Sie sind auf Seite 1von 6

Enzyklopädie der Neuzeit Online

Gewerkschaft
(1,567 words)

1. Begri f
Article Table of Contents
Bereits in frühen wiss. Analysen wurden als G. auf Dauer
1. Begri f
angelegte Vereinigungen von Arbeitnehmern bezeichnet,
die im Sinne einer kollektiven Interessenorganisation für 2. Anfänge
die Verbesserung der Arbeitsbedingungen abhängig 3. Ausblick
Beschäftigter gegenüber Arbeitgebern oder Staat 4. Politische Ziele und
eintreten [12]. Hierzu entwickelten sie spezi sche Handlungsinstrumente
Aktionsformen – von der Petition bis zum Streik
(Arbeitsniederlegung) – und gewährten ihren Mitgliedern
zugleich Unterstützungsleistungen [4]. Gegen Ende des 18. Jh.s im Kampf gegen politisch-
rechtliche Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung entstanden, entwickelten G. in
ihrem jeweiligen nationalen und branchenspezi schen Kontext eine erhebliche
Variationsbreite an Organisationsformen, programmatischen Zielen und
Handlungsaktivitäten.

Etymologisch leitet sich der Begri f G. von den ma. Gewerken ab, den Teilhabern einer im
Bergrecht G. genannten Unternehmensgesellschaft im Bergbau. Etwa seit dem 16. Jh. werden
unter G. zudem die zusammengeschlossenen Angehörigen bestimmter Berufsgruppen
verstanden.

Jürgen Mittag

2. Anfänge

Die im dt. Raum von etwa 1830 bis 1870 andauernde »Inkubationsphase« von G. war
untrennbar mit der Industrialisierung sowie dem Übergang von der handwerklichen Fertigung
zur maschinellen und arbeitsteiligen Produktion im Kapitalismus verbunden, aber auch vom
Widerstand gegen politisch-rechtliche Unterdrückung geprägt. Insbes. aufgrund der
zunehmenden Land ucht (Land-Stadt-Wanderung) sowie der Einstellung ungelernter
Arbeitskräfte verschärften sich zum Ende des 18. Jh.s die Auseinandersetzungen um Arbeit. Die
Angst vor dem sozialen Abstieg führte zu verstärkten sozialen Kon ikten. /
Als Reaktion entstanden zunächst zum Ende des 18. Jh.s in England, seit dem Vormärz auch in
Deutschland, vom frühproletarischen Protest geprägte soziale Bewegungen sowie aus der
Tradition des Handwerks und der Zünfte hervorgegangene Organisationsformen. Diese
Zusammenschlüsse hatten teilweise bereits g.-ähnlichen Charakter, sind jedoch deutlich von
den Aktivitäten und der Interessenlage der lohnabhängigen Industriearbeiter zum Ende des
19. Jh.s zu unterscheiden (vgl. Fabrikarbeiter/innen). Zudem zeigten sich im Vormärz sozial-
und allgemeinpolitische Ziele noch eng miteinander verknüpft; die vielfach gemeinsam von
Bürgertum und Unterschichten artikulierten Proteste richteten sich im Sinne freiheitlich-
demokratischer Ideen v. a. gegen den Obrigkeitsstaat.

Als Frühformen g.-ähnlicher Organisation können insbes. Unterstützungskassen,


Arbeiterbildungs- und Streikvereine betrachtet werden: Die Unterstützungskassen – in
England friendly societies, in Frankreich sociétés de secours mutuels genannt – trugen auf
lokaler Ebene in Form von Kranken-, Hilfs- oder Sterbekassen zunächst zur Selbsthilfe im Fall
von Krankheit und Invalidität sowie zur Unterstützung der Angehörigen im Sterbefall bei.
Später dienten sie auch als organisatorischer Rahmen für Forderungen nach Lohnerhöhungen
oder verbesserten Arbeitsbedingungen sowie zur Unterstützung der Mitglieder im Fall von
Aussperrung und Arbeitslosigkeit.

Arbeiterbildungsvereine entstanden – vielfach mit Unterstützung aus den Reihen des


Bürgertums und der Kirchen – seit den 1820er Jahren. Sie dienten primär allgemeinen oder
fachspezi schen Bildungszwecken und gelten als wichtigste Wurzel der modernen G.-
Bewegung. Ihre Popularität ist neben den Bildungsaktivitäten v. a. auf die Angebote zur
politischen Diskussion und gesellschaftlichen Kommunikation zurückzuführen [3]. Der zur
Mitte der 1840er Jahre gegründete »Bildungsverein für Arbeiter« in Hamburg zählte zu den
größeren Einrichtungen; daneben gab es Hunderte kleinerer Arbeiterbildungsvereine im dt.
Raum.

Streikvereine oder Kamp oalitionen wurden zur Vorbereitung von Streiks und Boykotten
gebildet. Sie stellten das organisatorische Korrelat zu den meist spontanen Fällen von
Hungerunruhen oder Maschinenstürmen dar. Zu den maßgeblichen Trägerschichten aller drei
Organisationsformen zählten im Vormärz Gesellen und Handwerker. Im Gegensatz zu
Tagelöhnern und Heimarbeitern, die kaum über organisatorische Traditionen verfügten,
konnten sich die Gesellen auf einen vorindustriellen Handwerksstolz und die Tradition der
handwerklichen Bruderschaften stützen, die bis ins MA zurückreichten.

In England wurden bereits nach der Au ebung des Koalitionsverbotes 1824 erste nationale
trade unions gegründet. Im dt. Raum verlief die organisatorische Entwicklung aufgrund des
wiederholt bestätigten Koalitionsverbotes erheblich schleppender und blieb weitgehend auf
lokale Räume begrenzt. Auslandsvereine dt. Emigranten wie der Pariser »Bund der
Geächteten« (1834), die stark von politisch gemaßregelten Handwerkern auf der Wanderschaft
und im Exil geprägt wurden, übten nur geringen unmittelbaren Ein uss auf die
gewerkschaftliche Institutionalisierung aus, da hier v. a. die Veränderung der
Eigentumsverhältnisse im Mittelpunkt stand, während die Exilvereine allgemeinere politische
/
Ziele wie Freiheit, Gleichheit und Einheit verfolgten. Neben der Berliner »Allgemeinen dt.
Arbeiterverbrüderung« Stephan Borns avancierten während der Märzrevolution 1848/49 die
Buchdrucker und Tabakarbeiter zu den Wegbereitern von Zentralverbänden. Nach einer
Repressionsphase im Zeichen der gescheiterten Revolution gründeten u. a. diese beiden
Berufsgruppen zur Mitte der 1860er Jahre die ersten dt. zentralen G.-Fachverbände.

In Frankreich war die Entwicklung v. a. aufgrund der nachholenden Industrialisierung und
eines hohen Anteils nebenerwerbsabhängiger Kleinbauern unter den Arbeitern durch einen −
im Vergleich zu Großbritannien − erheblich geringeren Grad der Proletarisierung
gekennzeichnet. Allein die Genossenschaften (ab 1848) und die ab 1860 entstandenen
Arbeitergewerkschaftskammern übten im Zweiten Kaiserreich gewerkschaftsähnliche
Funktionen aus.

Jürgen Mittag

3. Ausblick

Die Gewerbeordnung des Norddt. Bundes, die 1869 die Gewerbe- und Koalitionsfreiheit
einführte und später auf das gesamte Dt. Reich ausgeweitet wurde, leitete eine zweite
Zeitphase gewerkschaftlicher Entwicklung ein [7]. Aus den Arbeiter- und Gesellenvereinen, die
seit den 1860er Jahren in ganz Deutschland entstanden, entwickelten sich als zentraler
Bestandteil der Arbeiterbewegung moderne Massen-G. Diese waren mit den sich
herausbildenden politischen Parteien z. T. dicht vernetzt, die ihrerseits die Entfaltung von G.
unterstützten [1]. Während G. in Großbritannien oder den USA formal als politisch neutrale
Organisationen agierten, führte dieser Prozess wechselseitiger Beein ussung in Deutschland
entlang gesellschaftlicher Kon iktlinien zur Herausbildung von drei großen Richtungs-G. [6].

(1) Die beiden zunächst noch in Konkurrenz zueinander stehenden, sozialdemokratisch


orientierten G.-Bewegungen leiteten 1875 und verstärkt nach dem Ende des Sozialistengesetzes
im Jahr 1890 eine umfangreiche Reorganisation ein, in deren Folge die »Generalkommission
der G. Deutschlands« unter dem Vorsitz Carl Legiens gebildet wurde. Schon ein Jahr später
gehörten diesen freien G. 62 Zentralverbände mit insgesamt 278 000 Mitgliedern an. (2) Bereits
1868/69 hatten Max Hirsch und Franz Duncker den Au au liberaler Gewerkvereine betrieben.
(3) Nach Anfängen zur Mitte der 1890er Jahre konstituierte sich 1899 unter der Führung Adam
Stegerwalds mit dem »Gesamtverband der christl. G. Deutschlands« die dritte politische
Strömung.

Im Kaiserreich bauten v. a. die freien und die christl. G. ihre Organisationsstrukturen zu einem
dichten Netzwerk der Arbeiterbewegung mit hauptamtlichen Funktionären, Verbandspresse,
Jugendgruppen und G.-Schulen aus. Daneben existierten wirtschaftsfriedliche sog. Gelbe G.,
die zumeist von Unternehmern initiiert und nanziert wurden und für eine enge Kooperation
von Arbeit und Kapital eintraten, sowie ethnisch geprägte G. (so etwa die Polen in
Deutschland). Das strukturprägende Merkmal des dt. G.-Systems blieb bis 1933 seine doppelte
Di ferenzierung, die sich einerseits in der Berufs- und Berufsverbandorientierung, andererseits
in der politischen Weltanschauung widerspiegelte.
/
Obwohl 1864 das Streikrecht in Frankreich durchgesetzt wurde, verhinderten staatliche
Repressionen zunächst eine stärkere gewerkschaftliche Institutionalisierung, da lediglich
temporäre Zusammenschlüsse gebilligt wurden. Weitere Rückschläge − wie die
Niederschlagung der Commune 1871 − trugen dazu bei, dass erst 1886 der erste nationale G.-
Verband entstand. Zu Beginn der 1890er Jahre entwickelte sich die stark vom
Anarchosyndikalismus geprägte Fédération des Bourses du Travail (»Verband der G.-Häuser«).
Im Rahmen der 1902 als Dachverband gegründeten Confédération Générale du Travail (CGT;
»Allgemeiner Arbeitsverband«) schlossen sich die beiden Hauptströmungen der französischen
G.-Bewegung zusammen.

Jürgen Mittag

4. Politische Ziele und Handlungsinstrumente

Ebenso wie die Organisationsformen variierten auch die Ziele und Handlungsinstrumente der
G. in ihrem jeweiligen Aktionskontext beträchtlich. Zu g.-ähnlichen Handlungsinstrumenten
im Vormärz zählten – sowohl von Einzelpersonen wie auch von Berufsgruppen verfasste –
Bittschriften, Beschwerden und Petitionen, durch die mit legalen Mitteln versucht wurde,
soziale Verbesserungen zu erreichen. Zudem trugen die G. Rechnung für Arbeitsnachweise und
Arbeitsvermittlung der von ihr repräsentierten Berufe oder lokalen Räume. Hiervon zu
di ferenzieren sind verschiedene Formen des (Unterschichten-)Protests [9].

Neben Subsistenzprotesten, die auf die Sicherung der notwendigsten Lebensbedürfnisse


ausgerichtet waren (Hungerkrisen), kam es im Vormärz zu gruppenspezi schen Protesten,
wenn etwa Weber (Webereigewerbe) eine Verbilligung der Garnpreise forderten oder mit
Lohnstreiks darauf zielten, Lohn und Brotpreis in Einklang zu bringen (Lohnarbeit;
Lebensmittelunruhen). Mit sog. Bewahrungsprotesten wurde die hergebrachte Lebensweise
verteidigt und gegen die Anforderungen der au ommenden Industrialisierung protestiert.
Anti-Gewaltproteste richteten sich gegen Übergri fe der Obrigkeit und des Militärs. Nicht alle
dieser Protestformen weisen einen unmittelbaren Bezug zu G. auf, als Vorstufen der
organisierten Selbsthilfe sind sie jedoch von Bedeutung. Im engeren Sinne gelten allein
Proteste gegen die Bedingungen und Folgen des Lohnarbeitsverhältnisses als g.-nahe
Handlungsinstrumente.

Richteten sich die Proteste im Vormärz v. a. gegen den Staat, so wurden in der zweiten Hälfte
des 19. Jh.s zunehmend Unternehmer zu den Adressaten des Protests. Als kartellartige
Selbsthilfeorganisationen konzentrierten sich westeurop. G. darauf, die Stellung ihrer
Mitglieder in der betrieblichen Produktion zu verteidigen und innerproletarische Konkurrenz
zu begrenzen. Die wachsende Bereitschaft zum Arbeitskampf und zur Arbeitsverweigerung − v. 
a. in der ersten großen Streikwelle während des Gründerbooms (1871–73) − sowie der Boykott
g.-feindlicher Arbeitgeber dienten als wirksame Instrumente, um höhere Löhne und niedrigere
Arbeitszeiten durchzusetzen. Gleichzeitig trugen sie auch dazu bei, solidarische Hilfe in Form
von Streik- und Unterstützungsvereinen zu etablieren.

/
Verwandte Artikel: Arbeit | Arbeitsniederlegung | Gewerke | Soziale Kon ikte | Sozialpolitik |
Vormärz

Jürgen Mittag

Bibliography

[1] W. A , Fachverein – Berufsgewerkschaft – Zentralverband. Organisationsprobleme


der dt. Gewerkschaften 1870–1890, 1982

[2] F. B , Arbeitskämpfe und Gewerkschaften in Deutschland, England und Frankreich. Ihre


Entwicklung vom 19. zum 20. Jh., 1992

[3] U. B (Hrsg.), Geschichte der dt. Gewerkschaften von den Anfängen bis 1945, 1987

[4] G. B , Gewerkschaften und Gewerkschaftspolitik, in: Handwb. der


Staatswissenschaften, Bd. 4, 41927, 1121–1149

[5] M. C , Early Trade Unionism. Fraternity, Skill and the Politics of Labour, 2000

[6] C . E , Dt. und engl. Gewerkschaften: Entstehung und Entwicklung bis 1878 im
Vergleich, 1986

[7] U. E , »Nur vereinigt sind wir stark.« Die Anfänge der dt.
Gewerkschaftsbewegung 1862/63 bis 1869/70, 2 Bde., 1977

[8] H.-O. H / K. T. S (Hrsg.), Geschichte der Gewerkschaften in der


Bundesrepublik Deutschland. Von den Anfängen bis heute, 1990

[9] A. H , Unterschichtenprotest in Deutschland 1790–1870, 1988

[10] W. K , Die Gewerkschaftsbewegung. Die Darstellung der gewerkschaftlichen


Organisation der Arbeiter und Arbeitgeber aller Länder, 3 Bde., 21908

[11] M. S , Kleine Geschichte der Gewerkschaften. Ihre Entwicklung in Deutschland


von den Anfängen bis heute, 1989 (Neuau . 2000)

[12] S. W / B. W , Die Geschichte des britischen Tradeunionismus, 1895

[13] C. W (Hrsg.), La France Ouvrière. Histoire de la classe ouvrière et du mouvement


ouvrier français. 3 Bde., 1993–1995.

Cite this page

Mittag, Jürgen, “Gewerkschaft”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit
den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_274017>
First published online: 2019
/
/

Das könnte Ihnen auch gefallen