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Hexenprozess
(880 words)

1. Ein Sonderfall des Inquisitionsprozesses?


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Der H. war im Kern ein Inquisitionsprozess, wie er im
1. Ein Sonderfall des
gesamten Strafrecht der Frühen Nz. zum Einsatz kam.
Inquisitionsprozesses?
Abgesehen vom frühen 15. Jh. und von Südeuropa wurden
die Prozesse meist von weltlichen, nicht von kirchlichen 2. Besagungen und
Folterexzesse
Gerichten durchgeführt. Der H. gilt als ein zentraler
Faktor für die Dynamik der Hexen-Verfolgung im 16. und 3. Magische Au adung
17. Jh. [7]. Es ist bezeichnend, dass der Göttinger
Historiker August Ludwig Schlözer 1782 in
Auseinandersetzung mit der letzten Hinrichtung der vermeintlichen Hexe Anna Göldi in
Glarus (Schweiz) den Begri f »Justizmord« prägte. Im H. wurden die typischen Schwächen des
frühnzl. Kriminalverfahrens mit seinem Beweis-Recht sichtbar, in dessen Mittelpunkt die
Folter stand. Die Kritik an der peinlichen Befragung bildete deshalb das Kernstück der
bekanntesten Kritik an den H., der Cautio criminalis (1631; »Rechtliches Bedenken«) des
Jesuiten Friedrich von Spee.

Die Besonderheiten des H. bedürfen noch näherer vergleichender Erforschung [10]. Nach der
Au fassung vieler Juristen handelte es sich bei der Hexerei aufgrund der Schwere und
Heimlichkeit des Delikts um ein »außerordentliches Verbrechen« (lat. crimen exceptum), bei
dem einschränkende Verfahrensregeln nicht gelten sollten. Für die Dynamik der gerichtlichen
Verfolgungen war es entscheidend, ob Gerichte und Spruchgremien entsprechend dieser
Au fassung urteilten oder ob sie am normalen Prozess (processus ordinarius) festhielten, wie er
etwa in Deutschland im Gemeinen Recht im Gefolge der Constitutio Criminalis Carolina
entwickelt worden war [8]. Eine restriktive Prozessführung, wie sie z. B. die südeurop.
Inquisitionen vertraten, machte Massenverfolgungen in der Regel unmöglich [4].

Gerd Schwerho f

2. Besagungen und Folterexzesse

/
Angesichts eines Beweissystems, das nur zwei Augenzeugen oder das Geständnis der
Angeklagten als Voraussetzung zu einer Verurteilung gelten ließ, kam den hinreichenden
Indizien für den Einsatz der Tortur entscheidende Bedeutung zu. Beweise für das angebliche
geheime Treiben der Hexen waren allerdings schwer zu nden.

Als wichtiges Indiz galt etwa der schlechte Leumund einer Person; damit wurde das alltägliche
Gerücht gerichtsverwertbar. Ebenso galt der Umgang mit Hexen oder die Abstammung von
einer solchen als belastend. V. a. wurden die Aussagen von Mitangeklagten, die Verdächtige
beim Hexensabbat gesehen haben wollten, als Indizien zugelassen, was den Regeln des
processus ordinarius Hohn sprach. Diese in der Regel erfolterten Denunziationen
(»Besagungen«) konnten eine Kette von Hexereiverfahren in Gang setzen und am Leben
halten. Über die ebenfalls eigentlich streng verbotenen Suggestivfragen, bei denen Angeklagte
unter der Tortur nach den Namen einzelner Verdächtiger gefragt wurden, war es den Richtern
möglich, die Ermittlungen gezielt zu lenken. So entstanden ganze Besagungslisten [3].

Die Theorie des crimen exceptum setzte alle Vorsichtsmaßnahmen des gewöhnlichen Prozess-
Rechts hinsichtlich der Tortur außer Kraft. Hatte schon die Carolina 1532 die Folter in das
Ermessen eines »verständigen« Richters gestellt und damit der richterlichen Willkür einen
weiten Spielraum erö fnet, so elen im H. alle Schranken. Oft wurde so lange und grausam
gefoltert, bis ein Geständnis vorlag. Auf die körperliche Integrität der Delinquenten wurde
keinerlei Rücksicht genommen: Wer unter der peinlichen Frage starb, von dem wurde
kolportiert, er sei durch den Teufel ermordet worden [2. 30 f.]. Wer gestand, den erwartete in
aller Regel der Tod auf dem Scheiterhaufen.

Gerd Schwerho f

3. Magische Au adung

Weil nach Au fassung der Verfolger der Teufel im Spiel war, kam es zusätzlich zu einer gewissen
magischen Au adung der Verfahren [5]. Die Verdächtigen sollten rückwärts in den Gerichtssaal
geführt werden, außerdem sollten sie hochgehoben und des Kontaktes mit dem Boden beraubt
werden. Exorzismen, Amulette, geweihtes Salz, Wachs oder Wasser sollte das Gerichtspersonal
schützen und die Angeklagten zum Sprechen bringen. Zauberutensilien sollten durch das
Scheren der Körperhaare entkräftet bzw. aufgefunden werden [1].

In diesen Zusammenhang gehörte auch die Suche nach dem Teufelsmal (lat. stigma diaboli),
das der Satan seinen Anhängern, wie man meinte, aufdrückte. Bereits in den frühen
Verfolgungen des 15. Jh.s im Schweizer Kanton Freiburg präsent [9. 43 f.], konnte ihm die Rolle
eines wichtigen verfolgungsfördernden Indizes zukommen. Lässt sich die Suche nach dem
Stigma als pervertierte Fortentwicklung des inquisitorischen Beweisverfahrens verstehen, so
handelte es sich bei der Wasserprobe de nitiv um einen anachronistischen Fremdkörper im H.

Dabei wurde eine der Hexerei verdächtige Person mit Händen und Füßen kreuzweise
zusammengebunden und auf das Wasser eines Teiches oder eines Flusses geworfen. Wer vom
»reinen« Wasser nicht aufgenommen wurde und an der Ober äche schwamm, galt als
/
schuldig. Von nzl. Juristen abgelehnt, erfreute sich die Wasserprobe in manchen Regionen bei
Bevölkerung und Gerichtsherrn großer Beliebtheit [6].

Verwandte Artikel: Folter | Hexe | Hexer | Hexereiliteratur | Inquisitionsprozess | Strafprozess

Gerd Schwerho f

Bibliography

Quellen

[1] H. K , Der Hexenhammer: Malleus Male carum, hrsg. und übers. von W. Behringer
und G. Jerouschek, München 2000

[2] H. L , Hochnötige unterthanige wemütige Klage der Frommen Unschültigen, 1676


(Faksimile 1997)

[3] R. V (Hrsg.), Das Hexenregister des Claudius Musiel, 1996.

Sekundärliteratur

[4] R. D , Hintergrund und Verbreitung des Drucks der röm. Hexenprozeß-Instruktion


(1657), in: Historisches Jb. 118, 1998, 277–286

[5] J. D , Das magische Gericht: Religion, Magie und Ideologie, in: H. E / R.


V (Hrsg.), Hexenprozesse und Gerichtspraxis, 2002, 545–593

[6] G. G , Wasserproben und Hexenprozesse. Ansichten der Hexenverfolgung im


Fürstbistum Münster, in: Westfälische Forschungen 48, 1998, 449–481

[7] G. J , Die Hexen und ihr Prozess: Die Hexenverfolgung in der Reichsstadt
Esslingen, 1992

[8] S. L , Der Hexenprozess, in: S. L (Hrsg.), Hexen und Hexenverfolgung im dt.


Südwesten, 1994, 67–84

[9] K. U -T , Ist Glaubenssache Frauensache? Zu den Anfängen der Hexenverfolgungen


in Freiburg (um 1440), in: Freiburger Geschichtsblätter 72, 1995, 9–50

[10] R. Z , Die Folter: Mythos und Realität eines rechtsgeschichtlichen Phänomens, in: K.
M / B. S (Hrsg.), Realität und Mythos. Hexenverfolgung und
Rezeptionsgeschichte, 2003, 122–149.

Cite this page

Schwerho f, Gerd, “Hexenprozess”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung
mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Copyright © J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag
/
GmbH 2005–2012. Consulted online on 14 May 2020 <http://dx-doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1163/2352-0248_edn_COM_280155>
First published online: 2019

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