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VIIDie hethitisch-hurritische Literatur
1.Der episch-mythische Erzählstil 
Während der mittleren Epoche des hethitischen Reiches, in der in Hattusaeine hurritische Namen tragende und hurritisch sprechende Dynastieherrschte, wurden bis dahin unbekannte literarische Werke aus Syrienund Mesopotamien rezipiert. Einen großen Anteil am Schrifttum nehmenseit TuthaliyaIII. Texte in hurritischer Sprache ein. Dazu gehören nebenden mytho-poetischen Kumarbi-Dichtungen, dem in Form einer hurri-tisch-hethitischen Bilingue überlieferten literarischen Werk „Gesang(von) der Freilassung“, eine hurritische Gilgames ˇ -Dichtung, umfangrei-che Rituale, Hymnen, Gebete, vereinzelt auch historische und mantischeDokumente. Einige der Dichtungen scheinen in Nordwestsyrien entstan-den und vielleicht mit Aleppo verbunden zu sein.In dieser neuen Literatur findet die hethitische Sprache zu poetischenAusdrucksformen, die nun souveräner beherrscht werden als in der Lite-ratur der althethitischen Zeit.Diese Literatur steht auf Grund ihres Erzählstils bzw. ihrer stilistischenKunstformen auf einem kaum geringeren Niveau als die babylonischenund ugaritischen Dichtungen. Dies zeigen die auch schon in der älterenhethitischen Literatur kunstvoll angewandten poetischen Bausteine alt-orientalischer Dichtungen: Gemeinsam sind der sumerischen, babylo-nisch-assyrischen, hethitischen und hurritischen Epik gattungsgebunde-ne Stilmittel, wie die aus anderen semitischen Literaturen beliebten affir-mativen (=bekräftigenden) Wiederholungen, wie z.B. in der Hymne anden Wettergott: „Auch wer keine Furcht kennt, entgeht nicht dem Um-kreis deines Netzes; auch wer sich nicht fürchtet, den hältst du darin fest.“Häufig sind mehrgliedrige Parallelismen: „Kumarbi nimmt sichSchlau[heit vor seinen Sinn], indem er einen bösen Tag großzieht. Er plantdem Tarhun(ta) gegenüber Böses, indem er gegen Tarhun(ta) einen Wider-sacher großzieht. (§-Strich). Kumarbi nimmt sich Schlauheit vor seinenSinn und steckt sie sich wie einen
kunnan
-Schmuckstein an.“ Einen drei-gliedrigen Parallelismus – Knie, Kopf, Penis – enthält der Hedammu-My-thos, in dem es anläßlich der Angst vor einem Gewitter heißt: „Die Knie(
 genuwa
=
nas
=
kan
) [] zittern uns, und der Kopf (
harsanas
=
ma
=
nas
)dreht sich uns wie eine Töpferscheibe, und unser Ziegenböckchen (meta-phorisch für Penis) (MÀS ˇ .TUR-
asˇ 
=
ma
=
nas
=
kan
) [wurde] wie ein sanftes[Lamm]“; oder – Land, Städte, Truppen: „(Ist) das Land nicht irgendwo
 
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124zugrunde gegangen, oder (sind) die Städte nicht irgendwo verödet, oderdie Truppen nicht irgendwo geschlagen (worden)?“
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 Eine dreistufige Kli-max enthält der Fluch des Wettergottes in der Dichtung „Gesang (von)der Freilassung“: „Die Umwallung der Unterstadt Eblas werde ich wie ei-nen Becher zerbrechen. Die Umwallung der Oberstadt werde ich wie ei-nen Abfallhaufen zertrampeln (§-Strich). Inmitten des Marktplatzes aber[werde ich] Ebla[s Fundament] wie einen [Bech]er ze[rbrechen]“. Einesich steigernde fünfstufige Klimax findet sich in dem „Gesang von Ulli-kummi“: „Die Angelegenheit, in der er kommt, ist eine sch[werwiegendeAngelegenheit], sie ist [nicht] des Wegstoßens. Stark ist sie – Kampf, starkist sie – Schlacht, Aufruhr gegen den Himmel ist sie, Hunger und Tod desLandes ist sie“. Zur Belebung und in verbindender Funktion werden imLaufe der Erzählung von den beiden Brüdern „Schlecht“ und „Gerecht“ganze Sätze oder Episoden in der Art einer Anapher wiederholt: „Undihm (dem Appu) fehlt nichts, ihm fehlt (nur) eine Sache – er hat wederSohn noch Tochter“; und nun wiederum in einer dreistufigen Klimax:„Man hat mir Gut gegeben, man hat [mir Rinder und Schafe] gegeben, mirfehlt (nur) eine Sache: (ich habe) weder Sohn noch Tochter“. Das Motivder Erbteilung in dieser Dichtung ist mit dem Topos der getrennt woh-nenden Götter in Gestalt eines dreigliedrigen Parallelismus – Berge –Flüsse – Götter – eingeleitet: „Wie etwa die Berge g[etrennt] [si]tzen, odergar wie die Flüsse g[etrennt] [f]ließen – wie die Götter getr[ennt][wo]hnen, das (will) ich dir erzä[hlen].“ Zu beachten sind dabei die Wort-spiele; zum einen
arhayan asanzi – arhayan arsanzi – arhayan asanzi
„wiedie Berge g[etrennt] sitzen (
arhayan asanzi
), oder gar wie die Flüsseg[etrennt] fließen (
arhayan arsanzi
) – wie die Götter getr[ennt] sitzen(wohnen) (
arhayan asanzi
)“sowie [
Zip
]
 pir erir ... tieir 
„(als) sie nach Sip-par gelangten, traten sie ...“.Eines der Stilelemente altorientalischer Dichtungen sind charakteristi-sche schmückende Epitheta, die sich auf Macht, Autorität und Fähigkei-ten beziehen und als Ehrennamen für die wichtigsten Handlungsträgerfungieren, sowie formelhafte schmückende Adjektive. In der hurritisch-hethitischen Kumarbi-Dichtung sind solche stets wiederkehrenden
Epi-theta ornantia
 zu festen Formeln geworden, z.B. das für den Gott Enlil inEbla seit der Mitte des 3.Jahrtausends belegte Epitheton „Vater der Göt-ter“, das sowohl auf Kumarbi, dem „Vater der Götter“, als auch auf seinwestsemitisches Äquivalent El, dem „Vater der siebzig Götter“ bezogenist, ähnlich wie Zeus, der „der Vater der Götter und Menschen“ ist. Ver-einzelt ist Kumarbi ebenso wie Ea auch
hattannas harsumnas ishas
 „Herrder Quellen (
harsummar 
 „Quellgebiet“) (und) der Schlauheit/Weisheit“oder Klang malend
hattants hassus
 „schlauer König“ genannt. Der Wet-
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KUB 33.103 Rs.III (J.Sieglová, StBoT 14, Nr.10); zum Textverständnis siehe R.Stefanini,2004, 627–630.
 
1.Der episch-mythische Erzählstil
125tergott von Kummiya ist der „heldenhafte König“ (
hastalius hassus
), derhurritisch als „großer Herr“ (
talawuse ewri,
 bzw.
 everni
) (von Kumme,hethitisiert Kummiya) und
sarri
 „König“, auch „König der Götter“, be-zeichnet ist, ähnlich wie Zeus, der „König, der im Himmel herrscht“. Ba-bylonisch gefärbt ist sein Epitheton „Deichgraf des Himmels“. Is ˇ tar bzw.(hurritisch) Sa(w)oska ist die „Königin von Ninive“, hurritisch und hethi-tisch auch „Herrin“ genannt. „Istanu des Himmels“ ist „der König derLänder“ und, wohl zur Unterscheidung anderer Sonnengottheiten, „dergroße Istanu“. Ea, der „König“, ist der „weise Ea“, der auch durch sein(hurritisches) Epitheton
madi
 „weise“ als
DINGIR
Madi vertreten sein kann.Solche Standard-Epitheta sind nicht nur auf Personen beschränkt. Attri-butive Adjektive sind für bestimmte Handlungen charakterisierend: Sozieht sich in dem „Gesang von Ullikummi“ der Götterbote „die Schuheals eilige Winde“ an, und Kumarbi oder Appu geben ihrem neu geborenenSohn einen „süßen“, d.h. „wohlklingenden Namen“ (
sanezzi laman
)
2
; dieGötter sprechen „bedeutende Worte“ (
dassawa uddar 
).
3
Charakteristisch für den epischen Stil der altorientalischen Literaturenist die Bevorzugung der direkten Rede in Form von Dialogen oder reflek-tierender Monologe, während narrative Passagen zurücktreten und sichweitgehend auf Redeeinleitungen beschränken.
4
 Die hurritischen und he-thitischen formelhaften Einleitungen in die direkte Rede – funktionell ei-nem Gerundium entsprechend – wie hurritisch
tive
=
na alumain kat
- „indem er redet, spricht er die Worte“ – und hethitisch, „die Worte, die ichzu dir spreche, nun zu (diesen) Worten halte mir das Ohr geneigt“, gehensicherlich auf die akkadische Formel, „er setzte den Mund und sprach, zuNN sagte er (das Wort)“, zurück.Zum Teil die gleichen Topoi, variierende Motive und Phraseologismenoder Formeln, die sich für die Beschreibung bestimmter Situationen oderEreignisse eignen, die sogenannten „typischen Szenen“, verknüpfen dieErzählungen von den beiden Brüdern „Schlecht“ und „Gerecht“, vonIstanu, der Kuh und dem Fischer mit den Kumarbi-Mythen. So enthaltenz.B. die Erzählungen von den beiden Brüdern und der „Gesang von Ul-likummi“ das Motiv vom Besuch des Istanu bei Tarhun(ta): Der Gastge-ber bemerkt schon aus der Ferne das Nahen des Istanu, bringt sein Er-staunen zum Ausdruck und schließt auf eine katastrophale Situation; dar-auf folgt ein weiterer Topos, nämlich die Bewirtung des Gastes, der einenEinblick in das höfische Zeremoniell der Palastsitten in der Mitte des2.Jahrtausends gibt. Ähnlich ist die Beschreibung eines Gastmahl in dem
2
Das Motiv der Namengebung und Adoption durch den Vater ist in der Erzählung von„Schlecht“ und „Gerecht“ und im „Gesang von Ullikummi“ enthalten, die Beispiele sindzusammengestellt von J.Siegelová, 1971, 30–33.
3
Ausführlich B.de Vries, 1967, 89–93.
4
Vgl. C.Wilcke, 1975, 249.
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