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Prüfungsdauer: Abschlussprüfung 2017

240 Minuten an den Realschulen in Bayern

DEUTSCH Haupttermin
- Textgebundener Aufsatz -
Aufgabengruppe B Thema 8

Jedi-Radler
Homestory Als Fahrräder noch Bremsen hatten, fuhr man mit ihnen grußlos von A nach B.
Heute bestimmt das Design das Bewusstsein.
Vor ein paar Wochen beendeten vier Wörter 40 Und ich erinnerte mich, wie das Alte tun: Als
ein Stück Kontinuität in meinem Leben. ich mir das letzte Mal ein Fahrrad angeschafft
, sagte der Mann in der hatte, vor 13 Jahren, war das Wort Anschaffung
Werkstatt. Er könne das rostige Ding zwar re- noch treffend. Es bedeutete die Investition in
5 parieren, neue Reifen aufziehen, zum letzten etwas Solides, Langlebiges, es ging um Quali-
Mal die Kette wechseln. Er sprach von meinem 45 tät auf Dauer und nicht um den kurzen, modi-
Fahrrad wie ein Tierarzt von einem treuen, al- schen Kick. Ich war 16, und das Fahrrad mei-
ten Tier, aber da war keine Hoffnung mehr, und ner Wahl sah so gewöhnlich aus wie die meis-
ich wusste, er hatte recht. Nach 13 Jahren wur- ten. Es war graublau, hatte einen Gepäckträger,
10 de es Zeit für ein neues Fahrrad. und der Lenker stand so hoch, dass man auf-
Ein paar Tage später besuchte ich ein Fahrrad- 50 recht sitzen konnte wie auf einem Thron. Auch
fachgeschäft. Vor 13 Jahren standen in Fahr- Schutzbleche und Lichter fehlten nicht. Alles
radfachgeschäften noch Fahrräder. Heute ste- hatte seine Ordnung.
hen dort gern Ledersessel und Designerlampen, Heute dagegen: Urban Bikes, höchstens fin-
15 und von der Decke rieselt Jazzmusik. Der La- gerdicke Reifen, Fixies ohne Schaltung und
den meiner Wahl kam mir vor wie ein Atelier, 55 Bremsen, jedes Detail eine Botschaft. Es gibt
eine sehr coole Reederei, eine Praxis für Trendforscher, die behaupten, das Fahrrad kön-
Schönheitschirurgie oder vielleicht ein redu- ne dem Auto als Statussymbol bald den Rang
zierter Möbelladen auf jeden Fall nicht wie ablaufen. Umweltfreundlich, sportlich, durch-
20 ein Geschäft, in dem es um Kettenfett und Na- aus teuer, aber nie protzig sozialverträg-
benschaltungen geht. 60 liche Understatement des , stand neu-
Maßanfertigung, läuft alles übern Compu- lich im Gesellschaftsteil einer Tageszeitung,
, rief der Verkäufer, der meine Irritation passe gut in unsere Zeit. Es ist eine Zeit, so
bemerkte. Er winkte mich auf einen der Sessel scheint es, in der es keine Feldwege mehr gibt,
25 zu sich heran, um auf dem Laptop-Bildschirm die zu alten Tanten führen, die Apfelkuchen
mein neues Fahrrad mit mir zu entwerfen. Ho- 65 backen. Mit den Sin-
he oder niedrige Felgen, Schwung des Lenkers, glespeedern , pendelt man nur noch zwischen
Dünne der Reifen; es gab viel zu entscheiden. Loft und Vernissage, Büro und Kino.
Den Sattel aus Jungbullenleder und den Rah- Die angesagteste Variante ist das Fixie, es
30 men aus honduranischem Mahagoniholz? We- verfügt über nur einen Gang, hat keinen Frei-
nige Klicks genügten, und der Preis eines 70 lauf und ist so leicht, dass man spielend aus
Kleinwagens blinkte auf. dem Stand beschleunigt. Fahrradkuriere der
Sicher, sagte der Verkäufer, es ließen sich ein Dreißigerjahre sollen es als Erste für sich ent-
paar Euro sparen, wenn ich, wie die meisten deckt haben, natürlich in New York. Mittler-
35 Kunden heutzutage, auf Ständer, Gangschal- weile kann man auch in deutschen Städten Ma-
tung und Bremsen verzichtete. Das sehe ja oh- 75 nager im Anzug sehen, die darauf zur Arbeit
aus. Ein fahren.
Fahrrad ohne Bremsen? Ich kam mir mit 29 Ich habe neuerdings Bekannte, die mit Retro-
plötzlich sehr altmodisch und spießig vor. rädern lieber ihre Wohnungen dekorieren, als
damit über den Asphalt zu rollen. Sie haben
80 den Geist der Zeit offenkundig besser verstan- Am Anfang glaubte ich, es sei die ungewohn-
den als ich und wissen, warum in Möbelge- te Haltung, stets wie ein Rennfahrer über den
schäften jetzt Fahrräder stehen und in Fahrrad- Lenker gebeugt, immer entschlossen auf ein
läden Designermöbel. Bis vor Kurzem war ich Ziel zu, selbst wenn man nur so vor sich hin
mir sicher, dieser Mode nicht zu erliegen, dass 105 radelt. Modern und dynamisch auszusehen auf
85 ich sie ignorieren würde wie andere auch. Aber dem Weg zum Bäcker, immer diese Erik-
es kam anders. Zabel1-Ausstrahlung während einer Sprintprü-
fung bei der Tour de France. Schon auch lä-
cherlich.
110 Aber vor allem ist da noch etwas, das ich
nicht kommen sah. Früher bin ich Fahrrad ge-
fahren, habe an nichts weiter gedacht und ging
im Straßenverkehr anonym unter, ein Jeder-
mann. Heute nicken mir andere Fixie-Fahrer
115 geheimnisvoll zu, als gehörten wir zu einem
Orden. Als teilten wir irgendein exklusives
Wissen, als wären wir irgendwie geadelt durch
unseren besonderen Geschmack, unsere Nähe
zum Zeitgeist, und müssten uns deshalb ir-
Je mehr ich über neue Fahrräder las und lern- 2
120 gendwie grüßen. Jedi-Ritter des Drahtesels
te, desto stärker nahm ich sie im Alltag wahr.
oder so was, und das ist natürlich erst recht
Ich sah sie bald nicht mehr nur an jeder Stra-
peinlich.
90 ßenecke, sondern auch in Schaufenstern von
Wenn mir jetzt in Glasfassaden mein Spiegel-
Modehäusern, Computerläden und Bankfilia-
bild entgegenkommt, unter mir das leichte,
len. Die Urban Bikes verfolgten mich. Und
125 schnelle, schicke Rad, schäme ich mich fast ein
endlich holten sie mich ein.
wenig. Denn da fährt einer von diesen Typen,
Vor zwei Wochen kaufte ich mir ein Fixie,
die einem Trend aufgesessen sind.
95 ohne Gangschaltung, aber mit Bremsen. Es ist
bordeauxrot, leicht wie eine Feder und schnell Claas Relotius
wie der Wind. Ich sollte mich über mein neues
Fahrrad freuen. Es hat mich immerhin mehr als
einen Monat Miete gekostet. Und doch ist da 1 Erik Zabel ist ein ehemaliger deutscher Radprofi.
100 etwas, das mich stört. 2 Jedi-Ritter: Figur aus den Star-Wars-Filmen

Aufgabenstellung
Lesen Sie den Text - sorgfältig durch und bearbeiten Sie dann die folgenden Aufgaben.
Bei Nummer 5 können Sie a oder b wählen.
1. Fassen Sie den Inhalt des Textes so zusammen, dass der Aufbau erkennbar wird.
2. Belegen Sie anhand wichtiger Merkmale, um welche Textsorte es sich handelt, und untersuchen Sie
dabei auch die Funktion der Illustration.
3. Beschreiben
a) WarumSie Wortwahl
spielen in und Satzbau
unserer im Abschnitt
Gesellschaft von
Trends Zeile wieder
immer 94 bis 127. Gehen SieRolle?
eine wichtige dabei auch auf
deren z.
Wirkung ein.
B. konsumorientierte Gesellschaft; Interessen der Industrie, Hang zum Individualismus
4. Welche Absichten könnte der Autor mit
(Abgrenzung von anderen), seinem Text
übersättigte verfolgen?
Gesellschaft
5. a) Warum folgen gerade Jugendliche häufig aktuellen Trends?
oder
b) Verfassen Sie einen Werbetext, der über ein alltägliches Produkt informiert, das aber als
und modern positioniert werden soll.

Textquelle: Der Spiegel, 02.05.2015

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