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JahrBuch

für Forschungen zur Geschichte


der Arbeiterbewegung
September 2015 III NDZ-GmbH

Inhaltsverzeichnis

Gleb J. Albert: „Es ist immerhin zu befürchten, dass Mühsam


in Russland enttäuscht wird.“ Zu Erich Mühsams verhinderter
Russlandreise 1925 .............................................................................................5

Michail Piskunov: Das „Arbeitskollektiv“ als politisches Subjekt


in der späten Sowjetunion und während der marktwirtschaftlichen
Reformen der 1990er-Jahre ............................................................................28

Simon Lengemann: „Erst das Essen, dann die Miete!“ Protest


und Selbsthilfe in Berliner Arbeitervierteln während der Großen
Depression 1931 bis 1933 ............................................................................46

Julia Harnoncourt: Trabalho escravo? Ein historischer Vergleich


auf globaler Ebene ........................................................................................63

Biograisches
Gerhard Engel: Radikal, gemäßigt, vergessen:
Alfred Henke (1868-1946). Zweiter Teil (1918-1946) ................................78

Marcel Bois: Eine transnationale Freundschaft im Zeitalter


der Extreme: Leo Trotzki und die Pfemferts ..............................................98
2 Inhalt
Barbara Allen: Aleksandr G. Šljapnikov in der Verbannung
und in Haft 1934 bis 1937 ............................................................................117

Diskussion
Felix Lieb: Die Grenzen der Parteidisziplin: Wilhelm Dittmann
und die Spaltung der SPD im Ersten Weltkrieg ........................................134

Information
Irina Hundt: Neue Forschungen zu drei Achtundvierzigerinnen ............150

Berichte
Bertold Scharf: „An die Arbeit! Minderheiten und Erwerbserfahrungen
im 19. und 20. Jahrhundert.“ Nachwuchssymposium in Heidelberg ...159

Reiner Zilkenat: Der 8. Mai 1945 und die geistige Situation der Zeit.
Kolloquium in Berlin ....................................................................................162

Buchbesprechungen
Helmut Bock: Freiheit – ohne Gleichheit? Soziale Revolution
1789 bis 1989 (Jürgen Hofmann) .................................................................... 165

Waltraud Seidel-Höppner: Wilhelm Weitling (1808-1871).


Eine politische Biograie (Walter Schmidt) .................................................. 166

Florian Grams: Die Pariser Kommune (Dietmar Lange) .......................... 169

Ulrich Mählert u. a. (Hrsg.): Jahrbuch für Historische


Kommunismusforschung 2014 (Ralf Hoffrogge) ....................................... 172

Christoph Jünke: Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert


(Horst Klein) ..................................................................................................... 174
Inhalt 3

Rüdiger Zimmermann: Emil Kloth (1864-1943). Vom


marxistischen Gewerkschaftsvorsitzenden zum bekennenden Nazi
(Hans-Otto Hemmer) ...................................................................................... 176

Theodor Bergmann: Sozialisten – Zionisten – Kommunisten.


Die Familie Bergmann-Rosenzweig – eine kämpferische Generation
im 20. Jahrhundert (Mario Keßler) ............................................................... 178

Rosa Luxemburg: Nach dem Pogrom. Texte über Antisemitismus


1910/11 (Mario Keßler) .................................................................................. 180

Benjamin Ziemann: Veteranen der Republik. Kriegserinnerung


und demokratische Politik 1918-1933 (Gerhard Engel) ............................ 182

Jan Petersen: Unsere Straße. Eine Chronik. Geschrieben 1933/34


(Yves Müller)..................................................................................................... 185

Siegfried Mielke/Stefan Heinz (Hrsg.): Funktionäre des Deutschen


Metallarbeiterverbandes im NS-Staat. Widerstand und Verfolgung
(Ulla Plener) ............................................................................................................ 187

Willy Buschak: „Arbeit im kleinsten Zirkel.“ Gewerkschaften im


Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur (Stefan Heinz) ..... 188

Sergej Lochthofen: Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters


(Ulla Plener) ............................................................................................................ 191

Gerhard Feldbauer: Die Resistenza. Italien im Zweiten Weltkrieg


(Dietmar Lange) ............................................................................................... 193

Elisabeth Benz: Ein halbes Leben für die Revolution. Fritz Rück
(1895-1959) (Hartmut Henicke) .................................................................... 196

L. Joseph Heid: Peter Blachstein. Von der jüdischen Jugendbewegung


zur Hamburger Sozialdemokratie. Biographie eines Sozialisten
(1911-1977) (Harald Lange) .......................................................................... 198

Sonja Friedmann-Wolf: Im roten Eis. Schicksalswege meiner Familie.


1933-1958 (Ulla Plener) ......................................................................................... 202
4 Inhalt
Bernd Langer: Antifaschistische Aktion. Geschichte einer
linksradikalen Bewegung (Bernd Hüttner) ................................................... 204

Sibylle Plogstedt: „Wir haben Geschichte geschrieben.“


Zur Arbeit der DGB-Frauen (1945-1990) (Ursula Schröter) .................... 206

Gerd Kaiser: „Hier ist der Deutsche Soldatensender 935.“


Eine Stimme im kalten Krieg (Herbert Mayer) ........................................... 208

Alexander Amberger: Bahro – Harich – Havemann. Marxistische


Systemkritik und politische Utopie in der DDR (Günter Benser) ............ 210

Rüdiger Wenzke (Hrsg.): „Damit hatten wir die Initiative verloren.“


Zur Rolle der bewaffneten Kräfte in der DDR 1989/90
(Ulrich van der Heyden) .................................................................................... 213

Bernd Fischer: Das Ende der HVA. Die Abwicklung der


DDR-Auslandsaufklärung (Herbert Mayer) ................................................ 215

Martina Benz: Zwischen Migration und Arbeit. Worker Centers


und die Organisierung prekär und informell Beschäftigter in den
USA (Philipp Reick) ........................................................................................ 217

Erika und Gerhard Schwarz: Rehfelde. Ein Dorf auf dem Barnim
(Jörg Roesler) ..................................................................................................... 220

Autorenverzeichnis ............................................................. 223

Jahresinhaltsverzeichnis .................................................... 224

Impressum .......................................................................... 231


204 Buchbesprechungen
für vier Monate in die DDR und von da Jelena Stassowa war nicht Sekretärin
– „ohne Internationale durch das Bran- Lenins (S.35), sie war 1917-1920 Se-
denburger Tor“ (S.337) in den Westen kretärin des ZK; es gab kein Wolga-
und nach Israel. deutschland (S.28), es gab eine Auto-
Hier enden Sonjas Erinnerungen. nome Republik der Wolgadeutschen;
Im Anhang teilt ihre Tochter kurzge- im Herbst 1941 wurden nicht nur
fasst den Schluss mit: die Ankunft in Deutsche aus Moskau evakuiert, son-
Tel Aviv, die Tätigkeit dort und Sonjas dern ganze Betriebe, Hochschulen, Be-
Freitod angesichts einer schweren Er- hörden und deren Mitarbeiter, unab-
krankung. – Alles in allem ist das eine hängig von der Nationalität – kriegs-
berührende Familiengeschichte. Doch bedingt; auch die Arbeitsarmee war ei-
sind kritische Einwände notwendig. ne kriegsbedingte Einrichtung, nicht
Sonjas (und ihrer Mutter) negati- nur Deutschstämmige wurden in diese
ve Auskünfte über das MOPR-Kin- Truppe mobilisiert. (S.374)
derheim in Iwanowo, in dem die Ge- Der Text ist nachlässig lektoriert, die
schwister von April bis Dezember deutsche Grammatik an mehreren Stel-
1934 verweilten, stimmen absolut nicht len mit Füßen getreten. Auch der Um-
mit den Erfahrungen mehrerer ande- gang mit russischen Begriffen, Sprach-
rer (heute in Berlin lebender, die Re- eigenheiten und „Volksweisheiten“
zensentin eingeschlossen) Heimbe- lässt stark zu wünschen übrig.
wohner überein: Weder waren die „hy- Ulla Plener
gienischen Verhältnisse unhaltbar“,
noch die Kinder dort „vernachlässigt“
(S.409); im Winter war es zeitweise Bernd Langer: Antifaschistische
kühl, aber wir froren nicht „jämmerlich Aktion. Geschichte einer linksra-
in unseren dünnen Flanellkleidchen“, dikalen Bewegung, Unrast-Verlag,
denn es gab auch Pullover, Filzstiefel Münster 2014, 264 S., ISBN 978-3-
und andere warme Kleidung. Auch lief 89771-574-5
nicht „die Mehrzahl der Kinder ewig
mit nassen Nasen herum und schnäuz- Das Buch des 1960 geborenen Lan-
te sich aus Mangel an Taschentüchern ger gliedert sich in zwei Teile. Im ers-
einfach in die Hand.“ (S.29f.) Das Es- ten Teil schildert er die Entwicklung
sen war nicht „zum Verzweifeln eintö- bis 1945, im letzten Drittel vor allem
nig und vitaminarm und die Portionen, die autonome Antifa der 1980er-Jahre
die uns zugeteilt wurden, zum Verzwei- bis zur Gegenwart.
feln klein“. Für die Kriegsjahre 1941- Im ersten Teil wird die Ereignis- und
1945 mag das zum Teil zugetroffen ha- Organisationsgeschichte des deutschen
ben, aber die Wolf-Kinder weilten 1934 Kommunismus und einiger seiner Or-
im Heim. Es wurde auch kein einziger ganisationen referiert: KPD, Einheits-
von den Heimbewohnern während des front, Volksfront, Sozialfaschismusthe-
Massenterrors verhaftet. (S.85) Der se. 1932 wurde schließlich die Antifa-
Direktor des Heimes hieß 1934 Lapin, schistische Aktion als kommunistische
nicht Lapschin. (S.32) Gegengründung zur Eisernen Front
Mehrere historische Angaben stim- geschaffen. Viel Raum nimmt in diesen
men nicht. Um nur einige zu nennen: Abschnitten die Darstellung des Auf-
Buchbesprechungen 205

stiegs und der Etablierung des Natio- itiative „Kunst und Kampf“ gegrün-
nalsozialismus ein (Altonaer Blutsonn- det hat, lassen sich viele Fragen stel-
tag, Preußenschlag, Röhm-Putsch), auf len. Er selbst wirft sie nicht auf, ge-
den die kommunistische Bewegung schweige denn beantwortet sie. Offen
im Grunde keine Antwort wusste und bleibt unter anderem: Ist Antifaschis-
sich, wie L. schreibt, auch nicht auf die mus auch automatisch Antikapitalis-
Illegalität vorbereitete. Kampfmaßnah- mus? Und falls ja, was würde das dann
men, etwa Streiks, anlässlich der Macht- bedeuten? Oder ist nur Antikapitalis-
übertragung blieben völlig aus. mus auch echter Antifaschismus? Sind
Nach einem Schnelldurchgang bürgerliche Demokratie und Faschis-
durch die (primär westdeutsche) Nach- mus nur verschiedene Herrschaftsfor-
kriegsgeschichte schildert L. die Or- men des Kapitalismus oder gibt es da
ganisierung und die politische Arbeit – womöglich entscheidende – Merk-
militanter AntifaschistInnen, vor al- male, die eine solche Zuordnung nicht
lem in Norddeutschland. Diese stell- zulassen? Was bedeutete das für die an-
ten ihr politisches Auftreten seinerzeit tifaschistische Organisierung, damals
unter einen „antiimperialistischen An- und in den 1980er- und 1990er-Jah-
satz“, der Nazis als eine extreme Aus- ren? Wenn die KPD strukturell so sta-
prägung des herrschenden Systems an- linistisch war, wie es L. beschreibt, wie
sah – und bekämpfte. 1988, so L., als kann man die Antifaschistische Akti-
Antifaschismus in der breiteren, radi- on dann als „linksradikale Bewegung“
kalen Linken noch überhaupt kein be- deinieren? Warum ist die Antifaschis-
kannteres Thema war, sei die nord- tische Aktion ein positiver historischer
deutsche Antifa-Organisierung schon Bezugspunkt für linksradikale Politik
in der Krise gewesen. 1991 wurde dann des ausgehenden 20. Jh.?
in Göttingen ein „Organisierungspa- So bleibt unklar, was dieses Buch ei-
pier“ publiziert und im Sommer 1992 gentlich sein soll. Den „ersten umfas-
die „Antifaschistische Aktion /Bun- senden Überblick über die Entwicklung
desweite Organisation“ (AA/BO) ge- der Antifa“, wie es auf dem Umschlag
gründet. Diese brach mit den Glau- heißt, liefert es jedenfalls nicht. Dafür
benssätzen „autonomer Politik“, in- fehlen im Buch, erstens, einige Strän-
dem sie auf Schulungsarbeit, Bündnis- ge und, zweitens, gibt es bereits andere
politik und Kooperation mit der Presse Bücher zum Thema. Wer sich mit der
orientierte. 2001, nicht zufällig ein Jahr Geschichte der (Kämpfe der) Weima-
nach dem rot-grünen „Aufstand der rer Republik oder der der Autonomen
Anständigen“, dem sogenannten „An- in der Bundesrepublik bereits beschäf-
tifa-Sommer“ 2000, löste sich die AA/ tigt hat, wird jedenfalls kaum Neues er-
BO wieder auf. Im Buch skizziert und fahren. Hinzu kommt das methodische
debattiert L. noch kurz – und selbstbe- Problem, dass L. seine subjektive Sicht-
stätigend – die Ereignisse um die soge- weise als Beteiligter an den von ihm be-
nannte „Wehrmachtsausstellung“ und schriebenen Ereignissen und Debatten
einzelne Antifa-Kampagnen. zu wenig relektiert. Unter Umständen
An das Buch von L., der seit über beschreibt er ja relevante Dinge nur
30 Jahren und bis heute in der autono- aus dem Grund nicht, weil er an ihnen
men Antifa aktiv ist und auch die In- nicht teilgenommen hat.
206 Buchbesprechungen
Vielleicht kann das Buch ja jüngeren schließlich um die Speziik der letzten
AntifaschistInnen etwas vermitteln: zehn Jahre der Bundesrepublik. Die-
über die Geschichte der Klassenkämp- se Strukturierung, zum Teil chrono-
fe der Weimarer Zeit und über jene des logisch, zum Teil sachgebietsbezogen,
linken, außerparlamentarischen Antifa- zum Teil personenbezogen, erscheint
schismus im 20. Jh. Bernd Hüttner mitunter verwirrend, war aber beab-
sichtigt und der verwirrenden Realität
geschuldet.
Sibylle Plogstedt: „Wir haben Ge- Sicherlich bestand die Aufgabe für
schichte geschrieben“. Zur Arbeit die Autorin vor allem darin, die Leis-
der DGB-Frauen (1945-1990). Mit tungen der DGB-Frauen festzuhalten
einem Vorwort von Michael Sommer, und zu würdigen, die Begrenztheit ih-
Psychosozial-Verlag, Gießen 2013, 519 rer frauenpolitischen Erfolge plausibel
S., ISBN 978-3-8379-2318-6 zu machen und den gesamten histori-
schen Prozess vor dem Vergessen zu
Eine solche Publikation über die Ge- bewahren. Diese Ziele wurden unein-
schichte der DGB-Frauenarbeit hätte geschränkt erreicht. Damit gehört die
es längst geben müssen. Und den ver- Publikation in die Reihe der wissen-
antwortlichen Frauen im DGB fehlte schaftlichen Veröffentlichungen zur
es auch nicht am geschichtlichen Ver- Frauengeschichte, die erst seit wenigen
antwortungsbewusstsein. Bereits 1980 Jahrzehnten die „übliche“ Geschichts-
war eine Studie zur Geschichte im Ge- schreibung begleiten, ergänzen, oft
spräch und vorgesehen. Was fehlte, war auch korrigieren.
immer wieder das Geld, um sie in die- Auch hinsichtlich der DGB-Ge-
sem Umfang in Auftrag geben zu kön- schichte stammt die Mehrzahl der bis-
nen. Nun aber liegt eine Analyse und herigen Veröffentlichungen von Män-
Interpretation historischer Dokumen- nern, die vor allem das Männerleben
te und aktueller Interview-Passagen und die Auswirkungen der Gewerk-
vor, mit der „die Wissenslücke um die schaftspolitik auf Männer im Blick
Geschichte der DGB-Frauenarbeit in hatten. „Für mich besteht kein Zwei-
der BRD während des Zeitraums von fel: HISTORY ist eben seit Jahrtausen-
1945 bis 1989/90 geschlossen werden“ den und überall und immer noch: HIS-
(S.17) kann. STORY, seine Geschichte. Und daran
Außer Vorwort, Einleitung und An- kranken wir wirklich.“ So hieß es auch
hang besteht die Publikation aus neun noch auf der zwölften DGB-Bundes-
Kapiteln, wobei das letzte Kapitel die frauenkonferenz in Osnabrück im Ju-
Funktion einer Zusammenfassung hat. li 1989. (S.456)
In den acht vorausgehenden Abschnit- Jetzt also der Blick (vorrangig) auf
ten geht es um die Vorgeschichte, um Frauen, auf die gewerkschaftlichen
die Gründungsphase des DGB, um die Strukturen, die sie sich im Laufe der
Mütter der Gewerkschaftsbewegung, betrachteten 45 Jahre geschaffen ha-
auch speziell um die Ära der Maria We- ben, auch auf die informellen Netz-
ber, um die 68er-Bewegung, um die werke, auf die Arbeitsschwerpunkte
stellvertretenden DGB-Vorsitzenden, in bestimmten Zeiträumen und nicht
um den Einluss des Feminismus und zuletzt auf die Stärken und Schwä-

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