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§ 1.

Einführung in das Völkerrecht


A. Über das Völkerrecht Rn. 1ff.
I. Begriff und Funktion des Völkerrechts
Der Begriff Völkerrecht ist aus dem „ius gentium“ abgeleitet. Das ist das Recht,
von dem die Römer annahmen, dass sie allen Völkern gemeinsam waren und
daher auch auf Nichtbürger Anwendung fanden. Im Völkerrecht geht es um Rechte
und Pflichten der Staaten 1(und anderer Völkerrechtssubjekte, d. h. Träger
völkerrechtlicher Rechte und Pflichten). Diese Orientierung auf die
zwischenstaatliche Dimension der Hoheitsgewalt kommt in anderen
Sprachen deutlicher zum Ausdruck (z.B. public international law).

Sie bietet die rechtliche Grundlage und notwendigen Handlungsinstrumente, um


internationale Beziehung in verbindlicher Weise zu regeln. Es dient dazu, Bindungen
zu intensivieren und Rechtssicherheit zu vermitteln. Das Recht ist auch für die
Verfestigung institutioneller Strukturen unverzichtbar. Zudem vermag das
Völkerrecht als kritischer Maßstab das Verhalten von Akteuren zu legitimieren
oder zu delegitimieren.

Das Völkerrecht diente seit Ende des Dreißigjährigen Krieges der


Machtkoordination, so sind seit dem 20. Jhdt auch kooperative Elemente
enthalten. Mittlerweile wirkt das Völkerrecht in den staatlichen Binnenbereich
hinein, va bei Maßnahmen internationaler Organisationen gegenüber den
Mitgliedern.

Übergang von partikulärem Völkerrecht zu völkerrechtlichen Regeln mit


universellem Regelungsanspruch
➢ Globalisierung: Ausweitung der politischen Aktions- und Wirkungsräume löst
Abwehrreflexe aus → Notwendigkeit einer regionalen (Regionalisierung)
und nationalen Lösung (koordinierende und kooperative Funktion)
➢ Ausweitung der Regelungsgegenstände des Völkerrechts:
Friedenssicherungsrecht, Konfliktregulierung, Ordnung der Weltwirtschaft,
Ausgleich zwischen Ländern, Individualschutz, Umwelt- und Klimaschutz

1
Rechtsbeziehungen zwischen Staaten (inter nationes) oder andere
Völkerrechtssubjekte /
II. Geltungsgrund des Völkerrechts? Rn. 5ff.
Im staatlichen Recht wird die Frage nach dem Geltungsgrund des Rechts
weitgehend an die Rechts- und Staatstheorie überwiesen. Im demokratischen System
des Grundgesetzes findet die staatliche Rechtsordnung ihre Geltungsgrundlage und
zugleich ihre Legitimation (vgl. Art. 20 Abs. 2 S. 1 GG)
1. Naturrechtliche Begründung
Die Naturrechtslehren der Scholastik und der frühen Neuzeit suchten die
Begründung des Völkerrechts in einer göttlich bzw durch die Vernunft vorgeprägten
Ordnung, die der Souveränität des Monarchen bzw des Staates unübersteigbare
Grenzen setzt.
➢ Kritik: solcher christlich-abendländisch geprägter Ansatz taugt nur bedingt als
Grundlage für das Völkerrecht einer pluralistischen Welt → (-) rein
naturrechtliche Begründung im modernen Völkerrecht
2. Normativistische Begründung Rn. 7ff.
Das klassische Gegenstück zur Naturrechtslehre verkörpert der Positivismus. Der
Rechtspositivismus führt die Geltung von Recht allein auf einen Akt der
Rechtsetzung zurück.
Der staatsrechtliche Positivismus sah den Willen der Staaten sich zu binden als das
entscheidende Kriterium (= Staatswillentheorie). Nach der Lehre der Wiener Schule
muss jede Norm von einer übergeordneten Norm abgeleitet werden, um gültig zu sein
Das Problem, dass der Staat sich auf dieser Grundlage einseitig seinen Bindungen zu
entziehen vermag, begegnete Heinrich Triepel (1868-1946) dadurch, dass er vom
Einzelwillen einen „Gemeinwillen“ unterschied, der die Regeln der Verpflichtung und
Entpflichtung trug und nicht einseitig veränderbar sein sollte.

➢ Staatsrechtliche Positivismus/Staatswillentheorie (Jellinek):


entscheidendes Kriterium sei der Wille der Staaten
o Kritik: Triepel: „Gemeinwillen“ elementar → Verpflichtungen und
Entpflichtungen sollten nicht einseitig veränderbar sein
➢ Wiener Schule (kelsen): Rechtssystem entfalteter Positivismus
o Jede Norm muss von einer übergeordneten Norm abgeleitet werden,
um selbst gültig d. h. Bestandteil der Rechtsordnung zu sein
▪ an der Spitze des Stufenbaus der Rechtsordnung steht eine
Grundnorm aufgrund der Verbindlichkeit des Rechts
(Grundsatz: pacta sun servanda: „Verträge sind einzuhalten“)
▪ Geltung des Völkerrechts (+) innerhalb eines bereits
existierenden völkerrechtlichen Systems
3. Konsenstheorie (Rn 9ff.)
Durchgesetzt hat sich in der Völkerrechtswissenschaft weitgehend ein konsensuales
Modell. Er bezieht sich nicht nur auf die einzelnen Völkerrechtsnormen, sondern
auch auf die Rechtserzeugungsverfahren, die Ideen der Geltung und der universellen
Bindungskraft. Dieses Modell beruht auf anspruchsvollen Voraussetzungen und
Unterstellungen.
➢ Model beruht auf Voraussetzungen und Unterstellungen
o Schwierige Nachweisbarkeit/Widerlegbarkeit des Konsenses
➢ Kritik: faktisch betrachtet haben nicht alle Staaten dieselbe Machtposition →
größeres politisches Durchsetzungsvermögen
➢ Solche blinden Flecken der vorherrschenden Lehre aufzudecken ist ein
Verdienst v.a. der Critical Legal Studies und verschiedene Ansätze der New
Approaches to International Law (NAIL)
➢ Erhaltung von Machstrukturen verfehlt dem Charakter des Völkerrechts →
„gentle civilizer of nations“
4. Zwangstheorie (Rn. 11)
Überwunden ist die sogenannte Zwangstheorie des Rechts. Diese sah die Geltung von
Recht an die Existenz von Zwang gekoppelt daher fehle der Rechtscharakter des
Völkerrechts aufgrund schwächeren Durchsetzungsmechanismen
➢ Kritik: wenig überzeugend → auch im nationalem Recht sind Normen, die
keine Rechtsfolge bzw. Sanktion an den Tatbestand knüpfen, verbindlich
(Beispiel: § 762 BGB)
o unabhängige Beurteilung der Durchsetzbarkeit und Verbindlichkeit der
Norm
o Völkerrechtsbrüche nicht Beleg für mangelnde Verbindlichkeit des
Völkerrechts → Arg: Rechtsbrüche auch innerhalb staatlicher
Rechtsordnung + Durchsetzung des Völkerrechts durch internationale
Gerichte
5. „Realistische“ Schulen Rn. 13ff.
Die Zwangstheorie wirkt bis heute in der „realistischen“ Schule der Internationalen
Beziehungen. Die Begründer dieser Theorie kamen nicht zuletzt unter dem Eindruck
wiederholter schwerer Völkerrechtsbrüche während der NS-Zeit zu der Ansicht, dass
Völkerrecht eine Form internationaler Moral ohne rechtliche Bindungskraft sei.
Nicht im Recht, sondern allein in der Macht und im Streben nach ihr soll danach das
bestimmende Moment der internationalen Beziehungen liegen.
Kritik: Für die Begründung nicht anschlussfähig, da Begründung, Interpretation und
Durchsetzung von völkerrechtlichen Normen im Vordergrund stehen

New Haven School: leugnet nicht die Relevanz des Völkerrechts aber relativiert
ihre Bedeutung
- Aus Sicht ihres policy-oriented approach gibt es kein Primat/Vorrang des
Völkerrechts vor Politik
- Sei Abwägungsgesichtspunkt im außenpolitischen Entscheidungsprozess
- Kritik: entspricht zwar US-Außenpolitik jedoch nicht als normatives
Grundmodell der internationalen Beziehungen
6. Begründung vom Menschen her (Rn. 15f)
Allen vorgestellten Ansätzen ist gemeinsam, dass sie zur Begründung auf den Willen
des Staates abstellen, die Geltung des Völkerrechts also zwischenstaatlich begründen.
Georges Scelle hat das Völkerrecht aus der zwischenmenschlichen Solidarität heraus
entwickelt. Sein Model stellt die Geltung des Völkerrechts auf einen natürlichen Hang
des Menschen zur Assoziierung und damit auf die Bildung von Gesellschaften
zurückgeführt wird, gilt er als Begründer der soziologischen Schule. Aus so einer
anthropozentrischen Perspektive sind Staaten nur instrumentelle Institutionen →
sorgen für den Schutz der Menschen
Anhänger Heute begründen damit: Recht auf humanitäre Intervention, wenn Staat
deiner Schutzverantwortung nicht nachkommt
7. Letztbegründungen und soziale Praktiken (Rn. 16)
Die Frage nach dem Geltungsgrund wird sich nie befriedigend beantworten können.
Hier gilt das Münchhausen Trilemma: Münchhausen-Trilemma: besagt, dass jede
Definition oder Begründung a) zirkulär ist oder b) in einen unendlichen Regress führt
oder c) eine dogmatische Setzung darstellt. Dadurch scheitern jegliche Versuche für
eine Letztbegründung. Dies ändert nichts an der Existenz von Völkerrecht als soziale
Praxis. Es gibt das Völkerrecht, und Staaten messen ihm Bedeutung zu, indem sie
teilweise erheblichen Aufwand und Ressourcen investieren, um völkerrechtliche
Verträge auszuhandeln. Ein Staat, der sich als unzuverlässig bei der Einhaltung
seiner Rechtspflichten erweist, wird Schwierigkeiten haben von anderen Staaten ein
verbindliches Zusagen zu erhalten. Dies verdeutlicht zugleich, dass Reziprozität wenn
auch kein Rechtsprinzip, so doch eine wichtige Triebfeder bei der Entstehung und
Entwicklung des Völkerrechts ist.
III. Besonderheiten im Umgang mit dem Völkerrecht Rn. 17
Der Umgang mit dem Völkerrecht stellt einen Juristen vor Herausforderungen.
Dies liegt vor allem an den Rechtsquellen: Weit mehr als im innerstaatlichen Recht
spielen ungeschriebene Rechtsgrundsätze eine Rolle. Da das Gewohnheitsrecht ua
auf einer internationalen Praxis beruht, sollte man zu seiner Begründung über
politische und (zeit-)geschichtliche Kenntnisse verfügen. Als Hilfsmittel zur
Ermittlung ungeschriebener Völkerrechtsnormen dienen Entscheidungen
internationaler oder nationaler Gerichte oder Schiedsgerichte.

Bei der Konkretisierung allgemein gehaltener Normen (= zB des Rechtsgrundsatzes


von Treu und Glauben, des gewohnheitsrechtlichen Instituts der billigen und fairen
Aufteilung geteilter Wasserresourcen) müssen mithilfe solcher Kenntnisse Antworten
in einer behutsamen Mischung aus Induktion 2 und Deduktion3 gefunden werden.

Viele Begrifflichkeiten und Wendungen im Völkerrecht entstammen der lateinischen,


der französischen und englischen Sprache. Hieran kann man Epochen der

2
(= Argumentieren von Einzelfällen zu einer gemeinsamen Regel hin)
3
(= Argumentieren von einer abstrakten Regel zum Einzelfall hin)
Völkerrechtsentwicklung ablesen: Bis in die Zeit der Aufklärung war das Lateinische
die universelle Sprache von Wissenschaft und Recht.

Hierauf verweisen noch der Begriff consuetudo (= Gewohnheit) oder der Grundsatz
in parem non habet imperium (= ein Gleicher hat über einen Gleichen keine
Herrschaftsgewalt). In der Begegnung mit fremden Sprachen liegt oft auch eine
Begegnung mit fremden Rechtskulturen und fremden Rechtdenken.
B. Entwicklungsstufen des Völkerrechts
I. Geschichtlichkeit: Das Völkerrecht als Spiegel der Zeit Rn. 20
Das Völkerrecht spiegelt die Anschauungen seiner Zeit. Der Wandel der
Anschauungen lässt sich an der Überwindung des Kolonialvölkerrechts ablesen:
Unzivilisierte Völker, die von zivilisierten unterworfen werden, haben im heutigen
Völkerrecht keinen Platz mehr. Die Abhängigkeit von technischen Entwicklungen
lässt sich am Seevölkerrecht ablesen. Die Breite des Küstenmeeres wurde nach der
Reichweite der Kanonen bestimmt.
II. Von der Frühzeit bis 1945( Rn. 21 ff.)
Mit Sesshaft werden der Menschheit wurden Regeln notwendig, die das
Zusammenleben ordnen. Der Zuwachs von Herrschaftsbereichen führte zur
Aufnahme von Beziehungen → Entwicklung von Regelungen für den
„internationalen“ Bereich
Als ältester bekannter Vertrag gilt das Abkommen zwischen den Stadtstaaten Lagasch
und Umma in Mesopotamien aus dem Jahr 3100 v. Chr. In dieser Frühzeit ging es
ins. darum: Abgrenzung und Sicherung der Herrschaftsbereiche (Grenzverträge,
Bündnisverträge, Friedensverträge); Wirtschaftsbeziehung (Handelsabkommen)
Auch im hellenistischen Kulturkreis entwickelten sich durch Verträge und
Gewohnheit Normen heraus. Jedoch existierte das Völkerrecht noch nicht als
allgemein anerkannte übergeordnete Rechtsordnung. Das römische Reich lehnte es
explizit ab, nichtrömische Völker als gleichberechtigt zu sehen. Auch nach dem
Untergang des Imperium Romanum war die weitere Entwicklung für lange Zeit
gehemmt.4 Grund war, dass die persönliche Rechtsbeziehung der Fürsten im Fokus
stand und dadurch die Bildung eines allgemein zwischen den Herrschaftsverbänden
gültigen Rechtssystems. Im Mittelalter wurden von der Scholastik einige wichtige
Grundlagen des Völkerrechts gelegt. So hat Thomas von Aquin die Lehre vom
gerechten Krieg weiterentwickelt und in naturrechtliche Vorstellungen einer für alle
Herrschaftsverbände geltenden Rechtsordnung eingefügt.
Die Spätscholastiker des spanischen Zeitalters orientierten sich am Naturrecht und
relativierten den universellen Herrschaftsanspruch von Kaiser und Papst. Sie führten
das Erfordernis der Verhältnismäßigkeit von Zweck und Mitteln in das Kriegsrecht
ein.

4
Ius Civile römische Bürger; Nichtrömer ius gentium
Der Niederländer Hugo Grotius führte die Entwicklung des Völkerrechts fort,
indem er dieses auf eine doppelte Grundlage stellte: das ius gentium naturalis, dass
er aus der menschlichen Vernunft herleitete, und das ius gentium voluntarium, das
aus der Staatenpraxis entsteht.
Was verbirgt sich hinter den Diskussionen über die
Konstitutionalisierung und über die Fragmentierung des Völkerrechts?
(Rn. 29-34)

Mit Beginn des 19. Jhdt. traten außereuropäische Staaten auf die politische
Weltbühne. Diese sahen sich dem ius publicum europaeum verpflichtet.
(Orientierung an Europäischen Vorbildern) - Völkerrechtsgeschichtszuschreibung
wird im 20. J. kritisch hinterfragt (global history approach)
Mit dem 19. Jhdt. begann eine sprunghafte Zunahme völkerrechtlicher
Vertragsschlüsse – vorerst bilateraler Art. Multilaterale Verträge entstanden im
Bereich des humanitären Völkerrechts. In der Gründung früher internationalen
Organisationen kommt ein erstes Bemühen der ersten internationalen
Kooperation zum Ausdruck
Der Zusammenbruch der alten Ordnung im Ersten Weltkrieg verhieß eine neue Phase
der internationalen Beziehungen: Die Völkerbund-Zeit war geprägt von den
erfolglosen Versuchen den Weltfrieden zu sichern und zwischenstaatliche
Kooperation zu vertiefen
III. Konstitutionalisierungsprozesse im modernen Völkerrecht Rn. 29ff.

Durch die Globalisierung hat das auf Koordination angelegte Völkerrecht in den
Jahrzehnten nach 1945 einen stärker kooperativen Zugang erhalten.5 Je mehr
Probleme, die Staatsgrenze überschreiten, desto mehr wird nach einer
internationalen Lösung gesucht. In der Politikwissenschaft wird dieses Phänomen
unter dem Diskurs einer „Global Governance“ diskutiert. In der
rechtswissenschaftlichen Perspektive steht die Fortentwicklung des VR im
Mittelpunkt: zu beobachten → Vervölkerrechtlichung vieler Politikbereiche und
der Aufstieg der Internationalen Organisationen ab der zweiten Hälfte des 20. J.

Völkerrecht ist in inhaltlicher und institutioneller Hinsicht Strukturen ausgeprägt,


die an das innerstaatliche Recht erinnern. Hier setzt sich der sog. public law
approach im VR an. Ihm verwandt ist die Konstitutionalisierungsgschule.
Spielarten von „Konstitutionalismus“ und „Konstitutionalisierung“ sind dabei
vielfältig:
➔ z.T.: Idee einer internationalen Gemeinschaft in den Mittelpunkt gerückt mit
gemeinsamen Werten (v.a. Menschenrechte, Gewaltverbot)
➔ teils: stellt institutionell auf die Bedeutung starker Internationaler Organisation
ab (UN; Charta)
➔ a.A.: Ergänzungsverhältnis von staatlichen Verfassungen u. internationalem
Recht
→ a.A.: veränderte rechtliche Strukturen der internationalen Beziehung
5
Gemeinsame Maßnahmen gegen gemeinsame Probleme
→ Konstitutionalismus als analytisch-empirisches Projekt

Das moderne Völkerrecht weist eine Reihe von Elementen auf, die sich nur
bedingt in das Westfälische Modell einordnen lassen. Es kam zum universellen
Bekenntnis der Menschenrechte. Die Menschenrechte ermöglichen Kritik an
Zuständen im Inneren von Staaten und relativieren das Souveränitätsargument.
Durch die Institutionalisierung ist die souveräne Staatlichkeit unter Druck
geraten. Die Einordnung in Internationale Organisationen führt zu einem
Verzicht auf die Ausübung souveräner Rechte, am weitesten für die EU-
Mitgliedstaaten. Auch die UNO dringt in Bereiche staatlicher Politik vor, die durch
den Souveränitätsgrundsatz früher geschützt waren. Die weite Auslegung von
Frieden hat Konsequenzen für die Ausgestaltung innerstaatlicher Verhältnisse.
Soweit Friedensvoraussetzungen zu einem Staatengemeinschaftsinteresse
geworden sind, können die Staaten sich nicht mehr darauf zurückziehen, dass es
um interne Angelegenheiten gehe.

Es gibt Tendenzen im Völkerrecht, welche die Konstitutionalisierungsthese


unterstützen. Es handelt sich um allmähliche Prozesse und Strukturen, die sich
bisher herausgebildet haben, bleiben hinter denen staatlicher Verfassung weit
zurück. Der Aufstieg neuer Regionalmächte hat den konstitutionellen Optimismus
nach Ost-West-Konflikt etwas gedämpft. Die Rede vom „post westfälischen“ Zeitalter
geht zu weit. Umgekehrt das heutige Völkerrecht ist kein reines Koordinationsrecht,
sondern besitzt eine, wenn auch schwache ausgeprägte „Verfassungsschicht“. Als eine
„Denkhaltung“ kann die konstitutionelle Perspektive diese Wandlungen im
modernen Völkerrecht erklären und begleiten helfen.

Konstitutionalistische Perspektive hilft dabei, Zusammenhänge zwischen den


völkerrechtlichen Teilgebieten zu erkennen und einer von mancher diagnostizierten
Fragmentierung (Zergliederung) des Völkerrechts entgegenzutreten

C. Charakteristika des Völkerrechts Rn. 35ff.


I. Völkerrecht zwischen öffentlichem Recht und Privatrecht:
Die Eigenarten des Völkerrechts zeigen sich beim Vergleich des öffentlichen
Rechts mit dem Privatrecht: Der Staat schafft Recht durch Gesetze. Private wird
das Recht eingeräumt untereinander selbst Recht zu schaffen. Diese
Privatautonomie kommt beim Abschluss von Verträgen zum Ausdruck.

Während das öffentliche Recht von einer Über-unter-Ordnung


(Subordination) im Verhältnis Staat-Bürger geprägt ist, ist das Privatrecht durch
eine Gleichordnung der Partner gekennzeichnet. Die Gleichordnung im Privatrecht
ist nur eine rechtliche und beseitigt die faktischen Ungleichheiten (zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer) nicht. Damit die faktische Ungleichheit nicht zum
Nachteil des schwächeren Vertragspartners wird, schafft der Staat durch Gesetze
einen Rahmen für die Verwirklichung der Privatautonomie

Die Gleichordnung im Privatrecht ist eine abgesicherte Gleichheit.


Das Völkerrecht baut auf der souveränen (Rechts-)Gleichheit aller Staaten auf. In
der Grundstruktur erinnert es an das Privatrecht (verpflichten & berechtigen). Die
Souveränität der Staaten entspricht in etwa der Privatautonomie der
Privatrechtssubjekte. Im völkerrechtlichen Rechtsverkehr findet im Privatrecht nicht
in einem übergeordneten Rahmen statt. Die Staaten haben niemanden über sich, der
ihre Handlungsfreiheit druch Gesetze beschneidet.

II. Charakteristika im Wandel: Rn. 38ff.


Das klassische Völkerrecht weist eine Reihe von Charakteristika auf, die es vom
innerstaatlichen Recht unterscheidet.
➢ Es ist:
o Genossenschaftlich
o schwach organisiert
o Politisch
o Indirekt
Die Wandlungsprozesse beseitigten die Charakteristika nicht, haben sie aber
Verändert

1. Genossenschaftlicher Charakter:
Das Westfälische System des Völkerrechts fußt auf der souveränen Gleichheit
aller Staaten → genossenschaftlicher Charakter des Völkerrechts
Es gibt kein Recht des Stärkeren, es kann allerdings im Rahmen internationaler
Organisationen bestimmten Staaten eine Vorzugsstellung eingeräumt sein (zB
Vetorecht im UN-Sicherheitsrat)
➢ Lies Lotus Fall (StGH 1927) Rn. 41
Völkerrechtliche Bindungen als Beschränkung der Handlungsfreiheit eines Staates
können nur durch einen souveränen Akt der Selbstbindung begründet
werden. Im klassischen Völkerrecht gilt die Regel, wonach von der
Handlungsfreiheit der Staaten auszugehen ist, solange sich nicht eine
völkerrechtliche Norm nachweisen lässt, welche die Handlungsfreiheit beschränkt
und der sich der handelnde Staat selbst unterworfen hat (so der StIGH im Lotus-Fall,
sog. Lotus Regel). Hierdurch erscheint das Völkerrecht fragmentarisch, da es
aufgrund der fehlenden Beschränkung ein Verhalten stattet, das man eig. für
missbilligenswert hält

Das Völkerrecht bildet keine Werteordnung, in der moralische Kategorien


vorhanden sind. Das Völkerrecht in seinem klassischen Sinn war ein Mittel, konkrete
Interessen der Staaten international zu koordinieren. Durch das Bekenntnis zu
universellen Menschenrechten hat das Völkerrecht in den Jahrzehnten nach
1945 verstärkt eine Werteorientierung erhalten Die allgemeine Erklärung der
Menschenrechte 1948 stellt ein globales Glaubensbekenntnis zu gemeinsamen
Werten der Völkerrechtsgemeinschaften dar. Kennzeichnend ist das ius cogens (=
zwingendes Völkerrecht), das den Staaten absolute Handlungsverbote auferlegt
(zB Verbot von Völkermord und Sklaverei). → Art 53 WVK:
Das ist eine Norm, die von der internationalen Staatengemeinschaft in ihrer
Gesamtheit angenommen und anerkannt wird von ihr darf nicht abgewichen werden
und darf nur durch eine spätere Norm des allgemeinen Völkerrechts derselben
Rechtsnatur abgeändert werden. Formal wird das ius cogens in das
genossenschaftliche Modell eingegliedert

2. Schwach organisierter Charakter Rn. 43


Das Völkerrecht verfügt über keine zentrale Rechtsetzungsinstanz, die bei
Bedarf neues Recht schaffen dürfte. Das freiwillige Unterwerfen der Staaten ist
unabdingbar. Dies zwingt zu konsensualem Vorgehen und zu Einstimmigkeit.
Rechtsverstöße bleiben oft ungeahndet, da keine obligatorische Gerichtsbarkeit
existiert und auch keine Weltexekutive, die Rechtsbrüche sanktionieren könnte.
Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess der formellen (institutionellen)
Konstitutionalisierung des Völkerrechts kommt dabei den internationalen
Organisationen zu, die vermehrt zur Erfüllung überstaatlicher Aufgaben gegründet
werden.

Als Mitglieder verpflichten sich Staaten, Mehrheitsentscheidungen gegen sich


gelten zu lassen. Als Treuhänder eines über den einzelstaatlichen Interessen
stehenden Gemeinschaftsinteressen tragen die Internationalen Organisationen zu
einer organisatorischen und inhaltlichen Fortentwicklung des Völkerrechts bei.

Durch Übertragung von Hoheitsrechten auf IO diese die Befugnis erhalten, den
Mitgliedstaaten verbindliche Rechtsakte (= Sekundärrecht) zu erlassen6. Je nach
Ausgestaltung kann das Sekundärrecht unmittelbare Geltung in den Mitgliedstaaten
haben (z.B. EU-Recht), können Sanktionen oder obligatorische
Gerichtsbarkeit vorgesehen sein. Regional und sektoral finden sich im Völkerrecht
teilweise weit entwickelte Organisationsstrukturen, auch wenn die Hoffnung, dass die
Vereinte Nationen sich als eine Art Weltregierung würden etablieren können, bis
heute nicht aufgegangen ist.

3. Politischer Charakter Rn 46
Völkerrecht ist in besonderem Maße „politisches“ Recht. Dies betrifft fließende
Übergänge zwischen Völkerrecht und internationaler Politik. Wo Staaten
rechtsförmlich handeln, insbesondere durch Vertrag, ist die Grenzziehung
problemlos möglich. Problematischer wird es bei einseitigen Erklärungen oder bei
Gewohnheitsrecht, das nach einiger Dauer und einer begleitenden
Rechtsüberzeugung der Staaten entstand. Die Grenzziehung wird dadurch erschwert,
dass Staaten wiederholt gegen eine Regel verstoßen können, ohne dadurch die
Geltung dieser Norm in Frage zu stellen. Politisch motiviert und nicht zuletzt durch
das faktische Kräfteverhältnis bestimmt sind auch die Reaktionen auf
Rechtsbrüche. Diese sind in das politische Ermessen der betroffenen Staaten
gestellt und erschweren, politisches und rechtliches System voneinander zu trennen.
Mit seiner Tendenz, Effektivität vor Legitimität zu stellen, begegnet man im
Völkerrecht immer wieder einer normativen Kraft des Faktischen.

4. Indirekter Charakter Rn. 49


Völkerrecht wird durch und für den Menschen geschaffen, dennoch hat das
Individuum eine untergeordnete Rolle. Das Völkerrecht betrifft den Einzelnen
danach nur indirekt durch Vermittlung des Staates (Mediatisierung des
Individuums). Es betrachtet den Staat als einheitliches Rechtssubjekt und ist blind
für Vorgänge in dessen Innern → der Staat ist ihm eine black box
Der Mensch tritt nur als Glied eines Staates in Erscheinung, dies hat Folgen: Wird
der Einzelne Opfer der rechtswidrigen Handlung eines anderen Staates, so muss im
westfälischen Modell sein Heimatstaat das Anliegen im Wege diplomatischen
Schutzes aufgreifen, um die Rechtverletzung gegenüber dem mediatisierten

6Als Primärrecht werden die Verträge bezeichnet, welche die Internationale Organisation
erst gründen und ihr Befugnisse übertragen
Individuum auf völkerrechtliche Ebene zu bringen. Die Mediatisierung greift auch da,
wo der Mensch als Täter völkerrechtlich geschützte Güter eines anderen Staates
verletzt. Ist er als Staatorgan tätig, wird die Verletzung dem Staat zugerechnet.
Bei Privaten kommen Zurechnungsprobleme auf. Hier verlagert sich die
Verantwortung des Staates auf die Ebene von Überwachen und Strafen. Das heißt
er muss durch innerstaatlich wirksame Maßnahmen dafür sorgen, dass die
Privatperson die geschützten Güter eines anderen Staates nicht verletzt
➢ Unterteilt in:
o Menschenrechtsverträge: der Einzelne wird als unmittelbare
Träger, der der vertraglich niedergelegten Rechte betrachten und ist mit
eigenen Durchsetzungsrechten ausgestattet
o Völkerstrafrecht: der einzelne wird wegen Verstoßes gegen
Völkerrechtlichen Normen vor ein internationales Gericht gestellt
Aufweichen der souveränitätsbewehrten Hülle des Staates, da
Verträge nicht nur Fremde, sondern auch eigene Staatsangehörige betrifft

D. Entwicklungsperspektiven Rn. 53

Wir erleben zurzeit Krise des Multilateralismus und eine Rückkehr


selbstbewusster Staatlichkeit. Die WTO wird zunehmen durch bilaterale
Verträge verdrängt oder durch „Handelskriege“ unterminiert. souveräne
Machtanspruch (China, Russland), nationalistische Tendenzen, Austritt der GB aus
der EU
• Steckt das Völkerrecht in einer Krise?
o Aufgrund der Globalisierung sind die Staaten voneinander
abhängig
o Völkerrecht geprägt von einem Spannungsverhältnis zwischen
universellen Ansprüchen und regionalen Differenzen
o Stärkere Zusammenarbeit in kulturell-geographischen Blöcken
verstärkt
o Durch Regionalisierung neue Chancen geschaffen
o Internationale odre public (Schutz der Menschenrechte)
Die staatliche Souveränität dürfte sich weiter auf dem Rückzug befinden. Dies betrifft
die Übertragung von Hoheitsrechten auf IO. Je weiter das voranschreitet, desto mehr
wird es nötig mit geteilter Souveränität zu operieren. Souveränitätsbewehrte
Abschottung gegen äußere Einmischungen ist heute nur noch eingeschränkt möglich.
Der Gedanke führt dahin, dass das Völkerrecht so geleitet wird, dass der Staat seiner
primären Verantwortung zum Schutz seiner Bürger nachkommt. (responsibility to
protect) Eine Ablösung des Konzepts souveräne Staatlichkeit steht zwar nicht zu
erwarten, wohl aber seine weitere Modifikation und Relativierung. Auch an der
zentralen Stellung der Staaten im Völkerrecht dürfte sich nichts ändern. Staaten
bleiben die Hauptakteure und Garanten für relative Stabilität in den internationalen
Beziehungen. Es wird ihnen auch der Schutz privater Rechte und Interessen auf
internationaler Ebene obliegen. Neben Transnationalen Wirtschaftsunternehmen,
die als Völkerrechtssubjekt angesehen werden, gibt es noch NGO. Diese spielen eine
wichtige Rolle im internationalen Bereich.

Durch die „Rückkehr des Staates“ in allerjüngster Zeit etwas verdeckt, wurde ein
Trend zur Informalisierung, der sich in den letzten Jahren in den
internationalen Beziehungen bemerkbar gemacht hat: Koalition der Willigen
sind wiederholten an die Stelle institutionalisierter Allianzen getreten, wichtige
Entscheidungen werden außerhalb IO in informellen Zirkeln wie den G8 oder G20
Gipfeln getroffen, Behördennetzwerke kooperieren weitgehend informell auch über
Grenzen hinweg, statt Verträge abzuschließen, beschränkt man sich vielfach auf
informelle Abreden und unverbindlichen Resolutionen. Diese Entwicklungen
fordern das Völkerrecht nicht heraus, sondern stehen in einem Ergänzungsverhältnis.

VR: Garant für Sicherheit, Stabilität, Verlässlichkeit = erfüllt Bedürfnis nach


verlässlichen/ belastbaren institutionellen Strukturen/ gesteigerter Verbindlichkeit
internationaler Verpflichtungen

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