Sie sind auf Seite 1von 386

SimoneRoggenbuck

DieWiederkehr derBilder
DieWiederkehr
derBilder
ArboreszenzundRasterinder interdisziplinärenGeschichteder Sprachwissenschaft
ArboreszenzundRasterinder
interdisziplinärenGeschichteder
Sprachwissenschaft

Die Wiederkehr

der Bilder

Simone Ro gg enbuck

Die Wiederkehr der Bilder

Arboreszenz und Raster in der interdisziplinären Geschichte der Sprachwissenschaft

Gunter Narr Verlag Tübingen

Mein Dank gilt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Nordrhein­ Westfalen, die meine Forschung an diesem Thema mit Stipendien unterstützt haben. Der DFG gilt mein Dank darüber hinaus auch für die großzügige Finanzierung des Drucks.

Der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Heinrich-Heine-Universität e.v. danke ich für die Ehre, meine Arbeit 2004 mit dem Preis für die beste Habilitation ausgezeichnet zu haben.

Mein tiefer persönlicher Dank gilt den Düsseldorfer Professoren Peter Wunderli und Herwig Friedl, die mich mit zuverlässiger Diskussionsbereitschaft und vielen guten Hinweisen bei diesem Projekt begleitet haben.

Simone Roggenbuck, im Januar 2005

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Titelbild: © Siegfried Kellerer, kellerer.com, Oberföhringerstrasse 83, 81925 München.

© 2005· Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5· D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außer­ halb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem und säutefreiem Werkdruckpapier.

Internet: http://www.narr.de E-Mail: info@narr.de

Gesamtherstellung: Hubert & Co., Göttingen Printed in Germany

57

Inhalt

o Einleitung

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

1 Bilder des Wissens

1.1.

1.1.1

1.1.2

1.1.3

1.1.4

1.1.5

1.1.6

1 .1.7

1.1.8

1.1.9

. . . . . . . . . . . . . . .
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Theorien des Paradigmenwechsels: Popper oder Kuhn? Poppers «growth of knowledge» als «tree of knowledge» Die immunisierte Theorie der Wissenschaften Hypothese, Theorie, Paradigma Paradigma als Tradition, Kuhn als Funktionalist «Scientific honesty» und (<normal scientists» «The tree of revolution» Die Rolle von Sprache und Metaphern

Wachsen Geisteswissenschaften an Bäumen? Gegen eine strikte Sukzessivität geisteswissenschaftlicher Paradigmen

Ist der Wandel der Geisteswissenschaften mystisch? Aspektualität, Widerhall und Wiederholung als Faktoren geisteswissenschaftlicher Paradigmenentwicklung

1 .2.

1 .2.1

1 .2.2

1 .2.3

Paradigma, Leitbild, Metapher Metaphern und Modelle

. Die Strukturverwandtschaft von Paradigma, Leitbild und Metapher Die metaphorische Dialektik von Rationalität und Nonrationalität:

Instrument und Witz

2 Theorien des Bildes

2.1

2.2

Sind Metaphern für die Wissens chaft «brauchbaD>?

Sprachliche Metaphern: Rhetorik, Semantik, Pragmatik, Kognitions- philosophie Metapher als Substitution

2.2. 1

2.2.2 Metapher als Interaktion

2.2.3

Metapher «ohne wörtliche Bedeutung» , aber mit Ausrufezeichen

2.3

Metaphorische Konzepte jenseits der Sprache: Kultur, Physis und Gestalt

2.3.1 (<Metaphors we live by»

2.3.2

Denken in Bildern: visuelle Prototypen vs. visuelle Metaphern

2.4

Die Bildprinzipien des Baumes

9

15

15

16

19

20

22

24

26

29

34

38

44

44

48

51

57

62

63

67

75

78

79

82

90

6

95

3.9

2.4. 1

2.4.2

2.4.3

2.4.4

3

3.1

3.2

3.3

3.4

3.5

3.6

3.7

3.8

3.10

3.1 1

3.12

3.13

3.14

Kulturelle Dichotomlsierung

. . . . . . . . . . . . . . .
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

90

92

93

Körpererfahrung: Verzweigung, Oben-Unten, Links-Rechts

Visuelle Gestaltwahrnehmung

Bildfelder des Baumes: metaphorisches Feld und visuelles Feld (Arboreszenz und Raster)

Die Tradition des «Baumes»

106

107

110

115

120

122

123

126

129

130

Der Baum der Erkenntnis, der Baum des Lebens und der Mythos von Babel (Altes Testament)

Arboreszenzen des Mittelalters: Sprachenstammbaum (Dante) und

«spekulative Bäume» (Scholastik)

Arboreszenzen der Renaissance (Ramus)

Der Baum im Dienste der modernen Einzelsprache (Meigret)

«Herbes, racines et fruits: cultiver la plante sauvage» (Du Bellay)

Der Kanon der Zeiten: der Thesaurus Temporum (Scaliger)

«The tree of knowledge» (Bacon)

<<L'arbre de la philosophie» (Descartes)

Der Übergang zum «tableau de rage classique»:

frühe sprach wi ssensc haftliche Raster (Wallis, Lodwick) .

Zwischen logischer Arboreszenz und analogisierendem, aufzählendem Tableau: die Grammaire generale et raisonnie (Arnauld, Lancelot) 1 34

137

141

143

158

Die Tafel der Wissenschaften und die Tafel der Ideen (Leibniz)

Arboreszenzen und Tableaux der frühen Biologie: Classesplantarum (Linne)

Arboreszenzen und Tableaux der französischen Aufklärung (d'Alembert, Diderot, Du Marsais, Beauzee)

«Schnitt!»

7

4 Arboreszenzen im Zeichen von «Entwicklung» und «Vergleich» 160 4. 1 Idealistischer vs. naturwissenschaftlicher
4
Arboreszenzen im Zeichen von «Entwicklung» und «Vergleich»
160
4. 1 Idealistischer vs. naturwissenschaftlicher Vergleich:
Humboldt vs. Schlegel und Bopp
4. 1.1 Humboldt: «Sprachmischung» und «Sprachstufel1»
160
161
4.1 .2
Schlegel und Bopp: «Abstamrnung» , «Wurzeln» und « physischer
Organismus»
1 64
4.2
Impulse für eine « biologistische» Sprachwissenschaft:
<<natürliche», « positive» und « evolutive» Ordnung der Dinge .
170
4.2.1
Lamarck und Comte: Stufen- und Verzweigungsmodelle
171
4.2.2
Darwin und Spencer: « the tree of species» als Produkt innerer und
äußerer Kausalität, die Universalität des Entwicklungsgesetzes
176
4.2.3
Haeckel: monistische Beschränkung aufdie innere Kausalität des
« Organismus»
1 83
4.3
Die « biologistische» Sprachwissenschaft Schleichers
1 89
4.4
Alternativen zur Entwicklungsarboreszenz:
Wellensektor und Kegel (Schmidt, Schuchardt)
198
4.5
An der Schnittstelle zwischen « Entwicklung» und <<Struktur»:
Die Junggrammatiker
.
202
5
Raster im Zeichen von «Wertesystem» und Abstraktion
207
5.1
Jenseits der junggrammatischen Schnittstelle: Whitney und Gabelentz
208
5.1.1
Whitney: <Jife of language» zwischen individueller Variation und sozialer
Konvention, « organic structure» als soziales Produkt und Wertesystem . 208
5.1.2
Gabelentz: «organisches Systeffi» und « Entwicklungsspirale» 212
5.2
Inspirationen für <<Sprache als Werteysteffi» und für die <<AbstraktioID>
von der Historizität des Gegenstandes
217
5.2.1
Mill, Marx und Durkheim: « TauschwerD>, « relationales Wertesysteffi» und
« fait sociab in Ökonomie und Soziologie des 19. Jahrhunderts
217
5.2.2
« Punkt, Linie und Fläche» , « Nebeneinander und Gegenüber», « das weiße
QuadraD>: Abstraktion und Raster in der bildenden Kunst des frühen
20. Jahrhunderts (Kandinsky, Malewitsch, Mondrian, Magritte, Duchamp) 222
5.3
Saussure: <<langue» als abstraktes Wertesystem und die Achsenkreuze von
« association/syntagme» und synchronie/diachronie»
230
5.4
5.4. 1
Kommutation und Dichotomisierung in der struktralistischen Phonolo-
gie der Prager Schule
Trubetzkoys « carre» der Kommutation und Korrelationsbündel
239
240

8

5.4.2 Achsenkreuz der «speech analysis», Plus-Minus-Matrix und Arboreszenz bei Jakobson/Halle 245 5.5 Hjelmslevsche
5.4.2
Achsenkreuz der «speech analysis», Plus-Minus-Matrix und Arboreszenz
bei Jakobson/Halle
245
5.5
Hjelmslevsche Vielfalt: Abstraktion vom Gegenstand, Kreuzklassi­
fikation, deduktive Arboreszenz, projektives Netz der Form,
semantische Blockmatrix
.
253
6
Arboreszenzen im Zeichen von Dependenz, Konstituenz und
Generativität
266
6.1
Tesniere: Dependenzielles Stemma als Satzstruktur und als Instrument
der Sprachtypologie
267
6.2
Jenseits des großen Teiches: eine neue Mischung von Traditionen und
«Erfahrung»
279
6.2.1
Ethnologie und Linguistik (Boas, Sapir) : Die Erfahrung der Indianer-
sprachen, Sprachstruktur durch «psychological grouping» , der Satz als
sprachliche Einheit und Modifikationskomplex
281
6.2.2
Behaviorismus, Strukturalismus und Binarismus (Bloomfield) : «mecha-
nische» Konstituentenanalyse
290
6.3
Empirie der «discovery procedures» und Formalisierung der Analyse
(Harris) : distributionalistische Raster und transformationelle «lattices» .
300
6.4
Chomsky: vom «computing tree» zum «generative tree» (p-Marker,
T-Marker) und zum «tree of minCD> mit genetischer Basis
315
7
Ende eines Waldspaziergangs
338
Bibliographie
347
Zeittafel ausgewählter Texte
380

o

Einleitung

o Einleitung « Ordnung ist das halbe Lebern> - es gibt wohl kaum jemanden, dem dieser

« Ordnung ist das halbe Lebern> - es gibt wohl kaum jemanden, dem dieser Satz nicht schon einmal in der einen oder anderen Weise zu Ohren gekommen ist. Für Wissen­ schaftler mag dieser Satz sogar von besonderer Tragweite sein. Schließlich besteht wis­ senschaftliche Arbeit nicht nur im Auffinden von Wissen, sondern zu einem ganz we­ sentlichen Teil darin, für dieses Wis sen eine Ordnung zu finden, die möglichst « plausi­ bel», <<Wahn>, «umfassenro>, « erklärungsfahig» usw. ist. Eine solche Ordnung repräsentiert also zwangsläufig immer ein bestimmtes Bild des Wissens bzw. einen bestimmten Blickwinkel, der gegenüber dem Wissen eingenommen wird. Die Wissenschaftsge­ schichte zeigt, daß sich diese Blickwinkel verschieben, beispielsweise durch neue Ent­ deckungen, und dann andere Ordnungen bzw. Paradigmen auf den Plan treten. Damit sind wir bei zwei zentralen Begriffen unserer Untersuchung angelangt: Dem Begriff des Bildes und dem Begriff des Paradigmas. Aufregend neu sind diese seit der Debatte um scientijic revolutions (I<uhn) und dem Boom der Metaphorologie mittlerweile nicht mehr zu nennen. Auch daß sprachliche Bilder (Metaphern) eine paradigmentragende Rolle spielen bzw. mit einem Paradigma korrelieren, ist ein seit den 60er Jahren gut be­ arbeitetes Thema. Zur paradigmatischen Relevanz visueller Bilder gibt es dagegen (außer­ halb der Kunst- und Literaturtheorie) kaum Untersuchungen. Dabei scheint es doch auf der Hand zu liegen, daß nicht nur sprachliche Metaphern, sondern auch visuelle Bilder wie z.B. Arboreszenzen als Richtpunkte eines Paradigmas oder einer Ordnung im Freud­

schen Sinne wirken können: «

der Natur abgelauscht; die Beob­

achtung der großen astronomischen Regelmäßigkeiten hat dem Menschen nicht nur das Vorbild, sondern die ersten Anhaltspunkte für die Einführung der Ordnung in sein Le­ ben gegeben. Die Ordnung ist eine Art Wiederholungszwang, die durch einmalige Ein­ richtung entscheidet, wann, wo und wie etwas getan werden soll, so daß man in jedem gleichen Falle Zögern und Schwanken erspart. Die Wohltat der Ordnung ist ganz un­ leugbar, sie ermöglicht dem Menschen die beste Ausnützung von Raum und Zeit, wäh­ rend sie seine psychischen Kräfte schont.» (FREUD, Unbehagen:223s.). Daß Bilder ebenso wie Metaphern als Richtpunkte eines Paradigmas bzw. einer wissenschaftlichen Ord­ nung fungieren, soll hier am Bild des Baumes verfolgt werden. Die Untersuchung erhebt dabei nicht den Anspruch, eine vollständige wissens chafts­ geschichtliche Landkarte zu zeichnen. So beschränkt sich der « kartographierte Raum» im wesentlichen auf das 1 9. und 20. Jahrhundert, ergänzt durch eine Skizze für den Zeitraum vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Der wissenschaftgeschichtliche Fokus gilt der Entwicklung der Sprachwissenschaft, allerdings stets mit einem Blick auf analoge Entwicklungen in anderen Disziplinen. Dabei muß die Untersuchung aufgrund ihres motivischen Interesses auf den Anspruch verzichten, eine aspektuell « komplette» Ge­ schichtskarte der Sprachwissenschaft zu liefern. Ja, und nicht zuletzt können auf der Landkarte nicht alle tatsächlich vorhandenen «Bäume» verzeichnet werden, sondern nur diejenigen, die als repräsentativ für eine bestimmte sprachwissenschaftliche Theorie gelten können - beispielsweise die Sprachenstammbäume der vergleichenden Sprach­ wissenschaft oder die Phrasenstrukturbäume der generativen Grammatik. Innerhalb

vergleichenden Sprach­ wissenschaft oder die Phrasenstrukturbäume der generativen Grammatik. Innerhalb die Ordnung [ist]

die Ordnung [ist]

12

ter der Sprachwissenschaft - und wohl der Geisteswissenschaft überhaupt - gerecht werden. Mit der These von der Wiederholung der Bilder sind wir schließlich bei dem zentra­ len und zugleich problematischsten Punkt unseres Unterfangens angelangt. Da wir uns hier weitgehend nicht mit sprachlichen Bildern (Metaphern), sondern dem visuellen Bild des Baumes beschäftigen wollen, stellt sich natürlich die Frage, was wir darunter subsu­ mieren wollen. Zum Vergleich: Für eine umfassende Untersuchung zur Metapher Baum

müßten als Ausdrucksvarianten berücksichtigt werden «Baum», aber auch hyponyme wie « Esche» (zu finden beispielsweise bei Jost Trier) , « Zweig», « Wurzel» etc., nebst ihren interpretatorischen Varianten. Dies dürfte kaum Widerspruch erregen. Wenn ich nun aber ankündige, daß wir für die Untersuchung des Bildes Baum die visuellen Varianten Arboreszenz und Raster einbeziehen wollen, so bin ich mir des unwirrschen Kopfschüt­ telns des Lesers gewiß. Denn in der Tat sieht eine hierarchisch sich verzweigende Arbo­ reszenz auf den ersten Blick anders aus (und ist einem Baum ähnlicher) als ein ahierar­

chisches, rechtwinkliges Raster (oder Matrix) . Gleichwohl scheint es

zu geben, die den Leser vielleicht davon zu überzeugen vermögen, sich auf dieses vor­ derhand vielleicht willkürlich scheinende Experiment einzulassen: Ein Bauch- (respekti­ ve Augen-) Argument, die Begründung desselben, die enge chronologische und inter­ pretatorische Verwobenheit der Varianten in der Wissenschaftsgeschichte. (1) Die spontane Ablehnung einer visuellen Übereinstimmung von Arboreszenz und Raster mag sich durch einen suggestiven Blick auf die Entwicklung des Baummotives bei Mondrian relativieren lassen (die entsprechenden Abbildungen sind in 5.2.2 abge­ druckt) . Finden sich beim frühen Mondrian ikonische Silhouetten belaubter Bäume (die für unsere Untersuchung nicht weiter relevant sind), repräsentiert der Gray Tree von 1911 das Skelett eines entlaubten Baumes mit weit sich verzweigenden Ästen. Die Über­ schneidungen der Äste ergeben dabei Flächen von Nahezu-Dreiecken, -Vierecken, -Fünfecken. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den bekannten rasterhaften Kompositionen schwarzer Linien und weißer bzw. farbig aufgefüllter Vierecke. (2) Die visuelle Nähe, die sich bei entsprechend suggestiven Abbildungen von Arbo­ reszenz und Raster auftut, läßt sich durch die weitgehende Übereinstimmung ihrer Bild­ prinzipien erklären. (Ausführlich wird dies in Abschnitt 2.4 dargelegt, der deshalb auch als Einstieg geeignet ist.) Der Arboreszenz liegen hauptsächlich die Prinzipien einer Oben-Unten-Ausrichtung und Links-Rechts-Verzweigung zugrunde. Für das Raster gilt dieselbe Oben-Unten-Ausrichtung, die <Nerzweigung» wird jedoch zu einer starken Links-Rechts-Ausrichtung modifiziert, die dann zu entsprechenden Überschneidungen (z .B. von Koordinate nlinien) führt. Der nur graduelle Unterschied der Bildvarianten wird klarer, wenn man die Achsen eines Koordinatensystems als basale « Verzweigung» vom Punkt 0 an betrachtet:

mir drei Argumente

man die Achsen eines Koordinatensystems als basale « Verzweigung» vom Punkt 0 an betrachtet: mir drei

o

o

man die Achsen eines Koordinatensystems als basale « Verzweigung» vom Punkt 0 an betrachtet: mir drei

11

piert wird (60er bis SOer Jahre) , hat sich die Rezeption besonders auf die Aussage der «Brüche» (revolutions) konzentriert. Daß Kuhns Paradigmenmodell ebenso wie dasj enige Poppers von einer linearen Entwicklung ausgeht (auch wenn sie bei Kuhn eine «diskon­ tinuierlichen Linearitäo> ist), geriet aufgrund der Etikettenverteilung Mhn = Brüche, Pop­ per = Kontinuität ins Abseits der Rezeption. Obwohl man hinsichtlich der Frage, welches Paradigmenmodell nun für die Geisteswissenschaften das adäquate sei, Kuhns Revolu­ tionsmodell favorisieren mußte - es schien in je dem Falle adäquater als die kausal­ falsifizierende Linearität bei Popper -, blieb doch immer das Unbehagen: Sind geistes­ wissenschaftliche Paradigmen wirklich inkommensurabel? Sind die Brüche hier wirklich strikt? Wenn wir unser Fallbeispiel Sprachwissenschaft betrachten, ist dieses Unbehagen auch durchaus gerechtfertigt. Zwar sind ohne weiteres in der Sprachwissenschaft deutli­ che Perspektivenwechsel fe stzus tellen, beispielsweise zwischen der Komparatistik (Sprache als geschichtlicher Organismus), dem europäischen Strukturalismus (Sprache als paradigmatisches Wertesystem) und dem US-amerikanischen Strukturalismus (Spra­ che als prozessuales System) . Andererseits erfolgen diese Paradigmenwechsel oder Brü­ che nicht in der Manier eines traumatischen Kollapses des alten Paradigmas, wie ihn die Biologie mit Darwin oder die Physik mit Einstein erlebt. So deutlich die Perspektiven auch untereinander unterscheidbar sind, gibt es doch verschiedene Argumente, die «Brüche» als weiche Brüche zu sehen. (1) Es gibt teilweise große zeitliche wie inhaltliche Überschneidungen. Beispielsweise überschneiden sich um die Jahrhundertwende das komparatistische Paradigma (zu dem man auch das junggrammatische zählen kann) zeitlich mit den frühesten Strukturali sten; europäischer und US-amerikanischer Struktu­ ralismus entwickeln sich über Jahrzehnte parallel. Inhaltlich ist es schwer, von einem Bruch im Sinne einer Inkommensurabilität zu sprechen. Vielmehr verhalten sich die Paradigmen, grob gesehen, in weiten Teilen komplementär: Sprachengeschichte (Kom­ paratistik), synchrones System sprachlicher Einheiten (europäischer Strukturalismus) und prozessuale Verknüpfung von Einheiten in Satz und Rede (amerikanischer Struktu­ ralismus) bilden keine inkompatiblen Ansätze. (2) Die paradigmatischen Brüche der Linguistik scheinen nicht in jedem Fall durch «innere Ursachem> ausgelöst, sondern werden oft durch eine transdisziplinäre Inspiration, den thematischen Widerhall aus an­ deren Disziplinen befördert. Dies werden wir am Beispiel der Komparatistik und der Biologie (Kap. 4) sowie am europäischen Strukturalismus und der Nationalökono­ mie/abstrakten Kunst (Kap. 5) verfolgen können. Dies als schlichte Einordnung der Linguistik in ein andernorts entwickeltes Makro-Paradigma, wie «Strukturalismus des Wertesystems» abzutun, würde dem Sachverhalt kaum gerecht. Vor allem aber erschei­ nen (3) die Brüche und damit die Revolutionen der Linguistik relativ, wenn man den Blick auf die Kontinuität der Bilder jenseits der Brüche lenkt. Bereits SCHON 1 963 und BLUMENBERG 1 9 66 (u.a.) wendeten gegen Kuhns Inkommensurabilitätstheorem ein, daß es konstante Metaphern jenseits der Paradigmenwechsel gebe. Obwohl Blumenberg in der Ausführung seiner These vage bleibt, glauben wir für die Linguistik bestätigen zu können, daß es eine relative Kontinuität hinter den Brüchen gibt - nämlich mindestens die Wiederholung des Baum-Bildes. Das würde bedeuten, daß Kuhns Paradigmenmodell der diskontinuierlichen Linearität zum Modell einer « diskontinuierlichen, alinearen Konti­ nuitäo> umgeschmiedet werden müßte, soll es dem perspektivisch-reiterierenden Charak-

10

dieses gesteckten Rahmens sollen die einzelnen Bäume hinsichtlich ihrer visuellen und interpretatorischen Merkmale charakterisiert und paradigmatisch eingeordnet werden. Der Wert einer solchen Landkarte oder eines solchen Bilderbogens könnte nun in sich (sprich in seinem ästhetischen Wert) liegen. Gewöhnlich ist ihr Wert jedoch durch ihren Informationsgehalt bestimmt. Die Frage wird also sein: Welche Schlüsse können aus der visuellen und interpretatorischen Verschiedenheit der Baumbilder im Hinblick auf die Strukrurierung von Wissenschaftsgeschichte gezogen werden? Korrelieren Varia­ tionen des Bildes mit Paradigmenwechseln? Bevor wir jedoch zum praktischen Nachweis der Korrelation von bestimmten Bil­ dern mit bestimmten Paradigmen schreiten (Kap. 3 bis 6) , sind grundlegende Überle­ gungen zur Theorie des Paradigmas (Kap. 1) und des Bildes (Kap. 2) angebracht. Sum­ marisch können wir vorausschicken, daß wir uns in zwei Punkten an Kuhns Paradig­ menbegriff anlehnen: (a) verstehen wir Paradigma als eine perspektivische Brille, die die Sicht auf das Obj ekt determiniert; (b) sehen wir das Paradigma (insbes ondere in seinem Anfangsstadium) als hypothetischen Vorausgriff auf eine Erkenntnis über die Ordnung der Dinge, die sich erst nachträglich bewähren kann und soll. In beiden Punkten zeigt das Paradigma eine wesentliche fu nktionale Übereins timmung mit den Mechanismen der sprachlichen Metapher und des visuellen Bildes. Mit dem Vorausgriff auf die (nach­ träglich zu beweisende) Erkenntnis liefert das Paradigma in großem zeitlichen und ge­ danklichem Umfang das, was bei Metapher und Bild in kleinerem Maßstab der «flash of insight» (Richards) genannt wird. Dieser spontane Verstehenseffekt sprachlicher oder visueller Bilder ist dabei ebenso mit einer perspektivischen Sichtweise (<<etwas sehen alm) verbunden, wie sie dem Paradigma eigen ist. In di eser Hinsicht funktioniert beispiels­ weise die paradigmatische Aussage Saussures «Die Sprache ist ein System von Identitä­ ten und Differenzen» ('Sprache als relationales Wertesystem') strukrurell ähnlich wie die paradigmatische Metapher der «Sprache als Organismus» der Komparatisten ('Sprache als sich entwickelndes Lebewesen') oder die spontane Metapher <<Er ist mit einem Schlachtschiff verheiratet» ('die Ehefrau als imposante und kriegerische Erscheinung') oder ähnlich wie die visuelle Darstellung eines Satzes als grammar tree ('Satz als hierar­ chisch sich verzweigende Strukrur') . Die Unterschiede liegen im Grad der Spontaneität und im Grad der perspektivischen Abstraktion. Während sich das Konzept vom Paradigma als Perspektive (sehen als) gut auf geistes­ wiss enschaftliche (und linguistische) Verhältnisse übertragen läßt, erweist sich Kuhns Paradigmentheorie dort als problematisch, wo sie an das Konzept der scientific revolution gebunden ist. Zwar muß man sagen, daß sich das Modell radikaler paradigmatischer Umbrüche auf die Geisteswissenschaften eher übertragen läßt als Poppers Modell einer kontinuierlich-linearen Wissensentwicklung, die durch (empirische!) Falsifikationen vo­ rangetrieben wird. Aber: Auch Kuhns auf die Narurwissenschaften gemünztes Paradig­ menmodell beinhaltet die Vorstellung einer Linearität, die mir auf die geisteswissen­ schaftliche Entwicklung nicht zuzutreffen scheint. Kuhn stellt sich nämlich, im Gegen­ satz zu Popper, eine « diskontinuierlichen Linearität» vor: Das geltende Paradigma gerät aus forschungsimmanenten Gründen in eine Krise, so daß konkurrierende Vorstellun­ gen aufleben, von denen sich eine in einem revolutionären Akt als neues Paradigma etabliert; so folgt ein Paradigma nach dem anderen, es gibt kein Nebeneinander und kein Zurück, weil Paradigmen inkommensurabel - später nennt Kuhn es « untereinander nicht übersetzbam - seien. Da Kuhn in den poststrukruralistisch geprägten Jahren rezi-

13

Daraus, daß das Raster die Links-Rechts-Orientierung gleichgewichtig zur Oben-Unten­ Orientierung setzt, während bei der Arboreszenz die Oben-Unten-Orientierung über­ wiegt, resultiert der graduelle Unterschied der beiden Bildvarianten: ahierarchisches Mu­ ster des Rasters vs. hierarchisches Muster der Arboreszenz. Für die Gradualität des Un­ terschiedes zwischen Arboreszenz und Raster spricht beispielsweise auch ihre mühelose Kombinierbarkeit nach folgendem Muster:

A ------ ---- ------ a2 / "'-- � � alll al/2 a2/1 a2/2 / bill
A
------
----
------
a2
/
"'--
alll
al/2
a2/1
a2/2
/
bill
a'l' - bill
a'/2 - bill
a2/1 - b,/,
a2/2 - bill
bl<
/
� bl/2
ai/l - bl/2
a1/2 - bl/2
a2/1 - bl/2
a2/2 - bl/2
. (
/ b2/1
ai/l - b2/1
al/2 - b2/1
a2/1 - b2/1
a2/2 - b2/1
\
b2<
r---
b2/2
alll - b2/2
a'/2 - b2/2
a2/1 - b2/2
a2/2 - b2/2

(3) Der graduelle Unterschied zwischen Arboreszenz und Raster wird, wie wir zeigen wollen, für sprachwissenschaftliche Paradigmenwechsel genutzt: Die Bildvarianten Ar­ boreszenz und Raster wechseln sich ab; wiederholt sich eine Bildvariante, so geschieht dies nicht ohne eine Reinterpretation, d.h. das «alte» Bild dient der Darstellung eines «neuem> Zusammenhanges. So gilt für die Komparatistik die Dominanz des arboreszen­ ten Musters zur Darstellung sprachlicher Entwicklungen (Sprachenstammbäume) ; dage­ gen liegt vielen zentralen Theoremen des Systemstrukturalismus das Raster bzw. ein Achsenkreuz zugrunde (Synchronie, Diachronie; Syntagmatik, Paradigmatik usw.); in der US-amerikanischen Linguistik des 20. Jahrhunderts gibt es wiederum von Anfang an einen deutlichen Trend zu hierarchischen Gliederungen hinter den utterances (IC­ Analyse, Phrasenstrukturen usw.) . - Dabei kann das visuelle Grundmuster entweder direkt graphisch umgesetzt oder aber textuell paraphrasiert erscheinen, je nach Gusto des Autors und drucktechnischen Möglichkeiten. - Die Brüche der Bildentwicklung können also auf Ausdrucksebene (Arboreszenz, Raster) und/oder auf Inhaltsebene (In­ terpretation des Bildes, z.B. der Arboreszenz als diachrone Entwicklung oder als genera­ tive Struktur) erfolgen. Daß den visuellen Brüchen doch eine Kontinuität des Gesamt­ bildes Baum unterliegt, bzw. die variationelle Wiederholung des Bildes, zeigt der Gesamt­ zusammenhang. Auf Arboreszenz und Raster «folgt» abermals die Arboreszenz. Inner­ halb einzelner Paradigmen finden sich die beiden Bildvarianten oft in einem inhaltlich engen Zusammenhang wieder. Erklärbar ist diese variationelle Kontinuität möglicher­ weise dadurch, daß die Bildprinzipien des Baumes mit elementaren Körpererfahrungen (Oben-Unten, Links-Rechts, Verzweigung) ebenso korrelieren wie mit dem in unserem

14

Kultur-

und Wissenschaftskreis stark vertretenen Prinzip der Dichotomisierung (2 .4. 1,

2.4.2).

Die Untersuchung gliedert sich in drei Teile. Kapitell und 2 liefern clie theoretische Funclierung der für clie Untersuchung zentralen Begriffe «Paracligm:l» und «Metapher» bzw. «Bil(h. Kapitel 3 illustriert clie lange Traclition des Baumbildes an Beispielen aus Sprachbetrachtung, christlicher Mythologie, Philosophie und Biologie für den Zeitraum 1 4. Jahrhundert bis 1 8. Jahrhundert. Ziel ist dabei, clie Relevanz des Baumbildes auch jenseits des enger untersuchten Zusammenhanges augenfallig zu machen. Kapitel 4 bis 6 schließlich sind der Untersuchung der Baumbilder in den drei großen sprachwissen­ schaftlichen Paracligmen des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet. Dabei werden ausführ­ lich ihre visuellen und interpretatorischen Charakteristika sowie ihre ko-epochalen Bild­ zusammenhänge analysiert.

1

Bilder des Wissens

Um eine Revolution zu machen, sind zwei Dinge erfor­ derlich: jemand oder etwas, gegen das zu revoltieren ist, und jemand der wirklich erscheint und den Aufstand macht. Die Kleidung ist normalerweise salopp, und bei­ de Parteien können über Zeit und Ort mit sich reden

lassen

gegen die revoltiert wird, heißen

die «Unterdrücker» und sind leicht zu erkennen, weil sie offenbar den ganzen Spaß auf ihrer Seite haben. Die

Die Leute

den ganzen Spaß auf ihrer Seite haben. Die Die Leute « Unterdrücker» tragen im allgemeinen Anzüge,

« Unterdrücker» tragen im allgemeinen Anzüge, besitzen Land und spielen spät nachts Radio, ohne deswegen an­ geschrien zu werden.

(Woody Allen, Eine kurze aber hilfreiche Anleitung zum bür­ gerlichen Ungehorsam)

1.1 Theorien des Paradigmenwechsels: Popper oder Kuhn?

Wenn man das Bild des Baumes entlang der Geschichte der Linguistik verfolgt, so kann man einerseits eine Kontinuität des Bildes « Baum» in der Sprachwissenschaft der letzten beiden Jahrhunderte und auch schon zuvor fe ststellen. Andererseits ist die se Kontinui­

von unübersehbaren «Brüchen» gekennzeichnet. Diese Brü­

tät (teuflische Dialektik

che in der Kontinuität zeigen sich in visuellen und inhaltlichen Reinterpretationen des Baumes. Während die inhaltlichen Reinterpretationen sich oft durch Entwicklungen jenseits der Linguistik beeinflußt oder gestützt zeigen (beispielsweise im 19. Jahrhundert durch die Evolutionstheorie) , erweist sich die visuelle Reinterpretation des «Baumes» als ein Oszillieren zwischen den Bildvarianten <<hierarchische Arboreszenz» und «ahierarchi­ sches Raster»" deren Zusammengehörigkeit nach ihren Bildprinzipien (Oben/Unten, Links/Rechts, Verzweigung respektive Überschneidung) wir in 2.4.4 begründen, und deren historische Unzertrennlichkeit sich in den Kapiteln 3 bis 6 erweisen wird. Angesichts der Brüche zwischen den einzelnen Bildern - zwischen dem Sprachen­ stammbaum des 19. Jahrhunderts (Kap. 4) , Rasterdarstellungen des europäischen Struk­ turalismus (Kap. 5) und grammar trees der US-Linguistik (Kap. 6) , die auf den ersten Blick mit einer weithin akzeptierten Einteilung sprachwissenschaftlicher Paradigmen zusam­ menfallen dürfte - stellt sich natürlich die Frage, welcher Paradigmenbegriff hier - wenn überhaupt - Anwendung finden kann. Und üblicherweise erfolgt an dieser Stelle der «Hammelsprung>>: Popper oder Kuhn? Kontinuierliches growth of knowledge oder revo­ lution? Ratio oder Dogma? Fortschritt 2 durch Falsifizierung des alten Paradigmas oder

)

2 durch Falsifizierung des alten Paradigmas oder ) 1 Wir verwenden im Folgenden, wie auch schon

1 Wir verwenden im Folgenden, wie auch schon in der Einleitung, Baum als Überbegriff für die Bildvarianten Arboreszenz und Raster.

2 Zur Problematik der Fortschritt-Konzeption cf. SCHMITTER 19 87.

16

aufgrund einer «Verbrauchtheio> des alten Paradigmas? Wenn der Hammelsprung schon thematisiert wird, so ist unschwer zu erraten, daß er nicht ohne weiteres vollzogen wird. Es gibt zwei Gründe, es sich hier nicht leicht zu machen. Erstens: Noch vor zehn bis zwanzig Jahren, in der Blüte der poststrukturalistischen Phase, hätte man sich ohne viel

Federlesens für Kuhn entscheiden können (oder sogar müssen) . Das Vertrauen in die

Fähigkeiten der Ratio, ja gar in deren Zielstrebigkeit, war durch und durch suspekt ge­ worden - inwieweit dies berechtigt war und wie präzise Kuhn dabei rezipiert worden war, sei hier dahingestellt. Mittlerweile befinden wir uns aber in der noch namenlosen (<<post-poststrukturalistischerl») Phase, für die noch abzuwarten bleibt, ob sich für sie ein neues «Paradigmem>-Paradigma etablieren wird - bespielsweise eines, das «weichet» oder more fU ZiJ ist? - oder ob es doch im Grunde bei einer Polarität «Popper oder Kuhm> bleibt. In Ermangelung eines klaren mainstreams bleibt uns jedenfalls vorderhand immer

noch nichts anderes übrig, als sachbezogen abzuwägen, welches der beiden Modelle sich für die Gegebenheiten der Disziplin Sprachwissenschaft und ihrer Bäume als geeigneter erweist. Der zweite Grund ist: Selbst wenn man sich phantasielos stellte, und von vorn­ herein Sympathie mit dem Kuhnschen Modell bekundete (womit man sogar «auf der sicheren Seite» wäre), so wäre allemal zum Thema «BaufID> ein Blick auf Popper ratsam, schon allein um seines Entwurfes des Tree ofKnowledge willen, den er in seinem Spätwerk Oijective Knowledge ausführt.

1.1.1 Poppers «growth ofknowledge» als «tree ofknowledge»

1 961 hält Popper in Oxford die Herber! Spencer Leetures, die er später zum Kapitel « Evo­ lution and the tree of knowledge» von Oijective Knowledge umarbeitet (POPPER 1 973:256- 84) . Inwieweit Popper durch seine Beschäftigung mit Spencer und Darwin dazu ange­ regt wurde, den evolutiven Baum auf seine Erkenntnistheorie zu übertragen, werden wir hier nicht verfolgen. Es genügt zu umreißen, wie sehr diese Metapher auf Poppers Idee des Erkenntniswachstums (growth ofknowledge) paßt. Fassen wir Poppers Wissenschaftsphilosophie vorab kurz zusammen. Jede Theorie, so Popper, ist grundsätzlich hypothetisch und kann sich jederzeit als falsch erweisen (Fallibilität der Theorie, POPPER 1 979b:XXI). Aufgabe des Theoretiker-Wissenschaftlers ist es, nach den Schwachstellen der Theorie, d.h. einer empirisch begründeten Falsifizie­ rung der Theorie zu suchen, nicht nach deren Verifikation3: «Unter der empirischen Widerlegbarkeit oder Falsifizierbarkeit einer Theorie verstehe ich die Existenz von Be­

deren Wahrheit die Theorie widerlegen, also als falsch nachweisen

obachtungssätzen

würde.» (POPPER 1 979b:XXVJ, cf. ib. : 378). Im Bestreben, sich vom Induktivismus und den Baconschen 5tuftn der Gewißheit 4 soweit wie möglich abzusetzen, formuliert Popper so eine negative Methodologie', in der empirische Bestiitigungen einer Theorie nichts zur

Entscheidbarkeit darüber beitragen, ob eine Theorie wahr oder falsch ist - insofern kann man die Stellung der Empirie bei Popper als sekundarisiert betrachten. Allerdings können empirische Daten über das Medium der Beobachtungssätze zur Falsifikation

3 Cf. die gegenteilige These von PlAGET 1 972:34s. 4 BACON, NO: «Praefatio» (p. 70s.).

17

einer Theorie beitragen: Eine Theorie kann durch einen Beobachtungssatz widerlegt werden, und bedarf dann einer entsprechenden Modifizierung. Nur wenn Theorien die­ sem die Falsifikation suchenden kritisch-rationalen Dauertest ausgesetzt sind, ist Er­ kenntnisfortschritt oder growth ofknowledge möglich. Poppers Theorie des Fortschritts beruft sich damit deutlich auf Darwins Prinzip von trial and error bzw. der natural selection". Jede Mutation der Natur (Darwin) ist vergleichbar einer Hypothese (popper) . Das bedeutet auf wissens chaftstheoretischer Ebene, daß jede Veränderung der Wis senschaft systemimmanent begründet ist (cf. POPPER 1 9 75:74) , neue Ideen werden nicht «von außen» herangetragen (z.B. von jungen Wissenschaftlern als Vorboten eines neuen Paradigmas, wie wir sie bei Kuhn finden) . Äußere Faktoren (z.B. empirische Daten) entfalten erst bei der Selektion der Hypothesen eine Wirkung:

«instruction fr om within the structure, and selection fr om without, by the elimination of trials» (ib.:81). Der Wert der Mutationen (Hypothesen) erweist sich in der Auseinander­ setzung mit den Lebensbedingungen (bzw. der kritischen Prüfung) . War die Mutation nicht gut angepaßt, wird sie aussterben; entspricht die Theorie nicht den empirischen Gegebenheiten, wird sie früher oder sp äter falsifiziert werden'. Der Unterschied zwischen der Entwicklung des Lebens und derjenigen des Wissens besteht einzig darin, daß in der biologischen Evolution eliminiert und vervielfaltigt wird, wohingegen es auf dem Gebiete der Theorien nicht unmittelbar um Leben oder Tod geht. Daß Theorien nicht wie Organismen sterben, wird dadurch verhindert, daß sie versprachlicht sind. Sprachlichkeit ermöglicht, «to argue about the truth of our descrip­

by criticizing our theories

we can let them die in our steacl» (POPPER 1 975:78). Popper geht aber dann noch einen entscheidenden Schritt weiter. Nicht nur sterben Theorien aufgrund ihrer Versprachlichung nicht: Sie diversifizieren sich auch nicht, sondern streben im Gegenteil einem integrative growth (POPPER 1 973:263) entgegen. Die

Vielzahl der Theorien wächst quasi durch den immerwährenden Druck der Falsifikatio­ nen allmählich zu einem Stamm zusammen. Growth of (obJective) knowledge symbolisiert Popper deshalb in einem umgekehrten Baum, dessen «Zusammenwachsen zu einem Stamm» die schrittweise Annäherung an die Wahrheit repräsentiert8

tions; that is to say, to criticize them» (POPPER 1 973:263); «

I shall contrast the evolutionary tree with what may be called the growing tree of knowledge. The evolutionary tree grows up from a common stem into more and more branches

The branches represent later developments, many of which have

higlily specialized forms The evolutionary tree of our tools and instruments looks very similar But if we now compare these growing evolutionary trees with the structure of ourgrowing knOJvledge, then we find that the growing tree of human knowledge has an utterly different

«differentiatem> into

6 Zum Danvinian turn des späten Popper cf. O'HEAR 1980: 171 ss. 7 Die Gewichtung des Akzidentellen und Irrationalen unterscheidet Poppers Selektionsbe­

griff von dem Darwins. Popper reduziert das Akzidentelle «<Mutatioill» zugunsten eines nahezu teleologischen integrative grOJJJth of knOJvledge. Darwin dagegen lehnt die bis dahin in der Biologie gültige Idee von teleologischer gottbestimmter Artenentwicklung ab und rückt die Bedeutung des genetischen Zufalls in den Vordergund. (Darin liegt ein Berührungspunkt Darwins mit der Paradigmentheorie Kuhns, cf. unten). 8 Cf. die Umdeutung der sich hier manifestierenden teleologischen Fortschrittsauffassung

18

there are always more and more different and specialized applica­

tions. But pure knowledge (or «fundamental researcm> as it is sometimes called) grows in a very different way. It grows almost in the opposite direction to this increasing speciali­

zation and

structure. Admittedly

it is largely dominated by a tendency towards increasing in­

tegration towards unified theories. (POPPER 1 973:262)

Einer Untersuchung zur paradigmatischen Relevanz des Baum-Bildes sollte eine sol­ chermaßen baumgeschmückte Erkenntnistheorie eigentlich sympathisch sein. Leider gibt es aber das Problem, daß Popper bei diesem (ach so schönen) Baum nur die empi­ rischen Wis senschaften im Blick hat. Sein Falsifikationskriterium ist konzipiert quasi als <<Düngemitteb für das Zusammenwachsen naturwissenschaftlicher Theorien. Als sol­ ches wirkt es aber auch als Unterscheidungskriterium9 zwischen empirischen, i. e. wiss en­

schaftlichen Theorien

wirkt, ist Empirie und « echte» Wissenschaft, wo nicht, sind « pseudo-wissenschaftliche» Theorien oder Logik, Mathematik, Metaphysik und Philosophie am Werke'°. Daß Pop­ pers Falsifikationskriterium schwerlich auf die Geisteswissenschaften übertragbar ist,

wird auch kaum ein Geisteswissenschafder in Frage stellen. Beispielsweise wird in der Sprachwissenschaft selbst der hartgesottenste behavioristische Sprechakttheoretiker schwerlich Poppers Feststellung entkräften können (und vielleicht auch nicht wollen),

daß es zwar «

Theorie ausgeschlo ssen werden [und sie deshalb falsifizieren, S.R .] . Aber es gibt kein mögliches menschliches [i. e. auch sprachliches, S.R.] Verhalten, das von einer der psy­

ausgeschlossen wird.» (POPPER

1 9 79b:XXVIII). Am tree of knOlvledge im Popperschen Sinne hat die Geisteswissenschaft

demnach nicht teil. Wir werden im Zusammenhang mit Kuhn darauf zurückkommen. Es ist sicherlich kein Zufall, daß Popper die Antipode zur seinerzeit leitenden Na­ turwissenschaft Physik « <Wissenschafb» ausgerechnet mit der Psychoanalyse « <Pseudo­ Wissenschafb» exemplifiziert. Gerade die Sprachwissenschafder unter den Geisteswis­ senschafdern dürften hier aufhorchen, war doch das psychische Moment der Sprache in

ihrer Disziplin von jeher Ursprung von Zwiespältigkeit. Einerseits war es die Ursache dafür, daß man im Zirkel der Naturwissenschaften, zu dem man lange Zeit so gerne gehört hätte, nur am Katzentisch sitzen durfte. Andererseits verfügte man dadurch über recht fr eundsch aftli che Kontakte zur So ziologie und zur Psychologie. (In jüngerer Zeit verschwimmen durch Disziplinen wie die Bewußtseins forschung ohnehin die Grenzen zwischen Physis und Psyche immer mehr.) Vor diesem Hintergrund kommt man nicht umhin, wenn das Unterscheidungskriterium des Psychologischen aufgefahren wird, die Frage zu stellen, inwieweit die von Popper geforderte « Betonung des Obj ektivitätscha­

rakters

(POPPER 1 979b:124, cf. WILLlAMS 1 989:63, 108) auch für die Naturwissenschaften über­ haupt haltbar sei? Dieser Frage soll der folgende Abschnitt nachgehen.

choanalytischen Theorien [oder: Sprachtheorien, S.R.]

unendlich viele mögliche Planetenbewegungen [gibt] , die von Newtons

und « pseudo-wissenschaftlichen» Theorien: Wo der Dünger

und der damit verbundenen Ausschaltung des subjektivistischen Psychologismus»

9 Zum demarcation criterion cf. O'HEAR 1980:96, 107, 111. 1 0 POPPER 1 979b:XXVII. Zum Versuch, das Falsifikationsprinzip auch auf die socia! sciences zu übertragen cf. LAGUEUX 1 993:468-70, NADEAU 1 993:462s. Von Popper unberücksichtigt bleibt dabei der synthetische Ansatz des amerikanischen Radikalempirismus, der die Trennung zwi­ schen empirischer Objektwahrnehmung und ideeller Wahrnehmung aufhebt. cr 2.B. DEWEY 1 984, besonders p. 1 1 4-19.

19

1.1.2 Die immunisierte Theorie der Wissenschaften

Wir scheinen hier an dem Punkt angelangt, wo sich die prinzipielle Frage nach der inne­ ren Konsequenz von Poppers kritischem Rationalismus stellt. Popper entwirft eine falsi­ flkationistische Fortschrittstheorie für die empirischen, also die Naturwissenschaften. Irrtum und empirische Widerlegung stehen im Zentrum dieser Theorie als unverzicht­ bares Medium auf dem Weg zu immer rafflnierteren (und «wahrerem» Theorien und zum beständigen growth of knowledge im Sinne einer inflnitesimalen Annäherung an die Wahrheit:

the new theory, although it has to explain what the old theory explained, corrects the old

theory, so that it actually contradicts the old theory: it contains the old theory, but onfy as an

approximation. (POPPER 1973: 1 6)

I assert that continued growth is essential to the rational and empirical character of scien­

it is not the ac­

cumulation of observations which I have in mind when we speak of the growth of scientific knowledge, but the repeated overthrow of scientific theories and their replacement by bet­ ter or more satisfactory ones. (POPPER 1 979a:7)

tific knowledge; that if science ceases to grow it must lose that character

Die empirische Beobachtung und die daraus resultierenden Beobachtungssätze sollen also zweierlei leisten: Sie entscheiden über die «Wahrheit einer Theorie» und sie ent­ scheiden über die «Wahrheit von Wissenschaft» (<<Wissenschaft oder Pseudo­ Wissenschaft?» ). Der rational-kritische Blicks soll dabei auf falsiflzierende Beobachtun­ gen, nicht auf veriflzierende gerichtet sein (cf. POPPER 1 979b:xxx). - Hier scheint sich mir die erste Inkonsequenz in Poppers System zu zeigen: Muß nicht bei der Einforde­ rung eines «kritischen Blickes» gerade das grundlegende Problem bedacht werden, daß die Beob achtung einer psychology of observation bzw. einem theoriebed ingten Wahrneh­ mungsfliter unterliegen könnte" ? Eine zweite Inkonsequenz siedelt sich auf höherer Ebene an. Neben der Beobach­ tungs-Empirie gibt es auch eine Meta-Empirie, nämlich die der philosophischen Praxis.

Daß auf die ser Ebene für Popper der falsiflkationistische Imperativ nicht gilt, zeigt sich, wenn er das erkenntnistheoretische Kriterium der Falsiflzierbarkeit eine «philosophische

These

ein[en] Vorschlag, der sich in ernsten Diskussionen gut bewährt hab> (POPPER

1 979b:XXVII) nennt. Wenn das Falsiflkationskriterium selbst nur veriflzierbar (<<hat sich

selbst nur veriflzierbar (<<hat sich bewährb» , nicht falsiflzierbar ist, ist es gegen jegliche

bewährb» , nicht falsiflzierbar ist, ist es gegen jegliche Anfechtung gefeit. Die Wissen­ schaftstheorie Poppers verweigert damit eine Anwendung ihrer Standards auf sich selbst.

Die Philosophie als Methodologie [oder auch «Wissenschaftslehre» , <<wissenschaftliche Phi­ losophie» , S.R.] ist insofern keine empirische Wissenschaft, als man über methodologische Fragen niemals zu einer Einigung kommen braucht; denn es ist ein praktisches Verhalten,

"
"

Nach Lakatos dürfte deshalb die Beobachtung nicht ohne weiteres als Abgrenzungskriteri­

um zwischen «echten> und «Pseudo» -Wissenschaft herangezogen werden (LAKATOS 1 970:98s., 106s.). Zur Problematik des Falsifikationskriteriums aus logischer Sicht cf. SCHURZ/DoRN 1 988, STEGMÜLLER 1979: 115s.

20

ein praktisches Werten, das hinter der Philosophie, der Methodologie steht. Sie ist also kei­

ne empirische Wissenschaft und keine reine Logik

(POPPER 1 979b:386) 12

Ob man dies als legitime Beschränkung auf die Erkenntnistheorie, Inkonsequenz oder einen Mißklang zwischen Empirieforderung und Immunisierungl3 gegen die Empirie deutet, mag jeder für sich entscheiden. Für den, der gerne mit dem Entscheidungsin­ strument der Falsiflkation (dessen Funktionieren in bestimmten Bereichen durchaus unbestritten sei) klare Grenzen zwischen «wahr» und « falsch», alter und verbesserter Theorie ziehen möchte, muß dieser letztinstanzliche Mangel an Falsiflzierbarkeit eigent­ lich unbefriedigend sein. Diej enigen allerdings, die (wie u.a. die Linguisten) gelernt ha­ ben, mit der psychologischen oder philo sophis chen «lnfektioID) ihres Faches wiss en­ schaftlich zu leben, wird die Erfahrung, daß jede Grenzziehung früher oder später an ihre eigenen, von sich selbst vorprogrammierten Grenzen stößt, nicht verwundern. Poppers Theorie vom Erkenntnisfortschritt durch empirische Falsiflzierung ver­ sucht, über eben dieses Problem hinwegzusehen (obwohl es gesehen wird!) und birgt damit ein entscheidendes Manko in sich: Die Empirie bleibt beschränkt auf die Obj ekt­ und Theorieebene einer einzelnen Wissenschaft. Ein Überschreiten des Rahmens der Wissenschaftstheorie hin zu einer Meta-Ebene, auf der diese Wissenschaftstheorie selbst der « empirischeID) Beboachtung der Wissenschaftsgeschichte gegenübergestellt wird, wird verweigert. So bleibt Die Meta-Empirie (Beobachtung der Wissenschaftsgeschich­ te) - bis auf verstreute Exempel - ausgeschlossen und mit ihr die Fragen, die man von einem kritischen Rationalisten erwarten sollte: <dst das Falsiflkationskriterium falsiflzier­ bar?» und in unserem Zusammenhang vor allem: « Hat sich wissenschaftlicher Fort­ schritt tatsächlich immer über Falsiflkationen einer herrschenden Theorie vollzogen?»

1.1.3 Hypothese, Theorie, Paradigma

L'evidence peut ne pas se montrer d'abord; mais en at­ tendant qu'elle paroisse, nous pouvons faire des conjec­ tures; et lorsqu'elle se montrera, nous jugerons SI nos conjectures nous ont rnis dans le bon chernin. (CONDIllAC, Imtruction:IVIrv12)

rnis dans le bon chernin. (CONDIllAC, Imtruction:IV Irv 12) Wenn wir uns nun Kuhn zuwenden, so

Wenn wir uns nun Kuhn zuwenden, so bietet dies die Gelegenheit, eine Erläuterung nachzuholen, deren geflissentliches Übergehen bei manchem Leser schon ein Stirnrun­ zeln hervorgerufen haben mag. Wie steht es um die Begriffsgrenzen von Hypothese, Theo­ rie und Paradigma bei Popper und Kuhn'4? Der Begriff Paradigma tritt in Poppers Theorie nicht in Erscheinung (allenfalls in der Auseinandersetzung mit Kuhn) . Popper spricht

12 Später spricht Popper vom meta-scientiftc cn"terion ofprogress, unter dem man sich das Vermö­ gen eines Wissenschaftlers vorzustellen hat, intuitiv die noch unausgeschöpften Qualitäten einer Theorie beurteilen und auf dieser Basis eine <<rationale» Wahl zwischen zwei konkurrierenden Theorien treffen zu können (POPPER 1 979a:9). 13 Der Vorwurf der Immunisierung wurde von anderer Seite auch gegen Kuhn erhoben:

MUNZ 1 985:161 s., AUROUX 1987:25. 1 4 Für STEGMÜLLER 1 979:1 32-41 liegt in den unterschiedlichen Konzeptionen des Begriffes «Theorie» die Ursache der Schlzophrenierung der Fortschrittsdebatte.

21

von Theorie, und diesen Begriff haben wir bei ihm implizit mit Paradigma gleichgesetzt. Daß diese Gleichsetzung legitim ist, zeigt sich beispielsweise dort, wo Popper von den Musterbeispielen naturwissenschaftlicher Paradigmen, nämlich den Theorien Newtons

und Einsteins spricht: «Newtons Principia

Einsteinsche Revolutiofi» , « [Newtons und Einsteins] Theorien waren also logisch be­ trachtet unvereinbar» etc. (POPPER 1 9 79b:XVI -XlX) - hier kommt Popper der Inkompa­ tibilitätsthese Kuhns punktuell sehr nahe. Andererseits verdiene bereits eine gesicherte Hypothese den « Ehrennamen einer Theorie» (ib. :XVIII) . Die semantische Bandbreite von Poppers deduktiv orientiertem Theorie-Begriff reicht also von der gesicherten Hypothe­ se über eine mittelgewichtige Theorie bis hin zur großkalibrigen Theorie (paradigma) . Eine vergleichbare Bandbreite fInden wir bei Kuhns Paradigmenbegriff. Zwar trennt Kuhn die Theorie vom Paradigma (und die Hypothese von der Theorie) , dafür aber fIndet die scharfsinnige Analyse von Masterman in Kuhns Texten nicht weniger als 21 Bedeu­ tungsvarianten des Begriffes Paradigma, die zuvorkommenderweise zu drei Typen ge­ bündelt werden. Die zahlenmäßige Reduktion läßt allerdings die hohe semantische Bandbreite unangetastet. Diese ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Grade der 'Konkretheit' des Paradigmenbegriffes, der sich nachgerade als polysem erweist. Zu unterscheiden sind:

schufen eine völlig neue Situatiofi» , «die

sind: schufen eine völlig neue Situatiofi» , «die (1) das metaphysicalparadigm im Sinne einer

(1) das metaphysicalparadigm im Sinne einer 'Weltanschauung', 'set of (more or less philo­ sophical) beliefs', 'way of seeing'; als <<philosophische» Variante ist dieses Paradigma weit meht als eine Theorie (MASTERMAN 1 9 70:65, 67) , nämlich eine wor/d version im Sinne von Goodman (cf. GOODMAN 1 978:20, 1 02) ; (2) das sociologicalparadigm als 'set of scientific habits' und 'scientific achievement' auf kon­ kteter Ebene, das aber noch der Theorie als eine Art institutionalisierte Fragestellung vorausgeht (MASTERMAN 1 970:66s., 69; cf. auch HESSE 1980:46) 15; (3) das artefact paradigm (bzw. construct paradigm) als 'puzzle-solving device', als sich in Handbüchern und Verfahren manifestierende 'Grammatik' des Wissenschaftsbetrie­ bes auf der pragmatischen Ebene, die bereits unterhalb der Theorie anzusiedeln ist (MASTERMAN 1 970:65, 67, 70).

der Theorie anzusiedeln ist (MASTERMAN 1 970:65, 67, 70). Nach Masterman ist dieser pragmatische Paradigmenbegriff

Nach Masterman ist dieser pragmatische Paradigmenbegriff (3) , auf dem die Arbeit der normal scienee beruht, der für Kuhns Wis sens chaftstheorie fundamentale, auf dem die abstrakteren Varianten aufbauen. Viele Mißverständnisse in der Rezeption Kuhns durch die philosophy of scienee rührten daher, daß Paradigma immer nur im metaphysischen Sinne verstanden und Kuhns Betonung des Pragmatischen dabei ignoriert worden sei (MA­

STERMAN 1 970:70-73).

15 Hier bestehen deutliche Parallelen zu Peirces Entwurf der /eading principles in Denkprozes­ sen überhaupt. Peirce geht in diesem Entwurf davon aus, daß alles Denken «a purely cerebral

activity» sei, aus der über den Mechanismus der Wiederholung die Logik selbst entstehe. Weiter

heißt es dann: <<A cerebral habit of the highest kind

ourselves that we have a specified habit of this kind is called a judgement. A belief-habit in its development begins by being vague, special and meagre; it becomes more precise, general and fu ll, without limit. The pr ocess of this development, so far as it takes place in the imagination is called thought. A judgement is formed; and under the influence of a belief-habit this gives rise to a new judgement, indicating an addition to belief. Such a process is called an informee; the ante­ cedent judgement is called a premise; the consequent judgement, the conc/usion; the habit of thought, which determined the passage from the one to the other (when formulated as a propo­ sition), the feadingprincipfD>. (PEIRCE 1 880: 1 6, cf. auch PEIRCE 2000: 12, 27-30).

is called a belief. The representation to

22

1.1.4 Paradigma als Tradition, Kuhn als Funktionalist

Kuhn betont immer wieder, daß sein Modell der Wissenschaftsgeschichte wesentliche Übereinstimmungen mit dem Popperschen Wissenschaftsmodell aufweise.

On almost all the occasions when we turn explicitly to the same problems, Sir Karl's view of science and my own are very nearly identical. We are both concerned with the dynamic

process by which scientific progress is acquired rather than with the logical structure of

Both of us reject the view that science progresses by

accretion; both emphasize instead the revolutionary process by which an older theory is rejected and replaced by an incompatible new one; and both deeply underscore the role played in this process by the older theory's occasional failure to meet challenges posed by logic, experiment or observation. Finally, Sir Karl and I are united in opposition to a

number of classical positivism's most characteristic theses. (KUHN 1 970a:1 s.)

the products of scientific research

neither Sir Karl nor I is an inductivist. (ib. : 12)

Zwar sind diese Gemeinsamkeiten recht grundlegender Natur, dennoch sind sie auch zu allgemein, um nicht weiten Raum für entscheidende Differenzen zu lassen. Kuhn redu­ ziert sie auf vier wesentliche Punkte (cf. KUHN 1 970a:4-22) :

(1) Popper behaupte, jeder Test berge eine mögliche Falsifikation für die Theorie. Im Gegenteil sei aber die Falsifikation im Wissenschaftsbetrieb eine Ausnahme und komme nur in revolutionären Phasen vor; die normal science verlasse sich auf das gel­ tende Paradigma. (2) Popper übertrage den Satz «Wir lernen aus unseren Fehlen») auf Theorien und die ge­ samte Wissenschaft. Dieser Satz sei hingegen ausschließlich für Individuen gültig; Fehler seien immer Fehler von Individuen, nicht von Theorien. (3) Wolle man Poppers Falsifikationskriterium für Theorien voll gelten lassen, so setze dies voraus, daß die Theorie bereits bis ins kleinste Detail deduziert sein müsse, um wirklich beurteilen zu können, ob sie von einer bestimmten Beobachtung falsifiziert wird. Dies sei jedoch in der Praxis nie der Fall. Vielmehr befanden sich Beobachtung und Theoriebildung in permanter wechselseitiger Beeinflussung. (4) Popper übertrage in unzulässiger Weise Mikro-Episoden täglicher Forschung auf die gesamte Wissenschaftsentwicklung, lehne aber dennoch eine «psychology of knowled­ ge» ab. Wissenschaftlicher Fortschritt sei aber nicht nur die Präzisierung von Er­ kennrnissen, sondern auch ein psychologischer und soziologischer Prozeß.

Im Vergleich zu Poppers deduktiver Wissenschaftsphilosophie zeigt sich hier wie auch in anderen Texten, wie sehr Kuhn (selbst «gelerntem theoretischer Physiker'6) durch die Erfahrung des Wissenschaftsbetrieb pragmatisch geprägt ist (cf. BARNES 1982:54). So nimmt es nicht wunder, daß für Kuhn sowohl die Hypothese (invention, nove/ty of theory) , als auch die induktiv-empirische, in jedem Fall aber zufillige Entdeckung (discovery of anoma/ies, nove/ty offact, cf. KUHN 1 962: 52) der Beginn neuer Theorien sein können17•

16 Zum Werdegang Kuhns cf. BUCHWALO/SMITH 1 997, HOYNINGEN-HUENE 1 997, HEIL­ BRON 1 998 oder KUHN 1 986s. 1 7 Im Bereich der Sprachwiss enschaft kann hier die induktive Theoriebildung der frühen US­ Linguistik als Beispiel gelten (6.2).

23

Was die Theorie anbelangt, so gilt sie bei Kuhn ebenso als vorläufig wie bei Popper. Dahinter verbirgt sich jedoch bei genauem Hinsehen die feine, aber entscheidende Dif­ ferenz zwischen Fallibilität und Relativität der Theorie. Für Popper ist die Theorie eine « vorläufige Wahrheio> in dem Sinne, daß sie immer als unwahrscheinlich gelten muß. « [according to Popper] all theories have zero prob ability, whatever the evidence; all th eo­ ries are not on!J equal!J unprovable but also equal!J improbabll!» (LAKATOS 1 9 70:95). Zur Ausba­ lancierung dieser Unwahrscheinlichkeit wird die Forderung nach logischer und empiri­ scher Gesichertheit der Theorie in die Waagschale geworfen (d.h. die Sätze der Theorie müssen sich logisch auseinander ableiten, empirisch muß sie sich dadurch bewähren, daß sie nicht allzu schnell falsifizierbar ist). Für Kuhn dagegen hat, wie wir oben gese­ hen haben, das Ineinandergreifen von Theorie und Empirie Vorrang vor der logischen Deduktion der Theorie. Die Theorie ist demnach eher filZry18 als logical, in sofern sie (bzw. das sie dominierende Paradigma) ein vorläufig gültiges Leitbild darstellt, dessen dogmatische Macht (nicht Wahrheit) in seiner überkommenen breiten Akzeptanz oder Bewährtheit, also in seiner Tradition liegt. Dieser Begriff kann hier durchaus synonym zu seiner Verwendung bei Gadamer ver­ standen werden, der sich für eine «Rehabilitierung von Autorität und TraditioID> und für eine Bej ahung tradierter Vorurteile als einer «Tat der Vernunfo> im hermeneutischen Pro­ zeß ausspricht und damit der Kuhnschen Paradigmenidee sehr nahe kommt:

So ist die Anerkennung von Autorität immer mit dem Gedanken verbunden, daß das,

was die Autorität sagt, nicht unvernünftige Willkür ist, sondern im Prinzip eingesehen

werden

bedarf der Be­

bedingter Gegensatz besteht

jahung, der Ergreifung und der Pflege. (GADAMER 1 972:264-66)

[Es] scheint mir, daß zwischen Tradition und Vernunft kein derartig un­

Auch die echteste, gediegenste Tradition

Vernunft

wiesen, an denen sie sich betätigt. (ib.:260)

ist nicht ihrer selbst Herr, sondern bleibt stets auf die Gegebenheiten ange­

Kuhn und Gadamer verbindet eine recht bodenständige Sicht auf die Wissenschaft. Wis sens chaft ist nicht gleich «WisseID>/pure knowledge (POPPER 1 9 79b :XVIII) , sondern Praxis: the tradition-bound activity ofnormalscience (KUHN 1962:6)19. Den Zusammenhang zwischen Wissenschaft, Methode, Theorie und Paradigma hat man sich bei Kuhn als Hierarchie (mit von oben nach unten transzendenten Hierarchie­ stufen) vorzustellen: Das Paradigma als maßgebliche Brille faßt unter sich verschiedene Theorien und Methoden zusammen und determiniert so die Forschungstätigkeit. (Es ist dabei nicht ausgeschlossen, daß das Paradigma auch Theorien und Methoden verschie­ dener Wissenschaften bzw. Disziplinen umfassen kann.)

Through tbe theories tbey embody, paradigms prove to be constitutive of tbe research

paradigms provide scientists

not only witb a map but also witb some of tbe directions essential for map-making. In learning a paradigm tbe scientist acquires tbeory, metbods, and standards altogetber, usu­

activity. They are also, however, constitutive of science

ally in an inextricable mixture. (I<UHN 1 962: 1 08, cf. ib. :lO)

18 Cf. LAKOFF 1 987:1 96s. zumfuz'{jfied objectivism.

1 9

Cf.

RICHARDS

1 9 55:1 37-45, 1 77s. zu «Wissens chaft und ReligioID> und STEGMÜLLER

1 956:522 zur Tradition als «GlaubeID>.

24

Dabei deutet sich schon die Crux des Paradigmas an. Es wirkt als hermeneutischer Zir­ kel aus Kriteriensetzung und Erfüllung derselben Kriterien. «In the partially circular

between two scientific schools] , each

paradigm will be shown to satisfy more or less the criteria that it dictates for itself and to

fall short of a few of those dictated by its opponent.» (KUHN 1 962: 1 08s.). Die For­ schungsdeterminierung durch das Paradigma geht letztlich soweit, daß die Wahrneh­ mung der Welt, in letzter Instanz also auch die Empirie, von ihr geprägt wird. Jede Wahrnehmung, auch die wiss enschaftliche ist ein expenencing as (cf. DEWEY 1 929:4, 63s.; Postulate: 1 58s., 1 66; JAMES, Humanism: 1 00) . Ein Paradigmenwechsel bedeutet folglich auch einen Wahrnehmungswechsel: « What were ducks in the scientist's world before the revolution are rabbits afterwards.» (KUHN 1 962:110)20. Das Paradigma als « Brille» der Weitsicht gibt uns in apriorischer Weise ein champ ipistimologique vor: <<Les codes fonda­ mentaux d'une culture - ceux qui regissent son langage, ses schemas perceptifs, ses echanges, ses techniques, ses valeurs, la hierarchie de ses pratiques - fixent d'entree de jeu pour chaque homme les ordres empiriques auxquels il aura affaire et dans lesquels il se retrouvera.» (FOUCAULT 1 966: 1 1) 2 1 . Die Kontrarietät des Kuhnschen und des Popperschen Ansatzes tritt an diesem Punkt voll zutage. Wo bei diesem die empirische Falsifikationsmöglichkeit das Wissen auf geradlinigem Weg vorantreibt (cf. POPPER 1 979b:XVIII) , ist bei jenem die Empirie im paradigmatischen Zirkel gefangen, der die Wahrnehmung von Anomalien behindert (was mit dem Experiment von Bruner und Postman belegt wird, cf. KUHN 1 962:62s.).

arguments that regularly result [from a

discussion

1.1.5 «Scientific honesty» und «normal scientists»

Einhergehend mit dieser Kontrarietät von Popper und Kuhn, möglicherweise sie sogar begründend, ist das grundlegend verschiedene Bild des Wissenschafders. Popper hält

das hehre Ideal der « scientific hones1:y» (cf. LAKATOS 1 9 70:92ss., 1 22) und des der

Selbstkritik und Falsifikationssuche nimmermüden Forschers hoch: «

will] try to think of cases or situations in which it [the new theory] is likely to fail, if it is false. Thus he will try to construct severe tests, and crucial test situations.» (POPPER

1 973: 1 4)22. Im Gegenzug für diesen hohen Anspruch bleibt der Wissenschafder immer Herr über die Theorie: Die Theorie steht auf dem Prüfstand, nicht der Wissenschafder. Anders bei Kuhns puz:de-solving normal science. Hier prüft die geltende Theorie die Hypothese des Wissenschafders, ja die Qualifikation des Wissenschafders selbst:

[the theoretician

when engaged with a normal research problem, the scientist mustpremise current theory

as the rules of his game

jectural puzzle solution that his ingenuity suggests. But only his personal conjecture is tested. If it fails the test, only his own ability, not the corpus of current science, is im­ pugned. In short, though tests occur fr equently in normal science, th ese tests are of a pe-

the practitioner of such an enterprise must often test the con­

20 HEISENBERG, PB :496, 499 nennt es «philosophischen Hintergruncb>.

21 Anders als Kuhn geht Foucaults archeologie nicht von inkommensurablen Diskursen bzw. Paradigmen aus (cf. 1.1 .7), sondern von einem allen diskursiven Transformationen zugrundelie­ genden archive. Cf. FOUCAULT 1 969:1 68-73; RIEU 1 984: 1 05., 1 987:87; AUROUX 1 987:29s. 22 Die Theoretiker und Wissenschaftler muß nicht getrennt werden, denn jeder gute Wissen­ schaftler muß Theoretiker sein und umgekehrt.

25

culiar sort, for in the final analysis it is the individual scientist rather than the current the­ ory which is tested. (KUHN 1 970a:4s.)

Kuhn weigert sich, dem Wissenschaftler den Imperativ eines permanenten Revolutions­ willens aufzubürden. Test situations, wie Popper sie beschreibt, seien Bestandteile einer Ausnahmesituation (revolution) .

Frameworks must be lived with and explored before they can be broken. But that does not imply that scientists ought not aim at perpetual framework-breaking, however unob­ tainable that goal. <Revolution in permanence> could name an important ideological im­ perative. If Sir Karl and I disagree at all about normal science, it is over this point. He and his group argue that the scientist should try at all times to be a critic and a proliferator of alternate theories. I urge the desirability of an alternate strategy which reserves such be­ haviour for special occasions. (KUHN 1 970b:242s.)

Er betont den Alltagsfaktor und den «Faktor Mensch» im Wissenschaftsbetrieb: Der normal scientist sucht Erfolg, und zwar nach Möglichkeit auf dem kürzesten Weg (cf.

AD :356, SCHMITIER 1 9 82: 178). Das Paradigma bietet beides. Es ver­

spricht Belohnung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft für das (brave) Zu­ sammentragen von Ergebnissen, die das amtierende Paradigma ermöglicht (KUHN 1 9 62:24) . Und es erspart dem Wis senschaftler Zeit, indem er seine Terminologie und Ergebnisse nicht ab Punkt Null rechtfertigen muß, sondern den paradigmatischen Ka­ non, wie er in den Lehrbüchern des Faches materialisiert ist, schlicht voraussetzen kann (ib. :20) . Gerade diese für Kuhn «normale» , bequeme und legitime Abkürzung stellt in Poppers Augen eine degenerative Abnormität dar, weil sie die Objektivität vernachlässi­ ge (cf. STEGMÜLLER 1 9 79 :120) . Ihre Realität wird ihr jedoch auch von Popper nicht abgesprochen.

HEISENBERG,

ihr jedoch auch von Popper nicht abgesprochen. HEISENBERG, <<Normal» science, in Kuhn's sense, exists. It

<<Normal» science, in Kuhn's sense, exists. It is the activity of the non-revolutionary, or more precisely, the not-too-critical professional and it exists not only among engineers, but among people trained as scientists. I can only say that I see a very great danger in it and in the possibility of its becoming normal Gust I see a great danger in the increase of specialization, which is also an undeniable his­ torical fact) : a danger to science and, indeed, to our civilization. (POPPER 1 970:52s.)

Hier steckt nach meinem Dafürhalten der entscheidende Punkt der Popper-Kuhn­ Debatte. Und dieser ist weder rational noch empirisch für die eine oder andere Seite zu entscheiden, weil es sich im Grunde um zwei widersprüchliche apriorische Grundeinstel­ lungen handelt: Pragmatismus23 (Kuhn) oder Moralismus (popper)24? Aus Sicht der <<Moralisten» erscheint der Pragmatismus irrational, aus Sicht der Pragmatisten erscheint die Forderung nach einer allein in der Obj ektrealität begründeten Objektivität gegen­ über dem Wissenschaftsbetrieb als irreaL Rorty spitzt diese Kontroverse auf die Formel «Solidarität oder Obj ektivität?» zu:

23 Pragmatismus kann hier sowohl im landläufigen Sinne ('Praxisnähe') verstanden werden als auch im Sinne des philosphischen Pragmatismus und seinem relativem Realitäts- und Wahr­ heitsverständnis.

26

Insofar as a person is seeking solidarity, she does not ask about the relation between the practices of the chosen community and something outside that community. Insofar as she seeks objectivity, she clistances herself from the actual persons around her not by thinking of herself as a member of some other real or imaginary group, but rather by at­ tacrung herself to something wruch can be described without reference to any particular human beings Those who wish to ground solidarity in objectivity - call them <<realists» - have to con­ strue truth as correspondence to reality. So they must construct a metaphysics wruch has room for a special relation between beliefs and obj ects wruch will clifferentiate true fr om false beliefs By contrast, those who wish to reduce objectivity to solidarity - call them "pragma­ tists» - do not require either a metaphysics or an epistemology. They view truth as

what is good for us to believe

From a pragmatist point of view, to say what is rational

for us now to believe may not be true, is simply to say that somebody may come up with a

the desire for objectivity is not the desire to escape the limitations of one's

better idea

community, but simply the desire for as much intersubjective agreement as possible (RORTY 1991 a:22s.)

intersubjective agreement as possible (RORTY 1991 a:22s.) 1.1.6 «The tree of revolution» Nachdem die Kuhnsche

1.1.6 «The tree of revolution»

Nachdem die Kuhnsche Grundvorstellung des Paradigmas umrissen ist, können wir uns seiner Konzeption des Paradigmenwechsels zuwenden. Im Gegensatz zu Poppers eini­ germaßen geradlinigem, sich bündelndem Wissensfortschritt durch Falsifikation wählt Kuhns Theorie der scientific revolutions bekanntlich den Ansatz, daß Paradigmenwechsel nicht nur auf empirischen Falsifizierungen, sondern vor allem auf einer Konkurrenzsi­ tuation zwischen zwei Paradigmen fu ss en, die die scientific community zu einer verglei­ chenden Wahl zwischen zwei Paradigmen zwingt .

once it has acrueved the status of a paracligm, a scientific theory is declared invalid only

if an alternate canclidate is available to take its place. No process yet clisclosed by the rus­ torical study of scientific development at all resembles the methodological stereotype of

the act of judgement that leads scientists

to reject a previously accepted theory is always based upon more than a comparison of that theory with the world. The decision to reject one paracligm is always simultaneously the decision to accept another, and the judgement leacling to that decision involves the comparison of both paracligms with nature andwith each other. (KUHN 1962:77)

falsification by direct comparison with nature

Neue, konkurrierende Paradigmen treten dann auf den Plan, wenn das alte Paradigma sich in einer Knse befindet. Die entscheidenden Anzeichen einer solchen Krise sind: (1) das Paradigma ist (im Zuge der Arbeit der normal science) allmählich ausgeschöpft, d.h. der Anwendungsbereich der etablierten Fragestellungen ist weitgehend abgearbeitet; (2) im Zuge dieser Arbeit sind immer mehr Beobachtungen aufgetaucht, die mit der Theo­ rie des alten Paradigmas nicht mehr vereinbar sind und zunächst als <<Anomalier}» ver­ bucht werden (die berüchtigten <<Ausnahmen von der Regeb» . Kuhn ist jedoch zurück­ haltend, was die falsifikatorische Kraft von solchen Anomalien anbelangt: «If any and

every failure to fit were ground for theory reje ction, all theories ought to be rejected at

all times» (K.DHN 1 962: 1 45) . Mit dem

Argument, daß es keine Theorie gebe, die alles

erkläre, wird dem kritisch-destruktiven Falisfikationsprinzip ein bremsendes Pendant an

27

die Seite gestellt, das heißt: Es muß gewisse Toleranzgrenzen für Anomalien geben. Der Anspruch darf nicht der richtigen Theorie, sondern muß der angemesseneren Theorie gelten:

«It makes a great deal of sense to ask which of two actual competing theories fit the facts better.» (ib. : 1 46)25. Das bedeutet natürlich nicht, daß die Entdeckung von Anomalien folgenlos bliebe. Denn die durch die Häufung von Anomalien sichtbar gewordene mangelnde Erklä­ rungsfahigkeit des geltenden Paradigmas beflügele nämlich, so Kuhn, insbesondere jun­ ge Forscher. Weil ihre Bindung an das herrschende Paradigma noch wenig ausgeprägt ist, suchen sie den supnse-Erfolg eher als den Paradigma-konformen congratulations­ Erfolg der etablierten Wissenschaftler (KUHN 1 962:58, 89s.) Dies steht natürlich im Gegensatz zu Poppers These von der subjektlosen, systemimmanenten Ursache des Wandels. Im Bereich der Linguistik bietet aber die Durchs chlagskraft des frühen Chomsky ein gutes Beispiel für die Realitätsnähe der Kuhnschen Konzeption. So entsteht ein zweites Paradigma, das sich über seine höhere Erklärungs- und Pro­ gnosefähigkeit als Konkurrent des alten Paradigmas etabliert. Die Inkompatibilität der beiden Paradigmen tritt dabei nach Kuhn immer mehr zutage, eine <<versöhnliche» Lö­ sung ist ausgeschlossen:

There must be a conflict between the paradigm that discloses anomaly and the one that later renders the anomaly law-like The successful new theory must permit predictions that are different from those de­ rived from its predecessor. That difference could not occur if the two were logically

compatible. (KUHN 1 962:96)

Der Paradigmenwechsel erfolgt schließlich nicht peu a peu in einem kritisch-rationalen Prozeß, wie Popper ihn beschreibt (POPPER 1 973: 1 6), sondern als eine die gesamte Wis­ senschaft erfassende Revolution: umwälzend

scientific revolution are here taken to be those non-accumulative developmental epi­ sodes in which an older paradigm is replaced in whole or in part by an incompatible new one. (KUHN 1 962:91)

the reception of a new paradigm often necessitates a redefinition of the corresponding science. (KUHN 1 962: 1 02)

und nur bedingt rational:

A decision between alternate ways of practicing science is called for, and in the circum­ stances that decision must be based less on past achievement than on future promise. The man who embraces a new paradigm at an early stage must often do so in defiance of the evidence provided by problem-solving. He must, that is, have faith that the new para­ digm will succeed with the many large problems that confront it, knowing only that the older paradigm has failed with a few. A decison of that kind can only be made on faith. (KUHN 1 962: 1 56s.) 26

2S Diese <<Angemessenheio> definiert sich über das Kriterium der maximized eJficiency (cf. KUHN 1 983b:564), das Chomskys evaluationprocedures (6.4) entspricht. 26 Zur Affinität von Dogma (<<Glauben an ein Paradigmro» und Entscheidungsfreudigkeit vs. kritische Reflexion als «Entscheidungsaufschub» cf. schon KANT, KdU:§74 (p. 260) .

28

Paradigmenwechsel als nur bedingt rationalen Prozeß zu charakterisieren - damit steht Kuhn nicht allein. Ohne sich auf Kuhn zu berufen, beschreibt auch der Physiker Hei­

senberg den

revolutionär und « Schließen überbrückb>

(H EISENBERG 198 4:225; cf. AD :350, 357; TS: 444) . Neu ist die

durch intuitives Denken übersprungen, nicht durch formales

Wechsel in wiss ens chaftlichen Denks trukturen und Begriffs systemen als

Idee der «Revolution» im übrigen keineswegs. Bereits der fr anz ösische Aufklärer d'Alembert spricht von der revolution des idüs (D'ALEMBERT, Essai:I [po 10]; cf. ebenso die

revolution scientifique bei SAINT-SIMON, Projet:289) . Gerade die weniger flexiblen Denker

neigten zu einem Bruch mit dem alten Ideensystem, um sich die Mühen eines kontinu­ ierlichen Übergangs zum neuen System zu ersparen:

Neanmoins

l'invention et l'usage d'une nouvelle methode de philosopher [de la nature, S.R.] , l'espece

ont du exciter dans les esprits une

fermentation vive

aussi, des qu'ils l'ont brise sur quelques points, ils sont portes a le briser sur tout le reste;

ils

regardent et re�oivent un nouveau systeme d'idees comme une sorte de recompense de leur courage et de leur travail. (D'ALEMBERT, Essai:! [po 1 1])

car ils fw ent encore plus l'embarras d'examiner qu'ils ne craignent de changer d'avis

d'enthousiasme qw accompagne les decouvertes

Plus ils �es hommes] sont lents a secouer le joug de l'opinion, plus

L'etude de la nature semble erre par elle-meme fr oide et tranquille

In den Augen Poppers cher Wissenschaftstheorie, die stets um den Ausschluß des Sub­ jektiv-Psychologischen bemüht ist, muß solches dogmatisch erscheinen « <Will man Sät­ ze nicht dogmatisch einführen, so muß man sie begründel1» 27), und Kritiker Kuhns monie­ ren hier den Mangel an auch nur minimaler Kontinuität beim Paradigmenwechsel: « <one damned thing after the othen, as the French fUm director Jean-Luc Godard once

Dogmatismus-Vorwurf skeptisch be­

trachtet werden, wenn man bedenkt, daß Poppers Idee einer nahezu teleologischen Wis­ sensvervollkommnung selbst ein gut Teil Dogmatismus birgt, nämlich besonders dort, wo sie die Anwendung der kritisch-rationaler Methode (i.e. Falsifikationsprüfung) auf sich selbst verweigert und sich so immunisiert (1 . 1 .2). Kuhns Darlegung dagegen setzt ein mit der wissenschaftsgeschichtlichen « empiri­ schen Beobachtung» des Wis senschaftsbetriebes28 und liefert eine Fülle von Beispielen aus der Geschichte der Naturwissenschaften (sie dürften ungefahr die Hälfte von Struc­

put ib> (MUNZ 1 9 85: 1 62) . Gleichwohl darf dieser

ture ausmachen) , die seine Theorie der revolutions belegen. Hier ist also der Empirie­ Anspruch (wenn auch nicht in falsifikationistischer Manier) eingelöst. Dieses Vorgehen führt Kuhn just dazu, jedwede Teleologie des Wiss ens (wie Popper sie vertritt) abzuleh­

nen: « We may

have to relinquish the notion, explicit or implicit, that changes of para­

digm carry scientists and those who learn from them eloser and eloser to the truth.»

(KUHN 1 962: 1 69).

Wenn ich Kuhns Darlegungen folge, weil sie mir weniger dogmatisch und praktikab­ ler als die Poppers ers cheinen, so opfere ich freilich bereits im ersten Kapitel einen Baum: nämlich den sich verjüngenden tree of knowledge Popp ers. Wir gewinnen jedoch im

29

Gegenzug einen andern «optimistischeren Bauffi) . Während Poppers integrative growth of knowledge mit dem Glauben an eine vor uns liegende Wahrheit als langfristiger, nahezu religiöser Optimismus konzipiert ist, weist er auf kürzere Sicht ein stark skeptizistisches, ja destruktives Moment (Kritik als Suche nach dem Falschen)2? auf sowie eine ausge­ prägte Rückwärtsgewandtheit (mit dem Rücken zur Zukunft wird an der Theorie ge­ feilt) . Entgegen Poppers «subj ektloser Epistemologie» gesteht Kuhn dagegen der Wis­ senschaft bei aller «Normalität» auch visionäre, ja nahezu hasardeurhafte Momente zu. «Predictions» und «promises» eines Paradigmas, kurz: ein mehr oder minder gewagtes Möglichkeitsdenken stehen im Vordergrund. Gerade dieses wird als treibende Kraft für

die Diversifikation wis senschaftlichen Fortschrittes gesehen. Für die Dars tellung Kraft wird auch bei Kuhn der evolutive Baum bemüht:

die ser

lt must already be clear that my view of scientific development is fu ndamentally evolu­ tionary. Imagine, therefore, an evolutionary tree representing the development of scien­ tific specialities fr om their common origin in, say, primitive natural philosophy. Imagine, in addition, a line drawn up that tree from the base of the trunk to the tip of some limb without doubling back on itself. Any two theories found along this line are related to each

other by descent

unidirectional and irreversible. (I(UHN 1 970b:264)

For me, therefore, scientific development is, like biological evolution,

scientific developments must be seen as a process driven from behind, not pulled from ahead - as evolution from rather than evolution towards. (I<UHN 1 991 :7)30

Mit dieser Sichtweise steht Kuhn in der Tradition von Peirce, der Wissens fortschritt über der Zeit vorausgreifende experimentelle guesses (abduction) beschreibt:

The theory of natural selection is that nature proceeds by similar experimantation to ad­

apt a stock of animals

that of the human mind or that of the organic species, supposes that effects will follow

causes on a principle to which the guesses shall have some degree of analogy

EL:§86)

(PEIRCE,

But every such procedure, whether it be

to its environment

An abduction is a method of forming a general prediction without any positive assurance that it will succeed either in the special case or ususally, its justification being that it is the only possible hope of regulating our future conduct rationally, and that Induction from past experience gives us strong encouragement to hope that it will be successful in the fu­ ture. (ib. :§270)

1.1.7 Die Rolle von Sprache und Metaphern für die Paradigmentheorie

Wenn Popper und Kuhn beide das Bild des Baumes bemühen, so sind wir natürlich im innerhalb einer Untersuchung zum «Bauffi) , die hauptsächlich in der Linguistik wurzelt, an einem wichtigen Punkt angelangt. Und auch in diesem Punkt - hinsichtlich der Rolle

Cf. auch LAI<ATOS 1 970: 1 79. 30 Für einen ausführlichen Vergleich evolutionsbiologischer Begriffe mit ihren Pendants in der Wissenschaftsgeschichtss chreibung cf. MISHLER 1991, bes onders p. 23 1.

2?

30

der Sprache und der Metapher in der Wissens chaft und Wissenschaftstheorie - zeigt sich die Kontrarietät der Theorien von Popper und Kuhn. Mag Popper auch die Metapher weidlich nutzen, versucht er dennoch, sie im Sinne der rational-kritischen Sache nachträglich durchzustreichen. So schreibt er in der Tat nach ausgiebiger Verwendung der mit dem Baum-Modell eng verwandten natural selection­ Metapher: «This statement of the situation is meant to describe how knowledge really grows. It is not meant metaphorically, though of course it makes use of metaphors.»

metapherntheoretischer Sicht kaum

nachvollziehbare Deklaration zeigt, wie schwierig es ist, das subjektive (auch metaphori­ sche) Moment rationalisieren zu wollen. Selbst wenn man Darwins Metapher der natür­ lichen Auslese aufgrund ihrer mitderweile wissenschaftstraditionell fIxierten Bedeutung die Metaphorizität absprechen kann, so bedeutet doch die Übertragung dieser Nicht­ Mehr-Metapher auf einen anderen Zusammenhang eine abermalige Metaphorisierung und liefert ein lebendiges Beispiel für den «Mythos der Objektivitäo>: «What objectivism misses is the fact that understanding, and therefore truth, is necessarily relative to our cultural conceptual systems and that it cannot be fr amed in any abs olute or neutral con­ ceptual system.» (LAKOFF/JOHNSON 1 980: 1 94). Mit seinem non est versucht Popper, eine rein kritische Sprache, j enseits der metaphernbefleckten alltags sprachlichen oder einzelwissenschafdichen Zeichensysteme zu etablieren3l• Nur in dieser DefInition könne sie dem Zweck von Explanation und FalsifIkation dienen, Instrument rationaler Kritik

und rationaler Paradigmenwechsel sein:

(POPPER 1 973:26 1). - Die aus linguistischer und

This integrative growth of the tree of pure knowledge has now to be explained. It is the result of our peculiar aim in our pursuit of pure knowledge - the aim of satisfying our cu­ riosity by explaining things. And it is, moreover, the result of the existence of a human language which enables us not only to describe states of affairs, but also to argue about the truth of our descriptions; that is to say, to criticize them. In seeking pure knowledge our aim is, quite simply, to understand, to answer how­ questions and why-questions. These are questions which are answered by giving an ex­ planation. Thus all problems of pure knowledge are problems of explanation. (POPPER

1973:263)

scientific revolutions are rational in the sense that, in principle, it is rationally decidable whether or not a new theory is better than its predecessor. (POPPER 1 975:83)

Gerade diese Sprache jenseits des Paradigmas, die eine objektiv vergleichende Beurtei­ lung von verschiedenen Paradigmen erlauben würde, gibt es für Kuhn nicht. Die «Irra­ tionalitäo> seines Paradigmenwechsels beruht auf zwei eng mit einander verwobenen

comparisons of successive theories with each other and with the world

Thesen. (1) «

are never suffIcient to dictate theory choice» (I(UHN 1 993:41 6). Das heißt: Beim Para­

digmenwechsel sind immer auch diskursive oder anderweitige Machtvorteile im Spiel32.

auch diskursive oder anderweitige Machtvorteile im Spiel32. 31 Cf. WILLlAMS 1989:62, 88, 1 70; STEGMÜLLER 1970:

31 Cf. WILLlAMS 1989:62, 88, 1 70; STEGMÜLLER 1970: 1 87s. - In der Linguistik, deren Objekt

je gerade die Sprache ist, und die deshalb stets einen besonders kritischen Blick auf ihre Meta­ sprache bewahren muß, ist man mit der Behauptung einer <<reinem>, «unübersetzbarem> Meta­ sprache (wie sie TARSKI 1 956:1 67, 403 fordert) , sehr viel vorsichtiger: cf. z.B. HJELMSLEV,

Pro1: 119 s.

32 Cf. FOUCAULT 1 9 71, PlAGET 1 9 68: 13 -1 5, IZAuFFMAN 1991, AUROUX 1 9 87:26s., KNO·

BLOCH 1996 und unten zu Bourdieu.

und Essais 2:1 06s., BLOOMFIELD 1 9 35: 507, 516.

31

Diese These hat dazu geführt, daß Kuhns Wis senschaftstheorie oft als Wis senschafts­ psychologie abgetan wurde (z.B. LAKATOS 1 970: 1 78). (2) Der für unsere Untersuchung entscheidende Punkt: Selbst wenn Machtfaktoren ausgeschlossen werden könnten, so gäbe es aufgrund der Inkommensurabilitilf der Paradigmen doch keinen Ort, von dem aus ein rationaler Vergleich zwischen altem und neuen Paradigma stattfinden könnte. Es gibt keine neutrale « k ritische» Sprache, die als tertium comparationis fu ngieren könn te:

Incommen surability is a notion that for me emerged fr om attempts to understand appar­ ently nonsensical passages encountered in old scientific texts. Ordinarily they had been taken as evidence of the author's confused or mistaken beliefs. My experiences led me to suggest, instead, that those passages were being misread: the appearence of nonsense could be removed be recovering older meanings for some of the terms involved, mean­ ings different from those subsequently current. (KUHN 1 991 :4)

successive theories are incommensurable (wruch is not the same as incomparable) in the sense that the referents of some of the terms wruch occur in both are a fu nction of the theory within wruch those terms appear. There is no neutral language into wruch both of the theories as weil as the relevant data may be translated for purposes of comparison.

(KUHN 1 993:41 6)

Das Konzept der Inkommensurabilität (cf. auch MARGOLIS 1991 :434) hat reichlich Dis­ kussionen ausgelöst, die Kuhn bewogen haben, diesen Terminus zunehmend zu präzi­ sieren. Der fr ühe Kuhn setzt Inkommensurabilität gleich mit «Inkomp atibilität» (z .B.

KUHN 1 9 62: 1 02) , was sowohl die Absenz eines tertium comparationis (inklusive einer ge­ meinsamen Sprache) als auch die Absenz eines gemeinsamen Korpus empirischer Ge­ gebenheiten zwischen zwei aufeinanderfolgenden Paradigmen umfaßt33• In seinen spä­ ten Aufsätzen spricht Kuhn von Inkommensurabilität im Sinne von 'Nicht-Übersetz­

barkeit', weil drei Bedingungen nicht zuträfen: (1) «

person who knows two languages» , (2) «

cast existed before the translation was begun» (KUHN 1 9 83a:672) und (3) « translations must preserve not only reference but also sense or intension» (KUHN 1 9 83a:681 , cf. 1970b:266-70.) . - Daß insbesondere die dritte Bedingung aus sprachwissenschaftlicher Sicht ein Garant für « Nicht-Übersetzbarkeit» ist, braucht hier nicht näher erläutert zu werden. Dies wurde auch von Nicht-Linguisten schnell erkannt (z.B. FEYERABEND 1 970:225) . Das Theorem der Nicht-Übersetzbarkeit bedeutet im strikten Sinne zu­ nächst, daß eine direkte Kommunikation zwischen (oder über) Paradigmen bzw. ein Ver­ gleich nicht möglich ist. Dennoch räumt Kuhn ein, daß Kommunikation und ein beding­ ter Vergleich mittels der Interpretation möglich sei. Die Sprache/Terminologie des anderen Paradigmas könne wenn schon nicht übersetzt, so doch wie eine Fremdsprache gelernt und verstanden « <interpretierb» werden (KUHN 1 983a:672s.) . Die Ursache für die Nicht-Übersetzbarkeit wird in einem local linguistic holism ausge­ macht, im cluster-Charakter einer paradigmatischen Terminologie: <<Many of the referring terms of at least scientific languages cannot be acquired or defined one at a time but must instead be learned in clusters» . Cluster be deutet dabei nicht nur, daß die Termini sich systematisch gegenseitig definieren (nach Art des Saus sure se hen systeme de valeurs) ,

sondern darüber hinaus in ein komplexes System von generalizations, taxonomie categories

translation is something done by a

the language into wruch the translation is

32

und laws eingebunden sind (I(UHN 1 9 83b:566s.). Letzteres verhindert nicht nur eine unmittelbare Kommunikation zwischen Paradigmen, sondern auch ein Verschmelzen von verschiedenen clusters und den dazugehörigen wissenschaftlichen Feldern oder sub­ jields. Die Absenz einer lingua franca stützt also die Wissensevolution im Sinne einer im­ mer weiteren Diversifizierung:

Over time a diagram of the evolution of scientific fields, specialties, and sub-specialties comes to look strikingly like a layman's diagram for a biological evolutionary tree. Each of these fields has a distinct lexicon, though the differences are local, occurring only here and there. There is no lingua franca capable of expressing, in its entirety, the content of them all or even of any pair. (KUHN 1991 :7s.)

Es liegt auf der Hand, daß (auch wenn das Zugeständnis der Interpretierbarkeit nomi­ nell eine Nähe zur Popperschen «kritischen Sprache» nahelegen mag) die Positionen doch denkbar weit auseinanderliegen und auch beim späten Kuhn nicht die Rede von einer Annäherung an Poppersche Vorstellungen sein kann.

Die Rolle der Sprache im Paradigmenwechsel wird von Popper und Kuhn demnach gänzlich verschieden beurteilt. Ersterer hält sie für das unabdingbare rationale Instrument des Fortschritts, jenseits der einzelwissenschaftlichen Sprache, und verschleiert ihren durchaus auch metaphorischen Charakter nach Kräften. Für letzteren ist sie nicht nur

is accompanied by a

change in some of the relevant metaphors and in the corresponding parts of the net­ work of similarities through which terms attach to nature.» ; KUHN 1 993:41 6), sondern spielt auch paradigmenimmanent eine tragende Rolle durch die Metaphern, die sie der Terminologie einer bestimmten Wissenschaft liefert: <<Metaphor plays an essential role in establishing links between scientific language and the world. Those links are not, how­ ever, given once and for all.» (KUHN 1 993:41 5 s.)34. In diesem Sinne äußert sich auch Heisenberg: Neue Strukturen des Denkens (wie sie z.B. die Quantentheorie mit sich brachte) erfordern nicht nur andere Fragestellungen, sondern ebenso die Verwendung « anderer anschaulicher Bilden> (HEISENBERG, AD:354). Man kann demnach sagen, daß wiss ens chaftsterminologische Metaphern, und insbe­ sondere die paradigmatisch leitenden unter ihnen, wie allgemeinsprachliche Zeichen innerhalb ihres Zeichensystems funktionieren: Eine spontane Metapher wird durch Wiederholung konventionalisiert, erhält damit ein vorübergehend stabiles signifie und er­ möglicht so den Verweis auf einen bestimmten außersprachlichen Sachverhalt. Dieser Verweis ist in der Allgemeinsprache ko- und kontextuell gebunden, in der Wis sen­ schaftssprache überwiegend paradigmatisch vordeterminiert. Wenn man zusätzlich bedenkt, daß Kuhns Paradigma im metaphysischen Sinne (cf.

Indikator eines erfolgten Paradigmenwechsels « <Theory change

eines erfolgten Paradigmenwechsels « <Theory change oben) ein way of seeing ist", so kann man noch
eines erfolgten Paradigmenwechsels « <Theory change oben) ein way of seeing ist", so kann man noch

oben) ein way of seeing ist", so kann man noch weiter gehen und die Rolle der Metapher für das Paradigma als noch tragender einstufen:

his [Kuhn'sJ paradigm is a concrete <pieture> of something, A, which is used analogi­

Ir thus has two kinds of concreteness,

cally to describe a concrete something else, B

34 Kuhns

Paradigmenmodell, das Theorie als « set of beliefs, metaphors, examples» versteht,

als « set of beliefs, metaphors, examples» versteht, öffnet damit die Tür für einen kognitiven Ansatz

öffnet damit die Tür für einen kognitiven Ansatz zur Epistemologie (cf. GIERE 1991 :420) .

35 Also ein unbewußter habit ofmind (cf. MARGOLIS 1 991 :433, Peirce oben N15).

33

not one: the concreteness wruch it brought with it through being a (pieture) of A, and the second concreteness 1/Jhich it has n01JJ acquired, through becoming applied to B. (MASTERMAN 1 970:77s.)

Das heißt, ein Paradigma folgt dem selben interaction-Mechanismus, wie Black ihn für die sprachliche Metapher bes chrieben hat (2 .2.2). Metapher ist nicht nur eines von mehre­ ren Darstellungsmitteln eines Paradigmas, sondern das Paradigma selbst ist eine lebendi­ ge Metapher, weil es versucht, ein bestimmtes dominierendes Modell (sei es repräsen­ tiert durch ein visuelles oder sprachliches Bild) der Wirklichkeit analogisch aufzulegen. Man denke ruer beispielsweise an die Metaphern von Buchstaben, Wiittern und Sätzen für die biochemische Wirklichkeit des genetischen Codes, oder an das Bild des Baumes für die Wirklichkeit genetischer Abstammungsverhältnisse bei Darwin oder den Sprachfa­ milienforschern des 19. Jahrhunderts. Das Paradigma versucht ebenso wie jede « kleine­ re» Metapher, Bekanntes auf etwas Unbekanntes zu übertragen, um das noch Unbe­ kannte begreiflich, konkret, präzisierbar zu machen. - Das Bild (sei es sprachlich oder visuell) rückt damit an die Stelle des set ofstatements:

I am inclined to take the metaphor of pictures quite seriously. Rather than taking repre­ sentations by statements as fundamental, we should take the way in wruch pietures repre­ sent the world as fu ndamental. So there may be something to a pieture theory of meaning after all, except that it is not statements themselves that pieture the world. Rather, state­ ments are just one type of device that may be used in constructing a pieture, or model, of the world. It is the model that pietures the world. The problem, then, is to understand that relationsrup. (GIERE 1991 :425)

Seine besondere Legitimation erfahrt das Bild dadurch, daß es eingängiger als ein set of statements das Erkenntnisversprechen einer Theorie oder eines Paradigmas repräsentieren

[induction and deduction

can never] originate any idea whatever

of Abduction. Abduction consists in studying facts and devising a theory to explain them '" if we are to understand things at all, it must be in that way.» (PEIRCE, PAP:§145; cf. auch SCHURZ 1 996). So fu nktioniert das noch völlig unbew iesene Erkenntnisversprechen eines neuen auf­

strebenden Paradigmas wie

Bilder als cognitive instrument (BLACK 1 9 93:3 1, 83) und als Mittel der gr01Jlth ofperception (RICHARDS 1 97 1:116s.). - Nonrational meint also hier und im Folgenden, daß wir es nicht mit einem deduktiven oder induktiven Wiedererkennen zu tun haben, sondern mit ei­ nem in die Zukunft gerichteten process of becoming im Sinne von Dewey und Merleau­

Ponty: «

der nonrationale flash of insight sprachlicher oder visueller

All the ideas of science come to it by the way

kann, bzw. den « abduktiven Wurf» im Sinne von Peirce: «

bzw. den « abduktiven Wurf» im Sinne von Peirce: « general ideas have a very different

general ideas have a very different role to play than that of reporting and

registering past experi ence s. They are the basis for organizing fu ture obs ervations and

experiences

ou la mise au jour de la vie prescientifique de la cons cience qui seul donne leur sens complet aux operations de la science et a laquelle celles-ci renvoient touj ours . Ce n'est pas une conversion irrationnelle, c'est une analyse intentionnelle.» (MERLEAU-PONTY

1945:70).

est l'explication

»

(DEWEY, AP:12s.); (

des phenomenes

Das heißt aber gerade nicht, daß ein Paradigma auf die Formel (<A ist wie B» reduziert werden kann. A und B sind durch eine interaction (Black) verbunden: (<A ist wie B» impli-

34

ziert zugleich «B ist wie fu>; A (das Paradigma) und B (die Wirklichkeit des wissens chaft­ lichen Gegenstandes) treten in eine wechselseitige Beziehung, aus der sowohl A als auch B verändert hervorgehen. Das Paradigma im Sinne des 2Vay of seeing (nicht im soziologi­ schen oder praktischen Sinne) prägt wie eine deduktive Brille die Wahrnehmung bzw. die wiss ens chaftliche Erfassung und Bes chreibung des Gegenstandes. Umgekehrt kann aber das Paradigma auch Anpassungen oder Variationen erfahren, wo es sich als defini­ tiv dem Gegenstand unangemessen herausstellt (cf. auch MASTERMAN 1 970:83).

1.1.8 Wachsen Geisteswissenschaft en an Bäumen? Gegen eine strikte

Sukzessivität geisteswissenschaftlicher Paradigmen

Capienda etiam sunt signa ex incrementis et progressi­ bus philosophiarum et scientiarum. Quae enim in natura fundata sunt crescunt et augentur: quae autem in opi­ nione, variantur non augentur. (BACON, NO I: §74)

Wir stehen also vor einer Opposition zwischen rationaler überwissenschaftlicher Spra­ che und kontinuierlichem Wachstum des tree of knowledge (popper) vs. metaphorischer einzelwissenschaftlicher Sprache und Diskontinuität des Wissensfortschrittes (Kuhn) . Die «Wahrheit» dürfte wohl in der Mitte liegen. Weder kann man wissenschaftlicher Sprache ihr nonrationales (metaphorisches) Moment ganz absprechen, noch sind wis­ senschaftliche Termini bzw. etablierte Metaphern zwingend auf ihren Wert für ein be­ stimmtes Paradigma zu reduzieren. Es mag sein, daß beide Ansichten (in dieser oder j ener Richtung) den Gegebenheiten in den Naturwissenschaften, auf die sowohl Popper als auch Kuhn sich vorrangig beziehen, nahekommen. Für die Geisteswissenschaften, die sich gerade in ihren klassischen Fächern Philoso­ phie und Philologie (hierzu würde ich trotz ihrer vergleichsweisen Jugendlichkeit auch die Linguistik zählen) der Sprache als Obj ekt und Medium zugleich bedienen und nicht über das Korrektiv einer Bestätigung oder Falsifikation an der Wirklichkeit verfügen, sieht die Sache anders aus. Die enge Verknüpfung von Obj ekt- und Metasprache ver­ hindert einerseits, die Metasprache zu einem gänzlich rationalen, metaphern- und zitat­ fr eien Instrument werden zu las se n". Andererseits ermöglicht sie es, einer Unversöhn­ lichkeit von terminologischen Metaphern, Terminologien und Paradigmen zu entgehen. Das Aufbrechen tradierter terminologischer Metaphern fällt relativ leicht, weil die Di­ stanz zur Obj ektsprache (d.h. Alltagssprache, Einzelsprache, Literatur etc.) nie allzu groß wird (cf. JAKOBSON 1 963:66) . Das bedeutet natürlich nicht, daß die Terminologie z.B. der Linguistik permanent im Fluß wäre oderjeder Term in mehr als einem Paradig­ ma auftaucht. Aber: die Begriffe sind prinzipiell flexibel und reinterpretierbar. Vermutlich ist es neben der Absenz des Korrektives « empirische Beobachtung}) diese Flexibilität der Begriffe, die bewirkt, daß weder das Paradigmenmodell der Falsiftiie­ rung/ Verjüngung des Baumes (popper) noch das der revolutions und des sich nach oben ver­ zweigenden Baumes (Kuhn) so recht auf die Geisteswissenschaften, und insbesondere die Linguistik, passen will. Die Ursache hierfür liegt offenbar darin, daß beiden Ansät-

Ursache hierfür liegt offenbar darin, daß beiden Ansät- 36 Eine metaphernfreie Metasprache ist auch für die

36 Eine metaphernfreie Metasprache ist auch für die Naturwissenschaften schon geraume Zeit kein Thema mehr (cf. HESSE 1 974:4s.) .

35

zen in unterschiedlicher Weise der Gedanke einer Sukzessivität zugrundeliegt. Bei Pop­

per mag sie vielleicht nicht so sehr ins Auge springen wie bei Kuhns revolutions, dennoch ist die Sukzessivität als ein lineares Ineinandergreifen vorhanden: (1) Eine bestehende Theorie kann zunächst durch Hilfshypothesen aufrecht erhalten werden und muß nicht

aufgrund eines observational statement verworfen

net dies als den sophisticatedfalsiftcationalism Poppers ; (2) Jede neue Theorie muß den em­ pirischen Gehalt der alten und mehr abdecken (theoreticalprogress) und darüber hinaus auch

zur Entdeckung neuer empirischer Tatsachen fü hren

gung des Baumes» haben wir es also nicht mit der Bearbeitung einer Theorie zu tun, sondern mit einer Serie von Theorien (cf. LAKATOS 1 970: 1 32) , bei deren Ineinandergrei­ fen die lineare Komponente überwiegt. Die Differenz zwischen Popper und Kuhn bleibt letztlich die zwischen kontinuierlicher Linearität (popper) und diskontinuierlicher Linearität (Kuhn) . Eine Sukzessivität, welcher Art sie auch sein mag, von Paradigmen (oder Theorien) erscheint manch einem aber ganz und gar nicht zwingend. Nicht zu unrecht fr agt BAR­ NES 1 9 82:57, ob der von Kuhn als funktionale Notwendigkeit dargestellte Wechsel von

normal science zu revolutionary science zu normal science usw. für das Funktionieren der Wis­

senschaft tatsächlich unabdingbar sei (ebenso VERBURG 1 9 74: 1 92) . In der Linguistik beispielsweise ist diese strikte Sukzessivität von Paradigmen nicht oder allenfalls teilweise gegeben. Hier existiert(e) eine Vielzahl verschiedener Ansät­

ze/Paradigmen, die sich (a) zeitlich überschneiden (z.B. die der Komparatisten, Jung­ grammatiker und frühesten Strukturalisten um die Jahrhundertwende) oder (b) inhaltlich überlappen (z .B. die Paradigmen der Komparatisten und Junggrammatiker in puncto dia­ chronischer Orientierung) oder (c) parallel existieren (europäischer und US-amerikani­ scher Strukturalismus) , so daß nicht von einer Paradigmenablösung im Sinne von «I<ri­ se» oder «RevolutioID> die Rede sein kann37• Einen traumatischen Kollaps einer tragen­ den Theorie, wie man ihn z.B. in der Biologie mit Darwin oder in der Physik mit Ein­ stein ansetzen kann, sucht man in der Linguistik vergeblich. - Und selbst für die Natur­ wissens chaften ist hier die Linearität der Ablösung nicht unumstritten (cf. z.B. FEYERA­ BEND 1 970:207s.). - Andererseits zeigt sich trotz der Überschneidungen auch keine allmähliche Synthese von Theorien im Sinne des sich verjüngenden tree ofknowledge Pop­ pers, schon gar nicht mittels der Falsifikation einer Theorie: Die Ergebnisse der sprach­ vergleichenden und der junggrammatischen Sprachwissenschaft sind heute noch gültig, dennoch finden sie keine Fortsetzung in Theorien der modernen Sprachwissenschaft. Kuhn muß man immerhin zugutehalten, daß er ein Auge für die Andersartigkeit der Geisteswissenschaften hat38, wenn er den Studenten dieser Disziplinen beschreibt: « he has constantly before him a number of competing and incommensurable solutions to

» (KUHN 1 962: 1 64) . Hand- und Studienbücher allein vermögen ihm

nicht das practical paradigm zu vermitteln, ganz zu schweigen von Paradigmen abstrakte-

these problems

(empirical progress) . Bei der «Verjün­

werden - LAKATOS 1 970: 116s. bezeich­

37 Der Vollständigkeit halber sei hier nicht unterschlagen, daß Kuhn auch «kleine» Revolu­ tionen paralleler traditions innerhalb eines Paradigmas berücksichtigt, welche das Paradigma als Ganzes unberührt lassen (KUHN 1 962:50). Auch dies scheint mir nicht auf die Sprachwissen­ schaft übertragbar: Es würde dann immer noch das übergeordnete Paradigma fehlen - es sei denn, man sähe die Linguistik als Wissenschaft im vorparadigmatischen Stadium (cf. ib.:12-19)? 38 Darüberhinaus sei auch die Trennung zwischen normal und revolutionary scienee oft schwer zu ziehen (K.UHN 1 970b:25 1, cf. auch TOULMIN 1 970).

36

ren Niveaus. Dennoch findet man bei Kuhn keine eingehenderen Überlegungen zur Andersartigkeit der Geisteswissenschaften hinsichtlich ihrer Paradigmen. Nichtsdestotrotz haben beispielsweise Teile der Linguistik das Kuhnsche Paradigma­ Konzept und die damit verbundenen Ideen von revolution und normal seienee relativ rasch aufgegriffen und übernommen. So skizzierte z.B. FIGGE 1 974 auf wenigen Seiten, daß die Paradigmenbildung der Linguistik bei Bopp zu verankern sei, ihr erster Paradig­ menwechsel bei den Junggrammatikern, ihr zweiter bei Saussures Cours, ihr dritter bei der generativen Grammatik. ROBINS 1 976a:19 und GREENE 1 974:493 beginnen mit der Datierung «sprachwissenschaftlicher Kontinuitätsbrüche» bereits im Spätrnittelalter. OESTERREICHER 1977:266 hingegen beklagte 15 Jahre nach Erscheinen der Structures die weitgehend unkritische Übernahme der im Trend liegenden Kuhnschen Begriffe für die

Linguistik und konstatierte: «Die Gültigkeit der für die Naturwissenschaften konzipier­

ten Entwicklungstheorie Kuhns ist

grundsätzlich für die Sozialwissenschaften abzu­

lehnen. Kuhn selber hat diese Gültigkeit auch nicht behauptet oder eine Übertragung auf diesen Bereich angeregt.» (ib. :270) . Auch PERCIVAL 1 976a:289s. moniert, daß die linguistischen Theorien zwei entscheidende Kriterien für ein Paradigma im Kuhnschen Sinne nicht erfüllen: Es fehle ihnen der «uniform assent among linguists all over the

worlcb> und die «discontinuity» zwischen verschiedenen Theorien (cf. auch AUROUX

1987:33, BAHNER 1984:26, KOERNER 1 977, BEN-LANGE 1 996, SCHMITTER 1 9 82: 1 68ss.).

MALKIEL/LANGDON 1 969:539s., SCHLIE­ Als Alternative fordert Oesterreicher ein

komplexes Kriterienbündel für die Abgrenzung von Paradigmen: Die Grenzen eines Paradigmas bestimmen sich durch die vier Koordinaten Sprachtheorie (als Theorie des Obj ektes) , Theorie der Sprachwissenschaft (Metatheorie), Methodologie (Theorie der Spracherforschung) und Repräsentationstheorie (B eschreibungstheorie) (OESTERREI­ CHER 1977:273) ; ein Paradigmenwechsel im strengen Sinne müßte demnach eine Um­ wälzung in allen vier Bereichen aufweisen. Solchermaßen ist zwar wahrlich dem «dilet­ tantischen Intuitivismus» hinsichtlich der Beschreibung von Paradigmengrenzen Einhalt geboten, jedoch um den Preis eines sehr vagen Ergebnisses:

«Paradigma» [gemeint ist hier das <<heuristische Paradigma» als Oesterreichers Gegenent­

wurf zum Kuhnschen «Paradigma» , S.R.] bezieht sich

sender, möglichst extensiver, aber noch wissenschaftsgeschichtlich signifikanter von For­ schergruppen gemeinsam benutzter Schemata oder Modelle wissenschaftlicher For­ schung, die Leistungen und Werte repräsentieren, die ihrerseits in einer Reihe von Lingui­ stikkonzeptionen jeweils unterschiedlich akzentuiert sind; der heuristische Paradigmabe­ griff stellt mithin vor allem einen Rahmen zur Verfügung für eine Analyse von «zentrifu­ galem> und «zentripetalem> Kräften, von Konvergenz und Divergenz in bestimmten Teil­ traditionen der Gesamtdisziplin Linguistik. (OESTERREICHER 1 977:271s., cf. 1 979:48-

61)39

auf die Rekonstruktion umfas­

Aber nicht nur von Seiten der Geisteswissenschaften wurden Bedenken am Konzept

der sukzessiven Paradigmen laut. Selbst die Informatik, die gemeinhin zu den mathema­

tischen Wiss ens chaften gezählt wird, meldete

Bedenken an:

39 Eine ähnliche Konzeption findet sich auch bei Lakatos' negative heuristic und positive heuristic

37

As I see it, he [Kuhn] fails to distinguish fr om one another three relevant states of affai rs, which I will call respectively non-paradigm seienee, multplei paradigm seietlee, and dual-paradigm seienee. (MASTERMAN 1970:73)40

Ähnlich wie Oesterreicher zielt auch Masterman auf eine stärkere Wahrnehmung der Pluralität von methodischen, obj ekttheoretischen oder anderweitigen subjields. Im Ge­ gensatz zu Oesterreichers multifaktoriellem Modell, das weitgehend nur noch nach zen­ tripetalen und zentrifugalen Unterschieden innerhalb einer Disziplin (die quasi als «Ma­ kro-Para digma» fu ngiert) sucht, plädiert Masterman für «viele kleinere gleichzeitige Pa­ radigmen». Ein solches <<Mikro-Paradigma» sieht sie bereits durch eine Andersartigkeit

des Verfahrens (teehnique of the subjield, definitions given by the techniques) gegeben. Übertra­

gen auf die Linguistik, könnte man also bereits bei einer alleinigen Verschiedenartigkeit der Methode von verschiedenen Paradigmen sprechen. Diese multip le paradigms st ehen nach Masterman nicht in Konkurrenz zueinander, sondern leben in friedlicher Koexi­ stenz, indem sie von einem übergeordneten, abstrakteren Paradigma zusammengehalten

werden41•

Auch Lakatos unterstützt die Forderung nach einer Pluralität auf praktischer Ebene:

«

KATOS 1 970: 1 75, Hervorh. S.R.) . Eine solche Pluralität alleine mache jedoch noch keine

Wissens chaft, wenn

science as a battleground of research programmes rather than of isolated theories» (LA­

sie nicht durch vorausblickende heuristicpower ergänzt werde:

Mature science consists of research programmes in which not only novel facts but, in an important sense, also novel auxiliaty theories, are anticipated; mature science - unlike pe­ destrian trial-and-error - has <<heuristic pOWeD). (LAKATOS 1 970:1 75)

The direction of science is determined primarily by human creative imagination and not by the universe of facts which surrounds uso (ib. : 1 87)

Trotz aller Nähe zu Popper entfernt sich Lakatos hier in zwei entscheidenden Punkten von Poppers Wissenschaftsmodell. Er lehnt erstens das trial-and-error-Prinzip ab, das sich beim späten (Darwinschen) Popper durchaus findet. Zweitens - und dies ist für unsere Betrachtung von «Bildern» der Linguistik bes onders relevant - betont er die vorausblik­ kende Komponente der <<mature science» (ähnlich dem Erfolgsversprechen eines neuen Paradigmas bei Kuhn) , entgegen der Rückwärtsgewandtheit des Popperschen «Feilens an der Theorie» - und auch entgegen der «Pflichterfüllung» der normal seience bei Kuhn. Wir sehen also, daß kein Mangel herrscht an Kritik hinsichtlich des Kuhnschen Suk­ zes sivitätstheorems. In der Regel beruft sich diese Kritik aber vorsichtig auf eine Plurali­ tät unterhalb der Ebene des Makro-Paradigmas, nämlich auf der Ebene der research pro­ grammes (Lakatos)42, der techniques (Masterman) oder der Teiidis'{jplinen (Oesterreicher)43.

40 Non-paradigm seienee bezeichnet dabei den Zustand einer Wissenschaft im vorparadigmati­ schen Stadium. Kuhn charakterisiert ihn durch die Parallelexistenz verschiedener 5ehulen (KUHN

1 962: 1 6s.) und durch die Absenz jedweden

41 Dadurch unterscheiden sie sich vom Ü bergangsstadium dualparadigm seience, wo die Ablö­ sung des eines Paradigmas durch ein anderes im Gange ist (MASTERMAN 1 970:745.) . 42 Zur Position der Lakotosschen research programmes zwischen Popper und Kuhn cf. SCHMITTER 1 998:1 37-44. Zur Problematik der Ü bertragung des Konzeptes der research program­

mes auf die Linguistik cf. NERLICH/CLARKE 1 998.

gemeinsamen Kanons.

38

Diese Teildisziplinen verhalten sich, zumindest was die Linguistik betrifft, größtenteils komplementär, d.h. sie ergänzen sich inhaltlich (cf. COSERIU 1 9 88:374s.) . Und dies scheint nicht nur auf der Mikro-Ebene der Teildisziplinen, sondern auch auf der Makro­ Ebene der Paradigmen zu gelten: Die junggrammatische Schule ergänzte auf einzel­ sprachlicher Ebene die Ergebnis se der Sprachfamilienforschung; der europäische Struk­ turalismus tat sich insbesondere auf den Gebieten der Phonologie, Morphologie, Lexi­ kologie und Semantik hervor, während der US-amerikanische generative Strukturalismus sich vor allem auf die Syntax spezialisierte. Ebenso in der Literatur- oder Kunstwissen­ schaft: Ein «Werk» kann als «Werk des Autors», werkimmanent, intertextuell­ hermeneutisch oder intertextuell-dekonstruktiv etc. interpretiert und kommentiert wer­ den, ohne daß der eine den anderen Kommentar falsifizieren würde. Gadamers Feststel­

großen Leistungen geisteswissenschaftlicher Forschung kaum je veral­

lung, daß die «

tell» (GADAMER 1 9 72:268), weil sich die Geisteswissens chaft nur in Aspekten wandle, scheint berechtigt:

diese Aspekte [heben] sich nicht einfach in der Kontinuität fortschreitender Forschung

die jede für sich beste­

auf

, sondern [sind] wie einander ausschließende Bedingungen

hen und die sich nur in uns selber vereinigen. (GADAMER 1972:268)

Ebenso

äußert sich Cas sirer über die Eigenart der Kulturwissenschaften:

dies Auseinander [durch kritische Sonderung] , das auch hier [in den Kulturwissenschaf­ ten] gefordert wird, kann nie zu einem Gegeneinander, ja es kann auch nicht zum bloßen Gegenüber werden. Denn es handelt sich nicht, wie in der Naturwissenschaft, um die Unterscheidung von Seins-Polen, sondern von Tätigkeits-Polen. (CASSlRER 1 999: 1 69)

Allerdings blendet man bei dieser Betrachtungsweise die historische Perspektive weitge­ hend aus. Die Perspektive der Komplementarität verdeckt den Blick auf die Tatsache, daß sich in der Tat AbliJ'sungen vollzogen haben - dies ist auch der Grund, weshalb man heute für die Linguistik nicht von vorparadigmatischen (parallel existierenden) Schufen sprechen kann: An welcher Universität würde heute noch die junggrammatische oder die sprachvergleichende Theorie des 19. Jahrhunderts in extenso vermittelt oder for­ schend angewandt? Diese Ablösungen können aufgrund der Komplementarität zwar nicht als sukzessive Paradigmenwechsel im Sinne Kuhns verstanden werden, wohl aber als Paradigmenwechsel im Sinne einer Verschiebung von Traditionen (Gadamer) , die ein kumulativ-vernetztes Traditionsgebilde generiert.

1.1.9 Ist der Wandel der Geisteswissenschaften mystisch? Aspektualität,

Widerhall und Wiederholung als Faktoren geisteswissenschaftlicher

Paradigmenentwicklung

Fassen wir also zusammen: Geisteswissenschaftliche Paradigmen zeichnen sich, wie wir im vorangehenden Abschnitt gesehen haben, wesentlich durch ihre Aspektuafitat aus, weniger durch ihre Revolutionarität. Sie können sich synchron inhaltlich überschneiden oder ergänzen, oder diachron großräumig überlappen (bei zusätzlicher inhaltlicher Komplementarität) . Damit ist sowohl in diachroner als auch in synchroner Hinsicht ein

39

Beziehungsnetz geknüpft, das sich schwerlich mit Sukzessivität beschreiben läßt, weder im Sinne eines Popperschen Fortschrittes noch im Sinne Kuhnscher Revolutionen. Gei­ steswissenschaftliche paradigmatische «Revolutionen» können deshalb allenfalls als rela­

tive Revolutionen gesehen werden.

Wenn im Netz geisteswissenschaftlicher Paradigmen dennoch aueh Ablösungen (in historischer Perspektive - oder Schwerpunktverlagerungen in der Perspektive der Teil­ disiiplinen) - fe stzustellen sind, so stellt sich natürlich die Frage nach den Ursachen. Ur­ sache ist offenbar nicht die Falsifikation durch eine neue Theorie oder Teiltheorie im Sinne Poppers . Bei Kuhn finden wir drei alternative Erklärungen: (1) Die fo rs chungs­ mäßige Ausgeschöpftheit des alten Paradigmas; dies ist für unser Fallbeispiel der Lingu­ istik wenig befriedigend, denn es gäbe z.B. sicherlich noch eine ganze Reihe von Spra­ chen, die nach der komparatistischen Methode noch nicht erschöpfend beschrieben sind, die also die normal seimee noch geraume Zeit beschäftigen könnten. (2) Einen Gene­ rationswechsel im " forschenden Vol1m; dies ist angesichts von Forscherpersönlichkeiten wie z.B. Osthoff, Brugmann, Saussure, Harris, Chomsky plausibel, bietet aber nur ein vages Kriterium. Diese Möglichkeit ist eng verbunden mit (3) der «Erklärung» , daß Pa­ radigmenwechsel (oder Schwerpunktverschiebungen) nonrationalen «Gesetzen» folgen:

,<A decision between alternate ways of practicing science

(I(UHN 1 9 62: 1 57) - das heißt, ein rational noch nicht oder noch kaum begtündeter, kreativer Vorausblick im Sinne der Peirceschen Abduktion wird zum Anlaß für den Umbau des komplizierten wissenschaftlichen Räderwerkes44• Kuhn hat sich zwar in den auf die Sfruetures folgenden Jahren immer wieder gegen ei­ ne Überinterpretation des nonrationalen Momentes im Paradigmenwechsel verwahrt (z.B. KUHN 1 970b:260-62), dennoch wurden die Rezipienten nicht müde, diesen Punkt zu betonen oder/und zu kritisieren - weil er einer der spekulativsten und zugleich signi­ fikantesten Punkte in Kuhns Theorie ist. So skizziert Lakatos:

can only be made on faith .»

For Kuhn scientific change - from one «paradigrrm to another - is a ml'stical conversion which is not and cannot be governed bl' rules of reason and which falls totally within the realm of the (socia� psychoiogy ofdiseovery. Scientific change is a kind of religious change. It concerns our central intellectual values, and has implications not onll' for theo­

retical phl'sics but also for the underdeveloped [!] socia! sciences

If even in science

there is no other wal' of judging a theory but bl' assessing the number, faith and voca! en­ erg)' of its supporters, then this must be even so in the socia! sciences: Truth lies in

power. (LAKATOS 1970:93)

Von Seiten der «exakten» Wissenschaften als «psychologistisch» , «mystifizierend» und damit zugleich puren weltlichen Machtmechanismen gehorchend verworfen, dürfte die These der (teilweisen) Nonrationalität des Paradigmenwechsels gleichwohl gerade für die Geisteswissenschaften einer der interessantesten Punkte sein, weil für sie aufgtund ihres aspektuellen Charakters de facto schwerlich rational-fal sifizierende Paradigmen­ wechsel nachzuweisen sind. Es ist unbestreitbar, daß die Geisteswissenschaften wegen des Fehlens eines falsifikationistischen Instrumentes und wegen ihrer grundsätzlichen Offenheit für eine Theorienpluralität anfalliger für psychologische, soziale u.a. Macht-

44 Kochs Modell der offenen Kreisläufe in den Wissenschaften versucht, dieses irrationale Moment zu rationalisieren und Veränderungen vorhersagbar zu machen (KOCH 1974) .

40

einflüsse

(und also auch scientifiques) beschreibt::

des Wissenschaftsbetriebes

sind, die Bourdieu als marche des biens symboliques

Les theories, les methodes et les concepts qui apparaissent et s'apparaissent comme de simples contributions au progres de la science sont toujours aussi des manceuvres "politi­

ques» visant it instaurer, it restaurer, it renforcer, it sauvegarder ou it renverser une struc­

ture determinee de rapports de domination symbolique

(BOURDIEU 1971 : 1 21)45

Gleichwohl darf man hier mehrerlei ergänzen: Erstens muß hier « Beeinflußbarkeio> durchaus positiv im Sinne einer <dnspirierbarkeio> verstanden werden. Zweitens muß man fr agen: Liegt der «Rationalitäo> eines Wi ss ens chafts fo rtschrittes, wie Popper ihn beschreibt (und dessen Modell so recht nicht auf die Geisteswissenschaften passen will), nicht ein nonrationales Moment zugrunde? Die Suche nach der Falsifikation der Theo­ rie, die wir oben als destruktives Moment beschrieben haben, impliziert immerhin eine «recherche des instabilites» und damit das nonrationale Moment, das nicht in der Theo­ rie enthaltene Andere zu (er-)finden:

L'expansion de la science ne se fait pas griice au positivisme de l'efficience. C'est le con­ traire: travailler it la preuve, c'est rechercher et <Qnventem le contre-exemple, c'est-it-dire l'inintelligible; travailler it l'argumentation, c'est rechercher le <<paradoxe)) et le legitimer par des nouvelles regles du jeu de raisonnement. (LYOTARD 1 979:88s.)

Drittens birgt der Vorwurf der «Nonrationalitäb> ohnehin immer das Paradoxon in sich, sich auf das eigene (prärationale!) Vorverständnis von Rationalität zu berufen:

The idea of an irrational action, belief, intention, inference or emotion is paradoxical. For the irrational is not merely the nonrational, wruch lies outside the ambit of the rational; ir­ rationality is a failure witrun the house of reason. (DAVIDSON 1 982:289)

Entgegen dem alten Vorwurf einer Art <<willenloser Nonrationalitäo> der Geisteswissen­ schaften möchte ich deshalb für den Begriff einer <<inspirierten Rationalitäo> oder einer «motivierten Nonrationalitäo>4G der Geisteswissenschaften plädieren, für einen Rationali­ tätsbegriff also, der diesen Wis senschaften selbst ebenso wie ihren Obj ekten, den <<.Aus­ druckswelten», gerecht wird:

steht

von vorneherein auf einem völlig anderen Boden als die Welt der empirischen Wahrneh­ mung. Sie scheint in einem ganz anderen und schlechthin-unaufheblichen Sinne der blo­ ssen «Subjektivitäb> verhaftet. Denn nicht nur ihr Anfang, sondern auch ihr Ziel hält sie in diesem Kreise fe st. Was wir in ihr und durch sie erfassen wollen, geht nicht in blos-sen

Sachbestimmungen auf; es ist subjektives Dasein und Leben. So haftet ihr, verglichen mit der objektiven Naturerkenntnis, immer der Schein des «Irrationalem> und des «Inkom­ mensurablem> an. Aber das besagt nicht, daß sie jeder Struktur entbehrt, daß sie ein blo­ sses Chaos verworrener Eindrücke und unbestimmbarer Gefühle ist. Auch in ihr gibt es

Die Ausdrtlckswelt [sie ist nach Cassirer das Objekt der Kulturwissenschaften, S.R.]

45 Als Indikator solcher Machtverhältnisse kann z.B. der citation index wissenschaftlichen Pu­ blikationen gelten (BOURDIEU 1 984 und 1 997:20) . 46 In Anlehnung an die «motivierte Irrationalitäb> der geistesblitzhaften «Fehlleistungem> (FREUD, Vor/esungen:50-98) .

41

vielmehr die Möglichkeiten der Gliederung, der Unterscheidung und mit ihr die Möglich­ keit des Aufstiegs zu immer bestimmteren Gestaltungen. (CASSlRER 1 999: 141)

In diesem Sinne argumentiert auch Coseriu, wenn er Objektivität als <<Anpassung an den jeweiligen Gegenstand» definiert. Die Obj ektivität der Naturwissenschaften formt sich an der Ursache-Wirkung-Struktur ihres Gegenstandes - die Objektivität der Kulturwis­ senschaften dagegen an der finalen Struktur ihrer Gegenstände (die verschiedenen For­ men der Kultur werden durch Finalität menschlicher Schöpfungen, nicht durch eine Kausalität bestimmt) . Entsprechend unterschiedlich ist auch die theoretische Grundlage:

Wo die Naturwissenschaften auf Hypothesen aufbauen, basiert die Kulturwissenschaft auf einem «VorwisseID> (z .B. im Falle der Sprachwissenschaft auf einer intuitiven Sprachkenntnis) .

Somit wird also eine Kulturwissenschaft nicht «wissenschaftlichen>, wenn sie naturwissen­ schaftliche Fragestellungen und Methoden übernimmt, sondern hört in diesem Fall auf,

ebenso wie eine Naturwis­

senschaft keine Wissenschaft mehr ist und zur Mythologie wird, wenn sie kulturelle Me­

thoden und Fragestellungen übernimmt (denn die Mythologie ist nichts anderes als die Interpretation der Natur als Kultur) . (COSERIU 1 988:229)

Wissenschaft zu sein oder ist nur noch Pseudowissenschaft

Prägnanter noch hat es Lacan formuliert: «Le suj et resulte de ce qu'il doive etre appris

•.• » (LACAN 1 975:89) .

Das heißt: Wechselseitige Vorwürfe von Nonrationalität (die Naturwissenschaft sei nonrational, weil sie nicht nur mit Tatsachen und Kausalitäten arbeiten kann, sondern für ihren Fortschritt auch auf mehr oder weniger phantasiereiche Annahmen zurück­

greifen muß; die Kultur- bzw. Geisteswissenschaft sei nonrational, weil sie sich nicht an

kausale oder

steswissens chaft per se verschiedenen «RationalitäteID> gehorchen. Argumentiert man solchermaßen für die Legitimität einer aspektuell sich wandelnden Geisteswissenschaft und für «inspirierende» Berührungen zwischen verschiedenen Theorien oder Disziplinen, hat man gleich zwei Probleme: Erstens ist die Übernahme fachfremder Konzeptionen nahezu eine Binsenweisheit4? und von daher womöglich keiner näheren Erörterung würdig. Zweitens verschwimmen diese dnspirationeID>, wenn man sie denn verfolgen will, oft im Nebel des sogenannten «Zeitgeistes» . Den möchte ich zwar hier nur mit großen Vorbehalten bemühen, aber in der Tat ist oftmals nur schwer nachzuweisen, wer wen inspiriert hat. Stammt die Idee des genealogisch­ evolutiven Schemas aus der Biologie oder aus der vergleichenden Sprachwissenschaft? Hat zuerst die Psychologie oder die Sprachwissenschaft psychologisiert? Entstammt die Idee des <dinguistic turID> dem Zirkel der Sprachwissenschaft oder dem der Philosophie? Kaum je werden Ideenkontaminationen so handlich nachzuweisen sein wie empirische oder theorie-immanente «Negativ-InspirationeID> (i.e. Falsifikationen) . Dieser Mangel hinsichtlich der Nachvollziehbarkeit der Theoriebildung und -veränderung erklärt sich durch die vergleichsweise geringe Möglichkeit der Geisteswissenschaften, die Theorie durch empirische Daten zu kontrollieren (hier wird unsere Argumentation unvermeid­ lich zirkulär, weil wir damit wieder beim [empirischen] Falsifikationskriterium angelangt

wahr-falsch-Gesetze binden las se) sind obsolet, insofern Natur- und Gei­

42

sind), oder Theorien systemimmanent auf Widersprüchlichkeit zu prüfen, wie dies bei­ spielsweise in der Mathematik möglich ist". Dieser Sachverhalt ist zumindest teilweise darin begründet, daß in den sciences humaines der Mensch Subj ekt und Obj ekt zugleich ist, was die erkenntnistheoretische und methodologische «Exaktheit» stets fr agwürdig er­ scheinen läßt (cf. PlAGET 1 972:37)49. Man kann dies als <<Mangeb> deuten - dann muß allerdings auch im Gegenzug zu be­ denken gegeben werden, daß auch die vermeintlich «exaktem> und «empirischem> Wis­ senschaften nicht ohne Subjektivität operieren können (prägen nicht logische Denk­ strukturen des Subj ektes die Erkenntnis mathematischer Strukturen? Prägt nicht subjek­ tive Wahrnehmung die Empirie?)50. Oder man kann dies zum Anlaß nehmen, den Gei­ steswissenschaften die Leitposition im Kreis der Wis senschaften zuzuschreiben, wie

ordnet man das menschliche Subjekt indes­

richtig ein - nämlich als Endprodukt in der Perspektive von Physik und Biologie

und zugleich als schöpferischen Anfang in der Perspektive von Denken und Handeln -, dann machen allein die Wis senschaften vom Menschen die Geschlossenheit oder viel­ mehr die innere Kohärenz dieses Zirkels der Wis senschaften verständlich.» (PlAGET 1 972: 85s.). Dann muß man allerdings bedenken, daß sich seit den 70er Jahren entschei­ dende Entwicklungen vollzogen haben, die die Vorreiterrolle der Geisteswissenschaften zu relativieren scheinen - man denke beispielsweise an die in jüngerer Zeit von Choms­ ky (6.4) und auf philosophisch-biologischen Kolloquien gestellte (aber immer noch un­ beantwortete) Frage, inwiefern das Bewußtsein als physiologisch bzw. genetisch fIxiert betrachtet werden muß . Wenn also auch die geisteswissenschaftliche Offenheit für eine Theorienpluralität von der Warte eines mathematisch-naturwissenschaftlichen FalsifIkationsdenkens nach Nonrationalität bzw. underdevefopment (Lakatos) riechen mag, so können die Geisteswis­ senschaften diesem Verdacht doch mit einem gelassenen «Na und?» begegnen, das sich auf zwei Argumente stützt: Erstens zeigen die langen Durchsetzungsphasen neuer na­ turwissenschaftlicher Theorien (Newton oder Einstein) , daß auch hier nonrationale Fak­ toren wie Gewohnheiten, Persönlichkeiten und faith eine Rolle spielen; zweitens behaup­ tet keine geisteswissenschaftliche neue Theorie, andere Theorien im Sinne einer natur­ wissenschaftlichen «Rationalität» zu falsifIzieren. (Die einzige mir in der Linguistik be­ kannte Ausnahme bildet hier der Nachweis der Junggrammatiker, daß das Sanskrit nicht, wie bis dahin angenommen, das Ur-Indoeuropäische ist.) - Das Problem scheint demzufolge im Begriff der Rationalitai zu liegen. Ein mehr oder minder an das FalsifIka-

Piaget dies in den 70er Jahren getan hat: «

sen

4 8 Eine solche Ü berprüfung mag vielleicht bei einer streng «algebraischem> Sprachtbeorie wie derjenigen Hjelmslevs noch angehen, dürfte aber anderweitig sehr schnell an Grenzen stoßen. 49 Die «exaktem> Wissenschaften haben hier wenigstens <<nUD> mit dem «Subj ekt MenscID>, d.h. dem Mensch als Beobachter, zu kämpfen 5 0 Die um Subjekt, Objekt und Exaktheit angeordnete Problematik, die wir hier nur andeuten können, spiegelt sich auch in verschiedenen Versuchen, die Geistes- und die Naturwissenschaf­ ten «auseinanderzudefinierem>. Man denke an Diltbeys klassisch gewordene Unterscheidung physischer Gegenstand/Naturwissenschaften VS. geistiges Objekt/Geisteswissenschaften (DIL­

erscheint diese Definition über den Gegenstand

ungenügend. Dies führt zu Versuchen, die Geisteswissenschaft zu «entsubjektivierem>, z.B. in­

THEY, Aufbau: 89, 93s., 97, 1 42) . Schon früh

dem man sie als «KulturwissenschafD> und Kultur wiederum als <<Dinge und Vorgänge» definiert (RICKERT 1910:1-18). Neuere Ansätze versuchen, die Dichotomie zwischen Natur- und Gei­ steswissenschaften überhaupt zu überwinden: cf. z.B. LACAN 1971 :228; SCHWEMMER 1 990:47, 53, KUTSCHERA 1 982:1 32-49.

43

tionskriterium gebundener naturwissenschaftlicher Begriff von &tionalität (den auch der späte Kuhn auf seine Weise zu reetablieren bemüht war) , ist auf die Geisteswissenschaf­ ten nicht übertragbar, weil das wahr/falsch-Kriterium dort nicht greift, weder auf empi­ rischer noch auf theoretischer Ebene. Während die Inspiration der Naturwissenschaften in der Regel dem Negativum entspringt, daß immer mehr empirische Ausnahmen die Regel in Frage stellen (die Folge ist eine cnsis nach Kuhn, eine Falsift'{jerung nach Pop­ per), beziehen die Geisteswissenschaften ihre Inspiration aus zwei anderen Quellen. Zum einen aus der Berührung mitfachfremden Ideen, aus der heraus eine neue Theorie ent­ wickelt wird. Dies zeigt sich beispielsweise an der Parallele der Sprachgenealogie zur Evolutionsbiologie (K.ap. 4) oder des Strukturalismus zu ökonomischen Theorien und zur abstrakten Kunst (Kap. 5) . Lakatos ist also grundsätzlich im Recht, wenn er die gei­ steswis senschaftliche Rationalität als «beeinflußbam und demzufolge <<llonrational» cha­ rakterisiert. Zum anderen verfügen die Geisteswissenschaften über die Möglichkeit, bereits abgearbeitete Begriffe oder Bilder neu zu wenden und interpretativ verändert zu wiederholen. Dies werden wir anhand der variationellen Wiederholungen des Baum-Bildes (am Rande auch an sprachlichen Metaphern wie der Organismus-Metapher) in der Lin­ guistik verfolgen können (Kap. 3-6) . Die Quellen der Inspiration können damit als (transdisziplinärer) Widerhall und (geschichtliches) Wiederholen charakterisiert werden, die fu ndamental auf dem aspektuellen Charakter geisteswisse nsch aftlicher Paradigmen be­ ruhen. Was bedeutet dies für den Begriff des geisteswissenschaftlichen Paradigmenwech­ sels? Wir haben oben aufgrund des aspektuellen Charakters geisteswissenschaftlicher Para­ digmen bereits festgehalten, daß scientific revolutions in den Geisteswissens chaften nur relativ sein können. Unter Hinzuziehung der Aspekte von transdisziplinärer Inspiration (Widerhal� und chronologischem Wiederholen können wir nun präzisieren, in welchen Punkten Übereinstimmungen und Differenzen zur Kuhnschen Konzeption bestehen. Als Übereinstimmung bleibt, daß in den Geisteswissenschaften ebenso wie in den Na­ turwissenschaften, um die es Kuhn geht, (1) Paradigmen als puz:de-solving device dienen, daß (2) Paradigmen in ihrem Anfangs stadium ein abduktiver Vorausgriff auf Ergebnisse sind, die man mit der Arbeit der normal science einlösen zu können hofft, und daß (3) Paradigmenwechsel eine umwälzende Veränderung der Sicht auf das Obj ekt bedeuten. Diese Eigenschaften zeigen sich auch in der Geschichte der Bilder der Sprachwissen­ schaft: Jeder Bilderwechsel von der Arboreszenz zum Raster oder umgekehrt ist mit einem radikal veränderten Blick auf das Objekt verbunden; anfanglich hat das «neue» Bild in der Regel modellhaften Charakter, die Übereinstimmung mit sprachlicher Glie­ derung erweist sich nachträglich (mehr oder weniger zirkulär) , wenn das visuelle Muster als puz:de-solving device auf sprachliche Gegebenheiten angewandt wird (wie z.B. das struk­ turalistische Raster auf Phonologie und Semantik: cf. 5.4, 5.5). Neben diesen Überein­ stimmungen gibt es jedoch auch grundlegende Punkte, in denen geisteswissenschaftliche Paradigmen sich deutlich anders verhalten als naturwissenschaftliche dies nach Kuhn tun. (1) Die I<::.rise eines geisteswis senschaftlichen Paradigmas entsteht nicht zwingend von innen heraus durch Entdeckung einer wachsenden Zahl von anomalies, die sich nicht mit dem herrschenden Paradigma decken. Vielmehr spielen hier theoretische Inspiratio­ nen eine tragende Rolle, die Kuhn auch als inventions oder novelty of theory berücksichtigt. Oft stehen diese theoretischen Inspirationen in einem transdiziplinären Zusammenhang,

44

der ihre Entwicklung bestätigt (Widerha/� . - Dies ist beispielsweise der Fall für die ver­

gleichende Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts

Kap. 4) , für den europäischen Strukturalismus (Sprachwissenschaft und Ökonomie, bildende Kunst; Kap. 5) und auch für die generative Transformationsgrammatik (Sprachwissenschaft und mathematische Kommunikationsanalyse, Biologie; 6.3, 6.4).

Beim sp äten Chomsky und seiner Rezeption

zeigt sich gar, daß ein solcher Widerhall auch über ein großen Zeitraum hinweg erfolgen kann. - Das heißt j edoch nicht, daß ein solcher Widerhall Voraussetzung für die Ent­ wicklung eines neuen Paradigmas ist. So ist beispielswe ise an der Entstehung des frühen US-amerikanis chen linguistischen Paradigmas (B oas, Sapir) maßgeblich die Erfahrung der Indianersprachen beteiligt (6.2), die zur Entwicklung eines eigenständigen Paradigmas fü hrt, das sich sowohl vom zeitgleichen europäischen Strukturalismus wie auch vom nachfolgenden US-amerikanischen Strukturalismus unterscheidet. (2) Die Bildung eines neuen Paradigmas führt aufgrund seines aspektuellen Charakters nicht zwingend zu einer Konkurrenz- und Verdrängungs situation. (Dies haben wir oben bereits anhand der Komplementarität und Überschneidungen verschiedener sprachwis­ senschaftlicher Paradigmen erörtert.) (3) Wir werden gerade endang der Wiederholung der Bilder in der Linguistik verfolgen können, daß das Kriterium der Inkommensurabilität (oder Nicht-Übersetzbarkeit) von paradigmatischen Begriffen oder Bildern für die Geisteswissenschaften nicht greift. Be­ griffe und Bilder sind hier nicht ein für allemal in holistische cluster-Zusammenhänge eingebunden, sondern können nach einer gewissen Zeit interpretativ gewendet wieder auftauchen. Daß dies im Falle des Baum-Bildes in der Linguistik sogar mit einer gewis­ sen Regelmäßigkeit zu geschehen scheint (die «Baum»-Varianten Arboreszenz und Ra­ ster lösen sich ebenso ab wie verschiedene inhaltliche Interpretationen) , belegt, daß Be­ griffe oder Bilder in den Geisteswissenschaften nicht nur eine paradigmentragende Rolle spielen (wie in Kuhns Ansatz) , sondern darüber hinaus verschiedene Paradigmen trans­ zendieren können. - Möglicherweise können visuelle Bilder Paradigmengrenzen auch leichter transzendieren als sprachliche Metaphern, weil sie eher eine Variation auf Aus­ drucksseite erlauben als Metaphern. - Sie müssen deshalb als paradigmenübergreifende Tradition gelesen werden, die eine relative Kontinuiklf über verschiedene Paradigmen hin­ weg herstellt'!. Konstitutiv für diese relative Kontinuität bleiben dabei die (nicht­

sukzes siven) Reinterpretationen als relative Revolutionen (relative Brüche) .

der Grammaire de Port R'?)'al und De scart es'

(Sprachwisse nsc ha ft und Biologie,

1.2 Paradigma, Leitbild, Metapher

1.2.1 Metaphern und Modelle

Wenn man dem Argument einer legitimen Nonrationalität der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisentwicklung, wie wir sie in 1.1. 9 skizziert haben (die in Anbetracht des prag­ matischen Abduktionsbegriffes von Peirce eigentlich wenig neu ist), so springt eine

45

grundlegende Strukturverwandtschaft zwischen dem Mechanismus des Erkenntnisfort­ schrittes und dem Mechanismus der Metapher geradezu ins Auge. Wie die Sinnvermitt­ lung durch eine Metapher auf der Dialektik von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit beruht (cf. 2.2), fu ßt der Erkenntnisfortschritt auf einer Dialektik von Rationalität und No nra­ tionalität - sei es die Nonrationalität des unbewiesenen Erfolgsversprechens eines auf­ kommenden Paradigmas (Kuhn) oder die zu falsifizierende Vorläufigkeit der Erkenntnis (popper) .

wissens chaftssprachlichen

Metaphern, vor allem aber in denj enigen Metaphern, die sich von der Zufalls schöpfung zur Standardmetapher und von da zum Leitbild einer ganzen Etappe der Erkenntnis­ entwicklung oder einer Tradition mausern. Im nachhinein können solche Leitbilder so­ gar so stark konventionalisiert erscheinen, daß sie symbolisch für einen bestimmten Abschnitt der Wi ss ens chaftsentwicklung stehen. Naturgemäß kommen fr eilich nur Me­ taphern in den Genuß einer Leitbild-Karriere, die (1) an einer zentralen Stelle in einer neuen Theorie auftauchen und (2) besonders einprägsam sind. - Letztere Bedingung bedeutet, daß sie graphisch (cf. 2.4.) oder sprachlich von besonderer Prägnanz bzw. Kürze sein müssen, um ihre häufige Wiederholbarkeit zu gewährleisten. Nehmen wir als Beispiel Chomskys terminologische Metapher der deep structure. Zentrale wis senschaftssprachliche Metaphern wie die deep structure Chomskys finden sich in einer Mittlerposition zwischen einem wissenschaftlichen Erkenntniszusam­ menhang einerseits und allgemeinsprachlicher Rhetorik andererseits: Die rhetorische Funktion der Metapher, der implizite Vergleich, wird verknüpft mit einer expliziten Sprachtheorie. Im vorliegenden Fall wird beispielsweise die Vorstellung von 'Tiefe' im­ plizit in vergleichende Relation gesetzt zu 'Struktur' (<<Die Sprachstruktur ist wie eine Tiefe») . Der Vergleich bzw. die Metapher kann nur (genau) verstanden werden, wenn man um die sprachtheoretische Dichotomie von linearer Oberflächenstruktur und der zugrundeliegenden hierarchischen Satzstruktur (Tiefe) weiß. Das heißt, der Interpretati­ onsraum für die Metapher wird bis zu einem gewissen Grad von der Theorie vorgege­ ben, innerhalb derer sie ausgesprochen wird (ähnlich wie für alltags sprachliche Meta­ phern der soziokulturelle Kontext maßgebend ist) . Ist die Metapher innerhalb dieser Theorie besonders treffend, kann sie sich, wie im Falle der deep stmcture, zu einem mo­ dellhaften Status innerhalb dieser Theorie oder Wissenschaft aufschwingen. Der Begriff des Modells bedarf allerdings in meinen Augen einiger Vorsicht52• In or­ thodoxer Sichtweise muß das Modell die hohe Anforderung einer deduktiven Relation zwischen expianans (Modell) und expianandum (neuer zu erklärender Sachverhalt) erfüllen

(cf. HESSE 1 966:1 72) . In der Tradition von Models and Metaphors (BLACK 1 962) wird Mo­

deli in der Regel bereits weicher definiert als eine «auf Dauer gestellte, systematisierte MetapheD> (DEBATIN 1 995:141). Dennoch bleibt die Modell-Metapher in einem Maße rationalisiert, daß die Adäquatheit ihrer (deduktiven) Gegenstandswiedergabe zum Maß

wird den

Modellen" zugestanden, daß sie konzeptuell seien, etwas Bekanntes analogisch auf einen

unbekannten Prozeß projizieren; aufgrund ihrer konzeptuellen Abstraktheit sei der Be-

Diese Strukturverwandtschaft wird manifest in «kleinen»

ihrer « WahrheiD> wird (cf. HARRE 1 960:86-99, DEBATIN 1 995: 151 -57). Zwar

5 2 Zur Breite der Modell-Problematik

cf. z.B. STACHOWIAK 1 973.

Breite der Modell-Problematik cf. z.B. STACHOWIAK 1 973. Gemeint sind hier die paramorphen Modelle im Gegensatz

46

zug zwischen Objekt und Modell durchaus variabel, Objekt und Modell könnten in eine Interaktionsbeziehung treten, das Modell könne auf andere Untersuchungsbereiche übertragen werden. Gleichwohl unterliegt auch hier das Modell immer noch dem Krite­ rium der getreuen Wiedergabe der facts, sein Wert richtet sich also nach seinem empi­ risch überprüfbaren Wahrheitsgehalt bzw. nach dem ihm innewohnenden deduktiven Erklärungspotential:

Extensions [of models] are guides both from the conceptual side by certain requirements of convenience, etc. and from the factual side by their constant confrontation with ex­

periment

serves as an explanation. (HARRE 1 960:99)

there is nothing arbitrary about the builcling up of models whose description

the metaphoric view [of explanations and models, S.R.] does not abandon deduction, but it focusses attention rather on the interaction between metaphor and primary system (HESSE 1 966:1 74)

Black räumt Modell und Metapher immerhin in zwei Punkten entscheidende Gemein­

samkeit ein: (1) basieren beide auf einem «intuitive grasp/Gestalt knowledge» (BLAGe

can neither be

antecedently predicted nor subsequently

kommt auch er letztlich zu dem Schluß, daß eine rational-theoretische Kontrolle das Modell von der Metapher scheide:

paraphrased in prose» (ib. :237) . Gleichwohl

1 962:232), (2) die in beiden Fällen entstehenden «extended meanings

Use of theoretical models resembles the use of metaphors in requiring analogical transfer of a vocabulary. Metaphor and model-making reveal new relationships; both are attempts to pour new content in old bottles. But a metaphor operates largely with ace implications. You need only proverbial knowledge, as it were, to have your metaphor understood; but the maker of a scientific model must have prior control of a well-knit scientific theory if he is to do more than hang an attractive picture on an algebraic formula. Systematic com­ plexity of the source of the model and capacity for analogical development are of the es­ sence. (BLACK 1962:238s.)

an

die Kantsche Tradition der Trennung von schematischer und symbolischer Hypotypose (wie z.B. «Grund», «abhängen von») an. Schemate sind nach Kant direkte Darstellungen, die

einer rein «formalen, intellektuellen Zweckmäßigkeiv> gehorchen. So ist z.B. die geome­ trische Figur eines gleichschenkligen Dreiecks die schematische (i. e. modellhafte) Dar­ stellung aller Dreiecke, die dieselben Bedingungen von Gleichschenkligkeit und Gleich­ winkligkeit erfüllen5•• Symbole dagegen sind nach Kant indirekte analogische Darstellun­

gen eines Begriffes, «

in welcher die Urteilskraft ein doppeltes Geschäft verrichtet,

erstlich den Begriff auf den Gegenstand einer sinnlichen Anschauung, und dann zwei­

tens die bloße Regel der Reflexion über j ene Anschauung auf einen ganz anderen Ge­

genstand, von dem der erstere das Symbol ist, anzuwendeID>. Als Beispiele nennt er die

philos ophischen Begriffe «

Grund (Stütze, Ba sis) , abhängen (von oben gehalten wer-

Damit schließt sich die moderne Unterscheidung von Modell und Metapher im Grunde

54 KANT, KdU: §62 (p. 223ss.), cE. ebenso das abstrakte Vorstellungsvermögen (imagination), das rucht der Perzeption bedarf, bei DESCARTES, MMitations:VI (31 8).

47

den) , woraus fließen (statt folgen) , Substanz (wie Locke sich ausdrückt: der Träger der

Akzidenzen) und unzählige

Der Veranschaulichung dienen Modell und Metapher zwar gleichermaßen, der ent­ scheidende Unterschied liegt aber im Grad ihrer Abbildhaftigkeit oder Explizitheit. Während das Modell eine explizite Abbildung von Daten oder Prinzipien darstellt, ist die Metapher durch ein Vorausgreifen auf eine noch unbewiesene Erkenntnis gekenn­ zeichnet. Sie «ahn!» also die Prinzipien mehr als sie sie «weiß». Daß die Übergänge hier mitunter fließend sind, macht die Unterscheidung zwar nicht immer leicht, hebt sie aber auch nicht auf. Eine Metapher kann zum Modell avancieren, wenn ihr Gehalt expliziert wird (cf. GOODMAN 1 968: 1 72, HESSE 1 966: 1 73) und sie da­ durch ihre ursprüngliche erkenntnisleitende (oder auch irreführenden) Funktion verliert. Auf epistemologischer Ebene kann hier der gleiche Prozeß vor sich gehen, den man für die Allgemeinsprache als « Tod» oder <<Konventionalisierung» von ursprünglich «lebendi­ gem> oder « spontanem> Metaphern beschreibt (so dient z.B. die Ex-Metapher vom Fluß­ bett dem Sprecherbewußtsein heute nur noch als Bezeichnung einer geographischen Formation) . Allerdings warnt Richards nicht zu unrecht vor übereilten Totenscheinen für Meta­ phern: « T his favourite old distinction between dead and living metaphors (itself a two­ fold metaphor) is, indeed, a device which is very often a hindrance to the play of sagac­ ity and discernment throughout the subj ect.» (RICHARDS 1 971 :102; cf. auch BLACI( 1 993:25). Es scheint mir nämlich gerade im Zusammenhang geisteswissenschaftlicher Epistemologie sehr gefahrlich, von einer Rationalisierung (und ergo Modellhaftigkeit) der Metapher zu sprechen. Vielmehr scheint mir die « Explizithei!» nicht genug anwach­ sen zu können, um einer wissenschaftssprachlichen Metapher ihre Metaphorizität gänz­ lich absprechen zu können. Es bleibt stets ein Rest an Nonrationalem, der Interpretati­ onsvorgabe der Theorie Unähnlichem, das das Erkenntnisversprechen der Metapher ausmacht - oder aber ihre Neuinterpretation im Sinne eines aspektuell-paradig­ matischen Wandels ermöglicht. Gerade diese Neuinterpretation kann aber nicht als an der Empirie orientierter Modellwechsel oder Modellentwicklung verstanden werden (wie bei HARRE 1 960), sondern muß als ein Beweis für die Weigerung der Metapher gelten, sich gänzlich auf ein Interpretationsfeld fe sts chreiben, sich gänzlich <<rationalisie­ rem> zu lassen. So mag es, um unser Beispiel weiterzuführen, zwar stimmen, daß eine junge para­ digmatische Metapher wie deep structure mit zunehmender Erforschung der syntaktischen Tiefenstruktur ihren ursprünglichen Gehalt an « Erkenntnisversprechem> einbüßte, weil das Versprechen durch die Arbeit der normal science mitderweile in Sicherheit übergegan­ gen war - dennoch blieb die Metapher offenbar unversteinert und schwang sich zu ei­ nem erneuten Erkenntnisversprechen auf, in dem deep nicht mehr nur als Gegensatz zur Linearität gesehen wurde, sondern als der Linearität 'vorangehend' im zeitlichen Sinne (die Tiefenstruktur ist kognitiv/angeboren, und also vor der ersten linearen Lautäuße­ rung vorhanden) und im kausalen Sinne (die Tiefenstruktur generiert erst Oberflächen­ struktur) . Und gerade bei unseren Betrachtungen zum Bild des Baumes werden wir sehen, daß dieses Bild über Jahrhunderte seine interpretative Offenheit bewahrt, was sich in seinem Gestalt- ebenso wie in seinem Interpretationswandel zeigt. - Mit zu Modellen verstei­ nerten Metaphern oder völlig empirisch gebundenen Metaphern wäre dies nicht denk-

andere

» (KANT, KdU: §59 [p.21 2]).

48

bar. Ich ziehe es daher vor, im Zusammenhang mit paradigmatischen Metaphern bzw. Bildern von Leitbildern, nicht von Modellen zu sprechen". Der Begriff Modell zielt allzu leicht auf eine interpretativ abgeschlossene Abbildung (cf. auch SCHOEFFEL 1 987:1 93- 205) .

1.2.2 Die Strukturverwandtschaft von Paradigma, Leitbild und Metapher

Anders als Modelle bilden Metaphern ebenso wie ihre «große SchwesteD> Leitbild nicht nur Ähnlichkeiten ab . Sie sind nicht nur Anschauungsmaterial und Wiedererkennen, sondern konstituieren neue Ähnlichkeiten.

We need the metaphors in just the cases when there can be no question as yet of preci­ sion of scientific statement. Metaphorical statement is not a substitute for a formal com­ parison or any other kind of literal statement, but has its own distinctive capacities and

to say that the metaphor creates the si­

milarity than to say it formulates some similarity antecedently existing. (BLACK 1962:37)

achievements

it would be more illuminating

Gehen wir dieser These genauer nach. Allgemein akzeptiert ist, daß der heuristische Wert der Metapher auf der Analogisierung zweier Konzepte beruht. Dabei denkt man aber oft darüber hinweg, daß diese Analogisierung nicht ein bloßes NebeneinandersteI­ len bedeutet, sondern einen dialektischer Prozeß. Geht man nämlich davon aus, daß sich Analogie mit der Formel A ist wie B beschreiben läßt, so ist der Vergleichsindex wie offenbar der Angelpunkt der Prädikation. Gerade dieses wie impliziert j edoch ein dialek­ tisches Verhältnis von A und B: A ist B und zugleich nicht. Die Gleichsetzung ist formal weniger als eine Tautologie und dadurch zugleich mehr: «it creates similarity». Dieses kreative Mehr entspringt just dem, was sich gegen die Gleichsetzung sperrt. Anders aus­ gedrückt: Das Non-Simile, das der Vergleich mit sich bringt, ist nicht bloß unvermeidli­ cher Ballast, es transportiert vielmehr <<visionären Zündstoff», weil es an den hermeneu­ tischen Willen appelliert und den Wunsch auslöst, die Metapher interpretierend so weit auszuloten, daß auch das, was sich zunächst gegen die analogisierende Gleichsetzung sperrt, noch integriert werden kann (wir kommen hierauf in 1 .2.3 noch genauer zurück) . Blumenberg spricht hier von einer metaphonsch indu�·erten Haltung, weil nämlich die Me­ tapher, die eigentlich nur «darstellen» sollte, solchermaßen auf die Ausgangshaltung mo­ difizierend zurückwirkt (BLUMENBERG 1 960:76s., ähnlich HENLE 1 966 :191, SCHON 1 963:88). Man kann sich diese Dialektik von Darstellung und Modifizierung des dargestellten Inhaltes «<Ausgangshaltung») vorstellen wie ein Gespräch. Nehmen wir an, Grethe und Käthe unterhalten sich über Männer. Grethe sagt: «Hans hat gestern mit mir Schluß gemacht, weil er ,frei sein will'. Ich hab's ja gewußt - Männer sind Wölfe!» und bezieht sich damit auf den Topos vom «einsamen Wolb>; sie meint also, Männer seien wie Wöl-

SS Kein Leitbild in dem hier gemeinten Sinn sind wissenschaftliche Ikonen wie z.B. Saussures Baumzeichnung oder Einsteins Formel E = mF. Im ersten Fall handelt es sich um eine Illustra­ tion (der Arbitrarietät von Zeichen; SAUSSURE, Cours 1:147s.), die exemplarischen Charakter hat, aber keinen Vergleich beinhaltet - Prob e: eine Paraphrasierung (<<Die Arbitrarietät ist wie ein BautIm), wie sie bei Metaphern möglich ist, greift hier nicht). Gleiches gilt für Einsteins Relativi­ tätsformel, die zur Ikone für 'Genie' avanciert ist (z.B. in der Joghurtwerbung) .

49

fe, weil sie auch ,räuberische Einzelgänger, die den Mond anheulen' sind. Käthe, seit langem glücklich und kinderreich verheiratet tröstet ihre Freundin, indem sie das auf­ greift, was Grethe in der Metapher nicht sah, was aber als Mehr enthalten war: «N aja, laß den Wolf mal ein bißchen heulen, dann kommt er schon zum Rudel zurück». Daraus kann Grethe dann den Schluß ziehen, daß Männer phasenweise Raub- und phasenweise Rudeltiere sind, oder daß es vielleicht eine Raubtier- und eine Rudeltier-Sorte gibt. Wie es sich damit auch verhalten mag, in jedem Fall könnte das Fortspinnen der Metapher das Männerbild beeinflussen (<<erkenntnisleitenro> wirken) . Ein ähnliches Fortspinnen metaphorischer Möglichkeiten zeigt sich auch in unserem obigen Beispiel der Chomsky­ schen deep structure: Struktur ist zunächst tief im Sinne von 'hierarchisch' (im Kontext einer von der Computerprogrammierung geleiteten Sprachwissenschaft) , sie ist aber dann auch tief im Sinne von 'tief im Menschen verwurzelt, kognitiv, angeboren' (im Kontext einer cartesianisch und von der Genetik geprägten Sprachwisse nschaft) . Nun ist es fr eilich nicht so, daß je de spontan erzeugte Metapher erkenntnisleitend in einem umfassenden Sinne ist - man darf getrost bezweifeln, ob Grethe nach dem Ge­ spräch klüger als zuvor ist. Der Mechanismus der interaction (Black, cf. 2.2) ist aber im Grunde immer der gleiche - handle es sich um den Mikrobereich der spontanen Meta­ pher, um leitende Metaphern (Leitbilder) wie die deep structure, oder um den Makrobe­ reich aspektueller Paradigmen in dem von uns oben definierten geisteswissenschaftli­ chen Kontext. Das Erfolgsversprechen eines Paradigmas entspricht dem noch unausgefüllten Mehr, dem visionären Potential Metapher oder dem abduktiven Vorausgriff (peirce) . Was bei der Metapher die nachträgliche interpretierende Auslotung ihres Potentials ist, ist im wiss ens chaftlichen Paradigma die Arbeit der normal science (Kuhn) : die Erarbeitung und das Zusammentragen von Ergebnissen im Rahmen einer vorgegeben paradigmatischen Perspektive. Wir stehen also vor einer strukturell transzendenten Hierarchie von Meta­ pher, Leitbild und Paradigma. Sie folgen dem gleichen Mechanismus, unterscheiden sich jedoch im Grad ihrer Spontaneität bzw. Umfassendheit. Daß dieser Mechanismus nicht nur bei sprachlichen Bildern (und Paradigmen) , sondern in besonders unmittelbarer Weise auch bei visuellen Bildern wirkt, werden wir in 2.3.2 sehen. Was bedeutet die Strukturverwandtschaft von Metapher, Leitbild und Paradigma für die Geisteswissenschaften? Als Wissenschaften, die sich mit den Ausdruckswelten (Cas­ sirer) beschäftigen, überschneiden sich teilweise Obj ekt (Sprache und Texte im weite­ sten Sinne) und Metasprache. Das fü hrt dazu, daß sie beso nders «anfallig» für Meta­ phern sind bzw. Metaphern sich als eine Hauptstrategie ihrer Konzeptbildung anbieten (SWIGGERS 1 991 :118). Diese «Anfalligkeit» oder «Strategie» wird nur in wenigen Berei­ chen durch einen Formalisierungszwang konterkariert: Beschreibungen sind überwie­ gend kommentierend, Systematisierungen selten auf Formeln im naturwissenschaftli­ chen Sinne reduzierbar. Zu dieser immanenten Metaphorophilie gesellt sich zudem ihre Eigenschaft, aspektuell (Gadamer) zu arbeiten: Die Geisteswissenschaften sind nicht in dem Maße wie die Naturwissenschaften auf ein bestimmtes Leitbild bzw. das zugehörige deutungsleitende Paradigma als «lnterpretationsleitstelle» fixiert, und erweisen sich von daher als besonders offen für interpretative Auslotungen bis hin zu Umdeutungen oder Wiederbelebungen einer Metapher oder eines Bildes. Berücksichtigen wir zusätzlich die Lacansche These, daß Sprache die geistige Ent­ wicklung des Subjektes prädeterminiert (LACAN 1 966:25 1), so muß dies auch für den

50

Forschergeist gelten. Als menschliches Subjekt unterliegt auch er prinzipiell der Präde­ terminierung durch die Struktur seiner Mutter- bzw. Alltagssprache - und deren meta­ phorischem Potential) . Selbst wer glaubt, daß solche Prädeterminierung durch den Akt der Objektivierung außer Kraft gesetzt werden könne (was ich bezweifle) , dem bleibt gleichwohl das Problem des sprachlichen Relativitätsprinzips, nach dem Sprache - und also auch deren Metaphern - die Beobachtung prägen:

means, in informal terms, that users of markedly

different grammars are pointed by their grammars toward different types of observations and different evaluations of externally similar acts of observation, and hence are not

equivalent as observers but must arrive at somewhat different views of the world

Thus

the world view of modern science arises by higher specialization of the basic grammar of Western Indo-European languages. (WHORF 1 956:221)

the <dinguistic relativity principle»

Nicht nur Sprache (und ihre Bilder) , sondern auch visuelle Bilder scheinen, wie wir se­ hen werden, solche « Wahrnehmungskanalisierungem> hervorzubringen. Wenn man wis­ senschaftliche Beobachtung als geleitet von alltags- und wis senschaftssprachlichen Strukturen und Elementen (wie Metaphern und Bildern) sehen muß (cf. LA ­ KOFF/JOHNSON 1 9 81 :322), so ist der Unterschied zwischen alltäglichem und wissen­ schaftlichem Erkennen (o rdinary common sense und scientiftc method) letztlich nur graduell, nicht qualitativ bestimmbar (cf. DEWEY 1 984: 1 23-25) . Im Falle der Geisteswissenschaften und insbesondere der Linguistik treffen also drei Faktoren zusammen, die dazu angetan sind, sich gegenseitig zu verstärken: (1) das sprachliche Relativitätsprinzip (im gemäßigten Sinne Whorfs oder im radikalen Lacans) , das für jede Wissenschaft geltend gemacht werden kann, (2) die Übers chneidung von Obj ektsprache und Metasprache, (3) die prinzipielle Aspektualität und interpretative Offenheit der Theorien und Paradigmen. Das Ergebnis ist eine hochgradige Verquik­ kung von Alltagssprache (und ihren Metaphern) und Beobachtung, wis senschaftlicher Beobachtung und Wissenschaftssprache (und ihren Metaphern/Bildern, Leibildern und Paradigmen), die eine besondere Durchläs sigkeit zwischen den Hierarchiebenen spon­ tane Metapher, Leitbild einer Theorie und übergreifendem Paradigma bewirkt. In den Geisteswissenschaften, und insbesondere in der Linguistik, sind die Elemente der ein­ zelnen Ebenen flexibler und einer Neuinterpretation leichter zugänglich als in anderen Wissenschaften.

51

1.2.3 Die metaphorische Dialektik von Rationalität und Nonrationalität:

Instrument und Witz

le mouvement se decomposait en trois temps: un premier declic; l'aiguille se mettait en marche; puis un declic encore, comme pour la fixer a sa nouvelie place. Et la figure de l'horloge changeait; l'angle obtus devenait peu a peu un angle aigu. Les deux aiguilles aliaient se re­ joindre. (SIMENON, Lependu de Saint-Pholien)

Wir sind im vorangegangenen Abschnitt bereits darauf zu sprechen gekommen, daß die Metapher einen dialektischen Prozeß von Gleichsetzung, Sperrung gegen die Gleichset­ zung bedeutet. Hierauf wollen wir nun genauer eingehen. Insofern sich die Metapher nicht vollständig den der Rationalisierung dienenden Ge­ set zen der Ähnlichkeit oder gar der identifizierenden Repräsentation fü gt, kann sie <<nonrationab genannt werden. Sie ist kein einfach darstellendes Mittel wie Ähnlichkeit oder Repräsentation. A hnlichkeit beruht auf der Nachahmung des Gegenstandes (z.B. die icons auf den Türen zu Herren- und Damen-Toiletten) . Die Relation ist dabei zweiseitig:

A ähnelt B B ähnelt A. Repräsentation dagegen beruht auf einem konventional­ arbiträren Zeichen (z.B. steht das Wort tree für die Bedeutung 'Baum') . Hier ist die Rela­ tion einseitig: A repräsentiert B i> B repräsentiert A (die Bedeutung 'Baum' kann durch das Wort Iree repräsentiert sein, aber auch durch arbre oder Baum) . Die Metapher dagegen ist eine Repräsentation-als (z .B. der 'Mann' als 'Raubtier') : Sie denotiert - insofern verhält sie sich nach den Gesetzen der Ähnlichkeit oder der Repräsentation; zugleich aber modifiziert sie diese Ähnlichkeit bzw. Repräsentation oder widerspricht ihr sogar - und insofern verhält sie sich «fehlerhafb> oder <<nonrationab:

The shifts in range that occur in metaphor, then, usually amount to no mere distribution of family goods but to an expedition abroad. A whole set of alternative labels, a whole

apparatus of organization, takes over new territory. What occurs is a transfer of a schema, a migration of concepts, an alienation of categories. Indeed, a metaphor might be re­

garded as a calculated category-mistake

(GOODMAN 1 9 68:73; cf. ib. :4s., 27, 69-7 1)

Es so ll keineswegs geleugnet werden, daß ein hoher Wert der Metapher in der Ve ran­ schaulichung und Konkretisierung abstrakter Bedeutungen durch Heranziehung von Ähn­ lichkeiten liegt (rationale Seite) - wir sprechen ja gerade von einer Dialektik der Meta­ pher. Die Fähigkeit, Abstraktes begreifbar zu machen, prädestiniert die Metapher (eben­ so wie visuelle Bilder, cf. Kap. 2) ja gerade dafür, in der Wissens chaftssprache dort auf­ zutauchen, wo es gilt, entscheidende abstrakte Sachverhalte zu veranschaulichen bzw. zu konkretisieren. Man denke beispielsweise an die Metapher der Welle in der Optik, des Kerns in der Atomphysik oder des Organismus in der Sprachwissens chaft". In dieser Ei­ genschaft können wissenschaftliche Metaphern und Bilder als «begriffliche regulative Idealitäb> bezeichnet werden (BLUMENBERG 1 960:9).

5 6 CE. Kap. 4 und ROGGENBUCK 2004.

52

Bevor wir im 2. und folgenden Kapiteln auf den «rationaleID> Nutzen von Metaphern bzw. Bildern eingehen, soll dieser Abschnitt die Gelegenheit ergreifen, die nonrationale Seite der Metapher herauszuarbeiten als konstirutiv für (a) das Vermögen der Metapher, mehr auszusagen als in ihrem unmittelbaren Ähnlichkeits- und Veranschaulichungspo­ tential enthalten ist, und (b) die interpretative Wandelbarkeit der Metapher, wie wir sie für das sprachliche und Bild des Baumes in der Linguistik verfolgen werden. Gerade die nonrationale Seite der Metapher, ihre «begrifflich nicht ablösbare Aussa­

gefunktioID> (BLUMENBERG 1 960:9), die Inkongruenz

ihres Vergleiches (LÜDI 1 973: 46-

68), der zunächst unbegründete Einspruch gegen Kategorien, Ähnlichkeiten, pure Re­ präsentation macht sie zum Instrument des Denkens und des Erkenntnisgewinns. Dies läßt sich entlang der im Pragmatismus formulierten <<Metaphysik des Instrumentes» verfol­ gen, die gerade auf die Sprache als tool of tools (DEWEY 1 9 29: 1 4 0, 1 5 4s.) zutrifft - und in großen Teilen auch auf visuelle Darstellungen:

There is no miracle in the fact that tool and material are adapted to each other in the

both material and tool have been secured and

determined with reference to economy and efficiency in effecting the end desired - the maintenance of a harmonious experience. The builder has discovered that his building means building tools, and also building material. Each has been slowly evolved with ref­

erence to its fit employ in the entire fu nction

the adjustment of particular objective contents. (DEWEY 1 9 03:80s., cf.

Thinking is adaptation to an end through

process of reaching a valid conclusion

HOOK 1 927: / 7-

48)

In Anlehnung an seinen Lehrer Dewey arbeitet Hook vier Charakteristika des Instru­ mentes aus: (1) aus dem Vorhandenen wird etwas Neues geschaffen; (2) das Instrument wird im Hinblick auf etwas noch nicht Vorhandenes erdacht; (3) das Instrument und sein Anwendungsbereich sind zugleich gegeben; (4) das Instrument ist Ausdruck eines empfundenen Mangels und zugleich das Versprechen, daß dieser Mangel behoben wer­ den kann. Auf die Metapher übertragen bedeutet dies: (1) zur Analogie (dem vorhande­ nen Material) tritt ein surplus de sens hinzu; (2) der surplus de sens ist gewollt; (3) die Meta­ pher ist zugleich mit ihrem Interpretationsbereich (z .B. einem wissenschaftlich­ theoretischen) gegeben; (4) die Metapher oder das Bild versprechen eine Erkenntnis, die gesucht wird, aber noch nicht explizit gedacht sein muß . Der späte Richards geht sogar so weit, (poetische) Sprache (also unter anderem auch die Metapher) überhaupt zum instrument ofresearch zu erheben.

Language has an annoying way of anticipating our utmost intellectual flights with smooth and effortless puns. All meanings are means, are instruments, and inside <unstrumenD> it is somewhat more than a pun if we find «lnstructioID>, since it is through instruments that we form problems. If so the super-problem is to find means of making the greatest pos­ sible variety of means available: the widest and freest choice of instruments. For instru­ ments enter into the work and shape not only the success attained but also the end pur­ sued. (RICHARDS 1 955:1 53)

Selb st wenn man nicht so weit wie Richards gehen wollte, so kann man doch sein Plä­ doyer für einen hermeneutischen Zirkel zwischen Sprache/Instrument und dem pursued end schwerlich entkräften. Im Grunde gibt es dazu auch, selb st aus rationalistis cher Sicht, keine Veranlassung. Denn Metapher (oder Bild) als Erkenntnisinstrument verste-

53

hen heißt, das Nonrationale als Instrument des Rationalen zu sehen (eines Rationalen, das zuvor noch nicht vorhanden war) bzw. das Nonrationale von Anfang an in den Dienst von Erkenntnis und Ratio zu stellen.

unites reason and imagination. Reason, at the very least, involves categori­

zation, entailment, and inference. Imagination, in one of its many aspects, involves seeing

one kind of thing in terms of another kind of thing - what we called metaphorical thought. Metaphor is thus imaginative rationality. (LAKOFF / J OHNSON 1 980: 1 93)

metaphor

Für Rationalisten mag der Boden daher erst schlüpfrig erscheinen, wenn man weiter bedenkt, daß die Metapher nicht nur eine Charakterverwandtschaft mit dem zweckge­ richteten Instrument hat , sondern gerade wegen ihrer aus dem Nonrationalen resultie­ renden Kraft dem Witz nahesteht, dem man gemeinhin außer einem Unterhaltungswert Zweck und Nutzen abzusprechen pflegt57. Die Grundeigenschaften der Metapher, die noch den unterschiedlichsten Metapherndefinitionen gemeinsam sind - nämlich «Ver­ bindung von Ähnlichem und Unähnlichem», «Inhalt erscheint zunächst fehlerhaft», «spontanes Verstehen trotz eines gewissen Widersinns» - finden sich allesamt in Freuds Charakterisierung des Witzes (FREUD, Schriften:9-21 9) versammelt. Auf Basis gängiger

der Cha­

Witzdefinitionen, die sich im Laufe seiner Untersuchung bestätigt finden - «

rakter des spielenden Urteils, die Paarung des Unähnlichen, der Vorstellungskontrast,

der <Sinn im Unsinn>, die Aufeinanderfolge von Verblüffung und Erleuchtung, das Her­

vorholen des Versteckten und die besondere Art von Kürze des Witzes

» (ib. :18) -

arbeitet Freud vier Mechanismen des Wort- bzw. Gedankenwitzes aus: Verschiebung, Verdichtung, Denkfehler und Widersinn.

Die interessanten Vorgänge der Verdichtung mit Ersatzbildung, die wir als Kern der Technik des Wortwitzes erkannt haben, wiesen uns auf die Traumbildung hin, in deren Mechanismus die nämlichen psychischen Vorgänge aufgedeckt worden sind. Eben dahin weisen aber auch die Techniken des Gedankenwitzes, die Verschiebung, der Denkfehler,

der Widersinn, die indirekte Darstellung, die Darstellung durchs Gegenteil, die samt und

cf. ib. :59,

sonders in der Technik der Traumarbeit wiederkehren. (FREUD, Schriflen:85, 162)5 8

Der Witz beruht wie die Traumarbeit auf dem Prinzip des Lustgewinns durch Einspa­ rung darstellerischen bzw. überhaupt psychischen Aufwandes (ib.:1 1 2, 118, 1 20) - die darstellerische Verdichtung ist in dieser Hinsicht für Freud eines der Hauptmerkmale des Witzes, wie sie auch ein Hauptrnerkmal der Metapher ist. Veranschaulichen wir die Kürze der Darstellung im Vergleich zu ihrem interpretato­ rischen Potential kurz an einem der Witze aus Freuds Schrift, so sehen wir deutliche Parallelen zwischen der Funktionsweise des Witzes und der Funktionsweise der Meta­ pher, wie wir sie oben (1 .2.2) am Beispiel von Grethe und Käthe illustriert haben. Der

57 Wir verstehen Witz hier nicht im landläufigen Sinne eines geplanten Witzes « uZennen Sie den?»), der dem Rätsel (cf. GABRJEL 1 995:1 89s.) gleicht: die Lösung ist bereits bekannt und determiniert die Fragestellung, anders als bei der Metapher. Vielmehr im Sinne von Freud und

im Sinne eines 'jeu d'esprit'. Zur Problematik des Begriffes Witz cf. auch LACAN 1 966:266 N14. 5 8 Zu «Verdichtung» und «Verschiebung» in der Traumarbeit cf. FREUD, Traumdeutung. 280-

in der Traumarbeit cf. FREUD, Traumdeutung. 280- 344. Zu den <<Denkfehlern» zählt Freud u.a. auch

344. Zu den <<Denkfehlern» zählt Freud u.a. auch die Metapher (FREUD, Schriften:38, 42) . Cf.

auch zu den «Fehlleistungefl» FREUD, Vorlesungen:41-98.

54

Witz beruht, wie die Metapher, (1) zunächst auf einer Inkompatibilität, die wiederum die Basis bildet für (2) die Ausschöpfung des unausgesprochenen Mehr auch jenseits der beabsichtigten Analogie.

Der Schadehen Oüdischer Heiratsvermittler] hat dem Bewerber versichert, daß der Vater des Mädchens nicht mehr am Leben ist. Nach der Verlobung stellt sich heraus, daß der Vater noch lebt und eine Kerkerstrafe abbüßt. Der Bewerber macht nun dem Schadehen Vorwürfe. «NuID>, meint dieser, ,<Was habe ich Ihnen gesagt? Ist denn das ein Leben?» Der Doppelsinn liegt in dem Worte ,<LebeID>, und die Verschiebung besteht darin, daß der Schadehen sich von dem gemeinen Sinn des Wortes, in dem es den Gegensatz zu «Toro> bildet, auf den Sinn wirft, den das Wort in der Redensart: Das ist kein Leben, hat. (FREUD, Sch riften:5 4s.)

Das ist kein Leben, hat. (FREUD, S ch r ift en :5 4s.) In Anlehnung an

In Anlehnung an Freud verankert Lacan das Entstehen des Sinnes aus dem Nicht-Sinn (Je sens produil dans le non -sens) als grundlegende Gemeinsamkeit von Witz und Metapher:

On voit que la metaphore se place au point precis ou le sens se produit dans le non-sens,

il donne lieu a ce mot qui en fran­

c'est-a-dire a ce passage dont Freud a decouvert que

c;:ais est de mOb par excellence, le mot qui n'a pas d'autre patronage que le signifiant de

l'esprit

»

(LACAN 1 966:266)

Das mol d'espnl (übersetzbar etwa mit 'Wortwitz') , auf das Lacan hier anspielt, basiert auf der grundsätzlich möglichen Doppelbödigkeit von Aussagen, die immer auch alles ande­ re bedeuten können als das, was sie unmittelbar zu bedeuten scheinen59•

Ce que cette strucrure de la chaine signifiante decouvre, c'est la possibilite que j'ai, juste­

de m'en servir

pour signifier tout mltre chose que ce qu'elle dit

ment dans la mesure OU sa langue m'est commune avec d'autres sujets

(LACAN 1 966:262)

Lacan geht also soweit, die Doppelbödigkeit nicht nur als Eigenschaft des Witzes oder der Metapher zu postulieren, sondern als grundsätzliche Eigenschaft jeder Aussage . Die Doppelbödigkeit oder Verdichtung der Aussage beruht auf der grundsätzlich metony­ mischen Struktur j edes Zeichensystems (sei es ein sprachliches oder bildliches) , in dem sich jede Identität nur durch den Umweg (d.h. einen Aufschub, eine VerschiebuniJ über das Andere definieren kann60 - für Lacan funktioniert Sprache also grundsätzlich meto­ nymisch bzw. metaphorisch.

In der Metapher manifestiert sich also das Andere verdichtet als nonrationales Ele­ ment (Je non-sens oder «Einspruch gegen die Analogie») , das als drittes Element ein surplus

de sens erzeugt.

Diese Dreiecksb ewegung bes chreibt Hegel als Aufhebung.

59 Wie diese Doppelbödigkeit im Diskurs genutzt werden kann, beschreibt Lacan anhand ei­ ner Baum-Metapher (LACAN 1 966:262). Auch greift er auf den Baum zurück, um Saussures Zei­ chenkonzept zu dekonstruieren: Saussures arbre, Exempel für die Arbitrarietät des Zeichens (SAUSSURE, Cours 1:148-5 1), wird anagrammatisiert zur barre, zur Sperre, die eine Sinnkonstiruti­ on (bzw. eine Bindung von Bedeurung und Ausdruck) verhindert. ,<Non! Dit /'Arbre, i/ dit: Non!

Dans I'Iftincei/ement / De sa tete superbe

LACAN 1 966:263-65. Zur identitätskonstituierenden difference cf. SAUSSURE, Cours

1 :245/ III C 295 und II C 33/1 769, 1 7 75. Zur identitätsaufhebenden differance cf. DERRIDA 1 967:55.

» (ib.:26 1).

C 295 und II C 33/1 769, 1 7 75. Zur identitätsaufhebenden differance cf. DERRIDA 1

60 Cf.

55

Wir sehen also in diesem Aufzeigen [des jetz� nur eine Bewegung und folgenden Verlauf derselben: 1. Ich zeige das Jetzt auf, es ist als das Wahre behauptet; ich zeige es aber als Gewesenes oder als ein Aufgehobenes, hebe die erste Wahrheit auf, und 2. Jetzt behaupte

ich als die zweite Wahrheit, daß es gelvesen, aufgehoben ist. 3. Aber das Gewesene ist nicht;

das Aufzeigen

ich hebe das Gewesen- oder Aufgehobensein, die zweite Wahrheit auf

des Jetzt ist also so beschaffen, daß weder das Jetzt, noch das Aufzeigen des Jetzt ein unmittelbar Einfaches ist, sondern eine Bewegung, welche verschiedene Momente an ihr

hat

(HEGEL, Phlinomenologie:85)

Dadurch, daß das unmittelbar Ähnliche/Rationale der metaphorischen Darstellung durch ein nonrationales Element in Frage gestellt wird, wird das Verständnis interpreta­ tiv zu einem '?JVeiten Rationale katapultiert, welches den flash ofinsight (Black) einer Meta­ pher bzw. den esprit eines Witzes ausmacht. - Ähnlich beschreibt DUCHAlvfP 1 975: 1 88s. die Entstehung des Ästhetischen (coefficient d'arf) aus der Differenz zwischen «Intendier­ tem, aber nicht zum Ausdruck gekommenem> und «nicht Intendiertem, aber zum Aus­ druck gekommenem>. - Bei spontanen Metaphern bleibt dieses zweite Rationale in der Regel intuitiv erfaßt/implizit, wohingegen es bei großformatigen Metaphern wie Leitbil­ dern oder gar Paradigmen expliziert wird (wenn auch nicht zwingend bis zur extrem starren Modellhaftigkeit, cf. 1 .2.1). Es sei hier nochmals betont, daß das einigermaßen ausführliche Insistieren auf dem nonrationalen Element der Metapher (im Gegensatz zu ihrem rationalen, veranschauli­ chenden Element) nicht bezweckt, der Wiss enschaft über die Hintertür der Metaphorik ihre Rationalität oder Objektivität abzusprechen. Umgekehrt ist es meines Erachtens ebenso ungerechtfertigt, die Metapher gänzlich auf ihren Veranschaulichungswert redu­ zieren zu wollen. Eigentlich sollte doch der Konsens dahingehen, Lockes Idee von der «aufgeklärten rhetorische Selbstdiziplim> (cf. DE MAN 1 978) als überholt anzusehen, für die die Trennung von Wit/Metaphor und Judgement, Irrationalität und Rationalität noch klar zu ziehen schien:

For Wit lying most in the assemblage of Ideas, and putting those together with quickness

and variety, wherein can be found any resemblance or congruity, thereby to make up pleasant Pietures, and agreeable Visions in the Fancy: judgement, on the contrary, lies quite on the other side, in separating carefully, one from another, Ideas, wherein can be found the least difference, thereby to avoid being misled by Sirnilitude, and by any affinity to take one thing for another. This is a way of proceeding quite contrary to Metaphor and Allusion, wherein, for the most part, lies that entertainment an pleasantry of Wit, which

strikes so lively on the Fancy

because its Beauty appears at first sight, and there is re­

quired no labour of thought, to examine what Truth or Reason there is in it. (LOCKE, Es­

s'9':II / 1 1 / §2 [po 1 56])61

61 Im Kapitel Of the Abuse of Words erklärt Locke weiter, daß die Macht von Metaphern «to insinuate wrong ideas, move passions, and thereby mislead the judgemenD> in ihrer Schönheit begründet liege. Da liegt natürlich der Vergleich mit der holden Weiblichkeit auf der Hand:

<cEloquence, like the fair sex, has too prevailing beauties in it to suffer itself ever to be spoken against.» (LOCKE, ESS'9':lII / 10 / §34 [po 508]) . De Mans treffsicherer Kommentar zu dieser Pas­

it [rheto­

sage darf dem Leser nicht vorenthalten werden: <<Li.ke a woman, which it resembles

ric] is a fine thing as long as it is kept in its proper place. Out of place, among the serious affairs

it is a disruptive scandal - like the appearance of a real woman in a gentlemen's club

where it would only be tolerated as a pieture, preferably naked (like the image of Truth) , framed

of men

56

Dennoch scheint es oft noch eine breitere Akzeptanz dafür zu geben, der Metapher im wissenschaftlichen Kontext nur illsutrativen Wert und irrationalen Charakter zuzugeste­ hen (z .B. bei Bachelard, cf. 2.1) - als Abstriche vom rationalen Raum des wissenschaft­ lichen judgement zuzulassen. Das Widerstreben, rationalen Boden preiszugeben, hat na­ türlich seine historischen Ursachen - ist man doch seit der Trennung von Naturphilo­ sophie und Philosophie immer bemüht gewesen, die «rationaleren»/«objektivereID) Wis­ senschaften von denen abzugrenzen, die das vermeintlich weniger sind - Natur­ wiss ens chaften von Geisteswissenschaften (Kulturwissens chaften, sciences humaines bzw. humanities, konj ekturalen Wissenschaften, und viele andere Bezeichnungen mehr) abzu­ grenzen. Erst in jüngerer Zeit beginnen hier die Grenzen erneut zu verschwimmen:

einerseits werden von Genbiologie und Kognitionswissenschaft in der Frage nach dem Bewußtsein philosophische Bereiche beansprucht, andererseits hat die phifosophy ofscience und die Wissens chaftsgeschichte bereits den Rationalitätsanspruch der Naturwissen­ schaften unterminiert (z.B. Kuhn) . Der Betonung der Nonrationalität in der metaphorischen Dialektik von Ratio und Nonratio habe ich hier soviel Raum gewidmet, um mich einerseits von einer übertriebe­ nen Rationalisierung der Metapher zu distanzieren, andererseits auch von einer apodikti­ schen «alles ist metaphorisdm-Argumentation. Wichtig ist mir vielmehr, dem non­ rationalen Anteil am Erkenntnisfortschritt zu seiner Legitimierung zu verhelfen, gerade im Hinblick auf die Geisteswissenschaften, für die die Dialektik von Nonrationalem und Rationalem, die Suche des Sinnes im scheinbaren (literarischen, kulturellen, sozialen) Widersinn oder Sinnlosen unter immer neuen Ansatzpunkten, von konstitutiver Bedeu­ tung ist und zugleich Ursache des auf sie zunehmend ausgeübten zweckrationalistischen Legitimationsdruckes.

2

Theorien des Bildes

2.1 Sind Metaphern für die