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Enzyklopädie der Neuzeit Online

Habeas corpus
(850 words)

1. Begri f und De nition


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Unter lat. H. C. (»du mögest/sollst den Körper haben«, im
1. Begri f und De nition
Sinne von »des Körpers habhaft werden«) versteht man
im engeren Sinn die verfassungsmäßige Garantie gegen 2. England
unrechtmäßige Inhaftierung als justizielles Grundrecht. 3. USA
Im weiteren Sinn hat sich H. C. zum Schutzrecht gegen 4. Kontinentaleuropa
willkürliche Strafverfolgung, Verhaftung und Bestrafung
entwickelt. Doch nden sich noch umfassendere
De nitionen: So wird H. C. gelegentlich als great writ of
liberty (»große Freiheitsverfügung«) [3] oder »klassisches Grundrecht der Menschenwürde«
und als solches als »Ursprungsgrundrecht« aller anderen Bürger- und Menschenrechte
verstanden [4. 202, 204].

Als Geburtsstunde der Freiheitsverbürgung gilt die engl. H. C.-Akte von 1679, doch reicht die
Geschichte von H. C. in England bis in das MA zurück. Von dort strahlte die Rechtsgarantie in
die nordamerikan. Kolonien aus und wurde in die Nordamerikanische Verfassung (1787)
übernommen (s. u. 3.). Darüber hinaus beein usste H. C. bis heute die Grundrechtskataloge der
Verfassungen aller Staaten und entsprechende internationale Garantien. So ist der H. C.-
Grundsatz u. a. in Art. 104 II und III des dt. Grundgesetzes und in Art. 5 der Europ.
Menschenrechtskonvention festgelegt.

Damit sind gleichzeitig die Schwierigkeiten angedeutet, denen eine Skizze seiner Geschichte
unterliegt: Angesichts der ungebrochenen Aktualität, Symbolkraft und Freiheitsrhetorik von H. 
C. drohen seine bescheidenen Anfänge, unterschiedlichen politischen Funktionen und z. T.
freiheitsfeindlichen Instrumentalisierungen (in den USA bis in das 19. Jh. hinein) zu
verschwimmen.
Margarete Demmer
Diethelm Klippel

2. England
/
Die ma. Anfänge lassen noch nicht erkennen, dass sich der Befehl zu einem Freiheitsrecht
entwickeln sollte [2]; [8. 194]. Zunächst sollte der Betro fene durch diese gerichtliche Verfügung
inhaftiert werden, um der königlichen Gerichtsbarkeit zur Verfügung zu stehen. Bis zum 16. Jh.
entwickelte sich H. C. dann zu einem Instrument der Gerichte, sich einen Untertanen
vorführen zu lassen, um den Grund für die Inhaftierung zu untersuchen. Allerdings nutzten sie
H. C. vom 14. bis ins 17. Jh. dazu, ihre Kompetenzen gegen andere Gerichte, gegen das
Parlament und gegen die Krone zu schützen.

Erst im 17. Jh. wurde H. C. von einem prinzipiell freiheitsberaubenden Instrument in ein
freiheitsverscha fendes Recht umgewandelt, v. a. als Mittel gegen die absolutistischen
Bestrebungen der Stuarts. Ein erster, weitgehend wirkungsloser H. C.-Act wurde 1640 erlassen,
doch erst der berühmte H. C.-Act von 1679 erweiterte den Rechtsschutz der Untertanen
wesentlich. Er sah u. a. vor, dass innerhalb dreier Tage über die Rechtmäßigkeit der
Inhaftierung entschieden werden musste. Das Gesetz wurde mehrmals verändert, u. a. durch
die H. C.-Acts von 1816 (Erweiterung auf zivilrechtliche Verfahren) und 1862 (Au ebung der
Geltung in den Kolonien) [6]. Obwohl die Gerichte H. C. nur in relativ wenigen, aber z. T.
spektakulären Fällen anwandten (so wurde z. B. 1772 in London die Freilassung eines Sklaven
auf einem Schi f angeordnet, das auf dem Weg in ein Land mit Sklavenhaltung war), fasste die
Bevölkerung H. C. als »Bollwerk gegen willkürliche Freiheitsverletzungen« auf.
Margarete Demmer
Diethelm Klippel

3. USA

In den USA wurde H. C. als Freiheitsverbürgung zunächst in die Verfassungen von Georgia,
Massachusetts und North Carolina aufgenommen, dann auch in die Bundesverfassung von 1787
(The Privilege of the Writ of H. C., Art. 1 Abs. 9 Satz 2; »Das Privileg der gerichtlichen H. C.-
Verfügung«) und im Laufe des 19. Jh.s in weitere Verfassungen von Einzelstaaten [7]; [2]; [5]. In
den USA spielte H. C. einerseits eine Rolle in der Auseinandersetzung zwischen
einzelstaatlichen Institutionen und den Bundesgerichten, andererseits im Kampf um die
Abscha fung der Sklaverei. So wurde H. C., zumindest in Mississippi, auch als Mittel des
Sklaveneigentümers eingesetzt, im Norden jedoch als Hebel von Abolitionisten zur Freisetzung
von Sklaven [7]; [5].
Margarete Demmer
Diethelm Klippel

4. Kontinentaleuropa

Von England und den USA aus wirkte die H. C.-Verbürgung auf die kontinentaleurop.
Verfassungsgeschichte. So wurde sie etwa in Art. 7 der franz. Menschen- und
Bürgerrechtserklärung von 1789 garantiert (Nul homme ne peut être accusé, arrêté ni détenu que
dans les cas déterminés par les lois …; »Ein Mensch darf nur dann angeklagt, festgenommen
und festgehalten werden, wenn dies durch die Gesetze geregelt ist.«). Auch die süddt.
Verfassungen des Vormärz enthielten entsprechende Garantien, so u. a. die bayer. Verfassung
/
von 1818 (Titel IV, § 8 Abs. 3: »Niemand darf verfolgt oder verhaftet werden, als in den durch
die Gesetze bestimmten Fällen, und in der gesetzlichen Form«), die württembergische
Verfassung von 1819 (§ 26) und die Verfassungsurkunde für Hannover von 1840 (§ 30). Die
Verfassung des Dt. Reichs von 1849 sah ein angesichts der Erfahrungen in der Restaurations-
Zeit bes. detailliert formuliertes Grundrecht vor (§ 138).

Es überrascht nicht, dass Christian Friedrich Wurm in der 2. Au age des Staatslexikons 1848
den engl. H. C.-Act für ein »unübertro fenes Muster« hielt und Karl Theodor Welcker beklagte,
dass – anders als in England – die Untersuchungshaft in Deutschland »mit bastillenartiger
Willkür und Härte und Ausdehnung« bestehe [1. 773, 780].

Verwandte Artikel: Menschenrechte | Strafrecht | Verfassung


Margarete Demmer
Diethelm Klippel

Bibliography

Quellen

[1] C. F. W , Art. Verhaftung, Habeascorpusacte, persönliche oder individuelle Sicherheit,


mit einem Nachtrag von Carl Welcker, in: R -W 12, 21848, 773–782.

Sekundärliteratur

[2] W. F. D , A Constitutional History of Habeas Corpus, 1980

[3] E. M. F , Habeas Corpus. Rethinking the Great Writ of Liberty, 2001

[4] M. K , Zur Geschichte der Grund- und Menschenrechte, in: N. A (Hrsg.),


Ö fentliches Recht und Politik (FS U. Scupin), 1973, 187–211

[5] B. K. M , American Habeas Corpus: Law, History, and Politics, 1984

[6] B. K. M , English Habeas Corpus: Law, History, and Politics, 1984

[7] D. H. O , Habeas Corpus in the States 1776–1865, in: The University of Chicago Law
Review 32, 1965, 243–288

[8] E. H. R , Die Habeas-Corpus-Akte. 300 Jahre Tradition und Praxis einer britischen
Freiheitsgarantie, in: Europ. Grundrechtezeitschrift 7, 1980, 192–200.

Cite this page

Demmer, Margarete and Klippel, Diethelm, “Habeas corpus”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts
(Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und
Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-
0248_edn_COM_276853>
First published online: 2019 /
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