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OTECHNOLOGIE:
■ ■I FERIEN IM EINSATZ
ZEIT UND
MENSCHEH
Die Piloten, die ersten Helden der Sowjetunion, und die von ihnen
D<.' c'.e Nc-de- eckte Iierung und bastelten
gerettete „Tscheljuskin"-Besatzung aut dem Roten Platz.
russische Pca-Iorscher e.uen Ofen zusammen. Die
seil eh und ,< DoC. vor anderen lebten in Zellen.
d<■ Revolu' c. r. .r ' .cht Die Frauen übernahmen
die ri.diese E'Sw.jtte das das Wirtschaften, die Män­
Heupthir.derr ,s sc- dem ner richteten das Lager
die zaristische Eu-ck-ahe. em und bereiteten Lande­
Die planmäßige Erfor­ bahnen für die ersehnte
schung des ! oben Nccens Hilfe aus der Luft vor. Re­
begann erst u'.te’ oe- So­ gelmäßig erschien die La-
wjetmacht Um e re der gerzeifung mit dem stol­
reichsten aber auch -n- zen Namen „Ne sdadim-
wirthchstc' Reg c c des sja" („Wir geben nicht
Landes Zu e-schl.eßen, auf"). Die Mitglieder der
war cs erfordert ch, auch „Tscheljuskin" - Expedition
den Seeweg Zugang ich zu hielt nur die Zuversicht
machen Darr.a's entstand am Leben, daß das Sowjet­
de' kühne Plan, mit einem land sie nicht im Stich las­
Schiff an der sowjetischen sen würde.
Eismeerküste entlang bis
Die Hoffnungen der
Zum Pazifik zu gelangen.
Menschen wurden nicht
1932 bewältigte die „Si-
enttäuscht. Nur wenige
birjakow ' d'.esen Weg.
Stunden nach der Kata­
Zwei Jahre spater aber
strophe der „Tscheljuskin"
hielt die ..Tscheljuskin",
wurde eine Sonderregie­
die für die E issch iff ah -1
rungskommission einge­
nicht ausreichend vorbe-
setzt. Sofort meldeten sich
reilel war, dem Kampf mit
Hunderte von Freiwilligen,
den Naturgewallen mehl
bereit, jedes Risiko ein­
stand.
zugehen, um die „Tsche-
Westliche Zeitungen,
Ijuskin“-Besafzung zu ret­
die sich an das schwere
ten. Viele sandten ihre
Schicksal vieler Expedi-
Pläne für die Befreiung
honen mit dem stündigen
der Expedition ein, bis­
Hader ihrer Teammitghe-
weilen die phantastisch­
der erinnerten, sehr.eben,
sten. Die Kommission prüf­
die ,,Tscheljuskin"-Mann-
te alle Varianten und ent­
sctialt sei zum Untergang
schied steh dann für den
verdummt und Hilfe könn­
Einsatz von Flugzeugen,
ten sie von nirgendwoher
erwarten. Doch die Ge­ Unterdes debattierten
fangenen des ewigen die „Tscheljuskin“-Leute
Eises ließen den Mut nicht auf ihrer Eisscholle dar-
Sinken Zue-sf trafen sie über, wer zuerst eva­
Fürsorge fü’ d e Kranken, kuiert werden sollte. Da­
für Frauen und Kinder, bei gab es sogar komi­
Für sie bauten sie aus an­ sche Situationen. Die Frau­
geschwemmten sä eitern en fragten den Expedi-
cme Baracke, schufen eine lionschef Schmidt: ,,Otto I. Papanin, P. Schirschow, E. Krenkel und J. Fjodorow waren die
provisorische Wärmeiso- Juljewitsch, warum wur- berühmten Arktisforscher, die erstmals die sowjetische Fahne über
Moskau bereitete den Polarpionieren einen Empfang dem Nordpol wehen ließen.

de beschlossen, uns alle und die Flieger, die sie


zuerst in Sicherheit zu gerettet hatten, wurden
bringen? Wo bleibt denn auf ihrem ganzen Weg
da die Gleichberechti­ nach Moskau wie Helden
gung?" Und doch entschied gefeiert.
man sich, das Prinzip der Die Driftsfation „Nord­
Gleichberechtigung zu pol 1", die drei Jahre nach
verletzen — und so wur­ der Großtat der „Tschelju­
den die Frauen mit den skin" ihre Arbeit aufnahm,
ersten am Katastrophenort leistete einen großen Bei­
gelandeten Maschinen trag zur Polarforschung.
zum sicheren Festland ge­ Die auf der Station tätigen
flogen. Am 13. April Wissenschaftler nahmen
wurden die letzten Ex- wichtige Beobachtungen
peditionsmilglieder eva- vor, die es erlaubten, vie­
kuiert. le Geheimnisse der Zen-
Das „Tscheljuskin"-Team tralarkfis zu enträtseln.
MOSKAUER HEFTE
FÜR POLITiK
»S JUNI 1987
Gründungsjahr 1943

IN DIESEM HEFT:

2 18
Wort des Redakteurs NZ-Recherchen

r W
LEHREN DES 22. JUNI 1941 L. Besymenski. WER AUF DER
ANKLAGEBANK IN LYON
3 FEHLT
Exklusiv für NZ
R. Dizdarewic. WAS HINTERLASSEN 21
Hinter den Kulissen
KÜNFTIGEN GENERATIONEN!
WIR
- ’ W. Owsjannikow.
DIE OPFERGABE
5 22
N. Sholkwer. NUKLEARTESTS: Lebensstil
BEGRENZEN UND DANN EINSTELLEN Johannes Paul II. am Grab seiner
Mutter auf dem Krakower Friedhof L. Kusnezowa. FÜR DIE
FRAUENKARRIERE
6

Hl
Großbritannien 24
A. Pumpjanski. DIE ROUTINIERTE Wissenschaft und Technik
MACHT L. Repin. BAKTERIEN
IM EINSATZ
8
27
UdSSR-Finnland
NACHBARN BRAUCHT
. -;P! ’ B. Ryshenkow. WER ERMORDETE
W. Kusnezow. SAMORA MACHEL!
JEDER
29
11 Kultur und Politik
Panorama John le Carre: EIN AUTOR,
Der Justizpalast in Lyon, wo der DER AUS DEM WESTEN KAM
13 Prozeß gegen Barbie stattfindet
Polen 30
M. Rudzinski. DER PAPST IN POLEN WIE BEKOMMT MAN AIDS IN DEN
GRIFF!
14
Sicherheitsfragen
D. Wolkogonow. ANTIKRIEGS­
DOKTRIN
Titelbild: Valentin Grewzow
16
Diskussion mit dem Leser
2! V. Danilenko. „OFFENE
GESELLSCHAFT" USA!
i:
17
S! Post. Echo Aids - Pest des 20. Jh.!

ni

Chefredakteur
V. IGNATENKO
Redaktionskollegium:
L. BESYMENSKI,
S. GOUAKOW,
J. GUDKOW
(verantw. Sekretär),
A. LEBEDEW,
A. PIN,
B. PISTSCHIK
(stellv. Chefredakteur),
A. PUMPJANSKI
(stellv. Chefredakteur),
V. TSCHERNJAWSKI
(stellv. Chefredakteur)

Verantwortlicher
Redakteur der
deutschen Ausgabe
R. KRESTJANINOW
"NEUE ZEIT" 25.87 1
1 ;< i ■

'
POST
LEM DES 22. JUNO 1941
Der 22. Juni 1941 hat sich tief ins und kamen zusammen mit allen zum
Gedächtnis unseres Volkes ein­ Sieg. Hier aber ein weiteres
gegraben. Phänomen des 20. Jahrhunderts:
Die Lehren sind zahlreich. Heute, Sobald, der Sieg da war, wurde die
Dem Artikel In Heft 13, Lehre des Krieges vergessen und
in der neuen Lebensefappe der
den der britische Außenmi­
nister Geoffrey Hcwe ei­ sowjetischen Gesellschaft, werden der Sozialismus, der durch seine
gens für Ihre Zeltscheift sie auf neuer Grundlage analysiert, Großtat die menschliche Zivilisation
schrieb, mochte Ich fol­ mit einer Objektivität und Kühnheit, gerettet hatte, wieder zum Feind des
gende Gedanken hlr.zufii-
gen. Herr Hcwe spricht an der es uns früher bisweilen Menschengeschlechts erklärt — bis
darin von der Friedensliebe mangelte. Wie Konstantin Simonow hin zur traurig bekannten Formel
seines Landes. Ich mochte sagte, "haben wir den ganzen Krieg vom "Reich des Bösen".
Ihn fragen, warum seine mitgemacht und erinnern uns gut an In diesem Heft beginnen wir die
Regierung nicht mit gutem
alles, von Anfang bis Ende. Wir Publikation dokumentarischer Arti­
Beispiel vorangeht und Ihre
Truppen von Zypern, denken nicht daran, etwas aus der kel, die darüber Aufschluß geben,
Gibraltar und den Melwlncn Geschichte wegzuradieren, weil wie die Ideen der Zusammenar­
abzieht. Oder war es ein jede Lücke das Gesamtbild ver­ beit um eigennütziger Interessen
Alt der "Humanität", eis die
englische Regierung den zerrt." der überalterten Gesellschaftsord­
USA erlaubte, von England Unter den Lehren des ganzen nung willen aufgegeben werden.
aus das kleine und Krieges gibt es jedoch solche, die Gerade eine solche vorsätzliche und
schwache Libyen zu über­ nicht nur uns, sondern auch "sie" gefährliche Abkehr machte es
fallen!
Erich SCHMIDT betreffen. Tun wir nicht unrecht möglich, daß die Lehren des 22. Juni
Jessen, DDR daran, in einer Epoche der globalen in der westlichen Welf eine absurde
Probleme und der allgemeinen Form annahmen: die sorgfältige
Verantwortung die Welt in Wir- und "Konservierung" und Nutzung jener
Sie-Gruppen zu teilen? Nein, wohl Personen bzw. Gruppen zu antikom­
Der 46. Jahrestag des nicht, denn im 22. Juni ist das Wesen munistischen Zwecken, die im
Oberfalls Nazideutschlands der politischen und militärischen Zeichen des Hakenkreuzes Ver­
auf die UdSSR naht. Die
Leute bei uns im Westen, Philosophie jener sozialen Kräfte brechen begangen hatten. Daran
die das Handeln der konzentriert, die sich herausneh­ erinnert der Prozeß in Lyon.
UdSSR zur Festigung des men, die Menschheit in Diktierende Die Redaktionspost brachte in den
Friedens und der Entspan­ und Sich-Fügende, in Vermögende Nachkriegsjahren zahlreiche Mah­
nung feindselig, eber auf­ und Unvermögende zu teilen. Von nungen und Warnungen unserer
merksam verfolgen, be­
haupten, die Invasion der 1917 bis 1941 trugen sich diese Leser: Es gelte, alles zu tun, damit es
Hitlerfaschisten habe letzten Kräfte mit Plänen, sich ihre unein­ keinen abermaligen 22. Juni gibt.
Endes dazu geführt, daß Ihr geschränkte Macht über die Welt Was bedeutet das in der Praxis?
Land zu einer Großmacht Heutzutage nicht nur, die Verteidi­
gewaltsam zurückzuholen, sie ver­
wurde. Wie denken
Sie darüber! Meine Mei­ suchten auch, diese Pläne zu gungsfähigkeit des eigenen Landes
nung: Es Ist gemein, die 20 verwirklichen. Der Faschismus war zu gewährleisten. Vielmehr tut eine
Millionen gefallenen So­ der Gipfel solcher verbrecherischen komplexe Sicherheitspolitik not, die
wjetbürger zu vergessen Absichten. sich auf alle Bereiche der Weltpolitik
und mit dem Begriff Heute wissen wir, daß der 22. Juni ausdehnt. Der XXVII. Parteitag der
“Großmacht" zu spekulie­
ren.
1941 im Westen unterschiedlich KPdSU formulierte als wichtigste
Armlk NAZARIAN erlebt wurde. Für Hunderte Millio­ Aufgabe das Programm, ein umfas­
Hortens, Düncmerk nen war das Schmerz und zugleich sendes System der internationalen
die Hoffnung, daß das Sowjetvolk Sicherheit zu schaffen. Im Nuklear­
dem Aggressor einen Widerstand zeitalter birgt jeder Versuch, poli­
leisten würde, der früher leider nicht tische Ziele mit militärischen Mitteln
Sehr aufmerksam (esc Ich immer geleistet worden war. Es gab zu erlangen, die Gefahr des
In Ihrer Zeitschrift Artikel auch solche, die schon bereit waren, Untergangs der Zivilisation in sich.
über den Nahen Osten und sich in einen Sieg Hitlers zu fügen Daran mahnt die Sowjetunion
Über Afrika. Ich war empört,
als Ich erfuhr, daß die USA und mit ihm sogar zu paktieren. unermüdlich die Welt, die Sowjet­
den Afrikanischen National­ Damals gingen die führenden union, deren Völker Opfer einer
kongreß zwingen wollten, Politiker der führenden kapita­ Aggression waren und um den Preis
Kommunisten aus seinen
Reihen auszcstoGen. Das ist
listischen Mächte nicht diesen von Freiheit und friedlicher Arbeit
grobe Erpressung und selbstmörderischen Weg, und das wissen. Das innere Gehör der
richtet sich gegen Afrikaner, war ein Zeichen der Zeit. Wenn sozialistischen Gesellschaft emp­
die um ihre Rechte, gegen auch mit Schwankungen, schlossen fängt noch immer das Echo des 22.
die Rassisten ringen. sie sich der Antihitlerkoalition an Juni 1941.
S. SHIMI
Lawrence, USA
"NEUE ZEIT" 25.87
2
EXKLUSIV FÖK NZ

Der ßundessekretär für Auswärtige Angelegenheiten der SFRJ, Raif


Dizdarevic, gab unserem Chefredakteur Vitali Ignatenko und unserem
ständigen Berichterstatter in Belgrad, Wladimir Grischnlj, ein
Interview.

wnir WiafflgSEi
"Wlc Ich zur Diplomatie kam! Das Ist eine lange Geschichte. Ich begann damals, als
Jugoslawien buchstäblich In einer politischen Blockade war. Eine große Gruppe neuer
Leute wurde in den diplomatischen Dienst geschickt ■ vor allem Teilnehmer des
Volksbefreiungskampfes. Ich hatte die Ehre, dieser Gruppe anzugehören. Dann, als
angehender Diplomat, entsandte man mich In die VR Bulgarien. Natürlich mußte Ich ganz einen hohen Stand der stabilen und
von der Pike anfangen. Die Beziehungen zwischen unseren Ländern waren damals nicht vielseitigen Zusammenarbeit. Die Be­
sonderlich gut, man kann sogar sagen schlecht, und wir Diplomaten arbeiteten mit achtung dieser Prinzipien ermöglicht uns,
vollem Einsatz. Den diplomatischen Dienst in Bulgarien schloß Ich als Gesandschaftsrat der weiteren Entwicklung der Zusam­
und Interimistischer Geschäftsträger ab. Ich war damals 25. Dann war Ich In Bel­ menarbeit zwischen unseren Ländern im
politischen, ökonomischen, wis­
grad und wurde nach Moskau geschickt. Das war eine Zelt großer Ereignisse, die
senschaftlichen, kulturellen Bereich und
Umbruchzeit des XX. Parteitages der KPdSU. Später arbeitete Ich In der Botschaft in der
auf vielen anderen Gebieten
CSSR, In verantwortlicher Funktion In den jugoslawischen Gewerkschaften, war
hoffnungsvoll enfgegenzusehen. Hierbei
stellvertretender Minister und Vorsitzender der Skupschtlna der SFRJ. Und Jetzt bin Ich
werden auch einzelne akute Probleme
Bundessekretär für Äußeres. Die Internationalen Beziehungen und besonders die
unserer breit entwickelten ökonomischen
sowjetisch-jugoslawischen Verbindungen und deren ständige Verbesserung sind ein
Zusammenarbeit in Erwägung gezogen -
breites Feld für die Arbeit eines Diplomaten, dem es um die Festigung unserer
vor allem die Notwendigkeit, einen
Freundschaft geht.
ausgeglichenen Handel ohne Senkung
Die Sowjetunion, die KPdSU und der Generalsekretär ihres ZK, Genosse
des erreichten Standes zu gewährleisten.
Gorbatschow, leisten heute einen sehr großen Beitrag zum Abbau der Internationalen
Und so erwarten wir mit großen
Spannungen. In Ihrem Land vollzieht sich ein Umbau, den wir sehr aufmerksam
Hoffnungen den bevorstehenden Besuch
verfolgen. Der Umbau eröffnet meiner Meinung nach noch größere Möglichkeiten für
von UdSSR-Außenminister Eduard Sche­
eine Intensivierung unserer Zusammenarbeit, besonders Im wirtschaftlichen Bereich. Ich
wardnadse. Das wird eine neue
sehe die Entwicklung der sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen und die
Möglichkeit sein, unser Streben zum
Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen unseren Völkern sehr optimistisch. Und
Ausdruck zu bringen, die stabile
jetzt Ihre Fragen."
jugoslawisch-sowjetische Zusammenar-
NZ. UdSSR-Außenminister Eduard re, ja ermutigende Bedeutung für die beit auch in Zukunft weiterzuentwickeln.
Schewardnadse wird schon bald die SFRJ Prozesse in Europa und in der Welt haben. Zugleich ist das eine neue Möglichkeit,
besuchen. Dieser Besuch ist die Fortset­ Wir können von gleichberechtigten die Positionen zu den wichtigsten
zung des umfassenden politischen Dialogs Beziehungen und von Zusammenarbeit aktuellen Ereignissen und Prozessen in
zwischen der Sowjetunion und Jugosla­ zwischen unseren beiden Ländern der heutigen Welt, die von enormer
wien. Wie schätzen Sie, Genosse sprechen, die unterschiedlich groß sind Bedeutung für Gegenwart und Zukunft
Bundessekretär, den heutigen Stand der und eine verschiedene weltpolitische der Menschheit sind, zu vergleichen, da
sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen Stellung einnehmen, Ländern, die un­ sie das Schicksal aller Länder, aller Völker
ein? terschiedliche Wege der sozialistischen berühren.
R. Dizdarevlc. Wir betrachten die Entwicklung gehen, diese Unterschiede Direkte Kontakte sind ein Faktor des
jugoslawisch-sowjetischen Beziehungen gegenseitig respektieren und als normal gegenseitigen Verständnisses, der Zu­
als überaus gut und stabil, ge­ betrachten. Wirft man einen Blick zurück sammenarbeit und der Festigung der
kennzeichnet von beiderseitigem Re­ auf don von uns gegangenen Weg und Freundschaft zwischen unseren Ländern.
spekt, Unsere Zusammenarbeit wird analysiert man alles Erreichte, dann muß NZ. Angesichts der Rolle Ihres Landes
ständig in vielen Bereichen auf der man sich auch unbedingt gemeinsamen in der Tätigkeit der Bewegung der
Grundlage der Gleichberechtigung, der Dokumenten - der Bolgrader und der Nichtpaktgebundenen würde uns interes­
Berücksichtigung der Interessen des Moskauer Erklärung - zuwenden. Seit sieren, was für Sie die Hauptaufgaben im
anderen vervollkommnet. So geben wir über 30 Jahren bilden sie die Grundlage Kampf für die Schaffung einer kernwaf­
den freundschaftlichen Gefühlen, die die unserer Beziehungen. Das ruft Befriedi­ fenfreien, sicheren Welt für alle sind?
Völker der SFRJ und der UdSSR gung hervor. Die Prinzipien, von denen R. Dlzdarovlc. Die Bewegung der
verbinden, einen realen Gehalt. Diese diese Dokumente ausgehen, besitzen Nichtpaktgebundenen entstand in einer
Freundschaft wurzelt in gemeinsamem bleibenden Wert, sind lebensfähig und schweren Zeit, als der kalte Krieg die Welt
Kampf gegen den Faschismus seit den universell gültig. spaltete. Sie ist ein Bestandteil und eine
ersten Tagen des Krieges bis hin zum Die konsequente Respektierung dieser Errungenschaft der antikolonialen Revolu­
siegreichen Mai 1945. Ich bin davon Prinzipien erlaubt uns, all das zu tionen und der fortschrittlichen Bestrebun­
überzeugt, daß unsere Beziehungen und erreichen, was wir heute haben - die gen der Völker. Sie basiert auf Ideen, die
unsere Zusammenarbeit eine umfassende- Freundschaft zwischen unseren Völkern, von herausragenden Politikern wie Tito,
"NEUE ZEIT' 25.87 3
Nchru und Nasser entwickelt wurden. Die , der Mittelstreckenraketen größerer und Eine Gesundung der internationalen
Bewegung der Nichtpaktgebundenen geringerer Reichweite in Europa, um die Wirtschaftsbeziehungen ist nur auf der
vereint heute über 100 Länder und reale Grundlage dafür zu schaffen, daß ein Grundlage einer neuen internationalen
Befreiungsbewegungen. Denk der Kraft diesbezügliches Abkommen bereits in Wirtschaftsordnung möglich, deren Prinzi­
ihrer Ideen, dank dem Beitrag zum Kampf nächster Zeit unterzeichnet wird. Was pien von der UNO 1974 bestätigt wurden.
für Fr.eden, Sicherheit und internationale meinen Sie dazu? Das ist ein langwieriger und allmählicher
Zusammenarbeit, für die Beseitigung aller R. Dizdarevic. Ja, die Tatsache, daß die historischer Prozeß. Gegenwärtig ist die
Folgen des Kolonialismus und dank dem UdSSR und die USA heute einander bei konkrete Tätigkeit der gesamten Völker­
Kampf gegen den Neokolonialismus, für der Erreichung konkreter Vereinbarungen gemeinschaft möglich und erforderlich, ist
e ne gc’enhte Weltwirtschaftsordnung über die Beseitigung ihrer Mittelstrecken­ der besondere Beitrag der Industrielän­
wurde d.e Bewegung zu einem uner- raketen größerer und geringerer der zur Lösung dieser Fragen nötig.
sc'zli'.hen g!oba!en Faktor der internatio­ Reichweite auf dem Territorium Europas Die Nichtpaktgebundenen treten für
nalen Beziehungen. Bereits seit der ersten nähergekommen sind, ermutigt. eine globale Regelung der Schuldenfrage
Konferenz n Ec'grad vor über einem Jugoslawien begrüßte die sowjetischen der Entwicklungsländer ein. Das liegtja im
Vierte :a).'hur.dert w -kt s e als ur.abhän- Vorschläge und Initiativen, die den allgemeinen Interesse. Sie verlangen die
giger, nichtpaktgebundener Faktcr. Aus­ Beginn des Dialogs und der Verhandlun­ Beseitigung der Barrieren für die
gehend von -e- Grundprinzipien und gen über die Beendigung des Wettrüstens Entwicklung des Welthandels, die Beseiti­
-zu. en, setzte die Belegung cm breites und den Übergang zur Abrüstung gung des Protektionismus und des
Herangel r an c c r.te'r a* or.alen Bezie­ förderten. Wir stehen positiv zu allen Monopolismus. Doch die Länder brauchen
hungen. an die Prctle- e und die Wege neuen Vorschlägen, von wem sie auch einen Zugang zur modernen Technologie
zu ihrer Überwindung durch. So verteidigt ausgehen mögen, wenn sie auf Abrüstung als Voraussetzung für beschleunigte
unsere Bewegung das Prinzip der und die Festigung des Friedens gerichtet Entwicklung. Wir meinen, daß die UNO
Achtung der Gewalt, der Ächtung der sind. ein unersetzbares Forum für die Zusam­
Anwendung von Cc.-.at urd aller Arten Das ist eine große historische Chance menarbeit der Staaten ist, um diese Zie­
von Herrschaft Lrd von Anschlägen auf für alle. Wenn die Welt diesen Weg geht, le zu erreichen.
Unabhängigkeit, Fre I c.t und Würde. Alle dann werden die Voraussetzungen für NZ. wie bewerten Sie die Aussichten
Lunder und Volker müssen ihr Schicksal eine allgemeine nukleare Abrüstung, für für die Ausarbeitung eines Schlußdoku­
selbst bestimmen und g'e.chberechtigf an den Abbau der konventionellen Waffen ments des Wiener KSZE-Nachfolgefref-
der Wcltpolit.k tc nehmen. Zugleich und die Schaffung eines Systems der fens?
kämpft unsere Bewegung dafür, daß die allgemeinen Sicherheit geschaffen wer­ R. uizaarevic. Die vertiefte und
tiefgreifenden Unterschiede und die den. Das ist auch eine große Chance für konstruktive Debatte auf dem Wiener
Ungleichheit in den internationalen Europa, den Weg zuverlässiger Sicherheit Treffen und die 140 unterbreiteten
Wirtschaftsbeziehungen, das schwere und Zusammenarbeit zu gehen. Vorschläge bestätigen, daß objektive
Problem der Verschuldung der meisten Niemand hat das Recht - weder vor Möglichkeiten bestehen, um ein in­
Entwicklungsländer und die Un­ seinem Volk noch vor der Welt oder vor haltsvolles und ausgeglichenes Schlußdo­
möglichkeit ihrer beschleunigten ökono­ der Geschichte - diese Chance ungenutzt kument zu erarbeiten, was zur Kontinuität
mischen Entwicklung auf der Grundlage verstreichen zu lassen. Die jetzige des KSZE-Prozesses beitragen würde.
einer neuen, gerechteren internationalen Generation und die künftig lebenden Meiner Meinung nach müßte das Wiener
Wirtschaftsordnung überwunden werden. werden die Staaten, die Staatsmänner Treffen diese günstige Gelegenheit
Unsere Bewegung strebt insbesondere nach ihrem wahren Beitrag zur Zügelung nutzen. Das war auch die übereinstim­
nach der Herstellung solcher internationa­ der enormen Vernichtungskraft, die das mende Meinung der Außenminister der
ler Beziehungen, die die Blockrivalitäten Menschengeschlecht und die gesamte neutralen und der nichtpaktgebundenen
und die Konfrontation überwinden und Zivilisation in den Untergang schicken Länder, die im Mai d. J. auf Zypern
beseitigen würden. Sie tritt für eine kann, beurteilen. zusammentrafen.
gleichberechtigte Zusammenarbeit aller NZ. Die Probleme des Kampfes für Zweifellos ist es erforderlich, die
Lander ein. Auf diese Politik gegründet, Frieden und Abrüstung sind untrennbar Fortführung der Konferenz für ver­
verwirklicht das sozialistische Jugoslawien von den Fragen der internationalen trauensbildende Maßnahmen, Sicherheit
die Ideale, d.e uns in der Revolution ökonomischen Sicherheit. Welche An­ und Abrüstung in Europa mit einem
beflügelten. All das ist ein untrennbarer strengungen der Staaten sind heute Ihrer zusätzlichen Mandat, einschließlich von
Bestandteil des Kampfes für eine sichere Meinung nach erforderlich, um eine Verhandlungen über die Reduzierung der
Welt, Irei von Nuklear- und anderen Arten Gesundung der internationalen konventionellen Rüstungen in Europa,
der Masscnvernichfungswaffen, für die Wirtschaftsbeziehungen herbeizuführen? sicherzustellen. Wir meinen, daß ein so
Nichtanwendung von Gewalt als Mittel R. Dizdarevic. Unter der Last des wichtiges Problem, das die Grundinteres­
zur Lösung von Streitfragen. Beginnend Wettrüstens, der Krisen und der sen aller europäischen Staaten berührt, im
mit der Konferenz von Belgrad (1961) bis Kriegsdrohungen scheint die Welt den Rahmen dieser Konferenz behandelt
hin zur Konferenz von Harare (1986) unterschiedlichen Entwicklungsstand der werden muß, wodurch diese Frage aus
verlangten die Nichtpaktgebundenen, daß Länder und die ungerechten internationa­ dem geschlossenen Kreis der Blöcke
die Nuklearmächte Verhandlungen auf­ len Wirtschaftsbeziehungen nicht bemer­ herausgeführt würde. Besondere Auf­
nehmen, um diese Watfen zu reduzieren ken zu wollen. Das schwere Erbe der merksamkeit müssen wir der Ver­
und vollständig zu beseitigen. Darauf läuft Vergangenheit wird in vielen Ländern nur vollkommnung der ökonomischen Zusam­
auch der Appell der Paktfreienkonferenz langsam überwunden. Das aber ist menarbeit widmen, die bislang im
von Hara’e an die führenden Repräsentan­ ebenfalls eine Gefahr für Stabilität und KSZE-Prozeß in den Hintergrund ge­
ten der UdSSR und der USA hinaus. Frieden. Die Lage ist schlechter, als man drängt wurde.
denkt. So verschlechterte sie sich in den Ich möchte hier meiner Genugtuung
NZ. Maßnahmen zur Senkung des letzten Jahren infolge der ständig über die gute Zusammenarbeit und den
militärischen Konlrontahonsstandes spie­ sinkenden-Preise für Rohstoffe, über die nützlichen Meinungsaustausch, die auf
len eme wichtige Rolle bei der die Entwicklungsländer verfügen, durch dem Wiener Treffen von den Vertretern
Verwirklichung der Idee, ein umfassendes diskriminierende Handelsschranken und unserer beiden Länder gepflegt werden,
System des Weltfriedens und der die schweren Bedingungen für die Ausdruck verleihen.
Weitsicherheit zu schaffen. Die UdSSR Schuldenrückzahlung. All das soll Kapital Ferner möchte ich die Rolle der Gruppe
ergriff einige bedeutsame Initiativen in die Industrieländer abpumpen und der neutralen und nichtpaktgebundenen
zu verschiedenen Aspekten der deren Herrschaft bewahren. Das verheißt Länder Europas bei der Arbeit der
Abrüstung, unter anderen unterbreitete Erschütterungen, deren Folgen alle Konferenz hervorheben. Diese Gruppe,
sie konkrete Vorschläge zur Beseitigung verspüren werden. die, bedingt durch ihre internationale

4 "NEUE ZEIT' 25.87


Stellung, frei ist von störenden Rivalitäten, Staaten, die zu beiden militärisch­ positiven Einfluß auf die bilateralen
tritt nicht nur als Vermittler, als Faktor der politischen Gruppierungen gehören, als Beziehungeni ausüben und einen Beitrag
Vereinigung und der Herauskristallisie­ auch nichtpaktgebundene Länder. Zu­ zu Frieden, Sicherheit
' und Stabilität auf
dem Balkan und in ganz Europa leisten
rung der gemeinsamen Interessen beider gleich haben wir so viele gemeinsame
würde. Das Treffen ist als Mei­
Gruppierungen auf, sondern auch als Probleme - Handel, Indusfriokooperation,
nungsaustausch über die weitere Ent­
Träger objektiver Interessen und der Energiewirtschaft, Verkehrswesen, Was­
Bestrebungen aller Länder und Völker serwirtschaft, Gesundhoits- und Um­ wicklung der multilateralen Zusammenar­
Europas. weltschutz - die eindringlich eino beit in allen Bereichen geplant.
NZ. Fragen der Zusammenarbeit der Zusammenarbeit und die Suche nach Vor den Balkanländern steht auch die
Balkanländer, der Schaffung einer Frie­ gemeinsamen Lösungen verlangen. Frage, was wir an künftige Generationen
denszone, frei von nuklearen und Ebendeshalb entstand die Idee einer weiterreichen werden - die ungelösten
chemischen Waffen, in der Region, findet Konferenz der Außenminister der Balkan­ Probleme einer schweren Vergangenheit,
erneut Aufmerksamkeit im Zusammenhang länder. Sie würde die erste in der Chauvinismus, Mißtrauen, ungenutzt blei­
mit Ihrem Vorschlag für die Einberufung Geschichte unserer Region sein. Diese bende Möglichkeiten für eine Zusam­
einer Konferenz der Außenminister dieser Initiative erklärt sich aus der Erkenntnis, menarbeit oder aber gegenseitiges Ver­
Staaten. Wie sind Ihrer Meinung nach die daß der multilateralen Balkan-Zusam­ ständnis, Gleichberechtigung, Annähe­
Aussichten für eine Verwirklichung der menarbeit ein neuer, stärkerer Impuls rung und Freundschaft zwischen den
Initiativen zur Festigung der regionalen gegeben werden muß, daß durch Völkern? Ich bin davon überzeugt, daß
Sicherheit und der Zusammenarbeit? gemeinsame Anstrengungen aller eine die zweite Alternative durchaus real ist.
R. Dizdarevlc. Auf dem Balkan befinden politische Atmosphäre geschaffen würde, Und die Balkanländer müssen gemeinsam
sich auf relativ kleinem Territorium sowohl die durch ihren konstruktiven Gehalt für diese Zukunft kämpfen. i__ I

NÄte/tete:
WgireinizeiQi otmI ©lamm
emstteHeimS
Neuer Vorsehllag der sozialisfischen Länder

Die stürmischen Diskussionen über die Organisationen und Bewegungen der Vertrag speziell einzusetzenden Organ
Eurorakefen haben eine andere, wohl Öffentlichkeit und von Parteien und einige und, wenn erforderlich, auch den anderen
nicht minder wichtige Richtung in der Vorschläge der westlichen Staaten, Teilnehmern zur Verfügung gestellt
Abrüstung, die Einstellung von Nuklear­ darunter der USA, wider. werden.
tests, etwas verdrängt. Dabei wurden Was wurde in Genf konkret vorgeschla­ Um die Einhaltung der Verpflichtungen
allein in den letzten Wochen Nuklear­ gen? aus dem Vertrag zu sichern, wird
explosionen in Nevada (USA), auf dem vorgeschlagen:
Mururoa-Atoll im Pazifik, in Semipalatinsk Der Vertragsentwurf sieht das Verbot — ein internationales System seis­
(UdSSR) und auf dem chinesischen aller Kernwaffenversuche — in der At­ mischer Kontrolle zu schaffen: ein Netz
Versuchsgelände Lob Nor vorgenommen. mosphäre, im Weltraum, unter Wasser und von standardmäßigen permanent funktio­
Weitere Explosionen sind geplant. unter der Erde — vor. 30 Tage nach nierenden Erdbebenstationen unter Teil­
Indessen ist ihr endgültiges Verbot Inkrafttreten des Vertrages werden die nahme internationaler Inspekteure;
vorrangig, wenn wir wollen, daß die Signatare laut Entwurf jedes Prüfgelände — Stationen der Aerosolkontrolle ein­
Entwicklung, Produktion und Perfektionie­ und dessen geographische Koordinaten zurichten, damit ein internationaler
rung von Kernwaffen eingestellt, daß sie angeben. Austausch von Angaben über die
selbst reduziert und beseitigt werden. Ein großer Abschnitt des Vertrags­ Radioaktivität der Luftmassen zustande
Diesen Standpunkt legten die Teilneh­ entwurfs gilt der Kontrolle,seit langem kommt.
merstaaten des Warschauer Vertrages vor dem größten Hindernis auf dem Wege zu Außerdem muß jeder Teilnehmer des
kurzem in Berlin dar. In der Tat würde ein Vereinbarungen. Allerdings ist das künftigen Vertrages das Recht auf
Verbot alle Möglichkeiten zur qualitativen Hindernis erkünstelt. Nach Ansicht vieler Inspektionen haben. Der Staat, der
Aufwertung von Kernwaffen beseitigen: Wissenschaftler genügen die heute inspiziert werden soll, muß bedingungslos
Kein Befehlshaber wird ungeprüfte vorhandenen Kontrollmittel durchaus, um verpflichtet sein, der Inspektion Zutritt
Gefechtsköpfe in sein Arsenal aufnehmen. eine heimliche Nuklearexplosion nachzu­ zum Ort der unklaren Erscheinung zu
In Weiterentwicklung ihrer Position weisen. Da es aber noch stark an gewähren. Das soll die Möglichkeit einer
unterbreitete die Gruppe der sozia­ Vertrauen mangelt, finden sich Moskau nuklearen Explosion in Verletzung der
listischen Länder auf der Genfer und seine Partner bereit, die eventuellen Vertragsbestimmungen ausschließen. In
Abrüstungskonferenz den Entwurf der Hindernisse wegzuräumen. Deshalb ha­ Genf sagte Wladimir Petrowski,
"Schlüsselbestimmungen eines Vertrages ben sie in den Vertragsentwurf mehr als stellvertretender Außenminister der
über das vollständige und allgemeine nur ausreichende Kontrollmaßnahmen UdSSR: "Wir stehen auch anderen
Verbot von Kernwaffenversuchen". Das ist aufgenommen: sowohl nationale Maßnahmen der Kontrolle über die
nicht nur die Quintessenz der Initiativen technische Mittel als auch die internatio­ Nichtdurchführung von Erprobungen of-
der Warschauer Vertragsstaaten aus den nale Kontrolle, darunter Inspektionen vor fen."
letzten Jahren. Das Dokument spiegelt Ort. Informationen der nationalen Die UdSSR schlägt einen unbefristeten
auch die Ideen der Gruppe der Sechs, von technischen Mittel müssen einem laut Vertrag vor. Aber 5 Jahre nach seinem

"NEUE ZEIT' 25.87 5


Inkre'ttrcten (wozu ihn unbedingt o c I
UdSSR und d.e USA unterzeichnen I GROSSBRäTANbSlEN
müssen) seil jedoch e re Konferenz über I
se ne wc *erc Aufrechterhaltung enfschci- I
den, wenn sich ihm bis dahin keine I
anderen Nuklea-mächtc angeschlossen I
haten. D.e vei e Einstellung aller Kern­
waffenversuche und :h-e
eufnehme sind e.n Ziel auf welches d.e
N.chtwicdcr- Bae iroofttafieirö® Maicßaft
UdSSR etha-r xh '.arbeitet. Uns geht cs
r.icl.t um das Aües-oder-nxhts-Prinzip, wir
s r.d auch zu c r.cr s'ufenweisen Bewe­
gung be-e t.
In sc r.nr An'.vcrt au‘ c r.c gemeinsame
E'kin'u'g der führenden Politiker der Von unserem Sonderkorrespondenten
Sechs schlug Micha I Gorbatschow vor, als Alexander PUMPJANSKI
erstes d e R« . g der sowjetisch-
•merikenischen Verträge von 1974 und
1976 sowie r. e wese- ‘1 ehe Senkung der
m diese- Vf egen vorgesehenen Die Konservativen behielten eine
Hucl.s’stL'k e Oer S-..L earexplosionen zu komfortable Mehrheit und Handlungsfrei­
erörtern Um c e seid e Vereinbarung zu heit für weitere fünf Jahre. Margaret
fördern, .st o e UdSSR bereit, sich über Thatcher regiert rekordlang.
Eich-Nul 'earexp'os onen — eine sowje­ Die Labour-Anhänger vollbrachten
tische in Neveca .’d eine amerikanische keine Revolution, doch sie festigten ihre
auf c 'em scw.e- sehen Versuchsgelän­ Stellung im Parlament als politisches
de — zu e.n,gen. Gegengewicht. Ihr Führer Neil Kinnock
Die UdSSR _-;e fern er e.n intermediä­ wurde dank dem Fernsehen und seinem
res Abkomr cn m. • ec- USA akzeptieren, Charme möglicherweise zum populärsten
nämlich Zahl und Stärke der Nuklcar- Politiker des Landes.
cxplosior.en zu begrenzen (je 2-3 Explo­ Die beiden Davids aber konnten keinen
sionen einer Stärke bis zu einer
mit I Goliath hergoben. Die Hoffnungen von
Kilotonne im Jahr). In diesem Vorschlag I David Owen, dem Führer der Sozialde­
findet der Standpunkt des US-Kongrcsscs mokraten, und David Steel, dem Chef der
seinen Niederschlag. Mitte Mai hatte ja Liberalen, darauf, daß die Allianz den
dos Repräsentantenhaus für das Verbot Charakter dos politischen Prozesses in
aller Nuklcarexplosioncn mit einer Stärke Großbritannien aus einer Konkurrenz von
von mehr als einer Kilotonne gestimmt. zwei in ein Spiel für drei verwandeln
Der Weg zu Vereinbarungen liegt also würde, sollten nicht in Erfüllung gehen.
offen. In der Frage des Nuklcartcststopps Die Allianz wurde weder zum gleichbe­
wie übrigens auch bei der Erörterung rechtigten Partner noch gar zur ge­
anderer Probleme der Abrüstung und der wünschten Braut, um die die beiden
Einstellung des Wettrüstens demonstriert Hauptparteien buhlten. So hätto es
Das Wahl-Roulette. Winkt das Glück!
Moskau guten Willen, Kompromißbe­ kommen können, wenn keine von ihnen
Zeichnung aus: "Times" (England)
reitschaft und den Wunsch, z. B. in Fragen die absolute Mehrheit erlangt hätte.
der Kontrolle so weit zu gehen, wie das Soweit eine Momentaufnahme. Doch
die Verhandlungspartner zu akzeptieren was steht dahinter - welche ge­
daß die Tories nervös sind, daß es ihnen
bereit sind. Micha,I Gorbatschow betonte: sellschaftlichen Hoffnungen, Leidenschaf­
an Selbstbewußtsein mangelt? Zudem
"Wir sind allen konstruktiven Ideen ten und Ängste? Was ergibt sich aus den
wirkt sich die kürzliche Steuersenkung
gegenüber aufgeschlossen, die in britischen Wahlen?
noch nicht aus, real wird der Wähler den
Richtung realer Abrüstung gehen."
Kaufkraftzuwachs erst im Juni verspüren...
Zum baldigsten Abschluß eines Abkom­
mens über die Einstellung von Kernwaf­
Die Technik Juli und August sind Ferienzeit. Natürlich
kann man auch über Briefwahl oder
fenversuchen bedarf es nur politischen der Demokratie Bevollmächtigte abstimmen. Doch soll
Willens. Bringen die USA ihn auf?
Die Konservativen waren und bleiben man die Menschen vor die Wahl stellen,
Die US-Regicrung erklärt ihr Handeln
die Herren der Lage. Sie nutzten geschickt Urlaub oder Politik? Da könnte die
damit, daß sic Nukleartests gegenwärtig
die Möglichkeiten als Regierungspartei. Entscheidung kaum für die Politik
braucht, um die Arbeit an der Modernisie­
Wann sollten sic die Wahlen abhalten! ausfallen. Der September hat seine
rung des strategischen US-Arsenals
Den Augenblick konnten sie bestimmen, Vorteile, doch die Nachteile überwiegen
cbsuschließen und neue Waffen, darunter
und das taten sie blendend, wobei sie alle wohl. Die Labour-Anhänger könnten bis
im SDl-Rahmcn, zu entwickeln.
Vorteile und Nachteile mit der Genauig­ zu diesem Zeitpunkt ihre Differenzen
Offiziell verlautet aus Washington, man
keit eines Computers errechneten. Ein überwunden haben. Die Tory-Erfolge
sei zum vollständigen Verbot von
ganzes Jahr hatten sie zum Manövrieren, würden dann vergossen sein...
Kernwaffenvc’Suchen noch nicht bereit,
doch welcher Monat schien am ver­ Schließlich entschied man sich für den
weil men die Einstellung der Versuche mit
heißungsvollsten? Der Mai? Die Regie­ 11. Juni. Bei diesem Abwiegen des Pro
eine’ Reduzierung von Kernwaffen und
rungspartei konnte auf Margaret Thatchers und Kontra wurde sogar berücksichtigt,
konvcntionel'en Waffen verknüpfe. Eine
Moskau-Reise und ihr politisches Gepäck daß das Treffen der "großen Sieben" in
solche Fragestellung ist kaum begründet.
Venedig Margaret Thatcher am Vorabend
verweisen. Die Labour-Anhänger sind
Lohnt es s.ch, c e Lösung von Problemen,
gespalten - die Gemäßigten attackieren der Wahlen Glamour und kostenlose
und seien sie miteinander ve’bunden, zu
wütend die Linken... Andererseits ist nicht Reklame ihrer staatsmännischen Fähigkei­
erschweren, ein neues Paket zu schnüren
einmal das vierte Jahr ihrer fünfjährigen ten bringen würde. All das gehört zur
und den Teufelskreis des Wettrüstens zu
verfassungsmäßigen Amtszeit vorbei - was Technik der Demokratie, zu ihren kleinen
verewigen? Antriebsmechanismen, von denen vox
sollte da die Eile? Würde sie nicht zeigen,
N. SHOLKWER
"NEUE ZEIT’ 25.87
6

UHU (11
dorthin geschickt habo. Wollen Sie otwa
dei, vox populi so stark abhängf - was das mehr der "kranke Mann Europas" und dor
meiner armen Mutter die Möglichkeit
Volk aber wirklich will, darauf kommt es Wohlstand der Menschon wachso - drei
nehmen, mich auf eine Privatschule zu
dabei weniger an. Ebenso wie die im Viertel der Briten loben heute in eigenen
schicken? Kinnock antwortete geduldig, er
Grunde simple Schlußfolgerung, daß Häusern.
habo allen Respekt vor der Mutter, doch
nichts so hilft, die Macht zu erringen, wie Die einen wie die anderen stützten sich
er sei weniger gegen Privatschulon als
der Besitz der Macht. dabei auf Fakten. Doch stärker als die
solche, vielmehr trete er dafür ein, daß
Übrigens hilft auch Geld gar nicht Fakten sollte die Mentalität sein.
gonüg Mittel für die öffentlichen Schulen
schlecht. Die Labour Party gab für den Arbeitslosigkeit oder Inflation - was ist
bereitgesfollt würden, damit ihr Niveau
Wahlkampf ca. 4 Mio Pfund Sterling (vor schwerer zu ertragen? Die Verdreifachung
der Arbeitslosigkeit unter den Torios ist besser wordo, damit Mütter aus ärmeren
allem Gewerkschaftsmittel) aus. Die
das schwerste Manko. 12 Prozent dor Familien nicht solche Opfer bringen
Konservativen verpulverten viermal
Erwerbsfähigen sind arbeitslos - eine müßten, um ihren Kindern eine fürwahr
soviel (Gelder der City). Wohl kaum
dürfte diese Tatsache als völlig belanglos gewaltige Zahl. Doch 88 Prozent arbeiten klassische Bildung zu geben... Doch den
für den Wahlausgang betrachtet werden. trotz allem und erhalten jeden Donnerstag Opponenten konnten diese Argumente
Natürlich würde die britische Demokratie ein durchaus erträgliches Geld. Die nicht überzeugen. Dieses Privileg der
bei einem Vergleich mit der amerika­ Inflation aber ist der gemeinsame Feind, Reichen verteidigte er so leidenschaftlich,
nischen Praxis mit ihren Mäzenen und der denn sie entwertet jeden Verdienst, frißt als sei sein wichtigstes, unveräußerliches
Losung „Dollars machen alles" zweifels­ die Spareinlagen auf. Recht gefährdet.
ohne positiv abschneiden. Doch auch Die Labour-Anhängor warfen den So sehen die Metamorphosen dor
hier ist dio Demokratie gegenüber dem Konservativen vor, sie hätten kein gesellschaftlichen Mentalität oder, wenn
großen Gold nicht gleichgültig. Mitgefühl mit den Schwachen und den man will, des Klassenbewußtseins im
Übrigens ist der britische Wahlkampf Ärmeren, sie seien sozial gleichgültig, heutigen Großbritannien und nicht nur
viel kürzer und weniger aufreibend für die seien eine Partei der Reichen. Dio Reichen dort aus. Dio Geheimnisse dor Anzie­
Gesellschaft und bei all seinen pole­ waren zweifellos für die Konservativen. hungskraft dessen, was hier Thatcherismus
mischen Übertreibungen doch noch Die City setzte sich geradezu hysterisch, (oder Reagan-Politik in den USA) genannt
relativ bescheiden. Wenn man don fast bis zum Infarkt, für Frau Thatcher ein. wird, erklären sich aus diesem Bereich des
Fernseher nicht einschaltct, bemerkt man Dio Nachricht, daß eine Meinungsumfrage gesellschaftlichen Bewußtseins und Unter­
vielleicht gar nicht, daß das Land gerade eine jähe Zunahme der Popularität für bewußtseins.
im Wahlkampf steckt. Auf der Straße war Labour signalisierte, löste eine Panik an Psychologisch zieht os die Armen zu
von politischen Leidenschaften so gut wie der Börse aus... Doch das Hauptdrama der den Reichen. Der Arbeiter betrachtet sich
nichts zu spüren. Labour Party als Arbeiterpartei bestand nicht als Arbeitsloser in spe, sondern hofft
Dor Bildschirm wurde zum eigentlichen darin, daß auch viele Arbeiter, meist auf einen Aufstieg in die "Mittelklasse".
Handlungsort. Er schuf die Illusion, als Facharbeiter, bei den drei letzten Wahlen Die Konservativen nutzten geschickt
würden die Schlachten in jodom Haus für die Konservativen stimmten. diesen Drang nach oben. Sie verkauften
geführt. Das Fernsehen, das das ganze Man sollte eigentlich meinen, arbei­ viele städtische Wohnungen relativ billig
Land um sich vereinte, teilte os in tende Menschen ließen sich durch die an ihre Bewohner, und dio Banken gaben
verschiedene Lager von Schlachten­ wachsende Arbeitslosigkeit beeinflussen - Kredite über 20 Jahre. Die Menschen
bummlern, ermöglichte ihnen, jeden sind sie ja tagtäglich vom Verlust ihres konnten so, ohne die Anschrift zu
Schritt dor Spieler zu verfolgen, präsen­ Arbeitsplatzes bedroht. Doch an die wechseln und wobei sio im Grunde "nur"
tierte Favoriten, kommentierte ihre Manö­ Zukunft denkt man lieber nicht, dafür oino Hypothek auf sich luden, gleichsam
ver und Finten, gab ihnen tagtäglich eine fördert dor Gedanke, daß man Hausbesit­ dio soziale Leiter hochklettorn - von
durch Meinungsumfragen bestimmte No­ zer geworden ist oder Aktien erworben Mietern billiger städtischer Wohnungen
te, zog eine Bilanz oder zumindest eine hat, das Selbstbewußtsein. Diese innore zu Hausbesitzern. Eino weitere geschickte
Zwischenbilanz in jeder Nachrichtensen­ Abstimmung erfolgte zugunsten der Partei Operation bestand im Vorkauf von Aktion
dung. des Kapitals. Hochmut, elitäres Gehabe, ehemaliger staatlicher Unternehmen an
Am 11. Juni hatten dann die Stimmbür­ Privilegien und das Gefühl von Reichtum deren Personal. Zwei, drei Aktion - und
ger nur don Eindruck an dio Wahlurne zu haben diese Menschen keineswegs schon gilt der Arbeiter als "Volkskapita­
tragen, don das Fernsehen ihnen, abgestoßen, sondern angolockt, haben list".
vermittelt hatte. Das Sakrament der Illusionen geweckt. Daß all diese wundersamen Meta­
Demokratie offenbarte sich im Fernsehen. Wo ist die Arbeitslosigkeit besonders morphosen sich vor allem im Bewußtsein
verbreitet? Im Norden Englands, in vollziehen, läßt sie psychologisch nicht
Schottland und Wales - sie stellt sich als weniger überzeugend werden - im
Problem der Randgebiete dar. Hilflose Gegenteil. Dio soziale Seßhaftigkeit hat
Faktor F>syclhi©l©g)ie alte Menschen, alleinstehende Mütter, zugenommen. Die Basis der Tories
Menschen, die die Heizkosten nicht erweiterte sich derart, daß ihr dritter Sieg
Doch wie spielten die Anwärter auf die bezahlen können... Sie leben gleichfalls hintereinander möglich wurde.
Macht? Woraufsetzten sie, was fürchteten sozusagen am "Rande" des Lebens, sind Sogleich wurde nachgerechnet, daß
sie? ein Problem, das viele an den Rand des Margaret Thatcher länger an der Macht
Die Labour-Anhänger legten die Hand gesellschaftlichen Bewußtseins verdrän­ sein wird als alle Regierungschefs nach
auf das schwerste Gebrechen der gen. Den Unterprivilegierten helfen? Graf Liverpool, der das Kabinett von
Gesellschaft: die Arbeitslosigkeit von Wohltätigkeit - ja, bitte. Eine "Ge­ 1812 bis 1827 leitete. Damals hatten nur
3 Millionen. Sie prangerten lei- sellschaft allgemeinen Wohlstands" aber Wohlhabende an der Wahl teilgenom­
denschaftlich die zunehmende Kluft (eine Losung von Labour) - lieber nicht. men. Jetzt gelang es den Konservativen,
zwischen Arm und Reich und das Soll doch jeder seines Glückes Schmied die Mehrheit der Wähler davon zu
Desinteresse der Tories an den-Unterprivi- sein. überzeugen, daß es nur Wohlhabende im
legicrten an. Gesundheits- und Bil­ Ich kann mich erinnern, wie bei einer Lande gibt.
dungswesen, betonten sie, siechten Fernsehdiskussion ein Zuschauer Kinnock
wegen Geldmangel vor sich hin. telefonisch mit der Frage zusetzte, warum
Die Konservativen ihrerseits behaupte­ er und seine Partei den Privatschulen den Spiel mit der Angst
ten voller Pathos, es sei ihnen gelungen, "Krieg erklärt" hätten. Er stamme aus
der Inflation, die unter der früheren einer Arbeiterfamilie, sagte Kinnocks Propaganda und Wunschdenken, die
Labour-Herrschaft gewütet habe, Herr zu Opponent, doch er habe eine Privatschule Flucht vor den wahren Problemen in das
werden, die Wirtschaft sei effektiver absolviert, da seine Mutter ihn unter zur Festung verwandelte eigene Haus
geworden, Großbritannien schon nicht langjährigen Opfern dor ganzen Familie charakterisierten die Atmosphäre der

"NEUE ZEIT” 25.87 7


britischen Wahlen. Die Begriffsverwirrung meg, so könnte os durchaus einen f


W'ettlauf zur nuklearen Abrüstung oinlei- I
triumphierte. Auch bei den Verlierern
lassen sich Beweise dafür finden. Im ten. Wenn das keine weltpolitische Rolle
für ein Land mit diesen Ambitionen wäre - I
ganzen Wahlka—pf ließ Kinnock das Wort Finnland begrüßte uns mit einem
"Sozialismus" kein einziges Mal fallen - eine auf das Umdonkcn zielende, r
verspäteten nördlichen Sommer, und ich
über dieses, einst programmatische Ziel moralisch attraktivol
In der erhitzten und vergifteten I erlebte gleichsam einen zweiten Frühling.
der Lebour Pady schweigt man sich heute
Wahlkampfatmosphärc jedoch propagier- I Am Waldrand blühte üppig der Faulbeer­
Leber aus. Dafür kennte ich wiederholt
baum, auf den Tischen spendeten
beobachten, wie der Führer der Labour ton die Labour-Anhöngcr weniger ihre
Maiglöckchen (aus dem Treibhaus - im
Party kiarzumachen suchte, daß .... die Positionen - statt dessen hatten sie sich
gegen verrückte Anschuldigungen zu I! Wald dürfen sie nicht gepflückt werden)
Demokra' e in seiner Partei sehr bedingt
ihr unverwechselbares Aroma. Die klaren
sei, deß wenn er en die Macht käme, ihn vedeidigen. Ich selbst höde, wie der
Wellen der Ostsee schlugen an die Küste
diu e.gene Parte nicht aus dem Sessel des Vorsitzende der Konservativen Padei,
des Finnischen Meerbusens.
Premierministers würde verdrängen kön­ Tcbbit, das Publikum mit billiger Demago­
All das versetzte uns in eine fast
nen, solange er selbst nicht zu gie aufzuheizon suchte. "Hundode von
idyllische Stimmung, doch unsere fin-
demissionieren wünsche. Mit solchen Jahren wehte keine Flaggo einer
nischen Gesprächspartner dämpften mit
merkwürdigen Argurr.e'.'en suchte er sich ausländischen Macht über den Britischen
der ihnen eigenen Zurückhaltung unsere
Beschuldiger gen zu erwehren, cor linke Inseln und solange die Konservativen an
Begeisterung: Sowohl die Luft als auch
"extrem ist sehe“ Flüge, kenne dann einen der Macht sein werden, wird sie nicht
wehen", sagte er. "Unter Kinnock ist alles, das Wasser und der Wald sind nicht mehr
Putsch in der Parte r.szen.eren und die
das, was sie einst waren. So ist es nun
Macht im Lande ergre 'en. . was Großbritannien bleibt, die Kapitula­
einmal in unserer Welt heute, ja und auch
Und d.c Wat > a~ r.'a'mcspherc? Sie tion."
Ein Roklamofilm mit dem Vedeidi- wir selbst, ihre Kinder, sind so, daß das
war weniger von ehrlicher Polemik, vom
gungsministcr in der Hauptrolle zeichnete Gespräch über das tägliche Leben ständig
Streit der Argumente, Positionen und
ein Großbritannien, das heute vom auf die Politik zurückkommt, auf die
Programme get cr.nze.chr.et als vielmehr
sowjetischen Milifärkoloß bedroht wird Probleme, die den Menschen stets
vom Schlachtgetümmel um Horrorthesen.
wie 1939 von Hitlcrdcutschland. Doch beschäftigen. Wovon die Rede war? Von
Die rechte Propaganda gab den Ton an. In
ebenso, wie das Land damals unter dem Umbau in der Sowjetunion und in
dieser A'er.a ist "Sozialismus" ein
Führung der Konservativen standhielt, Finnland (Finnland ist mit diversen
Schreckgespenst und Schimpfwort, Ge­
wird os auch jetzt standhalten, wenn die Sfrukturproblemen konfrontiert). Von der
werkschaften ("Gewerkschaftsbosse")
Tories an der Macht blieben - und Bewahrung der Konkurrenzfähigkeit in
sind emo Quelle von Anarchie und
natürlich, wenn das Land auch in Zukunft einer Welt, die von unglaublich ver­
Diktatur zugleich, die Labouranhänger
seinen nuklearen Leidenschaften frönen schärften Rivalitäten auf den Rohstoff- und
sind "Extremisten", ' verantwortungslose
werde, zwingt ja gerade die britische Absatzmärkten, in Wissenschaft und
Experimentatoren", "Kapitulanten", "Ver­
Kernstreitmacht den brutalen Gegner, Technik, bei den Schlüsseltechnologien
räter"...
Großbritannien und den Westen zu erfaßt ist. Darüber, ob es Europa gelingen
Wer wird, wenn er seine fünf Sinne
respektieren und Verhandlungen zuzu­ wird, den Weg des Abbaus der nuklearen
beisammen hat, Verrätern helfen wollen?
Konfrontation, die den einfachen
Der Vorwurf des Verrats dürfte ein recht stimmen...
Offenbar machen in Wahlkampfzeiten Menschen den so notwendigen Glauben
kräftiges Mittel in der politischen
gosundor Menschenverstand und Humor an eine friedliche Zukunft nimmt, einzu­
Auseinandersetzung sein. Genauer ge­
ihre schwersten Zeiten durch. schlagen. (Für Finnland sind Überlegun­
sagt, hat das mit politischem Kampf schon
gen von NATO-Strategen, der "Nord­
wenig zu tun. Die Labour-Anhanger seien Verräter,
atlantik" werde "entscheidende Bedeu­
Handlanger der Sowjets, hetzten die
Als Aufhänger für die Propagcndaor- Konservativen. Sollten sie siegen, dann tung in einem bewaffneten Konflikt in
gicn diente ein Satz im Labour-Programm: würde Amerika unverzüglich seinen Europa" haben, kein Geheimnis.)
"Wir müssen unsere nuklearen Ambitio­ Nuklearschirm einziehen, die NATO Wir sprachen von der Arbeitslosigkeit
nen endlich aufgeben." Dieser Aufruf wird würde auseinanderfallen, Großbritannien (verschiedenen Angaben zufolge fünf bis
in besagtem Programm durch das bliebe dann völlig schutzlos sowjetischem sieben Prozent der Erwerbsfähigen), mit

Versprechen konkretisiert, das Programm Druck ausgeliefert. Und da zieht natürlich der man nicht fertig wird. Von der Armut
für die Umrüstung der U-Boot-Flotte durch auch schon eine Invasion am Horizont eines Teils der Bevölkerung - offiziellen
neuartige Trident-Raketen zu annullieren, auf... Die Labour-Anhänger suchten sich Angaben nach gibt es im Land 500 000
auf die veralteten Polaris-Missiles zu gegenüber solchen Anschuldigungen zu Minderbemittelte. Von den sterben­
verzichten und die US-Nuklearwaffen von rechtfertigen, erklärten, daß sie nichts den Dörfern - in Nordfinnland beschloß
britischen Stützpunkten abzuziehen. Derartiges planten - weder einen Verzicht man sogar, zu einer so fragwürdigen
Ehrlich gesagt, scheint mir dieser auf das Bündnis mit den USA noch einen Methode zu greifen wie der Schaffung
Standpunkt sehr vernünftig zu sein. Die Austritt aus der NATO oder gar eine einer Art Territorialheeres durch die
heutigen Nuklcarambitionen Großbritan- Schwächung der Macht Großbritanniens... Heranziehung von Bauern, die ihre
niens erinnern irgendwie an die früheren So wurde die fürwahr notwendige Wirtschaft aufgeben mußten, zum Militär­
Empire-Ambitionen. Ohne seinen Status dienst. Von den teuren Wohnungen und
Debatte über ein adäquates Denken im
als Kolonialmacht hat Großbritannien Nuklearzeitalter, über die mögliche Rolle anderen typischen Erscheinungen eines
seine Rolle in der Welt nicht verloren, es des Landes bei der Suche nach einer kapitalistischen Landes, obgleich in den
hat nur sein Image aufpoliert. Und nicht sicheren Zukunft für sich und die letzten Jahren in Finnland ein Viertel des
der Nuklcarstatus verleiht ihm Größe. Verbündeten, für Europa und die Welt im Bruttosozialprodukts sozialen Zwecken
Selbst wenn man in den Begriffen der Grunde durch Übungen im Geiste eines zufließt. Von den Veränderungen des
"Abschreckung" und eines globalen politischen Kräftefeldes, wo nach
panischen McCarthyismus ersetzt... Die
Kräftegleichgewichts denkt, lassen sich den Parlamentswahlen vom Frühjahr
Taktik funktionierte. Das Publikum sollte
keine gewichtigen Argumente für die d. J. die größte Partei des Landes, die
viel bereitwilliger Bombardements mit
Sozialdemokratische Partei, auf einmal
"unabhängigen“ britischen Nukleararse­ • chauvinistischen Schablonen und Horror­
nale finden. Ohne sie würden Formel und über 100 000 Wähler verlor, die Nationale
visionen akzeptieren als neue Ideen und
Charakter der "Abschreckung" und des Koalitionspadei, die vor allem die
Hoffnungen. Die Wähler wurden so
Kräftegleichgewichts im Grunde unverän­ Interessen des Großkapitals vertritt,
eingeschüchtert, daß sie erneut für den
erstmals an die Macht gelangte und die
dert bleiben. Status quo stimmten.
Doch wenn Großbritannien auch das Zentrumspadei mit ihrer traditionellen
London—Moskau Ausrichtung auf agrarische und Kleinun-
nukleare Wettrüsten mcht zu stoppen
"NEUE ZEIT” 25.87
8
UdSSR—FINNLAND

tawM edlen’
Wladlen KUSNEZOW

ternehmerschichten erstmals in der Oppo­ erstrebenden Wohlstand hin. Jetzt haben Krisenfolgen. Zu den Stabilitätsfaktoren
sition landete. die Finnen dem Prokopfeinkommen nach werden gewöhnlich das "nationale
Wir sprachen natürlich auch über die Großbritannien und Frankreich überholt Einvernehmen" und der "Klassenfrieden"
Perspektiven der sowjetisch-finnischen und sjch dem schwedischen Niveau gerechnet, die recht erfolgreiche
Zusammenarbeit, über zwei Daten - den unmittelbar genähert, vielleicht ihre Wirtschaftspolitik und das Vorhandensein
70. Jahrestag der Großen Sozialistischen Nachbarn sogar überholt. Ein auslän­ des staatlichen Sektors, auf den ca. 40
Oktoberrevolution und den 70. Jahrestag discher Journalist bemerkte, daß die Jagd Prozent des Bruttosozialprodukts entfal­
der staatlichen Unabhängigkeit Finnlands. nach- der Arbeitsproduktivität zu einem len. Unbedingt wird noch ein weiterer
"70 Jahre Nachbarn" - unter dieser Nationalsport in Finnland wurdo... positiver Faktor genannt - der Handel und
Devise fand im April in Helsinki ein "Möchten Sie einmal in Moskau die Zusammenarbeit mit der UdSSR.
Seminar der Zentrumspartei statt, die jetzt anrufen?", fragte man mich in der Firma Auf die Sowjetunion kommt über ein
schon 13 Jahre Parteibeziehungen zur Nokia und reichte mir einen scheinbar Fünftel des gesamten finnischen Exports.
KPdSU unterhält. Im Gespräch mit dem gewöhnlichen Telefonhörer. Er hatte keine Schätzungen zufolge hängt der
Gast aus Moskau schätzten der Parteivor­ Schnur, statt dessen - eine kleine Antenne. Wohlstand von 150 000 Finnen (mit
sitzende Paavo Väyrynen und General­ Die Nokia ist die größte Privatfirma Familien von 400 000) mit der Produktion
sekretär Seppo Kääriänen die Entwicklung Finnlands mit 28 000 Mann Personal, von Erzeugnissen für die UdSSR oder mit
dieser Zusammenarbeit und ihre Aus­ einem Jahresumsatz von ca. 12 Md. dem Bau von Objekten auf sowjetischem
sichten positiv ein, wobei sie betonten, Finnmark, mit 80 Tochterunternehmen im Boden zusammen. Ohne diesen Faktor
daß die Kontakte beider Parteien zu In- und Ausland. Der Konzern erzeugt wäre die Arbeitslosigkeit, wie man meint,
Vertrauen, guter Nachbarschaft und Kabel, maschinelle Ausrüstungen und doppelt so hoch. Die Auslastung der
Zusammenarbeit zwischen Finnland und Anlagen, Gummi, Kunststoffe, Papier und Produktionskapazitäten auf Jahre hinaus,
der Sowjetunion beitragen. sogar Jagdgewehre. Die Elektronik die Möglichkeit einer langfristigen stabi­
bestimmt immer mehr das Profil der len Perspektivplanung für viele expor­
Firma. Ihr Anteil macht heute fast 40 tierte Branchen und die Sicherung von
Prozent aus, bei elektronischen Anlagen Arbeitsplätzen - man braucht nicht
Klein, aber fein für Banken und automatische Wirtschaftswissenschaftler zu sein, um die
Fernsprechzentralen sowie bei den ganze Bedeutung dieser Quellen des
Finnland hat später als viele andere Mikrocomputern konkurriert die Nokia wirtschaftlichen Fortschritts und des
Länder mit der Industrialisierung begon­ erfolgreich mit amerikanischen, japa­ Wohlstands zu erfassen.
nen. Doch nichtsdestoweniger ist das nischen und schwedischen Produzenten, Doch nicht alle wissen das nach Gebühr
einstige Agrarland mit seinen alten bei Funktelefonen aber dürfte sie zu würdigen. Gewisse Leute innerhalb
Papierfabriken heute nicht wiederzuer­ einzigartig in der Welt sein. und außerhalb Finnlands operieren
kennen. Suomi wurde zu einem Land des "Worin liegt das Geheimnis der bisweilen mit dem Schreckgespenst einer
hochentwickelten Maschinenbaus, der Nokia?" "Abhängigkeit" von der UdSSR. Doch
Chemieindustrie, der Elektronik, des "Es ist einfach, wenn es da überhaupt auch sie hängt ja von Finnland ab - von
Roboterbaus und der Biotechnologie. Im ein Geheimnis gibt. Wir lassen uns von seinen Waren und seinen Arbeitskräften,
Schiffbau liegt es jetzt an 15. Stelle in der der Rentabilität leiten”, sagte Nokia- die Objekte auf sowjetischem Territorium
Welf, jeder zweite Eisbrecher läuft in Vertreter Jan-Peter Paul. errichten.
Finnland vom Stapel. Finnland nimmt eine Auf den ersten Blick scheint das einfach
führende Rolle in der Produktion zu sein. Doch was ist nicht alles
tragbarer Telefone und vieler anderer erforderlich, um Rentabilität zu erzielen! Für alle offene
Elektronikprodukte ein. Finnland bemüht sich, sich die modernen
Suomi hat nicht einmal fünf Millionen Schlüsseltechnologien schnell anzueig­ Erfahrungen
Einwohner, d. h. 0,1 Prozent der nen, gegenüber anderen nicht zu­ Ein altes finnisches Sprichwort lautet:
Erdbevölkerung. Doch die Finnen erzeu­ rückzubleiben, sondern sie nach Man kann ohne Freunde leben, doch ohne
gen 0,4 Prozent der Weltproduktion. Auf Möglichkeiten zumindest auf einigen Nachbarn geht es nicht. Die Vorzüge der
sie entfallen 0,7 Prozent des Welfhan­ Gebieten zu überholen. Und ihr gelingt guten Nachbarschaft lassen sich nicht nur
delsvolumens. Das Land exportiert bis zu das. Davon konnten wir uns überzeugen, in materiellen Kategorien bewerten. Die
35 Prozent seiner Erzeugnisse - mehr, als als wir den größten genossenschaftlichen UdSSR und Finnland haben fürwahr
z. B. Frankreich. Molkereikonzern Valio und den Zentral­ einmalige Erfahrungen in den Beziehun­
Dem Produktionsniveau entspricht auch verband der Industrie besuchten, als wir gen zwischen einem großen und einem
der Lebensstandard. Wie man arbeitet, so mit Vertretern anderer Firmen und kleinen Land unterschiedlicher Ge­
lebt man. Vor sieben Jahren, als ich Betriebe sprachen. sellschaftssysteme und Ideologien gesam­
Finnland zum letzten Mal besuchte, Viele westeuropäische Länder sind von melt. Und diese Erfahrungen gehören
wiesen viele meiner Gesprächspartner auf wirtschaftlichen Problemen erfaßt... nicht nur unseren Völkern und Ländern.
Schweden als Beispiel für den zu Finnland leidet weniger unter den Sie gehören der gesamten Völkerge-
"NEUE ZEIT' 25.87 9
re ' scha't, c e so mühse-e 'Wege zur Gesprächspartner sprachen von der gibt jedem Staat ein unverwechselbares
E:”.‘rech*. zur Unterordnung ih.’e’ D ffe- Notwendigkeit, eine klarere Vorstellung Kolorit, erlaubt ihm, dem internationalen
re-ze- u'ter c.e ce—c Aufgebe vene rander zu haben, damit wir Leben einen eigenen Stempel auf­
des Obe'-ebens und der Rettung der Weit umfassender Zusammenarbeiten könnten, zudrücken, einen eigenen, originellen
sucht. Uno d eses Eelsp.el braucht c c als wir das jetzt tun. Beitrag zu den geistigen Errungenschaften
ganze M.e-schhe 4 as P’C*otyp ihrer Wenn man in der westlichen Presse der Menschheit zu leisten. Wer, wenn
besse-er Zukunft. etwas über das heutige Finnland liest, nicht das Land von Jean Sibelius, Eliel
Des re.e pe ‘ sehe Denken, von dessen stöBt man dabei bisweilen auf den Saarinen, Alvar Aalto, das Land Urho
Notwe-.c ere t ,e‘zt »oca . gesprochen Ausdruck "europäische" oder "nordeuro­ Kekkonens, weiß das?
wird, entstand n der Praxis der päische Japaner". So werden die Finnen Die meisten Länder haben ihre
sewje*.sch-'-r sehen Eez.ehur.gen. Un­ genannt, so zollt man ihrer technischen historisch bedingten Prioritäten der
tere Lärcer d.e ces schwere Erbe der Begabung Anerkennung. Doch die Finnen Zusammenarbeit, Prioritäten ihrer Bezie­
Kr .ege und der Fe 'dtc gxe t überwan­ werden glücklicherweise keine "Japaner" hungen und des Vertrauens zu anderen
den, •. r.d Fre-nde geworden, haben oder "Amerikaner", sie werden nicht Staaten. Dieser Vertrauensstand ist natür­
erfahren, wes eur! ehe, cf'ene, von einmal "Schweden", obgleich man von lich nicht etwas, was ein für allemal
'/oreir.ger.e.——.en-e t und Vorurteilen allen etwas übernehmen, bei allen etwas feststünde und unveränderlich wäre. Doch
free Beziehunge' bedeuten. Von der lernen könnte. Die Finnen bleiben Finnen. gewöhnlich wollen die Staaten das
Sowjefur. er. ur.d F e-.d kann man historisch Gewachsene, was sich bewährt
sage: Statt "e ■ :r. der eufzubauen, hat, was den nationalen Interessen gut
haben :e es verstanden, Partner zu dient, bewahren und kultivieren. Und
werden. Die Identität wahren natürlich bemüht man sich, dieses Erbe vor
Schwankungen des politischen Klimas
Das neue pc.‘.sche Denken der Allerdings war auch Besorgnis zu
national wie international zu bewahren,
firn sei e" Sp tzenpe. *.ker manifestierte vernehmen: V/ird Finnland wirklich
weiß man ja, daß sonst Vertrauen und
sich in der Nachkr egsze.t in der Finnland bleiben? Wird cs, wenn es seine gutes Einvernehmen leiden können. Um
Behauptung de’ ‘ Peas.kivi-Kekkonen- Kontakte zur EG entwickelt, wobei es in das zu vermeiden, gibt cs eine weise
Lmie", des Kurses euf e.n c.r.träehtiges der einen oder anderen Form an
Regel, die Präsident Mauno Koivisto,
Verhältnis mit der UdSSR, der seinen verschiedenen internationalen Organisa­
gestützt auf die Erfahrungen seines
Ausdruck im Vertrag über Frcundscha't, tionen und Vereinigungen teilnimmt,
Landes, so formulierte: "Die Probleme so
Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfo seine politische und ökonomische zu lösen, um anderen keine zu berei­
von 1948 fand, auf eine aktive Friedenspo­ Selbständigkeit wirklich vor den sehr ten."
litik. Diesem Kurs versuchten gewisse aktiven Einflüssen von außen schützen Aus dem Programm der neuen
Kräfte (und versuchen es auch jetzt) einen können? Wird es die kulturellen Traditio­ Regierung, die von dem ehemaligen
anderen Kurs entgcge.nzusetzen - eine nen des eigenen Landes gegen die Flut Führer der Nationalen Koaliiionspartei
sogenannte Politik des "tiefen Profils", der ausländischen "Massenkultur" vertei­ Harri Holkeri geleitet wird, ergibt sich,
d. h. eine passive Politik des Zuscheuens, digen können? Man versteht in Finnland, daß sie gedenkt, die Paasikivi-Kekkonen-
der Nichtteilnahme am internationalen wie mir schien, daß Einflüsse von außen Linie, die Linie des Vertrages von 1948,
Leben. Doch hätte Finnland seinen guten nicht nur in Politik, Wirtschaft und Kultur den Kurs auf die Festigung der
Ruf, seinen Namen in der Weltarena eindringen, sondern auch die gesamte wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der
erlangt, wenn man sich ausgeschwiegen, Lebensweise verändern werden. Das UdSSR und die Entwicklung von neuen
wenn man nicht für konstruktive Lösungen geschieht bisweilen fast unmerklich... Formen dieser Zusammenarbeit fortzufüh­
votiert hätte? Die Idee der Schaffung einer Wir alle leben in einer - mehr als je ren. Was die Innenpolitik angeht, so
kernwaffenfreien Zone in Nordeuropa, zuvor - interdependenten Welt. Es wäre hörten wir auch Befürchtungen: Das vom
von Urho Kekkonen bereits 1963 vorge- dumm, sinnlos und lächerlich, sich vor neuen Kabinett verkündete Programm
schlagcn, erlebt eine Art Wiedergeburt. dieser Welt abkapseln zu wollen. Und das struktureller Veränderungen in der
Er hatte bereits 1976 die Nuklearmächte ist in unserem Jahrhundert auch einfach Wirtschaft wird die Werktätigen voll
aufgefordert, die Flügelraketen zu verbie­ unmöglich. Doch der Prozeß der Interna­ treffen und dem Privatkapital den größten
ten oder zu begrenzen. Heute ist tionalisierung entspricht ihrer Bestimmung Nutzen bringen.
besonders deutlich, wie weitsichtig jener nur und erlangt allein dann einen Sinn, Die sowjetischen Menschen freuen sich
Aufruf war. Und diese Tradition wird wenn er sich wirklich in allen Richtungen darüber, wenn es in Finnland, vor allem im
wcitergepflegt. Präsident Mauno Koivisto entwickelt. entscheidenden Bereich menschlicher
schlug vertrauensbildende Maßnahmen in Doch das ist nur eine Seite der Tätigkeit, der Wirtschaft, gut läuft. So freut
Ncrdcuropa und in den angrenzenden Medaille. Es gibt auch eine andere: die man sich für einen Nachbarn, mit dem man
Meeren vor. Über 100 000 Finnen, eigene Unabhängigkeit in dieser interde­ viele gemeinsame Aufgaben angeht, zu
darunter die Vorsitzenden aller Fraktio­ pendenten Welt zu bewahren, ohne sich dem die Beziehungen fest und stabil sind.
nen des finnischen Parlaments, unter­ von der Strömung mitreißen zu lassen. So Und wenn hier irgendwelche Verände­
zeichneten einen Aufruf für ein Verbot wurde es uns auch bei dem Gespräch mit rungen möglich sind, dann mögen es
a'ler Kernwaffentests. All das ist eine der Führung der Zentrumspartei und der Veränderungen zum Besseren sein. Das
Politik des hohen Profils, der aktiven Zeitung "Suomenmaa" gesagt. Die Interesse an beiderseitigen Erfolgen
Förderung des Friedens. Zentristen sehen eine ihrer wichtigen spürte ich auch bei vielen meiner
Am einfachsten wäre es. bei den langfristigen politischen Aufgaben gerade Gesprächspartner - bei Vertretern poli­
sowjetisch-finnischen Beziehungen von in der Bewahrung und Behauptung der tischer, wirtschaftlicher und journa­
einer ständ.gen Aufwärtsentwicklung zu nationalen Eigenständigkeit Finnlands. listischer Kreise. Der Vorsitzende der
sprechen Doch gute Nachbarschaft Nicht nur vor Finnland, vor jedem Land, Parlamentsfrakfion der Zentrumspartei,
verpflichtet zu vielem. Zum aufmerksamen auch vor den "Supermächten", steht heute Kauko Juhantalo, sagte:
Studium all dessen, was das Leben in die Frage: Wie kann man die eigenen "Wir verfolgen Ihren Umbau mit großer
unsere Beziehungen trägt. Zu deren nationalen Wurzeln, die Traditionen und Sympathie. Davon, wie er sich auf die
ständiger Korrektur und Ver­ Sitten, die eigene Identität in einer immer Wirtschaft auswirken wird, hängen in
vollkommnung. Zu kühner Projizierung stärker independenten Welt bewahren? vielem der Stand unserer Zusammenar­
neuer Ziele. Natürlich wissen wir schon Grundsätzlich läßt sich dieses Problem beit, ihre Zukunft ab."
richt wenig voneinander. Doch ob das offenbar für einen großen Staat leichter Ja, dem ist so. Der Umbau wird helfen,
genug ist? "Lerne deinen Nachbarn lösen als für einen kleinen. unsere Zusammenarbeit zu bereichern, sie
kennen." Diese Bewegung hat unlängst in Gerade die Bewahrung der nationalen zu erweitern und zu vertiefen.
F nrland ihren Anfang genommen. Meine Eigenständigkeit, des eigenen Gesichts Helsinki-Moskau
"NEUE ZEIT' 25.87
10
PANORAMA

NATO

Wiener
I^eyEsjavik
ODIE NATO-RATSTAGUNG
IN REYKJAVIK BILLIGTE DIE
"DOPPELTE NULL-LOSUNG" -
DIE BESEITIGUNG DER
SOWJETISCHEN UND
AMERIKANISCHEN
MITTELSTRECKENRAKETEN
GROSSERER (LRINF) UND
GERINGERER (SR INF)
REICHWEITE.
Bei dem Gipfeltreffen im
Oktober v. J. in Reykjavik hatte
die UdSSR die Null-Lösung bei
den LRINF vorgeschlagen, und
die USA hatten sie akzeptiert.
Im Februar d. J. offerierte dann
Moskau die "doppelte Null-
Lösung": zusammen mit den
LRINF auch die SRINF zu
beseitigen. Nach langem Ober­
legen und offenem Widerstand
akzeptierte der NATO-Rat im
Juni doch den sowjetischen
Vorschlag.
Man möchte hoffen, daß es
die Vertreter der UdSSR und
der USA jetzt in Genf leichter
haben werden, ein Abkommen
zu erzielen, das es erlauben
wird, unmittelbar zur Ver­
nichtung der beiden Katego- ■
rien von Nuklearwaffen auf dem
europäischen Kontinent über­
zugehen. Ein in allgemeinen
Zügen gehaltener Vertrags­
entwurf liegt bereits auf dem
Verhandlungstisch. Es besteht
Grund zu der Annahme, daß
ein Abkommen bereits im
Herbst möglich ist. Wollen wir \<BPEMAp
also Optimisten sein, doch für
Euphorie ist es noch zu früh.
Die NATO-Ratstagung ließ "Wlr sind In Eurem Golf nur auf der Durchreise! Wir sichern so die Freiheit unserer
die Frage der 72 Nu­ Schiffahrt ..."
klearsprengköpfe zu den Zeichnung: Wsewolod Arsenjew
SRINF-Missiles Pershing 1 A in
der BRD offen. Die Ge­
fechtsköpfe gehören den Ame­
rikanern, die Raketen der suchten die NATO-Minister wäre es ohne die Dynamik der freiung Europas von den
Bundeswehr. Die BRD-Regie­ hinter der diplomatischen Kom- sowjetischen Außenpolitik und Nuklcarwaffen auf die Tages­
rung möchte sie aus einem munique-Sprache zu verber­ ohne den Druck der Frie­ ordnung setzen. Gerade eine
möglichen Abkommen aus­ gen. Doch früher oder später densbewegung auf die Atlanti- solche grundlegende Lösung
klammern. Washington würde werden sie eine Antwort auch ker schwer möglich. wird seit langem von der
das sehr zusagen. Dann würde auf diese Frage geben müssen. Die Aussicht auf die Beseiti­ UdSSR önd ihren Verbündeten
es in Europa weiterhin über gut Das Ja der NATO zur gung der LRINF und der SRINF vorgeschlagen. Die NATO hat
70 Nuklearsprengköpfe verfü­ "doppelten Null-Lösung" ist auf unserem Kontinent kann das es bislang nicht eilig, positiv
gen. Diese strittige Frage sicher ein Fortschritt. Übrigens Problem der vollständigen Be- auch auf diesen Vorschlag des
"NEUE ZEIT' 25.87 11
PANORAMA
—Ti

Ostens zu reagieren. Im (PSDI) und d:e Liberalen (PLI) die übrigen drei (PSD), PLI und Verteidigungskräfte, Oberst
N ATO-Kcmmu-.ique heißt es verloren Parlamentssitze. PRI), was ihre Positionen bei a. D. Roberto Diaz, statt, der
klar: 'Es gibt ke ne Alte-nativc Entgegen den Prognosen den künftigen Verhandlungen eine Verwicklung des jetzigen
... zur Strategie der nahmen die Italiener aktiv an über eine Regierungsneubil ­ Oberbefehlshabers General
Abset reckung, d e sich auf d.e den Wahlen teil. 88,5% der dung schwächt. Nach den Manuel Noriega in das Attentat
erforoer ct'e Ve-bi-dung aus­ wahlberechtigten Bürger gin­ Wahlen ist die politische Lage auf Torrijos andeutete.
reichender und effekt ver nu­ gen an die Urnen. Das ist eine in Italien noch komplizierter Manuel Noriega, ein ehema­
t' care' uno kor.venticneHer der höchsten Zahlen in der geworden. liger Mitstreiter von Torrijos,
Kräfte gründet, von denen Nachkriegsgeschichtc des Lan­ W. MALYSCHEW gehört jetzt zu den konsequen­
jedes E'c'.'t' t erfe'derl ch ist... des. testen Verfechtern der Politik
Deshalb sir.d ac amerika­ des Ex-Präsidenten. Er wurde
Der Erfolg der Sozialisten ist
nischen N^k'earverp' chtung nicht zufällig zur Zielscheibe
und die prase z der US-Nu-
das Hauptergebnis der Wahl. PANAMA von Attacken gewählt. Als
Sic werden in der Abgeordne­
klearkra'te n Europa .. Oberbefehlshaber der
weiter ur.bed r.gt erforderlich. tenkammer jetzt 21 Vertreter
Streitkräfte der Republik kann
D FOGORSHELSKI mehr haben als zuvor (94 statt
er zum ersten Hindernis auf
73 Sitze). PSI-Führcr Betfino
Craxi erklärte: Die Wahlergeb­
Verschwörung dem Weg der Verschwörer
werden. Durch sein Eintreten
nisse seien eine "Belohnung"
2
für seine Partei, was ihr Kraft
gibt, das "politische Wirrwarr",
gegen für
reizte
den
er
Contadora-Prozeß
häufig Washington.
So wurde bekannt, daß der
ITALIEN in dem sich Italien befindet, zu
überwinden. die Republik ehemalige US-Sicherheitsbera-
ter John Poindexter Noriegas
I KP-Generalsekretär Ales-
Rücktritt verlangte.
sandro Natta erklärte vor O AUF DEM GESAMTEN Die selbständige Haltung
Die Wahlen Journalisten, ein
Rückgang der Zahl der für die
gewisser TERRITORIUM
WURDE DER
PANAMAS
AUSNAHMEZU­
Panamas mißfällt
seit langem. Insbesondere ge­
Washington

Kommunisten abgegebenen STAND VERHÄNGT. hen den USA die aktive Rolle
Stimmen erkläre sich vor allem Dazu sah sich die pana­
sind aus. durch die Spaltung im linken maische Regierung gezwun­
der Republik bei dar Regelung
der Mittelamerika-Krise auf
Lager. Das habe es der gen, um die Lage zu normalisie­
Wegen, die Washington
demokratischen Alternative ren. Die Situation hat sich
ablehnt, und ihr Streben nach
Was nun? (der von der IKP proklamierte
Kurs auf die Einheit der
zugespitzt,
Welle von
nachdem eine
Demonstrationen
freundschaftlichen Beziehun­
gen zu Nikaragua und Kuba
• DER ERFOLG DER Linkskräfte) nicht erlaubt, aus- der Rechtskräfte mit der Forde­
gegen den Strich.
SOZIALISTEN WAR EINES reichendes Vertrauen zu fin- rung nach Rücktritt von Präsi­
Doch besonders stört Wa­
HAUPTERGEBNISSE DER
DER den. Die IKP, unterstrich Natta, dent Delvalle sowie der ande­
shington Panamas Unnachgie­
VORGEZOGENEN bleibe weiter die Hauptkraft ren Kabinettsmitglieder das
bigkeit, was die Zukunft des
PARLAMENTSWAHLEN VOM der italienischen Demokratie. Er Land erfaßt hatte. Stimmen
Panamakanals angeht. Ent­
14.-15. JUNI. verwies darauf, daß die Kom­ werden laut, die sich für einen
sprechend den 1977 zwischen
Insgesamt konnten die munisten den Kampf für die Machtantritt von Arnulfo Arias,
Torrijos und Carter unter­
größten Parteien ihre Positio­ sozialökonomischen Errun­ einem ultrarechten Politiker
zeichneten Verträgen soll der
nen halten. Bei der Wahl zur genschaften der Werktätigen und Intimfreund von Reagan,
Panamakanal bis zum Jahre
Abgeordnetenkammer erhielt und die Grundinteressen des aussprechen. Mitglieder der
2000 voll in die Verfügungsge­
die Christlich-Demokratische Landes fortführen werden. Handelskammer und andere
walt der Republik übergehen.
Partei (DC), die größte bürger­ Den führenden Mitgliedern Gruppierungen von Ge­
Doch die jetzige US-Admi-
liche Partei des Londes, 34,3% der früheren Regie­ schäftsleuten erklärten ... den
nistration besteht auf einer
der Stimmen (32,9% bei den rungsmehrheit - den Christde­ Generalstreik.
Revision dieser Verträge. Be­
Wahlen von 1983). Die Italie­ mokraten und den Sozialisten - Die panamaischen Behörden
kannt ist eine Äußerung Rea­
nische Kommunistische Partei gelang es, ihre Positionen zu verfügen über ein Dokument
gans zum Kanal: „Wir haben
(IKP) verfügt jetzt über 26,6% festigen. Doch die auf der des State Department, das
ihn gekauft, haben in ihn unser
(29,9% waren es 1983). Dio Tagesordnung stehenden Pläne für eine Destabilisierung
Geld gesteckt, er gehört uns,
Italienische Sozialistische Par­ Probleme sind nach wie vor der Regierungskoalition unter
und wir müssen ihn halten."
tei (PSI) erhielt 14,3%' - 2,9% nicht gelöst. Nicht beigclegt der Revolutionär-Demokra­
Vielleicht mit Hilfe der Einhei­
mehr als 1983. sind auch die Differenzen tischen Partei enthält. Sie war
ten des Süd-Kommandos der
Im Senat, der laut Verfassung zwischen den Parteien, was zu 1978 von General Omar Torri­
USA, dessen Hauptquartier
von den Bürgern über 25 Jah­ den vorgezogenen Wahlen jos gegründet worden, der vor
Ende vorsorglich aus
v. J.
ren gewählt wird, errang die führte. Die Fünfparteienkoali­ 6 Jahren unter ungeklärten
Georgia nach Panama verlegt
DC 33,6% der Stimmen tion (DC—PSI—PRI—PLI—PSDI), Umständen bei einer Flugzeug­
wurde?
(125 Mandate), die IKP erhielt meint die Nachrichtenagen­ katastrophe ums Leben kam. Es
Die Spannungen in Panama
28,3% (100 Sitze), die PSI tur ANSA, hat ihre Position gibt nicht wenige Beweise
lassen nicht nach. Doch der
10,9% (36 Manca'e). so weit gefestigt, daB sie als dafür, daß die CIA dabei
Kurs der Regierungspartei auf
Die Grünen, die erstmals am einzig mögliche Regierungsfor­ mitmischte.
eine fürwahr unabhängige
Wahlkampf teilnahmen, erhiel­ mel erscheint. Doch die Bedin­ Im Grunde waren es die
Außenpolitik, auf die Verteidi­
ten 2,5%. Die ital.cnischen gungen für eine Wiederherstel­ Ereignisse von vor 6 Jahren, die
gung der Souveränität und der
Neofaschisten, die 10 Sitze in lung wurden noch weiter zum Auslöser für die jetzigen
nationalen Interessen des Lan­
der Abgeordnetenkammer ver­ erschwert. Unruhen wurden. In der
des wird von der Bevölke­
loren, erlitten eine schwere Die Wähler ‘ belohnten" die Hauptstadt fand eine Presse­
rungsmehrheit entschieden un­
N ede’age. D.e Republikaner stärksten Koalitionsparteien konferenz des Ex-Gene­
terstützt.
(PRl), die Sozialdemokraten (DC und PSI) und “bestraften" ralstabschefs der nationalen J. KUDIMOW

12 "NEUE ZEIT" 25.87


I

Polens komplizierte Geschichte wollte


es so, daß die katholische Kirche in
unserem Land eine beträchtliche poli­
tische Rolle spielt. Die patriotische
Haltung der Geistlichen während der
Hitlerokkupation, eine Haltung, die jeder
fünfte Geistliche mit seinem Leben
bezahlen mußte, brachte der katholischen
Kirche in Polen die Anerkennung der
Gesellschaft.

Heute verbinden zahlreiche Polen ihre


traditionelle Gläubigkeit mit der Akzep­
tierung der sozialistischen Ideale und mit
aktiver Teilnahme am Aufbau Volkspolens.
Wie unser stellvertretender Außenmi­
nister Tadeusz Olechowski vor dem
Besuch des Papstes sagte, "haben wir uns
stark dem Modell einer konstruktiven
Gespräch zwischen Wojciech Zusammenarbeit von Staat und Kirche
Jaruzelski und Papst Johannes Paul II. genähert, die auf der Respektierung der
Gesetze des weltlichen Staates und
zugleich der Hirtentätigkeit der Kirche
beruht".
Versuche, auf dem Reiseweg des
Papstes hie und da Zwischenfälle
hervorzurufen, sind Provokateuren zuzu­
Marek RUDZINSKI schreiben, die zu beweisen suchten, daß
eine konstruktive Koexistenz und Zusam­
Das ist der dritte Besuch des Papstes in schöpferischen Arbeit im Leben der menarbeit von Staat und Kirche unmöglich
seiner Heimat. Den Anlaß gab der II. Menschheit. Diese Ansichten fanden ihren sei. Diese Menschen wollten die Gelegen­
Eucharistische Kongreß, der in sieben Niederschlag in seiner Enzyklika "Labo- heit benutzen, um die öffentliche
polnischen Städten tagte. rem exercenes" (Rettung in Arbeit). Sie Ordnung zu stören. Doch ihr recht enger
Vom 8. bis zum 14. Juni besuchte veranschaulicht die positive Evolution der Wirkungsbereich zeugt davon, daß die
Johannes Paul II. neun Städte in Sozialdoktrin der römisch-katholischen Gläubigen verstanden: Solche Provoka­
verschiedenen Gebieten Polens, von Kirche. Allerdings muß man zugeben, daß tionen wirken sich nicht nur auf die
Szczecin im Westen bis Lublin im Osten, diese Botschaft des Papstes, die in Polen inneren Angelegenheiten der VR Polen,
von Gdansk und Westerplatte im Norden während der ganzen Dauer seines sondern auch auf die Tätigkeit der Kirche
bis Krakow im Süden. Er hatte zahlreiche Aufenthalts verlesen wurde, nicht eindeu­ negativ aus.
Begegnungen mit Vertretern verschiede­ tig zu interpretieren ist. Die Interpretation Die Polen beteiligten sich an religiösen
ner Schichten der Gesellschaft und konnte hängt davon ab, ob die Botschaft vom Veranstaltungen und verfolgten Johannes
verschiedene Aspekte des Lebens in religiösen, sozialen oder politischen Pauls II. Reise in Rundfunk und
Volkspolen wie auch die Veränderungen Standpunkt beurteilt wird. Fernsehen. Das Gespräch Jaruzelskis mit
kennenlernen, die in unserem Land seit Der Papst ist zugleich das Oberhaupt dem Papst unter vier Augen dauerte
seinem letzten Besuch 1983 eingetreten des Staates Vatikanstadt. Die Polen haben über zwei Stunden. In seiner
sind. nicht vergessen, daß in unferner Vergan­ Abschlußrede sagte der polnische Spit­
Polen ist heute anders. Die hohen genheit, als die NATO-Länder mit den zenpolitiker über den Besuch: "Der
Wogen der Krisenerscheinungen haben USA an der Spitze Polen Papstbesuch war eine Hirtensaat. Von
sich gelegt. Die früher off von fremder international zu isolieren trachteten, ihrer Bedeutung werden vor allem ihre
Hand geschürten Flammen erlöschen. Die Johannes Paul 11. der erste Staatsmann des Früchte zeugen: ob nach dem Besuch die
Basis für den nationalen Dialog ist breiter Westens war, der unserem Land einen Autorität Polens wachsen und inwiefern
geworden. Das aus den Prüfungen offiziellen Besuch abstattete und die der Besuch zum nationalen Einvernehmen,
gestärkt hervorgehende Land schafft amerikanischen Wirtschaffssanktionen ge­ zur täglichen Verbesserung von Arbeit
neue, off völlig neuartige Formen und gen Polen verurteilte. und Moral im Lande beitragen wird." An
Institute des öffentlichen Lebens. In Die Einstellung Johannes Pauls II. zum Johannes Paul II. gewandt, sagte
seiner Ansprache in Warschau sagte Krieg formte sich, wie er selbst sagt, unter Jaruzelski:
der Papst: „Ich habe gesehen, daß dem Einfluß des Märtyrertums seines "Ihre Heiligkeit wird die Heimat bald
das Land trotz Schwierigkeiten wächst Volkes während der Hitlerokkupation. verlassen. Sie werden ihr Bild in Ihrem
und sich entwickelt, daß auch der Mensch Daß gemeinsame Bemühungen um den Herzen forttragen, aber nicht ihre realen
in ihm wächst und sein Glaube, die Kultur, Frieden vorliegen, verdeutlichte ein Probleme. Das Volk bleibt hier, zwischen
das Verantwortungsbewußtsein und die Treffen des Papstes mit Wojciech Jaru­ Bug und Oder und muß selber seiner
Reife zunehmen." zelski, Vorsitzender des Staatsrates, in Schwierigkeiten Herr werden. Bestim­
In seinen Predigten und Ansprachen dem von den Nazis vernichteten und auf mend für Polens Zukunft und wirkliche
beschränkte sich der Papst auf seiner Beschluß der Volksmacht wiederaufge­ Stellung in Europa und der Welt werden
Polen-Reise nicht auf reine Glaubensfra­ bauten Königspalast. Beide Teilnehmer der innere Zusammenhalt und die
gen. 'Er berührte auch soziale Probleme, des Treffens verliehen, obwohl sie auf Wirtschaftsstärke, die Entwicklung von
die die Kirche interessieren, sprach vom unterschiedlichen philosophischen und Zivilisation, Wissenschaft und Kultur, die
Frieden, von der Notwendigkeit, die weltanschaulichen Positionen stehen, den Einheit der Bürgerrechte und Bür­
menschlichen Laster und Schwächen zu Fragen des Friedens erstrangige Bedeu­ gerpflichten sein.”
bekämpfen, und betonte die Rolle der tung. Warschau
"NEUE ZEIT' 25.87 13
SICHERHEITSFRAGEN

Neues Denken gegen slteMilitärdogmen

Antikriegsdoktrin
Generaloberst Dmitri WOLKOGONOW, Dr. phil. habil.

Aus der Gessh.ct'e vsc.3 man, daß gon sioht in der Erstschlagkonzeption dennoch oin Angriff gegen sie verübt
Wa'fcr, m zw.tr‘.er.s‘ai‘ den Streitigkei­ nach wie vor eine für die USA gültige wird, werden sie dem Aggressor eine
ten, sozialen, r.oticr.alcn, Rassen- und militärische Logik." Das kennzeichnet vernichtende Abfuhr erteilen."
Gleubenskcnn kfen immer das Hauptargu­ eindeutig das aggressive Wesen der US- Die Fähigkeit und Bereitschaft des
ment waren. In den 14 030 Kriegen, die und NATO-Doktrinen. Die "Strategische Sozialismus, seine Sicherheit zu verteidi­
die Militargesct.ichte fixiert hat, fielen Vorteidigungsinitiativo" ist dazu be­ gen, ist ein wichtiger F, ipdensfaktor. Das
über 4 Milliarden Menschen, ungefähr stimmt, einen unbegrenzten kosmischen Bestehen eines machtvollen Verteidi-
ebenso viel w c heute auf der Erde leben. Kriegsschauplatz - ohne Schützengräben gungspotenfials (das ausreicht, um die
Es gab groSc und "kleine" Kriege, und Unterstände - zu entfalten. Die Verteidigung zu sichern) mahnt die Lieb­
siebenjährige, dre.Big,thrige und sogar Amerikaner beabsichtigen, allo Schlüs­ haber von Kriegsabenteuern: Man kann
einen hundertjährigen Kr.eg. Die beiden selstellungen im erdnahen Raum zu versuchen, den Gegner rnit Kernwaffen zu
Weltkriege haben der Menschheit unheil­ besetzen und die UdSSR und die anderen vernichten, aber dar Aggressor ist
bare Wunden geschlagen. Aber all das sozialistischen Staaten aufs Korn zu neh­ machtlos gegenüber Gegenmaßnahmen.
■.■erblaßt vor der Gefahr einer nuklearen men. Sicherheit ist nicht die Jagd nach der
Katastrophe. Heute kann man den Gegner Auf dieser Plattform stehen die Kräfte, Vision des Sieges in einem Kornwaf-
cinaschern, ohne deshalb des Sieges die auf Kernwaffen nicht verzichten wol­ fonkriog, sondern die Fähigkeit, ein
gewiß zu sein. len und immer noch in alten militärischen nukleares Inferno abzuwendon.
Kategorien denken. Dio Doktrin formuliert die Interessen
Auf dor Berliner Tagung dos Politischen der ganzen Menschheit. Wenn man sich
Die Dialektik Beratenden Ausschusses wurde ein Doku­ eine weltweite Umfrage über Krieg und
der Verteidigung ment angenommen, das dio Militärdoktrin Frieden vorstellt, könnte man sicher sein:
der sozialistischen Staaten als Teilnehmer Die Mehrheit würde sich für einen realen,
Jeder Staat hot seine Militärdoktrin, die des Warschauer Vertrags formuliert. Ihr durch Vernichtung von Kernwaffen garan­
Ziele und Charakter eines möglichen Wesen besteht darin, daß sie, wio es in tierten Frieden aussprechen. Dor Angel­
Krieges, die Methoden der Kricgsvorbo- don Dokumenten dos Ausschusses hoißt, punkt sind also die unvergänglichen
rcitung und -führung umreißt. Dio Doktri­ dor Aufgabe untergeordnet ist, "keinen Werte: Frieden, friedliche Koexistenz und
nen berücksichtigten stets nicht nur dio Krieg - weder einen mit nuklearen noch Zusammenarbeit.
eigenen Möglichkeiten (und dio des mit konventionellen Waffen geführten - In militärtechnischor Hinsicht legt dio
potentiellen Gegners), sondern auch zuzulasson". Das ist eine Vertoidigungs- Doktrin die Richtung in der militärischen
geographische, räumliche und zeitliche odor Anti-Kriegs-Doktrin. Dio sozia­ Entwicklung der sozialistischen Länder
Faktoren. So sotzto Hitlcrdcutschland im listischen Staaten unterstrichen, daß sie fest, dio die Erhaltung dos militärischen
zweiten Weltkrieg auf einen "Blitzkrieg“; "ihro Zukunft nie mit der militärischen Gleichgewichts zu jedem beliebigen Zeit­
Großbritannien legte Gewicht auf eine Lösung internationaler Probleme verbun­ punkt gewährleistet. Dor Rahmon dos für
Strategie “indirekter Handlungen"; den haben und nicht verbinden worden". die Verteidigung ausroichondon Niveaus
Frankreich ließ sich von einer Verteidi­ Der Vortoidigungscharaktor dor Doktrin hobt dio Notwendigkeit nicht auf, die
gungskonzeption leiten. Dio USA ver­ ist staatlich verankert: Dio sozialistischen Militärwissenschaft und -kunst zu ent­
ließen sich zu Kriegsbeginn mehr auf ihre Länder wordon niemals als erste Kernwaf­ wickeln und die Stroitkräfto zu perfektio­
Seo- und Luft Streitkräfte. Erst die Logik fen oinsofzon; niemals militärische nieren. Je höher dio Gofochtsboroitschaft
des Kampfes selbst konfrontierte sie mit Handlungen beginnen, wenn sie nicht dor Stroitkräfto, desto geringer dio
der Notwendigkeit, ihre Anstrengungen selbst einem Oberfall ausgesetzt sind; Wahrscheinlichkeit, daß dor potentielle
auf den Fcstlandskricg zu konzentrieren. betrachten keinen Staat und kein Volk als Aggressor oin Abenteuer wagt. Das ist dio
In der zweiten Hälfte unseres Jahrhun­ ihren Feind; erhoben gegenüber keinem Dialektik dor Vortoidigungsdoktrin.
derts haben sich die nationalen Ansichten Staat territoriale Ansprüche. Demnach ist
der westlichen Staaten über den Charakter das Wesen der Doktrin klar: Dio sozia­
eines cventueHen Krieges unter dom listischen Länder beanspruchen koino
Die Parität
Einfluß der USA merklich vereinheitlicht. größere Sicherheit als andere Länder, Bertolt Brecht mahnte einst: "Das große
Doktrinen (im politischen Vokabular dos worden aber auch koino geringere akzep­ Karthago führte drei Kriege. Es war noch
Pentagon “die nationale bzw. große tieren. In dor Doktrin verbindet sich dio mächtig nach dem ersten, noch be­
Strategie") lösten c nander ab: “massierte Friedensliebe der sozialistischen Staaten wohnbar nach dem zweiten. Es war nicht
Vergeilung", "flexible Reaktion“, "rea­ mit dor Bereitschaft, ihro sozialen Errun­ mehr auffindbar nach dem dritten.“ Dio
listische Abschreckung", "nukleare Ein­ genschaften zu verteidigen. Im gemeinsa­ Gefahr eines driften Weltkrieges, der für
dämmung". Aber das Wichtigste blieb: men Dokument heißt es: "Die Streitkräfte den ganzen Planeten der letzte sein
S c basierten sämtlich auf emem nuklearen der verbündeten Staaten werden in einer könnte, erfordert gebieterisch Umdenken.
Erstschlag. G. Ford schr.eb in seinem Buch Kampfbereitschaft gehalten, die ausreicht, Es wäre naiv zu glauben, daß das
'Der Auslbscknopf' (1985): 'Das Pcnta- um nicht überrascht zu werden. Falls Establishment der USA aus dem heute
14 "NEUE ZEIT" 25.B7
bestehenden Spektrum der politischen
Möglichkeiten nur die nukleare Lösung
vorzieht. Wir müssen jedoch in Betracht
ziehen, daß in Washington nicht nur
realistische Ansichten und Argumente,
sondern auch die Logik eines deformier­
ten politischen Denkens Einfluß ausüben.
Eine Logik, die im Antikommunismus
wurzelt.
Von besonderer Relevanz ist deshalb
das Prinzip der gleichen Sicherheit, das
sich gegenwärtig in der Parität der
strategischen Kräfte äußert. Der objektive
Kausalzusammenhang zwischen der Ba­
lance der strategischen Potenzen und der
Sicherheit dor Staaten wird als Gesetz der
Erhaltung des Friedens wirksam. Das
militärische Gleichgewicht allein kann
natürlich nicht immer einen Angreifer
zurückhalten. Aber in einem Nuklearkrieg
wird er einen selbstmörderisch hohen
Preis dafür zahlen müssen.
Militärstrategischo Parität bedeutet
Ausländische Beobachter notwendige
volle oder annähernde Gleichheit der
Vertrauensmaßnahmo
Seifen irn Hinblick auf dio strategischen
Foto: TASS
Milte' des bewaffneten Kampfes. Bei der
Einschätzung der Parität müssen heutzu­
tage auch viele andere Faktoren in
Zunächst zum geschichtlichen Aspekt dem Kontinent auf ein Niveau zu senken,
Rechnung gestellt werden: geopolitische,
dos Problems. Die Menschheit besteht seit das einen Überraschungsangriff der einen
technische (die Möglichkeit der Ent­
etwa einer Million Jahren, davon Hun­ Seite auf die andere ausschließen würde.
wicklung von auf neuen Prinzipien basie­
derttausende Jahre ohne Krieg. Die größte Das bedeutet einen Komplex ver-
renden Waffen), konventionelle Waffen,
Gefahr für den Menschen war damals die frauensbildender Maßnahmen und die
dio ihrer Zerstörungskraft nach don Mas­
Natur als feindliche dämonische Kraft, die Anlegung von massenvernichtungswaf­
senvernichtungswaffen nahekommen. Wir
man nur gemeinsam bekämpfen konnte. fenfreien Zonen als Voraussetzung für die
dürfen z. B. das beharrliche Stroben der
Sonst hätten die Menschen einfach nicht künftige gleichzeitige Auflösung der
USA nicht unberücksichtigt lassen, Waffen
überlebt. Bewaffnete Konflikte zwischen einander gegcnüberstohenden Mili­
in don Weltraum zu fragen, weil das die
einzelnen Sippen waren nicht von sozia­ tärblöcke. Es wird ein politischer Mecha­
militärpolitische Weltlage von Grund auf
lem Charakter, vielmehr zufällige Zusam­ nismus zur Kriegsabwendung geschaffen.
verändern könnte.
menstöße im Ringen um beste Jagdgrün­ Drittens: Ein Vorankommen, auf diesem
Sirukfurmäßig umfaßt die militärstrate­
de, Weiden, Höhlen. Eino Rollo spielte Weg ist ohne die Schaffung eines Systems
gische Parität die Quantität und Qualität
auch dio Blutrache. Das widerlegt dio von Kontrolle und Informationsaustausch,
von Kernwaffenträgern, dio Zahl und
These bürgerlicher Historiker, Kriege ohne Konsultationen in speziellen interna­
Tonnage von Gofechfsköpfen und deren
seien originär. Kriege kamen in dor tionalen Organen unmöglich. Infor­
Basiorung. Heute befindet sich dio mili-
menschlichen Geschichte erst auf den miertheit und internationale Offenheit
tärstratcgischo Balance auf einem sehr
letzten Stufen der unendlichen Pyramide erhöhen sich, die Bedeutung der öf­
hohen Stand. Das hat eine neue Situation
des sozialen Fortschritts, gleichzeitig mit fentlichen Meinung nimmt zu. Deshalb ist
horboigoführt, dio ihren Niederschlag in
don antagonistischen Klassen auf. Ihre es wichtig, die Militärdoktrinen der bei­
dor Doktrin dos Warschauer Vortrags
verhängnisvolle Reihe läßt sich un­ den Blöcke zu vergleichen und den
gefunden hat: "Ein immer höheres Niveau
terbrechen. Verteidigungsprinzipien dienende Ten­
der Parität bringt ... kein Mohr an
Dio Militärdoktrin der Teilneh­ denzen "aufzuspüren". Diese ideolo­
Sicherheit." In einem bestimmten Stadium
merstaaten dos Warschauer Vortrags gische Zielgruppe ist von der Notwendig­
der Erhöhung dor nuklearlon Potentiale
bestimmt dio Hauptziolc, dio, wenn sie keit diktiert, neuem Denken zu einem
büßt dio Parität Ihre Bedeutung als Faktor
erreicht sind, Kriege verhindern können. weiteren Spielraum zu verhelfen. Faktisch
dor Kriogsabwendung oin.
Schon dor Charakter dieser Ziele weist die wird hier dio Hoffnung zum Ausdruck
Es ist paradox: Washingtons militä­
Doktrin als staatliche Konzeption der gebracht, daß dieses Denken, was die
rische Potenzen steigen, seine Fähigkeit,
Krlegsabwondung aus. Dazu ist notwen­ Probleme von Krieg und Frieden betrifft,
politische Ziele mit Hilfe der Armee zu
dig: weltumfassend, allgemein wird.
erreichen, nimmt jedoch nicht zu. Hierbei
Erstens dio Nukloartosts, dio Porfokfio- Boi dor Formulierung ihrer Doktrin
senkt sich auch noch die allgemeine
.niorung und Produktion neuer Kernwaffen gingen dio Teilnohmorstaaten dos
Sicherhoitssch wolle.
mit Hinblick auf ihre etappenweise Redu­ Warschauer Vertrags selbstverständlich
zierung zu vorbioton und im Idoalfall nicht von Illusionen, sondorn von den
Sicherheitslogik völlig zu vernichten. Das ist nur möglich, heutigen Realitäten aus. Solange kein
wenn dor Weltraum waffenfrei bleibt. politischer Mechanismus zur Blockierung
Frieden ist möglich. Doch auch oin Gonau so wichtig ist die Beseitigung dor Ursachen eines Nukloarkriogos ge­
Krieg ist wahrscheinlich. Dieser Schluß chemischer und anderer Massonvor- schaffen ist, müsson wir uns auf einen
darf unter den Friodenskräften keine nichtungswaffen. Im Grundo ist also von militärischen Mechanismus stützen.
Verwirrung stiften, er muß ihnen vielmehr einer Vernichtung dor materiellen Basis Die Möglichkeit bosteht, bis zum
die Entschlossenheit verleihen, den tra­ eines Kernwaffenkrleges die Rede. Beginn dos dritten Jahrtausends Epochales
gischen Ausgang zu verhindern. Die Zweitens: Da Europa für die Geschicke zu leisten: einen Vorlauf für eine Zukunft
Militärdoktrin der sozialistischen Staaten der Zivilisation, das Kräftegleichgewicht ohne Kriege und Waffen zu ge­
behauptet, daß es möglich ist, "den Krieg und dio Konstellation der politischen währleisten. Real ist das jedoch nur bei
ein für allemal aus dem Leben der Interessen von besonderer Bedeutung ist, der gemeinsamen Schaffung eines Anti-
Menschheit zu verbannen". gilt es, die konventionellen Waffen auf Kriogs-Mechanismus.
"NEUE ZEIT" 25.87 15
Wenn Ich amerikanische Zeitungen lese, finde ich immer wieder die
ECHO Behauptung, daß die amerikanische Gesellschaft eine wahrhaft offene
Gesellschaft ist. Was Ist eigentlich eine "offene Gesellschaft"! Eine
Demokratie ohne Grenzen und Einschränkungen, in der alles möglich Ist!
A. KUSNEZOW
Leningrad

DISKUSSION reiner Zufall? Nehmen wir B. den amerikanische Schriftsteller W. Styron:


MIT DEM LESER Informationsaustausch. "Bei all meinen Reisen mußte ich niemals
Vielleicht erinnern Sie sich noch, wie und nirgendwo dermaßen erniedrigende
der amerikanische Moderator Donahue Fragen beantworten, wie meine auslän­
bei einer Fernsehbrücke offen zugab, daß dischen Kollegen, wenn sie in die USA
Journalisten in den USA angehalfen einreisen wollen."
werden, Kommunisten nicht mit
Die Grenzen der USA schützt ein
Samthandschuhen anzufassen. Mr. Dona­
Computersysfem mit automatischer Visa­
hue hat uns damit nichts Neues erzählt.
verweigerung (AVLOS). Hier sind die
Eine UNESCO-Expertise kommt zu dem­
Daten von 2 Millionen Menschen ge­
selben Schluß: Die Monopolisierung der
speichert, die den Behörden verdächtig
Massenkommunikationsmitfel in den USA
erscheinen, 500 000 allein aus politischen
stellt ein "Hindernis für den Informa­
Motiven, hauptsächlich wegen ihrer "Ver­
tionsfluß" dar und führt dazu, daß
bindungen zu Kommunisten1. 18mal ha­
Journalisten "trotz hoher Prinzipien, die in
ben US-Grenzbehörden sowjetischen Ge­
I Gesetzen verkündet werden...
Wahrheit nicht frei sagen dürfen". Wie
die
werkschaftsdelegationen die Einreise ver­
weigert.
soll man denn überhaupt noch etwas frei
sagen können, wenn allein schon der Im April untersagten US-Behörden dem
"Gan ne t "-Konzern 130 Zeitungen, Vertreter des Generalkonsulats der
16 Rundfunk- und 11 Fernsehsender UdSSR einen Besuch in Vincouver, Bun­
Es diskutiert
kontrolliert? desstaat Washington, anläßlich der
Prof. Viktor DAN1LENKO Es sieht ganz so aus, als hätten die Eröffnung einer Jubiläumsausstellung in
sowjetischen Kardiologen bei Ge­ Erinnerung an den ersten Direktflug von
sprächen mit ihren amerikanischen Kolle- Moskau über den Nordpol nach Amerika;

rr OFFENE GESELLSCHAFT" o
Sie haben ganz recht, werter Genosse gen sich subversiv geäußert und die sowjetischen Nowosti-Korrespondenten
Kusnezow, über Freiheit und Demokratie amerikanische Zuschauergemeinde ge­ wurden mit fadenscheiniger Begründung
spricht man in den USA viel und gern. fährdet, oder warum sonst wurde die die Einreisevisa verweigert; man hat ein
Besonders gern über die liberale, "offe­ Ausstrahlung des Dialogs im US-Fernse- Gesetz verabschiedet, das die ge­
ne" Gesellschaft, in der alle Informationen hen verboten? Darüber hinaus sind die bei waltsame Ausweisung von Millionen
zugänglich sind und zwischen­ uns beliebten Fernsehbrücken lateinamerikanischer Arbeitsimmigranten
menschlichen Kontakten nichts im Wege UdSSR—USA in den USA selbst auf sanktioniert. Alles in dem Monat, als
steht. Als Paradebeispiel nimmt man dann Ortssender beschränkt, so daß jede Sen­ George Shultz in Moskau über die
die amerikanische Gesellschaft und stellt dung von höchstens 10 Millionen US-Bür- Menschenrechtsfrage dozieren wollte.
sie der sowjetischen gegenüber. Indem gern verfolgt werden konnte. In der Die Reagan-Administration zieht es vor,
die amerikanische Propaganda die These Sowjetunion werden die TV-Brücken vom eigene Menschenrechtsverletzungen zu
von der geschlossenen Sowjetgesellschaft 1. Fernsehen der UdSSR ausgestrahlt und verschweigen und bemüht sich, die Auf­
in so aufdringlicher Weise verbreitet, sind somit der gesamten Bevölkerung merksamkeit der Bürger auf angebliche
sprengt sie den Rahmen des ideolo­ zugänglich. Verletzungen von Menschenrechten in
gischen Kampfes und praktiziert psycholo­ In den Bibliotheken amerikanischer den sozialistischen Ländern zu lenken, vor
gische Kriegführung sowie Einmischung in Schulen stehen viele Bücher auch von allem natürlich in der Sowjetunion. Daß
die inneren Angelegenheiten der UdSSR US-Autoren auf dem Index. Der „Wa­ der demokratische Prozeß in unserem
und anderer Länder des Sozialismus. Nicht shington Post“ zufolge herrscht diese Land gestört wurde, ist bekannt. Darüber
umsonst widmet die US-Diplomatie Zensur in 46 von 50 US-Bundesstaaten. Zu wird bei uns offen geschrieben und
Menschenrechtsfragen euf allen interna­ den Verbotenen gehören Dickens, He­ diskutiert. Die Entwicklung unserer De­
tionalen Foren eine derart gesteigerte mingway, Fitzgerald, Baldwin, Salinger. mokratie und die Erneuerung unserer
Aufmerksamkeit. Was für ein Wirbel Allein in den letzten 5 Jahren waren 600 Gesellschaft orientieren darauf, ähnliche
wurde nicht seinerzeit um den "dritten Bücher von der Zensur betroffen. Rechtsverletzungen ünd Exzesse auszu­
Korb' von Helsinki gemacht, in dem Kommen wir zu den Kontakten schließen. In diesem Zusammenhang
Fragen der Zusammenarbeit auf humanitä­ zwischen den Menschen. Sie werden möchte ich Sie, Genosse Kusnezow, auf
rem Gebiet geregelt sind! Und in durch das McCarran-Walter-Gesetz von die in kapitalistischen Medien verbreitete
Reykjavik war Präsident Reagan nach 1952 drastisch beschränkt. Auf seiner These, aufmerksam machen, derzufolge
seinen eigenen Worten eigentlich nur, um Grundlage wurde bis heute über 33 000 die Umstellungen im geistig-politischen
Fragen der Menschenrechte zur Sprache Personen die Einreise in die USA verwei­ Bereich unter Druck stattfinden. Eine
zu bringen Im April d. J. versuchte gert, u. a. dem italienischen Regisseur absurde Behauptung. Unsere Verände­
Außenmmis'er Shultz bei seinen Ge­ Dario Fo, dem kanadischen Schriftsteller rungen haben eigene Ursachen und eine
sprächen in Moskau, immer wieder auf Mowat, dem englischen Romancier Gra­ eigene Dynamik. Und Erörterungen im
denselben Fragen herumzuhacken.Ist das ham Greene, dem japanischen Literaten Oberlehrerton, wie wir sie aus dem
übertriebene amerikanische Interesse an K. Abe und dem Dichter D. Brutus aus der westlichen Ausland vernehmen, sind
den Rechten des sowjetischen Menschen RSA, um nur einige zu nennen. Dazu der ebenso unsubstantiiert wie geheuchelt.

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ter und Bruder angeht, so glaube ich nicht,

^Wiir gctainiMiffi daß es selbst die geringste Chance gibt,


sie nach einer Nuklearexplosion wieder­
zusehen. Möglicherweise besteht eine
verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit,

eigeunes Grab™ daß ich am Leben bleiben und sehen


werde, was dann sein wird. Doch wo
werde ich dann sein, was werde ich tun?
Als ich am College studierte und meine
Dieser Brief war an den Gene- warum erzeugen wir dann weiter immer Zukunft plante, fragte ich mich bisweilen:
mehr solcher Waffen? Wird das Land, das warum! Das Leben erscheint sinnlos, da
ralsekrefär des ZK der KPdSU, über die größte Zahl von Nuklearwaffen der Eindruck entsteht, daß wir uns unser
Michail Gorbatschow, gerichtet. verfügt, tatsächlich von seiner Überlegen­ eigenes Grab schaufeln.
Eine Kopie von ihm ging, wie der heit Gebrauch machen? Mir scheint, daß Neben diesen persönlichen Sorgen
Autor in einem Zusatz erklärte, wir da nur den künftigen Selbstmord der bedrängt mich auch eine andere Frage:
Zivilisation planen. Wie wird es nach einem solchen Krieg um
auch an US-Präsident Ronald Viele Jahre lang war ich unfreiwilliger die Umwelt insgesamt und um die
Reagan. Zeuge von Diskussionen, bei denen es um Möglichkeit der Existenz von Leben in
einen "begrenzten Nuklearkrieg" ging. beliebiger Form auf unserem Planeten
In letzter Zeit begann ich mir ernsthafte Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich bestellt sein? Wie wird das Leben auf
Sorgen über das sehr widersprüchliche weiß, was dieser Begriff beinhaltet. Be­ Erden aussehen, wenn die gesamte Um­
Problem der Nuklearwaffen zu machen. deutet er, daß die kriegführenden Seiten welt vernichtet ist? Was wird mit den
Dieses Problem bewegte mich stets, doch nur über eine begrenzte Zahl von Nuk­ überlebenden Menschen sein? Zumindest
als ich mit einzelnen Fakten konfrontiert learwaffen verfügen und nach deren kann ich mir nicht denken, daß unser
wurde, fand ich sie überaus erschreckend. Einsatz der Krieg vorbei ist? Nachdem wir Planet nach einem solchen Inferno noch
Es gibt einige Fragen, bei denen ich zu die Zerstörungen durch die Atombombe ein angenehmer Aufenthaltsort wäre.
einem durchaus klaren Urteil gekommen auf Hiroshima und das, was ihre Opfer in Ich bin davon überzeugt, daß Sie sehr
bin, doch ich möchte Ihre Meinung hierzu Jahrzehnten bis heute zu erleiden haben, wohl erkennen, wie schrecklich und
erfahren und hoffe, daß Sie für Klarheit gesehen haben, meint man, daß die umfassend dieses Thema ist. Und ich habe
sorgen werden. Folgen eines Atombombeneinsatzes für- nicht einmal all seine Aspekte berührt, bin
Eine meiner Hauptsorgen gilt der Zahl wahr unabsehbar wären. Ich denke da an nicht ins Detail gegangen - das würde
der vorhandenen und der in Produktion die Nebenwirkungen einer
< derart einen viel längeren Brief erforderlich
befindlichen Waffen. Es ist allgemein schrecklichen Explosion, die die machen. Man kann sich kaum vorstellen,
bekannt, daß die heute weltweit vorhan­ Menschen auch nach über 40 Jahren daß Menschen, die um solche katastropha­
denen Waffen alles Leben auf Erden viele einholen. Und da stellt sich die Frage: len Folgen wissen, immer mehr Nuklear­
Male vernichten können. Wenn dem so ist, Werden wir ein vernünftiges Abkommen waffen anhäufen wollen. Wenn es zu der
erzielen, bevor die ganze Welt solche Tragödie kommt, dann wird der Kampf für
Leiden durchmachen muß? die Überlegenheit der einen oder ande­

I I Meine Angehörigen bereiten mir die


größten Sorgen. Ich habe einen fünfjähri­
ren Seite wohl ein abruptes Ende finden.
Niemand weiß, wo wer sein wird und was
gen Sohn, eine Freundin, die ich sehr zu tun sein wird. Möglicherweise wird es
liebe - ich will sie heiraten -, habe Vater Überlebende geben, doch ob sie dann auf
-.: t ' und Bruder. Ich sorge mich um dem Gestirn, das einst als "unsere Erde"
meinen Sohn... Meine Freundin und ich bezeichnet wurde, noch leben wollen
wollen Zusammenleben, und ich mache oder können?
mir Sorgen darum, wo sie sein wird, sollte Thomas E. TEVAULT
derart Entsetzliches geschehen. Was Va- Kalifornien, USA

__ \___

So weift darf es micht kommemS


"Die Menschen sind verrückt, doch wollen nicht daran denken, wie viele
nicht so!" - diese Worte stammen aus dem Menschenleben gerettet werden könnten,
amerikanischen Film "Der Tag danach", wenn die in die Rüstungsproduktion
der im sowjetischen Fernsehen gezeigt fließenden Mittel den Völkern Afrikas,
wurde. Der Film zwingt darüber nachzu­ Asiens und Lateinamerikas zugute kom­
denken, wie nahe die Bedrohung ist. Ich men würden.
würde es so sagen; Die Menschen Wir - Russen, Amerikaner, alle
schätzen ihre eigenen Handlungen nicht ehrlichen Menschen der Erde - müssen
immer objektiv ein. Und der Film zeigt uns gemeinsam gegen jene wenden, die
das, er demonstriert, wozu menschliche uns in einen Rüstungswettlauf treiben, der
"Kind und Frieden” — unser Le- Unvernunft führen kann. letztlich zum nuklearen Inferno führt.
ser aus der DDR Ralf Kestner sand­ Statt das Wettrüsten zu stoppen, heizen Alexej PANKRATOW
te dieses Foto an unsere Redaktion die Imperialisten die Weltlage an. Sie Moskau

"NEUE ZEIT' 25.87 17


NZ--RECHERCHEN

Wer auf der Anklagebank


in Lyon fehlt
Der Prozeß gegen Klaus Barbie, den Metzger von Lyon, wird seit mehr als
einem Monat geführt. Wie aber der Beobachter einer großen Pariser Zeitung
bemerkte, hat der Prozeß davon sogar profitiert. Zur Findung der historischen
Wahrheit eignet sich Bcrble nicht, er lügt und leugnet. Dafür fügen sich
Zeugenaussagen, Dokumente und Gutachten zu einem unheilvollen Bild seiner ■
und nicht nur seiner - Verbrechen zusammen.
In diesem Bericht schreibt unser Korrespondent ü'oar
über den
Lew BESYMENSKI Prozeß und neue Materialien, die von einem weiteren beim
Prozeß eruierten Verbrechen gegen die Menschlichkeit zeugen. Wir meinen eine
Abmachung westlicher Geheimdienste mit der SS und anderen Kriegs­
verbrechern Nazideutschlands.

Erhard Dabringhaus blickte mich ver­ der Vorstellung SD-Offizier. Etwas später Dabringhaus hafte diese Worte nicht
wundert, ja entrüstet an: erfuhr ich, daß dio französischen Behör­ gehört, weil er im Zeugenzimmer
"Wie kann er wegen, so etwas zu den nach meinem Schützling wegon gewesen war. Ebenso wenig hatte er auch
behaupten? Haben Sic das selbst gehört?" Verbrechen, die er in Lyon verübt hatte, die weiteren Worte des Angeklagten
Ich nickte bejahend und holte meinen fahndeten. Natürlich fragte ich mich, wieso vernommen, die den einstigen Abwehr­
Notizblock aus der Tasche, um die wir dio Dienste solcher Leute in Anspruch offizier so empörten. Als das Verhör zu
Aufzeichnung von Aussagen vorzulcson, nehmen mußten. Ich sprach auch mit Barbies Tätigkeit für dio Amerikaner
die Barbie in der Morgensitzung dieses meinen Vorgesetzten darüber. Die Ant­ übergegangen war, hatte er plötzlich
Verhandlungstags gemacht hatte. wort war, der Mann sei nützlich, und dio folgendes erklärt:
"Nein, so was Frcchcsl" Mein Ge­ Franzosen dürften nicht wissen, daß er bei "Ich habe tatsächlich für die Gehlon-
sprächspartner schlug die Hände zusam­ uns untergekommen sei. Und so betrog Organisation gearbeitet. Da es damals
men. ich wissentlich meine französischen keine deutsche Regierung gab, mußte die
Wir unterhielten uns im Lyoner Kollegen. CIC die Tätigkeit der deutschen Geh­
"Sofitel", wo viele Teilnehmer dos lenorganisation decken. Nach der Grün­
Daß Barbie zu uns gekommen war, kann
Prozesses obgestiegen sind. Unter ihnen dung der Bundesrepublik Deutschland
man vielleicht verstehen, denkt man an dio
auch der heute pensionierte Prof. Erhard wurde diese Organisation in den
Atmosphäre jener Jahro, da der dritte
Dabringhaus von der Universität Wayne, amtlichen Aufklärungsdienst der Bundes­
Weltkrieg, wie man glaubte, jederzeit
dessen Name nach Barbies Ergreifung republik umgewandelt und ist jetzt als
ausbrochcn konnte...“
bekannt wurde. Sohn eines Gewerkschaf­ BND bekannt."
ters, der vor Hitler in dio USA emigriert Ich bemerkte: "Im Gcrichtssaal sagto Dabringhaus war außer sich:
war, nahm Erhard Dabringhaus am zweiten Barbio heute ohno Umschweife, daß er seit “Das ist ja die Höhol Als hätte ich ihm
Weltkrieg teil, landete in der Normandie seiner Jugend aktiver Antikommunist ist." nicht 1700 Dollar im Monat gezahlt und
und erreichte im Bestand der 1. U$-In-
fanteriedivision dio tschechoslowakische
Grenze. Seine glänzenden Deutsch- und Erhard Dabrlnghaus In den Kriegsjahren (Foto) und Im Prozeß von Lyon (Zeichnung
Französischkenntnisso machten den Ab­ aus „Lyon Mataln")
wehrdienst der Armee CIC auf ihn
aufmerksam, und 1948 wurde der künftige
Professor Mitarbeiter der IV. CIC-Region
in Boyern. Dort traf er Klaus Barbie,
dessen Spionagetätigkeit er
längere Zeit leitete. f
Die Ankunft des Professors in Lyon war
eine Sensation: Als er 1984 ein Buch mit
J
Enthüllungen über den Fall Barbie f
veröffentlicht hefte, war er von amerika­
nischen Neofaschisten mit Drohungen
überschüttet werden. Nunmehr wurde ihm
der Tod angedroht, wenn er in Lyon
aussagen wollte. Trotzdem kam
Dabringhaus und sagte aus.

"Am Tag unsere' Bekanntschaft", «'zahlte


Dabringhaus mir, ' nannte steh Ba'bie bei I
18
dazu noch Lebensmittel und Waren Six seinerseits war "Parteigenosse" seit
NSDAP (Rosenberg), das sogenannte
gebracht, mit denen er auf dem Schwarzen 1930 unter Nr. 245670, SS-Nr. 1676. Er
Ribbentrop-Amt, dio Abwehr, das OKW
Markt spekulierter1 (Abteilung „Fremde Heere Ost") und brachte es noch weiter: SS-Oberführer,,
Am Tag darauf war Dabringhaus im selbstverständlich die SS-Führung, die ihr dann SS-Brigadeführer, Leiter einer
Gericht allerdings nicht so kategorisch. eigenes "Forschungszentrum" hatto. Es RSHA-Abtoilung, Leiter der kulturpoli­
Auf die Frage eines Anwalts meinte or, es befand sich in Bcrlin-Wannsee, der Leiter tischen Abteilung im Auswärtigen Amt.
sei möglich, daß Barbie sowohl für dio war der Weißemigrant Michail Achmeteli. Zwischendurch war Six Kommandeur des
einen als auch für dio anderen gearbeitet Wir verfügen über einstige Geheimdo­ "Vorkommandos Moskau". Sic gehörte
habe: kumente, die das Wannsee-Institut betrof­ zur "Einsatzgruppe B", dio im Sommer
"Er hat überhaupt für alle gearbeitet, fen und noch aus der Vorkriegszeit 1941 45 000 Menschen vernichtete. Das
dio zahlen konnten", konstatierte der stammon. Sie gehörten zum persönlichen Kommando selbst vernichtete 2400
Professor, der in einem tadellosen Archiv Walter Schellenborgs, Chef dor Menschen im Gebiet Smolensk.
Französisch aussagte. Abteilung VI des Reichssicherhoitshaupt- Nach dem Zusammenbruch Hitler-
Untor Eid bestätigte Dabringhaus, daß amtes (RSHA), und zeigen, wie ernst er doutschlands trafen sich Augsburg und Six
sein Schützling Spionage getrieben und sich mit diesem "Institut" befaßte. Anfang wieder, aber diesmal nicht bei Schellen­
daß die CIC-Führung über Barbios 1940 bezeugt das Tagebuch häufige berg, sondern unter einer Deckadresse
Vorleben sehr wohl Bescheid gewußt Besuche Achmetelis bei Schollonborg. Am des US-Spionagedienstcs. Gemeinsam mit
habe. Der Ankläger stellte dem Zeugen 28. Februar 1940 berief Schellenberg eine Barbie und Hauptmann Kurt Merk von der
zahlreiche Fragen. Barbies sonst höchst Beratung, an dor SS-Standartenführer Abwehr zogen sie eine Spionagegruppe
beredter Verteidiger Jacques Vorges Alfred Six, Chef dor Abteilung VII dos auf, der dio Amerikaner den Codenamen
hatto merkwürdigerweise keine. Nach den RSHA ("ideologische Forschungen"), "Petersen Network" gaben. Und wieder
Gründen seiner ungewöhnlichen teilnahm. Auf dor Beratung wurde muß man sagen, daß die blutigo
Schweigsamkeit gefragt, antwortete Ver- beschlossen, daß das Wannsoe-Institut Vergangenheit dor SS-Henker für dio CIC
gos, er wolle den Prozeß gegen Barbio faktisch von der Abteilung VI übornom- kein Geheimnis war. Wie Dabringhaus
nicht in einen Prozeß gegen dio men iwurdo. Laut Protokoll betonte Six, er erzählte, hatto Augsburg ihm selbst
Amorikanor umwandeln. haltei es "für zweckmäßig, wenn Einzelheiten aus seiner "Forschungstätig­
Dabei lägen viele Gründe dafür vorl dio Leitung dos Wannsoc-Insti- keit" erzählt und auch gesagt, daß sein
tuts vorläufig bei Professor Institut 1941 — 1943 Methoden zur Ver­
Achmeteli verbleibt, später könne dio nichtung dor Russen nach dem "Endsieg"
Nieht nur Barbie Leitung ... von Augsburg ... übernommen der Nazis ausgearbeitet hatte.
worden." "Meine erste Reaktion war", erzählte
Am 15. Mai 1940 wurde dor Beschluß Dabringhaus über seine Begegnung mit
Klaus Barbio war bei weitem nicht der bestätigt: Das Institut bliebe "in seiner Augsburg in Barbios Haus, "alles zum
einzige SS-Mann, mit dem Dabringhaus Teufel zu wünschen und dieses Haus zu
zusammenkam und "arbeiten" mußte. verlassen. Aber ich besann mich darauf,
Schon zu Beginn ihrer Zusammenarbeit daß ich Abwehroffizier war, und bewahrte
machte Barbio den amerikanischen Ab­ dio Ruhe."
wehroffizier mit zwei hohen SS-Chargen Auch dio höheren CIC-Chargcn "be­
bekannt: mit Emil Augsburg und Franz wahrten dio Ruho". Dalo Garvoy, Chef der
Alfred Six. Im weiteren hatte Dabringhaus IV. CIC-Rogion, bestand kategorisch auf
mit SS-Standartenführer Bernau und dem Einsatz des "Peiorson Network". Sein
SS-Obergruppenführer Hausser zu tun. Kollege Robert Taylor sagte über Barbie
Dio orston zwoi sind für uns von schlicht und einfach: "Er ist oin guter
besonderem Intorosso. Dr. Emil Augsburg Antikommunist, und das können wir
wurde den amerikanischen Aufklärern als gebrauchen." Auf diese Weise kam es zur
jemand aus der ehemaligen Leitung dos Zusammenarbeit zwischen amerikanischen
„ Wannsco-Instituts" vorgosfellt. Stollen und der verbrecherischen SS.
Dabringhaus selbst glaubte, daß sich das
Institut mit der Vorbereitung der
"Endlösung der Judonlrage" befaßte. Was die ©K© war
Aber das stimmt nicht ganz. Das Institut
interessierte sich nicht für die Juden
Dio in Lyon vorsammolton Fachlaute für
Europas, sondern für dio UdSSR. Kurzum,
Einos der wenigen Fotos von Gehlen, den Fall Barbie hätten sozusagen eine
das Institut Wannsoe war ein Vorboto der
seinen Memoiren entnommen Rundtischkonforonz über alle Probleme
im Weston houto so zahlreichen sowjoto-
dieser verwickelten Geschichte durchfüh­
logischon Zentren.
ren können. Dor bekannte britische
Schon in den 20or Jahron ging man in
Deutschland daran, allo möglichen Anga­ Publizist Neal Achorson z. B. hatte lange
augenblicklichen wissenschaftlichen Form Zeit an einem Buch über Barbie und den
ben über dio UdSSR zusammonzutragon.
Eine solcho "Sammolstollo" oder, richti­ erhalten", werde jedoch Schellenborg "internationalen Nazi-Untorgrund" gear­
unterstellt. beitet. Die französischen Publizisten Guy
ger, vorgeschobener Boobachtungspo-
Wir können hier etwas hinzufügen. Morell und Ladislas do Hoyos haben
ston war Königsberg, dio Hauptstadt
Augsburg, der im zaristischen Rußland ebenfalls Bücher über Barbio goschrioben.
Ostproußcns. Das dort gegründete Institut
für Osteuropäische Studien interessierte geboren wurde, sprach perfekt russisch Der bundesdeutsche Publizist Kai Herr­
und polnisch. Er war Mitglied dor NSDAP mann verfolgte Barbios Spur seit den 70er
die NSDAP besonders, bald war es nicht
nur eine wissenschaftliche Einrichtung, (Nummer 5518743) und der SS (307925), Jahren, traf in Bolivien mit ihm zusammen
sondern auch eine Basis für dio und 1935 trat er in den SS-Sicher­ und studierte amorikanischo Archive. Der
Ausbildung von Spionen. Ebenda begann heitsdienst ein. Seinen Untorsturmführer französische Publizist Alain Guerin wid­
die Laufbahn des nun ehemaligen machto er 1938, den Krieg beendeto or als mete seine weit bekannten Bücher der
SS-Mannes Augsburg. SS-Obersturmbannführer. Für die Öf­ Tätigkeit westlicher Gohoimdionsto. Kein
Damals beschäftigten sich viele Stellen fentlichkeit war or “Oberassistent für Wunder, daß diese Männer jedes Detail in
mit der Sammlung von Spionageangaben Kultur- und Nationalitätenfragen des den Aussagen beachteten und viele
für einen längst geplanten Oberfall auf die Ostens" bei Prof. Achmeteli, d. h. am Fakten, die dem Publikum unwichtig
UdSSR, so das Außenpolitische Amt der Wannseo-Institut. schienen, aufmerksam analysierten.

"NEUE ZEIT' 25.87 19


"Ich hatte den Eindruck", meinte
C.R. TOP SrXTRET
Guerm, "daß man im Saal den explosiven
Inhalt vo n Barbics Worten über die
Gehlen-Organisahon nicht einmal begrif- ■ ey TiE cC.iIil"S
. CP STAFF OH PCLICY
fen hat.
fen hal. ßArhiP r4rr>if*r» da, virUloi^ki
Barbie streifte vielleicht /nknA
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(Kürzel für die von den Amerikanern regler.al ce: ;urity systeu to cover Western ‘Europa, and to
aufgezogene Organ.sa‘ on Gehlen) immer i ir.clud« the
C«O.S.(44)248tb Mtg.(o) Mlnuto 14.
wieder vor. Die Zei*ta'el präsentiert sich 2. Takln;
cf tl-.e great
wie folgt. Im Februar 1945 erhielt General country, upsi (26<h Julr 19*4< 11.o a.M.)
Gehlen, Chef der OKW-Abteilung
vlers. Tho:
depend upen QFguaiTT ** ViTf.STRKH fVRQPFj AUD THE DÖRTH ATLANTIC
"Fremde Heere Ost", wie er selbst run tho riost Ip.ij.p, («*) l*r (o) (Plh&ll
Russin. It
behaupte*, zuverlässige Age-turangaben ec-rge, whic:
the eajor Pg ; co* ui: oü buforo tthcm ‘ 3 Ho;iport by tho Poot
darüber, daß die br.t.sche Führung eine later be fac Ecotllit-ioo plantinlng Staff/cons icldcrlng tho policy which
Russin, and should hf ydjptct:d to onfcfä:mrd Brltioh iotrotctjlc Interccto
Wendung zu.’i ar.tiscwje*.sehen Kurs becoses of v i Rnraun , pnrl t.h<> MrForth Atbintln ahflim tho forcon of
beabsichtige. ' :»i c.r.c—. Europa, das sich
zur V< rlc id gur.g gegen den Kommunis­
mus rüstete, kor.r.te auch Deutschland selbst vor
' amerikanischen Stellen. Wie Dokumente aus Londoner Archiven
wieder einer. Platz finden", beschloß Gehleni in seinen Memoiren schreibt,
Gefih n Seit f ebruar r.'c er Verstecke wurde die Armeeabwehr der USA über
an, wo et '.eine- wahrend der Arbeit gegen seine neue Rolle in Unwissenheit Zu Beginn waren Deutschland und die
dm UdSSR gesa.'i -.c?cr. Archive aufbe- belassen. Sein Name sei sogar auf der UdSSR für London gleichbedeutend, bald
wahrte Im Apnl war Geh en schon im Liste der Personen belassen worden, nach aber hieß es, daß "deutsche Hilfe für unser
bayrischen Gebirge, am 19 Mai erschien denen gefahndet v/urde. Ein guter Beweis Oberleben unverzichtbar werden
er in der US-Mihta kor. - andantur und bot dafür, daß die Leute, die Gehlen in ihre könnte". (Memorandum vom 15. Juli
seine Dienste an. Dienste nahmen, wußten, was sie tatenl 1944).
Darauf wurde Gehlen rr.it dem persön­
Setzten sie auf eine Wiederauferste­
lichen Flugzeug des Stabschefs der
hung des deutschen antisowjetischen
amerikanischen Eupedilionstruppen Be­ „Mit deutscher Potentials? Im britischen Außenministe­
dell Smith nach Washington transportiert.
Es begannen lange Verhandlungen. Nach
Unterstützung“ rium war man sich absolut darüber im
Vieles davon, was ein Licht auf die klaren, was das bedeuten konnte:
mehr als vier Monaten wurde schließlich
Abmachung der US-Geheimdienste mit "Die Politik, Deutschland wiederaufzu­
em amtliches Abkommen über die
Spionen der Nazis werfen könnte, liegt bauen - und allem Anschein nach ist das
Gründung der ‘Organisation Gehlen"
noch in Archiven. Es ist ja kaum die Politik des Generalstabschefs - würde
geschlossen. Das war im Juli 1946.
anzunehmen, daß alles vom umsichtigen nicht nur alle Hoffnung auf Dreierallianz
Warum überlegte man es sich in den
General Gehlen konzipiert wurde, der die zunichte machen, sondern auch jene
USA so lange? Keineswegs darum, weil
unschuldigen und großmütigen Amerika­ Situation heraufbeschwören, von der alle
man die Spionage gegen die UdSSR etwa
ner und Briten über die Notwendigkeit vernünftigen Leute wünschen müssen, daß
aufgeben wollte. Die in Europa be­
aufklärte, die Front des geheimen Krieges sie nie eintrete."
findlichen amerikanischen Aufklä­
zu wenden - gegen ein verbündetes Land, Im Generalstab gab es jedoch keine
rungsdienste - die Armeeaufklärung
das für den Sieg so viel getan hatte. Was vernünftigen Menschen. Am 2. August
G-2 und die Abwehr CIC - arbeiteten
sagen uns zur Verfügung stehende 1944 wurde der Vereinte Aufklä­
längst gegen die UdSSR.
Dokumente? rungsausschuß beauftragt, "eine Studie
"Damals waren alle wie verrückt", Zuerst zur britischen Seite. Es ist über die militärischen Stärken und
erinnert sich Erhard Dabringhaus ironisch. dokumentarisch erwiesen, daß die Briten Schwächen der UdSSR" vorzunehmen,
Alles wollte eigene Agenten haben, Barbie zuerst anheuerten, und gerade ein damit man die Chancen eines militärischen
jedermann beeilte sich, der obersten gewisses britisches Dokument vom Sieges - über die UdSSR abwägen konntel
Führung sensationelle Angaben vorzule- Februar 1945 überzeugte Gehlen davon, Am 15. September die nächste Ent­
gen." Irn Prinzip hatte die CIC nur daß seine Offerte angenommen werde. schließung:
für die Sicherheit der amerikani­ Doch Dokumente, die der bundes­ "Wir müssen darauf vorbereitet sein,
schen Okkupalionstruppen zu sor­ deutsche Historiker Bernd Greiner ent­ von Deutschland Unterstützung zu bekom­
gen gehabt. Aber unsere Agenten deckt hat, sind viel früher datiert. men."
sammelten Einzelheiten über alles: die Im Sommer 1944 ging man im Foreign Schon damals, 1944, war eine Spaltung
Lage in Jugoslawien und Rumänien, die Office und im sogenannten Komitee für Deutschlands zu diesem Zweck vorgese­
Situation in den westlichen kommu­ Nachkriegsplanung des britischen Vertei­ hen:
nistischen Parteien und, natürlich, über digungsministeriums daran, eifrig poli­ "Die Teilung Deutschlands wäre
die sowjetische Besatzungszone." langfristig für uns ein strategischer Vorteil
tische Pläne für die letzten Kriegsmonate
und die Nachkriegszeit aufzustellen. Daß für den Fall, daß wir auf deutsche
"Wußten Sie von der Organisation
der Krieg gewonnen wurde, stand nach Unterstützung gegen eine feindliche
Gehlen?"
Stalingrad und Kursk, nach der Landung in Union der Sozialistischen Sowjetrepubli­
Mein Gesprächspartner geb mir zu
der Normandie außer Zweifel. Da ken angewiesen wären."
vc'stehen, daß er von der ORG gewußt,
belebten sich im Westen jene, denen die Und weiter:
mit ihr aber nicht zusammengearbeitet
Zusammenarbeit mit der UdSSR gegen "Auf jeden Fall müssen wir für enge
hatte und zu ihr wohl kritisch (Konkur­
den Strich ging. Beziehungen zu den USA sorgen ... und
renz?) eingestellt gewesen war. Aber wie
Wie aus Archivdokumenten hervorgeht, unsere Rüstungen auf einem Stand
wir schon gesehen haben, ließ er die
plante man in London einen "westeuro­ aufrechterhalten, der uns zusammen mit
Annahme zu. daß das "Petersen Network"
päischen Block", "weil dieser möglicher­ den USA und unseren europäischen
gleichzeitig ' zwei Kühe molk" und sich
weise gegen ein feindliches Rußland wie Alliierten sowie mit deutscher Unterstüt­
seinen Lohn sowohl bei Gehlen als auch
gegen Deutschland von Nutzen ist. Aber zung eine Überlegenheit über den
bei der CIC holte.
| wir begriffen zugleich, daß man über den Waffenstand der UdSSR sichert."
Man darf nicht vergessen, daß das die
Anfangszeit war, da die Entstehung der I möglichen, gegen Rußland gerichteten Klar genug, nicht wahr?

ORG strengstens gehcimgchalten wurde, I Nutzen nicht reden darf“. (Schluß folgt.)

"NEUE ZEIT' 25.87


20
HUNTER DEN KULISSEN

Washington wünscht, in Tokio "sowjetische Spione" zu finden, und Die Polizeirepressalicn gegen die "Tos­
Tokio "findet1' sie, meldet unser Korrespondent in Japan, Wladimir hiba Kihai" waren die Antwort auf solche
OWSJANNIKOW. Stimmungen.
Aus Washington wurde gefordert, alle
Toshiba-Erzeugnisse für den Import in die

Dfi® Opfeirgab® USA zu verbieten. Der Konzern verlor


einen Millionenauftrag des Pentagon.
Und dann ging die Jagd auf "sowje­
Im März sandte US-Verteidigungsmi- USA auf so große Firmen wie Hitachi, tische Spione" los. In jedem Mitarbeiter
nister Weinberger seinem japanischen Mitsubishi und Fujitsu abgesehen. Jetzt ist sowjetischer Außenhandels stellen
Amtskollegen Kurihara ein vertrauliches wohl die Toshiba dran, man hat ihr über argwöhnte man einen Geheimagenten.
Schreiben, in dem er behauptete: den COCOM eine Falle gelegt. In Diese Agenten verhandelten mit einer
Werkzeugmaschinen der Toshiba Ki- japanischen Industriellenkreisen hat man Firma, bestellten Werkzeugmaschinen,
hai(Tochterfirma des bekannten Toshiba- Mitleid mit dem Opfer." gaben Tips zur Umgehung aller Hindernis­
Konzerns) seien entgegen den Regeln des Am 27. Mai folgte auf die Verwirrung se. Ein japanischer Ingenieur malte unter
COCOM (Koordinationsausschuß für ein richtiger Schock, als zwei Mitglieder dem Eindruck der Ereignisse sogar aus,
Kontrolle der Ost-West-Handelspolitik) an des Toshiba-Kihai-Vorstands verhaftet wie er in Leningrad, wo er die Werkzeug­
die UdSSR geliefert worden, nun benutze wurden. maschinen montieren half, Tag und Nacht
diese sie zur Bearbeitung ihrer U-Boot- Viele japanische Gesellschaften hofften, von düsteren Agenten überwacht, auf
Schrauben. Die Amerikaner sannen auf in der schweren Zeit der Stagnation und dem Weg vom Betrieb zum Hotel nicht aus
Rache an der Toshiba Kihai. des steigenden Yen-Kurses durch einen den Augen gelassen und es ihm nicht
liberalisierten Handel mit den sozia­ erlaubt habe, die Sehenswürdigkeiten der
listischen Ländern aufzuholen. Jetzt gibt Stadt kennenzulernen.
Die COCCM-Hürde man ihnen einen Wink mit dem Zaunpfahl,
daß diese Hoffnungen vergeblich sind. Schwarze Brillen
Am 30. April veranstaltete die Tokioter
Unter den Verhältnissen der wis­
Polizei Verwaltung eine Durchsuchung im
senschaftlich-technischen Revolution fällt
und Lautsprecher
Hauptsitz der Firma und ihrer Filialen. Laut
es nicht leicht, zwischen militärischer und Am Morgen des 8. Juni, bald nach
Bericht wurden Dokumente entdeckt, die
ziviler Anwendung von Erzeugnissen zu Arbeitsbeginn, drang ein wütender
die zugelassenen Verstöße bestätigen
unterscheiden, und so finden die Gegner Bursche aus einer extremrechten Organi­
sollen. Hier muß vielleicht eingeschaltet
der Kontakte zu den sozialistischen Län­ sation, mit einem Eisenstab bewehrt, in
werden, daß der COCOM dazu da ist,
dern stets Gegenargumente, stets eine den Hauptsitz der Toshiba Kihai ein. In
eine normale Entwicklung der Handels­ Klausel in den COCOM-Regeln. "Asahi"-' wenigen Minuten zerklopfte er gut 40
und Wirtschaftsbeziehungen zwischen
betonte vor kurzem in einem redaktionel­ Telefonapparate, ein Dutzend Personal­
Ost und West zu bremsen und im Idealfall
len Artikel: Ebenso wie die meisten computer, schlug acht Fenster und die
völlig zu stoppen. Deshalb sind die westeuropäischen Länder sei Japan gegen Glastüren ein. Zum Glück nahm niemand
Regeln so formuliert, daß auch der Export eine Verhärtung der COCOM-Regeln und von den Mitarbeitern der Firma Schaden.
von Uhrbatterien oder Nähnadeln unter
vertrete die Auffassung, daß die Aufhe­ Der 26jährige Hurrapatriot bedrohte und
Verbot fallen kann. bung vieler Verbote den Handel mit den beleidigte lauthals die Firma, eine "Verrä­
Die Polizeiaktion beunruhigte japa­ sozialistischen Ländern fördern und als terin an den Interessen Japans", und
nische Geschäftskreise. Die Unruhe stei­ Folge die Entspannung festigen würde. forderte die Bestrafung ihrer Mitarbeiter.
gerte sich zur Verwirrung, als zwei
Wochen später die Strafe folgte: Der
Toshiba Kihai wurde für ein Jahr das Recht
entzogen, in sozialistische Länder zu Sir, diese Japaner stellen sich ohne Ihre Order In die Ecke!
exportieren. Noch nie hatte das japanische Zeichnung: V. Peskow
Außenhandels- und Industrieministerium
eine solche Maßnahme getroffen! Für die
Toshiba Kihai war das ein harter Schlag:
ein Verlust von fast 36 Mio Dollar, einem
Viertel ihres Exports.
Der "Asahi"-Korrespondent schreibt
aus Washington: Der Wunsch der USA,
den japanisch-sowjetischen Handel zu
stören, sei hochgradig auf die Befürchtun­
gen von US-Gesellschaften zurückzufüh­
ren, daß "Japan und die westeuropäischen
Länder ihnen insgeheim den sowjetischen
Markt wegschnappen". Ein namhafter
japanischer Industrieller sagte dem Kor­
respondenten der "Tokyo Shimbun" in
diesem Zusammenhang: "In den
westlichen Ländern steckt der Schiffbau
als Ganzes in einer Rezession, Schiffbau­
firmen finden keinen Absatz für ihre
Produktion. Der Verkauf von Werkzeug­
maschinen an die UdSSR war ein vorteil­
haftes und beneidenswertes Geschäft...
Der heutige Zwischenfall ist nur die Spitze
des Eisbergs. Etwas früher hatten es die
"NEUE ZEIT” 25.87 21
i


Polizisten fanden c nen Stoß von Flugblät­ andere Mitarbeiter sowjetischer Ein­
tern bei ihm, die Werf für Wort d c richtungen vom Stapel gelassen. Die
Beschuldigungen der Behörden gegen sowjetische Botschaft wurde im japa­
die Firma wiederholten. Man fühlt sich nischen Außenministerium vorstellig. In
Erinnern wir uns daran, wie viele Ahs
daran erinnert, wie im vorigen Jahr ein Bus Moskau betonte ein Sprecher des sowje­
und Ohs starke Veränderungen im
der Extremrechten vor den Augen der tischen Außenministeriums das Provokato­
Äußeren der Frauen einst hervorriofen. Zu
Polizei das Eisentor der sowjetischen rische und Feindselige der Aktion, die die
Beginn unseres Jahrhunderts regte man
Botschaft beinahe gerammt hätte; nur ohnehin nicht eben glatten Beziehungen
sich zuerst über die kurzen Haare der
wenig fehlte, und er wäre in das zwischen der UdSSR und Japan belastete.
Frauen, dann über die ebenfalls nicht allzu
Territorium cingedrungen. Dio Botschaft Mit dem "entwendeten Eigentum" der
langen Röcke auf. In der Mitte des Jahr­
legte wegen dieses empörenden US-Truppcn meinte man technische Unter­
hunderts tauchten Miniröckc, Hosenanzü­
Zwischenfalls Protest ein und forderte lagen, die einer der vier verhafteten
ge, rauchende Frauen und anderes auf,
entschlossene Maßnahmen, die solche Japaner, ein Mitarbeiter des Mili­
was jetzt jede Frau zur stolzen Erklärung
Fälle in Zukunft ausschließen würden. tärstützpunktes, aus der Bibliothek ge­
„Selbst ist der Männl" berechtigt. Nicht
Aber die Provokationen gegen Sowjet­ stohlen haben soll. Zeitungen zufolge
immer wurden die stärksten Seiten des
bürger in Japan reißen richt ab. wurde die Information Mitarbeitern der
Mannes kopiert (das Rauchen!). Nach dem
In den letzten Jahren ist c e sowjet­ chinesischen Stollen in Japan zugcleitet.
gleichen Prinzip wurde der Sport
feindliche Hetze in Japan .on s'er.digcm Aber die Polizei brauchte eine Provoka­
erobert. Betrachtet man
Charakter. Kem Tag, an dem nicht vor der tion gegen einen Sowjetbürger.
die Geschichte der Olympischen Spiele,
Botschaft der UdSSR und vor anderen Die Show wurde ganz groß aufgezo­
so wundert man sich nicht weniger. An
sowjetischen Ämtern aus starken gen: Container voller "Geheimdokumen­
den ersten Olympischen Spielen
Lautsprechern gegrölt würde. "Iwan, go te", ein Versteck in der Baumhöhlung auf
1896 nahmen keine Frauen teil, aber schon
homcl" Die Lautsprecher s.nd auf Bussen einem Friedhof etc. "Wie in einem billigen
1900 betraten elf Tennis- und Golfspiele­
montiert, die an Panzerwagen erinnern: Spionagefilm gibt os hier alles", schrieb
rinnen die olympische Arena. Heute sind
Eisenbewohrung schmale Schießscharten, die Wochonzeitung "Shukan posuto".
dio Frauensportarten zahlreich, dazu ge­
vergitterte Fenster. An den Wänden
hört selbst Hockey (gottseidank nicht
grelle Aufschriften. Drinnen Burschen mit
Igelfrisur, die sämtlich eine schwarze
Sternenkiriege" gegen Eishockey), und auch hier sehe ich nicht
immer Nachahmenswertes.
Brille tragen. Sic kleben niederträchtige
Aufforderungen an Wände und Masten: Toshiba Kihai Wie dem auch sei, dio Zeit scheint
gekommen zu sein, da man sich über
"Mach einen Sowjetmenschen nieder!"
Im Juni soll das Abkommen über Japans nichts mehr zu wundern braucht und da
Aber selbst in dieser Atmosphäre
Einstieg ins SDI-Programm unterzeichnet die Frau selbst keine erstrebenswerten
kommt es zu besonders scharfen Äußerun­
werden. Dem gingen vierVcr- Ziele mehr hat: Das Prinzip „Selbst ist der
gen der Sowjetfcindlichkeit, wenn sich in
handlungsrunden zwischen Staatsbeam­ Mannl" wurde in vieler Hinsicht realisiert.
den sowjetisch-japanischen Beziehungen
ten, Militärs und Geschäftsleuten der USA Sieht man jedoch von diesem Prinzip ab,
eine Verbesserung andeutet oder wenn
und Japans voraus. Jahrelang versuchten so ist, glaube ich, erst jetzt die Zeit
die japanische Regierung es für einfacher
die Japaner, sich Bedingungen der Teil­ angebrochen, da die Frau wirklich ihren
hält, eine solche Verbesserung zu opfern,
nahme an SDI zu erhandeln, die Großbri­ Aufstieg begonnen hat. Das bezieht sich
um ihre Streitigkeiten mit den USA zu
tannien, die BRD und andere Länder, bereits auf ernstere und manchmal sogar
mildern.
welche bei der Vorbereitung von "Ster­ globale soziale Probleme, neben denen
Diesmal scheinen beide Faktoren zu
nenkriegen" schon Verpflichtungen ein­ sich selbst die olympischen Siege der
wirken. Die konservativen Kreise sind
gegangen sind, sich nicht hatten ausbe­ weltbesten Sportlerinnen doch als Spiel
über das in Japan wachsende Interesse für
dingen können. Die Rede war ausnehmen.
die Umgestaltungen in der UdSSR alar­
hauptsächlich vom Recht der japanischen Wladimir lljitsch Lenin betonte zwei
miert. Überdies haben die kommerziellen
Firmen, über Forschungsergebnisse nach Aufgaben der Frauenfrage: juristische
und wirtschaftlichen Differenzen mit dem
eigenem Ermessen zu verfügen und sie in Gleichstellung und wahre wirtschaftliche
amerikanischen Verbündeten Formen an­
zivilen Industriezweigen anzuwenden. und soziale Gleichberechtigung. Die erste
genommen, die sich auf die Politik
Die Unternehmer rechneten mit der Son­ Aufgabe erwies sich, wie Lenin vorausge-
auswirken. Washingtons Druck auf Tokio
derstellung Japans als Verbündeter und sagf hatte, als „verhältnismäßig einfach
übersteigt die japanische Widerstandsfä­
Handelspartner der USA und äußerten und leicht". Nicht so die zweite. Sie
higkeit.
optimistische Wünsche: Die USA könnten erwies sich als unglaublich schwer.
wenigstens etwas davon abtreten, was Aus unseren Statistiken gewinnt man
Wie in einer nicht sie, sondern Japaner entwickelt folgendes Bild der sowjetischen Frau:
haben. Vergebliche Erwartungen! Die unermüdliche Berufstätige, gebildete, ja
Agentenklamotte Amerikaner haben nicht vor, jemandem hochgebildete Fachkraft, heitere und
technologische SDI-Innovationen mitzu­ muntere Sportlerin, die auch gern singt
Gewissen Leuten reichte die Ge­ teilen. Eben erst verlautet: Alle Rechte auf und tanzt, Gewerkschafts- oder sonst eine
schichte um die Toshiba Kihai noch nicht. Erfindungen und Entdeckungen der Japa­ Aktivistin mittlerer Ebene. Die sta­
Am 19. Mai verhaftete die Tokioter ner (und der Wissenschaftler anderer tistischen Zahlen lächeln uns gleichsam an
Polizeiverwalfung vier Japaner, die be­ Länder) im Rahmen der SDI-Forschungen und suggerieren ein ebenfalls lächelndes
schuldigt wurden, “Eigentum des amerika­ werden alleiniges Eigentum der USA. Porträt. Dennoch stimmt diese holde
nischen Militärstützpunktes in Yokota Japanische Firmen werden nichts davon Erscheinung trotz aller Zahlen nicht ganz.
entwendet und weiterverkauft zu haben". abbekommen. Der Grund: In Japan ver­ Sie vermitteln wenig Information zum
Zugleich wurde ein Mitarbeiter der so­ misse man ein zuverlässiges System des Stand der Frauenqualifikation und erst
wjetischen Handelsvertretung festgenom­ Datenschutzes, geheime Informationen recht zur Frauenlaufbahn. Doch auch ohne
men Er wurde einer erniedrigenden entwichen ständig in sozialistische Län­ Zahlen ist klar (das bestätigen eigene
Leibesvisitation unterzogen, verhört, der. Belegt wurde das mit dem Skandal um Beobachtungen und soziale Stichproben),
mußte schließlich auch die Schuhe auszie­ die Toshiba Kihai und der angeblichen daß wir, wenn wir alle Tätigkeitsarten nach
hen. Da die Polizisten keine Beweise für Entwendung von Dokumenten aus der Qualifikation und Prestige (folglich auch
seine Mitwirkung haften, mußten sie den Bibliothek des Stützpunktes Yokota. Entlohnung) in Form einer Pyramide
Sowjetbürger gle'ch entlassen. Am Tag Die ersten Opfer von "Sternenkriegen" vorstellen, folgende Hierarchie erhalten:
darauf wurden jedoch Erfindungen und sind schon da: japanische Firmen. Jede untere Stufe ist jeweils dichter mit
Verleumdungen gegen ihn und mehrere I Tokio dem schwachen Geschlecht besetzt als die
"NEUE ZEIT’ 2S.87
22
= Lebensstil
-- —— - -- -------- - —-

Tr=O OO Privatleben habon? Als Ausgleich? Diese


Wir Fragen sind im Lichter heutiger Realitäten
nicht sohr korrekt, weil in 70-80 von je 100
Ehescheidungen die Frau dieso beantragt
und erheblich seltener als die Männer
eine zweite Ehe schließt, besonders wenn
sie schon Kinder hat. Kinder erfordern

©la® Wawiniteimeir® zusätzliche wesentliche Ausgaben, die in


der sowjetischen Gesellschaft in den
letzten 10-20 Jahren nicht gerade zu­
rückgingen. Folglich hat gerade eine
Mutter höhere Einkünfte nötig. Zugleich
steht oft gerade eine Frau mit Kindern am
Fuß der Borufspyramide, nicht an ihrem
Scheitel, wo mit höheren Einkünften zu
Larissa KUSNEZOWA rechnen ist. Ein System von Kompensa­
tionsbeihilfen für Mütter haben wir noch
nicht. So eine Dialektik ist das.

Der „fehlende Wunsch" der Frau,


obere. Das gilt besonders für die Pyra­ eindruckende Zahl im Vergleich zu jedem Karriere zu machen, ist das Spiegelbild
mide der leitenden und politischen anderen Land. Aber der Anteil der des in unserem gesellschaftlichen Be­
Posten. Interessant ist, daß die Bil­ habilitierten Professorinnen hält sich be­ wußtsein wurzelnden Wunsches, sie möge
dungspyramiden bei Männern und Frauen harrlich bei der Unglückszahl 13 Prozent das nicht wünschen. Damit, was sie
fast gleich sind, daß die Frauen im und stieg zwischen 1970 und 1983 (wie­ wünscht bzw. nicht wünscht, antwortet sie
Bildungsstand ihren Brüdern und Männern der eine 131) um nur 0,7 Prozent. Der auf unsere Erwartungen. Die Wurzeln des
in vielen Positionen sogar voraus sind. Weg zum Akademiemitglied, zum korre- Zurückbleibens der Frau auf dem Er-
Was geht also vor? Warum gewinnen
die beruflichen Männerteams mehr und
häufiger soziale Preise, warum stimmt der
Platz der Frau auf dem berufsmäßigen und
politischen Olymp nicht mit der Pyramide
der Frauenbildung überein?
Es wäre Heuchelei, zu verschweigen,
daß die langsamere Beförderung der
Frauen beträchtlich durch ihre Belastung
als Mutter und Hausfrau mitbestimmt wird
(keineswegs aber dadurch, daß die Frauen
angeblich „nicht hoch hinauswollen").
Frauen haben, das müssen wir zugeben,
weit weniger Möglichkeiten für die Ent­
wicklung schöpferischer Fähigkeiten und
berufliche Weiterbildung, selbst bei den
kolossalen zusätzlichen sozialen Garan­
tien, die die Frau, besonders die Mutter,
in der UdSSR hat. Die Erwartung wäre
naiv, daß die beruflichen Erfolge von
Frauen und Männern im direkten Ver­
hältnis zur Beschäftigtenzahl beider Grup­ Zeichnung: N. Stscherbakow
pen in der Volkswirtschaft stünden. Und
doch ist das vorläufig bestehende Ver­ spondierenden Akademiemitglied oder lolgsweg liegen also tiefer, als es auf den
hältnis ungerecht. Deshalb müssen wir die zum Professor brachte den Frauen im ersten Blick scheint. Vorläufig müßte unser
sich daraus ergebende offensichtliche selben Zeitraum ein Mehr von einem Staat nicht dieser Entwicklung freien Lauf
Wahrheit konstatieren: Frauen, die es in Prozent über den früheren Wert. Und das lassen, sondern eine zielgerichtete Sozial­
Beruf oder Politik zu etwas gebracht trotz des Umstands, daß Frauen in der politik treiben. Er muß das tun, weil die
haben, mußten eine viel größere Energie UdSSR 51 Prozent der Arbeiter und Hoffnungen der Frauen auf berufliche
entfalten als Männer mit gleichen Erfol­ Angestellten ausmachen. Beförderung, d. h. auf eine effektivere,
gen. Ich glaube, es ist kein Zufall, daß die mehr Erfüllung und Verantwortung ver­
Die Laufbahnpyramide der sowje­ listenreiche Fama, die bisweilen unsere sprechende Arbeit, noch nicht realisiert
tischen Frauen in den letzten 20 Jahren sah öffentliche Meinung zu formen versucht, sind. Das aber bedeutet, daß eine riesige
wie folgt aus: 1963 machten Direktorinnen auf einer Stufe unserer Entwicklung die Schicht menschlicher Möglichkeiten
von Industriebetrieben 6 Prozent der schlaue Ausrede in Umlauf brachte, die brachliegt, und das zu einer Zeit, da wir in
Gesamtzahl der Direktoren aus, 1973 wa­ Frauen selbst wollten es nicht anders. Die der UdSSR gerade all unsere Möglichkei­
ren es 9 und 1983 ganze 11 Prozent. Die Männer seien da anders, sie seien seit ten mobilisieren und nach neuen suchen.
„Geschwindigkeit" der Veränderung der Jahrhunderten auf Karriere eingestellt, Der Wille einer Frauenpersönlichkeit, die
Laufbahnpyramide bei den Frauen betrug während das schwache Geschlecht Fami­ sich auf dem Olymp beruflicher und
somit rd. 2 Prozent in 10 Jahren. In der lienglück und Liebe vorzöge. Aber politischer Vollbringungen der
Wissenschaft und der wissenschaftlichen Liebesglück ziehen alle vor. Karriere zu Menschheit einen Platz erkämpft hat, muß
Bedienung machen die Frauen in der machen gelingt Männern jedoch besser. den Willen der Männer überstiegen
UdSSR 40,1 Prozent aus, eine be- Ist es so, daß Frauen mehr Glück im haben, weif eine Frau auf der dienstlichen
"NEUE ZEIT' 25.87 23
Leiter oft nicht nur dank, sondern auch I
trotz gewisser Umstände aufsteigt. Noch I; WISSENSCHAFT UND TECHNIK
10-12 Jahre dieses unsichtbaren beruf- I
liehen ,,Wettbewerbs", und wir werden, |i
g’aube ich, emen Boom von Frauenkarne- I lm Komplexprogramm für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt
ren erleben, au! den wir psychologisch I der RGW-Länder bis zum Jahr 2000 stellt die Biotechnologie eine von
nicht vorbere.tet s nd. h fünf Hauptrichtungen dar. Wir wollen hier über einige Arbeiten von
Dies aus folgendem Grund. Eine Frau in I
Wissenschaftlern aus sozialistischen Staaten und über ihre
führende’’ Post on arbeitet nicht in einem I
Zusammenarbeit auf diesem Gebiet berichten.
luftleeren Raum, v.c mchr mit M.enschen I
und für Menschen. Ohre uns viel Gcdan- I ©
ken zu machen und ohne uns zu schämen, I 7r' U i
sage:, wir oft: „Ganz ‘■ ehe Klasse, sie steht I
ihren Mar,:.!' Em ebenso ‘ak'lcses wie I
albernes Lob. H.r.ter c. csen Werten steckt I
ja der Gedanke, daß fahrende Position I
nichts für eir.e Frau sei. Das Schema I
„Frauen wollen r cht befördert werden" I
TU
■.ctilagt ui., in „Eir.o Chefin ist nicht das I
Wahre" Das wird von der geläufigen
Meinung untermauert, c e Frauenpsyche I Leonid REPIN
sei nicht für führe ne Rollen geeignet, I
worauf dann nur noch pseucopsycholo- I Der stellvertretende Direktor des Leipzi­ rungsmitteleiweiß zunächst aus Erdöl­
gisches Geschwätz cr'ciot Die Zeit wird I ger Instituts für Biotechnologie der destillat, dann aus anderen Substanzen zu
zeigen, wie geeignet oder nicht geeignet I Akademie der Wissenschaften der DDR, gewinnen.
die Fraucr.psyche für führende Rollen in I Lothar Klaus: Mit vergleichbaren Arbeiten sowje­
"Biotechnologie ist bereits zum Instru­ tischer Wissenschaftler ist man in der DDR
der Gesellschaft ist. Auf ,eden Fall haben
wir mehr als ger.-g Beweise dafür, daß ment der wissenschaftlich-technischen gut vertraut. Im wissenschaftlichen
Revolution geworden. Unions- Forschungsinstitut "Sintesbelok"
Frauen alles andere als schüchtern sind.
Diese Wissenschaft ist unmittelbar mit wird ein neuer Nährstoff gewonnen, ein
Auch im negativen Sinne. Ich meine hier
praktischen menschlichen Bedürfnissen Eiweißisolat aus Hefe. Mit Hilfe von
die hohe Zahl der Rechtsverletzungen
verbunden. Die Methoden der Biotechno­ Fermenfpräparaten werden die
unter Frauen, und da möchte man ausru­
logie und der Gentechnik als eines Zellwände der Hefe zersetzt, dann wird
fen: Diese Energie den friedlichen
selbständigen Zweiges haben phan­ das aus den Zellen isolierte Eiweiß
Zwecken zuluhren - das wäre was! Auch
tastische Möglichkeiten eröffnet. Unseren gereinigt, konzentriert und getrocknet.
hier „hält d.e Frau Schrift" mit dem Mann
Helfern, den Mikroorganismen, verdanken Aus einer Tonne Hefe kann man somit 250
und folgt bei weitem nicht immer nachah­
wir bereits eine ganze Industrie, in der kg Isolat gewinnen. Dieses geruchlose
menswerten Beispielen. Führende
wir medizinische Präparate herstellen, weiße Pulver enthält etwa 80% Eiweiß,
Persönlichkeiten sind deshalb
Pflanzenschutzmittel, Futterhefen und um­ 5% Kohlehydrate und etwa 2% Nuklein­
führend, weil sie Wege ins
Lhibckannte gehen und weil sie nicht „wie weltfreundliche Energieträger wie säuren. Es gibt einen hervorragenden
z. B. Wasserstoff erzeugen. Das ist noch Zusatz für Nahrungsmittel mit einem
der und der" arbeiten, sondern nur so,
längst nicht alles! Dazu kommt die niedrigen Eiweißgehalt ab, sagen wir für
wie sic selbst arbeiten In dieser Hinsicht
Selektion landwirtschaftlicher Nutztiere Brot, Wurst usw.
ist jede führende Persönlichkeit einzigar­
und -pflanzen und vieles andere, was den Wenn man eine Mio t Hefe pro Jahr
tig. Es ist wichtig für die Gesellschaft, das
Rahmen eines Zeitschriftenartikels spren­ verarbeitet, erhält man Berechnungen
Potential jener Frauen, die die einzigar­
gen würde." zufolge soviel Eiweiß, wie in einer Mio t
tige Rolle einer einzigartigen führenden
erstklassigen Rindfleischs enthalten ist.
Persönlichkeiten ausfüllen könnten, auf-
Futtermittel Hier sollen keine Steaks und Koteletts aus
lechtzuerhaifen und zu entfalten. Indira
Gandhi und Margaret Thatcher sind ja und Umweltschutz Hefezellen propagiert werden, es geht
nur um die Produktion von Eiweiß für
nicht nur Namen von Politikerinnen der
Ende des letzten Jahrhunderts schrieb Zusätze.
Gegenwart, sie sind die Prognose für das
der russische Gelehrte Mendelejew, Zu den Abnehmern der Biotechnologie
Morgen vieler politischer Kabinette. In
daß er an die Möglichkeit glaubt, gehören außer der Landwirtschaft, der
diesem Zusammenhang möchte man natür­
Nährstoffe "aus kombinierten Elementen Nahrungsmittel- und chemischen Industrie
lich allen Frauen wirklich friedliche
der Luft, des Wassers und des Bodens, auch diejenigen, die sich mit Um­
Bestrebungen wünschen. Unser nicht ge­
außer der normalen Bodenkultur, in be­ weltschutz befassen. Dr. Klaus stellt mir
rade einfaches Thema Frauenlaufbahn
sonderen Werken und Fabriken" herstel­ den jungen Spezialisten Peter Kuschka
kann nur dann allen Ernstes erörtert
len zu können, und daß die ersten vor, der sich mit biofechnologischen
werden, wenn die Kanonen schweigen.
Betriebsanlagen zu diesem Zweck so Methoden des Umweltschutzes beschäf­
Da’auf sei besonders jetzt hingewiesen,
etwas wie "kultivierte niedere he­ tigt.
am Vorabend des Weltfrauenkongresses,
feähnliche Organismen" erzeugen wer­ "Die gewöhnliche Abwasserreinigung
der am 23. Juni in Moskau Zusammentritt.
den, "indem man Wasser, Luft, fossile erfolgt mit aeroben Bakterien", sagt
Seine Devise lautet: „Ins Jahr 2030 ohne
Brennstoffe und Sonnenenergie benutzt". er. "Man leitet Sauerstoff ins Klärbecken
Kernwaffen! Für Frieden, Gleichheit, Ent­
Wie viele Wissenschaftlcrgenerafionen ein, den die Bakterien brauchen, um die
wicklung!" Der Kausalzusammenhang
sollten diesen sich eben erst abzeichnen­ organischen Substanzen zu verarbeiten.
zwischen diesen Begriffen ist offen­
den Weg noch gehen!... Wir rücken jetzt bestimmten Abwässern
sichtlich. Das Streben der Frauen nach
"Nehmen wir nur mal die Herstellung mit anaeroben Bakterien zu Leibe, die
sozialer Gleichheit kann, wenn vom
von Nahrungsmitteleiweiß", sagt ohne Sauerstoff lebensfähig sind.
Ft icdenskampf losgelöst, wohl kaum reali­
Dr. Klaus. "Die Biotechnologie hat einen Das bringt mehrere Vorteile mit sich,
siert werden Was aen Beitrag der Frauen
neuen Weg zur Lösung dieses Problems und man braucht keine Luft mehr in die
zur antinukleären und zur Friedensbewe­
eröffnet." Klärbecken zu pumpen. Wir sparen Strom,
gung betritt!, so muß er wohl noch g-ößer
Seit sechs Jahren befaßt man sich damit und die ganzen Apparaturen werden
sem als ihre Te Inahme an Produktion und
in dem Institut, in dem Dr. Klaus arbeitet. überflüssig. Außerdem werden etwa 40%
sozialem Leben der Gesellschaft.
Es gelang schließlich, hochwertiges Nah- des bei der Lebensfunktion der Mikroor-

"NEUE ZEIT’ 2S.87


24
ganismen frei werdenden Kohlenstoffs in machen. Das gilt ganz besonders für keif der Randbedingungen betrifft, ist
brennbares Gas umgesetzf. Das kann man Molekularbiologie, Genetik, Biophysik, dieser Bioreaktor den weltbesten
in der Produktion oder zur Beheizung von Mikrobiologie und natürlich die Bio­ Exemplaren noch überlegen. An seiner
Wohnhäusern verwenden." technologie. Herstellung beteiligten sich junge talen­
Dr. Klaus weist auf ein jüngeres Stojan Zonkow sucht in erster Linie nach tierte Fachleute wie Tanja Wladimirowa
Arbeitsergebnis des Instituts für Um­ den experimentell- technischen Mitteln. und Georgi Wylewski.
weltschutz hin: Dem Abwasser wurde mit "Eine volkswirtschaftlich orientierte, "Georgis Spezialsfrecke", sagt Dr. Zon­
Hilfe von Bakterien Quecksilber entzogen. intensivierte Biotechnologie", sagt er, kow, "sind Präzisionssensoren. Seine
Die neue Methode liegt bereits der "werden wir erst bei dem entsprechenden letzte Arbeit war ein Durchflußanzeiger
chemischen Industrie vor. technischen und technologischen Niveau für flüchtige Stoffe (Fluide) in Gasen und
In jeder Abteilung und jedem Labor des Biogerälebaus haben." Flüssigkeiten. Jetzt arbeitet Georgi
dieses Instituts schlägt man sich mit "Was meinen Sie damit?" Wylewski an einem Gerät, das er 'Quasi­
unmittelbar praxisnahen Aufgaben herum. "Moderne Technologie für die Produk­ kaloriensensiblen Durchflußmesser für Ga­
Trotzdem arbeitet noch ein Viertel der tion von Registratur- und Regelapparafu- se’ nennt."
wissenschaftlichen Mitarbeiter in der ren, biotechnologisch-aufomatisierte
Grundlagenforschung. Fließstraßen und vorwärtsweisende Die Jagd nach
Dr. Klaus erwähnt auch die Verbindun­ technische Lösungen. Man muß eben eine
gen des Instituts zu sowjetischen Kolle­ moderne Apparatur schaffen, in die bio­ den Unsichibaren
gen. Junge Forscher fahren oft zum technologische Prozesse einfließen kön­ "Sind wir uns eigentlich darüber im
Lehrgang ins biologische Zentrum nen. Die wesentlichen Schwierigkeiten klaren, daß künstlich geschaffene oder
Pustschino bei Moskau. Nach seiner bestehen darin, daß wir es hier mit zufällig entstandene Lebewesen auch
Rückkehr aus der UdSSR ernannte man Mikroorganismen zu tun haben. Man muß gefährlich sein können?" Mit dieser Frage
Dr. Joachim Engel zum Leiter der neuen z. B. peinlich genau die notwendige konfrontiert mich Dr. Frantisek Kapralek,
Abteilung für Genetik. Temperatur einhalten, bis zu ein oder zwei Leiter des für Gentechnik am
Labors
Zwischen dem Kollektiv des Instituts Zehntel Grad, und genau auf die erforder­ Institut Molekulargenetik
für der
und wissenschaftlichen Organisationen liche Konzentration der Nährlösung tschechoslowakischen Akademie der Wis­
der RGW-Mitgliedsländer herrscht gute achten." senschaften.
und fruchtbare Zusammenarbeit. Man Dr. Zonkow erwähnt, daß sein Labora­ Prompt entsteht vor meinem inneren
führt gemeinsame Symposien zu Bio­ torium in Zusammenarbeit mit Fachleuten Auge eine ungeheuerliche Mischung aus
technologie, und
Genetik weiteren aus der CSSR und der Sowjetunion Tiger, Krokodil und Flugsaurier und ich
Forschungsrichfungen durch. Die DDR Bioreaktoren gebaut hat, die durch Mik­ melde gewisse Zweifel an der
koordiniert übrigens laut RGW-Programm roprozessoren gesteuert werden. Sie Zweckmäßigkeit entsprechender Horror­
einen Themenkreis von großer praktischer werden jetzt in Bulgarien serienmäßig geschöpfe an.
Bedeutung, die Zellulosespaltung. Das
I nstitut in Leipzig arbeitet mit dem Institut
für Mikrobiologie in Riga und dem
führenden sowjetischen Institut für Mikro­
biologie der AdW der UdSSR zusammen.
Das Institut in Pustschino hilft den
deutschen Kollegen bei Forschungen im
Zusammenhang mit der Entschwefelung
von Braunkohle. Für die DDR ist diese
Frage sehr wichtig. In letzter Zeit wurden
enge Sachkontakte mit dem wis­
senschaftlichen Forschungsinstitut Bratis­
lava hergestellt: Zur genetischen Verän­
derung des Stamms, oder der Sorte von
Pilzen, die Zellulose spalten.

Zuverlässiges Instrumen­
tarium notwendig
Dr. Stojan Zonkow, dem Direktor des
Zentrallabors für Biogerätebau und Auto­
matisierung in Sofia zufolge, ist bereits
heute der Fortschritt der Biotechnologie
unbestreitbar, in Zukunft seien jedoch Institut für Biochemie und Physiologie der Mikroorganismen in Pustschino bei Moskau.
noch größere Entdeckungen zu erwarten. Das Labor für mikrobiologische Eiweißsynthese.
In den letzten Jahrhunderten beschäf­ Foto: TASS
tigten sich Biologen überwiegend mit dem
Erwerb von Kenntnissen. Die Forscher
untersuchten die Vielfalt der Lebensfor­ produziert und in andere sozialistische Dr. Kapralek erriet meine Gedanken
men, waren mehr oder weniger irritiert Länder exportiert. In Pustschino funktio­ und beruhigte mich:
von ihren vielen Möglichkeiten und nieren die Geräte aus dem Labor von "Als wir mit den ersten gentechnischen
starteten erste Versuche, in Wesen und Sfojan Zonkow einwandfrei. Arbeiten einsetzten, sagte man uns, daß
Gesetzmäßigkeiten der Lebensprozesse Jetzt wurde hier ein automatisierter wir mit dem Feuer spielen, weil das
einzudringen. Bioreaktor mit einem "intelligenteren Erscheinen von in der Natur nicht existie­
Heute steht die Biologie auf einer Computer", wie Dr. Zonkow ihn nannte, renden Mikroorganismen unkorrigierbare
qualitativ höheren Stufe, muß eindeutig konstruiert. Er speichert unter anderem Folgen haben kann. Jetzt verfügt die
praktische Aufgaben lösen, indem sie auch die Vorgeschichte des Experiments. Gentechnik über solide Erfahrungen, und
lernt, Lebensprozesse zu steuern und sie Sein Gedächtnis ermöglicht, die Zeitpara­ man kann sagen, daß diese Befürchtungen
dem Menschen maximal nutzbar zu meter zu beobachten. Was die Genauig- unbegründet sind. Wir haben gelernt, so
"NEUE ZEIT’ 25.87
zu arbeiten, daß wir unsere Ungc- ausgestoßen und ins Abwassernotz gelei­ übertrugen es auf eine Bakterie, die dann
fährlichkeit garantieren können." tet wurden, von wo sio in Flüsse und ins ihre für uns nützliche Tätigkeit aufnahm."
Wir gingen durch die Räume eines 1 Grundwasser gelangten. Man überlegte In dem von Prof. Debabow geleiteten
einzigartigen Laboratoriums, des einzigen I sich, ob nicht die Abfallstoffe noch zu Institut züchtet man gerade Mikro­
dieser Art in der CSSR, und Dr. Kapralck I verwerten seien, indem sie den Nährbo­ benstämme mit industriell verwertbaren
erzählte, daß hier Fermente aus einem I den für Industriemikroben abgeben. kostbaren Eigenschaften. Als wichtigste
Virus isol.ert werden, das für bösartige I Alkalisalze, die sonst das Wasser verun­ Methode gilt der gezielte Austausch des
Tumore bei Zuchtgeflüge! verantwortlich l reinigen, werden jetzt für die Produktion genetischen Apparats von Mikroorganis­
ist. Dieses Fe-ment ist dann der Rohstoff I von Futtermitteleiweiß eingesetzt. Bakte­ men mit Hilfe von genetical engineering.
für weitere Ur.tersuchungsarbeiten bei der I rien machen’s möglich. Sie leben von Bekanntlich kommen Mikroben mit einem
Bekämpfung btsart.ger Tumore bei Gcflü- I Alkalisalzen und setzen Hefe frei. Diese Minimum an Komfort aus. Viele ernähren
geh Hätten d e W.ssenschaftler kein derart kann man dem Viehfutter beimengen. sich z. B. nur von einem bestimmten
feines lnstrumer.far-.um, wie die Gen­ "Die erste Fabrik, die mit unserer Methan-Molekül. In einigen Fällen kön­
technik, die .hnen erlaubt, kleinste I Technologie arbeiten wird, ist schon im nen sie ihre Biomasse alle halbe Stunde
Manipulationen an M.kroben vcrzunch- I Bau", sagt Dr. Hostalek. verdoppeln. Und dabei produzieren sie
men, dufte man kaum auf Erfolg hoffen. I auch noch Eiweiß, das sich seiner Struktur
nach nicht von Fleisch- oder Milcheiweiß
Jin Zadir.a, B eleg e-Dcktcrand, stößt
emo mass ve Stak tür auf. Dann noch eine,
I
1
Ist das Neue unterscheidet.
Mit biotechnologischen Methoden pro­
und wir befinden ur.s m Allerheiligston I das gründlich duzieren wir in der UdSSR schon über
dos Labors, wo Espenrner.te an /Aikroor-
ganisrncn durch.geführl werden. Jetzt weiß vergessene Alte! eine Million Tonnen Eiweiß jährlich. Wir
geben es bei Mikroorganismen aus den
ich, warum Dr. Kapraiek so davon über­ Akademiemitglied Alexander Bajew, Paraffinen des Erdöls oder des Erdgases in
zeugt war, daß d e Experimente keine ein Spitzenfachmann in der Biotechnolo­ Auftrag. Die für diesen Prozeß erforder­
Gefahr für die Umgebung darstcllen. I
gie, ist mit dieser Fragestellung absolut liche Technik erhalten wir aus der DDR."
Erstens werden alle Instrumente
nicht einverstanden. Prof. Debabow führt ein Beispiel
sorgfältig im Druckkesse! sterilisiert, zwei­ "Biotechnologie", sagt er, "ist das Alte an. Eino Zufütterung von Mikrooen-Eiweiß
tens ist der Luftdruck in diesem P.aum j
und das Neue." bei Schweinen und Geflügel von nicht
niedriger als normal, um zu verhindern, Damit kann man leben. Wir unterhielten mehr als 0,3% spart 20% teures Mastfutter
daß die Mikroben in benachbarte Räume unsim Moskauer I n sh tut für Molekularbio­ und führt zu einer 10prozentigen
vordringen, in denen der Luftdruck höher logie der AdW der UdSSR. Hier hat Wachstumsbeschleunigung bei den Tie­
ist, drittens ist in Abluft- und Abwasser­ Akademiemitglied Bajew auch sein Labor. ren.
wege ein kompliziertes Filtersystem ein­ "Die Biotechnologie besteht praktisch An diesem Institut führt man intensive
gebaut. Die
schon seit unvordenklichen Zeiten. Arbeiten an Mikrobenstämmen durch, die
Im Institut für Mikrobiologie der AdW Menschen haben Leder gemacht, haben Lysin, eine hocheffektive Aminosäure,
der CSSR erwähnte der stellvertretende
Leinen und Hanf verarbeitet, haben Brot­ bilden. Lysin ist Bcslandtcil jeder Ei­
Direktor Zdcnek Hostalek ähnliche Experi­ teig zubereitef, dann Käsebereitung und weißkette. Dio Schwierigkeit besteht nur
mente, die dazu dienen sollen, für den
die Herstellung vieler Getränke ist nur darin, daß die Mikroben für unser Ver­
Menschen nützliche Mikroorganismen auf
durch biotechnologische Prozesse ständnis zu rational angelegt sind, sie
künstlichem Woge zu züchten. möglich. Der Mensch hat das alles schon synthetisieren nämlich genau so viel Lysin,
Dr. Hostalek machte mich darauf auf­ gemacht, bevor er wußte, daß es Mikroor­ wie sie zum Wachsen brauchen. Die
merksam, daß in der Abteilung für ganismen gibt, die für ihn arbeiten. Seit Biotcchnologen müssen sie also jetzt dazu
Molekularbiologie und Genetik an einer Louis Pasteur wissen wir endlich, wieviel bringen, Lysin in den für die Industrie
neuen Technologie gearbeitet wird. Ge­ wir der Lebensfunktion der Bakterien erforderlichen Mengen abzusondern.
netisches Material wird von einem Mi­ verdanken. In Prof. Debabows Institut wurde ein
kroorganismus auf einen anderen über­ Wir haben gelernt, in der Natur solcher Stamm gezüchtet. Aus Abfallpro­
tragen, so erhält man Geschöpfe, die es vorkommende Mikroorganismen zielo­ dukten, Melasse- oder Rübensirup (Zuk-
bisher in der Natur nicht gab. rientiert einzusetzen und die notwendi­ kerrohrsirup eignet sich auch) ent­
Einige gut erforschte Mikroben bei­ gen Mutationen zu erzielen. steht nach 50 Stunden bei einer Tempera­
spielsweise isolieren Stickstoff aus der Mit Prof. Wladimir Debabow, Biologe tur von +30 Grad eine Substanz, aus
Luft, wachsen dabei aber sehr langsam. und Direktor des Unionsforschungsinsh- dieser dann Lysin zu isolieren ist nur noch
Andere wachsen dagegen außeror­ tuts "Genetika" unterhielt ich mich über ein rein technisches Problem. Es ist gelöst.
dentlich schnell. Die theoretisch einfache die jüngsten Entdeckungen der sowje­ Jetzt gibt es in der UdSSR Fabriken, die
aber praktisch hochkomplizicrte Aufgabe tischen Biotechnologie. etwa 20 000 t Lysin im Jahr produzieren.
ist nun, dos Wachstumsgen aus den "In den vergangenen Jahren", sagt Zum Vergleich: Weltweit (ohne UdSSR)
schnellwachsenden Mikroben zu isolieren Prof. Debabow, "haben wir gelernt, die werden 90 000 t Lysin pro Jahr gewonnen.
und es den stickstoffbindenden Bakterien Lebensfunktionen der Mikroorganismen Und wie hoch ist der Gewinn? Prof.
einzupflonzcn. Damit befaßt man sich in i zu steuern und sie das tun zu lassen, was Debabow führt folgende Zahlen an: Ein kg
diesem Institut. für uns nützlich ist. Lysin kostet 7 Rubel, bringt aber in der
Kollegen aus der Produktion trafen zum Sehr erfreulich war die Herstellung von Geflügelzucht 25 Rubel und in der
Beispiel mit folgendem Problem an das Interferon, einer besonderen Eiweißgrup- Schweinezucht 17 Rubel Reingewinn.
Institut heran. Dio für die Nahrungsmittel- I pe. Das Bemerkenswerte an Interferon ist, Das Kollektiv des Instituts hat auch die
ebenso wie für die Waschmittelproduk- daß es gegen jeden Virus wirkt. Dabei Frage gelöst, wie sich niedrigmolekulare
tion hochbedeutsamc Zitronensäure muß man allerdings berücksichtigen, daß Substanzen herstellen lassen, Aminosäu­
wurde bislang aus Schimmelpilzen ge­ zwar alle Wirbeltiere Interferon in ihrem ren, die man für die Herstellung von
wonnen, d e auf Zucker wachsen. Ein I Organismus bilden, aber das Interferon
Antibiotika braucht. Ein Erzeugerstamm,
teures Verfahren. Im Institut hat man eine I z. B. einer Ratte nur Ratten schützt, den das Treonin, konnte isoliert werden.
Technologie entwickelt, bei der man Menschen folglich auch nur menschliches Bisher galt Japan als anerkannt führend auf
Zitronensäure mit Hilfe von Bakterien I Interferon. Somit standen wir vor der diesem Gebiet. Sowjetische Fachleute
erhält, die bei der Fermentation entste­ Aufgabe, menschliches Interferon zu ließen sich dort weiterbilden. Jetzt kaufen
hen. Das ist billiger und geht schneller. I synthetisieren. japanische Firmen in der Sowjetunion
Em andc-cs Problem ist die Recycling- Das gelang Wissenschaftlern des Insti- hergestellte Treonin-Stämme.
I tuts für Biochemie der AdW der UdSSR.
Technologie, also die Nutzbarmachung
von Stoffen, de bisher in die Luft I Sie isolierten ein Interferon-Gen und Leipzig—Sofia—Prag—Moskau

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26

h
sehen ist, die am Verfahren Beteiligten aus
Am 19. Oktober v. J. verunglückte In der Provinz Natal (RSA) eine TU-134A-Moschlne,
naheliegenden Gründen nur ungern
mit der Samora Mache), Präsident der VR Mocambique, aus Sambia zurückkohrto. Dio
Informationen mitteilon werden, die zur
Umstände des tragischen Todes dieses afrikanischen Staatsmannes und Politikers
Bestrafung ihrer selbst oder ihrer
beschäftigen bis heute die Weltöffentlichkeit und die Massenmedien.
Im Auftrag der "NZ" interviewte der Journalist Gennadi MAKSIMOWITSCH den Kollegen führen könnten. Im Ergebnis
Exekutivsekretär der Kommission der UdSSR für Angelegenheiten der Internationalen können einige oder sogar alle Faktoren,
Organisation für Zivilluftfahrt (ICAO) Boris RYSHENKOW Im Zusammenhang mit dem die zu einer Havarie führten, ungeklärt
bleiben. Deshalb darf eino Untersuchung
Flugzeugunglück.
nicht zur Feststellung von Schuld und
Verantwortung, sondern muß zur Klärung
der Ursachen einer Katastrophe, vor allem

W@ir aber dazu durchgeführt werden, Maßnah­


men für die Zukunft zu treffen.
Was geschah am 19. Oktober 1986? Ein
von einer sowjetischen Besatzung ge­
steuertes Flugzeug mit Samora Machel

mora MsiAeJl? und seiner Begleitung an Bord flog aus


dem sambischen Flughafen Mbala nach
Maputo. Wie die dreiseitige Kommission
feststellfe, hatte das Flugzeug normal
funktioniert, die Besatzung genügende
Erfahrungen gehabt, sie war auch gesund
Sowjetische Experten gewesen und hatte auf einfroffende Flug-

erklären: Funkdiversahten!! und Navigationsangaben adäquat re­


agiert. Dor Autopilot war während des
ganzen Flugs eingeschaltet. Bei Höhen­
Die Ausiandspresso veröffentlicht ver­ Flugzeugtechnik und den Besonderheiten verringerung ging man zur Handsteue­
schiedene Lesarten über den Absturz der ihres Betriebs nicht auskonnon. Den rung über. Ein Nachtflug, der unter
TU-134A-Maschlne, mit der Samora mocambikischen und sowjetischen normalen Wetterbedingungen verlief.
Machet flog. Auf einem Briefing Im Fachleuten war bei besagten Anhörungen Etwa 100 km vor dem Flughafen Maputo
Pressezentrum des UdSSR-AuOenmlnlste- die Rollo von Zeugen zugodacht, sie kurvte das Flugzeug um 37 Grad nach
rlums wurde der sowjetische Standpunkt hätten ins Kreuzverhör genommen wer­ rechts ab, trat auf einem Kurs, der mit dem
zu dieser Frage geäußert und mitgetellt, den sollen. Anflugkurs dos Flughafens über-
daß zwischen Mitgliedern der Kommis­ Ein solcher Beschluß, der Fortsetzung einstimmto, in eine Gebirgszone ein und
sion, die die Ursachen der Katastrophe und Abschluß der Arbeit auf gleichbe­ stürzte ab. Die Besatzung war überzeugt,
untersucht, Meinungsverschiedenheiten rechtigter dreiseitiger Grundlage aus­ Maputo anzufliegen, und führte nach
bestehen. Worin! schloß, war für die sowjetische Seite Fluglotsonweisungen einen Sinkflug aus.
unannehmbar. Mocambique bezog in Die Untersuchung an Bord erhalten­
In dieser Kommission sind die UdSSR, dieser Frage eine ähnliche Position. Wir gebliebener Geräte ergab nichts, was
Mocambique und die RSA vertreten. mußten also unsere eigene Analyse dos hätte eine unwillkürliche Kursänderung
Gemäß den ICAO-Regeln worden solche vorhandenen Faktenmaterials durchfüh­ verursachen können. Folglich lagen die
Fällo von dem Land untersucht, in dem es ren. Aufgrund dieser Analyse formulierten Ursachen außerhalb des Flugzeugs. Nach
zum Unglück gekommen ist, in diesem Fall wir ein Gutachten über die Katastrophe. Analyse der Aufzeichnungen der Black
also von der RSA. An der Untersuchung Natürlich haften wir zuvor zusätzliche Box hoben die Experten der dreiseitigen
müssen sich ferner Vertreter des Landes, Untersuchungen über die Ursachen des Kommission einen Schlüsselsatz hervor,
dem das Flugzeug gehört, und des Absturzes angestellt. der auf das ganze Ereignis ein Schlaglicht
Landes, in dem cs gebaut worden war, Die RSA-Behörden verfaßten ihren wirft. Als Antwort auf eine Bemerkung des
teilnehmcn. In unserem Fall sind es Berichtsentwurf und legten ihn am 12. Kommandanten im Zusammenhang mit der
Mocambique und die UdSSR. März Mocambique und der UdSSR zur erwähnten Rechtsdrehung sagte der
Begutachtung und eventuellen Ergänzun­ Steuermann: "Nach der Allrichtungsba­
Wohl zum erstenmal hielten sich gen vor. Nach den ICAO-Regeln muß das ke."
Experten der Zivilluftfahrt aus der RSA in binnen 60 Tagen geschehen. Wir haben Folglich wurde die Wendung auf das
der Sowjetunion, in Moskau auf. Die den Termin eingehalten. Da die RSA aber Signal einer auf der Erde befindlichen
Seiten arbeiteten fruchtbar zusammen und faktische Angaben ohne jede Objektivität Kursfunkbake hin vollzogen, das von den
bereiteten sogar ein gemeinsames Doku­ analysiert hatte, konnten wir uns nicht auf Bordnavigationssystemen des Flugzeugs
ment vor. Bei der Unterzeichnung eines Bemerkungen beschränken und bereite­ empfangen worden war. Dem stimmten
dreiseitigen Protokolls zum Bericht über ten unseren eigenen Wortlaut des Berichts alle zu.
die zusammengetragenen faktischen In­ vor. Auch Vertreter der RSA!
formationen am 16. Januar verweigerten Das Politbüro der FRELIMO der Ja, auch sie. Später aber behaupteten
aber die RSA-Vertretor die weitere VR Mocambique setzte sich für eine sie, das Abkurven sei ein Fehler der
Zusammenarbeit in der gemeinsamen weitere dreiseitige Untersuchung ein. Besatzung gewesen, um die Verantwor­
Kommission zur Vorbereitung des Sowjetischerseits fand dieser Vorschlag tung auf die Piloten abzuwälzon. Jetzt
Abschlußberichts, der auch das Gutachten Unterstützung. Wie Ist das zu verstehenl behaupten sie, das Flugzeug sei deshalb
über die Ursachen des Absturzes Die UdSSR hat Ihre Untersuchung ja vom Kurs abgewichen, weil die Besatzung
enthalten muß. faktisch abgeschlossen und Ihr Gutachten die Bordapparaturen falsch abgestimmf
Die RSA beschloß einseitig, einen der RSA mitgetellt. hätte: nicht auf die Funkbake des
Abschlußbericht durch ihre eigene Ge­ In unserem Dokument wurde die Frage Flughafens Maputo mit einer Frequenz
richtsinstanz vorbereiten zu lassen, in der Verantwortung nicht angeschnitten. von 112,7 MHz, sondern auf die Funkbake
deren Rahmen Anhörungen zur Unter­ Gemäß den ICAO-Regeln besteht das des Flughafens Matsapha in Swasiland mit
suchung der Katastrophe stattfanden. Um Ziel der Untersuchung nicht in der Suche einer Frequenz von 112,3 MHz.
diesem Gericht einen "internationalen" nach Schuldigen, sondern in der Vorbeu­ Die Frequenzen liegen natürlich nah
Anstrich zu geben, wurden amerikanische gung von Flugzeughavarien. Gemeint beieinander, aber die Besatzung hat
und britische Fachleute eingeladen, ist, daß, falls bei der Untersuchung die diesen Fehler nicht begangen. Wie eine
obwohl diese sich in der sowjetischen Feststellung der Schuldtragenden vorgo- Untersuchung der Elektronikblöcke der
"NEUE ZEIT’ 25.87 27
Flughöhe 0000 m Schwenk Anfang
Schwenk Ende
/ ' Deckungswmkel

/ Bombegasi-Berg
4 (923m hoch) Direkter
Sichtwinkel
Funkbake

200 km

wurde festgestellt, daß keine davon mit westlichen Ländern werden solche Baken
Das Schema zeigt, daß die Fur.kbakc des
Flughafens Malsaph» (Swas. ar.d) von der Ausnahme der Funkbake- Version der weiter produziert und eingesetzt.
TU 134A vom Bombegazl-Bcrg (923 m| Kritik standhält. Die Frage drängt sich auf: Wenn alle
abgcsctihmf war ur.d die Maschine nicht Der genaue Standort der falschen Bake Bordsysteme normal funktionierten, war­
vom Kurs abbringen kennte. ist tatsächlich nicht ausgemacht worden, um reagierte die Besatzung nicht auf
vor allem deshalb nicht, weil man sich Signale des Systems der gefährlichen
nicht das Ziel gesetzt hatte. Übrigens fand Annäherung an die Erde! Warum
Bordkursstcucrur.g der Maschine zeigte, die dreiseitige Kommission in einer benutzte sie keine zusätzlichen Naviga-
war sie richtig abgest.' rr.t, nämlich auf die Entfernung von nur etwa 150 m vom tionsmirtel, nicht den Rundfunk von
Frequenz der Fur.kbakc von Maputo. Unglücksort Spuren eines paramili­ Maputo und das Bordiunkmcßgerät!
Außerdem hatte die faktische Route des tärischen Lagers. Wie Zeugen aus­ Die Besatzung reagierte auf das Signal.
Flugzeugs, wie sie nach den Aufzeichnun­ sagten, wurde dieser Platz am Tag nach Wie der Bordschreiber bezeug*, wurde
gen des Magnetschre.bers rekonstruiert dem Ereignis verlassen. Wir wollen nicht die vertikale Sinkgeschwindigkeit >'ermin-
wurde, keineswegs einem an der behaupten, daß die falsche Bake sich dert, wie das die Betriebsanleitung
Funkbake Matsapha orientierten Flug gerade dort befand, dafür liegen nicht erfordert. Doch spricht die Aufzeichnung
entsprochen. Das wideriegt die Version wenig Tatsachen vor, die das Vorhanden­ auch dafür, daß die Besatzung an der
de: RSA. sein einer solchen Bake bestätigen. Einige Glaubwürdigkeit der Signale des Höhen­
Ferner wurden die Wellenausbrei- davon habe ich schon erwähnt. Hier eine messers zweifelte. Das rührte daher, daß
tungszonen der Funkbake Matsapha weitere. Das Passagierflugzeug er auf Signale einer mocambikischen
berechnet. Wie sie zeigen, befand sich Boeing-737 der LAM, das vom Flughafen militärischen Funkmeßsfation reagiert hat­
diese Funkbake im Gebirge, war also vom Beira aus 50 Minuten später als das te, die sich an der Linie der faktischen
Flugzeug durch den Bombegazi-Berg Präsidentenflugzeug Kurs auf Maputo Route befand, von der die Besatzung aber
abgeschirmt und konnte mit der Maschine nahm, kurvte ebenfalls um 40 km rechts nichts wußte. Die Besatzung zweifelte
in einer Entfernung bis zu 135 km ab. Die Boeing folgte auf dieser Strecke in nicht daran, daß der Flug über der ebenen
Zusammenwirken. Im Augenblick der Richtung des Katastrophenortes, bis der Gegend beim Flughafen Maputo verlief,
Kursänderung war das Flugzeug über 200 Fluglotse sie zum Startflughafen zu­ wo die Erhebungen nicht über 125 m be­
km von Matsapha entfernt, seine Bordge­ rückholte, weil der Flughafen Maputo tragen, sank auf Erlaubnis des Fluglotsen
räte konnten die Signale der Funkbake geschlossen hatte. Die Boeing-Besatzung weiter und setzte zur Landung an. Was die
Matsapha einfach nicht empfangen. Selbst erklärte, daß sie ihren Bordnavigationsmit­ Benutzung zusätzlicher Navigafionsmit-
nach der Rechtsdrehung verließ die teln absolut vertraute (sie waren sämtlich tel — Rundfunkstation, Bordfunkmeßge­
Maschine nicht die "Schattenzone" des auf die Funkbake Maputo abgesiimmt) rät — zwecks Anfliegens des Landeflug­
Bombegazi-Bergs und flog in einem und den Flug fortgesetzt hätte. hafens betrifft, so konnte eine solche
Sektor weiter, in dem es die Signale dieser Notwendigkeit angesichts des Umstands,
Bake nicht empfanden konnte. Nach Dennoch verstehe ich nicht ganz, daß die Funkbake ein hocheffektives und
Maßgabe dessen, wie das Flugzeug im warum die Flugzeugbesatzung nicht auf genaues Navigationsmittel ist, nur dann
Gebirge niederging, nahm der Schatten die richtige, sondern auf die falsche entstehen, wenn Zweifel an der Richtig­
unablässig zu. Deshalb ist die RSA-Ver- Funkbake hörte. keit ihres Funktionierens aufkommen. Da
sion völlig haltlos. Die falsche Bake besaß, nach dem aber das Flugzeug beständige Signale der
Wir können auf Grund dessen den Charakter ihres Betriebs zu urteilen, ein falschen Bake empfing, glaubte die
Schluß ziehen, daß im Frequenzbereich stärkeres Signal, und die Nadel des Besatzung an die Richtigkeit des Kurses
der Funkbake Maputo falsche Informafio- Flugzeugkompasses auf der TU 134A des Flugzeugs auch nach der Rechtsdre­
nen anFlugzeug des Präsidenten
das reagierte darauf. Wir stellten ein hung.
ausgestrahlt wurden, was zuerst zur Experiment an und konnten uns davon Die letzte Frage: Wie reagierte man in
Kursänderung und im Endergebnis zur überzeugen, daß Flugzeuggeräte auf eine der RSA auf die Haltung der UdSSR und
Katastrophe führte. stärkere Bake reagieren, selbst wenn sie Mocambiques!
In der Erklärung des Politbüros der sich nicht in der Fluglinie, sondern seitlich Ende Mai wurde eine Mitteilung des
FRELIMO wird nicht zufällig die Frage befindet. Verkehrsminisferiums der RSA veröf­
gestellt, daß man den genauen Ort und Diese und andere zusätzliche Unter­ fentlicht. Darin heißt es, weder das
die Zugehörigkeit der falschen Bake, die suchungen bestätigten den Schluß der Ministerium noch die Menschen, die an
das Präsidcntenflugzeug vom Kurs ab­ sowjetischen Seife, daß die Katastrophe der Untersuchung teilgenommen hätten,
gebracht hatte, ausfindig machen müsse. Ergebnis des Einsatzes funktechnischer würden in diesem Stadium die Erklärung
Das steht in keinem Widerspruch zu Mittel zu Diversionszwecken war. Nur der UdSSR kommentieren, daß eine
unserer Position und unserem Gutachten. solche Mittel ließen das Flugzeug vom falsche Funkbake die Katastrophe von
Aber wenn diese falsche Funkbake bis Kurs abweichen. Samora Macheis Flugzeug verursacht hat.
jetzt nicht entdeckt ist, so sind die Übrigens ist der Einsatz falscher Baken Sie wollen unsere Materialien sorgfältig
Berufungen darauf als Hauptursache der nichts Neues. Großbritannien und studieren. Die Zukunft wird zeigen,
Katastrophe nur eine Version! Deutschland setzten sie während des welche Haltung man in der RSA einnimmf
Die sowjetischen Experfen untersuchten zweiten Weltkriegs recht häufig ein, um und ob man dort Objektivität an den Tag

alle bestehenden Versionen. Im Ergebnis I den Gegner irrezuführen. In mehreren legt. ■


"NEUE ZEIT' 2S.87
28
KULTUR UND POLITIK

"westlichen" Figuren sind Engel. Nicht


selten werden meine Romane im Westen
als Werke, die überaus kritisch zu unserer
Gesellschaft stehen, angesehen.

©teir siw
Was meinen Sie zu den politischen und

Ifim AwtoiTp ökonomischen Veränderungen,


jetzt in der UdSSR vollziehen!

Ich meine, daß die beschleunigte Ent­


die sich

dleum Westen tenm


wicklung des Sozialismus, die Bereit­
stellung der Ressourcen, die er braucht,
die Modernisierung der vorhandenen
Systeme das Hauptziel der Veränderun­
gen ist. Ich meine, wenn sich der Staat mit
Mit dem bekannten englischen Schriftsteller, einem anerkannten einer so wichtigen Sache wie der Vertei­
Meister des politischen Kriminalromans, unterhält sich unsere digung befaßt, dann braucht er sich nicht
Korrespondentin Natalja Darjalowa. auch noch für z. B. die Kohlernte
i verantwortlich zu fühlen. Bemerkenswert
Warum sind Sie gerade jetzt in unser ist, daß Ihr die ganze Bedeutung der
Land gekommen!
Ich möchte einige Vorurteile zerstreuen
r* R Publizität erkennt. Eine geschlossene Ge­
sellschaft kann heute kaum ökonomisch
- Gaste kommen ja nicht, um sie zu
verfestigen. Ich wollte Moskau zu einem
I jjpl prosperieren.
Halten Sie unter den Bedingungen der
außergewöhnlichen historischen Au­
> friedlichen Koexistenz von Staaten mit
genblick, da sich alles ändert, besuchen. unterschiedlicher politischer Ordnung die
Möglicherweise werde ich nach der ’jrr
Existenz von Aufklärungsdiensten unbe­
Rückkehr einen Artikel über meine dingt für erforderlich!
Eindrücke schreiben. Zudem hoffe ich, daß i
Die Aufklärung hilft insgesamt, das
die Reise in die UdSSR mir das Thema für k. gegenseitige Verständnis zu festigen,
einen Roman geben wird. indem sie den Politikern genaue Informa­
Sie bleiben nun schon viele Jahre dem tionen über die Ziele und Absichten der
Genre des politischen Kriminalromans anderen Seite gibt.
G
treu. Warum! Doch zwischen Spionage und Geheim­
Stets hat mich die Gestalt des Menschen ■ •' .<%•' / polizei ist ein Unterschied zu machen. Ich
auf seinem Posten, des Menschen sozusa­ würde viel dafür geben, niemals mehr
gen in seiner Rüstung bewegt. Was geben eine Geheimpolizei zu sehen. Ich meine,
wir der Gesellschaft, und was gibt die sie müßte in allen Ländern beseitigt
Gesellschaft uns? Wie ist das Verhältnis ■ :.fj / werden. Die Erfahrungen zeigen, daß in
zwischen der Moral des Kollektivs und
der des Individuums? Diese Fragen be­
/ © e ■
i allen Ländern, wo es sie gibt, die
Geheimpolizei viel auf dem Kerbholz hat.
wegten mich stets, eine besonders drama­ Wo Ist Ihrer Meinung nach der Platz
tische Form aber nahmen sie zu dem des Schriftstellers in der heftigen Ge­
Zeitpunkt an, als die Berliner Mauer sellschaft!
gebaut wurde. Ich war beruflich dort und betreiben und besser dastehen wollen, als In unserem Land betrachten es seriöse
erlebte die Berlin-Krise. Die Amerikaner sie in Wirklichkeit sind. Die Dienste Schriftsteller als ihre Aufgabe, sich der
zogen ihre Panzer zum Kontrollpunkt vor, arbeiten hinter herabgelassenen Jalou­ Regierung als unorthodox denkende
auf der anderen Seite standen russische sien, und oft vermag die Gesellschaft sie Leute entgegenzustellen, die stets gegen
und ostdeutsche Panzer. Ich dachte da mit nicht zu kontrollieren. In meinen Büchern die Bourgeoisie Krieg führen, gegen jene,
Schrecken, daß jetzt hier das Vorspiel zum verbreite ich keine Spionageromantik. die nicht die Wahrheit sagen wollen,
Krieg, zum dritten Weltkrieg, abläuftl Wie wirkt sich der Gedanke, daß eine gegen Scharwenzelei und Geheimniskrä­
Möglicherweise entstand die Bitterkeit, bestimmte literarische Gestalt der "eige­ merei. Die Geheimniskrämerei ist mein
die meinen Roman "Der Spion, der aus der nen" oder der "fremden" Seite zuge­ Hauptfeind.
Kälte kam", erfüllt, gerade damals; ich ordnet wird, auf den schöpferischen Ich meine, daß der Schriftsteller die
meinte, die Konflikte würden kein Ende Prozeß aus! Regierung korrigieren soll. So halfen die
nehmen und wir würden nie den Teu­ Ich feile meine handelnden Gestalten Schriftsteller Washington nicht, die Ameri­
felskreis der Feindseligkeiten ' nicht in "schlechte" und "gute", je nach kaner nach Vietnam zu treiben, doch dafür
durchbrechen können... ihrer ideologischen Zugehörigkeit, ein. halfen sie ihnen, von dort wieder heraus-
Bisweilen tauchen Befürchtungen auf, Nehmen wir z. B. die drei Stories, in denen zukommenl
politische Kriminalromane schürten die "West" und "Ost" in Gestalt von George Jede Gesellschaft muß entscheiden,
Agentenfurcht. Smiley und dessen sowjetischem Ge­ welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit
Ich meine, daß die Agentenfurcht nicht genspieler in Konfrontation stehen. ist, damit die Schriftsteller im Interesse
meiner Hilfe bedarf. Eine meiner Haupt­ Der sowjetische Aufklärer ist voll und des Volkes beliebige Mängel aufdecken
aufgaben sehe ich darin, einen Ausweg ganz seiner Sache ergeben, ein un­ • können.
aus einer Sackgasse zu finden, der bestechlicher Meister der Spionage. Er Vielleicht wären viele Probleme Eurer
Agentenhysterie den Heldennimbus zu würde es sogar vorziehen zu sterben, in Vergangenheit, die Ihr jetzt erörtert, nicht
nehmen, sie zu entlarven. Ich benutze die Rußland zu sterben, als weit von der entstanden, wenn die sowjetischen
Welt der Geheimdienste als Bühne, auf Heimat entfernt zu leben. Er hat ein Schriftsteller seinerzeit die Möglichkeit
der sich meine Sujets abspielen. Wir kompliziertes, tragisches Schicksal. Meine gehabt hätten, sie zu kritisieren.
werden uns immer mehr bewußt, daß die "russischen" Gestalten sind keine Ausge­ Man nennt Sie einen großen Meister
Geheimdienste einfach Desinformation burt der Hölle, und weitaus nicht alle der gekonnt gebotenen Intrige, des
"NEUE ZEIT’ 2S.87 29

I
spannenden Konflikts. Wie gelingt cs 15 Jahren gesprochen. Der Mensch fühlt
Ihnen, Ihr Sujet so interessant aufzu­ sich nicht krank und ist deshalb für die
bauen! Umgebung sehr gefährlich. Daher ist es
Wahrscheinlich hilft rr.r dabei, daß ich besonders wichtig, die Krankheit gerade
eigentlich sehr schüchtern bin. ich fühle in dieser Zeit fcstzustellcn. Da Aids' im
jede Spannung eben verdeckten Konflikt Ausland 5 Jahre früher als bei uns auftrat,
sehr genau. "Die Katze ssß auf der Matte” waren dort bereits spezielle Tests für die
- das ist keine Story. Aber 'die Katze saß Feststellung von Aids-Kranken ausgear­
auf der /Aatte e -.es Hundes" das ist beitet worden. Wir haben zwei Methoden
schon der Beginn c ner Story. zur Diagnostizierung der Krankheit
Ich hafte c.-e sehr bewegte Kindheit. entwickelt, wobei wir uns teilweise auf
Vielleicht wegen des Kindes, das immer Erfahrungen anderer stützten.
noch 'n mir lebt, des c ch —mer noch bei
dem Gcdar 1 en zu«- - c- i c.ert. daß si^,h Wer soll untersucht werden!
seine Eltern stre ten Und daß sich im In erster Linie Menschen, die wir zur
leben d,verte Ungiucksfelc ereignen. Risikogruppe zählen: Ausländer, die aus
Wenn ich mich f Lgre-g setze, bin ich Ländern mit besonders starker Aids-
nur nie sicher, daß es • chf ob stürzen wird. Ausbreitung zu uns kommen; Sowjetbür­
Wenn jemand n n c r. Zimmer kommt, ger, die lange Zeit im Ausland waren und
dann kann ich mir ir ,t Le ct • gkeit verstel­ sich hätten anstccken können, Ge-
len, daß er mich jeden Augenblick schlechfskrankc, Drogensüchtige und
verhaftet Ich bin m Grunde verrückt Prostituierte. Außerdem werden wir
genug, und das k. '.Itm r bei meiner Arbeit. V unbedingt unsere Blutspender und die
Alfred Hitchcock wurde einmal ge­ von ihnen erhaltenen Blutpräparate
fragt, wie lange er e.nen Kuß auf der In Ungarn wurde In einer Auflage von testen. Die Arbeit ist schon angelaufen,
Leinwand fixieren kann. „Etwa 20 Minu­ 100 000 Exemplaren eine Broschüre aber wir brauchen mehrere Monate, um
ten", antwortete er. "Das ist ja ent­ hcrausgegeben, die über Aids, An- sie abzuschließen. Erst dann werden wir
setzlich lange für einen Kuß!", wunderte stcckungsv/cge und Vorbeu­ Gewißheit über die Zuverlässigkeit des
sich sein Gesprächspartner. "Ja, doch gungsmaßnahmen aufklfjrt Spenderbluts haben.
bevor ich diesen Kuß zeige, lege ich
eine Bombe unter das Bett", erwiderte
Hitchcock. Ich spüre im Grunde, daß ich
mit einer Bombe unter dem Bett geboren
wurde. Mir schien stets, ich sei ein Kind,
Wi® befecMwrä ms
das sich in einen Streit der Eltern
schlichtend cinmischen müsse. Graham
Greene sagt, die Kindheit sei eino wahre
Audi® fimi cdleim GoSO
Fundgrube für den Schriftsteller. Und
wirklich, solange wir jung sind, ist jede Den ersten Aids-Erreger lieh sich das Unser Institut ist nicht das einzige in der
neue Erfahrung Teil unseres Erwachsen­ I wanowskl-lnstitut für Virologie der UdSSR, das sich mit der Erforschung des
werdens. Wenn wir aber erwachsen Akademie der medizinischen Wis­ Aids-Problems befaßt. Gearbeitet wird am
geworden sind, wiederholen wir nur senschaften der UdSSR im Ausland aus. Zentralen Institut für Epidemiologie, das
Elemente der durchlebten Kindheit. Und Damals wurden In der UdSSR noch keine von Akademiemitglied Pokrowski geleitet
überhaupt meine ich, daß jeder von uns Aids-Kranke festgestellt, aber das Institut wird, am Institut für Bluttransfusion
insgeheim davon überzeugt ist, er sei erforschte bereits das neue Virus. Die u. a. Sie haben gemeinsam schon über 60
noch nicht erwüchsen. Die Erwachsenen Prognosen der Weltgesundheitsorganisa­ Labors für Aids-Forschungen eröffnet. In
sind immer die anderen... tion |WHO] gaben keinen Anlaß zum den nächsten anderthalb Jahren wird ihre
Haben Sic Kinder! Optimismus: Die Zahl der Kranken Zahl in der UdSSR auf 300 anwachsen.
Ich habe vier Söhne. Und ich emp­ verdoppelt sich alle 6 Monate. Meinen Sie, daß sich die Erkrankung
finde mit ihnen, was sie natürlich ausbreiten wird!
niedergeschlagen sein läßt, weil sie Viktor SHDANOW, Mitglied der Aka­ Leider muß man jetzt von einer Aids-
erstens bisweilen deprimiert sein wollen demie der medizinischen Wissenschaften Pandemie sprechen. Es gibt über 56 000
und sie zweitens ja zumindest irgendei­ der UdSSR, Direktor des Instituts für registrierte Fälle, davon 40 000 in den
nen Grund brauchen, um über mich Immunologie, antwortet auf Fragen USA. Die WHO war zuerst der Meinung,
herzuziehen. unserer Korrespondentin Tatjana
Sic sind gar kein strenger Vater. FIRSOWA.
Zunahme der Zahl der Aids-kranken
Eher ein Vater, der eben mitzuempfin­ In der UdSSR traten die ersten Aids- Amerikaner (In Tsd.)
den versteht. Oberhaupt habe ich stets Fälle 1986 auf. Was wußten die
Mitleid für die Opfer. Wenn ich unter
Kindern bin. dann bemühe ich mich stets,
ihre Sicht zu verstehen.
sowjetischen Wissenschaftler zu jener
Zelt! ni
Leider werden Erfahrungen nicht von Leider nicht viel. Die Isolierung des -ISO

Generation zu Generation weitergege­ Aids-Virus (wir haben selbständig getan,


ben. Jedesmal muß man sich alles neu sobald in der UdSSR die ersten Kranken
erobern. Da meine ich: Zum Teufel mit registriert wurden), die Erforschung seiner
der Zukunft, wir wollen mit der Gegen­ Eigenschaften sind fundamentale Proble­
Cumulatlvo
wart klarkommen! Die Zukunft dient oft me, die eine genaue Analyse erfordern. numbcrofU.S.
zur Rechtfertigung von Untätigkeit in der AIDSvIctlms In
Wir wußten natürlich sehr wohl, daß man thousands
Gegenwart. Dos ist eine sehr gefährliche von uns nicht nur eine Theorie erwartete,
Rechtfertigung. Sie erlaubt
schreckliche Dinge in der Gegenwarft zu
tun. Die Juden wurden um der Zukunft
willen vernichtet, die Kolonialkriege um
der Zukunft willen entfesselt...
es,

H
sondern in erster Linie eine Diagnostik
und reale Hilfe für die Kranken.

Aids hat eino lange Inkubationszeit,


3—5 Jahre, neuerdings wird sogar von
Ile
I 1SS1 1SU

"NEUE ZEIT" IS.il


30

l
daß es auf der Erde 1991 eine Million
Aids-Kranke geben wird, jetzt wird von
Anfang Juni tagte In Washington eine Internationale Konferenz zur
drei Millionen gesprochen. Die Vorschät­
zungen waren also zu niedrig gegriffen.
Bekämpfung von Aids (Syndrom der erworbenen Immunschwäche).
Die Pandemie hat auch uns betroffen, Der Präsident der Akademie der medizinischen Wissenschaften der
wenn auch die Kranken hauptsächlich UdSSR, Valentin POKROWSKI, Direktor des Zentralen Forschungs­
Ausländer sind. Wenn wir nicht rasch ein instituts für Epidemiologie, kommentiert ihre Ergebnisse.
Programm zur Aids-Bekämpfung realisie­

MO© IBerfcMe
ren — wir sind verpflichtet, das um jeden
Preis zu tunl —, dann ist der Vormarsch
der Krankheit nicht aufzuhalten. Ehe es zu
spät ist, muß man die Aids-Ausbreitung
begrenzen und dann die Krankheit völlig Die sowjetische Delegation berichtete Ich sehe ein, daß den Ärzten ernste
ausmorzen. in Washington über Aids-Erkrankungen in Vorwürfe gemacht werden können. Wir
Wie läßt sich Aids Ihrer Meinung nach der UdSSR und legte Berichte über die fangen erst an, gewisse Prophylaxeregeln
lokalisieren! Synthese von Peptiden der Aids-Virus- zu erläutern. Aids-Forschungen haben in
Vor allem darf man nicht zulassen, daß Eiweiße und über die Virus-Ultrastruktur der UdSSR noch keine feste organisato­
die Krankheit in die UdSSR "importiert" vor. Insgesamt wurden der Konferenz rische Basis. Zwar gibt es in Moskau eine
wird, das sagte ich schon. Aids wird auf rd. 1000 Berichte vorgolegt. Ober die Stelle, die man unter einer bestimmten
dem Geschlechtsweg übertragen. Das Ergebnisse laßt sich heute kaum etwas Nummer anrufen kann, um nachher unter
Testen von Blutpräparaten und Spendern Tröstliches sagen. Leider steht fest: Auch einem "Kode" eine Blutprobe abzuliefern
ist unkompliziert, man braucht nur Zeit. in Washington wurde kein Rezept gegen und unter demselben "Kode" zu erfahren,
Ich hoffe, daß unser Gesundheitswesen in Aids genannt. In den fünf Konferenztagen ob man krank ist oder nicht. Doch
nächster Zeit zu Einwegspritzen übergeht. stieg die Zahl der Aids-Kranken um bestehen weder Aids-Labors noch ein
Das zieht sich unvertretbar in die Länge. weitere Hunderte. Offenbar gehören spezielles Aids-Institut. Ohne eine solche
Geschlechtskontakte dagegen sind eine optimistische Prognosen und Ver­ Basis darf man natürlich nicht mit Erfolgen
intime Angelegenheit. Jeder Erwachsene sprechen, gegen das furchtbare Virus rechnen.
muß wissen, daß die Krankheit auf diesem rasch eine Vakzine zu finden, der In die Aids-Bekämpfung müssen sich —
Weg übertragen wird. Unsere Aufgabe Vergangenheit an. Wenn jedoch kein nicht erst morgen, sondern heutel —
besteht darin, der ganzen Bevölkerung Weg zur Bekämpfung von Aids gefunden Dutzende Ämter der Justiz, der Miliz, des
klarzumachen: Promiskuität ist nicht nur wird, steht die Menschheit vor einer Krise. Wirtschaftssektors einschließen. Wenn wir
unmoralisch, sondern auch lebensge­ Das muß klar sein. Deshalb muß Aids sofort das nicht tun, wird die höchste
fährlich. Meiner Meinung nach muß in der zu jenen globalen Problemen gerechnet Ausbreitung von Aids, die für die Jahre
UdSSR ein Gesetz verabschiedet werden, werden, die man dringlich und unter 1990/91 erwartet wird, unserem Land
das (wie bei Geschlechtskrankheiten) Zusammenlegung aller intellektuellen viele Wunden schlagen. —;
harte Strafen für Menschen vorsieht, die Anstrengungen lösen muß.
von ihrer Krankheit wissen und andere
vorsätzlich anstecken. Die bereits
Erkrankten müssen unter strenge medizi­
nische und soziale Kontrolle genommen, Wie die eben erst abgehalfene Epidemiologie statt. Die Präparate be­
ihre Rechte aber unbedingt garantiert internationale Aids-Konferenz zeigte, einflussen den Krankheitsverlauf bis zu
werden. Das Eingreifen ins Privatleben besteht ein ernsthaftes Hindernis für die einem gewissen Grade positiv, sind
eines Menschen ist ohne wirklich triftige Entwicklung einer Vakzine. Der gene­ jedoch leider kein radikales Mittel.
Gründe unzulässig. Die Kranken dürfen tische Apparat des Virus nistet sich im
nicht wie Aussätzige behandelt werden. genetischen Zellapparat ein. Um das Virus
Die Gesellschaft muß lernen, ihnen Mitleid aus dem Organismus völlig zu entfernen,
und Hilfe angedeihen zu lassen, muß man die betroffenen Zellen töten —
Gibt es heute Präparate, die die oder aber das Virus daraus entfernen. An Im November 1986 bewilligte London
Krankheit bekämpfen können! Wird dieser Aufgabe arbeiten jetzt die 32 Mio Dollar für Prophylaxe und
vielleicht eine Vakzine gegen Aids Wissenschaftler der ganzen Welt. Vorläu­ Beratung. Im Lande wurden 1500 Plakate
entwickelt werden! ausgehängt: "Aids. Nicht an Unwissen
fig erproben wir unterschiedliche che­
sterben!", "Aids unterscheidet nicht,
misch-therapeutische Mittel an Kulturen jeder kann das Opfer sein". Flugblätter
Die Meldung war In bundesdeutschen des Aids-Virus. Das sind z. B. Arzneimit­ mit ausführlichen Anweisungen zur
Zeitungen gedruckt, nachdem diese tel, die am Institut für Molekularbiologie Krankheitsabwendung wurden per Post an
Prostituierte Hunderte Menschen mit Aids der AdW der UdSSR synthetisiert wurden. 23 Millionen Haushalte, Schulen und
angesteckt hatte Klinische Versuche finden am Institut für Apotheken versandt.

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"NEUE ZEIT" 25.87 31
HELFER EIWEISS
Nicht jeder Träger des Aids-Virus wird unbedingt krank. Etwa anderthalb bis
4 Millionen Amerikaner hätten eine Aids-Infektion haben können, weisen jedoch
keine Krankkeitssymptome auf. Britische Forscher stellten vor kurzem fest: Die
Empfänglichkeit eines Menschen oder einer ganzen ethnischen Gruppe für
dieses tödliche Virus hängt, wenigstens zum Teil, von der Genstruktur ab. Eine
von Leslcy-Jane Eales (medizinische Schule beim St.—Mary's-Hospital, London)
geleitete Wissenschaftlergruppe untersuchte sechs Arten von körpereigenem
Eiweiß, das sich an der Oberfläche aller menschlichen Zellen befindet. Die
Forscher gelangten zu dem Schluß, daß eine dieser Eiweißarten ihre Träger
höchst immun, eine andere dagegen sie außerordentlich empfindlich gegen Aids
macht. Die übrigen vier Arten liegen dazwischen.
Diese Arbeit könnte Aufschluß darüber geben, warum sich Aids in Zentralafrika
so rasch ausbreitet. Bei den Einwohnern dieser Region findet sich das
''empfindlichste" Eiweiß fast 10mal so oft wie bei den Europäern.
In einigen Landern ist der Aids-Test Aber selbst Menschen mit der "beständigsten" Eiweißform sind nicht gegen
obligatorisch. In Frankreich z. B. muß ein
Aids gefeit.
solcher Test bei der Eheschließung
vorgclcgt werden. Das geschieht zum
Schutz auch der künftigen Kinder, die sich
über das Blut der Mutter ansteckcn dagegen so gut wie nicht festzustellen. Reservoir, in dem Viren entstehen
können. In den USA werden alle
Warum ist Asien mit Ausnahme Japans können. Beachten Sie, wie Aids übertra­
Einwanderer und alle 2,1 Millionen
Militärangehörige getestet. Positiver Be­ verschont geblieben? gen wird. Der künstliche Weg ist die
fund kann als Hindernis bei der Zulassung Erklären Sie bitte etwas ausführlicher, Bluttransfusion, der "zuverlässigste" da­
zu vertraulichen Arbeiten gelten. wie der natürliche, evolutionäre Ursprung gegen der Geschlechtsverkehr. Anders
des Virus zu verstehen ist. gesagt, hat die Evolution die menschliche
Meines Erachtens sind Viren autonome Ökologie unserer Zeit benutzt.
Die Presse, besonders im Ausland, genetische Strukturen zellulärer Herkunft, Wissenschaftler machen nicht gern
brachte allerlei über den Ursprung von d. h. nichtzelluläre Lebensformen, die mit Prognosen, aber unsere Leser möchten
Aids. Wie denken Sie über die Entstehung zellulären koexistieren. Wenn dem so ist, natürlich wissen, wann das Aids-Problem
der Krankheit! besteht auch eine ökologische gelöst sein wird.
Ja, der Meinungen gab es viele. Leider Wahrscheinlichkeit ihrer selbständigen Obwohl die Krankheit in unserem Land
handelte es sich hauptsächlich um Entstehung. In der Frühzeit der Zivilisa­ noch relativ wenig verbreitet ist, legte
Vermutungen von Laien. Ich nahm an der tion "bezogen" die nomadisierenden Jewgeni Tschasow, Minister für Ge­
Aids-Konferenz in Genf teil. Kurz davor kleinen Menschengruppen ihre Krankhei­ sundheitswesen der UdSSR, der WHO
brachte em seriöses Blatt die Mitteilung, ten hauptsächlich aus der Umwelt. Jetzt ist schon einen umfassenden Plan für eine
Aids sei auf Massenimpfungen gegen die dichtbesiedelte Erde mit ihren fast internationale Zusammenarbeit in Aids-
Pocken zurückzuführen. Als Beispiel 5 Milliarden Einwohnern im Grunde ein Fragen vor. Alle sowjetischen Vorschläge
wurden Zaire, Tansania und Uganda I fanden ihren Niederschlag sowohl im
genannt, wo in den 60er Jahren besonders WHO-Programm zur Aids-Bekämpfung als
großangelcgtc Pocken Schutzimpfungen AIDS in Africa auch in einer Resolution der
vorgenommen wurden. Dies zu widerle­ WHO-Vollversammlung. Der Sinn der
gen, ist ein leichtes. Drei Viertel aller sowjetischen Vorschläge: Die Menschheit
Aids-Kranken sind in den USA registriert, braucht nicht nur einen Informations­
wo seit 100 Jahren nicht gegen Pocken austausch wie gegenwärtig,sondern eine
geimpft wird. Das zeigt, was solche differenzierte Offensive gegen Aids. Die
Sensationen wert sind. Das Aids-Virus ist Krankheit darf keinen Zutritt zu Gebieten
auf natürlichem Wege entstanden, offen­ erhalten, wo sie noch wenig verbreitet ist;
bar evolutioniert es recht schnell. sie muß dort aufgehalten werden, wo sie
Gegenwärtig beschleunigt sich der schon recht stark vertreten ist; es gilt, den
Evolutionsprozeß im allgemeinen, auch Countnes affccted X, Kreis der Ansteckungen einzuengen und
der des Virus. Die Frage nach dem Aids- themcstbyAlDS.
Zaire/ die Krankheit schließlich endgültig auszu­
Ursprung erfordert spezielle Forschun- ; merzen. Meiner Meinung nach wird man
Uganda/
gen. Vorläufig weiß man nur folgendes: In i rwanda/ dafür mindestens ein halbes Jahrhundert
Afrika sind zwei Varietäten des Aids-Virus ■ Burundi/ brauchen, denn vorläufig haben wir keine
entdeckt worden, desgleichen eine ] TANZANIa/
radikalen Behandlungs- und Vorbeu­
ähnliche Erkrankung bei Affen. Warum ZAMBIA<
gungsmittel. Die WHO nimmt an, daß in
ausgerechnet die USA die höchste 1 den nächsten 10 Jahren 100 Millionen
Erkrankungszahl zu verzeichnen haben, Menschen angesteckt werden.
weiß man bisher nicht. Interessant ist i Informationen und Fotos aus den
auch, warum Aids in manchen Ländern Zeitschriften „Time", „Newsweek",
Schätzungsweise sind 5 Millionen von 550
grassiert, in anderen dagegen fast nicht Millionen Afrikanern Aids-krank. Das „U. S. News and World Report" (USA),
anzutreffen ist. In Zentralafrika z. B. ist Virus begann sich ungefähr 1980 von "Konkret" (BRD) und der Zeitung
Aids sehr weit verbreitet, in Nordahika Ruanda und Zaire aus zu verbreiten. "International Herald Tribüne" (USA).

Anschrift: 103782, GSP, Moskau K-6, Puschkinskaja pl.


Telefon: 229-88-72, 209-07-67
Verlag der Zeitung "Trud" * Erscheint in russischer, deutscher, englischer, französischer, spanischer, portugiesischer,
italienischer, polnischer und tschechischer Sprache ’ Gedruckt in der Druckerei "Moskowskaja prawda"
Im früheren Schloß von
Melechi spielt heute das
staatliche Jugend-Theater­
studio von Tbilissi. Hier
findet sich nicht die übli­
che Trennung von Bühne
und Zuschauerraum: Die
Künstler haben direkten
Kontakt mit dem Publikum.
Das Theater hat Pre­
miere. Fürst Myschkin,
Nastassja Filippowna, Ro­
goshin sprechen hier geor-

gisch. Das Stück nach Do­ einer Bühne der Saar-


stojewskis Roman „Der Metropole eingeladen.
Idiot" in der Inszenierung
von Mrewlischwili wird Der Schauspieler Pawel Nossadse
auch ausländische Theater Hier spielen die jungen Leute
interessieren. Davon ist Szene aus dem Stück „Der Eremit"
man insbesondere in Saar­ des georgischen Klassikers
brücken überzeugt — Ilja Tschawtschawadse
Mrewlischwili wurde von Fotos: TASS
-Zl V
7,
INTERNATIONALER
WETTBEWERB

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MENSCHLICHKEIT, •fr

MENSCHHEIT“ \

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Möge immer die Sonne scheinen.

Ein alter Bauer

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