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Datum/Data: Brixen/Bressanone 08.07.2022

Beantwortung Ihrer Anfrage betreffend Ehrenbürgerschaft von Gennaro Sora

Sehr geehrter Gemeinderat Unterberger,

Ihre im Betreff angeführte Anfrage beantworten wir wie folgt:

1. Laut Artikel 10 der Gemeindeverordnung für die Verleihung von Ehrungen kann die
Aberkennung einer verliehenen Ehrung nur aus besonders schwerwiegenden Gründen
erfolgen.

Artikel 4 der Gemeindeverordnung für die Verleihung von Ehrungen (genehmigt mit
Gemeinderatsbeschluss Nr. 54 vom 28.05.2008) besagt, dass die Ehrenbürgerschaft nur an
Personen verliehen werden kann, die sich Verdienste von außerordentlicher Tragweite um
die Gemeinde und ihre Bürger erworben haben.

Die Ehrenbürgerschaft an Gennaro Sora wurde vom ersten faschistischen Amtsbürgermeister


Felice Rizzini mit Beschluss Nr. 376 vom 20.10.1928 verliehen, weil er sich als Angehöriger
des in Brixen stationierten 6. Alpiniregiments bei der gescheiterten Nordpolexpedition von
Umberto Nobile große Meriten erworben habe. Demnach hatte der Grund für die Verleihung
der Ehrenbürgerschaft mit Brixen nichts zu wäre kein Anlass für eine Ehrung.

Was die Kriegsverbrechen betrifft, die Sora zu Beginn der 1940er Jahre in Abessinien
begangen habe, so wird deren Geschichte unterschiedlich dargestellt. Diese schrecklichen
Taten sind aber unabhängig davon, wie sie sich letztendlich zugetragen haben, für die Frage
einer etwaigen Aberkennung der Ehrenbürgerschaft für Gennaro Sora formell unerheblich:
Wenn – aus heutiger Sicht – die Voraussetzungen für eine Ehrung Soras fehlten, kann auch
sein späteres Verhalten in Bezug auf die Ehrenbürgerschaft keine delegitimierende Wirkung
haben.

Die Ehrenbürgerschaft an Gennaro Sora wurde vom Vertreter eines Regimes verliehen, von
dem wir uns als demokratisch gewählte Brixner Gemeindeverwaltung klar und eindeutig
distanzieren. Die Ehrung für Gennaro Sora durch den faschistischen Podestà im Jahr 1928
war Ausdruck der Geisteshaltung und Ideologie der damaligen Zeit so wie alle verliehenen
Ehrungen Ausdruck der Geisteshaltung und Ideologie der jeweiligen Zeit sind. In der Tat gibt

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es seit Beginn der Ehrungen Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als eine unter ihnen, die heute
nicht mehr verliehen würde. Politische Systeme und gesellschaftliche Werte sind im Lauf der
Zeit Änderungen unterworfen. Alle diese Entwicklungsschritte gehören zu unserer Geschichte
und können nachträglich nicht ungeschehen gemacht werden – ganz unabhängig davon, ob
wir die damit verbundenen Haltungen teilen oder nicht.

Es gibt heute deshalb keine Notwendigkeit, die eigene demokratische Überzeugung zu


beweisen, indem man die symbolische Handlung eines diktatorischen Regimes nach fast 100
Jahren formell rückgängig macht. Ehrungen und speziell Ehrenbürgerschaften wollen
Monumente der Erinnerung sein. Sie bedeuten aber definitiv nicht, dass wir uns heute mit
den seinerzeitigen Werten, die zu diesen Ehrungen führten, identifizieren – eine so
verstandene Verantwortung können wir guten Gewissens ablehnen.

2. Aufgrund der dargestellten Historizität von Ehrenbürgerschaften und des mit ihnen
verbundenen Wertewandels in der Zeit können einzelne in der Vergangenheit verliehene,
aus heutiger Sicht aber unberechtigte Ehrenbürgerschaften nicht generell das Bild des
Ehrenbürgers beschädigen.

3. Aus den dargestellten Gründen gibt es keinen Zusammenhang zwischen früher in völlig
anderen historischen und politischen Kontexten verliehenen Ehrenbürgerschaften und
unserer heutigen Verurteilung diktatorischer Regime und sämtlicher Gräueltaten der
Geschichte.

4. Die Ehrenbürgerschaft an Gennaro Sora wurde nicht nach den Kriterien der geltenden
Gemeindeverordnung verliehen. Auch aus diesem Grund strebt die Gemeindeverwaltung die
Aberkennung dieser historischen, wenngleich historischen Ehrenbürgerschaft nicht an.
Darüber hinaus können wir die Geschichte nicht reinwaschen und sie nicht nach unserem
Geschmack zurechtbiegen. Man kann nicht einen nachträglichen Formalakt Maßnahmen von
Regimen, die wir heute kategorisch ablehnen, aus dem kollektiven Gedächtnis löschen.
Stattdessen ist es zielführend, sich proaktiv mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen.
Dazu können auch in früheren Zeiten verliehene Ehrenbürgerschaften dienen. Sie mögen der
Form nach Monumente der Erinnerung bleiben und uns Anlass geben, uns immer wieder neu
für die Werte der Demokratie einzusetzen.

5. In der Gemeinde Brixen werden Ehrenbürgerschaften heute nach Artikel 4 der


Gemeindeverordnung für die Verleihung von Ehrungen (genehmigt mit
Gemeinderatsbeschluss Nr. 54 vom 28.05.2008) verliehen.

Mit freundlichen Grüßen

DER BÜRGERMEISTER
Peter Brunner
(digital signiert)

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