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Haitianische Revolution
(1,884 words)

1. Begri fsde nition


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Als H. R. bezeichnet man den Sklavenaufstand in der
1. Begri fsde nition
franz. Kolonie Saint-Domingue von 1791 und die
nachfolgenden Ereignisse ( Sklaverei). Sie war nach der 2. Rassenkon ikte
Nordamerikanischen Revolution von 1776 die zweite in 3. Auswirkungen der
der Neuen Welt und führte 1804 zur Gründung des ersten Französischen Revolution
unabhängigen Staates in Lateinamerika [6]. Die 4. Sklavenaufstand und
Konstituierung des Staates Haiti durch ehemalige Sklaven Abscha fung der Sklaverei
hatte folgenschwere Auswirkungen auf die Ausrichtung 5. Autonomiestatus und
der Lateinamerikanischen Unabhängigkeitsrevolutionen. Konsens zwischen
Schwarzen und Weißen
Hans-Joachim König 6. Französische
Rückeroberung und
2. Rassenkon ikte Staatsgründung
7. Krieg der Schwarzen
Seit dem Frieden von Rijswijk (1697), mit dem die gegen Weiße und Mulatten
Auseinandersetzungen zwischen Spanien und seinen
8. Auswirkungen der
Rivalen in Europa und Übersee vorläu g beendet wurden,
Rassenemanzipation
gehörte der Ostteil der zweitgrößten Antilleninsel
Hispaniola zu Frankreich [1]. Die franz. Kolonie Saint-
Domingue hatte sich im 18. Jh. v. a. durch die Produktion
von Zucker und Ka fee, die auf Sklavenarbeit in Plantagen basierte, zu einer wichtigen und für
Frankreich ertragreichen Kolonie entwickelt (Kolonialreich). Sie war in drei unterschiedlich
strukturierte Provinzen aufgeteilt.

In der Nordprovinz befanden sich die größten Plantagen, und dementsprechend groß war der
Anteil der Sklaven; in der Westprovinz lag das Verwaltungszentrum Port-au-Prince; in der
Südprovinz lebten viele landbesitzende farbige Freie. Die kapital- und arbeitsintensive
Produktion der in Frankreich begehrten tropischen Waren (Kolonialwaren) führte zur
Herausbildung verschiedener sozialer Schichten; Spannungen und Kon ikte waren die Folge.
Bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 550 000 Einwohnern stand am Ende des 18. Jh.s der /
kleinen Gruppe Weißer (etwa 33 000 Personen), die sich wiederum in reiche Plantagenbesitzer
(grands blancs) und arme weiße Städter (petits blancs) unterteilten, die große Masse der afro-
amerikan. Sklaven (fast 484 000 Personen) gegenüber.

Eine Zwischenstellung nahm die Gruppe der freien Farbigen (der freigelassenen
Mischlingsbevölkerung) ein, meist Nachkommen weißer Herren und schwarzer Sklavinnen.
Die Mulatten (etwa 33 000 Personen) verfügten über Land- und Sklavenbesitz, standen
wirtschaftlich bisweilen sogar auf der Stufe der »Großen Weißen«, wurden als Farbige jedoch
sozial diskriminiert, obwohl sie ihrerseits an der scharfen Trennung zu den Sklaven festhielten.

Ihrer Hautfarbe und ihrem sozialen Stand entsprechend hatten die verschiedenen
Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie der bisherige soziale und
politische Status zu verändern sei. Die weiße P anzeroligarchie war angesichts der
Unterordnung unter die wirtschaftlichen Interessen des Mutterlands und des fehlenden
politischen Mitspracherechts mit der franz. Kolonialherrschaft unzufrieden und beanspruchte
größere Autonomie; die freien Farbigen und Mulatten strebten nach sozialer
Gleichberechtigung mit den Weißen; den Plantagensklaven ging es hingegen zunächst um ihre
Freiheit.

Hans-Joachim König

3. Auswirkungen der Französischen Revolution

Der Ausbruch der Französischen Revolution im Mutterland (1789) löste in der Kolonie Saint-
Domingue einen erbitterten Interessenkampf der einzelnen Gruppen untereinander aus, der
schließlich in einen Krieg gegen Frankreich umschlug und zum Sieg der schwarzen
Bevölkerung führte [7]. Bereits 1789 gelang es weißen Plantagenbesitzern, Abgeordnete der
wohlhabenden Kolonistenkreise unter die Vertreter des »Dritten Standes« der franz.
Nationalversammlung zu bringen und 1790 auch die Anerkennung einer eigenen
Kolonialversammlung durchzusetzen.

Die freien Farbigen verstanden die Parolen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Zugang
zu jener sozialen Gleichberechtigung, die ihnen bisher die weiße Kolonialgesellschaft
verweigert hatte, und beanspruchten deshalb für sich das Wahlrecht zur Kolonialversammlung.
Da die »Großen Weißen« ihnen dieses Recht verweigerten, verstärkten sich die
Interessengegensätze. Sie mündeten in bewa fnete Auseinandersetzungen zwischen Weißen
und Mulatten, als nach einem mit brutaler Härte unterdrückten Mulattenaufstand im Februar
1791 die franz. Nationalversammlung im Mai 1791 die volle Gleichberechtigung der freien
Farbigen verfügte, die weißen Kolonisten und der Gouverneur sich aber weigerten, dieses
Dekret anzuerkennen. Lediglich die gemeinsame Furcht vor einer Sklavenrebellion veranlasste
beide Gruppen von Sklavenhaltern dazu, einzulenken, die Auseinandersetzungen
einzudämmen, ja sogar ein Bündnis einzugehen.

/
Allerdings kam eine politische Integration der Mulatten nicht zustande, so dass auch keine
weitere Konsolidierung der kolonialen Autonomie unter Dominanz der weißen Gruppen
eintrat. Überdies verfolgte die Gruppe der Weißen keine einheitliche politische Richtung;
neben Patrioten und Republikanern gab es auch antirevolutionäre, royalistische Kräfte. Die
Position der Mulatten wurde dadurch geschwächt, dass die franz. Konstituante im September
1791 die rechtliche Gleichstellung der Mulatten wieder au ob.

Hans-Joachim König

4. Sklavenaufstand und Abscha fung der Sklaverei

In dieser Krisensituation brach im August 1791 auf den großen Zuckerrohrplantagen im Norden
ein Sklavenaufstand aus, an dem in kurzer Zeit mehrere Tausend beteiligt waren [3]; [8]. Er
breitete sich schnell über ganz Saint-Domingue aus und verstrickte es in den nächsten Jahren
in einen blutigen Krieg mit wechselnden Koalitionen. Als im September 1792 jakobinische
Kommissare mit republikanischen Truppen auf die Insel kamen, setzten sie diese nicht etwa
dazu ein, die Rebellion einzudämmen, sondern zunächst dazu, mit Hilfe der Mulatten weiße
Gegenrevolutionäre und Autonomisten auszuschalten. Das gelang im Norden, hatte aber zur
Folge, dass zahlreiche P anzer und Beamte in die USA ohen, die wirtschaftliche Produktion
zurückging, die Instabilität zunahm und im Süden Reste der weißen Kolonialbevölkerung ihr
Gebiet im September 1793 sogar der engl. Krone unterstellten. Engl. Truppen besetzten große
Teile der Insel.

Während sich die Weißen mit England verbündeten, das nach der Hinrichtung des franz.
Königs Ludwig XVI. am 21. 1. 1793 ebenso wie Spanien und andere europ. Monarchien der
Allianz gegen Frankreich beigetreten war, traten die rebellierenden Sklaven auf die Seite der
Spanier, die vom span. Ostteil der Insel Hispaniola aus operierten. Lediglich die Mulatten
unterstützten die franz. Herrschaft, nachdem die franz. Legislative das im Mai 1791 erlassene,
dann im September 1791 wieder aufgehobene Gleichheitsdekret am 4. 4. 1792 endgültig in Kraft
gesetzt hatte. Allerdings waren sie als Gruppe zu schwach und zu wenig einheitlich, als dass sie
zu einem tragenden Element einer neuen franz. Kolonialordnung hätten werden können. Im
Übrigen besaßen sie Vorbehalte gegenüber Frankreich, wo der Konvent am 4. 2. 1794 die
Abscha fung der Sklaverei für alle franz. Kolonien verkündet hatte – ein Akt, den sie als
Einschränkung ihrer Rechte gegenüber den Sklaven empfanden.

Hans-Joachim König

5. Autonomiestatus und Konsens zwischen Schwarzen und Weißen

Für die rebellierenden Sklaven bot die Au ebung der Sklaverei jedoch neue Perspektiven, so
dass verständlich wird, warum im Mai 1794 ihr herausragender Führer, der ehemalige
Haussklave François Dominique Toussaint (Toussaint L'Ouverture genannt, weil er das Tor zur
Freiheit ö fnete), mit einer disziplinierten Truppe von 4 000 Mann von der span. auf die franz.
Seite wechselte [4]. Unter seiner geschickten Führerschaft als Militär und Politiker gelang es,
Engländer und Spanier zurückzudrängen und das franz. Herrschaftsgebiet zu sichern, sogar
/
auszudehnen. Spanien schloss 1795 mit Frankreich Frieden und trat im Frieden von Basel den
Ostteil der Insel an Frankreich ab. England zog 1798 seine Truppen aus Saint-Domingue ab.
Zudem gelang es Toussaint, die Ordnung auf den Plantagen wiederherzustellen, mit einer
rigorosen Arbeitsverp ichtung für ehemalige Sklaven und mit ökonomischem Sachverstand
zurückkehrender Weißer den Produktionsprozess wieder in Gang zu bringen und so einen
neuen Wirtschaftsaufschwung einzuleiten. Zugleich nahm aber auch Toussaints politische
Konzeption Gestalt an, die Freiheit sowohl gegenüber den weißen Sklavenbesitzern als auch
gegenüber Frankreich durchzusetzen [5].

Unter seiner klugen Leitung wurde die schwarze Bevölkerung der Kolonie zu einer Macht,
deren Anhänglichkeit wiederum seine Stellung stärkte, zumal er auch Sympathien in der
weißen Bevölkerung besaß. So konnte Toussaint sowohl die militärische als auch die politische
Führung übernehmen, und der franz. Regierung blieb nichts anderes übrig, als ihn 1798 als
Oberbefehlshaber und als Generalgouverneur zu bestätigen. Als Toussaint Anfang 1800 den
letzten frankreichtreuen im Süden operierenden Mulattengeneral André Rigaud in einem
einjährigen blutigen Bürgerkrieg zwischen Mulatten und Schwarzen besiegt hatte, war seine
Macht unangefochten. Bei der weiteren Stabilisierung der politischen und wirtschaftlichen
Ordnung setzte er vorwiegend auf Schwarze im Militär und Weiße in Verwaltung und
Wirtschaft; die Mulatten im Norden und im Zentrum waren während des Bürgerkriegs fast
ausgelöscht worden. 1800 besetzte Toussaint auch den ehemaligen span. Ostteil der Insel, war
damit also Herr der ganzen Insel Hispaniola. Im Juli 1801 schuf er eine autoritär ausgerichtete
Präsidialverfassung, die die Insel zwar noch als Teil des franz. Imperiums bezeichnete, ihr aber
ein großes Maß an Autonomie verlieh, indem sie Frankreich kaum mehr als eine nominelle
Oberherrschaft (Suzeränität) über die halbsouveräne Insel zuerkannte.

Hans-Joachim König

6. Französische Rückeroberung und Staatsgründung

Die neue franz. Kolonialpolitik unter Napoleon beendete jedoch bald diesen
Autonomiezustand bzw. provozierte den gewaltsamen Schritt zur endgültigen Loslösung vom
Mutterland. Denn Napoleon Bonaparte, seit Ende 1799 Erster Konsul der neuen franz.
Konsulatsverfassung und seit den Siegen über Österreich 1800 in seiner Macht gefestigt, stand
auf der Seite der emigrierten weißen P anzer und begann, die Zugeständnisse an die Kolonie
und Toussaint zurückzunehmen. 1802 entsandte er eine große Expeditionsarmee unter seinem
Schwager Leclerc zur Rückeroberung der Insel; dieser konnte in blutigen Kämpfen die Armee
Toussaints besiegen und ihn selbst gefangen nehmen.

Toussaint wurde nach Frankreich gebracht, wo er 1803 starb. Doch eine Rückeroberung gelang
Leclerc nicht. Denn als die Nachricht von der durch Napoleon 1802 bestimmten
Wiedereinführung der Sklaverei auf den franz. Antillen in Saint-Domingue bekannt wurde,
begannen im August 1802 Schwarze und Mulatten, gestützt auf Reste von Toussaints Armee,
erneut zu rebellieren. Diesem Aufstand hatten die von Krankheiten geschwächten franz.
Truppen nichts entgegenzusetzen; in kurzer Zeit vertrieb die Rebellenarmee unter dem neuen
/
Anführer Jean-Jacques Dessalines, ebenfalls einem ehemaligen Sklaven, mit Hilfe engl.
Seestreitkräfte die von Napoleon entsandten Truppen von der Insel. Nach dem Sieg
proklamierten am 1. 1. 1804 die Führer des Aufstandes die Unabhängigkeit von Saint-Domingue
unter dem Namen Haiti.

Hans-Joachim König

7. Krieg der Schwarzen gegen Weiße und Mulatten

Mit dieser Namensgebung gri fen die ehemaligen afrikan. Sklaven bezeichnenderweise auf den
indian. Namen zurück, den die Insel vor der span. Eroberung gehabt hatte. Mit der
Unabhängigkeit war zwar die politische Freiheit und Souveränität erlangt, nicht jedoch ein
innergesellschaftlicher Konsens. Schon während der vorangegangenen Auseinandersetzungen
waren die Mulatten dezimiert worden. Nun erfolgte unter Dessalines, der zum Staatsoberhaupt
gewählt wurde und sich selbst zu Kaiser Jacques I. ernannte, die Eliminierung der europ.
weißen Bevölkerung. Wer den Massakern entkommen konnte, oh entweder in den noch unter
franz. Kontrolle stehenden Ostteil der Insel oder auf andere Karibikinseln. Dessalines setzte
nicht nur Toussaints Versuch einer schwarz-weißen Partnerschaft nicht fort, sondern bemühte
sich auch nicht um einen Konsens zwischen Schwarzen und Mulatten. So zerbrach nach seiner
Ermordung 1806 Haiti in eine Mulattenrepublik im Süden unter Alexandre Pétion und einen
Staat von Schwarzen im Norden unter General Henri Christophe, der sich 1811 zu Kaiser Henri I.
ernannte. Erst dem Mulatten General Jean-Pierre Boyer, der 1818 Pétions Nachfolge antrat,
gelang es nach dem Selbstmord Henris I. 1820, ganz Haiti wieder zu vereinigen.

Hans-Joachim König

8. Auswirkungen der Rassenemanzipation

Während Frankreich als ehemalige Kolonialmacht zwar spät, aber immerhin 1825 die
Unabhängigkeit Haitis anerkannte, blieb die internationale Anerkennung noch lange aus.
Denn Verlauf und Ergebnis der H. R. wirkten auf die umliegenden an Sklavenwirtschaft
orientierten Kolonialgesellschaften und -staaten abschreckend: In politischer Hinsicht hatte
die H. R. von einem von weißen P anzern bestimmten Autonomieprojekt über den Versuch
eines Konsenses zwischen Schwarzen und Weißen zu einer »Negerrepublik« geführt, also die
Dimension einer Rassenemanzipation angenommen; in wirtschaftlicher Hinsicht hatte die
Zerschlagung der Plantagenwirtschaft und die Einführung einer kleinbäuerlichen Wirtschaft
einen wirtschaftlichen Niedergang hervorgerufen. Die Staatsgründung Haitis (d. h. die
politische und soziale Emanzipation einer schwarzen Sklavenbevölkerung) war in der
Wahrnehmung der weißen Schichten der benachbarten karibischen Kolonialgesellschaften
und der iber. Kolonialreiche eine Bedrohung ihrer eigenen Stellung: Sie war kein
nachahmenswertes Beispiel und wirkte verzögernd auf den gesamtgesellschaftlichen
Emanzipationsprozess in Lateinamerika [2].

Verwandte Artikel: Kolonialreich (französisches) | Lateinamerikanische


Unabhängigkeitsrevolutionen | Rebellion, koloniale | Sklaverei
/
Hans-Joachim König

Bibliography

[1] W. L. B , Kleine Geschichte Haitis, 1996

[2] E. C -B , La independencia de Haiti y su in uencia en Hispanoamérica, 1967

[3] C. F , The Making of Haiti. The Saint Domingue Revolution from Below, 1990

[4] C. L. R. J , Die schwarzen Jakobiner: Toussaint L'Ouverture und die


Unabhängigkeitsrevolution in Haiti, 1984 (engl. 1938, 21963)

[5] C. M , Le projet national de Toussaint L'Ouverture et la Constitution de 1801, 2001

[6] C. M (Hrsg.), Dictionnaire historique de la Révolutión Haitienne (1789–1804), 2003

[7] T . O , The Haitian Revolution, 1789–1804, 1973

[8] K. S , Sklavenaufstand, Revolution, Unabhängigkeit: Haiti, der erste unabhängige


Staat Lateinamerikas, in: R. Z (Hrsg.), Amerikaner wider Willen, 1994, 125–143.

Cite this page

König, Hans-Joachim, “Haitianische Revolution”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und
in Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst
Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_277148>
First published online: 2019

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