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FEUILLETON

Pocken- und Impfmedaillen

Dr. Dr. W. Roggenkamp

Die in der letzten Zeit in der Bundesrepublik spora- nun gegen diese Seuche gefeit. Die Immunität war be-
disch auftretenden Fälle von Pocken richten unseren Blick kannt. Der Genesende dankte für dieses Ereignis, feierte
erneut auf diese sehr gefährliche Viruskrankheit, unter es und ließ, wenn er den wohlhabenden Ständen an-
der unsere Vorfahren wie unter keiner anderen zu leiden gehörte, auch wohl eine Medaille mit seinem Bilde
hatten. Die großen Blatternepidemien des 16. bis 18. schlagen, die verkündete, daß der Pockenkranke der Welt
Jahrhunderts dezimierten die Bevölkerung oft mehr als neu geschenkt war. Wir besitzen eine Reihe von Schau-
Pest und Cholera, ja als die blutigen Kriege. Die Mor- münzen auf die Genesung von , den Blattern. Abgebildet
talität, besonders unter den Kindern, lag bei zwanzig ist eine schöne Barockmedaille auf die Genesung der
Prozent. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn die Kaiserin Maria Theresia von den Pocken.
Genesenden das Überstehen dieser Krankheit als eine
Gnade des Himmels ansahen, als ein glückhaftes Ereig- Da bekannt war, daß einmal Geblatterte nicht mehr
nis, das man feierte. Man hatte ja auch einen doppelten erkrankten, suchte man eine Ansteckung bei leichten
Grund zum Glücklichsein, einmal den, Freund Hein von Erkrankungsfällen zu erreichen. Man „kaufte" sich die
der Schippe gerutscht zu sein, und zum anderen war man Pocken, indem man Leichterkrankten die Hand drückte

Abbildung 1: Silbermedaille 1767 von M. KI af ft; Vorderseite:


Bizustbild der Kaiserin Maria Theresia mit Legende; Rückseite: Abbildung 2: Medaille von Loos; Vorderseite: Eduard Jenne]
Providentia Votis et Arte, allegorische Darstellung: Chronos, Entdecker der Schutzimpfung, 14. Mai 1796; Rückseite: Kinde
Salus (?) und Minerva bekränzen Szepter und Krone, im Ab- umtanzen die Kuh, die von einem Engel bekränzt wird, Um
schnitt: Parenti optimae Clementi iustae Restituta Salus 1767 schrift; Ehre sei Gott in der Höhe und Freude auf Erden

1216 DA Nr. 17 / 26. 4. 1969


Abbildung 4: Französische Prämienmedaille von Caqu6/Andrieu;
Abbildung 3: Preußische Staatsprämienmedaille von Goetze; Vorderseite: Kopf Louis Philippes I, mit Lorbeerkranz; Rück-
Vorderseite: Friedrich Wilhelm III., König von Preußen; Rück- seite: Askulap und Hygieia, rechts Impflanzette und Löffel-
seite: Dem Verdienste um die Schutzimpfung, Arzt in antiker chen, links Kuh, im Abschnitt: La Vaccine MDCCCIV, eingra-
Gewandung, der Kinder impft, dahinter Mutter, im Hintergrund vierte Randschrift: Mr. Bonny Pellieux Dr. Midecin ä Beaugeney
Kuh (Loiret) 1843

oder sie berührte. Im Vorderen Orient, wo die Pocken Von den deutschen Ländern führte Bayern 1807 als
endemisch waren, übertrug man sie durch Pockeneiter von erstes den gesetzlichen Impfzwang ein. Schleswig-Hol-
weniger schwer Erkrankten, den man mittels einer kleinen stein, Baden, Württemberg, Hannover und viele Bundes-
Hautwunde inokulierte. Bekanntlich hat Lady Montague, staaten folgten. Preußen und Sachsen führten diesen
die Gattin des englischen Gesandten in Konstantinopel, Impfzwang nicht durch, obgleich auch dort viel geimpft
im Jahre 1717 diese Methode der Impfung mit nach wurde. Erst das Impfgesetz von 1874 gebot das zwangs-
London gebracht. Dort wurde sie verbreitet und auch weise Impfen. Man suchte die Impfbereitschaft durch Auf-
am englischen Hofe durchgeführt. Auch im übrigen klärung und Verordnungen zu begünstigen und indem
Europa impfte man bald in dieser Weise. Diese Inokula- man den impfenden Ärzten schöne Medaillen verlieh.
tion oder besser Variolation war jedoch nicht ungefähr- Auch im übrigen Europa gab man den Ärzten Anerken-
lich, und es entwickelte sich bisweilen eine ernsthafte nungsschreiben und Gedenkmünzen für ihre impfärztliche
Blatternerkrankung. So wurden denn hin und wieder Tätigkeit. Die Abbildungen 3 und 4 zeigen eine deutsche
auch auf eine geglückte Variolation Medaillen geschla- und französische Staatsprämienmedaille.
gen. Aber fast nur hochgestellte Personen konnten sich
der Variolation unterziehen, denn längere Vor- und Diese Zeilen und Bilder sollen eine Erinnerung sein,
Nachkuren waren vorgeschrieben. Wegen ihrer Gefähr- wie man sich in den beiden verflossenen Jahrhunderten
lichkeit, und da ja eine sporadische Impfung kein Schutz um die Bekämpfung der Pockenseuche mühte und die
für die Bevölkerung war, konnte sie sich nicht durch- Bemühungen und Erfolge durch Verleihung schöner
setzen. Schaumünzen ehrte. Die Medaillen der Abbildungen 1,
2 und 3 befinden sich in der Staatlichen Münzsammlung
Nachdem schon lange bekannt war unter der Land- München, der ich für die Überlassung der Bilder danke.
bevölkerung, daß mit Kuhpocken infizierte Personen In diesem Zusammenhang verweise ich auf ein inter-
keine Blattern mehr bekamen, hat Jenner 1798 nach essantes Büchlein des Geh. Med.-Rates Dr. Pfeiffer und
vielen Versuchen den Fundamentalsatz ausgesprochen, C. Ruland un'd auf die Beschreibung der Pfeifferschen
daß Kuh-, Pferde- und Menschenpocken durch dasselbe Sammlung: Pestilentia in nummis. Darin wird die Ge-
Contagium hervorgerufen würden. Seine Beobachtungen schichte der großen Seuchen und Epidemien, aber auch
und Versuche wurden bald überall nachgeprüft. Sehr der Teurungs-, Feuer- und Flutkatastrophen der ver-
schnell setzte sich die Jennersche Vakzination durch; flossenen Jahrhunderte geschildert, wie sie sich im Bilde
bereits 1799 wurde in London das erste Impfinstitut ge- zeitgenössischer Schaumünzen spiegelt.
gründet und 1803 das königliche Institut zur Bekämpfung
der Pocken eingerichtet, dessen Vorstand Jenner wurde.
Zu allen Zeiten ist Jenner hoch geehrt worden. Es existie-
ren vier Gedenkmünzen auf ihn und etwa fünfzig auf
die Einführung der Vakzination. Die zweite Abbildung
zeigt eine deutsche Medaille auf die erste erfolgreiche 6904 Ziegelhausen
Impfung 1796 durch Jenner mit dessen Bildnis. Am Büchsenackerhang 15 c

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DA Nr. 17 / 26. 4. 1969 1217

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