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Auch nach Sachs' Ansicht ging die Hauptgefahr für den Rückzug seines
Armeekorps von der 3. US-Army im orden aus87• Die schwachen zur
Sicherung der Leirebrücken eingesetzten Einheiten8 wurden zwar durch
einen regimentsstarken »Sperrverband« der 16. Infanteriedivision unter­
stützt 9 eine wirksame Flankendeckung war dies jedoch nicht.
Vorerst aber hatten die Marschgruppenführer mehr mit internen Koordina­
tionsproblemen als mit äußeren Einwirkungen zu ringen. W ährend dieses
störungsempfindlichen Zeitabschnitts blieben die auch bisher in den Samm­
lungsräumen kaum hervorgetretenen FFI relativ wirkungslos. Nur verein­
zelt kam es zu Schießereien oder kleineren Beeinträchtigungen, wie etwa
dem Verdrehen von Wegweisern. Auch die französische Bevölkerung ver­
hielt sich zumeist ruhig90• Selbst die zwei Garonnebriicken in Bordeaux
und die wenigen Übergänge über die Dordogne- für die Guerillakampf­
taktik lohnende Ziele, da mit ihrer Sprengung der Rückzug der Gruppe
Süd erheblich hätte behindert werden können - blieben unbehelligt.
Mit einer in dieser Hinsicht anderen Ausgangssituation sah sich Gen. Lt.
Ortenbacher konfrontiert, der unabhängig von den beiden großen Absetz­
bewegungen der 19. Armee und des LXIV. Armeekorps die noch im Zen­
tralmassiv verbliebenen Einheiten nach Norden in die Aufnahmestellung
führen sollte91• Ottenbachers Ziel bestand zunächst darin, diese Kräfte zu
einer schließlich 12000 Mann92 starken Marschgruppe93 im Raum Mont­
lu�on-Clermont-Ferrand zusammenzufassen94• Anders als am Atlantik
kam es in diesem Gebiet schon in der Versammlungsphase zu Gefechten
mit den FFI. Zumindest hier gelang es ihnen, den Abmarsch zu verzögern.
Einzeln stationierte Landesschützenbataillone mußten, wie zum Beispiel
in Egletons und Gueret, zunächst freigekämpft werden, was jedoch nicht
in allen Orten gelang95•
Anhand einzelner aktenkundig gewordener Vorkommnisse wird deutlich,
was generell zumindest für die Ereignisse in Südwestfrankreich galt. Hin­
ter den beträchtlichen Kopfstärken der Marschgruppen verbarg sich eine
nur äußerst geringe tatsächliche Kampfkraft, die keinesfalls mit derjeni­
gen »normaler« Heeresverbände vergleichbar war. Es handelte sich eben

7 Schuster, LXIV. AK, MS-A-885 S. 7.


s Alarmeinheiten von Heer, Marine und Luftwaffe, insbesondere die schnellen
Abteilungen 602 und 608.
89 Haeckel, 16. Inf. Div., MS-B-245, S. 24.
90 Ebd., S. 11 f., und Seiz, 159. Inf. Div., MS-A-960, S. 3.
9t KTB AGr. G. vom 20. 8.1944, RH 19 XII/5, S. 132f.
92 AOK 19 I a r. 9559/44 vom 20.9.1944,RH 20-19/86, S. 47.
93 Darunter: Sich.Rgt. 1000,2 Bataillone des SS-Pol.Rgt. 19 und mehrere Landes­
schützenbataillone, vgl. Ottenbacher, Rückzugskämpfe, MS-ß-538 S. 1 f.
94 Tagesmeldung für den 23. 8. 1944, OB West I a Nr. 7259/44, RH 19 IV/54,
s. 100 ff.
95 Vgl. Tagesmeldungen des OB West für den 22.-25.8. 1944,RH 19 IV/54 S. 65 ff.,
s. 100 ff.' s. 182 ff.
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 137

um aus der Not geborene Improvisationen, vielfach ohne moderne Füh­


rungsmittel und inneren Zusammenhalt. Auch für Ottenbachers Grup­
pe, die mit 12 000 Mann zahlenmäßig einer Infanteriedivision gleichkam
und immerhin - im Gegensatz zu den anderen Marschverbänden - fast
nur aus Soldaten bestand, traf dies zu. Die nur unzureichend ausgestat­
teten Sicherungseinheiten mit ihren oft »frontdienstuntauglichen« Füh­
rern, die den Zwecken einer Okkupationsmacht bisher genügen konn­
ten, zeigten sich im Rahmen der nun anfallenden militärischen Aufgaben
als nur begrenzt belastbar. So hatte der Feldkommandant 586 in Limoges,
Gen. Maj. Walter Gleininger, ein Mann von angegriffener Gesundheit, bald
nach der Einschließung der Stadt alle Hoffnungen aufgegeben und war
bereit, vor den FFI zu kapitulieren. Zu seinem Unglück er\vies sich dies
jedoch als verfrüht: Der deutschen Besatzung gelang es, aus Limoges aus­
zubrechen. Gleininger, der von den eigenen Leuten festgenommen wur­
de, erschoß sich daraufhin, um dem drohenden Kriegsgerichtsverfahren
zu entgehen96•
Trotz aller Schwierigkeiten konnte Ottenbacher seinen Marschverband bis
zum 24. August vereinigen. Am nächsten Tag begann der Rückzug in Rich­
tung Moulins97• Insgesamt gesehen befand sich die Armeegruppe G in
einer äußerst kritischen Situation. Ihr Oberbefehlshaber Blaskowitz besaß
jedoch noch keinen Überblick über das ganze Ausmaß der Probleme.
Beim Stabe des OB West in Verzy verfügte man dagegen schon über ein
vollständigeres Bild: W ährend einem Großteil der 19. Armee im Rhone­
tal die Einkesselung drohte, hatte gleichzeitig der Rückzug der rund 100000
Deutschen aus Südwest- und Mittelfrankreich noch gar nicht begonnen,
ja am Atlantik nicht einmal die Versammlung der Marschgruppen ihr Ende
gefunden. Feldmarschall Model, der erst gegen 20.00 Uhr von der Front
nach Margival (Hauptquartier Heeresgruppe B) zurückkehrte, erkannte
nun endgültig, wie realitätsfern das von Hitler befohlene Halten der soge­
nannten »Seine-Yonne-Dijon-Linie« war. Eine wesentliche Voraussetzung
für die Verteidigung dieser Linie, das rasche Einfließen der Verbände der
Armeegruppe G in den Südabschnitt, war nicht zu erfüllen . Auf sein unge­
duldiges Fragen hin hatte Model niederschmetternde Antworten erhal­
ten98. Bei »planmäßigem Verlauf« rechnete man damit, daß die 19. Armee
gegen Ende der ersten Septemberdekade, die Marschgruppen des LXIV. Ar­
meekorps erst um den 15. September ihre Abschnitte erreichten99•
Trotz der an diesem Tage wiederholt an die Armeegruppe G herausgejag­
ten Befehle, di�e Absetzbewegungen unter allen Umständen zu beschleuni-

96 Zusatz. zur Tagesmeldung des OB West für den 23. 8. 1944, RH 19 IV/54, S. 105.
97 Tagesmeldung des OB West für den 25. 8. 1944, RH 19 IV/54, S. 182 ff.
9 KTB H. Gr. B vom 21. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 59 f.
99 OB West Ia Nr. 7189 und 7208/44 vom 22. 8.1944, RH 19 IV/54, S. 50f., und

KTB AGr. G vom 22. 8. 1944, RH 19 XII/5, S. 143.


138 Teil B: Der Rückzug des \XIesthceres bis zum Höhepunkt der Krise

gen 100, gab man sich beim Stabe des OB West keinen lllusionen hin. Blu­
mentritt war sich bewußt, daß ))das Tempo [...] mit Behelfs-Kfz und Pfer­
debespannung .in keinem Verhältnis zur Schnelligkeit des vollmechanisier­
ten Feindes« 101 stehen konnte.
Angesichts dieser Situation auf deutscher Seite wirkte der Inhalt des Brie­
fes, den Eisenhower am 24. August an Churchill schrieb, nicht übertrie­
ben. Eisenhower bezeichnete den bisherigen Verlauf von DRAGOON als
»wonderful show« und war auch für die Zukunft optimistisch: »I am sure
he [DRAGOON] will grow fat and prosperous102.«

3. Das Kampfgeschehen bei der Heeresgruppe B bis zum Fall von Paris

a) Der Rückzug der Armee über die Seine


7.
An der Sicherungslinie der schwachen 1. Armee zwischen Paris und der
Loire herrschte am 20. August Ruhe. Dort schienen die Alliierten erst später
zu einer »großräumigen Operation« ansetzen zu wollen. Der Schwerpunkt
ihrer Angriffe lag zunächst weiter nördlich mit dem Ziel, dem Norman­
dieheer den Rückzug über die Seine abzuschneiden. Der Stab des OB West
erkannte diese akute Gefahr103•
Am 20. August übertrug Model dem Oberbefehlshaber der 5. Panzerarmee,
»Sepp« Dietrich, das Kommando über den gesamten Bereich zw ischen der
Küste und Paris104• Der Stab der 7. Armee - Eberbach ersetzte den beim
Ausbruch aus dem Kessel verwundeten Hausser - wurde aus der Front
gezogen. Ihre Truppen waren »völlig erschöpft«, die verbliebenen Verbände
durcheinander gewürfelt und ohne schwere Waffen »Falaise« entronnen105•
Sie mußten zur Neuordnung auf das andere Seineufer geführt werden.
Besondere Schwierigkeiten ergaben sich zum einen daraus, daß seineab­
wärts von Paris keine Brücken mehr existierten, das Übersetzen also auf
F ähren und andere Aushilfen beschränkt blieb106• Zum anderen war nicht
abzusehen, wie lange die abschirmenden Verbände Dietrichs dem konzen­
trischen Angriff der Alliierten, wie er am 21. August begann, standhalten
konnten. Dietrich verfügte über nur 14 »Divisionen«107 westlich des Flus­
ses (Karte 10).
100KTB OB West vom 24.8. 1944, RH 19 IV/45, S. 161f.
101 Gez. Blumentritt, OB West Ia Nr. 759/44 vom 25.8. 1944, RH 19 IV/54, S. 175f.

102 Schreiben vom 24. 8. 1944, zit. nach: Pogue, Supreme Command, S. 228.

10l Tagesmeldung für den 20. 8. 1944, OB West I a Nr. 7098/44, RH 19 IV/53, S. 353 ff.

to .. KTB H.Gr. B vom 20. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 46.


tos Ebd., S. 51 und 61.
106 Gez. Model, O bkdo H.Gr. B Ia Nr. 6390/44 vom 21.8. 1944, RH 19 IX/7,
S. 33 f., und Frank, 5. Panzerarmee, MS-B- 729, S. 6ff.
107 LXXXVI. AK mit 711., 346., 272., LXXXI. AK mit 331., 344. Inf. und 17.

Lwfeld.Div., I. und li. SS-PzK. mit 1., 2., 9., 10., 12. SS- und 2., 21., 116. Pz.Div.
Sie w urden durch noch kampfkräftige Einheiten der 7. Armee unterst ützt,
RH 19 IV 69 K und 139 K {Karten für den 20.-25. 8. 1944).
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 139

Die HKL der 5. Panzerarmee war grob in zwei Abschnitte gegliedert. An


der von V illers sur Mer nach Süden über V imoutiers bis etwa Gace ver­
laufenden »Westfront« griffen Kanadier und Briten, an der von Gace nach
Osten bis in den Raum Dreux reichenden »Südfront<< die Amerikaner mit
zusammen etwa 25 Verbänden an108• Durch den Vorstoß des XV. US­
Korps war der linke Flügel der Südfront stark zurückgebogen. Etwa von
Dreux an verlief er entlang der Eure in nördlicher Richtung bis in den
Raum Vernon und stieß hier an die Seine. Durch den von den Amerika­
nern vorgetriebenen Keil wies die vom LXXXI. Korps General Kuntzens
verteidigte Linie somit noch einen Eure- und einen Seineabschnitt (bis zum
Anschluß an den Sperrgürtel von Paris) auf.
Vor allem die Entwicklung an dieser Südfront beunruhigte den Feld­
marschall. Das LXXXI. Armeekorps mit seinen drei Infanteriedivisio­
nen (331. Inf., 344. Inf., 17. Lwfeld.) und den Resten der 116. Panzerdivi­
sion war zu schwach, um einem energischen Vorstoß zu widerstehen.
Besonders gefährlich erschienen die Brückenköpfe, die die Amerikaner
im Seineabschnitt zwischen Vernon und Mantes gebildet hatten109• Die­
ser Brennpunkt konnte nur dadurch notdürftig »abgeriegelt« werden,
daß zwei, ursprünglich für die 1. Armee vorgesehene Divisionen (49. lnf.,
18. Lwfeld-Div.) »mit allen Mitteln der Improvisation« hierhin umdirigiert
wurden.
Wenn die Amerikaner die Möglichkeit wahrnahmen, an diesen Stellen )>mit
Masse« überzusetzen und dann auf dem Nord- bzw. Ostufer in Richtung
Seinemündung vorstießen, mußte das Schicksal beider deutscher Armeen
besiegelt sein.
Gen. Lt. Alfred Gause, der Stabschef Dietrichs, stellte fest, die weitere
Kampfführung westlich des Flusses könne nur in »planmäßigem Auswei­
chen vor dem überlegenen Feind<<110 bestehen. Um Zeit für die Übersetz­
operation zu gewinnen, beabsichtigte Model, an der »Westfront« der
5. Panzerarmee durch hinhaltenden Kampf Kräfte zu sparen und so dem
Südabschnitt vor allem Panzer zuzuführen111•
Die gleich nach dem Abschluß der Kämpfe um den Falaisekessel hierhin
befohlenen drei Verbände ( 1. SS-, 12. SS- und 2. Pz. Div.) reichten aber nicht
aus, um die »ungeklärte Lage« beim LXXXI . Armeekorps, wo mittlerweile
zwei US-Panzerdivisionen eingebrochen waren, zu stabilisieren: Am Nach­
mittag des 21. August stellte sich heraus, daß die drei Verbände zusammen
nicht mehr als zehn Panzer aufbringen konnten112•

lOS Abendmeldung vom 24.8.1944, Obkdo H.Gr. B Ic Nr. 3323/44, RH 19 IX/26


Teil I, S. 61.
109 Tagesmeldung für den 20. 8. 1944, OB West I a Nr. 7098/44, RH 19 IV/53, S. 353 ff.
uo KTB H. Gr. B vom 20. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 52.
111 Gez. Model, Obkdo H. Gr.B Ia Nr. 6376/44 vom 21. 8.1944, RH 19 IX/4,
s. 365 f.
112 KTB H.Gr. B vom 21. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 64.
140 Teil B: Der Rückzug des \Yiestheere bis zum Höhepunkt der Krise

0 10 20 30 40 50 km
I. Der Be ginn des Rückzugs 1m Westen 141

10
142 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der K rise

Der Feldmarschall sah nur noch die Möglichkeit, nun auch die 2. und 9. SS­
Pz. Div. herauszuziehen. Immerhin bestand die Aussicht, durch das nächtli­
che Absetzen auf den Toucques-Abschnitt (Deauville-Lisieux-Orbec­
l:Aigle) größere Frontlücken im bei Lisieux hart attackierten Westflüg el
zu vermeiden tu.
Die Ereignisse des folgenden Tages bestätigten das, was man beim Stabe der
Heeresgruppe B ohnehin vermutet hatte114: Hitlers Befehl, durch »kon­
zentrischen Angriff« die »Verbindung zwischen 5. Pz. Armee und Paris<<
noch vor der Seine zu erkämpfen, entbehrte jeglicher Grundlagen 115•
achdem die Front morgens im wesentlichen ruhig geblieben war, begann
in den Nachmittagsstunden der amerikanische Großangriff gegen den Süd­
abschnitt. Allein im Raum Conches gingen acht Bombenteppiche nie­
der116. Dann griffen 130 Shermans (US-Standardpanzer) das LXXXI. Ar­
meekorps an. Die 25 Panzer der beiden von Model zusätzlich heranbe­
fohlenen SS-Divisionen aber waren noch bei Lisieux gebunden. Gauses
Befehle, »unter allen Umständen [zu halten][ . ], da sonst nichts mehr über
. .

die Seine herüberkommt«ll7, konnten die Kräfteverhältnisse nicht ändern.


Unter dem Ansturm »zerplatzten« die Regimenter der 17. Luftwaffenfeld­
division am linken Flügel von Kuntzens Korps118•
Die Amerikaner durchbrachen die Front und stießen bis in den Raum
südlich Louviers vor. Die Übergangsstellen waren damit unmittelbar be­
droht . Zu diesem Zeitpunkt standen etwa 20 größere Fähren, die schwe­
res Gerät transportieren konnten, und mehrere kleinere im Raum Rouen
zur Verfügung1 19• Bisher, seit dem 20. August, war das Übersetzen der
Restteile der 7. Armee und der Trosse der 5. Armee im wesentlichen rei­
bungslos, aber >>ZU langsam <<120 verlaufen. Dennoch hoffte Oberst v. Gers­
dorff (GenSt. Chef AOK 7), in zwei Tagen die 7. Armee auf das Ostufer
der Seine gebracht zu haben121•
Bei einer ungehinderten Fortsetzung des US-Angriffs mußte der Übersetz­
verkehr allerdings innerhalb weniger Stunden zum Erliegen kommen. Den
»2. Kessel« vor Augen, war der Feldmarschall nun entschlossen, den West­
flügel »rigoros zu entblößen<<122•
Ein »Draufgehen« von Infanterieteilen mußte hier in Kauf genommen wer­
den, um die greifbaren Panzer in Richtung Durchbruchsstelle ziehen zu

1u Ebd., S. 58.
114 KTB Pz. AO K 5 vom 21. 8. 1944, RH 21-5/52, .S. 24 f.
115 i. A. Gez. Jodl, WFSt/O p. Nr. 772974/44 vom 21. 8. 1944, RH 19 IX/7, S. 35.
1 16 Tagesmeldung für den 22. 8.1944, OB West Ia Nr. 7212/44, RH 19 IV/54, S. 6Sff.
117 KTB LXXXI. AK vom 22.8.1944, RH 24-81/97, S. 135/1.
118 Ebd., S. 136/1.
119 KTB H. Gr. B vom 25. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 138 f.
12o Ebd. vom 23. 8. 1944, S. 103.
121 Ebd. vom 22. 8. 1944, S. 80.
122 Ebd. vom 23. 8. 1944, S. 107.
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 143

können. Dabei war die >>Westfront« nach Meinung der dort führenden
G enerale, Obstfelder und Bittrich (LXXXV I. AK und II. SS-PzK) bereits
so dünn, daß die Briten »durchkommen [konnten], wo sie wollten«123•
Lisieux beispielsweise wurde nur noch von rund 100 Soldaten der 272. In­
124•
fanteriedivision gehalten
Die riskanten, aber einzig praktikablen Maßnahmen Models wurden von
den Alliierten nicht durchkreuzt. Zum einen verhielten sich Briten und
Kanadier auch am 23. August ruhig, zum anderen zeigte es sich, daß der
US-Schwerpunkt nicht, wie von deutscher Seite befürchtet, »rittlings« der
Seine, sondern eindeutig auf dem Westufer lag125•
Gen. Lt. Gerhard Graf v. Schwerin (Kdr. 116. Pz.Div.), der vorübergehend
- ein Korpsstab stand nicht zur Verfügung - das Kommando im Seine-
'

abschnitt übernommen hatte, konnte mit der hier verfügbaren Kampfgrup-


pe zweier Infanteriedivisionen (49. Inf., 18. Lwfeld) und einigen T igerpan­
zern die amerikanischen Brückenköpfe einengen und sogar La Roche-Guy­
on w iedereinnehmen 126•
Der OB West hielt die von Dietrich getroffenen Maßnahmen an der Süd­
front für unzureichend. Dietrich hatte Models Absicht, sofort mit den ein­
satzfähigen Teilen von fünf Panzerdivisionen (1. und 2. SS-, 2., 21. und
116. Pz.Div.) dem amerikanischen, auf Rouen weisenden Keil in die Flanke
zu fallen und die Front so wieder nach Süden in die Linie Conches­
Evreux-Vernon vorzuverlegen127, nicht schnell genug verwirklicht. Vom
OB West deshalb in der für ihn typischen Art schroff zurechtgewiesen, bat
Dietrich mit den Worten »er sei kein Schulbub, mit dem man [so] umsprin­
gen könne«, um seine sofortige Ablösung128• Dietrich hatte sich zuvor auf
dem Gefechtsfeld persönlich davon überzeugt, daß es für den Angriff, der
dann auch rasch scheiterte, kaum Erfolgsaussichten gab. Die 21. Panzer­
division war aufgrund Spritmangels noch gar nicht im Sammelraum Le
Neubourg eingetroffen, die Angriffsgruppe selbst umfaßte nur >}verbrauch­
te Restteile« mit »wenigen [ ...] Bataillonen« und »höchstens [ ... ] 30 Pan­
zern«129. Model sah schließlich ein, daß Dietrich vor einer »unmöglichen
Aufgabe« stand. Er ließ Hitler über den Chef des Wehrmachtführungs­
stabes melden, auch die »schärfsten Befehle« könnten die ungünstige Lage
nicht wenden, da »die Panzer-Div. nur noch Torsos [sie]« seien130•
Die einzige Chance, die sich anbahnende Kesselbildung zu verhindern - die
Amerikaner waren mittlerweile über Louviers hinaus in Richtung Elbeuf

123 Ebd. vom 22.8.1944, S. 84.


12-. KTB Pz. AOK 5 vom 22.8.1944, RH 21-5/52, S. 26.
12s Tagesmeldung für d�n 23.8.1944, OB West Ia Nr. 7212/44, RH 19 IV/54, S. 65ff.
126 KTB H. Gr. B vom 23. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 89 f.
127 Befehl Models vom 23.8.1944, KTB Pz. AOK 5, RH 21-5/52, S. 29.
1 2s
Ferngespr. Dietr ich-Speidei vom 23. 8.1944, KTB H. Gr. B, RH 19 IX/88, S. 105 f.
129 KTB Pz. AOK 5 vom 23.8. 1944, RH 21-5/52, S. 30.
no Ferngespr. Jodl-Model vom 23.8.1944, KTB H. Gr. B, RH 19 IX/88, S. 108 f.
144 Teil B: Der Rückzug des We theeres bis zum Höhepunkt der Krise

(rund 10 km südlich Rouen) vorgestoßen - bestand dennoch im Versuch,


angriffsweise gegen den »hoch überlegenen Feind« vorzugehen. Der Pan­
zergruppe Schwerin131 wurde zu diesem Zweck - neben der 21. Pan­
zerdivision - nun noch die 2. SS-Panzerdivision zugeführt132•
Das Absetzen des Westflügels mußte deshalb beschleunigt werden: in der
acht vom 23./24. August auf die >>Bernay-Linie«, 24 Stunden später sollte
schon der »Risle-Abschnitt« bezogen werden. Diese Bewegungen verlie­
fen planmäßig, obwohl hier nur noch zwölf Panzer der 9. SS-Panzerdivi­
sion als >>Feuerwehr« zur Verfügung standen.
Dennoch reichten die Kräfte der Gruppe Schwerin nicht aus, um die Front­
linie nach Süden vorzudrücken. Trotz des von deutscher Seite erbitten
geführten >>Abwehrkampfes« erreichten die Amerikaner den Raum Elbeuf
und stießen nun auch hier an die Seine vor133•
Damit zeichnete sich erneut die Gefahr ab, daß der Gegner die Ufer wech-
elte und die Fährstellen »von hinten« überrannte. Model konnte dem nichts
mehr entgegenwerfen. Der letzte gepanzerte Verband, die 9. SS-Panzerdi­
vision, war bereits auf den Raum Elbeuf angesetzt134• Der Feldmarschall
befahl, das »Übersetzen der[... ] 7. Armee und aller Fahrzeuge« nun »mit
Hochdruck pausenlos fortzusetzen« 135•
In der acht vom 24./25 . August überquerten rund 4000 Mann mit 1 500
Kraft fahrzeugen den Fluß136• Auch am folgenden Tag gelang es durch be­
wegliche Kampfführung, den Amerikanern entscheidende Erfolge im Süd­
abschnitt zu verwehren. Schwerins Panzer hatten sie vorübergehend sogar
aus Elbeuf zurückgedrängt. Der befürchtete Vorstoß aus den Brückenköpfen
nördlich der Seine blieb aus 137•
Den Alliierten glückte es zwar, mehrere Fähren und eine Pontonbrücke
durch ununterbrochenen »Einsatz von Jagdbombern und Artillerie aller
Kaliber« zu zerstören138, doch die Reste der 7. Armee waren entkom­
men. Eberbachs Stab konnte von neun Infanteriedivisionen rund 1 500-
2500 Soldaten pro Verband am Nordufer der Seine »aufsammeln«139•
Nach deutschen Angaben hatten etwa »25 000 Fahrzeuge aller Art«140 die
Seine passiert.

131 Für Schwerjn, der nun die Koordinierung der Panzerverbände übernommen
hatte, führte der Stab des I. SS-Panzerkorps im Seineabschnitt.
132 KTB Pz . AOK 5 vom 23. 8.1944, RH 21-5/52, S. 31f .
133 Tagesmeldung für den 24.8.1944, OB West I a r. 7326/44, RH 19 IV/54, S. 148 ff.
134 KTB Pz. AOK 5 vom 24. und 25.8.1944, RH 21-5/52, S. 33 f .
l35 Gez. Model O bkdo H.Gr.B Ia r. 6527/44 vom 24.8.1944, RH 19 IX/4, S. 392.
136 KTB H.Gr.B vom 25.8. 1944, RH 19 IX/88, S. 141ff.
137 KTB LXXXI. AK vom 25. 8.1944, RH 24-81/97, S. 147/1.
13 Tagesmeldung für den 25.8.1944, OB \XIest Ia Nr. 7360/44, RH 19 IV/54, S. 182 ff.
139 Eberbach, 7. Armee, MS-B-841, S. 3.
HO KTB Pz. AOK 5 vom 25.8.1944, RH 21-5/52, S. 35. Vermutlich handelt es

sich hierbei allerdings um einen Druckfehler. Die Angabe erscheint dem Ver­
fa er jedenfalls wesentlich zu hoch gegriffen.
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Karte 11
Lage West am 21.8.1944
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I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 145

Auf dem Südufer standen nun die kampffähigen Teile von Dietrichs
5. Panzerarmee mit einer Gefechtsstärke von rund 18 000 Mann, »unter­
stützt« durch 314 Geschütze und 42 Panzer, einer gewaltigen alliierten Über­
macht gegenüber: Nach deutschen Berechnungen umfaßten die »Feindver­
bände« 110500 Infanteristen, 1320 Geschütze und circa 1 900 Panzer141•
Schon deshalb waren die Aussichten schlecht, auch die 5. Panzerarmee noch
über die Seine zu bringen. General Gause äußerte an diesem 25. August,
daß - wenn es überhaupt gelingen sollte - »die Absetzbewegung wohl
in einem Zug durchgeführt werden« müsse142 (Karte 11).

b) Die Situation bei der 1. Armee südlich von Paris


Während die akute Gefahr der Kesselbildung bei Rouen zumindest für die
7. Armee vorüber war, hatte die aus dem Raum südlich Paris befürchtete
großräumige Operation der Alliierten inzwischen deutlichere Konturen
bekommen.
achdem dieser Abschnitt am 19./20. August weitgehend ruhig geblie­
ben war, zeigte der am nächsten Tag einsetzende amerikanische Angriff
ehr schnell die Diskrepanz zwischen Hitlers Befehlen und der Realität
auf. Der Oberbefehlshaber der 1. Armee, General v. d. Chevallerie, konn­
te seine Verbände weder »westlich der Seine zum Halten« bringen 1'43 noch
den Deckungsauftrag bei Monrargis erfüllen oder einen US-Stoß in Rich­
tung Dijon verhindern144• Für den ihm befohlenen »konzentrischen An­
griff« fehlten erst recht jegliche Voraussetzungen.
Die Krisen im Raum Rouen-Paris und in Südfrankreich banden Divisio­
nen, mit denen Model ursprünglich das Konglomerat von Einheiten der
1. Armee verstärken wollte. Als der amerikanische Angriff am 21. August
vormittags begann, verfügte v. d. Chevallerie nur über eine ganze, die 48. In­
fanteriedivision Hs. In seinem Armeebereich befanden sich darüber hin­
. dierverbände146, die
aus die Divisionsstäbe dreier Panzer- bzw. Panzergrena
mit ihren zerschlagenen Einheiten hier auf ihre personelle und materielle
Auffrischung warteten.
Dementsprechend schnell entwickelten sich die Ereignisse: Ohne größere
Probleme drückten zwei auf breiter Front zwischen Paris und der Loire
vonnarschierende US-Korps (XX., XIT.) mit sechs Divisionen 147 die deut­
sche Sicherungslinie nach Osten zurück.

1 1
4 KT B Pz. AOK 5 vom 25. 8.1944, Anlage 50, RH 21-5/53, S. 76.
1 2
4 Ferngespr. Speidel-Gause von1 25. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 133 f.
IH
OKW/WFSt Op r. 772933/44 vom 19. 8.1944, zit. nach: OB West I a r. 740/
44 vom 19.8.1944, RH 19 IX/7, S. 29.
144 Gez. Adolf Hitler WFSt Op Nr. 772956/44 vom 20.8.1944, zit. nach: OB West

la r. 745/44 vom 20.8.1944, RH 19 IX/7, S. 30ff.


t-4S
Daneben noch: Restteile der 352. und ein Regiment der 338. Inf. Div.
1-16 9. Pz., Pz.-Lehr- und 17. SS-Pz. Grcn. Div.

147 H. Gr. B Ic Nr. 3323/44 vom 24. 8.1944, RH 19 IX/26 Teil1, S. 61.
146 Teil B: Der Rückzug des \XIestheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Model mußte dem weitgehend tatenlos zusehen, da ihm schlagkräftige Ver­


bände zur Stabilisierung der Lage nicht zur Verfügung standen. In seiner
Reaktion auf die »Führerweisung« wies er nachdrücklich daraufhin, daß
Chevalleries Armee zu schwach war, um die ihr gestellten Aufgaben erfüllen
zu können148•
Da die Alliierten nicht, wie erwartet, erst nach dem Umfassungsversuch
an der unteren Seine zu einer weiträumigen Operation ansetzten, mußte
die Situation am linken Flügel der Heeresgruppe B rasch kritisch werden.
Der Feldmarschall ordnete deshalb noch am gleichen Tage an, die aus Ita­
lien erwarteten zwei Panzergrenadierdivisionen (3., 15.) nicht nach Dijon,
sondern weiter nach Norden in den Raum Tonnerre-Troyes-Chalons s. M.
zu führen 149•
Bei dem Tempo des amerikanischen Vormarsches schien dieser Befehl aber
schon wenig später wieder überholt zu sein: Zwar hatte sich die 48. Infan­
teriedivision am 22. August im Anschluß an den Pariser Sperring geord­
net hinter den Seineabschnitt zwischen Corbeil und Montereau zurück­
ziehen können, südlich hiervon aber war die Lage ungeklärt. Zu den bei
Montargis am Loing stehenden Teilen der 338. Infanteriedivision existier­
te keine Verbindung mehr. Sie waren, wie sich bis zum Abend herausstell­
te, abgeschnitten. US.:Yruppen hatten den Loing und die Yonne bei Sens
forciert und standen bereits wenige Kilometer vor Troyes150•
Hier, am schwachen Südflügel der Heeresgruppe, waren die Amerikaner
auf den neuralgischen Punkt der deutschen Front gestoßen. Einer Fort­
setzung der Offensive aus dem Raum Sens-Troyes in Richtung Reich oder
auf Dijon konnte vorerst nichts mehr entgegen geworfen werden. Es blieb
Chevallerie nur der Versuch, den Anschluß an Paris zu halten und dar­
über hinaus einem nach Norden in den Rücken der Heeresgruppe zielen­
den Angriff vorzubauen. Er beabsichtigte, den linken Flügel seiner Armee,
deren Sicherungslinie bisher von Paris nach Süden wies, nun bei Monte­
reau in eine west-östliche Richtung zurückzuklappen. Der linke Flügel
sollte hinter der Seine zwischen Montereau und Troyes mit den kampffä­
higen Teilen der drei aus der Auffrischung herausgerissenen Verbände und
den beiden eintreffenden SS-Brigaden 151 notdürftig neuaufgebaut werden152•
Mit der 27. SS-»Panzerdivision« aber, die - eben ausgeladen - Troyes ver­
teidigte, endete die Front der 1. Armee. Südlich hiervon klaffte ein riesi­
ges Loch bis zu den Verbänden der Armeegruppe G.

148 Gez. Model O bkdo H. Gr. B Ia Nr. 6390/44 vom 21. 8.1944, RH 19 IX/7,
s. 33 f.
149 KTB OB West vom 21. 8. 1944, RH 19 IV/45, S. 142.
t..SO Tagesmeldung für den 22. 8. 1944, OB West Ia Nr. 7212/44, RH 19 IV/54, S. 65 ff.
t5t 26., 27. SS-Pz. Oiv. Beide »Panzerdivisionen« verfügten über nur je ein ver-

stärktes Inf. Rgt., nicht aber über Panzer. Sie wurden am 24. 8. 1944 der 17. SS­
Pz. Gren. Div. unterstellt, KTB OB West, RH 19 IV/45, S. 160.
152 KTB H. Gr. B vom 22. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 86.
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 147

J\ngesichts dieser Situation drängte der OB West darauf, den Ausbau der
>Somme-Marne-Saone-Stellung« mit »größtmöglicher Beschleunigung«
vo ranzutreiben. Da Gen. d. Fl. Kitzinger, seit Anfang August hiermit beauf­
t ragt, für die rund 650 km nur 20 000 Mann zur Verfügung standen153,
war noch nicht viel geleistet worden.
Model befahl, alle greifbaren Wehrmachteinheiten und die Zivilbevölkerung
- notfalls zwangsweise - zu Schanzarbeiten heranzuziehen154• Anderen­
falls müsse damit gerechnet werden, daß die Amerikaner dort erschienen,
bevor »der erste Spatenstich gemacht worden« sei155•
Ein Erfolg dieser Maßnahmen war von vornherein fragwürdig. Kitzinger
veranschlagte mindestens drei Monate, um ein »Gerippe« an Feldstellun­
gen errichten zu können156• Alle Anstrengungen nutzten aber wenig,
wenn die Soldaten zur Verteidigung dieser Linie fehlten. Der Feldmarschall
hatte durch den I a des OB West, Oberst Zimmermann, errechnen lassen,
daß hierzu mindestens 36 Infanterie- und acht Panzerverbände benötigt
wurden157• Dies blieb ohnehin unerfüllbare Theorie. Model forderte des­
halb vom OKW - und zwar f
so ort-, wenigstens eine »Sicherheitsbesat­
zung« in Stärke von 8 Divisionen als Kristallisationskern der Verteidigung
zur Verfügung zu stellen158.
Selbst wenn diese Forderung erfüllt würde - man hielt dies beim Stabe
des OB West für unwahrscheinlich, wollte aber dem OKW »unverblümt«
so den Ernst der Lage klarmachen159 -, hing alles in erster Linie von der
Operationsführung der Alliierten im Bereich der 1. Armee ab.
ahmen die Amerikaner die Chance wahr, entweder nach Südosten auf
Dijon einzuschwenken, um die Armeegruppe G abzuschneiden, oder die
»Schwachen Sicherungen« an der oberen Seine zu durchbrechen, um über
Chalons auf Metz zu marschieren, dann war »der Wert der Kitzinger-Stel­
lung bereits aufgehoben«, wie Zimmermann festhielt160.
Die Absichten der Amerikaner blieben aber vorerst im Dunkeln. Luft­
aufklärung konnte nicht geflogen werden, da alle einsatzbereiten Maschi­
nen im Raum über Rouen gebraucht wurden161. Nach den bisherigen
Erfahrungen sah Chevallerie nur noch die Chance, daß der Gegner erst
nach Umgruppierung und planmäßigem Aufmarsch zu einer größeren
Offensive ansetzte162.

153 Zimmermann, OB West, MS-T-121 B IV, S. 1647.


15-t KTB OB West vom 23. 8. 1944, RH 19 IV/45, S. 156.
155 Ferngespr. Blumentritt-Jodl vom 22. 8. 1944, 23.00 h, RH 19 IX/88, S. 87.
tS6
Zimmermann, OB West, MS-T-121 B IV, S. 1647 f.
157 KTB OB West Anlage vom 22. 8. 1944 (ohne Nummer), RH 19 IV/54, S. 69 ff.
ass
Gez. Blumentritt OB West I a Nr. 751/44 vom 23. 8. 1944, RH 19 IV/54, S. 95.
tS9
Zimmermann, OB West, MS.:f-121 B IV, S. 1625 ff.
60
1 Siehe dazu KTB OB West Anlage vom 22.8.1944 (ohne Nummer), RH 19 IV/54,
s. 69 ff.
161
KTB H. Gr. B vom 23. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 100.
162 Emmerich, 1. Armee, MS-B-728, S. 10.
148 T eil B: D,er Rückzug des We theeres bis zum Höhepunkt der Krise

Auch Model hatte in Betracht gezogen, daß die Alliierten mit Erreichen
der Seine vorübergehend eine >)Pause« einlegen würden. Gen. d. Pz. Tr. Krü­
ger, der mit seinem Stab (LVIII. Pz.Korps) die Auffrischung der Panzer­
verbände der Heeresgruppe organisieren sollte - die ersten SO Kampfwa­
gen trafen in diesen Tagen ein -, war hierfür der Raum Beauvais-Senlis,
nur SO km nordostwärts des F lusses, zugewiesen worden163• Krüger wur­
de vom Stab der Heeresgruppe darüber informiert, daß diese Aufgabe wohl
circa drei Wochen in Anspruch nehmen würde164•
Tatsächlich verhielten sich die Amerikaner - zumindest vorerst - am
schwächsten P unkt, dem äußersten linken Flügel der 1. Armee, auch voll­
kommen ruhig. Sie verlagerten jetzt ihre Angriffe auf den Seineabschnitt
Paris-Montereau und auf die französische Metropole selbst. Am 23. August
konnten die US.:Yruppen die einen SO km breiten Abschnitt verteidigende
48. Infanteriedivision zurückdrängen und bei Melun mit stärkeren Kräften
über die Seine setzen165• In der folgenden Nacht gelang dies ebenfalls bei
Fontainebleau, die FFI hatten die dortige Brücke rechtzeitig besetzt und so
deren Sprengung verhindert166• Die 48. Infanteriedivision wich allerdings
erst nach harten, für beide Seiten verlustreichen Kämpfen- innerhalb we­
niger Stunden wurden allein 12 US-Panzer abgeschossen - zurück167•
ach weiteren Angriffen am 25. August war der Seineabschnitt südlich
von Paris verloren. Die Amerikaner hatten mitderweile an vier Stellen
Brückenköpfe gebildet. Die 1. Armee sollte sich deshalb in der folgenden
acht auf eine neue, rund 2S km ostwärts hiervon verlaufende Linie ab­
setzen168•
Doch diese Geschehnisse verblaßten vor den zur gleichen Zeit kulminie­
renden Ereignissen um Paris. Au Gründen militärischer Notwendigkeit
war es für die 1. Armee dringend geboten den Anschluß an Dietrichs Ver­
bände im orden zu wahren. Da bei den deutschen Stäben mit einem
baldigen Fall der Metropole gerechnet wurde, sollte Paris ost \värts der Seine
zerniert und so den Alliierten die Nutzung der radial hiervon ausgehenden
Hauptverkehrsstraßen verwehrt werden 169 • Das Problem für den Oberbe­
fehlshaber der 1. Armee bestand darin, daß die hierfür vorgesehenen Kräfte,
nämlich etwa 4S Panzer {der Panzer-Lehr- und der 9. Pz.Div.'70) und die
47. Infanteriedivision, nun nicht dem ins Wanken gekommenen linken
Armeeflügel zugeführt werden konnten. Speidei war sich dessen bewußt,

16J OB \VJe t Ia r. 7141/44 vom 22.8.1944, RH 19 IV/54, S. 40f.


164 Krüger, LVIII .Pz.Korps, MS-B-157 S. 1.
l65 Tagesmeldung fürden 23.8.1944,0BWe tla r. 7259/44,RH 19IV/54,S. lOOff.
t66 Casper, 48.l nf. Div., MS-P-166, S. 11.
167 Tagesmeldung fürden 24.8.1944,0BWestla r. 7326/44,RH 19IV/54,S. 148ff.
168 Tagesmeldung für den 25.8.1944 OB West Ia r. 7360 /44, RH 19 IV/54,
s. 182 ff.
169 Ferngespr. C heval l erie-Speidcl vom 25.8.1944, 1.55h, RH 19 IX/88, S. 134.
170 KTB H.Gr.B vom 23. und 25. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 102 und 137.
I. Der Beginn des Rückzugs im Westen 149

sah aber keine andere Möglichkeit, als hier »das größtmögliche Risiko in
Kauf zu nehmen<< 171•
Der Feldmarschall hatte persönlich eingegriffen und die Panzer umdiri­
giert: Statt der Seinebrockenköpfe südlich, war der Raum ostwärts von
Paris jetzt das ZieP72• Chevallerie machte am Nachmittag den OB West
nochmals telefonisch auf die Gefahren aufmerksam. Da »alle vorhande­
nen Panzer [...] zum Kampf um Paris eingesetzt« seien, stünden »keine
Kräfte zur Verfügung [...], um die feindlichen Vorstöße [am Südflügel]
[... ] abzuwehren, geschweige denn, den Feind über die Seine zurliekzu­
werfen«173•
Seine Worte w urden nahezu gleichzeitig dadurch bestätigt, daß die Ame­
rikaner im Raum Troyes sich wieder regten und zunächst mit Aufklärungs­
fahrzeugen von hier nach Südosten vordrangen. Die ersten Infanterieein­
heiten der 15. Panzergrenadierdivision, die gerade am Canal de Bourgogne
50 km südlich von Troyes die Eisenbahnzüge verließen, wurden sofort ins
Gefecht geschickt 174•
W ie Blumentritt Jodl gegenüber bemerkte, war zu befürchten, daß der Geg­
ner den »Raum Dijon friiher erreicht, als die ( ... ] Armeegruppe G«175•
Model aber mußte zunächst darum bemüht sein, den Zusammenhalt inner­
halb »seiner« Heeresgruppe nicht zu verlieren. Die aus der Entwicklung
üd- bzw. südostwärts Paris drohende operative Gefahr war zwar erkannt,
doch die eigene Kräftelage erlaubte es dem Feldmarschall nur noch, an
den jeweils akuten Krisenpunkten auf Kosten anderer F rentabschnitte
»Löcher zu stopfen«. Abgesehen davon setzten Hitlers »Paris-Befehle« sei­
nem Handeln ohnehin - zumindest gewisse - Grenzen.

171 Ferngespr. Chevallerie-Speidel (wie Anm. 169).


172 KTB H. Gr. B. vom 25. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 133 und 137.
173 Fcrngespr. Chevallerie-Model vom 25.8.1944, 17.40h, RH 19 IX/88, S. 144ff.
174 Tagesmeldung für den 25.8.1944, OB \XIest Ia Nr. 7360/44, RH 19 IV/54,
s. 182ff.
175 Gez. Blumentritt OB West Ia Nr. 759/44 vom 25. 8.1944, RH 19 IV/54, S. 175f.
II. Die Ereignisse um Paris

Überblickt man den Gesamtrahmen der militärischen Operationen im


Westen 1944, so kommt dem Fall von Paris eine eher sekundäre Bedeu­
tung zu. Die französische Metropole wurde weder zum Schauplatz ent­
scheidender Kampfhandlungen noch bewahrheitete sich Hitlers Drohung
der völligen Zerstörung, das Schicksal so vieler inner- und außereuropäi­
scher Großstädte blieb ihr glücklicherweise erspart.
Die auch für dieses T hema gegebene historische Relevanz wird nach der
sich hier anbietenden synoptischen Betrachtungsweise offensichtlich. Dabei
taucht nämlich eine V ielzahl der Probleme in zeitlicher und lokaler Koinzi­
denz auf, mit denen sich die vor Ort führenden Befehlshaber beider Seiten
auseinanderzusetzen hatten. Schließlich wird erkennbar, in welchem U rn­
fang politisch-ideologische und subjektive Faktoren Entscheidungen, die
nach dem militärischen Effizienzprinzip getroffen worden waren, beein­
flußten oder gar deren Durchführung verhinderten.

1. Die Bedeutung der Stadt im Rahmen deutscher und alliierter Planungen

Schon ein Blick auf die Karte deutet das hohe Maß an Zentralität an, das
Paris innerhalb des in vielen Bereichen ganz auf die Metropole ausgerich­
teten Frankreichs zukommt. Die städtische Agglomeration mit den 1944
circa fünf Millionen Einwohnern 176 mußte in militärischer Sicht beson­
ders als Verkehrsknotenpunkt von Interesse sein. Diese Bedeutung beruh­
te zum einen auf dem Eisenbahnring, in dem nicht weniger als 17 Bahnli­
nien zusammenliefen, zum anderen auf den von hier strahlenförmig in
alle Himmels,richtungen führenden und gut ausgebauten »Routes Natio­
nales«. Die während der alliierten Invasionsvorbereitungen von Bomben­
angriffen verschont gebliebenen mehr als 60 Brücken im Raum Paris, davon
allein 32 im Stadtgebiet, stellten die nahezu einzigen intakten Übergänge
zwischen der Metropole und der Seinemündung bei Le Havre dar.
Infolgedessen war Paris eine entscheidende Rolle bei der Versorgung der
Normandie-Armee und für Truppenverschiebungen von und zur Front
zugekommen. Die höchsten Befehlsstellen der Wehrmacht im Westen hat­
ten auch die führungstechnischen Vorteile, die die Stadt als Zentrum des
französischen Fernsprechnetzes (worauf die Deutschen größtenteils ange­
wiesen waren) bot, genutzt und hier bzw. in der unmittelbaren Umgebung
ihre Hauptquartiere eingerichtet.
Die ursprünglich große operative Bedeutung für die deutsche Seite war
jedoch mit der katastrophalen Lageentwicklung und der näher rücken­
den Front immer weiter gesunken. So kam der Versorgungsverkehr von
Paris über die Seine, der trotz alliierter Luftangriffe auf Verschiebebahn-

t76 Michel, Paris, S. 293.


II. Die Ereignisse um Paris 151

höfe und französischer Sabotageakte bisher noch notdürftig erfüllt wor­


den war177, spätestens mit dem 19. August ganz zum Erliegen. Das Gros
der noch wesdich des Flusses fechtenden Verbände der Heeresgruppe B sah
sich seit diesem Zeitpunkt durch den Verstoß der Amerikaner von der
direkten Verbindung nach Paris abgeschnitten178• Auch als Führungszen­
trum lag Paris mitderweile zu exponiert: Die Stäbe des OB West, der Mari­
negruppe West, der Luftflotte 3 und des Militärbefehlshabers in Frank­
reich waren gleich nach Hiders Einwilligung in ostwärtiger Richtung abge­
rückt. Die Seinebrücken spielten nunmehr für deutsche Truppenbewegun­
gen keine Rolle mehr, da auch der Strom von in der Normandie zerschla­
genen Divisionsresten und sonstigen Versprengten, die hier die Ufer wech­
selten, allmählich versiegte179• eue Verbände, die die Übergänge in Rich­
tung Front hätten überqueren können, waren nicht mehr zu erwarten.
So gesehen bot Paris nun keine direkten Vorteile mehr für die deutsche
Kampfführung.
In Hitlers Sicht jedoch kam der Stadt vitale Bedeutung zu: Er nahm an180,
daß die Befreiung der französischen Metropole ein zentrales Anliegen des
alliierten Operationsplans sei und deshalb mit einem Schwer punktangriff
auf Paris gerechnet werden müsse. Konzentrierte man nun deutscherseits
hier die Defensivmaßnahmen, ja gelänge es, den Alliierten einen kostspie­
ligen und zeitraubenden Straßenkampf aufzuzwingen, dann konnte even­
tuell die Durchschlagskraft der gegnerischen Offensive absorbiert, zumin­
dest aber das Tempo des Vordringens erheblich beeinträchtigt werden 181•
Aus diesem Grund gehörte es zu den wichtigsten Aufgaben Models, wie
Hitler am 20. August befohlen hatte, »einen Brückenkopf westlich Paris
zu behaupten« und »notfalls[...][den] Kampf um und in Paris ohne Rück­
sicht auf die Zerstörung der Stadt zu führen«182•
Hitlers Hoffnungen auf einen weitreichenden Abwehrerfolg und seine dar­
aus resultierenden Befehle ließen sich militärisch solange rechtfertigen, wie
das alliierte Vorgehen den eigenen Erwartungen entsprach. Spätestens seit
dem 22. August war jedoch offensichtlich, daß die Amerikaner andere Ab­
sichten hegten. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie sowohl nördlich wie auch
südlich Paris die Seine bzw. Seine und Yonne forciert183• Die Brücken in

177
Hesse, Paris, MS-B-611, S. 12 ff.
178
In der acht vom 18./19. 8. hatten Teile des XV. US-Korps die Seine zwischen
Mantes-Vernon erreicht und somit die letzten Verbindungswege wesdich des
Flusses durchschnitten, KTB H.Gr.B vom 19. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 37.
179
Choltitz, Paris, S. 44.
tso
Diese Annahme w urde auch durch Feindbeurteilungen der Ic-Abteilung des
OB West anfangs unterstützt, Ic-Tagesmeldung vom 15. 8.1944, lc-Nr. 5726/44,
RH 19 IV/137, S. 64ff.
181
Warlin1ont, Siegfriedline, MS-ETHINT 1, S. 43.
l82
Gez. AdolfHitler, WFSt Op. r. 772956/44 vom 20.8. 1944, zit. nach: O bkdo
H. Gr. B I a Nr. 6352/44, RH 19 IX/7, S. 30ff.
1
3 KTB H. Gr. B vom 20. und 22.8.1944, RH 19 IX/88, S. 42 und 86.
152 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

der Stadt konnten also kaum noch lohnender Anreiz für einen Schwer­
punktangriff sein. V ielmehr deutete alles darauf hin, daß die Amerikaner
Paris einfach »aussparen« würden. Hitlers Absicht, die Metropole zur
umkämpften Bastion der Seine-Yonne-Linie werden zu lassen, hatte sich
damit zerschlagen. Dennoch bestand er weiterhin auf der Verteidigung um
jeden Preis. Dazu trieben ihn nun nicht nur vermeintliche militärische
Erfordernisse, sondern auch die Erkenntnis, daß die Stadt »von entschei­
dender [...] politischer Bedeutung« sei. Außerdem, so fügte er seinem Befehl
vom 23. August düster orakelnd hinzu: »In der Geschichte bedeutete der
Verlust von Paris [...] immer den Fall von ganz Frankreich184.« Wenn dies
auch zutreffen mochte - sicher würde der Verlust von Paris in der Welt­
öffentlichkeit und vor allem von den Franzosen als das Sy mbol der deut­
schen Niederlage im Westen gewertet werden und die W iderstandskräfte
stärken -, so hatte Hitler nun die militärische Argumentationsbasis ver­
lassen. Je mehr er sich auf diese Weise vom realen Kampfgeschehen ent­
fernte, desto radikaler, ja irrationaler wurden seine Anordnungen. Der letzte
Satz seines Befehls vom 23. August verdeutlichte dies: »Paris darf nicht oder
nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen18 5.<<
Dabei hatten die Alliierten zunächst gar nicht die Absicht, die Stadt über­
haupt anzugreifen. Den vor Invasionsbeginn erstellten Studien des Pla­
nungsstabs zufolge sollte Paris wegen des hier erwarteten starken gegneri­
schen W iderstands vom Vormarsch ausgespart und dann im »Rücken«
umschlossen werden. Unter diesen Umständen blieb die unausweichliche
Kapitulation der eingeschlossenen deutschen Kräfte nur eine Frage der
Zeit186• Grundsätzlich dachte man auch Mitte August in den alliierten Stä­
ben nicht anders. Nur war jetzt zu dem Argument einer potentiell star­
ken deutschen Verteidigungsposition ein anderer gewichtiger Gesichtspunkt
hinzugekommen, der gegen eine auf Paris zielende Operation sprach.
Obwohl sich bereits erste Anzeichen der kommenden Nachschubkrise
bemerkbar machten, hatte sich Eisenhower am 19. August ja dazu ent­
schlossen, die Offensive nach Zerschlagung der noch westlich der Seine
stehenden gegnerischen Kräfte sofort über den Fluß hinweg fortzusetzen.
In diese, von gewachsenem Optimismus gekennzeichneten Tage fiel gleich­
zeitig ein erster Höhepunkt der Strategiekontroverse unter den alliierten
Oberbefehlshabern. Zum Gegenstand langwieriger Diskussionen, vor allem
zw ischen Eisenhower und Montgomery, wurde das geeignete Prozedere,
wie der in vermeindich greifbare Nähe gerückte endgültige deutsche Zusam­
menbruch herbeizuführen sei. Beeindruckt vom Ausmaß der Erfolge in

ts-1OKW/WFSt/Op (H) Nr.772989/44 vom 23.8.1944 nach H. Gr. B Ia


Nr.6355/44, RH 19 IX/7, 5.40.
I 5 Ebd.
t86 SHAEF-Planning Staff-Studie vom 30.5. 1944, Post-OVERLORD-Pianning, Blu­

menson, Brcakout, S. 590.


II. Die Ereignisse um Paris 153

der Normandie richtete sich der Blick bereits auf den Rhein187• Unter die­
sen Auspizien kam der Befreiung von Paris allenfalls zweitrangige Bedeu­
tung zu, mittler weile war sie militärisch sogar unerwünscht. So hatte die
in Eisenhowers Stab für Logistik zuständige G +Führungsabteilung schon
seit Anfang August vor den mit der Einnahme der Stadt verbundenen Im­
plikationen gewarnt. Ihrer Beurteilung zufolge konnte hieraus ein ernstes
Handicap für die Fortführung des Vormarschs über die Seine entstehen 188•
Da man den täglichen Bedarf der Stadt an Versorgungsgütern auf etwa 4000
Tonnen veranschlagte189, erschien es sinnvoll, Paris zumindest solange aus­
zusparen, die Offensive also an der Stadt vorbeizuführen, bis die Bahnli­
nien aus der Bretagne (obwohl man dort noch über keinen leistungsfähi­
gen Hafen verfügte) wie der Normandie repariert und weiterhin die Häfen
Rouen und Le Havre in eigener Hand waren 190• Erst Ende Oktober 1944,
so hatten die Planer berechnet, stand die Einnahme von Paris dem eige­
nen Operationsfluß nicht mehr im Wege 19 1•
Anderenfalls lief man Gefahr, die Überlastung des bereits erheblich stra­
pazierten US-Transportsystems und damit ernste Nachschubeinschränkun­
gen für die Fronttruppe zu riskieren. Diese Problematik vor Augen, betonte
Montgomery noch am 20. August (in Übereinstimmung mit Eisenhower),
die französische Metropole solle erst dann befreit werden, wenn es aus mili­
tärischer Sicht heraus vertretbar sei 192• Das logistisch fundierte Argument
wurde nach Auffassung Roosevelts durch die politischen, mit der Person
de General de Gaulies verbundenen Vorbehalte ergänzt. Im Zusammen­
hang mit der Befreiung Frankreichs bestand Eisenhowers Aufgabe ledig­
lich darin, günstige Voraussetzungen für die Bildung einer freigewählten
repräsentativen französischen Regierung zu hinterlassen 193• Nach lange
vertretener amerikanischer Auffassung schien aber die Einnahme von Paris
der Bereitung jener Voraussetzungen eher abt räglich zu sein194•
De Gaulle, dessen demokratische Legitimation zumindest angezweifelt wur­
de, wollte man die Gelegenheit noch versagen, seine von der OS-Admini­
stration nicht anerkannte Provisorische Regierung im Zentrum Frankreichs
zu etablieren und damit ein fait accompli zu schaffen. Die Amerikaner
zeigten sich wenig geneigt, präjudizierend zur Stabilisierung einer Regie­
rung beizutragen, die ihrer Meinung nach nicht den Mehrheitswillen des
französischen Volkes repräsentierte und so womöglich die Gefahr eines

1 7 Blumenson, Breakout, S. 632.


1
Ruppenthai, Support, I, S. 483 ff.
189 Blumenson, Breakout, S. 590.
l90 Pogue, Supreme Command, S. 257.

191 Ruppenthal, Support, I, S. 486.


192 Direktive Montgomerys M-519 vom 20. 8. 1944, in: Pogue, Supreme Command,
S. 240.
19} Brief Marshalls an Eisenhower vom 17. 3. 1944, ebd., S. 145.
19-4 Blumenson, Breakout, S. 591.
154 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Bürgerkriegs provozierte. Auch deshalb hatte man während der Planungs­


phase dem »Paris-Problem« eine eher dilatorische Behandlung zugedacht.
Erst mit einer eubewertung der inneren Lage Frankreichs wurden die
tiefsitzenden Vorbehalte gegenüber de Gaulle allmählich abgemildert, wenn
auch ein gegen eitiges Mißtrauen stets erhalten blieb. So äußerten die Com­
bined Chiefs of Staff am 17. August schließlich, keine Einwände mehr gegen
den Einzug des Franzosen in ein befreites Paris zu haben, wiesen Eisen­
hower aber gleichzeitig an, de Gaulle als kommandierenden Oberfehlsha­
ber der französischen Streitkräfte - also nicht etwa als Regierungschef­
zu empfangen195•
Letztlich jedoch wurden alle gegen die frühzeitige Befreiung von Paris spre­
chenden Einwände und Argumente aufgrund des Drucks von französischer
Seite und der sich hier entwickelnden Eigendynamik über den Haufen
geworfen. Bleibt es angesichts der politischen Divergenzen auch proble­
matisch, im gegen die Okkupation kämpfenden französischen Lager all­
gemein akzeptierte Ziele und Vorgehens\veisen oder gar konsistente »Pla­
nungen« auszumachen, so ist zumindest der Grundkonsens erkennbar, bei
der iederringung des Deutschen Reiches den französischen Anteil an der
Koalitionskriegführung noch möglichst groß zu gestalten196• Unter die­
sem gemeinsamen enner konnten solch verschiedene Triebkräfte vereint
werden wie das mehr emotional begründete, auf Wiederherstellung des
Prestiges und ationalstolzes abzielende Streben; weiterhin eine Richtung,
deren Reservatio mentalis eher im gleichzeitigen Erwerb innenpolitischer
Schlüsselpositionen verborgen lag; sowie die Strömung, die darüber hin­
aus bereits die W iedererrichtung Frankreichs als Großmacht anvisierte.
Bei der Befreiung des eigenen Territoriums, vor allem natürlich der Haupt­
stadt, mußten die dem Land verbliebenen Mittel in besonderer Weise in
Erscheinung treten, ja bisweilen demonstrativ unabhängig von den Pla­
nungen der Verbündeten eingesetzt werden 197• So blieb es im französi­
schen Lager unumstritten, daß die Widerstandsbewegung in Paris vor dem
Eintreffen regulärer Truppen zu den Waffen greifen sollte198• Dabei exi­
stierten jedoch zwei Unsicherheitsfaktoren, die letztlich aber mitbestimm­
ten, welchen Lauf die Dinge nehmen würden: Weder waren die Paris betref­
fenden zeitlichen Dispositionen der Alliierten bekannt, noch potentielle
deutsche Reaktionen mit genügender Gewißheit einschätzbar199• Hoff­
nungen und Ängste fanden gleichermaßen ahrung. Vereinfachend for-

195 CCS to Eisenhower vom 17.8.1944, in: Pogue, Supreme Command, S. 241 ff.
196 Matloff, Planning, S. 501.
197 Statement de Gaulles vom 27.3.1944: »Frankreich, das der Welt die Freiheit
brachte[... ] benötigt keine auswärtigen Ratschläge in der Frage, \vie die Frei­
heit zu Hause zu rckonstituiercn ist.« Über etzt nach Pogue, Supreme Com­
mand, S. 145.
t9 Michel, Pari , S. 294.

a99 Ebd., S. 286.


II. Die Ereignisse um Paris 155

muliert, schwankte man zwischen den Extremen, ob Paris eine ähnlich


unblutige Befreiung bevorstand, wie sie Rom im Juni erlebt hatte, oder
ob die Stadt das Schicksal des aufständischen, aber isolierten Warschaus
ereilte, das mit der auf verlorenem Posten kämpfenden ))Armija Krajowa«
der Zerstörung entgegenging. Für de Gaulles Ambitionen erschien es
wesentlich, daß sich die Befreiung »unter dem Zeichen einer militärischen
und nationalen Operation«200, das heißt durch eine in enger Koppelung
mit militärischem Beistand von außen201 stehende Erhebung vollzog.
eben seinem demonstrativen Charakter maß de Gaulle dem Aufstand
selbst nur die Bedeutung eines auslösenden Moments zu. Er sollte erst zum
befohlenen Zeitpunkt entfesselt werden, möglichst kurz sein, ))diszipliniert«
verlaufen und eine baldige Rückkehr zur Normalität - unter der Ägide ei­
ner von de Gaulle geführten Provisorischen Regierung - ermöglichen202•
Sein Wunsch, die Insurrektion solchermaßen begrenzt und kontrollier­
bar zu halten, hing mit dem grundsätzlichen Mißtrauen gegenüber der
Resistance zusammen, die im noch besetzten Teil Frankreichs vorerst sei­
nem unmittelbaren Einfluß entzogen blieb. Die besondere Tradition von
Paris als Stadt der Revolution mochte diese skeptische Haltung noch unter­
mauern. Tatsächlich stand die dortige W iderstandsbe,vegung unter entschei­
dendem Einfluß der Kommunisten. Sie verfügten über Schlüsselpositio­
nen in der Hierarchie der lokalen politischen Resistanceorganismen wie
auch in den FFP03• Das Bedürfnis autonomen Handels, vor allem an der
Basis, hatte nicht ausgeschaltet werden können204• Dies galt besonders für
die vorwiegend aus Kommunisten und Gewerkschaftsmitgliedern (CGT)
bestehenden »Franc T ireurs et Partisans« (FTP), dem schlagkräftigen Kern
des bewaffneten Pariser W iderstands. Ihr Kommandeur, Rol-Tanguy, ein
schon bei den ))Internationalen Brigaden« in Spanien bewährter Kämpfer,
übte gleichzeitig die Funktion des regionalen Befehlshabers der FFI aus.
Die von dieser Seite propagierte Absicht, mit Hilfe eines spontaner revo­
lutionärer Dynamik Raum lassenden Massenaufstandes den Erfolg und
damit wohl auch präjudizierend den Besitz wichtiger Machtpositionen zu
sichern205 - diese eher innenpolitisch als militärisch motivierte Orien­
tierung bedrohte die Pläne der Provisorischen Regierung. Hitlers Sentenz
von der ))entscheidenden politischen Bedeutung« der Stadt Paris und ihrer
Schlüsselfunktion für die Lage im Gesamtfrankreich gewann so, wenn auch
unter anderen als den intendierten Voraussetzungen, an Aktualität. Dunkle
Reminiszenzen an den Pariser Kommuneaufstand ließen de Gaulle versu-

2oo De Gaulle, Memoiren, S. 270.


2o1 Mit Zustimmung Eisenhowers '-var hierfür bereits seit Anfang 1944 die 2. Fran-
zösische Panzerdivision eingeplant, vgl. Pogue, Supreme Command, S. 239.
2o2 Michel, Paris, S. 295.
20J Ebd., S. 286.
2o.. Ebd., S. 264.
20S Ebd., s. 297 ff.
156 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

chen, die lokalen Resistanceorgane in seinem Sinne zu beeinflussen, um


zu verhindern, daß die Stadt zur »Beute der Anarchie« würde206• Seine Be­
mühungen, die Widerstandsbewegung durch persönliche Vertraute wie
Chaban-Delmas als» ationalem Militärdelegierten« vor Ort »auf Kurs« zu
bringen, scheiterten jedoch. Die von außen übergestülpte Befehlshierarchie,
von London bzw. Algier aus dirigiert, erwies sich als nicht stark genug, um
den autonom agierenden Resistancegruppen ihren Willen aufzuzwingen.
Mit der am 19. August öffentlich proklamierten allgemeinen Insurrektion
hatte die kommunistische Partei einen Anfangserfolg errungen207•
Doch zeigte sich bald, daß die FFI-Kräfte allein zwar beträchtliche Unruhe
entfachen, nicht jedoch die Deutschen aus der Stadt vertreiben konnten.
Zahlreiche Emissäre aus Paris, darunter auch eine Abordnung des FFI-Chefs
Rol�anguy208, trafen nun bei den in der Nähe liegenden alliierten Stäben
ein und drängten auf die Entsendung regulärer Truppen. Angesichts der eige­
nen Schwäche bildete wohl die Furcht vor einem deutschen Gegenschlag das
Hauptmotiv dieser Aktionen209. Wie sein am 21. August verfaßtes Schrei­
ben zeigt, war de Gaulle jedoch, der den so ausgeübten französischen Druck
durch nahezu ultimative Forderungen gegenüber Eisenhower verstärkte und
damit zur Modifikation der alliierten Operationspläne entscheidend bei­
trug, von anderen Erwägungen geleitet. Mehr als aufgrund deutscher Reak­
tionen entstehende militärische Probleme fürchtete de Gaulle nach wie vor
die mit dem Aufstand verbundenen politischen Implikationen. Die hieraus
resultierende Gefahr schätzte der Franzose immerhin so groß ein, daß er zu
unkonventionellen Maßnahmen bereit war, ja notfalls das Mittel der Insub­
ordination ergreifen wollte. Eisenhower sollte endlich den Marsch auf Paris
freigeben- nur unter dieser Bedingung schien de GauBe die Wiederherstel­
lung geordneter Verhältnisse gewährleistet. Selbst Zerstörungen in der Stadt,
mit denen im Falle von Kampfhandlungen gerechnet werden mußte, waren
in seinen Augen nebensächlich. Beugte sich der alliierte Oberbefehlshaber
diesem Anliegen nicht, dann, so versicherte ihm de Gaulle, werde er selbst
der 2. Französischen Panzerdivision des General Leclerc den Angriffsbe­
fehl erteilen210. Tatsächlich hatte Leclerc zu diesem Zeitpunkt bereits gegen
die Weisungen seiner US-Vorgesetzten ein Vorkommando nach Paris ent­
sandt211. Am 22. August schließlich stand Eisenhowers mit den Worten:
»Wie es scheint, sind wir gezwungen, in Paris einzumarschieren«212, gefaß-

206 De Gaulle, Memoiren, S. 277.


207 Michel, Paris, S.312.
2os Blumenson, Breakout, S.602.
209 Michel, Paris, S.316ff.
210 Brief de Gaulies an Eisenhower vom 21. 8., vgl. Pogue, Supreme Command,
S. 240; Blumenson, Breakout, S. 599; de Gaullc, Memoiren, S. 273 ff.
211 Blumenson, Breakout, S.600ff.
212 Übersetzt nach handschriftlichen otizen Eisenhowers auf dem an ihn gerich­
teten Brief de Gaulles vom 21. 8., vgl. Pogue, Supreme Command, S. 240ff.
ll. Die Ereignisse um Paris 157

cer Entschluß fest, dem W illen der Franzosen zu entsprechen. Seine Ent-
cheidung, auch darin begründet, dem amerikanisch-französischen Verhält­
nis eine schwerwiegende Belastung und insbesondere der Koalitionskrieg­
führung eine weitere Kontroverse zu ersparen, wurde ihm in militärischer
Hinsicht nun zumindest erleichtert. Mittlerweile rechnete man wenigstens
nicht mehr mit langwierigen Straßenkämpfen213• Durch die nicht immer
korrekten Resistanceinformationen gestützt, hatte man in Eisenhowers
Stab darüber hinaus Grund zur Annahme, Choltitz würde mit seiner Gar­
nison das Feld räumen, sobald alliierte Truppen die Stadtgrenzen über­
schritten214.

2. Choltitz, die deutsche Führung im Westen und die Lageentwicklung


in Paris bis zum 23. August

Eine der Folgewirkungen des 20. Juli hatte darin bestanden, daß Hitler
einen neuen Stadtkommandanten für Paris ernannte. Seine Wahl fiel auf
den General der Infanterie Dietrich v. Choltitz, der fortan den imposan­
ten Titel »Kommandierender General und Wehrmacht-Befehlshaber von
Groß-Paris« führte, ein T itel, hinter dem sich allerdings-wie sich zeigen
sollte - sehr wenig militärische Macht verbarg.
Der kleine, energisch wirkende Sachse215, mittlerweile im 50. Lebensjahr
stehend, hatte den Kriegsbeginn als Bataillonskommandeur im Infante­
rieregiment 16 erlebt. Im Mai 1940 konnte er sich an der Spitze seines
Bataillons bei den Luftlandeoperationen in Holland auszeichnen. Den wohl
größten Augenblick seiner militärischen Karriere stellte die erfolgreiche
Teilnahme an der Belagerung von Sewastopol im Sommer 1942 dar. Wenig
später wurde Choltitz - inzwischen Divisionskomn1andeur (260. Inf.
Div.) -zum Generalmajor befördert. Nach weiteren Verwendungen auf
dem russischen Kriegsschauplatz erhielt der General im Juni 1944 das Kom­
mando über ein Armeekorps an der Invasionsfront (LXXXIV. AK). Hier
fehlte ihm jedoch die Fortune, die seinen bisherigen Werdegang ausgezeich­
net hatte: In seinem Befehlsabschnitt erfolgte Ende Juli der Einbruch der
Amerikaner, der sich wenige Tage darauf zum Durchbruch von Avran­
ches ausweitete. Obwohl persönlich an dieser Entwicklung schuldlos, e_nt­
band ihn der OB West, Generalfeldmarschall v. Kluge, sofort von seinem
Kommando. Dennoch stand Choltitz, und das war für Hitler in dieser
Zeit das entscheidende Kriterium, im Ruf eines »starken« Mannes216, sei­
ne W iederverwendung blieb damit nur eine Frage der Zeit.

213 Eisenhower, Kreuzzug, S. 348.


214 Das sollte Choltitz durch einen zu ihm gesandten US- achrichtendien t-Offi­
zier nahegelegt werden vgl. Blumenson Breakout, S. 604.
215 ZDF-Protokolle, Interview mit Militärrichter Roskothen, S. 12.
216 Hesse, Paris MS-B 611, S. 14.
158 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Tatsächlich aber hatte der General die »Schlimme Zeit in der Norman­
die«217 - am 15. Juli sprach er »VOn einer ungeheuren Blutmühle«, wie
er sie »noch nie in 11 Kriegsjahren erlebt« habe218 - mit der psycholo­
gisch niederdrückenden Überlegenheit der Anglo-Amerikaner - sein
Armeekorps war allein schon durch die Bombenteppiche ohne jede Ab­
wehrchance sturmreif geschlagen worden- wohl noch nicht seelisch bewäl­
tigt. Folgt man Choltitz' Memoiren, so wirkte auch der Besuch im Füh­
rerhauptquartier am 7. August 1944 alles andere als moralisch stärkend,
vielmehr erschütterte das Verhalten Hitlers sein Vertrauen in die oberste
Führung219• Diese Faktoren müssen sicherlich ebenso wie der infolge eines
Herzleidens angegriffene Gesundheitszustand bei Erklärungsversuchen sei­
nes späteren Verhaltens mitberücksichtigt werden.
Zunächst schien Hitlers Auftrag den neuen >;wehrmacht-Befehlshaber« aber
keinen allzu großen Belastungen auszusetzen. Choltitz sollte in Paris vor­
nehmlich Ruhe und Ordnung aufrechterhalten, alle sogenannten Etappen­
erscheinungen beseitigen und die Stäbe nach kampffähigen Männern »aus­
kämmen<�0. Mit dem raschen alliierten Vormarsch trat jedoch neben die­
sem Aufgabenbereich das Problem in den Vordergrund, wie die Stadt gegen
Angriffe von außen verteidigt werden könne. Richtungsweisend und für
die folgenden Ereignisse von weitreichender Bedeutung waren die Vorstel­
lungen des damaligen OB West Kluge, der richtig analysierend nicht mit
einem alliierten Schwerpunktstoß auf Paris rechnete221• Er stellte aus­
drücklich fest, die Verteidigungsanseregungen hätten sich ganz auf den west­
lich der Stadt verlaufenden »Sperrgürtel« zu konzentrieren222•
Hier war durch Feldstellungen und Panzersperren an den Ausfallstraßen
sowie durch die fest versoekelten 8,8 cm-Batterien des Pariser Flakrings223
zumindest die Chance gegeben, gegnerische Aufklärungsspitzen abzuweh­
ren. Einen Straßenkampf, überhaupt Gefechte in der Stadt, wollte Kluge
vermeiden. Die Auslösung sogenannter »Lähmungs- und Zerstörungsmaß­
nahmen«- bei Rückzugoperationen durchaus üblich, um das Nachdrän­
gen des Gegners zu verzögern - machte der Generalfeldmarschall für Paris
explizit von seinem Befehl abhängig224.
Um die Entwicklung jederzeit im Griff zu behalten und selbständige Aktio­
nen zu unterbinden, unterstellte er sich den »Wehrmacht-Befehlshaber« un­
mittelbar. Auch nach der Ablösung Kluges blieb Choltitz weiterhin pein-

217 Choltitz, Paris, S. 7.


21s Wilmot, Kampf, S. 409.
2t9 Choltitz, Paris, S. 9 ff., und Choltitz, Soldat, S. 231.
22o OB West Ia Nr. 6454 vom 8. 8.1944, RH 19 IV/52, Anlage 1219, S. 316 ff.
221 RH 19 IV/53, Anlage 1324 vom 12. 8., S. 55.
222 Befehl Kluges vom 17. 8. 1944, H.Gr. B Ia Nr. 6232/44, zit. nach: OB West
Ia r. 6960/44 vom 18. 8.1944, RH 19 IV/53, S. 287.
223 Ziegelmann, 352. Inf. Div., MS-B-741, S. 11.
224 OB West Ia N r. 6960/44 vom 18. 8., RH 19 IV/53, Anlage 1505, S. 287.
II. Die Ereignisse um Paris 159

liehst bemüht, den Intentionen des ehemaligen OB West zu folgen225• Der


neue Oberbefehlshaber Model, gerade erst in Frankreich eingetroffen, hatte
nicht die Zeit, sich eingehend um das eher sekundäre Paris-Problem zu
küm mern.
Damit standen die Prioritäten fest: Die Masse der im Raum Paris verfügba­
ren 20000 Mann226 wurde westlich der Stadt eingesetzt. Vor dem »Sperr­
ring« befanden sich noch Restteile der zerschlagenen 352. Infanteriedivi­
sion227. Für eine nachhaltige Verteidigung des rund 45 km langen Sperr­
gürtels konnten weder diese noch die zwei hier eingesetzten Regimentsgrup­
pen unter dem Befehl des Oberstleutnants v. Aulock - schon im Hin­
blick auf ihre heterogene provisorische Zusammensetzung- ausreichen.
Diese Problematik war den höheren Stäben durchaus vertraut. Schon am
16. August hatte man dort konstatiert, der Gegner sei jederzeit in der Lage,
in die nur schwach besetzten Verteidigungsstellungen einzudringen228• Was
im Falle eines Angriffes geschehen sollte, darüber bestand bei den Stäben
im Westen keine Klarheit. Jedenfalls war es, wie ein Telefongespräch zwi­
schen den Generalstabschefs Blumentritt und Speidei beweist, durchaus
zweifelhaft, ob die Stadt Paris überhaupt verteidigt werden sollte229•
Von hier aus stand also, hatte der Sperrgürtel seinen zeitbringenden Zweck
erfüllt, einer kampflosen Räumung der Metropole nichts im Wege. Der Ge­
danke, Paris könne ebenso wie Rom zur »offenen Stadt« erklärt werden
- obwohl die Alliierten dies damals nicht honoriert hatten230 -, mag da­
bei eine Rolle gespielt haben. Choltitz' ursprünglicher Auftrag, die Bewah­
rung stabiler innerer Verhältnisse, wurde mitderweile um so schwieriger,
je mehr sich die seit geraumer Zeit unterschwellig gärende Unruhe in der
Stadt steigerte und zum Ausbruch drängte. Für den Stimmungsumschwung
in der Bevölkerung, die sich trotz der alliierten Erfolge in der Normandie
zunächst weiterhin abwartend verhalten hatte, war unter anderem die unzu­
reichende Lebensmittelversorgung von katalysatorischer Bedeutung. lnfolge
der zerstörten Bahnlinien erreichten nur noch unregelmäßig Nahrungsmit­
teltransporte- auf dem Straßenweg- Paris, das ohnehin im Westen ja von
seinem Zuliefergebiet abgeschnitten war231. Zudem brach das französische
))Ravitaillement general«232, das bisher die Verteilung der wenigen eintref-

225
Gez. v. Choltitz, Kommandanturbefehl Nr. 32/44 vom 18. 8.1944, RH 36/51,
s. 40ff.
226 G
cz. Model, H.Gr. B Ia Nr. 6390/44 vom 21.8.1944, RH 19 IX/7, S. 33ff.
227 Gez. v. Aulock, Kampfgruppenbefehl Nr. 2 vom 18. 8.1944, RH 36/51, S. 42 ff.

228 Ferngespr. Blumentritt-Speidel vom 16. 8., 15.40h, RH 19 IV/88, S. 9.

229 Ferngespr. Blumentritt-Speidet· vom 17. 8., 2.50 h, RH 19 IX/88, S. 17 ff.

no Hierzu u. a. Hauptmann d. R. Dr. Cartellicri in: KTB OKW, IV/1, S. 501 ff.
2ll
Michel, Paris, S. 287 ff.
232
Gez.. Eckelmann, gez. Dr. Reinhardt (Militärverwaltung), gez. v. Choltüz: Be­
richt über die Ernährungslage von Paris vom 23. 8.1944, RW 35 /1137. Der
Bericht wurde an Model persönlich übersandt.
160 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

fenden Güter in Zusammenarbeit mit deutschen Dienststellen übernom­


men hatte, zusammen bzw. wurde von der W iderstandsbewegung außer
Kraft ge etzt. Paris stand am Rande einer Hungersnot. Andererseits trie­
ben Gerüchte, denen zufolge etwa die arbeitsfähige männliche Stadtbevöl­
kerung deportiert werden sollte233 - dies war tatsächlich in einer Bespre­
chung in der Reichskanzlei für etwa 100000 bis 200000 Mann erwogen
worden23.. -, immer mehr Menschen in die Arme des militanten W ider­
stands. Den zu diesem Zeitpunkt mehr als 20000, allerdings spärlich bewaff­
neten Angehörigen der FFF35, hatte Choltitz, insbesondere nachdem der
»Schwerpunkt« in den äußeren Sperring gelegt war, nur noch wenig ent­
gegenzusetzen. Die 1942 aufgestellte 325. Sicherungsdivision, deren vier
Regimenter ( r. 1, 5, 6, 190)236 dem Kommandanten von Groß-Paris
ursprünglich die Abwehr innerer Unruhen ermöglichen sollten, existier­
te als solche nicht mehr. Choltitz standen nur noch zwei Bataillone
(11./Sich. Rgt. 190, Technisches Bataillon 17 sowie zwei Kompanien des
Sich. Rgt. 5 und Rest der Reserveflakabteilung 317231) verstärkt durch eini­
ge Panzer, darunter französische Typen aus dem Ersten Weltkrieg238, als
taktische Reserven zur Verfügung. Das desolate Bild der Verteidiger inner­
halb der Stadt, in gesamt wohl etwa 5 000 Mann, wurde vervollständigt
durch vier sogenannte »Alarm-Bataillone Paris<<, zum Teil aus rasch in
Wehrmachtsuniformen gesteckten Militärverwaltungsbeamten gebildet, die
sich in zahlreichen zu sogenannten Stützpunkten umgebauten Gebäuden
in der Stadt verschanzten239• Sollte es zu Gefechten kommen, lagen ent­
scheidende Vorteile auf seiten der nach Guerilla.:Yaktik kämpfenden FFI.
Sie vermochten jederzeit plötzlich aus der Bevölkerung heraus aufzutau­
chen und nach Beendigung ihrer Aktionen ebenso schnell wieder dort zu
ver chwinden. Solchermaßen in seinen militärischen Optionen beschränkt,
blieb Choltitz nur noch der Versuch, die spannungsgeladene Atmosphäre
auf andere Weise zu entschärfen. So war wenigstens Zeit zu gewinnen, bis
entweder vom Führerhauptquartier aus die Räumung von Paris gestattet
wurde -diese Möglichkeit kam ja für die Führungsstäbe im Westen offen-

233 Michel, Paris, S. 289.


234 Protokollbesprechung Reichskanzlei vom 11. 7. 1944 gez. Lammers, Der Pro­
zcß, XI, S. 394.
2JS Die Zahlenangaben sind un ichcr: Blumenson, Breakout, S. 595 ff., spricht von
20000; de Gaulle, Memoiren, S. 271 von 25000; Michel, Paris, S. 301, nennt
ver chiedene Quellen, die für die Region Pari zwischen 30000 und 70000 FFI­
Mitgliedern schwanken. Als Grund der nur geringen Waffenausstattung gibt
Michel, S. 303 ff., unter anderem eine gewisse Zurückhaltung der Alliierten an,
die kommunisti eh geführte Stadtguerilla zu armieren.
236 Tessin, Verbände, 9, S. 157.
2}7 Kdtr.-Befehl 32/44 vom 18. 8. 1944, RH 36/51 S. 40 ff.
23 Choltitz, Pari , S. 18.
n9 RW 4/v. 828, W FSt/Op (H) We t Führerhauptquartier vom 5. 11. 1944; Hes e,
Pari , M -B-611, S. 3 und 11.
li. Die Ereignisse um Paris 161

ichdich in Betracht - oder ausreichende Verstärkungen eintrafen, um dem


Widerstandsproblem repressiv zu begegnen. Auch darauf basierende Über­
legungen schienen nicht ganz aus der Luft gegriffen: Der 1. Armee, in deren
Frontabschnitt Paris lag, sollten ursprünglich neben der 48. zwei weitere
Infanteriedivisionen von der Kanalküste ( 47., 49.) zugeführt werden. Dar­
überhinaus lagen die Restteile dreier Panzer- bzw. Panzergrenadierdivisio­
nen, die hier aufgefrischt wurden, in unmittelbarer Nähe der Stadt.
Doch zunächst blieb Choltitz, sowohl was die materielle Seite als auch
seine Entschlüsse anlangte, ganz auf sich gestellt. Mit dem Abzug der Ver­
treter der V ichy-Regierung unter Lava! {17. August) und des Botschaftsper-
onais um Abetz erlebte der General in diesen Tagen die äußeren Anzei­
chen der »mindestens vorläufigen Liquidierung der deutschen Frankreich­
politik«240. W ie die übrigen hohen Stäbe verließ auch der Militärbefehls­
haber, General der Flieger Kitzinger, dessen Dienststelle über wertvolle
Erfahrungen im Umgang mit den Franzosen verfügte, Paris241. In dieser
praktisch isolierten Situation setzte Choltitz alles daran, eine drohende
Eskalation abzuwenden. Aufgrund der Kräftelage konnte das nur mit den
Mitteln des Bluffs, durch eine vorgetäuschte Position der Stärke und gleich­
zeitigem vordergründigem Entgegenkommen gegenüber den FFI erfolgen.
Auf der einen Seite faßte der General noch einmal alle greifbaren Solda­
ten zu einem letzten Demonstrationsmarsch durch Paris zusammen242
und betonte gegenüber dem Präsidenten des Stadtrats, Taittinger, jedes
Anzeichen von Aufruhr mit 55-Regimentern und Panzern im Keim erstik­
ken zu wollen243. Auf der anderen Seite bekundete Choltitz in gewissen
Punkten Verhandlungsbereitschaft. Dabei sollte der schwedische General­
konsul Raoul Nordling große Bedeutung erlangen. Über ihn hatte der deut­
sche General die Möglichkeit, den unumgänglichen Kontakt zur französi­
schen Seite und damit auch zu dem FFI herzustellen, ohne, da es sich um
eine »indirekte<< nicht aber »gesuchte« Verbindung handelte, sofort die
Glaubwürdigkeit seiner Position zu untergraben. Choltitz war also wil­
lens, ungewöhnliche Wege zu gehen, ja ihm offiziell gezogene Grenzen
je nach Sachdienlichkeit zu interpretieren. Auch als es am 19. August zu
ersten größeren Gefechten kam, ließ er nicht von diesem Grundgedanken
ab. Nordling, der die Möglichkeiten eines generellen Waffenstillstands in
Paris2.._. erörtern wollte, stieß bei Choltitz nicht auf taube Ohren. Nach­
dem der General es bereits gebilligt hatte, die in der Stadt verbliebenen
politischen Gefangenen freizulassen245, kam schließlich eine Übereinkunft

l-40Jäckel, F rankreich, S. 345.


24
1 Ferngespr. Kitzinger-Model vom 18. 8. 1944, 8.45 h, RH 19 IX/88, S. 28.
242 C
holtitz., Paris, S. 23.
243 Ebd., S. 35 ff.
2H
Eine kur zfristige Feuerpause existierte schon zur Bergung der Toten und Ver­
wundeten bei der Polizeipräfektur, vgl. Michel, Paris, S. 315.
Hs Michel, Paris, S. 310 ff.

162 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

zustande, deren Inhalt - mit gutem Grund - in deutschen Akten nur


lückenhaft Niederschlag finden konnte. Aus dem erhaltenen Material geht
zumindest hervor, daß Choltitz »über das schweizerische und schwedi­
sche Konsulat mit den neuen Machthabern in Paris«, also den FFI-Vertre­
tern, Vereinbarungen getroffen hatte246• Danach erklärte sich Choltitz
bereit, FFI-Gefangene nicht erschießen zu lassen, wenn die Waffen nie­
dergelegt, die französischen Polizisten ihren Dienst wiederaufnehmen und
die Streiks beendet würden247• Der General war sich der Brisanz selbst die­
ser scheinbar dürren Informationen durchaus bewußt. V ielsagend fügte
er hinzu »Sein Wort« gelte »nun in jedem Fall«, also auch dann wenn, wie
man bei der lc-Abteilung des OB West richtig interpretierte, >>[der] W. F. St.
nicht mit der Regelung einverstanden« sei248• Das war kaum zu erwarten,
denn zum einen schien Choltitz eine eher diplomatische Lösung anzu­
streben, was von seiten der Heeresgruppe auch sofort mit den Worten,
es mute >>eigenartig an [... ], daß eine deutsche Wehrmachtsdienststelle in
einer von der deutschen Wehrmacht besetzten Stadt Verhandlungen über
auswärtige Vertretungen führe« moniert wurde249• Zum anderen verstieß
er eindeutig gegen einen OKW-Befehl, indem er die FFI-Gefangenen eben
nicht als >>Freischärler«, sondern als Kriegsgefangene nach dem V ölker­
recht zu betrachten beabsichtigte250• Tatsächlich nahm Choltitz mit die­
ser Haltung nur etwas vorweg, das sich dann später in einigen Festungen
wiederholen sollte. In solch ungewöhnlichen Situationen wurde es näm­
lich besonders deutlich, daß Repressalmaßnahmen letztendlich nur das
Schicksal der eigenen Truppen gefährdeten, grausame Strafen schließlich
auf ihre Exekutoren zurückzuschlagen drohten. Die eigene Kräftesituation
legte ein solches Vorgehen nahe251• Die Zeiten, in denen man es sich »lei­
sten« konnte, die FFI militärisch einfach zu ignorieren, waren zumindest
in Paris vorüber. Um überhaupt Einfluß auf die weitere Entwicklung zu
behalten, sah sich Choltitz also zu einem Doppelspiel nicht nur gegen­
über der Resistance, sondern auch gegenüber seinen eigenen Vorgesetzten

246 Ferngespr. Ia Wehrmacht sbefehlshaber Groß-Paris-Ordonnanzoffizier Ia


H. Gr. B vom 20. 8., 19.00h, RH 19 IX/88, S. 49.
247 Ebd. und RH 19 IV/142, S. 166ff., Anruf von Choltitz bei Abteilung Ic/OB
West vom 20. 8., ll.10h .
248 RH 19 IV/142, S. 165ff., Ferngespr. Choltitz-Abteilung Ic/OB West vom 20. 8.,
11.10h, und Ferngespr. Major Doertenbach-Oberstleutnant Staubwasser vom
20.8., 11.17h.
249 Ferngespr. Ia \Y/. B. Groß-Paris-Ordonnanzoffizier la H. Gr. B vom 20. 8.,

19.00h, RH 19 IX/88, S. 49.


250 Nach erneutem Befehl des Wehrmachtführungsstabs vom 24. 7. sollten Resistance·
angehörige als Freischärler behandelt, d. h. liquidiert werden. Siehe OK\XI/WFSt/
Qu (Verw. 1) 2 (West) r. 05617I 44 geheim vom 24. 7. 1944, Be.lug darauf in: RH
19 IV/141, S. 254, OB West gez. Westphal, Ic/AO Nr. 6330/44 vom 17. 9. 1944.
251 Ferngespr. Ia W. B. Groß-Paris-Ordonnanzoffizier Ia H. Gr. B vom 20. 8.,

19.00 h, RH 19 IX/88, S. 50.


li. Die Ereignisse um Paris 163

gezwungen. So durfte er - in seiner herausgehobenen Dienststellung war


ihm Hitlers ständige Aufmerksamkeit gewiß252 - seinen Handlungsspiel­
raum nicht allzusehr überdehnen, sondern mußte - schon im Hinblick
auf seine Familie (Choltitz war verheiratet und hatte drei Kinder)- den
Eindruck vermitteln, alles zu tun, um die ihm erteilten Aufträge auszu­
führen. Ande�erseits war er aber offensichdich nicht gewillt, Befehlen zu
gehorchen, die die ohnehin schwie��ge Situation weiter komplizierten. Im
französischen Lager sollte mit der Ubereinkunft vom 19. August der An­
schein erweckt werden, es hänge es lediglich vom Verhalten der FFI ab,
ob Choltitz zur Ultima ratio greife oder nicht. Der »Waffenstillstand«, so
spekulierte der General, würde innerhalb der FFI Kontroversen aufwerfen,
Zwistigkeiten zwischen seinen Befürwortern und Gegnern vertiefen253
und damit den auf die Deutschen ausgeübten Druck ablenken. Choltitz,
seit frühester Jugend in soldatischer Denk- und Handlungsweise erzogen
-schließlich war seine Familie diesem Berufsstand seit acht Jahrhunder­
ten verbunden254 -, empfand diese Lage, die eher kabbalistische Talente
als militärische Entschlüsse erforderte, als »widerlich«, wie er sich später
ausdrückte255• Dennoch hatte er - wenigstens anfangs - Erfolg: Dem
>>Waffenstillstand« - wenn auch nicht immer respektiert - folgte eine
zumindest vorübergehende Beruhigung in der Stadt256• Die auf diese Wei­
se überbrückte Zeit vergrößerte seine Hoffnung, ihm könne irgendwie gear­
tete Hilfe von höherer Stelle zuteil werden.
Seit Hitlers Weisung vom 20. August, notfalls sei »der Kampf um und in
Paris ohne Rücksicht auf die Zerstörung der Stadt zu führen«257, mußte
sich diese Hoffnung allerdings auf militärische Verstärkung beschränken
- es wurde immer deutlicher, welches Schicksal man der französischen
Metropole im Führerhauptquartier zugedacht hatte.
für die folgende Zeit läßt sich in eindrucksvoller Weise die Diskrepanz
zwischen solchen Befehlen und dem vor Ort als militärisch vertretbar
Betrachteten dokumentieren. Die Verantwortlichen im Westen sahen sich
anfangs in ihren Meldungen mitunter zu einer eigenartigen Diktion ge­
zwungen, um dieses Auseinanderklaffen zu verschleiern. Formal ging man
auf den Befehlsinhalt ein, führte jedoch letztlich nur das aus, was lagebe-

252 Hitler hatte ihn mit den Befugnissen eines ))Festungskommandanten« ausge­
stattet, OB West Ia, Nr. 6454/44 vom 8. 8. 1944, RH 19 IV/52, S. 316 ff.
253 Ferngespr. Ia W. B. Groß-Paris-Ordonnanzoffizier Ia H. Gr. B vom 20. 8.,
19.00 h, RH 19 IXf88, S. 49. Zur Haltung und den unterschiedlichen Positio­
nen innerhalb des französischen Lagers siehe Michel, Paris, S. 315; de Gaulle,
Memoiren, S. 278, und Blumenson, Breakout, S. 596 ff.
25.. Choltitz, Paris, S. 90.
255 Ebd., S. 75.
256 Ferngespr. Blumentritt-1 a H. Gr. B vom 21. 8., 17.45 h, RH 19 IX/88, S. 66,
RH 19 IV/54, S. 65ff., Tagesmeldung für den 22. 8., OB West Ia Nr. 7212/44.
257 Gcz. Adolf Hitler, WFSt/Op. Nr. 772956/44 vom 20. 8., zit. nach: H. Gr. B
la, Nr. 6352/44, RH 19 IX/7, S. 30ff.
164 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

dingt als notwendig erschien. Model, der zwar die Verteidigung des Sperr­
riegels, nicht aber der Stadt für sinnvoll hielt, meldete zu Hitlers Weisung:
Paris bleibe »ein großes militärisches Problem, da bei Kampf ringsum und
gleichzeitigem Großaufstand mit den verfügbaren 20000 Mann [...] eine
militärische Behauptung nicht durchführbar« sei. Er »habe bereits für alle
Fälle den Auftrag zur Erkundung einer Not-Auffangstellung nördlich und
ostwärts Paris [ ...] [also hinter der Stadt, Anm. d. Verf.] gegeben«258•
Dies schloß ja eine bis zum äußersten gehende Verteidigung der Stadt nicht
aus, deutete aber an, worauf der OB West hinauswollte. In ähnlicher Wei­
se reagierte er auf die vom Chef des Wehrmachtführungsstabes, General­
oberst Jodl, gestellte Anfrage, ob die Seine-Brücken in Paris bereits zer-
tört seien. Der Wehrmachtführungsstab vertrete die Ansicht, »daß[der]
Kampf[ ...] ohne Rücksicht geführt [...] und die Brücken gesprengt wer­
den müssen«259• Model entschied wenig später, daß derartige Vorbereitun­
gen zwar getroffen werden sollten, schränkte aber gleichzeitig ein, wegen
der »V ielzahl der Brücken« sei >>eine vollständige Durchführung nicht mög­
lich [...]«260 - womit die militärische Sinnlosigkeit eines solchen Unter­
fangens offensichtlich war.
Bei seinen Reaktionen auf die Befehle aus Rastenburg mußte Choltitz nicht
nur ständig deren Auswirkungen auf die anscheinend wieder etwas stabi­
lisierte Situation in Paris bedenken, sondern darüber hinaus auch ihre
potentiellen Folgen für das Schicksal seiner Truppen, seiner Person selbst
und schließlich das seiner Familie. Welcher dieser Beweggründe der für
seine Entschlüsse dominierende war, läßt sich im nachhinein nicht mehr
feststellen. Auf jeden Fall beabsichtigte der General alles zu unterlassen,
was zu einer weiteren Eskalation führen konnte: Bezüglich der Brücken­
sprengungen meldete Choltitz, er sei nicht in der Lage, entsprechende Maß­
nahmen durchzuführen261• Später wies er darauf hin, daß ein ohnehin un­
realisierbares Unternehmen nur einen Großteil der »Bevölkerung in das
feindliche Lager treiben« würde262• Aus diesem Grunde lehnte er auch die
Ausstrahlung eines Aufrufs ab, der in der von Hitler gewünschten Fassung
die Bevölkerung drohend an das Schicksal Warschaus erinnern sollte263•
Hintergrund seines zumindest gegenüber den Franzosen vorsichtigen Tak­
tierens - drei gefangene Vertreter de Gaulies ließ Choltitz frei, nachdem
sie ihm zugesichert hatten, auf die Einhaltung des Waffenstillstandes« zu

258 Gez. Model Obkdo H.Gr. B Ia Nr. 6390/44 vom 21. 8.1944, RH 19 IX/7,
s. 33 f.
259 Ferngespr. Blumentritt-la H.Gr. B vom 21. 8., 17.45 h, RH 10 IX/88, S. 66,

und Ferngespr. Choltitz-Ia H.Gr. B vom 21. 8., 18.15h, ebd., S. 67.
260 Mitteilung Ia H.Gr. B an Blumentritt vom 21. 8., 19.55 h, RH 19 IX/88, S. 72 f.

261 Ferngcspr. Choltitz-Ia H.Gr. B vom 21.8., 18.15h, RH 19 IX/88, S. 67ff.

262 Ferngespr. Choltitz-Speidel vom 2 3. 8., 22 .15 h, RH 19 IX/88, S. 106.

26> Ferngespr. Choltitz und Oberst Schmidtke/StOProp-1 c Abt. OB West vom

2 0. und 2 2 . 8.1944 RH 19 IV/142, S. 166 und 173.


li. Die Ereignisse um Paris 165

drängen264 - bildete also die eigene katastrophale Kräftesituation. Die


Versuche des deutschen Generals, die Parteien im Lager des Widerstands
gegeneinander auszuspielen265, waren letztlich sinnlos, wenn die erhoff­
ten Verstärkungen nicht eintrafen.
Diese Chancen zerschlugen sich jedoch bald. Statt der erhofften Divisions­
verbände wurden Choltitz nur je eine Pionier- und Artillerieeinheit
in Bataillonsstärke266 sowie die Sturmgeschützbrigade 11 mit 20 Kampf­
"vagen267 zugewiesen. Mehr konnte Feldmarschall Model wegen der be­
drohlichen Gesamtsituation der Heeresgruppe nicht erübrigen. Zwei der
Divisionen von der Kanalküste waren sofort gegen die Seine-Brückenköp­
fe ober- und unterhalb der Stadt eingesetzt worden ( 48. und 49. lnf. Div.),
die dritte ( 47.) blieb mit von Jagdbombern zerschossenen Lokomotiven
während des Bahntransports liegen26 . Zudem hatte sich mittlerweile die
Ernährungslage innerhalb Paris dramatisch zugespitzt, so daß sich für Chol­
titz die Ausweglosigkeit seiner Situation immer klarer abzeichnete. Zwar
hatte er dafür gesorgt, daß über 4000 Tonnen Lebensmittel aus Wehrmacht­
beständen zur Verteilung an die Bevölkerung- naturgemäß in erster Linie
in den ruhigen Stadtbezirken - freigegeben worden waren269, dies aber
reichte bei weitem nicht aus. Resigniert unterrichtete Choltitz den OB
West am 23. August, die Vorräte seien spätestens Ende des Monats »restlos
erschöpft. Das Hauptnahrungsmittel Brot[... ][steht] schon in ein bis zwei
Tagen nicht mehr zur Verfügung[...]. Selbst wenn es gelingt, in Paris die
Ruhe und Ordnung völlig "viederherzustellen [... ], ist die Lebensmittel­
versorgung [...] nicht gesichert270.« Sein Doppelspiel gegenüber der Resi-
tance verlor nun an Wirksamkeit: Während infolge der alliierten Passivi­
tät am äußeren Sperrgürtel immer noch Ruhe herrschte271, hatte »die Ter­
roristenbewegung« in Paris mittlerweile »die ganze Stadt erfaßt«272.
Wie verschiedene Maßnahmen Models beweisen, gab die deutsche Füh­
rung im Westen Paris spätestens an diesem 23. August verloren273.

264 De Gaulle Memoiren, S. 277ff., und Choltitz, Paris, S. 53 ff.


l6S RH 19 IV/54, S. 99, zit. nach: OB West Ia r. 7250/44 vom 23.8.1944.
l66 Befehl Models vom 21.8. 1944, zit. nach: Ferngespr. Ia H.Gr. B-Blumentritt
vom 21. 8., 15.55 h, RH 19 IX/88, S. 72.
167 Fcrngespr. Ia AOK 1-la H.Gr. B vom 23.8., 18.35h, RH 19 IX/88, S. 102.
16 Ferngespr. Modcl-Bv.T.O. H.Gr. B vom 24. 8., 9.20h, RH 19 IX/88, S. 116.
269
OB West I a N r. 6825/44 vom 22. 8., RH 19 IV/54, S. 78.
270 Bericht über die E�nährung Iage von Pari 23. 8. 1944, S. 1-4, gez. Eckelmann
Dr. Reinhardt, Choltitz, Herrn Feldmarschall persönlich, RW 35/1137.
271 Ferngespr. Ia H.Gr. B-Ia AOK 1 vom 23.8. 17.45h RH 19 IX/88, S. 101.
l72 Tagesmeldung OB West für den 23. 8.1944, OB West Ia, r. 7259 RH 19 IV/54
S. lOOff.
273 Model befahl, der Oberquartiermei ter solle wegen der Lage Pari »möglichst
chnell« verlas en vgl. K TB H. Gr. B. vom 23. 8. 1944 RH 19 IX/88, S. 107,
Choltitz mußte den Stab der 352. Infanteriedivision und die wenigen Panzer
der Panzer-Lehr-Division die er in Pari festgehalten hatte abgeben, cbd. . 92.
166 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Die Reaktionen auf den am selben Tage aus dem Führerhauptquartier ein­
treffenden, der Situation in grotesker Weise hohnsprechenden sogenann­
ten »Trümmerfeldbefehl<< ließen nun nichts mehr an Deutlichkeit vermis­
sen. Hitlers Forderungen, bei »ersten Anzeichen von Aufruhr mit schärf­
sten Mitteln«, wie »Sprengung von Häuserblocks, öffentlichen Exekutie­
rungen« einzuschreiten274, beruhten, wie Choltitz sofort empört feststell­
te, auf einer völlig falschen Lagebeurteilung. V ielmehr sei damit zu rech­
nen, »daß Paris bald, womöglich durch den inneren Gegner, den deutschen
Armeen entrissen« werde, »da der Feind die eigene Schwäche erkannt«
habe275• Generalfeldmarschall Model vertrat am Abend die gleiche Auf­
fassung gegenüber dem Chef des Wehrmachtführungsstabes und drängte
konsequent auf eine Änderung der bestehenden Weisung. Auf die zögern­
de Antwort hin, »Paris [müsse] zunächst gehalten werden« polterte der OB
West, er erwarte »keine vorläufigen Befehle, sondern eine klare Weisung
für den Fall« des Verlustes von Paris. »Eine Millionen-Stadt« könne mit
den vorhandenen »Schwachen Kräften [nicht][...] nach innen und außen
[ ... ]verteidigt werden«. Er bestand darauf, »diese Beurteilungen klar dem
Führer zu melden«276• Doch umsonst - Hitler war nicht umzustimmen.
Damit war für Choltitz die aussichtsreichere Chance und militärisch wich­
tigere Aufgabe, Paris zu verlassen und die Verteidigung am Ostrand der
Stadt- ohne die permanente Rückenbedrohung durch die FFI- zu orga­
nisieren, endgültig vertan. Anderenfalls mußte der General, abgesehen von
seiner besonderen Dienststellung hatte er sich durch sein Verhalten und
die harsche Kritik an Hitlers Befehl bereits weit exponiert, mit dem
Schlimmsten rechnen. Die einzig bleibende Möglichkeit, diesen düsteren
Auspizien zu entgehen und gleichzeitig seinem soldatischen Empfinden
Genüge zu tun, hieß, bis zum bitteren Ende auf dem Posten auszuharren.
Um seine Truppe nicht gänzlich ungeschützt den FFI und der zu erwar­
tenden Entladung des aufgestachelten Volkszorns preiszugeben, hoffte
Choltitz, den Kampf zumindest so lange fortführen zu können, bis er regu­
lären gegnerischen Einheiten gegenüberstand277•

274 OKW/WFSt/Op (H) r. 772989/44 vom 23. 8., zit. nach: Obkdo H.Gr. B I a
Nr. 6355/44 vom 23. 8., ll.OOh, RH 19 IX/7, S. 40.
275 OB West I a Nr. 7250/44 vom 23.8. 1944 und Ferngespr. Choltitz-Model,

12.00 h, RH 19 IX/88, S. 95.


2 6
7 Ferngespr. Model-Jodl vom 23. 8., 23.50 h, RH 19 IX/88, S. 107 ff.

277 In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß Choltitz bereits die Entsen­

dung einer Delegation durch die Frontlinie zu de Gaulle gestattet hatte. Laut
seinen Memoiren hoffte er lediglich, über den französischen General auf diese
Weise auf die Respektierung des Waffenstillstandes hinwirken zu können. Es
erscheint jedoch fraglich, ob dies der einzige Zweck dieser Mission gewesen
ist. Die Möglichkeit, daß Choltitz vielmehr die Alliierten - wenn auch indi­
rekt - zur Entsendung von Truppen be\vegen wollte, ist nicht auszuschlie­
ßen, vgl. hierzu: de Gaulle, Memoiren, S. 280ff.; Michel, Paris, S. 317 ff., und
Blumenson, Breakout, S. 206.
ll. Die Ereignisse um Paris 167

). Betrachtungen zum »Fall von Paris« (25. August)

Die von Choltitz nun wohl herbeigesehnte Entscheidung ließ nicht mehr
lange auf sich warten. Am 24. August begann der Angriff zweier alliierter
Divisionen gegen den äußeren Sperrgürtel (V. US-Korps mit der 2. Franz.
P z. Div. und 4. US-Inf. D1v. sowie kleineren Einheiten278). Der Vorstoß,
dessen Speerspitze der französische Panzerverband des General Leclerc dar-
teilte, erwies sich schwieriger als erwartet. Leclerc, abermals die Weisun­
gen seines US-Vorgesetzten General Gerow nicht respektierend, traf auf
der von ihm gewählten Angriffsachse auf starken W iderstand der Sperr­
gürtel-Besatzung-279. Argwöhnische Bemerkungen von amerikanischer Sei­
te - wie die Bradleys, er wolle nicht warten bis die Franzosen nach Paris
»getanzt« seien280 -, zeugten davon, daß man hier, wohl aufgrund von
Fehlinformationen, gar nicht mehr mit einer deutschen Verteidigung ge­
rechnet hatte. Tatsächlich aber war der Weg erst nach mehrstündigen ver­
lustreichen K ämpfen frei281•
achdem Choltitz schon am späten Nachmittag gemeldet hatte, der »mit
40 Panzern durchgebrochene [Gegner][ ...] [fahre] in den Stadtkern von
Paris«282, rief er kurz darauf bei Blumentritt an, um »ausdrücklich [auf]
den Ernst der sich stündlich verschärfenden Lage in Paris« hinzuweisen283•
Feldmarschall Model hoffte wohl, Choltitz würde sich noch eine Zeitlang
in der Stadt halten und so die Aufmerksamkeit der Alliierten wenigstens
kurzfristig ganz auf die Ereignisse um Paris ziehen können. Das hätte Ent­
lastung für die vorrangigen Aufgaben, die Flußüberquerung der beiden
Armeen nordwestlich von Paris, die Organisation der Verteidigung am
Ostrand der Stadt und der Verbände Chevalleries bedeutet .
Jene merkwürdige Pattsituation zwischen den in ihren Stützpunkten ein­
geigelten und dort bisher kaum angreifbaren D eutschen und den FFI, die
Z\var das Straßenbild beherrschten, aber Choltitz' Soldaten nicht zu ver­
treiben vermochten28\ wurde jedoch durch das Auftreten regulärer alli­
ierter Verbände schnell beseitigt. Innerhalb der deutschen F ührung im
Westen gab man sich keinen Illusionen hin: Choltitz verabschiedete sich
bereits kurz vor Mitternacht bei der Heeresgruppe mit den allerdings vor­
eiligen Worten: »Dies wird wohl mein letzter Anruf sein285.« Der Fall von

27 Blumenson,. Breakout, S. 607.


279 Ebd. S. 610ff. -
0
2 Ebd., S. 613 ff.
8l
2 Die 2. Französische Panzerdivision hatte erstaunlich hohe Verluste: In der Zeit
bis zum 29. August rund 300 Mann, 35 Kampfpanzer und 111 Kraftfahrzeuge,
vgl. Blumenson, Breakout, S. 614.
2 2 Ferngespr. Choltitz-Speidel vom 24. 8., 17.45 h, RH 19 IX/88, S. 120.
2 3 Fcrngespr. Choltitz-Blumentritt vom 24. 8., 18.55 h, RH 19 IX/88, S. 123.
84
2 M ichel, Parjs, S. 316; Choltitz, Paris, S. 97 ff.
8
2 5 Ferngespr. Choltitz-1 a H. Gr. B vom 24. 8., 23.25 h, RH 19 IX/88, S. 126 ff.
168 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Paris - Leclercs Einheiten standen schon am Place de L'Etoile und am


Palais du Luxembourg286 - blieb lediglich eine Frage von Stunden. Vor
dem nahen Ende mußte Choltitz jedoch noch alles versuchen, um den
Anschein, nach Kräften stets den Intentionen der obersten Führung gefolgt
zu sein, wahren zu könnc'l. Wohl aus diesem Grunde orientierte er Spei­
dei kurze Zeit nach seinem vermeintlichen »Abschiedsanruf«, »der Befehl
zum Sprengen der Seine-Brücken [zumindest] im Ostteil von Paris [sei]
erteilt worden«287• Wenn auch nicht nachprüfbar, so handelt es sich hier­
bei höchstwahrscheinlich um einen sogenannten »Kriegstagebuch-Befehl«,
einen Befehl also, dessen Realisierung zwar nicht beabsichtigt und in die­
sem Fall mittlerweile auch kaum mehr möglich war, der aber aktenkun­
dig werden mußte, um den Vorwurf des Ungehorsams zu entkräften. Am
frühen achmittag des 25. August schloß sich für die französische Metro­
pole das Kapitel der deutschen Okkupation. Nachdem Soldaten Leclercs
Choltitz' Amtssitz, das Hotel Meurice, angegriffen und die Sicherungspo­
sten überwältigt hatten- drei Übergabeangebote waren zuvor abgelehnt
worden288 -, gab der deutsche General den Kampf auf. Als Gegenleistung
für die Zusicherung Leclercs, die deutschen Soldaten vor aufgebrachten
Zivilisten zu schützen, befahl Choltitz den noch haltenden Stützpunkt­
besatzungen, den W iderstand sofort einzustellen289•
Dieser Grund war ihm wichtig genug, um Hitlers Anordnungen und
Models Erwartungen zu trotzen. Ungefähr zur gleichen Zeit ging bei den
Stäben in Frankreich ein erneuter Befehl der »Wolfsschanze« ein, der hier
allenfalls aufgrund seiner Realitätsferne und der weiteren Radikalisierung
Erstaunen hervorrief.
Darin hieß es unter anderem:
»Im weiteren Verlauf ist durch Heranführen von Sicherungsverbänden von außen
und Einsatz der Sonderkampfmittel (Sturmmörser und Sturmpanzer) der Auf­
standsherd einzuengen, um dann unter Einsatz der Luftwaffe {Abwurf von Spreng­
und Brand-Munition) die in Aufruhr befindlichen Stadtteile zu vernichten290.«

Wenige Stunden zuvor hatte Hitler ein ähnliches Vorgehen für Bukarest
befohlen und durchführen lassen. Der Vorschlag, dort einen Luftangriff
zu fliegen - »politisch gesehen [...] eine ganz große Torheit«291 -, war in

286 KTB H. Gr. B vom 24. 8., RH 19 IX/88 S. 112ff., und Ferngespr. Choltitz-
1 a H. Gr. B, 23.25 h ebd. S. 126 ff.
2 7 Ferngespr. Choltitz-Speidel vom 25. 8., 1.50 h, ebd., S. 134.
2 RH 19 IX/88, S. 139, Ferngespr. Choltitz-Speidel vom 25. 8., 11.00 h, ebd.,
s. 139.
2 9 Fernspruch AOK 1/Ic an lc H. Gr. B vom 26. 8., 5.15h, RH 19 IX/21, S. 43 ff.

Kopien der Konvention zwi chen Ledere, Rol und Choltitz sowie Choltitz'
Befehl, in: RHA r. 3/1974, S. 103 und 113.
290 Durch 0 1 OB West an H. Gr. B am 25. 8., 14.05 h, übermitteltes Fernschrei­

ben de OK W/WFSt, RH 19 IX/7, S. 41.


291 Hillgrub er, Hitler, König Carol S. 220.
Il. Die Ereignisse um Paris 169

Rumänien allerdings von einem Soldaten, Generalleutnant Gerstenberg,


�1u gegangen. Bei der militärischen Führung im Westen war niemand auf
eine solch abstruse Idee gekommen, die Initiative ging allein von Hitler
aus. Obwohl es weit brennendere Probleme gab, mußte der OB West auf
die en Befehl reagieren. Bei einem vor Choltitz' »Kapitulation« von Tei­
len der Panzer-Lehr-Division vorgetragenen Angriff in Richtung Paris, der
dann unter blutigen Verlusten scheiterte292, hatte zumindest noch die
Chance bestanden, die Verteidigungsbemühungen in der Stadt zu stärken
und somit Zeit zu gewinnen. Diese Voraussetzungen existierten nun nicht
mehr. Aber auf die direkte Frage des Oberbefehlshabers der 1. Armee, ob
er den Kampf gegen die Brückenköpfe südlich Paris führen und gleichzei­
tig auch noch Paris wiedereinnehmen solle, blieb Model kaum eine ande­
re Möglichkeit, als auf Hitlers Angriffsbefehl zu verweisen. Die Einschrän­
kung des Feldmarschalls, der »Auftrag [bleibe] entsprechend den vorhande­
nen Kräften weiterhin bestehen«293, machte jedoch seine Einstellung zu
die er Frage deutlich. Tatsächlich w urden auch keinerlei weitere Angriffs­
vorbereitungen unternommen. Models Befehl wird somit ähnlich wie
Choltitz' Anordnung, die Brücken zu sprengen (bezeichnend für die Per­
fidie der Befehlsgebung aus dem Führerhauptquartier ist es, daß im letz­
ten »Führerbefehl« nunmehr das Offenhalten »einer größeren Anzahl von
Brücken« angeordnet wurde294), lediglich als »formale« Reaktion auf Hit-
1er Absichten zu werten sein.
Diese praktisch von oben erzwungene Degeneration der Befehlsgebung
läßt sich am vorliegenden Beispiel gut dokumentieren. In jenem inhaltli­
chen Zusammenhang ist auch das Kriegsgerichtsverfahren zu sehen, das
Model am 28. August gegen den mittlerweile in Gefangenschaft befind­
lichen Choltitz beantragte295. Den OB West werden hierbei mehrere
Gründe getrieben haben: Zum einen hatte es Choltitz mit seiner befehls­
widrigen Anordnung, den W iderstand einzustellen, verhindert, daß in Paris
>>bis zur letzten Patrone«, also noch Stunden oder vielleicht Tage weiter­
gekämpft wurde. Zum anderen mochte das beantragte Verfahren dem Ober­
befehlshaber einer wankenden Front sicherlich auch als willkommene Mög­
lichkeit zur Abschreckung ähnlicher »defaitistischen< Tendenzen inner­
halb seiner Generalität dienen. Schließlich schien Model, dem die auf Dauer
unhaltbare Situation Choltitz' ja bekannt gewesen war, eine solche Hand­
lungsweise schon deshalb geboten, um zu befürchtende »Rachegelüste« Hit­
ler a priori zu befriedigen. Gleichzeitig dokumentierte der OB West so
mit einem Blick nach Rastenburg, daß unter seiner Regie kein Platz für

292 Fcrngespr. Chevallerie-Model vom 25. 8. 17.40 h, RH 19 IX/88, S. 144 ff.


293 RH 19 IX/88, S. 144ff.
29• RH 19 IX/4, S. 41, Übermittlung des OKW/WFSt-Fernschreibens durch 0 1
OB West an H. Gr. B vom 25. 8., 14.05 h.
s
29 Gez. Model, Generalfcldmar chall, OB West Ia, Nr. 770/44 Abschrift vom
28. 8., 12.45 h RH 19 IV/54, S. 255.
170 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Unbotmäßigkeiten existierte, Eingriffe »VOn oben« also überflüssig waren.


Indem er selbst die Initiative ergriff, bestand aber auch die Chance, sei­
nen Einfluß in der Angelegenheit Choltitz geltend zu machen und, so
merkwürdig es klingt, dessen Reputation und vor allem Familie296 vor
Schlimmerem zu bewahren. Diesen Interpretationsansatz stützen die erklä­
renden Bemerkungen, die Model seinem Verfahrensantrag beifügte. Die
Möglichkeit dürfe nicht verkannt werden, so der OB West, daß Choltitz'
»Versagen auf eine durch Kampfmittel entstandene Beeinträchtigung oder
auch auf eine durch Feindeinwirkung, chemische Mittel, Bedrohung [sie]
verursachte Schwäche seines Willens [...]zurückzuführen« sei297• Verfolgte
Model tatsächlich die Absicht - und das liegt nahe298 -, zumindest Ver­
ständnis für das Verhalten Choltitz' zu erwecken, so hatte er jedenfalls
Erfolg. W ährend der Untersuchung des Reichskriegsgerichts vernomme­
ne Zeugen (Generalleutnant Speidel, Generalleutnant v. Boineburg, Mini­
sterialrat Eckelmann, Major Doertenbach und Major Brink) gaben - ohne
allerdings auf heikle Punkte, wie zum Beispiel die Verhandlungsversuche
einzugehen - ein zutreffendes Bild der schwierigen Situation, in der sich
Choltitz befunden hane299• Wohl aufgrund dieser Begleitumstände reichte
dem Kriegsgericht Choltitz' Befehlsverstoß (selbst im oben erwähnten
Gutachten des Wehrmachtführungsstabes billigte man zu, daß auch durch
das Weiterkämpfen einzelner Stützpunkte »nicht mehr die Stadt als sol­
che verteidigt« worden wäre300 nicht aus, um einer Verurteilung in con­
tumaciam zuzustimmen301•
Abgesehen von der Frage, ob Choltitz Paris entschiedener hätte verteidi­
gen und die Heeresgruppenfront damit zumindest geringfügig enda­
sten können, bleibt festzuhalten, daß er Hiders »Trümmerfeldvisionen«
nicht nachgekommen ist. Eine solche Absicht scheint von der deutschen
Führung im Westen überhaupt nie ernsthaft in Erwägung gezogen wor­
den zu sein. Dies läßt sich auch, wie unten gezeigt wird, in eindrucks­
voller Weise am Verhalten des eben erst in Frankreich eingetroffenen neu­
en Oberbefehlshabers der Luftflotte 3, Generaloberst Otto Deßloch, nach-
wetsen.
.

296 Das hauen Model und Speidei Choltitz gegenüber versprochen, siehe: Chol­
titz, Paris, S. 78.
297 Gez . Model, GeneraHeldmarschall OB West Ia Nr. 770/44, Abschrift vom 28.8,
12.45 h, RH 19 IV/54, S. 255.
298 6/1 Model, . 245, Befragung Oberst a. D. Freyberg (ehemaliger Adjutant
Oberbefehlshaber Heeresgruppe B) durch H. Model vom 19.8 .1955.
299 RW 4/v. 828, otiz des WFSt/Op (H)/West vom 5.11.1944 bezüglich Bitte des
Prä identen de Reichskriegsgerichts um ein Gutachten in der Sache Choltitz,
und RH 19 IV/142, S. 226, Besprechung Ober trichter Rjttau mit den Majoren
Doertenbach und Brink Abteilung lc/OB West vom 21.9.1944 um 13.00 Uhr.
JOO RW 4/v. 828.
Jot Die Verhandlung in Torgau 1945 wurde vertagt, bis Choltitz selbst gehört wer­
den könne, siehe: Choltitz, Pari , S. 85 ff.
11. Die Ereignisse um Paris 171

Dennoch bedarf die aus Choltitz' Nachkriegsschriften herauszulesende


These - er habe Paris vor allem aufgrund moralisch-ethischer Überzeu­
gungen vor der Zerstörung bewahrt302 - der Korrektur. Als derartige
mehr oder weniger konkrete Befehle eintrafen, fehlten Choltitz sowohl
die materiellen wie auch die personellen Mittel, um ihnen im ganzen U rn­
fang nachkommen zu können. Aber auf die Destruktionsmöglichkeiten,
die selbst im R ahmen seiner Verhältnisse bestanden, verzichtete Choltitz
bewußt. Aus besserer Einsicht heraus folgte er also der noch durch Feld­
marschall v. Kluge vorgezeichneten Linie.
Mochte ihm die Erkenntnis, daß jede weitere emotionale Eskalation sein
eigenes Schicksal wie auch das seiner in Paris verbleibenden Truppen unnö­
tig gefährden würde, diese Handlungsweise nahelegen, so war der Ober­
befehlshaber der Luftflotte 3, Generaloberst Deßloch in anderer Weise per­
sönlich betroffen.
Deßloch, der sich wenige Tage zuvor als Nachfolger des wohlbeleibten,
für die Zusammenarbeit mit dem neuen OB West als nicht mehr dyna­
misch genug erachteten Feldmarschall Sperrle bei Model gemeldet hatte,
war noch vollauf damit beschäftigt, den von ihm als »vollkommen desor­
ganisierten Verein« und als »vergreiste und unfähige« »Tafelrunde des Feld­
marschalls« bezeichneten Stab der Luftflotte in Reims »Zusammenzulegen
und einigermaßen arbeitsfähig zu gestalten«303, als er in den Bannkreis der
Perfidie des »Führerbefehls« vom 25. August geriet. Die Tatsache, daß ihm
die Verantwortung für die Durchführung der Intention Hitlers: »Unter
Einsatz der Luftwaffe [ .. . ] [seien], die in Aufruhr befindlichen Stadtteile
zu vernichten«3o.., zufiel, machte ihm den kaum geahnten, tieferen Wahr­
heitsgehalt der Worte deutlich, die er vor dem Abschied gegenüber seiner
Frau geäußert hatte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren
Gang305.« Der fränkische General entschloß sich jedenfalls, dem Befehl
Hitlers - zumindest in seiner menschenverachtenden und militärisch un­
sinnigen Zielrichtung - nicht nachzukommen306. Es ist wahrscheinlich,

302 Choltitz, Soldat, S. 230 ff.: »Es wäre natürlich möglich gewesen, ein zweites
\XIarschau aus Pari zu machen [ . ..] hatte ich das Recht, eine Millionenstadt
ins Unglück zu stürzen? [ ...] ich dachte an das künftige Verhältnis der beiden
großen achbarvölker, es stieg vor mir die hohe Pflicht auf[... ] schon für kom­
mende Zeiten Wege offenzuhalten«.
JOJ Tagebuch des Generalobersts Deßloch, Eintragungen für den 19. und 20. 8.,
N 292/34, S. 19.
Je.. RH 19 IX/7, S. 41, durch 0 1 OB West an H. Gr. B am 25. 8., 14.05 h, übermit­
teltes Fernschreiben des OKW/WFSt.
305 Tagebuch Deßloch, Eintragung für den 16. 8., N 292/34, S. 18.
JC6 Seine entschiedene Haltung in dieser Frage wird durch verschiedene Zeugnis­
se bestätigt, die dem Verfasser vorgelegen haben. Aufgrund der problematischen
Quellenlage (die vorhandenen KTB der Luftflotte 3 setzen erst am 27.8.1944
ein) finden sich keine weiteren Aktenbelege dafür, daß Deßloch Hitlers Befehl
mit der Begründung, über die notwendigen einsatzfähigen Flugzeuge nicht zu
172 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

daß Deßloch in dieser Überzeugung durch Bilder bestärkt wurde, die er


auf seiner Reise zur Westfront in sich aufgenommen hatte. Unter dem
Datum des 18. August hielt er in seinem Tagebuch bewegt den »gespen­
sterhaften Eindruck« fest, den das einst »schöne München« nun »mit sei­
nen ausgebombten Häusern« erweckte307•
Dennoch, der Befehl Hitlers mußte »irgendwie« umgesetzt werden. So kam
es in der acht vom 26./27. August tatsächlich zu einem deutschen, von
111 Bombern des IX. Fliegerkorps geflogenen Angriff, der sich allerdings
laut Einsatzbefehl r. 125 mit Schwerpunkt gegen die Hauptnachschub­
straßen am Südrand von Paris (Sceaux) richtete. In diesem Befehl war aus­
drücklich der Satz enthalten: »Stadtzentrum unter allen Umständen
meiden308.« Dieser mit Speidei von der Heeresgruppe B abgestimmte
Angriff stand also in keinerlei inhaltlichem Zusammenhang mit den Ver­
nichtungsvorstellungen Hiders309, seine Zielsetzung war eine rein militä­
rische, von etwaiger beabsichtigter Zerstörung ganzer Stadtteile konnte kei­
ne Rede sein.
W ährend das T hema Paris für die deutsche Führung - sieht man von den
späteren V-Waffenangriffen ab310 - im wesentlichen3u seinen Abschluß
gefunden hatte, begannen für die Alliierten nun die zum Teil erwarteten
Probleme, insbesondere im logistischen Bereich. Die Versorgung der Stadt,
die schon 1940 den Deutschen Kopfzerbrechen bereitet hatte312, bedeu-

verfügen, verweigerte. Zu den oben genannten Zeugni sen gehören: Bestätigung


Dr. Carl Zieglers (ehemaliger Angehöriger des Führungsstabes Deßlochs) vom
26.10. 1986. Diese Be tätigung enthält außerdem eine diesbezügliche Aussage
von Oberst Paul-Franz Roehre, ehemaliger Adjutant Deßlochs, und die nota­
riell beglaubigte eidesstattliche Erklärung von Frau Änni Deßloch, der W itwe
des Generalobersts, vom 5. 1. 1987.
307 Tagebuch Deßloch, Eintrag für den 18. 8.1944, N 292/34, S. 19.

3° KTB r. 79 (27. 8.-30. 9. 1944) des Luftflottenkommando 3, Eintrag für den


27. 8.1944, RL 7/118, S. K4232ff.
309 Ferngespr. Speidei-Chef des Generalstabes Luftflotte 3 vom 26. 8., 12.45 h,

RH 19 IX/88, S. 153.
310 Hitler ließ noch am 25. 8. durch Jodl befehlen, »einige (V-1-]Stellungen ostwärts
der Somme mit Schußrichtung Paris« seien vorzubereiten. Siehe: i. A . gez. Jodl
OKW/WFStIa Nr. 773018/44, Funkfernschreiben vom 25.8., 18.20h, RH 19
IV/102, S. 8. Doch ist es nicht mehr zur Durchführung dieser Absicht gekom­
men. Dagegen begann der Einsatz der V-2 am 7. 9. 1944 um 8.40 Uhr mit einem
auf Paris zielenden Schuß. Bis zum 3. 10. 1944, als das Feuer gegen die französi­
sche Metropole »aus politischen Gründen[ ...] zunächst« eingestellt wurde, waren
10 V-2 auf Paris abgefeuert worden. Siehe: i. A. gez. Jodl, OKW/WFSt/Op (H)
la, r. 773619/44 vom 3.10.1944, RH 19IV/102, S. 53 und lOOff. Diese Zahl
erhöhte sich bis zum Kriegsende auf 19. Siehe: Hölsken, V-Waffen, S. 163.
311 Einzelne W iderstandsnester in der Stadt hielten noch mehrere Tage, vgl. Hes­

se, Paris, MS-B-611, $. 22.


Jl2 Nach Jodls Aussage im ürnberger Prozeß war der Transportraum von vier
Divisionen und der »Hilfszug Bayern« erforderlich, um Paris vor einer Hun­
gersnot zu bewahren·
II. Die Ereignisse um Paris 173

cete einen tiefen Einschnitt in die amerikanischen Ressourcen313• Es wirk­


te besonders schmerzlich, daß bis Anfang September über 37 Prozent der
Tonnage des »Airlifts«, der ohnehin schon ein Aushilfsmittel zur Sicher-
teilung des Frontnachschubs darstellte, allein für die französische Metro­
pole abgezweigt werden mußten314.
us den mit der Befreiung von Paris verbundenen politischen Implika­
tionen ergaben sich manche Reibereien zwischen Franzosen und Ameri­
kanern, die hier aber nur am Rande erwähnt seien315. Sie resultierten zum
einen aus de Gaulles Bestrebungen, die Machtposition »seiner« Provisori­
schen Regierung gegenüber den eigenen Landsleuten zu konsolidieren und
hierbei das politische Potential der mittlerweile angeblich 100000 Anhänger
der Pariser Milizen und der FFP16 durch Integration (zumindest teilweise)
zu absorbieren317• Deshalb unterlief de Gaulle beispielsweise den Befehl
des US-Generals Gerow, die Verfolgung der Deutschen sofort aufzuneh­
men318, und setzte es statt dessen durch, den französischen Panzerverband
erst einmal durch Paris paradieren zu lassen. Das Motiv seiner Bitte an
Eisenhower, ihm vorläufig zwei Divisionen in der Nähe der Hauptstadt
zu belassen, war das gleiche: So verfügte er über Gegenmittel bei poten­
tiellen Unruhen319. Den innerfranzösischen Problemen und Ereignissen
stand die US-Generalität vielfach ratlos gegenüber. General Gerow, in dessen
Befehlsbereich Paris lag, nahm wohl Bezug auf die inmitten der Jubelfei­
ern sofort einsetzenden »Säuberungen« mit Tötungen und Mißhandlun­
gen von Kollaborateuren oder solchen, denen dies nachgesagt wurde, wenn
er sich vor Bradleys Stab beklagte, »wer zum Teufel ist eigentlich Boß in
Paris [ . ] die Franzosen schießen aufeinander, eine Partei geht der ande­
. .

ren an die Kehle«320.


Zum anderen führten die französischen Versuche, mit der unter dem Schutz
amerikanischer Waffen wiedergewonnenen Freiheit gleich die Herrschaft

313 Ruppenthal, Support, I, S. 577.


314 Vom 27. 8.-2.9. 1944: 42,2 °/o für US-, 20,5 °/o für britische Truppen, 37,3°/o für
Paris. Siehe: Ruppenthal, Support, I, S. 582, Anmerkung 141.
315 Vgl. hierzu u.a. Pogue, Supreme Command, S. 241 ff.; Blumenson, Breakout,
s. 617 ff.
316 Michel, Paris, S. 301.
317 Beispiele für die Spannungen zwischen regulären französischen Soldaten und den

FFI: Ledere äußerte in seinem Brief an de Gaulle, unter den FFI seien nur »10°/o
tres bons, braves et reellement combattants«. Siehe: Michel, Paris, S. 319. Für die
Haltung de Gaulies gegenüber den FFI: Er wies Ledere deshalb zurecht, weil er
den FFI-Che(Rol-Tanguy die »Kapitulations-Urkunde« ebenfalls hatte unter­
zeichnen lassen und das maschinegeschriebene Dokument so einen nachträgli­
chen Hinweis auf die Rolle der FFI erhielt. Siehe: de Gaulle, Memoiren, S. 282 ff.
Jas Blumenson, Breakout, S. 620.
Jl9 Die 2. Französische Panzerdivision kehrte tatsächlich erst am 8. 9.1944 an die

Front zurück. Siehe: Pogue, Supreme Command, S. 242 ff.


320 Blumenson, Breakout, S. 625, übersetzt nach: Sy lvan Diary, 26. 8. 1944.
174 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

im eigenen Hause auch nachdrücklich gegenüber den US-Generalen zu


dokumentieren, zu Spannungen, deren Anlässe oftmals scheinbar formel­
le Kleinigkeiten waren321. Dieses vom alliierten Oberbefehlshaber als ein
»bißchen hysterisch« charakterisierte Verhalten322, ja, die darüber hinaus
sogar fühlbaren Tendenzen, den Anteil der Amerikaner überhaupt zu igno­
rieren323, mögen dazu beigetragen haben, daß Eisenhower im Gefolge der
Ereignisse um Paris einen, wie er später schrieb, »leicht bitteren Beige­
schmack{< verspürte324•
Dies alles bleibt jedoch nicht ohne Erklärungshintergrund, wenn man das
gestörte Verhältnis zwischen Roosevelt und de Gaulle und das lange Zögern
alliierter Militärs, den Marsch auf Paris anzutreten bzw. freizugeben, in
Betracht zieht. Ist Blumensons für die alliierte Seite formulierte T hese, hin­
ter der als wundervoll verklärten Fassade der Befreiung von Paris habe
man vielmehr Intrigen und Gezänk, eher einen amerikanisch-französischen
Konflikt als einen Kampf zwischen Alliierten und Deutschen zu vermu­
ten325, auch sicherlich überspitzt, so wird man für die deutsche Seite doch
folgendes resümieren können: Die Verantwortlichen im Westen hatten sich
in unverhältnismäßiger Weise mit dem Problem einer realitätsfremden Füh­
rung und einer nicht lagegemäßen Befehlsgebung auseinanderzusetzen. Das
beanspruchte in wichtigen Momenten eine Aufmerksamkeit, die den tat­
sächlichen Brennpunkten der Front verlorenging.

321
So kam es schon zu ersten Verstimmungen als Ledere die Übergabeverhand­
lungen mit Choltitz ohne Anwesenheit seines Vorgesetzten Gerow und aus­
schließlich im amen der provisorischen französischen Regierung unterzeich­
nete. Siehe: Blumenson, Breakout, S. 617 ff.
322 Schreiben Eisenhowers an Marschall vom 31. 8. 1944., vgl. Blumenson, Break­
out, S. 625.
323
ach Pogue, Supreme Command, S. 242 fühlte Eisenhower u. a. sich deshalb
am 27. 8. bemüßigt, Paris zu besuchen, um zu demonstrieren daß die Ameri­
kaner auch an der Befreiung der Stadt »teilgenommen« hatten.
324 Eisenhower, Kreuzzug, S. 361.

325 Blumenson, Breakout, S. 628.


IIL Führungsentscheidungen und Operationsverlauf bis zum
Höhepunkt der Krise

1. Die erste große Lagebeurteilung des OB West

Die jüngsten Ereignisse und Befehle hatten deutlich werden lassen, daß
Hitler und das OKW nicht fähig oder willens waren, das Kampfgesche­
hen in sinnvoller Weise zu steuern.
'\ls Model in der Nacht vom 24./25. August seine erste große Lagebeur­
teilung erstellte, war die nur vier Tage zuvor erteilte »Führerweisung« de
iacto bereits in allen wesentlichen Punkten überholt. Der OB West ging
deshalb nur noch am Rande darauf ein, was ihm Hitler als »wichtigste
A.ufgaben« diktiert hatte. Model hielt lapidar fest, die »Seine-Yonne­
Dijon-Linie« - ohnehin von den Amerikanern schon überschritten -sei
nur zu halten bzw. wiederzugewinnen, wenn binnen zwei Wochen 15 neue
Divisionen in den operativ gefährdetsten Raum - zwischen Troyes und
der Schweizer Grenze - geführt würden326•
J\bgesehen von solch unerfüllbaren Forderungen, zeigte Model in seiner
nüchternen Analyse auf, womit tatsächlich gerechnet werden mußte. Die
>)eigene Truppe«, so wiederholte er, war »ausgebrannt«, eine Verstärkung
der Kräfte aber erst ab dem 1. September zu erwarten. Bis dahin konnten
die Alliierten »im ungünstigsten Fall«, wie er annahm, die >)Somme-Stel­
lung« und den Raum zwischen Paris-Reims oder Dijon erreicht haben.
Hierzu standen Eisenhower nicht nur eine überlegene, wenn auch von
deutscher Seite stark überschätzte AnzahP27 von Infanterie- und Panzer­
divisionen zur Verfügung, sondern auch die »Luftlande-Armee«, deren Ein­
greifen der Feldmarschall jetzt jederzeit befürchtete.
Da man sich in Rastenburg vordringlich dem »Paris-Problem« zu widmen
schien, hielt Model sich nicht mit Anträgen oder Vorschlägen für die wei­
tere Kampfführung im Westen auf. Er ergriff die Initiative und handelte.
In seiner Lagebeurteilung ließ er das Führerhauptquartier lediglich wis­
sen, welche zum Teil schon eingeleiteten Maßnahmen er in nächster Zeit
ergreifen würde.
Vor allem galt es, »die Zeit mindestens bis zum 1. 9. zu überbrücken«, ohne
daß der Zusammenhalt seiner Front verloren g,ing. Um gegnerische Kräf­
te zu binden und Dietrichs Panzerarmee den Ubergang über die Seine zu
ermöglichen, sollte der Brückenkopf westlich des Flusses vorerst noch gehal­
ten werden. Wenn aber die achteile des Haltens die Vorteile überwiegen«,

326
Die Zitate in diesem Abschnitt entstammen, wenn nicht anders vennerkt,
der Lagebeurteilung de OB West: Obkdo H. Gr. B Ia Nr. 6360/44 vom
24.8.1944, 23.00h, zit. nach: OB \'XIest Ia Nr. 762/44 vom 25.8.1944 RH 19
IV/54, S. 146 f.
327 Model ging von 53 alliierten Divisionen aus. Bis zum 1. 9. 1944 rechnete er mit
einer Verstärkung auf 55-57 Divisionen in Nordfrankreich.
176 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

so bestimmte der OB West gegen Hiders Befehle, »wird er zurückgenom­


men werden«.
Den Kampf im Raum der Seine stromabwärts von Paris beabsichtigte Model
mit zwölf lnfanteriedivisionen328, bzw. dem, was davon noch übrig war,
zu führen. Die Restteile von sechs Panzerdivisionen sollten zwischen Seine
und Somme als »bewegliche Reserve« zusammengefaßt werden. Der Feld­
marschall war sich völlig darüber im klaren, daß es im Grunde einzig und
allein vom Vorgehen des Gegners abhing, ob hier Zeit gewonnen werden
konnte.
»Bei scharfer feindlicher Operationsführung«, das hob Model hervor, blieb
nur noch ein rasches Absetzen hinter die Somme-Marne-Linie. Deshalb
sollte Eberbachs AOK 7 sofort die »sehr schwachen Restgruppen von 12
aufzufrischenden Divn.«329 als Sicherungsbesatzung in diese Linie verle­
gen. Ein bedeutender Kampfwert kam dem nicht zu. Die Verbände330
waren dringend »erholungsbedürftig«, ihre Kampfmoral hatte dadurch, daß
sie zweimal kurz hintereinander nur knapp der Vernichtung entrinnen
konnten, erheblich gelitten331• Fünf dieser Divisionen waren so schwach,
daß Model wenige Tage später befehlen mußte, sie in Richtung Reich
abzutransportieren332•
Da keinerlei Reserven zur Verfügung standen, bedeutete Auffrischung selten
mehr als einige Tage Ruhe. Sie mußte »frontnah« erfolgen und Z\var meist
dort, wo der nächste alliierte Angriffsschwerpunkt erwartet wurde. Das
galt vor allem auch für die Panzerdivisionen: General Krüger, der zwischen
Seine und Somme ihre materielle und personelle Ergänzung in Angriff
genommen hatte, wurde zum Fronteinsatz abbefohlen, die Auffrischungs­
räume der Panzerverbände nun hinter die »Somme-Marne-Linie« mit
Schwerpunkt bei Laon-Reims-Chalons verlegt333•
Zwangsläufig konzentrierte sich Models Aufmerksamkeit nun auf diese
>)noch nicht verteidigungsfähige« Stellung. Eberbachs Divisionen sollten
beim »schnellen Ausbau« mitwirken. Von einem »soliden« Stellungsbau

328
4 Gen.Kdos (LXXXVI.-, L XXIV.-, LXXXI. AK XXXXVII. PzK) mit: 711.,
346. Inf., 3. Fsj., 353., 271. 331., 344. Inf., 17. Lwfeld., 49. Inf., 18. Lwfeld.,
6. Fsj., 275. Inf. Div.
J29 Tatsächlich aber waren es nur 11 Divisionen, wie aus der Weisung Models vom
25. 8. 1944 hervorging (OB West I a Nr. 7346/44, RH 19 IV/54, S. 172). In sei­
ner Lagebeurteilung von der Nacht zuvor war - abgesehen von Druckfehlern -
eine Div. aufgeführt (die 273.), die im Wesren nicht existierte. Im Stab der Hee­
resgruppe ging allmählich die Übersicht über den Verbleib einzelner Verbän­
de verloren.
JJo 352., 84., 89., 326., 363., 276., 277., 708., 272., 343. Inf., 5. Fsj.Div.
JJt KTB H. Gr. B vom 25. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 132.
332 276., 277., 326., 363., 708. Inf.Div., O bkdo H. Gr. B Ia Nr. 6684/44 vom
27. 8. 1944, RH 19 TX/4, S. 410f.
lJJ Gen. Kdo LVIII. PzK Ia r. 11/44 vom 25. 8. 1944, KTB LVIII. PzK Anlage,
RH 24-58/9, S. 167.
Karte 12
Lage West am 25.8.1944
Derby
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III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 17 7

-gar mit Betonbunkern-von Hitler als Grundlage eines nachhaltigen


bwehrkampfes angesehen334, konnte keine Rede mehr sein.
Dennoch hegte Model offensichtlich die - zumindest im Lichte der ur­
sprünglichen OVERLORD-Planung nicht unrealistische- Hoffnung, daß
der ungünstigste Fall, die schnelle Fortsetzung der alliierten Offensiven,
nicht eintrat. Unter dieser Voraussetzung bestand Aussicht, die Somme­
Marne-Linie wenigstens feldmäßig befestigen zu können.
ur unter dieser Voraussetzung aber hatte auch die Hitler nachhaltig be­
einflussende Absicht des Feldmarschalls Realisierungschancen, mit »7-8
Pz. Divn am Südflügel der 1. Armee« angriffsweise der hier drohenden ope­
rativen Gefahr zu begegnen und somit das Einfließen der Armeegruppe G
zu decken. In diesem letzten Punkt war Model jedoch pessimistisch. Wegen
der Krise im Rhonetal und der viel zu langsamen Absetzbewegungen be­
fürchtete er, daß von den sieben marschierenden Verbänden Blaskowitz'
»nicht viel zurückkomme«, und, »wenn überhaupt«, allenfalls zwei (198.
Inf., 11. Pz. Div.) den Durchbruch nach orden schafften335 (Karte 12).
W ie die Entwicklung im einzelnen auch verlaufen mochte, seine Lagebeur­
teilung abschließend unterstrich der Feldmarschall, daß auch die Somme­
Marne-Linie keine Lösung von Dauer war.
Was in der militärischen Führung kaum jemand wagte336, scheute er
nicht, offen auszusprechen:
»Ferner müssen ähnlich wie an der Ostfront jetzt geschehen, [ .. . ] weitere rück­
wärtige Stellungen bis einschl. Westwall [... ] vorbereitet werden.«

In den Anlagen dieser bautechnisch zwar überholten Linie war wenigstens


ein ge\visser Rückhalt zu finden. Hider akzeptierte Models Analyse und
Forderungen, wie es hieß, »im großen«337. Wenige Stunden später traf
beim Stabe des, OB West Hitlers - nun erst in Kraft gesetzter - »Befehl
über den Ausbau der deutschen Weststellung« ein338•
Ob sich die Befürchtungen des Feldmarschalls oder seine Hoffnung, den,
wie er seinem Sohn schrieb, »total verfahrenen Apparat [ ...] noch notdürftig
[zu] deichseln«339, realisierten, hing vom alliierten Prozedere ab.
Nach Eisenhowers Direktive vom 19. August war bereits klar, daß die deut­
scherseits herbeigesehnte alliierte » Operationspause« vorerst nicht, jeden­
falls nicht an der Seine, eingelegt würde. Fast zur gleichen Zeit, als der
OB West seine Lageanalyse erstellte, traf der US-General die Entscheidung
über das weitere Vorgehen seiner Streitkräfte.

334 Hiders Lagebesprechungen, Besprechung vom 31. 7.1944, S. 595.


335 Bespr. Model-Zimmermann vom 26. 8.1944, RH 19 IV/54, S. 196f.
336 Warlimont, Siegfriedline, MS-ETHINT 1, S. 47.
337 Ferngespr. Blumentritt-Speidel vom 26. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 151.
338 Gez. Adolf Hitler, WFSt Nr. 772965/44 vom 24. 8. 1944, zit. nach: OB West
I a Nr. 757I 44 vom 25. 8.1944, RH 19 IV/54, S. 177 ff.
339 Brief vom 26. 8.1944, Privatarchiv Model.
178 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

2. Die Situationsanalyse auf alliierter Seite

a) Die Strategiedebatte und Eisenhowers Entscheidung vom 24. August


Zu diesem Zeitpunkt hatten alliierte Verbände mit der Seine die Grenzen
der »Lodgment Area« erreicht. Elf Tage früher als geplant war damit die
Operation OV ERLORD im wesentlichen beendet.
In der noch offenen Frage der Hafenkapazität sah man keine Probleme:
Die amerikanischen Generale erwarteten, daß der konzentrierte Angriff
des V III. US-Korps auf Brest340 (Beginn: 25. August 1944) binnen einer
Woche zum Erfolg führen und darüber hinaus die Deutschen in den übri­
gen Festungen zur Aufgabe veranlassen würde341•
Vor dem Hintergrund der ersten Ergebnisse des Bewegungsfeldzuges, des
»resounding victory«342, verblaßte die Tatsache, daß die EinkesseJung an
der Seine und damit die völlige Vernichtung des ormandieheeres bisher
nicht geglückt war343.
Von den 75 000 Soldaten, denen der Uferwechsel verlegt werden sollte, stan­
den am 24. August nach britischer Schätzung nur noch rund 40000 west­
lich der Seine3H. Der Rest war bereits entkommen.
Mochte der »Decisive Blow« damit auch nicht so ausgefallen sein, wie er
hätte ausfallen können, entscheidender war, daß die deutsche Front mehr
und mehr ins Wanken geriet. Die Schwäche des Gegners und der Rückblick
auf den )>explosionsartig« schnellen eigenen Vormarsch der letzten Tage be­
flügelten optimistische Erwartungen. Die G-2-Abteilung von SHAEF for­
mulierte: »The August batdes have clone it and the enemy in the West has
had it«345 und wähnte das Kriegsende in Europa in Sichtweite.
Montgomery glaubte die deutschen Kräfte »disorganized« und keineswegs
mehr zu nachhaltigem W iderstand in der Lage346•

340 Middleton unterschätzte dessen Stärke mit 16000 Mann erheblich. Tatsäch­
lich waren ca. 37000 deutsche Soldaten in der Festung, vgl. Blumenson, Break­
out, S. 634, und KT B OB West vom 29. 8.1944, RH 19 IV/54, S. 294.
341 So Eisenhower, Bradley und Patton, vgl. Blumenson, Breakout, S. 633 ff.

342 Pogue, Supreme Command, S. 217.

343 Im für die Deutschen kritischsten Moment erfolgte auf alliierter Seite eine

Umgruppierung der Kräfte. Wieder spielte die Frage der Heeresgruppengren­


zen eine Rolle. Die längs der Seine angreifenden Amerikaner wurden »kurz
vor dem Ziel« zurückgezogen und durch Briten und Kanadier abgelöst, vgl.
ebd., S. 216f. Der Erfolg des deutschen Panzerstoßes vom 25.8.1944 im Raum
Elbeuf findet so einen erklärenden Hintergrund. Vgl. Frank, 5. Panzerarmee,
MS-B-729, S. 19f.
34.. Blumenson, Breakout, S. 582. Diese Schätzung dürfte realistisch sein, da die

5. Panzerarmee am 25. August eine Gefechtsstärke von ca. 18000 Soldaten gemel­
det hatte, RH 21-5/53, S. 76.
H5 SHAEF-G-2 Summaries vom 23., 24. und 26. 8.1944, vgl. Pogue, Supreme Com­

mand, S. 244 f.
3"6 Montgomery am 26. 8.1944, vgl. Blumenson, Breakout, S. 661.
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 179

Das Konzept des »Broad-Front«-Vormarsches347, das man im Frühjahr


1944 noch für die »Post-OV ERLORD«-Phase als geeignet betrachtet hat­
te büßte nun - aufgrund der veränderten Ausgangslage -:- seine generelle
Akzeptanz ein.
Dieses durch einen gewissen Mangel an operativer Originalität gekenn­
zeichnete Konzept sah angesichts des damals noch überbewerteten deut­
schen Potentials ein vorsichtiges, Risikos meidendes Prozedere vor. Mit
der Orientierung an zwei Offensivachsen beiderseits der Ardennen sollte
die Möglichkeit des Schwerpunktwechsels offengehalten und die Gefahr
eines deutschen Flankenstoßes minimiert werden. Durch die gleichzeitige
Bedrohung mehrerer »Einfallstore« (gaps) ins Reich hoffte man, die Ab­
wehrkraft der Wehrmacht aufzusplittern.
Von der Seine her ansetzend, führte die nördliche Achse über Amiens­
Maubeuge-Lüttich zum Industrierevier an der Ruhr. Deshalb und wegen
der nahen Häfen nördlich dieser Route lag hier der eigentliche »Schwer­
punkt«. Die südliche Achse wies über Reims-Verdun-Metz auf das Saar­
gebiet348.
Die Planer gingen von einem langsamen Vormarschtempo aus: Anfang De­
zember (D + 180) sollte die Front etwa der Linie Abbeville-Amiens­
Laon-Reims-Sens folgen. Um den Jahreswechsel1944/45 würde die bei­
giseh-französische Grenze und der Oberlauf der Aisne, Anfang Mai 1945
(D + 330) schließlich die Reichsgrenze im Raum Aachen, im Süden das
Gebiet um Metz erreicht sein349•
Da Montgomery einen Sieg noch 1944 für möglich hielt, schlug er ein
kühneres Vorgehen, eine auf einen Sektor begrenzte Offensive vor. Er wollte
mit der »combined might of two army groups« nach Belgien und dann
ostwärts über das Ruhrgebiet nach Deutschland hinein vorstoßen350• Die­
ser »Dampfwalze« von rund 40 nördlich der Ardennen angreifenden Divi­
sionen konnte in seinen Augen nichts widerstehen: Vor dem Winter wollte
er in Berlin sein351•
Amerikanische Generale entwickelten zur gleichen Zeit ähnliche »Single­
Thrust«-Konzepte. Nach diesen Vorstellungen sollte der Schwerpunkt aller­
dings im Süden� im US-Befehlsbereich liegen. Patton etwa glaubte, mit sei­
ner 3. US-Army über Metz-Nancy-Epinal in zehn Tagen die deutsche
Grenze überqueren zu können352•

347 Der Terminus, »Broad Front« findet sich in den SHAEF »Post-OVERLORD-
Planning«-Unterlagen vom Mai 1944, vgl. Pogue, Supreme Command, S. 249.
3"8 Ellis, Victory, ll, S. 93, und Ruppenthal, Support, I, S. 485.
l49 Pogue, Supreme Command, S. 257.
350 Schreiben Montgomerys an COS vom 24. 8. 1944, in: Ellis, Victory, I, S. 463 f.
lsa Schreiben Montgomerys an COS vom 18. 8. 1944, in: Blumenson, Breakout,
S. 658, und Ambrose, Eisenhower, S. 43.
JS2
Pogue, Supreme Command, S. 250.
180 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Diese Pläne basierten darauf, daß ein (operativ und logistisch) eindeutiger
Schwerpunkt gebildet und dadurch der deutsche Zusammenbruch rasch
herbeigeführt würde.
Eisenhower war skeptischer. Das mit dem »Single Thrust« verbundene Risi­
ko langer ungedeckter Flanken erschien ihm- abgesehen von der Frage
der logistischen Machbarkeit- zu hoch. Aber es gab auch andere als die
militärisch-operativen Faktoren, die seinen Entschluß maßgeblich beein­
flußten353.
Eisenhower war nicht der Typ des Frontbefehlshabers. Gegenüber Montgo­
mery und Patton mangelte es ihm an praktischer Erfahrung in der Führung
von Armeen. Aus der daraus erwachsenden Unsicherheit resultierte zum
einen sein Zögern, sich plötzlich bietende Chancen zu nutzen. Zum ande­
ren wird sein stetes Bemühen um Konsensfindung von hierher verständlich.
Im Gegensatz zu Montgomery war Eisenhower ein »Committeeman«354•
Seine außerge,vöhnliche Fähigkeit, unterschiedlichste Konzepte zu einer
einzigen Lösung zu verdichten, rechtfertigt wohl die T hese, daß er »eher
militärischer Staatsmann als Feldherr«355 war. Die Suche nach Konsens,
nach einer Entscheidung, die möglichst alle Heeresgruppen- und Armee­
oberbefehlshaber zumindest akzeptieren konnten356, barg naturgemäß
>>Gefahren« in sich. So wichtig ein solches Verfahren im politischen Bereich
ist, »Kompromißlösungen« sind im militärisch-operativen Sinne meist inef­
fizient. Zum anderen setzte diese »Konsensabhängigkeit<< Eisenhower im
besonderen Maße den Pressionen aus den westlichen Demokratien aus.
Irritiert hatte er festgestellt, daß für Presse und Öffentlichkeit die Tat sa­
che eines »resounding victory« allein nicht genügte und die Frage des »wie«
und vor allem »durch wen« dort offensichtlich genauso wichtig war357•
Schon von daher stand es um die Möglichkeit eines »Single Thrust<<
schlecht, der ja entweder nur von einem Briten oder einem Amerikaner be­
fehligt werden konnte.
Eisenhower konnte es sich kaum leisten, im Augenblick großer Siegeser­
wartungen den Vormarsch des einen oder anderen Flügels ganz anzuhal­
ten. Wie sensibel dieser Bereich war, verdeutlichte ihm eine vertrauliche
Mitteilung des englischen Premiers (vom 22. August): Mit Rücksicht auf
die Reaktionen in der britischen Öffentlichkeit werde Montgomery an
dem Tage, an dem Eisenho,ver persönlich den Oberbefehl über die Land­
streitkräfte übernehme (1. September), zum Feldmarschall befördert358•

353 Vgl. hierzu und zum folgenden: Ambrose, Eisenhowcr.


354 Ebd., S. 40.
355 W ilmot Kampf, S. 496.
356 Ehrman, Strategy, V S. 380.
357 Schreiben Eiscnhowers an Marshall vom 19. 8. 1944, vgl. Pogue, Supreme Com­
mand S. 264.
J5 Mit diesem Tag bc chränkte ich Montgomerys Befehlsgewalt auf die 21. Hee­
re gruppe vgl. ebd., S. 253.
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 181

Bei den verschiedenen widersprüchlichen Einflüssen, die auf Eisenhower


einwirkten, ist es nicht verw underlich, daß er sich bei seinem Entschluß
letztlich doch eng am ursprünglichen, »sicheren« >)B road-Front«-Konzept
orientierte359•
Am 24. August entschied Eisenhower aber, zumindest vorübergehend einen
eindeutigen Schwerpunkt am Nordflügel zu bilden. Die Vernichtung des
Gros der Heeresgruppe B, die Eroberung des V-1-Gebietes im Pas de Calais,
die Einnahme von Flugplätzen in Westbelgien und schließlich die Errich­
tung einer »Secure base at Antwerp« waren für ihn von einer >)tremendous
importance«360• Deshalb erhielt Montgomerys Offensive nach Nordosten
auch Unterstützung durch die 1. US-Army in der rechten Flanke. Die
Armee Hodges' bekam sogar den Löwenanteil des gesamten amerikani­
schen Nachschubs361• Um alle Mittel auszuschöpfen, wies Eisenhower
Montgomery an, den Einsatz der Luftlandearmee im Pas de Calais362
einzuplanen363•
Daß die Sekundäroffensive im Süden nur temporär aufgeschoben wur­
de, machte Eisenhower ebenfalls deutlich: Sobald die erwähnten Ziele er­
langt waren, sollte Pattons Armee die Offensive nach Osten wieder auf­
nehmen.
ach Erreichung des Raums Antwerpen wollte Eisenhower neu über die
Verteilung der Kräfte entscheiden. Mit seinem Entschluß hatte er die Stra­
tegiedebatte, in deren Verlauf auch persönliche Animositäten durchbra­
chen364, vorläufig beendet.

359 Der Hinweis Bennetts (Ultra Normandy, S. 133 f.), ULTRA-Nachrichten hät­
ten dies bz.w. das Festhalten an der U neerstützungsoffensive im Süden nahege­
legt, da bekannt geworden sei, daß die Deutschen einen Stoß in das »Loch«
zwischen der Heeresgruppe B und der Armeegruppe G befürchteten, ist inter­
essant. Jedoch fehlt die quellenmäßige Abstützung dieser T hese.
360 Schreiben Eisenhowers an Marshall vom 24. 8. 1944, vgl. Papers of Eisenhower,

IV, S. 2092 f.
36t Blumenson, Breakout, S. 659.

362 Schreiben Eisenhowers an Montgomery und Marshall vom 24. 8. 1944, vgl.

Papers of Eisenhower, IV, S. 2090 ff.


363 Typisch für Eisenhower war seine Begründung: Anderenfalls sei es vor Brad­

ley nicht zu rechtfertigen, daß die 1. US-Army zur Unterstützung Montgome­


rys eingesetzt werde, vgl. ebd. Danach war es nur logisch, daß Montgomery
jede Situation für den Einsatz der Luftlandearmee nutzen würde, um die Schwer­
punktbildung in seinem Bereich nicht zu »verlieren«.
364 Eisenhower wurde vom britischen FeldmarschaJl Alan Brooke etwa vorgewor·

fen, in seinen Entschlüssen wenig standfest zu sein (Ambrose, Eisenhower, S. 41).


Er »verstand« sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mit dem charakterlich
grundverschiedenen Montgomery, der von den US-Generalen als »Stur, pinge­
lig und entsetzlich langsam« empfunden wurde (ebd., S. 39f., und Irving, Krieg,
S. 287). Bisweilen zweifelte man auch die gegenseitigen militärischen Fähigkeiten
an (Ehrman, Strategy, V, S. 380). lrving behandelt diese Problematik in exten­
so, wenn auch überzeichnend.
182 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

b) Die Perzeption der Nachschubsituation in der alliierten Führung


Durch das unerwartet hohe Tempo des alliierten Vormarschs seit dem
Durchbruch erwiesen sich schließlich alle vom Planungsstab zugrunde
gelegten Daten als überholt. Der Aufbau des logistischen Systems aber rich­
tete sich nach dem Szenario, das die Planer entworfen hatten, und konnte
deshalb nicht mit der tatsächlichen Entwicklung Schritt halten365.
Das Problem lag nicht in den elf Tagen, die die alliierten Armeen früher
als erwartet an der Seine standen. Schwerer wog die Tatsache, daß in den
letzten 30 Tagen Distanzen überwunden worden waren, für die man mehr
als zwei Monate veranschlagt hatte366•
Mit Erreichen der Seine zeigten sich die ersten Engpässe. Die Schwierig­
keiten lagen vor allem im Transportbereich. Die alliierten Bombenangrif­
fe auf Eisenbahnanlagen und rollendes Material trugen nun dazu bei, daß
die Wiederinbetriebnahme nicht zügig genug voranging367• Pipelinerohre
wurden wegen konkurrierender anderer dringender achschubforderun­
gen verspätet »nach vorn« geliefert. Der »Airlift«, der sich wegen begrenz­
ter Kapazität368 ohnehin nur an einzelnen Frontabschnitten auswirkte
(3. US-Army), verlor für die Truppe vorübergehend dadurch an Bedeutung,
daß Transportflugzeuge für die geplante Luftlandeoperation abgezogen und
französische Belange (Paris) berücksichtigt werden mußten.
Die Hauptlast trug demzufolge der Motortransport. Er reichte aber kaum
aus, um den täglichen Nachschubbedarf zu decken. Zwischendepots zwi­
schen Küste und Front konnten deshalb nicht in erforderlichem Umfang
installiert werden369.
Um die Armeen über die Seine hinaus nachschubtechnisch unterstützen
zu können, wurden weitere >)Improvisationen« nötig. Im Gegensatz zu
ihrem Gegner waren die Alliierten allerdings zu beeindruckend material­
aufwendigen ))Aushilfsmaßnahmen« in der Lage.
Der am 25. August beginnende »Red-Ball-Express<<, ein »Rund um die Uhr«­
Fernverkehr aller greifbaren, in Konvois zusammengefaßter LKWs zwi­
schen den Basisdepots im Cotentin und dem Raum Chartres-Dreux370,
verdeutlicht dies. Am 29. August waren bereits 132 Truck-Companies mit
rund 6000 Fahrzeugen auf den beiden für den übrigen Verkehr gesperr­
ten »Red-Ball-Routen« im Einsatz371•

365 Pogue, Supreme Command, S. 260.


366 Die Alliierten waren im Vergleich zu den Planungen »ZU lange« im Norman­
diebrückenkopf umschlossen gewesen und nach dem Durchbruch ))zu schnell«
vorgestoßen, vgl. Ruppenthal, Support, li, S. 4 f.
367 Ebd., I, S. 547ff.
36 Maximal etwa 10°/o des täglichen Gesamtbedarfs, ebd., S. 575f.
369 Ende August wurden 90-95 °/o der Nachschubgüter noch in Depots in der Nähe
der Invasionsstrände gelagert, vgl. Blumenson, Breakout, S. 689.
370 Bis zum 1. 9.1944 sollten etwa 82000t hierhin geliefert werden.
371 An diesem Tag wurden über 12 300t transportiert. Diese Höhe w urde nie wie-
III.. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 183

\\'ich tiger als diese Zustandsbeschreibung ist jedoch die Frage nach der
damali gen Perzeption dieser- durch erfolgreiche Aushilfen teilweise ver­
deckten - Problematik auf alliierter Seite. Denn mit der Entscheidung,
d1e Verfolgung sofort - ohne die einmonatige Pause an der Seine - fort­
zusetzen, mußte sich die Schere zwischen geplantem und tatsächlichem
V orma rsch mit allen logistischen Implikationen weiter öffnen.
Ein Argument Eisenhowers gegen die »Single-Thrust«-Pläne war das der
ve rsorgungstechnischen Probleme gewesen372• Tatsächlich hatten weder
�1ontgomcry noch Patton dieser Frage besondere Bedeutung beigemessen.
Patton nahm be·i der Operationsplanung ohnehin kaum Rücksicht auf Ein­
wände der Nachschuboffiziere, da er ihnen mißtraute373•
Zum Zeitpunkt seiner Entscheidung wußte Eisenhower wohl lediglich,
tLtß logistische Probleme existierten. Ursachenanalyse und potentielle Ab­
hilfen aber fehlten, bzw. gingen nicht in seine Direktive ein. Ihr Wortlaut
verrät, daß offensichdich auch Eisenhower nicht voll im Bilde war. Mit
der »schnellstmöglichen Säuberung der Bretagne« (das heißt vor allem der
Lroberung Brests) "\var zwar zusätzliche Hafenkapazität zu gewinnen, nicht
aber das zunächst ent scheidendere Transportproblem zu lösen. Brest lag
noch weiter von der sich immer mehr nach Osten verlagernden Front ent­
fernt als Cherbourg und die Invasionsstrände.
Bei den Zielen dagegen, die er der Hauptoffensive Montgomerys steckte,
\.rschien der Begriff »Hafen« kein einziges Mal. Erst an letzter Stelle -
� nd wenig konkret - nannte Eisenhower die Absicht, eine »Secure base
at Antwerp«374 zu gewinnen. Offensichtlich wurde zu diesem Zeitpunkt
der Eroberung und Inbetriebnahme eines Hafenplatzes wie Ant werpen,
der wegen seiner Nähe zum Geschehen nicht nur Kapazitäts-, sondern
auch Transportprobleme lösen konnte, nicht die oberste Priorität ein­
geräumt.
In dem Resümee, mit dem Montgomery den britischen Generalstab über
�isenhowers Entschluß informierte, tauchte »Antwerpen« bezeichnender­
\veise überhaupt nicht auf375• Seine Heeresgruppe hatte aufgrund kürzerer
Versorgungswege bisher auch keine ernsthaften Nachschubprobleme376•

der erreicht, wenn auch der Red-Ball-Express bis ovember rollte, vgl. Ruppen­
thal, Support, I, S. 558 ff.
372 Ehrman, Strategy, V, S. 379 f.
37' Ruppenthal, Support, ll, S. 349.
374 Aus heutiger Sicht erscheint es relativ eindeutig, daß dies den Besitz des Hafens
und vor allem auch die zu seiner utzung erforderliche Beherrschung der Schei­
demündung impliziert. Wie sich noch zeigen sollte, handelte die alliierte Füh­
rung aber zunächst anders. Deshalb wird auf die unklare Formulierung Eisen­
howe rs besonders hingewiesen.
37s Es wurde jedenfalls nicht unter den Zielen genannt, die die Heeresgruppen
erreichen sollten, Schreiben Montgomery s an COS vom 24. 8.1944, vgl. Ellis,
V ictory I, $. 463 f.
376 Ebd., II, S. 3.
184 Teil B: Der Rückzug des We theeres bis zum Höhepunkt der Krise

Der Blick des britischen Generals richtete sich zunächst auf die Ruhr. Am
25./26. Augu t wurde gemäß Operationsplan die nächsten Ziele festgelegt:
Crerar 1. Kanadische Armee sollte entlang der Küste bis Brügge, Demp­
seys 2. Britische Armee über Amiens-Lille in Richtung Gent-Antwer­
pen-Brüssel und Hodges' 1. US-Army von Paris aus in den Raum Brüs-
cl-Lüttich vorstoßen377.
Patton konnte mit seiner 3. US-Army nur noch etwa eine Woche lang ope­
rieren. Dann waren seine Treibstoffvorräte wegen der Schwerpunktbildung
am linken Flügel aufgebraucht. In dieser Zeit sollte seine Armee (abgese­
hen vom VIII. US-Korps) auf Reims-Chalons-Troyes eindrehen und die
Offensive über Metz nach Osten {in Richtung der Rheinübergänge zwi-
chen Koblenz und Mannheim) vorbereiten378•
Der von Model befürchtete schnelle Angriff in Richtung Dijon wurde auf
alliierter Seite nicht ernsthaft erwogen. Eisenhower hatte einen Vormarsch
nach Südosten von der Besserung der Nachschubsituation abhängig ge­
macht379. Damit stiegen zumindest für Blaskowitz' Verbände die Chan­
cen, doch noch zu entkommen. Durch die Schwerpunktbildung am alli­
ierten ordflügel war allerdings die Krise bei der Heeresgruppe B bereits
vorgezeichnet.

3. Die Zuspitzung der Situation im Bereich der Heeresgruppe B

a) Die Räumung des Brückenkopfs westlich der Seine


Am Mittag des 25. August traf beim Stab der 5. Panzerarn1ee der Befehl
des OB West zum Rückzug über die Seine ein. In der Nacht vom 26./
27. August sollte der Uferwechsel »in einem Zuge« durchgeführt wer­
den380. Models Absicht, hierdurch zumindest für einige Zeit eine Vertei­
digungslinie mit »Sicherer Abwehrkraft«381 hinter der Seine stromabwärts
von Paris aufzubauen, war jedoch schon am folgenden Tag {26. August)
in Frage gestellt. Schneller als von deutscher Seite erwartet382 waren Kana­
dier und Briten zum Angriff über den Fluß südlich von Rouen angetre­
ten und hatten im Raum Elbeuf, das am Morgen wieder von den Deut­
schen geräumt worden war-183, und bei Vernon weitere Brückenköpfe ge­
bildet.
Damit zeichnete sich der )>Wendepunkt« an der sogenannten Seinefront
zwischen Rouen und Paris deutlich ab: Die Kräfte der deutschen Verbände

377 Ehrman, Strategy, V, S. 381, und Pogue, Supreme Command, S. 251 f.


378 Befehl Bradleys vom 25. 8. 1944, vgl. Blumenson, Breakout, S. 659 f.
379 Schreiben Eisenhowers an CCS vom 22. 8. 1944, vgl. Papers of Eisenhower, IV,
s. 2087 ff.
3o OB \Vest I a r. 7346/44 vom 25. 8. 1944, RH 19 IV/54 S. 172.
J 1 KTB Pz. AOK 5 vom 25. 8. 1944, RH 21-5/52, S. 34 f.
J 2 Frank, 5. Panzerarmee, MS-B-729, S. 26 f.
J83 Morgenmeldung H. Gr. B vom 26. 8. 1944, RH 19 IV/45, S. 170.
Ill. Führungsentsch eidungen und Operationsv erla uf 185

Ostufer38" reichten für durchschlagende Gegenangriffe nicht mehr aus.


Zwar konnte die 17. Luftwaffenfelddivision den kanadischen Brückenkopf
bei Elbeuf nochmals einengen und in den harten Kämpfen des 27. August
allein 26 Panzerfahrzeuge abschießen385, doch bestand keine Aussicht
mehr, den Gegner über den Fluß zurückzuwerfen. Da die Amerikaner
gleichzeitig die bei Mantes übergesetzten Einheiten verstärkten, sah sich
der Kommandierende General des I. SS-Panzerkorps, Obergruppenführer
Keppler, endgültig in die Defensive gezwungen386• Für die nächsten Tage
wurde mit starken Angriffen aus den gegnerischen Brückenköpfen
gerechnet387•
Während so der linke Flügel der 5. Panzerarmee bereits von der Seine nach
Osten abgedrängt wurde, kämpften die Verbände auf dem rechten Flü­
gel zwischen der Mündung und Rouen noch um den Übergang über den
Fluß.
Das Westufer konnte nicht- wie geplant- in der Nacht vom 26./27. Au­
gust in einem Zuge geräumt werden. Wie der Kommandierende General
des LXXXV I. Armeekorps, General v. Obstfelder meldete388, war die An­
zahl der bei Caudebec, La Mailleraye, Duclair und Rouen zur Verfügung
stehenden Fähren389 zu gering, um die in den drei Seineschleifen sich stau­
enden Truppen in solch kurzer Frist aufzunehmen. Bombentreffer erzwan­
gen an einzelnen Stellen vorübergehend eine völlige Unterbrechung des
Fährver kehrs390•
Bei der verzweifelten Suche nach Übergangsmöglichkeiten entstanden teil­
\veise chaotische Situationen391• Einzelne Trupps von Soldaten erreichten
in Schwimm-Volkswagen oder gar in Ruderbooten das jenseitige Ufer der
im Mündungsbereich bis zu 500 m breiten Seine392•
Der Fährtransport lief, abgesehen von zeitweiligen Pausen infolge der Be­
drohung aus der Luft, nun rund um die Uhr. Es gelang so immerhin, täg­
lich etwa 600 Kraftfahrzeuge auf das Ostufer zu schaffen393• Die Fortfüh­
rung des Übersetzverkehrs war nur deshalb möglich, weil der konzentrisch
in Richtung Mündung angreifenden 1. Kanadischen Armee {1. Brit.- und
II. Kanad. Corps) entscheidende Erfolge verwehrt blieben. Die deutschen
Linien westlich der Seine wurden nur langsam zurückgedrückt394•

3 " 17. Lwfeld., 49. lnf., 18. Lwfeld., 6. Fsj.Div. mit R estteilen anderer Divisionen.
3Ss Tagesmeldung für den 27. 8.1944, OB West Ia Nr. 7441/44, RH 19 IV/54,
s. 228 ff.
386 KTB H. Gr. B vom 26. 8. 1944, RH 19 IX/88, S. 149.
387 KTB Pz. AOk 5 vom 27. 8. 1944, RH 21-5/52, S. 37 f.

3 Ebd. vom 26. 8. 1944, S. 36.


3 9 Frank, 5. Panzerarme e, MS-B-729, S. 7 f.

3?0 Ebd., S. 17 f. , und KTB Pz.AOK 5 vom 26.8. 1944, RH 21-5/52, S. 36.
l t
9 G en.Lt. Graf v. Schwerin, 116. Pz.Div., MS-ETHINT 18, S. 6f.

392 Zimmermann, OB West, MS.:f-121 Bd B VI, S. 1784ff.

393 KTB H. Gr. B vom 27. 8. 1944, RH 19 I X/88 S. 164.

394 Ebd., S. 157.


186 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Die achhut-Einheiten von drei deutschen Infanteriedivisionen395, unter­


stützt durch 23 Panzer und 60 Geschütze396, deckten noch am 27. August
die Seineschleifen südlich von Caudebec, Duclair und Rouen397• Da die
achhutstellungen zwischen der Risle und den Orten Pont Audemer­
Bourg Achard sowie dem Foret de la Londe398 nicht im befürchteten Aus­
maße angegriffen wurden399, rechnete General Gause damit, zumindest
»alle Menschen und alle wichtigen Kampffahrzeuge an das andere Ufer«400
zu bringen. Dagegen würden wohl »viele Pkw. [und] fast alle Pferde-Fahr­
zeuge [liegen] bleiben«401.
Diese Erwartung bestätigte sich: noch bevor die letzten Einheiten das Ufer
gewechselt hatten, ließ Feldmarschall Model dem Wehrmachtführungsstab
melden, »der Übergang an [der] unteren Seine« sei bei allerdings »hohen
Materialverlusten im \vesendichen geglückt«402•
Der Kampf an der Seinetnündung mußte schleunigst beendet werden, da
sich die Lage der Heeresgruppe B südost'wärts von Rouen inzwischen erheb­
lich zugespitzt hatte.
Die Brückenköpfe des Gegners zwischen Elbeuf und Mantes waren ausgewei­
tet und verstärkt worden403• Kanadier und Briten hatten bereits drei Divi­
sionen übergesetzt404• Stärkste Artillerievorbereitung deutete darauf hin,
daß Großangriffe bevorstanden. Das XIX. US-Korps bei Mantes wurde allein
durch 35 Artilleriebataillone unterstützt405• Am linken Flügel der 5. Pan­
zerarmee waren die Gefechtsstärken mittlerweile so zusammengeschrumpft,
daß jederzeit mit einem gegnerischen Durchbruch gerechnet wurde406•
Die 17. Luftwaffenfelddivision Gen. Lt. Höckers, der seine Regimentskom­
mandeure wegen Nervenzusammenbruchs »nach Hause geschickt« hatte,
konnte beispielsweise gerade noch 400407, die »fast völlig zerschlagene«
18. Luftwaffenfelddivision sogar nur noch 300 Soldaten408 in vorderster
Linie aufbieten. Wenn die Soldaten auch, wie Höcker schrieb, trotzdem
>>den Mut noch nicht verloren« hatten409, so waren dringend Maßnahmen
zur Stützung der Front erforderlich.

395 711., 346., 33l.Inf.Div.


396 Sie stellten die noch wesdich der Seine eingesetzten kampfkräftigen Reste von

fünf Panzerdivisionen dar.


397 Ebd., S. 163 und 172.

398 Ebd., S. 161 f.

399 Frank, 5. Panzerarmee, MS-B- 729, S. 17 f.

400 Ferngespr. Gause-la H.Gr. B vom 27.8. 1944, 11.30h, RH 19 IX/88, S. 161f.

401 Ebd.

402 KTB H. Gr. B vom 28. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 177.

403 KTB Pz.AOK 5 vom 28. 8.1944, RH 21-5/52, S. 38f.

40<4 Montgomery, Normandie, S. 182 ff.

..os Blumenson, Breakout, S. 673.

406 KTB Pz.AOK 5 vom 28. 8. 1944, RH 21-5/52, S. 39.

407 KTB LXXXI.AK vom 28. 8.1944, RH 24-81/97, $.158/lf.

4° KTB Pz.AOK 5 vom 29. 8.1944, RH 21-5/52, S. 40.

409 KTB LXXXI.AK vom 28. 8.1944, RH 24-81/97, S. 158/1 f.


III. Führungsentscheidungen und Operations verlauf 187

Feldmarschall Model rechnete damit, daß seine Forderung nach Zuführung


von 16 Marschbataillonen, 170 Panzern, 100 Pak und 15000 Karabinern410
vom OKW nicht schnell genug erfüllt würde. Deshalb sah er die einzig
mögliche Aushilfe darin, den rechten Flügel seiner Heeresgruppe von der
Seine zurückzunehmen411•
Ohnehin mußten die noch kampfkräftigen Teile der 5 Panzerdivisionen,
die bisher das Rückgrat der Verteidigung westlich der Seine gebildet hat­
ten, nun schnellstens die Ufer wechseln. Sie sollten nämlich am Morgen
des 29. August bereits im Raum nordostwärts von Rouen und bei Beau­
vais zu »Eingreifgruppen« zusammengefaßt werden412•
Die achbuten der 711., 346. und 331. Infanteriedivision setzten erst in
der Nacht vom 29./30. August über- ein Großteil ihres schweren Geräts
mußte zerstört werden413• Damit war die Räumung des Brückenkopfes
westlich der Seine endgültig beendet.
Alle jenseits des Flusses eingesetzten Divisionen der 5. Panzerarmee hat­
ten mit Stärken von durchschnitdi�ch 3 000 Mann414 - allerdings nur mit
et\va 25-30o/o ihres Materials415 - übergesetzt werden können.
In Anbetracht der »Ausgangslage« vom 24./25. August konnte das zumin­
dest als Teilerfolg ge,vertet werden. Dieser Teilerfolg war durch die beach­
tenswerten Leistungen von Stäben und Truppe, aber auch durch die Kampf­
führung der Alliierten ermöglicht worden416•
Da sich die Situation am Südflügel der Heeresgruppe inzwischen katastro­
phal verschlechtert hatte, kam diesem Teilerfolg jedoch kein stabilisieren­
der Effekt mehr für die Gesamtfront zu.

b) Deramerikan ische Durchbruch ostwärts von Paris


General v. d. Chevalleries Hoffnung, daß der Gegner am Südflügel erst nach
planmäßigem Aufmarsch zum Großangriff übergehen würde417, hatte sich
nicht erfüllt. Dem nun am rechten Flügel seiner Armee eingesetzten LVIII.
Panzerkorps Krügers gelang es wohl noch, den Anschluß an die Verbände
der 5. Panzerarmee zu wahren. Krügers Korpsstab, der alliierte Angriffe
aus dem Raum Paris auffangen und die Stadt im Norden und Osten zer­
nieren sollte418, waren zu diesem Zweck die Kampfgruppe Aulock, die

41o
Gez. Model, ObkdoH.Gr. B I a Nr. 6588/44 vom 27.8.1944, RH 19 IX/4,
S. 408.
411 KTB H.Gr. B vom 28.8.1944, RH 19 IX/88, S. 177.
2
41 Pz. AOK 5 I a Nr. 1049/44 vom 28.8.1944, RH 21-5/53, Anlage 63, S. 90.

413 Frank, 5. Panzerarmee, MS-B-729, S. 19 f.


414 Zimmermann, OB \Vest, MS:f-121 Bd B VI, S. 1809 ff.
415 Zimmermann, Operationen, MS-B-308, S. 142.
-4t6
Frank, 5. Panzerarmce, MS-B-729, S. 8 und 19 ff., sowie Staubwasser, Feindbild,
MS-B-825, S. 96 f.
417 Zimmermann, OB West, MS:f-121, Bd B IV, S. 1526ff.
4 18 Gez. Chevallcrie AOK 1 I a Nr. 3201/44 vom 25.8.1944, KTB LVIII. PzK Anl. 2,
RH 24-58/11, S. 9.
188 Teil B: Der Rückzug des We theeres bis zum Höhepunkt der Krise

neu herankommende 47. Infanteriedivision, sowie die wenigen im Armee­


bereich greifbaren Panzer unterstellt worden419.
Der gegnerische Hauptstoß erfolgte jedoch nicht an der Naht beider
Armeen, sondern dort, wo man auf deutscher Seite gezwungenermaßen
»das größte Risiko« eingegangen war. Am 26. August begann die Groß­
offensive von drei US-Korps (V II., XII., XX. Korps der 1. und 3. US-Army)
mit neun Divisionen zwischen Melun und Troyes420• Die Amerikaner
trafen am Südflügel der 1. Armee lediglich auf eine weitgespannte, von
zwei Divisionen (48. Inf., 17. SS-Pz. Gren. Div.) verteidigte »Sicherungs­
linie«421.
Bei diesem Kräfteverhältnis konnte der »erbitterte« Widerstand422 der
deutschen Truppen den Gegner nur kurzzeitig aufhalten. Die 48. Infante­
riedivision, aus den Brückenköpfen bei Melun, Fontainebleau und Mon­
tereau heraus angegriffen, wurde mehrfach durchstoßen. Ihre Regimenter
»fluteten« ohne Verbindung zum Divisionsstab zurück423• Bei der 17. SS­
Panzergrenadierdivision ging Troyes verloren.
Ob das XII. US-Korps von hier aus in Richtung Dijon vorgehen würde,
blieb beim Stabe der Heeresgruppe B noch ungewiß. Jedenfalls mußte mit
dem Versuch, die Armeegruppe G auf diese Weise abzuschneiden, gerech­
net werden424• Möglich erschien auch eine Fortsetzung des amerikani­
schen Angriffs in ostwärtige Richtung »bis zum Rhein«, wie ein gefange­
ner französischer Offizier ausgesagt hatte42;.
Offensichtlich jedoch bestätigte sich Models Vermutung, daß der gegneri­
sche Hauptstoß nach Nordosten auf Laon-Chalons zielte, um dadurch
die >)neue Widerstandslinie [die Kitzingerlinie] zu Fall zu bringen« und
»eine neue Umfassung« der zwischen Seine und Kanalküste stehenden Kräf­
te »einzuleiten«426•
Da die Amerikaner auf breiter F ront angriffen und vor allem, weil ihre
Absichten am äußersten linken Flügel der 1. Armee ungewiß blieben, war
eine wirkungsvolle Konzentration der wenigen zur Verfügung stehenden
Truppen nicht möglich.
Die neu herangeführten Einheiten der 15. Panzergrenadierdivision waren
in den Kämpfen bei Troyes gebunden und die ersten aus Italien eintreffen-

419 Ebd. und KTB H. Gr. B vom 25. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 134 und Zimmer-
mann, OB West, MS-T-121, Bd B V S. 1809ff.
420 Blumenson, Breakout, S. 665 ff. und 671 ff.
2 r. 7404/44, RH 19 IV/54,
4 1 Tagesmeldung für den 26.8.1944, OB West I a
s. 206.
22
4 Ebd., S. 207.
423 Casper, 48. Inf. Div., MS-P-166, S. 12 f.

-424 KTB H. Gr. B vom 26. 8. 1944 RH 19 IX/88, S. 150.


.us Ic-Abendmeldung vom 26.8.1944, H.Gr. B Ic r. 3360/44, RH 19 IX/26 Teil 1,
s. 37 f.
26 Bespr. Model-Zimmermann vom 26. 8. 1944, RH 19 IV/54, S. 196 f., und
4

Abendmeldung H. Gr. B vom 26. 8.1944, RH 19 IV/ 45, S. 172.


111. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 189

den Transportzüge der 3. Panzergrenadierdivision wurden noch bei Bar-le­


Duc ausgeladen 427•
Schon am Morgen des 27. August meldete der Stabschef der 1. Armee,
Gen. Lt. Feyerabend, an Speidel, »zwischen Marne und Seine [sei] keine
durchgehende Ab,vehrlinie mehr vorhanden«428. Die Absicht Chevalle­
ries, in diesem Abschnitt wenigstens »hinhaltenden« Widerstand zu lei­
sten429, scheiterte.
Die zurückweichenden Einheiten konnten, wie etwa die in einzelne kämp­
fende Bataillone aufgesplitterte 48. I nfanteriedivision, den OS-Vormarsch
nur dort örtlich verzögern, wo noch einige Panzerabwehrwaffen zur Ver­
fügung standen430. Die Entwicklung der Ereignisse aber ging so rasch vor
sich, daß Models Befehle, den Gegner in der Linie Meaux-Epernay-Cha­
lons431 aufzufangen und vor allem die Marneübergänge zu sperren oder
sprengen432, ihren Zweck nicht mehr erreichten.
Der Feldmarschall hatte sich unterdessen am 28. August morgens zu einer
in ihren Ergebnissen ernüchternden Besichtigung der »Kitzingerlinie« in
den Raum Soissons begeben433• Mittags traf er beim Stabe Eberbachs
(AOK 7, Metz-en-Conture nordöstlich von Peronne) ein, um mit Dietrich
und den Stabschefs der 15., 5. Panzer- und 7. Armee die weitere Kampf­
führung der Heeresgruppe B zu besprechen434.
Erst während dieser Unterredung erreichten Model Meldungen, die deut­
lich machten, in welchem Maße sich die Lage bereits verschärft hatte. Rund
100 US-Panzer waren weit über die Marne hinaus nach Norden vorgesto­
ßen und hatten sich jetzt bereits bis auf wenige Kilometer Soissons und
Reims genähert435.
Hierdurch war das LVIII. Panzerkorps von der 1. Armee abgespalten. Zwi­
schen Krügers Korps und Chevalleries restlichen schwachen Truppen klaffte
ein rund SO km breites »Loch« südlich von Soissons436. Die deutsche Sei­
te hatte das Tempo der durch Jagdbomber taktisch hervorragend unter­
stützten437 US-Combat-Commands unterschätzt.
Die Stäbe der 1. Armee und des LVIII . Panzerkorps wurden bei Montmi­
rail und V illers-Cotterets von plötzlich auftauchenden Panzern überrascht

427 KTB H.Gr. B vom 27.8. 1944, RH 19 IX/88,5. 158 und OB West Ia r. 7385/44
vom 26. 8. 1944 RH 19 IV/54, S. 210.
42 KTB H.Gr. B vom 27. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 158.
429 Ebd., Ferngespr. Chevallerie-Speidel, 11.00 h, S. 160 f.
43o Casper, 48. Inf . Div., MS-P-166, S. 13.
43' KTB H.Gr. B vom 27. 8.1944, RH 19 IX/88, S. 170.
432 KTB H.Gr. B vom 27. 8.1944, ebd., S. 169 f.

-'J) Ebd. S. 173.


<434 KTB Pz. AOK 5 vom 28. 8. 1944, RH 21-5/52 $. 39.
4JS Ferngespräche vom 28. 8. 1944, 13.15 h-17.10 h, KTB H.Gr. B, RH 19 IX/88,
S. 175-177.
436 Ebd.
437 Tagesmeldung für den 28. 8. 1944, OB West Ia Nr. 7450/44, RH 191V/54, S. 252 ff.

L
190 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

und konnten sich nur mit Mühe der Gefangennahme entziehen438. Auch
Models Kommandobehörden »verlegten« am 28. August erst im letzten
Moment aus dem unmittelbar bedrohten Raum. Der Stab des OB West
wich nach Habay (bei Arlon), die Führungsstaffel der Heeresgruppe B nach
Schloß Havrincourt (südwestlich von Cambrai) aus439.
Im Kriegstagebuch der Heeresgruppe wurde der Panzerdurchbruch über
die Marne nach orden als »das wesentlichste Ereignis des Tages« festge­
halten440. Tatsächlich war er der Auftakt der zum Höhepunkt der Krise
führenden >>Verfolgungsphase« im Bewegungsfeldzug.

c) Feldmarschalt Model und die »Lücke bei Reims«


Die Befürchtungen, die der Feldmarschall bereits in seiner Lagebeurtei­
lung (24. August) zum Ausdruck gebracht hatte- der sogenannte »ungün­
stigste Fall« - wurde nun zur Realität. Die Alliierten, zunächst die Ame­
rikaner, waren zu >>scharfer Operationsführung« übergegangen.
Der Plan, den Model am 28. August mittags auf dem Gefechtsstand des
AOK 7 entwickelt hatte, zerschlug sich innerhalb weniger Stunden. Die
Absicht des Feldmarschalls, den rechten Flügel seiner Heeresgruppe schritt­
weise von der Seine auf die Somme zurückzuführen441, um dadurch nach
und nach Kräfte für den bedrohten linken Flügel und vor allem auch noch
acht Tage Zeit für den Ausbau der Somme-Marne-Linie zu gewinnen442,
ließ sich nicht mehr verwirklichen.
Am Abend sah sich Model wegen des »lebensgefährlichen operativen Sto­
ßes«443 der Amerikaner gezwungen, alle verfügbaren - zu beweglicher
Kampfführung geeigneten - Verbände in Richtung Durchbruchsraum in
Marsch zu setzen.
Die Eingreifgruppen Schwerin und Bittrieb sollten sofort von ihren Ver­
sammlungsräumen hinter der Seinefront nach Osten über Soissons-Laon,
die 3. und 15. Panzergrenadierdivision unter Führung des :XXXX VTI. Pan­
zerkorps444 von Süden her auf Reims antreten. Es waren insgesamt aber
wohl nicht mehr als 50 Panzer445, die der nach Nordosten weisenden
Schwerpunktoffensive der Amerikaner entgegengeworfen werden konnten.

-'38 Emmerich, 1. Armee, MS-B-728, S. 12; Krüger, LV III. PzK, MS-B-157, S. 4 f.


439 KTB OB West vom 28. 8. 1944, RH 19 IV/45 S. 177 und KTB H. Gr. B, RH 19
IX/88 S. 182.
HO
Ebd., s. 169.
441 Pz.AOk 5 l a Nr. 1054/44 vom 28.8.1944, RH 21-5/53, Anl. 57, S. 84.
H2 Befehl Models vom 28. 8.1944, 12.50h, und Ferngespr. Model-Speidel, 14.20h,
RH 19 IX/88, S. 174 f.
"43 Gez. Model, Obkdo H.Gr. B Ia Nr. 6704/44 vom 29.8. 1944, RH 19 IX/8,
s. 131 ff.
444 Ferngespr. Model-Chevallerie vom 28.8., 18.30h und 19.10h, RH 19 IX/88,
s. 179.
HS Schätzung des Verfassers. Die Panzerabteilungen der aus Italien zugeführten
Panzergrenadierdivisionen waren noch nicht im Westen eingetroffen, ebd.
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 191

Auch die übrigen eilig angeordneten Maßnahmen - etwa die Herauslö­


sung zweier weiterer Infanteriedivisionen (347., 348.) von der Kanalküste -
gaben, wie Model dem OKW klarzumachen suchte, »wenig Aussicht, die
Lage wesentlich zu ändern«446. Es konnte sich nur noch um den »Versuch«
handeln, den gegnerischen Durchbruch »durch Angriff auf beiden Flü­
geln [...] einzuengen«. Der Feldmarschall ließ Jodl melden, der Gegner
habe, wie die deutsche Seite 1940, dank der »unbeschränkten Luftherr­
schaft« die Freiheit vorzustoßen, »wohin er wolle«. »Alles, was [hierge­
gen] veranlaßt werden konnte, [sei] befohlen«H7•
Die Zusammenfassung der noch vorhandenen Panzerkräfte bot die letzte
Chance, den Durchbruch des Gegners aufzufangen. Model war sich des
damit verbundenen Risikos bewußt. Wenn die Gruppen Schwerin und Bit­
trieb auch nur noch aus »zerschlagenen Verbänden«448 bestanden, so hat­
ten ihre Panzer doch bisher die deutsche Seinefront nordwestlich von Paris
wirkungsvoll abstützen können. Mit ihrem Abzug nach Osten blieben die
Infanteriedivisionen schutzlos auf sich selbst gestellt. Model befahl des­
halb, das Absetzen des rechten Flügels auf die Somme wesentlich schnel­
ler als ursprünglich geplant durchzuführen449• Die pferdebespannten Divi­
sionen waren im Vergleich zu den vollmotorisierten gegnerischen Verbän­
den nicht nur nahezu unbeweglich, sondern sie verfügten auch kaum noch
über Panzerabwehrwaffen. Mehrfach wies Eberbach Model auf die hieraus
resultierende Gefahr in dem zwischen Seine und Somme »panzergünsti­
gen« Gelände hin. Der Feldmarschall stimmte mit dem Oberbefehlsha­
ber der 7. Armee hierin zwar überein, sah jedoch keine andere Möglich­
keit mehr450, als dieses Risiko einzugehen.
Dietrichs Vorschlag, sämtliche Einheiten der 15. Armee und 5. Panzerarmee
in der acht vom 30./31. August mit einem Schlag >>hinter die Somme ab­
zutransportieren«451, scheiterte am hierfür nicht ausreichenden LKW-Ko­
lonnenraum. Es bestand lediglich die Aussicht, daß die alliierten Angriffe
- wie bisher- jeweils nachts eingestellt wurden und die Deutschen so die
Gelegenheit erhielten, sich zurückzuziehen und entstandene Lücken zu
schließen452• Obwohl Model, nachdrücklich den »Ernst der Lage« beto­
nend, dem Wehrmachtführungsstab die kritische Situation anschaulich hat­
te schildern lassen, zeigten die am folgenden Tag aus Rastenburg eintref­
fenden Befehle, wie wenig man dort in der Lage war, dem sich rasch verän­
dernden Geschehen im Westen in geeigneter Weise Rechnung zu tragen.

446 Ferngespr. Blumentritt/Model-Jodl vom 28.8., 19.20h, RH 19 IX/88, S. 180f.


447 Ebd.
HS Ebd.
H9 KTB H.Gr. B vom 29.8., 9.10h-11. 30h, RH 19 IX/88, S. 184f.
"so Ferngespr. Eberbach-Model vom 29. 8., 20.35h und 30.8., 9.10h, RH 19 IX/88,
S. 189f. und 195.
st
4 KTB Pz. AOK 5 vom 29. 8., 10.00h, RH 21-5/5 2, S. 41.
-4S2 Eberbach, 7. Armee, M$-B-841, S. 9ff.

L
192 Teil B: Der Rückzug des \XIestheere bi zum Höhepunkt der Krise

Am 29. Augu t nachmittags erhielt der Stab der Heeresgruppe Hitlers


Anordnung den mittlerweile geräumten Gefechtsstand»Wolfsschlucht ll«
-ehemals als Hauptquartier für das Unternehmen» eelöwe« errichtet­
als »Festung« zu veneidigen453• Dies schien insofern militärisch unsinnig,
da »W Il« als reines Unterkunftslager über keine Kampfanlagen verfüg­
te454. Weil aber der Gefechtsstand in Margival (bei Soissons) ohnehin in
dem Raum lag, den die von Westen herankommenden Panzergruppen errei­
chen sollten, tand die Forderung Hitler wenigstens den Absichten des
Feldmarschalls nicht völlig entgegen.
Dies jedoch galt für den >>Führerbefehl«, der am Abend in Havrincourt
eintraf. Hitler Weisung, alle (südlich der Linie Reims-Metz) »verfügba­
ren schnellen Verbände« auf dem Plateau von Langres zu versammeln »und
von dort aus zwischen Marne und Seine« zur Offensive gegen die »tiefe
Flanke« der Amerikaner überzugehen, um »dadurch den feindlichen
Angriff in Richtung Belgien selbst im Rücken zu bedrohen«455, erschien
in operativer Hinsicht prinzipiell vielversprechend. Entscheidend aber war,

daß wiederum das Verhältnis von Zeit und Raum überhaupt nicht berück­
sichtigt wurde.
Oberst Zimmermann (I a OB West) entdeckte sofort Parallelitären zum
»Avranches-Plan«, dem Anfang August folgenreich gescheiterten Gegenan­
griffsvorhaben456. Da eine rasche Versammlung der vorgesehenen Verbän­
de -und hierauf kam es ja an -unmöglich war, erschien Hitlers Weisung
chon »zeitlich chwer durchführbar«457• Darüber hinaus hätte das Abdre­
'
hen der 3. und 15. Panzergrenadierdivision nach Langres eine Entblößung
de Gebiets südostwärts von Reims zur Folge gehabt. Mit der ebenfalls be­
fohlenen Versammlung der Panzerbrigaden 105 und 106 wären die Pan­
zerverbände, die dem OB West bis Mitte September neu zugeführt wer­
den sollten, bereits frühzeitig gebunden gewesen. Die Anordnung Hitlers,
»die 11. Pz. Div [ ...]. sofort in Richtung Langres in Marsch zu setzen« und
die beiden Divisionen des LXIV. Armeekorps»in Gewaltmärschen« gegen
»den Rücken der amerikanischen Heeresgruppe« einzusetzen458, hätte
unweigerli�ch die Vernichtung der Infanterieverbände der Armeegruppe G
nach sich ziehen müssen.
Model ließ sich aber auch durch diesen »Führerbefehl« nicht irritieren.
Er hielt an den bereits eingeleiteten, von ihm für richtig erachteten Maß-

45' Funkspruch OK\'<1/WFSt vom 28. 8. 15.00 h RH 19 IX/88 S. 186.


454 Zimmermann OB \YJe t, MS-T-121, Bd B VI, S. 1820.
455 Gez. Adolf Hitler, OKW/\XIFSt r. 773095 vom 29. 8., zit. nach: OB West Ia
r. 772/44, RH 19 IX/7, S. 45f.
456 Vgl. hierzu Ferngespr. Zimmermann-Model vom 29. 8., 22.00 h RH 19 IX/88,
. 190 f.
..57 Ebd.
-45 Gez. Adolf Hitlcr, OKW/WFSt r. 773095 vom 29. 8., zit. nach: OB West 1 a
Nr. 772/44 RH 19 IX/7 . 45 f.
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 193

nah men fest. 0 hne auf den Inhalt des Befehls einzugehen, wurde beim
1b der Heeresgruppe noch in der Nacht eine ausführliche Lagebeurtei­
lun g erstellt, in der der Feldmarschall seine Anordnungen begründete. Ge­
g�.- nüber Speidei hatte er geäußert, sie stellten »das Äußerste [dar], was sich
im Augenblick tun« ließ, »daß aber «mehr>> [...] ausgeschlossen« sei459•
Um den Anschein zu erwecken, die Lagebeurteilung sei vor Bekanntwer­
den der Weisung Hitlers verfaßt worden, brachte Speidei auf dem Fern­
schre iben einen - unzutreffenden - Vermerk an, in dem er den Eingang
aes »Führerbefehls« erst auf den »30 . 8., 7.00 Uhr« datierte..60• Auf die
J nfrage des Wehrmachtführungsstabs, ob die Panzergrenadierdivisionen
bereits nach Langres abgedreht worden seien, ließ Model am 30. August
nachmittags antworten, er betrachte das von ihm befohlene Antreten beider
\er bände auf Reims - also in entgegengesetzte Richtung - »als [lagebe­
dingt] erzwungene sinngemäße Durchführung« des »Führerbefehls«461•
)er Feldmarschall konnte sich gegenüber dem undurchführbaren Befehl
rlitlers zwar durchsetzen, doch reichte weder seine weitgehend selbstän­
ciige Kommandoführung noch das frühzeitige Erkennen der gegnerischen
J\bsichten aus, um eine weitere Zuspitzung an der Front zu verhindern.
3is zum 30. August abends zeichnete sich ab, daß der Plan, die Amerikaner
Iurch die Zusammenfassung der Panzerkräfte aufzufangen, scheitern würde.
Der >>Flankenstoß« des II. SS-Panzerkorps auf Reims blieb nördlich der Aisne
1ereits bei Chauny liegen. Das Panzerkorps Bittrichs, das die Führung der
'on Westen angreifenden »kampffähigen Restteile« von sechs Panzerdivisio-
en {1., 2., 9., 10., 12. SS- und 116. P z.Div.462) übernommen hatte, wurde
>>durch überlegenen Feinddruck« nun selbst in die Abwehr gedrängt-463•
Die OS-Offensive lief mit unvermindertem Tempo in nord- und ostwärti­
ger Richtung weiter: über die Linie Soissons-Reims bis zu 50 km weit vor­
()toßend, hatten die Amerikaner bereits Laon genommen und den Raum
Montcornet-Rethel erreicht464 (Karte 13).

�9 Ferngespr. Zimmermann-Model/Speidei vom 29. 8., 22.00h, RH 19 IX/88,


s. 190f.
460 Gez. Model, Obkdo H.Gr. B I a Nr. 6704/44 vom 29. 8., 24.00 h mit »Anmer­

kung Chef« vom 30. 8., RH 19 IX/8, S. 131 ff. Hitlers Befehl war ohne Zweifel
bereits bekannt, vgl. Ferngespr. Zimmermann-Model/Speidei vom 29. 8.,
22. 00h, RH 19 IX/88, S. 190f. Daß Hitlers Befehl der Anlaß für die Lagebeur­
teilung war, ergibt sich aus dem von Speidei paraphierten Entwurf vom 29. 8.,
in dem die später weggelassenen Sätze »weitergehende Angriffsabsichten wür­
de die H. Gr. gerne durchführen, sie sind aber [...] leider nicht durchführbar«
und »ich halte nur die von mir eingeleiteten Maßnahmen für möglich« enthal­
ten sind. Vgl. RH 19 IX/4, S. 429 f.
461 Ferngespr. F riedel (WFSt)-Ia H.Gr. B vom 30. 8., 15.30h, und Ferngespr. Blu-

mentritt-Model, 16.20 h, RH 19 IX/88, S. 198 f.


" 2
6 Mittagsmeldung H. Gr. B vom 29. 8., RH 19 IV/54, S. 269 f.

"61 Tagesmeldung für den 30. 8., OB West I a Nr. 7520/44, ebd., S. 303ff.

464 Ebd.
194 Teil B: Der Rückzug des \XIestheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Auch der deutsche Flankenangriff, der von Süden her zwischen Aisne und
Marne auf Reims geführt werden sollte, war ohne Erfolg. Dem XXXXVIT.
Panzerkorps General Frhr. v. Funcks konnte eine wirkungsvolle Koordi­
nation der beiden Panzergrenadierdivisionen nicht gelingen, da ihre Ein­
heiten in weit auseinanderliegenden Räumen ausgeladen wurden465• Noch
immer waren nicht alle Transpone aus Italien eingetroffen#». Hier gelang­
te man nicht über das Stadium der Vorbereitungen hinaus. Die aus dem
Raum Chalons nach Osten auf die Maasübergänge zielende Offensive der
3. US-Army kam einem Stoß von Funcks Panzerkorps zuvor.
Models riskanter, aber einzig praktikabler Stabilisierungsversuch war miß­
lungen. Die wenigen Panzer Bittriebs hatten gegen den amerikanischen
Durchbruch nicht viel ausrichten können, sie fehlten aber nun am rech­
ten Flügel der Heeresgruppe, wo sich die Lage zusehends verschärfte.
Ein »schrittweises Absetzen hinter die Somme«, das Hitler am 31. Au­
gust morgens genehmigte467, war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr
durchführbar. Die im Bereich der 5. Panzerarmee zurückweichenden Infan­
terieverbände - ihre Soldaten »im allgemeinen nur mit Karabiner usw.
bewaffnet«46 - hatten der rasch über die Seine nachstoßenden 2. Briti­
schen Armee keinen nennenswerten Widerstand mehr entgegenzusetzen.
Nun begannen auch für die Engländer die »dramatischen Tage« der Verfol­
gungsphase469. Am 30. August gelang es ihnen, die Front des LXXXI.
Armeekorps Gen. Kuntzens an zwei Stellen zu durchbrechen und über
Beauvais hinaus vorzudringen.
Die im Durchbruchsraum stehenden Einheiten der 49. Infanteriedivision
wurden durch Panzer eingekesselt und vernichtet. Von der Division erreich­
te nur der Stab Gen. Lt. Macholz und das Artillerieregiment das andere
Sommeufer470•
Kuntzen konnte nur noch melden »Reserven[ .. ] stehen nicht mehr zur Ver­
.

fügung, so daß die Panzerspitzen des Gegners ziemlich unkontrollierbar


nach Norden stoßen«471• Diese, auf Abbeville weisende Angriffsrichtung
erschien auch General Gause die wahrscheinlichste zu sein472• Hierdurch
hätten die Briten acht deutschen Divisionen, darunter auch einem Armee­
korps der jetzt in die Kampfhandlungen involvierten 15. Armee General
v. Zangens den Rückzugsweg über die Somme abschneiden können473•

46> Zimmermann, OB West, MS:f-121, B d B VI, S. 1824ff.


466 Stand der Eisenbahnbewegungen vom 31. 8. 1944, RH 19 IV/54, S. 340 .
..67 LA. gez. Jodl, OKW/WFSt Nr. 773116/44 vom 31.8., zit. nach OB West Ia
Nr. 779/44, RH 19 IX/7, S. 47.
468 Gez. Model, Obkdo H. Gr. B la Nr. 6704/44 vom 29. 8., RH 19 IX/8, S. 131 ff.
..69 Ellis, V ictory, Vol. I, S. 449.
"70 Gen. Lt. Sigfrid Macholz, 49. Inf. Div., MS-B-743, S. 23 f.
<�7t KT B Pz. AOK 5 vom 30. 8., RH 21-5/52, S. 43.
472 Eberbach, 7. Armee, MS-B-841, S. 9f.
473 LXVII. AI< (AOK 15) mit: 226.-, 245.- und LXXXVI. AK (Pz. AOK 5) mit: 271.,
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 195

General Horrocks XXX. Brit. Korps hatte jedoch ein anderes Ziel. Zur
Überraschung der deutschen Seite nutzten die Engländer den entstande­
nen Durchbruch sofort aus und setzten ihren Vormarsch noch in der Nacht
fort474• Am 31. August frühmorgens hoben Panzereinheiten der Guards
rmoured Division den Gefechtsstand der 5. Panzerarmee in Saleux (bei
miens) aus. Generaloberst der Waffen-SS Dietrich konnte mit seinem Stab
eben noch entkommen475• General Eberbach aber, der sich mit seinem
Stabschef Gersdorff zur Befehlsübernahme in Saleux aufhielt, geriet in Ge­
fangenschaft476.
Models Absicht, das AOK 7 wieder einzusetzen und Eberbach den Som­
meabschnitt zwischen Amiens477 und der Oise zu übertragen478, hatte sich
damit zerschlagen. Dietrichs Stab konnte sich deshalb nicht -wie geplant
-ganz auf die »Lücke zwischen Oise und Marne« konzentrieren479, son­
dern behielt zunächst den Gesamtabschnitt bis hinab zur Linie Rethel­
Charleville.
Wegen des Aufsplitteros der Front sah sich das Pz. AOK 5 allerdings kaum
mehr in der Lage, tatsächlich zu führen. »Die Truppe war auf sich selbst
angewiesen480.« Die Kräfte der Heeresgruppe B waren endgültig erschöpft.
W ie es die K:ette der am 31. August nicht enden wollenden »Hiobsbot­
schaften« verdeutlichte, konnte nun von einem »planmäßigen« Rückzug
keine Rede mehr sein.
m rechten Flügel erreichten die Briten Amiens, überquerten die Somme
und stießen noch ca. 30 km weit nach Nordosten bis Albert vor481• Die
1. US-Army weitete unterdessen den amerikanischen Durchbruchsraum
in nördlicher Richtung bis Vervins aus482• Ihre Angriffsspitzen standen
noch etwa 90 km von denen der 2. Brit. Armee bei Albert entfernt.
Am linken Flügel der Heeresgruppe setzte die 3. US-Army ihren »opera­
tiven Stoß nach Osten« fort, durchstieß die Argonnen und konnte meh­
rere Brückenköpfe über die Maas zwischen Verdun und Commercy bil­
den4SJ.

331., 344., 346., 711. Inf. und 17. Lwfeld-Div., Frontlagekarten 30./31. 8., RH 19
IV/70, K 6 und 7.
47" Ellis, V ictory, I, S. 469.

-4JS Der li a und Il b, OberstLt. Horenburg und Rittmeister Ratjen sowie der Kom­

mandant des Hauptquartiers, Major W innen, gerieten allerdings in Gefangen­


schaft, KTB Pz. AOK 5 vom 31. 8., RH 21-5/52, S. 43 f.
•76 Ebd.

477 Grenze zum nördlich hiervon führenden AOK 15: Arras-Flixecourt.

"7 Gez. Model, Obkdo H.Gr. B I a Nr. 6737/44 vom 29.8., RH 19 IX/4, S. 427f.

"79 Ferngespr. Zimmermann-Model vom 29.8., 19.20h, RH 19 IX/88, S. 188.

" o Frank, 5. Pz. Armee, MS-B-729, S. 32.


481
Vgl. hierzu Tagesmeldung fü r den 31. 8., OB West I a Nr. 7571/44, RH 19 IV/54,
s. 336 ff.
4
2 Ebd.
"'83
Ebd.
196 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

,",...,. 1�. s••

0 10 20 30 l.O SO km
���==
� C===�---
--
111. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 197
198 Teil B: Der Rückzug de We theeres bis zum Höhepunkt der Krise

Die Alliierten hatten die »Kitzingerlinie« - wohl ohne es überhaupt zu


bemerken4 4- auf breiter Front überrollt und damit die mit dieser »Stel­
lung« verknüpften hochge teckten Erwartungen der obersten deutschen
Führung zunichte gemacht.
Am Abend bat Model seine Stabschefs dem OKW zu melden, die »Feind­
lage« habe sich wie befürchtet entwickelt: »Der taktische Durchbruch durch
die Engländer, der operative durch die Amerikaner. Dem [sie] sind keine
Kräfte mehr entgegenzusetzen485.«
Selbst der nach außen unerschütterlich wirkende Feldmarschall ließ -aller­
dings nur unter vier Augen -Anzeichen von tiefer Niedergeschlagenheit
erkennen: Blumentritt überraschte er mit der Frage, »Was man nun eigent­
lich noch machen« könnte, »Um die [...] [Situation] zu meistern«486•
Drastischer drückte Dietrich seine Zweifel aus. W ährend sein Stabschef
Gause sich unentwegt bemühte, telefonisch Kontakt zu den unterstellten
Korps zu bekommen, sagte Dietrich nur: >>Hör doch auf, das hat ja alles
keinen Zweck487.«
Angesichts der von Model konstatierten »absoluten taktischen Unterle­
genheit der noch verfügbaren [... ] Verbände«488 konnte es nur noch dar­
um gehen, zu verhindern, daß die Heeresgruppe vor Erreichen der »West­
stellung« total vernichtet wurde.
Durch den Vorstoß der 3. US-Army schien auch diese Stellung bereits
bedroht. Nach Meldung der Luftflotte 3 standen amerikanische Panzer
schon 25 km vor Metz4 9.
Obwohl die gesamte Front Zeichen der Auflösung zeigte, entschied Model,
die aus dem Reich erwarteten frischen Verbände (zunächst die 553. und
559. Gren. Div. sowie die Pz. Brig. 106) schwerpunktmäßig im Raum zwi­
schen Thionville und Nancy zu konzentrieren490• Der Feldmarschall bat
das OKW, das auch dann noch bestehende »Loch« zwischen der Heeresgrup­
pe und der Armeegruppe G, das sich mittlerweile gefährlich nah in Rich­
tung Reich >>verlagert« hatte, wenigstens durch Ersatztruppenteile an den
Vagesenübergängen zwischen Nancy und Belfort sichern zu lassen491•
In erster Linie aber, das wiederholte Model, komme »alles darauf an( ...], un­
ter allen Umständen den vorhandenen Westwall beschleunigt verteidigungs­
fähig zu gestalten und ihn durch Divn. aus dem Reich zu besetzen<<492•

4 .. Zimmermann, Operationen, MS-B-308, S. 148.


-4 s Ferngespr. Blumentritt-Speidel und Model vom 31.8., 18.45h , RH 19 IX/88,
s. 219f.
4 6 Blumentritt in: N 6/1, Model, S. 241.
4 7 Gersdorff, Untergang, S. 161.
488
Gez. Model, Obkdo H.Gr. ß Ia Nr. 6704/44 vom 29.8., RH 19 IX/8, S. 131 ff.
4 9 Gez.. Blumentritt, OB West la r. 7568/44 vom 31.8., RH 19 IV/54 S. 334f.
49o Ebd.
491 Ebd.
-492 Ebd.
Ill. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 199

Der Feldmarschall hielt erst entlang der >)Weststellung« und ihrem Kern,
dem Westwall493, »eine starke Verteidigung - unterstützt durch ein Volks­
aufgebot - [für] möglich«49". Denn dort ließen sich zumindest »leichter
Panzersperren anlegen und ein gewisser Schutz gegen Bombenteppiche
finden«495•

d) Die Weststellung
Es bedurfte erst mehrfacher Appelle, bevor Hitler dem Drängen des OB
West nachgab. Am 1. September gingen die Befehle zur »Herstellung der
Verteidigungsbereitschaft« und >>Sicherung der Weststellung und des West­
\valls« heraus496• Erst jetzt wurden die Verteidigungsvorbereitungen im
Raum der Reichsgrenze eingeleitet.
Hitler war offensichtlich durch das Tempo des alliierten Vormarsches über­
rascht worden. W ährend der »Mittagslage« in der Wolfsschanze bemerkte
er zu Jodl: »Die sind ja gerast [...] das ist eine Frechheit497.«
Zum anderen trug auch wohl seine irrige Auffassung, »beim Westwall (brau­
che](...] an sich [ ...] nicht viel gemacht zu werden«498 dazu bei, daß dieser
Entschluß erst so spät gefaßt wurde. Auch im OKW herrschte Unklarheit
über den Zustand des Westwalls499• Anscheinend war man der eigenen
Propaganda der Jahre 1939/40 von der >>Unbezwingbarkeit« der »größten
und modernsten Festungsanlage der Welt«500 zum Opfer gefallen.
Tatsächlich glich der Westwall im Sommer 1944 einem »abgewrackten
Kriegsschiff«501• Aus der bis 1940 errichteten Bunkerlinie zwischen Kle­
ve und Lörrach waren nach Beendigung des »F rankreichfeldzuges« Waf­
fen und Inneneinrichtungen ausgebaut sowie Munition und Verpflegung
ausgelagert worden. Die die »Ständigen Anlagen« ergänzenden Feldstellun­
gen waren verfallen, Drahthindernisse und Minenfelder entfernt worden.
Schon seit 1941 befand sich der Westwall in desarmiertem Zustand502•

49J Beide Termini - obwohl nicht gleichbedeutend - wurden von der Führung
im Westen vielfach synonym gebraucht.
494 Ferngespr. Blumentritt/Model-Jodl von1 28. 8., 19.20 h, RH 19 IX/88, S. 180 f.

49s Ebd.

496 Hitlers »Befehl über [sie] Ausbau der deutschen Weststellung« vom 24. 8. hatte

ledigJich organisatorische Vorbereitungen, aber noch keine praktischen Maßnah­


men nach sich gezogen. »Befehl über [sie] Herstellung der Verteidigungsbereit­
schaft des Westwalls«, gez. Adolf Hider r. 773134/44 vom 1. 9., in: Hitlers \Vei­
sungen, S. 279 ff.; »Befehl für die Sicherung der deutschen Weststellung und des
Westwalls«, gez. Keitel, WFSt/Op.Nr. 10654/44 vom 1.9. 1944, in: ebd., S. 282ff.
497 Hitlers Lagebesprechungen, Mittagslage vom 1. 9., S. 647f.

49 Ebd., Bespr. vom 31. 7., S. 596.

499 \XIarlimont, Siegfriedli':l. e, MS-ETHINT 1, S. 47.

500 Zit. nach Pommerin, Uberlegungen, S. 8 ff.

501 Gen. Lt. Walther \�ollmann in: Zimmermann, OB West, MS-T-121, Anlagen­

band, Anlage 11 a, S. 161.


502 Groß, Westwall, S. 316f.
200 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Auch in fortifikatorischer Hinsicht genügte er nicht mehr den Anforde­


rungen der Waffentechnik von 1944. Ein Großteil der rund 9 000503 Bun­
ker- auch im stärker befe tigten Abschnitt südlich von Trier504- wies
unzureichende Betonstärken auf. Die Pak-Stände waren auf das 3,7 cm­
Geschütz, mit dem die 1944 eingesetzten Panzer nicht mehr wirkungs­
voll bekämpft werden konnten, ausgelegt. Darüber hinaus ließ sich das
technisch ausgereifteste deutsche Maschinengewehr, das MG 42, nicht in
die MG-Bunker installieren.
Auch die »Höckerhindernisse« waren für Kampfpanzer nicht mehr un­
überwindbar und mußten deshalb erst durch zusätzliche Griiben verstärkt
werden505• Wenn sich der Westwall trotz der vorhandenen Bunkerlinie
keineswegs in verteidigungsfähigem Zustand befand, so galt dies erst recht
für die übrigen Abschnitte der sogenannten »deutschen Weststellung«)O(,.
Hier waren entweder, wie in der Antwerpen-Albertkanal- bzw. in der
als Westwallverlängerung geplanten Linie bis zum ljsselmeer, überhaupt
keine »ständigen Befestigungen« oder nur »veraltete Werkgruppen«, wie
etwa im Raum Thionville-Metz vorhanden.
Auch die in die Planungen einbezogene Maginotlinie konnte- mit »ver­
kehrter Front« - den deutschen Zwecken nur von zweifelhaftem Nutzen
sein. Weil man nicht früh genug wenigstens die entscheidenden Mängel
abgestellt hatte, begannen nun - als »mit dem Auftreten feindlicher Pan­
zerspiezen vor der deutschen Weststellung« bereits zu rechnen war507 -
überstürzte Verteidigungsvorbereitungen.
Da zudem im Raum der Weststellung die Zuständigkeitsbereiche des OB
West, des Befehlshabers des Ersatzheeres und Reichsführers SS Himmler
und der als »Reichsverteidigungskommissare« fungierenden Gauleiter auf­
einandertrafen, waren Komplikationen schon vorgezeichnet.
Nach dem Attentat vom 20. Juli wurde die bisher gültige Regelung5°8 der
Kompetenzen von Wehrmacht und Partei bei der Vorbereitung der Reichs-

SO.l Ebd., s. 33.


SO<� Der schwächste Westwallabschnitt lag zwischen Brüggen (nördlich Geilenkir­

chen) und Rindern (bei Kleve) mit nur zwei Bunkern pro Kilometer; vgl. Groß,
WestwaH, $. 89 ff.
sos Gersdorff, Siegfriedline, MS-ETHINT 53, $. 1 .

>n6 Als West stellung sollten - abgesehen vom Westwall und seiner »Verlängerung

bis an die Ijssel-See« - folgende Linien ausgebaut bzw. verstärkt werden: a)


Schelde-Albertkanal, westl. Aachen b) Mosellinie (Trier-T hionville- Metz)­
St. Avold (Maginotlinie)-Saaralbe-Vogesen (Rand- und Kammstellung)-Belfort
c) Mosellinie (südl. Metz)-Nancy-Epinal-St. Maurice.
S07 »Befehl für die Sicherung der deutschen Weststellung und des Westwalls«,

gez. Keitel, \'QFSt/Op.Nr. 10654/44 vom 1. 9.1944, in: Hitlers \'Qeisungen,


s. 28 2 ff.
sos »F ührererlaß« über die Zusammenarbeit von Partei und \'V'ehrmacht vom

1 3.7 .1944, RW 4/v.703, S. 9 f.· gcz. Keitel WFSt/Qu2 Nr. 007715/44 vom
18 .7 . 1944, ebd., S. 11 ff.
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 201

verteidigung als »überholt<< betrachtet509• Der dominierende Einfluß des Mi­


litärs wurde eingeschränkt bzw. schon dadurch unterhöhlt, daß dem Reichs­
führer SS auch das Kommando als Befehlshaber des Ersatzheeres übertragen
"vorden war. Himmlers Absicht, die Reichsverteidigungskommissare der be­
treffenden Gaue mit weitestgehenden Vollmachten - so etwa dem Recht
zur Ausübung der Standgerichtsbarkeit - auszustatten und sie nach seinen
Weisungen auch über den Einsatz der Polizei, des Ersatzheeres und sonstigen
zur Verfügung stehenden Wehrmachteinheiten bestimmen zu lassen510, rea­
lisierte sich zwar nicht. Aber dieser Versuch war doch symptomatisch für
das Bestreben, den eigenen Einfluß gegenüber der Wehrmacht - selbst
im genuin militärischen Bereich der Landesverteidigung- auszuweiten.
Auch »die Partei« trachtete mit zumindest partiellem Erfolg danach, die
Möglichkeiten zu nutzen, die sich nach dem 20. Juli in dieser Hinsicht bo­
ten. Jedenfalls gingen die Kompetenzen der Reichsverteidigungskommissare
nun über das hinaus, was Bormann noch im Mai als »vordringlichste Auf­
gabe« bezeichnet hatte, nämlich »die Mobilisierung aller Kräfte im Heimat­
kriegsgebiet, um sie[. ..] der Wehrmacht[. ..] zur Verfügung zu stelten«511•
Da eine generelle Neuregelung dieser Fragen noch nicht erfolgt war512,
trugen die die Verteidigungsvorbereitungen betreffenden Befehle der Mo­
natswende August/September in gewisser Weise Übergangscharakter mit
verschieden interpretierbaren, komplizierten Einzelbestimmungen.
Eindeutig jedoch war, daß das militärische Kommando im Bereich der West­
stellungen zunächst dem Reichsführer SS zufiel. Er sollte mit Hilfe eines
Führungsstabes unter General der Pioniere Kuntze die Sicherung und Ver­
teidigung gewährleisten, sowie die »taktische Linienführung« und »Dring­
lichkeit und Art des Ausbaus« der Stellungen bestimmen513•
Die »verantwortliche Leitung des Ausbaus« lag jedoch bei den Gauleitern.
Sie waren für die Erfassung der zivilen Arbeitskräfte des »Volksaufgebots«,
mit dem die Schanzarbeiten durchgeführt werden sollten, zuständigSH.

sc9 Der Reichsminister des Innern, gez. i. A . Dr. Dellbrügge, 11 RV 1012/44-105


vom 9. 9.1944, ebd., S. 51.
51° Chef HRüst. und BdE I Nr. 2830/44 vom 31. 8., ebd., S. 42 ff.
511
Gez. Bormann, Rundschreiben an alle Dienststellen der NS DAP 123/44 vom
31. 5., KTB OKW, Bd IV/2, S. 1565 ff.
St2
Dies geschah erst mit dem »Zweiten Erlaß des Führers über die Befehlsgewalt
in einem Operationsgebiet innerhalb des Reiches« vom 20. 9.1944, RW 4/v. 702,
s. 200ff.
513
»Befehl für die Sicherung der deutschen Weststellung und des Westwalls«, gez.
Keitel, WFSt/Op. Nr. 10654/44 vom 1. 9. 1944, in: Hitlers Weisungen, S. 282 ff.
514
Außer den Gauleitern Schlessmann (Essen), Florian (Düsseldorf), Grohe (Köln­
Aachen), Sirnon (Moselland), Bürckel (Westmark) und Wagner (Baden-Elsaß)
wurde für den niederländischen Abschnitt Ijsselmeer-Njimwegen der Reichs­
kommissar Dr. Seyss-lnquart eingeschaltet. Vgl. »Befehl über [sie) Herstellung
der Verteidigungsbereitschaft des Westwalls«, gez. Adolf HitlerNr. 773134/44
vom 1. 9 , in: Hitlers Weisungen, S. 279 ff.
.
202 Teil B: Der Rückzug de We theerc bi zum Höhepunkt der Krise

Hinzu traten Kräfte der HJ und des BDM, die im Westen verfügbaren 137
RAD-A bteilungen515 sowie die Organisation Todt, die den Bauapparat
und die fachliche Aufsicht zu stellen hatte. Darüber hinaus erhielten die
Gauleiter Weisungsrecht gegenüber militärischen Dienststellen und Trup­
pen in Fragen des »reinen Arbeitseinsatzes«.
Hider Befehl zufolge kam es bei den Schanzarbeiten zunächst darauf an,
ein »durchgehendes Panzerhindernis« und schließlich in Anlehnung an
vorhandene »Ständige Anlagen« ein »tief gegliedertes Stellungssystem« zu
schaffen. Um den militärischen Anforderungen zu genügen, sollten die
»taktischen und technischen Kampferfahrungen« richtungweisend für den
»feldmäßigen Ausbau« sein516•
Das Erreichen dieses Ziels war schon deshalb in Frage gestellt, weil der
Stab des OB West, der ja über diese Erfahrungswerte verfügte, ausdrück­
lich von den Vorbereitungen ausgeschlossen wurde517•
Die Festungspionierstäbe im Reich \varen aber weder organisatorisch noch
personell in der Lage, die ihnen übertragenen Aufgaben (Festlegung der
taktischen Linienführung und der Dringlichkeit des Ausbaus, Auspflocken
der Stellungen) innerhalb kurzer Zeit durchzuführen518•
Deshalb begannen in den ersten Septembertagen die Schanzarbeiten vielfach
nach dem Gutdünken der Gauleiter519, die hier die Möglichkeit sahen, sich
militärische Kompetenzen anzueignen. Die »Kreisleitung Jülich<< z. B. holte
sich, da sie keine Weisungen vom betreffenden Festungspionierstab erhal­
ten hatte, einen Vermessungstechniker der Stadtverwaltung heran und be­
gann mit dem Ausbau von Stellungen, die sie für geeignet hielt520•
Von planmäßigen Schanzarbeiten konnte in dieser Anfangsphase keine
Rede sein. Unter großem personellem Aufwand wurden Gräben ausgeho­
ben, die militärisch teilweise völlig wertlos waren. Stellungen vor den
Höckerhindernissen521 und mit taktisch falscher Linienführung - ohne
Blick- und Schußfeld - stellten keine Seltenheit dar522•
Die »notdienstverpflichtete« Bevölkerung war SO-Berichten zufolge zwar
arbeitswillig, aber skeptisch. »Wenn schon der Atlantikwall nicht hält<<, so
eine als »typisch« geschilderte Meinungsäußerung, »wie [dann] erst diese
Erdwälle und Gräben<<. Vor allem aber herrschte nach dieser Quelle die Auf­
fassung vor, daß mit den Bauarbeiten »ZU spät begonnen worden sei«523•

s1s KT B OK\V, Bd IV/ 1, S. 380.


516 Gez. Adolf Hitler, r. 772965/44 vom 24.8.1944, Hitlers \XIeisungen, S. 272 ff.
517 »Befehl für die Sicherung der deutschen Weststellung und des \XIestwalls«, gez.
Keitel, WFSt/Op. Nr. 10654/44 vom 1. 9. 1944, ebd., S. 282 ff.
SI Zimmermann OB West, MS-T-121, B VI, S. 1977.
St9 Meldungen aus dem Reich, Bericht vom 28.10.1944, S. 6720ff.
520 Ebd., Bericht vom 12. 11. 1944 S. 6726 ff.
S2t Brandenherger 7. Armee, MS-B-730 S. 59 f.
522 Meldungen au dem Reich Bericht vom 12. 11. 1944, S. 6726 ff.
52>
Ebd., Bericht vom 28. 10. 1944, S. 6720 ff.
lll. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 203

Tatsächlich ergaben erste »Papierberechnungen«, daß mindestens noch etwa


sieben Wochen benötigt würden, um die Weststellung in einen verteidi­
gungsfähigen Zustand zu versetzen514• Für die Westfront begannen nun
die kritischsten Tage. Die Heeresgruppe B stand vor der kaum lösbaren
Aufgabe, mit ihren erschöpften Verbänden die für den Ausbau der Stel­
lungen nötige Zeit zu gewinnen. Auch im OK W gab man sich diesbezüg­
lich keinen Illusionen mehr hin. Einer nicht mehr auszuschließenden
schnellen Fortführung der alliierten Offensiven auf und über Weststellung
und Westwall hinweg konnte man nur noch mit den Mitteln der lmprovi-
ation begegnen.
So wurden alle im Reich greifbaren 8,8 cm-Pak und zur Panzerabwehr ge­
eigneten Geschütze sofort an die Westgrenze verlegt. Jedoch fehlten vor­
erst die notwendigen voll einsatzfähigen Verbände. Statt dessen wurden
zur Front abkommandiert: Ersatzeinheiten der Wehrkreise V I, XII und
V, rasch gebildete Festungstruppen, »in Aufstellung befindliche« Divisio­
nen und ganze Lehrgänge der Heeresschulen525•
W ie es der OB West gefordert hatte, lag der »Schwerpunkt aller Maßnah­
men« im Raum zwischen Trier und Nancy. Da die Spitzen der 3. US­
Army bereits vor Metz standen, sollten vier Infanterieverbände {19., 36.,
553., 559. Gren.Div.526)- die ersten nennenswerten Verstärkungen527 seit
Models Befehlsübernahme überhaupt - in diesem Gebiet konzentriert
werden528•
Ob das Loch zwischen Nancy und Belfort noch rechtzeitig gestopft wer­
den konnte, hing davon ab, ob es gelang, die Verbände der Armeegruppe
G aus dem Süden heranzuführen. Diesbezüglich war Hider jedenfalls skep­
tisch: »Wenn der Blaskowitz das fertigbringt<<, so meinte er zu Jod!, »dann
leiste ich ihm feierlich Abbitte von allem529.«

4. Von der Krise bei Montelimar bis zur ersten Festigung des linken Flü­
gels der Westfront

a) Der Durchbruch der 19. Armee durch das Rhonetal


Nach der Entscheidung Eisenhowers vom 24. August war der 3. US-Army
nur ein begrenzter Aktionsradius zugebilligt worden. Pattons Ziele lagen
in allgemein ostwärtiger Richtung: eine Offensive auf Dijon-Belfort wurde

524 Zimmermann, OB West, MS:f-121, B, VI, S. 1975.


·25 »Befehl für die Sicherung der deutschen Weststellung und des Westwalls«,
gez. Keitel, WFSt/Op. Nr. 10654/44 vom 1. 9.1944, in: Hitlers \Veisungen,
S. 282 ff.
526
Die Divisionen wurden am 9.10.1944 in Volksgrenadierdivisionen umbenannt.
>27 Außer der 3. und 15. Pz. Gren. Div., die aus Italien herankamen.
Sl
»Befehl für die Sicherung der deutschen Weststellung und des Westwalls«, gez.
Keitel WFSt/Op. Nr. 10654/44 vom 1. 9.1944, in: Hitlers \Veisungcn, S. 282 ff.
S29 Hitlers Lagebcsprechungen, Mittagslage vom 1. 9.1944, S. 637.
204 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

nicht ernsthaft erwogen. Damit verringerte sich für die Armeegruppe G


- ohne daß dies auf deutscher Seite sofort zu erkennen war - die opera­
tive aus dem Norden drohende Gefahr, abgeschnitten zu werden. Doch
eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß Blaskowitz' Verbände Anschluß
an die Heeresgruppe B finden konnten, lag darin, zunächst die Krise im
Rhonetal zu überwinden.
Auf deutscher Seite wurde am 25. August vergeblich versucht, den Geg­
ner (36. US-Div.) nach Osten von der Rhonetalstraße abzudrängen. Dem
schlecht koordinierten Angriff530 der Korpsgruppe Wietersheim (11. Pz.,
198. Inf. Div., Flak. Rgt. 18531) blieb der erstrebte Erfolg versagt. Das Ziel
der aus dem Raum ostwärts Montelimar vorstoßenden Divisionen, den
Rückzugsweg zu öffnen, wurde nicht erreicht.
Am Nachmittag gelang es dagegen den Amerikanern, die Talstraße mit
Panzern und Infanterie nördlich der Stadt bei La Coucourde zu sperren532.
Der Stab der 19. Armee, das LXXXV. Armeekorps (198., 338. Inf.Div.)
und Teile der 11. Panzerdivision waren eingekesselt.
Wietersheim, der am Abend das Kommando über die 198. Infanteriedivi­
sion auf eigenen Wunsch wieder abgegeben hatte533, handelte sofort. Er be­
fahl den greifbaren Einheiten seines Panzerverbandes, den Gegner >>aus der
Bewegung heraus« anzugreifen534, bevor der einzig mögliche Abmarsch­
weg endgültig versiegelt w urde.
In zähen Gefechten konnte die Straße bis zum 26. August früh wieder frei­
gekämpft werden535• Die 11. Panzerdivision hatte sogar einige der beherr­
schenden Höhen ostwärts von La Coucourde eingenommen. Wiese und
sein Stabschef Botsch drängten darauf, das Nadelöhr bei Montelimar nun
schnellstens zu passieren536, da mit erneutem Antreten der 36. OS-Divi­
sion zu rechnen war. Darüber hinaus befürchtete man beim AOK 19, daß
die Amerikaner aus dem Raum Grenoble zu weiteren »überholenden Ver­
folgungen« mit dem Ziel ansetzten, das Rhonetal weiter nördlich zu sper­
ren537. Deshalb war es entscheidend, die 11. Panzerdivision aus ihrem
Kampfauftrag an der Enge herauszulösen und für die weitere Flankensi­
cherung nach Norden und Osten freizubekommen538.
Der Verkehr lief jedoch unter dem amerikanischen Artilleriebeschuß nur
schleppend w ieder an. Allein aus dem Raum La Coucourde feuerten mitt-

s o
3 Tagebuch Botsch für den 25. 8., RH 20-19/85, S. 21.
>31 AOK 19 I a N r. 8786/44 vom 24. 8., RH 20-19/90, S. 20.
sn
Ebd., S. 20.
533 Ebd.
S.H Wietersheim, 11. Pz. Div., MS-A-880, S. 15.
535 Tagesmeldung für den 26. 8., Obkdo AGr. G I a Nr. 2112/44, RH 19 XII/7,
s. 316.
>36 Tagebuch Botsch für den 26. 8., RH 20-19/85, S. 22 f.
537 Ebd.
sJs
Ebd.
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 205

lerweile vier US-Artilleriebataillone auf die Talstraße539• Unter dem


Schutz des Panzergrenadierregiments 111, das die Angriffe auf die Höhen­
stellung ostwärts des Rückzugsweges abschlug, gelang es lediglich einigen
Einheiten des Panzerverbandes, die Enge zu durchqueren. Die beiden Infan­
teriedivisionen aber standen noch südlich hiervon bei Montelimar540•
In der Nacht zum 27. August spitzte sich die Lage wieder zu: seit dem
späten Abend führte die nur wenige Kilometer nördlich der Enge gelege­
ne Drome Hochwasser. Eine Behelfsbrücke bei Loriol war weggerissen541
und mehrere der erkundeten Furten wurden unpassierbru->42 (Karte 14).
Beim Stab der 19. Armee hatte man zudem den Eindruck, daß die Ame­
rikaner nun die »Einkesselung« vollenden wollten543, da sie bei Tageslicht
ihre Angriffe mit drei Divisionen fortsetzten. Während die 36. US-Divi­
sion weiterhin bei La Coucourde-Loriol attackierte, nahm auch der Druck
von Süden (3. US-Div.) gegen die nur von einem deutschen Heerespionier­
bataillon ( 669) verteidigte Sperrstellung zu. Am bedrohlichsten aber war
der Stoß de.r 45. OS-Division, die am Nordufer der Drome in Richtung
Allex-Livron (Rhone) drängte. Dem standen hier vorerst nur wenige Kom­
panien der 11. Panzerdivision entgegen. Da die beiden deutschen Infante­
riedivisionen zu langsam herankamen, waren Teile des Panzerverbandes
Wiecersheim immer noch an der Enge von Montelimar gebunden.
Nach Meinung des Stabschefs der 19. Armee, der selbst das Nadelöhr unter
direktem Beschuß passiert hatte, schien der Kommandierende General des
LXXXV. Armeekorps, General Kniess, den Ernst der Lage nicht recht
erkannt zu haben5,.... Die Appelle Botschs, nun um jeden Preis die Infan­
teriedivisionen hindurchzuziehen, da hiervon »Wohl und Wehe« der Armee
abhänge545, blieben zunächst erfolglos.
Die Einheiten, die den Raum Montelimar unter hohen Materialverlusten
durchquert hatten, stauten sich jetzt an der Drome546• Die Krise im Süden
erreichte ihren Höhepunkt.
Als sich am 28. August herausstellte, daß die Hauptteile der Infanteriedi­
visionen immer noch in ihren alten Stellungen standen, befahl General
Wiese den Kommandierenden General des LXXXV. Armeekorps zu einer
Besprechung, an der neben Kniess auch Botsch und Wietersheim teilnah­
men547. Kniess war der Überzeugung, es sei wegen »der trostlosen Verstop-

SJ9 Wilt, Riviera, S. 140 f.


540 Abendmeldung für den 27.8., Obkdo AGr. G I a Nr. 2200/44, RH 19 XII/7,
s. 329.
541 Botsch, 19. Armee, MS-B-518, S. 26.
S.f2 Tagebuch Botsch für den 27. 8., RH 20-19/85, S. 25.

sH Ebd., S. 24.
544 Ebd. für den 28. 8., S. 28.
54s KTB AOK 19 vom 27. 8., RH 20-19/90, S. 122.
546 KTB AGr. G vom 28. 8., RH 19 XIVS, S. 164f.
S.f7 Tagebuch Botsch für den 28. 8., RH 20-19/85, S. 28.
206 Teil B: Der Rückzug des \XIestheeres bis zum Höhepunkt der Krise

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10 20 30 l.O 50 km
III. Führ ungsentscheidungen und Operationsverlauf 207

fung der Rollbahn« und des gegnerischen Artillerie- und Granatwerfer­


»Punktfeuers«5"8 kaum möglich, die Infanterieteile herauszuschleusen,
wenn der Panzerverband nicht noch zwei Tage südlich der Drome Deckung
biete. Wietersheims Division wurde aber bereits weiter im Norden benötigt.
W iese kritisiert�e, daß Kniess offensichtlich noch von einem »geordneten
Abmarsch« ausging und befahl, das LXXXV. Armeekorps habe sich sofort
>>in Kampfgruppen« bis hinter die Isere durchzuschlagen549. Ein verstärk­
tes Bataillon der 11. Panzerdivision (Pz. Jg. Abt. 61 und eine Panzerkompa­
nie550) sollte noch für einige Stunden Schutz an der Drome bieten.
Was der Oberbefehlshaber der 19. Armee, General W iese später »fast als
Wunder« bezeichnete551, gelang. Am 30. August überquerten die letzten
deutschen Truppen die Drome. Am Abend stand das Gros des LXXXV.
Armeekorps und die 11. Panzerdivision bereits jenseits der Isere552. Auch
weiterhin wurden nahezu >>übermenschliche Marschleistungen«553 gefor­
dert. In der Nacht zum 1. September sollte bereits der Raum Lyon erreicht
werden.
Um diese Stadt war unterdessen vom IV. Luftwaffenfeldkorps eine Brücken­
kopfstellung- auch auf dem Ostufer- aufgebaut worden5S4. Trotz der
hoch eingeschätzten Partisanengefahr hatte das Korps General Petersens
auf dem Westufer der Rhone zügig abmarschieren können555 und stellte
deshalb die ers�en bei Lyon verfügbaren Kräfte. Der FFI-Aufstand in der
Stadt war innerhalb weniger Stunden niedergeschlagen556. Lyon stand den
Rückzugsbewegungen weiterhin offen- die FFI bildeten auch hier kein
ernsthaftes Hindernis.
Bei insgesamt gesehen »w ider Erwarten günstigen« Resultaten hatte der
»Kessel bei Montelimar«557 doch schwere Verluste gekostet: die 198. Infan­
teriedivision hatte bis auf die Trosse des Artillerieregiments alle Soldaten,
die 338. Infante'fiedivision etwa 60 Prozent ihrer Truppen nach Norden
durchbringen kön·nen558. Jedoch betrug die Gefechtsstärke der Regimen­
ter beider Divisionen nur noch etwa 400-500 Mann559.
Der Kommandeur der 198. Infanteriedivision, Gen. Maj. Richter war beim
Ausbruch gefangen, sein Ia, Oberstleutnant v. Lindequist getötet worden.

s
.. KTB AOK 19 vom 28./29. 8., RH 20-19/91, S. 10 und 24ff.
549 Ebd., S. 27 f.
sso
Meldung 11. Pz.Div. vom 29.8., RH 20-19/91, S. 72f.
5 SI Wiese, 19. Armee, MS-B-787, S. 23.
552 KTB AOK 19 vom 31.8., RH 20-19/91, S. 111.
553 Botsch, 19. Armee, MS-B-696, S. 55.
ss4
Tagebuch Botsch für den 31. 8., RH 20-19/85, S. 34.
sss
Ebd. für den 25. 8., S. 21.
ss6
KTB AGr. G vom 27. 8., RH 19 XII/5, S. 160.
557 Der Kessel war seit dem 25. 8. nicht mehr vollständig geschlossen und der letz­

te Rückzugsweg »nur« durch Artilleriefeuer abgedeckt worden.


ss
Tagesmeldung LXXXV. AK vom 2. 9., RH 20-19/96, S. 50.
ss?
Obkdo AGr. G I a N r. 2323/44 vom 1. 9., RH 19 XII/8, S. 31f.
208 Teil B: Der Rückzug des \XIestheeres bis zum Höhepunkt der Krise

Der mit der »Marschregelung« auf der Talstraße betraute Gen. Lt. Baeßler
wurde schwer verwundet560• 2000 Kraftfahrzeuge, 1000 Pferde und 45 Ge­
schütze bli�eben auf der Rhonestraße zurück561.
Daß der Marsch nach Norden überhaupt fortgesetzt und damit die 19. Ar­
mee schließlich noch entkommen konnte, lag wesentlich in der Kampf­
führung der Amerikaner begründet.
Obwohl die Spitzen des VI. US-Korps schon am 21. August nordost wärts
von Montelimar gestanden hatten, kam es nie zu einer nachhaltigen Sper­
rung der Talstraße. Entscheidend war schließlich, daß die Amerikaner kei­
nen eindeutigen Angriffsschwerpunkt bildeten, sondern statt dessen meh­
rere Stellen - mit naturgemäß schwächeren Kräften- attackierten562• Der
Versuch, die deutschen Rückzugsbewegungen lediglich durch Artillerie­
feuer zu unterbinden, scheiterte. General Truscott (VI. US-Korps) war
jedenfalls mit dem Erreichten nicht zufrieden563.
In Blaskowitz' Sicht war der »Durchbruch« vor allem den Leistungen der
»örtlichen Führung«564 und dem »aufopferungsvollen, heldenmütigen«
Kampfwillen der Truppe zuzuschreiben565.

b) Der Aufbau eines Brückenkopfes um Dijon


Mit dem Durchbruchserfolg der 19. Armee waren erstmals konkrete Vor­
aussetzungen für die Vereinigung der Marschsäulen der Armeegruppe G
im Raum Dijon geschaffen. Blaskowitz hatte unterdessen die Bildung einer
Aufnahmelinie zwischen Chaumont-Chatillon-Autun-Chalon-Dole­
Schweizer Grenze veranlaßt, in der die 19. Armee, das LXIV. Armeekorps
und die Marschgruppe Ottenbacher zusammenfließen sollten. Dabei han­
delte es sich allerdings nur um einen provisorischen dünnen Sicherungs­
schleier. Die wenigen hierfür greifbaren Einheiten (55-Polizei-, Sicherungs­
und Ost-Bataillone, die Artillerieschule Autun und zwei Pionierkompa­
nien566) konnten den weitgespannten Raum keinesfalls gegen größere An­
griffe verteidigen.
Die Hauptgefahr, doch noch abgeschnitten zu werden, sah der Oberbe­
fehlshaber der Armeegruppe G in einem Stoß der 3. US-Army von Norden
auf Belfort, um die Burgundische Pforte zu schließen. Anzeichen hierfür
seien aber »bisher noch nicht erkannt«567. Blaskowitz meldete an Model,

560 Baeßler, der ehemalige Kommandeur der 242. Inf. Div. (Toulon), starb noch
1944 in Wien.
S6t Wilt, Riviera, S. 142.
562 Botsch, Kommentar, MS-B-518, S. 20ff.
56J Am 26. August erwog er, General Dahlquist (36. US-Div.) wegen taktischer Feh-
ler seines Kommandos zu entheben. Vgl. Wilt, Riviera, S. 140f.
564 Blaskowitz, Armeegruppe G, MS-B-800, S. 17.
56S Abendmeldung AGr. G vom 31.8., RH 19 XII/7, S. 386f.
566 Besprechung Blaskowitz-Wiese vom 1. 9., RH 20-19/96, S. 8f.
567 Ebd.
III. F ührungsentscheidungen und Operationsverlauf 209

\'On der Entwicklung in der Nordflanke hänge es ab, »ob es gelingen wird,
die rund 1/4 Million deutscher Menschen herauszubringen«568•
Es kam jetzt darauf an, den Brückenkopf um Dijon durch kampfkräftige
Verbände zu verstärken und die übrigen Truppen der Armeegruppe mög­
lich st schnell durchzuschleusen. Den »Feinddruck« gegen die 19. Armee
chätzte Blaskowitz im Grunde >>nicht mehr als bedrohlich« ein569•
Der Erfolg der gesamten Rückzugsoperation wurde aber durch die noch
»\veit abhängenden Marschkolonnen des röm. 64. AK« in Frage gestellt570.
\us diesem Grunde nämlich, um Zeit für die Aufnahme des Armeekorps

zu gewinnen, mußte die nun reibungslos verlaufende Absetzbewegung


der 19. Armee verlangsamt werden571. Das bedeutete, wie Blaskowitz Ge­
neral Sachs (LXIV. AK) klarmachte, die nach großen Kampf- und Marsch­
leistungen schnell herangekommene 19. Armee nochmals »aufs Spiel [zu
setzen]«572•
Aufgrund der Fernmeldeprobleme hatte der Oberbefehlshaber der Armee­
gruppe G erst in den letzten Augusttagen durch einen Verbindungsoffi­
zier vollen Einblick in die Schwierigkeiten beim LXIV. Armeekorps er­
halten573.
Der von Hitler verlangte Wechsel an der Spitze des Korps - Sachs erschien
dem Heerespersonalamt ohnehin suspekt, da er »arisiert« worden war-574-
brachte keine Lösung. Sachs' Nachfolger, Gen. Lt. Lasch, äußerte nach sei­
ner Kommandoübernahme (3. September), er hätte die schwierige Ver-
ammlungsphase auch nicht schneller durchführen können575.
Blaskowitz' Hauptanliegen war es, zumindest die beiden »Divisionen heil
zurückzubekommen«576. Dafür müsse auch »SO bedauerlich es [sei ... ] -

in Kauf genommen werden, [daß ...] einzelne Gruppen den Anschluß nicht
mehr erreichen und abgeschnitten werden«577•
Das Herausziehen der Kampfverbände und das befohlene »Vorwerfen be­
weglicher Kräfte« in Richtung Dijon bedeutete für die drei großen Marsch­
gruppen des LXIV. Armeekorps, ihres Schutzes beraubt zu werden.
Gen. Maj. Elster erschien die Situation der letzten, nun unter seinem Befehl
stehenden Marschgruppe als »völlig unmöglich«578. Die aus der »Gruppe
üd« herausgelöste 159. Infanteriedivision hatte ihm die meisten Fahrzeu-

s6
Gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G Ia Nr. 2367/44 vom 1. 9., RH 19 XII/8, S. 14f.
S69
Ebd.
>70 Tagebuch Botsch für den 1. 9., RH 20-19/85, S. 36f.

571 Besprechung Blaskowitz-Wiese vom 1. 9., RH 20-19/96, S. 8 f.

572 Gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G Ia Nr. 2324/44 vom 1. 9., RH 19 XII/8, S. 18.
sn K
TB AGr. G vom 26. 8., RH 19 Xll/5, S. 158 f.
S74 Tätigkeitsbericht Heerespersonalamt vom 29. 7. und 29. 8. 1944, S. 186 und 232.

575 Haeckel, 16. Inf. Div., MS-B-245, S. 26.

576 Gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G Ia Nr. 1940/44 vom 25. 8., RH 19 XII/7, S. 291.

577 Gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G Ia Nr. 1961/44 vom 26. 8., ebd., S. 312.
S7
Bericht der 'Verwaltungsgruppe der Feldkommandantur Bordeaux vom 17. 10.
1944, RW 35/1253, S. 71.
210 Teil B: Der Rückzug des Westheeres bis zum Höhepunkt der Krise

ge, einen Teil der Waffen und Munition abgenommen. In den Besprechun­
gen vom 1. und 2. September in Poitiers machte Elster deutlich, daß er
es unter diesen Bedingungen für sinnlos hielt, den Marsch seines 28 000
Menschen starken »Verbandes«579 fortzusetzen580. Sein wenig glaubwürdi­
ges »Argument«, die Rückmarschstraße Chateauroux-Bourges-Nevers­
Dijon sei »von 3 regulären französischen Armeen besetzt«581 überzeugte
die in Poitiers anwesenden Offiziere nicht.
Oberst Bauer, der sich mit einer knapp 10000 Soldaten umfassenden
Kampfgruppe bereits von Pau bis Poitiers durchgeschlagen hatte, lehnte
jedenfalls Elsters >>Vorschlag« ab582. Zumindest Teile dieser Gruppe erreich­
ten später noch die Aufnahmestellung um Dijon583.
Elster aber trat in Verhandlungen mit FFI-Vertretern ein und kapitulierte
am 10. September mit 19200 Mann in Issoudun vor General Macon, dem
eigens zu diesem Zweck herangeholten Kommandeur der 83. US-Infante­
riedivision58...
Bei diesem einzigen »quantifizierbaren« großen Sieg der FFI hat die frühzei­
tig erkennbare Resignation des deutschen Generals eine mindestens genauso
wichtige Rolle gespielt wie die militärischen Aktionen des W iderstands.
Auch General Macon vermochte bei den Übergabeverhandlungen nicht zu
erkennen, daß die Kapitulation durch die FFI erzwungen worden sei585.
Das Ereignis hatte in militärischer Hinsicht ohnehin nur untergeordnete
Bedeutung. Entscheidender war, daß unterdessen die ersten aus Südwest­
frankreich zurückkommenden deutschen Einheiten den Brückenkopf um
Dijon erreicht hatten.
Die »Gruppe Ottenbacher«, die aus dem Zentralmassiv über Moulins­
Autun heranmarschiert war, traf am 2. September ein586. Dem Verband
Ottenbachers, der den kürzesten Weg hinter sich hatte, folgten die Marsch­
kolonnen der vorgezogenen kampfkräftigen Einheiten des LXIV. Armee­
korps. Die ersten Teile der 16. Infanteriedivision erreichten am 3. September

S79 eben der 159. Inf.Div. war auch ein »Radfahrer-Verband« unter Oberst Seiz mit
ca. 5000 Soldaten aus der ehemaligen »Marschgruppe Süd« ausgegliedert und in

Richtung Dijon in Marsch gesetzt worden. Vgl. Seiz, 159. Inf.Div., MS-A-960, S. 4.
s 0 Bericht der Verwaltungsgruppe der Feldkommandantur Bordeaux vom 17. 10.
1944, RW 35/1253, S. 71 ff.
s 1 Ebd.
s 2 Zeugenaussage Oblt. Lierse (16. Inf. Div.) in der kriegsgerichtliehen Untersu­
chung der »Angelegenheit Elster«, OB West I c Nr. 3045/44 vom 7. 10. 1944,
RH 19 IV/141, S. 174f.
s 3 Bericht der Verwaltungsgruppe der Feldkommandantur Bordeaux vom 17. 10.
1944, RW 35/1253, S. 71 ff.
5 4 Elster hatte sich endgültig hierzu entschlossen, nachdem ihm zugesichert worden
war, daß die Gefangennahme durch Amerikaner und nicht durch die FFI erfol­
gen würde. Vgl. Nanteuil/Levy, Elster, S. 77 ff.
s 5 Nicault, La Capitulation, S. 91 ff.
56 Meldung AGr. G vom 2. 9., 4.00h, RH 19 IV/46, S. 6.
III. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 211

Langres587• Schon zwei Tage später war das Gros beider Infanterieverbände
(16., 159. Inf. Div.) in den Brückenkopf eingeschleust588•
Um auch noch die restlichen rund 60000 Menschen589, die unter Führung
des LXIV. Armeekorps den Marsch aus dem Südwesten angetreten hatten,
aufnehmen zu können, war die Abstützung der Nordflanke vordringlich.
Da Blaskowitz in der Sicherung dieser Linie zwischen Nancy und Chatil­
lon die »Hau ptaufgabe der Armeegruppe«590 sah, wurden Ottenbachers
Regimenter (SS-Polizei-Rgt. 19, Sich. Rgt. 1000, Sich. Aufkl. Abt. 1000 so­
'vie Einheiten der Sicherungsregimenter 95, 192, 194, 195, 19 8 59 1) und die
16. Infanteriedivisions92 dem hier eingesetzten Stab des LXVI. Armee­
korps unter Gen. d. Art. Walther Lucht593 zugeführt (Karte 15).
Lucht gelang es am 4. September, erstmals die Verbindung zum linken Flü­
gel der 1. Armee- und damit zur Heeresgruppe B- herzustellen. Die
Restteile der 21. Panzerdivision59\ die Model der Armeegruppe »ZUr Auf­
frischung« unterstellt hatte, nahmen im Raum Charmes (Mosel) Kontakt
zur ebenfalls gerade eingetroffenen 553. Grenadierdivision auf595• W äh­
rend so die Nordflanke allmählich an Abwehrkraft gewann, verlief auch
der Aufbau der Südflanke des Brückenkopfes um Dijon zunächst reibungs­
los.
achdem die Nachhut des IV. Luft waffenfeldkorps Lyon planmäßig ge­
räumt hatte, ließ sich für Gen. Lt. Botsch schon absehen, daß >>das Herein­
schleusen der 19. Armee[ . .. ] in nur wenigen Tagen glatt vor sich gehen«
werde596•
Die vom Armeepionierführer Gen. Maj. Kaliebe veranlaßten umfangrei­
chen Sprengungen - in Lyon wurden alle 33 Rhone- und Saonebrücken
zcrstört597- hatten den nach Norden zurückmarschierenden Infanterie­
verbänden einen gewissen Vorsprung verschafft. Hinzu kam, daß die wen­
dig geführte 11. Panzerdivision den in der Ostflanke angreifenden Ameri­
kanern schwere Verluste beibrachte. Bei Meximieux (nordostwärts von

7 KTB AGr. G vom 3. 9., RH 19 XII/5 S. 191.


sss AOK 19 Ia Nr. 9156/44 vom 5. 9., RH 20-19/96, S. 191 f.

s
9 Berechnung des Verfassers nach obiger Quelle. In djeser Zahl ist auch die Marsch­

gruppe Elsters enthalten, der die Führungsstäbe über seine Absichten im unkla­
ren gelassen hatte.
590 Gez. Blasko,vitz, Obkdo AGr. G Ia Nr. 238 6/44 vom 2. 9., RH 19 Xll/8, S. 34ff.

591 Tagesmeldung für den 3.9., OB West Ia Nr. 7642/44, RH 19 IV/55, S. 78 ff.

592 Die 159. Int. Div. war für den Raum Remiremont vorgesehen.

593 Lucht hatte' bisher den Ausbau der »Kitzinger-Linie« zwischen Langres und

Pontarlier geleitet.
594 Kampfgruppe Rauch mit 2 Bataillonen und einer Artilleriebatterie, KTB AGr. G

vom 2. 9., RH 19 XII/5, $. 190.


595 Tagesmeldung für den 4. 9., Obkdo AGr. G Ia Nr. 2453/44, RH 19 Xll/8, S. 72f.

S96 Tagebuch Botsch für den 3. 9., RH 20-19/85, S. 40.

597 Die Brücken rhoneabwärts von St. Vallier dagegen waren von der alliierten Luft­

waffe zerstört worden, vgl. KTB AOK 19 v. 5. 9., RH 20-19/96, S. 196.


212 Teil B: Der Rückzug de � theeres bi zum Höhepunkt der Kri e

/
I
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111. Führung ent cheidungen und Operationsverlauf 213

9
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StO'l R
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10 20 30 40 SO km
214 Teil B: Der R ückzug d Westheer bi zum Höhepunkt der Kri e

Lyon} zer chlug W iecersheim Verband ein Regiment der 45. US.Infante­
riedivi ion59 bei ontrevel eine US-Aufklärung abteilung. Die Ameri­
kaner büßten h1erbe1 1200 oldaten 30 Panzer und Panzerspähwagen owie
64 Kfz ein599•
Der Oberbefehl haber der 7. U -Army, General Patch hatte inzwi chen
dem Drängen Tru cott (VI. U Corps} nachgegeben und die geplante
Umgruppierung einer Kräfte ver choben600• Doch der Entschluß, tatt
d en ))rück icht lo « die letzte Chance zu nutzen und den Deut chen
abermals den Weg nach orden zu verlegen erfolgte zu spät601. Das
AOK 19 übernahm bereit am 3. eptember die Befehl führung im Süd­
teil de Brückenkopfe 602•
Die ersten Infanterieverbände der Armee (IV. Lwfeldkorps: 716., LXXXV.
AK: 19 . Inf. Div.) etzten am näch ten Tag über den Doub und bezogen
ihre telJungen zwi chen Chalon und Dole. Die 11. Panzerdivi ion war
weiterhin für den chutz der tflanke - im Raum Be an�on - vorge-
ehen603.
Blaskowitz verlegte sein Hauptquartier nach Gerardmer, um, wie bi her, die
Verteidigung vorbereitungen im rückwärtigen Raum zu organi ieren604•
Hierbei ergaben ich, veruracht durch die unklare Kompetenzenregelung
im Bereich der ,.� t tellung« ogleich chwierigkeiten mit Himmler. Blas­
kowitz gelang e zwar nicht, takti ehe Wei ung recht gegenüber den Ein­
heiten d Ersatzheere an den Voge enpässen605 und im Raum Belfort zu
erhalten, doch er konnte e im Gegenzug verhindern, daß der »Reichs­
führer 5«606 einen Einflußbereich noch weiter au dehnte. ach der Mel­
dung General Veiel d Befehl habers im Wehrkrei V, daß Himmler beab-
ichtige ich alle Truppen bi zur Linie ancy -Epinal-Belfort- chweiz
zu unterstellen bat Blaskowitz den OB We t, ofort eine anderweitige
OKW-Ent cheidung herbeizuführen607.

59 Tage meldung für den 3. 9. OB � t I a r. 7642/44, RH 19 IV/55 . 78 ff.


599 Ebd. und Tag meldung für den 4. 9., Obkdo AGr. G Ia r. 2453/44 RH 19
XIII , . 72 f.
600 W ilt Riviera . 151.
60t Bot eh Kommentar, M -B-51 , . 35 f.
602 Gez. Blaskowitz, Obkdo AGr. G I a r. 2386/44 vom 2. 9., RH 19 Xll/8
. 34 ff.
603 Vgl. hierzu Tag meldung für den 4. 9 . , Obkdo AGr. G I a r. 2453/44 ebd .
. 72 f.
604 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G l a r. 2386/44 vom 2. 9., ebd. . 34 ff.
60S Je ein Regiment de Wehrkrei V in den Räumen Blamont- t. Die-Belfort,
vgl. KTB AGr. G vom 2. 9., RH 19 Xll/5 . 190.
606 Blaskowitz ah in Himmler weiterhin nur den »Reich führer •,ak zeptier­
te ihn al o offen ichdich nicht in einer militäri chen Funktion al� >+Chef
der Heeresrii tung und Befehl haber d Ersatzheere • vgl. gez. BI kowitz,
Obkdo AGr. G Ia r. 2414/44 vom 3.9., RH 19 XII/8, . 50.
607 KTB AGr. G vom 3. 9. RH 19 Xll/5, . 194f.
III. Führung ent cheidungen und Operationsverlauf 215

Er fürchtete wohl, daß der Reichsführer SS nun auch direkten Einfluß auf
die Kampfführung im Westen nehmen wolle und wie nachdrücklich auf
d1e in diesem all »unmögliche Über hneidung d r militärischen Be­
tugni e« hin608• Das OKW billigte Blaskowitz' Einwand: vorerst609 blieb
rlimmlers Zuständigkeit auf die »Voge enstellung« beschränkt610•
bge ehen von die em - im großen Rahmen nachrangigen - Problem
\var es jedoch offensichtlich, daß sich am linken Flügel der Gesamtfront
eine er te Festigung der Lage abzuzeichnen begann.
b der weit nach Westen vorspringende Brückenkopf allerdings o lange
gehalten werden konnte, bis alle marschierenden Einheiten des LXIV.
rmeekorps die bei Dijon >)offengehaltene Tür«611 erreicht hatten, blieb
noch völlig ungewiß.
Dennoch, so das Resümee im Kriegstagebuch des OB West vom 5. Septem­
ber hatte die Armeegruppe G die »besonders schwierige Aufgabe«, ihre
Verbände »in den Raum zw ischen [dem] linken Flügel [der] Heeresgrup­
pe B und [der] Schweizer Grenze« zu führen, »in der Hauptsache bereits
gelöst«. Die es lrotz einer V ielzahl von Schwierigkeiten erzielte Ergebnis
sah man zu Recht in der »hervorragende[n] Haltung der Truppe und ihre(r]
kluge[n] und energische[n] Führung« beg.ründet612•
itentscheidend dafür daß die deut chen Truppen zunächst ungehinden
in den Brückenkopf Dijon einfließen konnten, war aber auch die durch
Ei enhower operative Entscheidungen erz,vungene Passivität der 3. US-
rmy. Die deut ehe Seite nutzte die kurze Zeitspanne, in der Patton die
Hände gebunden blieben, nahezu optimal aus: innerhalb weniger Tage ta­
bilisierre sich auch die nördlich an Blaskowitz' Befehlsbereich anschlie­
ßende Moselfront der 1. Armee.

c) Die Errichtung einer Verteidi gungslinie an der Mosel


Diese Entwicklung war wohl auch auf deut eher Seite nicht für möglich
gehalten worden. Am 1. September hatte Blumentritt Speidei darüber orien­
tiert, die 3. US-Army etze »weiterhin« ihren Vormar eh nach Osten
fort6D, um, wie man beim Stab der Heeresgruppe befürchtete, »bis zum
We twall-Bereich« durchzubrechen614•
Es erschien deshalb fraglich, ob die 1. Armee mit ihren zusammengewür­
felten Kräften den Auftrag, die Linie von der Maas (Charleville-Stenay)

60 Gez. Blaskowitz Obkdo AGr. G Ia r. 2414/44 vom 3. 9., RH 19 XII/8, . 50.


609 Am 2. 12. 1944 wurde Himmler dann doch tat ächlich ·Oberbefehlshaber

Oberrhein• und ehließlieh im Januar 1945 Oberbefehlshaber der Heeresgruppe


Weich el.
6to KT B OB West vom 7. 9. RH 19 IV/46, . 38.
611 Tagebuch Bot eh für den 3. 9. RH 20-19/85 . 40.
6t2 KT B OB � t vom 5. 9. RH J9 IV/46 . 24.
6U
Ferngespr. Blumentritt - peidel vom l. 9. 17.30h, RH 19 IX/89 . 8.
614
lc-Abendmeldung vom 1. 9. H. Gr. B Ic r. 3439/44, RH 19 IX/26 Teil 2 . 248.
216 Teil B: Der Rückzug de \Y/e theere bi zum Höhepunkt der Kri e

üb r Diedenhofen (T hionville) Metz bi üdlich von ancy »auf jeden Fall


zu ha1ten«615 erfüllen konnte. Von den zugesagten Ver tärkungen war erst
in R im nt d r 559. Grenadierdivi ion o rwärt von Metz eingetrof en.
Doch der er\vartete amerikani ehe Großangriff blieb au . Der Treib toff­
mange! in Patton Befehl hereich ge tattere e ihm lediglich Aufklärungs­
vor töße über die Maa nach 0 ten unternehmen zu la en.
Da die oben erwähnte er t im Aufbau befindliche Verteidigung Iinie aber
noch erhebliche Lücken aufwie verursachten die US-Cavalry-Groups,
die am 2. eptember bei Longuyon an der Mo el im Raum T hionville
und Pont-a-Mou on616 auftauchten und Toul besetzten, erhebliche Ver-
.
wtrrung.
Chevallerie meldete daß beispiel wei e Gauleiter Sirnon einen Posten in
Luxemburg verla en habe und daß »unkontrollierbare Flüchtlingsbewe­
gungen in Lothringen« die eigenen Truppenver chiebungen beeinträch­
tigten617. Durch die » chamlose Flucht« deutscher Zivildien t teilen ei,
o eine Fe t tellung de Oberquartiermeister We t, »die gesamte Ver or­
gung führung [...] gefährdet«. So »ver chwanden« etwa lSOOcbm Treib-
toff und 91 »Raupen chlepper 0 t«, die für die Beweglichmachung von
Artilleriebatterien vorge ehen waren61 .
Auch für den Oberbefehl haber der 1. Armee machte sich - abgesehen
von olchen Problemen - Himmlers Einschaltung in die militäri ehe Kom­
mandoführung störend bemerkbar. Zum einen »verbot« der Befehlshaber
d Er atzheeres (BdE) den geplanten Gefechtsstandwechsel des AOK 1
nach W ittl ich619. Zum anderen war vorerst nicht eindeutig zu klären,
mnn Chevallerie Befehl gewalt über die neuen Divisionen, die zunächst
in den Bereich der We t tellung verlegten und damit Himmler (bzw. dem
Wehrkrei XII) unterstanden, erhielt. Model beantragte, den Wehrkrei Xll
ofort - einsatzmäßig - aus Himmler Befehlsbereich herauszulösen620.
Das OKW jedoch fand einen »Kompromiß« nach dem das AOK 1 zwar
wei ungsbefugt ein Anordnungen aber über den - Himmler weiterhin
unter teilten - Wehrkrei XII erteilen sollte621. Erst mit Hitlers Entschei­
dung, Model olle den Zeitpunkt b timmen, an dem das AOK 1 den Befehl
in der West tellung übernehmen könne622 bahnte sich eine sinnvollere
Lö ung di er Frage an.

61S Ferngespr. Feyerabend- p eidel vom 1. 9. 22.35 h RH 19 IX/89 . 12.


616 Cole Lorraine . 60 und 118.
617 OB \Y/est Ia r. 7590/44 vom 2. 9. RH 19 IV/55 . 32.
61 OB West Ia r. 7595/44 vom 2. 9., ebd. . 45.
619 KTB H. Gr. B vom 2. 9. RH 19 IX/89, . 28.
62o KTB OB West vom l. 9. RH 19 IV/46, . 2f.
611 KW/� F t r. 773145/44 vom l. 9. zit. nach: B \Y/est Ia r. 7611/44 vom
2. 9., RH 19 IV/55 . 57.
622 Gcz. Adolf Hitler WF t Op. r. 773189/44 vom 3. 9. zit. nach: B West I a
r. 795/44 ebd. . 63 f.
III. F ührung ent cheidungen und pcration verlauf 217

� ährend de en herr chte vor der Hauptkampflinie der 1. Armee weitge­


hend Ruhe. Fa t eine Woche lang fanden hier keine größeren Kampfhand­
lungen tatt. Mit jedem Tag verb ene ich dte »Au gang po ttion« der er­
teidiger. Die Panikstimmung in T hionville und Luxemburg legte ich und
da in Metz herrschende »Durchcinander«6n konnte beseitigt werden.
Der tab de LXXX. Armeekorp (Gen. d.Inf. Dr. Franz Beyer)624 baute
mit den Re ten ver chiedener au dem We ten zurliekkehrender Verbän-
de (darunter Einheiten der 48. Inf. Pz.-Lehr 5. F j. Div. und d ich. Rgt. 1
0' ie Teile der 15. Pz. Gren. Div.625) eine allerdings nur dünne Sicherung -
Iinie Z\vi chen Charleville und T hionville auf. Mit dem Eintreffen der eu­
zuführungen aus dem Reich entstand südlich hiervon innerhalb kürze-
rer Fri t eine regelrechte Front entlang der Mosel.
General der Artillerie innhuber übernahm mit einem LXXXll. Armee­
korp 626 den Ab chnitt von T hionville bis üdlich von Metz627• Ihm stan­
den Z\vei Infanterieverbände zur Verfügung. Der Antran portder 559. Gre­
nadierdivision wurde am 4. eptember abge chlo en62 • Der Kommandeur
der im Raum Metz eing etzten Ersatzheer-Division r. 462 Gen. Lt. Krau-
e hatte einen Verband rasch für Kampfaufgaben umgegliedert: eine Regi­
menter etzten ich nun aus der Fahnenjunkerschule VI {1800 Mann) dem
Unterführerlehrgang d Wehrkrei Xll {1 500 Mann) und rund 2 500 Ver-
prengten d Westheeres zusammen629• Der Divi ion r. 462 war darüber
hinaus die o twärt von Metz al ))bewegliche Reserve« bereitgehaltene
Kampfgruppe der 17. SS-Panzergrenadierdivi ion unter tellt630•
Den linken Flügel der 1. Armee bildete das XXXXVII. Panzerkorp von
General Frhr. v. Funck mit den beiden Panzergrenadierverbänden {3. 15.)
und der 553. Grenadierdivision. Alle drei Verbände waren jedoch noch
nicht vollzählig an der Mosel eingetroffen631•
Darüber hinau versammelten sich hinter der Front die 19. und 36. Grena­
dierdivision im Raum Trier-Saarbriicken während die Panzerbrigade 106 als
coßreserve in das Gebiet üdwesdich von Luxemburg geführt wurde632•

623
Fernge pr. Feyerabend- peidel vom 2. 9. 2.05 h, RH 19 IX/89, . 17 f.
62• Das Gen. Kdo. LXXX. AK war ursprünglich beim Ausbau der ·Kitzinger-Linief(
eingesetzt nach dem amerikanischen Durchbruch dann der zurückweichen­
den 1. Armee unter teilt worden.
6H
Hinzu traten das sog. chnelle Regiment von Frit chen• und die •Kampfgruppe

Bra ert• vgl. KTB LXXX. AK vom 1.-5. 9. RH 24-80/68 S. 7 ff.


626
Oie er tab war gerade erst von der KanaJkü te {AOK 15) eingetroffen.
627
KTB OB '\ est vom 2. 9. RH 19 IV/46, . 7.
62
tand der Ei enbahnbewegungen vom 4. 9. OB West Ia r. 7666/44 RH 19
IV/55, . ll0.
6
2'1 Krause Metz. M -B-042 . 2 ff.
6lO Gliederung H . Gr. B vom 5. 9., RH 19 IV/55, . 161.
6)1
tand der Ei enbahnbewegungen vom 4. 9., B � t Ia r. 7666/44 RH 19
IV/55 . 110.
6n
Tag meldung für den 4. 9. B We t Ia r. 7675/44 ebd., . 106 ff.
218 Teil 8: Der Rüc kzug des We theer bi zum Höhepunkt der Kri e

Bi zum 4. eptember hatte ich die Lage in di em Raum weitgehend tabili-


iert. peidel hielt am Abend� t der» icher te Ab chnitt der Heeresgrup­
penfront [ ei ... ] die Mo ellinie-63.. hevallenes Armee verfügte damit
zum er ten Mal über eine klar gegliederte ront und ein atzfähige Verbän­
de. in tab chef Feyerabend meldete daß owohl der An chluß zur 5. Pan­
zerarmee6H al auch nach üden zur Armeegruppe G hergestellt sei635.
Doch lagen hier, an den äußeren Flügeln die chwachpunkte der 1. Armee.
Oi betraf zum einen die noch dünne Verbindung zum »Brückenkopf
um Dijon« vor allem aber die Situation an der aht zur Panzerarmee.
Model beab ichtigre deshalb das nur au » tark vermi chten« Einheiten be-
tehende LXXX. Armeekorp durch einen örtlich begrenzten Angriff zu
entla ten636. Die Panzerbrigade 106 ollte, gekoppelt mit einem Regiment
der 15. Panzergrenadierdivi ion, die Linie Longuyon-Briey-Brückenkopf
Metz gewinnen und dadurch eine Frontbegradigung erreichen637.
olche R erven tanden dem I. S-Panzerkorp das nördlich an die 1. Ar­
mee an chloß nicht zur Verfügung. General der Waffen-SS Keppler verteidig­
te mit den Re ten von vier Panzerverbänden (1. 2. 12. SS 2. Pz. Div.63)
die rund 90 km lange Linie zwi chen amur und Charleville. Es gelang
einen Kampfgruppen zwar die amerikani chen Maasbrückenköpfe Dinant
und Givet wieder einzudrücken doch war die Gefecht tärke des Korps
mittlenveile »er ehreckend abge unken«. ie betrug nur noch rund 1 000
Mann und vier gepanzerte Kampffahrzeuge639.
chon d halb i t e nicht verwunderlich daß die »Ständig wachsenden«
Aktivitäten der Re i tance640 im franzö i ch-belgischen Grenzgebiet als
bedrohlich empfunden wurden. oldaten der Panzer-Lehr-Division waren
auf dem Rückmarsch hinter die Maas bereit mit »grausigen Bildern« nach
Pani anenüberfällen auf deut ehe Einzelfahrzeuge konfrontiert worden641•
Model mahnte zur »Vor icht«, da die »W iderstandsbewegung in Belgien/
ordfrankreich« nun den »offenen Auf tand« planeM2• Am 5. September
zeichnete ich deutlich ab, daß die »Ruhepau e« am Südflügel der Heeres­
gruppe ihrem Ende entgegenging. Die 1. U -Army nahm ihre Offensive
nach 0 t n wieder auf und konnte»gegen die außerordendich dünn b etz­
te Maasfront« d I. SS-Panzerkorp mehrere Brückenköpfe erzwingen643•

6H F rnge pr. Blumentritt- peidel vom 4.9. 19.40h, RH 19 lX/89, . 58 f.


6H Am 4.9., 19.00h lö tc das A K 7 Dietrich tab in der Kommandoführung
ab.
63S Ferng pr. Feyerabend- peidel vom 4. 9. 19.10h, RH 19 IX/89 . 57.
636 Ferng pr. Chevallerie-Model vom 3.9. 9.40 h ebd., . 35.
&37 KTB H.Gr. B vom 5. 9. ebd., . 6 6 ff.
63 Gliederung H. Gr.B vom 5. 9. RH 19 IV/55, . 161.
639 bkdo H.Gr.BIa r. 7012/44 vom 5.9. RH 191X/5 .509f.
MO Tag meldungfür den 5. 9. B � t Ia r. 7710/44, RH 19I /'55 . 14 ff.
Mt
Ritgcn Panze r-Lehr-Divi ion .193.
�2 Gc1. Model H.Gr.B la r. 6 913/44 vom 3.9., RH 19 IX/5 . 479.
64lTagemeldungfür den 5.9. OBWetla r.7710/44 RH 19IV/55, .148ff.
lll. Führung ent cheidungen und Operation verlauf 219

Dagegen waren die Ziele der 3. U -Army noch »nicht voll geklärt«. Beim
rab de OB � t erwartete man jedoch, daß Patton Angriff am näch ten
Tag (6. eptember) beginnen werde. Auch die Vermutung er beab ichti­
ge in ö dieher Richtung anzugreifen� .. , ollte ich als richtig erwei en.
Die Offen ive der 3. US-Army mußte damit auf die Mo elfront den mitt­
lerweile abwehr tärksten Ab chnitt im We ten treffen (Karte 16).

5. Der Höhepunkt der Krise im We ten

a) Der Kessel von Mons


Innerhalb weniger Tage hatte ich die Situation am linken Flügel der We t­
front einigermaßen gefe tigt. Die er für die weitere Entwicklung bedeu­
tende Umstand wurde jedoch durch die gleichzeitige Zer chlagung der
5. Panzerarmee verdunkelt.
Die Fort etzung der briti chen Offen ive über die omme hinweg trieb einen
Keil zwi chen die Armee General v. Zangens und die Verbände Dietrich .
Von Amien -Albert her über Arras vor roßend erreichten die Englän­
der (XXX. Brit. Korp ) am 1. eptember bereit den Raum üdlich von
Lilie und taoden damit tief im Rücken der 15. Armee�5• Die 2. Brit.
Armee wurde in der rechten Flanke durch ein Korp (XIX.) der 1. U -
rmy gedeckt, da von Peronne au in Richtung Cambrai marschierte.
Die alliierte Offen ive hatte zunäch t den Westflügel der 5. Panzerarmee zer-
chlagen. Das LXXXVI. Armeekorp General v. Obstfelders6-t6, d en Ver­
bände noch im Übererzen über die Somme begriffen waren�7 wurden in
Zangen Befehl hereich {AOK 15) abgedrängt. Von Kuntzen LXXXI. Ar­
meekorp blieb praktisch nur noch das Generalkommando elb t ein-
atzfähig64 . Für die 15. Armee be tand nun die Gefahr mit »verkehrter
Front« gegen die Kü te gedrückt und hier vernichtet zu werden.
Beim tab de OB We t hatte man dies oforr erkannt. Ein endgültig
u einanderbrechen der Front«M9 konnte nur noch verhindert werden,
wenn e gelang, die Frontlücke zw ischen der 15. und 5. Armee zu schlie­
ßen. Der Befehl Model beide Armeen ollten »mit allen Mitteln hierfür«
orgen, wurde, jedoch von Gen. Lt. Gau e ( tabschef der 5. Panzerarmee)
al reiner »Kriegstagebuch-Befehl« bezeichnet. Einer Truppe, »die keine
Truppe mehr [ ei]«, o Gause weiter könne »man keine undurchführba­
ren Befehle [ . .] geben« »
. exi tiere keine normale Front mehr«650.

"Ebd.
64s
KTB H. Gr. B vom 1. 9. RH 19 IX/89 . 8.
6-46 Ob tfelder, der zunäch t den Oberbefehl über die 7. Armee übernehmen oll­

te, wurde z.eitwei e durch Gen. Lt. Höcker (17. Lwfeld. Div.) vertreten.
647 Ferng pr. Ger dorff-Tempelhoff vom 1. 9. 11.30 h RH 19 TX/89 . 4 f.
KTB H. Gr. B vom 1. 9. cbd., . 9.
M9 KTB B t vom 2. 9. RH 19 IV/46 . 9.
6$0 Ferng pr. Gau e-Tempelhoff vom 1.9. 23.30h RH 19 IX/89, . 13 f.
220 Teil B: Der Rückzug de \Xfestheere bi zum Höhepunkt der Kri e

0 10 20 30 40 SO km
----e= �----c=�----
IIl. Führung ent cheidungcn und Operation verlauf 221
222 Teil B: Der Rückzug d � theer bi zum Höhepunkt der Kri e

Die deutlichen Worte Gau ent prachen den Tat achen. Der rechte Flü­
gel der Panzerarmee war zersplittert die Führung verbindung zu den übri­
gen, im Raum Peronne ( omme)- t. Quentin-Hir on-Charleville
(Maas} kämpfenden Korp verloren651• Für Dietrich Stab bestand keine
Möglichkeit mehr einzugreifen und die erneute Umfa ung, die dem Gros
der unter reUten Verbände mittlerweile drohte abzuwenden.
Der berbefehl haber der 12. US-Heeresgruppe General Bradley, hoffte
zwölf deut chen Divi ionen den Rückzug weg verlegen zu können652•
Hierzu ollte da XIX. US-Korp al linker »Zangenarm« der 1. US-Army
weiter in nordo twärtiger Richtung über Cambrai angreifen, das Vll . US­
Korp aber nun nach orden auf Mon umschwenken653•
Das VII. U ..Korp durch tieß die nur » tützpunktartig besetzte Linie«6s..
und erreichte am 1. September von Vervin aus bereits den Raum Avesnes
ur Helpe655• Da I. SS-Panzer-Korps wurde hierdurch nach Osten abge­
drängt. Keppler Korp der linke Flügel der Panzerarmee entging so der
ink elung und etzte sich hinter die Maas ab.
ur noch etwa SO Kilometer trennten die Angriffsspitzen des VII. US­
Korp von denen des in der Lücke der deutschen Front vorstoßenden
XIX. U -Korps bei Cambrai656• Drei deut ehe Armeekorps mit zehn
Division -Kampfgruppen657 befanden sich zwischen beiden auf den Raum
Mon zielenden Offensivachsen der 1. US.. Army.
Da auf General Krügers Gefechtsstand (LVITI. PzK) bei St. Quentin nur noch
überholte Befehle d Pz. AOK 5 aber keine aktuellen Lageorientierungen
mehr eintrafen timmte er Bittrich (II. S -PzK} Vor chlag zu, auf eigene
Faust zu handeln65 . Eine rasch anberaumte B prechung mit General Strau­
be ( LXXN. AK) bestätigte den Eindruck, daß die Amerikaner in der Mitte
vor der Front der drei Armeekorp nur chwach nachdrängten659. Späh­
trupp und alliierter Rundfunk - die einzigen achrichtenquellen660 -

6SI KTB OB West vom 2. 9. RH 19 IV/46, . 6.


6Sl Blumen on Breakout, . 679.
6 l Befehl Bradley vom 31. 8., vgl. Blumen on, Breakout
. 680.
6S
4 KTB Pz. AOK 5 vom 3. 9., RH 21-5/52, S. 45.
655 KTB röm. 58. Pz.K vom 1. 9. RH 24-58/10 S. 22.
6S6 Ebd.

6S7 LXX IV. AK mit: 18. Lwfeld, 6. sj. Div. LVIII. Pz.K mit: 348. Inf. 3. Fsj. Div.;
·

II. -PzK mit: 47., 275. Inf.Div., 1. 12. 116. Pz.Div. Vgl. KTB Pz.AOK 5
·

Anlage 72 vom 1. 9., RH 21-5/53, . 99. Di e Angaben sind jedoch nur ein
Anhalt, da die Divisionen z. T. über einen weiten Raum zersplittert eingesetzt
waren. o befand sich bei pielswei e beim LXXIV. AK zusätzlich das Art. Rgt.
der 49. lnf. Div., beim LVIII. PzK die »Kampfgruppe v. Aulock«. Ein Batail­
lon der 348. Inf. Oiv. dagegen kämpfte im Bereich des AOK 15 die •Gruppe
Meyer• der 12. -Pz. Div. beim 1. -PzK.
6s KTB LVlll. PzK vom 1./2. 9. RH 24-58/10
. 22 f.
6
59 Krüger, LVIII. P1..K, M -B-157 . 8 f.
660 Ebd.
111. Führung ent cheidungen und Operation verlauf 223

informierten die deutschen Stäbe darüber, daß die Gefahr vielmehr aus
eiden tiefen Flanken drohte.
och am 1. September entschlossen ich die Kommandierenden Genera­
Je gemeinsam zum »Durchbruch« nach ordosten bis in den Raum ivel­
lc (25 km südlich von Brüssel)661• Trotz des ra chen eigenverantwortli­
chen Handels waren die Erfolg aussichten, den noch rund 70 Kilometer
entfernt liegenden Raum Mons zu passieren, zumindest für die schwerfäl-
•gen Infanterieverbände gering.
I General K rüger am nächsten Tag Kommandeure und Generalstabsof-
iziere zur mündlichen Befehl ausgabe versammelte662, hatte sich heraus­
gestellt, daß die Amerikaner inzwischen von Avesnes bis zur Sambre (Mau­
beuge) und über Valenciennes bis in die ähe von Mons, das noch von
einer Kampfgruppe der 9. SS-Panzerdivision verteidigt wurde663, vorgesto­
ßen waren.
Wie Bittrich gegenüber dem Kommandeur der 47. Infanteriedivision äußer­
te konnte es lediglich darum gehen, »möglichst viele Menschen aus die­
<iem chiauch [zu] retten«�. Der »Schlauch« war aber zwischen Mons
und Maubeuge nur noch rund 20 km weit geöffnet.
m 2. September begannen die Ausbruchversuche. Motorisierten Einheiten
gelang es noch zu entkommen: o etwa den Kampfgruppen der drei Pan­
zerdivisionen {1., 12. SS-, 116. Pz.Div.) die Bittrichs Korps unterstellt waren.
)ie erreichten - z. T. durch die nach orden stoßenden OS-Kolonnen hin­
durchfahrend - den Raum ostwärts von Maubeuge-Beaumont66>.
Unter persönlicher Führung Krüger brach am 3. September morgens der
tab des LV III. Panzerkorps durch. ördlich von Maubeuge passierte er
die »letzte offene Stelle der Feindein chließung«666• Auch die Generalkom­
mandos des LXXIV. Armeekorps und des II. SS-Panzerkorps konnten sich
der Einkesselu ng entziehen. Dann aber ging das V II. US-Korp entlang
der traße Mauheuge-Mons in Stellung und sperrte die Fluchtroute. Die
1. US-Infantericdivision stieß in den Ke el vor667, der den Resten von
ech deutschen Divisionen (3. Fsj., 6. Fsj., 18. Lwfeld, 47. Inf., 275. Inf.
348. Inf. Div.) zum Schicksal wurde {Karte 17). Bei der anschließenden »Säu­
berung« wirkten belgi ehe Resistancegruppen tatkräftig mit668•

!Xtt
KTB LV III. PzK vom 1. 9. RH 24-58/10 . 22 f.
� General Straube übernahm al Rangält ter die Gesamtführung der provi ori eh
gebildeten •Armeegruppe Straube((. Die Verbände des LXXIV. AK (18. Lwfeld-
6.F j. Div.) wurden d halb Krüger zusätzlich unterstellt, vgl. KTB LVlll.PzK
vom 2. 9. RH 24-58/10 .24.
661 KTB Pz. AOK 5 vom 2.9. RH 21-5/52 . 45.
664 � ahle 47. Inf.Oiv. M -B-176 . 17.
6!STagesmeldung für den 2.9., B � t Ia r. 7623/44 RH 19 IV/55 .52ff.
666 KTB LV III.PzK vom 3. 9. RH 24--58/10 . 27.
667 Blumen on, Breakout, S. 682 f.
661 Wahle, 47. Inf. Div. M -B-176, . 21 ff.
224 11. Die Ereigni e um Pari

Dem Kommandeur der 1 . Luftwaffenfelddivi ion, Gen. Lt. v. Tre ckow,


gelang e allerding ich in »14tägigem Mar eh« mit wenigen Männern
zu den eigenen Linien durchzu chlagen669•
Rund 25000 deut ehe oldaten gerieten in Gefangen chaft670• Mit die-
er chweren iederlage hörte die Front der 5. Panzerarmee auf zu beste­
hen. och �m 3. eptember drang die Guard Armoured Divi ion in die
belgi ehe Haupt tadt ein671• Im Raum zwi chen Lilie und nördlich von
Charleroi tanden ))mit Au nahme ver prengter Gruppen keinerlei Kräf­
te mehr«672•
odel er uch die e Frontlücke durch den zum Oberbefehl haber der
7. Armee ernannten General d. Pz. Tr. Er ich Brandenberger673 schließen
zu 1 en \var d halb von vornherein zum cheitern verurteilt. Brandenber­
ger tanden zunäch t außer zwei Generalkommando (LXXIV. und LXXXI.
AK) keine Truppen zur erfügung674• Er erhielt ehließlieh den Befehl,
eine » icherung linie« zwi chen Leuven und amur aufzubauen675• Die
täbe Gen. Lt. Schack (LXXXI. AK)676 und Strau be {LXXIV. AK) oll­
ten die Re te zer prengter Verbände zu Kampfgruppen formieren und so
allmählich eine- nun nach� ten gerichtete- Abwehrfront bilden. Ob
und wann die gelingen würde �war nicht zu über ehen«677•
Die verlu treichen Kämpfe im Raum Falai e, beim Seineübergang und auf
dem Rückzug zur omme hatten ihren Tribut an Material gefordert. Die
Erfolge de Gegner o re umierte man in Arenberg (bei Koblenz) dem
neuen Hauptquartier de OB \Y/e t eien »auf das Fehlen ausreichender
Panzerabwehnvaffen [ ...]zurückzuführen«. Die erschöpften Infanteriever­
bände \varen deshalb »den feindlichen Panzern ausgeliefert«67 • Model ließ
dem OKW melden, die Truppe sei »deprimiert«679•
Tat ächlich zeigten ich - wie im Bereich der 1. Armee - nun auch im
nordfranzö i ch-belgi chen und holländi chen Raum Zeichen der Auflö-
ung. Auf den Rückzug traßen fluteten »zahllo e Ver prengte, Dien tstel­
len Kommandanturen u w.« nach Osten. »Panik timmung« führte im rück­
wärtigen Raum »ZU vorzeitiger Vernichtung von Vorräten und Waffen«.
Der Kriegstagebuchführer des L XXXIX. Armeekorp hielt weiter fest »das
Ganze« biete »ein für da deut ehe Heer unwürdige und beschämendes

669 Tätigkeit bericht Heere per onalamt vom 19.9. . 262.


6 0
7 Blun1en on Breakout . 684.
6 7' KTB H.Gr. B vom 3. 9. RH 19 IX/89 . 37.
67 2
bd. vom 4. 9. . 46.
6
73 Ebd. vom 1.9.. . 9.
6
7� Ebd. vom 4. 9., . 46.
6]S
Ebd. . 53.
67 6
hack übernahm Clm 4. 9. von General Kuntzen die ührung d LXXXI. AK.
6
7" Brandeoberger 7. Armee M -B-730 . 6.
67 Tag meldu ng für den 2.9. B We t [ a r. 7623/44, RH 19 IV/55, . 52 ff.
679 ß We t Ia r. 7591/44 vom 2.9., ebd. . 36f.
111. Führung ent cheidungen und Operation verlauf 225

Bild 60• Vor allem aber waren es Angehörige der Luftwaffenbodenorga-


11 ation die die Flucht ergriffen und »selb t au dem Raum Am terdam«

nach ten »au wichen«�1•


todel versuchte diesen Er cheinungen durch einen Appell an »Ehre und
tand� tigkeit jedes Einz.elnen«682 entgegenzuwirken. An den Rückzug -
rraßen wurde ein »Aufruf an die Soldaten des We theeres«6 3 verteilt, in
dem der Feldmarschall dazu aufforderte, dort die Initiative elb t zu ergrei­
f n wo ie der F ührung entglitten war. Die Soldaten persönlich als »euer
berbefehlshaber« an prechend, betonte er, jeder mü e bereit ein er­
, ntwortung zu tragen. »Wir haben eine Schlacht verloren, aber ich age
F uch: W ir werden die en Krieg doch gewinnen!«
bwohl aus heutiger Sicht unverständlich, wird man diesen Satz nicht ledig­
lach al »Durchhalteparole« wider b eres W issen einstufen können. Model
Briefe an einen Sohn dokumentieren daß er eine zuversichtliche Grund­
halt ung trotz aller Rückschläge noch nicht verloren hatte6 4•
Der Feldmarschall schloß einen »Aufruf« mit den Worten »Denkt daran
daß in die em Augenblick alle darauf ankommt,[ ...] Zeit zu gewinnen«,
um dem We ten weitere Ver tärkungen zuführen zu können. » oldaten
\vir müssen dem Führer diese Zeit schaffen!«
Di er Wettlauf schien jedoch verloren zu gehen. Der alliierte Durchbruchs­
keil - und das war neben der Zer chlagung deutscher Verbände da ent-
cheidende Ergebnis des »K el von Mon « - wies mittlerweile eine kaum
reparable« Breite von 75 Kilometern auf. In den letzten Tagen hatten die
lliierten die hohe Mobilität ihrer Divi ionen auf dem guten Wegenetz
voll zur Geltung bringen können.
peidel unterrichtete Warlimone darüber, daß es sich hierbei nicht etwa nur
m die pitzen »überbeanspruchter Feindverbände« handelte. Es herrschte
ach den Worten des Stab chefs der Heer gruppe B »Klarheit« darüber
daß » tarker Panzerfeind« einen »Stoß auf Antwerpen führen« werde um
»die 15. Armee einzuk eln«685• Damit tand die Krise der Westfront vor
dem Höhepunkt.

° KTB LXXXIX. AK vom 1.9. RH 24-89/10 . 5/2. Die Datierung ist jedoch
un icher. Der •Gefecht berichte wurde erst am 20.9.1944 verfaßt.
1 timmungsbericht de Admiral iederlande G 25312 F lll für den Zeitraum
3.-21.9.1944, RM7/131 S.492ff.
2 KTB LXXXIX. AK vom 1.9., RH 24-89/10, . 5/2
Eine Kopie dieses Aufrufs erhielt der Verfasser von Herrn Brigadegeneral
H. Model
.. Brief Model vom 4. 9.: •Gerade jetzt muß durchgehalten werden[... ], da gibt
dann die Ent cheidung ( ... ] Eine turbulente Zeit! Trotzdem durch!•, Privat­
archiv Model.
6SS Ferng pr. pcidel-Warlimont vom 3.9., 2 3.35 h RH 19 IX/89 . 38 f.
226 Teil B: Der Rückzug de � theer bi zum Höhepunkt der Krise

J3)lU1J<

0 10 20 30 40 SO km
----===---.c==----
lll. Führungsentscheidungen und Operationsverlauf 227
228 Tea B: Der Rückzug d � theeli bi zum Höhepunkt der Kri e

b) Der Fall A ntwerperu


Der OB West mußte der dramati chen Ver chJechterung der Lage am
4. eptember weitgehend tatenlo zu ehen. Beim tab in Arenberg hielt
man e nur bei Zuführung mehrerer Panzerbrigaden noch für möglich,
»eine Eink elung der 15. Armee« zu verhindern 6•
Doch hierfür war bereits zu pät. Model Befehl, die einzig verfügbare
Panzerbrigade {105) von 0 ten her auf Mechelen angreifen zu la en und
o die Engländer in der Flanke zu fassen687 blieb ohne Erfolg chance, da
bi her nur der rab und eine Kompanie die e neuen Verbandes eingetrof­
fen waren68 und außerdem Treibstoff fehlte69•
Das Tempo des die deut ehe Frontlücke nutzenden britischen Vor toßes
erlaubte e nicht einmal mehr einen provi ori chen Abwehrring um
Antwerpen aufzubauen. och bevor General Chri tian en (Wehrmacht­
befehl haber der iederlande), den Model erst wenige tunden zuvor hier­
für •verantwortlich« gemacht hatte690 die 719. Infanteriedivi ion heran­
bringen konnte, tanden die pitzen de XXX. Brit. Corp am Stadtrand.
Al pähwagen der 11. Armoured Divi ion gegen 10 Uhr vormittag bei
Boom {10 km üdlich von Antwerpen) auftauchten691, befand ich das
Gro de deut chen Verband 692 noch im Anmar ch693.
Zwei tunden päter erlo eh der chwache W iderstand üdlich von Ant­
werpen694. Um 14.25 Uhr meldete Gen. Maj. Graf Stolberg695 dem Stab
der Heer gruppe Panzer eien in die tadt eingedrungen696. Da mit Stol­
berg Einheiten {2 Bataillone 1 chwere Flak-Batterie) kein nachhaltiger
Abwehrkampf zu führen war ent chied Model die tadt aufzugeben und
tatt de en die vorhandenen Kräfte auf die Sperrung des Albertkanals zu
konzentrieren697.
Der toß der 11. brit. Panz.erdivi ion erfolgte o rasch daß den Deut chen
keine Zeit mehr blieb die Infra truktur d Welthafens ent cheidend zu
»lähmen«. prengungen in den Antwerpener Docks wurden durch einen

6 Tag meldung für den 3. 9., OB West I a r. 7642/44 RH 19 IV/55, . 78 ff.


7 KTB H.Gr. B vom 3./4. 9., RH 19 IX/ 9 . 39 und 53.
68 KTB Pz. AO K 5 vom 3. 9. RH 21-5/52, . 46.
689 KTB H.Gr. B vom 3. 9., RH 19 IX/89 . 34.
690 Ebd. vom 4. 9. . 47.
69t KTB LXXXVIU. AK vom 1. 9., RH 24-88/91, . 52 ff.
692 eben der 719. waren auch die noch im Kanalbereich tehenden Re neile der
347. Inf. Div. heranbefohlen. Die Ma e die er Oivi ion war inzwi chen nach
amur verlegt.
69 .) KTB LXXXVlll. AK vom 1. 9., RH 24-88/91, . 52ff.
69� KTB H.Gr. B vom 4.9., 11.45h, RH 19 IX/89, . 49.
69S Kdr. Div. z.B.V. 136 in Antwerpen. Dem Oiv.- tab unterstanden nur zwe1 Batail­
lone agenkranker.
696 ernge pr. tolberg-Tempelhoff vom 4. 9., 14.25 h RH 19 IX/89, . 51.
697 erng pr. Kreb - tolberg vom 4.9., 14.4Sh und Kreb ·Blumcntritt, 14.5Sh,
RH 19 lX/89, . 52 f.
III. F ührung ent cheidungen und Operationsverlauf 229

in der Hafenverwaltung be chäftigten belgi chen Pionierleutnant der Reserve


vt:reirelt69 • Durch di e wohl bedeutend te Tat de belgi chen W ider-
tand 699 fielen den Alliterten Hafenanlagen und die Dock auf dem ord­
ufer der chelde nahezu unver ehrt in die Hände. Wenn e der Komman­
deur der rmoured Divi ion General Robert unver tändlicherwei e700
� uch unterließ ich ofort der Briicken über den Albertkanal im ord­
t tl der tadt zu bemächtigen o konnte die 2. Briti ehe Armee doch eine
länzende »Zwi chenbilanz« vorwei en.
e1t dem or roß über die eine war er t eine Woche vergangen. Inner­
halb die er Zeit hatten die Briten eine Di tanz von rund 370 Kilometern
übenv unden und chließlich den \Velthafen Antwerpen unzerstört ein­
nehmen können. Abge ehen davon 'War nun der »Ring<� um die deut ehe
15. Armee >)geschlo en«70 1• Montgomery chätzte die Stärke der zernier­
ten rmee General von Zangens702 auf 150000 oldaten703•

c) »Att/Jangmaßnahmen• im westen und die Lagebeurteilung Models vom


4. eptember
Für den OB We t tanden vorer t keine Re erven mehr bereit. E war für
die otlage der Monat wende Augu t/ eptember kennzeichnend, daß das
()KW Model nun ein Zugriff recht auf Soldaten der anderen Teilstreit­
krafte zubilligte, womit lange be rehende ehranken fielen. Aber mehr al
einen Tropfen auf den heißen tein teilten bei piel wei e die 15 000 Luft­
waffenrekruten der 1. Flieger-Au bildung -Division die dem OB 'WI t »ab
ofort« al ))per oneller Er atZ« zur Verfügung tanden704, nicht dar.
) halb kam der Organisation ogenannten »Auffangmaßnahmen« erhöhte
oedeutung zu. Um das »nach 0 ten trömende Heer von Flüchtlingen«705
erfa en zu können, wurde eine Sperrlinie errichtet, die von der Schwei­
zer Grenze die West tellung entlang bi Aachen verlief und nördlich hier­
von der Reich grenze folgte70(,. Zweck war es vor allem, zurückflutende
oldaten mit Hilfe de Feldjägerkommando III der »Sonder täbe OKH I
und ll« und »aller noch verfügbaren Kriifte«707 de Wehrmacht treifen-

6 ' RuppenthaJ ' upport, 11 . 105.


699 Elli V ictory, Il, . 414. Pogue gibt die tärkc de belgi chen Wider tands mit
rd. 30 000 1en hen an vgl. upreme Command . 329.
700 Wilmot Kampf . 517.
701
Tage meldung für den 4. 9. OB� t Ia r. 7675/44 RH 19 IV/55 . 106ff.
70' 59., 64. 70., 226. 245., 712. Inf. Div. ach der Auf: paltung der deutschen Front
war dem AOK 15 auch noch da LXXX 1. AK mit der 331., 346., 711. Inf.­
und 17. Lwfeld-Div. unter teilt worden.
7
' lnclu ive der Fertigung b atzungen vgl. ontgomery ormandie, . 18 .
7"'
B � t l a r. 7577/44 vom 1. 9. und /607/44 vom 3. 9., RH 19 IV/556, . 20f.
und 85 f.
70"
KTB H. Gr. B vom 1. 9. RH 19 IX/89 . 8.
1 Gez. Keitel OKW/WF t/Org. r. 0010691/44 vom 2. 9., R� 4/v. 494 . 62.
70' Ebd.
230 Teil B: Der R ückzug d We t heere bi zum Höhepunkt der Kri e

dien te zu entwaffnen, zu ammeln und dann chnell tmöglich \vieder


ein atzbereit zu machen.
Die von Model hon kurz nach eaner Ankunft im � ten eingeleiteten
»Auffangmaßnahmen«70 wurden nun Himmler übertragen. Die damit
verbundene ,.äußer te Rück icht lo igkeit« war beabsichtigt. o wie Kei­
tel den Befehl habcr de Feldjägerkommando III Gen. d.Inf. v. cheele
an »gegen Marodeure und feige Drückeberger ein chl. Offiziere[... ] chärf-
ten vorzugehen und [Tode urteile ... ] ofort zur Abschreckung zu voll­
trecken•/09.
Im Wehrmachtführung tab hatte man denn auch keine Einwände dage­
gen Parteifunktionäre »zur ammlung versprengter Soldaten« einzu etzen.
Der Vors hlag elb t war vom Befehl haber d Wehrkrei Xll Gen.d.lnf.
alter chroth, gekommen710.
Die Kri e im We ten ver chaffte der Partei« und den $-Ideologen zwei­
fello eine weitere Einbruch Iücke um die militärische Sphäre tiefer zu
durchdringen. o wurden etwa 200 -Führung offiziere ( SFO) in die
Wehrkr i e V und XII ent andt, die Einfluß »auf die Haltung der au dem
We ten zurückgekehrten« Truppen nehmen ollten711• Die Aufgabe der
0- im OKW erwog man bereit , di e »Institution« ganz dem »Poli­
truk- y tem« anzupassen711 -, b tand in der »Erziehung zum fanati chen
oldaten de ational ozialismu .?0.
Fanati mu ollte nun ersetzen, wa die Wehrmacht an personeller und
materieller Kraft eingebüßt hatte. Die kata trophale Lage im We ten lag
jedo h nicht im mangelnden Kampfwillen der Soldaten begründet. Zu Auf­
lö ung er cheinungen kam e vor allem dort, wo die Front zerbrochen
und die Führung verbindung zu der takti eh absolut unterlegenen, »mit
jedem Tag mehr au brennenden Truppe«714 verloren gegangen war.
Mit der Einke elung der 15. Armee General v. Zangens hatte die Kri e
den ge amten ordflügel der Front erfaßt. Im Raum zwi chen Antwer­
pen und amur war keine durchgehende Abwehrlinie mehr vorhanden.
Gen. Lt. v. W ühli eh (Stabschef de Wehrmachtbefehlshaber iederlan­
de) meldete daß frühe tens am 6. eptember erste Sicherungen entlang des
Albertkanal aufgebaut ein könnten715• Auch üdlich hiervon gab e
nicht das die Fortführung der alliierten ffen ive ernstlich hätte behin­
dern können. Der Oberbefehl haber der 7. Armee, der nach dem Herau -

70 OB \Yic t I a r. 6883/44 vom 20.8. RH 19 IV/53 . 345 f.


709 Gez. Keitel K\J1W .. t /Org. r.0010691/44 vom 2.9. R\J 4/v.494 .66f.
7to otiz zur Mittag Jage vom 3. 9. gcz. Warlimont ebd. .66 f.
711 Gez. Keitel OK'\ '/WF t /Org. r.0010719/44 vom 2.9. ebd. . 60.
712 Vor chlag Gen.d. Inf. Reineck (Chef d
• -Führung tabe im OK'\ ) vom
4.9., Tätigkeit bericht Heer per onalamt . 241
71.l o in Hitlcr rlaß über die Einführung de -Führung offizie� vom
22. 12.1943.
714 Gez. Model bkdo H.Gr.B vom 4.9., RH 19 IX/ .134f.
7ts KT B H. Gr. B vom 4.9., RH 19 IX/89 .47.
lll. Führung ent cheidungen und Operation verlauf 231

1iehen de Pz. AOK 5 nun den ge amten Ab chnitt bi hinab nach Char­
leville übernahm716, war vollauf damit au gela tet, aus ver prengten Ein­
heiten »Kampfgruppen« zu bilden717• S in Problem bestand zunächst dar-
n den Raum üdlich de Albertkanal bi amur überhaupt führung -
techni eh wieder in den Griff zu bekommen71 • Lediglich am linken
rmeeflügel hinter der Maa (zwi chen amur und Charleville) exi eier­
te noch eine »Frontlinie«, die vom ange chlagenen I. SS-Panzerkorps aller­
ding nur »außerordentlich dünn be etzt«719 \Var.
ufgrund dieser Lage hielt es Model für möglich, daß»Panzer pitzen jeder­
tteit au dem Bereich der 7. Armee nach 0 ten« durchstießen. Oe halb ei
die » ofortige Besetzung des Westwall « nun »dringend erforderlich«720•
Doch der Ein atz der er t am Tag zuvor mobilisierten721 Einheiten de
Ersatzheere konnte nur ein otbehelf ein. Jedenfalls zweifelte der Stab -
chef der Heer gruppe, ob die» icherungen an der Grenze[ ...] tark [genug
eien] um einen Stoß der Engländer in das Industriegebiet [der Ruhr] auf­
/uhalten«722. Deshalb mü e chnellsten »etwas für den Nordflügel getan
\verdcn«723 (Karte 18).
och am 4. September übermittelte Model seine Forderungen dem OKW
•mit der Bitte um Vorlage im Original an den Führer«. Der Feldmarschall
chätzte die »tat ächliche Kampfkraft« der 7. Armee724 nur noch auf »3/ 4
Pz. Div. und 1 1/2-2 Inf. Div.«.
Bi zum 15. eptember müßten de halb »minde ten [ ... ] 10 [Inf.]Div. und
5Pz. Div.« zugeführt werden. ein ach atz »andernfalls ist das Tor nach
ordwest·Det�tschland offen«72s be chrieb die verzweifelte Lage treffend.
Die e Fe t tellung würde zumind t in den näch ten ent eheidenden Tagen
Gült igkeit behalten, da die angeforderten Verbände - wa Model wohl
\vußte - nicht vorhanden waren.

716 Tage meldung für den 4. 9., OB We t Ia r. 7675/44 RH 19 I /'55 . 106ff.


7�"' KTB H.Gr. B vom 4. 9. RH 19 IX/89 . 48.
71 Brandenherger 7. Armee, M -B-730, S. 13 ff.
7'9 Tagesmeldung für den 5. 9. OB \V/e t Ia r. 7710/44, RH 19 IV/55, S. 148ff.
no
KTB H.Gr. B vom 4. 9. RH 19 IX/89 . 59.
721 ,.Walküre-Aufruf« im Wehrkrei VI am 3. 9., vgl. RH 19 IV/46. 13. Die hier­
durch aufgelö te Bildung von Alarmeinheiten de Er atzhecre war ur prüng­
lich für den Fall innerer Unruhen vorge chen hatte aber auch im Zu ammen- .
hang mit dem 20. Juli eine w ichtige Rolle g pielt.
12
Ferngc pr. Kreb (oder peidel)-Guderian vom 4.9., 18.5Sh, RH 19 IX/89
. 56 f.
723 Ebd.
724 Da die Lagebeurteilung chon mittag fertigge teilt war da A K 7 al o no h
nicht Dietri h tab abgelö t hatte (die erfolgte um 19.00h) prach Model
noch von der 5. Panzerarmce.
S
72 Gcz. Model, bkdo H. Gr. B r. 6944/44 vom 4. 9. RH 19 IX/8 . 134 f.
IV. Die Grundlagen der w iteren Kampfführun g

1. L gebeeurteilung und nt cheidung auf alliierter ette

Die Ziele die i enho,. er einen Armeen am 24. Augu t ge teckt hatte,
waren in den ersten eptembertagen bereit weitgehend erreicht. Die Leich­
tigkeit d eigenen ormars he und die Anzeichen der Auflö ung auf
deut eher eite nährten die iege zuver icht im alliierten Lager. ach der
wöchentlichen Feindlagebeurteilung d HAEF- tabe vom 2. eptem­
ber teilte die deut ehe Armee nur noch eine »Anzahl flüchtender de or­
gani ierter und demoralisierter Kampfgruppen darc/26• Auch am üdflü­
gel ah man keine größeren chwierigkeiten: obwohl ich die Lage der
1. deut chen Armee an der Mo el unterde en ja gefe tigt hatte erwarte­
te Parton erst im Bereich d e t\vall wieder auf tärkeren aber über­
windbaren � ider tand zu treffen727• Der Oberbefehlshaber der 7. US­
Army Gen.Lt. Patch hoffte ogar, die 19. deutehe Armee noch vor Errei­
chen der Burgundi chen Pforte ( » Belfon gap«) abzuschneiden72 • Ange-
icht des vermeintlich unmittelbar bevor rehenden ieg brach die tra­
tegiekontrover e erneut auf.
G tützt durch den Erfolg, der in der Pha e •eindeutiger« chwerpunkt­
bildung (24. Augu t-4. eptember) erzielt worden war, drängte Mont­
gomery abermal darauf, d in der •Po t-OVERLORD«-Konzeption
kizzierte Prozedere nun endgültig im inne d » ingle:rhrust«-Plan ab­
zuändern.
hne im einzelnen auf die langwierigen Au einandersetzungen729 einge­
hen zu wollen bleibt � tzuhalten daß Ei enhower hierzu aus dem bereits
erwähnten, vielfach verwobenen Geflecht von Gründenno heraus nicht
bereit 'War. Er zeigte ich im Gegenteil dazu ent chlo en, wieder ganz der
ursprünglichen - allerding auf einer völlig anderen Beurteilung der deut-
chen Wider tand kraft beruhenden - »Po t-OVERLORD«-Planung zu
folgen.

720 The German Army " ,.no Ionger a coh ive force but a number of fugitive
battle grouphort of equipment and arm zit. nach:
•, acOonald iegfried
Line . 14.
727 Pattons Befehl an die 3. U -Army vom 5. 9., vgl. Cole Lorraine . 55.
72 iehe hierzu KTB 7. U Army vom 2./3. 9. owie Wilt, Riviera, . 150f. Gen. Lt.
Patch 7. U -Army unte�tand noch dem Oberbefehl haber d Mittelmeer­
krieg chauplatzes Gen. Wil on. Erst am 15. 9. 1944 wurde Patch Armee und
die franzö i ehe Armee de Gen. Jean de Lattre de T igny (Fran1ö i ehe
Armee B ab 15. 9. umb nannt in: 1. Franz. Armee) in der 6. Heere gruppe
(Gen. Lt. Jacob L. Dever ) zu ammcngefaßt und HAE (Ei cnhower) unter-
teilt.
71.9 Vgl. hierzu etwa: ·lli , V ictory, Vol. li, . 7 ff.; Pogue uprcme Command,
. 253 ff.; Blumen on, Breakout, . 687 ff. Ambro c, '"i enhower, . 39-48.
·

?.}()
gl. hierzu: Kapitel B 111 2 a.
IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 233

Ei enhower war der Überzeugung, daß ich bei dem »in Laufen« gekom­
menen Gegner731 an der »gesamten Front« Zeichen eines »Kollap es« zeig­
ten732. Deshalb, o eine chlußfolgerung, komme e nun darauf an, » o­

bald wie mögli�ch« die »Siegfried Line« vor dem Ruhr- und dem Saarge­
biet zu durchbrechen und beide Industriereviere einzunehmen733• Durch
die weit au einanderliegenden Schwerpunkte wollte er den Gegner zur Über­
dehnung einer verbliebenen chwachen Kräfte zwingen7·H. Auf alliierter
eite rechnete man wohl damit, daß die Deut chen ver uchen würden sich
am We twall zur Verteidigung einzurichten doch billigte man dem offen­
sichtlich kaum Erfolg chancen zu. Jedenfalls lagen die Ziele, die den alli­
terten Armeen Anfang September g teckt wurden, bereit am Rhein735•
Ent cheidend in die em Zusammenhang war, daß in der »Endphase des
Feldzuge « die Ei enho\ver Meinung nach begonnen hatte, Patton 3. US-
rmy die »Unter tützung offensive« am Südflügel nun wiederaufnehmen
ollte736•
Damit war nicht nur die Schwerpunktbildung im orden aufgehoben, on­
dern das implizierte auch daß der Vormarsch sich insgesamt verlangsamen
\vürde. Denn die ohnehin chon be rehenden logistischen Probleme hatten
ich mit dem >Pur uit«, der türmi chen Verfolgungspha e der letzten Tage
und dem damit verbundenen immer Stärkeren Auseinanderklaffen zwi chen
ur prünglich konzipiertem (d. h. nachschubtechnisch vorbereitetem) und
tat ächlichem Vormar eh weiter verschärft737• ach den Planungen ollten
am 4. eptemb r 12 US-Divi ionen an der Seine stehen. Statt dessen waren
aber bereit 16 US-Verbände z. T. rund 240 km über den Fluß hinau nach

731 »The enemy i routcd and running on our entire front« Ei enhower an Mar­
hall vom 2. 9., vgl. Papers of Ei enhower IV . 2111 f.
n2 •Enemy re istancc on the entire front
how sign of collap .« Eisenhower­
Directive vom 4. 9., ebd., . 2 1 1 5 f.
7·H Unterdessen ollten die ihm noch nicht {erst ab 15. 9.) unter tehenden ORA­
GOO -Kräfte über B ancon-Dijon auf Belfort-Epinal vor toßen ebd.
73� Pogue, upreme Command S. 258 ff.
ns
Die 2. Brit. Armee ollte auf Arnheim-Wesel, die 1. U -Army auf Köln-Bonn
vorstoßen. Ein Korps der Armee Hodges ollte durch die Ardennen auf Koblenz.
vorgehen um o die Lücke zur 3. U -Army zu chließen. Die 3. US-Army Pat­
ton erhielt den Raum Mainz-Mannheim zugewi en. vgl.: Konferenzen der
alliierten Oberbefehlshaber vom 2./3. 9., Elli , V ictory Vol.ll . 7f. und Mac­
Donald, iegfried Line . 36 f.
736 »I now deem it important to get Patton moving once again [... ] to carry out

the original conception for the final tage of this campaign.•, Ei enhowcr­
Memorandum vom 5. 9. vgl. Paper of Ei enhower IV . 2 1 2 1 f.
Y1
7 Ei enhower hatte die Auswirkttngen der achschubkri e erkannt. Er ah aller­
ding darin, daß die Deut chen eine Verlang amung der alliierten Offensiven
zur Reorganisation der Verteidigung am WestVJall »oder am Rhein• nutzen könn­
ten eher eine •potentielle Gefahr«. eine chlußfolgerung« lautete: »we mu t

now as never before keep the enemy trctched everywhere« , Ei enhower an Mar-
hall vom 4. 9., vgl. Paper of Ei enhower, IV . 2 1 1 8 f .
234 Teil B: Der Rückzug de We theere bi zum Höhepunkt der Kri e

ten vorge toßen7l . Die Errichtung von Zwi chendepot konnte mit
dem ormar chtempo nicht chritt halten. Obwohl die 3. US-Army ihre
Offen ivc am 31. ugu t unterbro hen hatte, blieb die Ver orgung d lin­
ken, weiter angreifenden lügel trotz aller Au hilf maßnahmen unzurei­
chendn9. Die 1. U �Army erhielt mit rund 3000 Tonnen pro Tag weniger
al die Hälfte de Geforderten7�0. Am 2. eptember kamen zwei ihrer drei
Korp , das . vorübergehend und da XIX. für vier Tage in Belgien wegen
Treib toffmangel zum tehen741. Auch General Dempsey mußte ein
Korp {V III.) der 2. Brit. Armee zwei Wochen lang w dich der Seine» eil­
leg n« um zu ätzliehen Transportraum für den Frontnach chub zu ge,vin­
nen742. Ei enhow r Ent cheidung, nun auch am Südflügel die Offen ive
wiederaufzunehmen lag al o nicht etwa eine tabili ierung des logi ti chen
y tem zugrunde. ie bedeutete de halb de facto nur eine Aufteilung des
ohnehin zu knappen ach chub .
Da ent heidende logi ti ehe Problem lag, wie erwähnt, im Tran port-
ektor. Die Hauptum chlagplätze Cherbourg und die ormandie trän­
de \varen mittlerweile über 700 km von der Front entfernt. Die Häfen,
die die alliierten Truppen inzwi chen erobert hatten trugen nicht zur
Lö ung die e Problem bei. Die galt owohl für die eine- bzw. K analhä­
� n (Rouen Fecamp, Dieppe743) al auch für Toulon und Mar eille.
Die beiden »Verteidigung bereiche« am Mittelmeer hatten entgegen den
Hoffnungen der deut chen Führung74.. nur wenige Tage dem Druck der
Belagerung \vider tanden. chon am 28. Augu t morgens wurden beide
den Franzo en übergeben. Gen. Lt. chaefer kapitulierte in Mar eille, Kon­
teradmiral Heinrich Ruhfu in Toulon745•
Die Gewinnung zu ätzlicher Hafenkapazität war ein wichtiges Argument
der Befürworter der Operation DRAGOO gewesen. Zwar konnten Mar-
eille und Toulon we entlieh früher al geplant eingenommen werden7 ..6 ,
doch verhinderte die nach deut eher An icht »bei pielhaft« durchgeführ­
te Zerstörung der Hafenanlagen747 die ofortige Inbetriebnahme. Erst am
15. eptember dockten die er ten Liberty- chiffe in Marseille an7... Weder
Mar eille noch Toulon waren al o in der ent eheidenden er ten Septem­
berhälfte für die alliierte K ampfführung von utzen.

73 Ruppenthal upport II, . 6.


739 Ruppenthal Logi ti .323.
740 Ruppenthal upport I . 492.
741 Blumen on Breakout .681 und 694 f.
7-42 MacOonald iegfried Line .10.
743 Rouen fiel am 30. . Dieppe am 1. 9. und Fecamp und t. Valery en Caux am

2.9. kampflo in alliierte Hand.


744 Mittellungen Warlimont vom 26. . KTB OK\J IV/1 . 468.
745 Ruhfu , Ein atz, M ·B·556 und chäfer, 244.lnf.Oiv. M A 8 4.
- -

7-46 Ruppenthal, upport, II, . 121 ff.


.,,.7 KTB A K 19 vom 25. . RH 20-19/90, .56f.
74 Ruppenthal upport II,. 121 ff.
IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 235

Die eroberten Häfen lagen entweder zu weit von der Front entfernt, hat­
ten eine zu geringe Kapazität oder fielen aufgrund der Zer törungen ganz
oder vorübergehend al Um chlagplätze au .
Ander jedoch Antwerpen: eine Lö chkapazität hätte e mühelo ermög­
licht, 54 Divisionen täglich zu ver orgen7 ..9 und damit O\.vohl den briti-
chen al auch den amerikani chen ach chubbedarf zu decken750. Der
utzung des funktionsfähig eroberten Hafen mußte lediglich noch die
)) äuberung« der Scheidemündung vorangehen. Die e Unterfangen wäre
bei ra eher und kon equenter Schwerpunktbildung in den ersten eptem­
bertagen ebenso mühelo durchzuführen gewe en. E i t de halb - au
der Ex-Po t-Betrachtung herau - nur chwer verständlich, daß Eisenho­
wer dennoch der Eroberung Br t weiterhin hohe Priorität zumaß751.
Die Offen ive auf die bretoni ehe Hafenstadt, die ein ver tärktes US­
Korp 752, Luftwaffen- und Marine treitkräfte band und schließlich mit
rd. 10000 Mann chwere Verlu te ko tete753 entsprang in den Augen man­
cher US- ach chuboffiziere »dem blinden F thalten an einer bereit über­
holten Planung«754. Die Meinung Bradleys und Pattons755, wenn die ame­
rikani ehe Armee eine Operation er t einmal begonnen habe, mü e ie
die e auch zu Ende führen756 mag in der siege gewi en Stimmung der
er ten Septembertage durchau Gewicht gehabt haben. Sie deutet jedoch
auch an, daß die Eroberung Bre t chon damal nicht als operativ wich­
tig betrachtet wurde, daß ie im Grunde nutzlo war.
� orin letztlich auch die gegenteilige Überzeugung begründet lag, ob ihm
um die Au chaltung der »fanati chen« Festungsbesatzungl57 unter Gen. Lt.
Ramcke ging oder in er ter Linie au »Sicherheitsgründen« um die Ein­
nahme eines »Re ervehafen «75 - beides Argumente mangelnder Strin­
genz759 - ent cheidend ist daß elb t ein unzerstört Bre t in keiner Wei-

7"'9Ebd. . 49.
1sc Ebd. . 104 f.
7\J Bei den Zielen die Ei enhower der Central Group of Armies (12. H. Gr.) am

4. 9. teckte firmierte dje Eroberung von Br t no h vor dem Durchbruch durch


die •Siegfried Line« vgl. Paper of Ei enhower, IV S. 211 5 f.
Sl
7 III. U -Korp : 3 Divisionen, 1 •Task orce• und 18 Artilleriebataillone mit
in ge amt 50 000 Mann vgl. Blumen on, Breakout, . 633 ff.
75' Bre t da völlig zer tört war fiel am 18./19. 9. Der Hafen war aber für die
An1erikaner wertlo geworden und wurde logi ti eh nicht mehr genutzt vgl.
ebd. . 653 ff.
7S4 Ruppenthal Support, I, . 535.
7 s Patton 3. U -Army gab am 5. 9. die Kommandoführung über da Vlll. U -

Korp an den neu eing etzten tab der 9. U -Army unter Gen. Lt. William
H. imp on ab.
76 Blumen on, Breakout, . 656.
757 Ruppenthal upport I, . 536.
7�� Blum en on, Breakout . 656.
7S9 Mo hte die Garni on Brest in der Defcn ive auch noch o ,.fanati eh« kämpfen,
o teilte ie do h keinerlei Bedrohung dar da ein größerer ffen ivein atz für
236 Teil B: Der Rückzug de Westheeres bi zum Höhepunkt der Krise

e die ach chub chwierigkeiten hätte lindern können, da e mit rund


800 km noch weiter al Cherbourg von der Front entfernt lag.
bwohl Admual tr Bertram Ram ay, der herbefehl haber der OVER­
LORD- arin treitkräfte, chon am 3. eptember mit achdruck auf die
Bedeutung d freien eezugang zum Antwerpener Hafen sowie auf die
not wendige äuberung der cheldemündung hingewiesen hatte760 und
ULTRA- achrichten wenig päter bestätigten, daß der Gegner eben hier ei­
nen perriegel aufzubauen begann761, tauchte dieser Raum in Eisenhowers
wortreichen aber wenig präzi en Befehlen und teilungnahmen nur am Ran­
de auf. Di mag zum einen darauf zurückzuführen ein daß die Ursachen­
analy e der logi ti chen chwierigkeiten, die eine ofortige Schwerpunktbil­
dung im Raum Antwerpen geradezu herau fordern mußte immer noch nicht
erfolgt war. Anderer eit chien Ei enhower überzeugt zu ein, daß die Si­
cherung der cheldemündung qua i »nebenher« während de Vor toßes
nach Deut chland wie er Montgomery chrieb762, erfolgen könne. Wenn
»die aar und die Ruhr« besetzt eien ollten »Le Havre und Antwerpen«
(Reihenfolge!) zur Verfügung tehen763• Für Ei enhower, der auf eine W ie­
derholung der reigni e des Herb t 1918 hoffte764 und den deut chen
Zu ammenbruch in Griff weite wähnte teilte die Öffnung Antwerpen
zu diesem Zeitpunkt offensichtlich ein nur nebenrangiges Ziel dar.
Aber auch der briti ehe eidmarsehall nutzte den Entscheidung pielraum,
der ihm al Oberbefehl haber der » orthern Army Group«765 selb t im
Rahmen von Ei enhower »Broad-Front«- trategie blieb, nicht in »korri­
gierender« Weise au . eine Wei ungen zeigen, daß die glänzenden opera­
tiven Chancen an der cheldemündung in ihrer-für die weitere Kampf­
führung im Westen chließlich entscheidenden -Bedeutung nicht erkannt
wurden. o ollte General Demp ey s 2. Brit. Armee chnellstmöglich in
Richtung Rhein auf Arnheim-Wesel vorstoßen. Die Aufgaben der 1. Kana­
dischen Armee blieben unverändert: ie hatte den Küstenabschnitt bis nach
Brügge zu äubern, die V-I-Bedrohung auszu chalten766 und »alsdann [!]
die cheldemündung« freizukämpfen767• Crerar Armee wurde also zu-

dje fernab der eigenen Linjen um chlossenen Infanterieeinheiten völlig undenk­


bar war. elb t al Re ervehafen konnte Brest kaum von utzen ein, da es
noch weiter von der Front entfernt lag al Cherbourg.
760 Telegramm Ram ays vom 3. 9. an HAEF und 21. H. Gr., vgl. Ellis, V ictory
Vol. II, . S.
761 ULTRA-Meldungen r. XL 9219 und 9248 vom 5. 9. Bennen, Ultra or-
mandy, . 142.
762 Paper of Ei enhower, I .2120 5.9.
763 Ebd.
764 Ambro e, Ei enhowcr, . 43 .
76 eit dem 1. 9. führte die 2 1. H. Gr. die c Bezeichnung, die 12. U -H. Gr. den
amen •Central Army Group•.
766 Die letzte V- 1 w urde am 3. 9. vom Pa de Calai au abg cho en.
767 Montgomery, ormandie, . 189.

-
IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 237

näch t auf die Kanalhäfen Le Havre, Boulogne, Calai und Dünkirchen


ang etzt, obwohl ich rasch herau teilte, daß die e nicht ohne harte Kämp­
fe einzunehmen waren768• Priorität erhielten die Operationen an der
cheldemündung a1 o nicht einmal unter jenen Aufgaben, die den Kana­
diern zugewie en wurden.
Wenn elb t der erfahrene Montgomery o handelte, dann bleibt als »Erklä­
rung« hierfür lediglich die bereit darge teilte, Anfang eptember im alli­
ierten Lager herr chende Stimmungslage. Damals wurden sogar Zweifel
laut, ob es überhaupt noch notwendig ei Antwerpen »ZU öffnen« da der
deut ehe Zu ammenbruch doch ohnehin unmittelbar bevorstehe769• In
die em Sinne formulierte das »British Joint lntelligence Committee« am
5. eptember: Wa immer Hitler auch unternehmen würde e ei zu spät,
um den Ausgang der Kämpfe im We ten noch zu beeinflu en770•
Hierin zeigte ich nochmals deutlich, daß die »Feindbeurteilung« auf alliier­
ter eite ich seit Anfang Augu t immer mehr in Richtung einer Unterschät­
zung der verbliebenen deut chen W ider tand kraft gewandelt hatte.
In der fast euphori chen Stimmung der »Pursuit«-Phase blieben skepti­
schere Einschät zungen der Lage ohne W iderhall. Beispielsweise die War­
nung des G 2 der 3. US-Army Colonel Koch: Trotz der enormen Verlu­
ste ei der deutsche Rückzug nicht in »wilde Flucht oder Mas enkollap «
au geartet, der Gegner habe zumind t im takti chen Bereich die Kontrolle
nicht verloren. Man habe sich darauf einzustellen, daß die deutschen Trup­
pen olange weiterkämpften, bi sie entweder vernichtet oder gefangen wür­
den. Koch ah vorau daß sie bald im Wetter und im Terrain »die mäch­
tig ten Verbündeten« erhielten und betonte nachdrücklich, man müsse sich
immer wieder klarmachen, daß der Gegner deshalb momentan vor allem
Zeit gewinnen wolle. Die ersten euzuführungen in der deutschen Front­
linie eien bereits identifiziert wordenn•. Mit dem Übergang zur »Broad­
Front«-Strategie war aber - ohne »Antwerpen« - eine Verlangsamung
der alliierten Offensiven und damit Zeitgewinn für die deutsche Seite gera­
dezu zwangsläufig verbunden.
Ein entscheidender Vorteil der alliierten Kampfführung, die Mobilität (auf
die die Struktur der US-Army in hohem Maße ausgerichtet war), konnte
ich deshalb fortan nicht mehr im gleichen Umfang wie bisher auswir­
ken. Da das logisti ehe Fundament fehlte, barg das Konzept der »Broad­
Front«, das Eisenhower al sicherster und bestmöglicher Weg er chienn2,
im Endeffekt also ein bedeutendes Risiko in ich.

76 Ehrman trategy, V . 382.


769 MacDonald, Decision . 339.
.
no ,.\'(fhatever action Hider may now take it will be to late to affect the i ue 1n
the West Vgl. Eili , Victory, II $. 19.
.c

nt
3. U -Army G 2 E timate vom 28. 8., vgl. Pogue, upreme Command 0 245.
772 Über die nicht rein militäri eh-operativen Gründe die Ei enhower dies Kon-
zept nahelegten, iehc Kapitel B 111 2 a.
23 Teil B: Der Rückzug de � theer bi zum Höhepunkt der Kri e

2. Der ffen ivplan Hitler

m die onat wende Augu t/ eptember gab Hitler einer Überzeugung


Au druck daß nun die Angriff wucht der Alliierten wie die Kraft einer
»Welle gemäß den aturge etzen« abnehmen werde »je mehr (sie] sich
[ . . ] au dehne und [ . . . ] in immer weitere Gebiete verlaufe«773• Auch im
.

OKW rechnete man damit, daß der Gegner wegen seines Vormarsches auf
breiter ront ach chubprobleme bekommen würde774• Da Hitler die-
en Zeitpunkt herannahen sah, befaßte er ich - ungeachtet der drama·
ti chen Ver chlechterung der Frontlage - nun vorwiegend mit Überle­
gungen wie das» teuer herumzureißen« und die Initiative wieder zu ergrei­
fen ei77>.
Innerhalb weniger Tage entstand die Konzeption eines Flankenangriffs, der
unmittelbar au der Rückzugsbewegung herausgeführt werden ollte776•
Hierbei piel'te offensichtlich der Vorschlag, den Model am 24. August unter
allerding völlig anderen Ausgang bedingungen gemacht hatte, nämlich
»7-8 Panzerdivi ionen« am linken Flügel der 1. Armee zu konz.entrie­
ren777 eine ent cheidende Rolle77 Was bereits Ende Juli deutlich gewor·

den war, bekam nun schärfere Konturen: die Absicht Hitlers, durch eine
Gegenoffen ive im We ten »die Wende« herbeizuführen.
Hitler Auffa ung, von der Entwicklung auf diesem Schauplatz hänge
»Deut chland chick al« ab, de halb mü e hier der strategische chwer·
punkt liegen und die entscheidungssuchende Gegenoffensive unternom·
men werden779, wurde durch folgende »Argumente« gestützt: Mit dem
noch vorhandenen deutschen Krieg potential glaubte Hitler nur im Westen
noch zu einem durchschlagenden Erfolg kommen zu können. Hier war
im Vergleich zum östlichen Krieg chauplatz die Anzahl der gegnerischen
Verbände gering und der Kampfraum »geographisch« begrenzt. Außerdem
nahm Hitler an, die westalliierte Führung ei in Krisenlagen besonder
,.anfällig«7 0• Die Hoffnung auf den »Bruch« der gegnerischen Koalition
hatte ich inzwi chen bei ihm zu fe ter Überzeugung verdichtet'81•
Hider Vorstellungen kristallisierten ich während der »Mittagslage« am
1. September deutlicher heraus. Den Raum westlich der Vogesen - von

nJ taat männer und Diplomaten, Aufzeichnung über die Unterredung Hitler


mit Bot chaftcr de Brinon vom l. 9. 1944, . 502.
774 Jodl Ardennenoffensive, MS-ETHINT 50 S. 5.

ns Hitlcr La gebe prechungen Mittag Iage vom 1. 9., S. 636 ff.

776 chramm Ardennenoffen ive, M -A-862 . 15 ff. und 56.


1n Vgl. Kapitel B I 1.

n Warlimont Kommentare M -P-215, IV Teil 2 . 323.


779 Über die bereit behandelten Gründe für die chwerpunktbildung im \� ten

iehe Kapitel: Einführung, 3 und A li 2.


7o Greiffenberg, Ardenne -Qu tionnaire M -P-32 i, Anlage 1, . 3.
7 1 Hitlers Lageb prechungen Be prechung vom 31. 8. . 615.
IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 239

einem »Brückenkopf Dijon« konnte zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede


�ein - bezeichnete er al » trategi eh wichtig te[n] Platz da [mü e] [...]
man die Angriff gruppe aufbauen«7 2 weil von hier aus »die Möglichkeit
einer operativen Auswertung gegeben« ei7 3• Durch die »Massierung«
cig ner Panzerkräfte hoffte Hitler »eine Lage zu chaffen die [ ... ] zum
Zu ammenbruch großer feindlicher Streitkräfte« führe7 4•
Die per onellen Revirements in führenden Positionen de Westheere , die
t\nfang eptember durchgeführt bzw. eingeleitet wurden sind kennzeich­
nend für die Bedeutung, die Hitler einem Offen ivplan beimaß. Die neue
Pha e im Kampfge chehen die seiner Meinung nach nun an tand, ollte
\Viederum mit »neuen« amen begonnen werden7 5•
Generalfeldmar chall Gerd v. Rund tedt, der älte te Soldat de Heere 7 6
der wegen einer vornehmen, vertrauenerweckenden Art bei Truppe und
Bevölkerung große An ehen genoß7 7, wurde abermals zum OB West
ernannt. Die Trennung der führung technisch immer unhaltbarer gewor­
denen Personalunion OB Wt t/Oberbefehlshaber der Heere gruppe B ent­
\prach dem Wun eh Models7 , der mit der Bewältigung der Krise im
ordab chnitt voll ausgelastet war. Rundstedt galt aber auch- und das
macht deutlich, warum Hitler ihn zu diesem Zeitpunkt wieder berief­
•al einer der klügsten operativen Köpfe« des Heeres7 9• Ihm der sich
chon altersbedingt darauf be chränkte, fast nur vom Stab aus zu führen
und die Dinge im »großen Rahmen« zu betrachten, wurde der erst 42jährige
aufgrund eines Könnens ungewöhnlich früh beförderte Gen. Lt. Siegfried
\XIestphal als Stab chef zur Seite ge tellcl90• Westphal sollte durch »Fri ehe
und Tatkraft« ausgleichen, was Rund tedt aufgrund seine Alter ab­
ging791. Auch der Stabschef der Heeresgruppe B, Gen. Lt. Dr. Speidel,
wurde- obwohl Model sich dem eine Zeitlang erfolgreich hatte widersetzen
können- abgelöscl92• Seinen Po ten übernahm Gen.d.Inf. Han Krebs,

72 Ebd., Mittag Iage vom 1. 9. . 646.


7) Ebd. . 637.
7• Ebd. . 642 f.
7s Die Ent cheidungen über die personellen Umb etzungen fielen zwi chen dem
1.-5. 9. vg1. Tätigkeitsbericht Heer personalamt, S. 233 ff.
76 Rundstedt war, am 12. 12. 1875 geboren mittlerweile 68 Jahre alt.
7 7 Zur Charakteri ierung Rund tedt : Günther Blumentritt, von Rund tedt. The
oldier and the Man, London 1952; Andreas Hillgruber Generalfeldmarschall
Gerd von Rundstedt in: Hillgruber Großmachtpolitik S. 316-332; 0 e, Ent-
cheidung, S. 37-40.
7 Tätigkeitsbericht Heere per onalamt, Eintrag für den 26. 8., . 227.
79 chramm, Ardennenoffen ive MS -A-862, S. 119.
790 Blumentritt blieb noch bi zum 9. 9. im Amt.
91 chramm Ardennenoffen ive M -A- 62 . 122.
,92 Hierfür war allerding au chlaggebend, daß peidel im Zu ammenhang mit
den Ereigni en des 20. Juli bela tet wurde, Tätigkeitsbericht Heeresper ona­
lamt, Eintrag für den 25. 8., . 226.
240 Teil B: Der Rückzug de Westheere bi zum Höhepunkt der Kri e

der bereits an der 0 tfront lange mit Model zusammengearbeitet hatte79l


und de halb mit de en chwierigem Führung til vertraut war.
Rundstedt und dte beiden»neuen« GeneraJ rab chef waren bevor ie nach
Westen abrei ten, im »Führerhauptquartier« über Hirler Ab ichten in·
formiert worden794• Hitler Gedanken kreisten in den er ten eptember·
tagen »au chließlich« um die Offen ivoperation, die pätesten Mitte
de Monats vom üdflügel au in Richtung Reim vorgetragen werden
ollte79>.
Gen. Lt. Westphal erhielt von Jod! die erbetene Genehmigung, einen Be·
fehl entwurf zu er tellen, der Hider Plan wenig ten einigermaßen mit
der tat ächlichen rondage in Einklang bringen ollte. Hierbei stand für
\Y/e tphal im Vordergrund, die »Re tsubstanz(< des We theeres zu erhal·
ten796• Die er Befehlsentwurf wurde von Hider »nach einigem Zögern«
unter chrieben797 und ging am 3. September als»Wei ung für die weitere
Kampfführung OB West« herau 79• D en Kernsätze lauteten: Wegen der
»Stark verbrauchten eigenen Kräfte und [der] Unmöglichkeit, rasch aus­
reichende Ver tärkungen zuzuführen« komme es »darauf an, möglichst
lange Zeit für Auf tellung und Heranführen neuer Verbände und für den
Au bau der We t tellung zu gewinnen«. Zu die em Zweck sollten»rechter
FlügeP99 und Miue800 (ein chl. AOK 1) des Westheere « dem Gegner in
»verbi enem, hinhaltendem Kampf« entgegentreten. Dabei dürfe es aber
nicht mehr »zur Ein chließung tärkerer Kräftegruppen kommen«.
»Auf dem linken Flügel01« dagegen ollte die Armeegruppe G»vorwärts
der Vog en [... ]eine bewegliche Kräftegruppe zum Angriff die tiefe Ost·
flanke de Feind [... ] ver ammeln. Erste8°2 Aufgabe dieser Kräftegruppe
[ ei] [ ...] die icherung der Rückführung der 19. Armee und des röm.
64. AK«.
Die» pätere Hauptaufgabe8°3« würde der »Angriff mit zusammengefaßten
Kräften gegen die tiefe Ostflanke und den Rücken der Amerikaner« sein.
Die Führung ollte »zunächst da röm. 47. Pz. Korps«, päter dann das
Pz. AOK 5 übernehmen. Für diese Operation ollten echs Panzer- bzw.

793 Al Gen tChef der 9. Armee in der Zeit zwi chen Januar 1942 und März 1943.
79• Im Zeitraum zwischen dem 31. 8. und 3. 9. waren die drei Generale in Rasten·

burg.
79S Zimmermann, OB We t M :f-121 B VI, S. 2007 f., und Wcstphal in: Greiffen-

berg, Ardennes·Qucstionnaire M -P-32 i, Anlage 3 . 1.


796 We tphal in: Greifenbcrg, Ardennes-Questionnaire, MS·P-32 i Anlage 3, S. 3.

797 Ebd.

798 Gez. Adolf Hitler, WF t/Op. r. 773 189/44 vom 3. 9., zit. nach OB West I a
r. 795/44 RH 19 IV/55 . 63 f.
799 Ebd. Hervorhebung im Original.

00 Ebd., Hervorhebung im Original.


so1 Ebd.

02 Ebd., Hervorhebung im Original.

03 Ebd. Hervorhebung im Original.


Karte 18
Lage West am 4. 9. 1944

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IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 241

Panzergrenadierdivisionen und sech der neuen Panzerbrigaden zusammen­


ycfaßt werden8� (Karte 20}.
;anz diesen Intentionen entsprechend wurde gleichzeitig über weitere perso­
nelle Umbesetzungen ent chieden o·. Den Oberbefehl über die 1. Armee,
der ja eine hinhaltend-defensive Rolle zugedacht war, sollte Gen. d. Pz. Tr.
rto Knobelsdorff übernehmen. v. KnobelsdorfE hatte sich zuletzt bei den
�ückzugs- und Abwehrkämpfen im Osten als Kommandierender General
ie XXXXVlli. und dann des XXXX. Panzerkorps ausgezeichnet806•
\Vichriger noch als diese Umbesetzung war die Entscheidung, den als
rmeeführer ohnehin überforderten Generaloberst der Waffen-$$ Dietrich
durch General v. Manteuffel zu ersetzen °7•
)er eben erst zum Gen. d. Pz. Tr. beförderte Hasso v. Manteuffel hatte als
ommandeur schneller Verbände im Osten erfolgreich gekämpft. Diese
I in ätze in der beweglichen Truppenführung ließen Hitler den ehemali­
gen Kavalleristen als den richtigen Mann für die Offensivoperation der
5. Panzerarmee er ·cheinen. Die Tat ache, daß Manteuffel zuvor weder ein
rmeekorps gefühn, noch die Schulung des Generalstabs durchlaufen
hatte 09 war für Hitler ohne Belang.
3i der Armcestab, der wie fast alle Panzerverbände im Westen810 zunächst
ufgefrischt werden sollte 11, einsatzbereit war, fiel - gemäß Weisung -
dem XXXXVll . Panzerkorps die Führung des »beweglichen Kampfes« zu.
Folglich kam auch hier zu einem personellen Revirement: An die Stel­
le de Frhr. v. Funck ollte der ebenfalls aus der Kavallerie hervorgegange­
ne Gen. d. Pz. Tr. Heinrich Frhr. v. Lüttwitz treten, der selbst auf alliier­
ter Seite als fähiger Panzerführer bekannt war812•
Bei den Oberbefehlshabern an der Front war Hider Plan, aus dem Raum
der Voge en zur Offensive überzugehen auf Skepsis, wenn nicht gar auf
offene Ablehnung gestoßen813• Blaskowitz machte sofort auf den Zeitbe-

Pz.-Lehr 11. Pz, 21. Pz. 3. Pz.Gren., 15.Pz.Gren. 17. S -Pz.Gren.Div. und
die Panzerbrigaden 106 107, 108 111 112, 113.
05
Vgl. hierzu: T ätigkeit bericht Heere personatarnt S. 233 ff.
� Alman Eichenla.ub S. 116 f.
07 Gerade in den letzten Tagen hatte sich die Überforderung Dietrichs deutlich

gezeigt, Vgl. hierzu: per . chreiben Gen. d.Pz. Tr. Krügers an Dietrich vom
10.9. KTB LV III.Pz.K Anlagen RH 24-58/11 S. 214 f.
· 7. Pz. Div., Pz. Gren.Div. ,.Großdeut ehland«.
� chramm, Ardennenoffen ive MS-A-862, . 128.
10
1. 2., 9 ., 10., 12. SS-Pz.Div., 2. 9., 21., 116. Pz.Div., Pz.-LehrDiv. und 3.,
15. Pz.Gren.Div. Vgl. OB West Ia r. 7588/44 vom 2.9., RH 19 IV/55, . 31.
1
Cez. Kreb Obkdo H.Gr. B Ia r. 6973/44 vom 5. 9., RH 19 IX/5 S. 497.
Gen. Patton hatte die 2. Pz. Oiv., deren Kommandeur v. Lüttwitz zuvor ge­
we en war, al be te deut ehe Panzerdivision im Westen bezeichnet. Vgl. Cole,
Lorraine, S. 49.
13 Die mag mit ein Grund dafür gew en ein daß die Oberbefehl haber im
Wc ten dann er t pät vom Ardennenplan in Kenntni gesetzt wurden.

L
242 Teil B: Der Rückzug de � e theer bi zum Höhepunkt der Kri e

darf aufmerksam den die Versammlung der Panzerverbände erfordern wür­


de. in Antreten ei o meldete er dem OKW »friihe tcn am 12. 9. mög­
lich« 1�. Ob der Aufmarchraum vorwärt der Vog en aber olange gehal­
ten werden könnte er chien ihm doch mehr al fraglich.
odel der chon vor Eintreffen der Wei ung Kenntni von Hitler Ab icht
erhalten hatte wurde gegenüber dem Chef de Wehrmachtführungssta­
be noch deutlicher:
• ben i t General Kreb bei mir. Au einen Ausführungen entnehme ich daß
die Au ichten über die Lage oben ander ind al hier. Man cheint zu glauben,
daß man hier noch Angriffe führen kann. ind meine Lagebeuneilun�en dem Füh­
rer nicht vorgelegt worden? [ ...) Ich kann o nicht 'veiter führen8 5.«

Wenn der Plan überhaupt reali iert werden ollte, mußten nach Models
n icht radikale Maßnahmen ergriffen werden. Dementsprechend bean­
tragte er ofort der Armee v. Manteuffel bis zum 10. September drei Pan­
zerdivi ionen au dem 0 ten zuzuführen 16•
Die hiermit wohl verknüpfte Ab icht, über Guderian, der diese Forde­
rung »natürlich« ablehnen mußte Hitler Konzept zumindest abändern
zu Ia en, zer chlug ich denn der Chef de General tabs de Heere teilte
Hitler Überzeugung: er »belehrte« General Kreb , ein >>Erfolg auf dem
linken Flügel [werde][ ... ] ich mit Be timmtheit auf Mitte und ordflü­
gel auswirken« und de halb müßten »möglichst alle Panzerkriifte zu am­
mengefaßt auf dem üdflügel zum Ein atZ« kommen817• Guderians Anlie­
gen be tand im lntere e » einer« (nämlich der 0 r-) Front darin daß die
Angriffoperation im Westen möglich t rasch durchgeführt wurde um noch
vor Einbruch der Fro tperiode und der dann zu erwartenden owjeti chen
Winteroffen ive \vieder Reserven für den 0 ten freizubekommen 1 • Auch
hierau erklärt ich warum Hitler bereit um die Monatswende August/
eptember al die weitere Lageentwicklung noch völlig ungewiß war kei­
n fall aber ge icherte Planung grundlagen exi tierten, darauf drängte den
»ent cheidenden« chlag vorzubereiten 19•
Ander al auf alliierter eite bewertete man im OKW den »gänzlich uner­
\Varteten« 2° Fall Antwerpen al »operatives Ereigni ersten Ranges« 21•
Auch Hitle,r erkannte daß mit der Einnahme de Hafen etne ge amte
))Fe tung konzeption<< zu cheitern und damit die Hoffnung auf einen aJli­
iertcn Vormar eh top au ach chubgriinden illu ori eh zu werden droh-

1" Gez. Blaskowitz bkdo AGr. G Ia r. 2418/44 vom 3. 9., RH 19 XII/8 . 48.
15 erngespr. Jodl-Model vom 2. 9. 13.30h RH 19 IX/89 . 24f.
16 Gez. Model Obkdo H. Gr. B la Ir. 6912/44 vom 3. 9. RH 19 IX/5 . 477.
17 Fernge pr. Kreb -Guderian vom 4. 9., 18.55 h� RH 19 IX/89, . 56(.
1 Generalober t Heinz Guderian 0 t- und � tfront M -T-42 . 35 f.
19 � enn er auch jodl am 6. 9. zug timmt hatte daß ein Großangriff im Wc ten erst
ab dem 1. 11. in Frage komme (vgl. � arlimont, Hauptquartier . S06f.) o war er
doch ent chl cn, jede ich früher bietende-vermeintliche- Chance zu nutzen.
10 � arlimont Hauptquartier . 506.
11 chramm, Ardennenoffen ivc M -A-862, . 22.
IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 243

e 22• Deshalb befahl er dem OB West, es ei »Unbedingt icherzustellen


[...] daß [der] Hafen auf lange Zeit vom Feind nicht benutzt werden« könne.
Oie »F reigabe [ ...] Antwerpen[s]« ermögliche dem Gegner ansonsten
Großau Iadungen in un erer We tflanke« und hebe die »W irkung [der]
unter Einsatz großer Mittel durchgeführten Verteidigung der Häfen in Bis­
kaya Bretagne und Kanalküste auf«. Der OB West habe »in erster Linie
die Einfahrt in die Scheidemündung durch [...] hartnäckige Verteidigung
der In eln Waleheren und Schouwen und der Batterien um und westlich
ßre ken zu sperren« 23•
Obwohl die Krise im Westen mit dem Fall Antwerpens unzweifelhaft ihren
öhcpunkt erreicht hatte zögerte Hider, eine neue >>große Konzeption«,
die Bildung eine eindeutigen Panzerschwerpunkts vor den Vogesen824
\Vieder zu verwerfen und die beweglichen Verbände freizugeben.
Für die Abstützung der Linie Antwerpen-Albert-Kanal stand deshalb vor­
er t nur ein pele-mele825 von Bataillonen de Ersatzheeres, Flakbatterien
au dem Reich Er atz- und Ausbildungseinheiten und den in »W iederauf­
stellung« begriffenen Restteilen dreier Fall chirmjägerverbände826 zur Ver-
ügung, das nun hierhin vorgeworf�n wurde. Unter Generaloberst Kurt
tudent Fallschirmarmeeoberkommando 1 sollte hieraus in kürzester Fri t
eine »Abwehrfront« eine kampfkräftige Armee ent tehen.
Die tab chef im We tcn billigten diesem Unterfangen wenig Au icht
.1uf Erfolg zu. Blumentritt hielt fe t, daß die »Schließung der offenen Tür
an da Rheinland« gegenwärtig nicht möglich sei, da Models Anträgen »auf
Zuführung von Verbänden zur tützung des ordflügels« wegen der >>Füh­
rerwei ung« nicht ent proeben wurde 27• General Krebs betonte gegen­
über dem Wehrmachtführungsstab, er »bedaure [dies] sehr«, denn »ein
ngriff im Süden [ \vürde] keine Au wirkungen auf einen über den Albert­
Kanal nach ordo ten zielenden Feindvor toß haben. Die derzeitige Beset­
zung de Albert-Kanals [ ei aber] [ ... ] in keiner Weise ausreichend« 2 •

22 •Aufgrund de Durchbruch feindlicher Panzerkräfte auf Antwerpen kommt


dem H alten der Fe tungen Boulogne und Dünkirchen de Verteidigung he­
reich Calai der Insel \XIalcheren [...] de Brückenkopfes um Antwerpen und
der Albert-Kanal- tellung [ ...]entscheidende Bedeutung für [die]weitere Kampf­
führung zu•, »Führerbefehl« OK\XI/WF t r. 773222/44 vom 4. 9., zit. nach
OB We t Ia r. 794/44, RH 19 IV/55 S. 135f.
!.l •führerbefehl« OKW/\VF t/Op. (H) r. 0010887/44 vom 6. 9. zit. nach OB
We t l a r. 7739/44 ebd., . 209.
�2" Fernge pr. Major Friede) (OKW)-v. Tempelhoff vom 5. 9. 10.30h »Führer
hat erneut eindeutig chwerpunktbildung am üdflügel de AOK 1 zum Au -
druck gebracht« RH 19 IX/89 . 65 f.
lS
Abg ehen von der 719. Inf. Div. der auch Teile der 347. lnf. Div. unterstellt waren.
26
KW/WF t r. 773222/44 vom 4. 9. zit. nach OB\� t I a r. 794/44 RH 19
IV/55 . 135 f.
2 . 66f.
� Ferng pr. Kreb -Blumentritt vom 5. 9., 11.15 h RH 19 [X/89,
2
ernge pr. \XIarlimont-Kreb vom 5. 9., 12.30h RH 19 IX/89, . 67ff.
244 Teil B: Der Rückzug de � theere bis zum Höhepunkt der Kri e

Obwohl man auch im OK da Au maß der Kri e am rechten Flügel er­


kannt hatte wurden der Führung im Westen nur chwache Kräfte für deren
Bewältigung zur Verfügung g tellt. ie blieb gegenüber die er operativen
Gefahr weitgehend auf ihr improvisatori ches G chick angewi en. Ange-
icht der problemati chen ituation auf deut eher eite wird die folgen­
chwere Bedeutung der Direktiven Ei enhower und auch Montgomerys
noch klarer.
Beide ver äumten in die en er ten eptembertagen die Gelegenheit, dem
Kampfgeschehen im Westen die endgültig ent cheidende (und sowohl blut-,
al auch zeit parende} Wende zu geben.

3. eldmar chall v. Rund tedt und die Kräfte ituation im Westen

»Auf Befehl des Führers habe ich mit dem heutigen Tage den Befehl al Ober­
befehl haber We t wieder übernommen [...]Ich bin überzeugt, daß jeder
inzelne [ ... ] weiß worum e geht! Ich vertraue auf Euch wie die ganze
Heimat ihr Vertrauen in Euch etzt 29.« Die en Appell830 richtete Rund­
tedt an die oldaten des We theer , nachdem er am frühen Abend des
5. eptember im Gefechtsstand Arenberg bei Koblenz eingetroffen war 31•
eine W iederein etzung w urde von der Truppe freudig begrüßt. Der Auf­
trag, den Rund tedt im »Führerhauptquanier« in mündlicher Form erhalten
hatte, war kurz: e galt vor allem das Vordringen de Gegner oweit west­
li h wie möglich aufzuhalten. Gleichzeitig aber ollte die Offen ive aus
dem Raum vor den Voge en vorbereitet werden832.
Die eigene Kräftesituation allerdings war erschreckend: ur 13 Infanterie­
und drei Panzerdivi ionen owie zwei Panzerbrigaden wurden noch als
»vollkampfkräftig« beurteilt. 42 Infanterie- und 13 Panzerverbände dage­
gen waren »ange chlagen« »abgekämpft« »aufgelö t« ( ieben Infanterie­
divisionen) oder befanden ich »in Auffrischung« (neun Inf., zwei Panzer­
divi ionen) 33• Die Heeresgruppe B verfügte noch etwa über 100 Kampf­
panzer83,..
Abgesehen von der alliienen Luftherrschaft war auch die gegneri ehe Über­
legenheit zu Lande eindeutig: nach Beurteilung de neuen OB We t tan-

29Gez. Rundstedt Der Oberbefehl haber We t 5.9. 19.30h RH IV/55 . 144.


3° Interessant im Vergleich dazu i t der nüchterne Wortlaut des chreiben mit
dem Rund tedt Himmler über den Kommandowechsel informierte: ·Mit dem
heutigen Tage habe ich auf Befehl de ührer den Befehl als Oberbefehl ha­
her West wieder übernommen. Gemein ame enge Zu ammenarbeit wird und
muß zum Ziel führen•, gez. Rund tedt 5.9., 19.45 h RH 19 IV/55 . 146.
3t KTB OB \Xfe t vom 5. 9. 18.00h RH 19 IV/46 . 27.
>2 Zimmermann, OB West, M -T-121, Bd B VI, . 2010.
H Die B tzungen der noch haltenden F tungen waren hierbei nicht mitberück­
ichtigt •Kampfkraft der We ttruppcn am 6. 9.•, KTB OK\XI, lV/2 . 377.
34 Lagebeurteilung vom 7. 9. gez. Rundstedt OB West I a r. 805/44 RH 19 IV/55
. 218ff.
IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 245

den der Heeresgruppe B in Belgien und ordfrankreich sogar 54 alliierte


Divisionen mit etwa 2 500 Panzern gegenüber. Deutscher Schätzung zufolge
waren darüber hinaus in England »mindestens noch 30 Divn.«, darunter
auch die Luftlandearmee mit sechs Verbänden, »für den Einsatz auf dem
Fe dand bereit«835•
Wenn die deutschen Berechnungen auch zu hoch griffen, so änderte dies
nichts an der Tatsache der alliierten Überlegenheit: Eisenhower verfügte
zu diesem Zeitpunkt über 39 Verbände (20 amerikanische, 13 britische,
drei kanadische und je eine polnische und französische Division836). Die
DRAGOO -Streitkräfte umfaßten weitere acht (drei amerikanische, fünf
französische) Divisionen 37•
Die Verluste auf alliierter Seite beliefen sich bis zum 31. August auf etwa
220000 Mann838• Dagegen waren rund 289000 Soldaten des OB West seit
dem Beginn der Invasion ausgefallen839•
Geriet die Scheidemündung - wie befürchtet - in die Hand des Geg­
ner , dann steHten die rund 185 000 Soldaten, die befehlsgemäß noch in
den »Festungen« und »Verteidigungsbereichen« an den Küsten840 aushar­
ren mußten, ein Opfer an Kampfkraft dar, das ohne den beabsichtigten
Zweck zu erreichen und damit »nutzlos« erbracht worden war.
Die G 2-Führungsabteilung von SHAEF hatte bemerkenswert genau be­
rechnet, den Deutschen würden noch etwa 15 schlagkräftige Verbände
bleiben841• Nach dieser Beurteilung hatte der Gegner der alliierten Offen­
sive in Richtung Reich zunächst nur rund 300000 Soldaten entgegenzu-
etzen. Damit könne der Westwall (und die Weststellung), so die entschei­
dende Schlußfolgerung der G 2-Abteilung, selbst dann nicht gehalten wer­
den, wenn noch Verstärkungen aus Deutschland zugeführt würden842•

8H
Ebd.
)6 Pogue Supreme Command S. 248.

37 Ebd.

3 Miteinbezogen in diese Zahl sind die Verluste der DR AGOON-Streitkräfte,

Vgl. Pogue, Supreme Command, S. 248, Anm. 10 und W ilt, R iviera, S. 160.
39 Verluste de Feldheeres vom 1. 6. 44-10. 1. 45, Der Heeresarzt im OKH,
GenStdH/GenQu Az 1335 c/d, zit. nach: Jung, Ardennenoffensive, Anlage 5.
40 Brest: 37000 Kanalinseln: 31000, St. Nazaire: 28000, Lorient: 27000, La Rochel­

le: 11000 Le Havre, CaJais und Dünkirchen je: 10000, Boulogne: 9 900, Gironde­
festungen: 9 000, Cap Gris ez: 1600 (vgJ. hierzu: Ellis, V ictory, II, S. 66; KTB
OKW IV/2, S. 376; Meldungen über Stärken und Bevorratung der Fe-
tungen an OKWIWF t, RW 4/v. 632, S. 67ff. und 81). Zu den 185000 Mann ka­
men weitere ca. 30000, die für die og. Schcldefestungen, Ijmuiden und Hoek van
Holland vorgesehen waren (vgl. hierzu: Meldungen[ ...) an OKW/WFSt, RW
4/v. 632 S. 70; Ellis, V ictory, li, . 104 und 115; Montgomery, Normandie,
. 233. Die Verteidigung von Cherbourg, St. Malo, Mar eille und Toulon hatte
die deut ehe eite zu di em Zeitpunkt bereit rund 64000 oldaten gekostet.
41
HAEF G 2-Beurteilung für die Woche vom 3.-9. 9. vgl. Pogue, upreme Com­
mand . 283.
842
Ebd.
246 Teil B: Der Rückzug de We theer bi zum Höhepunkt der Krise

In der Tat war der dem We theer durch die Zer chlagung ein Großteils
einer erbände ent tandene Kampfkraftvertu t durch »Ad-hoc-Maßnah­
m n« ni ht mehr u zuglei hen.
Dem »Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegsein atz«, Dr. Goeb­
bel war e mittel drasti eher, aber an cheinend in der Bevölkerung gene­
rell akzeptierter 43 Eingriffe in W irtschaft, Rüstungsindustrie, Verwaltung
und kulturelle In titutionen8H innerhalb kürzester Frist gelungen, bis
zum 1. eptember rund 170 000 bisher »unabkömmlich« gestellte Männer
für den Ein atz in der Wehrmacht freizubekommen 45•
Unter An pannung letzter Reserven konnte dadurch wohl allein im August
die Er atzgestellung für da Ersatzheer auf rund 300000 Mann gesteigert
werden846• Doch das so gewonnene »Menschenpotential« wurde in erster
Linie zur Aufstellung fri eher Infanteriedivisionen im Reich, nicht aber zur
Deckung der Verlu te an der Front verwendet. Obwohl dies zur Folge hatte,
daß die kampferprobten Frontverbände mehr und mehr »ausbrannten«847,
be tand Hitler - nach Mansteins Worten in einer »rage du nombre«848 -
darauf, immer neue Verbände »aus dem Boden zu stampfen<<.
Man versprach sich offensichtlich eine Kampfwensteigerung davon, die sog.
Volksgrenadierdivisionen truppendienstlich849 Himmler zu unterstellen,
der dadurch seinem Ziel seiner »nationalsozialistischen Volksarmee«850 ei­
nen Schriu näher kam. Diese neuen, nur noch rund je 11200 Mann starken
Verbände851, deren Offiziersdienstgrade auf Himmler Wunsch einer be­
sonderen, vom übrigen Heer getrennten Personalsteuerung unterlagen852,

43 Meldungen über die Entwicklung in der öffentlichen Meinungsbildung vom


17.8.1944 Meldungen aus dem Reich, 17, S.6705ff.
44 Gez.. Dr. Goebbels gez. M. Bormann Anordung für die Durchführung des tota­

len Kriegs einsatzes vom 16.8.1944 Bestand •Höherer SS- und Polizeiführer
We t«, IfZ, MA 434.
•s Berechnet nach: gez. Keitel, Chef OK\"(1 Id r. 7/44 vom 11.11.1944 Wehrer-
atz durch den •totalen Kriegseinsatz in den Monaten August bis Oktober«,
RW 4/v.865 S. lOOff. Hiernach wurden dem Er atzheer im August und Sep·
tember 342 000 Mann durch die •Goebbel -Aktion• zur Verfügung gestellt. Hin­
zu kamen 108000 Soldaten, die von Luftwaffe und Marine abgegeben wurden,
owie 79 000 »planmäßige Einziehungen« der Jahrgänge 1926/27.
46 Al ,. ormaJmaß« galten rd. 90000 Mann pro Monat. Die Höhe der Rate vom
August 1944 wurde auch im eptember erreicht. Vgl.: OKW Bestand/Verlu-
te der Wehrmacht, RW 4/v.481, S. 22.
47 Gez. Keitel, Der Chef OK W Id r. 7/44 vom 11.11.1944 RW 4/v.865 S. 100.
4 Manstein, Verlorene Siege, S. 309.
49 D.h.: di ziplinar-gerichtlich und ausbildung mäßig Tätigkeitsbericht Heeres­

per onalamt vom 14.9., S. 256.


>O An prache des RFSS auf der Gauleitertagung in Po en am 3.8.1944 in: Ur a­

chen und Folgen, 21 . 490-512 hier: . 510.


st Jung, Ardennenoffen ive, . 296.
Sl Abteilung P 7 im Heere pcr onalamt, vgl. Tätigkeitsbericht HPA vom 1. 9.

. 233 f. und vom 8. 10. . 280.


IV. Die Grundlagen der weiteren Kampfführung 247

erhielten zwar eine relativ gute materielle Ausstattung853, doch waren ihre
chwächen, die bei nicht aufeinander eingespielter Führung und Truppe
uftretenden ogenannten »Kinderkrankheiten«, orher hbar.
ie traf in vollem Ausmaß auch auf die Panzerbrigaden854 zu, mit denen
itler eine Offensive führen wollte.
l ür die Führung im Westen aber war zunächst vor allem von Bedeutung,

1aß die Front vorerst keine fühlbare Entlastung erwarten durfte, da die
uf tellung der 41 neuen Infanterieverbände 55 erst im Juli und August
0 egonnen hatte.
a was Rundstedt zusätzlich neben den bereits herangezogenen Einhei­
en des Er atzheeres sofort zur Verfügung stand, waren einige sogenannte
�F tungsbataillone«. In diesen Einheiten wurden seit Ende Juli 1944 nicht
mehr voll verwendungsfähige Soldaten und Wehrpflichtige zusammenge­
faßt, die »noch[ ... ] zum Dienst in ständigen Befestigungen brauchbar wa-
cn<<856. Neun dieser schließlich über 200 aufgestellten Festungsbataillo­
ne waren mittlerweile im Westen eingetroffen857•
ach den Informationen, die Rundstedt zunächst im »Führerhauptquar­
tier« erhalten hatte, konnte er erst ab Mitte September mit einer nennens­
\Verten Verstärkung des Westheeres rechnen. Für diesen Zeitraum war die
Luführung von vier Infanteriedivisionen, den (allerdings nur für den Süd­
lüge} bestimmten) Panzerbrigaden {107, 108, 111-113) und 17 Festungs-
ataillonen zu erwartensss.

�} Allerdings war die Beweglichkeit eingeschränkt und auf Tro e wurde fast ganz
verzichtet vgl. Tessin, Verbände, 1 S. 88.
s.. Die Stärke dieser neu aufgestellten Verbände war unter chiedlich: Die Pz.Brig.
105-108 verfügten über je eine Pz. Abt. sowie je ein Pz. Gren.Btl mit 5 Kom­
panien, die Pz. Brig. 111 und 112 über je eine Pz. Abt. und ein Pz. Gren. Rgt.
mit 6 Kompanien. Die Pz.Brig. 113 hatte außer der Pz. Abt. ein Pz. Gren. Rgt.
mit 8 Kompanien (vgl. Tessin Verbände, 1 S. 166 f.). Die Zahl der Panzer
chwankte zwischen 47 und 90 je Brigade. Die Panzerbrigaden 105-108 hat­
ten je 11 P IV und 36 P V (Panther), die Pz.Brig. 111-113 je 45 P IV und P V.,
Gen. Insp. d. Pz. Tr r. 2920/44 vom 13. 9., RH 10/90, S. 78.
>s Der 29.-32. Welle (vgl. Tessin Verbände 1, S. 88 ff., und Mueller·Hillebrand,
Heer, Ill, S. 235 ff.). Ab Mitte September wurde die Aufstellung weiterer 6 Divi­
ionen der 32. Welle befohlen. Als Hinweis auf den enormen Umfang der im
ommer 1944 angeordneten eubildung von Verbänden mag der Vergleich dje­
nen daß zwischen September 1943 und Mai 1944 •nur« 37 Heeresdivisionen
aufgestellt wurden.
s6 Guderian, Erinnerungen, S. 327.
>7 Die Fest.Inf.Btl. 1406-1409, und Fest.MG.Btl. 26-30(0B West I a r. 7229/44
vom 23. 8. RH 19 IV/54, S. 87.). Zu den ab Anfang Augu t insge amt aufge·
teilten 33 F t. Inf. Btl. kamen 120 Fe t. MG.Btl., 41 Fest. Art. Abt. sowie 40
Luftwaffen-F t. Btl. (Berechnung d Verfasser nach Tessin Verbände, 1 ff.).
� Gez. Adolf Hitler, Weisung für die weitere Kampfführung OB West vom 3. 9.
z.it. nach: OB West I a N r. 795/44, RH 19 IV/55 . 63 f., und: OB We t I a
r. 766/44 vom 27. 8., RH 19 IV/54 S. 223 f.
Teil C
Die Entwicklung vom Höhepunkt der Kri e bi zum Über­
gang zum Stellungskrieg im Westen - Das Kampfgesche­
hen im September 1944

I. Vom Höhepunkt der Krise bis zu den ersten Anzeichen einer


Stabilisierung der Westfront

1. Die Entwicklung am Nordflügel

a) Der Einsatz der 1. Fallschirmarmee zwischen A ntwerpen und Maastricht


Entgegen den Befürchtungen der deutschen Führung im Westen 1 waren
vorerst keine Anzeichen für eine Großoffensive der 21. Heeresgruppe über
den Albert-Kanal zu erkennen. Zweieinhalb Tage lang, bis zum späten
bend des 6. September herrschte an der Front zwischen Scheidemün­
dung und Maastricht weitgehend Ruhe.
Die Briten machten sich die »offene T ür ins Rheinland« augenscheinlich
nicht sofort zunutze. Auch von einer raschen Schwerpunktbildung bei
ntwerpen mit dem Ziel, »die Scheidemündung und die« für den Rück­
zug der 15. Armee operativ entscheidende »Landenge von Woensdrecht
[ . .. ) in die Hand zu bekommen«2, war nichts zu spüren, obwohl deut­
cherseits »unbedingt« hiermit gerechnet wurde3.
Tatsächlich befand sich das Gros von Montgomerys Divisionen im Raum
westlich von Antwerpen. Die 1. Kanadische Armee wandte sich den deut-
chen Kanalfestungen zu und drängte gleichzeitig - zusammen mit dem
XII. Korps der 2. Britischen Armee - die eingeschlossenen Verbände Zan­
gen konzentrisch gegen die Küste (bzw. das südliche Scheldeufer)4• Für
die Offensive über den Albert-Kanal blieb lediglich das XXX. Korps mit
drei Divi ionen übrigS.
Horrocks Verbände (XXX. Korps) operierten hier zunächst sehr zögernd,
wohl auch deshalb weil die Masse der schweren und mittleren Artillerie

Tagesmeldung für den 4. 9., OB West 1 r. 7675/44, RH 19 IV/55, . 106ff.


Zimmermann, OB We t, MS:f-121 B VI, . 1993 f.
J Ebd.
" Wilmot Kampf, S. 516.
s Montgomery, ormandie . 191 ff.
250 Teil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

aufgrund der Tran portproblerne noch an der Seine tand6 • Auch bei
Horrock rechtem achbarn, dem XIX. US-Korp , konnte von zügigern
Vormar eh keine Rede ein. Hier war Treib roffmangel der ausschlagge.
bendc Grund. Der Oberbefehlshaber der 1. US-Army, GeneralHodg es,
hatte am 3. eptember ent chieden, daß zunächst der Spritbedarf des V. und
VII. USK- orp gedeckt werden mü e. Das XIX. USK - orps, das den linken
Flügel der 1. Fall chirmarmee zwi chenHasselt und Maastricht attackie­
ren ollte, blieb d halb für mehrere Tage inaktiv 7 • Erst am 7. September
erreichte eine Cavalry-Group den Albert-Kanal. Weitere drei Tage vergin ­
��n, bi alle Verbände de Korps dorthin »aufgeschlossen« hatten8•
Ahnlieh wie an der Mo elfront bedeutete auch hier jeder verstreichende
Tag ein Gewinn für die Deut chen. Die Improvisationen größten Ausma­
ß begannen ich au zuwirken: zumindest zwischenAntwerpen und Maas­
tricht chloß ich die »offene Tür<< allmählich.
Noch am 5. September aber hatte die Situation ganz anders ausgesehen:
Gegen Mittag waren er t zwei der 17Brücken über den Albert-Kanal bei
Ant\verpen gesprengt9• Zu dem Zeitpunkt befanden sich vier Bataillone
der 719. Infanteriedivision in diesem Raum. Links davon stand eineKampf­
gruppe die der Kommandeur der fast völlig zerschlagenen 85. Infanterie­
division, Gen. Lt. Chili, aus zurückflutenden Versprengten mehrerer Ver­
bände formiert hatte10• Weiter üdostwärts, zwischenHasselt und Maas­
tricht, waren gerade die ersten vier Bataillone der Ersatzheer-Division
r. 176 eingetroffen 11•
Als Generaloberst Student, der erst frühmorgens vonBerlin aus abgeflo­
gen war, im Gefechtsstand derHeeresgruppeB in der ähe von Verviers
bei Lüttich mit Feldmarschall Model zusammentraf, betrug die Kampf­
kraft am rund 100 Kilometer langen Albert-Kanalabschnitt nicht mehr
als die einer verstärkten lnfanteriedivision.
Schon deshalh schien es zunächst fraglich, ob Students Auftrag, dieKanal­
linie zu verteidigen und vor allem die »Enge bei Woensdrecht« für die
»Rücknahme der 15. Armee« offenzuhalten12, überhaupt zu erfüllen war.
Da die Briten aber nur vorsichtig vorfühlten, konnte sich die Lage der
1. Fallschirmarmee bis zum 7. September »weiter festigen«u. Die soge­
nannten »Walküreeinheiten«, d. h. die restlichen sechsBataillone der Divi­
sion Nr. 176 und 40 Flak-Batterien der Luftgaue VI und XI waren mitt-

6 Wilmot, Kampf, S. 517.


7 Blumen on Breakout, . 692 ff.
Ebd.
9 Ferngespr. Krebs-Wühli eh vom 5. 9., lO.OOh, RH 19 IX/89, S. 64.
10 Hierbei Reste der 84., 85. und 89. Inf.Div.; KTB H. Gr. B vom 9. 9., ebd., . 142.

11
Fernge pr. Ger dorff-Kreb von1 5. 9., 12.45h, RH IX/89, S. 69f.
12
Gez. Kreb Obkdo H. Gr. B I a r. 7006/44 vom 5. 9. RH 19 IX/5 . 507 f.
13 iehe dazu Tag meldung für den 7. 9., OB We t I a r. 7792/44 RH 19 IV/55,
. 232 ff.
I. Vom Höhepunkt der Krise bis zu den ersten Anzeichen 251

1 eile in cüe Front eingeflo en oder standen kurz vor den Ausladeräumen
bet Utrecht und Tilburg14• Ebenso rund 20000 Fallschirmjäger15, unter
ihnen jüngste Jahrgänge aber auch kampferprobte Soldaten16, die au der
\uf tellung in Bitsch, Güstrow (Mecklenburg) und Köln-Wahn herausgeris­
en und in »Blitztran porten« nach Westen gefahren wurden. Die Heeres­
fanzerjägerabteilung 559 hatte am Tag zuvor (6. September) in die Kämpfe
eangeg riffen und einen kleinen Brückenkopf, den die Briten bei Merxem,
vier Kilometer nördlich von Antwerpen gebildet hatten, zerschlagen 17•
'1it den ersten Abwehrerfolgen an der zunächst nur provisorisch errich­
t"'ten Verteidigungslinie und dem energischen Eingreifen des täglich an der
� ront auftauchenden Generaloberst Student ver chwanden auch die Bil­
er der Auflösung, die sich zuvor im mittel- und südholländischen Raum
czeigt hatten. ach dem Bericht de Admiral der iederlande trat diese
:Vende um den 6./7. September ein1 •

urze Zeit später begann die Offensive des XXX. Korp am Albert-Kanal.
er Guards Armoured Division gelang es, bei Beeringen eine Brücke un­
er tört in die Hand zu bekommen und am Ostufer Fuß zu fassen. Trotz
chwerer Panzerverluste19 konnten die Briten den Brückenkopf gegen die
1ier verteidigende, durch zwei Kompanien der Panzerjägerabteilung 559
unterstützte Kampfgruppe General Chilis am 8. September kon olidie­
rcn20 und den Vorstoß bis in den Raum Leopoldsburg-Hechtel fortset­
len21. Der gegnerische Schwerpunkt lag a1 o -anders als es der Stab chef
der Heeresgruppe B, General Kreb , befürchtet hatte22 -nicht im Raum
\ntwerpen.
Vielmehr erhielt General Roberts an diesem Tag den Befehl, die Angriffs­
versuche einer 11. Brit. Panzerdivision am ordrand der Hafenstadt abzu­
brechen und statt dessen weiter im Osten, rechts an die Gardedivision ange­
lehnt, zu attackieren23• Ausschlaggebend hierfür war Montgomerys Furcht
um die 0 tflanke, die -wegen des noch zurückhängenden XIX. US-Korps
ungedeckt - ihm anderenfall als zu gefährdet er chien24•

14 Ebd. und Stand der Eisenbahnbewegungen vom 8. 9., OB West la r. 7813/44,


ebd., S. 260.
ts
chätzung des Verfa er .
16
Eratzregiment Hermann Göring« Fsj. Rgt. 6, 5 weitere Fsj.-Regimenter, die
»

dann in der F j. Div. Erdmann (später umbenannt in 7. Fsj. Div.) zusammenge­


faßt wurden vgl. Tessin, Verbände, 14, . 69.
17 KTB H.Gr. B vom 6.9., RH 19 IX/89, . 83f.
1 Adm. iederlande G. 25312 F lll für die Zeit vom 3.-21. 9., RM /131, . 492 ff.
19 Von 30 angreifenden Panzern wurden - bei 6 deutschen Verlusten - 8 abge-

chossen, KTB H.Gr. B vom 7. 9., RH 19 IX/89, . 111.


20 Montgomery, ormandie S. 191 ff.
2t
KTB H. Gr. B vom 8. 9., RH 19 IX/89 S. 120ff.
22
erng pr. Kreb -Ia F .AOK 1 vom 7. 9., 19.05h RH 19 IX/89, S. 108.
ll W ilmot, Kampf, S. 517.

24 Montgomery, ormandie, S. 192.


252 Teil C: D i e Entwicklung vom Höhepunkt der Kri e

Model drängte wiederholt darauf die gegneri chen Brückenköpfe25 un ter


Zu mmenf ung aller Kräfte zu •bereinigen«26• Doch die erbitten ge­
führten Gegenangriffe der Fall chirmjäger-Divi ion Erdmann27 und des
Fall chirmjägerregiment 6 erreichten diese Ziel nicht, obwohl es am
10. ptember zeitwei e gelang, Hechte! wieder einzunehmen und bis nach
Beeringcn hinein vorzu toßen2 • ach Students Angaben wurden hierbei
allein 50 briti ehe Panzer im ahkampf zer tön29 (Karte 19).
Damit waren jedoch die deut chen Kräfte weitgehend erschöpft. Student
zweifelte daran, den gegneri chen Brückenkopf ohne au reichende Panzer.
und Artillerieunter tützung zer chlagen zu können30• Da die Briten zu.
dem weitere Ver tärkungen heranführten, bat er Model, die eigenen K.räf.
te im Einbruch raum nicht weiter verschleißen zu mü en und sie hinter
das näch te Wa erhinderni , den Maas-Schelde-Kanal, zurücknehmen zu
dürfen31• Der Oberbefehl haber der Heeresgruppe ge tattere allerdings
lediglich, hier bereit Verteidigung vorbereitungen zu treffen32•
Was Model zunächst noch unterbinden wollte, erzwangen die Briten. In der
acht zum 11. eptember erreichten die Spitzen der Guards Armoured
Divi ion eerpelt und über chritten hier den Maas-Schelde-KanaP3• Da­
mit zeichnete ich erstmal wieder die akute Gefahr eines operativen Durch­
bruch abH. Doch die er erfolgte nicht: vor der gesamten Front der Fall-
chirmarmee, deren linker Flügel nun hinter den Maas-Schelde-Kanal zu­
rückgenommen wurde, trat plötzlich Ruhe ein35• Abermals gruppierten
die Briten ihre Kräfte in einem für die Deutschen kritischen Moment
um36 und verschafften ihnen o eine Atempause. Demp ey Armee hatte
zwar Gelände gewonnen entscheidend aber daß sich die Albert-Kanal­
-war,

Linie bei Antwerpen im we entliehen noch in deutscher Hand befand.


Auf diese Weise wurde da adelöhr für die Rücknahme der eingeschlos-
enen 15. Armee vom Scheide üdufer über Waleheren und Südbeveland
weiter ge chützt.

2 Die 50. Brit. lnf. Div. hatte unterd en einen Brückenkopf bei Geel gebildet.
26 Ferng
pr. Ia F .AOK 1-la H.Gr. B vom 8.9., 15.40h RH 19 IX/89, . 120.
21 Gen. Lt. Erdmann der tabchef der 1. Fall hirmarmee, führte di e rasch gebil-
dete Division.
2 ittag meldung H.Gr. B vom 10.9. RH 19 IV/46 . 57f.
29 Fernge pr. tudent-Kreb vom 1 0. 9., 11.35 h RH 19 IX/89 . 147.
30 Ebd.

1 Ferng pr. tudent-Tcmpelhoff vom 10. 9., 20.30h ebd., . 150f.


l2 Ferng pr. Kreb - Ia .A K 1 vom 11.9. 0.15h, ebd. . 157.
ll KTB OB We t vom 11.9. RH 19 IV/46, . 61.
J• Tag meldung für den 10.9., OB 'WI t I a r. 7916/44 , RH 19 IV/55, . 322ff.
3s KTB H.Gr. B vom 12. 9. 9.00h RH 19 IX/89, . 175.
l6 Montgomery ormandie . 191 ff.
I. Vom Höhepunkt der Krise bi zu den er ten Anzeichen 253

IJ} Der Beginn des Rückztlgs der 15. A m1ee über die Westerschelde
t prünglich hatten die Pläne General v. Zangen ander ausgesehen. Eine
r

( ber etzoperat ion über die Scheide er chien ihm al wenig au ichtsrei-
1er Rettungsver uch37• Die Breite des Mündungsarms, der hohe Seegang,
vor allem aber die gegnerische Luftherr chaft und die Tat ache, daß die
Briten ja nur etwa 15 Kilometer von der Landenge bei Woensdrecht ent­
ft'r nt tanden prachen in einen Augen gegen diese Möglichkeit38.
m 5. eptember mittag rief der Stellv. Chef de Wehrmachtführung -
tabe General Warlimont, bei der HeeresgruppeB an und teilte General
Kreb mit daß der »Führer« da »Herau ziehen der 15. Armee aus dem
Ein chließungsring [ ...] über V li ingen« ebenfalls nicht für möglich hal­
t . einer (Warlimont ) Ansicht nach komme es deshalb darauf an, »mit
allen verfügbaren Kräften in Richtung Antwerpens durch[zu]brechen« und
den Gegner in der Flanke zu fassen«39•
Zangen Stab hatte unterd en bereit einen Plan entwickelt, der ich mit
tesen Vor telIungen deckte. Acht einer Divisionen sollten aus dem Raum
udenaarde nach 0 ten durchbrechen und dann nördlich anBrü el vor­
bei auf Diest vor toßen, um hier wieder Anschluß an die Heere gruppe
B zu gew innen40• Die zwei verbleibenden Verbände waren für die Beset­
zung Waleheren (70. Inf. Div.) und die Ver tärkung der Festung Dünkir­
chen (226. Inf. Div.)41 vorge ehen.
1 eldmar chall Model chien die Ent cheidung der Frage - Durchbruch
oder Übersetzoperation - zunäch t General v. Zangen überlassen zu \.vol­
len. Er drängte lediglich darauf, bald einen endgültigen Ent chluß zu tref-
cn und die en dann »mit äußer ter Tatkraft« durchzuführen..2• Offen­
'ichtlich konnte ihn chließlich aber ein neuer tabschef General Kreb ,
davon überzeugen daß ein Durchbruch aussichtslo ei und statt de en
»Unter allen Um tänden« »der Weg nach orden über [die] Wester chelde«
ver ucht werden mü e43• Kreb ließ sich auch durch den abermaligen
Hinwei Warlimonts, Hitler erachte »eine Herau führung über [ ...] VIis-
ingen für nicht gangbar«44, nicht beirren.
Kreb , Auffassung erfuhr insofern Bestätigung al der Gegner im Raum
ntwerpen an cheinend keinerlei größere Offen ivab ichten hegte. Die An­
griff versuche bei Merxem konnten am 6. eptember abgeschlagen werden,

:P Zangen 15. Armee M -B-249 . 25 f.


Ebd.
9 Ferngespr. Watlimont-Kreb vom 5. 9. 12.30h, RH 19 IX/89 . 67 f.
-40 Meldung I a AOK 15 vom 5. 9. 16.50h ebd., . 71 f., und Zangen, 15. Arm e e
M -B-249 . 26 f.
•41 Hinzu kam noch das icherung . Rgt. 5, da nach Boulogne verlegt 'vurde vgl.
ebd.
2 Befehl Model vom 5. 9. bkdo H. Gr. B 1 a r. 6975/44 RH 19 IX/89 . 80.
4.l Ferngespr. Warlimont-Kreb vom 5. 9., 12.30h ebd. . 67 f.
44 Fernge pr. Kreb -\'qarlimont vom 5. 9., 18.40h ebd. . 74f.
254 Teil C: Oie Entwicklung vom Höhepunkt der Kri e

Karte 19

0 50 m
I. Vom Höhepunkt der Krise bi zu den er ten Anzeichen 255
256 Teil C: Die ntwi cklung vom Höhepunkt der Kri e

eine unmittelbare Bedrohung für die entscheidende Landenge bei Woens­


drecht b tand deshalb vorerst nicht. Am Abend dieses Tages erhielt Zangen
den Befehl, eine Armee »Unter Beibehaltung eines Brockenkopfes in Anleh..
nung an [den] Leopold-Kanal« »nach Waleheren überzusetzen«45•
Da die Armee nach den Worten Krebs' den »Rückzug auf dem Wasser be..
werk telligen« mußte hatte er gleichzeitig Kontakt zur Marinedienststel..
le d Admiral der iederlande aufnehmen lassen. Krebs bat darum, die
)) chiff lei tungen auf der Scheide bi zum höchstmöglichen Maße« zu stei­
gern denn davon hänge »das Weiterbestehen der 15. Armee« ab46•
Auf eiten des Heeres waren die Voraussetzungen für diese Operation du rch
elb tändige Handeln der unteren Führungsebene chon geschaffen wor­
den. W ährend Zangen sich noch mit Durchbruchsabsichten trug, hatte
Gen.Lt. Schwalbe der Kommandeur der als solche nicht mehr existieren­
den 344. Infanteriedivision die »Übersetzorganisation bereits zweckmä­
ßig aufgebaut«47.
Gen.Lt. chwalbe ließ zunäch t eine 10 bis 15 Kilometer weit von Bres­
ken und Terneuzen entfernte Absperrlinie errichten. Diese Linie, an der
die Einheiten aufgefangen, verpflegt und -für das Über etzen gegliedert­
einzeln abgerufen werden ollten war bi zum 6. September aufgebaut48•
Hierdurch verhinderte Schwalbe49 von vornherein, daß sich vor den bei­
den großen Fährstellen tau wartender Kolonnen bildeten. Auf diese Weise
war eine W iederholung der teilwei e chaotischen Er cheinungen, die sich
beim eineübergang gezeigt hatten au ge chlo en. Große Truppenmas-
ierungen, die bei der gegneri chen Luftherr chaft katastrophale Folgen
zeitigen mußten konnten so gar nicht er t entstehen.
Der Übersetzverkehr lief flüssig an: bi zum 8. September hatten nach Mel­
dung der Marine bereits rund 25 000 Mann Waleheren und Beveland er­
reicht50. Da sich der Gegner an der Front südlich der Scheidemündung
darauf be chränkte, »Ausbruch ver uche zu verhindern und den [zur See
hin offenen] Kessel [ ...] konzentrisch [ ...] zu verengen«51, kam es hier zu
keinen ern thaften Kri en. De halb konnte Zangen eine Verbände, nach­
dem er befehlsgemäß die F tungsbe atzungen von Boulognc Calais und
Dünkirchen ver tärkt hatte52, »planmäßig« in die Brückenkopfstellung
Brügge-Gent-St. iklaa zurückführen.

4� Ferng pr. Kreb -Wühli eh vom 6. 9. 21.40 h ebd., . 92 f.


46 Ebd.
47 Gefecht bericht des L XXXIX. AK, Eintrag für den 7. 9. 6.30 h RH 24-89/10,

. 6/2.
" Zangen, 15. Armee M -B-249 . 35 f. ..
49 Am 9. 9. wurde Gen. Lt. Höcker {17. Lwfeld-Div.) mit der teuerung des Uber-
etzen bei Terneuzen beauftragt, chwalbe behielt die Auf icht bei Bresken .
50 Ferng pr. 'J ühli ch-Kreb vom 8. 9., 17.55 h RH 19 IX/89, . 121.
SJ I c-Abendmeldungvom 6.9. H.Gr.Blc r. 3492/44 RH 19/IX/26, Teil 2 . 211.
s2 Die Häfen 0 tende und Blankenberghe waren zerstört und wurden von den

deut chen Truppen geräumt, vgl. KTB OB West vom 7. 9. RH 19 IV/46, . 39.
Karte 20

Der ))Offensivplancc September 1944



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I. Vom Höhepunkt der Krise bis zu den ersten Anzeichen 257

m Morgen des 9. September floß die 712. Infanteriedivision als letzte der
eun verbliebenen Divisionen der 15. Armee in den Brückenkopf ein53•
)er tab des OB West wurde von der günstigen Entwicklung an diesem
b chnitt offensichtlich überrascht: jedenfalls sah man erst jetzt, nach­
em die Operation der 15. Armee »trotz aller Mängel in der Beweglich­
eie« olche Fortschritte gemacht hatte, die Voraussetzung für eine nach-
1altige »Verteidigung der Schelde-Mündung«54 erfüllt. Man rechnete dar-
ber hinau nun mit der »Möglichkeit(<, die »Abwehrfront der 1. Fall­
chirmarmee« verstärken zu können55•
Für General Crerar, den Oberbefehlshaber der 1. Kanadischen Armee, hatte
Herdings kaum eine Chance bestanden, energischer vorzugehen. Ihm wa­
ren chon deshalb die Hände gebunden, weil sich seine von der Seinemün­
dung bis in den Raum Gent operierende Armee befehlsgemäß zunächst
den deutschen Festungen zuwenden mußte. V ier seiner sechs Divisionen
aren vor Le Havre, Boulogne, Calais und Dünkirchen gebunden56• Das
linke Flügelkorps (XII.) der 2. Britischen Armee aber, das zunächst mit
1er Divisionen am konzentrischen Angriff auf die Scheidemündung teil­
genommen hatte war am 7. September in den Raum Antwerpen-Geel
ver choben worden57• Die verbleibenden, bei Brügge und Gent eingesetz­
ten zwei Panzerverbände (1. Polnische, 4. Kanadische Pz. Div.) reichten
tcht aus, um die durch künstliche Überflutungen zusätzlich geschützten
eutschen Brückenkopfstellungen ernsthaft zu gefährden.
e halb gelang es den Deutschen problemlos, die ersten Regimentsgrup-
1 en au der Front herauszulösen und an der Sperrlinie vor Terneuzen und
)re kens bereitzustellen. Bis zum 9. September waren vorwiegend Versor­
:Jungseinheiten und rückwärtige Dienststellen in Stärke von etwa 31000
lann nach V lissingen und Hoedekenskerke transportiert worden58. Die
L'ber etzoperation für die Kampfverbände der 15. Armee, zunächst die
46. und 711. Infanteriedivision, begann in der folgenden Nacht59•
erwies sich rasch, daß die Hauptgefahr nun aus der Luft drohte. Bei täg­
tch bi zu sechs Bombenangriffen auf die Anlegestellen60 waren Zeitver-
• ögerungen bei den Transporten über die Scheide unvermeidlich. Allein

Mittag meldung vom 9. 9. OB We t Ia r. 7834/44 RH 19 IV/55, . 278.


s
ach Hitler Befehl vom 8. 9. sollten \XIalcheren und der Brückenkopf um Bres-
ken die päter og. Festungen •Scheide- ord« und •Scheide- Süd« durch je eine
Divi ion veneidigt werden (vgl. gez. Krebs, O bkdo H. Gr. B. Ia r. 7100/44
vom 8. 9. RH 19 IX/ 5 S. 575). Die 70. Inf.Div. sollte Walcheren, die 64. Inf.Div.
Br ken halten (vgl. Ferng pr. Model-Zangen vom 8. 9., 22.35 h, RH 19 IX/89,
. l25f.).
KTB OB We t vom 9. 9. RH 19 IV/46 . 51.
lli V ictory II, S. 14 f.
57 Ebd. und Montgomery ormandie . 188.
5 Ferngespr. W ühli ch-Tempelhoff vom 9. 9., 14.25 h RH 19 IX/89 S. 134.

59 Tage meldung für den 9. 9. OB West Ia r. 7850/44 RH 19 IV/55, . 288ff.


" Zangen, 15. Armee MS-B-249 . 36 f.
25 Teil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

am 10. ptember etzten Jagdbomber zwei F ähren vorübergehend außer


Gefecht und versenkten weiterhin zwei Prähme61• Am 11. eptember wur­
de gemeldet, die Übersetzlei tung ei um 40 Prozent ge unken62•
Doch wie chon beim Rückzug über die eine zeigte sich au h hier, daß
derartige Operationen durch Luftangriffe allein wohl behindert und ver­
zögert, nicht aber völlig unterbunden werden konnten. Außerdem waren
in die en T agen die alliierten Luft treitkräfte in erheblichem Umfang bei
Le Havre (und auch bei Bre t) gebunden, wo ich die Kämpfe dem Höhe­
punkt zuneigten. In einem 90minütigen Luftangriff am achmittag des
10. eptember luden rund 1000 viermotorige Kampfflugzeuge 5 000 Ton­
nen Bomben über Le Havre ab63•
Al der F tung kommandant, Oberst Wildermuth64, dann arn Mittag des
12. eptember vor den Angriffen d I. Brit. Korp kapitulierte65, war der
Hafen weitgehend unbrauchbar geworden66• Etwa zum gleichen Zeit­
punkt, al W ildermuth die Waffen treckte orientierte der Stabschef der
15. Armee Gen.Lt. Hofmann die Heere gruppe darüber, daß die beiden
er ten Infanterieverbände das F dand erreicht hatten67• och am Abend
ollte der tab de LXVll. Armeekorp (Gen. d. Inf. Otto Sponheimer) mit
die en zwei Divi ionen {346. 711. Inf. Div.) am Albert-Kanal eing etzt
werden6 •

Die e eldung war nicht nur zeitlich ondern in gewi er Hin icht auch
inhaltlich mit den Ereigni en um Le Havre verknüpft: der Ein atz der
1. Kanadi chen rmee an 320 Kilometer weit au einanderliegenden »Fron­
ten« ver ionbildlicht den fehlenden chwerpunktgedanken in deutlicher
Wei e. Das wiederum erleichterte zweifello die Rückzug Operation der
15. Armee. ach der ersten »Zwi chenbilanz«, die Gen. Lt. Hofmann Krebs
gemeldet hatte blieb e nur noch eine rage von Stunden, bi Students
Fall chirmarmee eine er te Entla tung finden würde.
Die ich damit abzeichnende Fe tigung de rechten Flügel der We tfront
war für die deut ehe eite und da weitere Kampfge chehen in ge amt
icherlich von größerer Bedeutung al die Einnahme Le Havre für die
Alliierten ein konnte.

6l Tag meldung für den 10. 9., OB We t Ia r. 7916/44 RH 19 IV/55 . 322 ff.
62 Tagemeldung für den 11. 9. OB Wet Ia r. 7960/44 RH 19 IV/56, . 27ff.
63 EJli Victory, li . 14.
1>-4 Wildermuth wurde nach dem Kriege Bund mini ter für Wohnungsbau (1949

bi 1952}.
6S ontgomery, ormandie . 196.
66 Lc Havre wurde erst ab dem 9. 10. 1944 für größere ach chubtran portebenutzt
vgl. Elli ictory, ll, . 15.
67 erngepr. Ho fmann-Kreb vom 12. 9. 9.15 h, RH 19 IX/ 9, . 176.
68 � bd.
I . Vom Höhepunkt der Kri e bis zu den er ten Anzeichen 259

2. Da G chehen im Zentrum der Westfront

a} Der Rückzt-tg der 7. Armee auf den Westwall


Die allmähliche Fe tigung am rechten Flügel nahm den deutschen Füh­
rung täben im We ten nur einen Teil ihrer orgen. Zwi chen Antwerpen
und Maastricht hatte - um bei Model Metapher zu bleiben - da »Tor
nach Deutschland« vorer t notdürftig geschlo en werden können. Süd­
lich hiervon aber, im Raum bi hinab zur Linie Charleville-Luxemburg,
bestanden kaum Au ichten die für die Instandsetzung d WestwaUs erfor­
derliche Zeit durch hinhaltende Kampfführung zu gewinnen.
Die Überlegenheit der Amerikaner in die em Frontab chnitt war zu ein­
deutig: während dem herbefehl haber der 1. U -Army General Hod­
ge acht intakte Divi ionen mit ca. 110000 oldaten und 850 Panzern69
zur Verfügung tanden, befand ich im Befehl bereich d deut chen AOK 7
- nachdem die 347. Infanteriedivi ion in den Kämpfen bei amur (4./5.
eptember) innerhalb von 48 Stunden nahezu völlig zer chlagen worden
wa?0 - kein einziger vollkampfkräftiger Verband mehr. Der Zu tand der
anderen acht »Divi onen«, die Anfang eptember im Ab chnin der Armee
Brandeoberger fochten, war de olat: Es handelte ich zum einen um die
täbe von ier während de Rückzug au Frankreich mehr oder minder
vernichteten Infanteriedivi ionen denen ra eh gebildete Ver prengtenba­
taillone und die Tro e von zerschlagenen Verbänden d � theer unter-
teilt worden waren. Über 100 ver chiedene Feldpo tnummern innerhalb
di er »Divi ionen« telltcn keine Seltenheit da?1• An die ur prünglichen
Verbände erinnerte prakti eh nur noch ihre Bezeichnung12• Hinzu traten
noch die Re te der 116. Panzerdivi ion, die in Auffri chung befindliche
9. Panzerdi i ion und die beiden Kampfgruppen de I. SS-Panzerkorps
(2. - und 2. Pz. Div.). Die Panzerbrigade 105 verfügte mit 40 Panthern
und turmge chütz.en73 über da Gro der noch vorhandenen Kampfwa­
gen. In g amt umfaßte Brandeobergers Armee nicht mehr al etwa 30000
ann und 60 Panzer74•
Da KTB de OB We t hielt am eptember fe t »VOn ent eheidender
6.
Bedeutung für den Aufbau einer neuen [G amt] Front« ei die »Heran­
führung neuer Kräfte« zur tützung der 7. Armee75 zumal ich die Ereig-

69 MacDonald iegfried Line . 20.


70 Ferng pr. Ger dorff-Kreb vom 5. 9., 22.45 h RH 19 IX/89 . 78.
71 Brandenberger, 7. Armee M -B-730 . 68 f.
72 ich um die 49., 89. 275. 353. Inf. Div. Die 352. Inf.
eben der 347. handelte
Div. war ebenfall noch kurzzeitig im Bereich der 7. Armee eing etzt ie wurde
aber am 7. 9. zur Auffri hung in Reich verlegt, vgl. KTB H.Gr. B vom 7. 9.
RH 19 IX/89 . 111.
n KTB H.Gr. B vom 5.9. RH 19 IX/ 9 . 69f.
74 Brandeoberger 7. Armee, M -B-730, . 70.
7'> KTB OB We t vom 6. 9. RH 19 IV/46 . 29.
260 Teil C: Die Entwicklung vom Höhepunkt der Krise

ni e hier ra
eh entwickelten: am gleichen Tag begann der »erwartete [US-]
ngriff nach 0 ten«76• Angesicht der prekären Kräftesituation ging es
Brandeoberger nur noch darum eine »Re tverbände so geschlos en wie
möglich für die Abwehr im We twall zu erhalten<<n.
Von amur au tießen die Amerikaner im Laufe de Tages ungehindert
im Maa tal weiter in Richtung Lüttich vor7 • Model genehmigte am
Abend die Ab etzbewegung der 7. Armee auf die Linie Hasselt-Huy­
Bouillon79. Daß Hodge auch mit seinem rechten Flügel - die Maasstel­
lung de I. -Panzerkorps - stark attackierte, überraschte die deutsche
Führung. Sowohl Jodl al auch die Verantwortlichen im Westen hatten viel­
mehr damit gerechnet daß der Gegner den eindeutigen Schwerpunkt auf
einem linken Flügel bilden werde 0•
Tatsächlich aber griff das Vll. US-Korp mit drei Divisionen aus dem Raum
amur-Givet nach ordo ten und recht an chließend das V. US-Korps
ebenfall mit drei Divisionen auf 80 Kilometer Breite durch die Arden­
nen an 1• Die Feldmarschälle Rundstedt und Model stimmten bei der Un­
terredung am Mittag des folgenden Tag {7. eptember) in der Apotheke
d Eifelortes tadtkyll darin überein daß die von der auf breiter Front
geführten US-Offen ive ausgehende Hauptbedrohung in der >>Stoßrichtung
über [Lüttich und] Aachen auf da rheini eh-westfälische Industriegebiet«
liege 2• Dement prechend meldete Rundstedt dem OKW, er erblicke »hier
die akute, auch den südlich an chließenden Westwall im Rücken bedro­
hende Gefahr«. Die sofortige Zuführung von »mindestens 5, besser 10 Divi-
ionen« war Rundstedt Worten zufolge »zwingende otwendigkeit« 3•

Der Wehrmachtführungsstab entgegnete »eine Vordatierung der zuzufüh­


renden Verbände [sei ...] nicht möglich« 4• Hitler verlieh dem OB West
nun z-war endgültig »Wehrmachtbefugni e«, d. h. die Vollmacht, »alle in ei­
nem Befehlsbereich verfügbaren Kampfkräfte und -mittel der Wehrmacht­
teile und Waffen-SS (nach seinen Vor tellungen ...] einzusetzen«85, doch
das nutzte zu diesem Zeitpt�nkt kaum nocht etwas. Model war deshalb ent-

7 6 lc-Abendmeldung vom 6. 9. H.Gr. B Ic 1r. 3492/44 RH 19 IX/26 Teil 2 S. 211.


77 Brandeoberger 7. Armee, M -B-730 . 39.
7 Abendmeldung H. Gr. B vom 6. 9., RH 19 IV/46, S. 31.

79 Gez. Blumentritt OB� t Ia r. 7720/44 vom 6. 9. 20.45h RH 19 IV/55 S. 176.


0 Vgl. ebd., und Buechs Westwall M -ETHI T 37, . 2; Jodl German Defen­
, M -ETHI T 52, . 3.
1 Da XIX. U -Korps schloß unterde en am Albert-Kanal auf· vgl. Blumen on

Breakout . 692 ff.


2 Gez. R und tedt OB West Ia 1 r. 805/44 vom 7. 9., RH 19 IV/55 . 218ff.
3 Ebd.

4 Allerding wurden die og. •Fe tung einheiten« früher al ur prünglich geplant
in den \Y/e ten g chickt ( . u.) Ferng pr. Zimmermann-Tempelhoff vom 8. 9.
13.00h RH 19 IX/89 . 119.
� Gez. Adolf Hitler KW/WF t/Qu 2 r. 0010783/44 vom 7. 9. zit . nach: B
We t Ia r. 7769/44 RH 19 TV/55 . 231.
I. Vom Höhepunkt der Kri e bi zu den er ten Anzeichen 261

chlo en auf eigene Fau t zu handeln und Abhilfe zu chaffen: er rief


unter Umgehung de »Dienstweg « Rüstungsmini ter Speer an und bat
darum der »H. Gr. B möglichst bald 30 Panzer V [«Panther«] 30 Panzer
VI [«T iger«] und einige turmge chütze« zuzuwei en 6•
lnzwi chen ver chlechterte sich die Lage weiter: bis zum Mittag d 8. Sep­
tember mußte sich Brandeoberger rechter Flügel auf bzw. hinter die Maas
ab etzen. Die Amerikaner waren bereits in Lüttich eingedrungen. Der
Kommandeur der in die em Raum eingesetzten 116. Panzerdivision Gen.
Lt. Graf v. Schwerin, war nicht mehr bereit, seinen noch 600 Mann und
18 Panzer starken Verband 7 hier zerschlagen zu lassen. Seine Ab icht, die
Division möglichst »unge choren« in Richtung Reich zu führen, wollte er,
wenn nötig, auch elb tändig durchsetzen . Die Situation Brandenbergers,
der aus diesem Grund bereits Schwerins Ablösung gefordert hatte 9, wur­
de immer aussichtslo er. Die Panzerbrigade 105, die den US-Stoß über die
urthe auffangen sollte blieb ohne Treibstoff »wehrlos« im Raum Herve
(nördl. Vervier ) liegen. Südlich hiervon, in den Ardennen, wurde das
I. S-Panzerkorp von>> tarkem Gegner[...] durch toßen« und mußte sich
de halb weiter nach ordosten auf die Linie Ourthe-La Roche-Libra­
mont zurückziehen90.
Rundstedt wandte sich am achmittag {8. September) abermals an das
KW und über andte eine Beurteilung Model , die Hitler »im Wortlaut«
vorgelegt werden ollte: infolge der »besonders bedrohlichen« Zuspitzung
der Lage könne mit den »Zur Verfügung stehenden Resten(< allenfalls noch
die Maaslinie von Maastricht bis nördlich von Lüttich vorübergehend gehal­
ten werden. Südlich anschließend bestehe lediglich »eine dünne, völlig unzu­
reichende Sicherung Iinie[... ]Hier[habe ... ]der Gegner praktisch bereits
heute Bewegungsfreiheit bis an den Westwall, der hinter der 7. Armee in
erwa 120 km Breite zur Zeit nur mit 7 bis 8 Bataillonen be etzt« sei. Model
wie auch Rundstedt hielten nun den »letzten Zeitpunkt (für]gekommen«,
die 7. Armee noch abzustützen. »Wenn nicht in kürzester Frist [...] 3
Inf. Divn. und 1 Pz. Div. zugeführt[würden, sei ...]mit Sicherheit zu erwar­
ten daß die abgekämpften Verbände[...] wie südwestlich Brüssel[Mons]
erneut und diesmal völlig zersprengt werden würden. Damit[entstehe]autO­
matisch das vom Feind erstrebte operative Loch [... ] nunmehr an der deut­
schen Grenze91• «
Das OKW hatte den Stab der Heeresgruppe B mittlerweile darüber orien­
tiert, daß der erste der noch im September zuzuführenden Verbände, die
12. Infanteriedivision, nicht vor dem 16./17. September eintreffen kön-

6 Ferngespr. Model - peer vom 9. 9., 1.25h RH 19 IX/89 . 131.


7 Tagemeldung für den 7. 9., OB We t Ia r. 7792/44 RH 19 IV/55 . 232ff.
chwerin, 116. Pz.Div., MS-ETHI T 18 S. 27 ff.
9 Ferngespr. Ger dorff-Tempelhoff vom 6. 9., 14.10h, RH 19 IX/89, . 89.
� KTB H. Gr. B vom 8. 9. RH 19 IX/89, S. 115 ff.
91 Gez. Rundstedt, OB� t Ia r. 808/44 vom 8. 9., 16.00h RH 19 fV/55, . 250f.
262 Teil C: Die nt� icklung vom Höhepunkt der Kri e

ne92• Immerhin wurde nun wenig ten das Ab erzen auf den � twall frei­
gegeben, »wenn keine andere Möglichkeit« b tünde93. Eine olche Mög­
lichkeit« exi eierte aber ange icht der Lageentwicklung kaum.
achdem die aa al letzte natürliche Hinderni vor der Reich grenze
b reit forciert war re hnete Rund tedt ))in Kürze« mit einem »Zurück­
klappen« der 7. Arme in die � t tellung. Er forderte de halb »die Über­
tragung de takti chen Befehl über \Vest tellungen und Westwall mit al­
len [ ...] icherung kräften [ ...]«94 um Einblick in den tand der Verteidi­
gung vorbereitungen zu erhalten und eine klare Kompetenztrennung zu
err ichen. bwohl hierfür läng t höch te Zeit war, vergingen nochmals
zweieinhalb Tage bi Hitler dem Wun eh des OB We t nachkam.
Unterd en konnte die 1. U Army- abg ehen vom XIX. US-Korp , das
noch am Albertkanal »sammelte« - olch rasche Fort chritte erzielen, daß
Brandeoberger befürchtete die Amerikaner würden den We twall vor der
eigenen Truppe erreichen 95:
G neral CoUin ' V IT. Korp drängte weiter, nahm am 9. eptember Verviers
und tand mit Angriff pitzen bei Limbourg96• Da V. Korp General
Gerow chloß zu dieser Zeit in der Linie t. V ith-Echternach {10. eptem­
ber) auf97 (vgl. Karte 19). Hier am linken Flügel von Brandenhergers
Armee klaffte ein wie befürchtet unmit telbar vor der Reich grenze beste­
hende etwa 40 Kilometer breit Loch zur 1. Armee9 •

Durch den Angriff von Gerow Verbänden war Kepplers I. SS-Panzerkorps


bei einem Rückzug durch die Ardennen immer weiter nach ordosten
abgedrängt worden während ich der rechte Flügel der 1. Armee (LXXX.
AK) in der acht zum 11. eptember »planmäßig« nach
0 ten auf den
� twall zwi chen Wallendorf und der Mo el ab erzen konnte99 • örd­
lich von Wallendorf lag die Reich grenze unge chützt vor den Amerika­
nern (vgl. K arte 21).
Keppler befahl dem Kommandeur der 2. Panzerdivi ion, Ober t v. o-
titz 100, schnellstmöglich die Our zu überqueren und dann von orden
her in den für die Division vorge ehenen We twallab chnitt (o twärts von
Heiner cheid-Wallendorf) einzu rücken 101• Ob e gelang, den Amerika­
nern hier noch zuvor zu kommen mußte äußer t fraglich er cheinen:

92 Ferng pr. Zimmermann-:Yempelhoff vom . 9. 13.00h. RH 19 IX/89 . 119.


93 Ebd.
9• Gez. Rund tedt OB West Ia r. 7803/44 vom 8. 9., RH 19 IV/55, . 253.
9S Brandeoberger 7. Armee, M -ß-730, . 49 f.
96 Vgl. dazu Tag meldung für den 9. 9. OB West la r. 7850/44, RH 19 IV/55,
. 2 8 ff.
97 Blumen on Breakout . 693.
9 KTB LXXX. AK vom 10. 9., RH 24-80/68, . 48.
99 bd. . 54 ff.
100 r )ö te am 6. 9. Frhrn. v. Lüuwit7 ab der die F ührung d X XXVII. Pz.
Korp übernahm.
1o1 Brandenherger 7. Armee M -B-730 . 52.
I. Vom Höhepunkt der Kri e bi zu den ersten Anzeichen 263

in die em Raum (zwi chen St. V ith und V ianden) über chritten am
bend d 11. eptember die ersten US-Patrouillen ungehindert die Reich -
grenze102.
Da linke achbarkorps de I. S -Panzerkorp , General Dr. Franz Beyer
LX X. Armeekorps, wurde zuer t mit den negativen Folgen der unkla­
ren Befehlsverhältnisse im Raum der We t tellung konfrontiert: Bi zum
9. eptcmber abends hatten weder der Stab Beyers, noch das AOK 1 Kar­
tenmarerial bzw. Unterlagen über die Befestigungslinie erhalten. Die Über­
gabe der Stellung an die Fronttruppe war kaum vorbereitet, so daß »[den]
ivi ionen [... ] selbst die Einweisung und Einteilung im Westwall« zu­
riel103 wa ohne Kenntni de genauen Linienverlaufs äußerst problema­
ti eh ein mußte.
E war charakteristisch für die e Friktionen, daß Himmler bei pielsweise
alle inzelfahrzeuge und Offiziere« im rückwärtigen Raum des LXXX. Ar­
meekorp »zur Einteilung in Alarmeinheiten« aufgreifen ließ. Der Stabschef
Beyer , Oberst W iese, bat daraufhin, »diesen Wahnsinn zu unterbinden, da
son t Ver orgung und Meldedienst im Gefechtsgebiet unmöglich« cien104•
· hnliche Vorkommnisse er chwerten auch die Kampfführung am rech­
ten Flügel der 7. Armee:
Zwar hatte Brandeoberger bereits am 8. September den Stab der 353. Infan­
teriedivi ion au der Front herausgelö t um die Westwallverteidigung im
Raum Aachen zu organisieren105, doch konnte der Divisionskomman­
dcur, Gen. Lt. Mahlmann, es nicht mehr verhindern, daß hier auf Veran-
ung d Reichsverteidigungskommi ar Grohe106 »voreilige« Maßnah­
neo ergriffen wurden107. Die »Un achgemäß« ausgeführten Sperrungen
inen) und Sprengungen hinter der Front10 trugen entscheidend dazu
bei, daß dem Versuch, den amerikanischen Vorstoß westlich und südwest­
hch der Kai er tadt durch bewegliche Kampfführung aufzufangen, wenig
Erfolg be chieden war. Zum einen gelangte kaum noch Treibstoff an die
1 ront109, zum anderen cheiterte der Plan, vor Eupen einen provisori-
chen Panzerverband unter Führung Gen. Maj. Müllers (Kdr. 9. Pz. Div.)
zu bilden. Die aus dem Reich heranmar chierende Sturmgeschützbrigade
394 die mit ihren 30 Kampfwagen110 das Gro dieses aus den restlichen
�hn Panthern der Panzerbrigade 105 und den ersten eingetroffenen Infan­
lerieteilen der 9. Panzerdivision b rehenden »Verbandes« bilden ollte, traf

102 MacDonald iegfried Li ne, S. 3.


101 KTB LXXX. AK vom 10. 9. RH 24-80/68 S. 46.
1 Ebd. vom 10. 9., S. 47.
1° KTB LXXXI. AK vom 8. 9., RH 24-81/97, S. 185/1.

I()(, B1w. eines tellvertreter Schle mann.


1° KTB H. Gr. B vom 9. 9., RH 19 IX/89 S. 134.
10 Ebd.

109 Ebd.

11° Fcrnge pr. Kreb -Ger dorff vom 8. 9., 18.00 h ebd. . 121.
264 Teil C: Die Entwicklung vom Höhepunkt der Krise

wegen der chlagartig au gelö ten Maßnahmen der Parteifunktionäre nicht


rechtzeitig ein111• Die vorhandenen Kräfte konnten den US-Durchbruch
auf Eupen (11. eptember) nicht verhindern. Am Abend die e Tages be-
tand die bei Eynatten ammelnde »Gruppe Müller« noch au 40 Mann
und drei Panzern112•
Die Amerikaner hatten somit die Armee Brandenhergers bei Aachen und
im üdJich an chließenden Raum bi auf wenige Kilometer an die Reichs­
grenze zurückgedrückt. Die Kampfgruppen der 7. Armee standen zu die-
em Zeitpunkt in einer Linie die von der Maas bei V i e (Eijsden, ca. 10 km
üdlich von Maastricht) zunäch t entlang der Voer in ostwärtige Richtung,
dann über Hombourg, Hergenrath bi Eynatten113 verlief hier dann nach
üden umknickte und durch den Hertogenwald (westlich von Monschau)
über Burgenbach (o twärt von Malmedy)11.., St. V ith nach Burg Reuland
(Our)115 führte116•
Brandenherger hatte in der Woche die seit seiner Kommandoübernahme
vergangen war, immerhin vermocht eine Armee unter schwierigsten Be­
dingungen führung mäßig in den Griff zu bekommen. Doch seine Verbän­
de waren trotz der laufenden Preisgabe von Gelände nun so geschwächt, daß
ie dem tündlich erwarteten Durchbruchsangriff auf »Aachen-Köln«ll7
kaum noch W ider tand entgegensetzen konnten.
Die Hoffnung, wie kurz zuvor die Moselstellung auch die Front der
7. Armee quasi im letzten Moment noch abstützen zu können chien sich
zer chlagen zu haben. Feldmar chall v. Rund tedt erhielt in dieser Situa­
tion endlich den Oberbefehl über die Weststellung118• Seine ersten Ein­
drücke waren ernüchternd: Er ließ dem OKW melden, daß der »derzeiti­
ge Zustand de Westwalls [ ... ] in keiner Weise den zu stellenden Forderun­
gen« entspreche119•
Abgesehen von den bereits erwähnten fortifikatorischen Schwächen120 be­
mängelte Rundstedt in erster Linie daß die für die gesamte Weststellung
gemeldete Zahl von »rd. 170000« Schanzarbeitern viel »ZU gering« sei121•

111 Brandeoberger 7. Armee MS-B-730 . 64.


112 Ebd. . 59.
113 L XXXI. AK mit: 275. und 49. Inf.- 116. Pz. Div. Kampfgruppe Müller (9. Pz.

Div.).
ll4 LXXIV. AK mit: 347. und 89. lnf. Div.

us I. -PzK mit: 2. S - und 2. Pz.Div.


116 KTB H. Gr. B vom 11. 9. RH 19 IX/89, . 165-171.
111 Tage mcldung für den 10. 9. OB West Ia r. 7916/44 RH 19/55 . 322ff.
11 Gez. Adolf Hitler OKW/WFSt r. 773296, zit. nach OB � t I a r. 7817I44
vom 10. 9., RH 19 IV/55 S. 301 f. Die Befehlsübernahme erfolgte am 11. 9. O.OOh.
119 KTB OB We t vom 10. 9. RH 19 IV/46, S. 57.
120 Vgl. Kapitel B III 3d.
121 Gez. Rund tedt, OB We t I a r. 7842/44 vom 10.9. Zu den fortifikatori eben
Mängeln: gez. \� tphal OB West l a r. 7843 vom 10. 9. RH 19 IV/55 . 307
und 308f.
I. Vom Höhepunkt der Kri e bi zu den er ten Anzeichen 265

ie »Reichsverteidigungskommissare« uchten auch ofort Rundstedts Bean­


tandungen zu entkräften. Gauleiter Bürckel beispielswei e ordnete die
teigerung des bisherigen Kräftein atzes [ . ..]auf da V ierfache« an. un
ollten auch Frauen im Alter von bi zu 40 Jahren122, Belegschaften bis­
her >>ge chützter« Betriebe herangezogen werden und täglich zwei Schich­
1 3•
ten jeweil zehn Stunden lang auf den »Baustellen« arbeiten 2
J)och das alles chien in Anbetracht der Lage- jedenfalls für die 7. Armee ­
zu pät zu kommen, da sich die Amerikaner hier dem Westwall ja tellen­
\Vei e bereit bi auf Artillerieschußweite genähert hatten. Die »Sicherung -
�e atzung« de We twalls hinter Brandenhergers Armee umfaßte immer­
nin etwa 20000 Infanteristen, die mit dem »Walküreaufruf« von den Ersatz­
heer-Divisionen z. b. V. 40612\ r. 526125 und r. 172126 in den Abschnitt
\.achen-Wallendorf (10 km nordwestlich von Echternach) verlegt wor-
den \varen. Diese Soldaten hätten zweifellos Brandenherger gelichtete Rei­
hen mit dem Einrücken in den We twall zumindest personell notdürftig
auffüllen können. Aber die Ersatzheer-Einheiten allein stellten angesichts
einer Abschnittsbreite von rund 120 Kilometern keine ausreichende Ver-
tärkung dar.
\1odel, der am Abend des 11. September von einer ausgedehnten Frontfahrt
uber Weiden (L XXXI . AK)-Monschau (AOK 7}-Schönberg (I. SS-PzK)­
Düren in sein Hauptquartier nach Arcen (nördlich von Venlo) zurückge­
kehrt war127, meldete dem Wehrmachtführung tab jedenfalls »daß [...]
iie Verteidigung de Westwalls mit den jetzigen Kräften nicht gewährlei­
tet« ei12•

Die e Beurteilung deckte sich voll mit derjenigen des OB West. Rundstedt
rechnete zu diesem Zeitpunkt »unbedingt mit baldigen Durchbruchsver­
uchen« der 1. US-Army die einer Ansicht nach zu »vollem Erfolg« füh-

112
Gez. Stöhr 4. Wei ung des Reich verteidigung kommissars für den Stellungsbau
im Gau We tmark Saarbrücken, 11. 9., zit. nach: IfZ, MA-137/1, S. 0157245 f.
123
Gez. Stöhr 6. Weisung (s. o.) Saarbrücken 13. 9., zit. nach: IfZ MA-137/1
. 0157242 f.
124
Der Divisionsstab hatte 3 Landesschützenau bildungs·Bataillone in Stärke von
ca. 3 700 Mann ge teilt, KTB LXXXI. AK, RH 24-81/97 S. 185/1 ff. Tessin
Verbände, 10 S. 101 f.
lS Insgesamt 8 400 Mann die noch durch 5 000 Ver prengte im Raum Aachen

ergänzt wurden, Brandenberger, 7. Armee, MS-B·730, S. 50 ff., Tessin Verbän·


de, 11 S. 75 f.
ll6 \�
ährend die er tgenannten Divisionen dem Wehrkreis V I unter tanden, ge·
hörte die Div. r. 172 zum Wehrkreis XII. Hinter dem Abschnitt der 7. Ar­
mee (1. S -Panzerkorps) lagen 2 Regimenter dieser Divi ion mit einer Stär·
ke von ca. 3 000 Mann. Da 3. Regiment (l.ott) stand hinter dem LXXX. AK
� in Verbände 8, S. 173 f., und KTB LXXX. AK vom 10. 9. RH 24-80/68
. 46 f.
127
otizen über die Fahrt des OB der H.Gr. B vom 11. 9., RH 19 IX/5 S. 611 f.
128
Gez. Model, O bkdo H.Gr. B I a r. 7277/44 vom 11.9., 22.15h, ebd., . 613.
266 Teil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

ren mußten129• Zur Überraschung der deut chen Führung im � ten aber
trat der Gegner nicht ofort an.
Gen ral Kr b glaubte daß die »durch die ähe de e twall « bedingt
ein könne hinter dem die Amerikaner offen ichdich » tarke eigene [d. h.:
deut ehe] Kräfte« vermuteten130• Die e Annahme war jedoch nur teilwei-
e richtig. Die Ent cheidung d Oberbefehl haber der 1. US-Army Gene­
ral Hodge den Großangriff frühe ten am 14. September zu beginnen131,
lag weder darin begründet, daß man den We twall al nur schwer über­
windbare Hinderni an ah noch darin daß man dahinter tarke deut-
ehe Verbände erwartet .
Im Gegenteil, Hodge war wie die mei ten US-Offiziere der Auffa ung,
die iegfried Line« könne einem Angriff maximal drei Tage lang rand­
halten 132• Die Feindlagebeurteilungen des V. und VII. US-Korp widerspra­
chen di er Auffassung nicht: die G 2-Abteilungen rechneten nur noch mit
et-wa 14000 Deut chen an di er Frontt.n.
Auch hier mani� eierte ich wieder die offen ichdich untrennbar mit dem
ituation bedingt berechtigten Optimi mu verquickte Unterschätzung der
gegncri chen Wider tand kraft. Au chlaggebend für Hodge ' Entschei­
dung trotz allem die Aufstockung der Artilleriemunition abzuwarten und
ich zunächst mit »kampfkräftiger Aufklärung« zu begnügen n4, waren
wohl p ychologi ehe Faktoren: Die erhebenden Tage, in denen Franzo en
und Belgier den Befreiern euphori eh zugejubelt hatten näherten ich dem
Ende. Vor den amerikani chen Truppen lag nun da eigentliche Ziel ihres
�Kreuzzug in Europa«135: der toß in Feinde land. Die Anzeichen sich
ver reifenden Widerstande entlang des Albert-Kanals und der Moselstei­
lung legten Hodge nahe, die en toß sorgfältig vorzubereiten, um ihn
zu einem vermeintlich sicheren Erfolg werden zu las en. Ebenso sprach
in der icht des US-General wohl die im großen Rahmen nach wie vor
ungelöste achschubproblematik für ein vor ichtigeres Prozedere. Allein
au chlaggebend war jedoch diese Erwägung nicht, denn Hodges war der
Überzeugung, noch genügend Treib toff für eine Offensive bis zum Rhein
und Munition für etwa fünf Kampftage zu be itzen 136•
Ohne daß ich die Befehlshaber beider Seiten dessen schon bewußt waren,
kam die Verfolgung phase in diesem Frontabschnitt zu ihrem endgülti­
gen Ende.

129 Zimmermann, OB We t M +121 Bd B I, . 2062 f.


uo
Ferngespr. Kreb -Westphal vom 12. 9., ll.lOh. RH 19 IX/89 S. 177f.
IJl Die e Ent cheidung fiel am 1 1. 9., vgl. MacDonald, Siegfried Line . 37f.
132
Blumen on, Breakout . 701.
JJJ G 2-Estimate V. U -Korp vom 10. 9. und G-2-Report r. 97 d Vll. U Korps,
nach: MacDonald, iegfried Line, . 38.
134 bd., . 37.
• us o ein Buchtitel von Dwight D. Ei enhower.
IJ6 Cole Lorraine . 213.
I. Vom Höhepunkt der Kri e bis zu den er ten Anzeichen 267

Der vorübergehende Stopp der alliierten Offen ive ermöglichte e auch


hier den Deut chen, ihre Verteidigungskraft in kürze ter Fri t beachtlich
zu verdichten: Rund tedt erfuhr, daß bis zum 14. September - dem Tag,
an dem Hodg eine Offen ive beginnen wollte -, insgesamt 32 Festung -
bataillone (bzw. Festung artillerieabteilungen) mit rund 16000 Mann für
den Westwall im Bereich der Heeresgruppe B »verwendungsbereit gemacht«
würden137•

b) Die ersten Kämpfe an der Moselfront {1. Armee)


it Ei enhower Entscheidung, an der ur prünglichen Planungskonzep­
tion- der »Broad-Front«-Strategie - festzuhalten, konnte die 3. US-Army
ihre »Unterstützung offensive« wiederaufnehmen. Patton rechnete damit
daß die Deut chen an der Mosel lediglich hinhaltenden W ider tand bie­
ten und ich dann bis zum We twall absetzen würden 13 •

Den Amerikanern war offensichdich verborgen geblieben, daß der Geg­


ner die fa t einwöchige K ampfpau e dazu genutzt hatte, sich an der Mo-
ei beträchtlich zu ver tärken, jedenfalls bildeten sie keinerlei Sch'\ver­
punkt: die 3. US-Army trat am 6. September auf breiter Front zur Offen-
.
1ve an.
Diese Tatsache und die gewählte, genau nach Osten wei ende Angriffs­
richtung oBten ich als >)Glück« für die 1. deut ehe Armee erwei en 139:
denn Patton sechs Divisionen (das XV. US-Korps mit der 79. US-Inf.- und
2. Franz. Pz. Div. griff er t am 11. eptember in die Kämpfe ein 140) tra­
fen im Raum zwischen Thionville und ancy auf den abwehrstärksten,
von ebenfall echs Divisionen verteidigten Abschnitt General v. d. Che­
valleries 141•
Die äußeren Flügel, die Schwachstellen der 1. Armee, wurden - vorerst­
nicht attackiert. Das rechts an der» aht« zur 7. Armee eingesetzte L XXX .
Armeekorps konnte sich o, obwohl es über keinen einzigen intakten Ver­
band verfügte142, planmäßig durch das dem »Gau Koblenz-Trier« ange­
gliederte (Großherzogtum) Luxemburg absetzen. General Dr. Beyer gelang
e ein etwa noch 5000-6 000 Mann 1"3 und 16 Panzer unfassendes Korps
rechtzeitig vom Gegner (5. US-Pz. Div. der 1. US-Army) zu lösen und in

ll7
OB West I a r. 7992/44 vom 12.9. RH 19 IV/56 S. 48 f.
,

ll Cole Lorraine S. 124.


l39
Knobelsdorff 1. Armee MS-B- 222 S. 14.
140 Cole Lorrai ne, S. 197.
"'1 559. Gren. Div. Div. r. 462., 17. S-und 3. Pz. Gren.Div., 553. Gren.Div. Die
15. Pz. Gren.Div. wurde bereits nach und nach für die geplante Offen ive au
der Front gelöst. Die ebenfalls kurzzeitig im Raum w dich von Thionville
eingesetzten Teile der 19. Gren.Div. und der Pz.Brigade 106 wurden durch Pat­
ton Offen ive nach ordosten abgedrängt.
, ..2 KTB LXXX. AK vom 10. 9. RH 24-80/68, S. 54ff .
tH
Berechnet nach: KTB LXXX. AK vom 10.9., ebd., S. 54 ff. und Rügen, Pan­
zer-Lehr-Divi ion, . 196.
268 Teil C: Die nt wicklung vom Höhepunkt der Kri e

der acht zum 11. eptember unbedrängt in den We twallab chnitt zwi-
chen allendarf und Trier zu führen1H.
Mit di er Au weichbewegung de rechten Flügel war für die 1. Armee
die fa t vierwöchige »Pha e der Verfolgung« durch die amerikani eben
Truppen endgültig zum Ab chluß gekommen. Die sich au Patton wei­
ter üdlich an erzender Offen ive entw ickelnden Kampfhandlungen un­
ter chieden ich dagegen merklich von dem türmischen Ge chehen der
Augu ttage.
Die örtlich begrenzten Angriffe, die die Panzerbrigade 106 (ver tärkt durch
Teile der 19. Gren.- und 15. Pz. Gren. Div.) am 7./8. September »Zur Verbes-
erung der tellungen«145 vom zu die em Zeitpunkt noch weit vorgestaf­
felten rechten Flügel der 1. Armee aus im Raum Audun-Briey geführt hat­
te waren in den Bereit tellung raum de XX. US-Korps hineinge toßen.
ach Anfang erfolgen bei denen die Linien der überraschten Amerikaner
{90. U -Inf.Di .146) ra eh durchbrachen werden konnten, wurde Oberst
Dr. Bäke Brigade in harte >}Begegnungsgefechte« mit der 7. US-Panzerdi­
vi ion verwickelt147• Beide Seiten hatten schwere Verluste. Die Panzerbri­
gade verlor etwa die Hälfte ihrer 47 Kampfwagen14 (vgl. Karte 16).
Wenn auch da er trebte Ziel nicht erreicht wurde o brachte der Angriff
doch �w entliehe Erleichterung« für den Frontab chnitt zwischen T hion­
ville und Metz 1..9•
Die Amerikaner drangen am 7. eptem ber wohl noch bi zur Mosel bei
Hagondange (nördl. von Metz) vor150• Sie ver uchten aber erst gar nicht,

tH
Die »Verbände« de LXXX. AK die Kampfgruppen der Pz.-Lehr-Div. und der
5. F j.Div. wurden hier von einem Regiment der Er atzheer-Oiv. r. 172 mit
4 Artilleriebatterien aufgenommen und durch �Versprengteneinheiten« notdürf­
tig per onell verstärkt vgl. KTB LXXX.AK vom 10./11. 9., RH 24-80/68,
S. 47 ff. Die fast völlig z.er chlagene 48. lnf.Div. wurde am 11.9. dem LXXXII.
AK unterstellt und hinter der Mosel »aufgefri cht«. Außer der 48. Inf.Div. stan­
den z.u die em Zeitpunkt die 19. und 36. Gren. Div. und die Pz..Brigade 106 in
di em Ab chnitt zwi chen Trier und Sierck vgl. ebd. und Casper, 48. Inf. Div.
M -P- 166, . 17.
145 Gez. K.reb . O bkdo H. Gr. B I a r. 6980 vom 5. 9. RH 19 IX/5, . 496.
146 Cole Lorraine S. 158 f.

147 Ic-A bendmeldung vom 7. 9. H. Gr. B I c r. 3499I 44, RH 19 IX/26, Teil 2, S. 201 f.
14 Vgl. Cole torraine S. 159 und Tage meldung für den 8. 9. OB West Ia
r. 7827I 44 RH 19 I /55 . 256 ff. Die Pz.Brig. 106 verlor über 20 Panzer.
ie verfügte am 9. 9. noch über 9 einsatzbereite Kampfwagen 15 waren in der
In tandsetzung, vgL Tag meldung für den 9. 9., OB West Ia r. 7850/44 RH 19
IV/55 S. 288 ff. und RH 19 XII/8, . 224 vom 14. 9. Auch die 7. U -Pz.Div.
muß erhebliche Verlu te erlitten haben: nach - sicherlich übertriebenen deut-
eben Zählungen - vernichtete die Pz.Brig. 106 in der Zeit vom 6.-11. 9. allein
110 Panzer und 33 pähwagen vgl. lc-Tagesmeldung für den 12. 9. OB West
Ic r. 621l/44 RH 19 IV/137, . 102f.
149 Ferng pr. Kreb -Zimmermann vom 7. 9. 13.50h RH 19 IX/89 . 104.
ISO KTB H. Gr. B vom 7. 9. 23.45 h ebd. . 109f.
I. Vom Höhepunkt der Kri e bi zu den er ten Anzeichen 269

hier den Flußübergang zu erzwingen, da weitere deutsche Panzer töße be­


fürchtet wurden 151• Die Angriffstätigkeit am ordflügel der 3. US-Army
be chriinkte sich statt dessen zunächst auf ein einwöchige Artillerieduell
mit den Festungsgeschützen von Metz152•
uch im Moselabschnitt bis hinab nach ancy verliefen die ersten Tage
der US-Offensive erfolglos: der frontale, durch Panzer unter tützte Angriff
der 5. OS-Infanteriedivision auf die deutschen Stellungen bei Metz schlug
nicht durch. Auf den Schlachtfeldern von 1870 im westlichen Vorfeld der
tadt (St. Privat, Amanvillers, Gravelotte) konnte die Ersatzheer-Division
r. 462 den US-Vormarsch stoppen. Auch hier traten auf beiden Seiten
erhebliche Verluste ein, die Amerikaner verloren allein 35 Panzer153• Die
hervorragende Kampfmoral der verbissen fechtenden, vornehmlich aus
Offizier-154 und Unteroffizier-Schülern bestehenden Regimenter der deut-
chen Divi ion verblüffte den Gegner offensichtlich: nach einer Reuter­
Meldung bestätigten die Amerikaner dem »Kadettenkorps«, >>SO gekämpft
[zu] habe[n], wie sie es sonst nur von den jungen 55-Verbänden kennen
[würden]. Es wären kaum Gefangene gemacht worden, und die wenigen
hätten um sich geschlagen und gebissen155.«
Da jedoch konnte für das Heerespersonalamt in Anbetracht der Tatsa­
che, daß hier Offizier- und Unteroffiziernachwuch geschlossen in Feuer
ge chickt wurde, nur ein schwacher Trost sein.
Für den Kommandierenden General des Xlll. SS-Armeekorps, Gen. Lt. der
Waffen-55 Priess, der am 7. September Sinnhubers Stab abgelöst hatte1>6
\var es zunächst wichtig, daß der >>Brückenkopf Metz« hielt.
Herding gelang e den Amerikanern einige Kilometer weiter südlich,
bei Dornot am 8. September mittags die Mosel zu überqueren. Der klei­
ne Brückenkopf des Gegner wurde jedoch sofort von Einheiten der 17. SS­
und 3. Panzergrenadierdivision so heftig attackiert157, daß der Komman­
deur der 5. US-Infanteriedivision, General Irwin, die Hoffnung aufgab,
ihn halten zu können15 Sein Verband hatte bereits in den ersten Tagen

der Offensive rund 1000 Soldaten verloren 159•

l)t
Cole, Lorraine . 158.
152
Ebd. . 157.
153
Krau e, Metz, M B 042 S. lOf.
- - ,

as4 D
ie Lehrgangsteilnehmer der Fahnenjunker chule VI waren ·wenige Tage zuvor
zu Leuenanten befördert worden. ie wurden al Offizier-Kompanien in der Front
eing etzt Tätigkeitsbericht Heerespersonalamt vom 9. und 18. 9., S. 246 und 260.
tss
ach: Tätigkeitsbericht Heere per onalamt vom 9. 9., . 246.
t S6 D
as XIII. SS-AK übernahm den Ab chnitt Thionville-Arry ur Mo elle ( üdl.
von Metz). Das LXXX11. AK wurde im nördlich anschließenden Frontbereich
eingesetzt vgl. Tagesmeldung für den 8. 9. OB We t I a r. 7827/44 RH 19
IV/55 . 256 H.
IS7
Ebd.
1� Cole, Lorraine, . 142.
lS9
Ebd., . 145f. und 154.
270 Teil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

Di r berei zum heitern verurteilte Einbruch in die Mo el tellung blieb


vorer t der einzige, teuer erkaufte » rfolg« der 3. U Army.
Denn auch die Angriffe de II. U -Korp waren zurückge chlagen wor­
den. inheiten der 3. Panzergrenadierdivision Gen. Maj. Hecker ließen
den amerikani chen Ver uch, bei Pont-a-Mou on einen Brückenkopf zu
bilden blutig cheitern. 3 der 64 turmboote die ein Regiment der 80. US­
Infanteriedivision über etzen ollten wurden ver enkt. Der deut ehe Ge­
gen toß am 6. eptemb r vormittag »bereinigte« die Lage dann endgül­
tig. Di Amerikaner ließen 160 Tote und Verwundete am 0 tufer zurück,
die Verlu te der deut chen Panzergrenadiere blieben gering 160•
Daraufhin unterband der Kommandierende General de XII. U -Korps,
General Eddy vorerst weit r Über etzversuche. Eddy li ß tatt d en einen
kombinierten Angriff vorber iten bei dem eine drei Divi ionen zunächst
üdlich von ancy und unmittelbar danach dann nördlich der tadt Brücken­
köpfe bilden und die deut chen Abwehrkräfte auf plittern ollten. Der Be­
ginn die e Uneernehmen wurde auf den 11. eptember fe tgelegt161.
Die Armee Chevalleri hatte omit den er ten An turm der 3. US-Army
erfolgreich abgewehrt und wert volle Zeit gewonnen. Dennoch etzte Hit­
ler nunmehr einen im Zu an1menhang mit der geplanten Offen ivope­
ration gefaßten Ent chluß General v. d. Chevallerie abzulö en 162 in die
Tat um. Der willkommene Anlaß hierfür ergab ich au Intrigen die von
eiten der Gauleiter g teuert worden waren. o wurde Himmler bei piel -
wei e hinterbracht im Rücken der ront de AOK 1 würden » ich rd.
64000 [!] er prengte aufhalten«. bwohl der tab de OB We t keinen
Zweifel an der Unglaubwürdigkeit di er »Mitteilungen« an den Reichs­
führer ließ163 tellten ie doch \vohl den Hintergrund d Verdikt dar,
das im »Führerhauptquartier« über den Oberbefehl haber und den Stabs­
chef der 1. Armee fiel: »Chevallerie und eyerabend taugen nicht 164.«
Die ehlinformationen waren höch twahr cheinlich vom »Reichsvertei­
digung kommi ar« imon lan�iert worden der ich auf die e Wei e zu
revanchieren trachtete: Chevallerie hatte Anfang eptember dem OKW
die unrühmliche Flucht die e Gauleiter au Luxemburg zur Kenntni
gebracht. In der acht zum 10. eptember traf der neue Oberbefehlsha­
ber General v. Knobel dorff in chra ig bei chuttrange ( o twärt von
Luxemburg) auf dem Gefecht tand d AOK 1 ein165•
Rund tedt war ich der empörenden Hintergründe de Per onalwech el
zwar nicht bewußt erhob ab r ofort Prot t beim OKW. Er »verbat« ich

160
Tag mcldung für den 6. 9., B We t Ia r. 7756/44 RH 19 IV/55, . 178ff.
owie Cole Lorraine, . 65 und: piwoks XIII. -AK, . 51 f.
161
Cole Lorraine . 69 f.
161 Tätigkeit bericht Heere pcr onalamt vom 5. 9. . 242.
163 Gez. tphal, B t Ia r. 7296/44 vom 10.9. RH 19 IV/55, . 331.
164 R 4/v. 34 . 59 f., und Warlimont, Kommentare, M P-215, IV, Teil2, . 348f.
16S Gen. aj. Feyerabend wurde durch bcrst Mantey er etzt.
I. Vom Höhepunkt der Kri e bi zu den er ten Anzeichen 271

für die Zukunft derartige Eingriffe ohne ein Einver tändni , zumal er an
der bi herigen ührung arbeit des AOK 1 nicht auszu etzen wußte166•
bwohl General v. Knobel dorff persönlich nicht zu verantworten hatte,
begann damit eine Kommandoführung unter einem ungünstigen tern.
Da galt auch für da Ge chehen an der Front, allerding nicht für den
ordab chnitt der Mo ellinie. Hier blieb die Lage weiterhin stabil. Die
ngriffe auf die deutSchen Stellungen vor Metz ebbten nach erneut chwe­
ren erlu ten de Gegner ab und ,.vurden chließlich (14. September) vor­
übergehend eingestellt 167•
Wenige Kilometer üdlich von Metz gelang der 5. US-Infanteriedivi ion
am 10. eptember zwar bei Arnaville Truppen über den Fluß zu bringen
doch bedeutete die au deut eher Sicht in ofern noch keine Ver chärfung
der ituation, al die Amerikaner nahezu gleichzeitig (10./11. September)
ihren Brückenkopf Dornot aufgeben mußten 168• In der Morgenmeldung
de OB West vom 11. eptember hieß e , an der Front der 1. Armee fän­
den nur »Kämpfe [von] örtlicher Bedeutung« statt169• Auf Drängen de
OKW lö te General v. Knobel dorff daraufhin den Stab de XXXXVII.
Panzerkorp au einem Befehlsbereich herau und etzte ihn nach üden
zur 5. Panzerarmee in arsch170• In dem Frontab chnitt den das Xlll. S-
rmeekorp nun zu ätzlieh übernehmen mußte begann sich die Lage am
bend die e Tage (11. eptember) zuzu pitzen: am achmittag war ein
amerikani eher »Über tzver uch üdlich [von] ancy« noch abge chla­
gen worden. Ober t Löhrs 553. Grenadierdivision konnte hierbei 250 Sol­
daten der 35. U Infanteriedivision gefangennehmen 171• Dann aber er­
-

reichte da XII. US-Korp da er te Ziel, das General Eddy gesteckt hatte:


Die 35. US-Inf. Div. ver tärkt durch ein »Combat Command« der 4. U -
Pz. Div. bildete bei Bayon ( üdlich von ancy) einen 5-7 Kilometer weiten
Brückenkopf'72• Am nächsten Tag gelang auch der Angriff de linken
»Zangenarm « des XII. Korps: Die Amerikaner etzten bei Dieulouard
nördlich von ancy über die Mo el (Karte 21).
Die ituation hatte ich für Knobel dorff innerhalb kürze ter Zeit erheb­
lich verschlechtert: die 3. US-Army verfügte am 12. eptember bereit über
drei ich kon olidierende Brückenköpfe. Unter dem Schutz kün tlichen
ebel konnten die Amerikaner bei Arnaville eine Krieg brücke errich­
ten und Panzer über den Fluß etzen173•

t66 Zimmermann OB We t M .:Y.121 B V I . 2043.


167
CoJe Lorraine . 156f.
I Ebd., . 145.
169
OB We t Ia r. 7917/44 vom 11.9., RH 19 IV/56, . 6ff.
17
0 Mittagmeldungvom 11.9., OB� t Ia r. 7931/44, ebd. . 17ff.
17' Tag meldung für den 11.9., OB West I a r. 7940/44 ebd. . 27 ff.
112 Ebd. und Cole Lorraine . 75 und 89.
17l
Cole Lorraine . 142 und piwok XIII. -AK Bericht 3. Pz. Gren.Div.,
. 54.
272 Teil C: Die nt,vicklung vom Höhepunkt der Kri e

� o =====j
......
.
o 0 ====�405sSDali
2o._....3c �km
I. Vom Höhepunkt der Kri e bis zu den er ten Anzeichen 273

fJllrotJ.

Karte 21
274 Teil C: 0je Entwicklung vom Höhepunkt der Krise

Der deut ehe achtangriff gegen den Brückenkopf DieuJouard (12./13. Sep­
tember), der auf beiden Seiten zu chweren Verlusten führte, blieb kurz
vor dem Ziel, der Übergang telle Le Mont, stecken und mußte dann wegen
fehlender Stoßreserven abgebrochen werden174•
Die 15. Panzergrenadierdivision, die gegen die US-Verbände südlich von
ancy vorgehen ollte, konnte wegen Betriebsstoffmangels nicht sofort
antreten175• Die Amerikaner setzten deshalb ihren Vormarsch aus dem
Brockenkopf Bayon »ungehindert« fort und stießen bis in den Raum Ger­
beviller , zehn Kilometer südlich von Luneville vor176•
Da das XV. US-Korps eit dem 11. September mit seinen zwei Divisionen
{79. US-Inf., 2. Franz. Pz.Div.) auch in die Kämpfe am rechten Flügel der
3. US-Army eingriff geriet die deut ehe Mo elstellung nun mehr und mehr
unter Druck.
Abgesehen von der gleichzeitig immer bedrohlicher werdenden Lage der
19. Armee im rontbogen vor Dijon sah von Rundstedt schon deshalb
die Chancen für die geplante Offen ive der 5. Panzerarmee schwinden1n.
Die Deut chen hatten es aber immerhin verhindert, daß die 3. US-Army
ihre »weitgesteckten Angriffsziele« erreichen konnte178•
Obwohl die Kämpfe an der Mosel insge amt gesehen eher auf eine Ent­
wicklung in Richtung »Stellungskrieg« hindeuteten, blieb Patton optimi-
ti eh. Er nahm an der Gegner verfüge weder über eine »tiefe Verteidi­
gung« noch über die nötigen Re erven, um einen nachhaltigen Abwehr­
kampf zu führen.
De halb, o äußerte Patton am 12. September gegenüber Bradley, sehe er
den Weg zum Rhein frei, sobald der in den nächsten Tagen zu erwartende
endgültige Durchbruch gelungen ei179•

174 Tage meldung für den 13. 9., OB We t Ia r. 8081/44, RH 19 IV/56 . 91ff.
17S Tagesmeldung für den 12. 9. OB West Ia r. 8035/44, ebd. S. 67 ff.
176 Tagesmeldung für den 13. 9., OB We t la r. 8081/44 ebd. . 91 ff.
177 Gez. Rund tedt OB West Ia r. 821/44 vom 13.9. cbd., S. 81 f.
'7 Ic.:rätig keitsbericht für die Zeit vom 1. 9.-30. 9. 1944, Obkdo H. Gr. G Ic
r. 636/44, . 2 RH 19 XII/31.
179 Cole Lorraine . 213.
Il. Die Lagebeurteilungen der Führungsstäbe und das Scheitern
des Konzepts einer deutschen »Gegenoffensive aus der Be­
wegung«

1. Lagebeurteilungen und Entscheidungen gegen Ende der ersten


Septemberdekade

a) Die Alliierten und die »Endphase« des Kampfes gegen das Deutsche Reich
In seinem Lagebericht für die Combined Chiefs of Staff vom 9. September
betonte Eisenhower unter anderem, der gegnerische W iderstand, den man
in den »vergangenen Wochen« als dem Kollaps nahe beurteilt hatte, habe
sich mit der Verlagerung des Kampfgeschehens in die Nähe der Reichs­
grenze >)etwas versteift«. Darüber hinaus sah er jetzt die Gefahr, daß die
Entwicklung der eigenen Operationen durch die Sperrung der noch in
deutschen Händen befindlichen Scheidemündung erheblich beeinträch­
tigt werden würde180• Damit schien sich eine Neueinschätzung der Situa­
tion im alliierten Hauptquartier abzuzeichnen. V ieles deutete darauf hin,
daß Eisenhower der »Broad-Front«-Strategie nun das bislang fehlende logi-
ti ehe Fundament geben wollte.
Anders als Pogue meint, begann mit dem Hinweis auf die Bedeutung
Antwerpens aber noch keine ))neue Phase in der alliierten Operationspla­
nung«181. Es blieb de facto vorerst bei der verbalen Referenz gegenüber
der wichtigen Rolle der Scheldemündung. Im Vordergrund der wenig später
erteilten Direktive Eisenhower (13. September) tand vielmehr als neues
Element das von Montgomery vorgeschlagene Luftlandeunternehmen
MARKET-GARDE . Im Rahmen dieser Operation sollte zunächst die
1. Allied Airborne Army (US-Gen. Lt. L. H. Brereton) mit dreieinhalb Luft­
landedivisionen (82. 101. US-, 1. Brit. LL.-Div., 1. Poln. LL.-Brig.182) die
Brücken über Maas, Waal, Neder Rijn und einige Kanäle im Raum Grave-
ijmegen-Arnheim einnehmen (Operation MARKET). Der 2. Brit. Ar­
mee wurde das Ziel gesteckt, unterdessen über den Maas-Schelde-Kanal
anzugreifen und dann über die von den Fallschirmjägern eroberten Briicken
hinau bis zum Ijsselmeer (Zwolle) vorzustoßen (Operation GARDEN).
Die Vorteile, die dieses Unternehmen bringen konnte, waren offensicht­
lich: einer eits wären hierdurch die gesamten deutschen Kräfte in We t­
holland abgeschnitten worden, anderer eit würde der Westwall au flan­
kiert und eine gün tige Position für den Stoß in die norddeutsche Tief­
ebene erreicht werden183• Auch die Tat ache, daß man die britische Be-

1 0 »T he ho tile occupation [...] at the mouth of the cheldt [.. ] will vitally in­
.

fluence the full development of our strategy [...]« Paper of Ei enhower, IV


. 2124 ff.
181
Pogue upreme Command, . 256.
1 2
päter ollte noch die 52. Brit.Div. (Airportable) eingeflogen werden.
1 3 MacDonald iegfried Line, . 119 ff.
276 Teil C: Die Entwicklung vom Höhepunkt der Kri e

völkerung v�on der Bedrohung durch die »V 2« die eit dem 8. September
einge etzt wurde, befreien \VOllte pielte beim Ent chluß zur Operation
MARKET-GARDE eine Rolle18 ... Ei enhower war ich bewußt, daß die-
arhaben da am 17. eptember beginnen ollte, zu einer zeitlichen
Verzögerung der Öffnung der cheldemündung führen konnte1 5•

Mitent cheid nd dafür, daß eine am 9. September formulierte Erkennt­


ni wied r nur nebengeordnete Bedeutung in der Befehlsgebung erlangte,
war wohl die vorübergehende Be erung der ach chubsituation: weder
die 1. no h die 3. US-Army litten zu Beginn der zweiten Septemberdekade
unter akuten Versorgung mängeln. Hodges und Patton äußerten am 12. Sep­
tember gegenüber Bradley, der Treib toffvorrar ihrer Armeen genüge für
einen Vor toß bi an den Rhein und selbst die Artilleriemunition noch
für vier bi fünf Kampftage1 6• Zweifello erhielten die Frontbefehlshaber
nicht den vollen Umfang der von ihnen - wohl oft auch überhöht -
angeforderten achschubtonnage. Aber das war ja angesichts der nach wie
vor nicht b eitigten und, wie Ei enhower jetzt zu erkennen begann, »ohne
Antwerpen« nicht zu be eitigenden Ur ache der Logi tikprobleme auch
kaum möglich. Infolge des »unplanmäßig« raschen Vormar ches1 7 und
den immer länger werdenden Transportwegen, hatte ein »reguläres« Ver-
orgung - und Depot y tem nicht aufgebaut werden können. Aber die
machtvollen lmprovi ationen, derer ich die alliierte Kampfführung zu be­
dienen vermochte, hätte es der »Central Group of Armies« (12. Heeres­
gruppe) ermöglicht, mit einer ihrer beiden US-Armeen eine Großoffensive
zu führen 1 • Vorau etzung hierfür aber war, daß die andere Armee in
di er Zeit einen defensiven Part übernahm.
Auch die damalige Ver orgung lage der » orthern Group of Armies«
(21. Heere gruppe) rechtfertigte kaum das spätere Urteil Ruppenthals, die
Allierten hätten ich in einer »fa t verzweifelten achschubsituation« be­
funden1 9• Von einer chwierigen Situation war überhaupt nur vor dem
Hintergrund der »Broad-Front«-Strategie zu prechen. Der nach wie vor
gegen die e Strategie opponierende Montgomery gab dieser Problematik
treffend Au druck:

1 4 Allerding pielte di e Tat ache ander al Wilmot vermutet (Kampf . 519.),


wohl keine entscheidende Rolle. Ei enhower chrieb dem Oberbefehlshaber des
briti chen Anti-Aircraft Command GeneraJ ir Frederick Pile, am 14.9. er hof­
fe, bald das Gebiet eingenommen zu haben von dem au die es »late t example
of Hun terrori m« ,. poradically4( gestartet würde, Papers of Ei enhower, IV,
. 2142 f.
1 � chreiben Ei enhower an Marshall vom 14.9., ebd. 1 . 2143 ff.
I 6 Cole, Lorraine . 212 f.
' 7 Die Alliierten hatten am 12.9. 1944 (D + 97) eine Linie erreicht die nach dem

,.po t- VERL RD«-Plan er t im Mai 1945 (D + 330) erreicht ein ollte vgl.
Pogue, upremc Command . 257.
1 Ruppenthal Logi ti . 327.
I 9 Ebd. . 321.
I. Vom Höhepunkt der Kri e bi zu den er ten Anzeichen 277

.It i ba ically a matter of rail and road and air transport and uni thi is concen­
trated to give impetu to the selected thrust then no one is going to get very far190«.

Montgomery glaubte den Oberbefehlshaber der Invasion treitkräfte über­


zeugt zu haben, al er am 12. September den briti chen Chief of Staff
meldete, Ei enhower hätte nachgegeben die Offensive in Richtung Saar
werde eingestellt. Hodges' 1. US-Army, o hoffte der Feldmar chall, erhalte
nun den ge amten achsehub der US-Heeresgruppe. Doch seine hierauf
gemünzte Feststellung »SO we have gained a great victory«191 erwies sich
al verfrüht.
Die zwei eng be chriebene Seiten [!] umfas ende Direktive Eisenhower
vom 13. September entsprach allenfalls pa agenweise den Intentionen
ontgomery : das »Timing« der alliierten Operationen sei, so Eisenhower,
nun von größter Bedeutung, da man nicht über genügend Ressourcen ver­
füge, um mehrere Ziele simultan zu verfolgen192•
Ei enhower beabsichtigte an cheinend, wenigstens vorübergehend noch ein­
mal einen eindeutigen Schwerpunkt auf dem ordflügel zu bilden. ach
einem >)maneuver plan(< sollte die orthern Group of Armies mit Hilfe
der Luftlandearmee einen Brückenkopf über den Rhein ( eder Rijn) gewin­
nen und von orden her den Stoß ins Ruhrgebiet vorbereiten. In ihrer
rechten Flanke würde Montgomerys Heeresgruppe durch die 1. US-Army
gedeckt werden. Hodge fiel die Aufgabe zu den Rhein im Raum Köln­
Sonn zu überqueren und dann von Süden kommend in Richtung Ruhr­
revier vorzugehen.
»While this is going on« so hielt Eisenhowers »general plan« fest, hatte
ontgomerys Heer gruppegleichzeitig die Zugänge nach Antwerpen oder
Rotterdam tlnd außerdem zu ätzliehe Kanalhäfen freizukämpfen. Da Mont­
gomery bisherige Befehlsgebung und die Dislozierung seiner Kräfte gezeigt
hatte und weiterhin noch zeigen ollte, daß auch er keine größeren Pro­
bleme darin ah die er wähnten Häfen »nebenbei« einzunehmen193 waren
e nicht die e )>Zu atzaufträge« die dem Briten klarmachten daß sein Vor-
toß gegen die )>Broad-Front«-Doktrin19.. abermals gescheitert war. Dies
ging vielmehr darau hervor, daß Eisenhower keineswegs die Ab icht hegte,

1
90 chreiben Montgomery an Ei enhower vom 11. 9., Ellis ictory, 11 . 22.
191
Zit. ebd. S. 23 f.
t9l
Auch das folgende ist wenn nicht ander vermerkt entnommen au der Direk­
tive Ei enho\·vers FWD 14764 vom 13. eptember, Paper of Eisenhower IV
. 2136ff.
9
1 3 Da untermauert ein Schreiben Montgomery an den Oberbefehlshaber der
l. Kanadi chen Armee General Crerar vom 13.9. 1944. Hiernach ollre Crerar
Boulogne Dünkirchen und Calais angreifen owie die cheldemündung frei­
kämpfen. Letztere Operation o Montgomery ei ,. probably the mo t impor­
tant«. Dennoch ollten die Häfen imultaneou ly« attackiert werden. Zit. nach
»

Moulton Antwerp . 67.


194
ach Ansicht de Verfasser handelte e ich zu die em Zeitpunkt {13. 9.) eher
um eine tarre Doktrin al um eine trategie.
27 Teil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

die Offen ive Patton abzubrechen. achdem der Oberbefehl haber der
Invasion tr itkräfte in einem »maneuver plan« zunäch t be timmt hatte,
daß die 3. U --Army olange auf eine Defen ivrolle (»holding and threaten­
ing action«) be chränkt bleiben ollte, bi der linke Flügel eine Ziele
erreicht hätte, machte er dann in den folgenden Einzelbestimmungen die
�Au nahmen« von die er Regelung deutlich.
r t wenn Patton Armee Mo elbrückenköpfe erkämpft hatte, die groß
genug waren um für die Deut chen eine » tändige Bedrohung« zu bilden,
ollte der logi ti ehe chwerpunkt zur 1. US-Army verlegt werden.
Ei enhower mußte aber doch nach seinen bi herigen Erfahrungen mit Pat­
ron einkalkulieren daß der von unbändigem Vorwärt drang getriebene
herbefehl haber der 3. U -Army sich die e »Zuge tändni e« zunutze
machen würde. Ei enhower Wei ung zeigte ogar einen Weg auf, in wel­
cher Art und Wei e die g chehen könne:
·After the attainment of the Mo elle bridgehead above directed, operation on
our left will until the Rhine bridgehead are won take priority in all forms of
logi tical upport except for [ . .} adequate measures and continuous reconnaissance
by forces on che right. «

Patton gab päTJer zu, tet nach olchen »Loopholes« in Ei enhowers Befeh­
len g uchr zu haben 195•
Letztendlich bestand Ei enhowers Reaktion auf die Tatsache daß der eigene
Vormarsch langsamer und der deu ehe W iderstand zumind t an einzelnen
Frontab chnitten wieder fühlbarer ge\.vorden war darin die Operation
MARKET-GARDE durchzuführen. ie war das eigentlich neue Element
einer Wei ung vom 13. eptember. An on ten jedoch blieb e bei der
»Broad- ront«-Doktrin, die in der Kommando truktur nun dadurch ihre
Ergänzung fand daß die DRAGOO - treitkräfte - zu ammengefaßt in
General Dever ' » outhern Group of Armie « (6. Heere gruppe mit der
1. Franz. und 7. U -Armee) - unter Ei enhowers Befehl traten. Die er
» traregic« fehlte jedoch nach wie vor das logisti ehe Fundament. Die Öff­
nung der eezugänge zum Antwerpener Hafen hatte wohl im Bewußt-
ein Ei enhower - nicht aber in einer Befehlsgebung - hohe Bedeu­
tung ge\.vonnen.
Dem Oberbefehlshaber der Invasion treitkräfte waren zweifello Fakto­
ren bekannt, die eigentlich gegen MARKET-GARDE sprechen mußten:
er erwartete das Ein erzen der Schlechtwetterpha e »späte ten am
20. eptember«. Die e aber würde nach einen Worten alle Luftoperatio­
nen ern dich behindern ie » pa modic« werden la en 196•
Das auf eine Dauer von sieben bis zehn Tagen au gelegte Unternehmen
ARKET-GARDE ollte aber erst am 17. eptember beginnen!

19> Elli ictory 11, . 352.


196
i enhower Memorandum für Chief of taff HAE General \J alter Bedell
mith vom 23. 6. 1944 i cnhower Paper , III, . 1946 f.
II. Die Lagebeurteilungen der Führungsstäbe 279

Ei enhower nahm eine Verzögerung der Öffnung Antwerpens in Kauf,


obwohl seinen Ausführungen zufolge schon ein einwöchiger Herbststurm
an der Kanalkü te ausreichte, um den immer noch größtenteils über die
normannischen Strände laufenden achschubumschlag so herabzumin­
dern daß die alliierte Kampfführung »paralysiert« würde197•
u chlaggebend für Eisenhower Entscheidung vom 13. September war
die im alliierten Lager weiterhin dominierende, aber zunehmend in Rich­
tung eines »wishful thinking« tendierende19 optimistische Lagebeurtei­
lung. Als charakteristisch hierfür kann die Überzeugung des G 2 der
1. British Airborne Division gelten: der Gegner mußte nach dem langen,
überstürzten und verlustreichen Rückzug einfach noch »disorganized« ein
härterer W ider tand chien deshalb ausgeschlossen199•
Unter solchen »Vorau etzungen« war Eisenhowers Entschluß, die letzte
>>größere Schlacht« {»one major battle«) zu wagen an und über den Rhein
vorzu toßen und dann erst hier umzugruppieren und das achschubsy-
tem zu konsolidieren200, gewissermaßen folgerichtig. Der Chief of Staff
of the US-Army General Mar hall, teilte am 13. September einen »Senior
Commander « mit, bi zum ovember 1944 sei die Beendigung des Krie­
ges in Europa zu erwarten201• Vor diesem Hintergrund begann die zwei­
te Quebec-Konferenz (OCTAGO , 11.-16. September 1944) der Westal­
liierten.
uch die Sowjet chienen davon überzeugt, daß ihre Partner in der »Anti­
Hider-Koalition« kurz vor dem endgültigen Erfolg standen: nachdem sie
ich zuvor lange geweigert hatten, einem Zonenaufteilungs-Protokoll zuzu­
timmen, bevor Amerikaner und Briten entSchieden hatten, wem die nörd­
liche der beiden Westzonen zufallen sollte, verzichteten sie nun auf diese
Vorbedingung.
Offen ichdich aufgrund der Kriegslage erhielt der sowjetische Vertreter in
der »European Advisory Commi ion«, Gusew, am 12. September die Wei-
ung einer Regierung, das erwähnte Protokoll zu unterzeichnen. Es ließ die
Zuordnung der Westzonen zwar noch offen, »sicherte« den SowjetS aber die
im Januar 1944 von den Briten vorge chlagene Demarkationslinie202•
Da der Krieg gegen das Reich sich dem Ende zu nähern schien, befaßte
man ich in Quebec in erster Linie mit der weiteren Kampfführung gegen
}apan203• Im Rahmen der »European Affairs« aber paraphierten Roo evelt
und Churchill am 15. eptember einen Entwurf des US-Finanzminister ,

197 Ei enhower Direktive vom 13. 9., ebd. IV . 2136 ff.


8
19 Elli Victory, II . 71.
199 MacDonald, iegfried Line 121. .

200 chreiben Ei enhower an Mar hall vom 14. 9., Paper of Ei enhower, IV,
. 2143ff.
20 I
bd., . 2117.
202 C par, Krieg lage . 178.
203 Matloff Planning, . 508 ff.
2 0 Teil : Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

den og nannten �Morgenthau-Plan«2a.. der vor ah Deut chland einen


»karthagi chen Frieden« aufzuerlegen205.
Da Bekanntwerden di er Ab icht erleichterte zweifello Goebbels' Be­
mühungen die zu or durch iederge chlagenheit und Fatalismus gekenn­
zeichnete timmung Iage der deutschen Bevölkerung206 in einem Sinne
zu manipuli ren. Die Hoffnungen ))bürgerlicher Kreise« eine »Beset­
zung[ ... ] durch die Angloamerikaner« bedeute keine weg , »daß Deutsch­
land zugrundegerichtet [ ...] würde«207, erfuhren einen schweren Schlag.
Goebbel agte pät r über den Morgenthau-Plan einer »Veröffentli­
chung brauchten wir kein einzige Wort hinzuzufügen, um den W ider-
rand willen un ere Volke zu höch ter Glut zu entfachen«20 • Daß dies
bei der tet engen Wech elwirkung zwi chen der Stimmung in der Hei­
mat und an der Front209 nicht ohne Au wirkung auf Kampfmoral und
Opferbereit chaft der Soldaten blieb daß die Befehle zur »Fanati ierung
de Abwehrkampfe « damit qua i fruchtbareren ährboden erhielten,
i t nachvollziehbar. Morgenthau Plan wurde aber er t Ende September
in Deut chland bekannt210• Zu die em Zeitpunkt allerdings hatte sich
die rontlinie im We ten ohnehin chon gefe tigt und der Stellung krieg
begonnen.

b) Der Beginn deutscher Offensi'V'Uorbereitungen


Etwa zur gleichen Zeit als Ei enhower mit einen Oberbefehlshabern über
die zukünftigen Operationen di kurierte, fiel auch im »Führerhauptquar­
tier« eine für da weitere Ge chehen wichtige Ent cheidung. Der »Ansatz­
punkt« war auf beiden eiten gewi ermaßen der gleiche: der alliierte Vor­
mareh hatte an chwungkraft verloren und zumindest in den letzten Tagen
keine bedeutenden Erfolge mehr erzielt.
Hider Offen ivplan war nach dem Verlu t Antwerpen zunächst in den
Hintergrund getreten: noch unter dem Eindruck dieses »operativen Ereig­
ni e er ten Range «211 hatte der »Führer« Jodl darin zugestimmt, daß
»ein ent eheidender eigener Großangriff im We ten nicht vor dem 1. o-

20-4 Die er Plan ah u. a. die weitgehende Entindu triali ierung Deutschland vor,
da zu einem Agrar taat umgewandelt werden ollte. Kurz bevor Roo evelt sei­
ne Paraphe unter die en Plan etzte haue er den Briten die indu trieil geprägte
ordwe tzone überla en Madoff, Planning . 511, Anm. 11.
20s Alfred Gro er Ge chichte Deut chland nach 1945 München 31975 S. 45f.

lCO Quellen hierzu (für den 28. 8. und 18. 9. 1944) bei teinert Hitler Krieg,
. 495 ff.
207 � öchend. T ätigkeit bericht der Propagandaämter vom 18. 9. 1944 ebd. . 499f.
20 . Goebbcl zu W ilfried v. ven ( einem per önlichen Pre ereferenten) am
3. 12. 1944, ven Goebbel . 1 3 f.
:!09 teinert, Hitlers Krieg, . 546.
210 \Xfilmot Kampf . 5 5.
211 Warlimont, Hauptquartier . 506 und chramm, Andennenoffen ive M -A·
62 . 21 f.
I Die Lagebeurteilungen der Führung täbe
I . 281

ember möglich ein werde«212• Doch eine Befürchtung, die Alliierten


könnten mit einer chwerpunktoperation am ordflügel innerhalb kür­
ze ter Fri t eine ge amte Fe tungskonzeption zum cheitern bringen und
den Grund tein zur Kon olidierung ihre logi ti chen y tem legen, be­
wahrheitete ich nicht. Da die cheldemündung wider Erwarten weiter
in deut eher Hand geblieben und Antwerpen o vorer t für den Gegner
unbrauchbar war gewann der Offen ivplan wieder an Aktualität.
Hider ah nun doch die Gelegenheit, früher als er t im ovember die
Initiative zu ergreifen213• Der Moment er chien insofern »gün tig« da der
Gegner weiterhin auf breiter Front agierte und die Hoffnung auf einen
nach chubtechni eh bedingten Stopp eine Vormar ehe nicht aufgege­
ben zu werden brauchte214•
Eine direkt au der Rückzug bewegung herau unternommene Offensive
ollte die »Operative Wendung« bringen215• Geplant war, vom Brücken­
kopf Dijon au nach ordwesten zwischen Marne und Argonnen über
Bar-le-Duc vorzu toßen und o die 3. US-Army in der »tiefen Südflanke
und im Rücken« zu fa en216•
Ungelö t blieb allerding da Problem, ob der weit nach We ten vor prin­
gende Frontbogen olange gehalten werden konnte bi die Panzerverbän­
de ver ammel( waren. Die Zeit drängte: am 7. eptember wurde dem OB
� est befohlen dafür zu orgen »daß die für die Angriff gruppe der Armee­
gruppe G vorge ehenen [ ... ] Verbände beschleunigt in der vollen Stärke
in dem befohlenen Raum aufmar chieren«217•
Rund tedt ging zunäch t darum wenig ten den organi atori chen Rah­
men hierfür zu chaffen. o kämpften noch drei Divi ionen und eine Pan­
zerbrigade (17. � 3. und 15. Pz. Gren. Div., Pz. Brig. 106), die an der Offen-
ive teilnehmen ollten unter dem Kommando der 1. Armee. Die e unter­
tand wiederum der Heere gruppe Models. Rundsrede änderte dieses Be­
fehl verhältni und unter teilte das AOK 1 nun der Armeegruppe G21 •

2t2
KTB OKW, I 1'1 . 367.
213
Dafür daß die Offen ive der 5. Panzerarmee die Hitler am 3.9. befohlen hat­
te nach dem Fall von Antwerpen vorübergehend au einem Blickfeld geraten
war pricht auch daß d Pz. AOK 5 zunäch t nicht nach üden, ondern nach
Koblcnz zur Auffri chung beordert wurde vgl. KTB Pz. AOK 5 vom 6.9.
RH21-5/52 .47· de weiteren ge tattere Hitler der 1. Armee mit zwei ur-
prünglich für jene Offen ive vorg ehenen erbänden (Pz. Brigade 106 15. Pz.
Gren. Div.) incn lokalen Gegenangriff im Raum üdwe dich von Luxemburg
zu führen vgl. KTB H.Gr. B vom 5. 9. RH19 X I /89 .77.
214 Jod] Ardennenoffen ive M -ETHI T 50 .5.
Hs
. chramm Ardennenoffen ive M -A-862 .57.
216 KTB A Gr. G vom 3. 9. RH19XII/5 .193 f. und B We t Ia r. 810/44
vom 11.9. RH19 I /'56 .20f.
211
Gez. Keitel, KW/WF t /Op. r. 773260 vom 7.9. zit. nach B � e t Ia
r. 01/44 RH19IV/55 .207f.
21
Gez. Rund tedt B We t Ia r. 7770/44 vom 7.9. ebd., . 211 f.
2 2 Teil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

Das er hien in ofern innvoller al Bla kowitz fortan elb t die Ent chei­
dung zufiel ob und wann die erwähnten erbände au der Mo elfront her­
au g lö t und nach üden geführt werden konnten. Der Bedeutung des ge­
planten neernehmen ent prechend ollte die Offensivarmee {5. Panzer­
armee) ihre ei ungen unmittelbar vom Stab de OB We t erhalten219•
och am Abend de 7. eptember erteilte Rund tedt den Aufmarsch­
befehP20. Unter Manteuffel Pz. AOK 5 ollten fünf Panzer- bzw. Panzer­
grenadierdivi ionen und ech Panzerbrigaden221 zu ammengefaßt werden.
Bi zum 12. eptember mußte die Bereit tellung di er Kräfte im Brücken­
kopf im w entlichen222 beendet ein.
Rund tedt ma hte das K jedoch nachdrücklich auf weitere »Vorbedin­
gungen für die ffen ive aufmerk am, nämlich die » ofonige Zuführung
von 10000 [!] cbm Betrieb toff« und außerdem die Ein chränkung der
alliierten Luftherr chaft durch den »Ein atz aller verfügbaren Luft treit­
kräfte [...] unter Entblößung der übrigen Fronten«223• Beide Forderungen
waren jedoch kaum erfüllbar. Ein derartiger Treib toffvorrar konnte in die-
er ri t nicht aufgebracht � erden224•
Auch hin ichdich de Problem ein »Luft chirm «für die Offensive sah
Rund tedt keine Lö u ng. ach Au kunft der Meteorologen war in der Zeit
vom 12. bi zum 20. eptember mit einer »Hochdruckwetterlage« d. h.
guten Iugbedingungen zu rechnen225. Ange icht der Schwäche der eige­
nen Luftwaffe mußte die vor allem den Alliierten zugute kommen. Wel­
che kata trophalen olgen da für eine deut ehe Panzeroffen ive haben
konnte, hatte ich bereit Anfang Augu t bei dem fehlgeschlagenen Gegen-
roß auf Avranch gezeigt226• Erschwerend kam hinzu, daß die Bereitstel­
lung der Angriff verbänd nur chleppend voranging: am Abend des
10. eptemher meldete der tab de OB We t nach Rastenburg daß bis­
her lediglich eine Panzerdivi ion {21.) und die er ten Transporte von drei
Panzerbrigaden (111 112 113) im vorge ehenen Raum eingetroffen eien.
Die Kampfhandlungen bei der 1. Armee hatten e nicht erlaubt, die Pan­
zergrenadierverbände au der ront zu ziehen227•

219 Gez. Rund tedt, B c t Ia r. 05/44 vom 7.9., RH 19IV/55 . 218ff.


!!C Gez. Rund tedt OB \) t Ia r. 06/44 vom 7. 9. ebd. . 225.
221 3., 15. Pz.. Gren. Div. 17. -Pz. Gren. Div. 11. 21. Pz.. Div. und die Panzerbri­
gaden 106 107 108, 111 112 113. Vgl. ebd. Die ursprünglich ebenfalls vorge-
ehene Pz.-Lehr-Div. ollte zunäch t aufgefri cht werden.
212 Die Pz.Brigaden 107 und 108 ollten ab dem 15. 9. na hgefühn werden, vgJ. ebd.
21) Gez. Rund tedt OB'\ e t Ia r. 05/44 vom 7.9. ebd . . 218ff.
22_. Zum Vergleich: ach Berechnungen d t von nde Oktober 1944 wur-
de der Treib toffbedarf für die Ardennenoffen ive mit 17000 cbm kalkuliert.
Um die e Menge bereit teilen zu können, glaubte man, 4 Wochen zu benöti­
gen. Vgl. KTB KW, IV/1, . 434f.
22� OB � t Ia r. 7276/44 vom 9.9., RH 19IV/55, . 298.
226 e Ent cheidung . 227 ff.
227 B '\ e t Ia r. 13/44 vom 10.9. , RH 19IV/55 . 316f.
Il. Die Lagebeurteilungen der Führung täbe 283

Hitler allerdings vermutete, daß dies vor allem auf Blaskowitz per önlich
zurückzuführen sei. Obwohl das ungleiche Kräfteverhältnis im Gebiet des
Brückenkopfes um Dijon allseits bekannt war, sah Hitler in Blaskowitz den
Haupt chuldigen dafür, daß dieser Aufmar chraum ständig »schrumpfte«.
ein Eindruck »die Heeresgruppe G[ ei ich] ihrer Aufgaben nicht voll be­
wußt[... ]«, wurde in er ter Linie durch ogenannte »Informationen« eines
Gauleiter gestützt228• Auch hier ließ der betreffende Reich verteidigung -
kommissar-229 die »Chance« nicht ungenutzt, die Militär zu diskreditieren.
Trotz allem hielt Hitler unverrückbar an einem Plan fe t. Er befahl Blas­
kowitz bei einen Verbänden »jeden Gedanken [an ein ... ] Ausweichen
auf die Vogesen oder Westwall mit drakoni chen Mitteln auszurotten«. Die
Heere gruppe G müsse den Raum halten, »den sie in der acht vom
10./11. 9. innehatte«23o.
Gegenüber dem Chef de Wehrmachtführungsstabes verlangte Hitler am
bend de 11. eptember die »5. Panzer-Armee[hat] unter allen Umstän­
den gegen den Rücken de Feinde [...] unter Au nutzung der günstigen
Gelegenheit« anzugreifen231•

2. Die Lage am üdflügel

a) Der Kampf um den Brückenkopf Dijon: die Beendigung des Rückmarsches


aus Südwestfrankreich 1�nd die Voraussetzungen für eine Gegenoffensive
Die Lage im »Briickenkopf Dijon« hatte sich in den vorangegangenen Tagen
zu ehends ver chärft. Die Ur ache dafür, daß der als Pivot für die Offensiv­
operation gedachte Raum tändig kleiner wurde, lag im überlegenen Druck
de Gegner , nicht aber in der Unfähigkeit der deutschen Generale. Gera­
de Blaskowitz hatte tändig darauf gedrängt den exponierten Frontbogen
möglichst lange zu verteidigen um weitere Mar chkolonnen aus Südwest­
frankreich »ein chleusen« zu können.
Die kri enhafte Zu pitzung nahm aber nicht wie Blaskowitz vermutet
hatte, an der ordflanke, ondern im Süden des Brückenkopfes232 ihren
Anfang. eit dem 4. eptember stand für das AOK 19 fe t, �daß der Feind
[... die] letzte Möglichkeit [ ... ] überholender Verfolgung vor Erreichen der
Burgundi chen Pforte« nutzen wollte233• Den »2. Druckpunkt« gegen die
üdflanke bildete der Angriff dc 11. Franzö ischen Korp {1. Franz. Inf.
und 1. Franz. Pz. Div.) entlang der aone. Die Franzo en konnten zwar

ll Gez. Jodl OK\Xf/\VF t Op. r. 773331 f. 11. 9. zit. nach OB� t I a r. 815/
44 RH 19 IV/56, . 22.
229 Vermutlich handelte e ich um den Gauleiter Wagner.
2lo Ebd.
231 RW 4/v. 34, . 59 f.
232 Verlauf: Charm (Mo el)- eufchateau-Chaumont-Chatillon sur cine­
Autun-Chalon ur aone-Dole (Doub )- chweizer Grenze.
23-' Tagebuch d Gen. Lt. Bot eh, RH 20-19/85 . 42.
2 4 Teil C: Die Entwicklung vom Höhepunkt der Kri e

am 5. eptember Chalon befreien wurden dann aber nachdem den deut-


chen erbänden ein >)großer Panzerabwehrerfolg« gelungen war234 vor­
er t aufgehalten. Bei den K ämpfen im Raum Chagny (15 Kilometer üd­
lich von Beaune) zer törten inheiten de IV. Luftwaffenfeldkorp (716.,
1 9. Inf. Div.) 14 von 25 angreifenden Panzerfahrzeugen235• Die Rückzugs­
� ege der von üdw ten in Richtung Brückenkopf marschierenden Kolon­
nen wurden obwohl ie zwi chen Moulin und Beaune nur durch das Kosa­
ken-Regim nt 360 d Ober tleutnant v. Rintelen ge ichert waren236,
nicht unmittelbar bedroht.
Der gegneri ehe Haupt toß erfolgte vielmehr im Raum zwi chen B an�on
und der chweiz in Richtung Belfort237• Die vier beteiligten alliierten Di­
vi ionen (3. 36. 45. US-Inf., 3. Algeri ehe Inf. Div.) griffen gewi ermaßen
an der» urzel« d deutschen Frontbogen an. D halb stellte dieser»Druck­
punkt« die entscheidende operative Gefahr für die gesamte 19. Armee dar.
Die deut hen Gegenmaßnahmen chienen zu pät zu kommen. Wohl traf
die 11. Panzerdivi ion die die quer zur gegnerischen Angriff ach e liegen­
den Montagn de Lomont zwi chen Doub und der chweiz perren sollte,
noch rechtzeitig ein um der algeri chen Divi ion den Zugriff auf Mont­
beliard und Belfort zu verwehren23 • Bei Be an�on aber tießen die Ame­
rikaner nur noch239 auf die chwache icherungsbesatzung des proviso­
ri eh gebildeten »Generalkommando Dehner<< (Flak Rgt. 18, Heere -
Pi. Btl. 669 chnelle Abt. 608240). We dich der Stadt konnten sie bi zum
achmittag d 6. eptember einen acht Kilometer tiefen Brockenkopf über
den Doub bilden241• Die zur tützung de Generalkommandos Dehner
vorge ehene Armeegruppenreserve242 die 159. lnfanteriedivision, vermoch­
te die Lage im Raum Be an�on nicht mehr zu tabilisieren. Der Verband,
der den Rückzug au dem üdv.r ten gerade er t beendet hatte verlor kurz
vor dem Ein atz am Doub einen Kommandeur Gen. Lt. Al bin ake,
durch einen Autounfall243• Ehe der vorübergehend zum Divisionsführer
ernannte ehemalige Oberfeldkommandant von Lyon, Gen. Lt. Otto Kohl,
ich mit der Lage vertraut gemacht und die Division ihre tellungen voll­
tändig bezogen hatte begann der U -Angriff2·H.

2H Ebd. für den 5. 9. . 47.


235 Tage meldung für den 6. 9. OB est l a r. 7756/44 RH19 IV/55 S. 178ff.
236 Täglich beck üdwe tfrankreich, M -A-886 . 7.
237 Tage meldung für den 4. 9. Obkdo AGr. G. I a r. 2453/44 RH19 XII/8
. 72 f.
lJ RH20-19/85 f. d. 6. 9. . 47.
13? achdem die 11. Pz. Div. nach ,. ten4< ver choben war.
.Ho AOK 19 Ia r. 9150/44 vom 5. 9. RH20-19/96 . 183.
241 RH20-19/ 5 (T agebuch Bot eh) für den 6. 9., . 50.
Hl Be pr. BI kowirz-� i e vom 1. 9. RH20-19/96 .9f.
l4J Gez. Dchner Ein atz de Gen.Kdo . Oehner vom 1.-10. 9. RH20-19/98
. 134ff.
lH RH20-19/ 5 für den 6. 9. . 50.
II. Die Lagebeurteilungen der Führung täbe 285

Hiergegen tanden nun keine R erven mehr zur Verfügung. Dennoch hatte
am Vortag Blaskowitz den Antrag Gen. Lt. Bot chs (Stab chef AOK 19) auf
Verkürzung d rontbogen mit der »Bitte« abgelehnt »das A K [ olle],
wenn irgend möglich, noch länger halten«, um auch die restlichen Marsch­
kolonnen noch »ein chleu en« zu können2 ..5• W ie in den vergangeneo
Wochen be chäftigte sich Bla kowitz allerding auch chon mit der Lage
im Rücken der Front.
ufgrund einer bi herigen Erfahrungen mit Himmler hegte er wenig Ver­
trauen in de en Kommandoführung im Bereich der Weststellung. Bla -
kowitz ließ de halb da Generalkommando LXXXV. Armeekorps au
der Front he.rau lö en und nach Belfort verlegen. General Kniess ollte
mit einem Stab hier Ver prengte ammeln Eingreifgruppen bilden246 o­
wie eine reibung lose und vor allem rechtzeitige Befehlsübernahme sicher-
tellen247.
Wegen de Einbruchs bei Be an�on drängte das AOK 19 aber nun auf eine
weiterreichende Entscheidungl48• Gen. Lt. Botsch chlug am 7. September
frühmorgen vor, die 198. und 338. Infanteriedivision in der folgenden
acht au ihren Stellungen am Doub beiderseits von Dole herauszuzie­
hen und nach 0 ten gegen den amerikanischen Einbruchsraum antreten
zu la en. Die Führung de Angriff ollte das Generalkommando de
IV. Luftwaffenfeldkorps übernehmen2 ..9• Die geplante Ostver chiebung
machte aber gleichzeitig, so Botsch, eine Rücknahme de LXIV. Armee­
korp im West- und Südwe tab chnitt250 des Frontbogen notwendig251•
Der Stabschef der Armeegr uppe, Gen. Maj. v. Gyldenfeldt, billigte aber
zunächst nur den Angriff plan252• Bla kowitz, der um 9 Uhr in Lure auf
dem Gefecht tand des AOK 19 eintraf erklärte, daß ein großzügig Ab et­
zen mit Rücksicht auf die » pätere Operation von Panzerkräften« ausge-
chlo en und der »Schulterpunkt Langres unter allen Umständen« zu hal­
ten ei253• Der Frontbogen dürfe deswegen im Westen und Südwe ten nur
bi zur Linie Chaumont-Langres-Dijon-Dole verkleinert werden25...

.
Hs
Ebd. für den 5. 9. . 45 f .
.!46 Ebd. . 46.
.!47 AOK 19 Ia r. 9150/44 vom 5. 9., RH20-19/96, . t83f. und KTB AGr. G
vom 8. 9., RH19 XII/5 . 222.
24" RH20-19/85 für den 7.9., . 50.
2-49 Seide Divi ionen hatten zuvor dem LXXXV. AK unter tanden, da ja mittler-

weile nach Belfort beordert war vgl. AOK 19 Ia r. 9173/44 vom 6. 9.


RH20-19/97 . 33.
250 General La eh ollte hier die beiden ehemal vom IV. Lwfeldkorp geführten

Infanteriedivi ionen {716., 189.) übernehmen.


51 KTB AGr. G vom 7.9. RH 19 XII/5 . 214f.
2
5
2 2 RH 20-19/ 5 für den 7. 9. . 50.
53 Ebd. . 51.
2
2�" KTB AGr. G vom 7. 9. RH19 XII/5 . 215 und Tage meldung für den 7. 9.
bkdo AGr. G Ia r. 2635/44, RH19 XII/ . 116.
286 1'eil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

Blaskowitz waren einer eit die Hände durch die Weisungen der ober ten
Führung gebunden, anderer it hoffte er die »T ür bei Dijon« noch eine
zeitlang offenhalten zu können. Das AOK 19 ah die e Ent cheidung als
nicht au reichend an. Man betonte, daß die rund 200 Kilometer lange Stel­
lung zwi chen Langres und der chweiz »mit den jetzigen Kräften«, d. h.
ech materiell und per onell ge chwächten Verbänden255, nicht lange zu
verteidigen ei. »Mit Durchbrüchen mü e daher überall gerechnet wer­
den256.« Da Kampfgeschehen der folgenden Tage bestätigte im wesentli­
chen die e Ein chätzung.
Der Angriff d IV. Luftwaffenfeldkorp chlug fehl noch am gleichen Tag
(8. eptember) fiel B an�on257. Die 159. Infanteriedivision verlor bei den
Kämpfen um die tadt zwei ihrer Regiment täbe und etwa 1200 Mann258.
Da cheitern die e Unternehmens zeigte, daß elbst örtlich begrenzte
Offen iv töße mit den erschöpften Infanterieverbänden nicht mehr geführt
werden konnten.
Die eit dem 15. Augu t eingetretenen materiellen Verlu te hatten ein un­
tragbar Maß angenommen. So waren beispielsweise 1316 von 1481 Artil­
leriege chützen bei den R ückzug kämpfen au Südfrankreich verloren ge­
gangen259.
Am Abend de 8. September beantragte Gen. Lt. Botsch, die 19. Armee
auf eine enge Brückenkopf tellung um Belfort zurückzunehmen260. Aus
den erwähnten Gründen konnte Bla kowitz diesem Antrag jedoch nicht
tattgeben. bwohl die Front der 19. Armee »zum Zerreißen gespannt«
war261 durften »Ab etzbewegungen [ ...] nicht auf mehrere Tage dispo­
niert [... ondern] nur >>vom Feinde gedrängt» durchgeführt werden«262.
Um die Kräfte an der operativ entscheidenden Südfront »verdichten« zu
können263 biUigte Blaskowitz aber den üdw tab chnitt d Frontbogens
nun relativ rasch zurückweichen zu la en.
ach dem all von Be an�on mußte auch die Doub Iinie aufgegeben wer­
den. Lediglich die 11. Panzerdivi ion konnte ihre Verteidigungsstellungen
auf dem Südufer d Flu e von L' I le- ur-le-Doub bi zur chweizer
Grenze bei Blamont26-4 behaupten.

2ss LXIV. AK mit 716. 189. lnf.Div.; IV. Lwfeldkorp mit 338. 198. lnf.Div.;
Gen.Kdo Dehner mit der 159. Inf.Div.; und die 11. Pz.Div.
256 KTB AGr. G vom 7. 9. RH 19 Xll/5 . 214.
257 Fernge pr. Wi e-Blaskowitz vom 8. 9., 18.27h RH 20-19/97, . 102.
lS Gez. Dehner. vom 12. 9. RH 20-19/9 . 155.
2S9 KTB AGr. G vom 15. 9. RH 19 XII/5, . 254.
160 Tage meldungfür den 8. 9., B W e t Ia r. 7827/44 RH 19 IV/55, . 256ff.
261 RH 20-19/ 5 für den 7. 9., . 52 f.
261
A K 19 Ia r. 9214/44 vom 8. 9. RH 20-19/97, . 129.
26l Gez. Blaskowitz Obkdo H. Gr. G I a r. 77I 44 vom 11.9. RH 19 XII/9
,

. 34 ff.
264 KTB AGr. G, Karte vom 14. 9. RH 19 XII/5 . 249.
li. Die Lagebeurteilungen der Führung täbe 287

Dank hervorragend arbeitender Insrand etzung dienste verfügte Wiecer -


heims Verband noch über 25 ein atzbereite Panzer, obwohl die >)normale«
Lebensdauer ihrer Motoren bereits um das Doppelte über chritten war65.
Das LXIV. Armeekorps räumte die Südwestecke des Frontvor prungs und
zog sich bi zum 10. September auf die Linie Langre -Gray-Fretigney
(25 km nördlich von Besan�on) zurück266. In Dijon, da somit nun vor

den eigenen Linien lag, wurden aber noch Einheiten der 716. Infanterie­
division belassen, die der letzten, etwa 10 000 Mann starken Marschgrup­
pe267 den Rückweg offen halten ollten268.
Da da Il. Französische Korps chon am Vortag Flankenstöße gegen die
traße Autun-Dijon geführt hatte, be tand jedoch kaum Au icht darauf,
daß auch diese Kolonne Tod oder Gefangen chaft noch zu entrinnen ver­
mochte. Jedenfalls war der Verkehr durch Dijon seit Mitternacht (9./10.
September) bereits spärlicher geworden269.
De halb ollten die Einheiten der 716. Infanteriedivision in der folgenden
acht An chluß an die eigenen Linien suchen270. Die Räumung Dijons
(10./11. September) erfolgte dann etwa zur gleichen Stunde, als eine Pa­
trouille der von Süden kommenden 1. Franzö i chen Panzerdivision bei
ombernon (20 km we dich von Dijon) auf eine Aufklärungsgruppe
der 2. Französi chen Panzerdivision traf und damit den »Link-Up« der
OVERLORD- und DRAGOO -Streitkräfte herstellte271• Die Hauptsorge
der deutschen Führung täbe aber galt dem Südabschnitt des Frontbogens.
Gen. Lt. Bot eh vermerkte in einem Tagebuch, im Bereich des I V. Luft­
waffenfeldkorp 272 sei mit der Aufspaltung der Front zu rechnen, »wenn
der Gegner auch nur einigermaßen scharf angreife«273• Der Oberbefehls­
haber der 19. Armee, Gen. Wi e, hatte befürchtet daß den Alliierten noch
am 9. eptember der Durchbruch nach Belfort gelingen werde274.
Wider Erwarten kam e aber hierzu nicht obwohl der Gegner eine An­
griff gruppe in die em Ab chnitt auf fünf Divi ionen ver tärkte (3., 36.,
45. US-Inf. 3. Algeri ehe und 9. Kolonial-Div.). Für die Verteidiger wirkten

26S RH 19 XII/8 Anlage für den 9. 9. . 149 und Ferngespr. Bot ch-1 a 11. Pz. Oiv.
vom 12. 9. RH 20-19/86 . 32.
266 Tagemeldung für den 10. 9., B '\ est I a r. 7916/44 RH 19 I /55 . 322ff.
267 ie bestand au dem Gro der Gruppe von Ober t Bauer der ich in Poitier
vom Verband EI ter abg etzt hatte und dem Ko aken-Regiment 360 vgl.
RH 20-19/97 . 262.
2 ·ernge pr. Bot ch-Gyldenfeldt vom 10. 9. 9.38 h ebd. . 254.
269 Fernge pr. Bot ch-Gyldenfeldt vom 10. 9., 18.50h ebd. . 262.
27o Ebd.
271 Am 10./11. 9., vgl. Wilt, Riviera . 154.
272 Die inheiten d Gcn.Kdo Dehner wurden am 9. 9. Peter en Lwfeldkorp
unterstellt. Damit unterstanden dem IV. Lwfeldkorp nun die 159. 198. 338. Inf.
Div. vgl. KTB AGr. G vom 9. 9. RH 19 XJI/5 . 224 f.
27.l RH 20-19/ 5 für den 9. 9., . 56.
274 Fernge pr. Bla kowitz-Wi e vom 9. 9. 12.30h RH 20-19/97, . 202.
2 Teil C: Die ntwicklung vom Höhepunkt der Kri e

ich Bla kowitz' vorau chauende Maßnahmen hilfreich au . Gen. Kniess


bewältigte ein Aufgaben im Rücken der eigenen Linien mit großem
improvi atori �chen G chick: mehrmal konnte er binnen weniger Stun­
den Kampfgruppen bilden und » perrbataillone«275 hinter die Brenn­
punkte der ront führen276 • Da AOK 19 meldete zu den Ereignissen des
10. ptember die b icht de »weit überlegenen Gegner (<,sich »den Weg
zur Burgundi hen Pforte zu öffnen wurde auch heute in heftigen und
wech elvollen Kämpfen[... ] vereitelt«277• Die Gefechte hatten auf beiden
eiten hwere Verlu te verur acht. Die Kompanien der 198. Infanteriedivi­
ion zählten bei piel wei e nur noch durch chnittlich 20 Mann278• Das
I . Luftwaffenfeldkorp war zwar zurückgedrängt worden, hatte aber eine
zu ammenhängende Frontlinie bewahrt. Sie verlief von der aht zum
LXIV. Armeekorp bei Fretigney über Montbozon (15 km nordwesdich
von Baume-le -Dame ) bi nach L' Isle- ur-le-Doub . Hier begann der Ab-
chnitt der 11. Panzerdivi ion die weiterhin den An chluß an die Schwei­
zer Grenze fe thielt.
Bot eh notierte am Abend man habe wieder da gleiche Bild wie am Vor­
tage: »eine abgekämpfte Truppe[... ] und an einzelnen Stellen Einbrüche,
die aber überall abgeriegelt ind«279•
Da AOK 19 rechnete für den 11. September mit einer raschen Ver chlech­
terung der Lage im üdabschnitt,nämlich mit der >)Fonsetzung der feind­
lichen Angriffe über Ve oul nach orden [ . ] und über V iller exel und
. .

Montbeliard zum Einbruch in die Burgundi ehe Pforte«2 0• Al Dijon


dann in der acht geräumt wurde, war der Rückmar eh au dem Südwe-
ten Frankreich im wesentlichen beendet. Rund 60 000 Men chen hatten
inzwi chen An chluß an die deut chen Linien gefunden2 1•
Bla kowitz hob in einer an das OKW gerichteten Replik auf die bereits
er wähnten Unterstellungen des Gauleiter hervor, die eigene Truppe hät­
te ich während de bi zu 1 000 Kilometer langen Rückzugs »gut und teil­
wei e heldenhaft(< g chlagen2 2•

275 U. a. die .Kampfgruppe Degener« mit 4 Bataillonen und etwa 2 000 Mann.
276 Fernehr. LXXX . AK vom 12. 9. RH 20/19/86 . 32f.
2n AOK 19 la r. 9288/44 RH 20-19/98 . 16f.
27 RH 20-19/85 für den 9. 9., . 55.
179 Ebd. für den 10. 9. . 58.
1 0 Tage meldung für den 10. 9. AOK 19 Ia r. 9288/44 RH 20-19/98 . 16f.
2 1 on 87000 Men chen die den Mareh angetreten hatten. Gen. Maj. EI ter hat-
te mit rund 20000 Mann kapituliert. Am 10. 9. ,.fehlten« nach Angaben Bot eh
von den verbleibenden 67 000 noch 10000 Mann der Gruppe Bauer und da
Ko aken-Regiment. Versprengte der Gruppe Bauer (vgl. Bericht der er,val­
tung gruppe der FKdtr. Bordeaux vom 17. 10. 1944, RW 35/1253, . 71 ff.) und
das Ko aken-Regiment (1400 Mann, vgl. Meldung Ia LXIV. AK vom 12. 9.
RH 20-19/98 . 46) erreichten die deut eben Linien noch nachdem Dijon
bereit aufgegeben war.
2 2 Gez. Blaskowitz, Obkdo H.Gr. G la r. 77/44 vom 11. 9., RH 19 XII/9, . 34ff.
II. Die Lagebeurteilungen der Führungsstäbe 289

uch von eigenmächtigem Ab etzen könne keine Rede ein. Rundstedt


war der gleichen Auffassung. Er beantragte beim OKW, der Armeegrup­
pe wegen der >>Durchführung der be onder chwierigen Kampf- und Füh­
rungsaufgaben« die Bezeichnung »Heeresgruppe G« zu geben2 3•
chon aufgrund der von Blaskowitz konstatierten ständigen personellen
und materiellen Überlegenheit de Gegners war nunmehr die Räumung
des Frontbogens und das Beziehen einer verkürzten Stellung von der Mosel
bi zur Burgundischen Pforte überfällig.
Für General Wiese blieb es ohnehin ein »Rätsel«, warum der Gegner nicht
läng t einen auf Belfort konzentrierten Durchbruchsangriff unternommen
hatte2 4• ein Stabschef Botsch sah die US-Taktik maßgeblich dafür ver­
antwortlich, daß die eigene Front trotz aller Befürchtungen noch hielt.
Die Amerikaner gingen seiner Meinung nach zu zögernd, ganz auf Sicher­
heit bedacht vor-2 5: Angriffe erfolgten stets zur gleichen Tageszeit, bei
acht aber oder ohne Panzerunterstützung überhaupt nicht. Sie wurden
außerdem nur mit kurz gestecktem Ziel vorgetragen und deshalb oftmals
gün tige Gelegenheiten nicht ausgenutzt. Die deutschen Linien konnten
o immer wieder geschlossen werden2 6• Trotz allem schien nun der letz­
te Moment gekommen, die 19. Armee zurückzunehmen.
E war jedoch Hitler »Haltebefehl« vom 11. September, der den Erfolg
der Rückzug operationen aus dem Süden und Südwesten Frankreichs noch­
mals in Frage stellte. Hitler war offensichtlich bereit, die 19. Armee in ihrer
nach wie vor exponierten Stellung weiterhin »aufs Spiel zu setzen«, um
seinen Offensivplan nicht aufgeben zu müssen.
Am Abend di es Tages mußte endgültig klar werden, auf welch tönernen
Füßen diese Unternehmen stand. Denn auch am Nordflügel des Front­
bogens, gegen den das XV. US-Korps2 7 bislang nur vorgefühlt hatte, spitz­
te sich die Lage nun in kürzester Zeit zu: die 2. Französische Panzerdivi­
sion durchbrach die rund 100 km lange, nur von einem Infanterieverband
(16.) und den Landesschützenbataillonen Ottenbachers gesicherte Flanke
bei Andelot {20 km nordwestlich von Chaumont), stieß im Rücken der
16. Infanteriedivision nach Südosten vor und erreichte die Orte Contrexe­
ville und Lamarehe (südwe tlich von V ittel)288• Die Franzosen waren
damit tief in den deutschen »Aufmarschraum« eingedrungen. Dieser Stoß
teilte jedoch nicht den von Rundstedt nun befürchteten289 Beginn eines

2 l KTB OB We t vom 8. 9., RH 19 IV/46, S. 48. Die Armeegruppe wurde mit


W irkung vom 11. 9. entsprechend umbenannt, vgl. OB West I a r. 7906/44,
RH 19 IV/56, . 40.
2
4 W iese, 19. Armee, MS-B-787, S. 30.
2 s RH 20-19/85 für den 9. 9., S. 57.
2 6 Ebd. und Bot sch 19. Armee MS-B-515, . 63.
2 Das XV. US-Corp bildeten die 79. US-Inf. und die 2. Franzö ische Pz. Div.
7
2 KTB H. Gr. G vom 11.9. RH 19 Xll/5, . 236.
2 9 Gez. Rundstedt, OB West I a r. 821/44 vom 13.9., RH 19/56, . 81 f.
290 Teil : Die Entwicklung vom Höhepunkt der Kri e

konzentrischen chwerpunktangriff auf Belfort dar. Die Ziele d XV. US­


Korp waren vielmehr die Mo elübergänge in o twärtiger Richtung.
or der üdflanke d Frontbogen ließ der Druck de Gegner in den
näch ten Tagen erwas nach, der Oberbefehlshaber der 7. US-Army, General
Patch erteilte den Befehl, die alliierten Kräfte umzugruppieren290• ach
einem Rückzug von »almo t incredible proportion « hatte Blaskowitz
al o mit einen Truppen da »Rennen zur Burgundischen P forte« bereits
gewonnen291 ohne ich de en schon gewiß ein zu dürfen. Eindeutig er­
kennbar jedoch war daß die Situation im Frontbogen der 19. Armee kei­
nerlei Gewähr für einen geordneten Aufmar eh von Panzerverbänden bot.
Für Hitler Offensive fehlten omit jegliche Voraus etzungen.

b) Das Scheitern des 0/Jensivkonzepts: die iederlage bei Dompaire und ihre
Folgen
Die ffen ivvorbereitungen liefen auf Geheiß der obersten Führung trotz­
dem weiterl92• Feldmarschall v. Rundstedt war sich aber der mißlichen La­
ge am immer noch weit vorgestaffelten linken Flügel der Westfront bewußt.
Er ließ de halb der Heeresgruppe G darin »freie Hand«, die herankom­
menden Panzerverbände zunächst zur Stabili ierung de Frontbogen ein­
zu etzen um den »Aufmarschraum« überhaupt sichern zu können293•
Blaskow itz unter teilte daraufhin die Panzerbrigade 112, den er ten für die
Offen ive vorg ehenen Verband, der voll tändig eingetroffen -wa?J� dem
LXVI. Armeekorp General Lucht 295•
Da aber noch kein Panzerkorps- tab (Pz. Gen. Kdo) zur Verfügung stand,
fiel Lucht die Aufgabe zu, mit der Brigade 112 und der Kampfgruppe der
21. Panzerdivision (sie bestand nur au zwei verstärkten Panzergrenadier­
bataillonen. Panzer waren noch nicht vorhanden296) die Lage am ord­
flügel »ZU bereinigen«. Feldmar chall v. Rundstedt glaubte offensichtlich
zu die em Zeitpunkt nicht mehr daran daß die 5. Panzerarmee noch zu
der geplanten großen Offensivoperation kommen würde. Jedenfalls hatte
er Manteuffel erst im Entstehen begriffene Armee bereits der HeeresgruJr
pe G unter tellt297•

290 Field O rder r. 5 vom 14. 9. Danach ollten das I. und 11. Franzö ische Korps
nun auf dem rechten Flügel vor Belfon zu ammengeführt werden. Da VI. US­
Korp wurde für den Angriff in nordo twärtiger Richtung (Straßburg) •reor­
gani ien«, vgl. W ilt Riviera, . 157.
29a Ebd. . 156 f.
192 KTB OB We t vom 10. 9. RH 19 IV/46 . 58.
293 Gez. Rund tedt, OB� t Ia r. 810/44 vom 11.9. RH 19 IV/56 . 20f., und
Rückfrage H. Gr. G vom 11.9. RH 19 IV/46 . 64.
294 tand der i enbahnbewegung vom 11.9., OB We t la r. 7954/44, RH 19
IV/56, . 31.
29S Tage meldung für den 11.9., OB We t Ia r. 7960/44 ebd. . 27ff.
296
bkdo H.Gr. G Id r. 824/44 vom 14. 9., RH 19 XII/8 . 220.
297 Gez. Rund tedt B W4 t Ia r. 10/44 vom 11.9. RH 19 IV/56 . 20f.
li. Die Lagebeurteilungen der Führungsstäbe 291

Hitler war mit di en Regelungen nicht einverstanden. Die 5. Panzerarmee


dürfe »nicht in frontalen Gegenangriffen verbraucht« werden, ondern habe,
o wiederholte er, einen toß »in die tiefe Flanke und in den Rücken« des
Gegner zu führen298•
Rundstedt aber ließ sich nicht beirren und meldete lakonisch, die Lage
zwinge dazu, »die 5. Panzerarmee zunächst korpsweise zu Teilschlägen ein­
zusetzen um sich den für den späteren geschlossenen Angriff notwendigen
Lebensraum vorwärts der Voge en zu erhalten«299• Die Vorbereitungen
hierzu hatten inzwischen - allerdings unter ungün tigen Vorzeichen -
begonnen.
General Lucht glaubte anfang , daß es sich bei den Franzosen, die die Nord­
flanke bis nach Contrexeville-V ittel durchbrachen hatten, nur um eine
relativ chwache Panzergruppe handeln würde300• Dieser Gegner sollte
durch Angriffe aus südost- und ostwärtiger Richtung gefaßt und zurück­
ge chlagen werden. Die Panzerbrigade 112 des Oberstleutnants v. U edom
erhielt zwei, 25 Kilometer voneinander entfernte Versammlungsräume zuge­
wiesen: die Panzerabteilung 2112 (ca. 45 P IV-Panzer) Darney, die I. Abtei­
lung des Panzerregiment 29 (Panther-Abteilung mit ebenfalls ca. 45 Kampf­
wagen) da Gebiet um Dompaire3<H.
Zum Zeitpunkt, als sich der Oberbefehlshaber der 19. Armee, General
W iese302, im Gefechtsstand des LXV I. Armeekorps in Bains-les-Bains zur
Befehl ausgabe (12. September 18 bis 20 Uhr) aufhielt, stellte sich heraus,
daß die Vorau etzungen, von denen Lucht ausgegangen war, nicht mehr
zutrafen. Man rechnete nun chon mit einer Gruppe von 60-80 französi-
chen Panzern (2. Franz. Pz. Div.)303, deren Spitzen bereits über V ittel hin­
aus nach Osten und Südosten vorgefühlt hatten304•
Hierdurch waren nicht nur die Bataillone der 16. Infanteriedivision de facto
im Rücken umfaßt, sondern auch die Angriffsvorbereitungen erheblich
gefährdet. Die Franzosen kamen ihrem Gegner zuvor und konnten einer
der beiden deutschen Panzerabteilungen schon Verluste beibringen, bevor
diese überhaupt ihren Versammlungsraum erreicht hatte. Fünf in Reihe
hintereinander rollende Panther (I./Pz. Rgt. 29) wurden auf den Weg nach
Dompaire »durch neuartige Phosphor-Munition[... ] abgeschossen«305• Da
die 2. Franz. Panzerdivision sich offensichdich den Bereitstellungsräumen

29 OKW/WFSt/Op. r. 773348/44 vom 12.9. , zit. nach: OB West Ia r. 814/44


ebd., S. 44.
299 Gez.. Rundstedt OB We t I a r. 821/44 vom 13.9 ., ebd. . 81 f.
300 RH20-19/85 (Tagebuch Bot eh) für den 12. 9., S. 62.

301 Ebd.
302 Das LXVI. AK unter tand eit dem 12.9. 06.00h dem AOK 19.
03 Ferng pr. Wiese-Bot eh vom 12.9. 19.12h RH20-19/98
, , . 44.
04 Fernge pr. Bot ch-Gyldenfeldt vom 12.9. 19.30 h ebd. . 44 f.
los Ferng pr. Oberst iebert (Stabchef LXVI. AK}-Ia AOK 19 vom 12.9. 21.05 h
,
ebd., . 46.
292 Tei I C: Die Entwicklung vom Höhepunkt der Krise

bi auf wenige Kilometer genähert, andererseits U edom Brigade nur noch


wenig Treib toff hatte300 wurde die Lage chnell kriti eh.
eder beim Generalkommando d LXVI. Armeekorp noch beim tab
der Brigade 112 ah man noch inn darin das Unternehmen wie gep