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Fachthemen

Bernhard Weller DOI: 10.1002/bapi.201410018


Marc-Steffen Fahrion
Sebastian Horn
Anne-Mareen Pfuhl

Doppelfassaden im Zeichen des Klimawandels


Der Primärenergiebedarf muss erheblich reduziert werden, um Nach aktuellem Stand der Klimaforschung ist die stei-
die von der Bundesregierung geforderten Ziele der Energiewende gende Konzentration der Treibhausgase in der Erdatmo-
bis 2020 zu erreichen. Der Gebäudeenergieverbrauch spielt dabei sphäre eine der Hauptursachen des Klimawandels. Um Aus-
eine sehr große Rolle, da er allein etwa 40 % des Endenergiebe- sagen über die zukünftige Entwicklung des Klimas auf der
darfs in der Bundesrepublik Deutschland ausmacht. Doppelfas- Erde treffen zu können, ist es folglich erforderlich, die zu-
saden können hier aufgrund ihrer positiven Eigenschaften in Be- künftigen Treibhausgasemissionen vorherzusagen. Zu die-
zug auf den winterlichen Wärmeschutz einen enormen Beitrag sem Zweck hat das IPCC verschiedene Szenarien entwickelt.
leisten, wobei allerdings deren Verhalten hinsichtlich des som- In Abhängigkeit des Wachstums der Weltbevölkerung, der
merlichen Wärmeschutzes zu beachten ist. Letzteres rückt insbe- sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung und der Ent-
sondere durch die Auswirkungen des Klimawandels immer mehr wicklung ressourcenschonender und umweltfreundlicher
in den Vordergrund. Der vorliegende Beitrag behandelt den Klima- Technologien ergeben sich für die Zukunft unterschiedli-
wandel und die daraus resultierenden Erfordernisse für Gebäude.
che Treibhausgasemissionen. In seinem Synthesebericht
Mehrere baukonstruktive Typen von Doppelfassaden werden vor-
zum Klimawandel beschreibt das IPCC zum Beispiel sechs
gestellt. Mit Hilfe thermischer Gebäudesimulationssoftware und
beispielhafte Musteremissionsszenarien, welche mit mehr
unterschiedlicher Klimadatensätze wird der Einfluss des Klima-
oder weniger starkem Emissionsausstoß für die Zukunft
wandels auf die verschiedenen Doppelfassadentypen anhand
­relevanter Parameter, wie z. B. Heizwärme- und Kühlbedarf, rechnen. Bild 2 zeigt die Bandbreite der Szenarien inklu-
­beziffert und bewertet. sive der positiven und negativen Grenzfälle.
Um Aussagen über die zukünftige Entwicklung des
Double-skin façades in the context of climate change. Primary Klimas zu erhalten, bedienen sich Meteorologen verschie-
energy demand has to be reduced considerably in order to achieve dener, mit Unsicherheiten behafteter, Klimaprojektionen.
the German objectives for an energy transition by 2020. The build- Diesen Unsicherheiten wird entgegnet, indem man für die
ing sector plays a very important role, since it accounts for about Projektion neben verschiedenen Emissionsszenarien auch
40 % of the final energy demand in Germany. Double-skin façades
can contribute enormously here because of their advantageous
properties in terms of thermal insulation in winter. However, their
characteristics regarding the heat protection during summertime
and by the effects of climate change must be considered. This
paper describes the fundamentals of climate change with the re-
sulting problems in the building sector, and introduces various
types of double-skin façades. With the help of dynamic thermal
building simulation software and different climate data sets, the
impact of climate change on various types of double-skin façades
is quantified and evaluated based on relevant parameters, e. g.
heating and cooling energy demands.

1 Klimawandel

Die Ergebnisse langjähriger Klimaaufzeichnungen zeigen,


dass ein Klimawandel stattfindet und bereits durch eine
globale Temperaturerhöhung im 20. Jahrhundert nachge-
wiesen werden kann. Die Arbeit des Intergovernmental Pa-
nel on Climate Change (IPCC) verdeutlicht dies eindrucks-
voll [1], [2]. Die während der letzten 150 Jahre beobachtete Bild 1.  Beobachtete Änderung der mittleren globalen Erd-
Änderung der mittleren globalen Erdoberflächentempera- oberflächentemperatur [1]
tur zeigt Bild 1. Fig. 1.  Observed change in global mean surface temperature [1]

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unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Dies wirkt sich im Mit-


tel zwar positiv auf den Heizwärmebedarf aus, der Kühlbe-
darf steigt jedoch teils deutlich an. Weiterhin wird es
schwieriger, die Anforderungen des sommerlichen Wärme-
schutzes zu erfüllen. Untersuchungen im Rahmen eines For-
schungsprojektes zur Auswirkung des Klimawandels auf
den Gebäudebereich ergaben, dass sich der Kühlbedarf
ausgehend von der Mitte des 20. Jhs. bis zum Ende des
21. Jhs. um 95 % bis zu 300 % in Abhängigkeit der Bau-
weise erhöht [3].

2 Doppelfassaden

Die Doppelfassade lässt sich auf das bauphysikalische Prin-


zip des Kastenfensters zurückführen, welches sich aus zwei
parallel angeordneten, meist einfach verglasten, bewegli-
chen Fensterflügeln und einem dazwischen befindlichen
Luftraum zusammensetzt. Bei einer Doppelfassade ist vor
die innere Schale eine weitere Verglasungsebene (äußere
Schale) in einem bestimmten Abstand angeordnet. Die äu-
ßere und innere Schale begrenzen somit den Fassadenzwi-
schenraum (FZR) (vgl. Bild 3). Bereits durchgeführte Mess-
kampagnen an verschiedenen Doppelfassaden zeigten, dass
der Heizenergieverbrauch im Vergleich zu Gebäuden mit
einschaliger Gebäudehülle wesentlich geringer ausfällt, da
Bild 2.  Bandbreite der Szenarien für Treibhausgas-Emissio- der FZR aufgrund der hohen solaren Energieeinträge und
nen von 2000 bis 2100 ohne zusätzliche Klimaschutzmaß- des geringen Luftwechsels eine höhere Lufttemperatur auf-
nahmen [2]
weist als die Außenumgebung [4]. Weitere Vorteile führen
Fig. 2.  Range of Scenarios for greenhouse gas emissions
insbesondere im innerstädtischen Bereich und bei Hoch-
from 2000 to 2100 without additional climate protection
measures [2] hausprojekten zur Anwendung von Doppelfassaden. So
wird z. B. durch die geringe dynamische Steifigkeit der
Luftschicht im FZR und die unterschiedliche Steifigkeit
der beiden Schalen der Schallschutz wesentlich verbessert.
Bei Hochhäusern ist es aufgrund der mit der Höhe zuneh-
menden Windgeschwindigkeit meist nicht möglich, einen
höhenverstellbaren, außenliegenden Sonnenschutz mit
variablem Lamellenwinkel zu realisieren. Es muss auf we-
niger leistungsfähige innenliegende Lösungen zurückge-
griffen werden. Durch eine Doppelfassade werden die
Windgeschwindigkeiten im FZR im Vergleich zur Außen-
umgebung deutlich reduziert, so dass variable Sonnen-
schutzlamellen im FZR angeordnet werden können. Durch
die geringen Luftgeschwindigkeiten im FZR können auch
Fenster in den oberen Etagen geöffnet werden (Bild 3).
Studien zeigten, dass eine natürliche, vom Nutzer steuer-
bare Lüftung im Vergleich zu einer mechanischen Lüftung
die Behaglichkeit und die geistige Leistungsfähigkeit der
Gebäudenutzer erhöht [5].
Im Laufe der Zeit ist eine Vielzahl an Doppelfassa-
Bild 3.  Prinzip der Doppelfassade densystemen entstanden mit zum Teil deutlich verschiede-
Fig. 3.  Principle of double-skin façade nen Konstruktionsprinzipien. Je nach dem Vorhandensein
und der Lage von Lüftungsöffnungen sowie der Untertei-
verschiedene Klimamodelle verwendet. Diese Modelle va- lung des FZR lassen sich verschiedene Doppelfassadensys-
riieren in ihrer räumlichen Ausdehnung von einer globalen teme unterscheiden (Bild 4).
bis zu einer regionalen Betrachtungsebene. Für jede dieser
Betrachtungsebenen stehen wiederum mehrere Klima- 3 Untersuchungsmethodik
modelle zur Verfügung. In Deutschland ist infolge des Kli- 3.1 Berechnungssoftware
mawandels mit einer Zunahme von Starkniederschlägen
und anderen Unwetterereignissen wie z. B. Hagel und Mit Hilfe dynamisch thermischer Gebäudesimulationssoft-
Überflutungen zu rechnen, wobei regionale Unterschiede ware ist es möglich, das thermische Verhalten von Ge-
zu verzeichnen sind. Die Lufttemperatur nimmt nach den bäuden in Abhängigkeit interner Wärmequellen und Wär-
Projektionen in ganz Deutschland zu, wobei dieser Anstieg mesenken, des Gebäudestandortes und der klimatischen

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Bild 4.  Übersicht über verschiedene


Doppelfassadensysteme
Fig. 4.  Overview of different double-
skin façade systems

Randbedingungen zu berechnen. Ergebnisse, wie der Heiz- ist Deutschland in 15 Testreferenzjahrregionen aufgeteilt,
wärme- und Kühlbedarf sowie sich einstellende Raumtem- für welche es jeweils einen speziellen TRY-Datensatz gibt.
peraturen in kritischen Räumen, können zeitlich aufgelöst Die gebietsspezifischen TRY spiegeln das durchschnittliche
für jede Stunde eines Jahres berechnet werden. Mit dem in Klima in der Region für ein gesamtes Jahr wider [8]. Zur-
diesem Artikel verwendeten Programm EDSL Tas ist es zeit existieren TRY-Datensätze, die für vier unterschiedliche
möglich, verschiedene Doppelfassadensysteme detailgetreu Bezugszeiträume gültig sind (Bild 5). In der vorliegenden
abzubilden. Die für das Verhalten einer Doppelfassade Untersuchung wurden die Wetterdaten für die TRY-Regio-
wichtigen Konstruktionen, wie z. B. Lüftungsöffnungen, nen Oberrheingraben und unteres Neckartal verwendet,
Sonnenschutzvorrichtungen sowie horizontale und verti- da diese auch beim Nachweis des sommerlichen Wärme-
kale Abschottungen im FZR, lassen sich in nahezu beliebi- schutzes nach [6] Anwendung finden und mit Hinblick auf
ger Anzahl modellieren und mit der Realität entsprechen- den sommerlichen Wärmeschutz einen extremen Lastfall
den Regelungsalgorithmen hinterlegen. Für die Untersu- darstellen. Die vorhandenen TRY sind in der Lage, den
chungen wurde neben der Berechnung des Heizwärme- und Klimawandel von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die
Kühlbedarfes für das gesamte Gebäude auch der Nachweis Mitte des 21. Jahrhunderts abzubilden. Für Aussagen zum
des sommerlichen Wärmeschutzes für einen kritischen Klima am Ende des 21. Jahrhunderts wird der real gemes-
Raum durchgeführt. Für letzteren wurden die Randbedin- sene Sommer in Mannheim aus dem Jahr 2003 verwendet,
gungen nach DIN 4108-2 [6] angesetzt. Die für die Berech- da dieser nach den Erkenntnissen aktueller Klimaprojekti-
nung des Heizwärme- und Kühlbedarfes einzugebenden
internen Randbedingungen, wie interne Wärmequellen,
Infiltrations- und Fensterluftwechsel, wurden in Anlehnung
an die Nutzungsrandbedingungen nach DIN V 18599 [7]
angenommen.

3.2 Klimarandbedingungen

Um den Einfluss des Klimawandels auf den sommerlichen


Wärmschutz sowie den Heizwärme- und Kühlbedarf abbil-
den zu können, werden für die dynamisch-thermische Ge-
bäudesimulation verschiedene Klimadatensätze verwen-
det. Zum einen werden die vom Deutschen Wetterdienst
(DWD) speziell für Gebäudesimulationen entwickelten
Testreferenzjahre (TRY) verwendet, zum anderen die an
der DWD Wetterstation Mannheim real gemessenen mete-
orologischen Wetterdaten des Jahres 2003. Die TRY bein- Bild 5.  Verwendete Klimadatensätze und Zeitraum, den sie
halten eine Vielzahl meteorologischer Parameter für jede repräsentieren [9]
Stunde eines Jahres. Aufgrund klimatischer Unterschiede Fig. 5.  Climate data sets and represented period [9]

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onen einen durchschnittlichen bis leicht überdurchschnitt- 4  Ergebnisse und Bewertung


lichen Sommer in dieser Zeitperiode darstellt [10]. Bild 5 4.1 Heizwärmebedarf
zeigt die verwendeten Wetterdatensätze und die durch sie
abgebildeten Zeiträume. In Bild 7 ist die Entwicklung des Heizwärmebedarfs so-
wohl für das Ausgangsgebäude ohne Doppelfassade als
3.3  Modellentwicklung auch für die beiden untersuchten Doppelfassadensysteme
dargestellt. Es zeigt sich, dass der Heizwärmebedarf bei
Um die unterschiedlichen Doppelfassadensysteme mitein- allen Gebäuden mit fortschreitendem Klimawandel (1951
ander vergleichen zu können, wurde zunächst ein Aus- bis 2050) um 37 bis 42 % abnimmt. Der Heizwärmebedarf
gangsmodell ohne Doppelfassade erstellt. Dieses orientiert bei Klimarandbedingungen von 2071 bis 2100 kann nicht
sich an einem bestehenden vierstöckigen Bürogebäude mit dem Trend verglichen werden, da es sich hier im Ver-
ohne Unterkellerung. Die Außenwände bestehen aus 25 cm gleich zu den TRY des DWD nicht um gemittelte Klimabe-
Stahlbeton und einem 16 cm dicken Wärmedämmver- dingungen handelt, sondern um real gemessene Daten
bundsystem (WDVS). Die Trennwände sind in Trocken- (Bild 5). Die Klimadaten des Jahres 2003 in Mannheim
bauweise ausgeführt und sämtliche Räume haben eine sind geeignet, um einen durchschnittlichen bis leicht über-
abgehängte Decke. Alle Fenster sind mit einer 3-Scheiben- durchschnittlichen Sommer zum Ende des 21. Jhs. abzubil-
Wärmeschutzverglasung mit außenliegendem Sonnen- den. Eine den Klimaprojektionen entsprechende Winterpe-
schutz versehen. Insgesamt ist das Ausgangsmodell ein
Bürogebäude mit sehr guter Energieeffizienz in Bezug auf
den Heizwärmebedarf, das die Anforderungen der EnEV
2009 weit übertrifft. Sämtliche Geschosse haben die glei-
che Raumhöhe, den gleichen Grundriss und die gleiche
Zonierung. Die Hauptfassaden haben eine Nord-Süd-Aus-
richtung. Bild 6 zeigt den Grundriss des Gebäudes sowie die
Zonierung und den für die Betrachtung des sommerlichen
Wärmeschutzes kritischen Raum.
Eine statistische Auswertung von 200 Doppelfassaden,
die im Zeitraum von 1990 bis 2001 gebaut wurden, zeigt,
dass die meisten Doppelfassaden als Mehrgeschossfassade
(34 %) und Korridorfassade (24 %) ausgeführt wurden [11].
Für den Zeitraum über 2001 hinaus liegen keine weiteren
Auswertungen zur Verteilung verschiedener Doppelfassa-
densysteme vor. Dementsprechend wurden vor die raum-
abschließende WDVS-Fassade des oben beschriebenen
Gebäudes eine Mehrgeschossfassade und eine Korridorfas-
sade modelliert. Beide Varianten entsprechen dem aktuel-
len Stand der Technik. Die Untersuchungen sollen zeigen,
ob sich auch bei einem solch energieeffizienten Ausgangs-
gebäude der Heizwärmebedarf durch eine Doppelfassade Bild 7.  Vergleich des Heizwärmebedarfs für unterschiedliche
weiter senken lässt. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf Klimarandbedingungen
der Entwicklung des Kühlbedarfes und des sommerlichen Fig. 7.  Comparison of the heating demand for different climatic
Wärmeschutzes. boundary conditions

Bild 6.  Bürogebäude ohne Doppelfassade als Ausgangsmodell


Fig 6.  Office building without double-skin facade as the initial model

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riode kann mit diesem Klimadatensatz nach [10] aber nicht raturgradstunden nicht überschritten wird. Bild 9 zeigt die
beschrieben werden. Weiterhin ist zu erkennen, dass der Übertemperaturgradstunden als Differenz aus operativer
Heizwärmebedarf der Korridorfassade im Mittel um 47 % Innentemperatur und Bezugswert der Innentemperatur [9]:
geringer ist als der Heizwärmebedarf des Ausgangsgebäu-
des ohne Doppelfassade. Bei der Mehrgeschossfassade liegt
(θ ( t ) − θ ) dt
2871
die Einsparung immerhin noch bei 30 %. Der niedrige Heiz- ∫t N
op N b,op N
Kh/a 
 
wärmebedarf der Korridorfassade gegenüber der Mehrge-
schossfassade liegt vor allem an den geringeren Luftwech- mit:
selraten im Fassadenzwischenraum, bedingt durch die ge- qop operative Innentemperatur [°C]
schossweise Unterteilung. qb,op Bezugswert der Innentemperatur [°C]
tN Nutzungszeit.
4.2 Kühlbedarf
Die Ergebnisse der Berechnung zeigen, dass für den kriti-
Bild 8 verdeutlicht, dass die Entwicklung des Kühlbedarfs schen Raum sowohl bei einer Korridor- als auch einer Mehr-
genau im Gegensatz zur Entwicklung des Heizwärmebe- geschossfassade zu keinem Zeitpunkt der Nachweis einge-
darfs steht. So erhöht sich der Kühlbedarf bei allen Gebäu- halten wird. Lediglich bei dem Ausgangsmodell des Büroge-
den mit fortschreitendem Klimawandel (1951 bis 2100) bäudes ohne Doppelfassade ist nach Klimarandbedingungen
um ca. 65 bis 77 %. Prozentual gesehen steigt also der Kühl- für die Perioden 1951 bis 1976 und 1961 bis 1990 der Nach-
bedarf stärker an als der Heizwärmebedarf sinkt. Vergleicht weis erfüllt. Doch auch hier werden nach aktuell anzusetzen-
man die Gebäude untereinander, fällt auf, dass der Kühl- den Klimarandbedingungen die für den Nachweis kritischen
bedarf der Korridorfassade im Mittel 73 % höher ist als der 500 Übertemperaturgradstunden überschritten (Bild 10).
Kühlbedarf des Gebäudes ohne Doppelfassade. Die Mehr-
geschossfassade hat zwar einen geringeren Kühlbedarf als
die Korridorfassade, aber auch dieser liegt im Mittel immer
noch um 29 % über dem Gebäude ohne Doppelfassade.
Damit zeigt sich, dass die Vorteile der jeweiligen Doppel-
fassadensysteme im Winter einen unmittelbaren Nachteil
im Sommer darstellen.

4.3  Sommerlicher Wärmeschutz

Beim Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes nach


[6] wird in Abhängigkeit definierter Randbedingungen die
Entwicklung der Innenraumtemperaturen untersucht. Im
betrachteten Fall ist der Nachweis eingehalten, wenn in
einem Raum innerhalb der Nutzungszeit (Montag bis Frei- Bild 9.  Ermittlung der Übertemperaturgradstunden
tag jeweils von 7 bis 18 Uhr) ein Wert von 500 Übertempe- Fig. 9.  Determining of overheating hours

Bild 8.  Vergleich des Kühlbedarfes für unterschiedliche Klima­ Bild 10.  Ergebnisse des Nachweises des sommerlichen
randbedingungen ­Wärmeschutzes für unterschiedliche Klimarandbedingungen
Fig. 8.  Comparison of the cooling demand for different climatic Fig. 10.  Results of the proof of summer heat protection for
boundary conditions different climatic boundary conditions

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Für die Reduzierung der Übertemperaturgradstunden [3]  Fahrion, M.-S.; Horn, S.; Bolsius, J.: Klimaanpassung für
sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich, wie z. B. Nacht- Nichtwohngebäude. In: Weller, B.; Fahrion, M.-S.; Naumann, T.
lüftung oder Aktivierung des Sonnenschutzes außerhalb (Hrsg.): Gebäudeertüchtigung im Detail für den Klimawandel.
der Nutzungszeiten. Berlin: Rhombos 2013.
[4]  Müller, H. F. O.; Nolte, C.; Pasquay, T. (Hrsg.): Klimage-
rechte Fassadentechnologie – II. Monitoring von Gebäuden
5  Zusammenfassung und Ausblick
mit Doppelfassaden. In: Fortschritt-Berichte VDI, Reihe 4,
Nr. 190. Düsseldorf: VDI Verlag 2003.
Die Berechnungen zeigen, dass durch Doppelfassaden er- [5]  Leaman, A.; Bordass, B.: Productivity in Buildings: the killer
hebliche Einsparungen an Heizwärme erzielt werden. Die variables. In: Clements-Croome, D. (Hrsg.): Creating the Pro-
dargestellten Auswertungen lassen weiter erkennen, dass ductive Workplace. Abingdon: Taylor & Francis 2006.
die Höhe der Einsparungen durch die konstruktive Gestal- [6]  DIN 4108-2:2013-02: Wärmeschutz und Energie-Einsparung
tung der Fassade die Wahl des Fassadensystems bereits in Gebäuden – Teil 2: Mindestanforderungen an den Wärme-
während des Planungsprozesses weitgehend festgelegt wird. schutz. Berlin: Beuth-Verlag 2013.
Gleichzeitig fällt auf, dass sich der Kühlbedarf bei Gebäu- [7]  DIN V 18599 (verschiedene Erscheinungsjahre): Energeti-
den mit Doppelfassaden im Vergleich zu Bauten ohne dop- sche Bewertung von Gebäuden – Teile 1 bis 10. Berlin: Beuth-
Verlag.
pelte Schale sehr erhöhen kann, wiederum abhängig von
[8]  Christoffer, J.; Deutschländer, T.; Webs, M.: Testreferenzjahre
der Wahl des Fassadensystems. Klimawandel und zuneh-
von Deutschland für mittlere und extreme Witterungsverhält-
mende Sommerhitze fordern hier zusätzliche Maßnah- nisse (TRY). Offenbach: Deutscher Wetterdienst (DWD) 2011.
men, um die vorteilhafte Wirkung der Doppelfassaden mit [9]  Naumann, T.; Fahrion, M.-S.; Nikolowski, J.; Günther, B.;
deutlich reduziertem Heizbedarf im Winter nicht durch Horn, S.: Verletzbarkeitsanalysen im Gebäudebestand. In:
zusätzlichen Kühlbedarf im Sommer zu beeinträchtigen. Weller, B.; Fahrion, M.-S.; Naumann, T. (Hrsg.): Gebäudeer-
Für die Schaffung eines behaglichen Klimas in den Innen- tüchtigung im Detail für den Klimawandel. Berlin: Rhombos
räumen auch während der Sommermonate werden – neben 2013.
bekannter, oft energieintensiver Kühltechnik – zunehmend [10]  Fahrion, M.-S.; Nikolowski, J.; Zimm, J.; Naumann, T.: Re-
baukonstruktive Lösungen umgesetzt. Lüftungsanlagen levante Einwirkungen auf Gebäude. In: Weller, B.; Naumann,
werden verbessert, Sonnenschutzeinrichtungen optimiert. T.; Jakubetz, S. (Hrsg.): Gebäude unter den Einwirkungen des
Klimawandels. Berlin: Rhombos 2012.
Deutlich innovatives Potential bieten die Möglichkeiten
[11]  Pottgiesser, U.: Fassadenschichtungen – GLAS, mehrscha-
thermischer Speicherfähigkeit. Hier besteht weiterhin For-
lige Glaskonstruktionen. Berlin: Bauwerk Verlag GmbH 2004.
schungsbedarf.

Danksagung
Autoren dieses Beitrages:
Die Autoren danken der Pazdera AG für die freundliche Prof. Dr.-Ing. Bernhard Weller
Überlassung von Konstruktionszeichnungen als Grund- Dipl.-Ing. Marc-Steffen Fahrion
lage für die Berechnungen. Dipl.-Ing. Sebastian Horn
Technische Universität Dresden
Literatur Institut für Baukonstruktion
George-Bähr-Straße 1,
[1]  Intergovernmental Panel on Climate Change: Climate 01069 Dresden
Change 2007: Synthesis Report. Genf: IPCC, 2007.
[2] Intergovernmental Panelon Climate Change: Climate Dipl.-Ing. Anne-Mareen Pfuhl
Change 2013: The Physical Science Contribution. Cambridge: Alaunstraße 82,
Cambridge University Press, 2013. 01099 Dresden

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