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Vorbereitungsseminar

Praxissemester -
Bildungswissenschaften
Dr. Bernadette Bernasconi
Bildquelle: deutsches-schulportal.de
Empirische Bildungsforschung

„Die Empirische Bildungsforschung untersucht die Bildungsrealität in einer Gesellschaft, wobei der
Schwerpunkt auf der institutionalisierten Bildung liegt.
Bildungsforschung fragt im Kern, wie Bildungsprozesse verlaufen, wer welche Qualifikationen und
Kompetenzen im Bildungssystem erwirbt, wovon dieser Qualifikations- und Kompetenzerwerb
abhängig ist und welche Auswirkungen er hat.“ (Gräsel 2015, 15f.)

Beispiele:
▪ Internationale und nationale Leistungsvergleiche: PISA, IGLU, TIMMS etc.
▪ Soziale Selektivität des Bildungswesens
▪ Soziale Herkunft und Bildungserfolg
▪ Bildungspanel - Längsschnittstudien
▪ Unterrichtsqualität - Förderung von Kompetenzen
▪ Forschung zu Kompetenzen des pädagogischen Personals
Empirische Bildungsforschung

▪ Ziel: Analyse der Lern- und Bildungsprozesse als Ausschnitt der sozialen Realität
▪ Zwei Grundannahmen zum Verstehen sozialer Realität: Sie ist…

objektiv gegeben subjektiv konstruiert


Annahme einer objektiven Realität zeigt sich in der Formulierung und Soziale Realität als subjektives Konstrukt ist bestimmt durch den
empirischen Prüfung von Theorien als Abbild der in dieser Realität individuellen Sinn jedes Einzelnen, daher wird der Einzelfall betrachtet
vorfindlichen Gesetzmäßigkeiten, Mustern und Regelhaftigkeiten und erst durch vergleichende Betrachtungen Theorien abgeleitet.

Beispiel Hypothese/Fragestellung: Beispiel Fragestellung:


▪ Wenn SchülerInnen über eine hohe Lernmotivation verfügen, weisen sie ▪ Wie erleben SchülerInnen in inklusiven Settings ihre
einen höheren Wissenszuwachs auf. Klassengemeinschaft?
▪ Finden sich die bekannten Befunde zum mathematischen Selbstkonzept ▪ Wie gehen SchülerInnen mit schlechten Noten in Klausuren um?
von Mädchen und Jungen auch an meiner Praktikumsschule?
Qualitativ oder quantitativ?
▪ Bei … spielt die numerische Darstellung empirischer Sachverhalte
eine entscheidende Rolle.
▪ Bei …fallen Daten an, welche nicht standardisiert erhoben werden.
▪ … legt Wert auf Repräsentativität der Ergebnisse.
▪ Bei … werden Theorien generiert.
▪ …will die soziale Wirklichkeit untersuchen.
▪ In der … ist die Kontrollierbarkeit der Erhebungssituation von entscheidender
Bedeutung.
▪ … legt den Fokus auf den Einzelfall.
Überlegen Sie mal: qualitativ oder
quantitativ?
Qualitatives Paradigma Quantitatives Paradigma

Bei …fallen Daten an, welche nicht Bei … spielt die numerische Darstellung
standardisiert erhoben werden. empirischer Sachverhalte eine entscheidende
Rolle.

… legt den Fokus auf den Einzelfall. … legt Wert auf Repräsentativität der
Ergebnisse.

Bei … werden Theorien generiert. In der … ist die Kontrollierbarkeit der


Erhebungssituation von entscheidender
Bedeutung.

…will die soziale Wirklichkeit untersuchen.


Qualitative und Quantitative
Forschungsmethoden
▪ Qualitative Sozialforschung und Quantitative Sozialforschung sind zwei große Hauptströmungen
innerhalb der empirischen Sozialforschung
▪ Beide Ansätze verfolgen das gleiche Ziel: Untersuchung der sozialen Gegebenheiten
▪ Quantitative Methoden sind theorie- oder hypothesenprüfend angelegt.
▪ Qualitative Methoden fokussieren den Einzelfall und leiten bei entsprechendem Interesse eine
Theorie oder ein Konzept aus der Einzelfallbetrachtung ab (Reinder/Ditton 2015, 52)
Unterschiede in den beiden Forschungsausrichtungen:
▪ Grundannahmen
▪ Datenerhebungsverfahren
▪ Rahmenbedingungen des Datengewinn: z.B. Stichprobe
▪ Datenformen
Qualitative und Quantitative
Forschungsmethoden
Quantitativ Qualitativ
Intention Erklären Verstehen
(Ursache-Wirkung) (Bedeutung)
Forschungsstil hypothesenprüfend explorativ

Erkenntnisgewinn deduktiv induktiv

Datengewinn ‚objektives‘ ‚subjektives‘


Messen Interpretieren
Forschungsprozess relativ festgelegt offen

Auswertung statistische Auswertung Sinnzuschreibung,


Typenbildung
Mixed Methods – die Kombination qualitativer und
quantitativer Verfahren

Standardisierter
Gruppendiskussion Fragebogen
mit Kindern
Beobachtungsbogen
Qualitatives Interview zu Interaktionen
mit Lehrerin
Teilnehmende
… Beobachtung
Literatur

• Kelle, Udo (2007): Die Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der empirischen
Sozialforschung. Wiesbaden: VS-Verlag

• Baur, N.; Blasius, J. (Hrsg.) (2019): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung.2. Aufl. Wiesbaden:
VS
• Reinders, H.; Ditton, H.; Gräsel, C.; Gniewosz, B. (Hrsg.) (2015): Empirische Bildungsforschung. Strukturen und
Methoden. Wiesbaden: VS
Forschungsmethode:
Interview
Interview

• „Das Interview dient als offene Befragungsmethode dazu, subjektive Sichtweisen,


Handlungsmotive und Bedeutungszuschreibungen zu erfassen und bedient sich der formalen
Regeln der Alltagssprache.“ (Reinders 2015, 95)

• „Jedes Interview ist Kommunikation, und zwar wechselseitige, und [...] Interaktion und
Kooperation. Das ‚Interview’ als fertiger Text ist gerade das Produkt [...] von Erzählperson und
interviewender Person - das gilt für jeden Interviewtypus. (...)
• Interviews sind immer beeinflusst, es fragt sich nur wie. Es geht darum, diesen Einfluss kompetent,
reflektiert, kontrolliert und auf eine der Interviewform und dem Forschungsgegenstand
angemessenen Weise zu gestalten.“ (Helfferich2005, 10)

Bildquelle: https://de.dreamstime.com/illustration/interview-sitzung.html
Leitfadeninterview

▪ Strukturierung des Interviews durch eine vorgegebene Themenabfolge


▪ Strukturierung durch verschriftliche Fragen, die auf jeden Fall zur Sprache kommen sollen
(Leitfragen)
▪ Leitfaden dient als Orientierungshilfe und Gedächtnisstütze
▪ Ziel: etwas Bestimmtes in Erfahrung bringen oder für einen Vergleich von Interviews
▪ Offenheit versus Strukturierung: so offen wie möglich, so strukturiert wie nötig!
▪ Voraussetzung: Man muss etwas wissen (Vor-Verstehen), damit man weiß, was man wie
fragen möchte!
Übung

1. Lesen Sie die Beispiele für Leitfadeninterviews und


tauschen Sie sich aus, was Ihnen auffällt.
2. Lesen Sie die Richtlinien zur Leitfadenentwicklung und die Formulierungen der Leitfragen.
3. Formulieren Sie gemeinsam mögliche Fragen für ein Leitfadeninterview eines (möglichen)
Studienprojektes aus Ihrer Gruppe.
Fehlerquellen bei Leitfadeninterviews
(Reinder 2015, 104f)

▪ Unterbrechung des Redeflusses


▪ Suggestivfragen, die den Interviewten eine bestimmte Antwort oder Antworttendenz nahe
legen („Finden Sie nicht auch, dass ...“)
▪ Belehrungen, bei denen Interviewte in ihren Antworten korrigiert werden
▪ zu lange und/oder unverständliche Fragen
▪ Informationen verschenken, weil Befragte ein Thema adressieren, das für den Forschenden
nicht von Belang ist, sich aber als relevant herausstellen können
▪ Uninteressantes fortführen
▪ Anonymitätsverletzungen, die dem Befragten signalisieren, dass das Gespräch nicht
vertraulich behandelt wird
Forschungsmethode:
Beobachtung
Beobachtung

„Die absichtliche, aufmerksam-selektive Art des Wahrnehmens, die ganz bestimmte Aspekte
auf Kosten der Bestimmtheit von anderen beachtet, nennen wir Beobachtung. Gegenüber dem
üblichen Wahrnehmen ist das beobachtende Verhalten planvoller, selektiver, von einer
Suchhaltung bestimmt und von vorneherein auf die Möglichkeit der Auswertung des
Beobachteten im Sinne der übergreifenden Absicht gerichtet.“ (Graumann, 1966, S. 86)
➢ Absicht, Selektion, Auswertung

Weitere Bedingungen:
▪ Starke Zielgerichtetheit
▪ Methodische Kontrolle
▪ Intersubjektive Überprüfbarkeit

Beispiel: „Beobachtung auf dem Schulhof “


Beobachtungsformen

▪ Rolle des Beobachters: Nicht-Teilnahme, Vollständiger Beobachter, Teilnehmer, Moderate


oder periphere Beteiligung, Teilnehmer als Beobachter/aktiver Teilnehmer
▪ Grad der Offensichtlichkeit der Beobachtungssituation: offen oder verdeckt
▪ Grad der Standardisierung: Freie, halbstandardisierte und standardisierte Beobachtung
▪ Beobachtungsfokus: Fremd- und Selbstbeobachtung
▪ Technisch vermittelte vs. unvermittelte Beobachtung
Klassifikation von Beobachtungen

offen verdeckt
teilnehmend nicht-teilnehmend
unsystematisch systematisch
natürliche Situation künstliche Situation
Selbstbeobachtung Fremdbeobachtung
Übung

1. Lesen Sie das Beispiel der Beobachtung und leiten Sie daraus ab,
wie Beobachtungen geschrieben werden.
2. Lesen Sie ergänzend die Anmerkungen zum Schreiben von
Beobachtungen: Welche Vor- und Nachteile hat diese Methode?
3. Lesen Sie die Deutung der Beobachtungsszene und tauschen Sie
sich darüber aus.
Beobachtung

Jede Beobachtung ist bereits


Interpretation!

Jede Beobachtung ist immer nur ein


Momentausschnitt!

Jede Beobachtung muss reflexiv überprüft


werden („Warum sehe ich das so?“)
Beobachtung

▪ den natürlichen Interpretationsspielraum bedenken


▪ Daher empfiehlt sich das folgende Vorgehen:

Rahmen- Beobachtung Interpretation(en) Kontextabsicherung


bedingungen

10:27, Daniel schaut in Richtung des Daniel fühlt sich von der Lehrerin erwischt. Daniel schreibt häufig willkürlich
Klassenraum Nachbarn. Als die Lehrerin Buchstaben ohne Bezug zur
unvermittelt vor ihm steht, Daniel ist mit der Aufgabe überfordert. Aufgabenstellung in sein Heft.
erschrickt er und beginnt in sein …
Heft zu schreiben. Daniel versucht seinem Nachbarn zu …
helfen.
Fehlerquellen bei der Beobachtung

Durchführung
▪ Konsistenzeffekte (z.B. sog. Halo-Effekt): bestehender Gesamteindruck oder ein sehr
deutliches Einzelmerkmal beeinflussen weitere Urteile
▪ vorangegangene Informationen
▪ Projektion
▪ Emotionale Beteiligung
Auswertung
▪ Erinnerungsverzerrungen
▪ Falsche Wahl der Beobachtungsform
▪ Beobachtungssystem, d. h. die Art und Weise wie das Beobachtete klassifiziert und
protokolliert wird
Aufgabe
Abgabe: 09.06.2022

Entwickeln Sie eine Fragestellung


und ein Forschungsdesign für ein
mögliches Studienprojekt zum
inklusiven Unterricht.
Literatur

Forschung mit Kindern


• Hartnack, F. (Hrsg.) (2019): Qualitative Forschung mit Kindern. Herausforderungen, Methoden und
Konzepte. Wiesbaden: VS
• Honig, M.-S./Lange, A./Leu, H.R. (Hrsg.) Aus der Perspektive von Kindern? Zur Methodologie der
Kindheitsforschung (Reihe Kindheiten, Band 16)
Heinzel, F. (2000): Methoden der Kindheitsforschung. Ein Überblick über Forschungszugänge zur
kindlichen Perspektive
• Literaturliste Interviews/Qualitative Forschung mit Kindern und Jugendlichen, PH Freiburg:
https://www.ph-
freiburg.de/fileadmin/dateien/fakultaet3/sozialwissenschaft/Quasus/Literaturliste_Interviews_mit_Kin
dern.pdf
• Krüger, Heinz-Hermann: Forschungsmethoden in der Kindheitsforschung - In: Diskurs Kindheits-
undJugendforschung 1 (2006) 1, S. 91-115, abrufbar unter:
https://www.pedocs.de/volltexte/2009/987/pdf/Krueger_Forschungsmethoden_in_Diskurs_2006_1_D.
pdf
Literatur
Fragebogen
• Kallus, W.K. (2016): Erstellung von Fragebogen. 2. Aufl. Wien
• Kirchhoff, S.; Kuhnt, S.; Lipp, P.; Schlawin, S. (2010): Der Fragebogen. Datenbasis, Konstruktion und Auswertung. 5. Auf. Wiesbaden: VS
• Mummendey, H.D.; Grau, I. (2014): Die Fragebogen-Methode. Göttingen: Hogrefe
• Porst, R. (2014): Fragebogen. Ein Arbeitsbuch. 4. Aufl. Wiesbaden: VS
• Steiner, E.; Benesch, M. (2018): Der Fragebogen. Von der Forschungsidee zur SPSS-Auswertung. 5. Aufl. Wien
Interviewmethode
• Froschauer, U.; Lueger, M. (2020): Das qualitative Interview. 2. Aufl. Wien
• Hellferich, C. (2011): Die Qualität qualitativer Daten: Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden: VS
• Kruse, J. (2015): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. Weinheim und Basel: Beltz Juventa
• Kuckartz, U. (2018): Qualitative Inhaltsanalyse. Weinheim und Basel: Beltz
• Misoch, S. (2019): Qualitative Interviews. München: De Gruyter
• Nohl, A.-M. (2009): Interviews und dokumentarische Methode. 3. Aufl. Wiesbaden: VS
• Renner, K.-H.; Jacob, N.-C. (2020): Das Interview. Wiesbaden: VS
Beobachtung
• De Boer, H.; Reh, S. (Hrsg.) (2012): Beobachtung in der Schule - Beobachten lernen. Wiesbaden: VS
• Ophuysen, St.v.; Bloh, B.; Gehrau, V. (2017): Die Beobachtung als Methode in der Erziehungswissenschaft. München

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