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Studia Theologica - Nordic Journal of Theology

ISSN: 0039-338X (Print) 1502-7791 (Online) Journal homepage: http://www.tandfonline.com/loi/sthe20

Die ebionitische Wahrheit des Christentums

Hans‐Joachim Schoeps

To cite this article: Hans‐Joachim Schoeps (1954) Die ebionitische Wahrheit des Christentums,
Studia Theologica - Nordic Journal of Theology, 8:1, 43-50, DOI: 10.1080/00393385408599748

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Published online: 22 Aug 2008.

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Die ebionitische Wahrheit des Christentums
Von

HANS-JOACHIM SCHOEPS.
Downloaded by [Nanyang Technological University] at 19:01 12 June 2016

Wenn ich den religionsgeschichtlichen und systematischen Ertrag


meiner Untersuchungen iiber das Judenchristentum oder den Ebioni-
tismus zusammenfassen soil1), komme ich zu folgenden fur Wesen,
Wahrheit und geschichtliche Entwicklung des Christentums nicht un-
wichtigen Ergebnissen:
Bestimmte Quellenschriften des pseudoklementinischen Roman*,
vorliegend in Hom(iliae) und Rec(ognitiones), die Bibeliibersetzung des
Symmachus, Reste apokrypher Evangelien, patristische und rabbini-
sche Nachrichten erschliessen uns die Theologie judenchristh'cher Reli-
gionsgemeinschaften des mittleren und spāten 2. Jahrhunderts. Das
Judenchristentum ist offensichtlich vielgestaltig gewesen (Epiph.
Έβίων ττολύμορφον τηράστιον) und dislociiert. Die genannten Quellen
aber beziehen sich fast ausnahmslos auf Gruppen in Coelesyrien oder
Transjordanien, die sich aus der Nachkommenschaft der emigrierten
Jerusalemer Urgemeinde und wohl noch anderer kurz von 70 und um
135 aus Palastina aufgebrochener Gemeinden zusammensetzt. Diese ha-
ben nun auch Nachrichten und Traditionen aufbewahxt, die bis in die
Mitte des 1. Jahrhunderts hinabreichen und den Gegensatz ihrer Vāter
zu Jerusalem gegen Paulus und gegen die sich herausbildende heiden-
«hristliche Kirche erkennen lassen. Dieser in den āltesten Schichten
des pseudoklementinischen Romans reflektierte Gegensatz hat fur
diese Gruppen Tagesaktualitat gewonnen, weil die Argumentē ihrer
Vater sich auch fur den eigenen Abwehrkampf gegen Marcion und die
christliche Gnosis verwenden h'essen.
2
Wir wollen im folgenden in gedrāngter Kiirze ) ihre Glaubensposi-

1) Theologie und Geschichte des Judenchristentums, Verlag J . C. B. Mohr, Tübingen


1949, 526 pp. sowie Aus frühchristlicher Zeit/Religionsgeschichtliche Untersuchungen,
Verlag J . C. B. Mohr, Tübingen 1950 320 pp.
2
) Die genauen Quellenbelege und alle Details sind in den beiden Anm. 1 genannten
Büchern gegeben worden.
44 Hans-Joachim Schoeps

tionen skizzieren hinsichtlich Christologie, Paulusgegnerschaft und


Stellung zum biblischen Gesetz, soweit dies sich aus negativen Abgren-
zungen und positiven Setzungen erkennen lasst. Wir haben dabei keine
Wahrheitsaussagen zu machen oder Werturteile zu fallen, meinen aber,
dass die »ebionitische Wahrheit des Christentums* eine ebenso legitime
Position ist wie die kirchliche. Denn »Haeresie« wurden sie nur deshalb,
weil sie im Kampfe unterlegen sind, wobei das Unterliegen freilich seine
Griinde hat, womit die Frage ihrer geschichtlichen Standortsbestim-
mung aufzurollen ist. Der kritische Forscher wird dabei auch keinen
Augenblick vergessen durfen, dass das ebionitische Quellenschrifttum
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einen durch und durch tendenziōsen Charakter hat. Aber schon der
Tiibinger Schule ist klar gewesen, dass dies in gleichem Masse auch
fur das grosskirchliche Schrifttum gilt und die Tendenzkritik aus falsch.
verstandenen Glaubensinteressen heraus auch nicht vor den kanoni-
sierten Schriften des Neuen Testaments halt machen darf.

1. Das ebionitische Bild von Jesus Christus.


Die Ebioniten haben in Jesus den Lehrer und das Vorbild vollkom-
mener Chassiduth gesehen. Wegen seiner άρητή βίου sei er von Gott
zum Christus, d. h. zum messianichen Propheten berufen worden.
»Hatte ein anderen, die Vorschriften des Gesetzes ebenso erfullt, ware
er ebenso Χριστός geworden, denn bei gleichen Taten kōnnen auch.
andere Χριστοί werden«, berichtet Hippolyt (Philos. V I I , 34,1 f.) iiber
ihren Glauben. Die Ebioniten sahen in Jesus den Saddiq, der das Ge-
setz als einziger Mensch vollkommen erfullt habe. E r habe es aber als
Mensch erfullt, nicht als ύιόξ SeoO, sondern als uioj avSpcoTrou, der nicht
durch reale Praexistenz oder mit der Geburt, sondern erst am Tauftage
durch den mit Ps. 2, 7 angesagten Adoptivakt der Taufe, nāmlich durch
den im Wasser des Taufbades prāsenten Heiligen Geist zum Messias
geweiht und mit Kraft von Gott ausgestattet worden ist. Diese »adop-
tianische Christologiee hat sich bei ihnen mit der apokalyptisch-urge- -
meindlichen Menschensohnerwartung verbunden, dass Rabbi Jeschu
ha-Nozri, verwandelt in die visionale Engelsgestalt des Menschensohns
auf Himmelswolken, in Bālde wiederkommen werde zum heilszeitli-
chen Endgericht iiber Lebende und Tote. Das Enttauschtwerden die-
ser Erwartung: das Faktum der »Parusieverzogerung« trāgt die Schuld
daran, dass das Abflauen der eschatologischen Spannungen im 4. und
5. Jahrhundert zum Ende ihrer Bewegung uberhaupt gefiihrt hat. Die
Parusieverzogerung hat zwar die Ausbildung der katholischen Karche
Die ebionitische Wahrheit des Christentums 45

gefordert; die Weiterbildungen der Jerusalemer Urgemeinde aber


haben dieses factum brutum wegen des Festhaltens an einer primitiven
Stufe der Christologie — eben der Menschensohnerwartung — nicht
iiberdauern konnen.
Das ebionitische Bild Jesu ist aber — von dieser Erwartung abgese-
hen — noch durch eine ganz andere Qualitat bestimmt gewesen: nam-
lich die, dass er der von Moses verheissene wahre Prophet, der messia-
nische Prophet gewesen sei. Ein solcher Prophet war in weiten Kreisen
des Judentums der Zeitenwende erwartet worden, und die Urgemeinde
charakterisiert das messianische Glaubensurteil, dass in Jesu ό αληθής
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•προφήτη; gekommen sei. Dieses verbindet sie mit dem Judenchristen-


tum des Epiphanius und der Pseudoklementinen, wie es sie genau so
und definitiv von den weiterhin futurisch ausgerichteten Juden unter-
scheidet.
Ihr Glaube, dass Jesus αληθής προφήτης sei, namlich der von Moses
verheissene messianische Prophet, den Gott aufstellen werde »gleich
mir« (Deut. 18, 15), hat bei ihnen zu einer vōlligen Parallelisierung
beider Gestalten gefuhrt. Beide wurden von Gott gesandt, um Būnde
zu schliessen mit der Menschenwelt. Wie Moses der Juden οίκονόμος
gewesen sei (Luc. 12, 42), so Jesus der fur die Heiden (Horn. 2, 52).
Da aber beider Lehre identisch ist, nimmt Gott jeden an, der einem von
ihnen glaubt (Horn. 8,6: Μιας γαρ δι' αμφοτέρων, διδασκαλίας ούσης
τον τούτων τινί πεπιστενκότα ό θεός αποδέχεται). — So werden ihnen
die Bekehrung zu Christuš" und die Bekehrung zum heiligen Gott und
zum Gesetz der Juden (Horn. 4, 22) ein und dieselbe Sache.

2. Die ebionitische Paulusgegnerschaft.


Von dieser Grundposition aus mussten die Ebioniten in eine prinzi-
pielle Gegnerschaftzu Lehre und Person des Apostels Paulus geraten.
In den uns erhaltenen Quellen sind keine direkten Lehraussagen gegen
die paulinische Theologie bewahrt worden, dafiir aber eine umso hef-
tigere Polemik gegen das Apostot Pauli, die den Apostel als Irrgeist
(πλάνος τις — 2 Kor. 6, 8), als Feind (εχθρός — Gal. 4, 16), j a als den
Bosen schlechthin (αντικείμενος — 2 Thess. 2, 4) diffamieren will,
der in der Kirche Christi Haeresie gestiftet habe. Seine Lehren verun-
gh'mpfen sie als τό εύαγγέλιον ψευδές. Die Ebioniten des Pseudokle-
mens haben bier nur Vorwiirfe ihrer Vāter, der »Judaisten« in den pau-
linischen Missionsgemeinden, wieder erneuert und Iassen so deren
Standpunkt erst ganz deutlich werden. Insbesondere aus dem Stuck
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Horn. 17,13—20 ist zu erkennen, dass die Ebioniten und ihre Vorfahren
Pauli Berufung auf eine Vision des Auferstandenen als dāmonisches
Blendwerk verurteilt haben. Sein auf όπτασίαι καΐ αποκαλύψεις be-
griindetes Apostolat sei illegitim, da nur der personliche TJmgang mit
dem irdiachen Jesus zum Apostolat legitimiert habe.
Offenbar haben schon der Zwolferkreis mit Jakobus und die Jerusa-
lemer. die Augenzeugenschaft des Erwahlten, d. h. das leibliche Zu-
sammensein als konstitutiv fiir Apostelwflrde und Lehramt erachtet
und dem Paulus hochstens die Funktion eines συνεργός ήμων zugebilligt,
wie es der klementinische Petrus (Horn. 17, 20) ausdruckt. Oder Rec.
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2, δ5: »Wer das Gesetz nicht von Lehrern lemt, sondern sich selbst
fur einen Lehrer halt und den Unterricht der Junger Jesu verschmaht,
der muss notwendig auf Absurditāten gegen Gott geratene. J a , Petrus
urteilt noch dariiber hinaus, Saulus-Paulus habe eine Vision bekom-
men, wie sie Jesus seinera Widersacher im Zorn (ώς αντικείμενη ό
Ίησοΰς όργιζόμενος) zuteil werden liess (Horn. 17,14). Daher wird Pauli
Denken das Oegenteil von Jesu Lehre genannt (17, 18).
Diese uns nur verstummelt vorliegenden Polemiken diirften alten
ebionitischen Apostelakten entstammen, die eine sehr gehāssige Schil-
derung des antichristlichen Wirkens Pauli bis zum Stephanusmarty-
rium, seiner Konversion sowie der Vorgānge in Antiochia gegeben
haben. Wie der εχθρός άνθρωττος in seiner jiidischen Periode fur den kul-
tisch. verfālschten Mosaismus agitiert habe, so sei er spater ein Feind
jedes Gesetzes geworden. Hatte er schon die Bemūhungen der Urge-
meinde und des Jakobus um die Bekehrung der Juden zur lex mosaica
per Jesum prophetam reformata durch sein Dazwischentreten vereitelt
so ist er auch nach der Bekehrung der Verfolger des wahren Gesetzes
geblieben.

3. Das ebionitische Oesetzesverstandnis.


Die Ebioniten des 2. und 3. Jahrhunderts waren genau so wie ihre
Vater, die τίνες των άττό τηςαΙρέσεωςτόόνΦαρισσίωνπεττιστευκότες (Ac-
ta 15,5) klare und erklarte ζηλωταΐ τοΰ νόμου (Acta 21,25). Sie nennen
ihre Lehre τό νόμιμον κήρυγμα, haben aber das mosaische Gesetz noch
erheblich verscharft und extremisiert durch ihren prinzipiellen Vege-
tarismus, der die Halbheiten der jiidischen Schechitha uberwinden
sollte, durch das Gebot der Armut und Giitergemeinschaft sowie durch
eine rigorose Kathartik, die von rituellen Waschungen bis zu einer im
Taufakt kulminierenden seltsamen Wassermystik reicht. Aber in einer
Die ebionitische Wakrhe.it des Christentums 47

entscheidenden und religionsgeschichtKch recht bedeutsamen Partie


haben sie eine systematische reductio legis mosaicae durchgef iihrt: Sie
haben nāmlich den blutigen Tieropferkult, alsdann das Institut des
israelitischen Konigtums, ferner die falschen resp. nicht eingetroffenen
Prophetien der Schrift sowie endlich die anthropomorphen Gottesaus-
sagen als »f alsche Perikopene gestrichen, die nachtraglich in die Thora
Mosis eingeschoben worden sind. Jesus war ihnen der Ref onnator des
jiidischen Gesetzes, dessen διδασκαλία die Thorakritik als Verbreitung
der Kunde gewesen ist, was das Wahre und was das widerrechtlich
hineingekommene Falsche im Gesetze sei.
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Die jesuanische Gesetzesreformation hat sich also nach dem Glau-


ben der Ebioniten hauptsachlich auf den Opferkultus bezogen, und es
konnte sein, dass sie darin tatsāchlich Ješu rechtglāubige Schiiler
waren, die den Opferkultus deshalb so scharf verworfen haben, weil
ihr Meister das bereits getan hatte. Nun hat in der modernen NT-
Forschung Ernst Lohmeyer1) tatsāchlich die Behauptung aufgestellt,
dass die im Kanon bei Matthaus und Marcus vorliegende Jesustradi-
tion strikt antikultisch gewesen sei, »weshalb wir niemals in der evan-
gelischen Uberlieferung eine Bemerkung dariiber lesen, dass das glei-
che Gesetz, das man als Willen Gottes verehrt und erfullt, auch die
Ordnung des Kultus enthālt, die man verwirft*. Ebenso durfte dann
die Tendenz der Stephanusrede in Acta 7 als gut jesuanisch zu er-
klāren sein.
Bei einer solchen Einschātzung der Gegņerschaft Ješu zum blutigen
Siihnopferkult wird ein weiterer Grund deutlich, warum die Ebioniten
die paulinische Lehre ablehnen mussten Denn Pauli soteriologische
Wertung des Todes Ješu als Suhnopfertod ist — ebionitisch gespro-
chen — das grosste Paradox, das gedacht werden kann, eine Lāsterung
solchen Stils, dass sie allein schon ihn als Typus des falschen Propheten
erweist Nicht durch das alles umfassende Opfer des Gottessohnes, wie
die Kirche in Pauli Nachfolge lehrt, ist die Christenheit vom jiidischen
Opferdienst frei geworden, sondern durch die Wasser der Taufe hat
Jesus Feuer des Opferkultes — so ist ebionitischer Glaube — zum Ver-
loschen gebracht. Jedenfalls war in der ebionitischen Theologie die
Aufhebung der Opfer geradezu Jesu Auftrag, mit dem er sich als der
»wahre Prophet« ausgewiesen hat, dass er die Opferthora — bei aller
eonstigen Treueund Bejahung des mosaischen Gesetzes — zur Auf-
losung bringt.
Alle von Jesus befohlenen ebionitischen Streichungen und Ver-
l
) Kultus und Evangelium, Göttingen 1942, 125.
48 Hans-Joachim Schoeps

mehrungen, Erleichterungen wie Erschwerungen im Gesetz geschehen


aber nur, um den Willen Gottes als die Instanz hinter den Schriften
(τά άληδη των γραφών—Mt. 22,29) zum Ausdruck zu bringen, um die
zerstōrte Einheit zwischen dem Gesetz und dem Willen Gottes wieder
herzustellen. Im Letzten haben sie das Gesetz von Jesus her beur-
teilt; in seinem Leben und in seiner Lehre sahen sie die rechte Erf iil-
lung des mosaischen Gesetzes. Das Gottliche in ihm habe er bestātigt,
das Widergottliche vernichtet. Ebionitische Theologie zu betreiben,
hiess fur sie nichts anderes, als dies im einzelnen festzulegen. In Wen-
dung gegen die paulinische Lehre war dabei ihr Ziel, als Inhalt der
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wahren θρησκεία: το μόνον αυτόν σέβειν, μη άκαθάρτως βιοϋν, εύποι-


εΐν, μη άδικεΐν (Horn. 7, 8). Durch δικαιοσύνη έξ έργων (justitia in
operibus — Rec. 2, 36) werde man zu der von Jesus, dem wahren
Propheten, geforderten »besseren Gerechtigkeit« gelangen.

4. Geschichtliche Standortsbestimmung.
Besonders auffāllig ist die Feindseligkeit der Ebioniten gegen den
judischen Opferkultus, der sich auch gegen die Kultstātte des jerusa-
lemer Tempels gerichtet hat, weil er eine Depravation der alten von
Gott gewiinschten Stiftshiitte darstelle. Da es in der judischen Reli-
gionsgeschichte von den nomadischen Rechabiten durch die Makka-
bāerzeit hindurch bis zu den Essaern der Zeitenwende immer wieder
Oppositionsbewegungen gegen den Opferkultus der jerusalemer
Priesterschaft gegeben hat, sind die Ebioniten in einem deutlich auf-
zeigbaren ideengeschichtlichen Zusammenhang hineinzustellen; zumal
zu den Essāern erscheint die innere Verbundenheit eng". Offensichtlich
gehoren in ihre Ahnenreihe bevorzugt auch die Gruppen hinein, welche
hinter den Schriften stehen, die durch den Hōhlenfund der Papyrus-
rollen von 'Ain Feshkha — nach Abfassung meiner Bucher — bekannt
geworden sind. Zumindest ergibt der Vergleich ihrer. Anschauungen
neben manchen charakteristischen Detailiibereinstimmungen eine
sehr ahnliche Christologie (more sedeq—άληθήξ προφήτης), die gleiche
Lobpreisung der Armen und wohl auch (Sektenkanon I X , 3) eine ge-
meinsame Reservation gegen den blutigen Tieropferkult1). Wie ich

1) Innerhalb der bereits sehr angeschwollenen Literatur zu den 'Ain Feshkha-Rollen


ist auf die Arbeit von Kurt Schubert: Die jüdischen und judenchristlichen Sekten im
Lichte des Handschriftenfundes von 'En Fescha (Zeitschr. f. kathol. Theologie 1952,
Heft 1) hinzuweisen, der die uns interessierende Vergleichung systematisch und bisher
am besonnensten durchgeführt hat.
Die ebionitische Wahrheit des Christentums 49

bereits a. a. O. zeigen konnte 1 ), durften die Sadoqitengruppe von


'Ain Feshkha, die Gemeinde von Damaskus, Essaer und Ebioniten in
einem glaubensgeschichtlichen Zusammenhang gestanden haben. Er-
moglicht wurde dieser durch den Exodus der Urgemeinde nach Ost-
jordanien, wo seit alters zivilisations- und zumal kultfeindliche jiidi-
sche Minderheitsgruppen gesiedelt hatten.
Dass die Ebioniten der Kirchenvāter und des klementinischen Ro-
mans tatsāchlich die leiblichen Nachkommen der jerusalemer Urge-
meinde sind, ergibt sich iibrigens, von den Zeugnissen des Eusebius
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und Epiphanius abgesehen, aus zwei bisher meist ubersehenen Erkla-


rungen der ebionitischen Quelle des pseudoklementinischen Bomans
(Rec. 1, 37 syr.; Rec. 1, 39): Die Weisheit Gottes habe sie zu einem
sicheren Ort der Landschaft zur Rettung weggefiihrt, und dies vor
Ausbruch des Krieges, der den unglāubigen Juden zum Verderben
ausschlagen werde2).
In ihren vom Weltverkehr abgelegenen neuen Heimatorten haben
sich die Nachkommen der Jerusalemer Urgemeinde kaum langer als
350 Jahre halten konnen. Nach gewohnlichem Sektiererschicksal schei-
nen sie sich in ihrer Spātzeit gespalten oder doch viele Sonderrichtun-
gen hervorgebracht zu haben. Soweit sie nicht zur katholischen Kirche
zuriickfanden, sind sie schliesslich in dem bunten Religionsgemisch
Vorderasiens untergegangen, nachdem ihre Losungen und Losungen
der jiidischen Gesetzesreform auf keiner Seite Anklang gefunden hat-
ten und die Kraft ihrer eschatologischen Erwartung durch das Faktum
der Parusieverzogerung allmāhlich gebrochen worden war, da sie durch
keine besondere Sakramentsmystik wie in der Grosskirche ausgegli-
chen wurde. Was aber ihre Religionslehren und Glaubenssātze be-
1) H. J . Schoeps: Handelt es sich wirklich urn ebionitische Dokumente?, Zeitschr.
für Religions- und Geistesgeschichte III (Leiden—Köln 1951), Heft 4.
2
) Vgl. meine Bemerkung in Theologie und Geschichte des Judenchristentums, S.
477: »Wer sollte anders sonst in der ganzen Christenheit ein Interesse daran haben, sich
auf diesen Vorgang zu berufen und ausgerechnet ihn in das Zentrum eines heilsge-
schichtlichen Berichtes zu rücken, wenn nicht eben die Nachkommen dieser Exulanten,
die separierten Judenchristen oder Ebioniten, die von ihrer Separation freilich schon
durch einen grösseren Zeitabstand getrennt erscheinen. Aber sie zehren noch von den
Traditionen der jerusalemer Zeit und halten den Kirchenprimat des Jakobus auch noch
für seinen Nachfolger auf dem Bischofstuhle aufrecht (Rec. 4, 35).· — Aus einer weite-
ren Stelle (Horn. 2, 17), die besagt, dass das wahre Evangelium erst nach der Zerstörung
der Heiligen Stadt zur Widerlegung kommender Haeresien ausgesandt worden sei, hat
auch der sehr kritische B. Rehm (ZNW 1938, 154) geschlossen, dass hier eine Gruppe
Menschen das Wort nehme, »die sich selbst von den vor und nach der Zerstörung Jeru-
salems geflüchteten Judenchristen ableiten«.
4
Studia Theologlca. Vol. Vin.
50 Hans-Joachim ScJioeps

trifft, so sind diese mehr oder minder abgewandelt und umgeschmol-


zen — iiber mehrere Verbindungsgelenke bin — in der dritten, bisher
zeitlich letzten Offenbarungsreligion der Weltgescbichte, dem Isfam,
wieder ans Tageslicht gekommen.
Die Frage aber muss zu stellen erlaubt sein, ob nicht diese vom le-
bendigen Strom der Entwicklung abgeschnittenen und zur Sekte er-
starrten spāten Nachkommen der Urgemeinde trotz aller Entstellung
und Verzerrung genauso legitime Zeugen und Kiinder der Botschaft
Jesu gevresen sind wie die Vertreter der uberwiegend heidenchristli-
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chen Katholischen Kirche. Ob sich nicht im Geschlechterverband der


leiblichen Nachkommenschaft der ersten Apostel einschliesslich der
Sippe Jesu manche urchristliche Lebens-, Lehr- und Glaubensweise er-
halten hat, die in der Grosskirche friih vergessen wurde oder dem Drang
in die Weite der Welt zum Opfer fiel, im engen Horizont syrischer
Sektenkirchen aber bewahrt und konserviert worden ist 1 Ob sich also
nicht gerade ein Stuck der urchristlichen Botschaft nach ihren ur-
spriinglichen Tendenzen unter diesen versprengten Palastinensern ent-
wickelt hat ? Haben sie die Fortschritte der Kirche auf dem Boden der
heidnischen Diaspora, die sogenannte »Hellenisierung des Christen-
tums« nicht mit Recht als Entfremdung von ihren palāstinensischen
Urspriingen angesehen? Waren sie am Ende doch die wahren Erben,
auch wenn sie untergingen ?
Ich sagte in meinen Buch und wiederhole es hier: »Es ist nicht das
Amt des Historikers — auch nicht des Historikers der Religionen —
Wertantworten zu geben und anstelle niichterner Konstatierungen
Glaubensentscheidungen zu treffen* (321). Aber. er wird in jedem Fall
mit Nachdruck auf das in Vergessenheit geratene Faktum hinzuwei-
sen haben, dass es in der Fruhzeit des Christentums und noch ziem-
lich lange in der alten Kirche neben der katholischen auch eine ebioni-
tische Wahrheit des Christentums gegeben hat.

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