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Wer war schuld an der Teilung Deutschlands?

Wie konnte es vier Jahre nach Potsdam, wo sich die ,,Großen Drei" zur deutschen
Einheit bekannt hatten, zur ,,doppelten Staatsgründung" kommen? Haben die
Deutschen '1949 die staatliche Teilung als endgültig empfunden oder gar gewollt?
Wer haüe ein lnteresse an der Spaltung? Waren die Deutschen in Ost und West
riberhaupt aktiv beteiligt, oder mußten sie sich dem Willen der Siegermächte
fügen? Und vor allem: Gab es ernsthafte Alternativen, oder war die Spaltung un-
ter den Zwängen des Kalten Krieges letztlich unvermeidlich?

a) Der Politikwissenschaftler Hans-Peter den westlichen Alternativen vor den russischen der
Schwarz über die ..Konvergenz westalliierter Vorzug zu geben war. [...]
und westdeutscher Politik" (1980): Wenn sich die deutschen Führungsgruppen und
Wenn sich die Deutschen, soweit ihre Meinungsbil- Massen ungeachtet aller Bedenken hiosichtlich der
dung relativ frei erfolgen konnte, schließlich doch Reichseinheit entschlossen, das neu zu bauende
mit eindeutiger Mehrheit für die Westbindung ent- westdeutsche StaatsschifJ im Kielwasser der ameri-
schieden haben, so aus einem doppelten, leicht ein- kanischen Europapolitik zu steuern, so allen Zeug-
sehbaren Beweggrund: bei den Westmächten hatten nissen zufolge mit in erster Linie, weil die Vereinig-
sichjene Tendenzen durchgesetzt, die den deutschen ten Staaten die unentbehrlichen Kredite für den
Wünschen langfristig entgegenkamen, während sich Aufbau der westdeutschen Wirtschaft und Zugang
andererseits die Sowjetunion auf eine Linie festge- zum Weltmarkt gewährten, während umgekehrt die
legt hatte, die für die nicht-kommunistischen Ktäfte Sowjetunion hohe Reparationen forderte und durch
10 in Deutschland unannehmbar war. Erst als sich die ihre Ausbeutung der Sowjetzone unter Beweis
Tendenzen der Besatzungsmächte dermaßen deut- stellte, wie wenig sie gesonnen war, auf die deut-
lich polarisiert hatten, war den starken deutschen schen Lebensbedürfnisse Rücksicht zu nehmen. [...]
Gruppen, die eine Position der Blockfreiheit befür- Das amerikanisch-britische Interesse an einem
worteten, der Boden unter den Füßen weggezogen. Deutschland, das wirtschaftlich wieder auf eigenen
t5 Spätestens im Jahre 1948 war es offenbar geworden, Beinen stand, und das diesbezügliche deutsche, ka-
daß unter jedem der maßgebenden Gesichtspunkte men nahtlos zur Deckung. Neben das utilitäre Motiv

der Westbindung trat das ideologische. Mehr und deutsche Wirkung war jedoch eindeutig. Die Abset-
mehr wurde deutlich, daß rechtsstaatliche Verhält- zung der CDU-Vorsitzenden Kaiser und Lemmer
nisse, Demokratie, Mehrparteiensystem nur im rief einen ähnlichen Effekt für die größte bürgerli- to
Schutz der angelsächsischen Mächte entq.ickelt wer- che Partei hervor. Die Blockade Berlins schließlich
den konnten, während Rußland nicht mehr als die mobilisierte alle Angste vor der Sowjetunion und i ':'
Einparteiendiktatur seiner Parteigänger zu bieten schweißte die erst im Entstehen begriffene westliche
hatte. [...] Allianz fester zusammen. [. . .] Daß andererseits auch
uEng mit den utilitären und den ideologischen Moti- Briten und Amerikaner nur wenig zum Abbau des ts
ven, die für eine Westorientierung sprachen, hing ein ständigen Mißtrauens der Sowjetunion taten und so-
45 drittes zusammen: der Umstand, daß in den west- mit zunächst zögernd und primär aus ökonomischen
lichen Siegerstaaten positive Entwürfe einer Gründen, seit 1947 aber mit Vorbedacht und gezielt
Neugliederung des europäischen Staatensystems in den Spaltungsprozeß fö.rderten, ist ebenfalls nicht zu
der Diskussion waren, während Rußland allem An- ilbersehen. zo
schein nach nur ein brutaies Hegemonialkonzept So unausweichlich die Teilung dem rückschauenden
:o verfolgte. [...] Die Deutschen konnten in der Tat Beobachter erscheint, so wenig sollte doch der Hi-
darin ein echtes und glaubhaftes Zukunftsbild er- storiker das außerordentlich komplexe außen- und
kennen, das fürs erste auch ihr durch die Teilung fru- innenpolitische Beziehungsgeflecht aus den Augen
striertes Nationalgefühl tröstete: man hatte zwar verlieren, in das sie eingebettet ist. Die Teilung läßt 2s
vorerst die nationale Einheit verloren, doch tat sich sich nicht nur aus dem Kalten Krieg als weltpoliti-
ss daftir die lockende Perspektive der europäischen Ei- scher Determinante ableiten, sondern sie war auch
nigung auf. das Ergebnis sehr eindeutiger innenpolitischer Prip-
H.-P. Schwarz, Vom Reich zur Bundesrepublik,2. Aufl. Stutt- ritätensetzungen. So wenig die ostdeutschen Politi-
gart 1980, §.688f. ker eine andere als die östliche außenpolitische und :o
gesellschaftliche Option realisieren konnten - wie
b) Der Historiker Christoph Kleßmann über die sie Ackermann 1946 mit seinem ,,besonderen deut-
,,Gründerjahre der beiden deutschen Staaten" schen Weg zum Sozialismus" formuliert hatte -, so
t1982',t: wenig wollten die maßgeblichen westdeutschen poli-
Die Sowjetunion hat zwar nicht einseitig die Spal- tischen Gruppen und die Mehrheit der Bevölkerung ::
tung verursacht, aber auch nichts unterlassen, was das Risiko eingehen, wenigstens den Versuch einer
'sie förderte. Bereits mit der Schaffung der SED Kompromißlösung zu wagen, die auf der Basis neu-
wurde die politisch stärkste gesamtdeutsche Kraft, tralistischer Überlegungen hätte stattfinden müssen.
s die Sozialdemokratie, ausgeschaltet, Dahinter
steckte möglicherweise eine gravierende Fehlein- C. Kleßmann. Die doppelte Staatsgründung. Bonn 1982. S.
schätzung durch die Sowjets. Die negative gesamt- 298f.

a) Wie verteilen sich in den Augen der beiden Verf asser der. deutsche und der alliiefie Antei!
an der deutschen Teituns? ilinm Se/bS( §{e//un,q a/a zc,t Crn begräo,de { Aabc Bs,/6^
b) Was versteht man unter einer ,,neutralistischen Lösung" {er deutschen Frage? Wärum
hatte sie nach allgemeiner Einschätzung so gut wie keine Erfotgschancen? Etöf,/a,rA
dinsa Prr6lema{;L "

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