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MOTORRAD

Das Beste aus

Traumziele www.tourenfahrer.de

11
traumhafte
Motorrad-

Europa
Reisen in

s
Insider-Tipp
u t e n z u m N ac h f a h re n
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e g io n a le H ighlights
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NORWEGEN: Boah-Way MONTENEGRO: Über alle Berge GRIECHENLAND: Völlig losgelöst IRLAND: Must-see
Deutschland 9,80 €
BRETAGNE · NORDSPANIEN · EXTREMADURA · LUBERON Österreich 10,80 €, Schweiz 15,70 sfr,
Luxemburg 11,20 €, Italien 12,70 €,

PIEMONT/LIGURIEN/LOMBARDEI · RUMÄNIEN · POLEN 02

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TOURENFAHRER-Partnerhaus Motorrad-Hotels und -Pensionen sind Publikationen der Syburger Verlag GmbH, Hier bestellen:
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Wer die Wahl hat …


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abt ihr schon Urlaubspläne jeweiligen Infokästen jede Menge Tipps
­geschmiedet oder seid ihr eher und persönliche Übernachtungsempfeh­
spontan unterwegs? Oder habt lungen der Autoren.
ihr nur schon mal die Zeit reser- Zusätzliche Informationen findet ihr in
viert, aber das Ziel bislang offengelassen? unserer umfangreichen Tour-Datenbank
Wie dem auch sei, als Anregung für sofort unter www.tourenfahrer.de. Weit über
oder später haben wir einige der schöns- 900 Touren sind dort eingepflegt, die sich
ten Reisereportagen aus dem TOUREN- mit den hier vorgestellten kombinieren
Toni Sacher FAHRER und den MOTORRAD NEWS oder e­ rgänzen lassen. Man kann entweder
(Projektleiter) in unserem neuesten Sonderheft zusam- Suchbegriffe eingeben oder über die Land-
mengefasst. Da es bereits zwei Deutsch- karte ins Wunschgebiet hineinklicken.
land- und drei Alpenbände gibt, sind diese Bis zu ­einem gewissen Punkt ist dieses
Regionen bewusst nicht berücksichtigt. ­Angebot jedem zugänglich. TF-Abonnen-
Stattdessen legen wir den Fokus auf euro- ten des Syburger Verlags hingegen haben
päische Gebiete, die keinen Einzug in die unbegrenzten ­Zugriff und können kom-
erste Ausgabe der »Motorrad-Traumziele plette Artikel ­herunterladen.
DAS BESTE AUS
Sonderheft 2/2019 www.tourenfahrer.de
Europa« gefunden haben. Dieser Kontinent Es gibt also genügend Material zum
MOTORRAD-TRAUMZIELE ist jedoch so vielfältig, dass wir sprich- Schmökern und Pläneschmieden. Uns
EUROPA
Dolomiten Island
wörtlich Bände füllen könnten, um all den ­Redakteuren kam bei der Arbeit an dieser
unterschiedlichen Landschaften und dem Ausgabe ebenfalls die eine oder andere
Die besten
Reiseziele
2020
Kroatien
Reichtum an Kulturschätzen gerecht zu ­Urlaubsidee, denn auch wir haben längst
werden. Keine leichte Auswahl … nicht alles selbst bereist und lassen uns
Italien Schottland Unsere virtuelle Reise durch dieses Heft gerne von den Kollegen inspirieren.
beginnt hoch im Norden. Von Norwegen Wir wünschen euch vergnügliche Reise­
Spanien / Portugal • Frankreich • Isle of Man • Polen • Deutschland

MOTORRAD-VERMIETUNG & FÄHRVERBINDUNGEN IN EUROPA


ÖSTERREICH-DURCHQUERUNG – DAS IST ZU BEACHTEN
Deutschland 9,80 €
Österreich 10,80 €, Schweiz 15,70 sfr,
BeNeLux 11,20 €, Italien 12,70 €,
Spanien 12,70 €, Griechenland 14,70 €

02
kommen wir über Irland in die Bretagne, erlebnisse, interessante Begegnungen und
reisen nach Süden über Spanien nach stets eine gute und sichere Fahrt.
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Perfekte Ergänzung: Frankreich und Italien, bevor es über Grie-


Den ersten Teil der chenland und den Balkan zu unseren öst­ Herzliche Grüße
»Motorrad-Traumziele lichen Nachbarn in Polen geht. Falls das
­Europa« gibt’s ­unter: Traumziel kein Traum bleiben soll, finden
magazine.tourenfahrer.de sich für die praktische Umsetzung in den

Motorrad-Traumziele
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am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de 3
INHALT

58 Die spanische Extremadura zählt zu den


einsamsten Gegenden Europas.

68 Spektakuläre Schluchten und grandiose Panoramablicke verspricht eine


Reise durch den Lubéron im Süden Frankreichs.

32 In der Bretagne findet man versteckte Häfen,


raue Küsten und Obelix’ Hinkelsteine. 118 Die legendäre Transfăgărășan über die Karpaten gehört zu den
­fahrerischen Höhepunkten einer Rumänien-Reise.

20 Die kulturellen und landschaftlichen Highlights von Nordirland


und der Republik Irland muss man einmal gesehen haben. 130 Die Woiwodschaft Kleinpolen ist eine moderne Region
mit uralten Traditionen und beinahe kitschigen Kulissen.

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1

NORWEGEN
Oslo
Stockholm

SCHWEDEN

Edinburgh
GROSSBRITANNIEN Kopenhagen

2 Dublin
IRLAND Warschau
Berlin
London
DEUTSCHLAND POLEN
Frankfurt
11 UKRAINE
Paris Prag
3 München SLOWAKEI

FRANKREICH ÖSTERREICH
10

Mailand
KROATIEN
Lyon 7
RUMÄNIEN
Toulouse
ITALIEN MONTENEGRO
6
4 Rom
8
SPANIEN
Porto
Barcelona
PORTUGAL Madrid GRIECHENLAND
5 9
Lissabon
Athen

1 Boah-Way 6 5 Am Rande der Welt 58 9 Völlig losgelöst 104


Paradiesische Routen durch Spaniens schöne Mitte ist ein Auf der griechischen Insel
die Naturschönheiten im Süden Landstrich für Motorradstreuner Euböa kommt alles zusammen,
Norwegens. und Entdecker. was gut ist.

2 Must-see 20 6 Feinkost mit Freunden 68 10 Zeitreise-Abenteuer 118


Filmreife Landschaften und Ein Motorradurlaub mit einer Noch hat der Massentourismus
­kulturelle Highlights in Nordirland ­größeren Gruppe kann eine das Motorradparadies Rumänien
und der Republik Irland. ­spannende Reise werden. nicht für sich entdeckt.

3 Zwischen Himmel und Meer 32 7 (K)ein Gang nach Canossa 82 11 Piękna Polska 130
Das Leben in der Bretagne Durch Piemont, Ligurien und Das »schöne Polen« von
­gehorcht dem Pulsschlag von die Lombardei zum berühmten Krakau bis zur Hohen Tatra an
Meereswellen und Wind. Ort am Fuße der Apenninen. der Grenze zur Slowakei.

4 Terra Incognita 48 8 Über alle Berge 94


Nordspanien bietet eine wilde Im Schatten der touristischen Intern 3
­Mischung aus Schottland, Alpen ­Adria-Küste birgt Montenegro
und Atlantik. ­südeuropäische Ursprünglichkeit. Impressum146

Motorrad-Traumziele
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Boah-Way
Mit seinen offiziellen Landschaftsrouten, den »Nasjonale turistveger«, will sich
Norwegen für Reisende von seiner attraktivsten Seite zeigen. Lars Wennersheide
(Text & Fotos) und Marius Becker (Fotos) haben einige der paradiesischen Strecken
in diesem mit Naturschönheiten geradezu unverschämt reich beschenkten Land
zu einer Rundtour kombiniert.

Himmelwärts: Höher hinauf als auf


der Sognefjellstraße geht es nirgends auf
Asphalt in Skandinavien.

6 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


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Heute leuchtet hier
ein feuerroter Ferrari
Testarossa, wo man sich
einst eher eine Kutsche
vorstellen konnte

Zweitenwandel: Maranello trifft


auf alte norwegische Bauweisen
in Lærdalsøyri.

8 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
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Mit Nachdruck wirft die
Kältekammer des Landes
ihre Vorboten auf uns
nieder. Wir sind allein,
einsamer geht es nicht

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Gipfelstürmer: Ewiges
Eis malt die Flanken des
Galdhøpiggen auf der
Sognefjellstraße weiß.

Motorrad-Traumziele
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Brückenparade: Auf dem Atlanterhavsveien
sind die Inselaufenthalte kaum mehr als
kurzzeitige Momentaufnahmen.

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Zuerst meinen wir,
das Salz des Atlantiks
riechen zu können –
und dann sind wir
wieder zurück am Meer

Motorrad-Traumziele
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D
ie Räder rollen. Sonores Brummen Sorglose, der Abenteuersüchtige, der
des Boxers, immer ähnliche Tonlage, ­Alles-schaffen-Müssende, der Geduldige,
untermalt das Rauschen des Fahrt- der Chaotische, der Durchgeplante, der
windes. Das voluminöse Konzert, Flexible, der Optimierer, der In-den-Him-
der wuchtig tobende Gig, Musik in meinen mel-Gucker oder der Wetter-App-Fahrer?
Ohren. Seit Sekunden, Minuten, ja beinahe Letztere Smartphone-Anwendung domi-
seit Stunden. Kein erhöhtes Verkehrsauf- nierte einige Zeit unsere Aufmerksamkeit
kommen, keine Ampel. Die Landschaft bei der Abreise in Bergen. Die Aussichten
passiert wie ein Blockbuster in Dauer- für die Reisewoche: Katastrophe oder
schleife. Riksvei 13, Reichsstraße 13, Weltuntergang.
Abzweig Voss Richtung Vinje. Bestürzend »Was tun?« Marius und ich diskutierten,
Kunst mit Kulisse: schön, üppig, dramatisch und oft himmel- hätten auch eine Münze werfen können,
Durchblick bei der 42 t weit. Der Kopf wird durchgepustet. vertrauten letztlich zu Recht der norwegi-
schweren Skulptur am Ein Wasserfall, der Tvindefossen, stürzt schen Wettertendenz von »yr.no«, korri-
Rastplatz Mefjellet an zur Linken in grellen Wasserwolken den gierten spontan unsere grob geplante Reise­
der Sognefjellstraße. stufig-steilen Felshang hinunter. Findlinge route im Uhrzeigersinn und folgen ihr nun
liegen an dem Bach, dem Strandaelvi, sind recht frei in entgegengesetzter Richtung.
so groß wie Holzhütten, in denen man Übernachtungen sind nicht vorgebucht, die
nachts campieren kann. Der Fahrbahnrand Hochsaison ist zum Glück Vergangenheit.
schafft Platz mit Kettenanlegebuchten, den Nicht zu befürchten, dass sich abends bei
»Kjettinplass« für Busse und Lkws. Der der Suche nach einer passenden Unterkunft
Klang der Straße bleibt für uns unverän- zeitlich alles drängt und drückt.
dert, beinahe stoisch dreht der Zweizylin- Statt in die Fjorde also zuerst hoch in
Freunde, das ist der immer gleich und unbeirrt vor sich hin. die Berge. Zurück im Tageslicht am Aur-
Erster Kontakt mit einem Ausläufer des landsfjord. Überlaufen vor allem wegen
Norwegen. Von Sognefjords, des längsten und tiefsten Mee­ der Ortschaft Flåm und dem Bahnhof der
resarms Europas. Gudvangen am Ende des Flåmsbana. Ein Kreuzfahrtschiff legt seine
Natur aus etwas Nærøyfjords, dann geht uns im Gudvanga- Schwerölwolke über den Fjord. Reisebusse
tunnel mal wieder schlagartig das natür­ lassen Bremslichter aufflackern, quetschen
rough und auf so liche Licht aus. Im Land voller ineinander- sich selbst in der Nebensaison in die letzte
mancher Strasse geschobener und miteinander verwobener Lücke des Parkplatzes. Sie alle kommen
Gipfel und Gipfelchen sind Tunnel oft die wohl oder übel irgendwann durch den
auch anspruchsvoll einzige Möglichkeit, alltagstauglich und eini­ Lærdaltunnel. Mit einer Länge von rund
germaßen geradlinig vorwärtszukommen. 25 Kilometern weltweit als Straßenunter-
Nicht überraschend sammelt sich im führung unübertroffen und vielleicht die
Westen Skandinaviens die mutmaßlich Krönung der Aurlandstraße. Wir halten
größte Dichte der Welt an Straßenstollen. uns am Abzweig lieber links und kraxeln
Viele ein Erlebnis, manche spektakulär, abenteuerlich über das Hochgebirge zwi-
mal mit integrierten Kreisverkehren oder schen den Fjorden.
bunten, wachhaltenden Lichtanimationen, Kaum breiter als ein Ziehweg klettert
andere einfach nur schlicht, lang und die Straße zunächst durch grüne Wiesen
­dauerhaft. Abhängig vom Wetter da drau- empor. Knackig eng, beinahe heimelig geht
ßen Wärmespender oder auch Kühlelement. es zwischen den Kurven zu. Was für ein
Bei Sonnenschein nervig, bei Regen – soll gelungener Einstieg in unsere erste Land-
nahe Bergen ja nichts Ungewöhnliches schaftsroute der Tour. Perfektes Motorrad-
sein – ein perfekter Schutzschirm. Die terrain. Die Tonlage des Boxers gewinnt an
Rückspiegel beschlagen, das Visier leicht Schärfe, ein, zwei Klicks im Getriebe und
milchig. Oh, ich habe wieder vergessen, die Steigung wird für die Gashand bedeu-
vorab die Sonnenbrille leicht von der Nase tungslos. Vorfreude auf die ersten Kehren
zu ziehen. Lichtblicke fliegen unter Tage oberhalb. Selbst mit unseren Einspur-Fahr-
rechts und links am Visier vorbei. Gut elf zeugen schieben wir beinahe auf Tuchfüh-
Kilometer dasselbe monotone Bild. Zeit lung an entgegenkommenden Kleinbussen
für Gedanken. Welcher Reisetyp bist du? und viel zu großen Leihwagen für viel zu
Der Unerschrockene, der Spontane, der gebirgsunerfahrene Chinesen vorbei.

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Die blauen Schilder mit weißem »M« Spätestens jetzt wird die Reise für die
am Fahrbahnrand scheinen ihnen Weisung föhnfrisierte Mutti zum Albtraum. Ein
genug zu sein, ihre Fahrzeuge möglichst hochroter Kopf, der an Jupp Heynckes bei
mittig der Gesamtfahrbahn zu halten. Die der Pokalfinal-Niederlage seiner Bayern
eigentlich als Møteplassen (Haltebuchten) 2012 gegen den BVB erinnert. Muttis
gekennzeichneten kleinen Passierbuchten Stress ist groß, Vattis ungleich größer. Mit
sind derweil vollgestellt mit Fahrzeugen bloßen Händen versucht sie draußen, das
Schaulustiger. Unsere Konzentration gehört Mietwohnmobil am Abgrund festzuhalten,
dem jeweiligen Vorausfahrenden. Je breiter brüllt wirre Anweisungen, während er
das Fuhrwerk, desto wahrscheinlicher eine sichtlich zu viel Fjord im Bild der Rück-
unerwartete Notbremsung. fahrkamera zu sehen bekommt. Da hilft
Freunde, das ist Norwegen. Von Natur auch kein Satellitenfernsehen. Das Doppel- Süßes von Süßen:
aus etwas rough und auf so mancher Straße bett im Überhang hängt längst frei, die göttliche Backwaren in
auch anspruchsvoll. Kaum ein Auge bleibt Hinterradreifen der Wohninsel kratzen der »Bakeriet i Lom«.
für die Schönheit und die unglaublichen bedrohlich an der Landkante, die Boden-
Größendimensionen des Moments. Boote freiheit lässt kaum Luft übrig. Vatti rückt
und Fähren ziehen, kaum größer als ein derweil so dicht ans Panoramafenster der
Pixel auf einer Fototapete, ihre Linien in entgegenkommenden Wohninsel, dass er
das türkisblaue Wasser. Weit unterhalb das Muster der fremden Bettwäsche erken-
kreist immer wieder ein Sportflugzeug nen könnte. Wir löschen die Zündfunken
durch den Fjord, sichtbar kaum in der der BMW und halten wie alle anderen den
Lage, mit seinen Schwimmern höher als Atem an. Nicht immer ist größer und be-
die umliegenden Felsflanken zu kommen. quemer auch besser. Fortschritte im Milli-
Luftig über allem schwebt ein Paraglider meterbereich. Minuten, die allen Akteuren
in immer gleicher Höhe wie ein Spoiler an sicher wie Stunden vorkommen, verrinnen
der Abrisskante der Felsen. Der Duft ent- im Stau und Stillstand für uns. Momumental: Auf
gegenkommender glühender Bremsen wird Spätestens die Stegastein-Aussichts- dem Slådalsvegen
plötzlich von der Strenge rauchender plattform wird auch für uns wieder zum rasselt Schotter gegen
Kupplungen überspielt. Pulsbeschleuniger. Einer Sprungschanze den Motorschutz.

Motorrad-Traumziele
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nachempfunden, ragt sie oberhalb der in den letzten Jahren verändert! Bei mei-
Baumwipfel vom Fahrbahnrand hinaus in nen ersten Besuchen Anfang dieses Jahr-
Freie. Das Gefühl, an der Glaswand Hun- hunderts hätte man sich auf der Øyragata
derte Meter über dem Fjord zu schweben, in Lærdalsøyri passend zum Potpourri un-
kitzelt ganz tief in der Magengegend. berührter Holzhäuser noch ein Kutschen-
Einen letzten Blick über den monumen- gespann in der Kulisse aus verschiedenen
talen Meeresfinger, mit Schwung durch Architekturepochen vorstellen können.
die letzte Kurve, dann landen wir mit der Heute leuchtet ein feuerroter Ferrari Testa-
BMW auf dem Mond. Zumindest stelle rossa vor den Schnitzereien im Schweizer
ich mir so eine Landung vor. Der Wind Stil und damit vor dem »Lærdalsøren
pfeift eisern durch jede noch so kleine ­Hotel« aus dem Jahr 1880, wirkt doch wie
Frokost: norwegisches Pore der Schutzkleidung. Meine Gesichts- ein Fremdkörper im ehemalig wichtigsten
Frühstück in der farbe leuchtet längst feurig rot im Helm. Fjordhafen für Waren aus Ostnorwegen am
»Krossbu Turiststasjon« Beinahe automatisch ducke ich mich Sognefjord.
in Bøverdalen. etwas tiefer hinter den Windschild der Jeder Handgriff und jede Anweisung an
1200 GS Adventure, drücke die Beine Bord der »Sogne« zeigt jahrelange Routi-
dichter an den Tank, lege die Arme an, ne. Eine weitere Verladung in Schlitten-
um Schutz zu finden. hunde-Formation spült uns auf die Fähre
Grasbüschel trauen sich kaum aus dem zwischen Fodnes und Mannheller, wird
Boden, kuschen sich weg. Selbst zum Ende damit zur Brücke über den Sognefjord.
des Hochsommers erzählen einige Schnee- Andere buchen für diesen Moment eine
Das Gefühl, an der felder unmissverständlich von harten Über- Kreuzfahrt. Ein laues Lüftchen weht.
lebensbedingungen der Natur. Nicht um- Sommerliches Wohlfühlwetter. Die BMW
Glaswand Hunderte sonst trägt die Aurlandsfjellet-Strecke den wiegt still im Gang sanfter Wellen unter
Beinamen »Schneestraße«. Karg, felsig, uns. Auf Atlantikniveau gleitet die Fähre
Meter über dem unberührt, dahingetupfte Mini-Seen, über das schnapsklare Wasser des Fjords.
puristischer geht es kaum. »Sieht aus wie ein ertrunkenes Tal!« Bevor
Fjord zu schweben, Auf einmal sind wir für uns. Die späte Marius und ich die Gedanken unseres un-
kitzelt ganz tief in Stunde hat längst die Zeitempfindlichen bekannten Nebenmannes ordnen können,
zum Abendessen vertrieben. Installationen, dockt das schwimmende Schwermetall mit
der Magengegend Kunstwerke, besonders gestaltete Rast­ einem zackigen Manöver an Land an. Der
plätze wollen die Landschaftsrouten Nor- voll beladene Boxer schaukelt unter dem
wegens auch hier auszeichnen, doch das Erdbeben auf. Wer jetzt pennt, liegt schnel-
wahre Meisterwerk ist die Natur selbst. ler flach als erwartet.
Ein Prachtexemplar mit einem dahinge- Sogndalsfjøra, Gaupne, vorbei an
worfenen Asphaltband, das einem in dieser schroffen Felsen, markanten Orten und
Spitze: Die Lomskykja, Welt so unwirklich vorkommt und nur vereinzelten, dem Pegel angepassten Bau-
die Stabkirche von vom bunten Regenbogen bei der Abfahrt ernhöfen. Bis zu seinen letzten Ausläufern
Lom, gilt als eine der durchs Erdalen übertroffen wird. Ach, zeigt sich der Meeresarm am Nordufer von
schöns­ten Norwegens. Norwegen, was haben dich die Petrodollar großer Wucht. Allein die Sonne malt Glit-
zersterne auf das Wasser, das in Fortun
längst wieder einer unnachahmlichen Fel-
senwelt gewichen ist.
Das Glück liegt fortan auf der Sogne-
fjellstraße. Gemütliches Herumlungern auf
der Sitzbank der letzten Minuten ist passé.
Ein durchaus kräftig beladenes Motorrad
verlangt in so mancher engen und steilen
Rechtskehre Körperspannung und volle
Konzentration für eine saubere Linie.
­Träge hausieren Schäfchen auf dem Rest
einer grünen Zunge in einer 180-Grad-
Wende über rechts, glotzen uns allenfalls
blöd an, als wir nacheinander beinahe ihre

16 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


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Hintern und dann, in entgegengesetzter
Richtung, ihre Hirne streifen.
War der Aurlandspass der Knut unter
den Bergpässen, ist die Sognefjellstraße
mit einer Passhöhe von 1434 Metern die
Königin aller Bergpassagen in Nordeuropa.
Mit Nachdruck wirft die Kältekammer des
Landes ihre Vorboten auf uns nieder. Ich
fingere dringend nach der Griffheizung,
Sch…e, arbeitet bereits unter Höchstlast.
Mal wieder unterwegs zu einer Zeit, in der
der Troll bereits lange Schatten würfe, sind
wir allein mit aufbrausenden Stürmen an
Nedre Oscarshaug, einem Aussichtpunkt
samt Messfernrohr und perfekter Übersicht
über die höchsten Gipfel des Hurrungane-
Gebirges. Nicht zu verwechseln mit einem
Hurrikane, obwohl die Landschaft inner- Vom Nordkap ...
halb von Minuten zu einem Schwarz-Weiß-
Film changiert. Das Grün verschwindet.
Norwegen
Felsen mutieren zu zackigen Umrissen.
Nebel wird dichter. Schneeperlen schwe-
Griechenland
ben scheinbar schwerelos in der Luft. Bib-
bern wir vor Kälte unter unserem Fleece
Schottland
oder weil der Moment auch etwas Unheim- Italien
liches hat?
Aus dem gewöhnlich smaragdgrünen Kanada
Bergsee Prestesteinsvatnet steigen graue
Wolkenfetzen empor, als sich nahe der Schweden
Passhöhe die vielleicht bekannteste Gerade
des Landes mit dem markanten Wellen-
Kroatien
schlag für und vor uns ausrollt. Wir sind
allein, einsamer geht es nicht. Wissen die
... bis Neuseeland
Abwesenden vielleicht mehr als wir? Es
wäre die Gelegenheit, den Boxer mal wie-
der kräftig abheben zu lassen und direkt
auf die Gletscherausläufer des Galdhøpig-
gen dem Dach Norwegens zuzufliegen.
Das Holzfeuer im Kamin der »Krossbu
Turiststasjon« wärmt mehr als nur unsere
eisgekühlten Füße, während draußen der
Gefrierpunkt naht. »Raue Momente gehö-
ren dazu. Der Natur muss man trotzen,
um unvergessliche Momente zu erleben.«
Natürlich schlafen Thomas und Tobias
auch die letzte Nacht ihrer großen Sogne-
fjell-­Rundwanderung draußen in Schlaf-
sack und Zelt, sind voller Erinnerungen an
den Glittertind oder die Seen Bygdin und
Gjende. »Jeden Tag wanderten wir sechs
bis acht Stunden.« Sie trugen ihre 20 Kilo-
gramm Reiseexistenz jeweils auf ihren Buchung
Rücken, wollen nun mit dem Bus zurück +49 (0) 45 42 - 82 95 - 10
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»Norwegen sollte man Schritt für Schritt Erkern und dem spitzen achteckigen Turm
mit Ruhe und Muße kennenlernen, für das ein Scheinriese, der von außen so viel
Land braucht man nicht nur beim Wandern ­größer wirkt, als er von innen ist. Oder die
Zeit.« Tom arbeitet als Saisonkraft im pri- für ihre traditionellen Rezepte weithin be-
vaten Berggasthof »mit mehr als 20 Zwei- kannte Bäckerei im Ort, die »Bakeriet i
tausendern in nächster Nähe.« Seit mehr Lom«. Die Verwegenheit des mautpflichti-
als 100 Jahren bietet die Hütte hier auf der gen Slådalsvegen. Das wunderbare Abend-
alten Handelsroute Gästen einen Anlauf. licht zwischen Dombås und Oppdal samt
»Vor allem Schulklassen, Gletscherwande- dem lang gezogenen Drivdalen mit der
rer oder Ski-National-Teams kommen Seenlandschaft Vålåsjøen und der abge-
wegen der ausgedehnten Wintersaison«, rundeten Wucht des Snøhetta. Oder das
Aussichtspunkt: Am obwohl »wir zwischen Mitte September bis alte von Wasserkraft angetriebene Indus­
Nedre Oscarshaug gibt Ostern schließen. Die Wetterbedingungen triezentrum des Landes bei Sunndalsøra.
es mehr als die Gipfel sind zu schwierig.« Wintertags rechnen sie Zuerst meinen wir, das Salz des Atlan-
des Hurrungane-­ mit Schneehöhen, die sich bis zur Dach- tiks zu riechen. Ein dünner Schmierfilm
Gebirges zu sehen. kante der Berghütte türmen können. »Die legt sich aufs Visier. Im schummrigen
Schneestangen entlang der Straße sind ein Abendlicht scheinen die Brückenparade des
guter Maßstab für die zu erwartenden Atlanterhavsveien und die kleinen Inseln,
Mengen.« Holmen und Schären dazwischen, Strøms-
Als wir anderntags unser Gepäck auf holmen, Skarvøya, Lyngholmen, Eldhusøya,
unseren Motorrädern verzurren, schim- Geitøya, Storlauvøya und Litllauvøya, aufs
Eine märchenhafte mern die Gletscher im himmlischsten Meer hinauszuschwimmen. Nach der Ab-
Blau. Wir müssen einfach noch einmal zu- fahrt in Bergen erstmals richtig zurück am
Welt der Riesen, rück. Zur Passhöhe, zur welligen Geraden, Meer. Der perfekte Wendepunkt unserer
zur mächtigen, 42 Tonnen schweren Skulp- Reise. Rechts und links von uns gieren
Wiesen, Gletscher, tur am Rastplatz Mefjellet, zu den Schnee- Wellen wie kleine Boote. Die nächste Brü-
stangen, deren Spitze ich – durchaus nicht cke hebt uns in die Höhe, ändert leicht die
Seen und Wildbäche – klein gewachsen – mit ausgestreckten Richtung und stürzt wieder in die Tiefe.
bei Sonne ein wahres Armen nicht erreichen kann. Eine mär- Herzrasen am Scheitelpunkt.
chenhafte Welt der Riesen, Wiesen, Seen, Eine Sturmböe plästert von der Seite
Paradies auf Erden Gletscher und Wildbäche, bei Sonne ein heran, die durchaus nicht leichte Adven-
Paradies auf Erden, himmelsnäher geht es ture versetzt mit einem wuchtigen Stoß
nicht auf Asphalt in Norwegen. Richtung Abgrund. Nicht nur gedanklich
So kann es nur noch abwärtsgehen. Das sind wir auf den 8274 Metern der Atlan-
Zählwerk der Kilometeranzeige rotiert in tikstraße wohl mit mehr als einem Rad im
Hunderter-Schritten. Auf dem Weg nach Meer. Regentropfen ziehen Schlieren ins
Abfahrt: An der Norden halten uns kurze Momente fest: Sichtfeld. Oder ist es Wellengischt, die
Bøvra ist auf dem die Lomskykja, die Stabkirche von Lom, über uns zusammenschlägt? Wir rollen
Weg nach Lom alles als eine der größten und schönsten in Nor- hinab, der Puls hämmert, ich meine inner-
im Fluss. wegen. Mit ihren Dächern, Überdächern, lich zu glühen …

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www.bit.ly/tftourdb
Norwegische 50 km Atlantikstraße /
Atlanterhavsveien /
Landschaftsrouten Inseln Strømsholmen,
Skarvøya, Lyngholmen,
Eldhusøya,Geitøya und Litllauvøya
Die Idee der norwegischen Landschafts- Storlauvøya
routen, der »Nasjonale turistveger«,
hatte ihren Ursprung bereits in den r
Neunzigerjahren. Bis dahin bestand Nor-

e
Oppdal

e
wegens Reichtum aus Gas und Öl und

dm
Sunndalsøra 70
ein wenig aus der langen Tradition des

or
Fischfangs. Das Dasein veränderte sich

N
E 136 Snøhetta Drivdalen
mit den sprudelnden Quellen; ein frischer, (2286 m)

es
sorgenfreierer Lebensstil schwappte Reinheimen

ch
Vålåsjøen
übers Land, den man für die Zeit danach Lomskykja Dombås

äis
absichern wollte. Als großes Pfund wur- Slådalsvegen

den dabei die einzigartigen Landschaften

op
Prestesteinsvatnet
Nedre Oscarshaug-Aussichtsplattform / Bøvra Lom
als besonderes Kapital Norwegens
Eur
Sognefjellstraße (1434 m) Bøverdalen
Glittertind
erkannt, mit dem man wuchern wollte. (2464 m)
Fortun Galdhøpiggen
Aber wie konnte man sie besser in- Gaupne
(2469 m)
Hurrungane Gjende
szenieren und Touristen auch flächende-
Fodnes Bygdin
ckend in fernere Gegenden Norwegens Sogndalsfjøra Lærdalsøyri
locken? Auf Initiative des norwegischen Tourlänge:
Sognefjord Mannheller 795 km
Parlaments wurden die Themen Straßen- Gudvangatunnel Aurlandspass
(1306 m)
bau und Tourismus intensiver kombiniert Nærøyfjord
und 1994 die ersten vier Routen als Pro-
Gudvangen NORWEGEN
Strandaelvi / Aurlandsfjord
Flåm
beballons geplant: die Hardangerstraße, Tvindefossen
13 Lærdaltunnel
die Helgeland-Küstenstrecke, Gamle E 16 Stegastein-
Voss Aussichtsplattform
Strynefjell und die Sognefjellroute.
Aus einem erfolgreichen Experiment
entwickelte sich bis heute der Ausbau Bergen
eines Netzes von 18 Landschaftsrouten
mit Längen zwischen 27 und 416 Kilo­-
metern. Mit der durchgehenden Be­ unter bit.ly/tf-faehren, außerdem bietet rund um die Hochsaison zwischen Mitte
schilderung von knapp 2000 Straßen- die TF-Ausgabe 5/2020 eine Übersicht Juni und Mitte August nicht immer spon-
kilo­metern sind die außergewöhnlich über Fähren in Europa, erhältlich als PDF tan zu finden. Die Autoren empfehlen
schönen Strecken inzwischen auch unter www.tourenfahrer.de/archiv. ggfs. vorherige Kontaktaufnahme und
für jedermann sichtbar geworden. Diejenigen, die eine weite Anfahrt ­folgende Gelegenheiten: »Clarion Collec-
Verbunden mit Fahrerlebnissen ködern durch Dänemarks Festland auf eigener tion Hotel Havnekontoret« in Bergen
die Reisenden vor allem dramatische Achse scheuen, finden auf »Thornby (www.nordicchoicehotels.no), »Vindedal
Aussichtspunkte, Kunst, Design, Fuß­ Strand Camping« in Hirtshals einen Camping og Hytter« in Lærdal (www.
gängerbrücken, formschöne Bänke, hervorragenden Campingplatz mit avindeda.freeyellow.com), »Krossbu
Aktivitäten am Wegesrand oder gar Hütten, der für die gesamte Reisedauer ­Turisthytte« in Bøverdalen (www.
einzigartige Toilettenhäuschen. Als bezahlbare Abstellplätze für die Pkw-/ krossbu.no), »Driva Hytter« in Driva /
Designer etwas für die norwegischen Anhänger­kombination anbietet, Oppdal (www.drivahytter.no) und »Akslia
Landschaftsrouten entwerfen zu dürfen, http://tornbystrandcamping.dk/de Camping« in Lyngstad.
gehört bis heute zu den begehrtesten
Architekturaufträgen des Landes. Unterkünfte Literatur / Karten
Im ersten Teil dieser 14-tägigen Rund­- Norwegen ist ein beliebtes Reise- und Armin Tima: Norwegen, Michael Müller
tour haben sich die Autoren auf eher Urlaubsland. Verfügbare Unterkünfte jen- Verlag, 4. Auflage (2020), ISBN: 978-3-
inländische Landschaftsrouten konzen­ seits der großen Städte sind vor allem 95654-606-8, 26,90 Euro.
triert, der zweite Teil hat auf der Rück- Auto + Freizeitkarten Blatt 1: Norwegen-­
fahrt auch die Fjorde im Fokus (TF 8/2020). Süd und Blatt 2: Norwegen-Mitte, M.:
www.nasjonaleturistveger.no/de 1:250.000, freytag & berndt, Auflage 2017
und 2019, ISBN: 978-3-7079-0316-4 und
Anreise 978-3-7079-0317-1, je 11,90 Euro.
Ideal für diese Reise ist die sehr kom-
fortable Fährverbindung von Hirtshals in Sonstige Infos
Norddänemark über Nacht nach Bergen »Innovation Norway« / »Visit Norway« in
von »Fjord Line« (www.fjordline.com). Im Hamburg, www.visitnorway.de
Sommer bestenfalls frühzeitig buchen, da Herzhaftes zum Reinbeißen: norwe­gisches »Fjord Norway« in Bergen, https://
sehr beliebt. Weitere Infos gibt es auch Sandwich in der »Bakeriet i Lom«. de.fjordnorway.com

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 Europa TOURENFAHRER
über http://www.united-kiosk.de 19
Must-see
Nordirland und die Republik Irland liefern
sich einen Wettstreit mit filmreifen Landschaften
und kulturellen Highlights, die man wirklich mal
gesehen haben muss. Toni Sacher (Text & Fotos) und
Dagmar Kiemle (Fotos) konnten jedoch keinen Sieger
küren, als sie von Dublin aus einmal entgegen dem
Uhrzeigersinn über die Grüne Insel fuhren.

Grüner geht’s nicht:


der rund zehn Kilometer
lange Gleniff Horseshoe
­Drive durch die wilden
Dartry Mountains.

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Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
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D
Immer am Meer ent- ramatisch, wehmütig, erhaben, kehr gesperrt. Zu viele Touristen zieht die­
lang: Zwischen Larne durchdringend, einer Hymne ser außergewöhnliche Ort an, und das nicht
und Cushendall zeigt gleich – die Töne, die Gary erst seit dem Auftritt in »Game of Thro­
sich die A 2 von ihrer be- Moore seiner Gitarre entlockt, nes«. Immer wieder trifft man auf Dreh­
sonders schönen Seite. beschreiben vortrefflich die Szenerie. Un­ orte dieser Kultserie, darunter auch Dun­
weigerlich kommt mir bei diesem Anblick luce Castle unter dem Namen Burg Peik.
das Instrumentalstück »Dunluce« des nord­ Start unserer Tour war Dublin, wo wir
irischen Gitarristen in den Sinn: Leichte an einem Sonntagmorgen mit der Nacht­
Nebelschwaden umspielen in der beginnen­ fähre aus dem französischen Cherbourg
den Abenddämmerung die Ruinen von angekommen sind und uns dann auf dem
Dunluce Castle, das sich auf einem Fels­ schnellsten Weg Richtung Norden gemacht
vorsprung an der nordirischen Küste erhebt. haben. Die anfängliche Autobahn-Etappe
»Must-sees« gibt es hier in großer Zahl war ideal, um uns an den Linksverkehr zu
und schon nach drei Tagen auf der Insel gewöhnen. Nach einer knappen Stunde
haben wir jede Menge überaus positiver ging es über die R 173 über The Bush nach
Eindrücke gesammelt. Ein paar Meilen Carlingford. Das Küstenstädtchen mit sei­
weiter östlich befinden sich die Basaltsäu­ nem Stadttor und den mittelalterlichen,
len des Giant’s Causeway, dazwischen die hübsch renovierten Häusern versetzt seine
Whiskey-Brennerei »Old Bushmills«. Die Besucher zurück in eine vergangene Epo­
Stadt Ballymoney mit dem »Joey Dunlop che. Eine der Hauptattraktionen ist das
Memorial Garden« sowie die Dark Hedges King John’s Castle am Hafen. Dort sollen
liegen ebenfalls im nahen Umkreis. Letz­ vor gut 800 Jahren Teile der berühmten
tere sehen auf Fotos noch viel spektakulä­ Urkunde Magna Carta Libertatum verfasst
rer aus, als sie es ohnehin schon sind. Ei­ worden sein, in der der englische König
nige Bäume werden langsam morsch. Zum ­Johann Ohneland dem Adel nicht unerheb­
Schutz dieser imposanten Buchenallee ist liche politische Freiheiten zusicherte –
die Durchfahrt für den öffentlichen Ver­ worüber er selbst im Übrigen nicht ganz

22 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


220706115406DZ-01
Plan B: Umfahrung der Bucht und Kurs
auf Newry – und plötzlich durften wir nur
noch 40 fahren. Ach, das sind ja Meilen­
angaben. Ohne es zu bemerken, waren wir
in Nordirland gelandet. Ob das in Zukunft
auch noch so einfach gehen wird?
Unser erstes »Must-see«-Ziel: die
Mourne Mountains, die wir in alle Rich­
tungen durchkreuzten. Die grüne, hügelige,
kaum bewaldete Landschaft ist geprägt
von Landwirtschaft und Viehzucht. Rich­
tung Meer wirkt sie eher südländisch, denn Mekka für Kenner:
hier gedeihen auch Palmen, während man In ­Bushmills wird seit
in den hohen Lagen Heideland vorfindet. über vier Jahrhunderten
Über den High Mournes Scenic Loop er­ Whiskey gebrannt.
reichten wir den Stausee Spelga Dam und
das Silent Valley, was aber eher zum Er­
wandern geeignet ist. Eine lange, leicht ge­
wellte Abfahrt führt hinunter nach Kilkeel.
Womit wir wieder an der Küste waren und
in Newcastle die erste Nacht auf irischem
Boden in einem B&B in der ersten Reihe
zum Strand verbrachten.
Wir passierten die Region um Belfast
auf Schnellstraßen, um dann in Larne er­
neut an die Küste zu gelangen. Nun hatten
wir die dicht besiedelten Gebiete hinter
In Larne
so begeistert war. Wir machten es uns in uns. Auf diesen Abschnitt der Antrim- haben wir
einem Pub aus dem 16. Jahrhundert be­ Coast zwischen Larne und Cushendall
quem und bestellten als Mittags-Snack die scheinen sich nur wenige Ausländer zu ver­ die dicht
Soup of the Day, genau wie der Nachmit­ irren, das verraten die überwiegend iri­
tagstee eine gute Gewohnheit, die wir schen oder britischen Nummernschilder. besiedelten
schnell lieb gewonnen haben. Dabei ist dies gewiss eine der schönsten
Aufgrund aufziehenden Nebels hatte die Küstenstraßen-Abschnitte in Europa und Gebiete
Fähre über den Carlingford Lough leider außerdem ein Teil der Causeway Coastal
ihren Betrieb frühzeitig eingestellt. Also Route, die sich von Belfast bis London­ hinter uns

»Riesig«: Die mar-


kanten Basaltsäulen der
UNESCO-Welterbestätte
Giant’s ­Causeway
­verdanken ­ihren Namen
einer Sage um zwei
Riesen.

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 Europa TOURENFAHRER
über http://www.united-kiosk.de 23
Am nördlichsten derry erstreckt und den Namen A2 trägt.
Punkt: Der weite Auf dieser Strecke und in der Umgebung
Ausblick vom Leucht- locken zahlreiche bekannte Sehenswürdig­
turm am Malin Head keiten und Kleinode wie das Städtchen
ist ­gigantisch. Carnlough mit seinem malerischen Hafen.
Wir verließen die Hauptroute in Cus­
hendun Richtung Torr Head. Eine schmale
Straße führt zu diesem hoch aufragenden
Felsen an der Nordostküste mit einer wun­
derbaren Aussicht über das tiefblaue Meer
bis hinüber zur schottischen Mull of Kin­
tyre. Nach einer Runde durch die urwüch­
sigen Täler der Glens of Antrim landeten
wir schließlich bei den eingangs erwähnten
Attraktionen.
Und jetzt stehen wir also hier an der
Entlang der Nordküste Nordirlands und sind überwäl­
tigt vom Anblick des Dunluce Castle, das
Causeway unvermittelt nach einer Kurve unser Sicht­
feld ausfüllte. Noch den druckvollen Gitar­
Coastal Route rensound im Ohr, der sich stellenweise
nach Dudelsack anhört, checken wir in ei­
reihen sich nem B&B im nahen Portstewart ein. »Die
Haustür wird nicht abgeschlossen, bei uns
Filmkulissen wird nichts geklaut. Ihr könnt die Motor­
räder ruhig auf der Straße stehen lassen«,
aneinander meint der Hausherr, nachdem er uns den
Weg zu seinem Lieblings-Pub erklärt hat.
Das nächste »Must-see« lässt am folgen­ alte Gebäude mittlerweile an der Abbruch­
den Tag nicht lange auf sich warten, nur kante – noch …
wenige Meilen sind es bis zum Mussenden Ratlosigkeit herrscht am Magilligan
Temple. Für alle, die wie wir aus östlicher Point. »Kommt die Fähre oder nicht?«, dis­
Richtung kommen, sei der zweite Parkplatz kutieren wir mit zwei Autofahrern, denn
empfohlen, denn da beginnt ein wesentlich weit und breit ist niemand zu sehen – und
kürzerer Fußweg. Ansonsten lohnt sich auf schon gar kein Schiff. Und als wir gerade
jeden Fall der Blick von unten, vom weit­ unsere Smartphones nach aktuellen Fähr­
läufigen Downhill Beach aus, auf den auf zeiten durchstöbern, kommt sie doch noch
der Steilküste thronenden Rundbau, der angetuckert. Für ein paar Münzen, wahl­
­ursprünglich als Bibliothek eingerichtet weise in Pfund oder Euro, bringt sie uns in
war. Wegen Erosion steht das 235 Jahre die Grafschaft Donegal in der Republik

24 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


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I­ rland. Kontrollen gibt es auch hier keine. sogar die Macher von Star Wars dazu be­ Malerisch: Das Städt-
Den nördlichsten Punkt Festland-Irlands wegt, Szenen von »Die letzten Jedi« hier chen Carnlough an der
im Visier, pirschen wir auf teils engen, zu drehen. nord­irischen Antrim
dicht bewachsenen Sträßchen hinauf zum Malin Head ist auch das erste bzw. Coast war einst für den
Malin Head. Von der einstigen strategi­ letzte Highlight auf dem Wild Atlantic Kalksteinabbau berühmt.
schen Bedeutung zeugt unter anderem der Way, je nachdem, in welche Richtung man
Turm. Der ist an sich nichts Besonderes, fährt. Jedenfalls treffen wir auf der Halb­
doch die Aussicht auf die Küstenland­ insel Inishowen zum ersten Mal auf diese
schaft, die wir von diesem oft von starken sehr gut ausgeschilderte Route, die mit
Winden umtosten Punkt genießen, ist ­ihren über 2600 Kilometern als eine der
schlicht überwältigend. Die romantische, längsten Küstenstraßen der Welt gilt. Im­
irgendwie auch mystische Landschaft hat mer wieder stoßen wir auf diese Strecke;

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über TOURENFAHRER
Europa 25
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das ist praktisch unvermeidbar, wenn man durch das Verbrennen große Mengen an
die besten Orte und Sehenswürdigkeiten in Kohlendioxid freigesetzt werden und ein
Küstennähe besuchen möchte. altes Ökosystem geschädigt wird. Dem ge­
Bis jetzt hatten wir Glück mit dem Wet­ genüber stehen Arbeitsplätze, Unabhängig­
ter, doch nun zieht es zu und am Mamore keit von Importen, eine hohe Wärmeab­
Gap beginnt es zu regnen. Wirklich schade, gabe und eine lange Brenndauer.
denn die nachfolgende lange Gerade hin­ Heute ist der regenreichste Tag unserer
unter Richtung Buncrana hätte bei Sonne Reise, das ist selbst den Einheimischen zu
ein richtig gutes Bild abgegeben. Sei’s viel. Da es in unserem Hostel in Glenties
drum, wir sind schließlich in Irland und da kein Frühstück gibt, holen wir dies in
darf man immer mit Regenschauern rech­ Ardara nach und sind fasziniert von der
nen. Trocken, dafür von starken Winden Architektur. Zu Recht ist dieser Ort als
High Cross: Das gebeutelt, umrunden wir auf typischen von Kulturerbestadt ausgewiesen und bis heute
­keltische Hochkreuz niedrigen Steinmauern gesäumten Straßen werden hier hochwertige Tweed- und
in Drumcliff ist etwa die Halbinsel Fanad. Nicht umsonst ziert Strickwaren teils von Hand hergestellt und
1000 Jahre alt und der Leuchtturm an der Nordspitze am in mehreren Geschäften verkauft. »Neh­
sehr gut erhalten. ­Fanad Head Postkarten und Kalender. Ein men Sie lieber die Route über Maghera,
wirklich fotogenes Exemplar, das selbst vor wenn Sie nach Glencolumbkille ins ›Folk
grauen Wolken noch was hermacht. Einen Village Museum‹ wollen«, rät uns die
außergewöhnlichen Berg hingegen finden freundliche Dame von der Tourist-Info ne­
wir kurz nach dem Glenveagh-National­ ben unserem Café. »Die Strecke ist zwar
park. Der Mount Errigal ist zwar Teil einer nicht so spektakulär wie der Glengesh
Bergkette, sticht aber mit seinen 751 Me­ Pass, doch bei diesem Wetter haben Sie
tern Höhe und fehlendem Bewuchs sehr ­daran keinen Spaß. Außerdem gibt es dort
dominant aus der Landschaft heraus. einen großen Wasserfall direkt an der
Hätte meine Begleiterin nicht angehal­ Straße.« So machen wir es.
ten, wäre ich einfach daran vorbeigefahren. Aufgrund einer vertrauenswürdigen
Im Augenwinkel nahm ich nur Plastiksä­ Empfehlung haben wir schon vor Tagen in
cke in einem vermatschten Feld wahr und der »Watermill Lodge« in Lisnaskea reser­
schenkte dem keine Bedeutung. Torf hatte viert, da müssen wir nun also hin. Aber
ich nicht auf dem Plan, obwohl der sehr egal, laut Wetterradar regnet es überall und
­typisch für Irland ist oder zumindest war. vorsichtshalber ziehe ich noch eine Regen­
Das Torfstechen hat zwar eine lange Tradi­ jacke über. Von den Klippen von Slieve
tion, in letzter Zeit jedoch gerät es mehr League, den höchsten auf der Insel, sehen
und mehr in die ökologische Kritik, da wir leider überhaupt nichts und auch die

Nah am Abgrund:
Der Mussenden Temple
thront über der Steilküste
am Sandstrand bei
­Downhill. Einst eine
­Bibliothek, kann man
hier heute den Bund fürs
Leben schließen.

26 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Typisch irisch: Das
Torfstechen hat eine
lange Tradidion.

Frei zugänglich:
Am Loop Head Drive
kommt man ganz nah
an die Klippen.

angepriesene Schönheit des nordirischen a­ nders aus und am High Cross auf dem
Countys Fermanagh bleibt uns verborgen. Friedhof von Drumcliff präsentiert er sich
Triefend nass checken wir in der Watermill nochmals von einer anderen Seite. Hier
Lodge ein. Zum Glück ist unser Zimmer liegt übrigens der irische Dichter William
sehr groß, sodass wir unsere Anzüge zum Butler Yeats, nach dem auch die nagelneue
Trocknen aufhängen und unser feucht ge­ Fähre benannt ist, mit der wir vor einer
wordenes Gepäck ausbreiten können. Die Woche auf die Insel übergesetzt sind.
Lodge ist jedenfalls ein echter Volltreffer.
Die stilvolle Anlage mit mehreren Gebäu­
Für den weiteren Verlauf haben wir
keine feste Route geplant, sondern ledig­
Bis jetzt
den liegt abgeschieden am See Upper
Lough Erne. Das Restaurant steht unter
lich einige Eckpunkte herausgesucht, un­
sere ganz persönlichen »Must-sees«. Dar­
hatten
französischer Leitung und so steht heute
Abwechslung auf dem Speiseplan. Zum
unter befinden sich ein Abstecher nach
Achill Island, das mit der Keem Bay einen
wir Glück
Frühstück gibt es sogar »richtige« Crois­ der schönsten Strände Irlands aufzuweisen mit dem
sants und die Sonne scheint wieder – hat, und der Croagh Patrick, der heilige
­wunderbar. Berg der Iren, der auf dem Weg ins Doo­ Wetter
Bei passablem Wetter starten wir nach lough Valley liegt. Das einzig Bunte sind
Westen Richtung Küste. Der Rundkurs zwar im Moment die farbig markierten
Gleniff Horseshoe Drive führt durch eine Schafe und unsere Regenkombis, doch das
grüne, eigentümlich geformte Landschaft tut dem Fahrspaß auf der genialen Strecke
hinter dem Ben Bulben vorbei. Vom Hafen durch das Tal keinen Abbruch. Der nächste
in Mullaghmore aus sieht der massive, Stopp liegt an der bezaubernden Kylemore
527 Meter hohe Tafelberg jedoch völlig Abbey im Connemara-Nationalpark und

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Europa TOURENFAHRER 27
Ein Stück Geschichte Quebec als Frachter gebaut, transpor­ kochen, ansonsten gab es Hartkekse,
Rund zwei Millionen Iren wanderten tierte aber auch Passagiere. und das alles streng rationiert.
während der Großen Hungersnot Mitte Durchschnittlich 200 Menschen Kein Wunder, dass solche Verhältnis­
des 19. Jahrhunderts aus, die meisten ­waren wochenlang unter Deck zusam­ se nicht jeder durchstand. Dabei war die
davon nach Nordamerika. Eine Erinne­ mengepfercht. Es gab keine Fenster Dunbrody eines der sichersten Schiffe
rung daran ist der Nachbau des drei­ und j­edes »Abteil«, sprich Bretterver­ und die meisten Passagiere überlebten
mastigen Segelschiffs »Dunbrody« in schlag, hatte einen Eimer für die Not­ die Strapazen. Auf vielen anderen Aus­
New Ross, das besichtigt werden durft, der schon mal überfließen konn­ wandererschiffen lag die Todesrate hin­
kann, dazu gehört eine Ausstellung. te. Auf Deck durfte nur eine Person gegen bei bis zu 50 Prozent.
Das originale Schiff wurde 1845 in pro Familie für kurze Zeit, um etwas zu www.dunbrody.com

danach wird es auch schon wieder Zeit, wohnt und es ziemlich ernst meint. »Hier
eine Unterkunft zu suchen. reisen sogar Frauen aus den USA an, um
Die Hauptstraße von Lisdoonvarna ist sich einen irischen Bauern zu angeln«,
hübsch geschmückt. Hier muss was los weiß Tom und verschwindet wieder im Ge­
sein, hier checken wir ein. Und tatsächlich: wühl auf der Suche nach einer (Tanz-)Part­
Heute ist der Auftakt zum »Matchmaking
In Foynes Festival«, dem größten Heiratsmarkt in
­Europa. Ob heutzutage alle ernsthafte Hei­
hat der ratsabsichten hegen, mag dahingestellt
sein. Früher war es jedoch eine der weni­
Irish Coffee gen, wenn nicht sogar die einzige Möglich­
keit für viele, einen Partner oder eine Part­
­seinen nerin zu finden. Ein »Matchmaker« ver­
glich die Wünsche und Gegebenheiten der
­Ursprung Suchenden und empfahl dann jemanden
mit der größtmöglichen Übereinstimmung.
Das Festival geht den ganzen September
hindurch, überall finden Tanz-Veranstal­
tungen statt, auch schon nachmittags. Bin­
nen kürzester Zeit füllt sich der Festsaal
unseres Hotels, wo wir gerade noch fast
­allein saßen und ein köstliches hausge­
machtes Irish Stew serviert bekamen.
Moooment! Kaum muss ich mal kurz
austreten, ist meine Begleiterin umringt
von jungen und älteren Kerlen, doch das ist
schnell geklärt … An der Bar kommen wir
mit anderen Gästen ins Gespräch. »Ich
nehme mir extra Urlaub für diesen Event«,
verrät uns Lucy, die 100 Kilometer entfernt

28 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa über http://www.united-kiosk.de


220706115406DZ-01 am 06.07.2022
nerin. Nach etwa zwei Stunden spielt die Die irische Westküste ist absolut sen­
Band ihr letztes Set und die meisten ziehen sationell und gern würden wir dem Wild
weiter in ein anderes Lokal. Atlantik Way weiter folgen, zum Ring of
Wir ziehen anderntags weiter durch den Kerry, in die Berge des Killarney-National­
Burren-Nationalpark, der von hier aus parks oder zum Healy Pass, um nur einige
nördlich angrenzt. Typisch für diese Karst­ der dortigen »Must-sees« zu nennen. Doch
landschaft sind die zerklüfteten Kalkstein­ wir haben nur noch vier Tage auf der Insel
platten, die man etwa rund um den Poul­ und wollen auch etwas mehr vom Landes­
nabrone-Dolmen besonders gut anschauen inneren sehen. Wir setzen mit der Fähre
kann. Auch beim an sich wenig spektaku­ nach Tarbert über und das »Flying Boat &
lären Leuchtturm vom Black Head finden Maritime Museum« in Foynes wird unsere Hier werden Liebes­
sich sehr große Flächen mit diesen bizar­ letzte Station im Südwesten. Hier geht es geschichten geschrieben:
ren Gesteinsbildungen, die an eine Mond­ nicht nur um die frühen transatlantischen Beim »Matchmaking
landschaft erinnern. Passagierflüge, sondern auch um den Ur­ ­Festival« in Lisdoonvarna
Ein Stück weiter südlich befinden sich sprung des Irish Coffee, der 1943 im Ter­ findet jeder Topf seinen
die berühmten Cliffs of Moher. Eindrucks­ minalgebäude erstmals serviert wurde. Für Deckel.
voll sind die schon, keine Frage. Auch das eine Kostprobe indes ist es zu früh am Tag,
Besucherzentrum ist interessant, aber für wir haben noch einige Kilometer vor uns.
die Besichtigung des weitläufigen Areals Flott durchqueren wir die Insel, um in
braucht es Zeit. Ähnliche, jedoch frei zu­ die Wicklow Mountains zu gelangen. Bei
gängliche Stellen findet man entlang der Hacketstown beziehen wir Quartier in ei­
gesamten Küste wie etwa am Loop Head nem Guesthouse, das von einem Deutschen
mit einem schmucken Leuchtturm am geführt wird. Ulrich hat uns schon im Vor­
Ende. Der empfängt uns leider im dichtes­ feld mit einigen Tipps versorgt und zum
ten Nebel, doch auf dem Rückweg reißt der Abschluss erkunden wir auf zwei Tages­
Schleier auf und gibt grandiose Ausblicke touren den südöstlichen Teil der Insel. Erhaben: Rock of
auf die zerklüftete Steilküste frei. Und das In New Ross erfahren wir sehr anschau­ Cashel, einst Sitz der
ganz ohne Parkplatzgebühren, lange Fuß­ lich, wie es vor rund 200 Jahren auf einem irischen Könige von
märsche und Horden von Touristen. Auswandererschiff zuging (siehe Kasten). Munster.

Motorrad-Traumziele
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Danach müssen wir dringend wieder ans
Meer, zum Durchlüften! Am Hook-Head-
Leuchtturm, dem ältesten in Irland, bläst
uns denn auch ein starker, böiger Wind fast
vom Motorrad, Kilmore Quay gefällt mit
seinen reetgedeckten Häusern und Cur­
racloe Beach ist mit seinen Dünen einer
der schönsten Strände weit und breit.
Die letzten »Must-sees« auf unserer
Reise sind die Stadt Kilkenny mit ihrer
Brauerei und dem »Kytelers Inn« sowie das
Überraschung: namenloser Dolmen auf dem Weg in die Wicklow Mountains. Städtchen Cashel, dessen Wahrzeichen, der

An- und Einreise recht hoch, besonders wenn Alkohol im Hook Head: ältester Leuchtturm ­Irlands,
Nach Irland gibt es mehrere Fährver­ Spiel ist. https://hookheritage.ie
bindungen, siehe bit.ly/tf-faehren bzw. In Nordirland verbindet die Causeway Cashel: Rock of Cashel
TF 5/20, S. 102–107. Die Autoren nahmen Coastel Route die besten Sehenswürdig­ www.heritageireland.ie/en/south-east/
ab Cherbourg (Normandie) die Nacht­ keiten entlang der Küste zwischen Bel­ rockofcashel
fähre der Irish Ferries nach Dublin und fast und Londonderry und ist mit allen Kilkenny: Brauerei und einer der ältes­
nutzen diese Verbindung auch für die Abstechern etwa 400 km lang: ten Pubs Irlands
Rückreise. Man checkt jeweils um 14 www.causewaycoastalroute.com www.smithwicksexperience.com/de
bzw. 15 Uhr ein und kommt am nächsten Das Pendant in der Republik Irland ist www.kytelersinn.com
Tag gegen 10 bzw. 11 Uhr am Ziel an. Eine der Wild Atlantic Way. Er verläuft zwi­ Avoca: Woolen Mill, mit Shop und Café
völlig ­entspannte Sache, besonders schen der nördlich gelegenen Halbinsel www.avoca.com
wenn es sich wie im konkreten Fall um Inishowen im County Donegal und dem
die neue, moderne »W.B. Yeats« handelt: County Cork im Süden. Auf über 2600 km Sonstige Infos
www.irishferries.com ist der WAW eine der längsten und www.tourismireland.com
Wer nicht mit dem eigenen Motorrad schönsten Küstenstraßen der Welt: www.discovernorthernireland.com
so weit anreisen möchte oder nur ein www.wild-atlantic-way.de www.glenscausewaycoast.com
paar Tage Zeit hat, kann auch nach Dub­ www.ireland.com
lin fliegen und sich in Hacketstown ein Highlights (Auszug) www.cliffsofmoher.ie
Motorrad mieten (s. Unterkünfte). Dunluce Castle: eine der größten mittel­ www.matchmakerireland.com
Bei Redaktionsschluss gab es für die alterlichen Burgruinen www.filmtourismus.de/nordirland-
Republik Irland und für Nordirland keine Giant’s Causeway: Tausende Basaltsäu­ game-of-thrones
Einreisebeschränkungen mehr. Am bes­ len in gleichmäßiger, überwiegend www.nationaltrust.org.uk/days-out/
ten vor der Reise den aktuellen Stand sechseckiger Form, UNESCO-Welterbe northern-ireland
über das Auswärtige Amt erfragen: Bushmills: »Old Bushmills ­Distillery« www.visitbritainshop.com/deutschland/
www.auswaertiges-amt.de (Whiskey), www.bushmills.com national-trust-touring-pass
Beide Länder haben ein Interesse daran, Ballymoney: »Joey Dunlop Memorial
dass der Grenzübertritt für Touristen ge­ ­Garden« und »Joey’s Bar« Essen
nauso problemlos bleibt, wie er vor dem www.joeydunlop.co.uk In der Republik Irland sowie in Nord­
Brexit war. bei Armoy: Dark Hedges, markante irland beginnt der Tag mit einem deftigen
­Buchenalle Frühstück. Zu einem »Full Irish Break­
Verkehr Glencolumbkille: »Folk Village«, Frei­ fast« gehören gebratener Speck, Rühr-
Auf der gesamten irischen Insel herrscht lichtmuseum, http://glenfolkvillage.com oder Spiegeleier, Würstchen, eine
Linksverkehr. In Nordirland (Vereinigtes Kylemore Abbey: sehr schönes Schloss, Scheibe Black Pudding (Blutwurst) und
Königreich) werden die Entfernungen seit 1920 Sitz der ältesten irischen Bene­ eine Scheibe White Pudding (auch Oat­
und Geschwingkeitsvorschriften in Mei­ diktinerinnenabtei meal Pudding, eine Art Grützwurst),
len angegeben, in der Republik Irland www.kylemoreabbey.com gebackene Bohnen in Tomatensoße,
(EU) in Kilometern. Die Höchstgeschwin­ Loop Head Drive: Panoramastraße, ca. gebratene Champignons und Tomaten.
digkeit beträgt dort innerorts 50 km/h, 80 km ab Kilkee, auf einer Landzunge an Dazu gibt es Toast, Butter, verschiedene
außerorts 80 km/h, auf National Roads der Shannon-Mündung, grüne Wiesen, Marmeladen oder alternativ Scones
100 km/h und auf Autobahnen 120 km/h. steile Klippen, sehr schöner Leuchtturm mit Honig und Ahornsirup. Sehr beliebt
In Nordirland dürfen maximal 30 mph www.loophead.ie ist auch Porridge, ein süßer Haferbrei
(48 km/h), 60 mph (96 km/h) bzw. 70 mph Foynes: »Flying Boat & Maritime mit Milch und Zucker. Getrunken
(112 km/h) gefahren werden. Mu­seum«, Geburtsort des Irish Coffee werden diverse Fruchtsäfte, Tees oder
Die Buß­gelder liegen in beiden Ländern www.flyingboatmuseum.com Kaffee.

30 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Rock of Cashel, majestätisch aus der sanf­
ten, grünen Hügellandschaft herausragt.
Mountains haben, aber ein Abstecher nach
Avoca ist noch drin. Hier befindet sich
Wir müssen
Majestätisch in doppeltem Sinne, denn die
Anlage war seit dem 4. Jahrhundert Sitz der
nämlich die älteste noch funktionierende
Wollmühle Irlands und man darf sogar bei
dringend ans
irischen Könige von Munster. Anfang des der Produktion zuschauen. Danach geht es Meer – zum
12. Jahrhunderts wurde das Areal der Kir­ stetig bergan, und bald führt uns die alte
che vermacht, die die Anlage erweiterte und Militärstraße R 115 hinauf zum Sally Gap Durchlüften!
eine gotische Kathedrale errichteten ließ. in eine Heide- und Moorlandschaft, wie
Ein letzter Höhepunkt, und das ist auch man sie eher in Schottland erwarten
geografisch gemeint, liegt auf unserem würde. Eine fantastische Strecke, die uns
Rückweg. Wirklich schade, dass wir nicht letztendlich nach Dublin bringt, wo bereits
noch mehr Zeit für die prächtigen Wicklow die »W.B. Yeats« auf uns wartet.

Typische Hauptgerichte sind ver­ Mussenden Temple /


GROSS- Downhill Beach
schiedene Eintöpfe (z. B. Irish Stew) und BRITANNIEN Magilligan Point Dunluce Castle
Aufläufe, meist mit Lamm- oder Rind­ Malin Head Giant’s Causeway
Mamore Gap
Inishowen
fleisch. Wie es sich für eine Insel gehört, Fanad Head Bushmills
spielen Sea­food-Gerichte eine große IRLAND Buncrana Dark Hedges
Glenveagh-
Rolle: A
­ ustern, Venus- und Jakobsmu­ Nationalpark
Torr Head
scheln, Krebsscheren (Crab Claws) oder Mount Errigal
(751 m) Cushendall
ein Meeresfrüchte-Eintopf (Seafood
Tourlänge: Maghera Portstewart Carnlough
Chowder). Weit verbreitet sind auch Fish 2236 km Ballymoney Larne
and Chips sowie das typische Pub-Essen Glenties
mit Burger, Lasagne und Pommes. Glencolumbkille Ardara NORDIRLAND
In Restaurants ist es üblich, dass man
Slieve League (VEREINIGTES KÖNIGREICH)
Belfast
Mullaghmore M1
an einen Tisch geführt wird. Auch wenn Gleniff Horseshoe /
Ben Bulben (527 m)
kein Schild mit der Aufschrift »Please Drumcliff Newry Newcastle
Croagh Patrick Dartry
wait to be seated« vorhanden ist, emp­ (764 m) Mountains Spelga Dam
fiehlt es sich, am Eingang auf einen Mit­ Achill Island
Lisnaskea
arbeiter zu warten, anstatt sich einfach Keem Bay Carlingford
an einen Tisch zu setzen.
Irische
Kylemore Abbey
Connemara- IRLAND See
Unterkünfte Nationalpark M1

Carnlough: »Londonderry Arms Hotel«, M6


Dublin
sehr schönes, historisches Hotel mit an­ Galway
geschlossenem Pub Black Head Sally Gap
M9 Wicklow Mountains
www.londonderryarmshotel.com Lisdoonvarna Burren-
Cliffs of Moher Nationalpark Hacketstown
www.originalirishhotels.com M7 Avoca
Portstewart: »Cul Erg House« (B&B), Kilkee Limerick Kilkenny
Foynes M8
tolle Lage, irische Gastfreundschaft in Loop Head New
Perfektion Tarbert Ross
Cashel Curracloe Beach
www.culerg.co.uk/de Wexford
Buncrana: »The Harbour Inn«
Waterford
l

www.harbourinn.ie Kilmore Quay


a

Hook Head
a
n

Glenties: »Campbell’s Holiday Hostel«,


K
einfache Unterkunft, auch Mehrbettzim­ Cork s-
mer, viel Platz für Gruppen, Restaurants rg
und Pubs in der Laufnähe, keine Web­ G eo
-
seite, Tel. +353 74 955 1491 St.
Lisnaskea: »Watermill Lodge«, stilvolle www.bit.ly/tftourdb
Anlage mit ausgezeichneter Küche 50 km
www.watermillrestaurantfermanagh.com Kilrush: »Buggles Pub & B&B«
Westport: »Augusta Lodge Guest Accom­ buggles-pub-bb.business.site
modation«, viele gute Pubs in der City Hacketstown: »Easycruiser-Gästehaus« Karte
www.augustalodge.ie/de für Selbstversorger. Hier gibt es auch Irland/Ireland, M.: 1:350.000, Reise
Lisdoonvarna: »Rathbaun Hotel« Mietmotorräder und jede Menge Tou­ Know-How Verlag, 9. Aufl. (2019), ISBN:
www.rathbaunhotel.com rentipps vom Chef; easycruiser.tours 978-3-8317-7347-3, 9,95 Euro.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022Motorrad-Traumziele Europa


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Himmel Meer Zwischen
&

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Das Leben in der Bretagne gehorcht dem Liebesleben:
Sonnenstunden an der
­Pulsschlag von Meereswellen und Wind. Raue Côte d’Amour laden
Küsten, sturmgebeutelte Kaps, versteckte zur Küstenpromenade
zwischen Port Lin und
Häfen und Obelix’ Hinkelsteine: eine Liebes­
Batz-sur-Mer.
erklärung an die Bretagne von Michaela &
Udo Staleker (Text & Fotos).

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S chau zu, dass wir hier rauskommen!«
Doch es geht weder voran noch zurück
Leinen los: Im Hafen von Le Croisic
an der Côte d’Amour warten die Segelboote
auf den neuen Tag.

34 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele220706115406DZ-01
Europa am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
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220706115406DZ-01
B
eim Gezeitenwechsel können ungeübte Schwimmer
mehr als nur ihre Badehose verlieren
Pointe de Pen-Hir:
Zwischen Klippen und
Kaps streckt die Halb­insel
Crozon ihre Zehen
ins Meer.

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C amaret will nicht gefallen, aber fasziniert
mit seiner verwitterten Geschichte
Gestern und Glauben:
In Camaret-sur-Mer verrostet
neben der C
­ hapelle Notre-­
Dame die Vergangenheit.

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Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Europa TOURENFAHRER 39
A
Blühende Bretagne: uf der Hafenpromenade von Le Greco und Edith Piaf. Ach, das »P’tit
­Hortensien-Traum in der Croisic tanzt am Abend der Bär: déjeuner« sei nun doch dabei. Und wir
Baie de Roscanvel. Bunte Verkaufsstände, volle könnten es selbstverständlich auf der blu­
­Restaurants, Straßenkünstler, menverwöhnten Terrasse einnehmen. Un­
Feuerspucker, Zuckerwatte. Ein widerstehlich! Michaela ist glücklich und
paar Altrocker covern Ohrwürmer aus den über den »Marais Salants« (Salzwiesen)
50ern, glückliche Kinder, feriengestresste der Halbinsel Guérande beginnt es zu tröp­
Eltern – und wir mittendrin. Es geht weder feln. »Zut«, das nenne ich Timing!
voran noch zurück. Michaelas Stimme in Der nächste Morgen hüllt sich in nass­
Der Sage meinem Kopfhörer bekommt das gefähr­ kalte Nebel. Es dauert lange, bis die Sonne
liche Timbre zwischen drängelnd und ge­ schüchtern blinzelnd über Kanäle, Gräben
nach ent­ nervt. »Schau’ zu, dass wir hier wieder und Verdunstungspools der horizontlosen
’rauskommen. Ich will endlich ein Hotel Salinen huscht und erahnen lässt, auf wel­
standen die und runter von dem Bock!« ches endlose Geduldsspiel sich die bretoni­
Inseln, als der Ein neonblau blinkendes »Chambres« schen »Paludiers« (Salzbauern) mit dem
lockt uns von der Straße: »Hôtel Les Em­ unsteten Wetter des Atlantiks einlassen
Mensch die bruns«. Oui, Madame hat noch ein Zim­ müssen. Nur an heißen und möglichst
heiligen Feen mer frei. Doch noch bevor ich ein Dank­
gebet gen Himmel schicken kann, bringt
windstillen Tagen gelingt es ihnen, ihre
meterlangen »Las« (Rechen) über das
vertrieb mich ihr »Tarif« ohne Frühstück wieder seichte Wasser der Salzpools zu ziehen, um
auf den Boden touristischer Tatsachen zu­ eine hauchdünne Schicht des kostbaren
rück. Im August fährt man nicht in die »Fleur de Sel« zusammenzuschieben und
Bretagne, denn diese Idee hatten vor dir abzuschöpfen. An der nahen Côte Sauvage
garantiert schon fünf Millionen Pariser. ist inzwischen frischer Wind aufgekom­
Vielleicht hätten wir besser nach Paris fah­ men, greift der Sonne mächtig unter die
ren sollen … Madame scheint meine Zwei­ Arme. Und ganz weit draußen, wo die
fel zu ahnen, schürzt die Lippen, lächelt Halbinsel Guérande am »Pointe du Croisic«
charmant wie eine Mischung aus Juliette ihren kleinen Zeh in den Atlantik streckt,

40 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
da reißt der Himmel zwischen Port Van ­ iner bretonischen Legende nach sollen
E
und Port Lin bereits vollständig auf, kapi­ sie entstanden sein, nachdem der Mensch
tuliert mit weißen Tupfern auf blauer in schnöder Gewinnsucht die Wälder der
­Himmelsleinwand. Gegen Mittag zeigt die Halbinsel Rhuys abgeholzt und dabei die
Bretagne, was sie kann. Schroffe Felsriffe heiligen Feen dieses Landstrichs vertrieben
unter bröckelnden Steilküsten, trockenge­ hatte. Es müssen besonders gute Feen ge­
fallene Fischerboote zwischen Prielen und wesen sein, denn sie verteilten auf ihrer
nassfeuchtem Schlick, gewaltige Wolken­ Flucht einen goldenen Staub über dem
gebirge über einem endlosen Horizont. Golf, und so entstanden wunderschöne,
Wer da oben Regie führt, meint es heute klimatisch fast subtropische Eilande. Welt­ Köstlich-süße
besonders gut mit uns. entrückt bieten sie all jenen Menschen Zu­ ­Versuchung:
Quirliger Ferientrubel in Batz-sur-Mer flucht, die es gut mit diesem Stück Erde flambierter Crêpe
und Sommerfrische am Strand von Le meinen – einem Paradies zwischen Him­ Irlandaise im
­Poliguen. Ländlich-beschauliche Dorf­ mel und Meer. »La Crêp’« von
idyllen im Bois de Monchoix auf dem Weg Ça alors! Das nenne ich XXL. Obélix Quiberon.
nach Locmariaquer am Nadelöhr zum wäre garantiert ausgeflippt. Und Miraculix
­Golfe du Morbihan, wo sich das Fluss­ hätte für die Gallier literweise Zaubertrank
wasser des Auray in die Zauberwelt eines brauen müssen, um diesen Hinkelstein in
Binnenmeeres ergießt. Geschützt von der ihr kleines Dorf an der Küste Aremoricas
Halbinsel Rhuys überrascht die Natur den (Bretagne) zu transportieren. Oder haben
Besucher mit pinienbewachsenen Inseln, sie es etwa doch versucht? Zumindest liegt
einer verzweigten Schärenlandschaft und »Le Grand Menhir Brisé« viergeteilt am
einem zerklüfteten Küstenstreifen, der Un­ Ortsrand von Locmariaquer und gilt mit
ternehmungen zu Fuß oder mit dem Boot seinen 20 Metern Länge und geschätzten
geradezu provoziert. Beschaulich bummeln 300 Tonnen Gewicht als der größte Menhir
wir vom mittelalterlich befestigten Auray des Neolithikums. Doch irgendwie müssen
nach Crac’h und erliegen mit Hereinbre­ derart gewaltige »Men-er-grah« (Feen­
chen der Abenddämmerung völlig dem steine) ja wohl mal transportiert worden
Licht- und Schattenspiel am Südzipfel der sein. Gesteinsproben weisen als Herkunft
Halbinsel von Locmariaquer. Ab hier dieses größten Dolmens der Region Carnac
­öffnet sich ein »mor bihan« – ein kleines die Halbinsel Quiberon aus. Also eine
Meer – mit über 60 Inseln, die nur zu ­Distanz von über 30 Kilometern, wobei
­einem Drittel ganzjährig bewohnt sind. noch die fjordartige Mündung des Crac’h

Kräftig gesalzen:
In den Salzgärten
von Guérande
­entsteht das »Fleur
de Sel«. Ein Kilo-
gramm kostet bis
zu 50 Euro.

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über Europa
http://www.united-kiosk.de TOURENFAHRER 41
Rau, aber herzlich: überwunden werden musste. Auf Baum­ deutschen Alias und Verlegers Jörg Bong
traditionelle Steinhäuser stämmen gerollt und mit Flößen über Was­ funktioniert. Seine überzeugend authenti­
in Jugon-les-Lacs. serwege transportiert, waren wohl Hun­ schen Landschafts- und Menschenportraits
derte von Menschen über Jahre damit be­ scheinen zu wirken wie eine Reisedroge
schäftigt und sämtliche Druiden der Bre- und die bretonischen Tourismusmanager
tagne müssen volle Auftragsbücher gehabt küssen dem Wahlbretonen bereits die
haben. Waren die Steine Fruchtbarkeits­ Füße, weil Sommer für Sommer Tausende,
symbole, Navigationshilfen für die frühen vornehmlich deutsche, Touristen zu den
Seefahrer oder einfach nur Grab- und Kult­ »Locations« seiner Krimis reisen. »Bre­
Echte stätten, wie es der »Table des Marchands« tonisches Gold« in den Salzgärten von
auf dem Grabungsgelände von Locmaria­ Guérande. »Bretonische Brandung« vor
Bretonen quer nahelegt? Bis heute sind sich Archäo­ der »karibischen Küste« vor Concarneau.
logen nicht einig, und so bleibt dem Besu­ »Bretonisches Leuchten« zwischen den
­befürchten cher nur ein ehrfurchtsvolles Staunen. rotbraunen Felsen der Côte de Granit Rose.
ja nur, dass Sie hat schon wieder dieses Ding vor der Und – jetzt bitte den Zeigefinger meiner
Nase. Daheim auf dem Packtisch türmten Frau beachten – »Bretonische Verhältnisse«
i­ hnen der sich bereits bedrohlich vier Krimis von im Künstlerdorf Pont-Aven. »Das ist doch
Himmel auf Jean-Luc Bannalec, dessen übereifrig-
schrulliger Kommissar Dupin den Leser in
gleich nebenan!« Wie schön, dass ich mir
über die heutige Route keine Gedanken
den Kopf die schönsten bretonischen Regionen ent­ mehr machen muss…
führt, wo dann natürlich unfassbar myste­ Die »Côte Sauvage« auf der Halbinsel
fällt riöse Verbrechen geschehen. Kindle sei Quiberon verdient ihren Namen zu Recht.
Dank lassen sich vier Kilo Literatur locker Zwischen Portivy und Port Maria tobt der
auf einen zentimeterschlanken E-Reader Atlantik sich aus, jagt Kitesurfer und drei­
reduzieren, sonst hätten doch glatt die rädrige Strandsegler über topfebenen Sand,
­Unterhosen daheim bleiben müssen. Das spritzt dir Gischtfontainen ins Gesicht,
Erstaunliche an Jean-Lucs Romanen ist: wenn du dich traust, bis zu den kühn ins
Die Schreib- und Geschäftsidee seines Meer ragenden Klippen hinabzusteigen.

42 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am Europa
06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Der Wind hat zugelegt und lässt ahnen, hinfließenden Laïta. Die zerklüftete Küs­
was hier los ist, wenn ein grimmiger At­ tenlandschaft südlich von Moëlanet und
lantiksturm das Wasser den Strand hinauf­ das beschauliche Künstlerdorf Port-Aven,
peitscht und das Hinterland flutet. Selbst an wo Michaela die Zielflagge hisst. Kleine
schönen Tagen setzen allein beim Gezei­ Glücksmomente, völlig unspektakulär und
tenwechsel an der Côte derartig heftige ein wenig Balsam für gestresste Seelen.
Strömungen ein, dass ungeübte Schwim­ Pont-Aven hat sich an diesem Abend be­
mer hier mehr als nur ihre Badehose ver­ reits der Touristenströme entledigt und nur
lieren können. noch wenige Krimifans streifen durch das
Am Nachmittag beendet eine Regen­ malerische Dorf. Der »Schule von Pont-
front unsere »Promenade à la mer« und wir Aven« begegnet man, wenn es in der Kunst
flüchten ins Ortszentrum von Quiberon. um Impressionismus geht und was der
Virginie und Christel im »La Crêp’« ken­ ­rebellische Paul Gauguin daraus gemacht
nen sich aus mit »Treibgut« dieser Art und hat. Das besuchenswerte »Musée de Pont-
verwöhnen die Gestrandeten mit tausend Aven« dokumentiert diesen Prozess und
Variationen der bretonischen National­ das weitere Schicksal Gauguins. Obwohl
speise »Galette«. Wir entscheiden uns für seine Maltechnik durchaus Anhänger fin­
eine »Galette de blé noir« mit dunklem det, sieht sich der Künstler nach dem Bruch
Roggenteig, garniert mit Schinken und Ei. seiner Freundschaft mit Vincent van Gogh Locker lassen:
Und weil man davon kaum satt wird, gibt bald völlig isoliert, kehrt seiner Wahlhei­ ­Palmenstrand von
es noch eine klassische »Paysanne« hinter­ mat 1891 schließlich den Rücken und zieht Saint-Michel-
her und als krönenden Abschluss »une ins ferne Polynesien, wo er das Paradies en-Grève.
Crêpe Irlandaise«, flambiert und zucker­ gefunden zu haben glaubt. Es ist der An­
süß. Draußen hat sich das Unwetter inzwi­ fang von seinem Ende. Gauguin sieht Pont-
schen beruhigt und eine milde Abendsonne Aven nur noch einmal wieder, bevor er in
vergoldet die Seepromenade der Hafenstadt der Südsee nach Alkoholexzessen und
mit einem warmen Licht. Über die heutige schwerer Syphilis-Erkrankung 1903 elen­
Bettschwere müssen wir uns keine Gedan­ dig zugrunde geht.
ken machen. Kommissar Dupin lässt sich in der
Bretonische Farbtupfer auf der schmalen ­Bretagne nicht nachhaltig abschütteln. Vor
Küstenstraße vom »Pointe du Talut«: Weite der filmreifen Kulisse der »Ville Close«
Sandstrände am Fort Bloqué. Der Blick von Concarneau liegt die Bar-Brasserie
von der Pont St.-Maurice auf den träge da­ »L’Amiral« und ich darf mit dem von Paris

Doller Dolmen:
Grabkammer
des »Table des
Marchands« von
Locmariaquer.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Motorrad-Traumziele Europa TOURENFAHRER 43


Uneinnehmbar: in die Bretagne strafversetzten Ermittler Camaret-sur-Mer will nicht gefallen,
Die Altstadt von seinen Lieblingskaffee trinken. »Un p’tit aber fasziniert. Der Fischerhafen, die tro­
Concarneau ist eine noir«, bei dem man anschließend zittrig ist ckengefallenen Boote, die traurig vor sich
befestigte »Ville und zurück auf dem Motorrad die Ideal­ hinrostenden Wracks alter Thunfischfän­
Close«. linie verhunzt. Bei einem gemeinsamen ger, das trutzige Verteidungsbollwerk
Spaziergang über den bunten Markt der ­Vauban auf einer Insel vor dem Hafen.
Sardinenhauptstadt Concarneau hat Dupin Stumme Zeugen seefahrerischer Größe
noch einen Tipp für die Weiterreise parat: und Vergangenheit. Das milde Sonnenlicht
Quimper. Kulturperle der Bretagne mit vor der Kulisse des trutzigen Festungs­
fachwerkverzierten Häusern, reich be­ turms gibt sich alle Mühe – vergeblich. Es
pflanzten Brücken über den Odet und ver­ ist die rechte Stimmung für eine letzte
winkelten Altstadtgassen. Und Regen! So ­Endurowanderung an der bretonischen
reichlich, dass wir über Plozevet und Plou­ Küste: Aalglattes Meer am Strand von
hinec am späten Nachmittag zurück an die ­Pen-ar-Creac’h. Ein weiter Blick auf Brest
Küste fahren und mit dem spitz ins Meer vom »Pointe des Espagnols« und eine
pieksenden Kap Sizun wieder über trocke­ friedvolle Abendstimmung im Fischernest
ne Straßen rollen. »Finistère« – das Ende Le Fret am Fuß der Halbinsel Île des
der Welt. Das 70 Meter aus dem Meer Morts. Wir sitzen dort noch lange am Ufer
­aufragende Felsenkap »Pointe du Raz« ist und denken an Dupin. Sicherlich speist er
der westlichste Punkt der Bretagne. Bei jetzt gerade im »L’Amiral«, isst Seezunge
gutem Wetter und einer steifen Brise kann in gesalzener Butter, goldbraun gebraten.
man von den beiden vorgelagerten Leucht­ Wir würden ihm gerne mitteilen, dass wir
türmen im tosenden Meer spektakuläre seinen Fall gelöst haben. Das »Bretonische
Bilder schießen. Doch heute bleibt der Gold« findet man nicht im salzigen Gué­
Himmel über dem Kap verhangen und es rande, völlig daneben. Es liegt vor der
beginnt erneut zu regnen. »Vraiment dom­ Halbinsel von Crozon, wo der Himmel wie
mage, Monsieur le commissaire«. Aber ein Tor scheint, weiß getupft und immer
gut – Dupin kann schließlich nicht jeden endlos. Dazwischen aber ruht – das Land
Fall lösen … zwischen Himmel und Meer.

44 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


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Motorrad-Traumziele
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Allgemeines
Die Bretagne ist der Westzipfel Frank-
reichs und umfasst mit ca. 27.000 km2
­e twas mehr als die Fläche des Bundes-
landes Mecklenburg-­Vorpommern. Vom
Atlantik im Norden, Westen und Süden
umschlungen, weist das Land bis auf die
knapp 400 Meter hohen Monts d’Arrée
kaum nennenswerte Erhebungen auf.
»Argoat und Armor« – bewaldetes Land
und Meer – heißen die alten bretonischen
Bezeichnungen für die dieses Land. Zer-
klüftete Küsten mit tief eingeschnittenen
Buchten, breite, sandige Strände und
­geschützte Häfen, in denen die Boote bei
Ebbe trockenfallen – stets war es das
Meer, das die abwechslungsreichen Stillgestanden: Steinreihen von Kerzer­ho bei Erdeven.
Landschaften über Jahrhunderte hinweg
gestaltete und veränderte.
Charakteristisch und prägend sind Klima und Reisezeit Temperaturen deutlich über 20 Grad, wo-
­darüber hinaus die zahlreichen Flüsse. Was den impressionistischen Maler Paul mit sich die Bretagne als Premium-Mo-
An den Ufern der Rance, der Aulne, des Gauguin einst in die Bretagne nach Pont- torrad-Reiseregion bewirbt. Kräftiger
Elorn, des Odet, des Blavet und der Aven lockte, fesselt den Reisenden noch Regen verdirbt im Sommer vornehmlich
­V ilaine liegen die ältesten und gleicher- heute. Die sich ständig ändernde Bewöl- im Norden und Westen zuweilen den
maßen interessantesten bretonischen kung des Himmels mit faszinierenden Küstenbummel, wohingegen der Süden
Siedlungen und Kulturstädte. Licht­effekten ist ein Schauspiel für sich. mit stabilen Hochdrucklagen überrascht.
Mit 2700 km Küste verfügt die Bre­ Dabei prägen die Tiefdruckgebiete des Ausgesprochen merkwürdig und an-
tagne über die längste Küsten­linie Frank- Nordatlantiks das regionale Wetter genehm für »Biker on tour« sind die war-
reichs. Und dort findet der Besucher al- ebenso wie der milde Golfstrom, der das men Sonnenlöcher auf der Halbinsel
les, was er für einen spannenden Motor- Meer selbst im Winter nicht unter neun ­Crozon, die in der Bucht von Brest liegt
radurlaub braucht: die rosafarbenen Grad abkühlen lässt. An der Nord- und und mit romantischen Sonnenuntergän-
­F elsen der Côte de Granit Rose und die Südküste des Landes sackt das Thermo- gen verwöhnt. Wer es partout auf die
schaumweiße Brandung an den entle­ meter selten unter sieben Grad ab, wo- harte Tour mag, dem seien besonders
genen Pointes (Kaps). Die Klippen und durch im Golfe du Morbihan selbst sub- die Wintermonate November und Dezem-
feinsandigen Buchten auf der Halbinsel tropische Pflanzen überwintern können. ber empfohlen, wenn der Wind an der
Crozon und das Karibik-Feeling auf den Im Sommer dagegen gibt es nur selten Westküste Orkanstärke erreicht und die
Glénan-­Inseln vor Concarneau. Spannen- Wellen haushoch gegen die Felsen der
de Touren entlang der Côte des Méga- zahlreichen Kaps peitschen. In dieser
lithes und zwischen den Insel-Paradie- Jahreszeit entstanden die beliebten
sen im Golfe du Morbihan. Beste Unter- ­Postermotive wellenumtoster Leucht­
haltung in den Kultur­s tädten Vannes, türme auf der Île d’Ouessant, die als
­Auray, Pont-Aven und Quimper im Hinter- Insel des Schiffbruchs jahrhundertelang
land der Reiseregion und zu guter Letzt der Schrecken aller Seefahrer war.
das Salz des Lebens auf der Halbinsel
Guérande. La Bretagne – ein Paradies Unterkünfte
zwischen Himmel und Meer. Wer im Sommer in die Bretagne reist,
sollte sich rechtzeitig um eine Unterkunft
Au marché: bemühen. Hotels und Pensionen direkt
täglich frischer an der Küste sind oft schon Wochen im
Fisch in Crozon. Voraus ausgebucht. Bewährt haben sich
neben diversen Ibis-Unterkünften die fol-
genden Quartiere:
»Hôtel Les Embruns«, Batz-sur-Mer, Le
Croisic, www.hotel-les-embruns44.fr
»Hôtel des Trois Fontaines«, Locmaria-
Gut geschützt: quer, www.hotel-trosfontaines.com
Kapelle Notre- »Hôtel de La Presqu’île«, Crozon,
Dame-Port-Blanc www.hotel-lapresquile.fr
auf dem »Rocher »Cerise Lannion«, Lannion,
de la Sentinelle«. www.cerise-hotels-residences.com

46 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


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Hinkelstein & Co. nannt. Nun ist es an den »Paludiers«, den
Dolmen, Menhire, Megalithen oder Hin- Salzbauern, einige besonders sonnig-
kelsteine, so man denn mit Asterix und warme und dabei windige Sommertage
Obelix unter der Schulbank groß gewor- abzuwarten, damit bei erhöhter Verduns­
den ist. In der Bretagne gibt es heute tung die Salzanteile kristallisieren können.
noch Tausende dieser prähistorischen Es enstehen dabei grobkörnige ­Salze, die
Monumente. Doch was stellen sie dar? zu Boden sinken, und leichte Salzflocken,
Zu Beginn der Jungsteinzeit (in unseren die »Fleurs de Sel«, die in behutsamer
Breiten um 5500 v. Chr.), als die Men- Handarbeit mit einem Holzrechen, dem
schen es satthatten, ohne Motorrad als »Las«, an den Rand der Becken gezogen
Jäger und Sammler durch die Lande zu werden. Das kostbare Salz muss zum
trotten, beschlossen sie, sesshaft zu Verzehr nicht weiter gemahlen werden.
werden. Es entstanden tonnenschweren Wer es ins Nudelwasser kippt, wird zum
Menhire, gigantische Dolmen mit gewal- Snob des Jahres gewählt …
tigen Deckplatten, ummauerte Kammern
mit Gängen und kilometerlange »Aligne- Literatur / Karte
ments« mit Hunderten mühsam aufge- Landeskultur: bretonische Bäuerin in Wilfried Krusekopf / Eberhard Homann:
richteter Steine, die Forschern noch den »Faïences de Quimper«. Bretagne, Handbuch für individuelles
Entdecken, Reise Know-How Verlag,
12. Auflage (2019), ISBN: 978-3-8317-
Fleur de Sel 3247-0, 24,90 Euro
»Ein Salz, das nach Sonne und Meer Stefanie Bisping/Errol Friedhelm
schmeckt«, schwärmen Gourmets und ­Karakoc: Bretagne, Marco Polo Reise-
schnalzen mit der Zunge, wenn es um führer, MairDumont: 15./2021, ISBN:
Meersalz von den Salzfeldern der Halb­ 978-3-8297-4920-6, 14,00 Euro
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direkt bei einem Salzbauern der Guérande ISBN: 978-3-8297-3888-0, 9,99 Euro
und sind a, für ein Kilo des weißen Gol-
des so mal eben zwischen 30 und 50 Euro Drei Krimis Jean-Luc Bannalecs über
Galette Complète: Zu den bretonischen
zu berappen. die Fälle des Kommissars Dupin spielen
Nationalspeisen gehören neben den
An der Küste unweit des Hafenstädt- im Tourengebiet; sie sind erschienen im
populären »Crêpes« die etwas deftige-
chens Le Croisic wird das Meerwasser Verlag Kiepenheuer & Witsch und kosten
ren »Galettes« aus Buchweizen.
durch ein System von Kanälen und Be- je 14,99 Euro:
h­ eute Rätsel aufgeben. Symbole eines cken geleitet – in die Salinen von Gué­ Bretonische Verhältnisse,
religiösen Totenkults, gewaltige Grab­ rande. Mithilfe der Sonne, des Windes ISBN: 978-3-462-04406-5;
stätten, phallusähnliche Fruchtbarkeits- und der bei diesem Ablagerungsprozess Bretonisches Gold,
symbole, Peilsysteme mit astronomischer entstehenden Wärme verdunstet allmäh- ISBN: 978-3-462-04622-9;
Ausrichtung, Sonnenwend-Zeichen zur lich der Wasseranteil und eine dünne, Bretonische Flut,
Zeitbestimmung oder esoterische Deu- salzgesättigte Schicht bedeckt die fla- ISBN: 978-3-462-04937-4
tungen in Richtung »Energiepunkte« und chen Becken, auch »Salzaugen« ge-
»Bündelung von Erdströmen«? Alles
www.bit.ly/tftourdb
möglich oder unmöglich, wobei einzig der Côte de Granit Rose
militärischen Deutung eines amerikani- Kerénoc
Paris
Baie de Roscanvel / Saint-Michel-en-Grève
schen Offiziers am Ende des Zweiten Pointe des Espagnols / Saint-
Weltkrieges energisch widersprochen Île des Morts Brieuc Orléans Nancy
N 12 Jugon-
werden muss: Nein, um deutsche Pan- Le Fret
Brest rée les-Lacs FRANKREICH
d’Ar
Île d’Ouessant
zersperren handelt es sich bei den Mega- s
o nt
lithen ganz gewiss nicht! Camaret-sur-Mer M
Presqu’île de Crozon N 164
Faszinierend auch die Erklärungsver-
Pointe du Van
Morgat
Quimper Erdeven / Rennes
suche zum Transport derartiger Un- und
Pointe du Raz
Lorient
Kerzerho
Auray
Bretagne
Urgetüme. Wiegen die Steine doch bis Plouhinec
zu 300 Tonnen, sodass Hunderte Helfer Crac’h N 137
Concarneau Port Blanc
jahrelang beschäftigt gewesen sein müs- Pont-Aven
Moëlan Vannes
sen, um die Menhire auf Baumstämmen Pointe du Talut
über viele Kilometer hinweg zu transpor- Carnac Locmariaquer
Côte Sauvage
tieren. Die Entstehung des Begriffes Quiberon Le Croisic / Nantes
»Ökopower« reicht offenbar weit in die 50 km Port Lin / Port Val
Le Pouliguen
Batz-sur-Mer Côte d’Amour
Geschichte der Bretagne zurück …

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
am 06.07.2022 TOURENFAHRER 47
über http://www.united-kiosk.de
Irgendwann ist man irgendwie
schon überall gewesen. Dann
bleibt nur noch eins: Gezielt in
Gegenden zu fahren, die man

Terra
­bisher aus gutem Grund links
­liegen gelassen hat. Guido
­Bergmann (Text & Fotos) ent-
deckte in Nordspanien eine
wilde Mischung aus Schottland,
Alpen und Atlantik.

48 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele
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Incognita
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Wir Ahnungslosen: Viel zu lange
mussten solche Prachtstraßen ohne
uns auskommen

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Griffiger Asphalt, spanische
Sonne und die Einsamkeit abseits
der Saison: An guten Tagen
findet im Tal von Fuente De alles
Gute zusammen.

Motorrad-Traumziele Europa
220706115406DZ-01 TOURENFAHRER
am 06.07.2022 51
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U
Nebelsuppe zum rlaub von Anfang an. Aus irgend- Wetterschutz einer Busstation. So plätschert
­Frühstück: Der erste einem vergessenen Hirnwinkel die Zeit dahin und treibt uns dem nächst-
Café con leche spült mir der alte Bahn-Slogan besten Zeltplatz in die Arme. Der zwar
will redlich verdient ins Bewusstsein, während ich nicht unserem üblichen Trapper-Reisestil
sein (o.). halb aus einem Autofenster hänge und der entspricht, aber mit freundlicher Pinte und
Grünes Spanien: Biarritzer Bevölkerung beim Einkaufen grandiosem Blick auf eine wirklich sehr
Selbst das Küstengeröll ­zusehe. Nordspanien ist bekanntlich ruck- grüne Hügellandschaft entschädigt. Größ-
trägt die Frisur in zuck erreicht. Freitagnachmittag schnell ter Vorteil der mickrigen Tagesetappe: Als
­L andesfarbe (o.  r.). die Mopeds auf einen Anhänger, mit Voll­ ich merke, dass meine Isomatte zu Hause
dampf über französische Schnellstraßen, geblieben ist, kann ich schnell zurück zu
und pünktlich zur Café-Crois­sant-Zeit par- den ­Autos fahren und mein Gepäckvolu-
ken wir die Karre vor San Sebastian und men mit Hilfe einer Kingsize-Matratze aus
atmen Atlantikluft. So weit der Plan. Dirks Transporter verdoppeln.
Der wie üblich kleinere Schwächen Früh am Morgen kullern wir über farn-
­aufweist. Zum Beispiel, dass ein Anhänger gesäumte Sträßchen Richtung Meer, das
für fünf Motorräder das zulässige Ge- hier so lange weiße Klippen aus dem Grün
samtgewicht über 3,5 Tonnen treibt. Dass genagt hat, bis die Küste an Cornwalls
dann auch der Franzose nur noch lausige ­Rosamunde-Pilcher-Landschaft erinnert.
90 km/h erlaubt. Dass 18 Stunden Anreise Wenn wir vernünftig wären, würden wir in
Der Camping- so einen vollbesetzten Passat zusammen- Zarautz die Füße von der Promenade bau-
drücken können wie ein zu tief getauch­tes meln lassen und gemeinsam mit der Stadt-
platz entspricht U-Boot. Bis wir aus allen Fenstern quellen bevölkerung die Fischer­boot-Regatta ge-
zwar nicht und hohlwangig in den Stop-and-go-Ver- nießen. Sieht spektakulär aus.
kehr glotzen. Weil irgendwer meinte, die Aber wir sind nicht losgefahren, um
­unserem Trapper- französische Atlantikküste sei viel zu gleich wieder anzuhalten. Und so mischen
Reisestil, ent­ hübsch, um auf der Autobahn an ihr vor- wir uns unter die Superbike-Sonntagsfah-
beizurauschen. rer, genießen die baskische Mischung aus
schädigt aber Manches ändert sich nie. Aber die Küste, Kurven und Krawall, bis wir in
mit gran­dioser ­Maßstäbe verschieben sich. Nach dreißig ­Lekeitio dann doch für eine Tortilla und
Jahren auf dem Motorrad rücken die wei- ein Clara stoppen müssen. Kurz danach
Aussicht
ßen Flecken auf unseren zerfledderten ­sacken wir in den Sand des Stadt­strands
Landkarten in immer wei­tere Ferne. Nord- und bereichern das Ortsbild um den An-
spanien konnte den Exotenstatus allein mit blick einer narkotisierten Robbenkolonie.
seinem Klima über die Jahre retten. Das Östlich von Lekeitio leeren sich die
»Grüne Spanien« verdankt seinen Titel Straßen, rücken zusammen und führen
­bekanntlich ergiebigen Regenfällen. Sehr durch versprengte Ortschaften, in denen
tröstlich also, dass die Wetter-Apps für die »Amnistia eta« auf Bruchsteinmauern
kommende Woche heitere Tage verheißen. steht. Offenbar gehen die Meinungen, ob
Besonders, weil uns San Sebastian mit es sich bei der baskischen Unter­grund­
einem kalten Guss begrüßt, sobald wir auf organisation um Terroris­ten oder Freiheits­
den Motorrädern sitzen. Den Charme der kämpfer handelt, immer noch aus­einander.
Kultur­hauptstadt 2016 genießen wir im In Gernika holt uns die eigene Geschichte

52 TOURENFAHRER
220706115406DZ-01 amMotorrad-Traumziele Europa
06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
ein. Im spanischen Bürger­k rieg legten gen Kloster in der Abend­sonne. Und ein Alpenglühen im
­Nazi-Bomber den Ort in Schutt und Asche. Geröllstrand, an dem wir die Motorräder ­Außendienst: Schon
Nur weniges blieb unversehrt, darunter die parken und unsere Schlafsäcke ausrollen 20 Kilometer hinter
Brücke, der die Attacke eigentlich gegolten können, liegt uns gleich zu Füßen. dem Meer schwingen
hatte. Achtzig Jahre später fühlt es sich Ein perfekter Abend. Wie dafür ge- sich die Picos de Europa
noch immer nicht selbstverständlich an, macht, die kleinen Holprigkeiten des Grup- zur Hochform auf (o.).
mit deut­schem Nummernschild durch die penreisens vergessen zu lassen. Doch der Kontrastprogramm:
Stadt zu fahren. Auch wenn die Basken nächste Morgen kommt bestimmt. Noch Schottisch anmutende
hier genauso nett zu uns sind wie überall. bevor das Kaffeewasser kocht, klimpert Highlands (o. l.).
Zum Glück hat Euskadi heute noch zwei das Bordwerkzeug, um jahrelang verdräng-
freudigere Sehenswürdigkeiten im Köcher. tem Wartungsmangel auf den Grund zu
Als einer der wenigen Orte Europas, von ­gehen. Da wird geschraubt, geforscht, ge-
denen man Wale beobachten kann, ohne in rätselt – bis kurz vor Mittag die Erkenntnis
einem Boot herumzuschaukeln, serviert reift, vorsichtshalber einen BMW-Händler
uns das Cabo Matxitxako immerhin einen in Bilbao aufzusuchen. Schnell noch nach
Panoramablick über die Biskaya. Gleich »Mehr als den Fehlerspeicher auszu­ ­Tresviso: Schon bald
nebenan dümpelt das Inselchen San Juan lesen macht der wahrscheinlich eh nicht«, klappt das Schönwetter-
de Gaztelugatxe mit seinem tausendjähri- meint Ralf, »aber so hab ich ein besseres fenster wieder zu.

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über Europa
http://www.united-kiosk.de TOURENFAHRER 53
Aufwärmprogramm: Gefühl.« Haben wir alle. Hinterher. Bis öffnet sich genau in dem Moment, als ich
Nach einer kalten Nacht ­unser Sieben-Motorräder-Suchtrupp den ohne jede Hoffnung die Klinke drücke. Café
weckt ein Café con leche Händler aufgespürt hat, ist Mittagspause, con leche, Bocadillos und auftauende Mor-
die Reisegeister (o.). bis die vorbei ist Nachmittag, und als wir gensonne machen den jungen Tag perfekt.
Schwamm drüber? die Guggenheim-Stadt mit ausgelesenem Endlich sind wir unterwegs durchs
Baskische Separatisten Fehlerspeicher verlassen, steht die Sonne kanta­brische Gebirge. Eine der wildesten
finden noch immer schon wieder kurz vor Portugal. Regionen Europas, in der sich noch Braun-
­Unterstützung (o.  r.). Beinahe ein vergeudeter Tag. Aber Rei- bär und Wolf guten Tag sagen. Doch auf
sen lebt von Gegensätzen. Kaum sind wir den nächsten Kilo­metern sieht das Ganze
der stau­bigen Ausfallstraße entkommen, eindeutig schottisch aus. Wäre nicht die
entfaltet sich eine Landschaft, die eher an Sonne, man könnte meinen, durch eine be-
eine alpine Variante von »Der Doktor und sonders spektakuläre Ausgabe der High-
das liebe Vieh« erinnert als an das Spa- lands zu fahren.
nien, das wir kennen. Einsame, von Stein- Nachdem ein Baustellenschild irgend-
mauern gesäumte Single-Roads winden was von Straßensperrung angedeutet hat,
sich durch die Hügel, und schon könnte das haben wir die Gebirgspiste ganz für uns
Leben wieder kaum besser sein. ­allein. Erst kurz vor Ende blockiert eine
Außer vielleicht, wenn die Temperaturen Baumaschine die Fahrbahn. Zuhause wäre
etwas zulegen würden. Verdammt frisch, der Fall klar: Kopfschütteln, Unmut, Um-
Deutsche die­ses Spanien. Übernachten an einem fast kehr. Stattdessen fahren wie von Zauber-
sieben­hundert Meter hohen Pass? Zu kalt, hand die Hydraulikstützen des Ungetüms
Kennzeichen meint die Männergruppe. Lass uns lieber ein, die Maschine rumpelt fünfzig Meter
fühlen sich in irgendwo tie­fer … Doch so ist das mit der vorwärts und lachende Bauarbeiter winken
Gruppendynamik: Nach einigen Schotter- uns vorbei. Es kann so einfach sein.
­Gernika immer Abstechern und dem Umfahren einzelner Plötzlich sehen wir die Anden. Vor der
noch nicht Schneefelder finden wir uns am Ende des Kulisse verschneiter Gipfel geht das Pla-
Tages auf dem sturmgepeitschten Gipfel teau des Ebro-Stausees fast als Double für
selbstverständ- ­eines ausgewachsenen Fünf­zehnhunderters das bolivianische Hochland durch. Nur
lich an wieder – und sind glücklich. Während dass hier statt Lamas Zottelpferde durchs
draußen die Welt vereist, kauern wir uns in Grün stapfen. Ein herrlicher Anblick, der
den Schutz einer verfallenen Kaserne und allerdings nichts Gutes für unsere weiteren
freuen uns. Für solche Abende sind wir Absichten verheißt.
losgefahren. Und mit Kingsize-Matte wird Tatsächlich müssen Dirk und ich am
es im Windschatten des Bröckelbaus bei- Abend auf Erkundungstour einsehen, dass
nahe gemütlich. die Pisten­querung der bis zu 2648 Meter
Morgenkaffee über den Wolken, dann hohen Picos de Europa über weite Strecken
eine neblige, vorsichtige Abfahrt über eine vom Schnee verschluckt ist. Angesichts der
Piste, deren Schmelzwasserpfützen sich unterschiedlich ausgeprägten Freude an
über Nacht in Eisbahnen verwandelt haben. Offroad-Schinderei schlagen wir die Zelte
Besser kann ein Tag nicht beginnen. Doch auf einem urigen Campingplatz im Tal­
das Dörfchen Rio de Trueba toppt das kessel von Fuente De auf und gönnen uns
Ganze noch: Die Tür des einzigen Cafés eine Auszeit.

54 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa 220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


Zeit für das Damenprogramm. Mit der Ort liegt Anfang Mai noch im Winter- Wetter, BMW-Werkstätten,
Tele­ferico, einer frei hängenden Seilbahn, schlaf, aber als wir in der Dorf­pinte nach Geschäftsangelegenheiten:
gondeln wir hoch zum Mirador del Cable, einem Zeltplatz fragen, stellt uns die Wir- Die Freude an modernen
waten in kurzen Hosen durch den Schnee tin ihre Wiese zur Verfügung. Handgeräten kennt auf
und begegnen Geiern und Alpendohlen Da hätte sie sowieso einen Camping- Tour oft keine Grenzen (o.).
auf Augenhöhe. Auch mal schön, frei von platz anlegen wol­len, aber wegen des Partnerhaus für eine
Helm, Stiefeln und Protektorenzeug durch ­Nationalparks ließe man sie nicht. Zahlen Nacht: Die Gipfel-­Ruine
frische Luft zu schlendern. Trotzdem ist es müssten wir also auch nichts. So hat sie wird zur Drive-­in-
jedes Mal ein erhabenes Gefühl, anschlie- immerhin sieben Früh­stücksgäste, die sich Herberge (o. l.).
ßend den Seiten­ständer einzuklappen und am nächsten Morgen nicht verabschieden,
sich von der Kraft des Motors durch eine ohne ein paar mehr oder weniger kitschige
Bilderbuch-Motorrad­landschaft katapultie- Kleinigkeiten in ihrer Souvenirbude ge-
ren zu lassen. kauft zu haben.
Wir erwischen einen der raren Sonnen- Unsere Euphorie bekommt einen klei- Wie eine wilde Variante
tage in den Picos, und die makellos griffi- nen Dämpfer. Vor Starkregen und Über- von Montpellier: Der
gen Kurven­straßen auf dem Umweg nach schwemmungen hat uns der alte Mann vom ­Tourismus ist erst ­dabei,
Tresviso entschädigen uns reichlich für den Nachbartisch gewarnt. Und die TFT-Dis­ San Juan de Gaztelugatxe
entgangenen Pistenspaß. Der 70-Seelen- plays unserer unerbittlichen Hand­geräte wachzuküssen.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Motorrad-Traumziele Europa TOURENFAHRER 55


Nach dem geben ihm genauso recht wie die heran- Als wir an einem Stall vor­beikommen,
wachsenden Wolken­türme. Höchste Zeit, kratzt Ali seine Spanischbrocken zusam-
­Damenprogramm uns zurück an die Küste zu flüchten, die men und fragt den Bauern, ob er eine Zelt-
ist es eine hier wieder an Britannien im Sommer er- wiese für uns wüsste. »Kommt rein«, lacht
innert, mit saftigen Schafweiden, weißen der Alte, »da hinter den Gins­ter­bü­schen ist
Pracht, sich Klippen und schaum­gekröntem Atlantik. es fast windstill. Hier ist der Absperrhahn
durch die Bilder- Wenn wir wieder für ein Stück auf für Trinkwasser, und macht bitte das Gat-
Hauptstraßen ausweichen müssen, kom- ter hinter euch zu.« Wir sind gerührt. Als
buchlandschaft men uns in der schwülwarmen Luft Ruck- wir im Gras sitzen und den über den Picos
­katapultieren zu sackträger entgegen, die wie verschwitzte zuckenden Blitzen zusehen, bleibt die beste
lassen Studienräte aus­sehen. Erst nach dem ersten Flasche Wein verschlossen. So können wir
Hinweisschild dämmert es uns, dass wir dem guten Bauern wenigstens ein kleines
auf der Küstenvariante des Jakobswegs Zei­chen unserer Freude hinterlassen.
­unterwegs sind. Auch der Camino del Den ersten Regentropfen fahren wir
Norte pflegt offenbar das Gegensätzliche ­locker davon und genießen die Küsten­
und zögert nicht, die Kerkeling-Jünger ab straße ganz ohne Sonntagsverkehr. Bilbao
und zu durch öde Industriegebiete zu queren wir in neuer Bestzeit, und als wir
­schicken. Die wir mit einem Dreh am Griff an unserem Geröll­strand beim Cabo Mat-
im Rückspiegel verschwinden lassen, um xitxako Feuerholz für das Abendgelage
uns Schöne­rem zuzuwenden. Leider ist die sammeln, lässt sich nicht leugnen, dass
Küste weiträumig eingezäunt, damit die bald Heimreise auf dem Programm steht.
Schafe nicht das Pilgern anfangen. Unser Wie gut, dass die Männergruppe in der
Traum von einem Zelt­platz mit Meerblick vergangenen Woche wieder zu einem
scheint schwer umzusetzen. Die einzige verschwo­renen Haufen zusammengewach-
Piste, die zu einer vorgelagerten Halbinsel sen ist. Denn morgen Nachmittag heißt es
Höher, weiter, führt, ist so steil und eng, dass es meiner noch mal eng zusammenrücken. Vielleicht
kälter: höchste KTM im Runterpoltern den Fußbrems­ schaffen wir es über die Autobahn zum
­Eisenbahn, einen hebel abreißt. Vermutlich keine gute Idee, Sonntagsfrühstück nach Hause. Von Nord-
­behaglichen Schlaf- diesen Versuch siebenmal mit teils deut­lich spanien nach Deutsch­land geht bekannt-
platz zu finden. schwereren Motorrädern zu wiederholen. lich ruckzuck.

56 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Allgemeines
Nordspanien ist ein beliebtes Reiseziel,
allerdings vor allem für Spanier selbst,
Santillana del Mar
die sich im Hochsommer in kühlere
Covadonga San Vicente Santander
­Gefilde flüchten wollen. Neben den de la Barquera Bilbao San
Stränden der Klippenküste konzentriert Arenas de A-8 Sebastián
Cabrales AP-8
sich das touristische Interesse beson- Kantabrien Gernika
ders auf die Picos de Europa, die »Gip- Cabuérniga
Ramales
Baskenland
fel Europas«. In den bis zu 2650 Meter
Fuente Dé Pas de la Victoria
­hohen Bergen des kleinen National- Co AP-67
parks lässt sich nicht nur manierlich Parque Nacional rd Ebro-Stausee SPANIEN
de los Picos de Europa ille
ra C
Motorrad fahren, sondern auch tage- Kastilien antábrica Ebro Madrid
lang wandern. Andere Teile des Kantab- 50 km
rischen Gebir­ges warten mit weniger
Infrastruktur aber mehr Einsamkeit auf.
Motorrad fahren Unterkunft
Klima/Reisezeit Auch im Norden Spaniens gibt es dank Da wir das freie Übernachten bevorzugen,
Ihre grüne Landschaft verdankt die EU-Unterstützung eine überraschend haben wir keine Unterkünfte getestet.
­Region einem atlan­t ischen Klima mit gute Infrastruktur zu besichtigen. Die Empfehlen können wir den gemütlichen,
vergleichsweise ergiebigen Regenfäl- meisten Kurvenstrecken liefern griffi- naturnahen Campingplatz in Fuente De:
len. Wetter­sicherste Monate sind Juni gen, schlaglocharmen Asphalt. Wer www.elredondopicosdeeuropa.com.
bis August. Wer ohne Hochsaisontrubel Schotter bevorzugt, muss schon etwas Auto und Anhänger parkten wir auf einem
gute Chancen auf Sonne haben will, suchen und mit Karten in detailliertem Zeltplatz in Oiartzun. Bitte nicht von den
sollte im Juni oder September fahren. Maßstab arbeiten. Bildern auf der Website verwirren lassen:
»Camping Oliden« hat einen eher rusti-
kalen Charme. Pluspunkte sind neben
der strategisch guten Lage vor allem
freundliche Betreiber und ein deftiger
Mittagstisch: www.campingoliden.com

Karten
Mehr Übersicht als jedes GPS bieten
immer noch die guten, alten Faltkarten.
Perfekt für unsere Tour waren die
­Blätter Michelin Zoom 142 bis 144 im
Fehlen nur die Lamas: Die Anden­ Nicht nur Deko: An der Biskaya zählt Maßstab 1: 150 000 (in Deutschland je
kulisse ist beinahe perfekt. auch der Heizwert eines Lagerfeuers. 7,99 Euro).

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Am Rande
58 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Spaniens schöne Mitte ist ein Landstrich für Motorradstreuner
und Entdecker: Die Extremadura zählt zu den einsamsten Gegenden Europas.
Für viele ist schon das eine Verheißung, wissen Angelika und
Michael Engelke (Text & Fotos) zu berichten.

der Welt
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Die Straße windet sich kurvenreich
zwischen Macchia und Felsen. Wir sind
völlig alleine unterwegs

Traumstrecke:
Sierra de Guadalupe
bei Navatrasierra.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


220706115406DZ-01Motorrad-Traumziele Europa TOURENFAHRER
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E
Ein Fest s sind gespenstische Szenen, von 17, liegt inmitten der Iberischen Halb-
die sich in den mittelalterlich insel, nahe an der Grenze zu Portugal.
der Sinne: wirkenden Gassen von Cáceres ­Ostern ist hier die Zeit, wenn das Land
Kirschbäume abspielen, der Hauptstadt der grünt, die Kirschbäume im Jerte-Tal in der
gleichnamigen spanischen Provinz. Ein Frühlingssonne schneeweiß blühen, bunte
blühen in langer Zug tiefschwarz und schneeweiß ge- Blumenmeere leuchten und hunderte Stor-
der Früh­ kleideter Gestalten bewegt sich langsam chenpaare auf Türmen und Masten riesige
über das uralte Pflaster. Die wallenden Nester bauen.
lingssonne, Umhänge rascheln im Wind, spitze Kapu- Vorgestern waren wir hier angekom-
Störche bauen zen ragen in den Himmel, durch deren men, hatten rund 1900 Kilometer abbge-
kreisrunde Augenlöcher unstete Blicke auf spult. Während uns die Heimat mit kaltem
ihre Nester die Menschen fallen, die den seltsam an- Regen verabschiedete, wurde es mit jedem
mutenden Zug schweigend beobachten. Kilometer gen Süden angenehmer. An der
Mit klirrenden Ketten um die bloßen süd­französischen Atlantikküste kam das
Füße stolpert inmitten des Zuges ein erste Mal die Sonne heraus, südlich der
Vermumm­ter vorwärts, auf seinen Schul- Pyrenäen empfing uns schließlich der er-
tern ein großes Holzkreuz. Vor dem mäch- hoffte Frühling. Wenig außerhalb der
tigen Portal der Kirche Santa Maria wacht mächtigen Stadt­mauern von Cáceres schlu-
eine Gruppe eben­falls maskierter Gestal- gen wir unser Basis­lager beim einladenden
ten über das schweig­same Treiben. Es ist Camping Ciudad de Cáceres auf und er-
Karfreitag, Beginn der Semana Santa, kundeten abends die urigen Gassen der ge-
Hält: Die römische ­einer Woche voller tradi­tio­neller und histo- schichtsträchtigen, einstigen römischen
»Puente de Alcántara« rischer Feierlichkeiten. Festungsstadt. Gestern, Karfreitag, erleb-
führt seit rund Und es ist die perfekte Jahreszeit für ten wir die beeindruckende Eröffnung der
2000 Jahren über ­einen Besuch in der spanischen Extrema- Karwoche und die erste der traditionsrei-
den Fluss Tajo. dura. Die Autonome Gemeinschaft, eine chen Prozessionen.

62 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa über http://www.united-kiosk.de


220706115406DZ-01 am 06.07.2022
Heute geht es wieder auf zwei Rädern
los. Wir nehmen Kurs gen Westen, Cáceres
wird in den Rückspiegeln immer kleiner.
Vorbei an Malpartida folgen wir der
schnurgeraden N-521. Unendlich scheint
das flache Land, weit fällt der Blick auf die
riesigen Ebenen rechts und links der Stre-
cke. Die sind typisch für das Kernland der
Extremadura. Während auf den riesigen
Weiden unzählige Rinder grasen, tummeln
sich zwischen den Eichen die berühmten
schwarzen Iberischen Schweine. Die er-
nähren sich von den Eicheln und sorgen
damit für den unvergleichlich leckeren,
luftgetrockneten Schinken, den Jamón
Ibérico, der strengen Regelungen hinsicht-
lich seiner Produktion untersteht.
Bei Aliseda verlassen wir die gut aus­
gebaute Landstraße, über die EX-303 geht
es deutlich kurvenreicher nach Alburquer-
que. Dessen kleine Kirche Iglesia de San
Francisco lockt uns weniger mit ihren
überschau­baren sakralen Schätzen – es
sind vielmehr die üppig behangenen Oran-
genbäume vor dem Gemäuer. Vitamine
im Überfluss. Wir gönnen uns zwei, drei
der köstlichen Zitrus­früchte, bevor wir
Kurs auf die Burg von Alburquerque, das
Castillo de Luna nehmen.
Über Jahrhunderte war die Festung von
hoher strategischer Bedeutung, schließlich
liegt die Grenze nach Portugal nur wenige
Kilometer entfernt. Auch Alburquerques
Altstadt wirkt wie eine Festung. Das histo-
rische Ortszentrum Barrio gótico liegt
­innerhalb einer bis zu zehn Meter hohen
Stadtmauer und ist komplett als »Conjunto wir schließlich alleine durch die herrliche Idyllisch: Romantik
histórico-artístico« eingestuft. Damit ehrt Landschaft. am Tajo nordwestlich
der spanische Staat Ortskerne oder Plätze Ein neueres Schild weist die Region als von Cáceres (ganz
mit besonderer Bedeutung. »Parque Natural Tajo« aus, schmale, aus- oben).
Mit einem deutlichen Schwenker nach getrocknete Bachbetten begleiten uns ab
Norden verlassen wir das schöne Albur- und an oder kreuzen die Strecke. Santiago Erbe der Mensch-
querque und folgen den Schildern nach de Alcántara, das wir viele, viele Kilome- heit: Guadalupe und
­Valencia de Alcántara. Im Verlauf der wei- ter später erreichen, ist eins dieser abgele- sein Kloster sind
teren Strecke ändert sich die Landschaft genen spanischen Dörfchen, bei dem wir Unesco-Weltkultur-
deutlich. Es wird bergiger, wir queren den nicht wirklich wissen, wo eigentlich die erbe.
Rio Alburrel und nähern uns dem mächti- Hauptstraße entlangführt – sofern man
gen Rio Tejo, der die Grenze nach Portugal überhaupt davon sprechen kann. Immerhin
bildet. Der Asphalt wird immer schmaler, ist der Weg zur Guardia Civil ausgeschil-
windet sich kurvenreich zwischen den mit dert. Wir orientieren uns an diesem einzi-
Macchia und Felsen gespickten Hügeln gen Schild, rollen auf gut Glück durch ei-
hindurch. Je weiter wir gen Nordwesten nige schmale Gassen, in denen Gegenver-
steuern, umso einsamer ist es. Auf der kehr selbst auf dem Mopped unpassierbar
EX-374 und der CC-37 und -126 trudeln wäre. Dann stoßen wir auf ein Grüppchen

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 Europa TOURENFAHRER
über http://www.united-kiosk.de 63
70 Meter misst die Alcántara in der Höhe,
die beiden größten der sechs unterschied­
lichen Bögen zählen mit ihrer Weite von
über 27 und 28 Metern zu den größten er-
haltenen antiken Bogenkonstruktionen.
Ehrfürchtig staunen Kiki und ich über
das gewaltige, mörtellos gemauerte Wun-
der, über das auch heute noch der – wenn
auch bescheidene – Verkehr hinüber in
Richtung Portugal rollt. Am nördlichen
Ende der Brücke gibt es in einem alten
­Gemäuer wäh­rend der Hauptsaison ein
kleines Café, jetzt ist es noch geschlossen.
In weiser Voraussicht haben wir uns unser
Picknick mitgebracht, das wir auf einer der
Steinbänke mit Aussicht auf das Bauwun-
der genießen.
18 Kilometer weiter wartet das nächste
römische Brückenbauwerk, die Puente
­Romano bei Segura. Wir gönnen uns die
einsame Strecke, wollen heute wenigstens
einmal den Fuß auf portugiesischen Boden
stellen. Denn die Brücke, wesentlich klei-
ner und nicht so spektakulär wie die von
Alcántara, überspannt den Grenzfluss Rio
Erges. Ein paar Minuten später stehe ich
auf der Steinmauer der Brücke, einen Fuß
in Portugal, den anderen Fuß in Spanien.
Wenige Meter weiter signalisiert ein Hin-
weisschild, dass es noch 309 Kilometer bis
in die portugiesische Hauptstadt Lissabon
seien. Wir entscheiden uns aber lieber für
den Rückweg nach Cáceres parallel des
riesigen Stau­sees Embalse de Alcántara.
Kaum düsen wir entspannt ein paar
­Minuten entlang der EX-207, muss ich
Nette Begegnung: müßig­gehender älterer Männer, die freund- ­irgend­wo mitten in der menschenleeren
Dickschiff trifft Luft- lich zurückwinken und – wir sind selber Landschaft direkt hinter einer Biegung
schiff (ganz oben). überrascht – landen schließlich ruckzuck heftig in die Bremse steigen. Strategisch
wieder auf der CC-37, die uns weiter durchs geschickt, nicht vorhersehbar und – aus
Beliebtes Zentrum: spanisch-portugiesische Grenzland führt. meiner Sicht – ziemlich leichtsinnig steht
­Plaza Mayor in der Viele Kilometer und noch mehr Kurven ein uniformierter Polizist mitten auf der
­Altstadt Trujillos. später erreichen wir Alcántara. Das dortige Straße. Sein Kollege lehnt lässig am
Benediktinerkloster, in dessen Mauern blaulichtgeschmück­ten Geländewagen am
lange der Alcántaraorden residierte, ist Straßenrand. Mit ordentlich hohem Puls
­sehenswert. Aber die eigentliche Sensation, rolle ich vor der geballten Staatsmacht aus.
weshalb es uns und unzählige andere Rei- Betont lässig schreitet der Kollege ohne
sende hierherzieht, liegt ein wenig nördlich Worte hinter die BMW, wirft einen Blick
des Ortes – die Puente de Alcántara. Seit aufs Kennzeichen, nickt streng und schickt
rund 2000 Jahren überspannt die 194 Me- uns mit einer herrischen Geste wieder auf
ter lange Brücke hier den Fluss Tajo. Da- die Reise, sein Co­pilot schaut uns grimmig
mit gilt das Monument als das größte und hinterher. Motor­radreisende aus Alemania
bedeutendste vollständig erhaltene römi- scheinen in der Extremadura per se unver-
sche Brückenbauwerk der Welt. Über dächtig, aber lästig.

64 TOURENFAHRER
220706115406DZ-01Motorrad-Traumziele Europa
am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Garrovillas de Alconétar, was für ein staunlich, was die Freude auf eine Pause so Genug
schönes Städtchen. Die über 4000 Qua­ alles bewirkt.
dratmeter große Plaza Mayor, der arkaden- Mit großem Bogen über den Stausee Sight­seeing.
gesäumte Hauptplatz des Ortes, gilt als Embalse de Alcántara steuern wir zurück Wir kurven
­einer der eindrucksvollsten Stadtplätze in Richtung Cáceres. Die Altstadt ist voller
Spaniens – und davon gibt es bekanntlich gemütlicher Bars und Bodegas, in denen es ­lieber über
viele. In einem der einladenden Cafés auf zum Bier oder Wein leckere Tapas gibt. herrliche
dem Platz gönnen wir uns zwei leckere Das können würzige Fleischstückchen sein
Café cortado, also mit einem kräftigen oder eingelegte Oliven, mit Speck umman-
Bergstaßen
Schuss Milchschaum. Eigentlich hätten wir telte Pflaumen oder frittierte Kartoffel-
lieber einen schmackhaften Café Carajillo stückchen mit Knoblauch, Brotkringel mit
geordert, aber auf zwei Rädern ist das Schinken oder Muscheln – der Kreativität
­vielleicht keine gute Idee. Die köstliche der Wirte sind keine Grenzen gesetzt.
Kaffee-Spezialität ist ein Espresso, ge- Ursprünglich sind die Tapas eine Bei-
streckt mit einem spanischen Brandy. Der lage zum Getränk, entsprechend spät rollen
darf auch gerne noch mit karamellisiertem Kiki und ich uns am nächsten Morgen aus
Zucker verfeinert sein. Im heißen Sommer dem Schlafsack. Die geplante große Runde
gibt es alternativ übrigens den Café del durch die Sierra de Gredos ersetzen wir
tiempo mit Anis-Likör und Eiswürfeln. durch eine lockere Spritztour durch die
Und noch während Kiki und ich in den nahe Sierra de Guadalupe und einen Bum-
bequemen Stühlen das Koffein in der Blut­ mel durch das bildschöne Trujillo.
bahn wirken lassen, rollt ein grünweißer Trujillo mit seiner faszinierenden Alt- Spielplatz für
Nissan gleich neben uns aus. Heraus klet- stadt und dem wehrhaften Castillo ist eines Reiseenduristen:
tern die beiden Polizisten von vorhin, grü- unserer Lieblingsstädtchen auf der Iberi- Bachdurchquerung
ßen uns lächelnd, als wären wir alte Be- schen Halbinsel. Zu Fuß schlendern wir in der Sierra
kannte, und verschwinden in der Bar. Er- zwischen den uralten Mauern hindurch, de Guadalupe.

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folgen den langen Arkaden und lassen die Berg­kette der Sierra de Guadalupe ist fan-
Atmos­phäre des Plaza Mayor auf uns wir- tastisch. Über unseren Köpfen kreisen un-
ken. Wohl kaum ein Ort der Extremadura zählige Störche, die vielen Türme Trujillos
ist geschichts­trächtiger als Trujillo, gilt die rundum sind fast alle mit ihren Nestern
einstige römische Siedlung doch auch als ­besetzt.
die Wiege der Conquistadoren. Genug des Sightseeings für heute – quer
Von hier brachen einst die spanischen durch die Sierra de Guadelupe und ihre
Invasoren auf, Südamerika zu erobern. herrlichen Bergstraßen kurven wir mit
Sieg- und ruhmreich kehrten sie von ihren ­einem kurzen Abstecher nach Guadalupe
Grenzwertig: Gemetzeln zurück, schwer bepackt mit wieder zurück nach Cáceres. Aber es bleibt
Binationaler Autor. Gold und Schätzen, die sie den Ureinwoh- nicht der einzige Ausflug in die abwechs-
nern entrissen hatten. Francisco Pizarro ist lungsreiche Bergkette. Ebenso wie die
nur einer der vielen Söhne dieser Stadt, die noch weitläufigere Sierra de Gredos, das
in die Neue Welt aufbrachen. Die riesige mit Tausenden von blühenden Kirschbäu-
Bronze­statue, die den Plaza Mayor Trujillos men geschmückte Tal Val de Jerte und der
beherrscht, erinnert an den Eroberer, der einzig­artige Parque Natural de Montfragüe
mit seinen Mannen in Peru einfiel. 1534 steht diese auch in den folgenden Tagen
gründete er dort das noch heute existie- noch mal auf unserem Tourenkalender.
rende peruanische Dorf, das ebenfalls den Eine gute Woche haben wir diesmal ein-
Namen seiner Heimatstadt Trujillo trägt. geplant für unseren ersten Trip des Jahres
Vorbei am Geburtshaus Pizarros steigen in den warmen Süden, bevor es schweren
Kiki und ich auch hinauf zum Castillo. Der Herzens wieder über die Pyrenäen gen
Das schmeckt nach Ausblick von hier oben über die Dächer Heimat geht. Und auch diese Tour wird
Urlaub: Picknick mit und Türme der Stadt, auf die Dehesas, ­garantiert nicht unser letzter Besuch in die-
Panorama oberhalb die weiten baumbestandenen Weiden der ser faszinierenden Region Spaniens gewe-
des Val de Jerte. Extremadura und nicht zuletzt auf die sen sein.

66 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


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Allgemeines 50 km

Die autonome Region Extremadura liegt PORTUGAL


A-66
im Südwesten Spaniens an der Grenze Ponte de Segura
Portezuelo Nationalpark
zu Portugal. Kelten, Karthager und Rö- Tajo
Santiago de
Monfragüe
mer wechselten sich in der bewegten Alcántara Alcántara A-5
Vergangenheit ab. Während der Norden
Extremadura
Garrovillas
de Alconétar
der Extremadura eher bergig ist, domi-
nieren im Rest des Landes eher weite, Trujillo Guadalupe
steppenartige Ebenen. Auf der ungefäh- Aliseda

ren Fläche der Schweiz leben gut eine Valencia


Cáceres
Million Einwohner: Mit rund 25 Einwoh- de Alcántara
A-66
nern pro Quadratkilometer ist die Extre-
Albuquerque / Montánchez
madura eine der bevölkerungsärmsten Castillo de Luna
Regionen Europas. Vom Massentouris-
mus verschont, ist sie das ideale Ur-
Mérida Madrid
laubsziel für alle, die echte Ruhe und Er- Badajoz
holung suchen und unbekannte Gegen- SPANIEN
den entdecken wollen. A-5
www.bit.ly/tftourdb
Anreise/Zeitaufwand
Die Anreise erfolgt entweder parallel Besonders sehenswert gende Weine hervor. Lecker ist der
Der Parque Natural de Monfragüe ist ­L icor de Bellota, der Eichellikör aus der
der Atlantikküste, weiter durch das
ein kleiner, feiner Naturpark mit einer Sierra Morena.
Baskenland und dann via Salamanca
oder man fährt durch das französische außergewöhnlichen Flora und Fauna.
Rhône-Tal, dann entlang der französi- Unbedingt im Info-Zentrum in Villareal Unterkunft
de San Carlos vorbeischauen. Trujillo Ein besonderes Ambiente bieten die
schen Mittelmeerküste und anschlie-
ist ein Muss, Alcántara mit seiner ­Paradores – in Plasencia ist das ein
ßend über Madrid. Die Strecke ist kein
­Umgebung und die nahe Grenz­region Kloster aus dem 15. Jahrhundert, inmit-
Pappenstiel, aus dem Westen Deutsch-
zu Portugal lassen spannende Entde- ten der Altstadt und in Trujillo ein Klos-
lands sind es etwa 1900 Kilometer, aus
ckungen zu. In Hervás gibt es ein inter- ter aus dem 16. Jahrhundert. Natürlich
München gut 2100. Wer die Region
essantes Motorradmuseum (www. bietet die Extremadura auch ein breites
wirklich kennenlernen möchte, sollte
museomotoclasica.com). Angebot von Hotels, Pensionen und
wenigstens eine Woche, besser 14 Tage
Gasthäusern, buchbar über die üblichen
bleiben. Hier lässt sich übrigens auch
prima wandern. Essen & Trinken Portale. Die Campingplätze der Region
Das schwarze Ibérico-Schwein, mit liegen landschaftlich oft besonders
schön. Uns hat besonders der Camping-
Beste Reisezeit den Eicheln der Extremadura genährt,
platz Ciudad de Cáceres zwei Kilometer
Mediterranes Klima mit heißen Som- liefert unter strengen Regelungen den
berühmten Jamón Ibérico, den luftge- nordwestlich von Cáceres gut gefallen,
mern und milden Wintern bestimmt die
trockneten Schinken. Zart gebratenes der auch einige Bungalows anbietet.
Extremadura. Die beste Reisezeit ist der
Frühling. Dann ist es schon angenehm Lammfleisch mit extremadurischem
warm, es grünt und blüht. Auch der ­Paprika und viel Knoblauch ist ein regio- Karten
naler Leckerbissen. Unbedingt die Sehr gut ist die Michelinkarte 576
Sommer ist reizvoll, man muss aber eine
­Chorizo probieren, die schmackhafte ­E xtremadura, Kastilien-La Mancha,
gewisse Hitzebeständigkeit mitbringen.
Paprikawurst. Das Anbaugebiet Tierra Madrid, 1:400 000 für 8,99 Euro, inklusi-
Bis in den späten Herbst hinein kann es
de Barros bei Trujillo bringt hervorra- ve Stadtplänen und Ortsverzeichnis.
mild bleiben.
Für die Anreise: Michelin Spanien/Por-
tugal 1:1 000 000, Blatt 734 für 9,99 Euro
inklusive Ortsverzeichnis, Entfernun-
gen, Fahrtzeiten und touristischen
­Sehenswürdigkeiten.

Internet
Sehr informativ ist die offizielle, auch
deutschsprachige Internetseite der
Vertretung des Fremdenverkehrsamts
Aussichtsreich: der Region Extremadura:
Weit schweift www.stadtlandextremadura.de
der Blick vom Ebenfalls auf Deutsch informiert aus-
Castillo de führlich das offizielle spanische Touris-
Montánchez. musportal www.spain.info

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
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http://www.united-kiosk.de 67
Ein Motorradurlaub mit einer selbst organisierten
größeren Gruppe kann eine spannende, aber auch
unvergessliche Reise werden. Lars Wennersheide
(Text & Fotos) macht sich mit Freunden und Familie

F
auf den Weg in den provenzalischen Lubéron.

einkost mit
reunden
»Wer hier geboren wurde, ist verloren. Nichts anderes gefällt einem mehr.«
(Paul Cézanne)

68 TOURENFAHRER
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Skurrile Felsfiguren aus
Sandstein gestalten die
Alpillen südlich von Saint-­
Rémy-de-Provence.

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70 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele
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Das schöne
Les Baux war
einst eine
Hochburg der
Troubadoure
Nördlich des Dörfchens
Les Baux-­de-Provence
versteckt sich ein gran­-
di­oser Pan­­oramablick.

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Spektakulär
schneidet sich
die Schlucht
Hunderte Meter
in die Tiefe
Vom Belvedere de Castel-
laras ist die Aussicht auf
die Gorges de la Nesque
wie ein Rausch.

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Motorrad-Traumziele
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74 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa
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Die Erosion
formte bizarre
Gebilde aus
Kalkstein
Im Val d’Enfer, dem
»Höllental«, leuchten
fulminante Felsen im
Abendlicht.

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A
ngekommen. Sechs Uhr am Vorsichtshalber.« – »Pulli mitnehmen?« –
­frühen Abend nahe Cavaillon. »Wo sind meine Handschuhe?« – »Ups, die
Leichte Luft legt sich über den Reifen, total übersehen, sind ja noch aus
Lubéron. Das Gewusel ist groß. dem letzten Jahrhundert … aufpumpen
»Lasst uns sofort losfahren!« – »Möchte sollte ich sie schnell noch.« Glücklicher-
lieber erst in den Pool.« – »Cooler Aus- weise raucht niemand. Erste Motoren star-
gangsort für Tagestouren nach Italien oder ten. »In welcher Reihenfolge bilden wir
Spanien!« – »Kultur, Atmosphäre und da- ­eigentlich eine Kolonne?«
bei ein wenig Motorradfahren reicht mir »Die Zwölf-PS-Zweitaktfahne der Vespa
vollkommen.« – »Sonne und wohlige Wär- markiert den Abschluss, ihre ölige Note
me müssen schon sein.« – »Lange nicht hält schließlich Verfolger auf Distanz.« Mit
Die Angebote in den mehr auf meinem Motorrad gesessen, ich Schwung in die Nordausläufer des Natur-
Markthallen von möchte Kilometer runterreißen.« Die Ideen parks der Alpillen. Vertrautes Sommerlicht
Avignon schmecken, sind (noch) höchst unterschiedlich. Zu- schimmert in Saint-Rémy-de-Provence über
wie sie aussehen. nächst sollte nur der kleinste, gemeinsame den Boulevards durch das Blätterdach der
Nenner stimmen. »Vielleicht zusammen Platanen. Alte und Junge verbummeln auf
draußen auf der Terrasse abendessen?« den Terrassen der Cafés und Bistros den
Michaela, Andreas, Daria, Christian, Vormittag. Mal dekorieren Weinreben das
Erik, Jana, Thomas, Tina, Stefan, Anke, Blickfeld, zeigen Zypressen wie Pinsel gen
Marius, Tessa und ich. Wir sind viele und Himmel, suchen Kiefern, Pinien oder alte
Freunde, nun für eine Woche ein Team, Eichen Halt auf den stark zerklüfteten Ge-
wollen zumindest eines sein. Manche ken- birgsstöcken der Alpillen, die sich hell ge-
nen sich besser, manche weniger. Eine gen den blauen, klaren Himmel abzeichnen.
­Premiere in unserem gemieteten Mas. Das Mit den ersten knackigen Kurven im
ist ein altes Bauerndomizil, erbaut aus Zentrum der kleinen Felsenkette zieht sich
dem Gestein der Gegend, das über Jahr- die Schlange hinter mir in die Länge.
hunderte durch Wind und Sonne zu einer ­Dürre Kuppen tragen dort männlich kahle
undefinierbaren Farbe zwischen Honighell Stellen, wo die Macchia ihre Deckkraft
und Hellgrau verwittert ist. verliert. Dem Abzweig zum Aussichtspunkt
Morgensonne wirft ihre Spots auf die fehlt ein Hinweisschild. Bizarre Felsfor-
Motorräder wie in einem Schaufenster men aus weißem Kalkstein nehmen die
­nobler Boutiquen. »Niemand muss, jeder Farbe des Lichts auf, durchbohrt und vom
kann mitfahren.« Jahrelange Abstinenzler, Wetter abgewetzt, leuchten oberhalb des
mitfahrende Kinder, skeptische Sozias und Val d’Enfer.
kilometergestählte Routiniers sammeln Jenseits des Höllentals thront auf einem
Gewagte Perspektive: sich. »Moment, kurz noch eine letzte Klei- Felsvorsprung die Dorfschönheit Les
Gordes gilt auch aus der nigkeit. Geht auch fix!« – »Muss tanken!« Baux-de-Provence. Grobe Wege werden
Ferne als Flaniermeile – »Stopp, Sonnenbrille vergessen!« – »Zu zum Streifzug durch die Geschichte von
im Lubéron. Hause sprang die Kiste noch an!« – »Klo! Rittern und Handwerkern, erzählen von
­einer Hochburg der Troubadoure, den Ver-
tretern der hochmittelalterlichen Liebes­
lyrik im südlichen Frankreich. Kleine
­Plätze, schattige Terrassen und enge, steile
Gassen beheimaten Cafés und touristen-
freundliche Läden. Als noch wachzuküs-
sendes Mauerblümchen kommt Les Baux
keinesfalls daher. Das mehrere Felder große
Plateau der Schlossruine überragt das Dorf
mit seinen Renaissance-Häusern und bietet
einen traumhaften Rundblick bis zur Ca-
margue, auf zahlreiche Olivenöl-Mühlen
und Olivenhaine im Süden, die eines der
besten Öle Frankreichs produzieren. Rund
um Maussane-les-Alpilles und das Vallée

76 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
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des Baux schmeckt die Luft sommerlich, Die ins Navi programmierte Tour über
warm und fruchtig. Vor Kraft strotzende schmalste Nebenwege lässt uns an der
Reben mit ihren frischen grünen Blättern Durchfahrt durch Oppède-le-Vieux vor
liegen regungslos im Sonnenlicht, ehe sich ­einem Schild am Fuße des Dorfes stoppen.
mit Salon-de-Provence die Heimat des Ist nun die Passage für Caravans und Fahr-
­Astrologen Nostradamus und des Seifen- räder erlaubt oder gerade verboten? Park-
machers Marius Fabre vor unseren Rädern plätze sind gottverlassen. Um irgendwie
ausbreitet. unter dem Radar durchzuhuschen, sind wir
Ein alter Citroën 2CV AKS 400, eine einfach zu viele, trotz aller Zurückhaltung
pastellblaue Kasten-Ente, verrät im Hinter- zu laut. Aber alle Motorräder auf dem
hof der kleinen Seifenfabrik sofort, worum kaum handtuchbreiten Weg am stark ge-
es in den alten Hallen geht: Tradition. Mo- neigten, kantigen Hang wenden lassen? Würfelglück: Olivenöl
torradstiefel gleiten über rutschige Böden, Niemand widerspricht. Motoren heulen wird bei Marius Fabre
jede Oberfläche scheint hier wie Patina mit auf, Kupplungen riechen. in Salon-de-Provence
einer feinen Ölschicht. Über allem wacht Langsam erwacht das Dorf mit seinen zu Seife in Quadratform
die Muttergottes. Gassen aus grobem Pflasterstein, Brom- verarbeitet.
»Die Regeln zur Herstellung stammen beerbüschen und Efeugirlanden an Renais-
aus dem 17. Jahrhundert von König Louis sance-Fassaden aus der Vergessenheit.
XIV., wonach die Seife in großen Kesseln Aus reiner Bequemlichkeit zogen einst die
ohne jede Art von tierischen, alleine aus Menschen unterhalb der Burgruine in die
pflanzlichen Ölen gekocht werden darf.« Ebene. Bevor Oppède-le-Vieux deshalb
Waren auf den Fahretappen und der Rou- zum Geisterdorf verdorrte, verhalfen ihm
tenwahl die Jungs ganz vorne dabei, lau- zunächst Künstler zur Wiedergeburt, bevor
schen nun die Mädels in erster Reihe beim Touristen mit ihrer Liebe zu dekorativ ver-
Rundgang mit Lise zu den Koch-Kesseln. fallenen Gemäuern ausschwärmten. Steile
»Seit mehr als hundert Jahren siedet die Felsflanken und strikte Regeln halten Mas-
Savonnerie Marius Fabre bereits in der sen und Makler vielerorts im Lubéron in
vierten Generation in Salon-de-Provence
echte Savon de Marseille aus 72 Prozent
Schach und lassen Plätze wie die Terrasse
des »Le Petit Café« überleben. Allerlei
Mit den
pflanzlichen Ölen, Salz und Sodalauge Tand mischt sich zu einer undefinierbaren, ersten
ohne Zugabe von Farbstoffen.« Der Ort ist aber sehenswerten Komposition zwischen
ideal. »Olivenöl wächst regional, Meersalz eng anliegenden Bruchsteinmauern. Menü- knackigen
und Soda stammen aus der nahen Camar-
gue, Kokosnuss- und Palmöl für die weiße
vorschläge sind mit Kreide auf Tafeln ge-
kritzelt, verwitterte Holzstühle und eben-
Kurven zieht
Seife brachte der Marseiller Hafen von den solche Tische ducken sich in den Schatten sich die
französischen Kolonien ins Land.« einer Akazie.
Der Duft nach Olivenöl-Seife hängt Nebenstrecken hängen sich bis Méner- Schlange
­anderntags noch immer in den Motorrad-
koffern, als wir uns auf den Weg zu den
bes an die Felsflanke. Wie so viele Dörfer
des Kleinen Lubéron ist auch dieses in jün- hinter mir in
Dörfern des Lubéron machen. Die Kara­ gerer Vergangenheit kaum wiederzuerken-
nen, seit die ersten Prominenten die Region
die Länge
wane hat ihr Fahrtempo gefunden, die
­Reihenfolge in der Gruppe ist modifiziert. vor Jahren aufspürten. Weltberühmt durch
Die Unsicheren folgen den Routinierten, die Romane von Peter Mayle, kommen
die Leichtigkeit des Lubéron färbt ab. Mit noch heute Besucher, um das Dorf Roman-
Maubec bleibt die fruchtbare Ebene mit zeile für Romanzeile abzuhaken. Und doch
Melonenfeldern und Pfirsichbäumen rund fällt es nicht schwer, dem unbändigen
um Cavaillon zurück, öffnet le Petit Lubé­ Charme zu erliegen. Mal wieder qualmt
ron, der Gebirgszug des Kleinen Lubéron, die eine oder andere Kupplung. Leise Flü-
nach Osten seine Pforten. Zedern, Kiefern che dringen aus so manchem Helm.
und Eichengebüsch halten die H­ ügel, die Eine steile, eng verwinkelte Straßen­
daherkommen wie Walbuckel, stets grün führung saugt uns auf, wir folgen pflichtbe-
und bieten Wildschweinen, ­Kaninchen und wusst Wegweisern und knattern plötzlich
Vögeln Deckung. Wilde Blumen wachsen mitten durch den wöchentlichen Straßen-
zwischen Felsen und ­unter Bäumen. markt. Verboten scheint das nicht, der

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Europa TOURENFAHRER 77
­ erkehr wurde in unserer Richtung auf
V Promi-Quote mit der an der gut hundert
eine abschüssige Einbahnstraße reduziert. Kilometer entfernten Côte d’Azur durchaus
Rechts und links der Fahrbahn bauen vergleichbar.
­Stände, Menschen flanieren über den Die Felsenschlucht L’Aigue Brun trennt
­Asphalt, springen beinahe vors Vorderrad. auf dem Weg nach Lourmarin den gehyp-
Es riecht nach dem Parfum der Frauen ten Teil im Westen von dem weniger zu-
und der Erde frisch ausgegrabener Kar­ gänglichen Grand Lubéron, dem Großen
toffeln. Dorfbewohner beäugen uns, als Lubéron, im Osten. Dabei hat der Fluss ein
wären wir rare, rustikale Sehenswürdig­ ideales Motorrad-Terrain in die Tiefe ge-
keiten. Wir lassen die Motoren erlöschen, graben. Drehzahlen steigen, die Motor­
rollen im Schritttempo beinahe lautlos räder im Rückspiegel beginnen zu tanzen,
In Jons offener »Cuisine zwischen frischen Tomaten und feuerroten die Gruppe bekommt eine Choreografie.
Centr’Halles« gibt es Kirschen hindurch. Jeder wagt die Schräglage, die er mag und
Feinheiten aus der süd­ Hinauf zum versteckten Felsennest von kann. Ungewöhnlich tiefes Grün dominiert
franzö­sischen Küche. Lacoste, in dessen Burg einst der berüch- den Gebirgszug, den überall sprudelnden
tigte Schriftsteller Marquis de Sade lebte. Quellen und gluckernden Bächen sei Dank.
Die kleinen Orte und freien Landstriche Eine zum Ende hin ruppige Piste führt
betören immer wieder als schnickschnack- uns hinaus in die Talmulde von Gerbaud
freie Duftkurorte, in denen sich Rosmarin, und damit ins Nirwana einer Oase der
Thymian, Lavendel oder Salbei wild und Düfte. So mancher ist froh, endlich seinen
betörend für die Nase sonnen. Hier und da Seitenständer ausklappen zu können. Als
strahlen Mohnblumenfelder den blanken Paula vor Dekaden auf den Höhen des
Himmel an, hängen Kirschen in den Bäu- Lubéron weit außerhalb Lourmarins sie-
men. Seitdem sich Russell Crowe im Film delte, machte sie aus der Not des hiesigen
»Ein gutes Jahr« auf dem Château la Wassermangels eine Tugend. »Je trockener
Canorgue vom klotzigen Börsenmakler und heißer der Boden für Thymian und
zum vernarrten Winzer läuterte, können Rosmarin wird, desto intensivere ätheri-
sich rund um Bonnieux Haus- und Wein- sche Öle mit einer Explosion der Aromen
gutbesitzer kaum mehr vor unmoralischen geben die Kräuter ab.« Für die vier Hektar
Kaufangeboten verschließen. In Lourmarin Kräuterfelder der »Ferme de Gerbaud«, zu
lebte einst der Nobelpreisträger Albert denen mittlerweile auch Oregano, Bohnen-
­Camus im Schatten des Renaissance- kraut, Salbei und Lavendel gehören, reicht
Schlosses. Der Lubéron gilt als »21. Arron- der mehr als zweihundert Meter ins Erd­
dissement«, weil ganz Paris in den über­ innere gegrabene Brunnen nicht.
Gruppenbild mit sanierten Gassen in Vorzeigedörfern wie Paula führt uns durch ihren Schaugar-
Damen und Dekora- Lourmarin das wahre provenzalische ten mit kleinen Beispielparzellen und
tion durch Ansouis, Landleben sucht und auf Sterneköche grandiosem Panorama. »Ursprünglich war
eines der »Schönsten trifft. Überhaupt, so hört man hinter vor­ die Verwendung der Kräuter keine Frage
Dörfer Frankreichs«. gehaltener Hand, sei im Petit Lubéron die des guten Geschmacks, sondern wichtige,
gesundheitsrelevante oder verdauungs­
fördernde Notwendigkeit. Ähnlich dem
Salzen, Pökeln oder Räuchern in nördli-
chen Gefilden, zählte in Zeiten ohne Kühl-
und Eisschränke die antibakterielle, teil
antiseptische Wirkung beim Lagern und
Verarbeiten von Fleisch und Fisch.« Aus
der adretten Südfranzösin purzelt das Wis-
sen im Sekundentakt. Ȇbrigens, kennt
ihr den himmelweiten Unterschied zwi-
schen Lavendel und Lavandin?« Zeit zur
Abfahrt.
Cucuron, Ansouis, Vitrolles-en-Lubéron.
An Landsträßchen kuscheln sich ocker­
farbene Natursteingemäuer mit Narben im

78 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


220706115406DZ-01
Putz und gekrümmten Dächern. So man- die Gorges de la Nesque spektakulär in die
che Straße zieht sich wie ein Korkenzieher Tiefe schneiden. Auf der kahl geschorenen
durch das Gebirge, ist für Lastwagen bei- Gipfelhöhe des Mont Ventoux pfeift tat-
nahe zu schmal, für sportliche Autofahrer sächlich Sturm über eine Mondlandschaft,
zu kurvenreich, für uns einfach perfekt. die völlig unerwartet von Eisregen und
Am Steilhang liegende unbesiedelte Land- ­Gewitterblitzen eingedeckt wird. Spontan
schaften mit grauem Felsenstein und grü- bunkern wir uns ins Bergbistro »Vendran«
nem Eichengebüsch werden vom unge- unterhalb der Passhöhe ein. Stunde um
wöhnlich klaren Licht scharf herausgesto- Stunde vergeht, weiterfahren oder aushar-
chen. Céreste, Manosque, Vachères, Viens: ren? Anekdoten machen die Runde, wir Wer zum »Pavillon
Wenn Landschaften eine Delikatesse sein ­hocken an einer langen Tafel, essen, lachen, des Vins« in Château-
können, dann wohl diese Feinkost im freuen uns, eben nicht alleine hier zu sein. neuf-du-Pape wetter-
Lubéron. Das gemeinsame Abenteuer schweißt spä- bedingt zu spät kommt,
Wärme durchdringt die Motorradklei- testens zusammen, als der Blitz einschlägt, wird nur grob über die
dung. Sozias wechseln untereinander ihren das Licht ausgeht. Wie sollen wir es pünkt- Feinheiten des Weins
Chauffeur, Visiere bleiben offen, für die­ lich zur organisierten Schoko-­Wein-Degus­ aufgeklärt.
jenigen ohne Bluetooth-Kommunikation tation in der »Maison Bouachon« im welt-
reicht die Gemütlichkeit für ein kurzes berühmten Rebenmeer von Châteauneuf-
Schwätzchen während der Fahrt. Wir du-Pape schaffen?
schweben über Hügel, queren lauschige Da hilft kein Beten. Weder für die ge-
­Täler, fühlen uns alleine, ohne einsam zu plante Verköstigung noch anderntags im
sein. Im Wortsinn beschaulich ist Saignon, Verkehr von Avignon. Trotz aller Übung
dessen Dächer Lavendelfarben annehmen. in den letzten Tagen verlieren wir uns im
Buoux ist kaum groß genug, um als Dorf Durcheinander der Einbahnstraßen zwi-
bezeichnet zu werden. Zinnoberrot, safran- schen Papstpalast und Markthallen, tref-
gelb und ockerbraun leuchten die bizarren fen uns erst in Jons offener Küche, der
Felsformationen im wesentlich lebendige- »Cuisine Centr’Halles«, inmitten des
ren Roussillon, ehe in L’Isle-sur-la-Sorgue
der Verkehr kurzzeitig zum Erliegen
altehrwürdigen, überdachten Wochen-
markts wieder.
Wir queren
kommt. Zahlreiche Wasserarme durchzie- »Um in der Öffentlichkeit zu arbeiten, lauschige
hen das Zentrum des Antiquitätenhandels, braucht es schon eine gute Persönlichkeit.«
lassen die Einwohner vom »Klein-Venedig Künstlerisches Kochen gehört in der Pro- Täler, fühlen
der Provence« sprechen.
Zartes Abendlicht legt sich über eine
vence dazu wie tägliches Brot. Und so
kauft Jon auch täglich alle Zutaten von
uns alleine,
Auslage, die tagsüber dem umliegenden den Händlern in der Markthalle. »Ich bin ohne einsam
Land abgerungen wurde und teilweise wegen der verfügbaren regionalen Lebens-
­direkt aus den typisch weißen Kleintrans- mittel und ihrer Wertschätzung hier gelan- zu sein
portern angeboten wird. Chefköche und det. Es ist Freude, Spaß und meine Moti­
französische Hausfrauen gehen ihrer vation.« Alltag auf Sterne-Niveau. In den
­Arbeit auf dem nächtlichen Bauermarkt besten Häusern der USA, Deutschlands,
in Velleron nach, geben sich nicht damit Spaniens und rund um Avignon hat Jon
zufrieden, ein Erzeugnis anzuschauen, seine Messer gewetzt. »Was die provenza­
­bevor es gekauft wird. Sie prüfen, drücken lische Küche ausmacht, ist tatsächlich
Auberginen, beriechen Tomaten, knacken schwer zu sagen. Es existieren zwar klassi-
zwischen ihren Fingern Haricots Verts, sche Gerichte, vielleicht geht es aber eher
stochern argwöhnisch im feuchten grünen um die Art und Weise des Kochens.«
Herz von Salaten, kosten Käse und Oliven. Feinstes Gazpacho, bester Thunfisch
Die Höhepunkte haben wir uns fürs und ein Dessert aus Früchten, Ziegenkäse
­Finale der Reise aufgespart. Mit Gordes und Sahne landen auf unseren Tellern. Es
­erheben sich die ersten Hügel des maleri- ist, als ob wir Sonnenschein äßen. »Wer will
schen Vaucluse-Hochplateaus. Endlose Südfrankreich freiwillig verlassen, wenn er
Haarnadelkurven schrauben sich durch einmal hier angekommen ist?«, fragt uns
Kirschbaum-Haine und Kermeseichen- Jon zum Abschied. Der Lubéron ist mehr
Felder hinauf zum Col de Murs, ehe sich als Essen, er ist Feinkost mit Freunden.

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Europa TOURENFAHRER 79
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Feinkost für den Geist Mont Ventoux
Nach unseren Erfahrungen unterschei­ (1912 m)
FRANKREICH
FRANKRE
FR
det sich die Organisation einer größeren Lyon
Reisegruppe wesentlich von Touren mit
Châteauneuf- Carpentras Sault
Marr eille
Marseille
Familie, einzelnen Freunden oder im du-Pape Belvedere de
kleineren Kreis. Kompromisse waren Castellaras
bereits bei der Planung angesagt, woll­
Col de Murs
(627 m) (734 m) Va u c l u s e
ten wir möglichst allen, teils sehr ver­ Avignon Velleron
Gordes
Gorges de
la Nesque
Vachères

schiedenen Interessen nachkommen. A7


Roussillon Viens
Saignon
So haben wir die Reise unter das Thema L’Isle-sur-
»Delikatessen der Provence« gestellt la-Sorgue Buoux
A 51
und im Voraus jeden Fahrtag mit allen Saint-Rémy- Cavaillon
de-Provence
Manosque

n
Halteangeboten und speziellen Unter­ Lacoste Céreste

ille
Ménerbes Vitrolles-
themen geplant und besprochen. Jeder Val d’Enfer en-Lubéron

Alp
Maubec Länge:
Bonnieux
konnte, niemand musste sich täglich Les Baux- Oppède-
Château T
Tour 1 ca. 140 km
de-Provence le-Vieux Ansouis
­anschließen. Im Angebot waren: die la Canorgue
Maussane-les-Alpilles T
Tour 2 ca. 250 km
­A lpillen / die Dörfer des Lubéron / die Lourmarin Cucuron T
Tour 3 ca. 240 km
Gorges de L’Aigue Brun /
(landschaftlichen) »Höhepunkte« der Camargue Salon-de-Provence La Ferme de Gerbaud 20 km
Provence. Eine zusätzlich geplante Tour
zu den Gorges du Verdon für die Kilo­
Nächtlicher Bauernmarkt von Velleron finden sich im größeren Umfeld – Infos
meterfresser ist dabei leider schlech­
(sommertags Montag bis Samstag, unter www.tourenfahrer-hotels.de.
tem Wetter zum Opfer gefallen. Fein­
ca. 18–20 Uhr), http://provence-guide. Für unsere eher große Gruppe haben
heiten und Feinkost verschiedener
net/marches wir uns das alte Bauernhaus »Les Mas
­Couleur haben das Motorradfahren mit
Weitere Infos gibt es bei ADT Vaucluse des Oliviers« am Rande von Cavaillon
Nahrung für den Geist und den Bauch
Tourisme in Avignon, www.provence- gemietet, das sich als idealer und be­
abgerundet. Bei allen Empfehlungen,
tourismus.de zahlbarer Ausgangspunkt erwies und
mit Ausnahme des Papstpalastes und
aus unserer Sicht sehr empfehlenswert
des Bauernmarktes, bitte vorab einen
Termin bzw. eine Führung vereinbaren:
Anreise & Reisedauer ist. Madame Guerrault spricht Englisch
Uns gelang die schnelle Anreise als und Französisch, http://masduluberon.
»Savonnerie Marius Fabre« in Salon-­
Selbstfahrer, mit Pkw samt Anhänger free.fr/
de-Provence, www.marius-fabre.com
bzw. Miettransporter über Montélimar
»La Ferme de Gerbaud« in Lourmarin,
an der Autoroute du Soleil, A 7, E 15– Literatur / Karten
www.plantes-aromatiques-provence. Ralf Nestmeyer: Reiseführer Provence
E 714, Ausfahrt 24, Avignon Sud; von
com & Côte d‘Azur, Michael Müller Verlag,
dort weiter über die D 900. Vor Ort waren
»Le Pavillon Bouachon« / »Le Pavillon 11. Auflage (2018), ISBN: 978-3-95654-
wir eine knappe Woche unterwegs.
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www.pavillondesvins.com
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Avignon, www.palais-des-papes.com 332: Provence / Vaucluse, 12. Auflage
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Kochschule »Cuisine Centr’Halles« in (2016), ISBN: 978-2-06-721053-0,
Route (www.le-glacier.com), weitere
Avignon, www.jonathanchiri.com 334: Französische Alpen Süd, 15. Auf­
lage (2016), ISBN: 978-2-06-721056-1,
340: Provence / Côte d’Azur, 13. Auflage
(2016), ISBN: 978-2-06-721068-4.
Motorrad-Atlas Alpenländer, M.:
1:275.000, Hallwag Kümmerly+Frey, 2.
Auflage (2013), ISBN: 978-3-8283-0790-
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Sonstige Infos
www.france.fr
www.provence-tourismus.de

Einstiges Geisterdorf:
»Le Petit Café« von Oppède-le-
Vieux bietet mit seiner Terrasse
beste Freiluft-Verführung.

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Motorrad-Traumziele Europa
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06.07.2022 81
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(K)ein Gang
 nach Canossa

Verlockend: Schon die


Anfahrt nach Riomaggiore,
dem südlichsten der
Cinque Terre, lässt nur
­Gutes erahnen.

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Der Name Canossa wird gemeinhin mit dem Geschichte
gewordenen Bußgang assoziiert – und die Anfahrt dorthin durch
die Po-Ebene vielleicht ebenso. Doch schon weit vor der berühmten
Burg am Fuße der Apenninen kann eine Italienreise in
pure Freude umschlagen, wie Uwe Krauß
(Text & Fotos) erfahren hat.

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 amEuropa TOURENFAHRER
06.07.2022 83
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Hoher Hügel: Der letzte
Eindringliche Einsamkeit – kein Mensch Kilometer vor Canossa will

ist zu sehen, ab und zu taucht ein Dorf auf in einem heftigen Anstieg
überwunden werden.

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Motorrad-Traumziele
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Am Fuße des Col du Mont Cenis liegt
Die Grenze liegt oben am Pass, aber richtig die Stadt Susa – zum typisch italienischen

in Italien angekommen ist man erst in Susa Flair gehören natürlich auch halbstarke
­Rollerfahrer (links).

Edle Tropfen: Diese Weinhandlung in


­Rio­maggiore bietet lokale Erzeugnisse feil.

Küstenparadies: Blick von der SP 370 auf


­Corniglia, das mittlere der fünf Terre.

Fastfood auf Italienisch: frittierte Meeresfrüchte


in Riomaggiore – lecker, satt für 5 Euro.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de TOURENFAHRER 87


bekannten Brotaufstrich und die Trauben
für den Spumante. Zum Übernachten
­haben wir uns Asti ausgesucht. Die Stadt
lockt nicht nur mit dem bekannten Namen,
sondern beglückt uns noch dazu mit einer
heimeligen Altstadt – der perfekte Flecken,
um die Ankunft in Italien gebührend zu
feiern. Während gerade nördlich der Alpen
im Oktober nicht mehr daran zu denken
ist, sitzen wir zwischen alten Mauern und
frischem Grün und gönnen uns den ersten
prickelnden Aperitivo, genau wie fast
alle Italiener um uns herum. Dass es aus­
schließlich diese sind und wir scheinbar
die einzigen ausländischen Touristen, ver­
stärkt noch das Gefühl, im Süden ange­
kommen zu sein.
Wir sind nach wie vor von West nach

D
Ost unterwegs. Dem König wurde diese
Unsere Buße in ie Männer […] krochen bald unübliche Route aufgezwungen, weil ihm
­ anossa ist eher
C auf Händen und Füßen, bald die einfacheren Alpenübergänge von
­symbolischer Natur: stützten sie sich auf die Schul­ ­seinen Gegnern versperrt worden waren.
einsdreißig für tern ihrer Führer; wenn ihr Fuß Meist bewegt man sich in dieser Welt­
den Cappuccino. auf dem glatten Boden ausrutschte, stürz­ gegend in Nord-Süd-Richtung. Der unkon­
ten sie mitunter auch und rutschten weiter ventionelle Weg bringt es mit sich, dass
hinab. Mit Mühe erreichten sie doch end­ wir an sonst links liegen gelassenen Fle­
lich unter großer Lebensgefahr die Ebene. cken landen. Mit der Grenze vom Piemont
Die Führer, die dem Zug vorausgingen, zur Lombardei erreichen wir das hügelige,
­zogen die Königin und die anderen Frauen in den Ausläufern der Apenninen ver­
ihres Gefolges auf Rinderfellen, auf die steckte Weinanbaugebiet Oltrepò Pavese.
man sie gesetzt hatte.« Die Landschaft erinnert an die viel be­
Ganz so märtyrerhaft, wie der Ge­ kanntere Toskana. Weingüter bieten Ver­
schichtsschreiber Lampert von Hersfeld kostungen an. Allenthalben der Geruch
Der Pass zieht die Reise König Heinrichs IV. zum Jahres­ von vergorenen Trauben in der Nase, wird
anfang 1077 beschrieben hat, sind wir nicht die Fahrt zum rauschhaften Erlebnis.
und windet sich
unterwegs. Auch unser Gefolge ist wesent­ Südlich von Parma: Wir sind immer
in einer nicht lich potenter. Die 160 Pferde der KTM neh­ noch am Nordrand der Apenninen, aber
e­ nden wollenden men die oben beschriebene Hürde des Col die Landschaft hat sich komplett verändert.
du Mont Cenis im Galopp. Und anders als Erodiertes Tuffgestein, vertrocknetes Gras
Kurvenorgie für den König und seine Leute ist für uns – die Natur ist hier weniger verschwende­
vor allem die Abfahrt, die gut 1500 Höhen­ risch als in den schicken Weinbauhügeln.
meter hinunter nach Susa, ein großer Spaß. Dafür sind wir ganz nah an Heinrichs his­
Was man vom Ende des Ripana-Tales torischem Ziel. Eher aus Versehen nehmen
nicht behaupten kann. Es ist gleichbedeu­ wir die Strecke von Montecavolo nach
tend mit der Ankunft in der Po-Ebene – ­Bedogno. Sie verhilft uns zur Flucht aus
oder noch schlimmer: dem Großraum der Ebene. Und wie! Einspurig, steil, mit
­Turin. Vor gut tausend Jahren mag sich Haarnadelkurven, bei denen der Radius
Heinrichs Truppe über die ab jetzt weniger getroffen werden muss, will man nicht
beschwerliche Weiterreise gefreut haben, zweimal ansetzen. Der Asphalt ist von
uns hilft nur die Autostrada um die Groß­ ­Rissen und Verwerfungen geplagt. Jeder
stadt herum. Eine halbe Stunde forschen Millimeter Federweg der Adventure be­
Galopps später wird Italien zwischen den kommt seine Berechtigung.
Hügeln des Monferrato wieder sehenswert. Nach der geschäftigen Po-Ebene er­
Von hier kommen die Haselnüsse für den scheint die Einsamkeit in der spärlich be­

88 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
waldeten Hügel-Landschaft umso ein­ tur steigt dabei von 16 auf 27 Grad, ähn­
dringlicher. Ab und zu taucht ein Dorf auf, lich ist das Verhältnis beim Verkehrsauf­
kein Mensch ist zu sehen. Nur kurz vor kommen. Um Aulla wird es richtig voll,
Canossa, da, wo es besonders steil wird, ­alles zwängt sich jetzt durch dieses Tal.
überholen wir zwei italienische Rennradler. Auf der Suche nach einer Alternative
Der Schweiß rinnt ihnen nur so herunter. ­Richtung Cinque Terre gelangen wir ins
Ob sie etwas Schlimmes verbrochen ha­ Durasca-Tal. Und siehe da, plötzlich wird
ben, dass sie in der gnaden- und schatten­ es so einsam, dass wir uns schon fragen,
losen Hitze an diesem Mörderanstieg kurz ob wir nicht in einer Sackgasse gelandet
vor Canossa quasi freiwillig Buße tun? sind. Mitnichten. Unvermittelt geht es über
Wir jedenfalls beackern die letzte Kurven, eine letzte Kuppe und es wird dieser un­
bis es noch einmal um die Ecke geht. Nach glaubliche Blick über den Golf von La Spe­
all den Hinweisschildern und dem großen zia frei. Tief drunten tobt das Gewimmel
­Namen wird die Burg Canossa – sie ist nur der geschäftigen Hafenstadt. Wir dürfen
noch eine Ruine – in ihrer Unscheinbarkeit hier oben den Atem anhalten. Und sind
zur Enttäuschung. Still ist es hier oben. froh, das Chaos einer italienischen Groß­
Dafür ist die Aussicht weit über das Hügel­ stadt auf diesem Weg vermeintlich um­
land von der Po-Ebene bis zum Apenni­ gangen zu haben.
nenkamm grandios. Schwer zu sagen, ob Die Via Aurelia, die einstige Römer­
Heinrich das seinerzeit auch zu schätzen straße vom heutigen Frankreich nach Rom,
wusste, als er hier – glaubt man der päpst­ erklimmt hier den Passo di Foce, wir müs­
lichen Propaganda – drei Tage lang barfuß sen eigentlich gerade hinüber und auf der
büßte, um zu Papst Gregor VII. vorgelas­ anderen Seite einen Berghang hinauf. Die
sen zu werden. dünnen weißen Linien auf der Karte ver­
Wir dürfen sofort weiter, die nahe ligu­ anstalten ein ziemlich verwirrendes Ge­
rische Küste lockt. Dazwischen haben die schlängel. So frage ich sicherheitshalber
erdinneren Kräfte allerdings den gewalti­ ­einen der älteren Herren, die hier vor der
gen Riegel der Apenninen aufgeschüttet. Bar mit der grandiosen Aussicht sitzen, ob
Der Passo del Cerreto soll uns da rüber­ dies der richtige Weg sei. Sehr italienisch,
bringen – ein Erlebnis. Und ein Übergang also mit großen Gesten, gibt er mir zu ver­
so ganz anders, als man es aus den Alpen stehen, dass dieser Weg sehr kurvig sei Entspannte Polizia:
gewohnt ist. Dort klettern die Pässe einen und ewig lang dauern würde. Alles verste­ Die Staatsgewalt hat
Berg hinauf und drüben schnurstracks wie­ hen wir natürlich nicht, aber der Tenor ist ganz offensichtlich
der hinunter. Fertig. Der Cerreto zieht und eindeutig: Seinen Ausführungen nach auch Spaß an einer
windet sich in einer nicht enden wollenden scheint das Ganze einer Himalaja-Über­ gerade stattfindenden
Kurvenorgie, lässt ein paar Ortschaften querung gleichzukommen. Da in einer Oldtimer-Rallye in
wie das trutzig-finstere Castelnovo ne’ Stunde die Sonne untergeht, lassen wir uns Cremona.
Monti am Weg liegen, bis man schließlich
irgendwann von baumlosen Hängen des
Hauptkammes umgeben ist. Stolz kommen
wir nach der ausdauernden Kurvenarbeit
oben an – und sind beim Blick auf die Hö­
henangabe des Passschildes erst mal ent­
täuscht: 1261 Meter. Angefühlt hat es sich
wie doppelt so viel. Als Belohnung gibt es
immerhin Pasta mit frischen Steinpilzen
und den Blick auf die herbstvergoldeten
Berge. Für die per Plakat angepriesene, am
Wochenende stattfindende Meisterschaft
im Steinpilzsuchen reicht uns leider die
Zeit nicht. Wir wollen ans Meer.
Unsere Ungeduld wird nicht überstrapa­
ziert, drüben herunter sind es nur gut fünf­
zig Kilometer bis La Spezia. Die Tempera­

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 Europa TOURENFAHRER
über http://www.united-kiosk.de 89
die Orientierung selbst mit wendigen Italo-
Rollern schwierig geworden. Wege enden
meist an steilen Treppen, die schon zu Fuß
eine kleine Herausforderung werden kön­
nen. Die gipfelt aber grundsätzlich immer
in einer entsprechenden Belohnung, sprich:
Aussicht.
Der winzige Hafen mit den sich an die
Felsen klammernden mehrstöckigen Häu­
sern ist im Licht des Sonnenuntergangs an
kitschiger Postkarten-Tauglichkeit kaum
zu überbieten. Das wissen die Besitzer der
­kuscheligen Restaurants genau, was sich
wiederum in den Preisen niederschlägt.
Natürlich können auch wir der Verlockung
der in die Bucht plätschernden Wellen vor
orangem Himmel bei Kerzenschein nicht
widerstehen.
Das Privileg des lauschigen Abends
Auf dem Passo del einschüchtern und nehmen den Weg über ­lernen wir anderntags erst so richtig zu
­ erreto (1261 Meter)
C La Spezia. Der ist dann auch viel weniger schätzen. Da kommen wir nach einer wun­
zwischen der Toskana kompliziert als vermutet und obendrein derbaren Wanderung am frühen Nachmit­
und der Emilia auch noch mit genug Kurven gespickt. tag im Ort an – ein Schock. Die Gassen
­Romana geht es über Das Beste hebt sich die Strecke bis zum sind um diese Uhrzeit von Tagestouristen,
den kahlen Apenninen- Schluss auf. Von dieser Seite muss man die per Bus, Bahn oder Schiff in die Orte
Hauptkamm. durch einen kurzen Tunnel, um zu den einfallen, heillos überlaufen. Unser Flucht­
Cinque Terre zu gelangen. Das finstere fahrzeug hilft aus der Not und bringt uns
Loch hat mit ein paar Hundert Metern ge­ über die grandios-wilde Küstenstraße in
nau die richtige Länge, um dramaturgisch die Nachbarorte. Wo es genauso zugeht.
wertvoll die Spannung auf das Kommende Geschenkt. Wie auch wir will ein jeder
zu erhöhen. Und vor allem: Es enttäuscht einmal diese atemberaubend schön gelege­
nicht! Der abrupte Wechsel von Halbdun­ nen Flecken gesehen haben. Vernazza mit
kel zu Traumblick ist gewaltig. Das Loch seiner Burg und den herrlichen Aussichten
»Molto bello! öffnet sich an einem Berghang. Von hoch auf den Ort erscheint dabei besonders pit­
droben verliert sich dieser Blick in der toresk. Das war Touristenprogramm.
Big climb!«
schieren Unendlichkeit des Mittelmeeres, Als wir zurück zu unserem Motorrad
Die Augen der links und rechts kann er sich an der Steil­ kommen, soll sich dann aber eine herrlich
R
­ ennradler küste entlang festhalten. italienische Szene abspielen. Die Ausgangs­
Fahren kann man nur nach rechts, dort lage: Das Ende der Sackgasse, von der es
l­ euchten. Und beginnt eine der spannendsten Küstenstra­ nur noch für einheimische Fahrzeuge wei­
­unsere auch ßen des Mittelmeeres. Sie verläuft meist tergeht, ist als Wendeschleife angelegt. Es
in der Höhe, begleitet von terrassierten herrscht Parkverbot, aber überall am Rand
Weinhängen. Drunten sind gar malerisch sind Motorräder abgestellt. Auch unseres.
die Cinque Terre, die fünf Dörfer, in enge Eine Gruppe Italo-Biker steht heftig gesti­
Buchten oder auf Felsvorsprüngen über kulierend in der Mitte, ein Polizist hat
dem Meer drapiert. Wir bleiben gleich im ­einen Zettelblock in der Hand. Entgegen
ersten der fünf, in Riomaggiore, hängen. des ersten Erschreckens ist er für die Zwei­
Das Glück verhilft uns zu einem der weni­ räder harmlos, Knöllchen werden nur an
gen Hotels, die einen eigenen Parkplatz die regelwidrig abgestellten Autos verteilt.
­haben. Von der Terrasse reicht die Sicht Der Grund für den Auflauf wird schnell
über die Dächer des Dorfes nach vorn zur offenbar. In seiner Mitte hockt ein verzwei­
Bucht – ein Mittelmeertraum. Unten, in felt dreinblickender Franzose auf einem
den engen Gassen mit den bunten Häus­ Triumph-Gespann, auf dem Rücksitz eine
chen, die sich zum Meer hin öffnen, wäre sehr französische Dame, im Beiwagen ein

90 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Zwergterrier mit Schleifchen um den Hals das ganze Lokal ist für eine Familienfeier
– kurzum: ein Bild zum Niederknien. Da ausgebucht. Aber ein paar Kilometer wei­
die Kommunikation mit den nur Italienisch ter, in Borgo, da sollten wir was finden,
sprechenden Einheimischen schwierig zu muntert uns die Kellnerin auf. So soll es
sein scheint, klagt mir der Franzose auf kommen. Borgo Val di Taro feiert Kasta­
Englisch sein Leid: Die vielen Kurven und nienfest, an Speis und Trank besteht wirk­
das ständige Auf und Ab haben seine Ben­ lich kein Mangel. Wir entscheiden uns für
zin-Reserve nahezu komplett aufgebraucht. auf dem Rost gegrillte Polenta und eine
Der Polizist erklärt den Weg zur nächsten Art Hacksteak. Zusammen mit den Italie­
Tanke nach Riomaggiore, circa 17 Kilo­ nern sitzen wir an der Biertisch-Garnitur –
meter. Die Mimik des Franzosen sagt alles: quasi Oktoberfest auf Italienisch, aller­
keine Chance. Vorne am Hafen gebe es dings preislich günstiger.
vielleicht Benzin für die Boote, bringt der Aber nicht exklusiv. Noch stellen die
Cop neue Hoffnung ins Spiel. Da wir den Apenninen ein paar Bergrücken in den
Weg gerade hinter uns haben und die Weg, auf dem letzten davon in Bore tobt
knapp anderthalb Kilometer bei 28 Grad in das nächste Festa delle Castagne. Die halbe
Motorradkleidung nicht keine uneinge­ Po-Ebene scheint hier heraufgekommen zu
schränkte Freude bereiten, frage ich den sein, unser Weg mutiert vom absolut ein­
Ordnungshüter, ob er vielleicht ein Auge samen Bergsträßchen zum Picknick- und
zudrücken könne und ich schnell mit dem Rummelplatz. Wir sind noch satt, können
Franzosen auf dem Sozius Benzin holen aber wenig später trotzdem nicht widerste­
dürfe. Leider ist der Polizist zu jung, hat hen. Vernasca liegt zu schön wie ein Bal­
wohl zu viele Vorgesetzte, mit denen es kon über dem Arda-Tal und der sich andeu­
Ärger geben könnte, und schüttelt daher tenden Po-Ebene. Vielleicht wäre uns das
den Kopf. Seine Jugend bewahrt ihn aber auf der etwas abseits des feinen Ausblicks
nicht davor, sich Gedanken zu machen. vorbeiführenden Straße entgangen, hätten
»Wartet bitte«, ruft er den Franzosen zu, da nicht gut Hundert Motorräder den be­
schwingt sich auf seinen Roller und küm­ schaulichen Ort in ein buntes Treiben ver­
mert sich persönlich um den Benzin-Nach­ wandelt. Die Fahrer wissen natürlich mehr,
schub. nutzen den lauschigen Sonntagnachmittag
Anderntags verabschieden wir uns von für einen ausgiebigen Aufenthalt im Café
der Traumküste mit einem finalen Ritt die des Ortes. Wie könnten wir anders, als es Kastanien-Röst­
grandiose Strada Provinciale 370 entlang. ihnen gleichzutun. maschine und Schub-
Bei einem Abzweig bin ich mir nicht ganz Irgendwann wird der Aufbruch aus den karrengrill werden
sicher und schaue etwas länger auf die Bergen Richtung Tiefland unvermeidlich. auf dem Kastanien­fest
Karte. Schon stehen zwei Rennradler neben Diesmal nehmen wir die Herausforderung von Bore von Fach-
mir. Natürlich wäre es jetzt geradezu un­ der Ebene an, übernachten sogar mitten­ kräften bedient.
höflich, sich nicht helfen zu lassen. So lasse
ich mir mit vielen Gesten den Weg nach
Varese Ligure erklären und bekomme
gleich noch eine Portion Vorfreude um­
sonst dazu: »Si si, Varese. Molto bello! Big
climb!« Ihre Augen leuchten. Unsere auch.
Der »Big climb« entpuppt sich als enge,
quasi fahrzeugfreie Passstraße über den
Apenninen-Hauptkamm – kein Wunder,
dass die Strecke bei Rennradlern beliebt
ist. Oben gibt es außer verlassenen Forstge­
bäuden nicht viel. Unsere Mägen knurren.
Deshalb steuern wir unten die erste Gele­
genheit zur Nahrungsaufnahme an. Das
kleine Restaurant hätte genau das richtige
rustikale Flair, um positiv zu überraschen.
Leider nicht uns. Es ist Sonntagmittag und

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Europa TOURENFAHRER 91
Risse im Asphalt drin – in Cremona. Statikern mag die Stadt e­ inen Abend in einer der Bars auf der hin­
und der Landschaft etwas sagen, weil nach ihr eine Berech­ reißend schönen Piazza vor dem Dom
symbolisieren die nungsmethode benannt wurde, auch Musi­ ­verbringen. Wenn die Fassade in warmes
karg-heiße Gegend kern wird sie in den Ohren klingen – in Licht getaucht ist, die Kinder davor Fuß­
um Canossa nur neunzig Werkstätten werden hier Geigen ball spielen und zu jedem Glas Wein kos­
­allzu gut. gebaut. Stradivari ist der berühmteste Sohn tenlos und selbstverständlich ein Teller mit
der Stadt. Für alle anderen: Wer die Finesse Pizzastückchen, Oliven, Käse und Gebäck
einer gewachsenen, architektonisch zur gereicht wird, dann hängt der italienische
Hochform auflaufenden Altstadt, wer ita­ Himmel voller Geigen, dann wird auch der
lienisches Großstadt-Flair ganz ohne Tou­ Letzte zum Fan des Landes. Nur mit Buße
risten-Hype erleben möchte, der sollte hat das gar nichts mehr zu tun.
www.bit.ly/tftourdb
50 km

Piemont
A1
Col du Mont Cenis
(2081 m)

Monferrato Pavia Cremona


Susa Ripana-
Turin
A 21
T
al
Asti
A 26
pò Lombardei
tre
Ol
se Arda-Tal Parma
ve
Pa Vernasca
Reggio
Canelli
A7 Bore Emilia

A6 Ligurien Canossa

Castelnovo
Montecavolo
Borgo Val di Taro ne’ Monti
Varese Ligure Passo del Cerreto
(1261 m) Bedogno
Mailand A 10 Genua Colle del Telegrafo
Aulla
Levanto
Durasca-Tal
Monterosso al Mare
ITALIEN Vernazza La Spezia
Cinque Terre Corniglia Portovenere
Manarola Riomaggiore

TOURENFAHRER
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am 06.07.2022 Europa
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Canossa – die Reise davon bei Turin im Weg liegt. Die letzte
Ligurien und speziell das traumhaft Hürde vor dem Mittelmeer, die Apenni-
schöne Kleinod der Cinque Terre, der nen, wird leicht unterschätzt. Meist
malerischen fünf Dörfer zwischen Meer handelt es sich um ein schier unendli-
und mit Wein bepflanzten Steilhängen, ches Kurvengeschlängel, das reichlich
ist ein relativ nahes, mediterranes Zeit und etwas Kondition erfordert.
Traumziel – wäre dazwischen nicht die Die touristische Infrastruktur ist viel
breiige, sich ewig dahinziehende Po- dünner als in den Alpen, man sollte
Ebene. Bei einem Blick auf die Karte nicht in jeder Ortschaft die volle Palette
nach der ersten lohnenswerten Desti- an ­Versorgungsmöglichkeiten erwarten.
nation auf der Südseite des Flachlandes Anders sieht es an der Küste aus. Die
fiel ein Name ins Auge: Canossa. Wer Cinque Terre sowie die ligurische Küste
hat ihn nicht schon gehört und kennt westlich davon sind (zu Recht) eines der
nicht die Redensart »Nach Canossa beliebtesten Reiseziele Italiens.
­gehen« bzw. »Gang nach Canossa«?
Dahinter steht ein bekanntes histori-
Sehenswertes
Bei der beschriebenen Anreise ist der »All-inclusive« mal anders: Auf der
sches Ereignis, eine tiefgreifende Aus-
Col du Mont Cenis mit dem türkisfarbe- ­Piazza in Cremona gibt es zur Getränke-
einandersetzung zweier universaler
nen Stausee auf der Passhöhe ein geo- bestellung quasi eine kostenlose Mahlzeit
Mächte:
grafisches Highlight (mit 2081 Metern dazu – wer kann da noch widerstehen?
Der römisch-deutsche König Heinrich
auch im wahrsten Sinne des Wortes)
IV. (1050–1106) hatte sich mit Papst
­Gregor VII. (ca. 1020/25–1085) gründlich
und sicher eine der schönsten Eintritts- Unterkünfte
pforten nach Italien. Unten lohnt ein Das nächstgelegene TF-Partnerhaus ist
überworfen und befand sich deshalb im
Halt in Susa, um sich in der Altstadt zu- das B&B »Moto Pareto« zwischen Asti
Kirchenbann. Gleichzeitig hatte sich der
mindest das erste Eis oder den ersten und Genuan (www.motopareto.com).
König einer Adelsopposition zu erweh-
Espresso zu gönnen. Die Weingegend Der Autor empfiehlt zudem das Relais
ren. Um die gefährliche Vereinigung sei-
des Monferrato um Alba und Asti ist Montemarino in Borgomale (www.
ner Gegner zu verhindern – Gregor war
­einen mehrtägigen Aufenthalt wert. relaismontemarino.it) und die »Cinque-
schon unterwegs nach Augsburg –, zog
­Besonders sehenswert: die kilometer- terre Residence« in Riomaggiore mit
Heinrich im Dezember 1076 nach Italien
langen unterirdischen Keller von Canelli, ­eigener Unterstellmöglichkeit (www.
dem Papst entgegen. Dieser brachte
in denen der Spumante gelagert wird. cinqueterreresidence.it). Die Besitzer
sich auf der Burg Canossa in Sicherheit,
Die Burgruine von Canossa ist weniger haben auch noch eine extravagante
wohin sich Heinrich nun wandte. Nach
beeindruckend, als der Name vermuten ­Dependance in den Klippen direkt über
intensiven Verhandlungen soll der König
lässt; die Kargheit der Gegend bleibt im dem Meer. Ansonsten ist die Auswahl
im eiskalten Januar drei Tage lang bar-
Gedächtnis. an Unterkünften in den fünf Dörfern in
fuß im Büßerhemd vor der Burg zuge-
UNESCO-Weltkulturerbe Cinque Monterosso am größten. Der nächste
bracht haben, bis Gregor ihn vom Bann
­Terre – jedes der fünf Dörfer hat seinen Campingplatz liegt in Levanto. In Cremo-
löste. So zumindest lautet die päpstli-
eigenen Charakter: Riomaggiore kann na gefiel dem Autor das »Hotel Duomo«
che Darstellung der Ereignisse, die
ein wenig finster wirken, dafür findet (www.hotelduomocremona.com).
­sicher übertrieben ist, da Heinrich ver-
man ein paar Unterkünfte, in denen man
mutlich erfroren wäre, wenn man die
Behauptung wörtlich nimmt. Eine zeit-
das Motorrad parken kann. Manarola ist Literatur / Karten
das kuscheligste Dorf der fünf, Boote Reisebericht von einem, der es Heinrich
genössische prokönigliche Version der
ankern in einer Bucht, wo man an den tausend Jahre später nachmachte – zu
Episode ist nicht bekannt und so gibt
Klippen baden kann. Corniglia liegt im Fuß – und dann locker und gut darüber
der genaue Verlauf der Nachwelt einige
Gegensatz zu den anderen Dörfern auf schrieb: Dennis Gastmann: Gang nach
Rätsel auf. Der päpstlichen Fassung
einem Hügel, hier geht es am ruhigsten Canossa, Rowohlt Taschenbuch, 1. Auf-
­folgend, versteht man unter dem Gang
zu. Vernazza hat das hübscheste Orts- lage (2013), ISBN: 978-3-499-62991-4,
nach Canossa heute einen Bittgang
bild mit seiner Piazza am Meer und den 9,99 Euro
bzw. eine reumütige Haltung.
bunten Häusern. Es gibt ein paar Res- Der das gesamte bereiste Gebiet abde-
Eines steht jedenfalls fest: Da ihm
taurants mit herrlicher Aussichtslage. ckende, geografisch perfekt passende
seine Gegner den Weg versperrten,
Monterosso bietet die meisten Unter- Reiseführer: Eberhard Fohrer: Oberitali-
konnte Heinrich mit seinem Heer nicht
künfte und den einzigen Sandstrand als en, Michael Müller Verlag, 9. Auflage
den kürzesten Weg von Norden durch
Trumpf. Tipp: Der berühmte Küstenwan- (2017), ISBN: 978-3-95654-465-1, 26,90
die Po-Ebene nehmen, sondern musste
derweg zwischen den Dörfern ist nach Euro
über die französischen Alpen über
Erdrutschen der vergangenen Jahre an Marco Polo Karten im Maßstab
den Mont Cenis ziehen. Gar keine so
mehreren Stellen gesperrt. Eine beson- 1:200.000, Blatt 5: Ligurien, ISBN: 978-
schlechte Idee, wie wir fanden. Neben
ders schöne Alternative ist die Wande- 3-8297-3977-1 und Blatt 6: Emilia Roma-
dem alpinen Hochgenuss wird die lang-
rung vom Colle del Telegrafo (kurze gna, ISBN: 978-3-8297-3978-8, MairDu-
weilige Po-Ebene mehr oder weniger
Busfahrt von Riomaggiore) hinunter Mont, jeweils 6. Auflage (2019), je 9,99
umfahren, sodass nur ein kurzes Stück
nach Riomaggiore oder Portovenere. Euro

220706115406DZ-01 Motorrad-Traumziele Europa TOURENFAHRER


am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de 93
ÜBER ALLE
Klein, aber spektakulär: Im Windschatten der touristischen Adria-Küste
birgt Montenegro einen erstaunlichen Rest südeuropäischer Ursprünglich­keit.
Ein guter Grund für Guido Bergmann (Text & Fotos), sich diesen Teil
des Balkans noch einmal von Nahem anzusehen.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


BERGE

Motorrad-Traumziele
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Ein Hoch auf die Berge: Innerhalb von
zehn Kilometern sind Hitze, Trubel und
­Sonnenschirm-tourismus vergessen

Flugzeugperspektive:
Nach ein paar Serpentinen ist die
Bucht von Kotor nur noch ein
Teil des Panoramas.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


Motorrad-Traumziele
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K
roatien brennt. Als wären 40 Grad biegen und im Stau stehen. Ein Grenzüber-
im Schatten nicht heiß genug, walzen gang, der selbst verbiesterte EU-Gegner
Buschbrände über die Karstland- kurieren dürfte. Nur sieben Autos zwi-
schaft, die mulmige Erinnerungen an schen uns und dem Schlagbaum. Aber kein
die Fernsehbilder aus Portugal wecken. Schatten, keine Bewegung. Logisch: Der
Verkohlte Autos, die vom Fluchtfahrzeug einzige Uniformträger, der sich ab und an
zur Todesfalle wurden. Trotzdem halte ich aus dem klimatisierten Container traut, wi-
an und schaue fasziniert in die Flammen, ckelt g­ emütlich den Ausreiseverkehr ge-
die in Säulen aus der Macchia schießen. genüber ab. Und der ist üppig. Kurz bevor
»Du willst doch jetzt wohl kein Bild ma- wir ihr mit Hitzschlag vor die Füße fallen,
chen«, schimpft Sandra gerade, als auch hat die Bürokratie ein Einsehen und lässt
schon ein Löschfahrzeug neben uns stoppt. uns ­einreisen.
Zurück zur Natur: »Haut besser ab hier!«, ruft ein gestresster Herzeg Novi wirkt nicht gerade wie das
Auf der Nebenstrecke Feuerwehrmann. Na gut. Es lässt sich Tor zum Paradies. Proppenvoll, heiß und
nördlich der Tara nicht leugnen. Manchmal hat die Frau ein bisschen schmuddelig schürt es unseren
wächst der Pausen­ eben doch recht. Flucht­instinkt und erinnert daran, wozu
snack am Wegesrand. Wir sind schließlich keine Katastro- wir hergekommen sind: für eine große
phentouristen. Wir möchten heute nur ganz Runde durch die gar nicht so schwarzen
entspannt südwärts durch unser geliebtes Berge. Fast wie früher bei Sahara-Reisen
Win­ne­touland gondeln und einen schönen haben wir zu Hause Karten gewälzt und
Platz finden, um das Zelt aufzuschlagen auf Satellitenbilder geguckt, ob alle Wege
und ein Willkommens-Pivo zu trinken. fahrbar aussehen. Und auch, wenn die
Der Perucko- ­Davon haben wir reichlich. Denn obwohl ­Ansichten in diesem Punkt wie üb­lich
See ist der wir uns im letzten Ort noch hartnäckig ge- leicht auseinander gingen: Es sieht gut aus.
perfekte Platz, weigert haben, beim sonntagabendlichen Vor allem, weil uns die Straße schon mit
Sliwo­witz-Gelage mitzumachen, ließ sich wenigen Serpentinen in eine bessere Welt
um das Zelt einer der Torkelnden nicht davon abbrin- kata­pultiert. So schön die Bucht von Kotor
aufzuschlagen gen, uns im Laden ein paar Flaschen ist. Der einzige Fjord des Mittelmeers,
­Ožujsko zu kaufen. Die jetzt, zahllose Unesco-Welt­erbe und James-Bond-Drehort
und den Schweiss ­Umarmungen später, die letzten freien wirkt einfach noch idyllischer, wenn man
von der Haut Winkel unseres Gepäcks verstopfen. Wie ihn von einer sanften Brise umweht in Ruhe
könnten wir dieses Land nicht lieben? aus der Vogelperspektive betrachten kann.
zu baden Aber wo zelten, wenn die Landschaft Innerhalb von zehn Kilometern sind
trocken ist wie ein Grillanzünder? Nach- Hitze, Trubel und Sonnenschirm-Tourismus
dem anfänglich noch Minen-Warnschilder vergessen. Eine Müllkippe markiert den
die Lust auf Gelände-Abstecher drosseln, Rand der Weg­werfgesellschaft. Ab hier
finden wir am Perućko-See den perfekten führt unser Weg geradewegs in unverdor-
Platz. Hier können wir uns nicht nur den bene Berglandschaft. Nur von fünf Kilo-
Schweiß von der Haut baden, sondern am meter Hauptstraße unterbrochen, windet
geschützten Ufer sitzen und zusehen, wie sich das Sträßchen nordwärts, verliert von
sich auf der anderen Seite das Feuer durch Dorf zu Dorf an Breite und schüt­telt irgend­
die Berge frisst. In der Dunkel­heit wirkt wann auch die störende Asphaltdecke ab.
es, als würde es uns glühende Blicke zu- In einem Talende zahlt sich die heimatliche
werfen. Schön und schaurig zugleich. Planung aus. Nur, weil das Navi hartnäckig
Montenegro ist weit, und die kroatische behauptet, auf Kurs zu sein, glau­ben wir
Küste dehnt sich. Vor allem, wenn man die an einem einsamen Gehöft, dass es sich bei
Hauptstraßen meidet und sich der Fahrt- dieser zarten Spur aus plattgedrücktem
wind anfühlt wie ein Heizluftgebläse. Vor- Gras wirklich um einen Weg handelt.
bei an Dubrovnik, das wir nach seiner Er- Angesichts einer zunehmend holpriger
oberung durch Kreuzfahrt- und Game-of- werdenden Bergpiste meldet lediglich die
Thrones-Tou­risten lieber rechts liegen las- Frau deutliche Bedenken an meiner neu
sen, gleiten wir endlich mit majestätischem gewonne­nen Technikgläubigkeit an. Aber
Ausblick durch einsame Zypressen-Land- die völlige Einsamkeit und der Zauber der
schaInnerhft. Ehe wir um eine Felsnase Gegend über­wiegen alle Bedenken. Spätes-

98 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
tens als ich neben der Piste eine idyllische
Almwiese entdecke, die wir uns als Über-
nachtungsplatz nur mit ein paar herum-
streunenden Kühen teilen müssen, schmel-
zen auch besorgte Frauenherzen dahin.
Ruhe, Aussicht, friedliche Natur – wieder
mal können wir unser Glück kaum fassen,
mitten in Europa noch solche Ursprüng-
lichkeit zu genießen.
Zugegeben: Am Morgen fährt die Sorge
mit, ob nicht doch der Punkt kommt, an
dem der Pistenzustand die Reiselaune ge-
fährdet. Doch abgesehen von ein paar be- mündung ein Gasthaus ganz nach unserem Feuerland:
sonders holprigen Stellen trotzt der alte Geschmack. Mit über­dachter Holzveranda, Hoch­sommer an
Verbindungsweg tapfer seiner Verwahrlo- Hängematten und Cam­pingwiese schafft der Adria­küste
sung und lässt uns das Mo­tor­radfahren wie das »Zaborje« nicht nur eine lässige Atmo- ist mitunter brand­
in einem vergangenen Jahr­hundert erleben. sphäre, sondern serviert uns ein spätes gefährlich.
Felsige Abschnitte wechseln mit Waldwe- Frühstück, das locker für den Rest des
gen, die fast an Elsass oder Schwarz­wald ­Tages reichen sollte. Die landestypischen
erinnern. Nur ohne Leute. Irgendwann »Priganica«, mit Käse oder Honig servierte
steht dann doch ein zerbeulter Pickup auf Teigbällchen, haben es in sich.
dem Weg und aus dem Gestrüpp winkt An andere Menschen müssen wir uns
eine Familie beim Holzsammeln. Jetzt bin erst wieder gewöhnen. Und zwar schnell.
auch ich mir sicher, dass wir es hier bis Nachdem wir die grotesk-grüne Mratinje-
zur Hauptstraße schaffen. Talsperre überquert und uns über eine enge
Ein herrliches Gefühl, wenn ein Plan Tunnel-Strecke bergauf geschraubt haben,
aufgeht. Auch Sandra ist glücklich, wieder tauchen wir ins Durmitor-Gebirge ein, das Fehlen nur die
eindeutigen Boden unter den Rädern zu mit seiner Asphalt­straße den internationa- Grizzlys: Kanada-
­haben. Als müsste es unbedingt noch bes- len Fremdenverkehr lockt. Allzu verständ- Kulisse am
ser kommen, wartet kurz nach der Ein- lich, denn die bis auf 2500 Meter gefalteten Schwarzen See.

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa
am 06.07.2022 über TOURENFAHRER
http://www.united-kiosk.de 99
Berge übertreffen so ziemlich alles, was Und da die Parkverwaltung auch kleine
man sich in einem Land vorstellen kann, Blockhäuser vermietet, haben wir nicht nur
das gerade mal halb so viel Fläche bean- einen guten Ausgangspunkt für eine Wan-
sprucht wie Mecklenburg-Vorpommern. derung durchs dichte Unterholz, sondern
Der Wintersport-Ort Zabljak boomt, mit können in der Nacht ganz entspannt dem
allen üblichen Nebenwirkungen. Trotzdem Prasseln auf dem Hüttendach lauschen.
wirkt der erfrischende »Schwarze See« Montenegros Unberührtheit raubt uns
wie Klein-Kanada, und nachdem Sandra den Atem. Doch der Schein trügt. Logisch.
mit der Zeltplatz-Besitzerin Begrüßungs- Auch hier arbeiten Investoren daran, der
Schnäpschen trinken musste, findet sie es Natur mit touristischen Großprojekten den
hier sowieso lustig. Zauber aus­zutreiben. Längst knabbert eine
Rafting, Ziplining, Canyoning – lassen gnadenlos in die Landschaft gehobelte
Da freut sich das wir mal links liegen. Die Kurvenstrecke Trasse an der bescheidenen Gebirgspiste,
Moos: Nirgendwo zur spek­takulären Brücke über die Tara- die sich dicht unter dem Nationalpark gen
regnet es mehr als Schlucht hat schon genug Endorphine frei- Osten schlängelt. Das Urlaubs-Resort
im Biogradska- gesetzt. Wir wollen zurück in die Ruhe. ­»Kolasin 1600« soll die wilde Bergwelt
Urwald. So verzichten wir auf die Hauptstraße ent- ­offenbar mit einem Hauch von St. Anton
lang der Tara und schlagen uns weiter oder Kitzbühel beglücken.
nördlich ins Gebüsch. Dabei gibt es mit der „Eco Lodge
Viele Stunden verbringen wir damit, an ­Vranjak“ hier schon alle Infrastruktur, die
Schotterkreuzungen auf Karte und GPS zu wir zu unserem ganz persönlichen Glück
gucken, zu beratschlagen und Viehgatter brauchen. Das schlichte Hüttendorf kommt
Urwälder, vor uns auf- und hinter uns wieder zuzu- uns angesichts unserer Sommerschlafsäcke
­Fluss­täler machen. Herrlich. Schnell kommen wir so und frostiger Temperaturen wie gerufen.
und einsame allerdings nicht voran. Dafür machen wir Noch lebt hier Ana mit ihrem Bruder und
viele Pausen. Zum Fotografieren. Um die drei Töchtern gut von Wanderern, Reitern
Berg­welten: zufällig entdeckten Pilze in eine warme und Mountainbikern, die sich bibbernd um
Montenegros Mahlzeit zu verwandeln. Und für ein aus- die kleine Feuerstelle scharen und das ein-
gedehntes Nickerchen. Vor dem wir noch fache Leben genießen. Welches Ana aus
Unberührtheit kurz rätseln, seit wann ich mich eigentlich ihrer winzigen Küche opu­lent unterfüttert.
raubt uns mit Pilzen auskenne. Klar, dass wir als Allerletzte an der
Leider hat Montenegro noch einen Frühstückstafel herumlungern und uns
den Atem ­Superlativ im Ärmel, den wir Norwegen die Bäuche halten. Dann merken wir, dass
oder Wupper­tal zugetraut hätten: die nie- Ana etwas auf dem Herzen hat. Ob Sandra
derschlagreichste Gegend Europas. Wir sie mal auf dem Motorrad mitnehmen
sollten uns also nicht wundern, dass es sich könne, rückt sie schließ­lich raus. Davon
Anas schönstes zuzieht und zu tröpfeln beginnt. Immerhin träume sie ihr Leben lang, aber Männer
Ferienerlebnis: ist es für einen guten Zweck: Der Regen wollte sie nie fragen. Aber weil die Piste
Große Gefühle auf wässert im Biogradska Nationalpark einen zu steil, der Berg zu zerfurcht ist, muss ich
1800 Metern. der letzten Urwälder unseres Kontinents. trotzdem ran. Nach gutem Zureden nimmt
Ana auf San­dras Suzuki Platz und klam-
merte sich fest.
Kein Helm, keine Handschuhe, Pan­
toffel. So holpern wir den Berg hoch, zu
­einem Aus­sichtspunkt und wieder runter.
Ana lachte ohne Pause. Dann wollen die
Töchter auch. Joana, Diana, Ivana. Jedes
Mal ein bisschen weiter. Die Augen tränen,
die Nase läuft, die Lippen werden blau.
Aber ich bin gerührt. Die Freude meiner
Mitfahrerinnen ist überwältigend. Es ist so
ein Moment, in dem ein Reiseland persön-
lich wird. Von nun an trägt die Erinnerung
an Montenegro die glücklichen Gesichter

100 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa über http://www.united-kiosk.de


220706115406DZ-01 am 06.07.2022
der vier »Anas«, die uns wie alten Freun-
den hinterherwinken.
Höchste Zeit, wieder ins Warme zu
kommen. Dass sich mittlerweile Albanien
zwischen uns und das Meer geschoben hat,
passt perfekt. Die Theth-Runde wollte ich
schon seit Ewigkeiten fahren, und mit je-
dem Jahr sinkt die Chance, den Ausgangs-
punkt für Wanderungen durch den wilden
albanischen Norden noch ursprünglich zu
erleben. Schon ist die SH20 frisch asphal-
tiert. Was aus einer legendären Piste eine
traumhafte Straße durch die Einsamkeit chelter Strich in den Knitterfalten verliert, Einfach den
gemacht hat. Hier jammern also selbst macht es nicht einfacher, sie meiner Reise- Bach runter: Die
Schotterfreunde auf hohem Niveau. Zumal gefährtin als »normale Piste« zu verkau- Theth-Runde ist
die letzten dreißig Kilometer vor Theth fen. Auch meine Orientierungsprobleme ein Stück Enduro-
doch noch so steile Off­roadkehren bereit- sind da nicht vertrauensbildend. Obwohl Traumurlaub.
halten, dass sich hierhin nur Geländewagen völlig klar ist, dass wir erst mal nur dem
und besonders verwegene Pkw-Fahrer Tal flussabwärts folgen müssen, lotse ich
trauen. Entsprechend familiär geht es auf uns auf den verzweigten Spuren zielsicher
dem Zeltplatz im Talkessel zu. Hier treffen in geröllige Furten und tiefen Ufersand.
sich Freunde der Abgeschiedenheit, die Ein in jeder Hinsicht holpriger Beginn.
sich früher in den Oasen Nordafrikas oder Irgendwann wird die Sache eindeutiger.
im Nahen Osten zu Hause fühlten. Kalte Wir genießen die raue Bergwelt und die
Duschen, kaltes Bier, Lagerfeuer. Besser kurz­weilige, möglicherweise auch heraus-
kann es kaum sein. fordernde Piste. Nach zwanzig Kilometern Bröckel-Beton:
Von hier gibt es nur zwei Richtungen: legen wir eine Badepause am kalten Fluss Schon seit 1940 nagt
den selben Weg zurück – oder die Theth- ein, als zwei Motorräder ankommen. GS die Zeit an der
Runde südwärts zu Ende fahren. Dass die und Africa Twin sind unbeladen, sehen 150 Meter hohen
sich auf meiner Karte schon bald als gestri- aber nach kernigem Geländeeinsatz aus. Tara-Brücke.

Motorrad-Traumziele Europa
220706115406DZ-01 amTOURENFAHRER 101
06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Enkeln erzählen. Heute ist so ein Tag. Und
die wild­romantische Gegend ist sowieso
viel zu schade, um sich durch ein paar Pis-
tenschwierigkeiten ablenken zu lassen.
Größtes Hindernis ist der Konvoi einer
geführten Geländewagentour, die im
Schildkrötentempo durchs Gelände kra-
xelt. Auf der engen Spur ist es jedes Mal
eine Herausforderung, sich durch die
Staubwolke zu arbeiten und einen sicheren
Moment zum Vorbeifahren zu erwischen.
Doch irgendwann ist es geschafft. Wir
Jammern auf ganz Die Fahrer auch. Verschwitzt, eingestaubt ­atmen glasklare Luft und haben die erha-
hohem Niveau: Die und abgekämpft schaufeln sie sich Wasser bene Landschaft wieder ganz für uns.
Asphaltdecke der ins Gesicht und wollen wissen, wie hart es Als die Stollen schließlich wieder über
SH20 stört allenfalls ab hier noch weitergeht. Asphalt rollen, vermischen sich Bedauern
Schotter-Romantiker. Seit viereinhalb Stunden würden sie sich und Erleichterung zu einem dieser Glücks-
schon ohne größere Pause Richtung Theth gefühle, für die es sich immer lohnt, ab
arbeiten. Gottlob hätten sie auf die Rat- und zu ein biss­chen aufs Geratewohl zu
schläge gehört, die Runde gegen den Uhr- fahren. Die Sonne steht schon tief, als wir
zeigersinn anzugehen. So wäre das Ganze zwanzig Kilometer vor der Küste sehr zu-
wenigstens halb­wegs fahrbar gewesen. Als frieden an die montenegrini­sche Zollsta-
sie schließlich in zügigem Tempo in die tion rollen. Wo die nächste Lektion in Sa-
Richtung davon­stauben, aus der wir soeben chen Balkan-Charme auf uns wartet.
Legendär: Die gekommen sind, muss ich Sandra gar nicht »Ah, Deutschland«, überrascht uns der
Theth-Runde ist ansehen, um Gedanken lesen zu können. Grenzer. »Nix gut! Immer nur Arbeit,
eine Piste, von der Aber die Frau ist Kummer gewohnt. ­Arbeit. Dann schlafen und wieder Arbeit,
Großenduro-Piloten Und rollt mit ihrer Vierhunderter an guten Arbeit, Arbeit. In Montenegro ist anders,
noch ihren Enkeln Tagen sowieso ganz vergnügt über Wege, ist besser! Kommt rein!« Keine weiteren
erzählen. von denen Großenduro-Piloten noch ihren Fragen. Hier sind wir richtig.

102 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele


220706115406DZ-01 Europa
am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de
Allgemein Piva-Schlucht
Žabljak
20 km

Montenegro klemmt zwischen Kroatien, Plužine


Albanien und Bosnien-Herzegowina an Tara-
Schlucht
der östlichen Adriaküste, ist kleiner als
Schleswig-Holstein und hat gerade mal
Nationalpark
so viele Einwohner wie Stuttgart Biogradska
Gora
(625.000). Mit 45 Menschen pro Qua­
Berane
dratkilometer ist das Land dünn besie- Nikšić Kolašin
Vranjak
delt (Deutschland: 231 Einwohner/km2). Lodge Andrijevica
Während die Küste boomt und sich be- Gospić
reits zu großen Teilen in der Hand aus-
ländischer, sagen wir mal: Interessen-
ten befindet, köchelt der Tourismus im Risan Gusinje
Kotor Podgorica
Hinterland und abseits der Skigebiete
des Durmitor noch auf kleiner Flamme. Theth
Herceg
Montenegro war ursprünglich ein Teil Novi
Serbiens, der sich 2006 per Volks-Refe- Budva Virpazar
Koplik BOSNIEN U.
rendum mit knapper Mehrheit in die HERZEGOWINA
Skadarsee
­Unabhängigkeit verabschiedete. Die SERBIEN
­Demokratie Montenegros wird seitdem Bar
von der sozialistischen DPS geprägt. MONTENEGRO KOSOVO
Shkodra
Kritiker werfen ihr den Ausverkauf des
Ulcinj ALBANIEN
Landes auf Kosten der einfachen Bevöl-
kerung sowie eine ausgeprägte Schwä-
che gegenüber der Mafia vor.
Pod Maslinom« bei www.orasac.com. Anreise
Begrüßungsschnaps gab es im
Motorrad fahren »AutoCamp Mlinski Potok« bei Zabljak,
Die kroatische Küstenautobahn macht
Von der morschen Waldpiste bis zur das Kilometerfressen in Richtung Bal-
aus einer früheren Reise können wir kan leicht. Wir brachten die Motorräder
gut ausgebauten Nationalstraße ist das
auch in dieser Hinsicht die »Eko Oaza mit dem Auto bis Gospic, wo wir im
kleine Land von Wegen aller Art er-
Tear of Europe« am Tara-Fluss empfeh- www.camp-rizvancity.com übernachte-
schlossen. Die Hauptstraßen sind auch
len. Einfache Hüttenübernachtungen ten und das Auto freundlicherweise
für Straßenmotorräder problemlos, auf
genossen wir im Nationalpark Biograd- gratis parken durften. Von Gospic bis
Nebenstrecken kann es sehr holprig
ska Gora (3 Euro Eintritt, Hütte rund Gospic waren wir zwölf Tage und 2000
und auch in Sachen Navigation schwie-
20 Euro) sowie bei Ana in der »Eco Kilometer unterwegs.
rig werden. Die ersten Autobahnen sind
Lodge Vranjak« (Hobbithütte mit üppiger
derzeit noch im Bau oder in Planung.
Halbpension 50 Euro für zwei Personen). Geld
Übernachtung In Teth/Albanien zahlten wir auf dem
»Camping Gjergj Harusha« (Bar, Restau-
Montenegro ist ein günstiges Reiseland.
Einfache Gasthäuser, Zeltplätze und Sehr praktisch: Obwohl nicht in der
rant, Eisdusche) einen Komplettpreis Währungsunion, hat das Land nach der
Miethütten bieten auch Low-Budget-
von drei Euro. D-Mark den Euro als Staatswährung
Reisenden eine ausreichende Infra-
Wer es luxuriöser möchte, findet nahe übernommen.
struktur. Angenehm für unsere Zwi-
der historischen Altstadt von Budva
schenübernachtung während der An-
reise durch Kroatien waren die kleinen
das TF-Partnerhaus »Fontana Hotel & Karten/Literatur
Gastronomy«, www.hotelfontana.me Die Straßenklassifizierung auf der Karte
Campingplätze bei Slano sowie »Camp
hinkt oft der Wirklichkeit hinterher,
manchmal ist aber auch umgekehrt. Gut
geschlagen hat sich »Crna Gora« von
freytag & bernd im Maßstab 1:175.000.
Im Navi leistete Garmins »Europe City
Navigator NT« auch abseits der Dörfer
erstaunlich gute Dienste.
»Montenegro« aus dem Trescher Verlag
(14,95 Euro) schafft als Standard-Reise-
führer Überblick, gute Insider-Tipps hat
der leider etwas unübersichtliche
»montenegro«-Führer (14,90 Euro) von
www.hobo-team.de auf Lager.
Hüttenromantik: Dach und Lagerfeuer machen auch eine Regennacht gemütlich.

Motorrad-Traumziele
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am 06.07.2022 TOURENFAHRER 103
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Völlig
losgelöst

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


Euböa ist ein Mauerblümchen unter den griechischen
Inseln. Doch auf »Evia« kommt alles zusammen, was
gut ist: Strände mit kristall­klarem Wasser, schroffe Völlig losgelöst: Auf einer
Berg- und wilde Küstenlandschaften, schlichte Dörfer kleinen, per Boot zu errei-
chenden Insel vor dem Strand
und Städte. Michaela & Udo Staleker (Text & Fotos) von Ellinika steht das Kirch-
haben ein Endurado abseits des Tourismus entdeckt. lein des Heiligen Nikolaos.

Motorrad-Traumziele
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Vogelfrei: Steil stürzt der Wie eine Mischung aus
Dirfys-Gebirgszug zur Küste schottischen Highlands
hinab. Weit unten flimmern
die dunklen Strände von und norwegischer
Chilia­dou und Metochiou. Fjord-Landschaft …

Motorrad-Traumziele
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am 06.07.2022 über TOURENFAHRER
http://www.united-kiosk.de 107
Fingerfood:
griechischer Früh-
schoppen mit Mezes und
einem Glas Retsina .

A
giokampos. Die Fähre aus Glyfa Hafentavernen grätschen zu dürfen. Doch
spuckt gerade mal 20 Fahrzeuge das ABS der Ténéré verrichtet klaglos sei-
aus, dann versiegt der Touris- nen Dienst. »Óla kalá« – alles ist gut.
tenstrom. Zwei, drei Hafenta- Unser Ziel liegt auf einer Landzunge im
vernen bieten frischen Fisch und leckere Süden der Stadt, wo sich die Promenade
»Mezes« (Vorspeisen), es duftet nach Fri- mit Palmen schmückt und die Häuser des
tiertem und so haben sich einige ältere Viertels neu und nobel sind. Hier beginnt
Griechen bereits zu vormittäglicher Stunde das Thermal-Paradies für Tourenfahrer
bereit erklärt, mit einem Wasserglas Ouzo »mit Rücken« und ich bin fast enttäuscht,
Leckerschmecker: gegen die Corona-Nachrichten vom Fest- dass nicht mehr Multistrada-, Kati- und
Shrimps Saganaki: land anzukämpfen. Enttäuschte Gesichter, GS-Fahrer vorm »Thermae Sylla Spa &
beliebte Meze mit Gar- als wir nur einen »Ellinikó« bestellen, ei- Wellness Hotel« den Seitenständer ausge-
nelen und Feta-Käse. nen pechschwarzen griechischen Mokka, klappt haben. »250 Euro die Nacht«, ruft
der die Augendeckel hebt wie kein anderer, Michaela mir hinterher, als ich bereits mit
doch zugleich auch geduldig getrunken der Packtasche unter dem Arm die Stufen
werden will. In Slow Motion sozusagen, zum Seiteneingang des Verwöhntempels
sonst verbrennt man sich die Schnute und emporstürme. »Entáxei« – also gut, die
kaut kilometerlang auf Kaffeesatz unterm Zeit ist ja heute eh etwas knapp. So ein
Helm. »Siga-siga«, immer mit der Ruhe. Spaziergang hinüber zum Thermalbad ist
Meine erste Evia-Lektion ist noch nicht der Gesundheit sicher auch sehr förderlich.
ganz im Kleinhirn angekommen, da wischt Und schau, die Dame dort unten in ihrem
mir auf der Weiterfahrt nach Loutra Schwefeltümpel winkt uns schon zu. Da
Edipsou beim Angasen gleich mal das Hin- könnte man doch eigentlich für eine halbe
terrad weg. Alter, was verbauen die hier für Stunde die Enduro-Klamotten an den Be-
einen Straßenbelag?! ckenrand legen und zu ihr … Der E-Starter
Ohne Schrammen erreichen wir eine An­ der CRF ist nicht zu überhören und Micha-
höhe und urplötzlich öffnet sich das Land. elas tippenden Finger gegen den Helm
Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die könnte man doch tatsächlich missverstehen.
Meeresstraße von Artemisiou zur Rechten Die Fahrt nach Rovies macht Appetit
und die sichelförmige Bucht des Heilbades auf Abenteuer. Wunderbar wild der Aus-
Loutra Edipsou voraus. Minutenlang ver- blick vom Kap Stavros auf den nördlichen
dauen wir den herrlichen Ausblick, dann Abschnitt des »Evoikos« (Golf von Eu-
rollen die Enduros hinab in die Stadt und böa). Spektakulär in den Fels gesprengt,
wir bummeln im Schritttempo an der Ufer- hangelt sich die Straße in gut 100 Metern
promenade entlang. Die Betonung liegt auf Höhe am Wasser entlang. Die Steilküste
Bummeln, denn die Einwohner dieses be- gehört zum Telethrion-Gebirgszug, der hier
Gut gepflegt: Das hüb- kannt-beliebten Kurortes genießen offen- senkrecht ins Meer hinabstürzt und immer
sche Bergdorf Avlonari bar das Vorrecht, noch im hohen Alter ohne wieder dicke Gesteinsbrocken vors Vorder-
überrascht mit einem die üblichen Sehhilfen aus den Seitenstra- rad wirft. An einigen Stellen haben noch
toskanischen Ambiente. ßen in den Hauptverkehrsstrom Richtung nicht verräumte Abgänge Teile der Fahr-

108 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa 220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


bahndecke weggerissen und lassen erah- Teil des Stammes angeritzt und »gemol- TF-Therme: Im Heilbad
nen, was hier während des letzten Unwet- ken« werden. Das so gewonnene Baum- Loutra Edipsou kuren
ters abging. Es gibt Zeiten, da muss man harz mit seinen ätherischen Ölen wird ge- Rückenleidende seit
nicht mit dem Motorrad unterwegs sein … winnbringend weiterverarbeitet: für medi- der Antike in warmen
Rechterhand der Route lockt Rovies mit zinische Produkte, für Lacke, Farben und Schwefelquellen.
Strandnähe, Campingplatz und hübschen Klebstoffe, und nicht zu vergessen für den
Ferienhäuschen. Der venezianische herben »Retsina« (Weißwein), was uns
Wehrturm direkt neben der Kirche ver- Männern natürlich am besten gefällt.
spricht Fotomotive und in »Elias Café« in Die Mönche droben im Kloster ernähren
der Ortsmitte gibt es astreinen »Barista«. sich allerdings schon lange nicht mehr als
Vassili und sein deutscher Freund Dieter »Harzer«. Die mächtige Klosteranlage mit
wissen das zu schätzen und halten hier täg- ihrer kunstvoll ausgestalteten Kirche und
lich inne. 1962 gehörte Vassili zu den ers- einem blumengeschmückten Innenhof ist
ten griechischen Gastarbeitern in Deutsch- für Griechen aus dem ganzen Land zu ei-
land, arbeitete über 40 Jahre in »seiner« ner Art Wallfahrtsort geworden, seit der
Firma im Rheinland und spricht ein derma- dreijährige Osios David hier vor 500 Jah-
ßen fehlerfreies Deutsch, dass wir be- ren verschwand. Nach bangen Tagen wur-
schämt unser Haupt senken. de er in einer Kirche wiedergefunden und
Fast hätten wir uns mit den beiden ver- behauptete unwiderlegbar, dass er mit Jo-
quasselt, doch der Tag soll auch noch Gu- hannes dem Täufer unterwegs gewesen
tes für die Seele bringen. Motorradreisende sei. Heutzutage würde man derlei Behaup-
bedürfen zuweilen eines himmlischen Se- tungen wahrscheinlich als Fake News
gens und da wir mit Evias Asphalt bereits markieren, doch die Welt des Glaubens ist
Bekanntschaft gemacht haben, lohnt be- bekanntlich voller Geheimnisse und My-
stimmt ein Abstecher zum Kloster Osios then. Beim Betreten der Klosteranlage
David in der Nähe des Bergdorfes Drymo- geht uns jedenfalls das Herz auf und ich
nas. Kurvenreich geht es in einen Bergwald gestehe, mir beim Anblick der ehrwürdi-
hinein, in dem frischgrüne Aleppo-Kiefern gen David-Ikone für die Weiterreise eini-
leuchten, die im Spätsommer im unteren ges vorgenommen zu haben.

Motorrad-Traumziele Europa TOURENFAHRER


220706115406DZ-01 am 06.07.2022 109
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Schattenspiele: beschauliche Fahrt durch
Pinienwälder zum Kloster Osios David bei
Dry­monas (g. o. l.). Nachsaison: An den
»schwarzen« Stränden von Frankaki und Agia
Anna ist man ab Mitte September allein (o. l.).
Willkommenskultur: Stille und Besinnung im
festlich geschmückten Innenhof des griechisch-­
orthodoxen Klosters Osios David (l.).
Lange Geschichte: Reste einer venezianischen
Burg am Ortsrand von Rovies am nördlichen
Evoikos (g. o.). Ganz schön süß: griechischer
Blätterteig »Bougatsa« mit Quark­füllung (o.).

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220706115406DZ-01 am 06.07.2022
hergerichtet. Die Enduros parken auf der
Hotelterrasse, Chrissas Mann schwingt für
uns den Kochlöffel und wir schwärmen
einmal mehr von einem Land, in dem die
Menschen auch in Krisenzeiten so herrlich
cool und unaufgeregt sind. Zum Nachtisch
gibt es Meeresrauschen und einen langen
Spaziergang. Barfuß im dunklen Sand und
völlig losgelöst.
Am Morgen türmen sich dunkle Wolken Melkbäume: Das kostbare Harz
über den Ausläufern des Dirfys-Gebirges. der Aleppokiefern wird für
Vor beinahe 15 Jahren haben wir die Berge medizinische Produkte, Lacke,
Euböas mit Zelt und Schlafsack erkundet Farben und Klebstoffe benötigt.
und die Bilder von abenteuerlichen Straßen
und sonnenverwöhnten »schwarzen« Strän-
den stecken noch tief im Rucksack der bes-
ten Reisesouvenirs. Also Gemach und Ge-
duld, bis sich Zeus mit Blitz und Donner
endgültig verzogen hat. Die Auszeit ver-
bringen wir in Limni, dessen schneeweiße
Häuser sich terrassenförmig an den Hän-
gen einer Bucht am Nordeuböischen Golf
schichten und den Ort zu einem riesigen
Amphitheater machen. Enges Gassenge-
wirr um die Kirche, Gemüse- und Fleisch-
händler liefern ihre Waren an, die Kinder
haben schon wieder »Schule aus« und der
Evia hat die Motorradjacke angezogen. Pope hält zielstrebig auf seine Stammtaver- Wir schwärmen
Der bunte Bergwald hält noch ein paar Ki- ne zu. Alles zu sehen, nur keine Touristen.
einmal mehr von
lometer durch und wir schwingen über Wir bummeln durch dieses bunte Leben,
Kerasia und Achladi hinab an die Nord- entdecken am Ufer die malerische Felsen- einem Land, in dem
küste der Insel nach Agali. Nichts los, kapelle Agios Christodoulos und erkunden die Menschen auch
kein Verkehr, die Dörfer still und schwei- am Nachmittag noch den schmalen Küs-
gend in der Abendsonne. Spätestens Ende tenweg hinaus zum Kloster Agiou Niko­ in Krisenzeiten so
September verabschiedet sich auf Euböa laou Galataki. Auf dem Rückweg landen herrlich cool und
der Tourismus und so genießen wir völlig wir neben dem Hafen bei Antje und Marga-
ungestört den Ausblick von Fragkaki auf ritis Papageorgiou. Das betagte Ehepaar unaufgeregt sind
die »schwarzen« Strände von Prasidi und hat in seinem schmucken Haus ein paar
Agia Anna. Eine leer gefegte Uferprome- Studios eingerichtet und vermietet diese
nade, bereits geschlossene Hotels und Fe- eigentlich nur wochenweise, aber in der
rienapartments, verlassene Bars, in denen Nachsaison … Antje stammt aus Hannover,
bestenfalls noch Einheimische sitzen und hat ihren deutlich älteren Margaritis in sei-
sich an einem Glas Wein festhalten. ner Studienzeit an der Uni kennengelernt
»Not many guests this year«, meint und ihr Leben anschließend völlig auf den
Chrissa, »a very short season. Corona, Kopf gestellt. Als sie mich das Alter ihres
you know!« Wir treffen die quirlige junge Mannes schätzen lässt und ich satte zehn
Frau bei der Suche nach einer noch geöff- Jahre danebenliege, leuchten ihre
neten Unterkunft im Restaurant Augen vor Stolz und Glück.
»ΜΑΪΣΤΡΑΛΙ«, wo noch ein, zwei Ti- Am Abend spielt der Himmel über dem
sche besetzt sind und es lecker aus der Golf mit den letzten Wolkenbänken. Die
Küche riecht. Die Familie betreibt das untergehende Sonne verwandelt die Bucht
Hotel »Ariadni« in zweiter Reihe hinter von Limni in ein Gemälde der Romantik.
der Promenade und Chrissa hat für alle Sattbraune Felsen baden in einem silbernen
Fälle noch ein Zimmer für Zufallsgäste Meer und vor einem sich goldgelb verfär-

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benden Horizont werfen Fischer auf dem Pinien beschattete Lichtungen und ver-
Anleger ihre Angel aus. Die Uferpromena- schwiegene Flussschleifen in flirrendem
de führt uns ins »Platanios«, wo die Tische Gegenlicht. Schwankende Hängebrücken
bereits gut besetzt sind und die Menschen aus vergangener Zeit, die keine Enduro­
sorglos vertraut und abstandslos Mezes, stiefel mehr tragen würden. Gas weg und
Fisch und Souflaki-Spieße auf den Teller tief einatmen. Doch die frisch asphaltierte
türmen. An einem Nebentisch nimmt die Straße nach Prokopi duldet keine Ruhe und
Wirtin Anchovis aus, von denen wir natür- so halten wir dort, wo das Tal sich verengt
lich kosten müssen. »Kalí órexi« (guten und die Felswände näher rücken, neben
Appetit) – und einen zwinkernden Augen- der Kirche Agios Georgios, lassen Helme
Perfektes Panorama: aufschlag gibt’s obendrauf. Besser kann und Jacken auf den Motorrädern liegen
Ausblick von der ein griechischer Tag nicht ausklingen. und setzen uns für eine halbe Stunde an
­Terrasse der Taverne »Komm, nicht erst frühstücken! Den den Fluss.
»The Aegean Balcony« Kaffee gibt es unterwegs.« Erstaunlich Prokopi ist bereits hellwach, als wir an
in Vlachia (g. o.). ­zeitig rollen unsere Enduros zum Ort hin- Cafés, Restaurants, Souvenirläden und
»Kalí órexi«: Anchovis aus. Die Motoren haben die feuchte Nacht- ­Devotionalien-Ständen vorbei zur Pilger-
mit Olivenöl und luft noch nicht restlos aus dem Auspuff ge- kirche »Agios Ioannis tu Rosu« (Heiliger
­Zitrone. blasen, da macht die kurvige Landstraße Johannes der Russe) rollen. »Eine Kirche
nach Mantoudi bereits mächtig Laune. nur für Russen«, witzelt Michaela in die
Das sehenswerte Dorf liegt im Flusstal des Helmsprechanlage und liegt dabei nur
­Kireas und ist zugleich Einstieg in einen knapp neben der Wahrheit. 1924 haben
kleinen Naturpark an seinen Ufern. Uralte vertriebene Christen aus Kappadokien die
Platanen, deren Wurzeln oft mitten aus Gebeine des ukrainischen Bauernjungen
dem Flussbett entwachsen. Von Eichen und Johannes per Schiff nach Euböa gebracht.

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Im 3. Russischen Türkenkrieg Anfang des
18. Jahrhunderts war der gläubige Soldat
standhaft geblieben und nicht zum Islam
konvertiert, was ihn unmittelbar in den Hei­
ligenstand erhob. Noch heute pilgern jähr-
lich unzählige griechisch-orthodoxe Gläu-
bige nach Prokopi und erbitten Heilung,
Erlösung und Segen. Das Bild eines knien-
den Mütterchens, das den Deckel des glä-
sernen Johannes-Sarkophags mit Küssen
bedeckt, scheint einer anderen Welt ent-
nommen und wirkt noch lange in uns nach.
Die Straße zum Kap Chalepo weckt en- Bergwelt des Dirfys, und gäbe es da nicht Fett Fisch: professio-
dureske Gene. Auf einem schmalen As- das Dörfchen Agia Sofia und ein paar Ka- nelle Trawler in Pefki.
phaltband turnen wir an einem nördlichen pellen am Wegesrand, so wäre dieser Teil Schon vor der Hochsee­
Ausläufer des Dirfys-Gebirges entlang der Tour eine Fahrt durch die Einsamkeit. fischerei hatten hier
nach Pili. Das beschauliche Dorf schmückt Wir sind am Kloster Panagia Makrimal- ­einheimische Fischer-
sich im Sommer mit sanftem Tourismus. lis im Norden der Stadt Psachna angekom- boote aus Artemision
Ein paar kleine Hotels, Ferienhäusern mit men, in jener Inselregion, die im August und Asminion ihren
grünem Garten und zwei, drei Tavernen. 2019 Schlagzeilen machte, weil tagelang ­Liegeplatz.
Mit dem nahenden Herbst ist hier Ruhe kilometerbreite Flächenbrände die Pinien-
eingekehrt und nachdem das Tuckern eines wälder um Makrimalli fraßen. Mit seiner
auslaufenden Fischerbootes verklungen ist, bunten Fassade steht der Klosterbau ober-
unterbricht nur noch das Zirpen einiger halb der verkohlt-verheerten Region wie
Grillen die Stille des Ortes. ein Mahnmal und erinnert dran, wie
Szenenwechsel: Steil bergan zieht der schnell doch der Mensch die Kontrolle
Fahrweg zum Kap Chalepo hinauf, gibt über sein irdisches Leben verlieren kann.
den Blick frei auf den dunklen Stein- und Am nächsten Tag schmollt der Wetter- Sattbraune Felsen
Sandstrand des Dorfes. Augenblicke später gott und schliert den Himmel über dem
baden in einem
stehst du an einem Steilufer hoch über dem südlichen Evoikos zu. Wir sind früh aufge-
Meer und möchtest fliegen. Im freien Fall brochen, möchten in Amarynthos an einer silbernen Meer.
stürzen die Kalkfelsen hinab ins tiefblaue Fischauktion teilnehmen, wenn die ersten Gas weg und
Meer, gesäumt von Pinien, Kiefern und im- Fangboote einlaufen. Ein paar Händler mit
mergrüner Macchia. Unser Rucksack mit Pick-ups und ein Beamter der Hafenzollbe- tief einatmen
Reiseerinnerungen hat sich geöffnet, lotst hörde warten bereits beim Einlaufen eines
uns weiter nach Vlachia, wo die Zeit nicht Fischerboots am Kai. Doch vergeblich,
mehr tickt, sondern vollends stehen geblie- denn an Bord gibt es nichts, was man ver-
ben ist. Leer und verlassen das Gelände zollen und verkaufen könnte. Draußen im
des »Camping Vlachia Evias« auf dem Golf und auf dem offenen Meer sind die
Weg nach Sarakiniko und in der Taverne Fangquoten schon seit Jahren dramatisch
»To Balkoni tou Aigaiou» (»Balkon der zurückgegangen und ein Großteil des
Ägäis») sind Stühle und Tische bereits Speisefischs auf Touristentellern kommt
weggeräumt. aus Aquakulturen vor der Küste.
Immer löchriger und vernachlässigter Bis nach Aliveri bleibt die Küstenstraße
wird nun der Weg. Bis zur Strandbucht von dem Golf noch treu, dann zweigt die Route
Sarakiniko leistet sich die Straße noch einen bei Lepoura ins Inselinnere ab und lässt
Belag, dann geht es auf einem Naturweg Dunst und Verkehrslärm zurück. Rechter-
hautnah an der Küste entlang nach Mili. hand der Straße leuchten schon von Wei-
Kneipe, Kirche und wieder Asphalt unter tem die Häuser von Avlonari im Sonnen-
den Reifen. Ein paar Kilometer weiter laden licht. Das fast toskanisch anmutende Dorf
in Limnionas Beach ein herrlicher Strand, thront mit seinem Wehrturm auf einem Hü- »Kaló taxídi«:
eine Taverne und das »Lithoktiston Guest gel über dem Land, überrascht mit gepfleg- Gute-Reise-Bildstock
House« zum Verweilen ein. Wieder zurück ten, steilen Gassen, Bougainvillée-ge- im Dirfys-Gebirge.
an die Golfküste fahren wir quer durch die schmückten Häusern und viel Atmosphäre.

Motorrad-Traumziele
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Wir wollen weiter nach Kymi, Evias be- lich näher gekommen. »Mensch, pass auf!«,
deutendste Hafenstadt und touristische tönt es in den Kopfhörern und gerade noch
Hauptattraktion im Nordosten der Insel. rechtzeitig ziehe ich an einem meterbreiten
Zugleich ist der Ort unser Ausgangspunkt Fahrbahnabbruch vorbei. Warntafel oder
für die wohl spannendste Route durchs Absperrung? Fehlanzeige! Georgios, wer
Dirfys-Gebirge. hier im Abendlicht runterrauscht, muss mit
Zwei Stunden später stehen wir in einer der griechischen Götterwelt aber bestens
Kehre hoch über den dunkel im Gegenlicht verlinkt sein, sonst …
schimmernden Stränden von Chiliadou und »Back on earth« und vollkommen
Wilde Schönheit: Ein Metochiou, starren in die Tiefe hinab und ­»gegrounded« rollen wir durch Kiefern-,
schmaler Küstenweg staunen. »Wahnsinn, oder?« Eine verwege- Eichen- und Platanenwälder nach Steni
verbindet Pili mit dem ne Bergtrasse hat uns hinaufgeführt, hart Dirfyos hinab. Ein nicht enden wollender
Kap Chalepo (g. o.). am Fels entlang und immer mit Blick auf Kurvenzirkus über gut 30 Kilometer und
Gedenkminute: die zerklüftete Nordostküste der Insel. stünde der Tag nicht bereits kurz vor dem
Opfer­kerzen in der Atemberaubend – wie eine Mischung aus Schlafanzug, so könnte man glatt noch
Kirche Agios Ioannis schottischen Highlands und norwegischer ­einmal umkehren.
tu Rosu in Prokopi. Fjord-Landschaft. Unterwegs frei laufende Schlussakkord in Chalkida. Wir lehnen
Ziegenherden und fußfaule Hirten, die mit am Geländer der alten Klappbrücke »Ne-
dem Pick-up ihre Herde zusammentreiben. groponte« über den Euripos, haben die En-
Evia, du wilde Schöne! duros beiseitegestellt und versuchen, uns
Augenblicke später gleiten die Motorrä- inmitten des hektisch-dichten Abendver-
Vlachia – wo die der nach Metochi hinab. Motor aus und kehrs von Evia zu verabschieden. Seit
Crossbrille runter! Nur das Rauschen der mehr als 2400 Jahren stehen hier Reisende
Zeit nicht mehr
Reifen und Pfeifen des Windes begleitet den und Händler im Strom der Gezeiten, denn
tickt, sondern Flug. Das war es, was noch tief unten in bedingt durch Ebbe und Flut ändert sich in
vollends stehen meinem Rucksack auf Wiederbelebung war- der nur 40 Meter breiten Meerenge die
tete. Ganz hinten am Horizont schaut der Strömung zwischen fünf- und zwölfmal
geblieben ist Bergkegel des Delfi hervor, des mit am Tag. »Das irre Wasser« nennen es die
1743 Metern höchsten Berges der Insel, und Einheimischen und das passt unterm Strich
meine Augen zoomen mich hinauf auf den so recht zu einer Reise kreuz und quer über
Gipfel, wo im Altertum die Göttin Hera ihre die Insel. Irre gegensätzlich, mit den unter-
Heiligtümer bewahrt haben soll. Rummms! schiedlichsten Strömungen zwischen ur-
Krachend ist das Hinterrad der Ténéré in ei- sprünglichem Leben und Moderne, dabei
nem armtiefen Schlagloch gelandet und der stets überraschend und von allen Gewohn-
Fahrbahnrand für einen Augenblick bedroh- tem »völlig losgelöst«.

114 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele


220706115406DZ-01 Europa
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Ellinika des Ortes; schwer zugänglich über eine


Achladi
E 75
Pefki Sandpiste oder mit Wanderschuhen.
Meeresstraße
Fragkaki
Glyfa von GRIECHENLAND Amarynthos: Fischereihafen mit guten
Artemisiou Kerasia
Psili
Fischlokalen; unregelmäßig Fischauk­
Agiokampos Rachi
Athen
tionen. Chalkida: Inselhauptstadt
Drymonas
Agali
(ca. 75.000 E.), lebendige Stadt am Euri-
Loutra Agia Anna pos mit »Negroponte«-Brücke über den
Edipsou Rovies
Mantoudi Evoikos (siehe oben); »Kupferstadt« we-
Kap Chalepo

Limni Sarakiniko gen Kupfervorkommen in der Umgebung.
Pili
Ev Limnionas Beach Eretria: antike Stadt, Aus­grabungen,
oi Di
Agia Sofia Vlachia
antikes Theater, Mosaikenhaus und
k o Prokopi rfy Kymi
E 75 s Makrimalli
s Museum. Kymi: lebhaftes Bergdorf
Metochi
mit Tavernen; Volkskundemuseum;
Tourlänge: Psachna Steni Dirfyos Geburtsort von Dr. Georg Papanikolaou
181 km Tour 1 Euböa Avlonari (1883–1962), Vater des Pap-Tests zur
180 km Tour 2 Chalkida (Evia) Früh­erkennung von Gebärmutter­
196 km Tour 3 halskrebs. Avlonari: toskanisch an­-
Lepoura
mutendes Dorf mit Wehrturm inmitten
Eretria Aliveri
20 km Amarynthos von Olivenhainen und Weinbergen,
traditionelle Steinhäuser, gepflegtes
Ortszentrum mit engen, steilen Gassen.
Wissenswertes sogar Uhus, Geier und Adler beobachten Prokopi: Wallfahrtsort im Inselinneren
Euböa (griech. Evia) liegt in der west- können und im Bergland eine Vielzahl an mit Pilgerkirche »Agios Ioannis tu Rosu«
lichen Ägäis und ist die Nummer zwei endemischen Pflanzen entdecken. Der (Heiliger Johannes der Russe). Ellinika:
auf der Liste der größeren griechischen Inselsüden ist wesentlich karger und Kirche »Agios Nikolaos« auf einer der
Inseln. Mit ca. 3660 km2 und 220.000 über weite Flächen entwaldet. Küste vorgelagerten Insel
Einwohnern ist die Insel weniger als
halb so groß wie Kreta, weist mit nur Jenseits der Gezeiten Unterkünfte
60 Einwohnern pro km2 aber eine Naturphänomen Chalkida: An der Die Evia-Saison endet bereits Anfang
deutlich gerin­gere Bevölkerungsdichte engsten Stelle des Evoikos überspannt September, sodass man sich im Spät­
auf (Kreta: 75 E./km2). Ein Drittel der Evia-­ eine Klappbrücke die nur 40 m breite sommer und Herbst rechtzeitig am Tag
Bewohner lebt in der Inselhauptstadt Meerenge und bildete lange Zeit um eine Übernachtung kümmern sollte.
Chalkida (früher: Chalkis). Auf einer Län- die einzige Brückenverbindung zum Letzteres gilt auch für die raren Cam-
ge von 175 km und einer maximalen Brei- Festland. Aufgrund einer Fahrrinnentiefe pingplätze. Die Autoren empfehlen fol-
te von 45 km gibt es 700 km Küstenlinie von 7 m können hier selbst größere gende Unterkünfte: »Graegos Studios«
zu entdecken und unzählige asphaltierte Frachtschiffe passieren, müssen sich in Limni (www.graegos.com), »Avantis
und unbefestigte Wege ins Inselinnere. jedoch auf häufig wechselnde Strömun- Suites Hotel« in Eretria (www.avantis-
Dabei kommen sowohl straßenbereifte gen einstellen. Zwischen 5- und 12-mal hotel.gr), »Ariadni Hotel« in Agia Anna
Tourer als auch stollenbewehrte Endu- am Tag rauscht, bedingt durch den Beach (www.hotel-ariadni.gr), »Lucy
risten auf ihre Kosten. sechsstündigen Wechsel von Ebbe und Hotel« in Chalkida (www.lucychalkida.
Mit reicher Vegetation gesegnet sind Flut, das Golfwasser mal von Nord nach com/de/home-de), »Lithoktiston Guest
der Norden Euböas und die Inselmitte. Süd und dann wieder umgekehrt. Selbst House« in Limnionas, »Camping Rovies«
Herrliche Hügellandschaften, versteckte, der in »Chalkis« lebende griechische in Rovies (www.campingrovies.gr),
einsame Buchten an steilen Küsten mit Gelehrte Aristoteles biss sich an diesem »Camping Ploutarchos« in Politika Beach
»schwarzen« Sand- und Steinstränden Phänomen die Zähne aus und fand keine (www.campingploutarchos.com/en),
und schlichte, entdeckenswerte Dörfer naturwissenschaftliche Erklärung. Dass »Camping Milos« in Eretria (www.
und Kleinstädte füllen einen »leckeren« er sich aus Kummer darüber in die Fluten camping-in-evia.gr/en), »Camping Agia
Tourenteller und lassen keine Langewei- des Evoikos gestürzt haben soll, ist Anna« in Agia Anna (www.clubagia­anna.
le aufkommen. Besonders die karstigen allerdings eher als eine Fake-Nachricht gr/en), »Camping Vlachia Evias« bei
Berglandschaften des Dirfys-Gebirges des Altertums einzustufen. ­Vlachia.
im Nordosten Euböas mit Kalkfelsen,
Schluchten und wunderbaren Tief­ Must-see Literatur / Karte
blicken auf die Ägäisküste hinab werden Loutra Edipsou, Schwefelquellen: Andreas Neumeier / Peter Kanzler:
zu unvergesslichen Reiseeindrücken. beliebte Thermalquellen gegen Nord- und Mittelgriechenland, Michael
Touren durch ausgedehnte Waldge- »Rücken«; Kurbetrieb. Wasserfall von Müller Verlag, 13. Auflage (2019), ISBN:
biete mit Kastanien, Aleppo-Kiefern, Drymonas: 10 min zu Fuß abseits der 978-3-95654-601-3, 26,90 Euro.
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220706115406DZ-01 am 06.07.2022Motorrad-Traumziele Europa
über http://www.united-kiosk.de TOURENFAHRER 117
   Ein
Zeitreise ~
Abenteuer
Noch hat der Massentourismus Rumänien nicht für sich entdeckt, doch
unter Motorradfahrern gilt das zwischen Ungarn und dem Schwarzen Meer
liegende Karpatenland bereits seit Jahren als echtes Motorradparadies.
Bis heute hat es allerdings mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Dass davon
so gut wie keines zutrifft, fanden Bettina Höbenreich (Text) und
Helmut Koch (Fotos) auf ihrer Reise durch Draculas Heimat heraus.

118 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


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Berg und Tal: Auf kurven-
reicher Fahrt über die legendäre
Transfăgărășan überqueren wir die
Karpaten südlich von Cârțișoara.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


120 TOURENFAHRER
220706115406DZ-01 Motorrad-Traumziele
am 06.07.2022 Europa
über http://www.united-kiosk.de
Auf dem Weg vom Siebenbürgischen Becken nach Süden: Imposant erheben
sich die Südkarpaten vor uns – nahe Cârța (l.). Wir folgen den Spuren der
Donau vorbei am 1523 erbauten Kloster Mraconia (o.). In den weniger touris-
tischen Teilen Rumäniens sind große Motorräder selbst heute noch selten –
bei Ţifra (u.). Auch kulinarisch begeben wir uns auf Entdeckungsreise.

Das Siebenbü rgische


Becken, besser bekannt als
Transsilvanien, fü hrt uns
in das Herz Rumäniens

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


Spektakuläres Nachtlager: Zeltplatz nahe der Passhöhe der Transfăgărășan (r.).
Farbenfroh: Auf dem »Fröhlichen Friedhof« von Săpânța erzählen die Grabsteine vom
Leben der Verstorbenen (o.). Die Transalpina führt auf über 2100 Metern in die raue
Bergregion der Süd­karpaten (u.). Touristen-Nepp oder Must-see? Am vermeintlichen
Dracula-Schloss Bran scheiden sich die Geister (g. u.).

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


Nach und nach versinkt die
Landschaft um uns herum in der
Abenddämmerung — Stille!

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 Europa
über http://www.united-kiosk.de TOURENFAHRER 123
W
ir sind gut achthundert Kilometer dieser ist es sicher nicht. Achthundert bunt
gefahren, als wir die Grenze vom bemalte Holzkreuze stehen hier, deren
östlichen Ungarn nach Rumänien ­Bilder, Schnitzereien und Verse von Leben
überqueren. Dank der EU sind und Tod der jeweiligen Verstorbenen er-
die Grenzformalitäten binnen weniger zählen. Auf einigen sind die Berufe der
­Minuten erledigt und schon stehen wir das Dorfbewohner dargestellt, auf anderen die
erste Mal auf rumänischem Boden. Keine Todesursache – vom Autounfall bis zum
zwei Tagesfahrten von Deutschland ent- Tod durch zu hohen Schnapskonsum. Ein
fernt und doch fühlen wir uns, als hätten lokaler Künstler fertigt die bunten Kunst-
wir auf dieser Strecke eine Zeitreise um werke, für die die Dorfbewohner oft jahre-
mindestens zwanzig, dreißig Jahre in die lang sparen, als Auftragsarbeiten. Außer-
Vergangenheit gemacht. Gleich auf den dem versieht er sie mit Bildern und Texten,
ersten Kilometern begrüßt uns das Land die darstellen, wie er selbst und die Dorf-
mit einfachen kleinen Dörfern, deren gemeinschaft die Menschen erlebt haben.
Strommasten gesäumt sind von Storchen- Was nicht immer schmeichelhaft für die
nestern, mit Pferdefuhrwerken statt Lkws Verstorbenen ist! Kurzum, der Fröhliche
und mit Bauern, die ihre Felder noch in Friedhof ist ein Ort, an dem dem Tod mit
mühevoller Handarbeit anstelle von High- viel Humor begegnet wird.
tech-Maschinen bestellen. Unser Weg führt uns weiter durch den
Auf kleinen Nebenstraßen, die in weiten Norden Rumäniens und noch an einigen
Teilen viel besser sind als ihr Ruf, fahren wunderschönen Holzkirchen vorbei. Alle-
wir hinauf in den Norden bis an die rumä- samt verfügen über ein massives hölzernes
nisch-ukrainische Grenze und dann in das Kirchenschiff, einen spitzen Glockenturm,
kleine Dörfchen Săpânța im Kreis Mara- sind mit Holzschindeln gedeckt und ihre
mureș. Nicht zuletzt ist die Region Mara- Innenwände und Decken sind mit bunten
mureș bekannt für ihre etwa sechzig Holz- Fresken bemalt, die Heilige oder Szenen
kirchen, von denen sogar acht den Status des Alten Testaments zeigen.
eines UNESCO-­Weltkulturerbes besitzen. Wir sind mittlerweile einige Tage unter-
Auch wenn die Kirche von Săpânța nicht wegs und fühlen uns in diesem noch relativ
zum Weltkulturerbe zählt, lohnt sich ein ursprünglichen Land mit seinen unglaub-
Besuch – vor allem mitsamt des »Fröh­ lich herzlichen und hilfsbereiten Menschen
lichen Friedhofs«. Normalerweise sind bereits jetzt sehr wohl. Gerade auf abgele-
Friedhöfe eher ein Ort der Trauer, doch genen, wenig befahrenen Landstraßen sind

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


unsere Motorräder ein echter Blickfang. Bald lassen wir aber auch die letzten
Denn auch wenn Rumänien unter Motor- Zeichen der Zivilisation hinter uns und fol-
radfahrern in den letzten Jahren immer gen einem mehr oder weniger ausgewa-
mehr an Beliebtheit gewonnen hat, sind schenen Forstweg immer weiter in die
­gerade abseits der bekannten Strecken Wälder hinein. Zeitweise fließt der Bach,
­größere Motorräder auch heute noch eine dem wir folgen, über den Weg hinweg und
Seltenheit. So folgen uns oft die erstaunten verwandelt die Strecke in eine Art Fluss-
Blicke der Erwachsenen wie auch der Kin- bett mit größeren Steinen und Auswa-
der, wenn wir durch die Dörfer fahren. Die schungen, was die Fahrt zu einer durchaus
Menschen winken uns freundlich zu und herausfordernden und schweißtreibenden
viele der Kinder bedeuten uns wild gesti- Angelegenheit werden lässt. Als wir eine
kulierend, wir sollen doch mal ordentlich kurze Pause einlegen und uns mit Müsli­
Gas geben, oder kommen an die Straße an- riegeln für die weitere Fahrt stärken, nut-
gelaufen, damit wir ihnen ein »High five« zen wir das eiskalte, glasklare Gebirgs­
geben können. wasser des Baches, um unsere erhitzten
Neben seiner einzigartigen sakralen Ar- Gesichter zu kühlen.
chitektur hat der Norden Rumäniens auch Frisch gestärkt machen wir uns wieder
weitläufige Wälder und fast menschenleere auf den Weg und erreichen nach einigen
Bergregionen zu bieten, denn die Ostkar- Kilometern den Bergkamm. Der dichte
paten verlaufen quer durch die Region. So Wald, der unsere Sicht bisher sehr einge-
beschließen wir, bei Borșa von der Land- schränkt hat, wird immer lichter und gibt
straße abzubiegen und die Berge zu erkun- schließlich den Blick frei auf eine weitläu-
den. Eine kleine Schotterstrecke führt uns fige, leuchtend grüne Berglandschaft. Doch Der Bach fließt
zunächst für einige Kilometer an einer unsere Freude über den fantastischen Aus- ü ber den Weg und
mehr oder weniger verlassenen Miene vor- blick währt nicht lange. Die Abzweigung,
bei. Viele der riesigen Gebäude sind halb der wir laut Offroad-Führer, den wir mit ver­w andelt die Strecke
verfallen, die Fensterscheiben fehlen und im Gepäck haben, folgen sollen, entpuppt in eine Art Flussbett
auf den Dächern wachsen Büsche und klei- sich als sehr steil und so ausgespült, dass
ne Bäume. Die Kulisse erinnert uns ein sie mit unseren bepackten Reise-Enduros mit Steinen und
wenig an einen Endzeitfilm, doch das klei- kaum zu befahren ist. Zwischenzeitlich hat Auswaschungen —
ne Arbeiterdorf, das sich direkt an die auch noch Regen eingesetzt, der den Un-
­Industrieanlagen anschließt, scheint noch tergrund zusätzlich rutschig macht, und so eine schweißtreibende
­immer bewohnt zu sein. ist es für uns nahezu unmöglich, der Stre- Fahrt
cke weiter zu folgen. Wir drehen um und
fahren zurück zur Berg­kuppe, von wo noch
zwei weitere Wege abzweigen. Doch kei-
ner der Wege ist auf unserer Karte, ge-
schweige denn in unserem Navigations­
gerät aufgeführt. Was nun? Auf gut Glück
und ohne Plan immer tiefer in die kaum
besiedelten Ostkarpaten hineinzufahren
und uns im schlimmsten Fall heillos zu Auch gut für die Seele:
verfahren, ist kein guter Plan, schon gar Kaffee und frisch
nicht, da bereits die nächste Gewitterfront gebackener Langosch.
hinter den Bergen aufzieht. Perfekte Kulisse für
Doch wie so oft auf unseren Motorrad- Dracula und seine
reisen sind es auch diesmal die Einheimi- »Freunde«: die Altstadt
schen, die uns helfen. Wie aus dem Nichts von Sighișoara mit
taucht plötzlich ein kleiner Jeep auf, in ihren imposanten
dem drei rumänische Waldarbeiter sitzen. historischen Gebäuden.
Sofort ergreifen wir die Gelegenheit und Eingeschränkt: Ein
fragen die Männer nach dem Weg in den heftiges Gewitter trübt
nächsten Ort. Da wir nur wenige Brocken den Ausblick am Trans­
Rumänisch sprechen und die Männer alpina-Pass (v. l. o.).

Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Europa TOURENFAHRER 125
Gastfreundschaft: ­ eder Deutsch noch Englisch verstehen,
w Wir bekommen Handtücher, um unsere
Gheorghe und Ileana verständigen wir uns mit Händen und tropfnassen Gesichter abzu­trocknen, und
gewähren uns vor dem ­Füßen und nehmen unsere Karte zu Hilfe. während wir gerade erst dabei sind zu
Regen Zuflucht in ihrem Schnell verstehen sie, was wir wollen, und ­begreifen, wie uns geschieht, halten wir
Bienenwagen nördlich zeigen uns gestenreich und auf imaginären auch schon zwei Tassen heiß dampfenden
von Cârlibaba (o.). Linien auf der Karte, welche Strecke wir Tees mit Honig in den Händen. Einfach
Pragmatisch: Die kleine nehmen sollen, sodass wir unsere Fahrt unglaublich! Während der Hagel laut auf
Holz­hütte am Ufer des fortstetzen können. das Metalldach und gegen die Wände des
Stausees Izvorul Mun- Im weiteren Verlauf windet sich die nun Bienenwagens prasselt, lernen wir also
telui verwandelt sich in gut zu fahrende Schotterstrecke an Berg- Gheorghe und Ileana kennen und verstehen
eine »Trockenkammer« hängen mit bunten Blumen entlang und uns trotz Sprachbarriere auf Anhieb prima.
für unser durchnässtes führt durch abgeschiedene, einsame Täler Über eine Stunde verbringen wir in dem
Equipment (o. r.). mit satten, grünen Wiesen. Wir überlegen kleinen Raum mit den beiden und sind
schon, unser Zelt auf einer Wiese direkt ­einfach hin und weg von der offenen, herz-
neben einem kleinen Bach aufzuschlagen, lichen Art und der unglaublichen Gast-
doch leider zieht am Nachmittag erneut freundschaft, die uns hier zuteil wird.
eine dunkle Regenfront auf. Diesmal ent- Als Hagel und Regen endlich nachlas-
lädt sie sich in so heftigen Gewittern mit sen, begleitet uns Gheorghe mit nach drau-
Blitz, Donner und Hagel, dass an ein ßen zu unseren Motorrädern, wo der alte
­Weiterfahren nicht zu denken ist und wir Mann unglaublich flink und behände auf
schnellstmöglich einen Unterschlupf fin- Helmuts Motorrad steigt, um sich für ein
den müssen. Ein bunt bemalter Bienen-­ Abschiedsbild in Pose zu werfen. Als wir
Lkw bietet den weit und breit einzigen abfahren, ruft er uns noch ein »Drum bun!«
Ehe wir recht ­Unterstand. Kurz entschlossen parken wir hinterher, was so viel wie »Guter Weg!«
unsere Motorräder am Wegesrand, hüpfen oder »Gute Fahrt!« bedeutet, während er,
wissen, wie uns von den Bikes und laufen, so schnell uns Ileana und der Bienenwagen in unseren
geschieht, unsere Füße tragen, zu dem Lkw, als Spiegeln immer kleiner und kleiner werden
­plötzlich ein älterer Herr eine Tür im An- und schließlich ganz verschwinden.
halten wir bereits hänger, – diese haben wir zuerst gar nicht Völlig erschöpft und durchnässt suchen
zwei dampfende bemerkt –, aufreißt und uns hereinwinkt. wir uns am Abend ein trockenes, kuscheli-
Das lassen wir uns nicht zweimal sagen ges Plätzchen in Form einer kleinen Holz-
Tassen voll und auf einmal stehen wir mitten im win­ hütte. Binnen Minuten hängen an jeder
heißen Tees mit zigen Wohnbereich eines älteren rumäni- freien Stelle nasse Socken, triefende Mo-
schen Ehepaares, das tatsächlich in diesem torradkleidung und feuchte Tankrucksäcke
Honig in den Bienenwagen lebt und seine Bienenstöcke und verwandeln unsere kleine Unterkunft
Händen betreut. in eine mehr oder weniger stark »duften-

126 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa 220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


de« Trockenkammer. Und nach einer er- Schnee, der oft bis zum Frühsommer lie-
holsamen Nacht weckt uns der neue Mor- gen bleibt. Deshalb ist vor allem die Trans-
gen wieder mit strahlendem Sonnenschein făgărășan in der Regel bis weit in den Juni
und dem Versprechen auf einen weiteren hinein für den öffentlichen Verkehr ge-
spannenden Motorradtag in Rumänien. sperrt. Da es erst Anfang Juni ist, stehen
Unsere Reise führt uns jetzt tief hinein in unsere Chancen, dass die Strecke schon
das Herz Rumäniens, denn das Siebenbür- ­offen ist, daher leider eher schlecht. Doch
gische Becken – besser bekannt als Trans- so schnell lassen wir uns nicht entmutigen
silvanien – hat einige gut erhaltene histo­ und folgen der Strecke immer weiter in die
rische Städte, märchenhafte Burgen und Südkarpaten hinein. Irgendwann gelangen
Schlösser sowie weitestgehend unberührte wir tatsächlich an eine kleine Absperrung
Landschaft und Nationalparks zu bieten. aus Beton, die allerdings nicht die gesamte
Neben der UNESCO-Weltkulturerbe-­ Fahrbahn blockiert, sondern gerade so viel
Stadt Sighișoara, in der noch heute viele Platz frei lässt, dass wir mit den Motor­
Spuren an die ersten deutschen Siedler er- rädern vorbeifahren können. Kurz zögern
innern, besuchen wir bekannte Orte wie wir, doch als plötzlich zwei ukrainische
das Schloss Bran. Dank des Mythos um Motorradfahrer um die nächste Kehre bie-
Bram Stokers »Dracula«, der angeblich gen und uns berichten, dass die Strecke bis
einst hier lebte, erfreut sich das idyllische, auf wenige kleine Schneefelder bereits
verwinkelte Gemäuer heute großer touristi- freigeräumt ist, wollen auch wir unser
scher Beliebtheit. Ähnlich märchenhaft ist Glück versuchen.
nahe der Stadt Sinaia auch das Schloss Die Sonne steht schon tief über den
Peleș, das nicht umsonst als »Neuschwan- ­umliegenden Berggipfeln, als wir uns die
stein Rumäniens« bekannt und ebenfalls gefühlt hundert Kurven und Kehren durch
einen Besuch wert ist. das Bâlea-Tal hinauf bis zur Passhöhe
Doch Transsilvanien ist zugleich auch schrauben. Wir passieren tatsächlich einige
das Tor zu den Südkarpaten, die mit Schneefelder, die jedoch bereits von
Transalpina und Transfăgărășan gleich Schneefräsen und Radladern bearbeitet
zwei weltberühmte Motorrad-Traumstre- wurden und daher gut passierbar sind. Mit
cken vorweisen können. Während die jedem Höhenmeter wird der Blick auf das
Transalpina mit über 2145 Metern etwas Siebenbürgische Becken und die Strecke,
höher ist als die nur gut hundert Kilometer die sich hinab ins Tal windet, spektakulärer
weiter östlich verlaufende Transfogara- und wir genießen die berauschend-kurvige Die dünn besiedelten
scher Hochstraße, ist zweitere aufgrund Fahrt in vollen Zügen. Gefesselt von der Berg­regionen Rumä­
­ihrer einzigartigen Streckenführung für uns sensationellen Bergkulisse, der eindrucks- niens bieten jede Menge
die deutlich spektakulärere Route. Auf- vollen Passstraße und der atemberauben- idyllische Möglichkeiten
grund der Höhenlage und des kontinenta- den Fernsicht, beschließen wir spontan, zum Campen – hier
len Klimas fällt in den Karpaten sehr viel heute nicht mehr weiter durch den Tunnel bei Trei Ape.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


Nur das Wissen zu fahren, der die beiden Seiten der Pass-
höhe miteinander verbindet, sondern unser
Bergstrecke, machen wir uns noch am sel-
ben Tag auf, die Karpaten über die Trans­
um die in den Zelt gleich hier entlang des Nordteils der alpina gleich ein weiteres Mal zu überque-
Karpaten Strecke aufzuschlagen.
In der menschenleeren, alpinen Land-
ren. Fast kommt es uns vor, als wären wir
in einer Achterbahn gelandet!
noch lebenden schaft ist schnell ein geeigneter Platz ge- Unsere Route führt uns schließlich bis
Braunbären lässt funden, der nicht nur einigermaßen eben weit in den Süden Rumäniens, wo wir dem
ist, sondern uns auch eine traumhafte Aus- Ufer der Donau folgen, die hier den Grenz-
uns nachts sicht bietet. Geschwind schlagen wir unser fluss zwischen Rumänien und Serbien
im Zelt auf jedes Zelt auf, stärken uns bei einer leckeren ­bildet. Wir kommen vorbei am Kloster
Brotzeit und genießen den Anblick der Mraconia und an der imposanten Statue
Rascheln lauschen Sonne, die bereits hinter den gegenüberlie- des Dakerkönigs Decebalus, mit 55 Metern
genden Berggipfeln untergeht. Während die höchste Felsskulptur Europas, bevor
die Landschaft um uns herum nach und wir schließlich das »Eiserne Tor« errei-
»Neuschwanstein nach in der Abenddämmerung versinkt, chen. Der Durchbruch der Donau durch die
Rumäniens«: Märchen- hören wir nichts als das Rauschen und Südkarpaten, der den Fluss auf nur zwei-
schloss Peleș (u.). Plätschern einiger Gebirgsbäche und die hundert Meter Breite verengt und ihn da-
Auf dem Weg durch die pfeifenden Rufe der Murmeltiere. Keine mit für lange Zeit zum gefährlichsten Ab-
rumänischen Karpaten lärmenden Autos, kein städtisches Hinter- schnitt der Donau-Schifffahrt machte, ist
ist der Himmel zum grundrauschen, kein Hupen oder sonstiger schon vom Ufer aus ein beeindruckender
Greifen nah – nördlich von Menschen verursachten Lärm. Nur Anblick.
von Novaci (g. u.). das Wissen um die Braunbären, die noch Nach fast vier Wochen geht unsere
heute in den rumänischen Karpaten leben, ­Reise durch Rumänien schließlich zu Ende
lässt uns mehr als sonst auf jedes Geräusch, und für uns steht fest: Das Karpatenland
jedes Knacken und Rascheln lauschen. zwischen Ungarn und dem Schwarzen
Nach einer dementsprechend unruhigen Meer hat unglaublich viel zu bieten. Neben
und auch kühlen Nacht werden wir am malerischen Altstädten, sagenumwobenen
nächsten Tag von den ersten Sonnenstrah- Burgen und Schlössern, unberührter Natur
len geweckt und sind dankbar für die war- und fantastischen, kurvenreichen Motor-
me Morgensonne, die unsere müden Glie- radstrecken am laufenden Band sind es
der mit neuer Energie auflädt.Wir fahren aber vor allem die freundlichen, offenen
hinauf zur Passhöhe, wo wir die Motor­ und herzlichen Menschen, die unsere Reise
räder durch einige wenige Meter Schnee so unvergesslich gemacht haben. Rumäni-
manövrieren müssen, bevor es durch den en, wir kommen wieder! Denn es gibt noch
stockfinsteren, 887 Meter langen Tunnel so viel zu sehen, so viel zu entdecken und
geht. Auf der anderen Seite der Passhöhe noch jede Menge kurvige Bergstraßen und
angekommen, windet sich die Strecke in Schotterstrecken, die nur darauf warten,
weiteren spektakulären Kehren hinunter von uns unter die Räder genommen zu
ins Tal. Begeistert von der überwältigenden werden!

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Anreise Atea
Theiß
Maramureș
UKRAINE
Petea
Über Österreich und Ungarn erreicht
Săpânța Cârlibaba
man Rumänien in circa zwei Tagen. Da RUMÄNIEN OcnaȘugatag
Rumänien seit 2007 zur EU gehört, wer­ Rozavlea Borșa
den bei der Einreise nur der Personal­ RUMÄNIEN Iași
ausweis und die Fahrzeugpapiere kon­ Ţibana
E 60 Izvorul Muntelui
trolliert. Natürlich sollte man seinen Salonta (Klausenburg)
UNGARN Târgu Mureș
deutschen Führerschein, die grüne Ver­ Glăvoi
(Neumarkt) Bicaz Piatra Neamț
sicherungskarte sowie die deutsche Turda (Kreuzburg)
e
Krankenversicherungskarte mit im Ge­ Siebenbürgen irg Gheorgheni
eb Lacul Ursu
päck haben. G Ţifra Sibiu Sighișoara
Arad (Hermannstadt)

i-
E 68 Cârțișoara
Achtung: Sowohl in Österreich wie Cârța

en
Sebeș
Brașov

us
auch in Ungarn sind die Autobahnen für

Ap
Transalpina (Kronstadt)
Motorräder kostenpflichtig – man benö­ Timișoara Lugoj
tigt also eine Vignette, die in jeder Tank­ (Temeschburg) Bușteni Berca
stelle erworben werden kann. In Rumä­ Rânca Sinaia
Târgu Jiu
nien sind Motorräder hingegen von der Trei Ape Eisernes Novaci Bran Buzău
Tor
Vignetten-Pflicht ausgenommen. Râmnicu Bâlea-Tunnel
Zu Deutschland herrscht in Rumänien Prigor Vâlcea Transfăgărășan
Drobeta
SERBIEN Turnu Severin E 81 50 km
außerdem ein Zeitunterschied von plus Donau
einer Stunde.
höfen und in öffentlichen Verkehrsmitteln man sein Zelt auch im Garten einer
Motorradfahren gut auf Wertgegenstände aufgepasst ­ ensiunea aufschlagen – Nachfragen
P
Entgegen seinem relativ schlechten Ruf werden, da es hier vermehrt zu Taschen­ lohnt sich!
sind weite Teile des rumänischen Stra­ diebstählen und Trickbetrügereien Die Preise für Campingplätze und Zim­
ßennetzes sehr gut ausgebaut. Trotzdem kommt. mer sind noch relativ niedrig und liegen
sollte man stets aufmerksam und voraus­ meist zwischen 10 Euro / Nacht für einen
schauend unterwegs sein, denn tiefe Reisezeit Campingplatz und 20–25 Euro / Nacht für
Schlaglöcher, Rollsplitt und Tiere auf der Das Klima Rumäniens ist dreigeteilt. ein Doppelzimmer in einer Pension.
Fahrbahn sind trotz allem nach wie vor Im Bereich westlich der Karpaten
Alltag auf Rumäniens Straßen. herrscht ein gemäßigtes Klima mit eher Literatur / Karte
Achtung: In Rumänien gilt die Null-­
Promillegrenze!
feuchten Sommern und relativ milden und mehr
Wintern. Östlich der Karpaten über-
Um sich auf Rumänien vorzubereiten,
wiegt ein kontinentales Klima mit eisigen
Geld / Einkaufen Wintern und relativ warmen Sommern.
stehen eine Vielzahl an aktuellen Reise­
führern zur Verfügung, zum Beispiel:
Obwohl Rumänien zur EU gehört, zählt Die Schwarzmeerküste und der Süden
­Diana Stanecu: Rumänien – Individuell
das Land noch nicht zur Euro-Zone. Die des Landes sind hingegen fast schon
reisen mit vielen praktischen Tipps,
Landeswährung Rumänischer Leu – ­mediterran mit heißen Sommern und
­Michael Müller Verlag, 3. Auflage (2018),
Mehrzahl: Lei – (RON) hat derzeit einen ­milden Wintern. In den Karpaten und im
ISBN: 978-3-95654-285-5, 24,90 Euro.
Kurs von 1 Euro = 4,94 Lei. Neben kleinen Nordwesten des Landes fallen die meis­
Als reiß- und wasserfeste Karte emp­
Wechselstuben, die sich an den meisten ten Niederschläge, während der Süden
fehlen die Autoren: Landkarte Rumänien,
größeren Grenzübergängen finden, kann und Osten eher trockener sind.
Moldau, M.: 1:600.000, Reise Know-How
man mithilfe einer Kreditkarte auch an Für Motorrad- und Campingtouren in
Verlag, world mapping project, 9. Auf-
­jedem Geldautomat Geld in Landeswäh­ den Karpaten ist vor allem die Zeit von
lage (2019), ISBN: 978-3-8317-7331-2,
rung abheben. Juni bis September optimal. Aber auch
9,95 Euro.
Obwohl gerade die ländlichen Regio­ die Übergangsmonate, die besonders im
Die beiden Autoren haben einen
nen Rumäniens noch sehr weit von den Süden und Westen des Landes sehr mild
­digitalen Reiseführer inkl. der schönsten
westlichen Standards entfernt sind, fin­ sein können, sind empfehlenswert.
Strecken Rumäniens speziell für Motor­
den sich in jeder größeren Stadt große
radfahrer herausgebracht (www.
Supermärkte, Banken und Apotheken, in Unterkünfte timetoride.de/shop/rumaenien-motorrad-
denen problemlos alles Notwendige be­ Während Campingplätze noch nicht reisefuehrer). Zusätzlich bietet der
sorgt werden kann. ganz so verbreitet sind, findet sich in eTourGuide eine interaktive Karte mit
­nahezu jedem Ort neben Hotels auch
Sicherheit eine Auswahl an familiengeführten Pen­
über 60 POIs sowie ein Video mit Rumä­
niens Top 20 Highlights.
Entgegen eventueller Vorurteile ist sionen, die meist einfache, aber sau- Die Erlebnisse der beiden können
­Rumänien grundsätzlich ein sehr siche­ bere Zimmer anbieten und »Pensiunea« auch in ihrem Rumänien Videotagebuch
res Reiseland. Wie in allen anderen heißen. Sie gewähren mitunter inter­ (www.youtube.com/user/timetoride2011)
­Ländern auch sollte aber vor allem an essante und immer herzliche Einblicke verfolgt werden.
touristischen Orten, an Flughäfen, Bahn­ in das Leben der Rumänen. Oft darf

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de Motorrad-Traumziele Europa TOURENFAHRER 129


Hintergründig: Im Umland von Zako-
pane zeigt sich nicht nur nahe Poronin
die Hohe Tatra besonders zackig.

piękna
Polska
… bedeutet »schönes Polen« und beschreibt treffend die Region
Małopolska von Krakau bis zur Hohen Tatra an der Südgrenze zur
Slowakei. Lars Wennersheide (Text & Fotos) und Marius Becker
(Fotos) besuchen mit der Woiwodschaft Kleinpolen eine moderne
Region mit uralten Traditionen, pendeln zwischen Kultur, Kirchen
und beinahe kitschigen Kulissen.

220706115406DZ-01 am 06.07.2022 über http://www.united-kiosk.de


Motorrad-Traumziele
220706115406DZ-01 Europa TOURENFAHRER
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»Hand-Käse«: Staszek,
Staszek, Franek und
Józek beim Oscypek-­
Käse-Pressen in der
Bacówka (Schäferhütte)
bei Czorsztyn (gr. Foto).
Käsekegel beim Räu-
chern. Franek wärmt
die Käsemasse, bevor sie
Form annimmt (kl. Fotos
von oben).

»Rauchiges Aroma und


leicht salziger Geschmack,
so muss er sein«, erklärt
uns Schäfer Franek

132 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele


220706115406DZ-01 am 06.07.2022Europa
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E
ine wunderbare Schmelze zwischen »Piękna Polska«, schönes Polen. Das be-
einer Metropole, in der jeder anonym schreibt nicht nur unsere Stadtführerin, viel-
lebt und einem Dorf, in dem sich jeder mehr auch das Panorama, das sich über der
kennt.« Krakau ist Sylwias Welt. Mit Stadt an der oberen Weichsel vor uns aus-
ihr haben wir eines seiner Dächer erklom- rollt. Sylwias Fingerzeige lassen unsere ge-
men. Sind im Rooftop-Café »Metrum« mit meinsamen nächsten Stunden erahnen. »Der
einem kleinen unscheinbaren Eingang und Wawelhügel, ein Burgberg, auf dem Schloss
einer schwierigen Parkplatz-Situation für und Kathedrale der ehemaligen Königsstadt
unsere Kawasaki vor der Tür, geschützt und des Bischofssitzes thronen. Das älteste
von einem zweiflügligen, gusseisernen erhaltene Unigebäude Polens, erbaut als
Torgitter. Kopernikus in der Stadt studierte. Oder …«

134 TOURENFAHRER Motorrad-Traumziele Europa


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Die Peripherie rückt näher, die
Bilder durchs Visier werden
grüner, die Bronchien des
Vierzylinders pusten freier

Bis abends begegnet uns eine gute Mi- geboren, hier studiert, spricht Sylwia per- Farbig: Am Stausee
schung aus jungem Blut und alten Mauern. fekt unsere Sprache. Pferdekutschen pol- Jezioro Czor­sztyńskie
Nicht grundlos gilt Krakau als polnisches tern über harten Stein des Rynek Glówny sind die Wiesenflächen
Florenz. Wir kurven und gehen durch eine (Hauptmark) vor den ehrwürdigen Tuch- zwischen Falsztyn
kulturelle Kapitale, eine Stadt voller Fein- hallen, neben der venezianischen Piazza und Frydman ordent-
heiten und Museen, die bei untergehenden San Marco der größte mittelalterliche lich gemustert.
Sonnenstrahlen mehr und mehr von kruden Marktplatz Europas. »Erste Gesetze gegen
Kumpelrunden mit unregulierten Knick- überbordenden Luxus wurden bereits im
Knack-Fantasien aufgepumpt wird. »Wenn 14. Jahrhundert eingeführt.« Als Knoten-
wir einen nackten Mann in einem Brunnen punkt zweier transkontinentaler Handels-
sehen, dann ist das sicher ein Brite.« Hier wege badete Krakau für einstige Verhält-

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Kutschertreffen: Der mittelalterliche Marktplatz und die Tuchhallen
von Krakau brauchen den Vergleich mit anderen großen Plätzen
Europas nicht zu scheuen (großes Foto).
Wackelig: Stanisław erklärt in Sromowce Niżne gleich zu Anfang die
Vorzüge einer Floßfahrt über den Grenzfluss Dunajec (ganz oben.).
Denke! Statt! Pöble! Arbeit macht eben nicht frei. Stammlager
Auschwitz und die Sprachlosigkeit (oben).

nisse im Reichtum, »gehörte zur Hanse, zwei Schnappatmungen, dann pusten auch
wurde damals ›das Kupferhaus‹ wegen die Bronchien des Vierzylinders wieder
seiner Bedeutung als Umschlagplatz für freier.
das Edelmetall genannt.« Polen, je öfter wir herkommen, desto
»Metropolen taugen nicht für Motor- besser verstehen wir dich, schließen dich
radreisende« werden sicher einige denken. immer mehr in unsere Herzen. Die Straßen
Tatsächlich ziehe auch ich gewöhnlich lie- griffig, der Verkehr flott, die Amplitude
ber einen großen Bogen um Ballungsge- zwischen letzten Überbleibseln sozialisti-
biete. Ruppiger Asphalt zwischen schlüpf- scher Zeit und frühlingshafter Moderne
rigen Straßenbahnschienen lassen die Ver- wuchtig. Kaum ist die Baracke mit dem
sys inmitten von Blechkarawanen herum- verrosteten Grill vor der Tür, eine »Snack-
schlingern. Erfolglos versuchen wir, polni- bar« passiert, baut sich zunächst eine zähe
sche Wegweiser an Mehrspurstraßen zu Rotlichtreihe, dann der Förderturm des
sortieren. Die Peripherie rückt näher, die Salzbergwerks Wieliczka, ein UNESCO-
Bilder durchs Visier werden grüner. Ein, Welterbe vor uns auf.

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Krakau wurde einst »das
KUpferhaus« genannt und
gilt Nicht ohne Grund heute
als polnisches Florenz

Gekleidet in einen grauen »Blaumann« die Kontrolle des insgesamt 300 Kilometer
über Gore-Tex und Protektoren, mit Bauar- langen Tunnelsystems auf neun Ebenen
beiterhelm auf dem Kopf, umgehängtem mitverantwortlich, führt Gäste wie uns als
Kohlefilter (»Methangas-Alarm möglich«) Oberhauer unter Tage. »Auf der Berg-
und Taschenlampe in der Hand wird nicht mannsroute geht es auch hautnah um ein
nur Marius zum Bergmann. Dünne Licht- Gefühl für die Maloche.« Zack hat Marius
strahlen fingern durch die Finsternis der eine Schaufel in der Hand oder krabbelt
Korridore 60 Meter unter der Erde, blen- auf allen vieren durch einen Hunderücken-
den zurück in eine fast 800 Jahre alte Ab- hohen Schacht. Kleinere und größere ein-
bautradition, in Zeiten, als Männer im Fla- gegrabene Kapellen, wie die pompöse
ckern von Fettlampen schuften mussten. ­Kinga-Kathedrale, bringen Luft zum Atmen
»Klong« hämmert der Fels über mir in in das unterirdische Sanatorium. »Die Re-
meinen Helm. Stehhöhe einsachtzig ist gion Kleinpolen war im Vergleich mit dem
nicht jedermanns Sache. Als studierte westlichen Nachbarn Oberschlesien nie
Bergbauingenieurin zeichnet Marzena für so reich an Bodenschätzen. Salz war das

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weiße Gold der Zeit, rund ein Drittel der im seichten Abendlicht. Spätestens hinter
gesamten Einkünfte des Krakauer Königs Tarnawa dribbeln wir uns bis Stare Rybie
steuerte es bei.« über eine Schmalspurbahn durch dichten
Zurück an der Sonne, schwinge ich Wald in die Höhe. Nowe Rybie, Roztoka,
mein Bein wieder über die Sitzbank der Łukowica, Jadamwola. Hauptstraßendörfer
Kawa. Ab in den Süden, die Schneeberge folgen dicht auf dicht, bleiben bis Stary
der Hohen Tartra, das kleinste Hochgebirge Sącz wie Schall und Rauch zurück, sind
der Welt, an der Grenze zur Slowakei im bald vergessen.
Navigationsfokus. 80-70-90, keine Maße Rechts oder links, links oder rechts?
für sonderliche Fantasien, eher wechselnde Wiederholt stellt uns in einer der ältesten
Vorgaben bei der Lotterie im Tempolimit- Städte Polens die etwas undurchsichtige
Bingo auf der Droga wojewódzka 966, Zufahrt zum Rynek, dem Marktplatz, vor
der Woiwodschafts-Straße 966, bevor die einen Fifty-fifty-Joker. Die blaue Stunde
Landstraße im 40-30-50 des nächsten verhüllt den verwaisten Platz mit dem
Ortes versinkt. typisch rechteckigen Aufbau, mahnt uns
Während Marius durch die Gänge seines zur Eile, verleiht den bunten Häusern mit
wenige Kilometer Zweizylinders steppt, schieben die vier ihren charakteristischen Bogengängen, den
Töpfe meiner Kawa so geschmeidig voran, Cafés, Restaurants, Galerien und Kondito-
und doch ein als bräuchte sie kaum mehr als einen oder reien gleichzeitig Faszination, aber auch
Zeitsprung. Jedes zwei Gänge. Schaltfaul rolle ich so bis etwas Geisterhaftes.
Łapanów dahin, um rechts auf kleinere Krynica-Zdrój. »Krynica-Bad, Königin
Seitental wird Pfade abzutauchen. Zurück bleiben die der Gebirgskurorte.« Eine Stadt, so lebhaft
Tiefebene des Weichseltals und die Indus- wie Bogdan: ein Tausendsassa mit einer
zur Sackgasse am trie Krakaus. In der Ferne zeichnen späte Vergangenheit, die ihn als Arbeitsnomaden
Ende der Welt Atemzüge des Tages die ersten so typi- quer durch Europa immer wieder woanders
schen Inselberge der grünen Westbeskiden Station hat machen lassen. »Vor 30 Jahren

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Lärche: die Erzengel-­
Michael-Holzkirche
von Dębno ist
UNESCO-Kultur­
erbe (großes Foto).
Kunst oder Kitsch?
Diskussion mit Guide
Sylwia an der Stadt-
mauer von Krakau.
Marketing-Mann:
Der Gorale Tadeusz
symbolisiert das
weite Spannungsfeld
zwischen Tradition
und Moderne in
Zakopane. Holz­
hütten: museale
Goralen-Architektur
auf der Hochebene
bei Chochołów (kl.
Fotos v. l. o. n. u.).

endgültig hierhergezogen«, immer nahe am einer natürlichen Klimaanlage. Restaura-


Infarkt und heute unser Krynica-Erklärer. toren versperren heute den Eingang zur
»Als 1793 die Besonderheit der örtlichen UNESCO-geschützten Holzkirche von
Mineralquellen entdeckt wurde, wuchsen Powroźnik. Die tief eingegrabenen, weiten
nach und nach Bäderarchitektur und Bade- Schleifen des Poprad-Flusses geben dem
einrichtungen aus den Böden, kamen Adel Asphalt am südöstlichen Fuße der Hohen
und Künstler, erlebte das Kurhaus mit Tatra Rhythmus. Jedes Seitental wird zur
Habsburger Anklängen prachtvolle Bälle.« Sackgasse am Ende der Welt.
Unterwegs auf der aleja Nowotarskiego, »Slowakei?« – »Fehlt noch auf meiner
einer Allee nahe dem Bulwary Dietla, müs- Liste der besuchten Länder in Europa.« –
sen wir die letzten Meter zur Haupttrink- »So nah waren wir noch nie dran!« Marius
halle per pedes zurücklegen. »Aus sieben und ich sind uns beim schnellen Eis an der
verschiedenen Quellen sprudelt nicht nur Tankstelle von Piwniczna-Zdrój einig, ma-
Mineral-, auch Heilwasser, das Verdau- chen anscheinend unbeobachtet rüber in
ungs-, Harnwegs-, Stoffwechsel- sowie die Nordostslowakei, schlängeln uns durch
Herz-Kreislauf-Erkrankungen heilen soll.« das Lublauer Gebirge Richtung Stará
Drei Proben wandern über den Tresen. Es Ľubovňa, einer der ältesten Städte der
riecht nach Schwefel, ist trüb. Einmal nip- Region. Nur wenige Kilometer und doch
pen reicht … hoffentlich werde ich niemals ein Zeitsprung. Für einige Momente fühlen
so krank. wir uns glatt verloren.
Hochsommer brennt am Himmel über Vergleichsweise dünn ist die Zipser
den Sandezer Beskiden, Hitze sammelt ­Region besiedelt, dafür offener, luftiger,
sich in den Talsenken, unter der Schutz- vernachlässigter, osteuropäischer. Wind
kleidung. Sämtliche Lüftungsschlitze mei- greift in hohe Gräser, die überfällig für
ner Kombi stehen auf Durchzug. Der Griff eine Rasur scheinen. Jeder Meter Asphalt
ans Gas wird zum willkommenen Schub will sich im Fahrwerk bemerkbar machen.

Motorrad-Traumziele
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Allein der Bauch
und hier und da
die StraSSenkarte
entscheiden, wo
wir denn gleich
abbiegen werden

Segensreich: Statue
des Papstes Johannes
Pauls II. an der Kalwa-
ria Zebrzydowska.

Statt hohen Autoaufkommens laufen die »Zapraszamy« – willkommen, ja, warum


Menschen nicht nur in den Dörfern zu Fuß nicht? Der Kamin dampft, Frauen sonnen
entlang bürgersteigloser Fahrbahnen. Alte sich vor der Blockhütte. Ihre Männer leben
Mütterchen tragen Kopftücher, schwadro- im Sommer mitsamt der Schafsherde hier
nieren vor ihren Häusern in Kamienka, draußen in der Natur. Drinnen werden Luft
als wir längst den Rückweg eingeschlagen und Sicht knapp.
haben. Im Verkehr gilt das Recht des Stär- Die oberen Balken tragen Schwarz
keren. Auf der Gegenfahrbahn drei frei lau­ vom Rauch, unten hocken Staszek und
fende Rinder, auf unserer Seite ein Mann Staszek, Franek und Józek am offenen
mit tief gegerbtem Gesicht. Der Bus, hinter Feuer, halten einen Eimer mit warmem
dem wir nahe Veľký Lipník herzockeln, Wasser vor sich, reiben darin geronnene
hält drauf, kein Bremslicht, kein Ausweich­ Schafsmilch in den Händen, pressen
manöver. Mit einem beherzten Sprung lan- Käsebruch zu spindelförmigen Kegeln,
det der Kuhhirte rechts im Graben. Ohne als sei jeder eine kunstvolle Holzschnitz-
Regung oder gar Erregung! arbeit. »Rund 20 Zentimeter lang, zwi-
Zurück in Kleinpolen, wie die Woiwod- schen 600 und 800 Gramm schwer, wird
schaft Małopolska auf Deutsch genannt der Oscypek danach unter der Decke ge-
wird. Nationalpark Pieninen. Die einzig räuchert.« Franek trägt sein Gebiss ebenso
mögliche Verbindung trägt uns durch sein mit wenig Zähnen wie seine Kollegen, ist
Zentrum hinüber nach Czorsztyn. Restau- stolz auf die lange Tradition des elasti-
rant »Zajazd Pod Smrekami«, Startpunkt schen Hartkäses mit cremefarbenem Inne-
des Wanderweges Richtung Trzy Korony, ren und strohfarbener Rinde. »Rauchiges
auf Deutsch: Drei Kronen, dem höchsten Aroma und leicht salziger Geschmack, so
Gipfel im Nationalpark. Gleich hinter dem muss er sein.« Allein in diesen Käsehütten
Orientierungstableau öffnen sich frische, darf er gemacht werden, geht zurück auf
blumige Wiesen, blöken Schafe, muhen die Goralen, ein Berg- und Hirtenvolk,
Kühe über die Hügel wie auf einer Alm. steht für die Region wie der Parmakäse in
»Bacówka«, Schäferhütte, das Holzbrett Italien oder die Thüringer Bratwurst in
am Zaun sucht nach Aufmerksamkeit. Deutschland.

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Fahrtwind lüftet uns im ältesten zwei- dem Himmel um den Königstitel des Tages Kriechgang:
staatlichen Nationalpark mit Polen bis wetteifert. Erst die Holzkirche von Dębno Unter Tage auf der
Sromowce Niżne wieder aus. Perspektiv- stoppt uns kurz. Vor mehr als 500 Jahren Bergmannsroute von
wechsel mangels Asphaltwegen. Unter uns aus Lärchenholz zusammengedübelt, Wieliczka (g. o. l.).
gurgeln kleinere Stromschnellen und Stru- erzählt auch sie von der Finesse hiesiger Fallhöhe: Über 60 m
delseen, das Holz des Floßes knarzt be- Natur-Architektur. stürzt der Brunnen
drohlich. Wellen neigen dazu, über das Polens Hochland zieht uns magisch an. von Burg Dunajec in
niedrige Freibord aus Baumstämmen zu Trägt uns immer höher. Mit jedem Kilome- die Tiefe (g. o. r.).
schwappen. Stanisław und Bootsjunge ter gen Süden scheinen die alpinen Gipfel Glasig: Malereien
Michał halten die Fuhre mit all ihrer Erfah- der Hohen Tatra zu wachsen. Weder die in der Willa Czerwony
rung und riesigen Stocherstangen mühsam schnellste, noch die kürzeste Route bestim- Dwór (o. l.).
auf Kurs, gleichen jedes Kippeln, jede men unsere Navigation. Allein der Bauch Gaumenkirmes:
Abdrift aus. Wow! Immer dichter scheinen und hier und da die Straßenkarte entschei- Genuss im Restaurant
wir gegen eine Wand zu fahren. Im letzten den, wo wir gleich abbiegen. Geheimnis- »Szara Gęś« auf
Moment durchbricht der Grenzfluss Duna- volle Nebenwege saugen uns auf. Geht’s dem Marktplatz von
jec in knackigen Schleifen die mehr als überhaupt weiter oder stranden wir gleich Krakau (o. r.)
500 Meter hohen, beinahe senkrecht em- in einer Sackgasse? Gut, auf dem Zweirad
porragenden, nackt-weißen Block-Kalk- unterwegs zu sein, so schmal, steil oder
steinwänden bis Szczawnica. auch winkelig überrascht so manche Passa-
Erstaunlich stabil fühlt sich nach einer ge. Wenden werden manchmal selbst mit
solchen Bootstour das Motorrad an. In der der Kawa kitzelig.
Ferne erhebt sich Burg Dunajec in Niedzi- Nordöstlich von Zakopane, gegenüber
ca zum weit sichtbaren Wegpunkt. Schul- von Poronin lassen wir uns letztlich vom
klassen strömen in die Ruine, die einst als Ortsschild »Suche« verleiten. Vierstellige
Grenzbefestigung für den Norden Ungarns Höhenmeter gehören längst zur Standard-
diente und im Inneren wie ein selbstständi- anzeige im GPS. Wie wir vor Ort hören,
ges Dorf aussieht. Ausflugsboote zer- können wir wegen der späten Stunde die
schneiden die Oberfläche des Stausees Zufahrtbeschränkungen zum Gubałówka
Jezioro Czorsztyńskie, dessen Blau mit übersehen. Oben an der Bergstation des

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Wintersportmekkas Polens hat die Kirmes malbad Polens einerseits, museale Gora-
Die Aussicht hat Feierabend und die perfekte Aussicht allein len-Architektur im Dorf andererseits. Ab-
für uns geöffnet. Mehr Alpen gehen in der schiedsvorstellung für die Hohe Tatra, die
allein für uns polnischen Hohen Tatra nicht. mit jedem Kilometer mehr zu einem Mit-
Zakopane. Wendepunkt der Reise. Eine telgebirge schrumpft, dessen Höhenkämme
geöffnet. Mehr Insel des Winter- und Klettersports, die so meist in west-östlicher Richtung verlaufen
Alpen gehen in der anders daherkommt als ihr Umfeld und und von kleinsten Wegen zerschnitten
locker mit Top-Adressen alpiner Ziele mit- werden. Kräftige Kehren, überraschender
polnischen Hohen halten kann. Gemächlich streifen wir im Schotter, plötzlich queren wir eine Bahn-
Bummeltempo durch Straßen und Gassen, trasse über eine Brücke, deren Tragfähig-
Tatra nicht die auf eine eigene Art hektischer wirken keit der entgegenkommende Klein-Lkw
als die vergangenen Tage. Eine Stadt im hoffentlich nicht überreizt. Ob der Fahrer
gewaltigen Spagat zwischen lauter Moder- gebetet hat?
ne und tiefer Traditionen. In der einerseits »Die Kalwaria Zebrzydowska ist das
die Vergangenheit der Goralen mit »High- polnische Jerusalem.« In einer Region, in
lander« Tadeusz als Instagram-Marketing- der der Glaube eine große Rolle spielt,
Repräsentant »Gooral-Zakolove« im Netz sticht Wojtek noch einmal heraus. »Hallo,
kulminiert, andererseits aber auch die Willa Grüß Gott!«, geht unserem Guide für
Czerwony Dwór leise ihre Pforten öffnet. »Kloster, Kreuzigungshügel, Pilgerwege
»Die Kultur des Bergvolkes ist die Kultur und Prozessionen« sehr flüssig über die
der Schäfer, die hier lebten.« Maciej arbei- Lippen. »Der spätere Papst Johannes
Abtrünnig: Der Abste- tet als Guide in der Villa, die »regionale Paul II. kam als Krakauer Kardinal Karol
cher in die Slowakei Kunst und Künstler aus Zakopane reprä- Wojtyła öfter her, wanderte bei Blitz,
schenkt uns ein wunder- sentiert, vor allem Glasmalereien, die von Donner und strömenden Regen zwischen
bares Panorama nahe der Rückseite quasi seitenverkehrt gemalt Bäumen und Kapellen umher.«
Spišské Hanušovce (u.). werden.« Beinahe bedeutender allerdings Tiefschwarze, beängstigende Gewitter-
Handelsplatz: Bernstein- ist der Holzbau selbst – »Zakopane Stil, der wolken brauen sich nach Tagen brüllender
Tradition in der Tuch­ auf die Hütten des Bergvolkes zurückgeht.« Hitze über uns zusammen. Stammlager
halle von Krakau (u. r.). Woiwodschafts-Straße 958, ein kühles von Auschwitz. »Arbeit macht frei!« Nein!
Gelegenheit hat Käse: Windchen pfeift über die Hochebene Dringend notwendige Abkühlung tut not.
Oscypek-Verkaufsstand zwischen den Gebirgszügen Pogórze Für alle. Ein Ort, für den das Wort Beklem-
an der Burg Dunajec Gubałowskie und Orawicko-Witowskie mung nach Tagen voller Freude einzig
in Niedzica (g. u. r.). Wierchy bis Chochołów. Das größte Ther- geschaffen scheint. Wir sind sprachlos.

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www.bit.ly/tftourdb

Małopolska
Die Woiwodschaft Kleinpolen (woje- Auschwitz A4 Krakau Warschau
wództwo Małopolskie) liegt im Süden des
Landes zwischen Schlesien / Śląskie Wei c h s el Wieliczka A4 POLEN
(siehe TF 3/2018, S 46–59, PDF-Download
unter tourenfahrer.de/archiv) und dem Małopolska Tourlänge:
Łapanów
Kalwaria 676 km
Karpatenvorland / Podkarpackie. Sie ist Zebrzydowska SLOWAKEI
Wadowice Tarnawa
ein Verwaltungsbezirk, dem in der Stare Rybie
Nowe Rybie
Staatsorganisation eine ähnliche Stel-
lung wie dem eines deutschen Bundes- Limanowa Roztoka
Łukowica
Dębno Podhalańskie Jadamwola
landes zukommt. Aufgrund ihrer Lage Frydman
Jezioro Stary Sącz
zwischen der Hauptstadt Krakau / Czorsztyńskie
Burg Dunajec
Krynica-Zdrój
Kraków im Norden, ausgewachsenen Powroźnik
Czorsztyn Piwniczna-
Mittelgebirgen und den alpinen Bergen Poronin Nationalpark Zdrój
Pieninen
der Hohen Tatra als höchster Teil der Suche
Falsztyn
Karpaten im Süden, gehört sie zu den Chochołów Niedzica

­attraktivsten Regionen Polens. Gubałówka


Gemeinsam mit dem Nachbarn Slo- (1126 m)
Zakopane Spišské Veľký Stará Jaworzyna
wakei teilt man sich hier die Berge. Allein Hanušovce Lipník L’ubovňa Krynicka
Sromowce (1114 m)
sechs der 23 polnischen Nationalparks Kamienka
20 km Niżne
Szczawnica
und 14 der knapp 30 von der UNESCO
­geschützten Weltkultur- und Weltnatur­
erbe-Objekte befinden sich in der Region. die ansonsten nicht mit dem Motorrad zur A 4 nördlich von Bunzlau / Bolesła­
erreicht werden können, wiec. Weiter auf die oben beschriebene
Haltepunkte www.nadprzelomem.pl A 4 Richtung Breslau / Krakau.
•K
 affee »Metrum Restrobistro« •B  urg Dunajec bzw. Niedzica in Für die Reise mit den vielen feinen
in Krakau Niedzica Besichtigungen waren die Autoren eine
 estaurant »Szara Gęś« in Krakau,
•R •H  istorische Holzkirche Erzengel- Woche lang unterwegs.
https://szarages.com Michael-­Kirche in Dębno: begrenzte
•S
 alzbergwerk »Kopalnia Soli Öffnungszeiten beachten, an Regen­ Unterkünfte
Wieliczka« in Wieliczka, tagen (Luftfeuchtigkeit) keine Besichti- Bei einer Reise durch Kleinpolen bieten
www.kopalnia.pl gung möglich, www.debno.diecezja.pl vor allem die größeren Orte verschie-
•S  pas »Krynica-Żegiestów« in Krynica-­ •W  illa Czerwony Dwór in Zakopane, dene Arten an Unterkünften zur Auswahl.
Zdrój, https://uzdrowisko-krynica- www.zakopane.pl Die Autoren achteten vor allem auf einen
zegiestow.pl/ •K  alvarienberg und Kloster in Kalwaria sicheren Stellplatz für die Motorräder
• » Bacówka« – Schäferhütte für Zebrzydowska über Nacht und können folgende Häuser,
Oscypek-­Käse in Czorsztyn: Park­ •G  edenkstätte Auschwitz, Museum in denen zumindest fließend Englisch
möglichkeit Restaurant »Zajazd Pod ­Auschwitz-Birkenau in Oświęcim ­gesprochen wurde, empfehlen: »Hotel
Smrekami«: Die Hütte hat weder eine ­(Auschwitz) Wyspiański« in Krakau (www.hotel-
Adresse noch eine telefonische Kon- wyspianski.pl), »Hotel Nawigator« in
taktmöglichkeit. Im Regelfall sind die Anreise / Reisedauer ­Szczawnica (www.szczawnicanawigator.
Schäfer nachmittags dort anzutreffen Wer aus dem Süden oder der Mitte pl), »Radisson Blu Zakopane« in Zako-
und sprechen ausschließlich Polnisch. Deutschlands anreist, wählt bestenfalls pane (www.radissonblu.com) und »Hotel
Oscypek-Käse kann vor Ort gekauft die A 4 / E 40 Dresden, Görlitz, Breslau / Modrzewiówka« in Lanckoronam (http://
werden. Wrocław, die dort Richtung Katowice modrzewiowka.eu).
• F loßfahrt auf dem Dunajec: Abfahrt am und Krakau mautpflichtig wird. Von Nor-
Hotel »Nad Przełomem« in Sromowce den lohnt sich ein Blick auf die Route via Literatur / Karte
Niżne: mit wuchtigen Felspanoramen, Berlin, A 13, A 15, Cottbus, S 18 / E 36 bis Izabella Gawin: Polen – der Süden, Reise
Know-How Verlag, 8. Auflage 2018, ISBN
Partystimmung: 978-3-8317-3143-5, 19,90 Euro.
Tagsüber steppt Michelin Regionalkarte 558: Polen Süd-
der Bär an der ost, M.: 1:300.000, 5. Auflage (2013), ISBN:
Bergstation 978-2-06-718389-6, 8,99 Euro.
Gubałówka
oberhalb von Sonstige Infos
Zakopane. Polnisches Fremdenverkehrsamt
in Berlin, www.polen.travel
Tourismusportal der Woiwodschaft
Małopolska in Krakau,
www.visitmalopolska.pl

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SERVICE easyROUTES X

Planspiele
Neue Planungsfunktionen, fette Datenbank mit fertig geplanten Touren und Kompatibilität
mit einer Fülle von Endgeräten: Die neue Version unserer Tourenplanungs-Software geht
unter dem Namen »easyROUTES X« mit einigen Neuerungen auf Tour. Grund genug für
Tilman, seinen Sommerurlaub ganz ungeniert im Büro zu planen.

N
atürlich weiß ich, dass ihr nach gen Rechner keine Probleme haben. Die
Monaten des Abwartens und Ver- Software könnt ihr auf www.easyroutes.de
schiebens von Reiseplänen keine herunterladen. Die Lizenz für die Nutzung
neunmalklugen Vorträge mehr gibt es für 39,90 Euro pro Jahr auf dersel-
über Vorfreude lesen wollt. Ihr wollt aufs ben Seite, Abonnenten zahlen 35,90 Euro.
Motorrad und raus in die Welt. Und das ist Dafür gibt es ein Programm, das nicht
auch gut so. Geht mir ganz genauso. Aber nur Touren planen kann, sondern auch ar-
eine solide Vorbereitung kann trotzdem chivieren und verwalten. Nach Ablauf der
nicht schaden. Lizenz bleibt das Programm nutzbar, aller-
Wer nicht mit der windzerfledderten dings mit gekürztem Funktionsumfang.
Karte in der Hand im Nieselregen auf dem Doch der Reihe nach: Die Planung einer
Navi rumtippen möchte, kann die Pläne für flotten Tagestour geht nach etwas Einge-
kommende Reisen oder Tagestouren in aller wöhnungszeit schnell von der Hand. Ob
Behaglichkeit am großen Bildschirm des die Route dabei entlang selbst gewählter
Heimcomputers oder auf Tour am Laptop Wegpunkte von A nach B führen soll oder
aushecken. Sofern er etwa 150 Megabyte ob es eine Rundtour von einem festgeleg-
Platz auf der Festplatte frei hat und als Be- ten Ausgangspunkt sein darf, ist dabei frei
Fotos triebssystem ein 64-Bit-Windows 7 oder entscheidbar. In beiden Fällen errechnet
: Tilma
n San
hüter
neuer beziehungsweise Apple macOS 10.9 easyROUTES die Tour wunschgemäß nach
aufwärts. Damit dürften die meisten gängi- kürzester Zeit, kürzester Strecke oder
­neuerdings auch nach Kurvenreichtum der
Straßen. Kriterien wie Mautstrecken, Auto-
bahnen, Fähren oder Kehrtwenden lassen
sich ausschließen. Bei Rundtouren sind zu-
dem Himmelsrichtung und Streckenlänge
zu wählen. Wer aber alle Funktionen wie

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden:


In der Kartenansicht stehen Material von Open­
TopoMap, Google Street sowie zwei Versionen
von OpenStreetMap zur Auswahl.

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Praktisch: Eine län­
gere Reise kann man
in mehreren Tages­
etappen planen und
dann tagesaktuell auf
dem Navi abrufen. Das
spart unterwegs eine
Menge Kuddelmuddel
und verbessert die
Übersicht.

etwa die integrierte Wetterkarte oder mit jeder Menge Erinnerungswert. Wer bis-
Tracks zur Navigation abseits des befestig- her eine ältere Version von easyROUTES
ten Straßennetzes ausnutzen und flüssig nutzt, kann seine Datenbank bequem im-
bedienen möchte, braucht eine gewisse portieren. Zudem ist Spicken erlaubt, denn
Schnupperzeit. Ein oder zwei gemütliche in der Jahreslizenz ist der Zugriff auf un-
Abende sollte man sich zur Eingewöhnung sere Tour-Datenbank enthalten. Dort lagern
gönnen. Dabei steht eine umfangreiche über 900 Strecken aus TOURENFAHRER-­
Anleitung unter wiki.easyroutes.de zur Reisereportagen, unserer Schwesterzeit-
Seite. Die erklärt auch, wie man die Touren schrift MOTORRAD NEWS sowie etli-
aus dem Computer aufs Navi bekommt, chen Sonderveröffentlichungen. Die Rou-
eine von vier Kartenansichten auswählt ten lassen sich in der Karte anzeigen und
oder Points of Interest wie etwa TOUREN­ nach eigenem Gusto erweitern, kürzen,
FAHRER-Partnerhäuser einbindet. umstricken oder einfach originalgetreu
Nach der zweiten Tasse Kaffee erschlie- nachfahren. Einfacher kann eine solide
ßen sich dann auch die Strukturen, nach Vorbereitung kaum sein. So, und jetzt ab Für Entdecker:
denen sich Routen, Tracks und Wegpunkte aufs Motorrad und raus in die Welt!  TS easyROUTES X schlägt
speichern und sortieren lassen. Feine Sa- anhand weniger Eck­
che, denn der Explorer dient nicht nur zur daten eine Rundtour vor,
kurzfristigen Bearbeitung, sondern auch Routenplaner mit Tour-Datenbank Wetterkarte inklusive.
zum Archivieren vergangener Touren. Über 39,90 € pro Jahr
(35,90 € für Abonnenten)
die Jahre ergibt sich so bei fleißigen Tou-
www.easyroutes.de
renfahrern ein wohlgefülltes Repertoire

Kurzer Dienstweg:
Fertige Routen lassen
sich direkt an aktuelle
Navis von Garmin und
TomTom senden. Für
alle anderen GPS-­
Geräte kann man die
Dateien im GPX-Format
exportieren.

Motorrad-Traumziele
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GUTE FAHRT

Jetzt  aber  los:
viel  Spaß  unterwegs!

Foto: Toni Sacher

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59423 Unna Autoren: Guido Bergmann, Angelika und Vertrieb: MZV GmbH, Unterschleißheim mittels elektronischer Medien sind nur mit schrift­
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Fax: 02303 98559 Helmut Koch, Uwe Krauß, Toni Sacher, Druck: Walstead Central Europe Im Syburger Verlag GmbH erscheinen die
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Geschäftsführung: Martina Knehans »Motorrad-Traumziele EUROPA« ist eine
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